Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       [Ungarn]
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 301 vom 19. Mai 1849]
       * Köln,  18. Mai.  In dem  Augenblicke, wo  der magyarische Krieg
       durch den  wirklichen Einmarsch  der Russen  zu einem    e u r o-
       p ä i s c h e n   wird, sind  wir gezwungen, unsere Berichte über
       seinen  weitern   Verlauf  einzustellen.  Es  ist  uns  nur  noch
       vergönnt, die Entwickelung dieses großartigen osteuropäischen Re-
       volutionskriegs in  einem kurzen Überblick unsern Lesern nochmals
       vorzuführen.
       Man erinnert sich, wie schon vor der Februarrevolution, im Herbst
       1847, der  von Kossuth  geleitete Preßburger Reichstag eine Reihe
       revolutionärer Beschlüsse  faßte, wie  er die Verkäuflichkeit des
       Grundeigentums, die  Freizügigkeit der  Bauern, die  Ablösung der
       Feudallasten, die Emanzipation der Juden, die gleiche Besteuerung
       aller Klassen  beschloß; wie er den Kroaten und Slawoniern in in-
       neren Angelegenheiten  den  offiziellen  Gebrauch  ihrer  eigenen
       Sprache bewilligte und endlich durch die Forderung eines abgeson-
       derten  verantwortlichen   Ministeriums  für  Ungarn  den  ersten
       Schritt zur   L o s s a g u n g  U n g a r n s  an demselben Tage
       tat, als in Paris die Februarrevolution begann (22.Febr.).
       Die Februarrevolution  brach los.  Mit ihr knickte der Widerstand
       der Wiener  Regierung gegen  die Forderungen der Ungarn zusammen.
       Am 16.  März, am Tage nach der Wiener Revolution, wurde das selb-
       ständige ungarische Ministerium bewilligt und damit der Zusammen-
       hang Ungarns  mit Östreich  auf die bloße Personalunion zurückge-
       führt.
       Jetzt schritt  die selbständig  gewordene magyarische  Revolution
       rasch vorwärts. Alle politischen Vorrechte wurden aufgehoben, das
       allgemeine Wahlrecht  eingeführt, alle  Feudallasten, Roboten und
       Zehnten unentgeltlich  aufgehoben gegen  Entschädigung durch  den
       Staat, die  Union mit  Siebenbürgen durchgesetzt,  die  Ernennung
       Kossuths zum  Finanzminister und  die Absetzung  des rebellischen
       Ban Jellachich erzwungen.
       
       #508# Karl Marx/Friedrich Engels · "Neue Rheinische Zeitung"
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       Inzwischen erholte  sich die östreichische Regierung wieder. Wäh-
       rend das angeblich verantwortliche Ministerium in Wien ohnmächtig
       blieb, erhob  sich die Kamarilla des Innsbrucker Hofs um so mäch-
       tiger, gestützt auf die kaiserliche Armee in Italien, auf die na-
       tionalen Gelüste  der Tschechen, Kroaten und Serben, auf die ver-
       stockte Borniertheit der ruthenischen [206] Bauern.
       Am 17.  Juni brach  die serbische  Insurrektion im  Banat und der
       Bácska los,  aufgehetzt durch  Geld und  Emissäre vom Hof. Am 20.
       hatte Jellachich  Audienz beim Kaiser in Innsbruck und wurde wie-
       der zum Ban ernannt. Nach Kroatien zurückgekehrt, kündigte Jella-
       chich dem  ungarischen Ministerium  den Gehorsam auf und erklärte
       ihm am 25. August den Krieg.
       Der Verrat  der habsburgischen Kamarilla lag offen am Tage. Noch-
       mals versuchten  die Ungarn, den Kaiser auf den konstitutionellen
       Weg zurückzubringen.  Sie sandten eine Deputation von 200 Reichs-
       tagsmitgliedern nach Wien; der Kaiser antwortete ausweichend. Die
       Aufregung wuchs.  Das Volk  verlangte Garantien  und erzwang eine
       Ministerveränderung. Die  Verräter, die  auch im Pesther Ministe-
       rium saßen,  wurden entfernt und Kossuth am 20. September zum Mi-
       nisterpräsidenten ernannt.  Aber schon  vier Tage  darauf entfloh
       der Stellvertreter  des Kaisers,  der Palatin  Erzherzog Stephan,
       nach Wien,  und am 26. erläßt der Kaiser das bekannte Manifest an
       die Ungarn, worin er das Ministerium als rebellisch absetzte, den
       Magyarenfresser Jellachich zum Gouverneur von Ungarn ernannte und
       die wesentlichsten revolutionären Eroberungen Ungarns antastete.
       Das Manifest,  von keinem  ungarischen  Minister  kontrasigniert,
       wurde von Kossuth für null und nichtig erklärt.
       Inzwischen war  Jellachich, begünstigt  durch die Desorganisation
       und Verräterei, die in dem ganzen nominellen ungarischen, aber in
       Wirklichkeit  altkaiserlichen   Offizierkorps   und   Generalstab
       herrschte, bis Stuhlweissenburg vorgedrungen. Dort schlug ihn das
       ungarische Heer,  trotz seinen  verräterischen Führern, und trieb
       ihn auf  östreichisches Gebiet bis unter die Mauern von Wien. Der
       Kaiser und  der alte Verräter Latour beschließen, ihm Verstärkung
       zu senden  und Ungarn mit deutschen und slawischen Truppen wieder
       zu erobern.  Da bricht  die Wiener  Revolution vom 6. Oktober aus
       und setzt  den kaiserlich-königlichen  Projekten  vorderhand  ein
       Ziel.
       Kossuth zieht  den Wienern  sogleich mit einem magyarischen Korps
       zur Hülfe.  An der Leitha halten ihn die Unschlüssigkeit des Wie-
       ner Reichstags  und die Verräterei seiner eigenen Offiziere sowie
       die schlechte  Organisation seines größtenteils aus Landsturm be-
       stehenden Heeres  vom sofortigen  Einrücken ab. Ersieht sich end-
       lich genötigt,  ein paar  Schock Offiziere arretieren, nach Pesth
       abführen und einige erschießen zu lassen, und wagt nun den
       
       #509# Ungarn
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       Angriff. Zu spät - Wien war schon gefallen, und seine undiszipli-
       nierten Landstürmer  wurden bei  Schwechat von  den  regelmäßigen
       österreichischen Truppen geworfen.
       Sechs Wochen  noch dauerte  die Waffenruhe zwischen den Kaiserli-
       chen und  den Magyaren.  Während beide  Armeen alles aufboten, um
       sich zu  verstärken, vollbrachte die Olmützer Kamarilla [290] ih-
       ren lang  vorbereiteten Coup: Sie ließ den Idioten Ferdinand, der
       sich durch Konzessionen an die Revolution kompromittiert und ver-
       schlissen hatte,  abdanken und  setzte das Kind Franz Joseph, den
       Sohn Sophiens, als ihr Werkzeug auf den Thron. Auf die ungarische
       Verfassung gestützt,  verwarf der Pesther Reichstag diesen Thron-
       wechsel.
       Mitte Dezember  wurde endlich der Krieg eröffnet. Die kaiserliche
       Armee hatte Ungarn bis dahin so gut wie umzingelt. Von allen Sei-
       ten geschah der Angriff.
       Von Österreich aus rückten drei Armeekorps unter dem persönlichen
       Oberbefehl des  Feldmarschalls Windischgrätz  in der  Stärke  von
       mindestens 90 000  Mann südlich von der Donau vor. Von Steiermark
       aus zog  Nugent mit  etwa 20 000  Mann auf  dem linken  Ufer  der
       Drave, aus  Kroatien Dahlen  mit 10 000 Mann auf dem rechten Ufer
       der Drave  nach dem  Banat zu.  Im Banat  selbst kämpften mehrere
       Grenzregimenter, die  Besatzung von Temesvár, der serbische Land-
       sturm und das serbianische Hülfskorps Knicanin, zusammen 30[000]-
       40000 Mann unter Todorovich und Rukavina. In Siebenbürgen standen
       Puchner mit  20[000]-25000 Mann  und der  aus der  Bukowina  ein-
       gefallene Malkowski  mit 10[000]-15000 Mann. Aus Galizien endlich
       drang Schlick  mit einem  Korps von  20[000]-25000 Mann gegen die
       obere Theiß vor.
       Die kaiserliche  Armee betrug  im ganzen  also mindestens 200 000
       Mann regelmäßiger, meist kriegsgewohnter Truppen, ungerechnet die
       slawischen, romanischen  und sächsischen  Landstürmler und Natio-
       nalgarden, die  sich im Süden und in Siebenbürgen am Kampf betei-
       ligten.
       Diesen kolossalen Streitkräften hatte Ungarn eine Armee von viel-
       leicht 80[000]-90000  Mann exerzierter  Truppen, worunter  24 000
       Mann gediente Exkaiserliche, und außerdem 50[000]-60000 Mann noch
       ganz unorganisierte  Honveds und  Landstürmler  entgegenzusetzen;
       eine Armee, deren Führer größtenteils eben solche Verräter waren,
       wie die von Kossuth an der Leitha arretierten Offiziere.
       Aber während  aus  dem  mit  Gewalt  niedergehaltenen  Österreich
       vorderhand kein  Rekrut mehr zu ziehen, während Österreich finan-
       ziell ruiniert  und fast ohne Geld war, standen den Magyaren noch
       großartige Ressourcen offen. Der Freiheitsenthusiasmus der Magya-
       ren, noch gehoben durch den Nationalstolz,
       
       #510# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       wuchs mit jedem Tage und stellte Kossuth eine für das kleine Volk
       von 5  Millionen unerhörte Zahl Kampflustiger zu Gebot; die unga-
       rische Banknotenplatte  stellte ihm  eine  unerschöpfliche  Geld-
       quelle zur Disposition, und jeder Magyar nahm diese Nationalassi-
       gnaten wie  hartes Silbergeld an. Gewehr- und Kanonenfabriken wa-
       ren in  voller Tätigkeit.  Es fehlte  der Armee nur an Waffen, an
       Übung und  an guten Führern, und das alles war in wenigen Monaten
       zu schaffen.  Es kam  also nur  darauf an,  Zeit zu gewinnen, die
       Kaiserlichen ins  Land hineinzulocken, wo sie durch fortwährenden
       Guerillakrieg ermüdet, durch Hinterlassung starker Garnisonen und
       sonstiger Detachierungen geschwächt wurden.
       Daher der  Plan der Ungarn, sich langsam ins Innere zurückziehen,
       in steten Gefechten die Rekruten zu üben und im äußersten Notfall
       die Theißlinie  mit ihren  unwegsamen Sümpfen, diesen um den Kern
       des Magyarenlandes  gezogenen natürlichen  Graben, zwischen  sich
       und die Feinde zu legen.
       Nach aller  Berechnung mußten  die Ungarn sich in dem Gebiet zwi-
       schen Preßburg und Pesth während zwei bis drei Monaten selbst ge-
       gen die  überlegene österreichische  Streitmacht  halten  können.
       Aber da  trat der  heftige Frost  ein, der  alle Flüsse  und alle
       Sümpfe während  mehrerer Monate mit einer selbst für schweres Ge-
       schütz passierbaren  Eisdecke bekleidete. Dadurch wurden alle für
       die Verteidigung  günstigen Terrainverhältnisse  beseitigt,  alle
       von den  Magyaren angelegten  Verschanzungen unnütz und der Umge-
       hung ausgesetzt.  So kam  es, daß  die ungarische  Armee in  kaum
       zwanzig Tagen  von Ödenburg und Preßburg nach Raab, von Raab nach
       Moor, von  Moor nach  Pesth zurückgeworfen  wurde, daß sie selbst
       Pesth räumen  und sich  wirklich schon  beim Beginn  des Feldzugs
       hinter die Theiß zurückziehen mußten.
       Während dies  bei der  Hauptarmee geschah, ging es ebenso bei den
       übrigen Korps.  Im Süden  drangen Nugent  und Dahlen immer weiter
       gegen das  von den Magyaren besetzte Esseg vor, und näherten sich
       die Serben immer mehr der Maroslinie; in Siebenbürgen vereinigten
       sich Puchner  und Malkowski bei Maros-Vásárhely; im Norden rückte
       Schlick aus den Karpathen bis an die Theiß herab und stellte über
       Miskolcz seine Verbindung mit Windischgrätz her.
       Die Österreicher  schienen mit der magyarischen Revolution so gut
       wie fertig  zu sein. Zwei Drittel von Ungarn und drei Viertel von
       Siebenbürgen waren  in ihrem  Rücken, und die Ungarn waren in der
       Front, in  beiden Flanken und im Rücken zugleich geschlagen. Noch
       ein paar  Meilen weiteren  Vordringens, und sämtliche kaiserliche
       Korps reichten  sich die Hand zu  e i n e m  enger und enger sich
       zusammenziehenden Kreise,  in dem Ungarn wie in den Ringeln einer
       Boa Constrictor erdrückt wurde.
       
       #511# Ungarn
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       Jetzt kam es darauf an, daß, während in der Front die Theiß einen
       für den Feind einstweilen unüberschreitbaren Graben bildete, nach
       irgendeiner Seite hin Luft geschafft werde.
       Dies geschah nach zwei Seiten hin: in Siebenbürgen durch Bern, in
       der Slowakei  durch Görgey.  Beide führten  Züge aus, wodurch sie
       sich als die genialsten Feldherren der Gegenwart dokumentierten.
       Bern kam  am 29.Dez.  in Klausenburg  an, dem  einzigen Punkt von
       Siebenbürgen, der noch in den Händen der Magyaren war. Rasch kon-
       zentrierte er  nun die mitgebrachten Verstärkungen, die Reste der
       geschlagenen magyarischen  und szeklerischen  [427] Truppen,  zog
       gegen  Maros-Vásárhely,   schlug  die  Östreicher  und  verfolgte
       zunächst Malkowski  über die Karpathen in die Bukowina und von da
       nach Galizien,  wo er bis gegen Stanislawow vordrang. Dann wandte
       er sich  rasch nach Siebenbürgen zurück und trieb Puchner bis we-
       nige Meilen  von Hermannstadt  vor sich her. Einige Gefechte, ein
       paar rasche  Kreuz- und  Querzüge, und  ganz Siebenbürgen  war in
       seinen Händen,  bis auf  zwei Städte, Hermannstadt und Kronstadt,
       und diese  waren verloren,  wenn man  nicht die  Russen ins  Land
       rief. Das  Gewicht, das  die 10000 russischen Hülfstruppen in die
       Waagschale legten,  zwang Bern, sich ins Szeklerland zurückzuzie-
       hen. Dort  organisierte er  den Aufstand der Szekler, und als ihm
       dies gelungen,  ließ er  den bis Schäßburg vorgedrungenen Puchner
       durch den  Szekler Landsturm beschäftigen, umging seine Position,
       rückte direkt  auf Hermannstadt, schlug die Russen heraus, schlug
       den nachrückenden Puchner, marschierte auf Kronstadt und zog hier
       ohne Schwertstreich ein.
       Damit war  Siebenbürgen erobert  und der  Rücken der magyarischen
       Armee frei.  Die natürliche Festungslinie, die die Theiß bildete,
       fand jetzt  ihre Fortsetzung  und Ergänzung  in der Bergreihe der
       Karpathen und Siebenbürgischen Alpen von der Zips an bis herunter
       an die Banater Grenzen.
       Zu gleicher  Zeit vollführte Görgey einen ähnlichen Triumphzug im
       nordwestlichen Ungarn.  Von Pesth mit einem Korps nach der Slowa-
       kei aufgebrochen,  hält er während zwei Monaten die von drei Sei-
       ten gegen  ihn operierenden  Korps der Generale Götz, Csorich und
       Simunich im  Schach und  schlug sich  zuletzt, als seine Stellung
       der Übermacht gegenüber unhaltbar wurde, durch die Karpathen nach
       Eperies und  Kaschau durch.  Hier stand er im Rücken von Schlick,
       zwang  diesen,  rasch  seine  Position  und  seine  ganze  Opera-
       tionsbasis aufzugeben  und sich  auf die Hauptarmee von Windisch-
       grätz zurückzuziehen,  während er  selbst längst der Hernad hinab
       an die Theiß marschierte und sich mit der magyarischen Hauptmacht
       vereinigte.
       Diese Hauptmacht,  an deren  Spitze jetzt  Dembinski  stand,  war
       ebenfalls über  die Theiß  gegangen und hatte den Feind auf allen
       Punkten geworfen. Sie
       
       #512# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       war bis  Hatvan, 6  Meilen von Pesth, vorgedrungen, als die stär-
       kere Konzentrierung  der feindlichen  Streitkräfte sie zwang, den
       Rückzug wieder  anzutreten. Nach  heftiger Gegenwehr bei Kapolna,
       Maklar und Poroszló ging sie wieder über die Theiß zurück, gerade
       in demselben Augenblick, als Görgey bei Tokaj an der Theiß ankam.
       Die Vereinigung beider Korps gab das Signal zu einem neuen, groß-
       artigen Vorrücken  der Ungarn.  Neu eingeübte  Rekruten waren aus
       dem Innern angekommen und verstärkten die Operationsarmee der Ma-
       gyaren. Polnische  und deutsche Legionen waren gebildet, tüchtige
       Führer hatten  sich entwickelt  oder waren herbeigezogen, und an-
       statt der  führerlosen, unorganisierten  Masse vom Dezember stand
       den Kaiserlichen  plötzlich eine konzentrierte, tapfere, zahlrei-
       che, gut organisierte und vortrefflich geführte Armee gegenüber.
       In drei  Korps rückten  die Magyaren  über die  Theiß. Der rechte
       Flügel (Görgey)  zog nördlich, umging die ihm früher nachgerückte
       Division Ramberg bei Eperies und trieb sie eilig über Rimaszombat
       auf die  kaiserliche Hauptarmee zurück. Diese wurde von Dembinski
       bei Erlau,  bei Gyöngyös,  bei Gödöllö  und bei Hatvan geschlagen
       und zog  sich eilends  bis vor  Pesth zurück.  Der  linke  Flügel
       (Vetter) endlich  vertrieb den  Jellachich aus Kecskemet, Szolnok
       und Czegled,  schlug ihn  bei Jászberény, und zwang ihn ebenfalls
       zum Rückzüge  unter die  Mauern von  Pesth. Hier  standen nun die
       Kaiserlichen von  Pesth bis  Waitzen der  Donau entlang, in einem
       weiten Halbkreis von den Magyaren umzingelt.
       Um Pesth  nicht dem Bombardement von Ofen her auszusetzen, nahmen
       die Ungarn  zu ihrem  erprobten Mittel  Zuflucht, die  Östreicher
       lieber durch  Manöver als  durch offenen  Frontangriff aus dieser
       Position zu  vertreiben. Görgey nahm Waitzen und warf die Östrei-
       cher hinter  Gran und  Donau zurück,  schlug Wohlgemuth  zwischen
       Gran und  Neutra und  entsetzte dadurch  das von den Kaiserlichen
       belagerte Komorn.  Die Kaiserlichen,  in ihrer  Rückzugslinie be-
       droht, mußten sie sich zum eiligen Rückzüge entschließen; Weiden,
       der neue  Oberbefehlshaber, zog sich in der Richtung von Raab und
       Preßburg zurück, und Jellachich mußte, um seine höchst widerspen-
       stigen Kroaten  zu beschwichtigen, eiligst mit ihnen donauabwärts
       nach Slawonien marschieren.
       Auf ihrem  Rückzug, der  eher einer wilden Flucht glich, erlitten
       Weiden (besonders  seine Nachhut  unter Schlick)  und  Jellachich
       noch bedeutende  Schlappen. Während  das Korps des letzteren sich
       mühsam  und  langsam  durch  das  Tolnaer  und  Baranyer  Komitat
       schlägt, hat  Weiden es möglich machen können, die Trümmer seiner
       Armee in  Preßburg zu  konzentrieren. Trümmer, die durchaus keine
       ernsthafte Widerstandsfähigkeit besitzen.
       
       #513# Ungarn
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       Zugleich mit  diesen überraschenden Siegen der Magyaren gegen die
       östreichische Hauptarmee  drang Moritz  Perczel von  Szegedin und
       Tolna aus  gegen Peterwardein  vor, entsetzte es, nahm Besitz von
       der Bácska und drang ins Banat, um hier dem aus Siebenbürgen vor-
       dringenden Bern die Hand zu reichen. Bern hat schon Arad genommen
       und belagert  Temesvár ;  Perczel steht  in Werschetz hart an der
       türkischen Grenze,  so daß  in ein  paar Tagen  das Banat erobert
       ist. Zu gleicher Zeit decken die Szekler die verschanzten sieben-
       bürgischen, der  Landsturm die  oberungarischen Gebirgspässe, und
       Görgey steht  mit bedeutender  Heeresmacht im Jablunkapaß, an der
       mährisch-galizischen Grenze.
       Kurz, noch  ein paar  Tage, und die siegreiche magyarische Armee,
       die Trümmer der gewaltigen östreichischen Heere vor sich hertrei-
       bend, zog  im Triumph  in Wien  ein und vernichtete auf immer die
       östreichische Monarchie.
       Die Lossagung  Ungarns von  Östreich war  bereits am 14. April in
       Debreczin beschlossen;  die Allianz  mit den Polen war seit Mitte
       Januar offen erklärt und durch den Eintritt von 20[000]-30000 Po-
       len in  die ungarische Armee zur Wirklichkeit geworden. Die Alli-
       anz mit  den Deutsch-Östreichern,  die seit der Wiener Revolution
       vom 6.  Oktober und  in der Schlacht bei Schwechat schon bestand,
       wurde ebenfalls getragen und aufrechterhalten durch die deutschen
       Legionen im ungarischen Heer sowie durch die strategische und po-
       litische Notwendigkeit für die Magyaren, durch die Einnahme Wiens
       und die Revolutionierung Östreichs ihrer Unabhängigkeitserklärung
       Anerkennung zu verschaffen.
       So verlor  der magyarische Krieg sehr bald den nationalen Charak-
       ter, den  er im  Anfang hatte, und gerade durch den scheinbar na-
       tionalsten Schritt,  durch die  Unabhängigkeitserklärung, nahm er
       einen definitiv-europäischen  Charakter an.  Die Allianz  mit den
       Polen zur  Befreiung beider Länder, die Allianz mit den Deutschen
       zur Revolutionierung  Ostdeutschlands erhielt erst einen bestimm-
       ten Charakter,  eine solide  Grundlage, als  Ungarn sich von Öst-
       reich lossagte und dadurch die östreichische Monarchie für aufge-
       löst  erklärte.   Ungarn  unabhängig,   Polen  wiederhergestellt,
       Deutsch-Östreich zum  revolutionären Brennpunkt  Deutschlands ge-
       macht, die  Lombardei und Italien von selbst unabhängig - mit der
       Durchführung dieser Pläne war das ganze osteuropäische Staatensy-
       stem zerstört,  Östreich verschwunden, Preußen aufgelöst, Rußland
       an die Grenzen Asiens zurückgedrängt.
       Die Heilige Allianz [167] mußte also alles aufbieten, um der dro-
       henden osteuropäischen  Revolution einen  Damm  entgegenzusetzen:
       Die russischen Armeen wälzten sich der siebenbürgischen und gali-
       zischen Grenze  zu.  Preußen  besetzte  die  böhmisch-schlesische
       Grenze und ließ die Russen durch sein
       
       #514# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Gebiet nach  Prerau führen,  und in  wenig Tagen  stand das erste
       russische Armeekorps auf mährischem Boden.
       Die Magyaren,  wohl wissend, daß sie es in wenig Wochen mit zahl-
       reichen frischen Streitkräften zu tun haben würden, sind nicht so
       rasch auf  Wien marschiert,  als man  es anfangs  erwartete.  Sie
       konnten Wien  ebensowenig wie Pesth durch einen Frontangriff neh-
       men, ohne es beschießen zu müssen, und das durften sie nicht. Sie
       waren wieder,  wie bei Pesth, genötigt, es durch Umgehung zu neh-
       men, und  hierzu gehörte  Zeit, gehörte  die Gewißheit,  daß  sie
       selbst in Flanke und Rücken nicht bedroht seien. Aber gerade hier
       waren es  die Russen, welche sie im Rücken bedrohten, während von
       der andern  Seite her, bei einer direkten Bedrohung Wiens, starke
       momentane Detachierungen von Radetzkys Armee zu erwarten standen.
       Statt rasch  auf Wien  zu rücken, haben die Ungarn also sehr klug
       gehandelt, wenn sie sich begnügten, die Kaiserlichen immer weiter
       aus Ungarn  zurückzutreiben, sie  in einem  großen Bogen  von den
       kleinen Karpathen  bis zu den Ausläufen der Steierischen Alpen zu
       umstellen, ein  starkes Korps  gegen den Jablunka zu detachieren,
       die galizischen  Gebirgspässe zu  befestigen und  zu decken, Ofen
       anzugreifen und  die neue Aushebung von 250 000 Mann besonders in
       den wiedereroberten westlichen Komi taten rasch zu betreiben. Auf
       diese Weise  sichern sie  sich Flanke und Rücken und bringen eine
       Armee zusammen, die den russischen Zuzug ebensowenig wie die ehe-
       dem so  kolossale kaiserliche  Armee zu  fürchten hat. Von dieser
       ruhmvollen schwarzgelben  [211] Armee  sind 200 000 Mann nach Un-
       garn einmarschiert  und kaum  50000 zurückgekommen,  der Rest ist
       gefallen, verwundet, krank, gefangen oder übergegangen.
       Die  Russen  drohen  zwar  mit  noch  viel  kolossaleren  Armeen.
       120 000, nach  andern 170 000  Mann sollen  einrücken.  Nach  dem
       "Triester Freihafen"  soll die  mobile Operationsarmee  weit über
       500 000 Mann betragen. Man kennt aber die russischen Übertreibun-
       gen, man  weiß, daß  von den angegebenen Zahlen nur die Hälfte in
       den Stammlisten  stehen und  daß von  der Ziffer  der Stammlisten
       wieder nicht  die Hälfte  wirklich vorhanden  ist. Wenn  die rus-
       sische Hülfe,  nach Abzug  der zur Besetzung Polens nötigen Trup-
       pen,  60[000]-70000   Mann  Effektivbestand  aufbringt,  so  kann
       Östreich sich  freuen. Und  mit dieser  Zahl werden  die Magyaren
       fertig.
       Der magyarische  Krieg von 1849 hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem
       polnischen Kriege  von 1830/31  [233]. Aber gerade dadurch unter-
       scheidet er  sich von  ihm, daß er alle Chancen, die Polen damals
       gegen sich  hatte, jetzt  für sich hat. Man weiß, daß Lelewel da-
       mals ohne  Erfolg darauf  drang, erstens  durch Emanzipation  der
       Bauern und Juden die Masse der Bevölkerung an die Revolution
       
       #515# Ungarn
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       zu ketten und zweitens durch Insurgierung des ganzen alten Polens
       alle drei  teilenden Mächte in den Krieg zu verwickeln, den Krieg
       e u r o p ä i s c h   zu machen.  Was damals in Polen erst durch-
       ging, als  es   z u  s p ä t  war,  d a m i t  f a n g e n  d i e
       M a g y a r e n   a n.   Die gesellschaftliche  Revolution im In-
       nern, die  Vernichtung des Feudalismus, war die erste Maßregel in
       Ungarn; die  Hineinverwickelung Polens  und Deutschlands  in  den
       Krieg die zweite, und damit war der europäische Krieg da. Mit dem
       Einrücken des  ersten   r u s s i s c h e n   Korps auf deutschen
       Boden hat  er begonnen,  mit dem  Einrücken des  ersten  f r a n-
       z ö s i s c h e n   Bataillons auf  deutschen Boden wird er seine
       entscheidende Wendung nehmen.
       Dadurch, daß  der ungarische Krieg europäisch geworden ist, tritt
       er in  Wechselwirkung mit allen übrigen Momenten der europäischen
       Bewegung. Sein  Verlauf wirkt nicht nur auf Deutschland, er wirkt
       auch auf  Frankreich und  England. Daß  die englische Bourgeoisie
       die Verwandlung  Österreichs in  eine  russische  Provinz  dulden
       wird, steht  nicht zu  erwarten; daß  das französische Volk nicht
       ruhig zusehen  wird, wie die Kontrerevolution ihm näher und näher
       auf den  Leib rückt,  ist gewiß.  Die Wahlen  mögen in Frankreich
       ausfallen wie  sie wollen,  die Armee hat sich jedenfalls für die
       Revolution erklärt, und die Armee entscheidet für den Augenblick.
       Will die Armee den Krieg - und sie will ihn -, so ist er da.
       Und er  wird kommen.  Die Revolution  in Paris,  sei es durch die
       Wahlen, sei es durch die an der Wahlurne schon vor sich gegangene
       Verbrüderung der  Armee mit  der revolutionären Partei, steht vor
       der Tür.  Und während  sich in  Süddeutschland der  Kern zu einer
       deutschen Revolutionsarmee  bildet und Preußen verhindert, am un-
       garischen Feldzuge  aktiv teilzunehmen,  steht-Frankreich auf dem
       Sprunge, aktiv  an dem  Kampfe sich zu beteiligen. Wenig, Wochen,
       vielleicht wenige  Tage schon werden entscheiden, und die franzö-
       sische, die  magyarisch-polnische und die deutsche Revolutionsar-
       mee werden  bald unter den Mauern von Berlin auf dem Schlachtfeld
       ihr Verbrüderungsfest feiern.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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