Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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[Ungarn]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 301 vom 19. Mai 1849]
* Köln, 18. Mai. In dem Augenblicke, wo der magyarische Krieg
durch den wirklichen Einmarsch der Russen zu einem e u r o-
p ä i s c h e n wird, sind wir gezwungen, unsere Berichte über
seinen weitern Verlauf einzustellen. Es ist uns nur noch
vergönnt, die Entwickelung dieses großartigen osteuropäischen Re-
volutionskriegs in einem kurzen Überblick unsern Lesern nochmals
vorzuführen.
Man erinnert sich, wie schon vor der Februarrevolution, im Herbst
1847, der von Kossuth geleitete Preßburger Reichstag eine Reihe
revolutionärer Beschlüsse faßte, wie er die Verkäuflichkeit des
Grundeigentums, die Freizügigkeit der Bauern, die Ablösung der
Feudallasten, die Emanzipation der Juden, die gleiche Besteuerung
aller Klassen beschloß; wie er den Kroaten und Slawoniern in in-
neren Angelegenheiten den offiziellen Gebrauch ihrer eigenen
Sprache bewilligte und endlich durch die Forderung eines abgeson-
derten verantwortlichen Ministeriums für Ungarn den ersten
Schritt zur L o s s a g u n g U n g a r n s an demselben Tage
tat, als in Paris die Februarrevolution begann (22.Febr.).
Die Februarrevolution brach los. Mit ihr knickte der Widerstand
der Wiener Regierung gegen die Forderungen der Ungarn zusammen.
Am 16. März, am Tage nach der Wiener Revolution, wurde das selb-
ständige ungarische Ministerium bewilligt und damit der Zusammen-
hang Ungarns mit Östreich auf die bloße Personalunion zurückge-
führt.
Jetzt schritt die selbständig gewordene magyarische Revolution
rasch vorwärts. Alle politischen Vorrechte wurden aufgehoben, das
allgemeine Wahlrecht eingeführt, alle Feudallasten, Roboten und
Zehnten unentgeltlich aufgehoben gegen Entschädigung durch den
Staat, die Union mit Siebenbürgen durchgesetzt, die Ernennung
Kossuths zum Finanzminister und die Absetzung des rebellischen
Ban Jellachich erzwungen.
#508# Karl Marx/Friedrich Engels · "Neue Rheinische Zeitung"
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Inzwischen erholte sich die östreichische Regierung wieder. Wäh-
rend das angeblich verantwortliche Ministerium in Wien ohnmächtig
blieb, erhob sich die Kamarilla des Innsbrucker Hofs um so mäch-
tiger, gestützt auf die kaiserliche Armee in Italien, auf die na-
tionalen Gelüste der Tschechen, Kroaten und Serben, auf die ver-
stockte Borniertheit der ruthenischen [206] Bauern.
Am 17. Juni brach die serbische Insurrektion im Banat und der
Bácska los, aufgehetzt durch Geld und Emissäre vom Hof. Am 20.
hatte Jellachich Audienz beim Kaiser in Innsbruck und wurde wie-
der zum Ban ernannt. Nach Kroatien zurückgekehrt, kündigte Jella-
chich dem ungarischen Ministerium den Gehorsam auf und erklärte
ihm am 25. August den Krieg.
Der Verrat der habsburgischen Kamarilla lag offen am Tage. Noch-
mals versuchten die Ungarn, den Kaiser auf den konstitutionellen
Weg zurückzubringen. Sie sandten eine Deputation von 200 Reichs-
tagsmitgliedern nach Wien; der Kaiser antwortete ausweichend. Die
Aufregung wuchs. Das Volk verlangte Garantien und erzwang eine
Ministerveränderung. Die Verräter, die auch im Pesther Ministe-
rium saßen, wurden entfernt und Kossuth am 20. September zum Mi-
nisterpräsidenten ernannt. Aber schon vier Tage darauf entfloh
der Stellvertreter des Kaisers, der Palatin Erzherzog Stephan,
nach Wien, und am 26. erläßt der Kaiser das bekannte Manifest an
die Ungarn, worin er das Ministerium als rebellisch absetzte, den
Magyarenfresser Jellachich zum Gouverneur von Ungarn ernannte und
die wesentlichsten revolutionären Eroberungen Ungarns antastete.
Das Manifest, von keinem ungarischen Minister kontrasigniert,
wurde von Kossuth für null und nichtig erklärt.
Inzwischen war Jellachich, begünstigt durch die Desorganisation
und Verräterei, die in dem ganzen nominellen ungarischen, aber in
Wirklichkeit altkaiserlichen Offizierkorps und Generalstab
herrschte, bis Stuhlweissenburg vorgedrungen. Dort schlug ihn das
ungarische Heer, trotz seinen verräterischen Führern, und trieb
ihn auf östreichisches Gebiet bis unter die Mauern von Wien. Der
Kaiser und der alte Verräter Latour beschließen, ihm Verstärkung
zu senden und Ungarn mit deutschen und slawischen Truppen wieder
zu erobern. Da bricht die Wiener Revolution vom 6. Oktober aus
und setzt den kaiserlich-königlichen Projekten vorderhand ein
Ziel.
Kossuth zieht den Wienern sogleich mit einem magyarischen Korps
zur Hülfe. An der Leitha halten ihn die Unschlüssigkeit des Wie-
ner Reichstags und die Verräterei seiner eigenen Offiziere sowie
die schlechte Organisation seines größtenteils aus Landsturm be-
stehenden Heeres vom sofortigen Einrücken ab. Ersieht sich end-
lich genötigt, ein paar Schock Offiziere arretieren, nach Pesth
abführen und einige erschießen zu lassen, und wagt nun den
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Angriff. Zu spät - Wien war schon gefallen, und seine undiszipli-
nierten Landstürmer wurden bei Schwechat von den regelmäßigen
österreichischen Truppen geworfen.
Sechs Wochen noch dauerte die Waffenruhe zwischen den Kaiserli-
chen und den Magyaren. Während beide Armeen alles aufboten, um
sich zu verstärken, vollbrachte die Olmützer Kamarilla [290] ih-
ren lang vorbereiteten Coup: Sie ließ den Idioten Ferdinand, der
sich durch Konzessionen an die Revolution kompromittiert und ver-
schlissen hatte, abdanken und setzte das Kind Franz Joseph, den
Sohn Sophiens, als ihr Werkzeug auf den Thron. Auf die ungarische
Verfassung gestützt, verwarf der Pesther Reichstag diesen Thron-
wechsel.
Mitte Dezember wurde endlich der Krieg eröffnet. Die kaiserliche
Armee hatte Ungarn bis dahin so gut wie umzingelt. Von allen Sei-
ten geschah der Angriff.
Von Österreich aus rückten drei Armeekorps unter dem persönlichen
Oberbefehl des Feldmarschalls Windischgrätz in der Stärke von
mindestens 90 000 Mann südlich von der Donau vor. Von Steiermark
aus zog Nugent mit etwa 20 000 Mann auf dem linken Ufer der
Drave, aus Kroatien Dahlen mit 10 000 Mann auf dem rechten Ufer
der Drave nach dem Banat zu. Im Banat selbst kämpften mehrere
Grenzregimenter, die Besatzung von Temesvár, der serbische Land-
sturm und das serbianische Hülfskorps Knicanin, zusammen 30[000]-
40000 Mann unter Todorovich und Rukavina. In Siebenbürgen standen
Puchner mit 20[000]-25000 Mann und der aus der Bukowina ein-
gefallene Malkowski mit 10[000]-15000 Mann. Aus Galizien endlich
drang Schlick mit einem Korps von 20[000]-25000 Mann gegen die
obere Theiß vor.
Die kaiserliche Armee betrug im ganzen also mindestens 200 000
Mann regelmäßiger, meist kriegsgewohnter Truppen, ungerechnet die
slawischen, romanischen und sächsischen Landstürmler und Natio-
nalgarden, die sich im Süden und in Siebenbürgen am Kampf betei-
ligten.
Diesen kolossalen Streitkräften hatte Ungarn eine Armee von viel-
leicht 80[000]-90000 Mann exerzierter Truppen, worunter 24 000
Mann gediente Exkaiserliche, und außerdem 50[000]-60000 Mann noch
ganz unorganisierte Honveds und Landstürmler entgegenzusetzen;
eine Armee, deren Führer größtenteils eben solche Verräter waren,
wie die von Kossuth an der Leitha arretierten Offiziere.
Aber während aus dem mit Gewalt niedergehaltenen Österreich
vorderhand kein Rekrut mehr zu ziehen, während Österreich finan-
ziell ruiniert und fast ohne Geld war, standen den Magyaren noch
großartige Ressourcen offen. Der Freiheitsenthusiasmus der Magya-
ren, noch gehoben durch den Nationalstolz,
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wuchs mit jedem Tage und stellte Kossuth eine für das kleine Volk
von 5 Millionen unerhörte Zahl Kampflustiger zu Gebot; die unga-
rische Banknotenplatte stellte ihm eine unerschöpfliche Geld-
quelle zur Disposition, und jeder Magyar nahm diese Nationalassi-
gnaten wie hartes Silbergeld an. Gewehr- und Kanonenfabriken wa-
ren in voller Tätigkeit. Es fehlte der Armee nur an Waffen, an
Übung und an guten Führern, und das alles war in wenigen Monaten
zu schaffen. Es kam also nur darauf an, Zeit zu gewinnen, die
Kaiserlichen ins Land hineinzulocken, wo sie durch fortwährenden
Guerillakrieg ermüdet, durch Hinterlassung starker Garnisonen und
sonstiger Detachierungen geschwächt wurden.
Daher der Plan der Ungarn, sich langsam ins Innere zurückziehen,
in steten Gefechten die Rekruten zu üben und im äußersten Notfall
die Theißlinie mit ihren unwegsamen Sümpfen, diesen um den Kern
des Magyarenlandes gezogenen natürlichen Graben, zwischen sich
und die Feinde zu legen.
Nach aller Berechnung mußten die Ungarn sich in dem Gebiet zwi-
schen Preßburg und Pesth während zwei bis drei Monaten selbst ge-
gen die überlegene österreichische Streitmacht halten können.
Aber da trat der heftige Frost ein, der alle Flüsse und alle
Sümpfe während mehrerer Monate mit einer selbst für schweres Ge-
schütz passierbaren Eisdecke bekleidete. Dadurch wurden alle für
die Verteidigung günstigen Terrainverhältnisse beseitigt, alle
von den Magyaren angelegten Verschanzungen unnütz und der Umge-
hung ausgesetzt. So kam es, daß die ungarische Armee in kaum
zwanzig Tagen von Ödenburg und Preßburg nach Raab, von Raab nach
Moor, von Moor nach Pesth zurückgeworfen wurde, daß sie selbst
Pesth räumen und sich wirklich schon beim Beginn des Feldzugs
hinter die Theiß zurückziehen mußten.
Während dies bei der Hauptarmee geschah, ging es ebenso bei den
übrigen Korps. Im Süden drangen Nugent und Dahlen immer weiter
gegen das von den Magyaren besetzte Esseg vor, und näherten sich
die Serben immer mehr der Maroslinie; in Siebenbürgen vereinigten
sich Puchner und Malkowski bei Maros-Vásárhely; im Norden rückte
Schlick aus den Karpathen bis an die Theiß herab und stellte über
Miskolcz seine Verbindung mit Windischgrätz her.
Die Österreicher schienen mit der magyarischen Revolution so gut
wie fertig zu sein. Zwei Drittel von Ungarn und drei Viertel von
Siebenbürgen waren in ihrem Rücken, und die Ungarn waren in der
Front, in beiden Flanken und im Rücken zugleich geschlagen. Noch
ein paar Meilen weiteren Vordringens, und sämtliche kaiserliche
Korps reichten sich die Hand zu e i n e m enger und enger sich
zusammenziehenden Kreise, in dem Ungarn wie in den Ringeln einer
Boa Constrictor erdrückt wurde.
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Jetzt kam es darauf an, daß, während in der Front die Theiß einen
für den Feind einstweilen unüberschreitbaren Graben bildete, nach
irgendeiner Seite hin Luft geschafft werde.
Dies geschah nach zwei Seiten hin: in Siebenbürgen durch Bern, in
der Slowakei durch Görgey. Beide führten Züge aus, wodurch sie
sich als die genialsten Feldherren der Gegenwart dokumentierten.
Bern kam am 29.Dez. in Klausenburg an, dem einzigen Punkt von
Siebenbürgen, der noch in den Händen der Magyaren war. Rasch kon-
zentrierte er nun die mitgebrachten Verstärkungen, die Reste der
geschlagenen magyarischen und szeklerischen [427] Truppen, zog
gegen Maros-Vásárhely, schlug die Östreicher und verfolgte
zunächst Malkowski über die Karpathen in die Bukowina und von da
nach Galizien, wo er bis gegen Stanislawow vordrang. Dann wandte
er sich rasch nach Siebenbürgen zurück und trieb Puchner bis we-
nige Meilen von Hermannstadt vor sich her. Einige Gefechte, ein
paar rasche Kreuz- und Querzüge, und ganz Siebenbürgen war in
seinen Händen, bis auf zwei Städte, Hermannstadt und Kronstadt,
und diese waren verloren, wenn man nicht die Russen ins Land
rief. Das Gewicht, das die 10000 russischen Hülfstruppen in die
Waagschale legten, zwang Bern, sich ins Szeklerland zurückzuzie-
hen. Dort organisierte er den Aufstand der Szekler, und als ihm
dies gelungen, ließ er den bis Schäßburg vorgedrungenen Puchner
durch den Szekler Landsturm beschäftigen, umging seine Position,
rückte direkt auf Hermannstadt, schlug die Russen heraus, schlug
den nachrückenden Puchner, marschierte auf Kronstadt und zog hier
ohne Schwertstreich ein.
Damit war Siebenbürgen erobert und der Rücken der magyarischen
Armee frei. Die natürliche Festungslinie, die die Theiß bildete,
fand jetzt ihre Fortsetzung und Ergänzung in der Bergreihe der
Karpathen und Siebenbürgischen Alpen von der Zips an bis herunter
an die Banater Grenzen.
Zu gleicher Zeit vollführte Görgey einen ähnlichen Triumphzug im
nordwestlichen Ungarn. Von Pesth mit einem Korps nach der Slowa-
kei aufgebrochen, hält er während zwei Monaten die von drei Sei-
ten gegen ihn operierenden Korps der Generale Götz, Csorich und
Simunich im Schach und schlug sich zuletzt, als seine Stellung
der Übermacht gegenüber unhaltbar wurde, durch die Karpathen nach
Eperies und Kaschau durch. Hier stand er im Rücken von Schlick,
zwang diesen, rasch seine Position und seine ganze Opera-
tionsbasis aufzugeben und sich auf die Hauptarmee von Windisch-
grätz zurückzuziehen, während er selbst längst der Hernad hinab
an die Theiß marschierte und sich mit der magyarischen Hauptmacht
vereinigte.
Diese Hauptmacht, an deren Spitze jetzt Dembinski stand, war
ebenfalls über die Theiß gegangen und hatte den Feind auf allen
Punkten geworfen. Sie
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war bis Hatvan, 6 Meilen von Pesth, vorgedrungen, als die stär-
kere Konzentrierung der feindlichen Streitkräfte sie zwang, den
Rückzug wieder anzutreten. Nach heftiger Gegenwehr bei Kapolna,
Maklar und Poroszló ging sie wieder über die Theiß zurück, gerade
in demselben Augenblick, als Görgey bei Tokaj an der Theiß ankam.
Die Vereinigung beider Korps gab das Signal zu einem neuen, groß-
artigen Vorrücken der Ungarn. Neu eingeübte Rekruten waren aus
dem Innern angekommen und verstärkten die Operationsarmee der Ma-
gyaren. Polnische und deutsche Legionen waren gebildet, tüchtige
Führer hatten sich entwickelt oder waren herbeigezogen, und an-
statt der führerlosen, unorganisierten Masse vom Dezember stand
den Kaiserlichen plötzlich eine konzentrierte, tapfere, zahlrei-
che, gut organisierte und vortrefflich geführte Armee gegenüber.
In drei Korps rückten die Magyaren über die Theiß. Der rechte
Flügel (Görgey) zog nördlich, umging die ihm früher nachgerückte
Division Ramberg bei Eperies und trieb sie eilig über Rimaszombat
auf die kaiserliche Hauptarmee zurück. Diese wurde von Dembinski
bei Erlau, bei Gyöngyös, bei Gödöllö und bei Hatvan geschlagen
und zog sich eilends bis vor Pesth zurück. Der linke Flügel
(Vetter) endlich vertrieb den Jellachich aus Kecskemet, Szolnok
und Czegled, schlug ihn bei Jászberény, und zwang ihn ebenfalls
zum Rückzüge unter die Mauern von Pesth. Hier standen nun die
Kaiserlichen von Pesth bis Waitzen der Donau entlang, in einem
weiten Halbkreis von den Magyaren umzingelt.
Um Pesth nicht dem Bombardement von Ofen her auszusetzen, nahmen
die Ungarn zu ihrem erprobten Mittel Zuflucht, die Östreicher
lieber durch Manöver als durch offenen Frontangriff aus dieser
Position zu vertreiben. Görgey nahm Waitzen und warf die Östrei-
cher hinter Gran und Donau zurück, schlug Wohlgemuth zwischen
Gran und Neutra und entsetzte dadurch das von den Kaiserlichen
belagerte Komorn. Die Kaiserlichen, in ihrer Rückzugslinie be-
droht, mußten sie sich zum eiligen Rückzüge entschließen; Weiden,
der neue Oberbefehlshaber, zog sich in der Richtung von Raab und
Preßburg zurück, und Jellachich mußte, um seine höchst widerspen-
stigen Kroaten zu beschwichtigen, eiligst mit ihnen donauabwärts
nach Slawonien marschieren.
Auf ihrem Rückzug, der eher einer wilden Flucht glich, erlitten
Weiden (besonders seine Nachhut unter Schlick) und Jellachich
noch bedeutende Schlappen. Während das Korps des letzteren sich
mühsam und langsam durch das Tolnaer und Baranyer Komitat
schlägt, hat Weiden es möglich machen können, die Trümmer seiner
Armee in Preßburg zu konzentrieren. Trümmer, die durchaus keine
ernsthafte Widerstandsfähigkeit besitzen.
#513# Ungarn
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Zugleich mit diesen überraschenden Siegen der Magyaren gegen die
östreichische Hauptarmee drang Moritz Perczel von Szegedin und
Tolna aus gegen Peterwardein vor, entsetzte es, nahm Besitz von
der Bácska und drang ins Banat, um hier dem aus Siebenbürgen vor-
dringenden Bern die Hand zu reichen. Bern hat schon Arad genommen
und belagert Temesvár ; Perczel steht in Werschetz hart an der
türkischen Grenze, so daß in ein paar Tagen das Banat erobert
ist. Zu gleicher Zeit decken die Szekler die verschanzten sieben-
bürgischen, der Landsturm die oberungarischen Gebirgspässe, und
Görgey steht mit bedeutender Heeresmacht im Jablunkapaß, an der
mährisch-galizischen Grenze.
Kurz, noch ein paar Tage, und die siegreiche magyarische Armee,
die Trümmer der gewaltigen östreichischen Heere vor sich hertrei-
bend, zog im Triumph in Wien ein und vernichtete auf immer die
östreichische Monarchie.
Die Lossagung Ungarns von Östreich war bereits am 14. April in
Debreczin beschlossen; die Allianz mit den Polen war seit Mitte
Januar offen erklärt und durch den Eintritt von 20[000]-30000 Po-
len in die ungarische Armee zur Wirklichkeit geworden. Die Alli-
anz mit den Deutsch-Östreichern, die seit der Wiener Revolution
vom 6. Oktober und in der Schlacht bei Schwechat schon bestand,
wurde ebenfalls getragen und aufrechterhalten durch die deutschen
Legionen im ungarischen Heer sowie durch die strategische und po-
litische Notwendigkeit für die Magyaren, durch die Einnahme Wiens
und die Revolutionierung Östreichs ihrer Unabhängigkeitserklärung
Anerkennung zu verschaffen.
So verlor der magyarische Krieg sehr bald den nationalen Charak-
ter, den er im Anfang hatte, und gerade durch den scheinbar na-
tionalsten Schritt, durch die Unabhängigkeitserklärung, nahm er
einen definitiv-europäischen Charakter an. Die Allianz mit den
Polen zur Befreiung beider Länder, die Allianz mit den Deutschen
zur Revolutionierung Ostdeutschlands erhielt erst einen bestimm-
ten Charakter, eine solide Grundlage, als Ungarn sich von Öst-
reich lossagte und dadurch die östreichische Monarchie für aufge-
löst erklärte. Ungarn unabhängig, Polen wiederhergestellt,
Deutsch-Östreich zum revolutionären Brennpunkt Deutschlands ge-
macht, die Lombardei und Italien von selbst unabhängig - mit der
Durchführung dieser Pläne war das ganze osteuropäische Staatensy-
stem zerstört, Östreich verschwunden, Preußen aufgelöst, Rußland
an die Grenzen Asiens zurückgedrängt.
Die Heilige Allianz [167] mußte also alles aufbieten, um der dro-
henden osteuropäischen Revolution einen Damm entgegenzusetzen:
Die russischen Armeen wälzten sich der siebenbürgischen und gali-
zischen Grenze zu. Preußen besetzte die böhmisch-schlesische
Grenze und ließ die Russen durch sein
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Gebiet nach Prerau führen, und in wenig Tagen stand das erste
russische Armeekorps auf mährischem Boden.
Die Magyaren, wohl wissend, daß sie es in wenig Wochen mit zahl-
reichen frischen Streitkräften zu tun haben würden, sind nicht so
rasch auf Wien marschiert, als man es anfangs erwartete. Sie
konnten Wien ebensowenig wie Pesth durch einen Frontangriff neh-
men, ohne es beschießen zu müssen, und das durften sie nicht. Sie
waren wieder, wie bei Pesth, genötigt, es durch Umgehung zu neh-
men, und hierzu gehörte Zeit, gehörte die Gewißheit, daß sie
selbst in Flanke und Rücken nicht bedroht seien. Aber gerade hier
waren es die Russen, welche sie im Rücken bedrohten, während von
der andern Seite her, bei einer direkten Bedrohung Wiens, starke
momentane Detachierungen von Radetzkys Armee zu erwarten standen.
Statt rasch auf Wien zu rücken, haben die Ungarn also sehr klug
gehandelt, wenn sie sich begnügten, die Kaiserlichen immer weiter
aus Ungarn zurückzutreiben, sie in einem großen Bogen von den
kleinen Karpathen bis zu den Ausläufen der Steierischen Alpen zu
umstellen, ein starkes Korps gegen den Jablunka zu detachieren,
die galizischen Gebirgspässe zu befestigen und zu decken, Ofen
anzugreifen und die neue Aushebung von 250 000 Mann besonders in
den wiedereroberten westlichen Komi taten rasch zu betreiben. Auf
diese Weise sichern sie sich Flanke und Rücken und bringen eine
Armee zusammen, die den russischen Zuzug ebensowenig wie die ehe-
dem so kolossale kaiserliche Armee zu fürchten hat. Von dieser
ruhmvollen schwarzgelben [211] Armee sind 200 000 Mann nach Un-
garn einmarschiert und kaum 50000 zurückgekommen, der Rest ist
gefallen, verwundet, krank, gefangen oder übergegangen.
Die Russen drohen zwar mit noch viel kolossaleren Armeen.
120 000, nach andern 170 000 Mann sollen einrücken. Nach dem
"Triester Freihafen" soll die mobile Operationsarmee weit über
500 000 Mann betragen. Man kennt aber die russischen Übertreibun-
gen, man weiß, daß von den angegebenen Zahlen nur die Hälfte in
den Stammlisten stehen und daß von der Ziffer der Stammlisten
wieder nicht die Hälfte wirklich vorhanden ist. Wenn die rus-
sische Hülfe, nach Abzug der zur Besetzung Polens nötigen Trup-
pen, 60[000]-70000 Mann Effektivbestand aufbringt, so kann
Östreich sich freuen. Und mit dieser Zahl werden die Magyaren
fertig.
Der magyarische Krieg von 1849 hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem
polnischen Kriege von 1830/31 [233]. Aber gerade dadurch unter-
scheidet er sich von ihm, daß er alle Chancen, die Polen damals
gegen sich hatte, jetzt für sich hat. Man weiß, daß Lelewel da-
mals ohne Erfolg darauf drang, erstens durch Emanzipation der
Bauern und Juden die Masse der Bevölkerung an die Revolution
#515# Ungarn
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zu ketten und zweitens durch Insurgierung des ganzen alten Polens
alle drei teilenden Mächte in den Krieg zu verwickeln, den Krieg
e u r o p ä i s c h zu machen. Was damals in Polen erst durch-
ging, als es z u s p ä t war, d a m i t f a n g e n d i e
M a g y a r e n a n. Die gesellschaftliche Revolution im In-
nern, die Vernichtung des Feudalismus, war die erste Maßregel in
Ungarn; die Hineinverwickelung Polens und Deutschlands in den
Krieg die zweite, und damit war der europäische Krieg da. Mit dem
Einrücken des ersten r u s s i s c h e n Korps auf deutschen
Boden hat er begonnen, mit dem Einrücken des ersten f r a n-
z ö s i s c h e n Bataillons auf deutschen Boden wird er seine
entscheidende Wendung nehmen.
Dadurch, daß der ungarische Krieg europäisch geworden ist, tritt
er in Wechselwirkung mit allen übrigen Momenten der europäischen
Bewegung. Sein Verlauf wirkt nicht nur auf Deutschland, er wirkt
auch auf Frankreich und England. Daß die englische Bourgeoisie
die Verwandlung Österreichs in eine russische Provinz dulden
wird, steht nicht zu erwarten; daß das französische Volk nicht
ruhig zusehen wird, wie die Kontrerevolution ihm näher und näher
auf den Leib rückt, ist gewiß. Die Wahlen mögen in Frankreich
ausfallen wie sie wollen, die Armee hat sich jedenfalls für die
Revolution erklärt, und die Armee entscheidet für den Augenblick.
Will die Armee den Krieg - und sie will ihn -, so ist er da.
Und er wird kommen. Die Revolution in Paris, sei es durch die
Wahlen, sei es durch die an der Wahlurne schon vor sich gegangene
Verbrüderung der Armee mit der revolutionären Partei, steht vor
der Tür. Und während sich in Süddeutschland der Kern zu einer
deutschen Revolutionsarmee bildet und Preußen verhindert, am un-
garischen Feldzuge aktiv teilzunehmen, steht-Frankreich auf dem
Sprunge, aktiv an dem Kampfe sich zu beteiligen. Wenig, Wochen,
vielleicht wenige Tage schon werden entscheiden, und die franzö-
sische, die magyarisch-polnische und die deutsche Revolutionsar-
mee werden bald unter den Mauern von Berlin auf dem Schlachtfeld
ihr Verbrüderungsfest feiern.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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