Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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["An mein Volk"]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 301 vom 19. Mai 1849]
* Köln, 18. Mai. "An mein Volk!" [428] Nicht an "Mein herrliches
Kriegsheer!" [196] Sind die Russen etwa geschlagen? Hat sich der
Wind gedreht und dem "ungeschwächten" [321] Diener Rußlands wie
im März v.J. abermals die Militärmütze vom Kopf geworfen? Sind
die belagerten "treuen Untertanen" wieder in vollem Aufstand?
Als im Jahre 1813 der alte "Hochselige" ebenfalls aus dem V o r-
d r i n g e n d e r K o s a k e n den nötigen Mut schöpfte,
seine erbärmliche Feiglingsrolle, die blutigen Züchtigungen des
revolutionären Kaisertums abzuschütteln, da waren es trotz
Kosaken, Baschkiren und dem von Jena [359], von Magdeburg, von
der Übergabe Küstrins an 150 Franzosen [429] bekannten "herr-
lichen Kriegsheer" erst die lügenhaften Versprechungen eines
"A u f r u f e s a n m e i n V o l k", welche den Kreuzzug
der Heiligen Allianz gegen die Nachfolger der französischen Revo-
lution zuwege brachten. [412] Und jetzt! Hat nicht der wiederer-
starkte Hohenzoller durch den Einmarsch der Kosaken auf deutschen
Boden den nötigen Mut zum Aufgeben seiner nachmärzlichen Feig-
lingsrolle, zur Beseitigung des durch die Revolution "zwischen
ihn und sein Volk geschobenen Stückes Papier" [161] erhalten? Hat
nicht "Mein herrliches Kriegsheer" in Dresden, Breslau, Posen,
Berlin und am Rhein durch die tapfern Metzeleien Wehrloser, Wei-
ber und Kinder, mit Schrapnells und Höllenstein [199] in würdiger
Weise Rache an der Revolution genommen?
Sind nicht durch die neuoktroyierte Standrechtscharte 1*) "auch
außer dem Belagerungszustand" die letzten Feigheits-Konzessionen
vom März, Abschaffung der Zensur, Assoziationsrecht, Volksbewaff-
nung, wieder aufgehoben?
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1*) Siehe vorl. Band, S. 483/484 und 493-499
#517# "An mein Volk"
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Nein, der Sohn des Helden von Jena und Magdeburg fühlt sich noch
immer nicht sicher genug trotz Kosakenbündnissen, trotz Mord- und
Standrechtsprivilegien an die losgelassene "herrliche" Soldaten-
meute. D i e u n g e s c h w ä c h t e K r o n e h a t
F u r c h t, sie appelliert "An mein Volk", sie "fühlt sich ge-
drängt", noch an das niedergetretene, belagerte, zusammenkar-
tätschte "Volk" einen Hülferuf um Unterstützung gegen "innere und
äußere Feinde" zu richten.
"Preußen ist dazu berufen, in so schwerer Zeit Deutschland gegen
innere und äußere Feinde zu schirmen. Deshalb rufe Ich schon
jetzt Mein Volk in die Waffen. Es gilt, Ordnung und Gesetz herzu-
stellen im eigenen Lande und in den übrigen deutschen Ländern, wo
unsere Hülfe verlangt wird; es gilt, Deutschlands Einheit zu
gründen, seine Freiheit zu schützen vor der Schreckensherrschaft
einer Partei, welche Gesittung, Ehre und Treue ihren Leidenschaf-
ten opfern will, einer Partei, welcher es gelungen ist, ein Netz
der Betörung und des Irrwahns über einen Teil des Volkes zu wer-
fen."
"Das ist der Kern der königlichen Ansprache", ruft die Poli-
zeikloake Dumont [430], und die bezahlten Polizeiclaqueure Du-
monts haben in der Tat den richtigen "Kern" gefunden.
Die "äußern Feinde"! Es ist die "Schreckenspartei", die Partei
des Schreckens für den tapfern Hohenzoller, welche in den
"übrigen deutschen Ländern" unser Einschreiten verlangt. Das Volk
in den Rheinlanden, Schlesien, Sachsen wird gerufen, "im Namen
der deutschen Einheit" den revolutionären Bewegungen im deutschen
Ausland, Baden, Bayern, Sachsen, ein Ende zu machen! Und zu die-
sem Zweck werden die Lockspeisen der hohenzollerschen Volksbe-
glückung von 1813 wiederholt, es wird das erprobte "königliche
Wort" wieder verpfändet, dem "Volk" eine kastrierte Anerkennung
der Frankfurter Verfassung verheißen und der "Schutz des Rechts
und der Freiheit" gegen die "Gottlosigkeit" verheißen. "Ich und
Mein Haus wollen dem Herrn dienen." [431] Ist die erprobte Ver-
pfändung eines "hohenzollerschen Königswortes" nicht einen Kreuz-
zug gegen die "Partei des Schreckens für die vielversprechende
Krone" wert?
Der starke kaiserlich-russische Unterknäs hat die preußischen
Abgeordneten nur deshalb aus Frankfurt abberufen, um sich jetzt
nach seiner Märzverheißung "an die Spitze Deutschlands" zu
stellen. Die Vereinbarungsversammlung und oktroyierte Kammer sind
nur deshalb auseinandergejagt, das "Stück Papier" nur deshalb
durch die Standrechtsverfassung und Militärmordhöfe ersetzt, um
dem Volk den "Schutz des Rechts und der Freiheit" zu garantieren!
Und die Preßfreiheit wird unterdrückt, die Presse in Erfurt unter
Z e n s u r gestellt, die Zeitungen in ganz Posen, in Breslau,
in schlesischen Provinzialstädten,
#518# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Städten, in Berlin selbst die "National-Zeitung" [234] direkt
verboten, in Düsseldorf de jure die Zensur wiedereingeführt, de
facto die Presse gänzlich beseitigt (Düsseldorfer Blätter, "Neue
Rheinische Zeitung" usw.). und den "freien" Untertanen endlich
allein die schmutzigen Polizei-Kloaken der "Kölnischen Zeitung"
und des Berliner Galgenblättchens [3] oktroyiert, alles, um auch
nicht den letzten Zweifel an dem Wert des "königlichen Wortes"
aufkommen zu lassen!
Und das Wort des Hohenzollern ist in der Tat wert, daß das Volk
zur Stärkung des königlichen Mutes die Uniform anzieht, um nach
dem Landwehrgesetz seinen zurückbleibenden Weibern "zum Schutz
gegen Bettelei" monatlich einen Taler königlicher Gnadengelder zu
verschaffen. [377]
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