Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Friedrich Engels
       
       [Die revolutionäre Erhebung in der Pfalz und in Baden] [435]
       
       ["Der Bote für Stadt und Land"  Nr. 110 vom 3. Juni 1849]
       Kaiserslautern, 2. Juni. Die kontrerevolutionären deutschen Blät-
       ter suchen  die pfälzische und badische Revolution in jeder Weise
       zu verdächtigen. Sie schämen sich nicht zu behaupten, die Tendenz
       der ganzen  Erhebung laufe  darauf hinaus,  die Pfalz,  Baden und
       mittelbar ganz  Deutschland "an  die Franzosen  zu verraten". Sie
       suchen auf  diese Weise den alten kontrerevolutionären Franzosen-
       haß aus  der sogenannten guten alten Zeit wieder heraufzubeschwö-
       ren und  glauben, daß  es ihnen  so möglich werde, die Sympathien
       unserer nord-  und ostdeutschen  Brüder abwendig zu machen. Diese
       schmutzigen Lügenblätter,  welche der  Pfalz und Baden vorwerfen,
       sie hätten sich an Frankreich verkauft, sind aber zufällig gerade
       dieselben, welche dem  r u s s i s c h e n  E i n f a l l  in Un-
       garn, dem  Durchmarsch der  Russen durch  Preußen und  sogar  der
       neuen Heiligen  Allianz [167]  zwischen Rußland,  Österreich  und
       Preußen das  Wort reden.  Wir nennen  zum Beweis  nur eins dieser
       Blätter: die "Kölnische Z[ei]t[un]g".
       Also, daß  die Russen  zur Unterdrückung der ungarischen Freiheit
       auf deutsches,  auf preußisches  Gebiet rücken, das ist kein Lan-
       desverrat! Wenn  der Preußenkönig  mit den Kroaten und Russen ein
       Bündnis schließt,  um den  letzten Rest  deutscher Freiheit unter
       den Hufen der Kosaken zerstampfen zu lassen, das ist kein Landes-
       verrat! Wenn  wir alle,  wenn ganz  Deutschland vom Njemen bis zu
       den Alpen  durch feige Despoten an den russischen Kaiser verraten
       und verkauft  wird, das  ist kein  Landesverrat !  Aber wenn  die
       Pfalz sich der Sympathien des französischen und besonders des El-
       sässer Volks  erfreut, wenn  sie den  Ausdruck  dieser  Teilnahme
       nicht mit  närrischer Selbstzufriedenheit  zurückweist, wenn  sie
       Leute nach  Paris schickt, um über die Stimmung Frankreichs, über
       die neue  Wendung Auskunft zu erhalten, die die Politik der fran-
       zösischen Republik  nehmen wird [436] - ja, das ist Landesverrat,
       das ist
       
       #525# Die revolutionäre Erhebung (Pfalz u. Baden)
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       Hochverrat,  das   heißt  Deutschland   an  Frankreich,   an  den
       "Erbfeind", an  den "Reichsfeind"  verkaufen! So  räsonieren  die
       kontrerevolutionären Blätter.
       Allerdings, meine  Herren "von  Gottes Gnaden", das alles hat die
       Pfalz und hat Baden getan, und beide werden sich ihrer Handlungen
       nicht schämen.  Allerdings, wenn das Landesverrat ist, so ist das
       ganze pfälzische und badische Volk ein Volk von dritthalb Millio-
       nen Landesverrätern.  Das pfälzische  und badische Volk hat wahr-
       haftig nicht deshalb eine Revolution gemacht, um in dem bevorste-
       henden großen  Kampf zwischen  dem freien Westen und dem despoti-
       schen Osten sich auf die Seite der Despoten zu stellen. Das pfäl-
       zische wie  das badische  Volk hat seine Revolution gemacht, weil
       es nicht  mitschuldig sein will an den freiheitsmörderischen Nie-
       derträchtigkeiten, durch  welche Österreich,  Preußen und  Bayern
       sich seit  Monaten so  schmählich hervorgetan haben, weil es sich
       nicht ebenfalls  zur Knechtung seiner Brüder hat mißbrauchen las-
       sen. Das pfälzische und badische Heer hat sich der Bewegung unbe-
       dingt angeschlossen;  es hat  den treubrüchigen Fürsten die Treue
       gekündigt und sich wie ein Mann auf die Seite des Volks gestellt.
       Weder Bürger  noch Soldaten  wollen in den Reihen der Kroaten und
       Kosaken gegen die Freiheit kämpfen. Wenn die Despoten von Olmütz,
       Berlin und  München noch Soldaten finden, die tief genug gesunken
       sind, um sich selbst mit Baschkiren, Panduren, Kroaten und anderm
       Raubgesindel auf  eine Stufe zu stellen, um mit solchen Barbaren-
       horden unter einer Fahne zu kämpfen, desto schlimmer. Es soll uns
       leid tun,  aber wir  werden solche  Söldlinge nicht  als deutsche
       Brüder, wir  werden sie als Kosaken und Baschkiren behandeln, und
       wir werden  uns wenig  darum kümmern,  ob ein  verräterischer Ex-
       Reichskriegsminister an ihrer Spitze steht. [437]
       Es ist  aber überhaupt  lächerlich, von "Landesverrat" und andern
       Demagogenriechereien zu sprechen in der jetzigen Zeit, wo der eu-
       ropäische, der  V o l k s k r i e g  vor der Türe steht. In wenig
       Wochen, in  wenig Tagen  vielleicht schon werden sich die Heeres-
       massen des  republikanischen Westens  und  die  des  geknechteten
       Ostens gegeneinander  heranwälzen, um  auf  deutschem  Boden  den
       großen Kampf  auszufechten. Deutschland  wird -  dahin haben  die
       Fürsten und  die Bourgeois  es gebracht  -, Deutschland  wird gar
       nicht gefragt  werden, ob es dies auch erlaubt. Deutschland macht
       den Krieg  nicht, es  wird ohne  seine Zustimmung und ohne daß es
       dies verhindern  kann, mit  Krieg überzogen.  Das ist,  dank  den
       Märzregenten, Märzkammern  und nicht minder der März-Nationalver-
       sammlung, die ruhmvolle Stellung Deutschlands beim bevorstehenden
       europäischen Kriege.  Von   d e u t s c h e n    Interessen,  von
       d e u t s c h e r     Freiheit,     d e u t s c h e r    Einheit,
       d e u t s c h e m   Wohlstand kann gar nicht die Rede sein, wo es
       sich um die Freiheit oder Unterdrückung, das Wohl oder
       
       #526# Marx/Engels - Artikel u. Dokumente 31. Mai - Juli 1849
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       Wehe von  ganz   E u r o p a  handelt. Hier hören alle Nationali-
       tätsfragen auf,  hier gibt  es nur eine Frage! Wollt ihr  f r e i
       sein, oder  wollt ihr  r u s s i s c h  sein? Und da sprechen die
       kontrerevolutionären Blätter  noch von  "Landesverrat", als ob an
       dem Deutschland, das bald genug den beiden streitenden Armeen als
       willenloses Terrain  preisgegeben sein  wird, noch    i r g e n d
       e t w a s   z u   v e r r a t e n   w ä r e!  Allerdings, voriges
       Jahr stand  die Sache  anders. Voriges Jahr konnten die Deutschen
       den Kampf  gegen die  russische Unterdrückung  aufnehmen, konnten
       die Polen  befreien und  damit den Krieg auf  r u s s i s c h e m
       Gebiet und  auf   R u ß l a n d s   Kosten führen. Jetzt dagegen,
       dank unseren Fürsten, wird der Krieg auf  u n s e r m  Boden, auf
       u n s e r e   Kosten geführt,  jetzt steht  die Sache so, daß der
       europäische Freiheitskrieg  für Deutschland  zugleich ein Bürger-
       krieg ist, in dem Deutsche gegen Deutsche kämpfen.
       Das verdanken wir der Verräterei unserer Fürsten und der Schlaff-
       heit unserer  Volksvertreter, und wenn etwas Landesverrat ist, so
       ist es  dies! Kurz: In dem großen Freiheitskampfe, der sich durch
       ganz Europa  verbreitet, wird  die Pfalz  und Baden auf der Seite
       der Freiheit  gegen die  Knechtschaft, der  Revolution gegen  die
       Kontrerevolution, des Volks gegen die Fürsten, des revolutionären
       Frankreichs, Ungarns  und Deutschlands  gegen das absolutistische
       Rußland, Österreich, Preußen und Bayern stehn; und wenn die Herrn
       Heuler [226] das Landesverrat nennen, so wird in der ganzen Pfalz
       und in ganz Baden kein Hahn darnach krähen.

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