Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Friedrich Engels
[Die französische Arbeiterklasse und die Präsidentenwahl] [460]
* Paris. Raspail oder Ledru-Rollin? Sozialist oder Montagnard?
Das ist die Frage, die jetzt die Partei der roten Republik in
zwei feindliche Lager teilt. [461]
Worum handelt es sich eigentlich in diesem Streit?
Fragt die Journale der Montagnards, die "Reforme", die "Revo-
lution", und sie werden Euch sagen, daß sie es selbst nicht
entdecken können; daß die Sozialisten buchstäblich dasselbe Pro-
gramm der permanenten Revolution, der Progressiv- und Erbschafts-
steuer, der Organisation der Arbeit aufstellen, das der Berg auf-
gestellt hat; daß gar kein Streit um Prinzipien vorhanden ist und
daß der ganze unzeitige Skandal von einigen Neidischen und Ehr-
geizigen angestiftet worden ist, die die "Religion und den guten
Glauben" des Volks täuschen und die Männer der Volkspartei aus
Egoismus verdächtigen.
Fragt das Journal der Sozialisten, den "Peuple" [462], und es
wird euch mit bittern Expektorationen über die Unwissenheit und
Hohlköpfigkeit der Montagnards, mit endlosen juristisch-mora-
lisch-ökonomischen Abhandlungen und schließlich mit dem geheim-
nisvollen Wink antworten, es handle sich im Grunde um die neue
Panazee des Bürgers Proudhon, die im Begriff sei, den alten so-
zialistischen Phrasen aus der Schule Louis Blancs den Rang ab-
zulaufen.
Fragt endlich die sozialistischen Arbeiter, und sie werden euch
kurz zur Antwort geben: Ce sont des bourgeois, les montagnards.
1*)
Die einzigen, die den Nagel auf den Kopf treffen, sind wieder die
Arbeiter. Sie wollen vom Berge nichts wissen, weil der Berg aus
lauter Bourgeois besteht.
Die sozialistisch-demokratische Partei bestand schon vor dem Fe-
bruar aus zwei verschiednen Fraktionen; erstens aus den Wortfüh-
rern, Deputierten,
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1*) Das sind Bourgeois, die Montagnards.
#558# Friedrich Engels - Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Schriftstellern, Advokaten usw. mit ihrem nicht unbeträchtlichen
Schweif kleiner Bourgeois, die die eigentliche Partei der
"Reforme" bildeten; zweitens aus der Masse der Pariser Arbeiter,
die keineswegs unbedingte Nachfolger der ersteren, sondern im Ge-
genteil sehr mißtrauische Bundesgenossen waren und sich ihnen
bald enger anschlössen, bald weiter von ihnen entfernten, je
nachdem die Leute von der "Reforme" entschiedner oder schwanken-
der auftraten. In den letzten Monaten der Monarchie war die
"Réforme", infolge ihrer Polemik mit dem "National", sehr ent-
schieden aufgetreten, und das Verhältnis zwischen ihr und den Ar-
beitern war ein sehr intimes.
Die Leute von der "Réforme" traten daher auch als Vertreter des
Proletariats in die provisorische Regierung.
Wie sie in der provisorischen Regierung in der Minorität waren
und dadurch, unfähig das Interesse der Arbeiter durchzusetzen,
nur den "reinen" Republikanern [463] dazu dienten, die Arbeiter
so lange hinzuhalten, bis die reinen Republikaner die öffentliche
Gewalt, die jetzt i h r e Gewalt gegenüber den Arbeitern war,
wieder organisiert hatten; wie der Chef der "Réforme"-Partei, Le-
dru-Rolhn, sich durch Lamartines Aufopferungsphrasen und durch
den Reiz der Macht bereden ließ, in die Exekutivkommission [101]
zu treten; wie er dadurch die revolutionäre Partei spaltete,
schwächte, teilweise der Regierung zur Verfügung stellte, und so
die Insurrektionen des Mai und Juni scheitern machte, ja selbst
gegen sie kämpfte - das alles braucht hier nicht weiter aus-
geführt zu werden. Die Tatsachen sind noch zu frisch im Gedächt-
nis.
Genug, nach der Juniinsurrektion, nach dem Sturz der Exekutivkom-
mission und der Erhebung der reinen Republikaner zur ausschließ-
lichen Herrschaft in der Person Cavaignacs, waren der Partei der
"Reforme", der demokratisch-sozialistischen kleinen Bourgeoisie,
alle Illusionen über die Entwicklung der Republik vergangen. Sie
war in die Opposition gestoßen, sie war wieder frei, machte
wieder Opposition und knüpfte ihre alten Verbindungen mit den
Arbeitern wieder an.
Solange keine wichtigen Fragen vorkamen, solange es sich nur um
die Bloßstellung der feigen, verräterischen und reaktionären Po-
litik Cavaignacs handelte, solange konnten die Arbeiter es sich
gefallen lassen, in der Presse durch die "Reforme" und
"Revolution démocratique et sociale" vertreten zu sein. Die
"Vraie République" [464] und die eigentlichen Arbeiterblätter wa-
ren ohnehin schon durch den Belagerungszustand, durch Tendenzpro-
zesse und Kautionen unterdrückt worden. Ebenso konnten sie es
sich gefallen lassen, in der Nationalversammlung durch den Berg
sich vertreten zu lassen. Raspail, Barbès, Albert waren verhaf-
tet, Louis Blanc und Caussidière mußten flüchten. Die Klubs waren
teils geschlossen, teils unter strenger Aufsicht, und die
#559# Die französische Arbeiterklasse und die Präsidentenwahl
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alten Gesetze gegen die Redefreiheit bestanden und bestehen noch
fort. Wie man sie gegen die Arbeiter anzuwenden versteht, davon
gaben die Journale täglich Beispiele genug. Die Arbeiter, in der
Unmöglichkeit, ihre eignen Vertreter sprechen zu lassen, mußten
sich wieder mit denen begnügen, von denen sie vor dem Februar
vertreten worden waren - von den radikalen kleinen Bourgeois und
ihren Wortführern.
Da taucht die Präsidentschaftsfrage auf. Drei Kandidaten stehn
da: Cavaignac, Louis-Napoleon, Ledru-Rollin. Von Cavaignac konnte
für die Arbeiter keine Rede sein. Der Mann, der sie im Juni mit
Kartätschen und Brandraketen zusammengeschossen, konnte nur auf
ihren Haß rechnen. Louis Bonaparte? Für ihn konnten sie nur aus
Ironie stimmen, um ihn heute durch die Abstimmung zu erheben,
morgen durch die Waffen wieder zu stürzen und mit ihm die ho-
nette, "reine" Bourgeoisrepublik. Und endlich Ledru-Rollin, der
sich den Arbeitern als der einzige rote, sozialistisch-demokrati-
sche Kandidat empfahl.
Also nach den Erfahrungen von der provisorischen Regierung, vom
15. Mai und 24. Juni her, verlangte man von den Arbeitern, daß
sie der radikalen kleinen Bourgeoisie und Ledru-Rollin abermals
ein Vertrauensvotum geben sollten? denselben Leuten, die am 25.
Februar, als das bewaffnete Proletariat Paris beherrschte, als
alles durchzusetzen war, statt revolutionärer Taten nur erhabne
Beruhigungsphrasen, statt rascher, entscheidender Maßregeln nur
Versprechungen und Vertröstungen, statt der Energie von [ 17] 93
nur die Fahne, die Redensart, die Titulaturen von 93 hatten? den-
selben Leuten, die mit Lamartine und Marrast riefen: Man muß vor
allem die B o u r g e o i s b e r u h i g e n, und die darüber
die Revolution fortzuführen vergaßen? denselben Leuten, die am
15. Mai unentschieden waren, und die am 23. Juni Artillerie von
Vincennes und Bataillone von Orléans und Bourges holen ließen?
Und doch hätte das Volk vielleicht, um die Stimmen nicht zu tei-
len, für Ledru-Rollin gestimmt. Aber da kam seine Rede vom 25.
November gegen Cavaignac, worin er abermals sich auf die Seite
der Sieger stellt, Cavaignac zum Vorwurf macht, daß er nicht en-
ergisch genug gegen die Revolution eingeschritten, nicht noch
mehr Bataillone gegen die Arbeiter bereit gehabt habe.
Diese Rede hat Ledru-Rollin bei den Arbeitern Vollends um allen
Kredit gebracht. Auch jetzt noch, nach fünf Monaten, nachdem er
alle Folgen der Junischlacht sozusagen an seinem eignen Leibe hat
büßen müssen, auch jetzt noch hält er es, gegenüber den Besieg-
ten, mit den Siegern, ist er stolz darauf, mehr Bataillone gegen
die Insurgenten verlangt zu haben, als Cavaignac stellen konnte!
#560# Friedrich Engels - Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Und der Mann, dem die Junikämpfer nicht rasch genug besiegt wur-
den, der will Chef der Partei sein, die die Erbschaft der Er-
schlagnen des Juni angetreten hat?
Nach dieser Rede war Ledru-Rollins Kandidatur bei den Pariser Ar-
beitern verloren. Die Gegenkandidatur Raspails, schon früher auf-
gestellt, schon früher von den Sympathien der Arbeiter umgeben,
hatte in Paris gesiegt. Hätten die Stimmzettel von Paris zu ent-
scheiden, Raspail wäre jetzt Präsident der Republik.
Die Arbeiter wissen sehr gut, daß Ledru-Rollin noch nicht ausge-
spielt hat, daß er der radikalen Partei noch große Dienste lei-
sten kann und wird. Aber er hat das Vertrauen der Arbeiter ver-
scherzt. Seine Schwäche, seine kleine Eitelkeit, seine Abhängig-
keit von hochfahrenden Phrasen, wodurch sogar Lamartine ihn be-
herrschte, sie, die Arbeiter, haben sie büßen müssen. Kein
Dienst, den er leisten kann, wird dies vergessen machen. Die Ar-
beiter werden immer wissen, daß, wenn Ledru-Rollin wieder ener-
gisch wird, seine Energie nur die der bewaffneten Arbeiter ist,
die treibend hinter ihm stehn werden.
Indem die Arbeiter Ledru-Rollin ein Mißtrauensvotum gaben, gaben
sie zugleich der ganzen radikalen Kleinbürgerschaft ein Mißtrau-
ensvotum. Die Unentschiedenheit, die Abhängigkeit von den herge-
brachten Phrasen des dévoûment 1*) etc., das Vergessen der revo-
lutionären Handlungen über den revolutionären Reminiszenzen sind
lauter Eigenschaften, die Ledru-Rollin mit der Klasse teilt, die
er vertritt.
Die radikalen Kleinbürger sind bloß deshalb sozialistisch, weil
sie ihren Ruin, ihren Übergang ins Proletariat klar vor Augen
sehn. Nicht als Kleinbürger, als Besitzer eines kleinen Kapitals,
sondern als zukünftige Proletarier schwärmen sie für Organisation
der Arbeit und Umwälzung des Verhältnisses von Kapital und Ar-
beit. Gebt ihnen die politische Herrschaft, so werden sie die Or-
ganisation der Arbeit bald vergessen. Die politische Herrschaft
gibt ihnen ja, wenigstens im Rausch des ersten Augenblicks, Aus-
sicht auf Kapitalerwerb, auf Rettung vom drohenden Ruin. Nur wenn
die bewaffneten Proletarier mit gefälltem Bajonett hinter ihnen
stehn, nur dann werden sie sich ihrer Bundesgenossen von gestern
erinnern. So haben sie im Februar und März gehandelt, und Ledru-
Rollin, als ihr Chef, war der erste, der so handelte. Wenn sie
jetzt enttäuscht sind, ändert das die Stellung der Arbeiter zu
ihnen? Wenn sie bußfertig wiederkommen, haben sie das Recht zu
verlangen, daß die Arbeiter jetzt unter ganz andern Verhältnissen
abermals in die Falle gehn sollen?
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1*) der Ergebenheit
#561# Die französische Arbeiterklasse und die Präsidentenwahl
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Daß die Arbeiter dies nicht tun werden, daß sie wissen, wie sie
zu den radikalen kleinen Bourgeois stehn, das geben sie ihnen zu
verstehn, indem sie nicht für Ledru-Rollin stimmen, sondern für
Raspail.
Aber Raspail - wodurch hat sich denn Raspail um die Arbeiter so
verdient gemacht? Wie kann man ihn gegenüber von Ledru-Rollin als
Sozialisten par excellence 1*) hinstellen?
Das Volk weiß recht gut, daß Raspail kein offizieller Sozialist,
kein Systemmacher von Profession ist. Das Volk will die offi-
ziellen Sozialisten und Systemmacher gar nicht, es hat sie satt.
Sonst wäre der Bürger Proudhon sein Kandidat und nicht der heiß-
blütige Raspail.
Aber das Volk hat ein gutes Gedächtnis und ist langenicht so un-
dankbar, wie verkannte reaktionäre Größen in ihrer Bescheidenheit
zu sagen lieben. Das Volk erinnert sich noch sehr gut, daß
Raspail der erste war, der der provisorischen Regierung ihre Un-
tätigkeit, ihre Beschäftigung mit bloßem republikanischen Lari-
fari vorwarf. Das Volk hat den "Ami du Peuple" [465], par le ci-
toyen 2*) Raspail, noch nicht vergessen, und weil Raspail zuerst
den Mut hatte - es gehörte wirklich Mut dazu -, revolutionär ge-
gen die provisorische Regierung aufzutreten, und weil Raspail gar
keine bestimmte sozialistische couleur 3*), sondern nur die so-
ziale R e v o l u t i o n vertritt - darum stimmt das Volk von
Paris für Raspail.
Es handelt sich gar nicht um die paar kleinlichen, im Manifest
des Bergs feierlichst als weltrettend verkündeten Maßregeln. Es
handelt sich um die soziale Revolution, die den Franzosen noch
ganz andre Dinge bringen wird als diese zusammenhangslosen, be-
reits stehend gewordenen Phrasen. Es handelt sich um die Energie,
diese Revolution durchzusetzen. Es handelt sich darum, ob die
kleine Bourgeoisie diese Energie haben wird, nachdem sie schon
einmal sich ohnmächtig erwiesen hat. Und das Proletariat von Pa-
ris, indem es für Raspail stimmt, antwortet: N e i n!
Daher die Verwunderung der "Reforme" und "Revolution", daß man
ihre Phrasen akzeptieren und doch nicht für Ledru-Rollin stimmen
kann, der doch diese Phrasen vertritt. Diese braven Blätter, die
sich für Arbeiterblätter halten und doch jetzt mehr als je vorher
Blätter der kleinen Bourgeois sind, können natürlich nicht ein-
sehn, daß dieselbe Forderung im Munde der Arbeiter revolutionär,
in i h r e m Munde eine bloße Phrase ist. Sie müßten ja sonst
ihre eignen Illusionen nicht haben!
Und der Bürger Proudhon und sein "Peuple"? Davon morgen.
Geschrieben Anfang Dezember 1848.
Nach der Handschrift.
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1*) reinsten Wassers - 2*) des Bürgers - 3*) Färbung
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