Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Friedrich Engels
[Proudhon [460]]
* Paris. Wir sprachen gestern von den Montagnards und den Sozia-
listen, von der Kandidatur Ledru-Rollin und der Kandidatur
Raspail, von der "Reforme" und dem "Peuple" [462] des Bürgers
Proudhon. Wir versprachen, auf Proudhon zurückzukommen.
Wer ist der Bürger Proudhon?
Der Bürger Proudhon ist ein franc-comtesischer Bauer, der ver-
schiedne Erwerbszweige und verschiedne Studien durchgemacht hat.
Die öffentliche Aufmerksamkeit zog er zuerst auf sich durch ein
1842 veröffentlichtes Pamphlet: "Was ist das Eigentum?" [466] Die
Antwort lautete: "Das Eigentum ist der Diebstahl."
Die überraschende Repartie frappierte die Franzosen. Die Regie-
rung Ludwig Philipps, der austère 1*) Guizot, der kein Organ fürs
Calembour hat, war borniert genug, Proudhon vor Gericht zu stel-
len. Aber umsonst. Für ein so pikantes Paradoxon hat man bei je-
der französischen Jury auf Freisprechung zu rechnen. Und so ge-
schah's. Die Regierung blamierte sich, und Proudhon wurde ein be-
rühmter Mann.
Was das Buch selbst angeht, so entsprach es durchgehends dem obi-
gen Resume. Jedes Kapitel faßte sich zusammen in einem merkwürdi-
gen Paradoxon, in einer Manier, die den Franzosen noch nicht vor-
gekommen war.
Im übrigen enthielt es teils juristisch-moralische, teils ökono-
misch-moralische Abhandlungen, deren jede zu beweisen suchte, daß
das Eigentum auf einen Widerspruch hinausläuft. Was die juristi-
schen Punkte angeht, so kann dies zugegeben werden, insofern
nichts leichter ist als nachzuweisen, daß die ganze Jurisprudenz
überhaupt auf lauter Widersprüche hinausläuft. Was die ökonomi-
schen Abhandlungen betrifft, so enthalten sie wenig Neues, und
was
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1*) strenge
#563# Proudhon
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sie Neues enthalten, beruht auf falschen Kalkulationen. Die Re-
geldetri ist überall schmählich mißhandelt.
Indes die Franzosen wurden mit dem Buch nicht fertig. Den Juri-
sten war es zu ökonomisch, den Ökonomen zu juristisch und beiden
zu moralisch. Après tout, sagten sie endlich, c'est un ouvrage
remarquable. 1*)
Aber Proudhon strebte nach größeren Triumphen. Nach verschiedenen
verschollenen kleinen Schriften erschien endlich 1846 seine Phi-
losophie de la misère [467] in zwei gewaltigen Bänden. In diesem
Werk, das seinen Ruhm auf ewig begründen sollte, wandte Proudhon
eine arg mißhandelte Hegelsche philosophische Methode auf eine
seltsam mißverstandene Nationalökonomie an, und suchte durch al-
lerlei transzendente Sprünge ein neues sozialistisches System der
freien Arbeiterassoziation zu begründen. Dies System war so neu,
daß es in England unter dem Namen der Equitable Labour Exchange
Bazaars oder Offices '468' bereits vor zehn Jahren in zehn ver-
schiednen Städten zehnmal Bankerott gemacht hatte.
Dies schwerfällige, gelehrttuende, dickleibige Werk, worin
schließlich nicht nur sämtliche bisherigen Ökonomen, sondern auch
sämtliche bisherigen Sozialisten die größten Grobheiten zu hören
bekamen, machte auf die leichtsinnigen Franzosen durchaus keinen
Eindruck. Diese Art zu sprechen und zu räsonieren war ihnen noch
nicht vorgekommen und weit weniger nach ihrem Geschmack als die
kuriosen Paradoxa aus Proudhons früherem Werk. Dergleichen Para-
doxa fehlten zwar auch hier nicht (so erklärte sich Proudhon sehr
ernsthaft als "persönlichen Feind des Jehova" [469]), aber sie
waren unter der vorgeblich dialektischen Bagage wie vergraben.
Die Franzosen sagten wieder: C'est un ouvrage remarquable und
legten es beiseite. In Deutschland wurde das Werk natürlich mit
großer Ehrfurcht aufgenommen.
Marx hat damals eine ebenso witzige wie gründliche Gegenschrift
(Misère de la philosophie, réponse à la Philosophie de la misère,
de M. Proudhon. Par Karl Marx, Bruxelles et Paris 1847 [470]) er-
lassen, und die in Denkweise und Sprache tausendmal französischer
ist als das Proudhonsche prätentiöse Ungetüm.
Was den wirklichen Inhalt beider Proudhonschen Schriften an
Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse angeht, so
kann man nachdem man sie beide gelesen hat, mit gutem Gewissen
sagen, daß er sich auf Null reduziert.
Was seine Vorschläge zur sozialen Reform betrifft, so haben sie,
wie schon gesagt, den Vorteil, daß sie sich in England bereits
vor längerer Zeit durch mehrfachen Bankerott glänzend bewährt ha-
ben.
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1*) Indessen, sagten sie endlich, ist es ein bemerkenswertes
Werk.
#564# Friedrich Engels - Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Das war Proudhon vor der Revolution. Während er sich noch damit
beschäftigte, ein Tagblatt "Le Représentant du peuple" ohne Kapi-
tal, aber vermittelst einer Kalkulation, die in Verachtung der
Regeldetri ihresgleichen sucht, zustande zu bringen, setzten sich
die Pariser Arbeiter in Bewegung, jagten Louis-Philippe weg und
gründeten die Republik.
Vermöge der Republik wurde Proudhon zuerst "Bürger"; vermöge der
Wahl der Pariser Arbeiter auf seinen ehrlichen sozialistischen
Namen hin wurde er sodann Volksrepräsentant.
Damit hatte die Revolution den Bürger Proudhon aus der Theorie in
die Praxis, aus dem Schmollwinkel aufs Forum geschleudert. Wie
benahm sich der störrische, hochfahrende Autodidakt, der alle Au-
toritäten vor ihm, Juristen, Akademiker, Ökonomen und Sozialisten
mit gleicher Verachtung behandelt, der alle bisherige Geschichte
für Faselei erklärt und sich selbst sozusagen als neuen Messias
hingestellt hatte - wie benahm er sich, als er selbst sollte Ge-
schichte machen helfen?
Wir müssen ihm zum Ruhme nachsagen, daß er damit anfing, sich auf
die äußerste Linke unter dieselben Sozialisten zu setzen und mit
denselben Sozialisten zu stimmen, die er so tief verachtete und
so heftig als unwissende, arrogante Hohlköpfe angegriffen hatte.
Man will freilich wissen, daß er in den Parteiversammlungen des
Bergs seine alten gewaltsamen Angriffe auf die Gegner von ehedem
mit frischer Heftigkeit erneuert, daß er sie samt und sonders für
Ignoranten und Phrasendreher erklärt habe, die nicht das Abc von
dem verstünden, worüber sie sprächen.
Wir glauben das gern. Wir glauben sogar gern, daß die mit der
trocknen Leidenschaftlichkeit und Zuversicht des Doktrinarismus
vorgebrachten ökonomischen Paradoxa Proudhons die Herren Monta-
gnards nicht wenig in Verlegenheit setzten. Die wenigsten unter
ihnen sind ökonomische Theoretiker und verlassen sich mehr oder
weniger auf den kleinen Louis Blanc; und der kleine Louis Blanc,
obgleich ein viel bedeutenderer Kopf als der unfehlbare Proudhon,
ist doch eine zu intuitive Natur, als daß er mit der ökonomisch-
gelehrten Prätention, der fremdartigen Transzendenz und der an-
scheinend mathematischen Logik Proudhons fertig würde. Zudem
mußte er bald fliehen, und seine auf dem Felde der Ökonomie rat-
lose Herde blieb schutzlos den unbarmherzigen Krallen des Wolfes
Proudhon überlassen.
Daß Proudhon trotz aller dieser Triumphe doch ein höchst schwa-
cher Ökonom ist, braucht wohl nicht wiederholt zu werden. Nur
liegt seine schwache Seite nicht grade im Bereich der Menge der
französischen Sozialisten.
#565# Proudhon
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Den größten Triumph, den er je erlebte, errang Proudhon jedoch
auf der Tribüne der Nationalversammlung. Bei, ich weiß nicht mehr
welcher Gelegenheit ergriff er das Wort und erboste die Bourgeois
der Versammlung während anderthalb Stunden durch eine unaufhörli-
che Reihe echt Proudhonscher Paradoxa, eins toller wie das andre,
aber jedes berechnet, die heiligsten und teuersten Gefühle der
Zuhörer aufs gröbste zu schockieren. Und das alles vorgetragen
mit seiner trocknen professoralen Gleichgültigkeit, im tonlosen,
professoralen franc-comtesischen Dialekt, im trockensten
impertur-babelsten Stil von der Welt - der Effekt, der Veitstanz
der rasenden Bourgeois war wirklich nicht übel. 1*)
Das war aber auch der Glanzpunkt der Proudhonschen öffentlichen
Tätigkeit. Inzwischen fuhr er fort, durch den allmählich und nach
bittern Erfahrungen über die Regeldetri zustande gekommnen
"Représentant du Peuple", der sich bald in den "Peuple" kurzweg
verwandelte, sowie in den Klubs die Arbeiter für seine Beglüc-
kungstheorie zu bearbeiten. Er blieb nicht ohne Erfolg. On ne le
comprend pas, sagten die Arbeiter, mais c'est un homme remar-
quable. 2*)
Geschrieben Anfang Dezember 1848.
Nach der Handschrift.
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1*) Siehe Band 5 unserer Ausgabe, S. 305-308 - 2*) Man versteht
ihn nicht, sagten die Arbeiter, aber er ist ein bedeutender
Mensch.
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