Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       B. Friedrich Engels
       
       Einleitung [zu Karl Marx "Lohnarbeit und Kapital", Ausgabe 1891]
       
       #592#
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       Einleitung
       [zu Karl Marx' "Lohnarbeit und Kapital",
       Ausgabe 1891]
       
       Die nachfolgende  Arbeit erschien als eine Reihe von Leitartikeln
       in der "Neuen Rheinischen Zeitung" vom 5. April 1849 an. Ihr lie-
       gen zugrunde  die Vorträge,  die Marx 1847 im Brüsseler deutschen
       Arbeiterverein gehalten.  Sie ist  im Abdruck Fragment geblieben;
       das in Nr. 269 am Schluß stehende "Fortsetzung folgt" blieb uner-
       füllt infolge der sich damals überstürzenden Ereignisse, des Ein-
       marsches der  Russen in  Ungarn, der  Aufstände in Dresden, Iser-
       lohn, Elberfeld,  der Pfalz  und Baden, die die Unterdrückung der
       Zeitung selbst  (19. Mai 1849) herbeiführten. Das Manuskript die-
       ser Fortsetzung hat sich im Nachlaß von Marx nicht vorgefunden.
       "Lohnarbeit und  Kapital" ist in mehreren Auflagen als Separatab-
       druck in  Broschürenform erschienen,  zuletzt 1884, Hottingen-Zü-
       rich, Schweizerische Genossenschaftsbuchdruckerei. Diese bisheri-
       gen Abdrücke  enthielten den  genauen Wortlaut des Originals. Der
       vorliegende Neuabdruck soll aber in nicht weniger als 10000 Exem-
       plaren als Propagandaschrift verbreitet werden, und da mußte sich
       mir die  Frage aufdrängen,  ob unter diesen Umständen Marx selbst
       eine unveränderte Wiedergabe des Wortlauts billigen würde.
       In den  vierziger Jahren  hatte Marx seine Kritik der politischen
       Ökonomie noch  nicht zum Abschluß gebracht. Dies geschah erst ge-
       gen Ende der fünfziger Jahre. Seine vor dem ersten Heft "Zur Kri-
       tik der  Politischen  Oekonomie"  (1859)  erschienenen  Schriften
       weichen daher  in einzelnen  Punkten von  den seit 1859 verfaßten
       ab, enthalten  Ausdrücke und ganze Sätze, die, vom Standpunkt der
       spätem Schriften aus, schief und selbst unrichtig erscheinen. Nun
       ist es  selbstredend, daß in gewöhnlichen, für das Gesamtpublikum
       bestimmten Ausgaben  auch dieser in der geistigen Entwicklung des
       Verfassers mit einbegriffene frühere Standpunkt seinen Platz hat,
       daß Verfasser  wie Publikum ein unbestrittnes Recht haben auf un-
       veränderten Abdruck  dieser älteren  Schriften. Und  es wäre  mir
       nicht im Traum eingefallen, ein Wort daran zu ändern.
       Anders, wenn  die neue Auflage so gut wie ausschließlich zur Pro-
       paganda unter Arbeitern bestimmt ist. Da würde Marx unbedingt die
       alte, von 1849
       
       #594# Beilagen
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       datierende Darstellung  mit seinem  neuen Standpunkt  in Einklang
       gebracht haben. Und ich bin mir gewiß, in seinem Sinn zu handeln,
       wenn ich  f ü r  d i e s e  A u s g a b e  die wenigen Änderungen
       und Zusätze  vornehme, die  erforderlich sind, um diesen Zweck in
       allen wesentlichen  Punkten zu erreichen. Ich sage also dem Leser
       im voraus  : Dies ist die Broschüre, nicht wie Marx sie 1849 nie-
       dergeschrieben hat, sondern, annähernd, wie er sie 1891 geschrie-
       ben hätte.  Der wirkliche  Text ist zudem in so zahlreichen Exem-
       plaren verbreitet,  daß dies hinreicht, bis ich ihn in einer spä-
       tem Gesamtausgabe wieder unverändert abdrucken kann.
       Meine Änderungen drehen sich alle um einen Punkt. Nach dem Origi-
       nal verkauft  der Arbeiter  für den  Arbeitslohn dem Kapitalisten
       seine   A r b e i t;   nach dem jetzigen Text seine Arbeitskraft.
       Und wegen dieser Änderung bin ich Auskunft schuldig. Auskunft den
       Arbeitern, damit  sie sehn,  daß hier  keine bloße  Wortklauberei
       vorliegt, sondern  vielmehr einer der wichtigsten Punkte der gan-
       zen politischen  Ökonomie. Auskunft den Bourgeois, damit sie sich
       überzeugen können,  wie gewaltig die ungebildeten Arbeiter, denen
       man die schwierigsten ökonomischen Entwicklungen mit Leichtigkeit
       verständlich machen kann, unsern hochnäsigen "Gebildeten" überle-
       gen sind,  denen solche  verzwickte Fragen  unlöslich bleiben ihr
       Leben lang.
       Die klassische  politische Ökonomie  [491] übernahm aus der indu-
       striellen Praxis die landläufige Vorstellung des Fabrikanten, als
       kaufe und  bezahle er  die   A r b e i t   seiner Arbeiter. Diese
       Vorstellung hatte  für den Geschäftsgebrauch, die Buchführung und
       Preiskalkulation des  Fabrikanten ganz  gut ausgereicht.  Naiver-
       weise übertragen  in die  politische Ökonomie,  richtete sie hier
       gar wundersame Irrungen und Wirrungen an.
       Die Ökonomie findet die Tatsache vor, daß die Preise aller Waren,
       darunter auch  der Preis  der Ware, die sie "Arbeit" nennt, fort-
       während wechseln;  daß sie  steigen und  fallen infolge  von sehr
       mannigfaltigen Umständen, die häufig mit der Herstellung der Ware
       selbst in gar keinem Zusammenhang stehn, so daß die Preise in der
       Regel durch  den puren  Zufall bestimmt  scheinen. Sobald nun die
       Ökonomie als  Wissenschaft auftrat,  war eine ihrer ersten Aufga-
       ben, das  Gesetz zu suchen, das sich hinter diesem, scheinbar die
       Warenpreise beherrschenden  Zufall verbarg  und das i/i Wirklich-
       keit diesen  Zufall selbst beherrschte. Innerhalb der fortwähren-
       den, bald  nach oben, bald nach unten schwankenden und schwingen-
       den Warenpreise  suchte sie  nach dem festen Zentralpunkt, um den
       herum diese Schwankungen und Schwingungen sich vollziehn. Mit ei-
       nem Worte:  Sie ging  von den  Warenpreisen aus, um als deren re-
       gelndes Gesetz  den   Waren w e r t  zu suchen, aus dem sich alle
       Preisschwankungen erklären,  auf den  sie schließlich alle wieder
       zurückführen sollten.
       Die klassische  Ökonomie fand  nun, daß  der Wert  einer Ware be-
       stimmt werde  durch die  in ihr  steckende, zu  ihrer  Produktion
       erheischte Arbeit.  Mit dieser  Erklärung begnügte  sie sich. Und
       auch wir können einstweilen hierbei
       
       #595# Engels' Einleitung zu Marx' "Lohnarbeit u. Kapital" (1891)
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       stehn bleiben.  Nur um  Mißverständnissen vorzubeugen,  will  ich
       daran erinnern,  daß diese Erklärung heutzutage völlig ungenügend
       geworden ist.  Marx hat  zuerst die  wertbildende Eigenschaft der
       Arbeit gründlich  untersucht und  dabei gefunden,  daß nicht jede
       scheinbar oder auch wirklich zur Produktion einer Ware notwendige
       Arbeit dieser  Ware unter allen Umständen eine Wertgröße zusetzt,
       die der verbrauchten Arbeitsmenge entspricht. Wenn wir also heute
       kurzweg mit  Ökonomen wie  Ricardo sagen, der Wert einer Ware be-
       stimme sich  durch die  zu ihrer Produktion notwendige Arbeit, so
       unterstellen wir  dabei stets  die von Marx gemachten Vorbehalte.
       Dies genügt  hier; das Weitre findet sich bei Marx in "Zur Kritik
       der  Politischen   Oekonomie",  1859,  und  im  ersten  Band  des
       "Kapital".
       Sobald aber  die Ökonomen  diese Wertbestimmung  durch die Arbeit
       anwandten auf  die Ware  "Arbeit", gerieten  sie von einem Wider-
       spruch in  den andern.  Wie wird  der Wert der "Arbeit" bestimmt?
       Durch die in ihr steckende notwendige Arbeit. Wieviel Arbeit aber
       steckt in  der Arbeit  eines Arbeiters für einen Tag, eine Woche,
       einen Monat,  ein Jahr? Die Arbeit eines Tags, einer Woche, eines
       Monats, eines  Jahrs. Wenn die Arbeit das Maß aller Werte ist, so
       können wir  den "Wert  der Arbeit" eben nur ausdrücken in Arbeit.
       Wir wissen aber absolut nichts über den Wert einer Stunde Arbeit,
       wenn wir nur wissen, daß er gleich einer Stunde Arbeit ist. Damit
       sind wir also kein Haarbreit näher am Ziel; wir drehen uns in ei-
       nem fort im Kreise.
       Die klassische  Ökonomie versuchte  es also mit einer andern Wen-
       dung; sie  sagte: Der  Wert einer Ware ist gleich ihren Produkti-
       onskosten. Aber  was sind  die Produktionskosten  der Arbeit?  Um
       diese Frage  zu beantworten,  müssen die  Ökonomen der  Logik ein
       bißchen Gewalt  antun. Statt  der  Produktionskosten  der  Arbeit
       selbst, die  leider nicht zu ermitteln sind, untersuchen sie nun,
       was die Produktionskosten des  A r b e i t e r s  sind. Und diese
       lassen sich  ermitteln. Sie  wechseln je nach Zeit und Umständen,
       aber für  einen gegebnen Gesellschaftszustand, eine gegebne Loka-
       lität, einen  gegebnen Produktionszweig  sind sie ebenfalls gege-
       ben, wenigstens innerhalb ziemlich enger Grenzen. Wir leben heute
       unter der  Herrschaft der  kapitalistischen Produktion,  wo  eine
       große, stets  wachsende Klasse  der Bevölkerung  nur leben  kann,
       wenn sie  für die Besitzer der Produktionsmittel - der Werkzeuge,
       Maschinen, Rohstoffe  und Lebensmittel - gegen Arbeitslohn arbei-
       tet. Auf Grundlage dieser Produktionsweise bestehen die Produkti-
       onskosten des  Arbeiters in  derjenigen Summe von Lebensmitteln -
       oder deren  Geldpreis -, die durchschnittlich nötig sind, ihn ar-
       beitsfähig zu machen, arbeitsfähig zu erhalten und ihn bei seinem
       Abgang durch Alter, Krankheit oder Tod durch einen neuen Arbeiter
       zu ersetzen,  also die  Arbeiterklasse in  der benötigten  Stärke
       fortzupflanzen. Nehmen  wir an, der Geldpreis dieser Lebensmittel
       sei im Durchschnitt drei Mark täglich.
       Unser Arbeiter  erhält also von dem ihn beschäftigenden Kapitali-
       sten einen  Lohn von  drei Mark  täglich. Der Kapitalist läßt ihn
       dafür, sage zwölf
       
       #596# Beilagen
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       Stunden täglich,  arbeiten. Und zwar kalkuliert dieser Kapitalist
       etwa folgendermaßen:
       Nehmen wir  an, unser  Arbeiter -  Maschinenschlosser -  habe ein
       Stück einer  Maschine zu  arbeiten, das  er in einem Tage fertig-
       macht. Der  Rohstoff -  Eisen und  Messing in  der nötigen vorge-
       arbeiteten Form  - koste 20 M. Der Verbrauch an Kohlen der Dampf-
       maschine, der  Verschleiß dieser  selben Dampfmaschine, der Dreh-
       bank und  der übrigen  Werkzeuge, womit  unser Arbeiter arbeitet,
       stelle dar,  für einen Tag und auf seinen Anteil berechnet, einen
       Wert von  1 M.  Der Arbeitslohn für einen Tag ist nach unsrer An-
       nahme 3  M. Macht  zusammen für  unser Maschinenstück  24 M.  Der
       Kapitalist rechnet  aber heraus,  daß er  dafür  im  Durchschnitt
       einen Preis  von 27  M. von  seinen Kunden erhält, also 3 M. über
       seine ausgelegten Kosten.
       Woher kommen  diese 3  M., die der Kapitalist einsteckt? Nach der
       Behauptung der  klassischen Ökonomie  werden die  Waren im Durch-
       schnitt zu  ihren Werten,  d. h.  zu Preisen verkauft, die den in
       diesen Waren  enthaltnen notwendigen  Arbeitsmengen  entsprechen.
       Der Durchschnittspreis  unsres Maschinenteils - 27 M. - wäre also
       gleich seinem Wert, gleich der in ihm steckenden Arbeit. Aber von
       diesen 27  M. waren  21 M. bereits vorhandne Werte, ehe unser Ma-
       schinenschlosser zu  arbeiten anfing. 20 M. steckten im Rohstoff,
       1 M. in Kohlen, die während der Arbeit verbrannt, oder in Maschi-
       nen und Werkzeugen, die dabei gebraucht und in ihrer Leistungsfä-
       higkeit bis zum Wert dieses Betrags geschmälert wurden. Bleiben 6
       M., die dem Wert des Rohstoffs zugesetzt worden sind. Diese sechs
       Mark können aber nach der Annahme unsrer Ökonomen selbst nur her-
       stammen aus  der dem  Rohstoff durch  unsern Arbeiter zugesetzten
       Arbeit. Seine  zwölfstündige Arbeit  hat danach  einen neuen Wert
       von sechs  Mark geschaffen. Der Wert seiner zwölfstündigen Arbeit
       wäre also  gleich sechs  Mark. Und  damit hätten wir also endlich
       entdeckt, was der "Wert der Arbeit" ist.
       "Halt da!"  ruft unser  Maschinenschlosser. "Sechs Mark? Ich habe
       aber nur  drei Mark  erhalten! Mein  Kapitalist schwört Stein und
       Bein, der  Wert meiner  zwölfstündigen Arbeit  sei nur drei Mark,
       und wenn ich sechs verlange, so lacht er mich aus. Wie reimt sich
       das?"
       Kamen wir  vorhin mit unserm Wert der Arbeit in einen Zirkel ohne
       Ausweg, so  sind wir  jetzt in einem unlöslichen Widerspruch erst
       recht festgeritten.  Wir suchten  den Wert  der Arbeit und fanden
       mehr, als  wir brauchen können. Für den Arbeiter ist der Wert der
       zwölfstündigen Arbeit drei Mark, für den Kapitalisten sechs Mark,
       wovon er  drei dem Arbeiter als Lohn zahlt und drei selbst in die
       Tasche steckt.  Also hätte  die Arbeit  nicht einen, sondern zwei
       Werte, und sehr verschiedne obendrein!
       Der Widerspruch  wird noch  widersinniger, sobald wir die in Geld
       ausgedrückten Werte  auf Arbeitszeit  reduzieren.  In  den  zwölf
       Stunden Arbeit  wird ein  Neuwert von sechs Mark geschaffen. Also
       in sechs  Stunden drei  Mark -  die Summe,  die der  Arbeiter für
       zwölfstündige Arbeit erhält. Für
       
       #597# Engels' Einleitung zu Marx' "Lohnarbeit u. Kapital" (1891)
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       zwölfstündige Arbeit  erhält der  Arbeiter als gleichen Gegenwert
       das Produkt  von sechs  Stunden Arbeit. Entweder also hat die Ar-
       beit zwei  Werte, wovon  der eine  doppelt so groß wie der andre,
       oder zwölf  sind gleich sechs ! In beiden Fällen kommt reiner Wi-
       dersinn heraus.
       Wir mögen  uns drehen und wenden wie wir wollen, wir kommen nicht
       heraus aus  diesem Widerspruch,  solange wir vom Kauf und Verkauf
       der Arbeit  und vom  Wert der Arbeit sprechen. Und so ging es den
       Ökonomen auch. Der letzte Ausläufer der klassischen Ökonomie, die
       Ricardosche Schule,  ging großenteils  an der Unlösbarkeit dieses
       Widerspruchs zugrunde. Die klassische Ökonomie hatte sich in eine
       Sackgasse festgerannt. Der Mann, der den Weg aus dieser Sackgasse
       fand, war Karl Marx.
       Was die  Ökonomen als die Produktionskosten "der Arbeit" angesehn
       hatten, waren die Produktionskosten nicht der Arbeit, sondern des
       lebendigen Arbeiters  selbst. Und was dieser Arbeiter dem Kapita-
       listen verkaufte,  war nicht  seine Arbeit.  "Sobald seine Arbeit
       wirklich beginnt",  sagt Marx, "hat sie bereits aufgehört, ihm zu
       gehören, kann  also nicht mehr von ihm verkauft werden." [492] Er
       könnte also  höchstens seine   k ü n f t i g e  Arbeit verkaufen,
       d.h. die Verpflichtung übernehmen, eine bestimmte Arbeitsleistung
       zu bestimmter  Zeit auszuführen. Damit aber verkauft er nicht Ar-
       beit (die  doch erst geschehen sein müßte), sondern er stellt dem
       Kapitalisten auf bestimmte Zeit (im Taglohn) oder zum Zweck einer
       bestimmten Arbeitsleistung  (im Stücklohn) seine Arbeitskraft ge-
       gen eine bestimmte Zahlung zur Verfügung: Er vermietet resp. ver-
       kauft seine   A r b e i t s k r a f t.   Diese  Arbeitskraft  ist
       aber mit  seiner Person  verwachsen und  von ihr untrennbar. Ihre
       Produktionskosten fallen  daher mit  seinen Produktionskosten zu-
       sammen; was  die Ökonomen  die Produktionskosten der Arbeit nann-
       ten, sind  eben die des Arbeiters und damit die der Arbeitskraft.
       Und so können wir auch von den Produktionskosten der Arbeitskraft
       auf den   W e r t   der Arbeitskraft zurückgehn und die Menge Von
       gesellschaftlich notwendiger  Arbeit bestimmen,  die zur Herstel-
       lung einer Arbeitskraft von bestimmter Qualität erforderlich ist,
       wie dies  Marx im Abschnitt vom Kauf und Verkauf der Arbeitskraft
       getan hat ("Kapital", Band I, Kapitel 4, 3. Abteilung).
       Was geschieht  nun, nachdem  der Arbeiter  dem Kapitalisten seine
       Arbeitskraft verkauft,  d.h. gegen  einen vorausbedungnen  Lohn -
       Taglohn oder  Stücklohn - zur Verfügung gestellt hat? Der Kapita-
       list führt  den Arbeiter  in seine Werkstatt oder Fabrik, wo sich
       bereits alle  zur Arbeit  erforderlichen Gegenstände,  Rohstoffe,
       Hülfsstoffe (Kohlen, Farbstoffe etc.), Werkzeuge, Maschinen, vor-
       finden. Hier  fängt der  Arbeiter an  zu schanzen. Sein Tageslohn
       sei wie  oben 3  Mark -  wobei es  nichts ausmacht,  ob er sie im
       Taglohn oder  im Stücklohn  verdient. Wir nehmen auch hier wieder
       an, daß  der Arbeiter  in zwölf Stunden den vernutzten Rohstoffen
       durch seine  Arbeit einen Neuwert von sechs Mark zusetzt, welchen
       Neuwert der  Kapitalist beim  Verkauf des fertigen Werkstücks re-
       alisiert. Er zahlt davon dem Arbeiter seine
       
       #598# Beilagen
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       3 Mark, die andern 3 Mark aber behält er selbst. Wenn nun der Ar-
       beiter in  zwölf Stunden einen Wert von sechs Mark schafft, so in
       sechs Stunden einen Wert von 3 Mark. Er hat also dem Kapitalisten
       den Gegenwert der im Arbeitslohn erhaltnen drei Mark schon wieder
       vergütet, nachdem er für ihn sechs Stunden gearbeitet. Nach sechs
       Stunden Arbeit sind beide quitt, keiner ist dem andern einen Hel-
       ler schuldig.
       "Halt da!"  ruft jetzt der Kapitalist. "Ich habe den Arbeiter für
       einen ganzen  Tag, für zwölf Stunden gemietet. Sechs Stunden sind
       aber nur ein halber Tag. Also flott fortgeschanzt, bis die andern
       sechs Stunden  auch um  sind - erst dann sind wir quitt!" Und der
       Arbeiter hat  sich in  der Tat  seinem "freiwillig"  eingegangnen
       Kontrakt zu  fügen, wonach  er sich  verpflichtet,  für  ein  Ar-
       beitsprodukt, das  sechs Arbeitsstunden kostet, zwölf ganze Stun-
       den zu arbeiten.
       Beim Stücklohn  ist es  geradeso. Nehmen  wir an,  unser Arbeiter
       schafft in  12 Stunden  12 Stück Ware. Davon kostet jedes an Roh-
       stoff und  Verschleiß 2  M. und wird verkauft zu 2 1/2 M. So wird
       der Kapitalist,  bei sonst  denselben Voraussetzungen wie vorhin,
       dem Arbeiter 25 Pf. per Stück geben; macht auf 12 Stück 3 M., die
       zu verdienen  der Arbeiter  zwölf Stunden braucht. Der Kapitalist
       erhält für  die 12 Stück 30 M.; ab für Rohstoff und Verschleiß 24
       M., bleiben  6 M.,  wovon er  3 M.  Arbeitslohn zahlt und drei M.
       einsteckt. Ganz  wie oben.  Auch hier arbeitet der Arbeiter sechs
       Stunden für  sich, d.h.  zum Ersatz  seines Lohns  (in jeder  der
       zwölf Stunden  1/2 Stunde),  und sechs  Stunden für den Kapitali-
       sten.
       Die Schwierigkeit,  an der  die besten  Ökonomen scheiterten, so-
       lange sie  vom Wert  der "Arbeit" ausgingen, verschwindet, sobald
       wir statt  dessen vom Wert der  "Arbeits k r a f t"  ausgehn. Die
       Arbeitskraft ist  eine Ware  in unsrer  heutigen kapitalistischen
       Gesellschaft, eine  Ware wie  jede andre, aber doch eine ganz be-
       sondre Ware. Sie hat nämlich die besondre Eigenschaft, wertschaf-
       fende Kraft,  Quelle von  Wert zu  sein, und zwar, bei geeigneter
       Behandlung, Quelle von mehr Wert, als sie selbst besitzt. Bei dem
       heutigen Stand der Produktion produziert die menschliche Arbeits-
       kraft nicht  nur in  einem Tag einen größern Wert, als sie selbst
       besitzt und  kostet;  mit  jeder  neuen  wissenschaftlichen  Ent-
       deckung, mit jeder neuen technischen Erfindung steigert sich die-
       ser Überschuß ihres Tagesprodukts über ihre Tageskosten, verkürzt
       sich also  derjenige Teil des Arbeitstags, worin der Arbeiter den
       Ersatz seines Tageslohns herausarbeitet, und verlängert sich also
       andrerseits derjenige  Teil des Arbeitstags, worin er dem Kapita-
       listen seine Arbeit schenken muß, ohne dafür bezahlt zu werden.
       Und dies  ist die wirtschaftliche Verfassung unsrer ganzen heuti-
       gen Gesellschaft:  Die arbeitende  Klasse allein ist es, die alle
       Werte produziert.  Denn Wert  ist nur ein andrer Ausdruck für Ar-
       beit, derjenige Ausdruck, wodurch in unsrer heutigen kapitalisti-
       schen Gesellschaft  die Menge  der in einer bestimmten Ware stec-
       kenden, gesellschaftlich notwendigen Arbeit bezeichnet wird.
       Engels' Einleitung zu Marx' "Lohnarbeit u. Kapital" (1891) 599
       Diese von den Arbeitern produzierten Werte gehören aber nicht den
       Arbeitern. Sie gehören den Eigentümern der Rohstoffe, der Maschi-
       nen und  Werkzeuge und der Vorschußmittel, die diesen Eigentümern
       erlauben, die  Arbeitskraft der Arbeiterklasse zu kaufen. Von der
       ganzen, von ihr erzeugten Produktionsmasse erhält also die Arbei-
       terklasse nur  einen Teil  für sich zurück. Und, wie wir eben ge-
       sehn, wird  der andre  Teil, den  die Kapitalistenklasse für sich
       behält und höchstens noch mit der Grundeigentümerklasse zu teilen
       hat, mit jeder neuen Erfindung und Entdeckung größer, während der
       der Arbeiterklasse  zufallende Teil  (auf die Kopfzahl berechnet)
       entweder nur  sehr langsam  und unbedeutend  oder auch  gar nicht
       steigt und unter Umständen sogar fallen kann.
       Aber diese  stets rascher  einander verdrängenden Erfindungen und
       Entdeckungen, diese  sich in  bisher unerhörtem  Maße Tag auf Tag
       steigernde Ergiebigkeit  der menschlichen  Arbeit schafft zuletzt
       einen Konflikt,  worin die heutige kapitalistische Wirtschaft zu-
       grunde gehn  muß. Auf der einen Seite unermeßliche Reichtümer und
       einen Überfluß  von Produkten,  den die Abnehmer nicht bewältigen
       können. Auf  der andern die große Masse der Gesellschaft proleta-
       risiert, in  Lohnarbeiter verwandelt und eben dadurch unfähig ge-
       macht, jenen Überfluß von Produkten sich anzueignen. Die Spaltung
       der Gesellschaft in eine kleine, übermäßig reiche und eine große,
       besitzlose Lohnarbeiterklasse  bewirkt, daß diese Gesellschaft in
       ihrem eignen  Überfluß erstickt, während die große Mehrzahl ihrer
       Glieder kaum oder nicht einmal vor dem äußersten Mangel geschützt
       ist. Dieser  Zustand wird mit jedem Tag widersinniger und - unnö-
       tiger. Er   m u ß   beseitigt werden, er  k a n n  beseitigt wer-
       den. Eine neue Gesellschaftsordnung ist möglich, worin die heuti-
       gen Klassenunterschiede  verschwunden sind  und wo  -  vielleicht
       nach einer  kurzen, etwas knappen, aber jedenfalls moralisch sehr
       nützlichen Übergangszeit  - durch  planmäßige Ausnutzung und Wei-
       terbildung der  schon vorhandnen ungeheuren Produktivkräfte aller
       Gesellschaftsglieder, bei  gleicher Arbeitspflicht, auch die Mit-
       tel zum  Leben, zum  Lebensgenuß, zur  Ausbildung und  Betätigung
       aller körperlichen  und geistigen Fähigkeiten, gleichmäßig und in
       stets wachsender  Fülle zur Verfügung stehn. Und daß die Arbeiter
       mehr und  mehr entschlossen  sind, sich diese neue Gesellschafts-
       ordnung zu  erkämpfen, davon  wird Zeugnis  ablegen,  auf  beiden
       Seiten des  Ozeans, der  morgende erste  Mai und der Sonntag, der
       dritte Mai. [493]
       
       London, 30. April 1891
       Friedrich Engels

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