Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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B. Friedrich Engels
Einleitung [zu Karl Marx "Lohnarbeit und Kapital", Ausgabe 1891]
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Einleitung
[zu Karl Marx' "Lohnarbeit und Kapital",
Ausgabe 1891]
Die nachfolgende Arbeit erschien als eine Reihe von Leitartikeln
in der "Neuen Rheinischen Zeitung" vom 5. April 1849 an. Ihr lie-
gen zugrunde die Vorträge, die Marx 1847 im Brüsseler deutschen
Arbeiterverein gehalten. Sie ist im Abdruck Fragment geblieben;
das in Nr. 269 am Schluß stehende "Fortsetzung folgt" blieb uner-
füllt infolge der sich damals überstürzenden Ereignisse, des Ein-
marsches der Russen in Ungarn, der Aufstände in Dresden, Iser-
lohn, Elberfeld, der Pfalz und Baden, die die Unterdrückung der
Zeitung selbst (19. Mai 1849) herbeiführten. Das Manuskript die-
ser Fortsetzung hat sich im Nachlaß von Marx nicht vorgefunden.
"Lohnarbeit und Kapital" ist in mehreren Auflagen als Separatab-
druck in Broschürenform erschienen, zuletzt 1884, Hottingen-Zü-
rich, Schweizerische Genossenschaftsbuchdruckerei. Diese bisheri-
gen Abdrücke enthielten den genauen Wortlaut des Originals. Der
vorliegende Neuabdruck soll aber in nicht weniger als 10000 Exem-
plaren als Propagandaschrift verbreitet werden, und da mußte sich
mir die Frage aufdrängen, ob unter diesen Umständen Marx selbst
eine unveränderte Wiedergabe des Wortlauts billigen würde.
In den vierziger Jahren hatte Marx seine Kritik der politischen
Ökonomie noch nicht zum Abschluß gebracht. Dies geschah erst ge-
gen Ende der fünfziger Jahre. Seine vor dem ersten Heft "Zur Kri-
tik der Politischen Oekonomie" (1859) erschienenen Schriften
weichen daher in einzelnen Punkten von den seit 1859 verfaßten
ab, enthalten Ausdrücke und ganze Sätze, die, vom Standpunkt der
spätem Schriften aus, schief und selbst unrichtig erscheinen. Nun
ist es selbstredend, daß in gewöhnlichen, für das Gesamtpublikum
bestimmten Ausgaben auch dieser in der geistigen Entwicklung des
Verfassers mit einbegriffene frühere Standpunkt seinen Platz hat,
daß Verfasser wie Publikum ein unbestrittnes Recht haben auf un-
veränderten Abdruck dieser älteren Schriften. Und es wäre mir
nicht im Traum eingefallen, ein Wort daran zu ändern.
Anders, wenn die neue Auflage so gut wie ausschließlich zur Pro-
paganda unter Arbeitern bestimmt ist. Da würde Marx unbedingt die
alte, von 1849
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datierende Darstellung mit seinem neuen Standpunkt in Einklang
gebracht haben. Und ich bin mir gewiß, in seinem Sinn zu handeln,
wenn ich f ü r d i e s e A u s g a b e die wenigen Änderungen
und Zusätze vornehme, die erforderlich sind, um diesen Zweck in
allen wesentlichen Punkten zu erreichen. Ich sage also dem Leser
im voraus : Dies ist die Broschüre, nicht wie Marx sie 1849 nie-
dergeschrieben hat, sondern, annähernd, wie er sie 1891 geschrie-
ben hätte. Der wirkliche Text ist zudem in so zahlreichen Exem-
plaren verbreitet, daß dies hinreicht, bis ich ihn in einer spä-
tem Gesamtausgabe wieder unverändert abdrucken kann.
Meine Änderungen drehen sich alle um einen Punkt. Nach dem Origi-
nal verkauft der Arbeiter für den Arbeitslohn dem Kapitalisten
seine A r b e i t; nach dem jetzigen Text seine Arbeitskraft.
Und wegen dieser Änderung bin ich Auskunft schuldig. Auskunft den
Arbeitern, damit sie sehn, daß hier keine bloße Wortklauberei
vorliegt, sondern vielmehr einer der wichtigsten Punkte der gan-
zen politischen Ökonomie. Auskunft den Bourgeois, damit sie sich
überzeugen können, wie gewaltig die ungebildeten Arbeiter, denen
man die schwierigsten ökonomischen Entwicklungen mit Leichtigkeit
verständlich machen kann, unsern hochnäsigen "Gebildeten" überle-
gen sind, denen solche verzwickte Fragen unlöslich bleiben ihr
Leben lang.
Die klassische politische Ökonomie [491] übernahm aus der indu-
striellen Praxis die landläufige Vorstellung des Fabrikanten, als
kaufe und bezahle er die A r b e i t seiner Arbeiter. Diese
Vorstellung hatte für den Geschäftsgebrauch, die Buchführung und
Preiskalkulation des Fabrikanten ganz gut ausgereicht. Naiver-
weise übertragen in die politische Ökonomie, richtete sie hier
gar wundersame Irrungen und Wirrungen an.
Die Ökonomie findet die Tatsache vor, daß die Preise aller Waren,
darunter auch der Preis der Ware, die sie "Arbeit" nennt, fort-
während wechseln; daß sie steigen und fallen infolge von sehr
mannigfaltigen Umständen, die häufig mit der Herstellung der Ware
selbst in gar keinem Zusammenhang stehn, so daß die Preise in der
Regel durch den puren Zufall bestimmt scheinen. Sobald nun die
Ökonomie als Wissenschaft auftrat, war eine ihrer ersten Aufga-
ben, das Gesetz zu suchen, das sich hinter diesem, scheinbar die
Warenpreise beherrschenden Zufall verbarg und das i/i Wirklich-
keit diesen Zufall selbst beherrschte. Innerhalb der fortwähren-
den, bald nach oben, bald nach unten schwankenden und schwingen-
den Warenpreise suchte sie nach dem festen Zentralpunkt, um den
herum diese Schwankungen und Schwingungen sich vollziehn. Mit ei-
nem Worte: Sie ging von den Warenpreisen aus, um als deren re-
gelndes Gesetz den Waren w e r t zu suchen, aus dem sich alle
Preisschwankungen erklären, auf den sie schließlich alle wieder
zurückführen sollten.
Die klassische Ökonomie fand nun, daß der Wert einer Ware be-
stimmt werde durch die in ihr steckende, zu ihrer Produktion
erheischte Arbeit. Mit dieser Erklärung begnügte sie sich. Und
auch wir können einstweilen hierbei
#595# Engels' Einleitung zu Marx' "Lohnarbeit u. Kapital" (1891)
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stehn bleiben. Nur um Mißverständnissen vorzubeugen, will ich
daran erinnern, daß diese Erklärung heutzutage völlig ungenügend
geworden ist. Marx hat zuerst die wertbildende Eigenschaft der
Arbeit gründlich untersucht und dabei gefunden, daß nicht jede
scheinbar oder auch wirklich zur Produktion einer Ware notwendige
Arbeit dieser Ware unter allen Umständen eine Wertgröße zusetzt,
die der verbrauchten Arbeitsmenge entspricht. Wenn wir also heute
kurzweg mit Ökonomen wie Ricardo sagen, der Wert einer Ware be-
stimme sich durch die zu ihrer Produktion notwendige Arbeit, so
unterstellen wir dabei stets die von Marx gemachten Vorbehalte.
Dies genügt hier; das Weitre findet sich bei Marx in "Zur Kritik
der Politischen Oekonomie", 1859, und im ersten Band des
"Kapital".
Sobald aber die Ökonomen diese Wertbestimmung durch die Arbeit
anwandten auf die Ware "Arbeit", gerieten sie von einem Wider-
spruch in den andern. Wie wird der Wert der "Arbeit" bestimmt?
Durch die in ihr steckende notwendige Arbeit. Wieviel Arbeit aber
steckt in der Arbeit eines Arbeiters für einen Tag, eine Woche,
einen Monat, ein Jahr? Die Arbeit eines Tags, einer Woche, eines
Monats, eines Jahrs. Wenn die Arbeit das Maß aller Werte ist, so
können wir den "Wert der Arbeit" eben nur ausdrücken in Arbeit.
Wir wissen aber absolut nichts über den Wert einer Stunde Arbeit,
wenn wir nur wissen, daß er gleich einer Stunde Arbeit ist. Damit
sind wir also kein Haarbreit näher am Ziel; wir drehen uns in ei-
nem fort im Kreise.
Die klassische Ökonomie versuchte es also mit einer andern Wen-
dung; sie sagte: Der Wert einer Ware ist gleich ihren Produkti-
onskosten. Aber was sind die Produktionskosten der Arbeit? Um
diese Frage zu beantworten, müssen die Ökonomen der Logik ein
bißchen Gewalt antun. Statt der Produktionskosten der Arbeit
selbst, die leider nicht zu ermitteln sind, untersuchen sie nun,
was die Produktionskosten des A r b e i t e r s sind. Und diese
lassen sich ermitteln. Sie wechseln je nach Zeit und Umständen,
aber für einen gegebnen Gesellschaftszustand, eine gegebne Loka-
lität, einen gegebnen Produktionszweig sind sie ebenfalls gege-
ben, wenigstens innerhalb ziemlich enger Grenzen. Wir leben heute
unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktion, wo eine
große, stets wachsende Klasse der Bevölkerung nur leben kann,
wenn sie für die Besitzer der Produktionsmittel - der Werkzeuge,
Maschinen, Rohstoffe und Lebensmittel - gegen Arbeitslohn arbei-
tet. Auf Grundlage dieser Produktionsweise bestehen die Produkti-
onskosten des Arbeiters in derjenigen Summe von Lebensmitteln -
oder deren Geldpreis -, die durchschnittlich nötig sind, ihn ar-
beitsfähig zu machen, arbeitsfähig zu erhalten und ihn bei seinem
Abgang durch Alter, Krankheit oder Tod durch einen neuen Arbeiter
zu ersetzen, also die Arbeiterklasse in der benötigten Stärke
fortzupflanzen. Nehmen wir an, der Geldpreis dieser Lebensmittel
sei im Durchschnitt drei Mark täglich.
Unser Arbeiter erhält also von dem ihn beschäftigenden Kapitali-
sten einen Lohn von drei Mark täglich. Der Kapitalist läßt ihn
dafür, sage zwölf
#596# Beilagen
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Stunden täglich, arbeiten. Und zwar kalkuliert dieser Kapitalist
etwa folgendermaßen:
Nehmen wir an, unser Arbeiter - Maschinenschlosser - habe ein
Stück einer Maschine zu arbeiten, das er in einem Tage fertig-
macht. Der Rohstoff - Eisen und Messing in der nötigen vorge-
arbeiteten Form - koste 20 M. Der Verbrauch an Kohlen der Dampf-
maschine, der Verschleiß dieser selben Dampfmaschine, der Dreh-
bank und der übrigen Werkzeuge, womit unser Arbeiter arbeitet,
stelle dar, für einen Tag und auf seinen Anteil berechnet, einen
Wert von 1 M. Der Arbeitslohn für einen Tag ist nach unsrer An-
nahme 3 M. Macht zusammen für unser Maschinenstück 24 M. Der
Kapitalist rechnet aber heraus, daß er dafür im Durchschnitt
einen Preis von 27 M. von seinen Kunden erhält, also 3 M. über
seine ausgelegten Kosten.
Woher kommen diese 3 M., die der Kapitalist einsteckt? Nach der
Behauptung der klassischen Ökonomie werden die Waren im Durch-
schnitt zu ihren Werten, d. h. zu Preisen verkauft, die den in
diesen Waren enthaltnen notwendigen Arbeitsmengen entsprechen.
Der Durchschnittspreis unsres Maschinenteils - 27 M. - wäre also
gleich seinem Wert, gleich der in ihm steckenden Arbeit. Aber von
diesen 27 M. waren 21 M. bereits vorhandne Werte, ehe unser Ma-
schinenschlosser zu arbeiten anfing. 20 M. steckten im Rohstoff,
1 M. in Kohlen, die während der Arbeit verbrannt, oder in Maschi-
nen und Werkzeugen, die dabei gebraucht und in ihrer Leistungsfä-
higkeit bis zum Wert dieses Betrags geschmälert wurden. Bleiben 6
M., die dem Wert des Rohstoffs zugesetzt worden sind. Diese sechs
Mark können aber nach der Annahme unsrer Ökonomen selbst nur her-
stammen aus der dem Rohstoff durch unsern Arbeiter zugesetzten
Arbeit. Seine zwölfstündige Arbeit hat danach einen neuen Wert
von sechs Mark geschaffen. Der Wert seiner zwölfstündigen Arbeit
wäre also gleich sechs Mark. Und damit hätten wir also endlich
entdeckt, was der "Wert der Arbeit" ist.
"Halt da!" ruft unser Maschinenschlosser. "Sechs Mark? Ich habe
aber nur drei Mark erhalten! Mein Kapitalist schwört Stein und
Bein, der Wert meiner zwölfstündigen Arbeit sei nur drei Mark,
und wenn ich sechs verlange, so lacht er mich aus. Wie reimt sich
das?"
Kamen wir vorhin mit unserm Wert der Arbeit in einen Zirkel ohne
Ausweg, so sind wir jetzt in einem unlöslichen Widerspruch erst
recht festgeritten. Wir suchten den Wert der Arbeit und fanden
mehr, als wir brauchen können. Für den Arbeiter ist der Wert der
zwölfstündigen Arbeit drei Mark, für den Kapitalisten sechs Mark,
wovon er drei dem Arbeiter als Lohn zahlt und drei selbst in die
Tasche steckt. Also hätte die Arbeit nicht einen, sondern zwei
Werte, und sehr verschiedne obendrein!
Der Widerspruch wird noch widersinniger, sobald wir die in Geld
ausgedrückten Werte auf Arbeitszeit reduzieren. In den zwölf
Stunden Arbeit wird ein Neuwert von sechs Mark geschaffen. Also
in sechs Stunden drei Mark - die Summe, die der Arbeiter für
zwölfstündige Arbeit erhält. Für
#597# Engels' Einleitung zu Marx' "Lohnarbeit u. Kapital" (1891)
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zwölfstündige Arbeit erhält der Arbeiter als gleichen Gegenwert
das Produkt von sechs Stunden Arbeit. Entweder also hat die Ar-
beit zwei Werte, wovon der eine doppelt so groß wie der andre,
oder zwölf sind gleich sechs ! In beiden Fällen kommt reiner Wi-
dersinn heraus.
Wir mögen uns drehen und wenden wie wir wollen, wir kommen nicht
heraus aus diesem Widerspruch, solange wir vom Kauf und Verkauf
der Arbeit und vom Wert der Arbeit sprechen. Und so ging es den
Ökonomen auch. Der letzte Ausläufer der klassischen Ökonomie, die
Ricardosche Schule, ging großenteils an der Unlösbarkeit dieses
Widerspruchs zugrunde. Die klassische Ökonomie hatte sich in eine
Sackgasse festgerannt. Der Mann, der den Weg aus dieser Sackgasse
fand, war Karl Marx.
Was die Ökonomen als die Produktionskosten "der Arbeit" angesehn
hatten, waren die Produktionskosten nicht der Arbeit, sondern des
lebendigen Arbeiters selbst. Und was dieser Arbeiter dem Kapita-
listen verkaufte, war nicht seine Arbeit. "Sobald seine Arbeit
wirklich beginnt", sagt Marx, "hat sie bereits aufgehört, ihm zu
gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden." [492] Er
könnte also höchstens seine k ü n f t i g e Arbeit verkaufen,
d.h. die Verpflichtung übernehmen, eine bestimmte Arbeitsleistung
zu bestimmter Zeit auszuführen. Damit aber verkauft er nicht Ar-
beit (die doch erst geschehen sein müßte), sondern er stellt dem
Kapitalisten auf bestimmte Zeit (im Taglohn) oder zum Zweck einer
bestimmten Arbeitsleistung (im Stücklohn) seine Arbeitskraft ge-
gen eine bestimmte Zahlung zur Verfügung: Er vermietet resp. ver-
kauft seine A r b e i t s k r a f t. Diese Arbeitskraft ist
aber mit seiner Person verwachsen und von ihr untrennbar. Ihre
Produktionskosten fallen daher mit seinen Produktionskosten zu-
sammen; was die Ökonomen die Produktionskosten der Arbeit nann-
ten, sind eben die des Arbeiters und damit die der Arbeitskraft.
Und so können wir auch von den Produktionskosten der Arbeitskraft
auf den W e r t der Arbeitskraft zurückgehn und die Menge Von
gesellschaftlich notwendiger Arbeit bestimmen, die zur Herstel-
lung einer Arbeitskraft von bestimmter Qualität erforderlich ist,
wie dies Marx im Abschnitt vom Kauf und Verkauf der Arbeitskraft
getan hat ("Kapital", Band I, Kapitel 4, 3. Abteilung).
Was geschieht nun, nachdem der Arbeiter dem Kapitalisten seine
Arbeitskraft verkauft, d.h. gegen einen vorausbedungnen Lohn -
Taglohn oder Stücklohn - zur Verfügung gestellt hat? Der Kapita-
list führt den Arbeiter in seine Werkstatt oder Fabrik, wo sich
bereits alle zur Arbeit erforderlichen Gegenstände, Rohstoffe,
Hülfsstoffe (Kohlen, Farbstoffe etc.), Werkzeuge, Maschinen, vor-
finden. Hier fängt der Arbeiter an zu schanzen. Sein Tageslohn
sei wie oben 3 Mark - wobei es nichts ausmacht, ob er sie im
Taglohn oder im Stücklohn verdient. Wir nehmen auch hier wieder
an, daß der Arbeiter in zwölf Stunden den vernutzten Rohstoffen
durch seine Arbeit einen Neuwert von sechs Mark zusetzt, welchen
Neuwert der Kapitalist beim Verkauf des fertigen Werkstücks re-
alisiert. Er zahlt davon dem Arbeiter seine
#598# Beilagen
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3 Mark, die andern 3 Mark aber behält er selbst. Wenn nun der Ar-
beiter in zwölf Stunden einen Wert von sechs Mark schafft, so in
sechs Stunden einen Wert von 3 Mark. Er hat also dem Kapitalisten
den Gegenwert der im Arbeitslohn erhaltnen drei Mark schon wieder
vergütet, nachdem er für ihn sechs Stunden gearbeitet. Nach sechs
Stunden Arbeit sind beide quitt, keiner ist dem andern einen Hel-
ler schuldig.
"Halt da!" ruft jetzt der Kapitalist. "Ich habe den Arbeiter für
einen ganzen Tag, für zwölf Stunden gemietet. Sechs Stunden sind
aber nur ein halber Tag. Also flott fortgeschanzt, bis die andern
sechs Stunden auch um sind - erst dann sind wir quitt!" Und der
Arbeiter hat sich in der Tat seinem "freiwillig" eingegangnen
Kontrakt zu fügen, wonach er sich verpflichtet, für ein Ar-
beitsprodukt, das sechs Arbeitsstunden kostet, zwölf ganze Stun-
den zu arbeiten.
Beim Stücklohn ist es geradeso. Nehmen wir an, unser Arbeiter
schafft in 12 Stunden 12 Stück Ware. Davon kostet jedes an Roh-
stoff und Verschleiß 2 M. und wird verkauft zu 2 1/2 M. So wird
der Kapitalist, bei sonst denselben Voraussetzungen wie vorhin,
dem Arbeiter 25 Pf. per Stück geben; macht auf 12 Stück 3 M., die
zu verdienen der Arbeiter zwölf Stunden braucht. Der Kapitalist
erhält für die 12 Stück 30 M.; ab für Rohstoff und Verschleiß 24
M., bleiben 6 M., wovon er 3 M. Arbeitslohn zahlt und drei M.
einsteckt. Ganz wie oben. Auch hier arbeitet der Arbeiter sechs
Stunden für sich, d.h. zum Ersatz seines Lohns (in jeder der
zwölf Stunden 1/2 Stunde), und sechs Stunden für den Kapitali-
sten.
Die Schwierigkeit, an der die besten Ökonomen scheiterten, so-
lange sie vom Wert der "Arbeit" ausgingen, verschwindet, sobald
wir statt dessen vom Wert der "Arbeits k r a f t" ausgehn. Die
Arbeitskraft ist eine Ware in unsrer heutigen kapitalistischen
Gesellschaft, eine Ware wie jede andre, aber doch eine ganz be-
sondre Ware. Sie hat nämlich die besondre Eigenschaft, wertschaf-
fende Kraft, Quelle von Wert zu sein, und zwar, bei geeigneter
Behandlung, Quelle von mehr Wert, als sie selbst besitzt. Bei dem
heutigen Stand der Produktion produziert die menschliche Arbeits-
kraft nicht nur in einem Tag einen größern Wert, als sie selbst
besitzt und kostet; mit jeder neuen wissenschaftlichen Ent-
deckung, mit jeder neuen technischen Erfindung steigert sich die-
ser Überschuß ihres Tagesprodukts über ihre Tageskosten, verkürzt
sich also derjenige Teil des Arbeitstags, worin der Arbeiter den
Ersatz seines Tageslohns herausarbeitet, und verlängert sich also
andrerseits derjenige Teil des Arbeitstags, worin er dem Kapita-
listen seine Arbeit schenken muß, ohne dafür bezahlt zu werden.
Und dies ist die wirtschaftliche Verfassung unsrer ganzen heuti-
gen Gesellschaft: Die arbeitende Klasse allein ist es, die alle
Werte produziert. Denn Wert ist nur ein andrer Ausdruck für Ar-
beit, derjenige Ausdruck, wodurch in unsrer heutigen kapitalisti-
schen Gesellschaft die Menge der in einer bestimmten Ware stec-
kenden, gesellschaftlich notwendigen Arbeit bezeichnet wird.
Engels' Einleitung zu Marx' "Lohnarbeit u. Kapital" (1891) 599
Diese von den Arbeitern produzierten Werte gehören aber nicht den
Arbeitern. Sie gehören den Eigentümern der Rohstoffe, der Maschi-
nen und Werkzeuge und der Vorschußmittel, die diesen Eigentümern
erlauben, die Arbeitskraft der Arbeiterklasse zu kaufen. Von der
ganzen, von ihr erzeugten Produktionsmasse erhält also die Arbei-
terklasse nur einen Teil für sich zurück. Und, wie wir eben ge-
sehn, wird der andre Teil, den die Kapitalistenklasse für sich
behält und höchstens noch mit der Grundeigentümerklasse zu teilen
hat, mit jeder neuen Erfindung und Entdeckung größer, während der
der Arbeiterklasse zufallende Teil (auf die Kopfzahl berechnet)
entweder nur sehr langsam und unbedeutend oder auch gar nicht
steigt und unter Umständen sogar fallen kann.
Aber diese stets rascher einander verdrängenden Erfindungen und
Entdeckungen, diese sich in bisher unerhörtem Maße Tag auf Tag
steigernde Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit schafft zuletzt
einen Konflikt, worin die heutige kapitalistische Wirtschaft zu-
grunde gehn muß. Auf der einen Seite unermeßliche Reichtümer und
einen Überfluß von Produkten, den die Abnehmer nicht bewältigen
können. Auf der andern die große Masse der Gesellschaft proleta-
risiert, in Lohnarbeiter verwandelt und eben dadurch unfähig ge-
macht, jenen Überfluß von Produkten sich anzueignen. Die Spaltung
der Gesellschaft in eine kleine, übermäßig reiche und eine große,
besitzlose Lohnarbeiterklasse bewirkt, daß diese Gesellschaft in
ihrem eignen Überfluß erstickt, während die große Mehrzahl ihrer
Glieder kaum oder nicht einmal vor dem äußersten Mangel geschützt
ist. Dieser Zustand wird mit jedem Tag widersinniger und - unnö-
tiger. Er m u ß beseitigt werden, er k a n n beseitigt wer-
den. Eine neue Gesellschaftsordnung ist möglich, worin die heuti-
gen Klassenunterschiede verschwunden sind und wo - vielleicht
nach einer kurzen, etwas knappen, aber jedenfalls moralisch sehr
nützlichen Übergangszeit - durch planmäßige Ausnutzung und Wei-
terbildung der schon vorhandnen ungeheuren Produktivkräfte aller
Gesellschaftsglieder, bei gleicher Arbeitspflicht, auch die Mit-
tel zum Leben, zum Lebensgenuß, zur Ausbildung und Betätigung
aller körperlichen und geistigen Fähigkeiten, gleichmäßig und in
stets wachsender Fülle zur Verfügung stehn. Und daß die Arbeiter
mehr und mehr entschlossen sind, sich diese neue Gesellschafts-
ordnung zu erkämpfen, davon wird Zeugnis ablegen, auf beiden
Seiten des Ozeans, der morgende erste Mai und der Sonntag, der
dritte Mai. [493]
London, 30. April 1891
Friedrich Engels
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