Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Die Persönlichkeiten des Bundesrats [97]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 155 vom 29. November 1848]
** Bern, 24. November. Es wird den Lesern der "N[euen] Rheini-
schen] Z[ei]t[un]g" nicht unangenehm sein, einige Details über
die Persönlichkeiten zu erfahren, die jetzt berufen sind, die
Schweiz unter Kontrolle der beiden Räte [27] zu regieren, und die
jetzt eben in Tätigkeit getreten sind. Fünf Mitglieder des Bun-
desrats haben unbedingt, eines, Herr Furrer, provisorisch bis zum
Frühjahr die Wahl angenommen, und über die Annahme des siebenten
(Munzinger) kann kein Zweifel obwalten.
Der Präsident des Bundesrats, Herr Furrer, ist der echte Typus
des Zürichers. Er hat, wie man in Frankreich sagen würde, l'air
éminemment bourgeois 1*). Kleidung, Haltung, Gesichtszüge bis zur
silbernen Brille verraten auf den ersten Blick den "freien
Reichsstädter", der sich als Präsident des Vororts [77] und resp.
der Tagsatzung [30] zwar etwas zivilisiert hat, aber dennoch
"jeder Zoll ein Provinzialist" [98] geblieben ist. Herr Furrer,
einer der tüchtigsten Advokaten des "schweizerischen Athen" (so
beliebt der Züricher Spießbürger sein Städtchen von 10 000 Ein-
wohnern zu nennen), hat das hauptsächlichste Verdienst, durch
seine konsequenten Bemühungen und seinen gemäßigten Liberalismus
das Züricher Septemberregiment [99] gestürzt und den Kanton der
Partei der Bewegung wiedergegeben zu haben. Als Tagsatzungspräsi-
dent ist er seinen Prinzipien treu geblieben. Gemäßigter Fort-
schritt nach innen, strengste Neutralität nach außen war die Po-
litik, die er verfolgte. Daß er jetzt Präsident des Bundesrats
geworden, ist mehr Zufall als Absicht. Man hätte lieber einen
Berner genommen; aber da blieb nur die Wahl zwischen Ochsenbein,
gegen den große Antipathien herrschten, und Neuhaus, der jetzt,
1848, ebenso konservativ auftrat wie vor fünf bis sechs Jahren
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1*) ein höchst bürgerliches Aussehen
#65# Die Persönlichkeiten des Bundesrats
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deshalb gar nicht in den Bundesrat gewählt wurde. In dieser Ver-
legenheit nahm man einen Züricher, und da war Furrer allerdings
der passendste. Furrer repräsentiert also keineswegs ganz genau
die Majorität der Bundesversammlung, aber er repräsentiert wenig-
stens die Majorität der deutschen Schweiz.
Der Vizepräsident Druey ist in allen Stücken das Gegenteil Fur-
rers und der beste Repräsentant, den die französische Schweiz
schicken konnte. Ist Furrer der Majorität und vollends der radi-
kalen Minorität zu gemäßigt, so ist Druey den meisten viel zu ra-
dikal. Ist Furrer ein gesetzter bürgerlicher Liberaler, so ist
Druey ein entschiedener Anhänger der roten Republik. Die her-
vorragende Rolle, die Druey in den letzten Revolutionen seines
Kantons gespielt hat, ist bekannt; weniger bekannt, aber desto
größer sind die vielseitigen Verdienste, die er sich um seinen
Kanton (Waadt) erworben hat. Druey, der sozialistische Demokrat
von der Farbe Louis Blancs, der erste Kenner des Staatsrechts und
der rascheste und fleißigste Arbeiter in der ganzen Schweiz, ist
ein Element im Bundesrat, das mit der Zeit mehr und mehr an Ein-
fluß gewinnen und von der besten Wirkung sein muß.
Ochsenbein, der Chef der Freischaren gegen Luzern, der Präsident
der Tagsatzung, die den Sonderbundskrieg [31] beschloß, der
Oberst der Berner Reserven in diesem Feldzug, ist durch seine An-
tezedenzien nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa be-
kannt und populär geworden. Aber weniger bekannt ist sein Beneh-
men seit der Februarrevolution. Der teilweise sozialistische Cha-
rakter dieser Revolution, die Maßregeln der provisorischen] Re-
gierung in Frankreich und die ganze Bewegung des franz[ösischen]
Proletariats schüchterten ihn, den démocrate pur 1*), den die
Franzosen zur Partei des "National" [73] rechnen würden, nicht
wenig ein. Er näherte sich allmählich der gemäßigten Richtung.
Besonders in der auswärtigen Politik, in der er vor und während
des Sonderbundskriegs soviel Energie gezeigt hatte, neigte er
sich mehr und mehr dem alten System der sogenannten strikten Neu-
tralität zu, die in Wirklichkeit jedoch nichts als die Politik
des Konservatismus und der Konnivenz gegen die Reaktion ist. So
zauderte er als Vorortspräsident mit der Anerkennung der franzö-
sischen] Republik und benahm sich mindestens zweideutig in der
italienischen Angelegenheit. Dazu kommt noch, daß die ungestüme
Leidenschaftlichkeit, mit der er die Tagsatzung präsidierte und
die ihn oft zur Parteilichkeit gegen die Radikalen fortriß, ihm
bei diesen und namentlich bei den französischen] Schweizern viele
Feinde gemacht hat. Wäre für das Berner Mitglied eine andere Wahl
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1*) Demokraten reinsten Wassers
#66# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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zu treffen gewesen als zwischen ihm und Neuhaus, Ochsenbein würde
weit weniger Stimmen auf sich vereinigt haben.
Oberst Frey-Hérosé von Aargau gilt für eine der militärischen Ka-
pazitäten der Schweiz. Er war Chef des Generalstabs im Feldzug
gegen den Sonderbund. Wie die meisten schweizerischen Stabsoffi-
ziere hat auch er in seinem Kanton schon seit längerer Zeit eine
politische Rolle gespielt und ist dadurch auch mit der Zivilver-
waltung vertraut geworden. Er wird in seiner neuen Stellung je-
denfalls für das militärische Departement Tüchtiges leisten. Sei-
ner politischen Farbe nach gehört er den entschiedeneren Libera-
len seines Kantons an.
Staatsrat Franscini aus Tessin ist unbedingt einer der geach-
tetsten öffentlichen Charaktere der ganzen Schweiz. Seit langen
Jahren hat er in seinem Kanton unermüdlich gearbeitet. Er war es
hauptsächlich, der 1830, schon v o r der Julirevolution, es da-
hin brachte, daß das verachtete, für politisch unmündig angese-
hene Tessin zuerst in der ganzen Schweiz und ohne Revolution die
alte oligarchische Verfassung durch eine demokratische ersetzte;
er war es wiederum, der an der Spitze der Revolution von 1840
stand, welche die erschlichene Herrschaft der Pfaffen und Oligar-
chen zum zweitenmal stürzte. Franscini war es ferner, der nach
dieser Revolution die in den Händen der Reaktionäre ganz in Un-
ordnung geratene Verwaltung neu organisierte, den zahllosen ein-
gerissenen Diebstählen, Unterschleifen, Bestechungen und Ver-
schleuderungen einen Riegel vorschob und endlich den unter der
Leitung der Mönche gänzlich verkommenen Schulunterricht, soweit
es die Mittel des armen Gebirgslandes erlaubten, neu organi-
sierte. Dadurch entzog er den Priestern ein Hauptmittel der Ein-
wirkung auf das Volk, und die Folgen traten in dem steigenden
Vertrauen der Tessiner in ihre Regierung jedes Jahr mehr hervor.
Franscini gilt außerdem für den gebildetsten Ökonomen der Schweiz
und ist der Verfasser der besten schweizerischen Statistik
("Statistica della Svizzera", Lugano 1827, "Nuova Stat[istica]
della Sviz[zera], 1848). Er ist ein entschiedener Radikaler und
wird im Bundesrat mehr zu Druey als zu Ochsenbein und Furrer hal-
ten. Die Tessiner rechnen ihm, dem langjährigen Chef ihrer Regie-
rung, namentlich seine "ehrenvolle Armut" hoch an.
Regierungsrat Munzinger aus Solothurn ist der einflußreichste
Mann seines Kantons, den er seit 1830 fast dauernd auf der Tag-
satzung vertreten hat und den er seit Jahren tatsächlich regiert.
Er soll, wie sich ein halbradikales Blatt der französischen
Schweiz, die "Gazette de Lausanne" [100], ausdrückt, cacher sous
les apparences de la bonhommie un esprit fin et pénétrant 1*),
d.h.,
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1*) einen feinen und scharfen Verstand hinter einem biederen Äu-
ßeren verbergen
#67# Die Persönlichkeiten des Bundesrats
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er besitzt jene unter gutmütig-biedermännischer Außenseite ver-
deckte kleine Schlauheit, die in Reichsstädten für Diplomatie an-
gesehen wird. Im übrigen ist er ein gemäßigter Fortschrittsmann à
la Furrer und verlangt, die Schweiz soll sich nur um ihre eigenen
Angelegenheiten kümmern und die große europäische Politik Gott
und Lord Palmerston überlassen. Daher ist er durchaus nicht gün-
stig auf die ausländischen Flüchtlinge zu sprechen, die der
Schweiz bisher immer Unannehmlichkeiten zugezogen haben. Er hat,
in Verbindung mit dem Schweizer Athenienser Dr. Escher, in Tessin
neuerdings wieder Proben seiner Gesinnungen in dieser Beziehung
abgelegt. Überhaupt vertreten Furrer und Munzinger im Bundesrat
ganz vollkommen die Vorurteile und Borniertheiten des
"aufgeklärten" deutschen Schweizers.
Endlich Herr Näff von St. Gallen, von dem ich wenig zu sagen
weiß. Er soll in seinem Kanton wesentlich zur Hebung der Verwal-
tung beigetragen und sich auch sonst ausgezeichnet haben. Der
Kanton St. Gallen, liest man in Schweizer Blättern, sei überhaupt
einer der reichsten und tüchtigsten Männer; aber diese tüchtigen
Männer haben das Unglück, daß man von ihnen nicht viel hört, und
jedenfalls scheint es ihnen an Initiative zu fehlen. Doch soll
Herr Näff in seiner Spezialität als Verwaltungsmann nicht ohne
Verdienst sein. Seiner politischen Richtung nach steht er zwi-
schen Furrer und Ochsenbein; entschiedener als jener, nicht ganz
so weit gehend, wie von diesem nach seinen Antezedenzien viel-
leicht noch erwartet werden kann.
Nach dieser Zusammensetzung des Bundesrats ist die Politik, die
die Schweiz vorderhand verfolgen wird, unzweifelhaft. Es ist die-
selbe, die die alte Tagsatzung und der Vorort Bern unter Ochsen-
beins und später Funks (der ohne Ochsenbein nichts ist) Leitung
verfolgt haben. Nach innen strenge Handhabung der neuen Bundes-
verfassung, die der Kantonalsouveränetät nur noch zuviel Spiel-
raum läßt, nach außen strenge Neutralität, natürlich strenger
oder gelinder nach den Umständen, strenger namentlich gegenüber
Östreich. Die gemäßigte Partei hat entschieden die Oberhand, und
es ist wahrscheinlich, daß Herr Ochsenbein in den meisten Fragen
mit ihr stimmen wird.
Wie aber eine Minorität, wie Druey und Franscini unter solchen
Umständen die Wahl annehmen, sich der Annehmlichkeit, fortwährend
überstimmt zu werden, aussetzen konnte, wie ein solches Kollegium
nur zusammen regieren kann, das zu begreifen, muß man Schweizer
sein oder gesehen haben, wie die Schweiz regiert wird. Hier, wo
alle vollziehenden Behörden kollegialisch deliberieren, geht man
nach dem Prinzip: Nimm die Stelle nur an, heute bist du freilich
in der Minorität, aber vielleicht kannst du doch nützen, und wer
weiß, ob nicht Todesfälle, Abdankungen usw. dich nach einem oder
zwei Jahren in die Majorität bringen. Es ist das die natürliche
#68# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Folge davon, daß regierende Kollegien aus einer Wahl hervorgehen.
Jede Partei sucht dann, gerade wie in den gesetzgebenden Versamm-
lungen, sich durch die Eindrängung eines oder mehrerer Kandidaten
in dem Kollegium wenigstens festzusetzen, sich eine Minorität zu
sichern, solange sie keine Majorität erringen kann. Sie würde es
ihren Kandidaten nicht übelnehmen, wenn sie, wie dies in größern
Ländern unbedingt geschehen würde, die Wahl ablehnen wollten.
Aber der Bundesrat ist keine commission du pouvoir exécutif
[101], und von der Stellung Drueys zu der Ledru-Rollins ist es
unendlich weit.
Die Schweizer Presse behauptet allgemein, der Bundesrat sei aus
Kapazitäten ersten Ranges zusammengesetzt. Ich zweifle indes, ob
außer Druey und Franscini ein einziges Mitglied in einem größeren
Lande je eine hervorragende Rolle einnehmen und ob, mit Ausnahme
von Frey-Hérosé und Ochsenbein, einer der drei andern es nur zu
einer bedeutenden s e k u n d ä r e n Rolle bringen würde.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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