Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Der Bericht des Frankfurter Ausschusses
über die östreichischen Angelegenheiten
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 154 vom 28. November 1848]
* Köln, 27. November. Vor einigen 40 Jahren gab es Leute, die
"Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung" schilderten. [102]
Gut, daß sie bereits ad patres 1*) gegangen. Sie könnten jetzt
ein solches Buch nicht schreiben; sie wüßten keinen Titel für
dasselbe, und wählten sie den alten, sie widersprächen sich
selbst.
Denn für Deutschland gibt es stets, um mit dem englischen Dichter
zu reden, "beneath the lowest deep a lower still". [103]
Wir glaubten, mit Abschluß des dänischen Waffenstillstandes sei
die größte Schmach erschöpft. Über die Erniedrigung Deutschlands
schien uns nach dem Auftreten des Reichsgesandten Raumer in Pa-
ris, Heckschers in Italien, des Kommissärs Stedtmann in Schles-
wig-Holstein und nach den beiden Noten an die Schweiz [78] nichts
hinausgehen zu können. Das Auftreten der beiden Reichskommissäre
in den ö s t r e i c h i s c h e n Angelegenheiten beweist un-
sere Täuschung. Wie unglaublich weit deutsche Reichskommissäre es
mit der Ehre Deutschlands treiben, welche stupide Unfähigkeit,
Feigheit oder Verräterei die Herren des alten Liberalismus in
sich bergen können, ergibt sich zur Genüge aus dem eben erschie-
nenen "Bericht des Ausschusses für die östreichischen Angelegen-
heiten etc.", namentlich aus den darin enthaltenen 20 Schrift-
stücken. [104]
Am 13.Oktober reisen die Herren Welcker und Mosle im Auftrage der
Zentralgewalt von Frankfurt ab "zur Vermittelung in den
W i e n e r Angelegenheiten". In der neuen Zentraldiplomatie un-
bewanderte Leute erwarteten binnen einigen Tagen die Nachricht
von der Ankunft dieser Herren in Wien. Man wußte damals noch
nicht, daß Reichskommissäre eigene Reiserouten
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1*) zu den Vätern
#70# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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besitzen. Die reichsverweserlichen Eisele und Beisele [105]
schlugen den geradesten Weg nach W i e n ein über -
M ü n c h e n. Die bekannte Reisekarte aus der "Jobsiade" [106]
in der Hand, langten sie dort am 15. Oktober abends an. Bis zum
17. Oktober mittags studierten sie jetzt die Wiener Ereignisse im
traulichen Verein mit den bayerischen Ministern und dem östrei-
chischen Geschäftsträger. In ihrem ersten Briefe an Herrn Schmer-
ling geben sie Rechenschaft von ihren Vorstudien. In München ha-
ben beide einen lichten Augenblick. Sie wünschen sehnlichst die
Ankunft eines "dritten Collega", womöglich eines Preußen, "weil
wir dadurch dem großen Auftrage besser gewachsen sein werden".
Der Herr "Collega" erscheint nicht. Die Trinitätshoffnung schei-
tert; der ärmliche Dualis muß allein in die Welt hinaus. Was wird
nun aus dem "großen Auftrage" werden? Der große Auftrag wird in
den Taschen der Herren Welcker und Mosle nach Passau gefahren.
Noch vorm Überschreiten des östreichischen Rubicon [107] läßt der
"große Auftrag" eine Proklamation vorausmarschieren. Da drüben
aber war's fürchterlich! [108]
"Auch ist", schreibt Welcker an Schmerling, "die Bevölkerung hier
an der österreichischen Grenze keineswegs von revolutionären und
terroristischen Erscheinungen frei", ja "selbst die Nationalgar-
den von Krems wurden nur durch das Zuvorkommen einer militäri-
schen Besetzung der Brücke außerstand gesetzt, dieselbe ihrem
Kaiser abzubrechen und diesen also gewissermaßen gefangenzuneh-
men."
Welcher Leser wäre verhärtet genug, diese Empfindungen einer
schönen Staatslexikonseele [109] nicht vollständig zu würdigen!
Nachdem sich die beiden Herren vom 18. mittags bis zum 20. früh
in Passau gestärkt, begeben sie sich nach Linz.
Am 13.Oktober waren sie von Frankfurt abgereist, am 20. abends
sind sie schon in Linz. Liegt nicht in dieser ungeheuern Schnel-
ligkeit Beweis genug für die Wichtigkeit ihres "großen Auftrages"
? Sollten sie durch besondere Instruktionen zu dieser enormen
Eile angetrieben worden sein? Genug, nach sieben vollen Tagen
langen die Herren in Linz an. Diese Stadt, die bei ihrer "großen,
schon durch Wiener Emissäre bearbeiteten Fabrikbevölkerung" im
Herrn Welcker während seines Aufenthalts in Passau bange Ahnungen
weckte, zeigt durchaus nichts von den wahrscheinlich für ihn und
seinen zweiten Herrn Collega im Geist erblickten Galgen. Im Ge-
genteil:
"Die gesamte Nationalgarde mit ihrem Offizierskorps und ihrer Mu-
sik... empfing uns in feierlicher Aufstellung mit fliegender
deutscher Fahne und im Verein mit dem umgebenden Volk mit wieder-
holtem Lebehoch."
Linz - das revolutionäre Sodom - löst sich somit in eine gutge-
sinnte Stadt auf, die Bonhomie genug besitzt, unsere trefflichen
Reichskommissäre feierlich
#71# Frankfurter Ausschuß über östreichische Angelegenheiten
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zu empfangen. Desto grausiger tritt dafür Wien in den Welcker-
Mosleschen Berichten an Herrn Schmerling als das gottloseste Go-
morrha, als ein Höllenpfuhl der Anarchie etc. hervor.
Am 21. stiegen die Herren aufs Dampfschiff und fuhren nach Krems.
Unterwegs berichteten sie nach Frankfurt, daß sie in Linz Ehren-
wachen gehabt, daß die Hauptwache vor ihnen unters Gewehr getre-
ten und ähnliche gleich wichtige Dinge mehr. Zugleich fertigen
sie drei Briefe: an Windischgrätz, Minister Kraus und an das Prä-
sidium des Reichstags.
Sollte irgend jemand von der mehr als achttägigen Wirksamkeit un-
serer Reichskommissäre noch nicht vollständig befriedigt sein,
der begleite sie jetzt in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober
nach Stammersdorf ins Hauptquartier von Windischgrätz. Hier
strahlt uns die kommissarische Zentralgewalt in aller Glorie ent-
gegen. "Windischgrätz", sagt Welcker-Mosle, "lehnte jede Einwir-
kung von unserer Seite mit einer g e w i s s e n S c h r o f f-
h e i t ab." Mit andern Worten: Sie erhalten Fußtritte und
müssen sich ihres Weges trollen. "Ja, er wollte nicht einmal
unsere Vollmacht einsehen", klagt Welcker seinem Minister
Schmerling. Und um das Maß der Betrübnis vollzumachen: Win-
dischgrätz bietet der vor ihm stehenden personifizierten Zentral-
gewalt keinen Tropfen Wein an, nicht einmal einen Schnaps.
Unsere Kommissäre setzen sich also wieder in den Wagen, summen
traurig vor sich hin: "O du Deutschland etc." [110] und fahren
nach - Wien? Bewahre der Himmel! nach Olmütz, "ans kaiserliche
Hoflager". Und sie taten wohl daran. Dem ganzen Reichswitz hätte
die Pointe gefehlt, der Vermittelungskomödie der letzte Akt. Wa-
ren sie von Windischgrätz wie dumme Schulbuben traktiert worden,
so fanden sie in Olmütz "von Seiten des Kaisers und der kaiserli-
chen Familie e i n e v i e l e n t g e g e n k o m m e n-
d e r e A u f n a h m e" (vgl. S. 11 des Berichts, Schreiben
Nr. 6). Sie wurden zur Tafel geladen, und "wir haben uns",
schrieben sie weiter an Herrn Schmerling, "der g n ä d i g-
s t e n Aufnahme zu erfreuen gehabt". Das ist keineswegs die
deutsche Lakaiennatur, die sich hier ausspricht, sondern innigste
Dankbarkeit, die in dem Liede: "Nach so vielen Leiden etc." [111]
ihren entsprechenden Ausdruck findet.
Nach allem Essen und Trinken bleibt immer noch der bekannte
"große Auftrag" zu erledigen. Unsere beiden Kommissäre wenden
sich schriftlich an den Minister Freiherrn von Wessenherg.
"Ew. Exzellenz" (beginnt der Brief vom 25. Oktober) "ersuchen wir
ergebenst, uns g e n e i g t e s t eine Stunde bestimmen zu
wollen, in welcher es Ihnen gefällig wäre, unsern Dank für die
wohlwollende Aufnahme zu empfangen, welche unserer Mission und
uns von Seiten Sr. k.k. Majestät und Eurer Exzellenz zuteil ward,
und uns in Beziehung
#72# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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auf folgende noch zur Vollführung unserer Mission gehörigen
Punkte Ihre Ansichten und Entschlüsse mitzuteilen."
Die "folgenden Punkte" sagen mit vielen Worten, daß die Kom-
missäre die Erlaubnis wünschen, sich nach Wien zur Vermittelung
begeben zu dürfen.
Der ganze Brief, wie auch der zweite an Wessenberg, ist in einem
so verzwickten Kanzleistil des vorigen Jahrhunderts abgefaßt, so
voll von maßloser Höflichkeit und Unterwürfigkeit, daß es ordent-
lich wohltut, gleich darauf Wessenbergs Antworten lesen zu kön-
nen. Die beiden Kommissäre stehen in diesem Briefwechsel dem
östreichischen Minister gegenüber da wie zwei tölpische Bauern
dem feingebildeten Edelmanne, wenn sie auf dem glatten Fußboden
ihre possierlichen Bücklinge machen und recht gewählte Ausdrücke
vorzubringen suchen.
Wessenberg antwortet auf obigen Brief:
"Hochwohlgeborne Herren! Ich muß um Entschuldigung bitten, wenn
ich Ihre heutige Zuschrift so spät beantworte... Was Ihre wohl-
meinende Absicht betrifft, noch einen Versuch in Wien zur Beile-
gung der dortigen Zerwürfnisse zu machen, so scheint mir nötig,
Sie vorerst in die Kenntnis der dermaligen dortigen Zustände zu
setzen. Es handelt sich nämlich nicht darum, mit einer Partei zu
unterhandeln, sondern lediglich eine Insurrektion zu unterdrücken
etc." (vgl. S. 16 des Berichts).
Mit dieser Antwort schickt er ihnen zugleich ihre Vollmachten zu-
rück. Sie wiederholen ihr Anliegen unterm 27. Oktober.
"Wir müssen", sagen sie, "es für dringende Pflicht halten, Ew.
Ex[zellenz] und in Ihnen die Kaiserliche] Regierung nochmals
i n s t ä n d i g s t z u e r s u c h e n, uns schleunigst mit
milden und versöhnenden Aufträgen und Bedingungen unter sicherem
Geleite nach Wien zu senden, um so in dieser furchtbaren Krisis
die beschwichtigende und persönliche Kraft zu benutzen, welche in
uns und in unserer Mission liegt."
Wir haben gesehen, wie diese "beschwichtigende und persönliche
Kraft" in den 14 Tagen, seitdem sie aus Frankfurts Toren gefahren
ist, gewirkt hat.
Sie übt auf Wessenberg den mächtigen Einfluß, daß er in seiner
Antwort auf ihr Anliegen keine Antwort gibt. Er teilt ihnen ei-
nige noch dazu halb unwahre Nachrichten aus Wien mit und bemerkt
ironisch:
"Daß übrigens Empörungen der Art wie jene der Proletarier in Wien
nicht leicht ohne Anwendung von Zwangsmitteln unterdrückt werden
können, haben noch neuerlich die Ereignisse in Frankfurt bewie-
sen!"
Solchen Argumenten konnten die Herren Welcker und Mosle unmöglich
widerstehen: Sie stehen deshalb von weitern Versuchen ab und har-
ren mit
#73# Frankfurter Ausschuß über östreichische Angelegenheiten
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ihrer "beschwichtigenden und persönlichen Kraft" der Dinge, die
da kommen sollen.
Am 28. Oktober berichten sie in betreff ihres "großen Auftrages"
wieder an Schmerling. Auf Wessenbergs Anerbieten übergeben sie
ihre Depesche einem Kurier, den ersterer nach Frankfurt sendet.
Der Kurier geht ab, doch nicht die Depesche. Sie langt erst am 6.
November in Frankfurt an. Wären sie nicht an der kaiserlichen Ta-
fel gewesen, hätte die kaiserliche Familie und namentlich der
Erzherzog Karl nicht so freundlich mit ihnen gesprochen - die
Kommissäre müßten über so viel Pech ihren hohen Verstand verloren
haben.
Jetzt folgt zweitägiges Stillschweigen. Die "beschwichtigende
Kraft" hält Sabbatruhe nach so vieler Arbeit.
Da, am 30. Oktober, teilt ihnen Wessenberg die offizielle Kunde
von der Übergabe Wiens mit. Ihr Entschluß ist gefaßt. Zwar mein-
ten sie noch am 28.Oktober (S. 14 des Berichts), "es scheint, daß
bei ihm (Windischgrätz) ebenso wie hier (in Olmütz) bei den ein-
flußreichen Personen der Gedanke, nicht bloß Wien zu unterwerfen,
sondern auch eine rächende Züchtigung für bisheriges Unrecht ein-
treten zu lassen, a l l z u s e h r vorherrscht". Allein seit-
dem hat ihnen Wessenberg versichert, und wie sollte ein Reichs-
kommissär da noch zu zweifeln wagen - er hat ihnen versichert,
daß "die östreichische Regierung bei der Benutzung dieses Sieges
sich von den Grundsätzen leiten lassen werde, welche geeignet
seien, ihr die Zuneigung ihrer Untertanen zu sichern".
"So können wir also annehmen", ruft Welcker-Mosle voll Reichspa-
thos aus, "daß unsere Vorschläge d o c h einigen Einfluß gehabt
haben." Also doch? 0 sicher! Ihr habt Wessenberg, Erzherzog Karl,
Sophie und Konsorten acht Tage lang aufs prächtigste amüsiert.
Ihr wart kaiserlich-königlicher Verdauungspulob, Welcker-Mosle!
"Wir halten nach jener Versicherung des Ministers unsere Aufgabe
nun für gelöst und werden morgen (31. Oktober) über Prag unsere
Rückreise antreten."
So schließt die letzte Depesche der Herren Welcker-Mosle.
Und in der Tat, ihr habt recht, euer "großer Auftrag" der Versöh-
nung und Vermittelung war erledigt. Was hättet ihr auch jetzt
nach Wien gehen sollen? Waren nicht die Apostel der Humanität,
Windischgrätz und Jellachich, Herren der Stadt? Predigten nicht
die Rotmäntel [81] und die k.k. Truppen mittelst Plünderung,
Brand, Mord und Notzucht das Evangelium des Friedens und der kon-
stitutionellen Freiheit, verständlich für jedermann?
Wie sehr eure "beschwichtigende Kraft" zum Durchbruch gekommen,
#74# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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wie herrlich ihr eure Aufgabe gelöst - das zeigt das Röcheln der
Gemordeten, der Verzweiflungsschrei der Geschändeten, das zeigen
die Tausende in den Gefängnissen, das lehrt uns der blutige
Schatten Robert Blums.
Eure Aufgabe war es, zur Trilogie, welche Windischgrätz, Jella-
chich und Wessenberg in Szene setzten, in Olmütz das Satyrspiel
aufführen zu helfen. Sie ist würdig von euch gelöst worden: Ihr
habt, wenn nichts Schlimmeres, so doch die Rolle der "gefoppten
Oheime" mit Virtuosität zu Ende gespielt.
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