Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Der Nationalrat [27]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 165 vom 10. Dezember 1848]
** Bern, 6. Dezember. Wer kümmert sich in dieser Zeit der europä-
ischen Stürme um die Schweiz? Außer der Reichsgewalt, die hinter
jedem Busch des linken Rheinufers von Konstanz bis Basel einen
wegelagernden Freischärler wittert, gewiß so leicht niemand. Und
doch ist die Schweiz ein wichtiger Nachbar für uns. Heute ist das
konstitutionelle Belgien der offizielle Musterstaat 1*); bei dem
stürmischen Wetter, das wir haben, wer steht uns dafür, daß mor-
gen nicht die republikanische Schweiz offizieller Musterstaat
sein wird? Ohnehin kenne ich mehr als einen farouchen 2*) Repu-
blikaner, der keine höheren Wünsche hat, als die schweizerischen
politischen Zustände mit großen und kleinen Bundes-, National-,
Stände- und sonstigen Räten über den Rhein zu tragen, aus
Deutschland eine Schweiz im Großen zu machen und sodann als Herr
Großrat oder Landammann des Kantons Baden, Hessen oder Nassau ein
stilles und geruhiges Leben zu führen in aller Gottseligkeit und
Ehrbarkeit.
Die Schweiz geht uns Deutsche also allerdings an, und was die
Schweizer denken, sagen, tun und treiben, kann uns in sehr kurzer
Frist als Vorbild vorgehalten werden. Es kann daher keinesfalls
schaden, wenn wir uns schon vorher einigermaßen damit bekannt ma-
chen, was die zweiundzwanzig Kantone der "Eidgenossenschaft" für
Sitten und für Leute in ihrer Föderativrepublik erzeugt haben.
Es ist billig, daß wir da zuerst die Creme der schweizerischen
Gesellschaft betrachten, die Männer, die das Schweizer Volk
selbst zu seinen Repräsentanten ernannt hat, ich meine den Natio-
nalrat im Rathause zu Bern.
Wenn man die Tribüne des Nationalrats betritt, so muß man sich
wundern über die Mannigfaltigkeit der Figuren, die das Schweizer
Volk zur Beratung
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1*) Siehe Band 5 unserer Ausgabe, S. 315-318 und 437-439 - 2*)
wilden
#86# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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seiner gemeinsamen Angelegenheiten nach Bern geschickt hat. Wer
nicht vorher schon einen guten Teil der Schweiz gesehen hat, be-
greift kaum, wie es möglich ist, daß ein Ländchen von ein paar
hundert Quadratmeilen und nicht dritthalb Millionen Einwohnern
eine so bunte Versammlung zustande bringen kann. Und doch ist es
nicht zu verwundern; die Schweiz ist ein Land, in dem vier ver-
schiedene Sprachen gesprochen werden, Deutsch, Französisch, Ita-
lienisch (oder vielmehr Lombardisch) und Romanisch, und das alle
verschiedenen Kulturstufen, von der ausgebildetsten Maschinenin-
dustrie bis herab zum unverfälschtesten Hirtenleben, in sich ver-
einigt. Und der schweizerische Nationalrat vereinigt die Creme
aller dieser Nationalitäten und Kulturstufen und sieht deshalb
nichts weniger als national aus.
Von bestimmten Plätzen, von gesonderten Parteien ist in dieser
zur Hälfte patriarchalischen Versammlung keine Rede. Die Radika-
len haben einen schwachen Versuch gemacht, sich auf die äußerste
Linke zu setzen, aber es scheint nicht gelungen zu sein. Jeder
setzt sich, wohin er will, und wechselt den Platz oft drei- bis
viermal in einer Sitzung. Doch haben die meisten Mitglieder ge-
wisse Lieblingsplätze, die sie schließlich immer wieder einneh-
men, und so scheidet sich die Versammlung doch in zwei ziemlich
scharf voneinander getrennte Teile. Auf den vordersten drei halb-
kreisförmigen Bänken sieht man scharf markierte Gesichter, ziem-
lich viel Bart, sorgfältig gepflegtes Haar, moderne Kleider nach
Pariser Schnitt; hier sitzen die Repräsentanten der französischen
und italienischen Schweiz, oder, wie man hier sagt, die
"Welschen", und von diesen Bänken aus wird selten anders als
französisch gesprochen. Hinter den Welschen aber sitzt eine
kurios gemischte Gesellschaft. Man sieht zwar keine Bauern in
schweizerischen Nationaltrachten, im Gegenteil lauter Leute, über
deren Kostümierung die Hand einer gewissen Zivilisation
hinweggegangen ist; hie und da sogar einen mehr oder weniger
modernen Frack, zu dem gewöhnlich auch ein anständiges Gesicht
gehört; dann ein halb Dutzend schweizerischer Offizierstypen in
Zivil, einer wie der andere, mehr feierlich als kriegerisch, in
Gesicht und Kleidung etwas veraltet und einigermaßen an den Ajax
in "Troilus und Cressida" [124] erinnernd; und endlich das Gros,
bestehend aus unbeschreiblich physiognomierten und kostümierten,
mehr oder weniger ältlichen und altfränkischen Herren, jeder
verschieden, jeder ein Typus für sich und meistens auch für eine
Karikatur. Alle verschiedenen Spielarten des Spießbürgers, des
campagnard endimanché 1*) und des Kantönli-Oligarchen sind hier
vertreten, alle aber gleich biedermännisch, gleich erschrecklich
ernsthaft, mit gleich schweren silbernen
1*) sonntäglich geputzten Landmannes
#87# Der Nationalrat
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Brillen. Das sind die Repräsentanten der deutschen Schweiz, und
dieses Gros der Gesellschaft ist von den kleineren Kantonen und
den entlegenen Bezirken der größeren geliefert worden.
Dieser Versammlung gegenüber nimmt den Präsidentenstuhl ein der
bekannte Dr. Robert Steiger von Luzern, noch vor wenig Jahren un-
ter der Siegwart-Müllerschen Wirtschaft zum Tode verurteilt,
jetzt Präsident der schweizerischen Bundesversammlung. Steiger
ist ein kleiner, untersetzter Mann mit ausgeprägten Gesichtszü-
gen, denen das weiße Haar, der braune Schnurrbart und selbst die
unvermeidliche silberne Brille gar kein übles Relief geben. Er
verwaltet sein Amt übrigens mit großer Ruhe und vielleicht etwas
zu viel Mäßigung.
Wie die Physiognomie, so die Diskussion. Die Welschen sind die
einzigen, die in ganz zivilisierter, rhetorischer Form sprechen,
und auch sie nicht alle. Die Berner, die von den deutschen
Schweizern noch am meisten welsche Sitte angenommen haben, kommen
ihnen am nächsten. Bei ihnen findet man wenigstens noch einiges
Feuer. Die Züricher, diese Söhne von Schweizer-Athen, sprechen
mit der Gesetztheit und Gemessenheit, die einem Mittelding zwi-
schen Professor und Zunftmeister zukommt, aber stets "gebildet".
Die Offiziere sprechen mit feierlicher Langsamkeit, mit wenig Ge-
schick und Inhalt, aber dafür mit einer Bestimmtheit, als ob ihr
Bataillon schlagfertig hinter ihnen stände. Das Gros der Gesell-
schaft endlich liefert mehr oder weniger wohlmeinende, bedenkli-
che, gewissenhafte, rechts und links abwägende und doch schließ-
lich stets auf die Seite ihrer Kantonalinteressen tretende Red-
ner, die übrigens fast alle sehr holprig und stellenweise nach
eignen grammatischen Prinzipien sprechen. Wenn der Kostenpunkt
zur Sprache kommt, geschieht es stets zuerst von hier, namentlich
von den Urkantonen aus. Uri hat sich schon in beiden Räten in
dieser Beziehung einen wohlverdienten Ruhm erworben.
Die Diskussion ist daher im ganzen matt, ruhig, mittelmäßig. Rhe-
torische Talente, die auch in größern Versammlungen Erfolge er-
ringen würden, zählt der Nationalrat sehr wenige; ich kenne bis
jetzt nur zwei, Luvini und Dufour, und etwa Eytel. Ich habe frei-
lich mehrere der einflußreicheren Mitglieder noch nicht gehört;
aber weder ihre Erfolge in der Versammlung noch die Referate ih-
rer Reden in den Blättern sind der Art, daß sie zu glänzenden Er-
wartungen berechtigten. Nur Neuhaus soll glänzend sprechen. Wie
wäre es auch möglich, daß rednerische Anlagen in Versammlungen
sich entwickeln können, die höchstens ein paar hunderttausend
Menschen repräsentieren und sich mit den kleinlichsten Bezirksin-
teressen zu beschäftigen haben! Die selige Tagsatzung [30] war
ohnehin mehr eine diplomatische als gesetzgebende
#88# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Versammlung; auf ihr konnte man lernen, Instruktionen zu verdre-
hen und Auswege plausibel zu machen, aber nicht eine Versammlung
fortzureißen und zu beherrschen. Die Reden der Nationalräte be-
schränken sich daher meist auf motivierte Vota, in denen jeder
Redner den Tatbestand darlegt, der ihn so oder so zu stimmen ver-
anlaßt, und daher mit der größten Unbefangenheit alles ruhig wie-
derholt, was schon vor ihm bis zur Unerträglichkeit wiederholt
worden ist. Namentlich haben die Reden des Gros diese patriarcha-
lische Offenherzigkeit an sich. Und wenn einer dieser Herren ein-
mal das Wort hat, so versteht es sich, daß er bei der Gelegenheit
auch seine Meinung über alle Zwischenfälle der Diskussion aus-
plaudert, mögen sie noch so lange abgetan sein. Zwischen diesem
vertraulichen Geplauder der Biedermänner halten dann einige
Hauptreden den Faden der Debatte mühsam zusammen, und wenn die
Sitzung aus ist, gesteht man sich, selten etwas Langweiligeres
gehört zu haben. Die Spießbürgerei, die dem physique 1*) der Ver-
sammlung etwas Originelles gibt, weil man sie in dieser Klassizi-
tät selten sieht, hört auch hier nicht auf, au moral 2*) platt
und einschläfernd zu sein. Von Leidenschaft ist wenig, von Esprit
gar nicht die Rede; Luvini ist der einzige, der mit hinreißender,
gewaltiger Leidenschaft spricht, Dufour der einzige, der durch
echt französische Klarheit und Präzision imponiert. Frey von Ba-
selland vertritt den Humor, zu dem zuweilen auch Oberst Bernold
nicht mißlungene Anläufe macht. Der französische Esprit mangelt
den französischen Schweizern gänzlich. Solange die Alpen und der
Jura stehn, ist auf ihrem Rücken noch kein passabler Calembourg
zustande gekommen, keine rasche, schlagende Repartie gehört wor-
den. Der französische Schweizer ist nicht bloß sérieux 3*), er
ist grave 4*).
Die Debatte, die ich hier näher schildern will, ist die über die
Tessiner Angelegenheit und die italienischen Flüchtlinge in Tes-
sin. [125] Die Sache ist bekannt; die sogenannten Umtriebe der
italienischen Flüchtlinge in Tessin boten den Vorwand zu unange-
nehmen Maßregeln von seiten Radetzkys ; der Vorort Bern sandte
eidgenössische Repräsentanten mit ausgedehnten Vollmachten und
zugleich eine Brigade Truppen nach Tessin; der Aufstand im Velt-
lin und in der Valle Intelvi veranlaßte eine Anzahl der Flücht-
linge, in die Lombardei zurückzukehren, was ihnen, trotz der
Wachsamkeit der schweizerischen Grenzposten, gelang; sie über-
schritten, jedoch unbewaffnet, die Grenzen, nahmen an dem Auf-
stand teil, kamen nach der Niederlage der Insurgenten von Valle
Intelvi, ebenfalls unbewaffnet, wieder auf Tessiner Gebiet und
wurden von der Tessiner Regierung ausgewiesen. Inzwischen
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1*) Äußeren - 2*) in ihrem Wesen - 3*) ernst - 4*) gravitätisch
#89# Der Nationalrat
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verschärfte Radetzky seine Repressalien an der Grenze und verdop-
pelte seine Reklamationen bei den eidg[enössischen] Repräsentan-
ten.
Diese verlangten Ausweisung aller Flüchtlinge ohne Unterschied;
die Tessiner Regierung weigerte sich; der Vorort bestätigte die
Maßregeln der Repräsentanten; die Tessiner Regierung appellierte
an die inzwischen zusammengetretene Bundesversammlung. Über die-
sen Appell und über die von beiden Seiten vorgebrachten tatsäch-
lichen Behauptungen, die sich besonders auf das Verhalten der
Tessiner gegen die Repräsentanten und die schweizerischen Truppen
bezogen, hatte der Nationalrat zu entscheiden.
Die Majorität der deshalb ernannten Kommission trug auf Auswei-
sung a l l e r italienischen Flüchtlinge aus Tessin, Internie-
rung derselben in der inneren Schweiz, Verbot, neuen Flüchtlingen
den Aufenthalt in Tessin zu gestatten, überhaupt Bestätigung und
Beibehaltung der vom Vorort ergriffenen Maßregeln an. Ihr Be-
richterstatter war Herr Kasimir Pfyffer von Luzern. Bis ich mir
aber auf der öffentlichen Tribüne einen Weg durch die dichten Zu-
hörermassen gebahnt hatte, war Herr Pfyffer mit seinem ziemlich
trocknen Bericht längst fertig, und Herr Pioda hatte das Wort.
Herr Pioda, Staatssekretär in Tessin, der für sich allein die Mi-
norität der Kommission ausmachte, bringt seinen Antrag vor auf
Ausweisung bloß derjenigen Flüchtlinge, die an dem letzten Auf-
stand teilgenommen und gegen die also ein positiver Grund zum
Einschreiten vorliege. Herr Pioda, Major und Bataillonskommandant
im Sonderbundkriege [31], hat sich trotz seines sanften blonden
Aussehens damals bei Airolo sehr tapfer gehalten und gegenüber
einem Truppenkorps, das zahlreicher, geübter und besser gerüstet
war als das seinige und zudem eine vorteilhaftere Stellung ein-
nahm, seinen Posten eine Woche lang behauptet. Pioda spricht
ebenso sanft und gefühlvoll, wie er aussieht. Ich hätte ihn an-
fangs, da er, sowohl was Akzent wie Beherrschung der Sprache an-
geht, vollkommen französisch spricht, für einen französischen
Schweizer gehalten und war erstaunt, als ich hörte, daß er ein
Italiener sei. Als er aber auf die Vorwürfe zu sprechen kam, die
man den Tessinern machte, als er dagegen das Auftreten der
schweizerischen Truppen schilderte, die fast so taten, als wären
sie in Feindes Land, als er warm wurde, entwickelte er zwar keine
Leidenschaft, aber doch jene lebendige, durch und durch italieni-
sche Beredsamkeit, die bald die antiken Formen, bald einen gewis-
sen modernen, zuweilen übertriebenen Redepomp anwendet. Ich muß
ihm zum Ruhme nachsagen, daß er in letzterer Beziehung Maß zu
halten wußte und daß diese Stellen seiner Entwicklung von sehr
gutem Effekt waren. Im ganzen war sein Vortrag aber zu lang und
zu gefühlsreich. Die deutschen Schweizer besitzen das aes triplex
des Horaz [126], und an ihrer ebenso harten wie breiten
#90# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Brust prallten alle schönen Sentenzen, alle nobeln Gefühle des
guten Pioda wirkungslos ab.
Nach ihm erhob sich Herr Doktor Alfred Escher von Zürich. A la
bonne heure 1*), das ist ein Mann comme il en faut pour la Suisse
2*)! Herr Doktor Escher, eidgenössischer Repräsentant in Tessin,
Vizepräsident des Nationalrats, Sohn - wenn ich nicht irre - des
bekannten Mechanikers und Ingenieurs Escher, der die Linth kana-
lisierte und eine enorme Maschinenfabrik bei Zürich gründete.
Herr Doktor Escher ist nicht sowohl ein Züricher als ein "schwei-
zerischer Athenienser". Sein Frack, sein Gilet sind vom ersten
marchand tailleur 3*) Zürichs angefertigt ; man sieht das lobens-
werte und stellenweise nicht erfolglose Bestreben, den Anforde-
rungen des Pariser Modejournals nachzukommen, man sieht aber auch
die reichsstädtische Erbsünde, die die Hand des Zuschneiders im-
mer wieder in das altgewohnte kleinbürgerliche Geleise zurück-
führte. Wie der Frack, so der Mann. Die blonden Haare sind sehr
sorglich geschnitten, aber schrecklich bürgerlich geschnitten,
und der Bart desgleichen - denn unser schweizerischer Alcibiades
trägt natürlich auch seinen Bart, eine Kaprice, die bei einem Zü-
richer aus "guter Familie" sehr an Alcibiades den Ersten erin-
nert. Wenn Herr Doktor Escher den Präsidentenstuhl besteigt, um
Steiger einen Moment abzulösen, so vollzieht er dies Manöver mit
einer Mischung von Würde und eleganter Nonchalance, um die ihn
Herr Marrast beneiden könnte. Man sieht deutlich, wie er die paar
Augenblicke benutzt, um seinen auf der harten Bank müde gewor-
denen Rücken in dem weichen Polster des Fauteuils wieder auszuru-
hen. Kurz, Herr Escher ist so elegant, wie man es in Schweizer-
Athen nur sein kann, und dazu ist er reich, hübsch, von kräftigem
Körperbau und nicht über 33 Jahre alt. Die Berner Damen mögen
sich hüten vor diesem gefährlichen Alcibiades von Zürich.
Herr Escher spricht ferner recht fließend und so gutes Deutsch,
wie es einem Schweizer-Athenienser nur möglich ist: Attisches
Idiom mit dorischem Akzent, aber ohne grammatische Fehler, und
das ist nicht jedem Nationalrat der deutschen Schweiz gegeben,
spricht er wie alle Schweizer mit schreckenerregender Feier-
lichkeit. Herr Escher könnte in seinem siebzigsten Jahre keinen
solenneren Ton anschlagen als vorgestern - und er ist einer der
Jüngsten in der Versammlung. Dazu besitzt er noch eine andere
nicht schweizerische Eigenschaft. Jeder deutsche Schweizer näm-
lich hat für alle seine Reden, bei allen Gelegenheiten, für die
Dauer seines Lebens nur einen Gestus. Herr Doktor Kern z.B.
streckt den rechten Arm seitwärts im rechten Winkel
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1*) Alle Achtung - 2*) wie ihn die Schweiz braucht -
3*) Maßschneider
#91# Der Nationalrat
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erhoben von sich; die verschiedenen Offiziere machen genau den-
selben Griff, nur daß sie den Arm gerade vor sich hin und nicht
seitwärts halten; Herr Tanner von Aarau macht bei jedem dritten
Wort eine Verbeugung; Herr Furrer wechselt es zwischen Front,
halbrechts und halblinks; kurz, wenn man den ganzen deutschreden-
den Nationalrat zusammennimmt, so bekommt man einen ziemlich
vollständigen Telegraphen heraus. Der Gestus des Herrn Escher be-
steht darin, daß er die Hand gerade vor sich hinstreckt und mit
ihr die Bewegung eines Pumpenschwengels aufs täuschendste nach-
macht.
Was den Inhalt der Rede des Herrn Doktor Escher angeht, so brau-
che ich diese Aufzählung der Beschwerden der Repräsentanten um so
weniger zu wiederholen, als diese Beschwerden fast alle vermit-
telst der "Neuen Zürcher-Zeitung" [127] in die meisten deutschen
Blätter übergegangen sind. Neues enthielt die Rede absolut nicht.
Nach der Züricher Feierlichkeit die italienische Leidenschaft:
nach Herrn Dr. Escher der Oberst Luvini. Luvini, ein ausgezeich-
neter Soldat, dem der Kanton Tessin seine ganze militärische Or-
ganisation verdankt, der die Revolution von 1840 als militäri-
scher Chef dirigierte, der 1841 im August, als die gestürzten
Oligarchen und Pfaffen einfielen und von Piemont her eine Kontre-
revolution versuchten, durch seine Schnelligkeit und Energie in
einem Tage den Versuch erstickte und der im Sonderbundskriege nur
deswegen der einzige Gefangene war, weil die Bündner ihn im Stich
ließen - Luvini sprang mit großer Schnelligkeit auf, um seine
Landsleute gegen Escher zu verteidigen. Daß die Vorwürfe des
Herrn Escher in der gespreizten, aber äußerlich ruhigen Sprache
eines Schulmeisters vorgebracht waren, nahm ihnen nichts von ih-
rer Bitterkeit; im Gegenteil, jedermann weiß, daß die doktrinäre
Weisheit an sich schon unerträglich und verletzend genug ist.
Luvini antwortete mit der ganzen Leidenschaft des alten Soldaten
und des Tessiners, der Schweizer durch Zufall, aber Italiener von
Natur ist:
"Macht man hier nicht den Tessinern ordentlich einen Vorwurf aus
ihrer 'Sympathie für die italienische Freiheit'? Ja, es ist wahr,
die Tessiner sympathisieren mit Italien, und ich bin stolz dar-
auf, daß es so ist, und ich werde nicht aufhören, morgens und
abends Gott um die Befreiung dieses Landes von seinen Unterdrüc-
kern zu bitten. Ja, trotz Herrn Escher, die Tessiner sind ein ru-
higes und friedliches Volk, aber allerdings, wenn sie täglich und
stündlich sehen müssen, wie die schweizerischen Soldaten frater-
nisieren mit den Österreichern, mit den Schergen eines Mannes,
dessen Namen ich nie aussprechen kann ohne eine Bitterkeit, die
aus tiefster Seele kommt, mit den Söldlingen Radetzkys, da sollen
sie nicht erbittert werden, sie, vor deren Augen sozusagen die
Kroaten die scheußlichsten Greuel begehen? Ja, die Tessiner sind
ein ruhiges und friedliches Volk, aber wenn man ihnen schweizeri-
sche Soldaten schickt, die Partei
#92# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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für die Österreicher ergreifen, die sich stellenweise wie die
Kroaten benehmen, dann sind sie es freilich nicht!" (Folgt eine
Aufzählung von Tatsachen über das Benehmen der Schweizer Truppen
in Tessin.) "Es ist schon hart und traurig genug, wenn man von
Fremden unterjocht und geknechtet wird, aber man duldet es in der
Hoffnung auf den Tag, wo man die Fremden verjagen wird - aber daß
meine eignen Brüder und Eidgenossen mich knechten, mir sozusagen
den Strick um den Hals legen, wahrlich..."
Die Klingel des Präsidenten unterbrach den Redner. Luvini wurde
zur Ordnung gerufen. Er sprach noch einige Sätze und schloß ziem-
lich abrupt und verdrießlich.
Dem heißblütigen Luvini folgte der Oberst Michel aus Graubünden.
Die Bündner sind von jeher, mit Ausnahme der italienisch redenden
Misoxer, schlechte Nachbarn der Tessiner gewesen, und Herr Michel
blieb seinen vaterländischen Traditionen treu. In höchst feier-
lich-biedermännischem Ton suchte er die Angaben der Tessiner zu
verdächtigen, erging sich in einer langen Reihe unangebrachter
Invektiven und Klatschereien gegen das Tessiner Volk und war so-
gar ungeschickt und unedel genug, den Tessinern einen Vorwurf
daraus zu machen, daß sie (mit Recht) für ihre Niederlage bei Ai-
rolo seine, Michels Landsleute, die Bündner, verantwortlich mach-
ten. Er schloß mit dem liebevollen Antrag, der Tessiner Regierung
einen Teil der Grenzokkupationskosten aufzubürden.
Auf Steigers Antrag wurde die Debatte hiermit ausgesetzt.
Am nächsten Morgen ergriff zuerst Herr Oberst Berg von Zürich das
Wort. Herr Oberst Berg - von seiner äußeren Erscheinung spreche
ich nicht, denn, wie gesagt, sehen die deutsch-schweizerischen
Offiziere einer aus wie der andre - Herr Berg ist Kommandant des
in Tessin stehenden Züricher Bataillons, von dessen übermütigem
Benehmen Luvini eine Menge Exempel gegeben hatte. Herr Berg mußte
natürlich sein Bataillon verteidigen, und da er mit den deshalb
vorgebrachten tatsächlichen Behauptungen bald zu Ende war, so er-
ging er sich in einer Reihe der maßlosesten persönlichen Ausfälle
gegen Luvini.
"Luvini", sagte er, "sollte sich schämen, die Rede auf die Diszi-
plin der Truppen zu bringen und vollends die Disziplin eines der
besten und ordentlichsten Bataillone zu verdächtigen. Denn wenn
mir passiert wäre, was dem Herrn Luvini passiert ist, so würde
ich längst meine Demission gegeben haben. Es ist dem Herrn Luvini
passiert, daß er im Sonderbundskriege mit einer überlegenen Armee
geschlagen wurde und auf den Befehl vorzurücken erwiderte: das
sei unmöglich, seine Truppen seien demoralisiert usw. Übrigens
wünsche ich nicht hier, sondern anderswo mit dem Herrn Luvini ein
Wörtchen über diese Angelegenheit zu sprechen, ich liebe es, mei-
nem Gegner das Weiße im Auge zu sehen."
#93# Der Nationalrat
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Alle diese und zahllose andere Provokationen und Beleidigungen
wurden von Herrn Berg in einem halb würdevollen, halb polternden
Ton vorgebracht. Er wollte offenbar die fougueuse 1*) Rhetorik
Luvinis nachmachen, erreichte aber nur ein komplettes Fiasko.
Da die Geschichte von Airolo nun schon zweimal in meinem Bericht
vorgekommen ist und nochmals vorkommt, so will ich kurz an die
Hauptumstände erinnern. Der Plan Dufours im Sonderbundskriege
war: Während die Hauptarmee Freiburg und Luzern angriff, sollten
die Tessiner über den Gotthard, die Bündner über die Oberalp in
das Urserental vordringen, die dortige liberale Bevölkerung be-
freien und bewaffnen und durch diese Diversion Wallis von den Ur-
kantonen abschneiden und die Luzerner Hauptarmee der Sonderbünd-
ler zwingen, sich zu teilen. Der Plan wurde vereitelt, erstens
durch die Besetzung des Gotthard durch die Urner und Walliser
noch vor Eröffnung der Feindseligkeiten und zweitens durch die
Lauheit der Bündner. Die Bündner zogen die katholischen Milizen
gar nicht ein, und selbst die eingezogenen Truppen ließen sich im
Hochgericht Disentis von der katholischen Bevölkerung vom weite-
ren Vordringen abhalten. Tessin war also ganz allein, und wenn
man bedenkt, daß die militärische Organisation dieses Kantons
noch sehr jung, daß die ganze Tessiner Armee nur an 3000 Mann be-
trägt, so begreift man die Schwäche Tessins gegenüber dem Sonder-
bund. Die Urner, Walliser und Unterwalder hatten sich inzwischen
auf mehr als 2000 Mann mit Artillerie verstärkt und brachen am
17. November 1847 mit ihrer gesamten Macht den Gotthard hinab
nach Tessin herein. Die Tessiner Truppen standen von Bellinzona
bis Airolo das Leventinatal hinauf echeloniert; ihre Reserve
stand in Lugano. Die Sonderbündler, von einem dichten Nebel ver-
hüllt, besetzten alle Höhen um Airolo, und als der Nebel sich
verzog, sah Luvini, daß die Position verloren sei, noch ehe ein
Schuß gefallen. Er setzte sich indes zur Gegenwehr, und nach ei-
nem mehrstündigen Gefecht, worin die Tessiner sich mit der
höchsten Tapferkeit schlugen, wurden seine Truppen von den über-
legenen Feinden geworfen. Anfangs wurde der Rückzug von einigen
Truppenteilen gedeckt; aber von den Höhen herab in die Flanke ge-
nommen, mit Artillerie beschossen, gerieten die Tessiner Rekruten
bald in die größte Unordnung und waren nicht eher zum Stehen zu
bringen als acht Stunden von Airolo, hinter der Moesa. Wer die
Gotthardstraße passiert hat, begreift die enormen Vorteile, die
die von oben herabdringende Armee hat, besonders wenn sie Artil-
lerie besitzt, und begreift die Unmöglichkeit für eine bergab
fliehende Armee, sich irgendwo wieder zu setzen und in dem engen
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1*) feurige
#94# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Tal ihre Kräfte zu deployieren. Übrigens waren die Tessiner, die
wirklich ins Gefecht kamen, keineswegs den Sonderbündlern überle-
gen, sondern umgekehrt. An dieser Niederlage, die übrigens keine
weiteren Folgen hatte, war also nicht Luvini, sondern erstens
seine geringen und ungeübten Streitkräfte, zweitens das ungün-
stige Terrain, drittens und hauptsächlich das Ausbleiben der
Bündner schuld, die sich in Disentis den Veltliner schmecken lie-
ßen, statt auf der Oberalp zu sein, und die jetzt endlich, über
den Bernardin, den Tessinern post festum 1*) zwei Bataillone
stark zu Hülfe kamen. Und dieser Sieg des Sonderbunds an der ein-
zigen Stelle, wo er die Übermacht hatte, wird den schmählich im
Stich gelassenen Tessinern zum Vorwurf gemacht von denen, die sie
im Stich ließen, oder die bei Freiburg und Luzern, drei gegen
einen kämpfend, wohlfeile Lorbeeren erwarben!
Wie Sie wissen, ist auf diese Expektorationen Bergs gegen Luvini
ein Duell erfolgt, in dem der Welsche den Züricher derb abführte.
Doch zurück zur Debatte. Herr Dr. Kern aus Thurgau erhob sich, um
die Anträge der Majorität zu unterstützen. Herr Kern ist eine
große, breitschultrige Schweizergestalt mit einem nicht unange-
nehmen, ausgeprägten Gesicht und etwas theatralischem Haar, etwa
wie sich ein biedrer Schweizer den olympischen Jupiter vorstellen
mag, etwas gelehrt angezogen und im Blick, Ton, Gebärde von uner-
schütterlicher Entschlossenheit. Herr Kern gilt für einen der
tüchtigsten und scharfsinnigsten Juristen der Schweiz; "mit der
ihm eigenen Logik" und hochbeteuernden Manier ging der Präsident
des Bundesgerichts auf die Tessiner Frage ein, wurde mir aber
bald so langweilig, daß ich vorzog, ins Café italien zu gehen und
einen Schoppen Walliser zu trinken.
Als ich wiederkam, hatten nach Kern Almeras von Genf, Homberger,
Blanchenay von Waadt und Castoldi von Genf gesprochen, mehr oder
weniger Lokalgrößen, deren eidgenössischer Ruhm erst im Entstehen
ist. Am Sprechen war Eytel von Waadt.
Herr Eytel kann in der Schweiz, wo die Menschen in demselben
Verhältnis groß sind wie das gewöhnliche Rindvieh, für einen
feingewachsenen Mann gelten, obwohl er in Frankreich als jeune
homme fort robuste 2*) passieren würde. Er hat ein hübsches, fei-
nes Gesicht mit blondem Schnurrbart und blondem Lockenhaar und
erinnert, wie die Waadtländer überhaupt, mehr als andre welsche
Schweizer an einen Franzosen. Daß er eine der Hauptstützen der
ultraradikalen, rotrepublikanischen Waadtländer ist, brauche ich
nicht erst zu sagen. Er ist übrigens auch noch jung und gewiß
nicht älter als
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1*) hinterher - 2*) sehr kräftiger junger Mann
#95# Der Nationalrat
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Escher. Herr Eytel sprach mit großer Lebhaftigkeit gegen die eid-
genössischen Repräsentanten.
"Sie haben sich in Tessin benommen, als ob Tessin nicht ein sou-
veräner Staat, sondern eine Provinz wäre, die sie als Prokonsule
zu verwalten hätten; wahrlich, wären die Herren in einem franzö-
sischen Kanton so aufgetreten, ihres Bleibens wäre nicht länger
dort gewesen! Und die Herren, statt Gott zu danken, daß die Tes-
siner sich all ihre Herrschergelüste und Phantasien so ruhig ge-
fallen ließen, beklagen sich noch über schlechte Aufnahme!"
Herr Eytel spricht recht gut, aber etwas zu weitschweifig. Es
geht ihm wie allen französischen Schweizern: Die Pointe ist ihnen
abhanden gekommen.
Der alte Steiger sprach vom Präsidentenstuhl aus auch einige
Worte zugunsten der Majoritätsanträge, und sodann erhob sich zum
zweitenmal unser Alcibiades Escher, um seine schon einmal er-
zählte Geschichte zum zweitenmal zu erzählen. Diesmal aber ver-
suchte er einen rhetorischen Schluß, dem man das Schulpensum in-
des auf drei Meilen weit ansah.
"Entweder sind wir neutral, oder wir sind es nicht, was wir aber
sind, müssen wir ganz sein; und die alte Schweizertreue erfor-
dert, daß wir unser Wort halten, sei es auch einem Despoten gege-
ben."
Aus diesem neuen und schlagenden Gedanken pumpte der unermüdliche
Arm des Herrn Escher den Strom einer feierlichen Peroration her-
aus, und als sie vollendet war, setzte sich Alcibiades, sichtlich
zufrieden, wieder hin.
Herr Tanner von Aarau, Obergerichtspräsident, der sich nun erhob,
ist ein mittelgroßes, dünnes Männchen, das sehr laut spricht, und
zwar sehr gleichgültige Dinge. Seine Rede war im Grunde weiter
nichts als die hundertmalige Wiederholung eines einzigen gramma-
tischen Fehlers.
Ihm folgte Herr Maurice Barman aus Französisch-Wallis. Man sieht
ihm nicht an, daß er 1844 am Pont de Trient sich so tapfer ge-
schlagen hat, als die Oberwalliser unter Anführung derer von Kal-
bermatten, von Riedmatten und anderen Matten den Kanton kontrere-
volutionierten. Herr Barman hat ein ruhig-bürgerliches, doch kein
unangenehmes Äußere; er spricht bedächtig und etwas abgebrochen.
Er wies die Persönlichkeiten Bergs gegen Luvini zurück und sprach
für Pioda.
Herr Battaglini aus Tessin, der etwas bürgerlich aussieht und
einen boshaften Beobachter an den Dottore Bartholo des "Figaro"
[128] erinnern könnte, las eine längere französische Abhandlung
über Neutralität zugunsten seines Kantons ab, die zwar ganz rich-
tige Prinzipien enthält, aber sehr oberflächlich angehört wurde.
#96# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Auf einmal hörte das Geplauder und Herumlaufen in der Versammlung
auf. Die größte Stille trat ein, und alle Blicke richteten sich
auf einen alten, bartlosen, kahlköpfigen Mann mit langer, ge-
bogner Nase, der in französischer Sprache zu reden anfing. Dieser
kleine alte Mann, der in seiner einfachen schwarzen Kleidung und
seinem ganz bürgerlichen Äußern eher einem Gelehrten als allem
andern glich und nur durch ein ausdrucksvolles Gesicht und einen
beweglichen, penetranten Blick auffiel, war der General Dufour,
derselbe, dessen umsichtige Strategik den Sonderbund fast ohne
Blutvergießen erstickte. Welch ein Abstand von den deutsch-
schweizerischen Offizieren der Versammlung! Diese Michel, Zieg-
ler, Berg usw., diese biedern Haudegen, diese pedantischen
Schnurrbarte machen gegenüber dem kleinen, unscheinbaren Dufour
eine höchst charakteristische Figur. Man sieht auf den ersten
Blick, wie Dufour der Kopf war, der den ganzen Sonderbundkrieg
[lenkte], und diese würdevollen Ajaxe [124] nur die Fäuste, die
er zur Ausführung seiner Beschlüsse gebraucht. Die Tagsatzung
hatte wirklich richtig gewählt und den notwendigen Mann
getroffen.
Aber wenn man Dufour reden hört, erstaunt man erst. Dieser alte
Genieoffizier, der sein Leben lang bloß Artillerieschulen organi-
siert, Reglements entworfen und Batterien inspiziert, der sich
nie in parlamentarische Verhandlungen gedrängt, nie öffentlich
gesprochen hat, tritt auf mit einer Sicherheit, spricht mit einem
Fluß, einer Eleganz und einer Präzision, einer Klarheit, die be-
wundernswert und im schweizerischen Nationalrat einzig ist. Die-
ser maidenspeech 1*) Dufours über die Tessiner Angelegenheit
würde, was Form und Vortrag angeht, in einer französischen Kammer
das größte Aufsehen erregt haben und übertrifft in jeder Bezie-
hung bei weitem die dreistündige Rede, wodurch Cavaignac sich zum
ersten Advokaten von Paris gemacht hat - wenn man nach dem Ab-
druck im "Moniteur" [17] urteilen kann. Die Schönheit der Sprache
ist aber bei einem Genfer doppelt anzuerkennen. Die Nationalspra-
che von Genf ist ein kalvinistisch-reformiertes Französisch,
breit, platt, arm, tonlos und ermattet. Aber Dufour sprach kein
Genferisch, sondern wirkliches, echtes Französisch. Und dazu wa-
ren die Gesinnungen, die er kundgab, so nobel, so soldatisch im
g u t e n Sinne des Worts, daß sie die brotneidischen Eifersüch-
teleien, die kleinlichen Kantönliborniertheiten der deutsch-
schweizerischen Offiziere erst recht grell hervortreten ließen.
"Ich freue mich, daß die Neutralität im Munde aller ist", sprach
Dufour. "Aber worin besteht die Neutralität? Sie besteht darin,
daß wir nichts unternehmen oder unternehmen lassen, wodurch der
Friedenszustand zwischen der Schweiz und den
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1*) Diese Jungfernrede
#97# Der Nationalrat
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Nachbarstaaten gefährdet wird. Nichts weniger, aber auch nichts
mehr. Wir haben also das Recht, den fremden Flüchtlingen ein Asyl
zu gestatten, es ist ein Recht, worauf wir stolz sind. Wir sehen
es als eine Pflicht an, die wir dem Unglück schuldig sind. Aber
unter einer Bedingung: daß der Flüchtling sich unsern Gesetzen
unterwerfe, daß er nichts unternehme, was unsere innere und äu-
ßere Sicherheit gefährdet. Daß ein von der Tyrannei verjagter Pa-
triot sich auch von unserm Gebiet aus bestrebt, die Freiheit sei-
nes Vaterlandes wiederzugewinnen, ich finde es erklärlich, ich
mache ihm keinen Vorwurf daraus, aber auch wir haben dann zu se-
hen, was wir zu tun haben. Wenn daher der Flüchtling seine Feder
spitzt oder seine Flinte ergreift gegen die Nachbarregierung,
gut, so werden wir ihn nicht ausweisen, das wäre ungerecht, aber
von der Grenze entfernen, ihn internieren. Das gebietet unsre
eigne Sicherheit, unsre Rücksicht auf die Nachbarstaaten; nichts
weniger, aber auch n i c h t s m e h r. Schreiten wir dagegen
ein nicht bloß gegen den Freischärler, der ins fremde Gebiet ein-
gefallen, sondern auch gegen den Bruder, den Vater des Freischär-
lers, gegen den, der ruhig geblieben, so tun wir mehr, als wir
müssen, so sind wir nicht mehr unparteiisch, so ergreifen wir
Partei für die fremde Regierung, für den Despotismus, gegen seine
Schlachtopfer." (Allgemeines Bravo.) "Und gerade jetzt, wo Ra-
detzky, ein Mann, mit dem gewiß niemand in dieser Versammlung
sympathisiert, wo er bereits von uns diese ungerechte Entfernung
a l l e r Flüchtlinge von der Grenze verlangt hat, wo er seine
Forderung durch Drohungen, ja durch feindselige Maßregeln unter-
stützt, gerade jetzt ziemt es uns am allerwenigsten, der unge-
rechten Forderung eines übermächtigen Gegners nachzukommen, weil
es aussieht, als hätten wir der Übermacht nachgegeben, als hätten
wir diesen Beschluß gefaßt, weil ein Stärkerer ihn von uns ver-
langt." (Bravo.)
Ich bedaure, nicht mehr von dieser Rede und nicht wörtlichere
Auszüge geben zu können. Aber Stenographen gibt's hier nicht, und
ich muß aus der Erinnerung aufschreiben. Genug, Dufour erstaunte
die ganze Versammlung ebensosehr durch seine Rednergabe und durch
die Anspruchslosigkeit seines Vortrags wie durch die schlagenden
Argumente, die er vorbrachte, und setzte sich mit der Erklärung,
er stimme für Pioda, unter allgemeinem Beifall nieder. Ich habe
sonst nie Beifallsbezeugungen im Nationalrat während der Diskus-
sion gehört. Die Sache war entschieden, nach Dufours Rede war
nichts mehr zu sagen, der Antrag Piodas war durchgesetzt.
Aber damit war den in ihrem Gewissen erschütterten Kantönlirit-
tern nicht gedient, und auf den Ruf nach Schluß antworteten sie
durch 48 Stimmen für Fortsetzung der Debatte. Nur 42 stimmten für
den Schluß; die Diskussion ging also weiter. Herr Veillon von
Waadt schlug vor, die ganze Sache dem Bundesrat [97] zu überwei-
sen. Herr Pittet von Waadt, ein hübscher Mann mit französischen
Zügen, sprach für Pioda, fließend, aber breit und doktrinär, und
die Debatte schien eingeschlafen, als endlich Herr Bundespräsi-
dent Furrer sich erhob.
#98# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Herr Furrer ist ein Mann in seinen besten Jahren, das Seitenstück
zu Alcibiades Escher. Wenn dieser Schweizer-Athen vertritt, so
repräsentiert Herr Furrer Zürich. Neigt Escher zum Professor, so
neigt Furrer zum Zunftmeister hin. Beide zusammen repräsentieren
Zürich vollständig.
Herr Furrer ist natürlich ein Mann der unbedingtesten Neutrali-
tät, und als er durch Dufours Rede sein System gewaltig bedroht
sah, mußte er die äußersten Mittel aufbieten, um sich die Majori-
tät zu sichern. Herr Furrer war zwar erst seit drei Tagen Bundes-
präsident, aber dessenungeachtet bewies er, daß er die Politik
der Kabinettsfragen versteht trotz Duchâtel und trotz Hansemann.
Er erklärte, der Bundesrat sei ungeheuer begierig auf den Be-
schluß des Nationalrats, weil dieser Beschluß der ganzen Politik
der Schweiz die entscheidende Wendung geben werde usw., und nach
einiger Ausschmückung dieser captatio benevolentiae 1*) ging er
allmählich dazu über, auseinanderzusetzen, was seine Meinung sei
und die Meinung der Majorität des Bundesrats, nämlich, daß es bei
der Neutralitätspolitik sein Bewenden haben müsse und daß die
Ansicht der Majorität der Kommission auch die der Majorität des
Bundesrates sei. Und das alles sagte er mit so feierlicher Würde
und so eindringlicher Stimme, daß die Kabinettsfrage aus jeder
Silbe seiner Rede hervorsah. Nun muß man wissen, daß in der
Schweiz die vollziehende Gewalt nicht wie in der
konstitutionellen Monarchie oder der neuen französischen
Verfassung eine selbständige Gewalt neben der gesetzgebenden,
sondern daß sie bloß der Ausfluß und der Arm der gesetzgebenden
Gewalt ist. Man muß wissen, daß es hier gar nicht Gebrauch ist,
daß die vollziehende Gewalt zurücktritt, wenn die gesetzgebende
Versammlung etwas andres beschließt, als sie wünscht; im
Gegenteil pflegt sie diesen Beschluß gehorsamst zu vollziehen und
auf bessere Zeiten zu warten. Und da die vollziehende Gewalt
ebenfalls aus einem gewählten Rat besteht, der auch verschiedene
Nuancen enthält, so hat es gar nicht so viel zu sagen, wenn die
Minorität im vollziehenden Rat in manchen Fragen die Majorität im
gesetzgebenden Rat hat. Und hier waren wenigstens zwei
Bundesräte, Druey und Franscini, für Pioda und gegen Furrer.
Dieser Appell Furrers an die Versammlung war also nach Schweizer
Sitte und Anschauungsweise ganz unparlamentarisch. Aber einerlei!
Die gewichtige Stimme des Herrn Bundespräsidenten gab den
Kantönlirittern wieder Courage, und als er sich setzte,
versuchten sie sogar ein verhallendes Bravo und schrien nach
Schluß.
Der alte Steiger war aber billig genug, vorher Herrn Pioda als
Berichterstatter der Minorität noch das Wort zu geben. Pioda
sprach mit derselben
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1*) Werbung um die Gunst des Hörers
#99# Der Nationalrat
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Ruhe und demselben Anstand wie früher. Er widerlegte nochmals
alle Einwürfe, indem er die Debatte kurz resümierte. Er vertei-
digte mit Wärme seinen Freund Luvini, dessen fougueuse 1*) Bered-
samkeit ihn vielleicht hier zu weit fortgerissen, aber bei einer
früheren Gelegenheit, man solle es nicht vergessen, der Schweiz
seinen Kanton erhalten habe. Endlich kam er auf Airolo und bedau-
erte, daß dies Wort hier vorgebracht, daß es vollends von einer
Seite vorgebracht, von der er es am wenigsten erwartete.
"Es ist wahr", sagte er, "wir haben bei Airolo eine Niederlage
erlitten. Aber wie ging das zu? Wir standen allein da, unser
kleiner, dünnbevölkerter Kanton gegen die ganze Wucht der Urkan-
tone und des Wallis, die sich auf uns warfen und uns, nachdem wir
uns tapfer verteidigt, erdrückten. Es ist wahr, wir sind geschla-
gen worden. Aber geziemt es Ihnen" (zu Michel gewandt), "uns dar-
aus einen Vorwurf zu machen? Sie, meine Herren, Sie sind schuld
daran, daß wir geschlagen wurden, Sie sollten auf der Oberalp
sein und den Sonderbündlern in die Flanke fallen, und wer nicht
da war, wer uns im Stich Keß, das waren Sie, und deshalb wurden
wir geschlagen. Ja, Sie sind gekommen, meine Herren, aber als es
zu spät, als alles vorüber war - da endlich sind Sie gekommen!"
Wütend und mit krebsrotem Gesicht sprang Oberst Michel auf und
erklärte dies für eine Lüge und Verleumdung. Durch lautes Murren
und die Klingel des Präsidenten zur Ordnung gerufen, fuhr er et-
was ruhiger fort. Er wisse nichts davon, daß er habe auf der
Oberalp sein sollen. Er wisse bloß, daß, als er gerufen worden
sei, er den Tessinern zu Hülfe gekommen, und zwar er zu aller-
erst.
Pioda erwiderte ebenso ruhig wie vorher: es sei ihm nicht einge-
fallen, Herrn Michel persönlich angreifen zu wollen, er habe nur
von den Graubündnern im allgemeinen gesprochen, und da sei es al-
lerdings ein Faktum, daß sie hätten von der Oberalp herab die
Tessiner unterstützen sollen. Wenn Herr Michel das nicht wisse,
so sei das leicht erklärlich, da er damals bloß ein Bataillon
kommandiert habe und also die allgemeinen Dispositionen des Feld-
zugs ihm sehr wohl unbekannt geblieben sein könnten.
Mit diesem Intermezzo, das noch zu verschiedenen Privatverhand-
lungen zwischen diesen Herren außerhalb des Versammlungssaals
führte und endlich durch beiderseitig zufriedenstellende Erklä-
rungen beigelegt wurde, schloß die Debatte. Die Abstimmung er-
folgte durch Namensaufruf. Die Franzosen und vier bis fünf Deut-
sche stimmten mit den Tessinern; die Masse der deutschen Schwei-
zer stimmten dagegen; Tessin wurde des Asylrechts beraubt, Ra-
detzkys Forderungen wurden zugestanden, die Neutralität um jeden
Preis
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1*) feurige
#100# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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proklamiert, und Herr Furrer konnte mit sich und dem Nationalrat
zufrieden sein.
Das ist der schweizerische Nationalrat, die Blüte der schweizeri-
schen Staatsmänner. Ich finde, daß sie nur durch eine Tugend sich
vor andern Gesetzgebern auszeichnen: durch eine größere
G e d u l d.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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