Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Der Nationalrat [27]
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 165 vom 10. Dezember 1848]
       ** Bern, 6. Dezember. Wer kümmert sich in dieser Zeit der europä-
       ischen Stürme  um die Schweiz? Außer der Reichsgewalt, die hinter
       jedem Busch  des linken  Rheinufers von  Konstanz bis Basel einen
       wegelagernden Freischärler  wittert, gewiß so leicht niemand. Und
       doch ist die Schweiz ein wichtiger Nachbar für uns. Heute ist das
       konstitutionelle Belgien  der offizielle Musterstaat 1*); bei dem
       stürmischen Wetter,  das wir haben, wer steht uns dafür, daß mor-
       gen nicht  die republikanische  Schweiz  offizieller  Musterstaat
       sein wird?  Ohnehin kenne  ich mehr als einen farouchen 2*) Repu-
       blikaner, der  keine höheren Wünsche hat, als die schweizerischen
       politischen Zustände  mit großen  und kleinen Bundes-, National-,
       Stände- und  sonstigen  Räten  über  den  Rhein  zu  tragen,  aus
       Deutschland eine  Schweiz im Großen zu machen und sodann als Herr
       Großrat oder Landammann des Kantons Baden, Hessen oder Nassau ein
       stilles und  geruhiges Leben zu führen in aller Gottseligkeit und
       Ehrbarkeit.
       Die Schweiz  geht uns  Deutsche also  allerdings an,  und was die
       Schweizer denken, sagen, tun und treiben, kann uns in sehr kurzer
       Frist als  Vorbild vorgehalten  werden. Es kann daher keinesfalls
       schaden, wenn wir uns schon vorher einigermaßen damit bekannt ma-
       chen, was  die zweiundzwanzig Kantone der "Eidgenossenschaft" für
       Sitten und für Leute in ihrer Föderativrepublik erzeugt haben.
       Es ist  billig, daß  wir da  zuerst die Creme der schweizerischen
       Gesellschaft betrachten,  die  Männer,  die  das  Schweizer  Volk
       selbst zu seinen Repräsentanten ernannt hat, ich meine den Natio-
       nalrat im Rathause zu Bern.
       Wenn man  die Tribüne  des Nationalrats  betritt, so muß man sich
       wundern über  die Mannigfaltigkeit der Figuren, die das Schweizer
       Volk zur Beratung
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       1*) Siehe  Band 5  unserer Ausgabe,  S. 315-318 und 437-439 - 2*)
       wilden
       
       #86# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       seiner gemeinsamen  Angelegenheiten nach  Bern geschickt hat. Wer
       nicht vorher  schon einen guten Teil der Schweiz gesehen hat, be-
       greift kaum,  wie es  möglich ist,  daß ein Ländchen von ein paar
       hundert Quadratmeilen  und nicht  dritthalb Millionen  Einwohnern
       eine so  bunte Versammlung zustande bringen kann. Und doch ist es
       nicht zu  verwundern; die  Schweiz ist ein Land, in dem vier ver-
       schiedene Sprachen  gesprochen werden, Deutsch, Französisch, Ita-
       lienisch (oder  vielmehr Lombardisch) und Romanisch, und das alle
       verschiedenen Kulturstufen,  von der ausgebildetsten Maschinenin-
       dustrie bis herab zum unverfälschtesten Hirtenleben, in sich ver-
       einigt. Und  der schweizerische  Nationalrat vereinigt  die Creme
       aller dieser  Nationalitäten und  Kulturstufen und  sieht deshalb
       nichts weniger als national aus.
       Von bestimmten  Plätzen, von  gesonderten Parteien  ist in dieser
       zur Hälfte  patriarchalischen Versammlung keine Rede. Die Radika-
       len haben  einen schwachen Versuch gemacht, sich auf die äußerste
       Linke zu  setzen, aber  es scheint  nicht gelungen zu sein. Jeder
       setzt sich,  wohin er  will, und wechselt den Platz oft drei- bis
       viermal in  einer Sitzung.  Doch haben die meisten Mitglieder ge-
       wisse Lieblingsplätze,  die sie  schließlich immer wieder einneh-
       men, und  so scheidet  sich die Versammlung doch in zwei ziemlich
       scharf voneinander getrennte Teile. Auf den vordersten drei halb-
       kreisförmigen Bänken  sieht man scharf markierte Gesichter, ziem-
       lich viel  Bart, sorgfältig gepflegtes Haar, moderne Kleider nach
       Pariser Schnitt; hier sitzen die Repräsentanten der französischen
       und  italienischen   Schweiz,  oder,   wie  man  hier  sagt,  die
       "Welschen", und  von diesen  Bänken aus  wird selten  anders  als
       französisch gesprochen.  Hinter  den  Welschen  aber  sitzt  eine
       kurios gemischte  Gesellschaft. Man  sieht zwar  keine Bauern  in
       schweizerischen Nationaltrachten, im Gegenteil lauter Leute, über
       deren  Kostümierung   die  Hand   einer   gewissen   Zivilisation
       hinweggegangen ist;  hie und  da sogar  einen mehr  oder  weniger
       modernen Frack,  zu dem  gewöhnlich auch  ein anständiges Gesicht
       gehört; dann  ein halb  Dutzend schweizerischer Offizierstypen in
       Zivil, einer  wie der  andere, mehr feierlich als kriegerisch, in
       Gesicht und  Kleidung etwas veraltet und einigermaßen an den Ajax
       in "Troilus  und Cressida" [124] erinnernd; und endlich das Gros,
       bestehend aus  unbeschreiblich physiognomierten und kostümierten,
       mehr oder  weniger ältlichen  und  altfränkischen  Herren,  jeder
       verschieden, jeder  ein Typus für sich und meistens auch für eine
       Karikatur. Alle  verschiedenen Spielarten  des Spießbürgers,  des
       campagnard endimanché  1*) und  des Kantönli-Oligarchen sind hier
       vertreten, alle  aber gleich biedermännisch, gleich erschrecklich
       ernsthaft, mit gleich schweren silbernen
       1*) sonntäglich geputzten Landmannes
       
       #87# Der Nationalrat
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       Brillen. Das  sind die  Repräsentanten der deutschen Schweiz, und
       dieses Gros  der Gesellschaft  ist von den kleineren Kantonen und
       den entlegenen Bezirken der größeren geliefert worden.
       Dieser Versammlung  gegenüber nimmt  den Präsidentenstuhl ein der
       bekannte Dr. Robert Steiger von Luzern, noch vor wenig Jahren un-
       ter der  Siegwart-Müllerschen  Wirtschaft  zum  Tode  verurteilt,
       jetzt Präsident  der schweizerischen  Bundesversammlung.  Steiger
       ist ein  kleiner, untersetzter  Mann mit ausgeprägten Gesichtszü-
       gen, denen  das weiße Haar, der braune Schnurrbart und selbst die
       unvermeidliche silberne  Brille gar  kein übles  Relief geben. Er
       verwaltet sein  Amt übrigens mit großer Ruhe und vielleicht etwas
       zu viel Mäßigung.
       Wie die  Physiognomie, so  die Diskussion.  Die Welschen sind die
       einzigen, die  in ganz zivilisierter, rhetorischer Form sprechen,
       und auch  sie nicht  alle. Die  Berner,  die  von  den  deutschen
       Schweizern noch am meisten welsche Sitte angenommen haben, kommen
       ihnen am  nächsten. Bei  ihnen findet man wenigstens noch einiges
       Feuer. Die  Züricher, diese  Söhne von  Schweizer-Athen, sprechen
       mit der  Gesetztheit und  Gemessenheit, die einem Mittelding zwi-
       schen Professor  und Zunftmeister zukommt, aber stets "gebildet".
       Die Offiziere sprechen mit feierlicher Langsamkeit, mit wenig Ge-
       schick und  Inhalt, aber dafür mit einer Bestimmtheit, als ob ihr
       Bataillon schlagfertig  hinter ihnen stände. Das Gros der Gesell-
       schaft endlich  liefert mehr oder weniger wohlmeinende, bedenkli-
       che, gewissenhafte,  rechts und links abwägende und doch schließ-
       lich stets  auf die  Seite ihrer Kantonalinteressen tretende Red-
       ner, die  übrigens fast  alle sehr  holprig und stellenweise nach
       eignen grammatischen  Prinzipien sprechen.  Wenn der  Kostenpunkt
       zur Sprache kommt, geschieht es stets zuerst von hier, namentlich
       von den  Urkantonen aus.  Uri hat  sich schon  in beiden Räten in
       dieser Beziehung einen wohlverdienten Ruhm erworben.
       Die Diskussion ist daher im ganzen matt, ruhig, mittelmäßig. Rhe-
       torische Talente,  die auch  in größern Versammlungen Erfolge er-
       ringen würden,  zählt der  Nationalrat sehr wenige; ich kenne bis
       jetzt nur zwei, Luvini und Dufour, und etwa Eytel. Ich habe frei-
       lich mehrere  der einflußreicheren  Mitglieder noch nicht gehört;
       aber weder  ihre Erfolge in der Versammlung noch die Referate ih-
       rer Reden in den Blättern sind der Art, daß sie zu glänzenden Er-
       wartungen berechtigten.  Nur Neuhaus  soll glänzend sprechen. Wie
       wäre es  auch möglich,  daß rednerische  Anlagen in Versammlungen
       sich entwickeln  können, die  höchstens ein  paar  hunderttausend
       Menschen repräsentieren und sich mit den kleinlichsten Bezirksin-
       teressen zu  beschäftigen haben!  Die selige  Tagsatzung [30] war
       ohnehin mehr eine diplomatische als gesetzgebende
       
       #88# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Versammlung; auf  ihr konnte man lernen, Instruktionen zu verdre-
       hen und  Auswege plausibel zu machen, aber nicht eine Versammlung
       fortzureißen und  zu beherrschen.  Die Reden der Nationalräte be-
       schränken sich  daher meist  auf motivierte  Vota, in denen jeder
       Redner den Tatbestand darlegt, der ihn so oder so zu stimmen ver-
       anlaßt, und daher mit der größten Unbefangenheit alles ruhig wie-
       derholt, was  schon vor  ihm bis  zur Unerträglichkeit wiederholt
       worden ist. Namentlich haben die Reden des Gros diese patriarcha-
       lische Offenherzigkeit an sich. Und wenn einer dieser Herren ein-
       mal das Wort hat, so versteht es sich, daß er bei der Gelegenheit
       auch seine  Meinung über  alle Zwischenfälle  der Diskussion aus-
       plaudert, mögen  sie noch  so lange abgetan sein. Zwischen diesem
       vertraulichen  Geplauder  der  Biedermänner  halten  dann  einige
       Hauptreden den  Faden der  Debatte mühsam  zusammen, und wenn die
       Sitzung aus  ist, gesteht  man sich,  selten etwas Langweiligeres
       gehört zu haben. Die Spießbürgerei, die dem physique 1*) der Ver-
       sammlung etwas Originelles gibt, weil man sie in dieser Klassizi-
       tät selten  sieht, hört  auch hier  nicht auf, au moral 2*) platt
       und einschläfernd zu sein. Von Leidenschaft ist wenig, von Esprit
       gar nicht die Rede; Luvini ist der einzige, der mit hinreißender,
       gewaltiger Leidenschaft  spricht, Dufour  der einzige,  der durch
       echt französische  Klarheit und Präzision imponiert. Frey von Ba-
       selland vertritt  den Humor,  zu dem zuweilen auch Oberst Bernold
       nicht mißlungene  Anläufe macht.  Der französische Esprit mangelt
       den französischen  Schweizern gänzlich. Solange die Alpen und der
       Jura stehn,  ist auf  ihrem Rücken noch kein passabler Calembourg
       zustande gekommen,  keine rasche, schlagende Repartie gehört wor-
       den. Der  französische Schweizer  ist nicht  bloß sérieux 3*), er
       ist grave 4*).
       Die Debatte,  die ich hier näher schildern will, ist die über die
       Tessiner Angelegenheit  und die italienischen Flüchtlinge in Tes-
       sin. [125]  Die Sache  ist bekannt;  die sogenannten Umtriebe der
       italienischen Flüchtlinge  in Tessin boten den Vorwand zu unange-
       nehmen Maßregeln  von seiten  Radetzkys ;  der Vorort Bern sandte
       eidgenössische Repräsentanten  mit ausgedehnten  Vollmachten  und
       zugleich eine  Brigade Truppen nach Tessin; der Aufstand im Velt-
       lin und  in der  Valle Intelvi veranlaßte eine Anzahl der Flücht-
       linge, in  die Lombardei  zurückzukehren, was  ihnen,  trotz  der
       Wachsamkeit der  schweizerischen Grenzposten,  gelang; sie  über-
       schritten, jedoch  unbewaffnet, die  Grenzen, nahmen  an dem Auf-
       stand teil,  kamen nach  der Niederlage der Insurgenten von Valle
       Intelvi, ebenfalls  unbewaffnet, wieder  auf Tessiner  Gebiet und
       wurden von der Tessiner Regierung ausgewiesen. Inzwischen
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       1*) Äußeren - 2*) in ihrem Wesen - 3*) ernst - 4*) gravitätisch
       
       #89# Der Nationalrat
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       verschärfte Radetzky seine Repressalien an der Grenze und verdop-
       pelte seine  Reklamationen bei den eidg[enössischen] Repräsentan-
       ten.
       Diese verlangten  Ausweisung aller  Flüchtlinge ohne Unterschied;
       die Tessiner  Regierung weigerte  sich; der Vorort bestätigte die
       Maßregeln der  Repräsentanten; die Tessiner Regierung appellierte
       an die  inzwischen zusammengetretene Bundesversammlung. Über die-
       sen Appell  und über die von beiden Seiten vorgebrachten tatsäch-
       lichen Behauptungen,  die sich  besonders auf  das Verhalten  der
       Tessiner gegen die Repräsentanten und die schweizerischen Truppen
       bezogen, hatte der Nationalrat zu entscheiden.
       Die Majorität  der deshalb  ernannten Kommission trug auf Auswei-
       sung   a l l e r  italienischen Flüchtlinge aus Tessin, Internie-
       rung derselben in der inneren Schweiz, Verbot, neuen Flüchtlingen
       den Aufenthalt  in Tessin zu gestatten, überhaupt Bestätigung und
       Beibehaltung der  vom Vorort  ergriffenen Maßregeln  an. Ihr  Be-
       richterstatter war  Herr Kasimir  Pfyffer von Luzern. Bis ich mir
       aber auf der öffentlichen Tribüne einen Weg durch die dichten Zu-
       hörermassen gebahnt  hatte, war  Herr Pfyffer mit seinem ziemlich
       trocknen Bericht längst fertig, und Herr Pioda hatte das Wort.
       Herr Pioda, Staatssekretär in Tessin, der für sich allein die Mi-
       norität der  Kommission ausmachte,  bringt seinen  Antrag vor auf
       Ausweisung bloß  derjenigen Flüchtlinge,  die an dem letzten Auf-
       stand teilgenommen  und gegen  die also  ein positiver  Grund zum
       Einschreiten vorliege. Herr Pioda, Major und Bataillonskommandant
       im Sonderbundkriege  [31], hat  sich trotz seines sanften blonden
       Aussehens damals  bei Airolo  sehr tapfer  gehalten und gegenüber
       einem Truppenkorps,  das zahlreicher, geübter und besser gerüstet
       war als  das seinige  und zudem eine vorteilhaftere Stellung ein-
       nahm, seinen  Posten eine  Woche lang  behauptet.  Pioda  spricht
       ebenso sanft  und gefühlvoll,  wie er aussieht. Ich hätte ihn an-
       fangs, da  er, sowohl was Akzent wie Beherrschung der Sprache an-
       geht, vollkommen  französisch spricht,  für  einen  französischen
       Schweizer gehalten  und war  erstaunt, als  ich hörte, daß er ein
       Italiener sei.  Als er aber auf die Vorwürfe zu sprechen kam, die
       man den  Tessinern machte,  als  er  dagegen  das  Auftreten  der
       schweizerischen Truppen  schilderte, die fast so taten, als wären
       sie in Feindes Land, als er warm wurde, entwickelte er zwar keine
       Leidenschaft, aber doch jene lebendige, durch und durch italieni-
       sche Beredsamkeit, die bald die antiken Formen, bald einen gewis-
       sen modernen,  zuweilen übertriebenen  Redepomp anwendet. Ich muß
       ihm zum  Ruhme nachsagen,  daß er  in letzterer  Beziehung Maß zu
       halten wußte  und daß  diese Stellen  seiner Entwicklung von sehr
       gutem Effekt  waren. Im  ganzen war sein Vortrag aber zu lang und
       zu gefühlsreich. Die deutschen Schweizer besitzen das aes triplex
       des Horaz [126], und an ihrer ebenso harten wie breiten
       
       #90# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Brust prallten  alle schönen  Sentenzen, alle  nobeln Gefühle des
       guten Pioda wirkungslos ab.
       Nach ihm  erhob sich  Herr Doktor  Alfred Escher von Zürich. A la
       bonne heure 1*), das ist ein Mann comme il en faut pour la Suisse
       2*)! Herr  Doktor Escher, eidgenössischer Repräsentant in Tessin,
       Vizepräsident des  Nationalrats, Sohn - wenn ich nicht irre - des
       bekannten Mechanikers  und Ingenieurs Escher, der die Linth kana-
       lisierte und  eine enorme  Maschinenfabrik bei  Zürich  gründete.
       Herr Doktor Escher ist nicht sowohl ein Züricher als ein "schwei-
       zerischer Athenienser".  Sein Frack,  sein Gilet  sind vom ersten
       marchand tailleur 3*) Zürichs angefertigt ; man sieht das lobens-
       werte und  stellenweise nicht  erfolglose Bestreben, den Anforde-
       rungen des Pariser Modejournals nachzukommen, man sieht aber auch
       die reichsstädtische  Erbsünde, die die Hand des Zuschneiders im-
       mer wieder  in das  altgewohnte kleinbürgerliche  Geleise zurück-
       führte. Wie  der Frack,  so der Mann. Die blonden Haare sind sehr
       sorglich geschnitten,  aber schrecklich  bürgerlich  geschnitten,
       und der  Bart desgleichen - denn unser schweizerischer Alcibiades
       trägt natürlich auch seinen Bart, eine Kaprice, die bei einem Zü-
       richer aus  "guter Familie"  sehr an  Alcibiades den Ersten erin-
       nert. Wenn  Herr Doktor  Escher den Präsidentenstuhl besteigt, um
       Steiger einen  Moment abzulösen, so vollzieht er dies Manöver mit
       einer Mischung  von Würde  und eleganter  Nonchalance, um die ihn
       Herr Marrast beneiden könnte. Man sieht deutlich, wie er die paar
       Augenblicke benutzt,  um seinen  auf der  harten Bank müde gewor-
       denen Rücken in dem weichen Polster des Fauteuils wieder auszuru-
       hen. Kurz,  Herr Escher  ist so elegant, wie man es in Schweizer-
       Athen nur sein kann, und dazu ist er reich, hübsch, von kräftigem
       Körperbau und  nicht über  33 Jahre  alt. Die  Berner Damen mögen
       sich hüten vor diesem gefährlichen Alcibiades von Zürich.
       Herr Escher  spricht ferner  recht fließend und so gutes Deutsch,
       wie es  einem Schweizer-Athenienser  nur möglich  ist:  Attisches
       Idiom mit  dorischem Akzent,  aber ohne  grammatische Fehler, und
       das ist  nicht jedem  Nationalrat der  deutschen Schweiz gegeben,
       spricht er  wie alle  Schweizer  mit  schreckenerregender  Feier-
       lichkeit. Herr  Escher könnte  in seinem siebzigsten Jahre keinen
       solenneren Ton  anschlagen als  vorgestern - und er ist einer der
       Jüngsten in  der Versammlung.  Dazu besitzt  er noch  eine andere
       nicht schweizerische  Eigenschaft. Jeder  deutsche Schweizer näm-
       lich hat  für alle  seine Reden, bei allen Gelegenheiten, für die
       Dauer seines  Lebens nur  einen Gestus.  Herr  Doktor  Kern  z.B.
       streckt den rechten Arm seitwärts im rechten Winkel
       -----
       1*) Alle  Achtung   -  2*) wie   ihn  die   Schweiz   braucht   -
       3*) Maßschneider
       
       
       #91# Der Nationalrat
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       erhoben von  sich; die  verschiedenen Offiziere machen genau den-
       selben Griff,  nur daß  sie den Arm gerade vor sich hin und nicht
       seitwärts halten;  Herr Tanner  von Aarau macht bei jedem dritten
       Wort eine  Verbeugung; Herr  Furrer wechselt  es zwischen  Front,
       halbrechts und halblinks; kurz, wenn man den ganzen deutschreden-
       den Nationalrat  zusammennimmt, so  bekommt  man  einen  ziemlich
       vollständigen Telegraphen heraus. Der Gestus des Herrn Escher be-
       steht darin,  daß er  die Hand gerade vor sich hinstreckt und mit
       ihr die  Bewegung eines  Pumpenschwengels aufs täuschendste nach-
       macht.
       Was den  Inhalt der Rede des Herrn Doktor Escher angeht, so brau-
       che ich diese Aufzählung der Beschwerden der Repräsentanten um so
       weniger zu  wiederholen, als  diese Beschwerden fast alle vermit-
       telst der  "Neuen Zürcher-Zeitung" [127] in die meisten deutschen
       Blätter übergegangen sind. Neues enthielt die Rede absolut nicht.
       Nach der  Züricher Feierlichkeit  die italienische  Leidenschaft:
       nach Herrn  Dr. Escher der Oberst Luvini. Luvini, ein ausgezeich-
       neter Soldat,  dem der Kanton Tessin seine ganze militärische Or-
       ganisation verdankt,  der die  Revolution von  1840 als militäri-
       scher Chef  dirigierte, der  1841 im  August, als  die gestürzten
       Oligarchen und Pfaffen einfielen und von Piemont her eine Kontre-
       revolution versuchten,  durch seine  Schnelligkeit und Energie in
       einem Tage den Versuch erstickte und der im Sonderbundskriege nur
       deswegen der einzige Gefangene war, weil die Bündner ihn im Stich
       ließen -  Luvini sprang  mit großer  Schnelligkeit auf,  um seine
       Landsleute gegen  Escher zu  verteidigen. Daß  die  Vorwürfe  des
       Herrn Escher  in der  gespreizten, aber äußerlich ruhigen Sprache
       eines Schulmeisters  vorgebracht waren, nahm ihnen nichts von ih-
       rer Bitterkeit;  im Gegenteil, jedermann weiß, daß die doktrinäre
       Weisheit an sich schon unerträglich und verletzend genug ist.
       Luvini antwortete  mit der ganzen Leidenschaft des alten Soldaten
       und des Tessiners, der Schweizer durch Zufall, aber Italiener von
       Natur ist:
       
       "Macht man  hier nicht den Tessinern ordentlich einen Vorwurf aus
       ihrer 'Sympathie für die italienische Freiheit'? Ja, es ist wahr,
       die Tessiner  sympathisieren mit  Italien, und ich bin stolz dar-
       auf, daß  es so  ist, und  ich werde  nicht aufhören, morgens und
       abends Gott  um die Befreiung dieses Landes von seinen Unterdrüc-
       kern zu bitten. Ja, trotz Herrn Escher, die Tessiner sind ein ru-
       higes und friedliches Volk, aber allerdings, wenn sie täglich und
       stündlich sehen  müssen, wie die schweizerischen Soldaten frater-
       nisieren mit  den Österreichern,  mit den  Schergen eines Mannes,
       dessen Namen  ich nie  aussprechen kann ohne eine Bitterkeit, die
       aus tiefster Seele kommt, mit den Söldlingen Radetzkys, da sollen
       sie nicht  erbittert werden,  sie, vor  deren Augen sozusagen die
       Kroaten die  scheußlichsten Greuel begehen? Ja, die Tessiner sind
       ein ruhiges und friedliches Volk, aber wenn man ihnen schweizeri-
       sche Soldaten schickt, die Partei
       
       #92# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       für die  Österreicher ergreifen,  die sich  stellenweise wie  die
       Kroaten benehmen,  dann sind  sie es freilich nicht!" (Folgt eine
       Aufzählung von  Tatsachen über das Benehmen der Schweizer Truppen
       in Tessin.)  "Es ist  schon hart  und traurig genug, wenn man von
       Fremden unterjocht und geknechtet wird, aber man duldet es in der
       Hoffnung auf den Tag, wo man die Fremden verjagen wird - aber daß
       meine eignen  Brüder und Eidgenossen mich knechten, mir sozusagen
       den Strick um den Hals legen, wahrlich..."
       
       Die Klingel  des Präsidenten  unterbrach den Redner. Luvini wurde
       zur Ordnung gerufen. Er sprach noch einige Sätze und schloß ziem-
       lich abrupt und verdrießlich.
       Dem heißblütigen  Luvini folgte der Oberst Michel aus Graubünden.
       Die Bündner sind von jeher, mit Ausnahme der italienisch redenden
       Misoxer, schlechte Nachbarn der Tessiner gewesen, und Herr Michel
       blieb seinen  vaterländischen Traditionen  treu. In höchst feier-
       lich-biedermännischem Ton  suchte er  die Angaben der Tessiner zu
       verdächtigen, erging  sich in  einer langen  Reihe unangebrachter
       Invektiven und  Klatschereien gegen das Tessiner Volk und war so-
       gar ungeschickt  und unedel  genug, den  Tessinern einen  Vorwurf
       daraus zu machen, daß sie (mit Recht) für ihre Niederlage bei Ai-
       rolo seine, Michels Landsleute, die Bündner, verantwortlich mach-
       ten. Er schloß mit dem liebevollen Antrag, der Tessiner Regierung
       einen Teil der Grenzokkupationskosten aufzubürden.
       Auf Steigers Antrag wurde die Debatte hiermit ausgesetzt.
       Am nächsten Morgen ergriff zuerst Herr Oberst Berg von Zürich das
       Wort. Herr  Oberst Berg  - von seiner äußeren Erscheinung spreche
       ich nicht,  denn, wie  gesagt, sehen  die deutsch-schweizerischen
       Offiziere einer  aus wie der andre - Herr Berg ist Kommandant des
       in Tessin  stehenden Züricher  Bataillons, von dessen übermütigem
       Benehmen Luvini eine Menge Exempel gegeben hatte. Herr Berg mußte
       natürlich sein  Bataillon verteidigen,  und da er mit den deshalb
       vorgebrachten tatsächlichen Behauptungen bald zu Ende war, so er-
       ging er sich in einer Reihe der maßlosesten persönlichen Ausfälle
       gegen Luvini.
       
       "Luvini", sagte er, "sollte sich schämen, die Rede auf die Diszi-
       plin der  Truppen zu bringen und vollends die Disziplin eines der
       besten und  ordentlichsten Bataillone  zu verdächtigen. Denn wenn
       mir passiert  wäre, was  dem Herrn  Luvini passiert ist, so würde
       ich längst meine Demission gegeben haben. Es ist dem Herrn Luvini
       passiert, daß er im Sonderbundskriege mit einer überlegenen Armee
       geschlagen wurde  und auf  den Befehl  vorzurücken erwiderte: das
       sei unmöglich,  seine Truppen  seien demoralisiert  usw. Übrigens
       wünsche ich nicht hier, sondern anderswo mit dem Herrn Luvini ein
       Wörtchen über diese Angelegenheit zu sprechen, ich liebe es, mei-
       nem Gegner das Weiße im Auge zu sehen."
       
       #93# Der Nationalrat
       -----
       Alle diese  und zahllose  andere Provokationen  und Beleidigungen
       wurden von  Herrn Berg in einem halb würdevollen, halb polternden
       Ton vorgebracht.  Er wollte  offenbar die  fougueuse 1*) Rhetorik
       Luvinis nachmachen, erreichte aber nur ein komplettes Fiasko.
       Da die  Geschichte von Airolo nun schon zweimal in meinem Bericht
       vorgekommen ist  und nochmals  vorkommt, so  will ich kurz an die
       Hauptumstände erinnern.  Der Plan  Dufours  im  Sonderbundskriege
       war: Während  die Hauptarmee Freiburg und Luzern angriff, sollten
       die Tessiner  über den  Gotthard, die Bündner über die Oberalp in
       das Urserental  vordringen, die  dortige liberale Bevölkerung be-
       freien und bewaffnen und durch diese Diversion Wallis von den Ur-
       kantonen abschneiden  und die Luzerner Hauptarmee der Sonderbünd-
       ler zwingen,  sich zu  teilen. Der  Plan wurde vereitelt, erstens
       durch die  Besetzung des  Gotthard durch  die Urner  und Walliser
       noch vor  Eröffnung der  Feindseligkeiten und  zweitens durch die
       Lauheit der  Bündner. Die  Bündner zogen die katholischen Milizen
       gar nicht ein, und selbst die eingezogenen Truppen ließen sich im
       Hochgericht Disentis  von der katholischen Bevölkerung vom weite-
       ren Vordringen  abhalten. Tessin  war also  ganz allein, und wenn
       man bedenkt,  daß die  militärische Organisation  dieses  Kantons
       noch sehr jung, daß die ganze Tessiner Armee nur an 3000 Mann be-
       trägt, so begreift man die Schwäche Tessins gegenüber dem Sonder-
       bund. Die  Urner, Walliser und Unterwalder hatten sich inzwischen
       auf mehr  als 2000  Mann mit  Artillerie verstärkt und brachen am
       17. November  1847 mit  ihrer gesamten  Macht den  Gotthard hinab
       nach Tessin  herein. Die  Tessiner Truppen standen von Bellinzona
       bis Airolo  das Leventinatal  hinauf  echeloniert;  ihre  Reserve
       stand in  Lugano. Die Sonderbündler, von einem dichten Nebel ver-
       hüllt, besetzten  alle Höhen  um Airolo,  und als  der Nebel sich
       verzog, sah  Luvini, daß  die Position verloren sei, noch ehe ein
       Schuß gefallen.  Er setzte sich indes zur Gegenwehr, und nach ei-
       nem mehrstündigen  Gefecht,  worin  die  Tessiner  sich  mit  der
       höchsten Tapferkeit  schlugen, wurden seine Truppen von den über-
       legenen Feinden  geworfen. Anfangs  wurde der Rückzug von einigen
       Truppenteilen gedeckt; aber von den Höhen herab in die Flanke ge-
       nommen, mit Artillerie beschossen, gerieten die Tessiner Rekruten
       bald in  die größte  Unordnung und waren nicht eher zum Stehen zu
       bringen als  acht Stunden  von Airolo,  hinter der Moesa. Wer die
       Gotthardstraße passiert  hat, begreift  die enormen Vorteile, die
       die von  oben herabdringende Armee hat, besonders wenn sie Artil-
       lerie besitzt,  und begreift  die Unmöglichkeit  für eine  bergab
       fliehende Armee, sich irgendwo wieder zu setzen und in dem engen
       -----
       1*) feurige
       
       #94# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Tal ihre  Kräfte zu deployieren. Übrigens waren die Tessiner, die
       wirklich ins Gefecht kamen, keineswegs den Sonderbündlern überle-
       gen, sondern  umgekehrt. An dieser Niederlage, die übrigens keine
       weiteren Folgen  hatte, war  also nicht  Luvini, sondern  erstens
       seine geringen  und ungeübten  Streitkräfte, zweitens  das ungün-
       stige Terrain,  drittens und  hauptsächlich  das  Ausbleiben  der
       Bündner schuld, die sich in Disentis den Veltliner schmecken lie-
       ßen, statt  auf der  Oberalp zu sein, und die jetzt endlich, über
       den Bernardin,  den Tessinern  post festum  1*)  zwei  Bataillone
       stark zu Hülfe kamen. Und dieser Sieg des Sonderbunds an der ein-
       zigen Stelle,  wo er  die Übermacht hatte, wird den schmählich im
       Stich gelassenen Tessinern zum Vorwurf gemacht von denen, die sie
       im Stich  ließen, oder  die bei  Freiburg und  Luzern, drei gegen
       einen kämpfend, wohlfeile Lorbeeren erwarben!
       Wie Sie  wissen, ist auf diese Expektorationen Bergs gegen Luvini
       ein Duell erfolgt, in dem der Welsche den Züricher derb abführte.
       Doch zurück zur Debatte. Herr Dr. Kern aus Thurgau erhob sich, um
       die Anträge  der Majorität  zu unterstützen.  Herr Kern  ist eine
       große, breitschultrige  Schweizergestalt mit  einem nicht unange-
       nehmen, ausgeprägten  Gesicht und etwas theatralischem Haar, etwa
       wie sich ein biedrer Schweizer den olympischen Jupiter vorstellen
       mag, etwas gelehrt angezogen und im Blick, Ton, Gebärde von uner-
       schütterlicher Entschlossenheit.  Herr Kern  gilt für  einen  der
       tüchtigsten und  scharfsinnigsten Juristen  der Schweiz; "mit der
       ihm eigenen  Logik" und hochbeteuernden Manier ging der Präsident
       des Bundesgerichts  auf die  Tessiner Frage  ein, wurde  mir aber
       bald so langweilig, daß ich vorzog, ins Café italien zu gehen und
       einen Schoppen Walliser zu trinken.
       Als ich  wiederkam, hatten nach Kern Almeras von Genf, Homberger,
       Blanchenay von  Waadt und Castoldi von Genf gesprochen, mehr oder
       weniger Lokalgrößen, deren eidgenössischer Ruhm erst im Entstehen
       ist. Am Sprechen war Eytel von Waadt.
       Herr Eytel  kann in  der Schweiz,  wo die  Menschen in  demselben
       Verhältnis groß  sind wie  das gewöhnliche  Rindvieh,  für  einen
       feingewachsenen Mann  gelten, obwohl  er in  Frankreich als jeune
       homme fort robuste 2*) passieren würde. Er hat ein hübsches, fei-
       nes Gesicht  mit blondem  Schnurrbart und  blondem Lockenhaar und
       erinnert, wie  die Waadtländer  überhaupt, mehr als andre welsche
       Schweizer an  einen Franzosen.  Daß er  eine der Hauptstützen der
       ultraradikalen, rotrepublikanischen  Waadtländer ist, brauche ich
       nicht erst  zu sagen.  Er ist  übrigens auch  noch jung und gewiß
       nicht älter als
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       1*) hinterher - 2*) sehr kräftiger junger Mann
       
       #95# Der Nationalrat
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       Escher. Herr Eytel sprach mit großer Lebhaftigkeit gegen die eid-
       genössischen Repräsentanten.
       
       "Sie haben  sich in Tessin benommen, als ob Tessin nicht ein sou-
       veräner Staat,  sondern eine Provinz wäre, die sie als Prokonsule
       zu verwalten  hätten; wahrlich, wären die Herren in einem franzö-
       sischen Kanton  so aufgetreten,  ihres Bleibens wäre nicht länger
       dort gewesen!  Und die Herren, statt Gott zu danken, daß die Tes-
       siner sich  all ihre Herrschergelüste und Phantasien so ruhig ge-
       fallen ließen, beklagen sich noch über schlechte Aufnahme!"
       Herr Eytel  spricht recht  gut, aber  etwas zu  weitschweifig. Es
       geht ihm wie allen französischen Schweizern: Die Pointe ist ihnen
       abhanden gekommen.
       Der alte  Steiger sprach  vom Präsidentenstuhl  aus  auch  einige
       Worte zugunsten  der Majoritätsanträge, und sodann erhob sich zum
       zweitenmal unser  Alcibiades Escher,  um seine  schon einmal  er-
       zählte Geschichte  zum zweitenmal  zu erzählen. Diesmal aber ver-
       suchte er  einen rhetorischen Schluß, dem man das Schulpensum in-
       des auf drei Meilen weit ansah.
       
       "Entweder sind  wir neutral, oder wir sind es nicht, was wir aber
       sind, müssen  wir ganz  sein; und  die alte Schweizertreue erfor-
       dert, daß wir unser Wort halten, sei es auch einem Despoten gege-
       ben."
       Aus diesem neuen und schlagenden Gedanken pumpte der unermüdliche
       Arm des  Herrn Escher den Strom einer feierlichen Peroration her-
       aus, und als sie vollendet war, setzte sich Alcibiades, sichtlich
       zufrieden, wieder hin.
       
       Herr Tanner von Aarau, Obergerichtspräsident, der sich nun erhob,
       ist ein mittelgroßes, dünnes Männchen, das sehr laut spricht, und
       zwar sehr  gleichgültige Dinge.  Seine Rede  war im Grunde weiter
       nichts als  die hundertmalige Wiederholung eines einzigen gramma-
       tischen Fehlers.
       Ihm folgte  Herr Maurice Barman aus Französisch-Wallis. Man sieht
       ihm nicht  an, daß  er 1844  am Pont de Trient sich so tapfer ge-
       schlagen hat, als die Oberwalliser unter Anführung derer von Kal-
       bermatten, von Riedmatten und anderen Matten den Kanton kontrere-
       volutionierten. Herr Barman hat ein ruhig-bürgerliches, doch kein
       unangenehmes Äußere;  er spricht bedächtig und etwas abgebrochen.
       Er wies die Persönlichkeiten Bergs gegen Luvini zurück und sprach
       für Pioda.
       Herr Battaglini  aus Tessin,  der etwas  bürgerlich aussieht  und
       einen boshaften  Beobachter an  den Dottore Bartholo des "Figaro"
       [128] erinnern  könnte, las  eine längere französische Abhandlung
       über Neutralität zugunsten seines Kantons ab, die zwar ganz rich-
       tige Prinzipien enthält, aber sehr oberflächlich angehört wurde.
       
       #96# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Auf einmal hörte das Geplauder und Herumlaufen in der Versammlung
       auf. Die  größte Stille  trat ein, und alle Blicke richteten sich
       auf einen  alten, bartlosen,  kahlköpfigen Mann  mit langer,  ge-
       bogner Nase, der in französischer Sprache zu reden anfing. Dieser
       kleine alte  Mann, der in seiner einfachen schwarzen Kleidung und
       seinem ganz  bürgerlichen Äußern  eher einem  Gelehrten als allem
       andern glich  und nur durch ein ausdrucksvolles Gesicht und einen
       beweglichen, penetranten  Blick auffiel,  war der General Dufour,
       derselbe, dessen  umsichtige Strategik  den Sonderbund  fast ohne
       Blutvergießen erstickte.  Welch  ein  Abstand  von  den  deutsch-
       schweizerischen Offizieren  der Versammlung!  Diese Michel, Zieg-
       ler,  Berg  usw.,  diese  biedern  Haudegen,  diese  pedantischen
       Schnurrbarte machen  gegenüber dem  kleinen, unscheinbaren Dufour
       eine höchst  charakteristische Figur.  Man sieht  auf den  ersten
       Blick, wie  Dufour der  Kopf war,  der den ganzen Sonderbundkrieg
       [lenkte], und  diese würdevollen  Ajaxe [124] nur die Fäuste, die
       er zur  Ausführung seiner  Beschlüsse gebraucht.  Die  Tagsatzung
       hatte  wirklich   richtig  gewählt   und  den   notwendigen  Mann
       getroffen.
       Aber wenn  man Dufour  reden hört, erstaunt man erst. Dieser alte
       Genieoffizier, der sein Leben lang bloß Artillerieschulen organi-
       siert, Reglements  entworfen und  Batterien inspiziert,  der sich
       nie in  parlamentarische Verhandlungen  gedrängt, nie  öffentlich
       gesprochen hat, tritt auf mit einer Sicherheit, spricht mit einem
       Fluß, einer  Eleganz und einer Präzision, einer Klarheit, die be-
       wundernswert und  im schweizerischen Nationalrat einzig ist. Die-
       ser maidenspeech  1*) Dufours  über  die  Tessiner  Angelegenheit
       würde, was Form und Vortrag angeht, in einer französischen Kammer
       das größte  Aufsehen erregt  haben und übertrifft in jeder Bezie-
       hung bei weitem die dreistündige Rede, wodurch Cavaignac sich zum
       ersten Advokaten  von Paris  gemacht hat  - wenn man nach dem Ab-
       druck im "Moniteur" [17] urteilen kann. Die Schönheit der Sprache
       ist aber bei einem Genfer doppelt anzuerkennen. Die Nationalspra-
       che von  Genf  ist  ein  kalvinistisch-reformiertes  Französisch,
       breit, platt,  arm, tonlos  und ermattet. Aber Dufour sprach kein
       Genferisch, sondern  wirkliches, echtes Französisch. Und dazu wa-
       ren die  Gesinnungen, die  er kundgab, so nobel, so soldatisch im
       g u t e n  Sinne des Worts, daß sie die brotneidischen Eifersüch-
       teleien,  die  kleinlichen  Kantönliborniertheiten  der  deutsch-
       schweizerischen Offiziere erst recht grell hervortreten ließen.
       
       "Ich freue  mich, daß die Neutralität im Munde aller ist", sprach
       Dufour. "Aber  worin besteht  die Neutralität? Sie besteht darin,
       daß wir  nichts unternehmen  oder unternehmen lassen, wodurch der
       Friedenszustand zwischen der Schweiz und den
       -----
       1*) Diese Jungfernrede
       
       #97# Der Nationalrat
       -----
       Nachbarstaaten gefährdet  wird. Nichts  weniger, aber auch nichts
       mehr. Wir haben also das Recht, den fremden Flüchtlingen ein Asyl
       zu gestatten,  es ist ein Recht, worauf wir stolz sind. Wir sehen
       es als  eine Pflicht  an, die wir dem Unglück schuldig sind. Aber
       unter einer  Bedingung: daß  der Flüchtling  sich unsern Gesetzen
       unterwerfe, daß  er nichts  unternehme, was unsere innere und äu-
       ßere Sicherheit gefährdet. Daß ein von der Tyrannei verjagter Pa-
       triot sich auch von unserm Gebiet aus bestrebt, die Freiheit sei-
       nes Vaterlandes  wiederzugewinnen, ich  finde es  erklärlich, ich
       mache ihm  keinen Vorwurf daraus, aber auch wir haben dann zu se-
       hen, was  wir zu tun haben. Wenn daher der Flüchtling seine Feder
       spitzt oder  seine Flinte  ergreift gegen  die  Nachbarregierung,
       gut, so  werden wir ihn nicht ausweisen, das wäre ungerecht, aber
       von der  Grenze entfernen,  ihn internieren.  Das gebietet  unsre
       eigne Sicherheit,  unsre Rücksicht auf die Nachbarstaaten; nichts
       weniger, aber  auch  n i c h t s  m e h r.  Schreiten wir dagegen
       ein nicht bloß gegen den Freischärler, der ins fremde Gebiet ein-
       gefallen, sondern auch gegen den Bruder, den Vater des Freischär-
       lers, gegen  den, der  ruhig geblieben,  so tun wir mehr, als wir
       müssen, so  sind wir  nicht mehr  unparteiisch, so  ergreifen wir
       Partei für die fremde Regierung, für den Despotismus, gegen seine
       Schlachtopfer." (Allgemeines  Bravo.) "Und  gerade jetzt,  wo Ra-
       detzky, ein  Mann, mit  dem gewiß  niemand in  dieser Versammlung
       sympathisiert, wo  er bereits von uns diese ungerechte Entfernung
       a l l e r   Flüchtlinge von  der Grenze verlangt hat, wo er seine
       Forderung durch  Drohungen, ja durch feindselige Maßregeln unter-
       stützt, gerade  jetzt ziemt  es uns  am allerwenigsten, der unge-
       rechten Forderung  eines übermächtigen Gegners nachzukommen, weil
       es aussieht, als hätten wir der Übermacht nachgegeben, als hätten
       wir diesen  Beschluß gefaßt,  weil ein Stärkerer ihn von uns ver-
       langt." (Bravo.)
       Ich bedaure,  nicht mehr  von dieser  Rede und  nicht wörtlichere
       Auszüge geben zu können. Aber Stenographen gibt's hier nicht, und
       ich muß  aus der Erinnerung aufschreiben. Genug, Dufour erstaunte
       die ganze Versammlung ebensosehr durch seine Rednergabe und durch
       die Anspruchslosigkeit  seines Vortrags wie durch die schlagenden
       Argumente, die  er vorbrachte, und setzte sich mit der Erklärung,
       er stimme  für Pioda,  unter allgemeinem Beifall nieder. Ich habe
       sonst nie  Beifallsbezeugungen im Nationalrat während der Diskus-
       sion gehört.  Die Sache  war entschieden,  nach Dufours  Rede war
       nichts mehr zu sagen, der Antrag Piodas war durchgesetzt.
       Aber damit  war den  in ihrem Gewissen erschütterten Kantönlirit-
       tern nicht  gedient, und  auf den Ruf nach Schluß antworteten sie
       durch 48 Stimmen für Fortsetzung der Debatte. Nur 42 stimmten für
       den Schluß;  die Diskussion  ging also  weiter. Herr  Veillon von
       Waadt schlug  vor, die ganze Sache dem Bundesrat [97] zu überwei-
       sen. Herr  Pittet von  Waadt, ein hübscher Mann mit französischen
       Zügen, sprach  für Pioda, fließend, aber breit und doktrinär, und
       die Debatte  schien eingeschlafen,  als endlich Herr Bundespräsi-
       dent Furrer sich erhob.
       
       #98# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Herr Furrer ist ein Mann in seinen besten Jahren, das Seitenstück
       zu Alcibiades  Escher. Wenn  dieser Schweizer-Athen  vertritt, so
       repräsentiert Herr  Furrer Zürich. Neigt Escher zum Professor, so
       neigt Furrer  zum Zunftmeister hin. Beide zusammen repräsentieren
       Zürich vollständig.
       Herr Furrer  ist natürlich  ein Mann der unbedingtesten Neutrali-
       tät, und  als er  durch Dufours Rede sein System gewaltig bedroht
       sah, mußte er die äußersten Mittel aufbieten, um sich die Majori-
       tät zu sichern. Herr Furrer war zwar erst seit drei Tagen Bundes-
       präsident, aber  dessenungeachtet bewies  er, daß  er die Politik
       der Kabinettsfragen  versteht trotz Duchâtel und trotz Hansemann.
       Er erklärte,  der Bundesrat  sei ungeheuer  begierig auf  den Be-
       schluß des  Nationalrats, weil dieser Beschluß der ganzen Politik
       der Schweiz  die entscheidende Wendung geben werde usw., und nach
       einiger Ausschmückung  dieser captatio  benevolentiae 1*) ging er
       allmählich dazu  über, auseinanderzusetzen, was seine Meinung sei
       und die Meinung der Majorität des Bundesrats, nämlich, daß es bei
       der Neutralitätspolitik  sein Bewenden  haben müsse  und daß  die
       Ansicht der  Majorität der  Kommission auch die der Majorität des
       Bundesrates sei.  Und das alles sagte er mit so feierlicher Würde
       und so  eindringlicher Stimme,  daß die  Kabinettsfrage aus jeder
       Silbe seiner  Rede hervorsah.  Nun muß  man wissen,  daß  in  der
       Schweiz   die    vollziehende   Gewalt    nicht   wie    in   der
       konstitutionellen  Monarchie   oder   der   neuen   französischen
       Verfassung eine  selbständige Gewalt  neben  der  gesetzgebenden,
       sondern daß  sie bloß  der Ausfluß und der Arm der gesetzgebenden
       Gewalt ist.  Man muß  wissen, daß es hier gar nicht Gebrauch ist,
       daß die  vollziehende Gewalt  zurücktritt, wenn die gesetzgebende
       Versammlung  etwas   andres  beschließt,   als  sie  wünscht;  im
       Gegenteil pflegt sie diesen Beschluß gehorsamst zu vollziehen und
       auf bessere  Zeiten zu  warten. Und  da die  vollziehende  Gewalt
       ebenfalls aus  einem gewählten Rat besteht, der auch verschiedene
       Nuancen enthält,  so hat  es gar nicht so viel zu sagen, wenn die
       Minorität im vollziehenden Rat in manchen Fragen die Majorität im
       gesetzgebenden  Rat   hat.  Und   hier  waren   wenigstens   zwei
       Bundesräte, Druey  und Franscini,  für Pioda  und  gegen  Furrer.
       Dieser Appell  Furrers an die Versammlung war also nach Schweizer
       Sitte und Anschauungsweise ganz unparlamentarisch. Aber einerlei!
       Die  gewichtige   Stimme  des  Herrn  Bundespräsidenten  gab  den
       Kantönlirittern  wieder   Courage,  und   als  er   sich  setzte,
       versuchten sie  sogar ein  verhallendes Bravo  und  schrien  nach
       Schluß.
       Der alte  Steiger war  aber billig  genug, vorher Herrn Pioda als
       Berichterstatter der  Minorität noch  das Wort  zu  geben.  Pioda
       sprach mit derselben
       -----
       1*) Werbung um die Gunst des Hörers
       
       #99# Der Nationalrat
       -----
       Ruhe und  demselben Anstand  wie früher.  Er widerlegte  nochmals
       alle Einwürfe,  indem er  die Debatte kurz resümierte. Er vertei-
       digte mit Wärme seinen Freund Luvini, dessen fougueuse 1*) Bered-
       samkeit ihn  vielleicht hier zu weit fortgerissen, aber bei einer
       früheren Gelegenheit,  man solle  es nicht vergessen, der Schweiz
       seinen Kanton erhalten habe. Endlich kam er auf Airolo und bedau-
       erte, daß  dies Wort  hier vorgebracht, daß es vollends von einer
       Seite vorgebracht, von der er es am wenigsten erwartete.
       
       "Es ist  wahr", sagte  er, "wir  haben bei Airolo eine Niederlage
       erlitten. Aber  wie ging  das zu?  Wir standen  allein da,  unser
       kleiner, dünnbevölkerter  Kanton gegen die ganze Wucht der Urkan-
       tone und des Wallis, die sich auf uns warfen und uns, nachdem wir
       uns tapfer verteidigt, erdrückten. Es ist wahr, wir sind geschla-
       gen worden. Aber geziemt es Ihnen" (zu Michel gewandt), "uns dar-
       aus einen  Vorwurf zu  machen? Sie, meine Herren, Sie sind schuld
       daran, daß  wir geschlagen  wurden, Sie  sollten auf  der Oberalp
       sein und  den Sonderbündlern  in die Flanke fallen, und wer nicht
       da war,  wer uns  im Stich Keß, das waren Sie, und deshalb wurden
       wir geschlagen.  Ja, Sie sind gekommen, meine Herren, aber als es
       zu spät, als alles vorüber war - da endlich sind Sie gekommen!"
       
       Wütend und  mit krebsrotem  Gesicht sprang  Oberst Michel auf und
       erklärte dies  für eine Lüge und Verleumdung. Durch lautes Murren
       und die  Klingel des Präsidenten zur Ordnung gerufen, fuhr er et-
       was ruhiger  fort. Er  wisse nichts  davon, daß  er habe  auf der
       Oberalp sein  sollen. Er  wisse bloß,  daß, als er gerufen worden
       sei, er  den Tessinern  zu Hülfe  gekommen, und zwar er zu aller-
       erst.
       Pioda erwiderte  ebenso ruhig wie vorher: es sei ihm nicht einge-
       fallen, Herrn  Michel persönlich angreifen zu wollen, er habe nur
       von den Graubündnern im allgemeinen gesprochen, und da sei es al-
       lerdings ein  Faktum, daß  sie hätten  von der  Oberalp herab die
       Tessiner unterstützen  sollen. Wenn  Herr Michel das nicht wisse,
       so sei  das leicht  erklärlich, da  er damals  bloß ein Bataillon
       kommandiert habe und also die allgemeinen Dispositionen des Feld-
       zugs ihm sehr wohl unbekannt geblieben sein könnten.
       Mit diesem  Intermezzo, das  noch zu verschiedenen Privatverhand-
       lungen zwischen  diesen Herren  außerhalb  des  Versammlungssaals
       führte und  endlich durch  beiderseitig zufriedenstellende Erklä-
       rungen beigelegt  wurde, schloß  die Debatte.  Die Abstimmung er-
       folgte durch  Namensaufruf. Die Franzosen und vier bis fünf Deut-
       sche stimmten  mit den Tessinern; die Masse der deutschen Schwei-
       zer stimmten  dagegen; Tessin  wurde des  Asylrechts beraubt, Ra-
       detzkys Forderungen  wurden zugestanden, die Neutralität um jeden
       Preis
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       1*) feurige
       
       #100# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       proklamiert, und  Herr Furrer konnte mit sich und dem Nationalrat
       zufrieden sein.
       Das ist der schweizerische Nationalrat, die Blüte der schweizeri-
       schen Staatsmänner. Ich finde, daß sie nur durch eine Tugend sich
       vor  andern   Gesetzgebern  auszeichnen:   durch   eine   größere
       G e d u l d.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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