Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859


       zurück

       #133#
       -----
       II
       
       Karlsruhe
       
       Der Aufstand  in Baden  kam unter  den günstigsten  Umständen zu-
       stande, in  denen eine  Insurrektion sich  nur befinden kann. Das
       ganze Volk  war einig in dem Haß gegen eine wortbrüchige, achsel-
       trägerische und in ihren politischen Verfolgungen grausame Regie-
       rung. Die  reaktionären Klassen, Adel, Bürokratie und große Bour-
       geoisie, waren  wenig zahlreich.  Eine große  Bourgeoisie besteht
       überhaupt in  Baden nur  embryonisch. Mit Ausnahme dieser wenigen
       Adeligen, Beamten  und Bourgeois, mit Ausnahme der Karlsruher und
       Baden-Badener vom  Hof und  von reichen  Fremden lebenden Krämer,
       mit Ausnahme  einiger Heidelberger  Professoren und  eines halben
       Dutzend Bauerndörfer  um Karlsruhe  war das  ganze Land ungeteilt
       für die  Bewegung. Die  Armee, die  in andern Aufständen erst be-
       siegt werden  mußte, die Armee, von ihren adligen Offizieren mehr
       als irgendwo  anders schikaniert,  seit einem Jahre von der demo-
       kratischen Partei  bearbeitet, seit kurzem durch Einführung einer
       Art allgemeiner  Wehrpflicht noch mehr mit rebellischen Elementen
       versetzt, die  Armee stellte sich hier an die Spitze der Bewegung
       und trieb  sie sogar  weiter, als die bürgerlichen Leiter der Of-
       fenburger Versammlung  wollten. Die  Armee gerade  war es, die in
       Rastatt und Karlsruhe die "Bewegung" in eine Insurrektion verwan-
       delte.
       Die insurrektionelle  Regierung fand  also bei  ihrem Amtsantritt
       eine fertige  Armee, reichlich versehene Arsenale, eine vollstän-
       dig organisierte Staatsmaschine, einen gefüllten Staatsschatz und
       eine so  gut wie einstimmige Bevölkerung vor. Sie fand ferner auf
       dem linken  Rheinufer, in  der Pfalz, eine bereits fertige Insur-
       rektion vor,  die ihr  die linke  Flanke deckte;  in Rheinpreußen
       eine Insurrektion,  die zwar  stark bedroht,  aber noch nicht be-
       siegt war;  in Württemberg, in Franken, in beiden Hessen und Nas-
       sau eine  allgemeine Aufregung,  selbst unter  der Armee, die nur
       eines Funkens  bedurfte, um  den badischen  Aufstand in ganz Süd-
       und Mitteldeutschland zu wiederholen und wenigstens 50 000-60 000
       Mann regulärer Truppen der Empörung zu Gebot zu stellen.
       
       #134# Friedrich Engels
       -----
       Was unter  diesen Umständen  zu tun war, ist so einfach und hand-
       greiflich, daß jetzt nach der Unterdrückung des Aufstandes jeder-
       mann es  weiß, jedermann  es gleich von Anfang gesagt haben will.
       Es handelte  sich darum, sofort und ohne einen Augenblick zu zau-
       dern, den  Aufstand weiterzutragen nach Hessen, Darmstadt, Frank-
       furt, Nassau  und Württemberg. Es handelte sich darum, sofort von
       den disponiblen  regulären Truppen 8000-10000 Mann zusammenzuraf-
       fen -  mit der  Eisenbahn konnte  das in zwei Tagen geschehen-und
       sie nach  Frankfurt zu  werfen - "zum Schutz der Nationalversamm-
       lung". Die  erschrockene hessische Regierung war durch die Schlag
       auf Schlag  einander folgenden  Fortschritte des  Aufstandes  wie
       festgebannt; ihre  Truppen waren  notorisch günstig  gestimmt für
       die Badenser; sie, sowenig wie der Frankfurter Senat [150], konn-
       ten den  mindesten Widerstand  leisten. Die  in Frankfurt statio-
       nierten kurhessischen,  württembergischen und Darmstädter Truppen
       waren für die Bewegung; die dortigen Preußen - meist Rheinländer-
       schwankten; die  Österreicher waren  wenig zahlreich. Die Ankunft
       der Badenser,  man mochte  nun versuchen,  sie zu verhindern oder
       nicht, mußte die Insurrektion bis ins Herz beider Hessen und Nas-
       saus tragen,  den Rückzug  der Preußen  und Östreicher nach Mainz
       erzwingen und  die zitternde deutsche sogenannte Nationalversamm-
       lung unter den terrorisierenden Einfluß einer insurgierten Bevöl-
       kerung und  einer insurgierten Armee stellen. Brach dann der Auf-
       stand an  der Mosel,  in der  Eifel, in  Württemberg und  Franken
       nicht sofort  los, so  waren Mittel  genug vorhanden, ihn auch in
       diese Provinzen zu tragen.
       Man mußte  ferner die  Macht der Insurrektion zentralisieren, ihr
       die nötigen  Geldmittel zur Verfügung stellen und durch sofortige
       Abschaffung aller  Feudallasten die große ackerbautreibende Mehr-
       zahl der Bevölkerung bei der Insurrektion interessieren. Herstel-
       lung einer  gemeinsamen Zentralmacht  für Krieg  und Finanzen mit
       der Vollmacht,  Papiergeld *)  auszugeben, zunächst für Baden und
       die Pfalz,  Aufhebung aller  Feudallasten in  Baden und jedem von
       der Insurrektionsarmee  besetzten Bezirk hätten vorderhand hinge-
       reicht, um  dem Aufstand  einen ganz anders energischen Charakter
       zu geben.
       Alles das  mußte, jedoch  im ersten  Augenblick geschehen, um mit
       der Schnelligkeit  durchgeführt zu  werden, die allein den Erfolg
       sichern konnte.  Acht Tage  nach Einsetzung des Landesausschusses
       war es  schon zu  spät. Die  rheinische Insurrektion  war  unter-
       drückt, Württemberg  und Hessen  rührten sich  nicht, die anfangs
       günstig gestimmten Truppenteile wurden unsicher,
       ---
       *) Die badischen  Kammern hatten  früher schon  eine Emission von
       zwei Millionen  Papiergeld genehmigt, von denen noch kein Kreuzer
       ausgegeben war.
       
       #135# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
       -----
       sie folgten  schließlich wieder  ganz ihren reaktionären Offizie-
       ren. Der  Aufstand hatte seinen allgemeindeutschen Charakter ver-
       loren, er  war ein  rein badischer oder badisch-pfälzischer Loka-
       laufstand geworden.
       Wie ich nach Beendigung des Kampfes erfahren, hatte der ehemalige
       badische Unterleutnant  F. Sigel,  der während des Aufstandes als
       "Oberst" und  später als "Obergeneral" sich einen mehr oder weni-
       ger zweideutigen  Zwerglorbeer errang,  gleich im Anfang dem Lan-
       desausschuß einen  Plan vorgelegt, nach dem man die Offensive er-
       greifen sollte.  Dieser Plan hat das Verdienst, den richtigen Ge-
       danken zu enthalten, daß unter allen Umständen angegriffen werden
       müsse; im  übrigen ist  er der  abenteuerlichste, der  nur vorge-
       schlagen werden  konnte. Sigel  wollte mit  einem badischen Korps
       zuerst nach  Hohenzollern rücken und die Hohenzollersche Republik
       proklamieren, sodann  Stuttgart nehmen und von da, nach Insurgie-
       rung Württembergs,  auf Nürnberg  marschieren und  im Herzen  des
       ebenfalls insurgierten Frankens ein großes Lager aufschlagen. Man
       sieht, daß  dieser Plan  die moralische  Wichtigkeit  Frankfurts,
       dessen Besitz der Insurrektion erst einen allgemeindeutschen Cha-
       rakter gab,  und die strategische Wichtigkeit der Mainlinie gänz-
       lich unberücksichtigt  ließ. Man sieht, daß er ganz andre Streit-
       kräfte voraussetzte,  als wirklich  disponibel waren,  und daß er
       sich schließlich,  nach einem  vollständig Don-Quijoteschen  oder
       Schillschen Streifzug  [151], ins  Blaue verlief, um dem Aufstand
       die  stärkste,   die  unter   allen  süddeutschen  Armeen  einzig
       entschieden feindliche Armee, die  b a y r i s c h e,  sofort auf
       die Fersen  zu hetzen,  noch ehe  er sich durch den Übertritt der
       hessischen und nassauischen Truppen verstärken konnte.
       Die neue  Regierung ließ  sich auf gar keine Offensive ein, unter
       dem Vorwand,  die Soldaten  seien fast  sämtlich auseinander- und
       nach Hause  gegangen. Abgesehen davon, daß dies nur bei einzelnen
       wenigen Truppenteilen,  namentlich beim  Leibregiment,  der  Fall
       war, so  waren selbst diese auseinandergegangenen Soldaten binnen
       drei Tagen fast alle wieder bei ihren Fahnen.
       Die Regierung  hatte übrigens ganz andere Gründe, sich gegen jede
       Offensive zu sträuben.
       An der  Spitze der  ganzen  badischen  Reichsverfassungsagitation
       stand Herr Brentano, ein Advokat, der mit dem immer etwas mesqui-
       nen Ehrgeiz  eines deutschen  Kleinstaatenvolksmannes und mit der
       anscheinenden Gesinnungstüchtigkeit,  die in Süddeutschland über-
       haupt die erste Bedingung aller Popularität ist, eine gewisse di-
       plomatische Schlauheit verband, die hinreichte, seine ganze Umge-
       bung, mit  Ausnahme vielleicht eines einzigen, vollständig zu be-
       herrschen. Herr Brentano - es ist jetzt trivial geworden, aber
       
       #136# Friedrich Engels
       -----
       es ist richtig -, Herr Brentano und seine Partei, die stärkste im
       Lande, verlangte  auf der  Offenburger Versammlung  weiter nichts
       als Veränderungen der großherzoglichen Politik, die nur mit einem
       M i n i s t e r i u m   B r e n t a n o   möglich waren. Die Ant-
       wort des  Großherzogs, die  allgemeine Agitation,  riefen die Ra-
       statter Militärrevolte  [152] hervor  - gegen  den Willen und die
       Absichten Brentanos.  In dem Augenblick, als Herr Brentano an die
       Spitze des Landesausschusses gesetzt wurde, war er schon überholt
       von der Bewegung, mußte er sie schon zu hemmen suchen. Da kam der
       Krawall in  Karlsruhe [153]  hinzu; der Großherzog floh, und der-
       selbe Umstand,  der Herrn  Brentano an  die Spitze der Verwaltung
       rief, der ihm sozusagen diktatorische Gewalt gab, vereitelte alle
       seine Pläne,  brachte ihn  dahin, diese Gewalt gegen dieselbe Be-
       wegung zu verwenden, die ihm die Gewalt verschafft hatte. Während
       das Volk  über die Entfernung des Großherzogs jubelte, saßen Herr
       Brentano und sein getreuer Landesausschuß wie auf Kohlen.
       Dieser Landesausschuß,  fast ausschließlich aus badischen Bieder-
       männern mit der tüchtigsten Gesinnung und mit den unklarsten Köp-
       fen bestehend, aus "reinen Republikanern", die vor der Proklamie-
       rung der  Republik zitterten  und vor  der geringsten energischen
       Maßregel sich  bekreuzten -  dieser echte Spießbürgerausschuß war
       natürlich ganz von Brentano abhängig. Die Rolle, die in Elberfeld
       der Advokat  Höchster übernommen hatte, diese Rolle übernahm hier
       auf einem  etwas größeren  Terrain der  Advokat Brentano. Von den
       drei fremdartigen Elementen, die aus dem Gefängnis in den Landes-
       ausschuß kamen,  Blind, Fickler  und Struve,  wurde Blind so sehr
       von Brentanoschen  Intrigen umsponnen,  daß ihm,  der ganz allein
       stand, nichts übrigblieb, als in der Eigenschaft eines Vertreters
       von Baden  ins Exil nach Paris zu wandern; Fickler mußte eine ge-
       fährliche Mission  nach Stuttgart  übernehmen [154];  Struve  er-
       schien Herrn  Brentano so  wenig gefährlich,  daß er ihn ruhig im
       Landesausschuß duldete,  ihn überwachte  und ihn unpopulär zu ma-
       chen suchte,  was ihm  auch vollständig  gelang.  Man  weiß,  wie
       Struve mit  mehren andern  einen "Klub  des  entschiedenen  (oder
       vielmehr besonnenen) Fortschritts" [155] stiftete, der nach einer
       verfehlten Demonstration aufgelöst wurde. Wenige Tage nachher war
       Struve in  der Pfalz,  mehr oder  weniger "Flüchtling",  und ver-
       suchte dort  abermals seinen "Deutschen Zuschauer" herauszugeben.
       Die Probenummer war kaum erschienen, als die Preußen einrückten.
       Der Landesausschuß, von vornherein ein reines Werkzeug Brentanos,
       erwählte ein  Exekutivkomitee, an dessen Spitze abermals Brentano
       stand. Dieses  Exekutivkomitee ersetzte  sehr bald den Landesaus-
       schuß fast  ganz, ließ sich höchstens von ihm die Kredite und die
       getroffenen Maßregeln bestätigen und
       
       #137# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
       -----
       entfernte die  mehr oder  weniger unzuverlässigen  Mitglieder des
       größeren Ausschusses  durch allerlei  untergeordnete Missionen in
       die Kreise  oder zur  Armee. Endlich beseitigte es den Landesaus-
       schuß vollständig durch die ganz unter Brentanos Einfluß gewählte
       "Konstituante" und verwandelte sich in eine "provisorische Regie-
       rung", deren  Haupt natürlich  abermals Herr Brentano war. Er war
       es, der  die Minister ernannte." [156] Und welche Minister - Flo-
       rian Mordes und Mayerhofer!
       Herr Brentano  war der  vollkommenste Repräsentant  des badischen
       Kleinbürgertums. Er  unterschied sich von der Masse der Kleinbür-
       ger und  ihren sonstigen  Repräsentanten nur  dadurch, daß  er zu
       einsichtig war,  um alle ihre Illusionen zu teilen. Herr Brentano
       hat die  badische Insurrektion vom ersten Augenblick an verraten,
       und gerade  deswegen,   w e i l  er die Lage der Dinge vom ersten
       Augenblick an richtiger erkannte als irgendeine andere offizielle
       Person in  Baden, weil er die einzigen Maßregeln ergriff, die der
       Kleinbürgerschaft die  Herrschaft bewahren, aber ebendeshalb auch
       die ganze  Insurrektion zugrunde richten mußten. Dies ist das Ge-
       heimnis der  damaligen  grenzenlosen  Popularität  Brentanos  und
       zugleich das Geheimnis der Beschimpfungen, die seit Juli von sei-
       nen ehemaligen  Verehrern auf  ihn gehäuft  werden. Die badischen
       Kleinbürger waren der Masse nach ebensogut Verräter wie Brentano;
       sie waren zu gleicher Zeit düpiert, was er nicht war. Sie verrie-
       ten aus Feigheit, sie ließen sich düpieren aus Dummheit.
       In Baden, wie überhaupt in Süddeutschland, gibt es fast gar keine
       große Bourgeoisie.  Die Industrie  und der Handel des Landes sind
       unbedeutend. Es  gibt daher  auch nur ein sehr wenig zahlreiches,
       sehr zersplittertes,  wenig entwickeltes  Proletariat. Die  Masse
       der Bevölkerung  teilt sich in Bauern (die Mehrzahl), Kleinbürger
       und Handwerksgesellen.  Die letzteren,  die städtischen Arbeiter,
       in kleinen Städten zerstreut, ohne irgendein größeres Zentrum, in
       dem sich  eine selbständige Arbeiterpartei ausbilden könnte, ste-
       hen oder standen wenigstens bisher unter dem vorwiegenden gesell-
       schaftlichen und politischen Einfluß der Kleinbürger. Die Bauern,
       noch mehr  über die  Oberfläche des  Landes zerstreut,  ohne Bil-
       dungsmittel, haben  mit den  Kleinbürgern ohnehin teils zusammen-
       fallende, teils sozusagen parallellaufende Interessen und standen
       daher ebenfalls unter ihrer politischen Vormundschaft. Die Klein-
       bürger, vertreten  durch Advokaten, Ärzte, Schulmeister, einzelne
       Kaufleute und  Buchhändler, beherrschten also teils direkt, teils
       durch ihre  Vertreter die ganze politische Bewegung in Baden seit
       dem März 1848.
       Dieser Abwesenheit  des Gegensatzes  von Bourgeoisie und Proleta-
       riat und  dem daraus  hervorgehenden politischen  Übergewicht der
       Kleinbürgerschaft ist  es zuzuschreiben,  daß eine sozialistische
       Agitation in Baden eigentlich
       
       #138# Friedrich Engels
       -----
       nie existiert  hat. Die  sozialistischen Elemente,  die von außen
       hineinkamen, sei es durch Arbeiter, die in entwickelteren Ländern
       gewesen waren,  sei es  durch den  Einfluß der französischen oder
       deutschen sozialistischen  und kommunistischen Literatur, konnten
       sich nie  Bahn brechen. Das rote Band und die rote Fahne bedeute-
       ten in  Baden nichts anders als die bürgerliche Republik, wenn es
       hoch kam,  mit etwas  Terrorismus versetzt,  und  die  von  Herrn
       Struve entdeckten  "sechs Geißeln  der Menschheit" [157], so bür-
       gerlich unschuldig  sie sind,  waren das  Äußerste, das  bei  der
       Masse noch Anklang finden konnte. Das höchste Ideal des badischen
       Kleinbürgers und  Bauern blieb immer die kleine bürgerlich-bäuer-
       liche Republik,  wie sie  in der  Schweiz seit  1830 besteht. Ein
       kleines Tätigkeitsfeld  für kleine,  bescheidene Leute, der Staat
       eine etwas  vergrößerte Gemeinde, ein "Kanton"; eine kleine, sta-
       bile, auf Handarbeit gestützte Industrie, die einen ebenso stabi-
       len und schläfrigen Gesellschaftszustand bedingt; wenig Reichtum,
       wenig Armut,  lauter Mittelstand und Mittelmäßigkeit; kein Fürst,
       keine Zivilliste, keine stehende Armee, fast keine Steuern; keine
       aktive Beteiligung  an der  Geschichte, keine auswärtige Politik,
       lauter inländischer kleiner Lokalklatsch und kleine Zänkereien en
       famille; keine  große Industrie, keine Eisenbahnen, kein Welthan-
       del, keine sozialen Kollisionen zwischen Millionären und Proleta-
       riern, sondern ein stilles, gemütliches Leben in aller Gottselig-
       keit und  Ehrbarkeit, in der kleinen, geschichtslosen Bescheiden-
       heit zufriedener  Seelen -  das ist  das sanfte  Arkadien, das im
       größten Teile der Schweiz existiert und für dessen Einführung der
       badische Kleinbürger  und Bauer  seit Jahren  geschwärmt hat. Und
       erweitert sich  in Momenten kühnerer Begeisterung der Gedanke des
       badischen und,  sagen wir es, des süddeutschen Kleinbürgers über-
       haupt zu der Vorstellung von ganz Deutschland, so schwebt ihm das
       Ideal von  Deutschlands Zukunft  vor in der Gestalt einer vergrö-
       ßerten Schweiz, in der Gestalt der Föderativrepublik. So hat auch
       Herr Struve  in einer Broschüre Deutschland bereits in 24 Kantone
       mit ebensoviel  Landammännern [158]  und großen und kleinen Räten
       eingeteilt und  sogar die  Landkarte mit  der fertigen Einteilung
       der Broschüre  beigeheftet. Könnte Deutschland sich jemals in ein
       solches Arkadien verwandeln, so wäre es damit auf einer Stufe der
       Erniedrigung angekommen,  von der  es  bisher  selbst  in  seinen
       schmachvollsten Zeiten keine Ahnung hatte.
       Die süddeutschen  Kleinbürger hatten  inzwischen schon  mehr  als
       einmal die  Erfahrung gemacht, daß eine Revolution, und trüge sie
       auch ihre  eigene bürgerlich-republikanische Fahne, ihr geliebtes
       stilles Arkadien  sehr leicht  im Strudel  weit kolossalerer Kon-
       flikte, wirklicher  Klassenkämpfe, mit wegschwemmen könnte. Daher
       die Furcht der Kleinbürger nicht nur vor jeder revolutionären Er-
       schütterung, sondern auch vor ihrem eignen Ideal der
       
       #139# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
       -----
       föderierten Tabak-  und Bierrepublik. Daher ihre Begeisterung für
       die Reichsverfassung, die wenigstens ihre nächsten Interessen be-
       friedigte und  ihnen Hoffnung  gab, bei dem bloß suspensiven Veto
       des Kaisers  die Republik zu gelegener Zeit auf gesetzlichem Wege
       einzuführen. Daher  ihre Überraschung,  als das  badische Militär
       ihnen ungefragt  eine fertige Insurrektion auf dem Präsentiertel-
       ler überreichte,  daher ihre  Furcht, die  Insurrektion über  die
       Grenzen des  zukünftigen Kantons  Baden hinaus zu verbreiten. Die
       Feuersbrunst hätte  ja auch  einmal Gegenden ergreifen können, in
       denen es große Bourgeois und massenhaftes Proletariat gab, Gegen-
       den, in  denen sie  dem Proletariat die Gewalt in die Hand legte,
       und dann - wehe dem Eigentum! Was tat unter diesen Umständen Herr
       Brentano?
       Was die  Kleinbürgerschaft in  Rheinpreußen mit  Bewußtsein getan
       hatte, tat  er in Baden  f ü r  die Kleinbürgerschaft: Er verriet
       die Insurrektion, aber er rettete die Kleinbürgerschaft.
       Keineswegs durch  seine letzten  Handlungen, durch  seine  Flucht
       nach der  Niederlage an der Murg, wie der endlich enttäuschte ba-
       dische Kleinbürger sich einbildete, sondern vom ersten Augenblick
       an verriet Brentano die Insurrektion. Gerade die Maßregeln, denen
       die badischen  Spießbürger und  mit ihnen ein Teil der Bauern und
       selbst die  Handwerker am meisten zujubelten, gerade diese Maßre-
       geln verrieten die Bewegung an Preußen. Gerade dadurch, daß Bren-
       tano verriet,  wurde er  so populär,  kettete er  den fanatischen
       Enthusiasmus des  Spießbürgers an seine Fersen. Der kleine Bürger
       übersah den  Verrat an  der Bewegung über der raschen Herstellung
       der Ordnung und Sicherheit, über der augenblicklichen Hemmung der
       Bewegung selbst;  und als es zu spät war, als er, in der Bewegung
       kompromittiert, die  Bewegung und  sich  mit  ihr  verloren  sah,
       schrie er  über Verrat, fiel er mit der ganzen Entrüstung des ge-
       prellten Biedermannes über seinen treuesten Diener her.
       Herr Brentano  freilich ist  auch geprellt  worden. Er hoffte als
       großer Mann  der "gemäßigten"  Partei, d.h. eben der Kleinbürger-
       schaft, aus  der Bewegung  hervorzugehn, und er hat bei Nacht und
       Nebel schmählich  ausreißen müssen  vor seiner eignen Partei, vor
       seinen besten  Freunden, denen plötzlich ein erschreckendes Licht
       aufging. Er hoffte sich sogar die Möglichkeit eines großherzogli-
       chen Ministerpostens  offenhalten zu  können und hat zum Dank für
       seine Klugheit  die Fußtritte  aller Parteien, die Unmöglichkeit,
       jemals auch  nur noch  irgendeine Rolle  spielen zu  können. Aber
       freilich, man  kann gescheuter sein als sämtliche Kleinbürger ir-
       gendeines deutschen  Raubstaats und  darum doch  seine  schönsten
       Hoffnungen geknickt,  seine edelsten  Absichten mit  Kot beworfen
       sehn!
       Von dem  ersten Tage seiner Regierung an tat Herr Brentano alles,
       um die
       
       #140# Friedrich Engels
       -----
       Bewegung in  das spießbürgerliche  Bett einzudämmen,  das sie  zu
       überschreiten kaum  versucht hatte. Unter dem Schutz der Karlsru-
       her, dem  Großherzog ergebenen  Bürgerwehr, derselben Bürgerwehr,
       die sich  den Tag zuvor noch gegen die Bewegung geschlagen hatte,
       zog er  ins Ständehaus  ein, um  von hier aus die Bewegung zu zü-
       geln. Die Rückberufung der desertierten Soldaten geschah mit mög-
       lichster Schläfrigkeit;  die Reorganisierung der Bataillone wurde
       nicht rascher  betrieben. Dagegen bewaffnete man sofort die Mann-
       heimer entwaffneten  Spießbürger, von  denen jeder wußte, daß sie
       sich nicht  schlagen würden, und die nach dem Waghäuseier Gefecht
       [159] sich  sogar dem Verrat Mannheims durch ein Dragonerregiment
       zum großen  Teil angeschlossen  haben.  Von  einem  Marsche  nach
       Frankfurt oder  Stuttgart, von einer Verbreitung der Insurrektion
       nach Nassau  oder Hessen  war gar  nicht die Rede. Wurde ein Vor-
       schlag der  Art gemacht,  so war  er auch sogleich beseitigt, wie
       der Sigelsche  1*). Von  der Emittierung  von Papiergeld zu spre-
       chen, hätte für ein Staatsverbrechen, für kommunistisch gegolten.
       Die Pfalz schickte Gesandte über Gesandte: Sie sei waffenlos, sie
       habe keine  Gewehre, von  Artillerie gar nicht zu sprechen, keine
       Munition, sie  bedürfe alles  dessen, was  zur Durchführung einer
       Insurrektion und namentlich zur Einnahme der Festungen Landau und
       Germersheim nötig  sei; aber von Herrn Brentano war nichts zu er-
       halten. Sie  trug  auf  sofortige  Einsetzung  eines  gemeinsamen
       Militärkommandos, ja  auf Vereinigung  beider Länder  unter einer
       einzigen gemeinsamen  Regierung an.  Alles wurde  verschleppt und
       verzögert. Ein  kleiner Geldzuschuß ist, glaube ich, das einzige,
       was die  Pfalz bekommen konnte; später, als es zu spät war, kamen
       acht Geschütze mit etwas Munition, ohne Bedienung und Bespannung,
       und endlich  auf Mieroslawskis  direkten Befehl ein badisches Ba-
       taillon und zwei Mörser, von denen, wenn ich mich recht erinnere,
       einer einen Schuß getan hat.
       Mit dieser Verschleppung und Beseitigung der notwendigsten Maßre-
       geln, die  die Insurrektion  hätten weitertragen  können, war die
       ganze Bewegung  schon verraten.  Nach innen  wurde mit  derselben
       Nonchalance verfahren.  Von Aufhebung  der Feudallasten war keine
       Rede; Herr  Brentano wußte sehr gut, daß in den Bauern mehr revo-
       lutionäre Elemente steckten, namentlich im Oberland, als ihm lieb
       war, und  daß er  sie daher  eher zurückhalten als noch tiefer in
       die Bewegung  schleudern müsse.  Die neuen  Beamten  waren  meist
       Kreaturen Brentanos  oder total  unfähig; die  alten Beamten, mit
       Ausnahme derer,  die zu direkt bei der Reaktion der letzten zwölf
       Monate kompromittiert  und daher von selbst desertiert waren, be-
       hielten sämtlich ihre Stellen, zum
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 135
       
       #141# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
       -----
       großen Entzücken  aller ruhigen  Bürger. Sogar  Herr Struve  fand
       noch in  den letzten  Tagen des Mai an der "Revolution" zu loben,
       daß alles so hübsch ruhig abgegangen sei und fast alle Beamten in
       ihren Stellen  hätten bleiben  können. -  Im übrigen wirkten Herr
       Brentano und seine Agenten dahin, daß alles, wo möglich, ins alte
       Geleis zurückkehre,  daß möglichst  wenig  Unruhe  und  Aufregung
       herrsche und das revolutionäre Exterieur des Landes baldigst ver-
       schwinde.
       In der  Militärorganisation herrschte  derselbe Schlendrian.  Man
       tat nicht  mehr, als  was man  unmöglich unterlassen  konnte. Die
       Truppen wurden  ohne Führer, ohne Beschäftigung, ohne Ordnung ge-
       lassen; der  unfähige "Kriegsminister" Eichfeld und sein Nachfol-
       ger, der  Verräter Mayerhofer, wußten sie nicht einmal erträglich
       zu dislozieren.  Die, Truppenkonvois kreuzten sich auf der Eisen-
       bahn, ohne  Zweck, ohne  Resultat. Die  Bataillone  wurden  heute
       hierhin geführt,  morgen wieder  zurück, kein Mensch konnte abse-
       hen, weshalb. In den Garnisonen zogen sie von einem Wirtshaus ins
       andere, weil  sie nichts  anderes zu  tun hatten.  Es schien, als
       sollten sie  absichtlich demoralisiert  werden, als wolle die Re-
       gierung ihnen den letzten Rest von Disziplin geradezu austreiben.
       Die Organisation  des ersten Aufgebots der sogenannten Volkswehr,
       d.h. aller  waffenfähigen Mannschaft  bis zu 30 Jahren, wurde dem
       bekannten Joh.  Ph. Becker,  einem naturalisierten  Schweizer und
       Offizier der  eidgenössischen Armee, übertragen. Inwieweit Becker
       von Brentano in der Ausführung seiner Mission gehemmt wurde, weiß
       ich nicht.  [160] Ich  weiß aber,  daß Brentano nach dem Rückzüge
       der Pfälzer  Armee auf  badisches Gebiet,  als die gebieterischen
       Forderungen der schlechtbekleideten und schlechtbewaffneten Pfäl-
       zer sich nicht mehr zurückweisen ließen - daß Brentano damals mit
       folgenden Worten seine Hände in Unschuld wusch: "Meinetwegen gebt
       ihnen, was  ihr wollt;  aber wenn  der Großherzog wiederkommt, so
       soll er wenigstens wissen, wer ihm seine Vorräte so verschleudert
       hat! Wenn  also die  badische Volkswehr teils schlecht, teils gar
       nicht organisiert  war, so  ist nicht zu zweifeln, daß die Haupt-
       schuld auch  hier auf Brentano und auf den schlechten Willen oder
       die Ungeschicklichkeit seiner Kommissäre in den einzelnen Kreisen
       fällt.
       Als Marx  und ich  nach der  Unterdrückung der "Neuen Rheinischen
       Zeitung" zuerst  auf badisches  Gebiet kamen  - es mochte der 20.
       oder 21.  Mai sein,  also mehr  als acht Tage nach der Flucht des
       Großherzogs -,  waren wir erstaunt über die enorme Sorglosigkeit,
       mit der die Grenze bewacht oder vielmehr nicht bewacht wurde. Von
       Frankfurt bis  Heppenheim die  ganze Eisenbahn  mit württembergi-
       schen und  hessischen Reichstruppen  besetzt: Frankfurt und Darm-
       stadt selbst voll von Militär; alle Bahnhöfe, alle Ortschaften
       
       #142# Friedrich Engels
       -----
       von starken  Detachements okkupiert; regelmäßige Vorposten vorge-
       schoben bis  an die  Grenze. Von  der Grenze bis Weinheim dagegen
       auch nicht  ein Mann  zu sehen; in Weinheim ebenso. Die einzigste
       Vorsichtsmaßregel war  die Demolierung  einer kurzen  Strecke der
       Eisenbahn zwischen  Heppenheim und  Weinheim. Erst während unsrer
       Anwesenheit traf  ein schwaches  Detachement  des  Leibregiments,
       höchstens 25  Mann, in  Weinheim ein.  Von Weinheim  bis Mannheim
       herrschte wieder  der tiefste  Friede; höchstens  hier und da ein
       einzelner, überlustiger  Volkswehrmann, der  eher versprengt oder
       desertiert als  im Dienst  befindlich schien.  Von Grenzkontrolle
       war natürlich erst recht keine Rede. Man ging hinein oder heraus,
       wie man wollte.
       In Mannheim sah es allerdings schon etwas kriegerischer aus. Hau-
       fen von  Soldaten standen auf der Straße oder saßen in den Wirts-
       häusern. Die  Volkswehr und  Bürgerwehr exerzierte im Park, meist
       freilich noch  sehr unbeholfen  und mit  schlechten Instruktoren.
       Auf dem  Rathaus saßen  eine Menge  Komitees, alte und neue Offi-
       ziere, Uniformen und Blusen. Das Volk mischte sich unter die Sol-
       daten und Freischärler, es wurde viel gezecht, viel gelacht, viel
       karessiert. Aber  man sah  gleich, daß der erste Aufschwung schon
       vorüber, daß  viele unangenehm enttäuscht waren. Die Soldaten wa-
       ren malkontent;  wir haben  die Insurrektion gemacht, sagten sie,
       und jetzt,  wo die  Bürgerlichen an die Reihe kommen und die Lei-
       tung übernehmen  sollen, jetzt lassen sie alles ins Stocken gera-
       ten und  verderben! Die Soldaten waren mit ihren neuen Offizieren
       auch nicht  recht zufrieden;  die neuen  Offiziere waren gespannt
       mit den früheren großherzoglichen, deren damals noch viele da wa-
       ren, obwohl  täglich einige  desertierten;  die  alten  Offiziere
       fanden sich  wider Willen  in eine  fatale Stellung versetzt, aus
       der sie nicht wußten, wie sie herauskommen sollten. Über den Man-
       gel an  energischer und fähiger Leitung endlich wurde überall ge-
       klagt.
       Auf der andern Rheinseite, in Ludwigshafen, trat uns die Bewegung
       in einer viel heiteren Gestalt entgegen. Während in Mannheim noch
       eine Masse  junger Leute, die offenbar zum ersten Aufgebot gehör-
       ten, ruhig ihren Geschäften nachgingen, als ob gar nichts gesche-
       hen sei,  war hier alles bewaffnet. Es war freilich nicht überall
       so in  der Pfalz,  wie sich später zeigte. Die größte Einstimmig-
       keit herrschte  in Ludwigshafen  zwischen Freischärlern und Mili-
       tär. In  den Wirtshäusern,  die natürlich auch hier überfüllt wa-
       ren, ertönten  die Marseillaise  und andre  derartige Lieder. Man
       klagte nicht,  man murrte nicht, man lachte, man war mit Leib und
       Seele bei der Bewegung und machte sich damals, besonders beim Fü-
       silier und  Freischärler, noch  sehr verzeihliche und unschuldige
       Illusionen über seine eigne Unüberwindlichkeit.
       
       #143# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
       -----
       In Karlsruhe  nahm die  Sache schon  größere Feierlichkeit an. Im
       Pariser Hof  war Table  d'hôte um ein Uhr angesagt, aber es wurde
       nicht angefangen,  bis "die  Herren vom  Landesausschuß" gekommen
       waren. Dergleichen  kleine Aufmerksamkeiten  gaben  der  Bewegung
       schon einen wohltuenden bürokratischen Anstrich.
       Wir sprachen  gegen verschiedene  Herren vom  Landesausschuß  die
       oben entwickelte Ansicht aus, daß gleich im Anfang nach Frankfurt
       hätte marschiert  und dadurch  die Insurrektion weiter ausgedehnt
       werden müssen,  daß es  jetzt höchstwahrscheinlich  schon zu spät
       und daß  ohne entscheidende Schläge in Ungarn oder ohne eine neue
       Revolution in  Paris die  ganze Bewegung  schon jetzt rettungslos
       verloren sei.  Man kann sich die Entrüstung nicht denken, die bei
       solchen ketzerischen  Behauptungen unter  diesen Bürgern vom Lan-
       desausschuß losbrach.  Blind und  Goegg allein  waren auf  unsrer
       Seite. Jetzt,  nachdem die  Ereignisse uns  recht gegeben,  haben
       dieselben Herren natürlich von jeher auf die Offensive gedrungen.
       In Karlsruhe traf man damals schon die ersten Anfänge jener groß-
       artigen Stellenjägerei, die sich unter dem ebenso großartigen Ti-
       tel einer  "Konzentrierung aller  demokratischen Kräfte  Deutsch-
       lands" als  Vaterlandsrettung brüstete. Wer nur jemals in irgend-
       einem Klub  mehr oder  minder konfus deklamiert, im entferntesten
       demokratischen Winkelblättchen  einmal zum Haß gegen die Tyrannen
       aufgefordert hatte,  eilte nach Karlsruhe oder Kaiserslautern, um
       dort sogleich  ein großer  Mann zu werden. Daß die Leistungen den
       hier konzentrierten Kräften vollständig entsprachen, braucht wohl
       nicht erst  ausdrücklich versichert  zu werden.  - So befand sich
       hier in  Karlsruhe ein  bekannter, angeblich philosophischer Atta
       Troll, Exabgeordneter zur Frankfurter Versammlung und Exredakteur
       eines von  Manteuffel trotz  der Anerbietungen  unsers Atta Troll
       unterdrückten, angeblich  demokratischen Blättchens.  [161]  Atta
       Troll  angelte   mit  großer  Emsigkeit  nach  dem  Pöstchen  des
       badischen Gesandten  in Paris,  zu dem  er sich besonders berufen
       hielt, weil  er seinerzeit  zwei Jahre  in Paris  gewesen war und
       dort kein  Französisch gelernt  hatte. Er  war auch  wirklich  so
       glücklich, Herrn  Brentano das  Kreditiv abzulocken,  und  packte
       eben seine  Koffer, als Brentano ihn plötzlich rufen ließ und ihm
       das  Beglaubigungsschreiben   wieder  aus  der  Tasche  nahm.  Es
       versteht sich,  daß Atta  Troll jetzt,  Herrn Brentano zum Trotz,
       erst recht  nach Paris  reiste. - Ein anderer gesinnungstüchtiger
       Bürger, der  schon seit  einigen Jahren  Deutschland mit  Revolu-
       tionierung und  Republikanisierung gedroht  hatte, Herr  Heinzen,
       befand sich  ebenfalls  in  Karlsruhe.  Dieser  Biedermann  hatte
       bekanntlich vor  der  Februarrevolution  überall  und  immer  zum
       "Dreinschlagen" aufgerufen,  hatte es aber nach dieser Revolution
       für geratener
       
       #144# Friedrich Engels
       -----
       gehalten, den verschiedenen deutschen Insurrektionen von den neu-
       tralen Hochgebirgen  der Schweiz  aus  zuzusehen.  Jetzt  endlich
       schien ihm  die Lust  zu kommen,  auch einmal  auf die  "Dränger"
       dreinzuschlagen. Nach  seinem früheren  Ausspruche: "Kossuth  ist
       ein großer  Mann, aber  Kossuth hat  das    K n a l l s i l b e r
       vergessen", war  zu erwarten,  daß er  s o f o r t  die kolossal-
       sten, bisher ungeahnten Zerstörungskräfte gegen die Preußen orga-
       nisieren werde. Keineswegs. Da höherstrebende Pläne nicht anwend-
       bar schienen,  begnügte sich  unser Tyrannenhasser, wie es heißt,
       mit der Bildung eines republikanischen Elitekorps, schrieb inzwi-
       schen Artikel zugunsten Brentanos in die "Karlsruher Zeitung" und
       besuchte den  Klub des entschiedenen Fortschritts. Der Klub wurde
       aufgelöst, die  republikanische Elite kam nicht, und Herr Heinzen
       merkte endlich, daß selbst er die Brentanosche Politik nicht län-
       ger verteidigen könne. Verkannt, verbraucht, verdrießlich ging er
       zunächst ins  badische Oberland  und von  da in die Schweiz, ohne
       einen einzigen "Dränger" erschlagen zu haben. Er rächt sich jetzt
       an ihnen,  indem er  sie von London aus in effigie 1*) millionen-
       weise guillotiniert. 2*)
       Wir verließen Karlsruhe am nächsten Morgen, um die Pfalz zu besu-
       chen.
       Von dem weitern Verlauf der badischen Insurrektion brauche ich in
       bezug auf  die Leitung  der allgemeinen Politik und der Zivilver-
       waltung nur  noch wenig  zu sagen.  Als Brentano sich stark genug
       fühlte, vernichtete er die zahme Opposition, die ihm der Klub des
       entschiedenen  Fortschritts   machte,  mit   einem  Schlage.  Die
       "konstituierende Versammlung", unter dem Einfluß der immensen Po-
       pularität Brentanos  und der  alles regierenden Kleinbürgerschaft
       gewählt, gab  ihr Ja  und Amen  zu allen  seinen  Schritten.  Die
       "provisorische Regierung  mit diktatorischer  Gewalt" [156] (eine
       Diktatur unter  einem angeblichen Konvent!) war ganz unter seiner
       Leitung. So  regierte er fort, hemmte die revolutionäre und mili-
       tärische Entwickelung  der Insurrektion,  ließ die  laufenden Ge-
       schäfte tant  bien que mal 3*) besorgen und bewachte eifersüchtig
       die Vorräte  und das Privateigentum des Großherzogs, den er fort-
       während als  seinen legitimen  Souverän von  Gottes Gnaden behan-
       delte. In  der "Karlsruher  Zeitung" erklärte  er, der Großherzog
       könne jeden  Augenblick  zurückkommen,  und  wirklich  blieb  das
       Schloß während  der ganzen Zeit verschlossen, als sei sein Bewoh-
       ner bloß  verreist. Die  Pfälzer Abgesandten  hielt er  mit unbe-
       stimmten Antworten  von einem  Tage zum  andern hin; das Höchste,
       was zu  erreichen war,  war das  gemeinsame Militärkommando unter
       Mieroslawski und  - ein Vertrag wegen Aufhebung des Mannheim-Lud-
       wigshafener
       -----
       1*) im Geiste  - 2*) siehe  vorl. Band,  S.  7  -  3*) recht  und
       schlecht
       
       #145# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
       -----
       Brückenzolls, der  Herrn Brentano indes nicht verhinderte, diesen
       Zoll auf der Mannheimer Seite forterheben zu lassen.
       Als endlich  Mieroslawski nach dem Gefechte bei Waghäusel und Ub-
       stadt die  Trümmer seiner  Armee durch  das Gebirg bis hinter die
       Murg zurückziehen  mußte, als  Karlsruhe mit einer Masse Vorräten
       aufgegeben werden  mußte, als  die Niederlage  an  der  Murg  das
       Schicksal der  Bewegung entschied, da verschwanden die Illusionen
       der badischen Bürger, Bauern und Soldaten, da erhob sich ein all-
       gemeiner Ruf,  Brentano habe  verraten. Mit einem Schlage war das
       ganze, durch  die Feigheit  der Kleinbürger,  durch  die  Unselb-
       ständigkeit der  Bauern, durch  den Mangel  an Konzentrierung der
       Arbeiter  aufrechtgehaltene  Gebäude  der  Popularität  Brentanos
       vernichtet. Brentano  floh bei  Nacht und Nebel nach der Schweiz,
       verfolgt von dem Vorwurfe des Volksverrats, mit dem ihn seine ei-
       gene "Konstituante"  brandmarkte, und verbarg sich in Feuerthalen
       im Kanton Zürich.
       Man könnte  sich dabei  beruhigen, daß  Herr Brentano  durch  den
       gänzlichen Ruin seiner politischen Stellung, durch die allgemeine
       Verachtung aller Parteien für seinen Verrat genug gezüchtigt ist.
       An dem Untergang der badischen Bewegung liegt nicht viel. Der 13.
       Juni in  Paris [162]  und die Weigerung Görgeys, auf Wien zu mar-
       schieren [163],  vernichteten alle  Chancen, die  Baden  und  die
       Pfalz noch  hatten, selbst  wenn es  gelungen wäre,  die Bewegung
       nach Hessen, Württemberg und Franken zu verpflanzen. Man wäre eh-
       renvoller gefallen,  aber gefallen wäre man. Was aber die revolu-
       tionäre Partei  Herrn Brentano  nie vergessen  wird, was  sie den
       feigen badischen  Kleinbürgern, die  ihn  aufrechterhielten,  nie
       vergessen wird,  das ist,  daß sie direkt schuld sind an dem Tode
       der in Karlsruhe, in Freiburg und in Rastatt Erschossenen und der
       zahllosen und  namenlosen Opfer,  die die Preußen vermittelst des
       Typhus in den Rastatter Kasematten im stillen hingerichtet haben.
       Im zweiten  Hefte dieser  "Revue" werde  ich die  Zustände in der
       Pfalz und zum Beschluß die badisch-pfälzische Kampagne schildern.

       zurück