Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
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II
Karlsruhe
Der Aufstand in Baden kam unter den günstigsten Umständen zu-
stande, in denen eine Insurrektion sich nur befinden kann. Das
ganze Volk war einig in dem Haß gegen eine wortbrüchige, achsel-
trägerische und in ihren politischen Verfolgungen grausame Regie-
rung. Die reaktionären Klassen, Adel, Bürokratie und große Bour-
geoisie, waren wenig zahlreich. Eine große Bourgeoisie besteht
überhaupt in Baden nur embryonisch. Mit Ausnahme dieser wenigen
Adeligen, Beamten und Bourgeois, mit Ausnahme der Karlsruher und
Baden-Badener vom Hof und von reichen Fremden lebenden Krämer,
mit Ausnahme einiger Heidelberger Professoren und eines halben
Dutzend Bauerndörfer um Karlsruhe war das ganze Land ungeteilt
für die Bewegung. Die Armee, die in andern Aufständen erst be-
siegt werden mußte, die Armee, von ihren adligen Offizieren mehr
als irgendwo anders schikaniert, seit einem Jahre von der demo-
kratischen Partei bearbeitet, seit kurzem durch Einführung einer
Art allgemeiner Wehrpflicht noch mehr mit rebellischen Elementen
versetzt, die Armee stellte sich hier an die Spitze der Bewegung
und trieb sie sogar weiter, als die bürgerlichen Leiter der Of-
fenburger Versammlung wollten. Die Armee gerade war es, die in
Rastatt und Karlsruhe die "Bewegung" in eine Insurrektion verwan-
delte.
Die insurrektionelle Regierung fand also bei ihrem Amtsantritt
eine fertige Armee, reichlich versehene Arsenale, eine vollstän-
dig organisierte Staatsmaschine, einen gefüllten Staatsschatz und
eine so gut wie einstimmige Bevölkerung vor. Sie fand ferner auf
dem linken Rheinufer, in der Pfalz, eine bereits fertige Insur-
rektion vor, die ihr die linke Flanke deckte; in Rheinpreußen
eine Insurrektion, die zwar stark bedroht, aber noch nicht be-
siegt war; in Württemberg, in Franken, in beiden Hessen und Nas-
sau eine allgemeine Aufregung, selbst unter der Armee, die nur
eines Funkens bedurfte, um den badischen Aufstand in ganz Süd-
und Mitteldeutschland zu wiederholen und wenigstens 50 000-60 000
Mann regulärer Truppen der Empörung zu Gebot zu stellen.
#134# Friedrich Engels
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Was unter diesen Umständen zu tun war, ist so einfach und hand-
greiflich, daß jetzt nach der Unterdrückung des Aufstandes jeder-
mann es weiß, jedermann es gleich von Anfang gesagt haben will.
Es handelte sich darum, sofort und ohne einen Augenblick zu zau-
dern, den Aufstand weiterzutragen nach Hessen, Darmstadt, Frank-
furt, Nassau und Württemberg. Es handelte sich darum, sofort von
den disponiblen regulären Truppen 8000-10000 Mann zusammenzuraf-
fen - mit der Eisenbahn konnte das in zwei Tagen geschehen-und
sie nach Frankfurt zu werfen - "zum Schutz der Nationalversamm-
lung". Die erschrockene hessische Regierung war durch die Schlag
auf Schlag einander folgenden Fortschritte des Aufstandes wie
festgebannt; ihre Truppen waren notorisch günstig gestimmt für
die Badenser; sie, sowenig wie der Frankfurter Senat [150], konn-
ten den mindesten Widerstand leisten. Die in Frankfurt statio-
nierten kurhessischen, württembergischen und Darmstädter Truppen
waren für die Bewegung; die dortigen Preußen - meist Rheinländer-
schwankten; die Österreicher waren wenig zahlreich. Die Ankunft
der Badenser, man mochte nun versuchen, sie zu verhindern oder
nicht, mußte die Insurrektion bis ins Herz beider Hessen und Nas-
saus tragen, den Rückzug der Preußen und Östreicher nach Mainz
erzwingen und die zitternde deutsche sogenannte Nationalversamm-
lung unter den terrorisierenden Einfluß einer insurgierten Bevöl-
kerung und einer insurgierten Armee stellen. Brach dann der Auf-
stand an der Mosel, in der Eifel, in Württemberg und Franken
nicht sofort los, so waren Mittel genug vorhanden, ihn auch in
diese Provinzen zu tragen.
Man mußte ferner die Macht der Insurrektion zentralisieren, ihr
die nötigen Geldmittel zur Verfügung stellen und durch sofortige
Abschaffung aller Feudallasten die große ackerbautreibende Mehr-
zahl der Bevölkerung bei der Insurrektion interessieren. Herstel-
lung einer gemeinsamen Zentralmacht für Krieg und Finanzen mit
der Vollmacht, Papiergeld *) auszugeben, zunächst für Baden und
die Pfalz, Aufhebung aller Feudallasten in Baden und jedem von
der Insurrektionsarmee besetzten Bezirk hätten vorderhand hinge-
reicht, um dem Aufstand einen ganz anders energischen Charakter
zu geben.
Alles das mußte, jedoch im ersten Augenblick geschehen, um mit
der Schnelligkeit durchgeführt zu werden, die allein den Erfolg
sichern konnte. Acht Tage nach Einsetzung des Landesausschusses
war es schon zu spät. Die rheinische Insurrektion war unter-
drückt, Württemberg und Hessen rührten sich nicht, die anfangs
günstig gestimmten Truppenteile wurden unsicher,
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*) Die badischen Kammern hatten früher schon eine Emission von
zwei Millionen Papiergeld genehmigt, von denen noch kein Kreuzer
ausgegeben war.
#135# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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sie folgten schließlich wieder ganz ihren reaktionären Offizie-
ren. Der Aufstand hatte seinen allgemeindeutschen Charakter ver-
loren, er war ein rein badischer oder badisch-pfälzischer Loka-
laufstand geworden.
Wie ich nach Beendigung des Kampfes erfahren, hatte der ehemalige
badische Unterleutnant F. Sigel, der während des Aufstandes als
"Oberst" und später als "Obergeneral" sich einen mehr oder weni-
ger zweideutigen Zwerglorbeer errang, gleich im Anfang dem Lan-
desausschuß einen Plan vorgelegt, nach dem man die Offensive er-
greifen sollte. Dieser Plan hat das Verdienst, den richtigen Ge-
danken zu enthalten, daß unter allen Umständen angegriffen werden
müsse; im übrigen ist er der abenteuerlichste, der nur vorge-
schlagen werden konnte. Sigel wollte mit einem badischen Korps
zuerst nach Hohenzollern rücken und die Hohenzollersche Republik
proklamieren, sodann Stuttgart nehmen und von da, nach Insurgie-
rung Württembergs, auf Nürnberg marschieren und im Herzen des
ebenfalls insurgierten Frankens ein großes Lager aufschlagen. Man
sieht, daß dieser Plan die moralische Wichtigkeit Frankfurts,
dessen Besitz der Insurrektion erst einen allgemeindeutschen Cha-
rakter gab, und die strategische Wichtigkeit der Mainlinie gänz-
lich unberücksichtigt ließ. Man sieht, daß er ganz andre Streit-
kräfte voraussetzte, als wirklich disponibel waren, und daß er
sich schließlich, nach einem vollständig Don-Quijoteschen oder
Schillschen Streifzug [151], ins Blaue verlief, um dem Aufstand
die stärkste, die unter allen süddeutschen Armeen einzig
entschieden feindliche Armee, die b a y r i s c h e, sofort auf
die Fersen zu hetzen, noch ehe er sich durch den Übertritt der
hessischen und nassauischen Truppen verstärken konnte.
Die neue Regierung ließ sich auf gar keine Offensive ein, unter
dem Vorwand, die Soldaten seien fast sämtlich auseinander- und
nach Hause gegangen. Abgesehen davon, daß dies nur bei einzelnen
wenigen Truppenteilen, namentlich beim Leibregiment, der Fall
war, so waren selbst diese auseinandergegangenen Soldaten binnen
drei Tagen fast alle wieder bei ihren Fahnen.
Die Regierung hatte übrigens ganz andere Gründe, sich gegen jede
Offensive zu sträuben.
An der Spitze der ganzen badischen Reichsverfassungsagitation
stand Herr Brentano, ein Advokat, der mit dem immer etwas mesqui-
nen Ehrgeiz eines deutschen Kleinstaatenvolksmannes und mit der
anscheinenden Gesinnungstüchtigkeit, die in Süddeutschland über-
haupt die erste Bedingung aller Popularität ist, eine gewisse di-
plomatische Schlauheit verband, die hinreichte, seine ganze Umge-
bung, mit Ausnahme vielleicht eines einzigen, vollständig zu be-
herrschen. Herr Brentano - es ist jetzt trivial geworden, aber
#136# Friedrich Engels
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es ist richtig -, Herr Brentano und seine Partei, die stärkste im
Lande, verlangte auf der Offenburger Versammlung weiter nichts
als Veränderungen der großherzoglichen Politik, die nur mit einem
M i n i s t e r i u m B r e n t a n o möglich waren. Die Ant-
wort des Großherzogs, die allgemeine Agitation, riefen die Ra-
statter Militärrevolte [152] hervor - gegen den Willen und die
Absichten Brentanos. In dem Augenblick, als Herr Brentano an die
Spitze des Landesausschusses gesetzt wurde, war er schon überholt
von der Bewegung, mußte er sie schon zu hemmen suchen. Da kam der
Krawall in Karlsruhe [153] hinzu; der Großherzog floh, und der-
selbe Umstand, der Herrn Brentano an die Spitze der Verwaltung
rief, der ihm sozusagen diktatorische Gewalt gab, vereitelte alle
seine Pläne, brachte ihn dahin, diese Gewalt gegen dieselbe Be-
wegung zu verwenden, die ihm die Gewalt verschafft hatte. Während
das Volk über die Entfernung des Großherzogs jubelte, saßen Herr
Brentano und sein getreuer Landesausschuß wie auf Kohlen.
Dieser Landesausschuß, fast ausschließlich aus badischen Bieder-
männern mit der tüchtigsten Gesinnung und mit den unklarsten Köp-
fen bestehend, aus "reinen Republikanern", die vor der Proklamie-
rung der Republik zitterten und vor der geringsten energischen
Maßregel sich bekreuzten - dieser echte Spießbürgerausschuß war
natürlich ganz von Brentano abhängig. Die Rolle, die in Elberfeld
der Advokat Höchster übernommen hatte, diese Rolle übernahm hier
auf einem etwas größeren Terrain der Advokat Brentano. Von den
drei fremdartigen Elementen, die aus dem Gefängnis in den Landes-
ausschuß kamen, Blind, Fickler und Struve, wurde Blind so sehr
von Brentanoschen Intrigen umsponnen, daß ihm, der ganz allein
stand, nichts übrigblieb, als in der Eigenschaft eines Vertreters
von Baden ins Exil nach Paris zu wandern; Fickler mußte eine ge-
fährliche Mission nach Stuttgart übernehmen [154]; Struve er-
schien Herrn Brentano so wenig gefährlich, daß er ihn ruhig im
Landesausschuß duldete, ihn überwachte und ihn unpopulär zu ma-
chen suchte, was ihm auch vollständig gelang. Man weiß, wie
Struve mit mehren andern einen "Klub des entschiedenen (oder
vielmehr besonnenen) Fortschritts" [155] stiftete, der nach einer
verfehlten Demonstration aufgelöst wurde. Wenige Tage nachher war
Struve in der Pfalz, mehr oder weniger "Flüchtling", und ver-
suchte dort abermals seinen "Deutschen Zuschauer" herauszugeben.
Die Probenummer war kaum erschienen, als die Preußen einrückten.
Der Landesausschuß, von vornherein ein reines Werkzeug Brentanos,
erwählte ein Exekutivkomitee, an dessen Spitze abermals Brentano
stand. Dieses Exekutivkomitee ersetzte sehr bald den Landesaus-
schuß fast ganz, ließ sich höchstens von ihm die Kredite und die
getroffenen Maßregeln bestätigen und
#137# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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entfernte die mehr oder weniger unzuverlässigen Mitglieder des
größeren Ausschusses durch allerlei untergeordnete Missionen in
die Kreise oder zur Armee. Endlich beseitigte es den Landesaus-
schuß vollständig durch die ganz unter Brentanos Einfluß gewählte
"Konstituante" und verwandelte sich in eine "provisorische Regie-
rung", deren Haupt natürlich abermals Herr Brentano war. Er war
es, der die Minister ernannte." [156] Und welche Minister - Flo-
rian Mordes und Mayerhofer!
Herr Brentano war der vollkommenste Repräsentant des badischen
Kleinbürgertums. Er unterschied sich von der Masse der Kleinbür-
ger und ihren sonstigen Repräsentanten nur dadurch, daß er zu
einsichtig war, um alle ihre Illusionen zu teilen. Herr Brentano
hat die badische Insurrektion vom ersten Augenblick an verraten,
und gerade deswegen, w e i l er die Lage der Dinge vom ersten
Augenblick an richtiger erkannte als irgendeine andere offizielle
Person in Baden, weil er die einzigen Maßregeln ergriff, die der
Kleinbürgerschaft die Herrschaft bewahren, aber ebendeshalb auch
die ganze Insurrektion zugrunde richten mußten. Dies ist das Ge-
heimnis der damaligen grenzenlosen Popularität Brentanos und
zugleich das Geheimnis der Beschimpfungen, die seit Juli von sei-
nen ehemaligen Verehrern auf ihn gehäuft werden. Die badischen
Kleinbürger waren der Masse nach ebensogut Verräter wie Brentano;
sie waren zu gleicher Zeit düpiert, was er nicht war. Sie verrie-
ten aus Feigheit, sie ließen sich düpieren aus Dummheit.
In Baden, wie überhaupt in Süddeutschland, gibt es fast gar keine
große Bourgeoisie. Die Industrie und der Handel des Landes sind
unbedeutend. Es gibt daher auch nur ein sehr wenig zahlreiches,
sehr zersplittertes, wenig entwickeltes Proletariat. Die Masse
der Bevölkerung teilt sich in Bauern (die Mehrzahl), Kleinbürger
und Handwerksgesellen. Die letzteren, die städtischen Arbeiter,
in kleinen Städten zerstreut, ohne irgendein größeres Zentrum, in
dem sich eine selbständige Arbeiterpartei ausbilden könnte, ste-
hen oder standen wenigstens bisher unter dem vorwiegenden gesell-
schaftlichen und politischen Einfluß der Kleinbürger. Die Bauern,
noch mehr über die Oberfläche des Landes zerstreut, ohne Bil-
dungsmittel, haben mit den Kleinbürgern ohnehin teils zusammen-
fallende, teils sozusagen parallellaufende Interessen und standen
daher ebenfalls unter ihrer politischen Vormundschaft. Die Klein-
bürger, vertreten durch Advokaten, Ärzte, Schulmeister, einzelne
Kaufleute und Buchhändler, beherrschten also teils direkt, teils
durch ihre Vertreter die ganze politische Bewegung in Baden seit
dem März 1848.
Dieser Abwesenheit des Gegensatzes von Bourgeoisie und Proleta-
riat und dem daraus hervorgehenden politischen Übergewicht der
Kleinbürgerschaft ist es zuzuschreiben, daß eine sozialistische
Agitation in Baden eigentlich
#138# Friedrich Engels
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nie existiert hat. Die sozialistischen Elemente, die von außen
hineinkamen, sei es durch Arbeiter, die in entwickelteren Ländern
gewesen waren, sei es durch den Einfluß der französischen oder
deutschen sozialistischen und kommunistischen Literatur, konnten
sich nie Bahn brechen. Das rote Band und die rote Fahne bedeute-
ten in Baden nichts anders als die bürgerliche Republik, wenn es
hoch kam, mit etwas Terrorismus versetzt, und die von Herrn
Struve entdeckten "sechs Geißeln der Menschheit" [157], so bür-
gerlich unschuldig sie sind, waren das Äußerste, das bei der
Masse noch Anklang finden konnte. Das höchste Ideal des badischen
Kleinbürgers und Bauern blieb immer die kleine bürgerlich-bäuer-
liche Republik, wie sie in der Schweiz seit 1830 besteht. Ein
kleines Tätigkeitsfeld für kleine, bescheidene Leute, der Staat
eine etwas vergrößerte Gemeinde, ein "Kanton"; eine kleine, sta-
bile, auf Handarbeit gestützte Industrie, die einen ebenso stabi-
len und schläfrigen Gesellschaftszustand bedingt; wenig Reichtum,
wenig Armut, lauter Mittelstand und Mittelmäßigkeit; kein Fürst,
keine Zivilliste, keine stehende Armee, fast keine Steuern; keine
aktive Beteiligung an der Geschichte, keine auswärtige Politik,
lauter inländischer kleiner Lokalklatsch und kleine Zänkereien en
famille; keine große Industrie, keine Eisenbahnen, kein Welthan-
del, keine sozialen Kollisionen zwischen Millionären und Proleta-
riern, sondern ein stilles, gemütliches Leben in aller Gottselig-
keit und Ehrbarkeit, in der kleinen, geschichtslosen Bescheiden-
heit zufriedener Seelen - das ist das sanfte Arkadien, das im
größten Teile der Schweiz existiert und für dessen Einführung der
badische Kleinbürger und Bauer seit Jahren geschwärmt hat. Und
erweitert sich in Momenten kühnerer Begeisterung der Gedanke des
badischen und, sagen wir es, des süddeutschen Kleinbürgers über-
haupt zu der Vorstellung von ganz Deutschland, so schwebt ihm das
Ideal von Deutschlands Zukunft vor in der Gestalt einer vergrö-
ßerten Schweiz, in der Gestalt der Föderativrepublik. So hat auch
Herr Struve in einer Broschüre Deutschland bereits in 24 Kantone
mit ebensoviel Landammännern [158] und großen und kleinen Räten
eingeteilt und sogar die Landkarte mit der fertigen Einteilung
der Broschüre beigeheftet. Könnte Deutschland sich jemals in ein
solches Arkadien verwandeln, so wäre es damit auf einer Stufe der
Erniedrigung angekommen, von der es bisher selbst in seinen
schmachvollsten Zeiten keine Ahnung hatte.
Die süddeutschen Kleinbürger hatten inzwischen schon mehr als
einmal die Erfahrung gemacht, daß eine Revolution, und trüge sie
auch ihre eigene bürgerlich-republikanische Fahne, ihr geliebtes
stilles Arkadien sehr leicht im Strudel weit kolossalerer Kon-
flikte, wirklicher Klassenkämpfe, mit wegschwemmen könnte. Daher
die Furcht der Kleinbürger nicht nur vor jeder revolutionären Er-
schütterung, sondern auch vor ihrem eignen Ideal der
#139# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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föderierten Tabak- und Bierrepublik. Daher ihre Begeisterung für
die Reichsverfassung, die wenigstens ihre nächsten Interessen be-
friedigte und ihnen Hoffnung gab, bei dem bloß suspensiven Veto
des Kaisers die Republik zu gelegener Zeit auf gesetzlichem Wege
einzuführen. Daher ihre Überraschung, als das badische Militär
ihnen ungefragt eine fertige Insurrektion auf dem Präsentiertel-
ler überreichte, daher ihre Furcht, die Insurrektion über die
Grenzen des zukünftigen Kantons Baden hinaus zu verbreiten. Die
Feuersbrunst hätte ja auch einmal Gegenden ergreifen können, in
denen es große Bourgeois und massenhaftes Proletariat gab, Gegen-
den, in denen sie dem Proletariat die Gewalt in die Hand legte,
und dann - wehe dem Eigentum! Was tat unter diesen Umständen Herr
Brentano?
Was die Kleinbürgerschaft in Rheinpreußen mit Bewußtsein getan
hatte, tat er in Baden f ü r die Kleinbürgerschaft: Er verriet
die Insurrektion, aber er rettete die Kleinbürgerschaft.
Keineswegs durch seine letzten Handlungen, durch seine Flucht
nach der Niederlage an der Murg, wie der endlich enttäuschte ba-
dische Kleinbürger sich einbildete, sondern vom ersten Augenblick
an verriet Brentano die Insurrektion. Gerade die Maßregeln, denen
die badischen Spießbürger und mit ihnen ein Teil der Bauern und
selbst die Handwerker am meisten zujubelten, gerade diese Maßre-
geln verrieten die Bewegung an Preußen. Gerade dadurch, daß Bren-
tano verriet, wurde er so populär, kettete er den fanatischen
Enthusiasmus des Spießbürgers an seine Fersen. Der kleine Bürger
übersah den Verrat an der Bewegung über der raschen Herstellung
der Ordnung und Sicherheit, über der augenblicklichen Hemmung der
Bewegung selbst; und als es zu spät war, als er, in der Bewegung
kompromittiert, die Bewegung und sich mit ihr verloren sah,
schrie er über Verrat, fiel er mit der ganzen Entrüstung des ge-
prellten Biedermannes über seinen treuesten Diener her.
Herr Brentano freilich ist auch geprellt worden. Er hoffte als
großer Mann der "gemäßigten" Partei, d.h. eben der Kleinbürger-
schaft, aus der Bewegung hervorzugehn, und er hat bei Nacht und
Nebel schmählich ausreißen müssen vor seiner eignen Partei, vor
seinen besten Freunden, denen plötzlich ein erschreckendes Licht
aufging. Er hoffte sich sogar die Möglichkeit eines großherzogli-
chen Ministerpostens offenhalten zu können und hat zum Dank für
seine Klugheit die Fußtritte aller Parteien, die Unmöglichkeit,
jemals auch nur noch irgendeine Rolle spielen zu können. Aber
freilich, man kann gescheuter sein als sämtliche Kleinbürger ir-
gendeines deutschen Raubstaats und darum doch seine schönsten
Hoffnungen geknickt, seine edelsten Absichten mit Kot beworfen
sehn!
Von dem ersten Tage seiner Regierung an tat Herr Brentano alles,
um die
#140# Friedrich Engels
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Bewegung in das spießbürgerliche Bett einzudämmen, das sie zu
überschreiten kaum versucht hatte. Unter dem Schutz der Karlsru-
her, dem Großherzog ergebenen Bürgerwehr, derselben Bürgerwehr,
die sich den Tag zuvor noch gegen die Bewegung geschlagen hatte,
zog er ins Ständehaus ein, um von hier aus die Bewegung zu zü-
geln. Die Rückberufung der desertierten Soldaten geschah mit mög-
lichster Schläfrigkeit; die Reorganisierung der Bataillone wurde
nicht rascher betrieben. Dagegen bewaffnete man sofort die Mann-
heimer entwaffneten Spießbürger, von denen jeder wußte, daß sie
sich nicht schlagen würden, und die nach dem Waghäuseier Gefecht
[159] sich sogar dem Verrat Mannheims durch ein Dragonerregiment
zum großen Teil angeschlossen haben. Von einem Marsche nach
Frankfurt oder Stuttgart, von einer Verbreitung der Insurrektion
nach Nassau oder Hessen war gar nicht die Rede. Wurde ein Vor-
schlag der Art gemacht, so war er auch sogleich beseitigt, wie
der Sigelsche 1*). Von der Emittierung von Papiergeld zu spre-
chen, hätte für ein Staatsverbrechen, für kommunistisch gegolten.
Die Pfalz schickte Gesandte über Gesandte: Sie sei waffenlos, sie
habe keine Gewehre, von Artillerie gar nicht zu sprechen, keine
Munition, sie bedürfe alles dessen, was zur Durchführung einer
Insurrektion und namentlich zur Einnahme der Festungen Landau und
Germersheim nötig sei; aber von Herrn Brentano war nichts zu er-
halten. Sie trug auf sofortige Einsetzung eines gemeinsamen
Militärkommandos, ja auf Vereinigung beider Länder unter einer
einzigen gemeinsamen Regierung an. Alles wurde verschleppt und
verzögert. Ein kleiner Geldzuschuß ist, glaube ich, das einzige,
was die Pfalz bekommen konnte; später, als es zu spät war, kamen
acht Geschütze mit etwas Munition, ohne Bedienung und Bespannung,
und endlich auf Mieroslawskis direkten Befehl ein badisches Ba-
taillon und zwei Mörser, von denen, wenn ich mich recht erinnere,
einer einen Schuß getan hat.
Mit dieser Verschleppung und Beseitigung der notwendigsten Maßre-
geln, die die Insurrektion hätten weitertragen können, war die
ganze Bewegung schon verraten. Nach innen wurde mit derselben
Nonchalance verfahren. Von Aufhebung der Feudallasten war keine
Rede; Herr Brentano wußte sehr gut, daß in den Bauern mehr revo-
lutionäre Elemente steckten, namentlich im Oberland, als ihm lieb
war, und daß er sie daher eher zurückhalten als noch tiefer in
die Bewegung schleudern müsse. Die neuen Beamten waren meist
Kreaturen Brentanos oder total unfähig; die alten Beamten, mit
Ausnahme derer, die zu direkt bei der Reaktion der letzten zwölf
Monate kompromittiert und daher von selbst desertiert waren, be-
hielten sämtlich ihre Stellen, zum
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1*) Siehe vorl. Band, S. 135
#141# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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großen Entzücken aller ruhigen Bürger. Sogar Herr Struve fand
noch in den letzten Tagen des Mai an der "Revolution" zu loben,
daß alles so hübsch ruhig abgegangen sei und fast alle Beamten in
ihren Stellen hätten bleiben können. - Im übrigen wirkten Herr
Brentano und seine Agenten dahin, daß alles, wo möglich, ins alte
Geleis zurückkehre, daß möglichst wenig Unruhe und Aufregung
herrsche und das revolutionäre Exterieur des Landes baldigst ver-
schwinde.
In der Militärorganisation herrschte derselbe Schlendrian. Man
tat nicht mehr, als was man unmöglich unterlassen konnte. Die
Truppen wurden ohne Führer, ohne Beschäftigung, ohne Ordnung ge-
lassen; der unfähige "Kriegsminister" Eichfeld und sein Nachfol-
ger, der Verräter Mayerhofer, wußten sie nicht einmal erträglich
zu dislozieren. Die, Truppenkonvois kreuzten sich auf der Eisen-
bahn, ohne Zweck, ohne Resultat. Die Bataillone wurden heute
hierhin geführt, morgen wieder zurück, kein Mensch konnte abse-
hen, weshalb. In den Garnisonen zogen sie von einem Wirtshaus ins
andere, weil sie nichts anderes zu tun hatten. Es schien, als
sollten sie absichtlich demoralisiert werden, als wolle die Re-
gierung ihnen den letzten Rest von Disziplin geradezu austreiben.
Die Organisation des ersten Aufgebots der sogenannten Volkswehr,
d.h. aller waffenfähigen Mannschaft bis zu 30 Jahren, wurde dem
bekannten Joh. Ph. Becker, einem naturalisierten Schweizer und
Offizier der eidgenössischen Armee, übertragen. Inwieweit Becker
von Brentano in der Ausführung seiner Mission gehemmt wurde, weiß
ich nicht. [160] Ich weiß aber, daß Brentano nach dem Rückzüge
der Pfälzer Armee auf badisches Gebiet, als die gebieterischen
Forderungen der schlechtbekleideten und schlechtbewaffneten Pfäl-
zer sich nicht mehr zurückweisen ließen - daß Brentano damals mit
folgenden Worten seine Hände in Unschuld wusch: "Meinetwegen gebt
ihnen, was ihr wollt; aber wenn der Großherzog wiederkommt, so
soll er wenigstens wissen, wer ihm seine Vorräte so verschleudert
hat! Wenn also die badische Volkswehr teils schlecht, teils gar
nicht organisiert war, so ist nicht zu zweifeln, daß die Haupt-
schuld auch hier auf Brentano und auf den schlechten Willen oder
die Ungeschicklichkeit seiner Kommissäre in den einzelnen Kreisen
fällt.
Als Marx und ich nach der Unterdrückung der "Neuen Rheinischen
Zeitung" zuerst auf badisches Gebiet kamen - es mochte der 20.
oder 21. Mai sein, also mehr als acht Tage nach der Flucht des
Großherzogs -, waren wir erstaunt über die enorme Sorglosigkeit,
mit der die Grenze bewacht oder vielmehr nicht bewacht wurde. Von
Frankfurt bis Heppenheim die ganze Eisenbahn mit württembergi-
schen und hessischen Reichstruppen besetzt: Frankfurt und Darm-
stadt selbst voll von Militär; alle Bahnhöfe, alle Ortschaften
#142# Friedrich Engels
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von starken Detachements okkupiert; regelmäßige Vorposten vorge-
schoben bis an die Grenze. Von der Grenze bis Weinheim dagegen
auch nicht ein Mann zu sehen; in Weinheim ebenso. Die einzigste
Vorsichtsmaßregel war die Demolierung einer kurzen Strecke der
Eisenbahn zwischen Heppenheim und Weinheim. Erst während unsrer
Anwesenheit traf ein schwaches Detachement des Leibregiments,
höchstens 25 Mann, in Weinheim ein. Von Weinheim bis Mannheim
herrschte wieder der tiefste Friede; höchstens hier und da ein
einzelner, überlustiger Volkswehrmann, der eher versprengt oder
desertiert als im Dienst befindlich schien. Von Grenzkontrolle
war natürlich erst recht keine Rede. Man ging hinein oder heraus,
wie man wollte.
In Mannheim sah es allerdings schon etwas kriegerischer aus. Hau-
fen von Soldaten standen auf der Straße oder saßen in den Wirts-
häusern. Die Volkswehr und Bürgerwehr exerzierte im Park, meist
freilich noch sehr unbeholfen und mit schlechten Instruktoren.
Auf dem Rathaus saßen eine Menge Komitees, alte und neue Offi-
ziere, Uniformen und Blusen. Das Volk mischte sich unter die Sol-
daten und Freischärler, es wurde viel gezecht, viel gelacht, viel
karessiert. Aber man sah gleich, daß der erste Aufschwung schon
vorüber, daß viele unangenehm enttäuscht waren. Die Soldaten wa-
ren malkontent; wir haben die Insurrektion gemacht, sagten sie,
und jetzt, wo die Bürgerlichen an die Reihe kommen und die Lei-
tung übernehmen sollen, jetzt lassen sie alles ins Stocken gera-
ten und verderben! Die Soldaten waren mit ihren neuen Offizieren
auch nicht recht zufrieden; die neuen Offiziere waren gespannt
mit den früheren großherzoglichen, deren damals noch viele da wa-
ren, obwohl täglich einige desertierten; die alten Offiziere
fanden sich wider Willen in eine fatale Stellung versetzt, aus
der sie nicht wußten, wie sie herauskommen sollten. Über den Man-
gel an energischer und fähiger Leitung endlich wurde überall ge-
klagt.
Auf der andern Rheinseite, in Ludwigshafen, trat uns die Bewegung
in einer viel heiteren Gestalt entgegen. Während in Mannheim noch
eine Masse junger Leute, die offenbar zum ersten Aufgebot gehör-
ten, ruhig ihren Geschäften nachgingen, als ob gar nichts gesche-
hen sei, war hier alles bewaffnet. Es war freilich nicht überall
so in der Pfalz, wie sich später zeigte. Die größte Einstimmig-
keit herrschte in Ludwigshafen zwischen Freischärlern und Mili-
tär. In den Wirtshäusern, die natürlich auch hier überfüllt wa-
ren, ertönten die Marseillaise und andre derartige Lieder. Man
klagte nicht, man murrte nicht, man lachte, man war mit Leib und
Seele bei der Bewegung und machte sich damals, besonders beim Fü-
silier und Freischärler, noch sehr verzeihliche und unschuldige
Illusionen über seine eigne Unüberwindlichkeit.
#143# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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In Karlsruhe nahm die Sache schon größere Feierlichkeit an. Im
Pariser Hof war Table d'hôte um ein Uhr angesagt, aber es wurde
nicht angefangen, bis "die Herren vom Landesausschuß" gekommen
waren. Dergleichen kleine Aufmerksamkeiten gaben der Bewegung
schon einen wohltuenden bürokratischen Anstrich.
Wir sprachen gegen verschiedene Herren vom Landesausschuß die
oben entwickelte Ansicht aus, daß gleich im Anfang nach Frankfurt
hätte marschiert und dadurch die Insurrektion weiter ausgedehnt
werden müssen, daß es jetzt höchstwahrscheinlich schon zu spät
und daß ohne entscheidende Schläge in Ungarn oder ohne eine neue
Revolution in Paris die ganze Bewegung schon jetzt rettungslos
verloren sei. Man kann sich die Entrüstung nicht denken, die bei
solchen ketzerischen Behauptungen unter diesen Bürgern vom Lan-
desausschuß losbrach. Blind und Goegg allein waren auf unsrer
Seite. Jetzt, nachdem die Ereignisse uns recht gegeben, haben
dieselben Herren natürlich von jeher auf die Offensive gedrungen.
In Karlsruhe traf man damals schon die ersten Anfänge jener groß-
artigen Stellenjägerei, die sich unter dem ebenso großartigen Ti-
tel einer "Konzentrierung aller demokratischen Kräfte Deutsch-
lands" als Vaterlandsrettung brüstete. Wer nur jemals in irgend-
einem Klub mehr oder minder konfus deklamiert, im entferntesten
demokratischen Winkelblättchen einmal zum Haß gegen die Tyrannen
aufgefordert hatte, eilte nach Karlsruhe oder Kaiserslautern, um
dort sogleich ein großer Mann zu werden. Daß die Leistungen den
hier konzentrierten Kräften vollständig entsprachen, braucht wohl
nicht erst ausdrücklich versichert zu werden. - So befand sich
hier in Karlsruhe ein bekannter, angeblich philosophischer Atta
Troll, Exabgeordneter zur Frankfurter Versammlung und Exredakteur
eines von Manteuffel trotz der Anerbietungen unsers Atta Troll
unterdrückten, angeblich demokratischen Blättchens. [161] Atta
Troll angelte mit großer Emsigkeit nach dem Pöstchen des
badischen Gesandten in Paris, zu dem er sich besonders berufen
hielt, weil er seinerzeit zwei Jahre in Paris gewesen war und
dort kein Französisch gelernt hatte. Er war auch wirklich so
glücklich, Herrn Brentano das Kreditiv abzulocken, und packte
eben seine Koffer, als Brentano ihn plötzlich rufen ließ und ihm
das Beglaubigungsschreiben wieder aus der Tasche nahm. Es
versteht sich, daß Atta Troll jetzt, Herrn Brentano zum Trotz,
erst recht nach Paris reiste. - Ein anderer gesinnungstüchtiger
Bürger, der schon seit einigen Jahren Deutschland mit Revolu-
tionierung und Republikanisierung gedroht hatte, Herr Heinzen,
befand sich ebenfalls in Karlsruhe. Dieser Biedermann hatte
bekanntlich vor der Februarrevolution überall und immer zum
"Dreinschlagen" aufgerufen, hatte es aber nach dieser Revolution
für geratener
#144# Friedrich Engels
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gehalten, den verschiedenen deutschen Insurrektionen von den neu-
tralen Hochgebirgen der Schweiz aus zuzusehen. Jetzt endlich
schien ihm die Lust zu kommen, auch einmal auf die "Dränger"
dreinzuschlagen. Nach seinem früheren Ausspruche: "Kossuth ist
ein großer Mann, aber Kossuth hat das K n a l l s i l b e r
vergessen", war zu erwarten, daß er s o f o r t die kolossal-
sten, bisher ungeahnten Zerstörungskräfte gegen die Preußen orga-
nisieren werde. Keineswegs. Da höherstrebende Pläne nicht anwend-
bar schienen, begnügte sich unser Tyrannenhasser, wie es heißt,
mit der Bildung eines republikanischen Elitekorps, schrieb inzwi-
schen Artikel zugunsten Brentanos in die "Karlsruher Zeitung" und
besuchte den Klub des entschiedenen Fortschritts. Der Klub wurde
aufgelöst, die republikanische Elite kam nicht, und Herr Heinzen
merkte endlich, daß selbst er die Brentanosche Politik nicht län-
ger verteidigen könne. Verkannt, verbraucht, verdrießlich ging er
zunächst ins badische Oberland und von da in die Schweiz, ohne
einen einzigen "Dränger" erschlagen zu haben. Er rächt sich jetzt
an ihnen, indem er sie von London aus in effigie 1*) millionen-
weise guillotiniert. 2*)
Wir verließen Karlsruhe am nächsten Morgen, um die Pfalz zu besu-
chen.
Von dem weitern Verlauf der badischen Insurrektion brauche ich in
bezug auf die Leitung der allgemeinen Politik und der Zivilver-
waltung nur noch wenig zu sagen. Als Brentano sich stark genug
fühlte, vernichtete er die zahme Opposition, die ihm der Klub des
entschiedenen Fortschritts machte, mit einem Schlage. Die
"konstituierende Versammlung", unter dem Einfluß der immensen Po-
pularität Brentanos und der alles regierenden Kleinbürgerschaft
gewählt, gab ihr Ja und Amen zu allen seinen Schritten. Die
"provisorische Regierung mit diktatorischer Gewalt" [156] (eine
Diktatur unter einem angeblichen Konvent!) war ganz unter seiner
Leitung. So regierte er fort, hemmte die revolutionäre und mili-
tärische Entwickelung der Insurrektion, ließ die laufenden Ge-
schäfte tant bien que mal 3*) besorgen und bewachte eifersüchtig
die Vorräte und das Privateigentum des Großherzogs, den er fort-
während als seinen legitimen Souverän von Gottes Gnaden behan-
delte. In der "Karlsruher Zeitung" erklärte er, der Großherzog
könne jeden Augenblick zurückkommen, und wirklich blieb das
Schloß während der ganzen Zeit verschlossen, als sei sein Bewoh-
ner bloß verreist. Die Pfälzer Abgesandten hielt er mit unbe-
stimmten Antworten von einem Tage zum andern hin; das Höchste,
was zu erreichen war, war das gemeinsame Militärkommando unter
Mieroslawski und - ein Vertrag wegen Aufhebung des Mannheim-Lud-
wigshafener
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1*) im Geiste - 2*) siehe vorl. Band, S. 7 - 3*) recht und
schlecht
#145# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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Brückenzolls, der Herrn Brentano indes nicht verhinderte, diesen
Zoll auf der Mannheimer Seite forterheben zu lassen.
Als endlich Mieroslawski nach dem Gefechte bei Waghäusel und Ub-
stadt die Trümmer seiner Armee durch das Gebirg bis hinter die
Murg zurückziehen mußte, als Karlsruhe mit einer Masse Vorräten
aufgegeben werden mußte, als die Niederlage an der Murg das
Schicksal der Bewegung entschied, da verschwanden die Illusionen
der badischen Bürger, Bauern und Soldaten, da erhob sich ein all-
gemeiner Ruf, Brentano habe verraten. Mit einem Schlage war das
ganze, durch die Feigheit der Kleinbürger, durch die Unselb-
ständigkeit der Bauern, durch den Mangel an Konzentrierung der
Arbeiter aufrechtgehaltene Gebäude der Popularität Brentanos
vernichtet. Brentano floh bei Nacht und Nebel nach der Schweiz,
verfolgt von dem Vorwurfe des Volksverrats, mit dem ihn seine ei-
gene "Konstituante" brandmarkte, und verbarg sich in Feuerthalen
im Kanton Zürich.
Man könnte sich dabei beruhigen, daß Herr Brentano durch den
gänzlichen Ruin seiner politischen Stellung, durch die allgemeine
Verachtung aller Parteien für seinen Verrat genug gezüchtigt ist.
An dem Untergang der badischen Bewegung liegt nicht viel. Der 13.
Juni in Paris [162] und die Weigerung Görgeys, auf Wien zu mar-
schieren [163], vernichteten alle Chancen, die Baden und die
Pfalz noch hatten, selbst wenn es gelungen wäre, die Bewegung
nach Hessen, Württemberg und Franken zu verpflanzen. Man wäre eh-
renvoller gefallen, aber gefallen wäre man. Was aber die revolu-
tionäre Partei Herrn Brentano nie vergessen wird, was sie den
feigen badischen Kleinbürgern, die ihn aufrechterhielten, nie
vergessen wird, das ist, daß sie direkt schuld sind an dem Tode
der in Karlsruhe, in Freiburg und in Rastatt Erschossenen und der
zahllosen und namenlosen Opfer, die die Preußen vermittelst des
Typhus in den Rastatter Kasematten im stillen hingerichtet haben.
Im zweiten Hefte dieser "Revue" werde ich die Zustände in der
Pfalz und zum Beschluß die badisch-pfälzische Kampagne schildern.
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