Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
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IV
Für Republik zu sterben!
Nur im Sturz von sechsunddreißig Thronen
Kann die deutsche Republik gedeihn;
Darum, Brüder, stürzt sie ohne Schonen,
Setzet Gut und Blut und Leben ein.
Für Republik zu sterben,
Ist ein Los, hehr und groß, ist das Ziel unsres Muts! [173]
So sangen die Freischärler auf der Eisenbahn, als ich nach Neu-
stadt fuhr, um dort Willichs momentanes Hauptquartier zu erfra-
gen.
Für Republik zu sterben, war also von nun an das Ziel meines Muts
oder sollte es wenigstens sein. Ich kam mir sonderbar vor mit
diesem neuen Ziel. Ich sah mir die Freischärler an, junge,
hübsche, flotte Burschen. Sie sahen gar nicht aus, als ob der Tod
für Republik vorderhand das Ziel ihres Mutes sei.
Von Neustadt aus fuhr ich mit einem requirierten Bauerwagen nach
Offenbach, zwischen Landau und Germersheim, wo Willich noch war.
Dicht hinter Edenkoben stieß ich auf die ersten, von den Bauern
auf seinen Befehl ausgestellten Wachtposten, die sich von nun an
beim Ein- und Ausgang jedes Dorfs und auf allen Kreuzwegen wie-
derholten und niemanden ohne schriftliche Legitimation von den
Insurrektionsbehörden durchließen. Man sah, daß man dem Kriegszu-
stand etwas näher kam. Spät in der Nacht traf ich in Offenbach
ein und übernahm sogleich bei Willich Adjutantendienste.
Während dieses Tages - es war der 13. Juni - hatte ein kleiner
Teil des Willichschen Korps ein glänzendes Gefecht bestanden.
Willich hatte zu seinem Freikorps einige Tage vorher noch ein ba-
disches Volkswehrbataillon, das Bataillon Dreher-Obermüller, als
Verstärkung bekommen und von diesem Bataillon etwa 50 Mann gegen
Germersheim, nach Bellheim vorgeschoben. Hinter ihnen lag noch in
Knittelsheim eine Kompanie des Freikorps nebst einigen Sensenmän-
nern. Ein Bataillon Bayern mit zwei Geschützen und
#163# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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einer Schwadron Chevaulegers machten einen Ausfall. Die Badenser
flohen, ohne Widerstand zu leisten; nur einer von ihnen, von drei
reitenden Gendarmen überholt, verteidigte sich wütend, bis er
endlich, ganz zerhackt von Säbelhieben, hinfiel und von den An-
greifern vollends getötet wurde. Als die Flüchtigen in Knittels-
heim ankamen, brach der dort stationierte Hauptmann 1*) mit nicht
ganz 50 Mann, von denen einige noch Sensen hatten, gegen die Bay-
ern auf. Er verteilte seine Leute geschickt in mehre Detachements
und ging in Tirailleurlinie mit solcher Entschiedenheit vor, daß
die mehr als zehnfach überlegnen Bayern nach zweistündigem Kampf
in das von den Badensern im Stich gelassene Dorf zurückgedrängt
und endlich, als noch einige Verstärkung vom Willichschen Korps
ankam, aus dem Dorf wieder hinausgeworfen wurden. Mit einem Ver-
lust von etwa zwanzig Toten und Verwundeten zogen sie sich nach
Germersheim zurück. Es tut mir leid, daß ich den Namen dieses
tapfern und talentvollen jungen Offiziers nicht nennen darf, da
er sich wahrscheinlich noch nicht in Sicherheit befindet. Seine
Leute hatten nur fünf Verwundete, unter denen keiner gefährlich.
Der eine dieser fünf, ein französischer Freiwilliger, hatte einen
Schuß in den Oberarm bekommen, ehe er selbst zum Feuern kam.
Trotzdem verschoß er noch seine sämtlichen sechzehn Patronen, und
als seine Wunde ihn am Laden hinderte, ließ er sein Gewehr durch
einen Sensenmann laden, um nur feuern zu können. Am nächsten Tage
gingen wir nach Bellheim, um den Kampfplatz anzusehen und neue
Dispositionen zu treffen. Die Bayern hatten mit Vollkugeln und
Kartätschen auf unsre Tirailleure gefeuert, aber nichts getroffen
als die Zweige der Bäume, mit denen die ganze Straße übersät war,
und den Baum, hinter dem der Hauptmann stand.
Das Bataillon Dreher-Obermüller war heute vollzählig gegenwärtig,
um sich jetzt ganz in Bellheim und Umgegend festzusetzen. Es war
ein schönes, gutbewaffnetes Bataillon, und namentlich die Offi-
ziere sahen mit ihren Knebelbärten und braunen Gesichtern voll
Ernst und Begeisterung wie wahre denkende Menschenfresser aus.
Zum Glück waren sie so gefährlich nicht, wie wir mehr und mehr
sehen werden.
Zu meiner Verwunderung erfuhr ich, daß fast gar keine Munition
vorhanden sei, daß die meisten Leute nur fünf bis sechs, einige
wenige zwanzig Patronen besäßen und daß der Vorrat nicht einmal
ausreiche, um die ganz leeren Patrontaschen der gestern im Feuer
gewesenen Mannschaft zu füllen. Ich erbot mich sogleich, nach
Kaiserslautern zu gehen, um Munition zu holen, und machte mich
denselben Abend noch auf den Weg.
Die Bauerwagen fahren schlecht; die Notwendigkeit, stationsweise
neue
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1*) Loreck
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Wagen zu requirieren, die Unkenntnis der Wege usw. halten eben-
falls auf. Es war Tagesanbruch, als ich nach Maikammer, etwa
halbwegs Neustadt, kam. Hier stieß ich auf eine Abteilung Pirma-
senser Volkswehr nebst den vier nach Homburg geschickten Kanonen,
die man in Kaiserslautern schon verloren geglaubt hatte. Über
Zweibrücken und Pirmasens, von da auf den elendesten Bergwegen
war es ihnen gelungen, bis hierher durchzukommen, wo sie endlich
in die Ebene debouchierten. Die Herren Preußen waren so eilig mit
der Verfolgung nicht, obgleich unsere Pirmasenser, durch Strapa-
zen, Nachtmärsche und Wein aufgeregt, sie schon auf ihren Fersen
glaubten.
Einige Stunden später - es war am 15. Juni - kam ich nach Neu-
stadt. Die ganze Bevölkerung war auf den Straßen, dazwischen Sol-
daten und Freischärler, wie man in der Pfalz alle Volkswehren in
Blusen ohne Unterschied nannte. Wagen, Kanonen und Pferde ver-
sperrten die Zugänge. Kurz, ich war mitten in die Retirade der
gesamten pfälzischen Armee geraten. Die provisorische Regierung,
der General Sznayde, der Generalstab, die Büros, alles war da.
Kaiserslautern war aufgegeben, die Fruchthalle, der "Donners-
berg", die Bierhäuser, der "strategisch gelegenste Punkt der
Pfalz", und für den Moment war Neustadt das Zentrum der pfäl-
zischen Verwirrung, die erst jetzt, wo es zum Kampf kam, ihren
Höhepunkt erreichte. Genug, ich unterrichtete mich über alles,
nahm möglichst viele Fässer Pulver, Blei und fertige Patronen mit
- was sollte die Munition auch dieser ohne eine Schlacht in Trüm-
mer aufgelösten Armee weiter nützen? -, schaffte mir nach zahllo-
sen vergeblichen Versuchen endlich in einem benachbarten Dorfe
einen Leiterwagen und fuhr mit meiner Beute und einigen Mann Be-
deckung abends wieder ab.
Vorher ging ich zu Herrn Sznayde und frug, ob er nichts für Wil-
lich zu bestellen habe. Der alte Gourmand gab mir einige nichts-
sagende Bescheide und fügte mit wichtiger Miene hinzu: "Sehen
Sie, wir machen es jetzt gerade wie Kossuth."
Wie die Pfälzer aber dazu kamen, es geradeso wie Kossuth zu ma-
chen, das hing folgendermaßen zusammen. Die Pfalz besaß in der
blühendsten Epoche der "Erhebung", d.h. am Tage vor dem Einrücken
der Preußen, etwa 5000 bis 6000 Mann, die mit Gewehren aller Art
bewaffnet waren, und an 1000 bis 1500 Sensenmänner. Diese 5000-
6000 möglichen Kombattanten bestanden erstens aus dem Willich-
schen und rheinhessischen Freikorps und zweitens aus der soge-
nannten Volkswehr. In jedem Landkommissariatsbezirk war ein Mili-
tärkommissär mit dem Auftrage, ein Bataillon zu organisieren. Als
Kern und Instruktoren dienten die dem Bezirk angehörigen überge-
gangenen Soldaten. Dies System der Vermischung der Linientruppen
mit den neuausgehobenen Rekruten, das während eines aktiven
Feldzugs mit strenger Disziplin
#165# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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und fortwährender Waffenübung zu den besten Resultaten geführt
hätte, verdarb hier alles. Die Bataillone kamen aus Mangel an
Waffen nicht zustande; die Soldaten, die nichts zu tun hatten,
verbummelten alle Disziplin und kriegerische Haltung und liefen
großenteils auseinander. Endlich kam in einigen Bezirken eine Art
Bataillon zusammen, in den andern existierten nur einige bewaff-
nete Haufen. Mit den Sensenmännern war vollends nichts anzufan-
gen; überall im Wege, nie wirklich zu gebrauchen, hatte man sie
teils als interimistisches Anhängsel bei ihren respektiven Ba-
taillonen gelassen, bis man Gewehre für sie bekäme, teils in ein
besondres Korps unter dem halbnärrischen Hauptmann Zinn verei-
nigt. Der Bürger Zinn, der vollständigste Shakespearesche Pistol,
den man sehen kann, der beim Ausreißen vor Landau unter Held
Blenker über seine Säbelscheide gestolpert war, daß sie zerbrach,
der aber nachher mit großem Pathos schwor, eine "vierund-zwanzig-
pfündige feurige Bombenkugel" habe sie ihm entzweigerissen, die-
ser selbe unüberwindliche Pistol wurde bisher zu Exekutionen ge-
gen reaktionäre Dörfer verwandt. Er unterzog sich diesem Amte mit
großem Eifer, so daß die Bauern zwar sehr großen Respekt vor ihm
und seinem Korps hatten, ihn aber auch jedesmal gehörig durchprü-
gelten, wo sie ihn allein zu fassen bekamen. Auf ihrer Rückkehr
von solchen Fahrten mußten dann die Sensenmänner ihre Sensen in
Scharten und Splitter schlagen, und wenn er nach Kaiserslautern
kam, erzählte er mörderliche Falstaffiaden von seinen Kämpfen mit
den Bauern.
Da mit solchen Kräften natürlich wenig auszurichten war, so be-
fahl Mieroslawski, der erst am 10. im badischen Hauptquartier
eintraf, daß die Pfälzer sich fechtend an den Rhein zurückziehen,
womöglich den Rheinübergang bei Mannheim gewinnen, sonst aber bei
Speyer oder Knielingen auf das rechte Rheinufer gehen und sodann
von Baden aus die Rheinübergänge verteidigen sollten. Gleichzei-
tig mit diesem Befehl traf die Nachricht ein, daß die Preußen von
Saarbrücken aus in die Pfalz eingedrungen seien und unsre wenigen
an der Grenze aufgestellten Leute nach einigen Flintenschüssen
gegen Kaiserslautern zurückgeworfen hätten. Zugleich konzentrier-
ten sich fast alle mehr oder weniger organisierten Truppenteile
in der Richtung auf Kaiserslautern und Neustadt; es entstand eine
grenzenlose Verwirrung, und ein großer Teil der Rekruten lief
auseinander. Ein junger Offizier der schleswig-holsteinischen
Freischaren von 1848, Rakow, ging mit 30 Mann aus, die Deserteure
wieder zu sammeln, und brachte in zweimal vierundzwanzig Stunden
ihrer 1400 zusammen, die er in ein "Bataillon Kaiserslautern"
formierte und bis zum Ende des Feldzugs führte.
Die Pfalz ist in strategischer Beziehung ein so einfaches Ter-
rain, daß selbst
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die Preußen hier keine Schnitzer machen konnten. Längs dem Rhein
liegt ein vier bis fünf Stunden breites Tal ohne alle Terrainhin-
dernisse. In drei bequemen Tagemärschen kamen die Preußen von
Kreuznach und Worms bis nach Landau und Germersheim. Über die ge-
birgige Hinterpfalz führt die "Kaiserstraße" von Saargemünd nach
Mainz, meist auf dem Bergrücken oder durch ein breites Bachtal.
Auch hier sind so gut wie gar keine Terrainhindernisse, hinter
denen eine numerisch schwache und taktisch ungebildete Armee sich
nur einigermaßen halten könnte. Von der Kaiserstraße endlich
trennt sich hart an der preußischen Grenze, bei Homburg, eine
vortreffliche Straße, die teils durch Flußtäler, teils über den
Rücken der Vogesen über Zweibrücken und Pirmasens direkt nach
Landau führt. Diese Straße bietet freilich größere Schwierigkei-
ten dar, ist aber auch mit wenig Truppen und ohne Artillerie
nicht zu versperren, besonders wenn ein feindliches Korps in der
Ebene manöveriert und den Rückzug über Landau und Bergzabern ver-
legen kann.
Hiernach war der Angriff der Preußen sehr einfach. Der erste Ein-
fall geschah von Saarbrücken gegen Homburg; von hier aus mar-
schierte eine Kolonne direkt auf Kaiserslautern, die andre über
Pirmasens auf Landau. Gleich darauf griff ein zweites Korps im
Rheintal an. Dies Korps fand in Kirchheimbolanden den ersten hef-
tigen Widerstand an den dort liegenden Rheinhessen. Die Mainzer
Schützen verteidigten den Schloßgarten mit großer Hartnäckigkeit
und trotz bedeutender Verluste. Sie wurden endlich umgangen und
zogen sich zurück. Ihrer siebenzehn fielen den Preußen in die
Hände. Sie wurden sogleich an die Bäume gestellt und von den
schnapstrunkenen Heroen des "herrlichen Kriegsheers" [174] ohne
weiteres erschossen. Mit dieser Niederträchtigkeit begannen die
Preußen ihren "zwar kurzen, aber ruhmvollen Feldzug" [175] in der
Pfalz.
Hiermit war die ganze nördliche Hälfte der Pfalz gewonnen und die
Verbindung der beiden Hauptkolonnen hergestellt. Sie brauchten
jetzt nur noch in der Ebene vorzugehen und Landau und Germersheim
zu entsetzen, um sich die ganze übrige Pfalz zu sichern und alle
im Gebirg sich etwa noch haltenden Korps gefangenzunehmen.
Es waren etwa 30000 Preußen in der Pfalz, mit zahlreicher Kaval-
lerie und Artillerie versehen. In der Ebene, wo der Prinz von
Preußen und Hirschfeld mit dem stärksten Korps vordrangen, stand
zwischen ihnen und Neustadt nichts als ein paar widerstandsunfä-
hige, schon halb aufgelöste Volkswehrabteilungen und ein Teil der
Rheinhessen. Ein rascher Marsch auf Speyer und Germersheim, und
die ganzen bei Neustadt und Landau konzentrierten oder vielmehr
verworren durcheinanderzottelnden 4000-5000 Mann Pfälzer waren
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verloren, zersprengt, aufgelöst und gefangen. Aber die Herren
Preußen, so aktiv, wenn es ans Füsilieren wehrloser Gefangener
ging, waren höchst zurückhaltend im Gefecht, höchst schläfrig in
der Verfolgung.
Wenn ich im ganzen Lauf des Feldzugs auf diese höchst seltsame
Lauheit der Preußen und übrigen Reichstruppen, sowohl im Angriff
wie in der Verfolgung, gegenüber einer meist sechsfach, stets we-
nigstens dreifach geringeren, schlecht organisierten und stellen-
weise erbärmlich kommandierten Armee, wenn ich auf diesen Umstand
häufiger zurückkommen muß, so ist es klar, daß ich ihn nicht auf
Rechnung einer aparten Feigheit der preußischen Soldaten schiebe,
um so weniger, als man schon gesehen haben wird, daß ich mir über
die besondre Tapferkeit unsrer Truppen durchaus keine Illusionen
mache. Ebensowenig führe ich ihn, wie dies von Reaktionären ge-
schieht, auf eine Art von Großmut oder auf den Wunsch zurück,
sich nicht mit zu vielen Gefangenen zu belästigen. Die preußische
bürgerliche und militärische Bürokratie hat von jeher ihren Ruhm
darin gesucht, Triumphe über schwache Feinde mit großem Eklat da-
vonzutragen und sich an den Wehrlosen mit der ganzen Wollust des
Blutdurstes zu rächen. Sie hat dies auch in Baden und der Pfalz
getan - Beweis: die Füsilladen von Kirchheim, die nächtlichen Er-
schießungen in der Fasanerie von Karlsruhe, die zahllosen
Niedermetzelungen von Verwundeten und sich Ergebenden auf allen
Schlachtfeldern, die Mißhandlungen der wenigen, die zu Gefangenen
gemacht wurden, die standrechtlichen Morde in Freiburg und Ra-
statt und endlich die langsame, heimliche und darum um so grausa-
mere Tötung der Rastatter Gefangenen durch Mißhandlung, Hunger,
Aufhäufung in feuchten, erstickenden Löchern und den durch alles
dies hervorgebrachten Typhus. Die laue Kriegführung der Preußen
hatte ihren Grund allerdings in der Feigheit, und zwar in der
Feigheit der Kommandierenden. Abgesehen von der langsamen, ängst-
lichen Präzision unsrer preußischen Gamaschen- und Manöverhelden,
die allein jeden kühnen Zug, jeden raschen Entschluß unmöglich
macht, abgesehen von den umständlichen Dienstreglements, die die
Wiederkehr so vieler schmählicher Niederlagen auf Umwegen hinter-
treiben sollen - wo würden die Preußen jemals diese für uns so
unerträglich langweilige, für sie so höchst blamable Kriegführung
angewandt haben, wenn sie ihrer eignen Leute sicher gewesen wä-
ren? Aber darin lag die Ursache. Die Herren Generäle wußten, daß
ein Drittel ihrer Armee aus widerspenstigen Landwehrregimentern
bestand, die nach dem ersten Sieg der Insurrektionsarmee sich zu
ihr schlagen und sehr bald den Abfall der Hälfte auch der Linie
und namentlich aller Artillerie nach sich ziehen würde. Und wie
es dann um das Haus Hohenzollern und die ungeschwächte Krone
[176] gestanden haben würde, ist wohl ziemlich klar.
#168# Friedrich Engels
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In Maikammer, wo ich auf neue Fuhre und Bedeckung bis zum Morgen
des 16. warten mußte, holte mich die in aller Frühe von Neustadt
aufgebrochene Armee schon wieder ein. Man hatte tags vorher noch
von einem Marsch auf Speyer gesprochen, dieser Plan war also auf-
gegeben, und man zog direkt nach der Knielinger Brücke. Mit fünf-
zehn Pirmasensern, halbwilden Bauernjungen aus den Urwäldern der
Hinterpfalz, marschierte ich ab. Erst in der Nähe von Offenbach
erfuhr ich, daß Willich mit allen seinen Truppen nach Frankwei-
ler, einem nordwestlich von Landau gelegenen Ort, abmarschiert
sei. Ich kehrte also um und kam gegen Mittag in Frankweiler an.
Hier fand ich nicht nur Willich, sondern abermals den ganzen Vor-
trab der Pfälzer, die, um nicht zwischen Landau und Germersheim
durchzumarschieren, den Weg westlich von Landau eingeschlagen
hatten. Im Wirtshaus saß die provisorische Regierung mit ihren
Beamten, der Generalstab und die zahlreichen demokratischen Bumm-
ler, die sich an beide angeschlossen hatten. Der General Sznayde
frühstückte. Alles lief durcheinander - im Gasthof die Regenten,
Kommandanten und Bummler, auf der Straße die Soldaten. Allmählich
zog das Gros der Armee ein: Herr Blenker, Herr Trocinski, Herr
Straßer und wie sie alle heißen, hoch zu Roß, an der Spitze ihrer
Tapfern. Die Verwirrung wurde immer größer. Nach und nach gelang
es, einzelne Korps weiter fortzuschicken, in der Richtung auf
Impflingen und Kandel zu.
Man sah es dieser Armee nicht an, daß sie auf dem Rückzug war.
Die Unordnung war von Anfang an bei ihr zu Hause, und wenn die
jungen Krieger auch schon anfingen, über das ungewohnte Marschie-
ren zu jammern, so hielt sie das nicht ab, in den Wirtshäusern
nach Herzenslust zu zechen, zu lärmen und den Preußen mit baldig-
ster Vernichtung zu drohen. Trotz dieser Siegesgewißheit hätte
ein Regiment Kavallerie mit einigen reitenden Geschützen hinge-
reicht, die ganze heitre Gesellschaft in alle vier Winde zu zer-
sprengen und das "rheinpfälzische Freiheitsheer" total aufzulö-
sen. Es gehörte nichts dazu als ein rascher Entschluß und etwas
Verwegenheit; aber von beidem war im preußischen Lager keine
Rede.
Am nächsten Morgen brachen wir auf. Während das Gros der Flüchti-
gen nach der Knielinger Brücke abzog, marschierte Willich mit
seinem Korps und dem Bataillon Dreher ins Gebirge gegen die Preu-
ßen. Eine unsrer Kompanien, etwa fünfzig Landauer Turner, waren
ins höchste Gebirg, nach Johanniskreuz, vorgegangen. Schimmel-
pfennig stand mit seinem Korps auch noch auf der Straße von Pir-
masens nach Landau. Es galt, die Preußen aufzuhalten und ihnen in
[Hinter]weidenthal die Straßen nach Bergzabern und ins Lautertal
zu verlegen.
Schimmelpfennig hatte indes [Hinter]weidenthal schon aufgegeben
und
#169# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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stand in Rinnthal und Annweiler. Die Straße macht hier eine Bie-
gung, und grade in dieser Biegung bilden die das Queichtal ein-
schließenden Berge eine Art Defilé, hinter dem das Dorf Rinnthal
liegt. Dies Defilé war mit einer Art Feldwache besetzt. In der
Nacht hatten seine Patrouillen gemeldet, daß auf sie geschossen
worden sei; frühmorgens brachten der Exzivilkommissär Weiß von
Zweibrücken und ein junger Rheinländer, M.J. Becker, die Nach-
richt, daß die Preußen heranrückten, und forderten zu Rekognos-
zierungspatrouillen auf. Aber weder Rekognoszierungen wurden
vorgenommen noch die Höhen zu beiden Seiten des Defiles besetzt,
so daß Weiß und Becker sich entschlossen, auf eigne Faust rekog-
noszieren zu gehen. Als sich die Berichte vom Herannahen des
Feindes mehrten, fingen Schimmelpfennigs Leute an, das Defilé zu
verbarrikadieren; Willich kam an, rekognoszierte die Position,
gab einige Befehle zur Besetzung der Höhen und ließ die ganz
nutzlose Barrikade wieder forträumen. Er ritt dann rasch nach
Annweiler zurück und holte seine Truppen.
Als wir durch Rinnthal marschierten, hörten wir die ersten
Schüsse fallen. Wir eilten durchs Dorf und sahen auf der Chaussee
Schimmelpfennigs Leute aufgestellt, viel Sensenmänner, wenig
Flinten, einige schon vor ins Gefecht. Die Preußen rückten ti-
raillierend auf den Höhen vor; Schimmelpfennig hatte sie ruhig in
die Position kommen lassen, die er selbst besetzen sollte. Noch
fiel keine Kugel in unsre Kolonnen; sie flogen alle hoch über uns
weg. Wenn eine Kugel über die Sensenmänner hinpfiff, schwankte
die ganze Linie, schrie alles durcheinander.
Mit Mühe kamen wir an diesen Truppen vorbei, die fast die ganze
Straße versperrten, alles in Unordnung brachten und mit ihren
Sensen doch ganz nutzlos waren. Die Kompanieführer und Leutnants
waren so ratlos und verwirrt wie die Soldaten selbst. Unsre
Schützen wurden vorkommandiert, einige rechts, einige links auf
die Höhen, dazu links noch zwei Kompanien zur Verstärkung der
Schützen und zur Umgehung der Preußen. Die Hauptkolonne blieb im
Tal stehen. Einige Schützen postierten sich hinter die Trümmer
der Barrikade in der Biegung der Straße und schössen auf die
preußische Kolonne, die einige Hundert Schritt weiter zurück-
stand. Ich ging links mit einigen Leuten den Berg hinauf.
Wir hatten kaum den buschigen Abhang erklettert, als wir auf ein
freies Feld stießen, von dessen jenseitigem, waldigem Rand uns
preußische Schützen ihre Spitzkugeln herüberschickten. Ich holte
noch einige der ratlos und etwas scheu am Abhang herumkletternden
Freischärler hinauf, stellte sie möglichst gedeckt auf und sah
mir das Terrain näher an. Vorgehen konnte ich nicht mit den paar
Mann über ein ganz offenes Feld von 200 bis 250 Schritt Breite,
so
#170# Friedrich Engels
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lange nicht das weiter links vorgeschickte Umgehungsdetachement
die Flanke der Preußen erreicht hatte; wir konnten uns höchstens
halten, da wir ohnehin nur schlecht gedeckt waren. Die Preußen
schössen trotz ihrer Spitzkugelbüchsen übrigens herzlich
schlecht; wir standen fast gar nicht gedeckt über eine halbe
Stunde im heftigsten Tirailleurfeuer, und die feindlichen Scharf-
schützen trafen nur einen Flintenlauf und einen Blusenzipfel.
Ich mußte endlich sehn, wo Willich war. Meine Leute versprachen,
sich zu halten, ich kletterte den Abhang wieder hinab. Unten
stand alles gut. Die Hauptkolonne der Preußen, von unsern Schüt-
zen auf der Straße und rechts von der Straße beschossen, mußte
sich etwas weiter zurückziehn. Auf einmal springen links, wo ich
gestanden hatte, unsre Freischärler eilig den Abhang hinunter und
lassen ihre Position im Stich. Die auf dem äußersten linken Flü-
gel vorgegangenen Kompanien, durch Hinterlassung zahlreicher Ti-
railleure geschwächt, fanden den Weg durch ein weiter liegendes
Gehölz zu lang; den Hauptmann 1*), der das Gefecht von Bellheim
gewonnen, an der Spitze, gingen sie quer über die Felder vor. Ein
heftiges Feuer empfing sie; der Hauptmann und mehrere andere
stürzten, und der Rest, ohne Führer, wich der Übermacht. Die
Preußen gingen nun vor, nahmen unsre Tirailleure in die Flanke,
schössen von oben auf sie herab und zwangen sie so zum Rückzug.
Der ganze Berg war bald in den Händen der Preußen. Sie schössen
von oben in unsre Kolonnen; es war nichts mehr zu machen, und wir
traten den Rückzug an. Die Straße war versperrt durch die Schim-
melpfennigschen Truppen und durch das Bataillon Dreher-Obermül-
ler, das nach löblicher badischer Sitte nicht in Sektionen von
vier bis sechs, sondern in Halbzügen von zwölf bis fünfzehn Mann
Front marschierte und die ganze Breite der Chaussee einnahm.
Durch sumpfige Wiesen mußten unsre Leute ins Dorf marschieren.
Ich blieb bei den Schützen, die den Rückzug deckten.
Das Gefecht war verloren, teils dadurch, daß Schimmelpfennig ge-
gen Willichs Befehl die Höhen nicht hatte besetzen lassen, die
wir mit den wenigen verwendbaren Truppen den Preußen nicht wieder
abnehmen konnten, teils durch die gänzliche Unbrauchbarkeit der
Schimmelpfennigschen Leute und des Bataillons Dreher, teils end-
lich durch die Ungeduld des zur Umgehung der Preußen kommandier-
ten Hauptmanns, die ihm fast das Leben kostete und unsern linken
Flügel bloßstellte. Es war übrigens unser Glück, daß wir geschla-
gen wurden; eine preußische Kolonne war schon auf dem Weg nach
Bergzabern, Landau war entsetzt, und so wären wir in
[Hinter]weidenthal von allen Seiten umzingelt gewesen.
Auf dem Rückzug verloren wir mehr Leute als im Gefecht. Von Zeit
zu
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1*) Loreck
#171# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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Zeit schlugen die preußischen Büchsenkugeln in die dichte Ko-
lonne, die sich größtenteils in erbaulicher Unordnung, schreiend
und polternd fortbewegte. Wir hatten etwa fünfzehn Verwundete,
darunter Schimmelpfennig, der ziemlich im Anfang des Gefechts
einen Schuß ins Knie erhalten hatte. Die Preußen verfolgten uns
wieder sehr lau und hörten bald auf zu schießen. Es waren nur ei-
nige Tirailleure an den Bergabhängen, die uns nachfolgten. In
Annweiler, eine halbe Stunde vom Kampfplatz, nahmen wir sehr ru-
hig einige Erfrischungen zu uns und marschierten dann nach Al-
bersweiler. Die Hauptsache hatten wir: 3000 Gulden Einzahlungen
für die Zwangsanleihe [177], die in Annweiler bereitgelegen hat-
ten. Die Preußen nannten das nachher Kassenraub. Sie behaupteten
auch in ihrem Siegesrausch, den Hauptmann Manteufîel von unserm
Korps, Vetter Ehren-Manteuffels in Berlin und übergegangnen preu-
ßischen Unteroffizier, bei Rinnthal getötet zu haben. Herr Man-
teufîel ist so wenig tot, daß er seitdem in Zürich noch einen
Turnpreis gewonnen hat.
In Albersweiler stießen zwei badische Geschütze zu uns, ein Teil
der von Mieroslawski gesandten Verstärkung. Wir wollten sie be-
nutzen, um uns in der Nähe noch einmal zu stellen; da brachte man
uns die Nachricht, die Preußen seien schon in Landau, und hier-
nach blieb uns nichts, als direkt nach Langenkandel abzumarschie-
ren.
In Albersweiler wurden wir glücklich die unbrauchbaren Truppen
los, die mit uns marschierten. Das Korps Schimmelpfennig hatte
sich nach dem Verlust seines Führers schon teilweise aufgelöst
und marschierte auf eigene Faust seitwärts nach Kandel ab. Es
ließ noch jeden Augenblick Marode und sonstige Nachzügler in den
Wirtshäusern zurück. Das Bataillon Dreher fing in Albersweiler
an, rebellisch zu werden. Willich und ich gingen hin und frugen,
was sie wollten. Allgemeines Schweigen. Endlich rief ein schon
ziemlich bejahrter Freischärler: "Man will uns auf die Schlacht-
bank führen!" Diese Exklamation war höchst komisch bei einem
Korps, das gar nicht einmal im Gefecht gewesen war und auf dem
Rückzug zwei, höchstens drei Leichtverwundete gehabt hatte. Wil-
lich ließ den Mann vortreten und sein Gewehr abgeben. Der etwas
angetrunkene Graubart tat es, machte eine tragikomische Szene und
heulte eine lange Rede, deren kurzer Sinn war, daß ihm das noch
nie passiert sei. Darüber erhob sich eine allgemeine Entrüstung
unter diesen sehr gemütlichen, aber schlecht disziplinierten
Kämpfern, so daß Willich der ganzen Kompanie befahl, sofort abzu-
marschieren, er sei des Schwatzens und Murrens satt und wolle
solche Soldaten keinen Augenblick länger führen. Die Kompanie
ließ sich das nicht zweimal sagen, schwenkte rechts ab und setzte
sich in Marsch. Fünf Minuten darauf folgte ihr der Rest des Ba-
taillons,
#172# Friedrich Engels
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dem Willich noch zwei Geschütze beigab. Das war ihnen zu arg, daß
sie "auf die Schlachtbank geführt" werden und Disziplin halten
sollten! Wir ließen sie mit Vergnügen ziehn.
Wir schlugen uns rechts ins Gebirg in der Richtung auf Impflingen
zu. Bald kamen wir in die Nähe der Preußen; unsre Schützen wech-
selten einige Kugeln mit ihnen. Überhaupt wurde den ganzen Abend
von Zeit zu Zeit geschossen. Im ersten Dorf blieb ich zurück, um
unsrer Landauer Turnerkompanie durch Boten Nachrichten zuzuschic-
ken; ob sie sie erhielt, weiß ich nicht, doch ist sie glücklich
nach Frankreich und von da nach Baden herübergekommen. Durch die-
sen Aufenthalt verlor ich das Korps und mußte meinen Weg nach
Kandel selbst suchen. Die Wege waren bedeckt mit Nachzüglern der
Armee; alle Wirtshäuser lagen voll; die ganze Herrlichkeit schien
in Wohlgefallen aufgelöst. Offiziere ohne Soldaten hier, Soldaten
ohne Offiziere dort, Freischärler aller Korps bunt durcheinander
eilten zu Fuß und zu Wagen nach Kandel zu: Und die Preußen dach-
ten gar nicht an ernsthafte Verfolgung! Impflingen liegt nur eine
Stunde von Landau, Wörth (vor der Knielinger Brücke) nur vier bis
fünf Stunden von Germersheim; und die Preußen schickten weder
nach dem einen noch nach dem andern Punkt rasch Truppen hin, die
hier die Zurückgebliebenen, dort die ganze Armee abschneiden
konnten. In der Tat, die Lorbeeren des Prinzen von Preußen sind
auf eine eigene Art errungen worden!
In Kandel fand ich Willich, aber nicht das Korps, das weiter zu-
rück einquartiert war. Dafür fand ich wieder die provisorische
Regierung, den Generalstab und das zahlreiche Gefolge von Bumm-
lern. Dieselbe Überfüllung von Truppen, nur eine noch viel grö-
ßere Unordnung und Verwirrung als gestern in Frankweiler. Jeden
Augenblick kamen Offiziere, die nach ihren Korps, Soldaten, die
nach ihren Führern frugen. Kein Mensch wußte ihnen Bescheid zu
geben. Die Auflösung war komplett.
Am nächsten Morgen, 18. Juni, defilierte die ganze Gesellschaft
durch Wörth und über die Knielinger Brücke. Trotz der vielen Ver-
sprengten und Heimgegangenen betrug die Armee mit den aus Baden
gekommenen Verstärkungen doch an 5000-6000 Mann. Sie marschierten
so stolz durch Wörth, als hätten sie das Dorf soeben erobert und
zögen neuen Triumphen entgegen. Sie machten es noch immer wie
Kossuth. Ein badisches Linienbataillon war übrigens das einzige,
das militärische Haltung hatte und das an einer Kneipe vorbeimar-
schieren konnte, ohne daß einige davon hineinsprangen. Endlich
kam unser Korps. Wir blieben zur Deckung zurück, bis die Brücke
abgefahren werden konnte; als alles in Ordnung war, marschierten
wir nach Baden hinüber und halfen die Joche ausfahren.
#173# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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Die badische Regierung, um die braven Karlsruher Spießbürger zu
schonen, die sich am 6. Juni so tapfer gegen die Republikaner ge-
halten hatten [155], quartierte die ganze pfälzische Gesellschaft
in der Umgegend ein. Wir hatten gerade darauf gedrungen, mit un-
serm Korps nach Karlsruhe zu kommen; wir hatten eine Menge Repa-
raturen und Kleidungsgegenstände nötig und hielten außerdem die
Anwesenheit eines zuverlässigen, revolutionären Korps in Karls-
ruhe für sehr wünschenswert. Aber Herr Brentano hatte für uns ge-
sorgt. Er dirigierte uns auf Daxlanden, ein Dorf anderthalb Stun-
den von Karlsruhe, das uns als ein wahres Eldorado geschildert
wurde. Wir marschieren hin und finden das reaktionärste Nest der
ganzen Gegend. Nichts zu essen, nichts zu trinken, kaum etwas
Stroh; das halbe Korps mußte auf dem harten Fußboden schlafen.
Dazu saure Gesichter an allen Türen und Fenstern. Wir machten
kurzen Prozeß. Herr Brentano wurde avertiert: Wenn uns nicht vor-
her ein anderes, besseres Quartier angewiesen sei, würden wir am
nächsten Morgen, den 19. Juni, in Karlsruhe sein. Gesagt, getan.
Um neun Uhr morgens wird abmarschiert. Noch keinen Büchsenschuß
vor dem Dorf kommt uns Herr Brentano mit einem Stabsoffizier ent-
gegen und bietet alle Schmeicheleien, alle Künste der Beredsam-
keit auf, um uns von Karlsruhe entfernt zu halten. Die Stadt be-
herberge schon 5000 Mann, die reichere Klasse sei fortgereist,
der Mittelstand mit Einquartierung überladen; er werde nicht dul-
den, daß das tapfre Willichsche Korps, des Lob auf allen Zungen
sei, schlecht untergebracht werde, usw. Half alles nichts. Wil-
lich forderte einige leere Paläste fortgereister Aristokraten,
und als Brentano sie nicht geben wollte, gingen wir in Karlsruhe
in Quartiere.
In Karlsruhe erhielten wir Gewehre für unsre Sensenkompanie und
einiges Tuch zu Mänteln. Wir ließen Schuhe und Kleider so rasch
wie möglich reparieren. Auch neue Leute kamen zu uns, mehre Ar-
beiter, die ich vom Elberfelder Aufstand 1*) her kannte, ferner
Kinkel, der als Musketier in die Besançoner Arbeiterkompaniec
[170] eintrat, und Zychlinski, Adjutant des Oberkommandos im
Dresdner Aufstand [136] und Führer der Arrieregarde beim Rückzug
der Insurgenten. Er trat als Schütze in die Studentenkompanie.
Neben der Vervollständigung der Ausrüstung wurde die taktische
Ausbildung nicht vergessen. Es wurde fleißig exerziert und am
zweiten Tage unsrer Anwesenheit ein simulierter Sturm auf Karls-
ruhe vom Schloßplatz aus vorgenommen. Die Spießbürger bewiesen
durch ihre allgemeine und tiefgefühlte Entrüstung über dies Manö-
ver, daß sie die Drohung vollständig verstanden hatten.
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1*) Siehe vorl. Band, S. 120-130
#174# Friedrich Engels
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Man faßte endlich den kühnen Entschluß, die Waffensammlung des
Großherzogs in Requisition zu setzen, die bisher wie ein Heilig-
tum unangetastet geblieben war. Wir waren eben im Begriff, zwan-
zig daraus erhaltene Büchsen pistonieren zu lassen, als die Nach-
richt kam, die Preußen seien bei Germersheim über den Rhein ge-
gangen und ständen in Graben und Bruchsal.
Wir marschierten sogleich - am 20. Juni abends - nebst zwei pfäl-
zischen Kanonen ab. Als wir nach Blankenloch kamen, anderthalb
Stunden von Karlsruhe gegen Bruchsal zu, fanden wir dort Herrn
Clement mit seinem Bataillon und erfuhren, daß die preußischen
Vorposten bis etwa eine Stunde von Blankenloch vorgeschoben
seien. Während unsre Leute unterm Gewehr zu Abend speisten, hiel-
ten wir Kriegsrat. Willich schlug vor, die Preußen sogleich an-
zugreifen. Herr Clement erklärte, mit seinen ungeübten Truppen
keinen nächtlichen Angriff machen zu können. Es wurde also be-
schlossen, daß wir sogleich auf Karlsdorf vorgehn, etwas vor Ta-
gesanbruch angreifen und die preußische Linie zu durchbrechen su-
chen sollten. Gelang uns dies, so wollten wir auf Bruchsal mar-
schieren und uns womöglich hineinwerfen. Herr Clement sollte dann
bei Tagesanbruch über Friedrichsthal angreifen und unsre linke
Flanke unterstützen.
Es war etwa Mitternacht, als wir aufbrachen. Unser Unternehmen
war passabel verwegen. Wir waren nicht ganz 700 Mann mit zwei Ka-
nonen; unsre Truppen waren besser exerziert und zuverlässiger als
der Rest der Pfälzer Truppen, auch ziemlich ans Feuer gewöhnt.
Wir wollten mit ihnen ein feindliches Korps angreifen, das jeden-
falls viel geübter und mit geübtem Subalternoffizieren versehen
war als wir, bei denen einzelne Hauptleute kaum in der Bürgerwehr
gewesen waren; ein Korps, dessen Stärke wir nicht genau kannten,
das aber nicht unter 4000 Mann zählte. Unser Korps hatte indessen
schon ungleichere Kämpfe bestanden, und auf minder ungünstige
Zahlenverhältnisse war ja in diesem Feldzug überhaupt nicht zu
rechnen.
Wir schickten zehn Studenten als Avantgarde hundert Schritt vor;
dann folgte die erste Kolonne, an der Spitze ein halbes Dutzend
badische Dragoner, die uns zum Stafettendienst zugeteilt waren,
dahinter drei Kompanien. Die Geschütze nebst den drei übrigen
Kompanien blieben etwas weiter zurück, die Schützen bildeten den
Schluß. Der Befehl war gegeben, unter keiner Bedingung zu schie-
ßen, mit der größten Stille zu marschieren und, sowie der Feind
sich zeige, mit dem Bajonett auf ihn loszugehn.
Bald sahen wir in der Ferne den Schein der preußischen Wacht-
feuer. Wir kommen unangefochten bis Spöck. Das Gros hält; die
Avantgarde allein marschiert vor. Plötzlich fallen Schüsse: auf
der Straße am Eingang des Dorfes
#175# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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flackert ein helles Strohfeuer auf, die Glocke läutet Sturm.
Rechts und links gehen unsre Plänkler um das Dorf, und die Ko-
lonne marschiert hinein. Drinnen brennen ebenfalls große Feuer;
an jeder Ecke erwarten wir eine Salve. Aber alles ist still, und
nur eine Art Wachtposten von Bauern kampiert vor dem Rathaus. Der
preußische Posten hatte sich bereits davongemacht.
Die Herren Preußen - das sahen wir hier - hielten sich trotz ih-
rer kolossalen Überzahl nicht für sicher, wenn sie nicht ihre pe-
dantischen Vorpostendienstreglements bis ins langweiligste Detail
ausgeführt hatten. Eine ganze Stunde weit von ihrem Lager stand
dieser äußerste Posten. Hätten wir unsre, an Kriegsstrapazen un-
gewohnten Leute in derselben Weise durch Vorpostendienst abmatten
wollen, wir hätten zahllose Marode gehabt. Wir verließen uns auf
die preußische Ängstlichkeit und waren der Meinung, sie würden
mehr Respekt vor uns haben als wir vor ihnen. Und mit Recht. Un-
sre Vorposten wurden bis an die Schweizer Grenze nie angegriffen,
unsre Quartiere nie überfallen.
Jedenfalls waren die Preußen jetzt avertiert. Sollten wir umkeh-
ren? Wir waren nicht der Ansicht, wir marschierten durch.
Bei Neuthard abermals die Sturmglocke; diesmal aber weder Signal-
feuer noch Schüsse. Wir marschieren in etwas geschlossener Ord-
nung auch hier durch das Dorf und die Höhe gegen Karlsdorf hinan.
Unsre Avantgarde, jetzt nur noch dreißig Schritt vor, ist kaum
auf der Höhe angekommen, als sie die preußische Feldwache dicht
vor sich sieht und von ihr angerufen wird. Ich höre das "Wer da?"
und springe vor. Einer meiner Kameraden sagte: "Der ist verloren,
den sehn wir auch nicht wieder." Aber gerade mein Vorgehn war
meine Rettung.
In demselben Augenblick nämlich gibt die feindliche Feldwache
eine Salve, und unsre Avantgarde, statt sie mit dem Bajonett über
den Haufen zu werfen, feuert wieder. Die Dragoner, neben denen
ich marschiert hatte, machen mit ihrer gewöhnlichen Feigheit so-
fort kehrt, sprengen im Galopp in die Kolonne hinein, reiten eine
Anzahl Leute nieder, sprengen die ersten vier bis sechs Sektionen
total auseinander und galoppieren davon. Zugleich geben die in
den Feldern rechts und links aufgestellten feindlichen Vedetten
1*) Feuer auf uns, und um die Verwirrung vollständig zu machen,
fangen mitten in unsrer Kolonne einige Tölpel an, auf ihre eigne
Spitze zu feuern, und andere Tölpel machen es ihnen nach. In ei-
nem Nu ist die erste Hälfte der Kolonne zersprengt, teils in den
Feldern zerstreut, teils auf der Flucht, teils auf der Straße in
verworrenem Knaul zusammengeballt. Verwundete, Tornister,
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1*) Feldwachen
#176# Friedrich Engels
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Hüte, Flinten liegen bunt durcheinander im jungen Korn. Dazwi-
schen wildes, verworrenes Geschrei, Schüsse und Kugelpfeifen in
allen möglichen Richtungen. Und wie der Lärm etwas nachläßt, höre
ich weit hinten unsre Kanonen in eiliger Flucht davonrollen. Sie
hatten der zweiten Hälfte der Kolonne denselben Dienst geleistet
wie die Dragoner der ersten.
So wütend ich in diesem Augenblick über den kindischen Schrecken
war, der unsre Soldaten ergriffen hatte, so erbärmlich kamen mir
die Preußen vor, die, avertiert, wie sie von unsrer Ankunft wa-
ren, das Feuer nach ein paar Schüssen einstellten und ebenfalls
eiligst ausrissen. Unsre Avantgarde stand noch auf ihrem alten
Platz, und ganz unangegriffen. Eine Schwadron Kavallerie oder ein
erträglich genährtes Tirailleurfeuer hätte uns in die wildeste
Flucht aufgelöst.
Willich kam von der Avantgarde eilig herangesprungen. Die Be-
sançoner Kompanie war zuerst wieder formiert; die andern, mehr
oder minder beschämt, schlössen sich an. Es wurde eben Tag. Unser
Verlust betrug sechs Verwundete, worunter einer unsrer Stabsoffi-
ziere, der an derselben Stelle von einem Dragonerpferd zu Boden
gestampft war, die ich den Augenblick vorher verlassen hatte, um
zur Avantgarde zu eilen. Mehrere andere waren offenbar von den
Kugeln unsrer eignen Leute getroffen. Wir sammelten sorgfältig
alle weggeworfenen Armaturstücke auf, damit den Preußen auch
nicht die geringste Trophäe zufiele, und zogen uns dann langsam
nach Neuthard zurück. Die Schützen postierten sich zur Deckung
hinter die ersten Häuser. Aber kein Preuße kam; und als Zy-
chlinski noch einmal rekognoszieren ging, fand er sie noch hinter
der Höhe, von woher sie ihm ein paar Kugeln sandten, ohne etwas
zu treffen.
Die Pfälzer Bauern, die unsre Geschütze fuhren, waren mit der
einen Kanone bis durch das Dorf gefahren; die andere hatte umge-
worfen, und die Führer waren mit fünf Pferden, deren Stränge sie
abhieben, fortgeritten. Wir mußten das Geschütz aufrichten und
mit dem einen Stangenpferde allein fortschaffen.
Bei Spöck angekommen, hörten wir rechts, nach Friedrichsthal zu,
eine allmählich lebhafter werdende Fusillade. Herr Clement hatte,
eine Stunde später als verabredet, endlich angegriffen. Ich
schlug vor, ihn durch einen Flankenangriff zu unterstützen, um
die erhaltene Scharte auszuwetzen. Willich war derselben Meinung
und befahl, den ersten Weg rechts einzuschlagen. Ein Teil unsres
Korps hatte schon eingebogen, als ein Ordonnanzoffizier von Cle-
ment meldete, dieser ziehe sich zurück. Wir gingen also nach
Blankenloch. Bald begegnete uns Herr Beust vom Generalstab und
war höchst erstaunt, uns am Leben und das Korps in bester Ordnung
zu sehn. Die schuftigen Dragoner
#177# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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hatten auf ihrer Flucht, die bis Karlsruhe ging, überall erzählt,
Willich sei tot, die Offiziere seien alle tot und das Korps in
alle vier Winde zersprengt und vernichtet. Man habe mit Kartät-
schen und "feurigen Bombenkugeln" auf uns geschossen.
Vor Blankenloch kamen uns pfälzische und badische Truppen entge-
gen und endlich Herr Sznayde mit seinem Stab. Der alte Kauz, der
die Nacht wahrscheinlich sehr ruhig im Bette zugebracht hatte,
war unverschämt genug, uns zuzurufen; "Meine Herren, wo gehen Sie
hin? Dort ist der Feind!" Wir antworteten ihm natürlich, wie
sich's gebührte, marschierten vorbei und sorgten in Blankenloch
für etwas Ruhe und Erfrischung. Nach zwei Stunden kam Herr Sz-
nayde mit seiner Truppe zurück, natürlich ohne den Feind gesehen
zu haben, und frühstückte.
Herr Sznayde hatte jetzt mit den aus Karlsruhe und Umgegend er-
haltenen Verstärkungen ungefähr 8000-9000 Mann unter seinem Be-
fehl, darunter drei badische Linienbataillone und zwei badische
Batterien. Im ganzen mochten 25 Geschütze dabeisein. Infolge der
etwas unbestimmten Befehle Mieroslawskis und noch mehr der tota-
len Unfähigkeit des Herrn Sznayde blieb die ganze pfälzische Ar-
mee in der Gegend von Karlsruhe stehn, bis die Preußen unter dem
Schutz des Germersheimer Brückenkopfs über den Rhein gegangen wa-
ren. Mieroslawski (s. seine Rapporte über den Feldzug in Baden)
hatte den allgemeinen Befehl gegeben, nach dem Rückzug aus der
Pfalz die Rheinübergänge von Speyer bis Knielingen zu verteidi-
gen, und den speziellen, Karlsruhe zu decken und die Knielinger
Brücke zum Sammelplatz des ganzen Armeekorps zu machen. Herr Sz-
nayde legte dies so aus, daß er bis auf weiteres bei Karlsruhe
und Knielingen stehnbleiben sollte. Hätte er, wie die allgemeinen
Befehle Mieroslawskis implizierten, ein starkes Korps mit Ar-
tillerie gegen den Germersheimer Brückenkopf geschickt, so wäre
nicht der Unsinn passiert, daß man dem Major Mniewski, mit 450
Rekruten ohne Geschütz, den Befehl gab, den Brückenkopf wegzuneh-
men, so wären nicht 30 000 Preußen unangefochten über den Rhein
gekommen, so wäre nicht die Verbindung mit Mieroslawski abge-
schnitten worden, so hätte die Pfälzer Armee rechtzeitig auf dem
Schlachtfeld von Waghäuse [159] erscheinen können. Statt dessen
trieb sie sich am Tage des Waghäuseler Gefechts, am 21. Juni,
ratlos zwischen Friedrichsthal, Weingarten und Bruchsal umher,
verlor den Feind aus den Augen und vergeudete die Zeit mit Kreuz-
und Quermärschen.
Wir erhielten Befehl, nach dem rechten Flügel aufzubrechen und
über Weingarten am Bergrande vorzugehn. Wir brachen also an dem-
selben Mittag - den 21. Juni - von Blankenloch und abends gegen
fünf von Weingarten auf. Die Pfälzer Truppen fingen endlich an,
unruhig zu werden; sie
#178# Friedrich Engels
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merkten, welche Überzahl ihnen entgegenstand, und verloren die
prahlerische Sicherheit, die sie bisher wenigstens v o r dem
Gefecht gehabt hatten. Von jetzt an begann bei der pfälzischen
und badischen Volkswehr und allmählich auch bei der Linie und Ar-
tillerie jene Preußenriecherei, jene alltägliche Wiederholung
blinden Lärms, die alles in Verwirrung brachte und zu den ergötz-
lichsten Szenen Anlaß gab. Gleich auf der ersten Höhe hinter
Weingarten stürzten uns Patrouillen und Bauern mit dem Ruf entge-
gen: Die Preußen sind da! Unser Korps formierte sich in Schlacht-
ordnung und ging vor. Ich ging ins Städtchen zurück, um dort
Alarm schlagen zu lassen, und verlor dadurch das Korps. Der ganze
Lärm war natürlich grundlos. Die Preußen hatten sich gegen Wag-
häusel zurückgezogen, und Willich rückte noch denselben Abend in
Bruchsal ein.
Ich brachte die Nacht mit Herrn Oßwald und seinem Pfälzer Batail-
lon in Obergrombach zu und marschierte mit diesem am nächsten
Morgen nach Bruchsal. Vor der Stadt kommen uns Wagen mit Nachzüg-
lern entgegen: Die Preußen sind da! Sogleich geriet das ganze Ba-
taillon ins Schwanken, und nur mit Mühe war es vorwärts zu brin-
gen. Natürlich wieder blinder Lärm; in Bruchsal lag Willich und
der Rest der Pfälzer Avantgarde; die übrigen rückten nach der
Reihe ein, und von den Preußen war keine Spur. Außer der Armee
und ihren Führern waren d'Ester, die pfälzische Exregierung und
Goegg dort, der überhaupt seit Brentanos unwidersprechlich gewor-
dener Diktatur sich fast ausschließlich bei der Armee aufhielt
und die laufenden Zivilgeschäfte besorgen half. Die Verpflegung
war schlecht, die Verwirrung groß. Nur im Hauptquartier wurde,
wie immer, gut gelebt.
Wir erhielten abermals eine ansehnliche Zahl Patronen aus den
Karlsruher Vorräten und marschierten abends ab, mit uns die ganze
Avantgarde. Während diese in Ubstadt ihr Quartier aufschlug, zo-
gen wir nach Unteröwisheim rechts ab, um im Gebirg die Flanke zu
decken.
Wir waren jetzt, dem Ansehen nach, eine ganz respektable Macht.
Unser Korps hatte sich durch zwei neue Abteilungen verstärkt. Er-
stens durch das Bataillon Langenkandel, das auf dem Wege von sei-
ner Heimat bis zur Knielinger Brücke auseinandergelaufen war und
dessen beaux restes 1*) sich uns angeschlossen hatten; sie be-
standen aus einem Hauptmann, einem Leutnant, einem Fahnenträger,
einem Feldwebel, einem Unteroffizier und zwei Mann. Zweitens die
"Kolonne Robert Blum" mit einer roten Fahne, ein Korps von unge-
fähr sechzig Mann, die wie die Kannibalen aussahen und im Requi-
rieren bedeutende Heldentaten verrichtet hatten. Außerdem waren
uns noch vier
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1*) schöne Überreste
#179# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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badische Geschütze und ein Bataillon badischer Volkswehr zuge-
teilt, das Bataillon Kniery, Knüry oder Knierim (die richtige
Lesart des Namens war nicht zu entdecken). Das Bataillon Knierim
war seines Führers, und Herr Knierim war seines Bataillons wür-
dig. Beide waren gesinnungstüchtig, erschreckliche Maulhelden und
Lärmschläger und stets besoffen. Die bekannte "Begeisterung"
durchzuckte ihre Herzen, wie wir sehen werden, zu den ge-
waltigsten Heldentaten.
Am Morgen des 23. erhielt Willich ein Billett von Anneke, der die
pfälzische Avantgarde in Ubstadt kommandierte, des Inhalts: Der
Feind rücke heran, man habe Kriegsrat gehalten und beschlossen,
sich zurückzuziehn. Willich, im höchsten Grade erstaunt über
diese seltsame Nachricht, ritt sogleich hinüber, bewog Anneke und
seine Offiziere, das Gefecht bei Ubstadt anzunehmen, rekognos-
zierte selbst die Position und gab die Aufstellung der Geschütze
an. Er kam dann zurück und ließ seine Leute unters Gewehr treten.
Während unsre Truppen sich aufstellten, erhielten wir folgenden
Befehl aus dem Hauptquartier Bruchsal, unterzeichnet von Techow:
Das Gros der Armee werde auf der Straße nach Heidelberg vorgehn
und hoffe, denselben Tag noch bis Mingolsheim zu kommen, und wir
sollten gleichzeitig über Odenheim auf Waldangelloch marschieren
und dort übernachten. Weitere Nachrichten über die Erfolge des
Hauptkorps und Befehle über unser ferneres Verhalten würden uns
dorthin nachgeschickt werden.
Herr Struve hat in seiner abenteuerlichen "Geschichte der drei
Volkserhebungen in Baden", p. 311-317, einen Bericht über die
Operationen der Pfälzer Armee vom 20. bis 26. Juni veröffent-
licht, der nur eine Apologie des unfähigen Sznayde ist und von
Unrichtigkeiten und Entstellungen wimmelt. Schon aus dem Erzähl-
ten geht hervor, 1. daß Sznayde keineswegs "einige Stunden nach
seinem Einrücken in Bruchsal (am 22.) sichere Kunde über das
Treffen von Waghäusel und dessen Ausgang erhielt"; 2. daß also
keineswegs "hierdurch sein Plan ein andrer wurde und daß er,
statt nach Mingolsheim zu marschieren, wie anfangs die Absicht
gewesen", keineswegs schon am 22. "beschloß, mit dem Gros seiner
Division in Bruchsal zu bleiben" (das erwähnte Billett von Techow
war in der Nacht vom 22. auf den 23. geschrieben); 3. daß keines-
wegs "am Morgen des 23. eine große Rekognoszierung vorgenommen
werden sollte", sondern allerdings der Marsch auf Mingolsheim.
Daß 4. "alle Detachements Befehl erhielten, sobald sie feuern
hörten, in der Richtung des Feuers zu marschieren", und 5. "das
Detachement des rechten Flügels (Willich) sein Nichterscheinen
beim Gefecht von Ubstadt damit entschuldigte, es habe vom Feuern
nichts gehört", sind, wie sich zeigen wird, grobe Lügen.
#180# Friedrich Engels
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Wir marschierten sogleich ab. In Udenheim sollte gefrühstückt
werden. Einige bayrische Chevaulegers, die uns zum Stafetten-
dienst zugeteilt waren, ritten links um das Dorf, um etwaige
feindliche Korps zu rekognoszieren. Preußische Husaren waren im
Dorf gewesen und hatten Fourage requiriert, die sie später abho-
len wollten. Während wir diese Fourage mit Beschlag belegten und
unsre Leute unterm Gewehr Wein und Eßwaren verteilt erhielten,
kam einer der Chevaulegers hereingesprengt und schrie: Die Preu-
ßen sind da! In einem Nu war das Bataillon Knierim, das zunächst
stand, aus den Gliedern und wälzte sich in einem wilden Knäuel
schreiend, fluchend und polternd in allen Richtungen durcheinan-
der, während der Herr Major über seinem scheu gewordnen Pferd
seine Leute im Stich lassen mußte. Willich kam herangeritten,
stellte die Ordnung wieder her, und wir marschierten ab. Die
Preußen waren natürlich nicht da.
Auf der Höhe hinter Udenheim hörten wir den Kanonendonner von Ub-
stadt herüber. Die Kanonade wurde bald lebhafter. Geübtere Ohren
konnten schon die Kugelschüsse von den Kartätschenschüssen unter-
scheiden. Wir hielten Rat, ob unser Marsch fortgesetzt oder die
Richtung des Feuers eingeschlagen werden sollte. Da unser Befehl
positiv war und da das Feuer sich nach der Richtung von Mingols-
heim zu ziehen schien, was ein Vorrücken der Unsern bezeichnete,
entschlossen wir uns für den gefährlicheren Marsch, den auf
Waldangelloch. Wurden die Pfälzer bei Ubstadt geschlagen, so wa-
ren wir dort oben im Gebirg so gut wie abgeschnitten und in einer
ziemlich kritischen Position.
Herr Struve behauptet, das Gefecht bei Ubstadt hätte "zu glänzen-
den Resultaten führen können, wenn die Seitendetachements im ge-
hörigen Moment eingegriffen hätten" (p. 314). Die Kanonade dau-
erte keine Stunde, und wir hätten zwei bis zweieinhalb Stunden
gebraucht, um zwischen Stettfeld und Ubstadt auf dem Kampfplatz
erscheinen zu können, das heißt anderthalb Stunden, nachdem er
aufgegeben war. So schreibt Herr Struve "Geschichte".
In der Nähe von Tiefenbach wurde haltgemacht. Während unsre Trup-
pen sich erfrischten, expedierte Willich einige Depeschen. Das
Bataillon Knierim entdeckte in Tiefenbach eine Art Gemeindekel-
ler, belegte ihn mit Beschlag, holte die Weinfässer heraus, und
in Zeit von einer Stunde war alles berauscht. Der Arger über den
Preußenschrecken vom Morgen, der Kanonendonner von Ubstadt, das
geringe Vertrauen dieser Helden ineinander und in ihre Offiziere,
alles das, durch den Wein gesteigert, brach plötzlich in offene
Rebellion aus. Sie verlangten, es solle sofort zurückmarschiert
werden; das ewige Marschieren in den Bergen vor dem Feind gefalle
ihnen nicht. Als davon
#181# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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von natürlich keine Rede war, machten sie kehrt und marschierten
auf eigene Faust ab. Die menschenfressende "Kolonne Robert Blum"
schloß sich ihnen an. Wir ließen sie ziehn und marschierten nach
Waldangelloch.
Hier, in einem tiefen Talkessel, war es unmöglich, mit einiger
Sicherheit zu übernachten. Es wurde also haltgemacht und Nach-
richten über die Terrainverhältnisse der Umgegend und die Stel-
lung des Feindes eingezogen. Inzwischen hatten sich durch Bauern
einzelne vage Gerüchte vom Rückzug der Neckararmee verbreitet.
Man wollte wissen, daß über Sinsheim und Eppingen bedeutende ba-
dische Korps auf Bretten zu marschiert seien, daß Mieroslawski
selbst in strengstem Inkognito durchgekommen sei und man ihn in
Sinsheim habe verhaften wollen. Die Artillerie wurde unruhig, und
selbst unsere Studenten fingen an zu murren. Die Artillerie wurde
also zurückgeschickt, und wir marschierten auf Hilsbach. Hier er-
fuhren wir Näheres über den seit 48 Stunden bewerkstelligten
Rückzug der Neckararmee und über die anderthalb Stunden von uns,
in Sinsheim, stehenden Bayern. Ihre Zahl wurde auf 7000 angege-
ben, war aber, wie wir später erfuhren, gegen 10 000. Wir waren
nur 700 Mann höchstens. Unsre Leute konnten nicht weitermarschie-
ren. Wir quartierten sie also in Scheunen ein, wie immer, wenn
wir sie möglichst zusammenhalten mußten, stellten starke Feldwa-
chen aus und legten uns schlafen. Als wir am nächsten Morgen, dem
24., ausmarschierten, hörten wir ganz deutlich bayrischen Feld-
schritt schlagen. Eine gute Viertelstunde nach unserm Abmarsch
waren die Bayern in Hilsbach.
Mieroslawski hatte zwei Tage vorher, am 22., in Sinsheim über-
nachtet und war bereits mit seinen Truppen in Bretten, als wir in
Hilsbach einrückten. Becker, der die Arrieregarde führte, war
ebenfalls schon durch. Er kann also nicht, wie Herr Struve p. 308
behauptet, die Nacht vom 23. auf den 24. in Sinsheim zugebracht
haben, denn dort standen abends acht Uhr, und wahrscheinlich
schon früher, die Bayern, die schon den Abend vorher Mieroslawski
ein kleines Gefecht geliefert hatten. Der Rückzug Mieroslawskis
von Waghäusel über Heidelberg nach Bretten wird von den Beteilig-
ten als ein höchst gefährliches Manöver dargestellt. Die Opera-
tionen Mieroslawskis vom 20. Juni bis zum 24., die rasche Konzen-
trierung eines Korps bei Heidelberg, mit dem er sich auf die
Preußen warf, und sein rascher Rückzug nach dem Verlust des Ge-
fechts bei Waghäusel, bilden allerdings den glänzendsten Teil
seiner gesamten Tätigkeit in Baden; daß aber gegenüber einem so
schläfrigen Feind dies Manöver keineswegs so gefährlich war, be-
weist unser mit einem kleinen Korps von Hilsbach aus 24 Stunden
später ganz unbelästigt bewerkstelligter Rückzug. Selbst durch
das Defilé von Flehingen, wo schon Mieroslawski am 23. einen An-
griff erwartet hatte, kamen wir unangegriffen und
#182# Friedrich Engels
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marschierten auf Büchig. Hier wollten wir bleiben, um das von
Mieroslawski bei Bretten aufgeschlagene Lager vor einem ersten
Angriff zu decken.
Überall auf unserm Marsch, der über Eppingen, Zaisenhausen und
Flehingen ging, erregten wir Verwunderung, da schon alle Korps
der Neckararmee, auch die Arrieregarde, durchmarschiert waren.
Als wir in Büchig einmarschierten und unser Hornist anblies, er-
regten wir dort einen Preußenschrecken. Ein Kommando Brettener
Bürgerwehr, das Lebensmittel für Mieroslawskis Lager requirierte,
hielt uns für Preußen und bot das schönste Beispiel von Verwir-
rung dar, bis wir um die Ecke bogen und der Anblick unsrer Blusen
sie beruhigte. Wir nahmen die Lebensmittel sogleich in Beschlag
und hatten sie kaum verzehrt, als die Nachricht, Mieroslawski sei
mit allen Truppen von Bretten aufgebrochen, unsern Abzug nach
Bretten veranlaßte.
In Bretten blieben wir über Nacht, während die Bürgerwehr Vorpo-
sten ausstellte. Für den nächsten Morgen waren Wagen requiriert,
um das ganze Korps nach Ettlingen zu führen. Da Bruchsal schon am
24. von den Preußen genommen war und wir uns für den Fall, daß
die Straße über Diedelsheim nach Durlach vom Feinde besetzt war
(sie war es, wie wir später erfuhren, wirklich), in kein Gefecht
einlassen konnten, so blieb uns kein andrer Weg zur Hauptarmee.
In Bretten kam eine Deputation der Studenten zu uns mit der Er-
klärung, das ewige Marschieren vor dem Feinde gefalle ihnen nicht
und sie bäten um ihre Entlassung. Sie erhielten, wie sich ver-
steht, zur Antwort, vor dem Feinde werde niemand entlassen; wenn
sie aber desertieren wollten, so stehe ihnen das frei. Ungefähr
die Hälfte der Kompanie marschierte darauf ab; der Rest schmolz
durch Einzeldesertation bald so zusammen, daß nur noch die Schüt-
zen übrigblieben. Überhaupt zeigten sich die Studenten während
des ganzen Feldzugs als malkontente, ängstliche junge Herrchen,
die immer in alle Operationspläne eingeweiht sein wollten, über
wunde Füße klagten und murrten, wenn der Feldzug nicht alle An-
nehmlichkeiten einer Ferienreise bot. Unter diesen "Vertretern
der Intelligenz" waren nur einige, die durch wirklich revolutio-
nären Charakter und glänzenden Mut eine Ausnahme machten.
Eine halbe Stunde nach unserm Abmarsch, wurde uns später berich-
tet, rückte der Feind in Bretten ein. Wir kamen nach Ettlingen,
wo uns Herr Corvin-Wiersbitzki aufforderte, nach Durlach zu
marschieren, wo Becker den Feind aufhalten solle, bis Karlsruhe
ausgeräumt sei. Willich schickte einen Chevauleger mit einem
Billett an Becker, um zu erfahren, ob er sich noch einige Zeit
halten wolle; der Mann kam in einer Viertelstunde mit der Nach-
richt
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zurück, die Truppen Beckers seien ihm schon in vollem Rückzug
entgegengekommen. Wir marschierten also nach Rastatt ab, wo sich
alles konzentrierte.
Die Straße nach Rastatt bot das Bild der schönsten Unordnung dar.
Eine Menge der verschiedensten Korps marschierten oder lagerten
bunt durcheinander, und nur mit Mühe hielten wir unter der glü-
henden Sonnenhitze und der allgemeinen Verwirrung unsre Leute zu-
sammen. Auf dem Glacis von Rastatt lagerten die Pfälzer Truppen
und einige badische Bataillone. Die Pfälzer waren sehr zusammen-
geschmolzen. Das beste Korps, das rheinhessische, war vor dem Ge-
fecht von Ubstadt durch die Herren Zitz und Bamberger in Karls-
ruhe zusammenberufen worden. Diese tapfern Freiheitskämpfer er-
öffneten dem Korps: Es sei alles verloren, die Übermacht sei zu
groß, noch könnten sie alle ungefährdet heimkehren; sie, der
Parlamentspolterer Zitz und der mutige Bamberger, wollten ihr Ge-
wissen frei halten von unschuldig vergossenem Blut und sonstigem
Unheil und erklärten damit das Korps für aufgelöst. Die Rheinhes-
sen waren über diese infame Zumutung natürlich so entrüstet, daß
sie die beiden Verräter arretieren und erschießen wollten; auch
d'Ester und die Pfälzer Regierung stellten ihnen nach, um sie zu
verhaften. Aber die ehrenwerten Bürger waren bereits entflohen,
und der tapfere Zitz sah sich schon vom sichern Basel aus den
weitern Verlauf der Reichsverfassungskampagne an. Wie im Septem-
ber 1848 mit seiner "Frakturschrift" [178], so im Mai 1849 hatte
Herr Zitz zu denjenigen Parlamentsrenommisten gehört, die das
Volk am meisten zum Aufstand gereizt hatten, und beide Male nahm
er einen rühmlichen Platz unter denen ein, die es im Aufstand zu-
erst im Stich ließen. Auch bei Kirchheimbolanden war Herr Zitz
unter den ersten Ausreißern, während seine Schützen sich schlugen
und füsiliert wurden. - Das rheinhessische Korps, ohnehin wie
alle Korps durch Desertion schon sehr geschwächt, durch den Rück-
zug nach Baden entmutigt, verlor momentan allen Halt. Ein Teil
löste sich auf und ging nach Hause; der Rest formierte sich neu
und focht bis ans Ende des Feldzugs mit. Die übrigen Pfälzer wur-
den bei Rastatt durch die Nachricht demoralisiert, daß alle, die
bis zum 5. Juli nach Hause zurückkehrten, Amnestie erhalten soll-
ten. Mehr als die Hälfte lief auseinander, Bataillone schmolzen
zu Kompanien zusammen, die Subalternoffiziere waren zum großen
Teil fort, und die etwa 1200 Mann, die noch zusammenblieben, wa-
ren fast gar nichts mehr wert. Auch unser Korps, wenn auch kei-
neswegs entmutigt, war doch durch Verluste, Krankheiten und die
Desertion der Studenten auf wenig mehr als 500 Mann zusammenge-
schmolzen.
Wir kamen nach Kuppenheim, wo schon andre Truppen standen, ins
#184# Friedrich Engels
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Quartier. Am nächsten Morgen ging ich mit Willich nach Rastatt
und traf dort Moll wieder.
Den mehr oder weniger gebildeten Opfern des badischen Aufstandes
sind von allen Seiten in der Presse, in den demokratischen Verei-
nen, in Versen und in Prosa Denksteine gesetzt worden. Von den
Hunderten und Tausenden von Arbeitern, die die Kämpfe ausgefoch-
ten, die auf den Schlachtfeldern gefallen, die in den Rastatter
Kasematten lebendig verfault sind oder jetzt im Auslande allein
von allen Flüchtlingen das Exil bis auf die Hefen des Elends
durchzukosten haben - von denen spricht niemand. Die Exploitation
der Arbeiter ist eine althergebrachte, zu gewohnte Sache, als daß
unsre offiziellen "Demokraten" die Arbeiter für etwas andres an-
sehen sollten als für agitablen, exploitablen und explosiblen
Rohstoff, für pures Kanonenfutter. Um die revolutionäre Stellung
des Proletariats, um die Zukunft der Arbeiterklasse zu begreifen,
dazu sind unsre "Demokraten" viel zu unwissend und bürgerlich.
Deswegen sind ihnen auch jene echt proletarischen Charaktere ver-
haßt, die, zu stolz, um ihnen zu schmeicheln, zu einsichtig, um
sich von ihnen benutzen zu lassen, dennoch jedesmal mit den Waf-
fen in der Hand dastehn, wenn es sich um den Umsturz einer beste-
henden Gewalt handelt, und die in jeder revolutionären Bewegung
die Partei des Proletariats [145] direkt vertreten. Liegt es aber
nicht im Interesse der sog. Demokraten, solche Arbeiter anzuer-
kennen, so ist es die Pflicht der Partei des Proletariats, sie so
zu ehren, wie sie es verdienen. Und zu den besten dieser Arbeiter
gehörte Joseph Moll Von Köln.
Moll war Uhrmacher. Er hatte Deutschland seit Jahren verlassen
und in Frankreich, Belgien und England an allen revolutionären
öffentlichen und geheimen Gesellschaften teilgenommen. Den deut-
schen Arbeiterverein in London [179] hatte er 1840 mit stiften
helfen. Nach der Februarrevolution kam er nach Deutschland zurück
und übernahm bald mit seinem Freunde Schapper die Leitung des
Kölner Arbeitervereins [180]. Flüchtig in London seit dem Kölner
Septemberkrawall von 1848 [181], kam er bald unter falschem Namen
nach Deutschland zurück, agitierte in den verschiedensten Gegen-
den und übernahm Missionen, deren Gefährlichkeit jeden andren zu-
rückschreckte. In Kaiserslautern traf ich ihn wieder. Auch hier
übernahm er Missionen nach Preußen, die ihm, wäre er entdeckt
worden, sofortige Begnadigung zu Pulver und Blei zuziehen mußten.
Von seiner zweiten Mission zurückkehrend, kam er durch alle
feindlichen Armeen glücklich durch bis Rastatt, wo er sofort in
die Besançoner Arbeiterkompanie [1703] unsres Korps eintrat. Drei
Tage nachher war er gefallen. Ich verlor in ihm einen alten
Freund, die Partei einen ihrer unermüdlichsten, unerschrockensten
und zuverlässigsten Vorkämpfer.
#185# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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Die Partei des Proletariats war ziemlich stark in der badisch-
pfälzischen Armee vertreten, besonders in den Freikorps, wie im
unsrigen, in der Flüchtlingslegion usw., und sie kann ruhig alle
andern Parteien herausfordern, auf nur einen einzigen ihrer Ange-
hörigen den geringsten Tadel zu werfen. Die entschiedensten Kom-
munisten waren die couragiertesten Soldaten.
Am nächsten Tage, am 27., wurden wir etwas weiter ins Gebirg,
nach Rothenfels verlegt. Die Einteilung der Armee und die Dislo-
zierung der verschiedenen Korps wurde allmählich festgestellt.
Wir gehörten zur Division des rechten Flügels, die von Oberst
Thome, demselben, der Mieroslawski in Meckesheim hatte verhaften
wollen [182] und dem man kindischerweise sein Kommando gelassen
hatte, und vom 27. an von Mersy befehligt wurde. Willich, der das
ihm von Sigel angebotene Kommando der Pfälzer ausgeschlagen
hatte, fungierte als Chef des Divisionsstabs. Die Division stand
von Gernsbach und der württembergischen Grenze bis jenseits Ro-
thenfels und lehnte sich links an die Division Oborski, die um
Kuppenheim konzentriert war. Die Avantgarde war bis an die Grenze
sowie nach Sulzbach, Michelbach und Winkel vorgeschoben. Die Ver-
pflegung, anfangs regellos und schlecht, wurde vom 27. an besser.
Unsre Division bestand aus mehreren badischen Linienbataillonen,
dem Rest der Pfälzer unter Held Blenker, unsrem Korps und einer
oder anderthalb Batterien Artillerie. Die Pfälzer lagen in Gerns-
bach und Umgegend, die Linie und wir in und um Rothenfels. Das
Hauptquartier war in dem gegenüber Rothenfels liegenden Hotel zur
Elisabethenquelle.
Wir saßen - der Divisionsstab und der unsres Korps nebst Moll,
Kinkel und andern Freischärlern - in diesem Hotel am 28. nach Ti-
sche eben beim Kaffee, als die Nachricht ankam, unsre Vorhut bei
Michelbach sei von den Preußen angegriffen. Wir brachen gleich
auf, obwohl wir alle Ursache hatten zu vermuten, daß der Feind
nur eine Rekognoszierung beabsichtige. Es war in der Tat weiter
nichts. Das von den Preußen momentan eroberte, unten im Tal gele-
gene Dorf Michelbach war ihnen bei unsrer Ankunft schon wieder
abgenommen. Man schoß von beiden Berghängen über das Tal hin
aufeinander und verschoß nutzlos viel Munition. Ich sah nur einen
Toten und einen Verwundeten. Während die Linie ihre Patronen auf
Entfernungen von 600 bis 800 Schritt zwecklos verschoß, ließ Wil-
lich unsre Leute sehr ruhig die Gewehre zusammenstellen und sich
dicht neben den angeblichen Kämpfern und im angeblichen Feuer
ausruhen. Nur die Schützen gingen den waldigen Abhang hinab und
vertrieben, von einigen Linientruppen unterstützt, die Preußen
von der gegenüberliegenden Höhe. Einer unsrer Schützen schoß mit
seinem kolossalen Standrohr, einer wahren tragbaren Kanone, auf
#186# Friedrich Engels
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ungefähr 900 Schritt einen preußischen Offizier vom Pferde; seine
ganze Kompanie machte sofort rechtsum und marschierte in den Wald
zurück. Eine Anzahl preußischer Toten und Verwundeten sowie zwei
Gefangene fielen in unsre Hände.
Am nächsten Tag fand der allgemeine Angriff auf der ganzen Linie
statt. Diesmal störten uns die Herren Preußen beim Mittagessen.
Der erste Angriff, der uns gemeldet wurde, war gegen Bischweier,
also gegen den Verbindungspunkt der Division Oborski mit der uns-
rigen. Willich drang darauf, daß unsre Truppen bei Rothenfels
möglichst disponibel gehalten werden sollten, da der Hauptangriff
jedenfalls in der entgegengesetzten Richtung, bei Gernsbach, zu
erwarten sei. Aber Mersy antwortete: Man wisse ja, wie es gehe;
wenn eines unsrer Bataillone angegriffen werde und die übrigen
kämen ihm nicht gleich in Masse zur Hülfe, so würde über Verrat
geschrieen, und alles risse aus. Es wurde also gegen Bischweier
zu marschiert.
Willich und ich gingen mit der Schützenkompanie auf der Straße
nach Bischweier auf dem rechten Murgufer vor. Eine halbe Stunde
von Rothenfels stießen wir auf den Feind. Die Schützen verteilten
sich in Tirailleurlinie, und Willich ritt zurück, um das Korps,
das etwas zurückstand, in die Linie zu holen. Eine Zeitlang hiel-
ten unsere Schützen, hinter Obstbäumen und Weinbergen gedeckt,
ein ziemlich lebhaftes Feuer aus, das sie ebenso lebhaft erwider-
ten. Als aber eine starke feindliche Kolonne auf der Straße vor-
rückte, um ihre Tirailleure zu unterstützen, gab der linke Flügel
unsrer Schützen nach und war trotz alles Zuredens nicht mehr zum
Stehen zu bringen. Der rechte war weiter hinauf gegen die Höhen
vorgegangen und wurde später von unserm Korps aufgenommen.
Als ich sah, daß mit den Schützen nichts zu machen war, überließ
ich sie ihrem Schicksal und ging nach den Höhen zu, wo ich die
Fahnen unsres Korps sah. Eine Kompanie war zurückgeblieben; ihr
Hauptmann, ein Schneider, sonst ein braver Kerl, wußte sich nicht
zu helfen. Ich nahm sie mit zu den übrigen und traf Willich, als
er eben die Besançoner Kompanie in Tirailleurlinie vorschickte
und die übrigen dahinter in zwei Treffen, nebst einer zur Flan-
kendeckung rechts gegen das Gebirg vorgeschickten Kompanie, auf-
stellte.
Unsre Tirailleure wurden von einem heftigen Feuer empfangen. Es
waren preußische Schützen, die ihnen gegenüberstanden, und unsre
Arbeiter hatten den Spitzkugelbüchsen nur Musketen gegenüberzu-
stellen. Sie gingen aber, unterstützt von dem rechten Flügel uns-
rer Schützen, der zu ihnen stieß, so entschlossen vor, daß die
kurze Entfernung sehr bald, namentlich auf dem rechten Flügel,
die schlechtere Qualität der Waffe ausglich und die Preußen ge-
worfen wurden. Die beiden Treffen blieben ziemlich dicht hinter
der
#187# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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Tirailleurlinie. Inzwischen waren auch zwei badische Geschütze
links von uns, im Murgtal, aufgefahren und eröffneten das Feuer
gegen preußische Infanterie und Artillerie, die auf der Straße
stand.
Ungefähr eine Stunde mochte der Kampf hier unter dem lebhaftesten
Gewehr- und Büchsenfeuer und unter fortwährendem Zurückgehen der
Preußen gedauert haben - einige unsrer Schützen waren bereits bis
nach Bischweier hereingekommen -, als die Preußen Verstärkung er-
hielten und ihre Bataillone vorschickten. Unsre Tirailleure zogen
sich zurück; das erste Treffen gab Pelotonfeuer, das zweite zog
sich eine Strecke links in einen Hohlweg und gab ebenfalls Feuer.
Aber die Preußen drangen in dichten Massen auf der ganzen Linie
nach; die beiden badischen Geschütze, die unsre linke Flanke
deckten, waren schon zurückgegangen, in der rechten Flanke kamen
die Preußen vom Gebirg herunter, und wir mußten zurück.
Sobald wir aus dem feindlichen Kreuzfeuer waren, nahmen wir neue
Aufstellung am Gebirgsrand. Hatten wir bisher Front gegen die
Rheinebene, gegen Bischweier und Niederweier gemacht, so machten
wir jetzt Front gegen das Gebirg, das die Preußen von Oberweier
her besetzt hatten. Jetzt endlich kamen auch die Linienbataillone
in der Schlachtlinie an und nahmen den Kampf auf, in Gemeinschaft
mit zwei Kompanien unsres Korps, die abermals zum Tiraillieren
vorgeschickt wurden.
Wir hatten starke Verluste gehabt. Ungefähr dreißig fehlten, dar-
unter Kinkel und Moll - die versprengten Schützen nicht zu rech-
nen. Die beiden Genannten waren mit dem rechten Flügel ihrer Kom-
panie und einigen Schützen zu weit vorgegangen. Der Schützen-
hauptmann, Oberförster Emmermann aus Thronecken in Rheinpreußen,
der gegen die Preußen marschierte, als ging er auf die Hasenjagd,
hatte sie an eine Stelle geführt, wo sie in einen Zug preußischer
Artillerie hineinfeuerten und ihn zum eiligen Rückzug brachten.
Sogleich aber debouchierte eine Kompanie Preußen aus einem Hohl-
weg und schoß auf sie. Kinkel stürzte, am Kopf getroffen, und
wurde solange mitgeschleppt, bis er wieder allein gehen konnte;
bald aber gerieten sie in ein Kreuzfeuer und mußten sehen, wie
sie davonkamen. Kinkel konnte nicht mit und ging in einen Bauern-
hof, wo er von den Preußen gefangengenommen und gemißhandelt
wurde; Moll erhielt einen Schuß durch den Unterleib, wurde eben-
falls gefangen und starb nachher an seiner Wunde. Auch Zychlinski
hatte einen Prellschuß in den Nacken erhalten, der ihn indes
nicht hinderte, beim Korps zu bleiben.
Während das Gros stehenblieb und Willich nach einer andern Gegend
des Kampfplatzes ritt, eilte ich nach der Murgbrücke unterhalb
Rothenfels, die eine Art Sammelplatz bildete. Ich wollte Nach-
richten von Gernsbach haben.
#188# Friedrich Engels
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Aber schon ehe ich hinkam, sah ich den Rauch des brennenden
Gernsbach aufsteigen, und an der Brücke selbst erfuhr ich, daß
man den Kanonendonner von dorther gehört habe. Ich ging später
noch einigemal nach dieser Brücke; jedesmal schlimmere Nachrich-
ten von Gernsbach, jedesmal mehr badische Linientruppen hinter
der Brücke versammelt, die, kaum im Feuer gewesen, schon demora-
lisiert waren. Der Feind war schon in Gaggenau, erfuhr ich zu-
letzt. Jetzt war hohe Zeit, ihm dort entgegenzutreten. Willich
marschierte mit dem Korps über die Murg, um gegenüber Rothenfels
Position zu fassen, und nahm noch vier Geschütze mit, die ihm ge-
rade in den Wurf kamen. Ich ging, unsre beiden tiraillierenden
Kompanien zu holen, die inzwischen weit vorgegangen waren. Über-
all kamen mir Linientruppen, großenteils ohne Offiziere, entge-
gen. Ein Detachement wurde von einem Arzt geführt, der die Gele-
genheit benutzte, um sich mir mit folgenden Worten zu introduzie-
ren: "Sie werden mich kennen; ich bin Neuhaus, der Chef der thü-
ringischen Bewegung!" Die guten Leute hatten die Preußen überall
geschlagen und kamen jetzt zurück, weil sie keinen Feind mehr sa-
hen. Ich fand unsre Kompanien nirgends - sie waren durch Rothen-
fels aus demselben Grunde zurückgegangen-und begab mich wieder
nach der Brücke. Hier traf ich Mersy mit seinem Stab und seinen
Truppen. Ich bat ihn, mir wenigstens ein paar Kompanien zur Un-
terstützung Willichs mitzugeben. "Nehmen Sie die ganze Division,
wenn Sie mit den Leuten noch etwas anfangen können", war die Ant-
wort. Dieselben Soldaten, die den Feind auf allen Punkten zurück-
getrieben hatten, die erst seit fünf Stunden auf den Beinen wa-
ren, lagen jetzt aufgelöst, demoralisiert, zu nichts brauchbar
auf den Wiesen. Die Nachricht, daß sie in Gernsbach umgangen
seien, hatte sie vernichtet. Ich ging meiner Wege. Eine von Mi-
chelbach zurückkommende Kompanie, die mir begegnete, war eben-
falls zu nichts zu bewegen. Als ich an unserm alten Hauptquartier
das Korps wiederfand, drängten von Gaggenau die flüchtigen Pfäl-
zer - Pistol Zinn mit seiner Schar, die jetzt übrigens Musketen
hatte - heran. Während Willich eine Position für die Geschütze
gesucht und gefunden hatte, eine Position, die das Murgtal be-
herrschte und bedeutende Vorteile für ein gleichzeitiges Tirail-
leurgefecht bot, waren die Artilleristen mit den Kanonen durchge-
gangen, ohne daß der Hauptmann sie halten konnte. Sie waren schon
wieder bei Mersy an der Brücke. Zugleich zeigte mir Willich ein
Billett von Mersy, worin ihm dieser anzeigte, alles sei verloren,
er werde sich nach Oos zurückziehen. Uns blieb nichts übrig, als
dasselbe zu tun, und wir marschierten sofort ins Gebirg. Es war
etwa sieben Uhr.
Bei Gernsbach war es folgendermaßen zugegangen. Die Peuckerschen
Reichstruppen, die unsre Patrouillen schon tags vorher bei Her-
renalb auf
#189# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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württembergischem Gebiet gesehen hatten, nahmen die an der Grenze
aufgestellten Württemberger mit und griffen am 29. nachmittags
Gernsbach an, nachdem sie unsre Vorposten durch Verrat zum Wei-
chen gebracht hatten; sie näherten sich ihnen mit dem Ruf, nicht
zu schießen, sie seien Brüder, und gaben dann auf achtzig Schritt
eine Salve. Dann schössen sie Gernsbach mit Granaten in Brand,
und als den Flammen kein Einhalt mehr zu tun war, gab Herr Sigel,
den Mieroslawski hingeschickt hatte, um den Posten um jeden Preis
zu h a l t e n, gab Herr Sigel s e l b s t den Befehl, Herr
Blenker solle sich mit seinen Truppen fechtend zurückziehn. Herr
Sigel wird dies nicht leugnen, ebensowenig wie er es in Bern tat,
als ein Adjutant des Herrn Blenker in seiner, des Herrn Sigel,
und Willichs Gegenwart dies Kuriosum erzählte. Mit diesem Befehl,
den Schlüssel der ganzen Murgposition "fechtend" (!) aufzugeben,
war natürlich das Treffen auf der ganzen Linie, war die letzte
Position der badischen Armee verloren.
Die Preußen haben sich übrigens durch das gewonnene Treffen von
Rastatt keinen besondern Ruhm erworben. Wir hatten 13 000 größ-
tenteils demoralisierte und mit wenigen Ausnahmen erbärmlich ge-
führte Truppen; ihre Armee zählte mit den Reichstruppen, die auf
Gernsbach vorgingen, mindestens 60000 Mann. Trotz dieser kolossa-
len Überzahl wagten sie keinen ernstlichen Frontangriff, sondern
schlugen uns durch feigen Verrat, indem sie das neutrale, uns
verschlossene württembergische Gebiet verletzten. Und selbst die-
ser Verrat hätte ihnen, wenigstens zunächst, nicht viel genutzt,
hätte ihnen schließlich doch einen entscheidenden Frontangriff
nicht erspart, wenn nicht Gernsbach so unbegreiflich schlecht be-
setzt gewesen wäre und wenn nicht Herr Sigel den obigen erbauli-
chen Befehl gegeben hätte. Die ohnehin gar nicht so formidable
Position wäre uns am nächsten Tage entrissen worden, das kann
nicht bezweifelt werden; aber der Sieg hätte den Preußen ganz an-
dre Opfer gekostet, hätte ihrem militärischen Ruf unendlich ge-
schadet. Und deshalb zogen sie es vor, die Neutralität Württem-
bergs zu verletzen, und Württemberg ließ es ruhig geschehn.
Wir zogen uns, kaum noch 450 Mann stark, durchs Gebirge nach Oos
zurück. Hier war die Straße bedeckt mit Truppen in wildester Auf-
lösung, mit Wagen, Geschützen etc. in der größten Verwirrung. Wir
marschierten durch und rasteten in Sinzheim. Am nächsten Morgen
sammelten wir hinter Bühl eine Anzahl der Flüchtigen und über-
nachteten in Oberachern. An diesem Tage fand das letzte Gefecht
statt; die deutsch-polnische Legion nebst einigen andern Truppen
von der Beckerschen Division schlug bei Oos die Reichstruppen zu-
rück und nahm ihnen eine (mecklenburgische) Haubitze ab, die auch
richtig bis in die Schweiz gebracht wurde.
#190# Friedrich Engels
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Die Armee war vollständig aufgelöst. Mieroslawski und die übrigen
Polen legten ihre Kommandos nieder; Oberst Oborski hatte schon
auf dem Schlachtfeld, am Abend des 29., seinen Posten verlassen.
Doch hatte diese momentane Auflösung nicht viel zu bedeuten. Die
Pfälzer waren schon drei- bis viermal aufgelöst gewesen und hat-
ten sich jedesmal tant bien que mal 1*) wieder formiert. Mög-
lichst langsamer Rückzug unter Anschluß aller Aufgebote aus den
aufzugebenden Gebietsstrecken, rasche Konzentrierung der Aufge-
bote des Oberlandes bei Freiburg und Donaueschingen, das waren
zwei Mittel, die noch zu versuchen waren. Sie hätten die Ordnung
und Disziplin bald wieder auf einen erträglichen Punkt gebracht
und einen letzten hoffnungslosen, aber ehrenvollen Kampf, am Kai-
serstuhl vor Freiburg oder bei Donaueschingen, möglich gemacht.
Aber die Chefs, sowohl der bürgerlichen wie der Militär-
verwaltung, waren demoralisierter als die Soldaten. Sie überlie-
ßen die Armee und die ganze Bewegung ihrem Schicksal und gingen
niedergeschlagen, ratlos, vernichtet immer weiter zurück.
Seit dem Angriff auf Gernsbach war die Furcht vor der Umgehung
durch württembergisches Gebiet allgemein eingerissen und trug
sehr zur allgemeinen Demoralisation bei. Das Willichsche Korps
ging nun, um die württembergische Grenze zu decken, mit zwei
Berghaubitzen - mehrere andere uns zugeteilte Geschütze wollten
von Kappel aus nicht weiter mit - durch das Kappeler Tal ins Ge-
birg. Unser Marsch durch den Schwarzwald, auf dem wir keinen
Feind zu sehen bekamen, war eine wahre Vergnügungstour. Wir kamen
über Allerheiligen am 1. Juli nach Oppenau, über den Hundskopf am
2. nach Wolfach. Hier erfuhren wir am 3. Juli, daß die Regierung
in Freiburg sei und daß man daran denke, auch diese Stadt aufzu-
geben. Dies veranlaßte uns sogleich, dorthin aufzubrechen. Wir
wollten die Herren Regenten und das Oberkommando, das Held Sigel
jetzt führte, zwingen, Freiburg nicht ohne Kampf aufzugeben. Es
war schon spät, als wir von Wolfach abmarschierten, und so kamen
wir erst spät abends nach Waldkirch. Hier erfuhren wir, daß Frei-
burg schon aufgegeben und daß Regierung und Hauptquartier nach
Donaueschingen verlegt sei. Zugleich erhielten wir den positiven
Befehl, das Simonswalder Tal zu besetzen und zu verschanzen und
in Furtwangen unser Hauptquartier aufzuschlagen. Wir mußten also
zurück nach Bleibach.
Herr Sigel hatte seine Truppen jetzt hinter dem Bergrücken des
Schwarzwaldes aufgestellt. Die Verteidigungslinie sollte von
Lörrach über Todtnau und Furtwangen nach der württembergischen
Grenze gehn, in der Richtung auf Schramberg. Den linken Flügel
bildeten Mersy und Blenker, die sich
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1*) recht und schlecht
#191# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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durch das Rheintal auf Lörrach zogen; dann folgte Herr Doll, ehe-
maliger commis voyageur 1*), der in seiner Eigenschaft als
Heckerscher General zum Divisionär ernannt worden war und in der
Gegend des Höllentals stand; dann unser Korps in Furtwangen und
dem Simonswalder Tal und endlich auf dem rechten Flügel Becker
bei Sankt Georgen und Triberg. Hinter dem Gebirge stand Herr
Sigel mit der Reserve bei Donaueschingen. Die Streitkräfte, durch
Desertion bedeutend geschwächt, durch keine herangezogenen Aufge-
bote verstärkt, betrugen immer noch an 9000 Mann mit 40 Kanonen.
Die Befehle, die uns vom Hauptquartier aus Freiburg, Neustadt an
der Gutach und Donaueschingen nacheinander zukamen, atmeten die
entschlossenste Todesverachtung. Man erwartete zwar, daß der
Feind abermals durch Württemberg über Rottweil und Villingen uns
in den Rücken fallen werde; man war aber entschlossen, ihn zu
schlagen und den Kamm des Schwarzwaldes unter allen Umständen zu
behaupten, und zwar, wie es in einem dieser Befehle heißt, "fast
ohne alle Rücksicht auf die Bewegungen des Feindes", d.h., Herr
Sigel hatte sich von Donaueschingen aus einen in vier Stunden zu
bewerkstelligenden glorreichen Rückzug auf Schweizer Gebiet gesi-
chert; was aus uns, den im Gebirg Umzingelten, geworden wäre,
konnte er dann in Schaff hausen mit aller Gemütsruhe abwarten.
Welch ein heitres Ende diese Todesverachtung nahm, wird sich bald
zeigen.
Am 4. kamen wir nach Furtwangen mit zwei Kompanien (160 Mann),
der Rest war zur Besetzung des Simonswalder Tals und der Pässe
von Gütenbach und St. Märgen verwandt. Über letztem Orte standen
wir mit dem Dollschen Korps, über Schönwald mit Becker in Verbin-
dung. Alle Pässe wurden verbarrikadiert. - Wir blieben den 5. in
Furtwangen stehn. Am 6. kam die Nachricht von Becker, die Preußen
rückten auf Villingen, nebst der Aufforderung, sie über Vöhren-
bach anzugreifen, um Sigels Operation zu unterstützen. Zugleich
zeigte er uns an, sein Hauptkorps stehe gehörig verschanzt in
Triberg, wohin er selbst gehen werde, sobald Villingen von Sigel
besetzt sei.
An einen Angriff von unsrer Seite konnte nicht gedacht werden.
Mit weniger als 450 Mann hatten wir drei Quadratmeilen besetzt zu
halten und konnten also keinen Mann entbehren. Wir mußten stehen-
bleiben und setzten Becker davon in Kenntnis. Bald darauf traf
eine Depesche aus dem Hauptquartier ein: Willich solle sofort
nach Donauesebingen kommen und den Befehl über die gesamte Artil-
lerie übernehmen. Wir bereiteten uns eben, schnell hinüberzufah-
ren, als eine Kolonne Volkswehr, gefolgt von Artillerie und meh-
reren anderen Bataillonen Volkswehr, nach Furtwangen hinein-
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1*) Handlungsreisender
#192# Friedrich Engels
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marschiert kam. Es war Becker mit seinem Korps. Die Leute seien
rebellisch geworden, hieß es. Ich erkundigte mich bei einem mir
befreundeten Stabsoffizier, "Major" Nerlinger, und erfuhr folgen-
des: Er, Nerlinger, hatte die Position bei Triberg unter seinem
Befehl und ließ eben die Schanzen aufwerfen, als das Offizier-
korps ihm eine schriftliche, von ihnen allen unterzeichnete Er-
klärung überreichte: Die Leute seien rebellisch, und wenn nicht
sofort der Befehl zum Abmarsch gegeben würde, so würden sie mit
allen Truppen abmarschieren. Ich sah mir die Unterschriften an:
Es war abermals das tapfre Bataillon Dreher-Obermüller! Nerlinger
konnte nichts andres tun, als Becker hiervon in Kenntnis setzen
und nach Furtwangen marschieren. Becker brach gleich auf, um sie
einzuholen, und so kam er mit seiner ganzen Truppe nach Furtwan-
gen, wo die furchtsamen Offiziere und Soldaten von unsern Frei-
schärlern mit immensem Gelächter empfangen wurden. Sie schämten
sich, und am Abend konnte Becker sie wieder in ihre Position zu-
rückführen.
Wir fuhren indes, gefolgt von der Besançoner Kompanie, nach
Donaueschingen. Die Preußen schwärmten schon bis hart an die
Chaussee; Villingen war von ihnen besetzt. Doch kamen wir unange-
fochten durch, und gegen zehn Uhr abends langten auch die Be-
sançoner an. In Donaueschingen fand ich d'Ester und erfuhr von
ihm, daß Herr Struve in der Konstituante in Freiburg [156] ver-
langt habe, man solle sofort nach der Schweiz gehn, alles sei
verloren, und daß Held Blenker diesem Rate gefolgt und schon
heute morgen bei Basel auf Schweizer Gebiet übergetreten sei.
Beides war ganz richtig. Held Blenker war am 6. Juli nach Basel
gegangen, obwohl er gerade am weitesten vom Feinde stand. Er
hatte sich bloß noch die Zeit genommen, schließlich eine Anzahl
Requisitionen eigener Art vorzunehmen, die zwischen ihm und Herrn
Sigel und später den Schweizer Behörden einigen üblen Geruch ver-
ursachten. Und Held Struve, derselbe, der am 29. Juni noch Herrn
Brentano und jeden, der mit dem Feinde unterhandeln wollte, für
einen Volksverräter erklärte [183], war drei Tage später, am 2.
Juli, so vernichtet, daß er sich nicht schämte, in einer vertrau-
lichen Sitzung der badischen Konstituante den Antrag zu stellen:
"Damit nicht das Oberland gleichwie das Unterland die Schreck-
nisse des Kriegs empfinde und noch viel kostbares Blut vergossen
werde und da man retten müsse, was noch zu retten sei (!), so
solle, wie der Landesversammlung, jedem bei der Revolution Betei-
ligten sein Gehalt oder Sold bis zum 10. Juli nebst entsprechen-
dem Reisegeld ausgezahlt werden und alles sich mit Kassen, Vorrä-
ten, Warfen etc. auf Schweizer Gebiet zurückziehen!"
Diesen säubern Antrag stellte der tapfre Struve am 2. Juli, als
wir in Wolfach oben im Schwarzwald standen, zehn Stunden vor
Freiburg und
#193# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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zwanzig Stunden von der Schweizer Grenze! Herr Struve ist naiv
genug, in seiner "Geschichte", p. 237 ff., diesen Vorfall selbst
zu erzählen und sich seiner noch zu rühmen. Die einzige Folge,
die die Annahme eines solchen Antrags haben konnte, war, daß die
Preußen uns so sehr wie möglich drängten, um "zu retten, was noch
zu retten war", um uns nämlich Kassen, Geschütze und Vorräte ab-
zujagen, da die Gefahrlosigkeit einer lebhaften Verfolgung nach
diesem Beschluß feststand; und dann, daß unsre Truppen sofort
massenhaft debandierten 1*) und ganze Korps auf eigne Faust nach
der Schweiz ausrissen, wie dies wirklich geschah. Unser Korps
hätte sich am schlechtesten dabei gestanden; es war bis zum 12.
auf badischem Gebiet und erhielt seinen Sold bis zum 17. ausbe-
zahlt.
Herr Sigel, statt Villingen wieder zu nehmen, beschloß anfangs,
hinter Donaueschingen bei Hüfingen Position zu fassen und den
Feind zu erwarten. Aber noch an demselben Abend wurde beschlos-
sen, nach Stühlingen zu marschieren, hart an die Schweizer
Grenze. Wir schickten eilig reitende Boten nach Furtwangen, um
unser Korps und das Beckersche zu avertieren. Beide sollten über
Neustadt und Bonndorf ebenfalls nach Stühlingen gehn. Willich
ging nach Neustadt dem Korps entgegen, ich blieb bei der Besan-
çoner Kompanie. Wir übernachteten in Riedböhringen und kamen am
nächsten Nachmittag, 7. Juli, in Stühlingen an. Am 8. hielt Herr
Sigel Revue über seine halbauseinandergelaufene Armee, empfahl
ihr, in Zukunft nicht mehr zu fahren, sondern zu marschieren (an
der Grenze!), und zog ab. Uns hinterließ er eine halbe Batterie
und einen Befehl für Willich.
Inzwischen war von Furtwangen aus die Nachricht vom allgemeinen
Rückzug zuerst an Becker und sodann an unsere vorwärts statio-
nierten Kompanien geschickt worden. Unser Korps war zuerst in
Furtwangen zusammen und traf in Neustadt Willich an. Becker, der
näher an Furtwangen stand als unsre vorgeschobnen Korps, traf
dennoch erst später dort ein und folgte auf demselben Wege. Er
stieß auf Verschanzungen, die seinen Marsch aufhielten und von
denen es später in Schweizer Blättern hieß, sie seien von unserm
Korps aufgeworfen. Dies ist irrig; unser Korps hat nur jenseits
des Schwarzwaldkamms, und zwar nicht auf der Straße von Triberg
nach Furtwangen, die es gar nicht besetzt hielt, die Wege verram-
melt. Außerdem marschierten unsre Freischärler erst dann von
Furtwangen ab, als Beckers Avantgarde dort eingetroffen war.
In Donaueschingen war abgemacht, daß die Trümmer der ganzen Armee
sich hinter der Wutach, von Eggingen bis Thiengen sammeln und
dort die
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1*) sich auflösten
#194# Friedrich Engels
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Annäherung des Feindes erwarten sollten. Hier, die Flanken an
Schweizer Gebiet gelehnt, konnten wir mit unsrer bedeutenden Ar-
tillerie noch ein letztes Gefecht versuchen. Man konnte es sogar
abwarten, ob nicht die Preußen das Schweizer Gebiet verletzen und
dadurch die Schweiz in den Krieg hineinziehen würden. Aber wie
erstaunten wir, als wir bei Willichs Ankunft in dem Befehl des
tapfern Sigel lasen: "Das Gros geht nach Thiengen und Waldshut
und nimmt dort feste Position (!!)" Suchen Sie die Stellung (bei
Stühlingen und Eggingen) so lange als möglich zu behaupten." -
"Feste Position" bei Thiengen und Waldshut, den Rhein im Rücken,
dem Feind zugängliche Höhen vor der Front! Das hieß weiter nichts
als: Wir wollen über die Säckinger Brücke in die Schweiz gehn.
Und dennoch hatte Held Sigel bei Gelegenheit des Struveschen An-
trags gesagt: Werde dieser angenommen, so werde er, Sigel, der
erste sein, der rebelliere. [184]
Wir bezogen nun die Stellung hinter der Wutach selbst und ver-
teilten unsre Truppen von Eggingen bis Wutöschingen, wo unser
Hauptquartier war. Hier erhielten wir folgendes noch erbaulichere
Aktenstück von Herrn Sigel:
"Befehl. Hauptquartier Thiengen, 8. Juli 1849. - An den Obersten
Willich in Eggingen. Da der Kanton Scharfhausen schon jetzt in
einer feindseligen Weise gegen mich auftritt, so ist es mir un-
möglich, die von uns besprochene Position einzunehmen. Du wirst
danach Deine Bewegungen richten und Dich gegen Griessen, Lauch-
ringen und Thiengen zu bewegen. Ich marschiere morgen von hier
ab, um entweder nach Waldshut oder hinter die Alb" (d.h. nach
Säckingen) "zu gehn ... Der Obergeneral, Sigel."
Das überstieg alles. Am Abend fuhren Willich und ich nach Thien-
gen, wo uns der "Generalquartiermeister" Schlinke gestand, es
gehe richtig nach Säckingen und dort über den Rhein. Sigel wollte
anfangs etwas den "Obergeneral" vorwiegen lassen, aber Willich
ließ sich hierauf nicht ein und brachte ihn endlich dahin, daß
der Befehl zur Umkehr und zum Marsch auf Griessen gegeben wurde.
Der Vorwand für den Marsch nach Säckingen war die Vereinigung mit
Doll, der dorthin marschiert sei, und eine angeblich starke Posi-
tion. Die Position, offenbar dieselbe, von der aus Moreau 1800
dort ein Gefecht lieferte, hatte nur den Nachteil, daß sie nach
einer ganz andern Seite Front machte, als woher uns der Feind
kam; und was den edlen Doll betrifft, so säumte dieser nicht, zu
beweisen, daß er auch ohne Herrn Sigel in die Schweiz gehen
könne.
Zwischen den Kantonen Zürich und Schaffhausen liegt ein kleiner
Strich badischen Gebiets mit den Ortschaften Jestetten und Lott-
stetten, der bis auf einen schmalen Zugang, bei Baltersweil, ganz
von der Schweiz umschlossen ist. Hier sollte die letzte Position
gefaßt werden. Die Höhen hinter Baltersweil
#195# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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weil zu beiden Seiten der Straße boten vortreffliche Stellungen
für unsre Geschütze, und unsre Infanterie war noch zahlreich ge-
nug, sie zu decken, bis sie im Notfall das Schweizer Gebiet er-
reicht hätten. Hier, so wurde ausgemacht, sollten wir erwarten,
ob die Preußen uns angreifen oder aushungern würden. Das Gros,
dem Becker sich angeschlossen hatte, bezog hier ein Lager. Wil-
lich hatte die Position für die Geschütze ausgesucht (später
fanden wir dort ihre Parks, wo ihre Gefechtsteilung sein sollte).
Wir selbst bildeten die Arrieregarde und zogen langsam dem Gros
nach. Am 9. abends gingen wir nach Erzingen, am 10. nach Riedern.
An diesem Tage wurde im Lager ein allgemeiner Kriegsrat gehalten.
Willich allein sprach für die weitere Verteidigung, Sigel, Becker
und andre für den Rückzug auf Schweizer Gebiet. Ein Schweizer
Kommissär, ich glaube Oberst Kurz, war dagewesen und hatte er-
klärt, falls noch ein Kampf angenommen würde, werde die Schweiz
kein Asyl geben. Bei der Abstimmung blieb Willich mit zwei oder
drei Offizieren allein. Von unserm Korps war außer ihm niemand
zugegen.
Noch während Willich im Lager war, erhielt die bei uns befindli-
che halbe Batterie Befehl zum Abmarsch und entfernte sich, ohne
daß uns die geringste Anzeige gemacht wurde. Auch alle andern
Truppen außer uns erhielten Befehl, ins Lager zu kommen. In der
Nacht fuhr ich abermals mit Willich ins Hauptquartier nach Lott-
stetten; als wir bei Tagesanbruch zurückfuhren, begegneten wir
auf der Straße der ganzen Gesellschaft, die aus dem Lager auf-
gebrochen war und sich in der wildesten Verwirrung der Grenze zu-
wälzte. An demselben Tage, am 11. frühmorgens, ging Herr Sigel
mit seinen Leuten bei Rafz, Herr Becker mit den seinigen bei
Rheinau auf Schweizer Gebiet. Wir konzentrierten unser Korps,
folgten ins Lager und von da nach Jestetten. Hier erhielten wir
gegen Mittag durch einen Ordonnanzoffizier einen Brief Sigels von
Eglisau, daß er sich bereits glücklich in der Schweiz befinde,
daß die Offiziere ihre Säbel behielten und daß wir möglichst bald
nachkommen sollten. Man dachte erst an uns, als man auf neutralem
Boden war!
Wir marschierten durch Lottstetten bis an die Grenze, biwakierten
die Nacht noch auf deutschem Boden, schössen am Morgen des 12.
unsre Gewehre ab und betraten dann, die letzten der badisch-pfäl-
zischen Armee, das Schweizer Gebiet. An demselben Tage, gleich-
zeitig mit uns, wurde auch Konstanz von dem dortigen Korps ver-
lassen. Eine Woche später fiel Rastatt durch Verrat, und die Kon-
trerevolution hatte für den Moment wieder Deutschland bis auf den
letzten; Winkel erobert.
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#196# Friedrich Engels
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Die Reichsverfassungskampagne ging zugrunde an ihrer eignen Halb-
heit und innern Misere. Seit der Juniniederlage 1848 steht die
Frage für den zivilisierten Teil des europäischen Kontinents so:
entweder Herrschaft des revolutionären Proletariats oder Herr-
schaft der Klassen, die vor dem Februar herrschten. Ein Mittel-
ding ist nicht mehr möglich. In Deutschland namentlich hat sich
die Bourgeoisie unfähig gezeigt zu herrschen; sie konnte ihre
Herrschaft nur dadurch gegenüber dem Volk erhalten, daß sie sie
an den Adel und die Bürokratie wieder abtrat. In der Reichsver-
fassung versuchte die Kleinbürgerschaft, verbündet mit der deut-
schen Ideologie, eine unmögliche Ausgleichung, die den Entschei-
dungskampf aufschieben sollte. Der Versuch mußte scheitern: den-
jenigen, denen es ernst war mit der Bewegung, war es nicht ernst
mit der Reichsverfassung, und denen es ernst war mit der Reichs-
verfassung, war es nicht ernst mit der Bewegung.
Die Reichsverfassungskampagne hat aber darum nicht minder bedeu-
tende Resultate gehabt. Sie hat vor allem die Situation verein-
facht. Sie hat eine endlose Reihe von Vermittlungsversuchen abge-
schnitten: nachdem sie verloren ist, kann nur die etwas konstitu-
tionalisierte feudal-bürokratische Monarchie siegen oder die
wirkliche Revolution. Und die Revolution kann in Deutschland
nicht eher mehr abgeschlossen werden als mit der vollständigen
Herrschaft des Proletariats.
Die Reichsverfassungskampagne hat ferner in den deutschen Län-
dern, wo die Klassengegensätze noch nicht scharf entwickelt wa-
ren, zu ihrer Entwicklung bedeutend beigetragen. Namentlich in
Baden. In Baden bestanden, wie wir sehen, vor der Insurrektion
fast gar keine Klassengegensätze. Daher die anerkannte Herrschaft
der Kleinbürger über alle Oppositionsklassen, daher die schein-
bare Einstimmigkeit der Bevölkerung, daher die Raschheit, mit der
die Badenser wie die Wiener von der Opposition in die Insurrek-
tion übergehn, bei jeder Gelegenheit einen Aufstand versuchen und
selbst den Kampf im offnen Feld mit einer regelmäßigen Armee
nicht scheuen. Sobald aber die Insurrektion ausgebrochen war,
traten die Klassen bestimmt hervor, schieden sich die Kleinbürger
von den Arbeitern und Bauern. In ihrem Repräsentanten Brentano
blamierten sie sich auf ewige Zeiten. Sie selbst sind durch die
preußische Säbelherrschaft so zur Verzweiflung getrieben, daß sie
jetzt jedes Regime, selbst das der Arbeiter, dem jetzigen Druck
vorziehn; sie werden einen viel tätigeren Anteil an der nächsten
Bewegung nehmen als an jeder bisherigen; aber glücklicherweise
werden sie nie wieder die selbständige, herrschende Rolle spielen
können wie unter der Diktatur Brentanos. Die Arbeiter und Bauern,
die unter der jetzigen Säbelherrschaft ebensosehr leiden wie die
Kleinbürger, haben die Erfahrung des letzten Aufstands nicht um-
sonst
#197# Die deutsche Reichsverfassungskampagne
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gemacht; sie, die außerdem ihre gefallenen und gemordeten Brüder
zu rächen haben, werden schon dafür sorgen, daß bei der nächsten
Insurrektion sie und nicht die Kleinbürger das Heft in die Hand
bekommen. Und wenn auch keine insurrektionellen Erfahrungen die
Klassenentwickelung ersetzen können, die nur durch einen langjäh-
rigen Betrieb der großen Industrie erreicht wird, so ist doch Ba-
den durch seinen letzten Aufstand und dessen Folgen in die Reihe
der deutschen Provinzen getreten, die bei der bevorstehenden Re-
volution eine der wichtigsten Stellen einnehmen werden.
Politisch betrachtet, war die Reichsverfassungskampagne von vorn-
herein verfehlt. Militärisch betrachtet, war sie es ebenfalls.
Die einzige Chance ihres Gelingens lag außerhalb Deutschlands, im
Sieg der Republikaner in Paris am 13. Juni [162] - und der 13.
Juni schlug fehl. Nach diesem Ereignis konnte die Kampagne nichts
mehr sein als eine mehr oder minder blutige Posse. Sie war weiter
nichts. Dummheit und Verrat ruinierten sie vollends. Mit Ausnahme
einiger weniger waren die militärischen Chefs Verräter oder unbe-
rufene, unwissende und feige Stellenjäger, und die wenigen Aus-
nahmen wurden überall von den übrigen wie von der Brentanoschen
Regierung im Stich gelassen. Wer bei der bevorstehenden Erschüt-
terung keine anderen Titel aufzuweisen hat als die, Heckerscher
General oder Reichsverfassungsoffizier gewesen zu sein, verdient,
sogleich die Tür gewiesen zu bekommen. Wie die Chefs, so die Sol-
daten. Das badische Volk hat die besten kriegerischen Elemente in
sich; in der Insurrektion wurden diese Elemente von vornherein so
verdorben und vernachlässigt, daß die Misere daraus entstand, die
wir des breiteren geschildert haben. Die ganze "Revolution" löste
sich in eine wahre Komödie auf, und es war nur der Trost dabei,
daß der sechsmal stärkere Gegner selbst noch sechsmal weniger Mut
hatte.
Aber diese Komödie hat ein tragisches Ende genommen, dank dem
Blutdurst der Kontrerevolution. Dieselben Krieger, die auf dem
Marsch oder dem Schlachtfelde mehr als einmal von panischem
Schrecken ergriffen wurden, sie sind in den Gräben von Rastatt
gestorben wie die Helden. Kein einziger hat gebettelt, kein ein-
ziger hat gezittert. Das deutsche Volk wird die Füsilladen und
die Kasematten von Rastatt nicht vergessen; es wird die großen
Herren nicht vergessen, die diese Infamien befohlen haben, aber
auch nicht die Verräter, die sie durch ihre Feigheit verschulde-
ten: die Brentanos von Karlsruhe und von F r a n k f u r t.
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