Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
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Karl Marx/Friedrich Engels
[Rezensionen aus der "Neuen Rheinischen Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue".
Heft 2, Februar 1850 [185]]
I
G. Fr. Daumer, "Die Religion des neuen Weltalters.
Versuch einer combinatorisch-aphoristischen Grundlegung",
2 Bde., Hamburg 1850
"Ein sonst sehr freisinniger fürs Neue gar nicht unempfänglicher
Mann zu Nürnberg warf auf das demokratische Treiben einen unge-
heuren Haß. Den Ronge verehrte er und hatte sein Bild im Zimmer
hangen. Als er aber hörte, daß sich derselbe zu den Demokraten
halte, hängte er das Bild in den Abtritt. Er sagte einmal: O wenn
wir doch unter der russischen Knute lebten, wie glücklich würde
ich mich fühlen! Er ist während der Unruhen gestorben, und ich
vermute, daß ihn, wiewohl er schon alt war, bloß der Unmut und
Gram über den Gang der Dinge ins Grab gebracht." II. Bd. pag.
321, 322.
Wenn dieser beklagenswerte Nürnberger Spießbürger statt zu ster-
ben, seine Gedankenspäne aus dem "Correspondenten von und für
Deutschland", aus Schiller und Goethe, aus alten Schulbüchern und
neuen Leihbibliotheksmaterialien zusammengestoppelt hätte, hätte
er sich den Tod erspart und Herrn Daumer seine sauer erarbeiteten
zwei Bände "combinatorisch-aphoristischer Grundlegung". Uns wäre
dann freilich nicht die erbauliche Gelegenheit geworden, mit der
"Religion des neuen Weltalters" gleichzeitig ihren ersten Märty-
rer kennenzulernen.
Das Werk des Herrn Daumer teilt sich in zwei Teile, einen
"vorläufigen" und einen "eigentlichen". In dem vorläufigen Teil
spricht der treue Eckart der deutschen Philosophie seine tiefe
Bekümmernis darüber aus, daß selbst die denkenden und gebildeten
Deutschen seit zwei Jahren sich haben verleiten lassen, die un-
schätzbaren Errungenschaften des Gedankens aufzugeben für die
bloß "äußerliche" revolutionäre Tätigkeit. Er hält den jetzigen
Moment für geeignet, nochmals an das bessere Gefühl der Nation zu
appellieren;
#199# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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er weist darauf hin, was es auf sich habe, die ganze deutsche
Bildung, durch die allein der deutsche Bürger noch etwas war, so
leichtfertig fahrenzulassen. Er stellt den ganzen Inhalt der
deutschen Bildung in den kräftigsten Kernsprüchen zusammen, die
das Schatzkästlein seiner Belesenheit bietet, und kompromittiert
dadurch diese deutsche Bildung nicht minder als die deutsche Phi-
losophie. Seine Blumenlese der erhabensten Produkte deutschen
Geistes übertrifft an Plattheit und Trivialität selbst das or-
dinärste Lesebuch für Töchter gebildeter Stände. Von den spieß-
bürgerlichen Ausfällen Goethes und Schillers gegen die erste
französische Revolution, von dem klassischen: "Gefährlich ist's,
den Leu zu wecken" an bis auf die neueste Literatur herab jagt
der Hohepriester der neuen Religion emsig jeder Stelle nach,
worin der deutsche Zopf mit schläfrigem Mißbehagen sich gegen die
ihm widerwärtige geschichtliche Bewegung steift. Autoritäten von
der Force eines Friedrich Raumer, Berthold Auerbach, Lochner, Mo-
riz Carrière, Alfred Meißner, Krug, Dingelstedt, Ronge, "Nürn-
berger Bote", Max Waldau, Sternberg, German Maurer, Louise Aston,
Eckermann, Noack, "Blätter für literarische Unterhaltung", A.
Kunze, Ghillany, Th. Mundt, Saphir, Gutzkow, eine "geborne Gatte-
rer" etc. sind die Säulen, auf welchen der Tempel der neuen
Religion ruht. Die revolutionäre Bewegung, wogegen hier ein so
vielstimmiges Anathema ausgesprochen wird, beschränkt sich für
Herrn Daumer einerseits auf die banalste Kannengießerei, wie sie
in Nürnberg unter den Auspizien des "Correspondenten von und für
Deutschland" an der Tagesordnung ist, und andrerseits auf Pö-
belexzesse, von denen Herr Daumer die abenteuerlichste Vorstel-
lung hegt. Die Quellen, woraus hier geschöpft wird, reihen sich
den obigen würdig an: Neben dem mehrerwähnten Nürnberger "Corre-
spondenten" figurieren die "Bamberger Zeitung", die Münchner
"Landbötin", die Augsburger "Allgemeine Zeitung" usw. Dieselbe
spießbürgerliche Gemeinheit, die den Proletarier stets nur als
wüsten, verkommenen Lumpen kennt und sich bei den Pariser Juni-
massacres von 1848, wo über 3000 dieser "Lumpen" niedergemetzelt
wurden, zufrieden die Hände reibt, dieselbe Gemeinheit entrüstet
sich über den Spott, dem die gemütlichen Vereine gegen Tierquäle-
rei erlegen sind.
"Die schauderhaften Qualen", ruft Herr Daumer pag. 293, I. Bd.
aus, "die das unglückliche Tier unter der grausamen Tyrannenhand
des Menschen erduldet, sind diesen Barbaren ein 'Dreck', um den
man sich nicht bekümmern soll!"
Der ganze moderne Klassenkampf erscheint Herrn Daumer nur als ein
Kampf der "Roheit" gegen die "Bildung". Statt ihn aus den histo-
rischen Bedingungen dieser Klassen zu erklären, findet er seine
Ursache im wühlerischen
#200# Karl Marx/Friedrich Engels
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Treiben einiger Böswilligen, die die niedern Begierden des Pöbels
gegen die gebildeten Stände aufhetzen.
"Dieser demokratische Reformatismus ... reizt den Neid, den
Grimm, die Raubgier der untern Klassen der Gesellschaft gegen die
höheren auf; ein saubres Mittel, den Menschen edler und besser zu
machen und eine höhere Kulturstufe zu gründen." I. Bd. pag.
[288/]289.
Herr Daumer kennt nicht einmal die Kämpfe "der unteren Klassen
der Gesellschaft gegen die höheren", die es gekostet hat, selbst
nur eine Nürnberger "Kulturstufe" herbeizuführen und einen Mo-
lochsfänger à la Daumen [186] möglich zu machen.
Der zweite "eigentliche" Teil enthält nun die positive Seite der
neuen Religion. Hier spricht sich der ganze Ärger des deutschen
Philosophen über die Vergessenheit aus, worin seine Kämpfe gegen
das Christentum geraten sind, über die Gleichgültigkeit des Volks
gegen die Religion, den einzigen der Betrachtung des Philosophen
würdigen Gegenstand. Um sein durch die Konkurrenz beseitigtes
Handwerk wieder zu Ehren zu bringen, bleibt unserm Weltweisen
nichts andres übrig, nachdem er gegen die alte Religion hinläng-
lich angebellt hat, als eine neue Religion zu erfinden. Diese
neue Religion aber beschränkt sich, im angemessenen Verfolg des
ersten Teils, auf eine fortgesetzte Blumenlese der Sentenzen,
Stammbuchverse und versus memoriales 1*) der deutschen Spießbür-
gerbildung. Die Suren des neuen Koran sind nichts als eine Reihe
von Phrasen, in denen die bestehenden deutschen Verhältnisse mo-
ralisch beschönigt und poetisch verbrämt werden. Phrasen, die
darum nicht minder mit der alten Religion verwachsen sind, weil
sie die unmittelbar religiöse Form abgestreift haben.
"Ganz neue Weltzustände und Weltverhältnisse können nur durch
neue Religionen entstehn. Zu Beispielen und Beweisen dessen, was
Religionen vermögen, können das Christentum und der Islam, zu ei-
nem sehr einleuchtenden und fühlbaren Belege der Ohnmacht und Re-
sultatlosigkeit, an der die abstrakte, ausschließliche Politik
leidet, die im Jahr 1848 ins Werk gesetzten Bewegungen dienen."
I. Bd. pag. 313.
In diesem inhaltsvollen Satz tritt uns gleich die ganze Flachheit
und Unwissenheit des deutschen "Denkers" entgegen, der die klei-
nen deutschen und speziell bayrischen "Märzerrungenschaften" für
die europäische Bewegung von 1848 und 49 ansieht und der von den
ersten selbst noch sehr oberflächlichen Eruptionen einer sich
allmählich herausarbeitenden und konzentrierenden großen Revolu-
tion verlangt, daß sie schon "ganz neue Weltzustände und
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1*) Gedächtnisverse
#201# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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Weltverhältnisse" hervorbringen sollen. Der ganze verwickelte so-
ziale Kampf, der zwischen Paris und Debreczin, Berlin und Palermo
in den letzten zwei Jahren zu seinen ersten Tirailleurgefechten
kam, beschränkt sich für den Weltweisen Daumer darauf, daß "im
Januar 1849 die Hoffnungen der konstitutionellen Vereine von Er-
langen in unabsehbare Ferne gerückt sind" (I. pag. 312), und auf
die Furcht vor einem neuen Kampf, der Herrn Daumer noch einmal in
seinen Beschäftigungen mit Hafis, Mohammed [187] und Berthold Au-
erbach unangenehm aufscheuchen könnte.
Dieselbe schamlose Seichtigkeit macht es Herrn Daumer möglich,
total zu ignorieren, daß dem Christentum das vollständige Zusam-
menbrechen der antiken "Weltzustände" vorherging, dessen bloßer
Ausdruck das Christentum war; daß "ganz neue Weltzustände" nicht
durch das Christentum von innen heraus entstanden, sondern erst
dann, als die Hunnen und Germanen "äußerlich" über die Leiche des
römischen Reichs herfielen; daß nach der germanischen Invasion
nicht die "neuen Weltzustände" sich nach dem Christentum richte-
ten, sondern das Christentum mit jeder neuen Phase dieser Weltzu-
stände sich ebenfalls veränderte. Herr Daumer möge uns übrigens
ein Exempel angeben, wo mit einer neuen Religion die alten Welt-
zustände sich veränderten, ohne daß zugleich die gewaltigsten
"äußerlichen und abstrakt politischen" Konvulsionen eintraten.
Es ist klar, daß mit jeder großen historischen Umwälzung der
gesellschaftlichen Zustände auch zugleich die Anschauungen und
Vorstellungen der Menschen und damit ihre religiösen Vorstellun-
gen umgewälzt werden. Der Unterschied der gegenwärtigen Umwälzung
von allen früheren besteht aber gerade darin, daß man endlich
hinter das Geheimnis dieses historischen Umwälzungsprozesses ge-
kommen ist und daher, statt sich diesen praktischen, "äußerli-
chen" Prozeß unter der überschwenglichen Form einer neuen Reli-
gion abermals zu verhimmeln, alle Religion abstreift.
Nach den sanften Sittenlehren der neuen Weltweisheit, die inso-
fern sogar über Knigge stehn, daß sie nicht nur über den Umgang
mit Menschen, sondern auch über den Umgang mit Tieren das Nötige
enthalten - nach den Sprüchen Salomonis kommt das Hohelied des
neuen Salomo.
"N a t u r und W e i b sind das wahrhaft Göttliche im Unter-
schiede von M e n s c h und M a n n... Hingebung des Men-
schlichen an das Natürliche, des Männlichen an das Weibliche ist
die echte, die allein wahre Demut und Selbstentäußerung, die
höchste, ja einzige Tugend und Frömmigkeit, die es gibt." II. Bd.
p. 257.
Wir sehen hier, wie die seichte Unwissenheit des spekulierenden
Religionsstifters sich in eine sehr prononcierte Feigheit verwan-
delt. Herr Daumer
#202# Karl Marx/Friedrich Engels
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flüchtet sich vor der geschichtlichen Tragödie, die ihm drohend
zu nahe rückt, in die angebliche Natur, d.h. in die blöde Bauern-
idylle, und predigt den Kultus des Weibes, um seine eigene wei-
bische Resignation zu bemänteln.
Der Naturkultus des Herrn Daumer ist übrigens eigner Art. Es ist
ihm gelungen, selbst gegenüber dem Christentum reaktionär aufzu-
treten. Er versucht die alte, vorchristliche Naturreligion in mo-
dernisierter Form herzustellen. Dabei bringt er es freilich nur
zu einer christlich-germanisch-patriarchalischen Naturfaselei,
die sich z.B. folgendermaßen ausspricht:
"Süße, heilige Natur,
Laß mich geh'n auf deiner Spur,
Leite mich an deiner Hand,
Wie ein Kind am Gängelband!"
"Dergleichen ist aus der Mode gekommen; aber nicht zum Vorteil
der Bildung, des Fortschritts und der menschlichen Glückselig-
keit." II. Bd. p. 157.
Der Naturkultus beschränkt sich, wie wir sehen, auf die sonntäg-
lichen Spaziergänge des Kleinstädters, der seine kindliche Ver-
wunderung darüber zu erkennen gibt, daß der Kuckuck seine Eier in
fremde Nester legt (II. Bd. p. 40), daß die Tränen die Bestimmung
haben, die Oberfläche des Auges feucht zu erhalten (II. Bd. p.
73) etc., und der schließlich seinen Kindern mit heiligen Schau-
ern Klopstocks Frühlingsode vordeklamiert (II. Bd. p. 23 ff.).
Von der modernen Naturwissenschaft, die in Verbindung mit der mo-
dernen Industrie die ganze Natur revolutioniert und neben andern
Kindereien auch dem kindischen Verhalten der Menschen zur Natur
ein Ende macht, ist natürlich keine Rede. Dafür erhalten wir ge-
heimnisvolle Andeutungen und erstaunte Philisterahnungen über No-
stradamus' Prophezeiungen, das zweite Gesicht der Schotten und
den animalischen Magnetismus [188]. Es wäre übrigens zu wünschen,
daß die träge Bauernwirtschaft Bayerns, der Boden, worauf die
Pfaffen und die Daumers gleichmäßig wachsen, endlich einmal durch
modernen Ackerbau und moderne Maschinen umgewühlt würde.
Mit dem Kultus des Weibes verhält es sich gerade wie mit dem
Naturkultus. Es versteht sich von selbst, daß Herr Daumer nicht
ein Wort von der gegenwärtigen gesellschaftlichen Stellung der
Frauen sagt, daß es sich im Gegenteil bloß um das Weib als sol-
ches handelt. Er sucht die Frauen über ihre bürgerliche Misere
dadurch zu trösten, daß er ihnen einen ebenso leeren wie geheim-
nisvoll tuenden Phrasenkultus widmet. So beruhigt er sie damit,
daß ihre Talente mit der Ehe aufhören, da sie dann mit den Kin-
dern zu tun haben (II. Bd. p. 237), daß sie die Fähigkeit besit-
zen, selbst bis ins sechzigste Jahr Kinder zu stillen (II. Bd. p.
251) usw. Herr Daumer nennt dies "Hingebung
#203# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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des Männlichen an das Weibliche". Um nun die benötigten idealen
Frauengestalten für seine männliche Hingebung in seinem Vater-
lande zu finden, ist er gezwungen, zu verschiedenen aristokrati-
schen Damen des vorigen Jahrhunderts seine Zuflucht zu nehmen.
Der Frauenkultus reduziert sich also wieder auf das gedrückte Li-
teratenverhältnis zu verehrten Gönnerinnen - Wilhelm Meister
[189].
Die "Bildung", über deren Verfall Herr Daumer Jeremiaden an-
stimmt, ist die Bildung der Zeit, in der Nürnberg als freie
Reichsstadt florierte, in der die Nürnberger Industrie, jenes
Zwitterding zwischen Kunst und Handwerk, eine bedeutende Rolle
spielte, die Bildung des deutschen Kleinbürgertums, die mit die-
sem Kleinbürgertum zugrunde geht. Wenn der Untergang früherer
Klassen, wie des Rittertums, zu großartigen tragischen Kunstwer-
ken Stoff bieten konnte, so bringt es das Spießbürgertum ganz an-
gemessen nicht weiter als zu ohnmächtigen Äußerungen einer fana-
tischen Bosheit und zu einer Sammlung Sancho Panzascher Sinnsprü-
che und Weisheitsregeln. Herr Daumer ist die trockne, alles Hu-
mors bare Fortsetzung von Hans Sachs. Die deutsche Philosophie,
die händeringend und wehklagend am Sterbebette ihres Nährvaters,
des deutschen Spießbürgertums, das ist das rührende Bild, das uns
die "Religion des neuen Weltalters" entrollt.
II
Ludwig Simon von Trier, "Ein Wort des Rechts für alle
Reichsverfassungskämpfer an die deutschen Geschwornen",
Frankfurt a.M. 1849
"Wir hatten gegen die Erblichkeit des Reichsoberhaupts gestimmt;
wir enthielten uns des andern Tages der Wahl. Als aber das ganze
Werk, hervorgegangen aus dem Willen der Mehrheit einer nach all-
gemeinem Stimmrecht gewählten Versammlung, fertig dastand, er-
klärten wir, uns zu unterwerfen. Hätten wir dies nicht getan, so
hätten wir bewiesen, daß wir in eine bürgerliche Gesellschaft
überhaupt nicht hineinpaßten." p. 43.
Nach Herrn L. Simon "von Trier" paßten also schon die äußersten
Mitglieder der Frankfurter Versammlung nicht mehr "in eine bür-
gerliche Gesellschaft überhaupt hinein". Herr L. Simon "von
Trier" scheint sich also die Grenzen der bürgerlichen Gesell-
schaft überhaupt noch enger vorzustellen als die Grenzen der
Paulskirche,
#204# Karl Marx/Friedrich Engels
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Übrigens besaß Herr Simon den richtigen Takt, in seinem
Selbstbekenntnis vom 11. April 1849 das Geheimnis sowohl seiner
früheren Opposition wie seiner späteren Bekehrung zu enthüllen.
"Aus den trüben Gewässern der vormärzlichen Diplomatie sind kalte
Nebel aufgestiegen. Diese Nebel werden sich als Wolken zusammen-
ziehn, und wir werden ein verderbenschwangres Gewitter haben,
welches zunächst in den Turm der Kirche einzuschlagen droht, in
der wir sitzen. Wachen und sorgen Sie für einen Blitzableiter,
welcher den Blitz v o n I h n e n a b l e i t e t!" [190]
D.h., meine Herren, es handelt sich jetzt um unsre Haut!
Die Bettelanträge, die jämmerlichen Kompromisse, die die Frank-
furter Linke in der Kaiserfrage und nach der beschämten Rückkehr
der Kaiserdeputation [191] der Majorität anbot, um sie nur in der
Versammlung zubehalten, die schmutzigen Vereinbarungsversuche,
die sie damals nach allen Seiten hin machte, erhalten in folgen-
den Worten des Herrn Simon ihre höhere Weihe:
"Das Wort Vereinbarung ist durch die Ereignisse des verflossenen
Jahres zum Gegenstand eines sehr bedenklichen Spottes geworden.
Man darf davon kaum mehr sprechen, ohne ausgelacht zu werden. Und
dennoch ist von zwei Fällen nur einer möglich: Entweder die Men-
schen vereinbaren sich, oder sie stürzen aufeinander los wie die
wilden Tiere." p. 43.
D.h., entweder die Parteien fechten ihren Kampf aus, oder sie
schieben ihn auf durch einen beliebigen Kompromiß. Letzteres ist
jedenfalls "gebildeter" und "humaner". Herr Simon eröffnet sich
übrigens durch seine obige Theorie eine unendliche Reihe von Ver-
einbarungen, durch die er in jeder "bürgerlichen Gesellschaft"
möglich bleiben wird.
Die selige Reichsverfassung wird in folgender philosophischer De-
duktion gerechtfertigt:
"Die Reichsverfassung war so recht eigentlich der Ausdruck des
ohne neue Gewaltanstrengungen Möglichen ... Sie war der lebendige
(!) Ausdruck der demokratischen Monarchie, somit eines prinzi-
piellen Widerspruchs. Aber es hat schon vieles tatsächlich be-
standen, was sich prinzipiell widersprach, und grade aus dem
tatsächlichen Bestehn prinzipieller Widersprüche entwickelt sich
das fernere Leben." p. 44.
Man sieht, die Anwendung der Hegelschen Dialektik bleibt immer
noch etwas schwieriger als das Zitieren Schillerscher Verschen.
Die Reichsverfassung, wollte sie trotz ihres "prinzipiellen Wi-
derspruchs" "tatsächlich" bestehn, hätte wenigstens den Wider-
spruch "prinzipiell" aussprechen müssen, der "tatsächlich" be-
stand. "Tatsächlich" stand auf der einen Seite Preußen und Öst-
reich, der militärische Absolutismus, auf der andern Seite das
deutsche
#205# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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Volk, geprellt um die Früchte seiner Märzaufstände, geprellt zum
großen Teil durch sein albernes Vertrauen in die erbärmliche
Frankfurter Versammlung, und auf dem Punkt, endlich einen neuen
Kampf gegen den militärischen Absolutismus zu wagen. Dieser
tatsächliche Widerspruch konnte nur durch einen tatsächlichen
Kampf gelöst werden. Sprach die Reichsverfassung diesen Wider-
spruch aus? Nicht im entferntesten. Sie sprach den Widerspruch
aus, wie er im März 1848 bestanden hatte, ehe Preußen und
Östreich wieder zu Kräften gekommen waren, ehe die Opposition
durch partielle Niederlagen zersplittert, geschwächt, entwaffnet
war. Sie sprach weiter nichts aus als die kindische Selbsttäu-
schung der Herren aus der Paulskirche, die sich einbildeten, im
März 1849 noch der preußischen und östreichischen Regierung Ge-
setze vorschreiben und sich für alle Zukunft die ebenso einträg-
liche wie gefahrlose Stellung deutscher Reichsbarrots [192] si-
chern zu können.
Herr Simon gratuliert sich und seinen Kollegen sodann, daß sie in
ihrer interessierten Verblendung über die Reichsverfassung durch
nichts wankend zu machen waren:
"Gesteht es beschämt, ihr Abtrünnigen von Gotha [193], daß wir
mitten im Drange der Leidenschaften jeder Versuchung widerstan-
den, unser Wort treulich gehalten und auch nicht ein Jota an dem
gemeinsamen Werk geändert haben!" p. 67.
Er weist dann hin auf ihre Heldentaten in bezug auf Württemberg
und die Pfalz und auf ihren Stuttgarter Beschluß vom 8. Juni, wo
sie Baden unter den Schutz des Reichs stellten, obwohl schon da-
mals wesentlich das Reich unter dem Schutz Badens stand [194],
und ihre Beschlüsse nur bewiesen, daß sie entschlossen waren, von
ihrer Feigheit "auch nicht ein Jota" abzugehen und eine Illusion
gewaltsam festzuhalten, an die sie selbst nicht mehr glaubten.
Den Vorwurf, "die Reichsverfassung sei nur die Maske zur Republik
gewesen", weist Herr Simon höchst sinnreich zurück wie folgt:
"Nur wenn der Kampf gegen a l l e Regierungen o h n e A u s-
n a h m e b i s z u E n d e hätte durchgeführt werden müssen,
... und wer sagt euch denn, daß der Kampf gegen alle Regierungen
ohne Ausnahme bis zu Ende hätte durchgeführt werden müssen? Wer
kann sie alle berechnen, die möglichen Wechselfälle des Kampfes
und Kriegsglücks, und wenn einmal die feindseligen Brüder"
(Regierungen und Volk) "nach blutigem Ringen sich e r m a t-
t e t und e n t s c h e i d u n g s l o s gegenübergestanden
hätten und der Geist des Friedens und der Versöhnung wäre über
sie gekommen, hatten wir die Fahne der Reichsverfassung, unter
welcher sie sich die Bruderhände zur Versöhnung hätten reichen
können, auch nur im mindesten beschädigt? Schaut um euch! Hand
aufs Herz! Greift aufrichtig in euer inneres Gewissen, und ihr
werdet, ihr müßt antworten: Nein, nein und abermals nein!" p. 70.
#206# Karl Marx/Friedrich Engels
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Das ist der wahre Köcher der Beredsamkeit, aus dem Herr Simon
jene Pfeile holte, die er in der Paulskirche mit so erstaunlichem
Effekt verschoß! - Trotz seiner Plattheit hat dieses rührende Pa-
thos doch sein Interesse. Es beweist, wie die Herren Frankfurter
in Stuttgart ruhig saßen und harrten, bis die feindlichen Par-
teien sich müde gekämpft hätten, um dann im richtigen Moment zwi-
schen die Ermatteten hinzutreten und ihnen die Versöhnungs-
panazee, die Reichsverfassung, anzubieten. Und wie sehr Herr Si-
mon hier seinen Kollegen aus der Seele spricht, geht daraus her-
vor, daß diese Herren noch jetzt zu Bern bei Wirt Benz in der
Keßlergasse forttagen und nur darauf warten, daß ein neuer Kampf
losbreche, damit sie, wenn die Parteien "ermattet und entschei-
dungslos gegenüberstehn", zwischen sie treten können und ihnen
zur Vereinbarung die Reichsverfassung darbieten, diesen vollende-
ten Ausdruck der Ermattung und Entscheidungslosigkeit.
"Aber ich sage euch trotz alledem, und so wehe es tut, fern vom
Vaterlande, fern von der Heimat, fern von bejahrten Eltern die
einsamen Wege des Exils zu wandeln, ich tausche mein reines Ge-
wissen nicht um die Gewissensbisse der Abtrünnigen und die
schlaflosen Nächte der Herrscher, und wenn man mir das Übermaß
aller irdischen Glücksgüter böte!" p. 71.
Wenn es nur möglich wäre, diese Herren ins Exil zu schicken! Aber
tragen sie nicht in ihren Koffern das Vaterland nach sich in der
Gestalt der Frankfurter stenographischen Berichte, aus welchen
ihnen ein Strom unverfälschtester Heimatluft und die Fülle der
schönsten Selbstgenugtuung entgegenrauscht?
Wenn übrigens Herr Simon behauptet, ein Wort für die Reichsver-
fassungs k ä m p f e r einzulegen, so begeht er einen frommen
Betrug. Die Reichsverfassungs k ä m p f e r hatten sein "Wort
des Rechts" nicht nötig. Sie haben sich besser und energischer
verteidigt. Aber Herr Simon muß sie vorschieben, um zu verhüllen,
daß er im Interesse der nach allen Seiten hin kompromittierten
Frankfurter, im Interesse der ReichsverfassungsmacAer, im Inter-
esse seiner selbst eine oratio pro domo 1*) zu halten für unum-
gänglich hält.
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1*) Rede in eigener Sache
#207# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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III
Guizot, "Pourquoi la révolution d'Angleterre a-t-elle réussi?
Discours sur l'histoire de la révolution d'Angleterre",
Paris 1850
Das Pamphlet des Herrn Guizot bezweckt nachzuweisen, warum Louis-
Philippe und die Politik Guizots am 24. Februar 1848 eigentlich
nicht hätten gestürzt werden dürfen und wie der verwerfliche Cha-
rakter der Franzosen die Schuld trägt, daß die Julimonarchie von
1830 [6] nach achtzehnjährigem mühsamen Bestehn schmählich zusam-
menbrach und nicht jene Dauer erhielt, deren sich die englische
Monarchie seit 1688 erfreute.
Man sieht aus diesem Pamphlet, wie selbst die tüchtigsten Leute
des ancien régime, wie selbst Leute, denen in ihrer Weise histo-
risches Talent keineswegs abzusprechen ist, durch das fatale Fe-
bruarereignis so vollständig in Verwirrung gebracht worden sind,
daß ihnen alles geschichtliche Verständnis, daß ihnen sogar das
Verständnis ihrer eignen früheren Handlungsweise abhanden gekom-
men ist. Statt durch die Februarrevolution zur Einsicht der gänz-
lich verschiedenen historischen Verhältnisse, der gänzlich ver-
schiedenen Stellung der Klassen der Gesellschaft in der französi-
schen Monarchie von 1830 und der englischen von 1688 getrieben zu
werden, löst Herr Guizot den ganzen Unterschied auf in einige mo-
ralische Phrasen und beteuert am Schluß, daß die am 24. Februar
gestürzte Politik, "wie sie die Staaten erhalte, so allein die
Revolutionen bewältige".
Bestimmt formuliert lautet die Frage, die Herr Guizot beantworten
will: Warum hat sich die bürgerliche Gesellschaft in England län-
ger in der Form der konstitutionellen Monarchie entwickelt als in
Frankreich?
Zur Charakteristik der Bekanntschaft des Herrn Guizot mit dem
Gang der bürgerlichen Entwicklung in England kann folgende Stelle
dienen:
"Unter der Regierung Georgs I. und Georgs II. nahm der öffentli-
che Geist eine andere Richtung: Die auswärtige Politik hörte auf,
ihre Hauptangelegenheit zu sein; die innere Administration, die
Aufrechterhaltung des Friedens, die Fragen der Finanzen, der Ko-
lonien, des Handels, die Entwicklung und die Kämpfe des parlamen-
tarischen Regimes wurden zur vorherrschenden Beschäftigung der
Regierung und des Publikums." p. 168[/169].
Herr Guizot findet in der Regierung Wilhelms III. nur zwei
erwähnenswerte Momente: die Erhaltung des Gleichgewichts zwischen
Parlament und Krone und die Erhaltung des europäischen Gleichge-
wichts durch den Kampf
#208# Karl Marx/Friedrich Engels
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gegen Ludwig XIV. Unter der hannoverschen Dynastie nimmt dann
plötzlich "der öffentliche Geist eine andre Richtung", man weiß
nicht wie und warum. Man sieht hier, wie Herr Guizot die allerge-
wöhnlichsten Phrasen der französischen parlamentarischen Debatte
auf die englische Geschichte überträgt und sie damit erklärt zu
haben glaubt. Gerade so bildete sich Herr Guizot als Minister
ebenfalls ein, das Gleichgewicht zwischen Parlament und Krone und
das europäische Gleichgewicht auf seinen Schultern zu balancie-
ren, während er in Wirklichkeit nichts anderes tat, als den gan-
zen französischen Staat und die ganze französische Gesellschaft
Stück für Stück an die Finanzjuden der Pariser Börse zu verscha-
chern.
Davon, daß die Kriege gegen Ludwig XIV. reine Konkurrenzkriege
zur Vernichtung des französischen Handels und der französischen
Seemacht waren, daß unter Wilhelm III. die Herrschaft der Finanz-
bourgeoisie durch die Errichtung der Bank und die Einführung der
Staatsschuld [195] ihre erste Sanktion erhielt, daß der Manufak-
turbourgeoisie durch die konsequente Durchführung des Schutzzoll-
systems ein neuer Aufschwung gegeben wurde, davon hält Herr Gui-
zot zu sprechen nicht der Mühe wert. Für ihn haben nur die poli-
tischen Phrasen Bedeutung. Er erwähnt nicht einmal, daß unter der
Königin Anna die herrschenden Parteien nur dadurch sich und die
konstitutionelle Monarchie erhalten konnten, daß sie durch einen
Gewaltstreich die Dauer der Parlamente auf sieben Jahre verlän-
gerten und so den Einfluß des Volks auf die Regierung fast ganz
vernichteten.
Unter der hannoverschen Dynastie war England bereits so weit, daß
es den Konkurrenzkrieg gegen Frankreich in der modernen Form füh-
ren konnte. England selbst bekämpfte Frankreich nur noch in Ame-
rika und Ostindien, während es auf dem Kontinent sich damit be-
gnügte, fremde Fürsten wie Friedrich II. zum Kriege gegen
Frankreich zu besolden. Und wenn so der auswärtige Krieg eine an-
dere Form annimmt, so sagt Herr Guizot: "Die auswärtige Politik
hört auf, Hauptangelegenheit zu sein", und an ihre Stelle tritt
"die Aufrechterhaltung des Friedens". Inwiefern "die Entwicklung
und die Kämpfe des parlamentarischen Regimes zur vorherrschenden
Beschäftigung der Regierung und des Publikums wurden', darüber
vergleiche man die Bestechungsgeschichten unter dem Ministerium
Walpole [196], die allerdings den unter Herrn Guizot an die
Tagesordnung gekommenen Skandalen auf ein Haar ähnlich sehn.
Warum die englische Revolution einen gedeihlicheren Fortgang nahm
als die französische, das erklärt sich Herr Guizot besonders aus
zwei Ursachen: zuerst daraus, daß die englische Revolution einen
durchaus religiösen Charakter hatte, also keineswegs mit allen
Traditionen der Vergangenheit brach, und
#209# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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zweitens daraus, daß sie von vornherein nicht zerstörend, sondern
konservativ auftrat, daß das Parlament die alten bestehenden Ge-
setze gegen die Übergriffe der Krone verteidigte.
Was den ersten Punkt angeht, so vergißt Herr Guizot, daß die
Freigeisterei, die ihn bei der französischen Revolution so gewal-
tig schaudern macht, aus keinem andern Lande nach Frankreich im-
portiert wurde als grade aus England. Locke war ihr Vater, und in
Shaftesbury und Bolingbroke nahm sie schon jene geistreiche Form
an, die später in Frankreich eine so glänzende Entwicklung fand.
Wir kommen so zu dem seltsamen Resultat, daß dieselbe Freigeiste-
rei, an der die französische Revolution nach Herrn Guizot schei-
terte, eins der wesentlichsten Produkte der religiösen englischen
Revolution war.
In Beziehung auf den zweiten Punkt vergißt Herr Guizot gänzlich,
daß die französische Revolution ebenso konservativ, noch viel
konservativer anfing als die englische. Der Absolutismus, beson-
ders wie er zuletzt in Frankreich auftrat, war auch hier eine
Neuerung, und gegen diese Neuerung erhoben sich die Parlamente
und verteidigten die alten Gesetze, die us et coutumes 1*) der
alten ständischen Monarchie. Und wenn der erste Schritt der fran-
zösischen Revolution die Wiederbelebung der seit Heinrich IV. und
Ludwig XIII. entschlafenen Generalstände war, so hat die engli-
sche Revolution dagegen kein Faktum von gleich klassischem Kon-
servatismus aufzuweisen.
Nach Herrn Guizot war das Hauptresultat der englischen Revolution
dies, daß der König in die Unmöglichkeit versetzt wurde, gegen
den Willen des Parlaments und des Hauses der Gemeinen im Parla-
ment zu regieren. Die ganze Revolution besteht nun darin, daß im
Anfang beide Seiten, Krone und Parlament, ihre Schranken über-
schreiten und zu weit gehn, bis sie dann endlich unter Wilhelm
III. das richtige Gleichgewicht finden und sich neutralisieren.
Daß die Unterwerfung des Königtums unter das Parlament seine Un-
terwerfung unter die Herrschaft einer Klasse ist, findet Herr
Guizot überflüssig zu erwähnen. Er braucht darum auch nicht wei-
ter darauf einzugehn, wie diese Klasse sich die nötige Macht er-
warb, um endlich die Krone zu ihrer Dienerin zu machen. Es han-
delt sich bei ihm in dem ganzen Kampf zwischen Karl I. und dem
Parlament nur um rein politische Vorrechte. Wozu das Parlament
und die in ihm vertretene Klasse diese Vorrechte brauchte, davon
erfährt man kein Wort. Ebensowenig spricht Herr Guizot von den
direkten Eingriffen Karls I. in die freie Konkurrenz, die den
Handel und die Industrie Englands mehr und mehr unmöglich
machten, oder von der Abhängigkeit vom Parlament, in die Karl I.
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1*) Gewohnheitsrechte
#210# Karl Marx/Friedrich Engels
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durch seine fortwährende Finanznot um so tiefer geriet, je mehr
er dem Parlament zu trotzen versuchte. Die ganze Revolution ist
ihm daher nur erklärlich durch den bösen Willen und den religiö-
sen Fanatismus einzelner Ruhestörer, die sich nicht mit einer ge-
mäßigten Freiheit begnügen konnten. Über den Zusammenhang der re-
ligiösen Bewegung mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesell-
schaft weiß Herr Guizot ebensowenig Aufklärung zu geben. Die
Republik ist natürlich ebenfalls das bloße Werk einiger Ehrgeizi-
ger, Fanatiker und Böswilliger. Daß um dieselbe Zeit in Lissabon,
in Neapel und Messina ebenfalls Versuche zur Einführung der Repu-
blik [197], und zwar, wie in England, ebenfalls im Hinblick auf
Holland gemacht wurden, ist eine Tatsache, die gar nicht erwähnt
wird. Obwohl Herr Guizot die französische Revolution nie aus den
Augen verliert, kommt er nicht einmal zu dem einfachen Schluß,
daß der Übergang von der absoluten zur konstitutionellen Monar-
chie überall erst nach heftigen Kämpfen und nach dem Durchgang
durch die Republik zustande kommt und daß selbst dann die alte
Dynastie als unbrauchbar einer usurpatorischen Seitenlinie Platz
machen muß. Über den Sturz der englischen Restaurationsmonarchie
weiß er daher nur die trivialsten Gemeinplätze zu sagen. Er führt
nicht einmal die nächsten Ursachen an: die Furcht der durch die
Reformation geschaffenen neuen großen Grundbesitzer vor der
Herstellung des Katholizismus, bei der sie natürlich ihre sämtli-
chen geraubten ehemaligen Kirchengüter hätten wieder herausgeben
müssen, d.h., bei der sieben Zehntel der gesamten Bodenfläche von
England den Besitzer gewechselt hätten; die Scheu der handeltrei-
benden und industriellen Bourgeoisie vor dem Katholizismus, der
keineswegs in ihren Commerce paßte; die Nonchalance, mit der die
Stuarts zu ihrem eignen und ihres Hofadels Vorteil die ganze eng-
lische Industrie nebst dem Handel an die Regierung Frankreichs,
d.h. des einzigen Landes verkaufte, das damals den Engländern
eine gefährliche und in vieler Beziehung siegreiche Konkurrenz
machte, usw. Da Herr Guizot also überall die wichtigsten Momente
ausläßt, so bleibt ihm nichts übrig als eine höchst ungenügende
und banale Erzählung der bloß politischen Ereignisse.
Das große Rätsel für Herrn Guizot, das er sich nur durch den
überlegenen Verstand der Engländer zu entziffern weiß, das Rätsel
des konservativen Charakters der englischen Revolution, es ist
die fortwährende Allianz, worin sich die Bourgeoisie mit dem
größten Teil der großen Grundbesitzer befindet, eine Allianz,
welche die englische Revolution wesentlich von der französischen
unterscheidet, die den großen Grundbesitz durch die Parzellierung
vernichtete. Diese mit der Bourgeoisie verbundene Klasse großer
Grundbesitzer, die übrigens schon unter Heinrich VIII. entstanden
war, befand sich nicht, wie der französische feudale Grundbesitz
1789, im Widerspruch, sondern vielmehr
#211# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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in vollständigem Einklang mit den Lebensbedingungen der Bour-
geoisie. Ihr Grundbesitz war in der Tat kein feudales, sondern
bürgerliches Eigentum. Sie stellten einerseits der industriellen
Bourgeoisie die zum Betrieb der Manufaktur nötige Bevölkerung zur
Verfügung und waren andrerseits imstande, dem Ackerbau diejenige
Entwicklung zu geben, die dem Stande der Industrie und des Han-
dels entsprach. Daher ihre gemeinsamen Interessen mit der Bour-
geoisie, daher ihre Allianz mit ihr.
Mit der Konsolidierung der konstitutionellen Monarchie in England
hört für Herrn Guizot die englische Geschichte auf. Alles Fol-
gende beschränkt sich für ihn auf ein angenehmes Wechselspiel
zwischen Tories und Whigs, d.h. für ihn auf die große Debatte
zwischen Herrn Guizot und Herrn Thiers. In der Wirklichkeit dage-
gen beginnt erst mit der Konsolidierung der konstitutionellen
Monarchie die großartige Entwicklung und Umwälzung der bürger-
lichen Gesellschaft in England. Wo Herr Guizot nur sanfte Ruhe
und idyllischen Frieden sieht, entwickelten sich in der Wirklich-
keit die gewaltigsten Konflikte, die einschneidendsten Revolutio-
nen. Zuerst bildete sich unter der konstitutionellen Monarchie
die Manufaktur zu einer bisher unbekannten Ausdehnung fort, um
dann der großen Industrie, der Dampfmaschine und den riesenmäßi-
gen Fabriken Platz zu machen. Ganze Klassen der Bevölkerung ver-
schwinden, neue treten an ihre Stelle, mit neuen Lebensbedingun-
gen und neuen Bedürfnissen. Eine neue, kolossalere Bourgeoisie
entsteht; während die alte Bourgeoisie mit der französischen Re-
volution kämpft, erobert sich die neue den Weltmarkt. Sie wird so
allmächtig, daß sie schon, ehe die Reformbill [198] ihr direkt
politische Macht in die Hand gibt, ihre Gegner zwingt, fast nur
in i h r e m Interesse und nach i h r e n Bedürfnissen Ge-
setze zu erlassen. Sie erobert sich direkte Vertretung im Parla-
ment und benutzt sie zur Vernichtung der letzten Reste reeller
Macht, die dem Grundbesitz geblieben sind. Sie ist, endlich, in
diesem Augenblick damit beschäftigt, das schöne Gebäude der eng-
lischen Verfassung, vor dem Herr Guizot bewundernd stehnbleibt,
von Grund aus zu demolieren.
Und während Herr Guizot den Engländern sein Kompliment darüber
macht, daß bei ihnen die verwerflichen Auswüchse des französi-
schen gesellschaftlichen Lebens, der Republikanismus und Sozia-
lismus, die Grundsäulen der alleinseligmachenden Monarchie nicht
erschüttert haben, währenddem sind in England die Klassengegen-
sätze in der Gesellschaft zu einer Höhe entwickelt wie in keinem
andern Lande, steht hier einer Bourgeoisie mit Reichtum und Pro-
duktivkräften ohnegleichen ein Proletariat gegenüber, das an
Macht und Konzentration ebenfalls ohnegleichen ist. Die Anerken-
nung, die Herr Guizot England zollt, läuft also schließlich dar-
auf hinaus, daß hier unter
#212# Karl Marx/Friedrich Engels
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dem Schutz der konstitutionellen Monarchie sich bei weitem mehr
und bei weitem radikalere Elemente einer gesellschaftlichen Revo-
lution entwickelt haben als in allen andern Ländern der Welt zu-
sammengenommen.
Wo die Fäden der englischen Entwicklung in einen Knotenpunkt
zusammenlaufen, den er selbst zum Schein nicht mehr durch die
bloß politische Phrase durchhauen kann, nimmt Herr Guizot seine
Zuflucht zur religiösen Phrase, zur bewaffneten Intervention Got-
tes. So kommt z.B. der Geist Gottes plötzlich über die Armee und
verhindert Cromwell, sich zum Könige auszurufen etc. etc. Vor
seinem Gewissen rettet sich Guizot durch Gott, vor dem profanen
Publikum durch den Stil.
In der Tat, nicht bloß les rois s'en vont 1*), sondern auch les
capacités de la bourgeoisie s'en vont 2*).
Geschrieben im Februar 1850.
Nach: "Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue".
Heft 2, Februar 1850.
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1*) die Könige gehen - 2*) die Kapazitäten der Bourgeoisie gehen
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