Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859


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       #213#
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       Karl Marx/Friedrich Engels
       
       Revue [199]
       
       [Januar/Februar 1850]
       
       + tout  seigneur, tout honneur. 1*) Beginnen wir mit Preußen. Der
       König von Preußen tut sein mögliches, um den gegenwärtigen Moment
       der lauwarmen Vereinbarung, der ungenügenden Kompromisse zu einer
       Krisis fortzutreiben.  [200] Er  oktroyiert eine  Verfassung  und
       bringt nach  verschiedenen Unannehmlichkeiten  zwei  Kammern  zu-
       stande, die diese Verfassung revidieren. Damit die Verfassung der
       Krone nur ja recht annehmbar erscheine, streichen die Kammern je-
       den Artikel,  der der  Krone irgendwie  anstößig sein könnte, und
       glauben, jetzt  werde der König die Verfassung sofort beschwören.
       Aber im  Gegenteil. Um  den Kammern  einen Beweis  seiner "könig-
       lichen Gewissenhaftigkeit"  zu geben,  erläßt  Friedrich  Wilhelm
       eine Botschaft  [201], worin  er neue Vorschläge zur Verbesserung
       der Verfassung  macht, Vorschläge,  deren Annahme  dem  erwähnten
       Dokument auch  den letzten  Schein der  geringsten  sog.  konsti-
       tutionellen bürgerlichen Garantien nehmen würde. Der König hofft,
       die Kammern  werden diese  Vorschläge verwerfen  - im  Gegenteil.
       Hatten sich  die Kammern  in der  Krone getäuscht, so sorgten sie
       nun dafür,  daß die  Krone sich in ihnen täuschen muß. Sie nehmen
       alles an, alles, Pairie und Ausnahmsgericht, Landsturm und Fidei-
       kommisse [202],  bloß um  nicht  auch  nach  Hause  geschickt  zu
       werden, bloß  um den  König endlich  einmal zu einem ernsthaften,
       "leiblichen" Eide  zu zwingen. So rächt sich ein preußischer kon-
       stitutioneller Bürger. [203]
       Es wird  dem Könige  schwer werden,  eine Demütigung zu erfinden,
       die diesen  Kammern zu  hart  erscheinen  dürfte.  Er  wird  sich
       zuletzt genötigt  sehen zu  erklären, "je heiliger er das von ihm
       abzulegende eidliche  Gelöbnis halte, um so mehr treten ihm dabei
       die Pflichten  vor die Seele, die ihm für das teure Vaterland von
       Gott auferlegt  sind",  und  um  so  weniger  erlaube  ihm  seine
       "königliche Gewissenhaftigkeit",  eine Verfassung  zu beschwören,
       die ihm alles, dem Lande aber nichts biete.
       Die Herren des seligen "Vereinigten Landtags" [204], die jetzt in
       den Kammern
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       1*) Jedem Junker seine Ehre.
       
       #214# Karl Marx/Friedrich Engels
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       wieder zusammen  sind, fürchten  deshalb so sehr, auf ihren alten
       Stand vor  dem 18.  März zurückgedrängt  zu werden, weil sie dann
       wieder die  Revolution vor  sich haben,  die ihnen  aber  diesmal
       keine Rosen  bringen wird.  Dazu kommt, daß sie 1847 noch die An-
       leihe für  die angebliche Ostbahn verweigern konnten, während sie
       der Regierung  1849 erst die fragliche Anleihe wirklich bewillig-
       ten und  dann um  das theoretische Recht der Geldbewilligung hin-
       ten-nach demütigst bei ihr einkamen.
       Inzwischen macht  sich die  Bourgeoisie  außer  den  Kammern  das
       Vergnügen, in  den Geschwornengerichten die politisch Angeklagten
       freizusprechen und dadurch ihre Opposition gegen die Regierung an
       den Tag  zu legen.  Bei diesen Prozessen kompromittiert sich dann
       regelmäßig die  Regierung auf  der einen  Seite, die in den Ange-
       klagten und  dem Auditorium repräsentierte Demokratie auf der an-
       dern. Wir  erinnern an  den Prozeß  des "stets konstitutionellen"
       Waldeck, den Prozeß in Trier [205] usw.
       Auf die Frage des alten Arndt: "Was ist des Deutschen Vaterland?"
       antwortete Friedrich  Wilhelm IV.:  Erfurt [206]. Es war nicht so
       schwer, die  Iliade im  Froschmäuslerkrieg [207] zu travestieren,
       aber an  eine Travestie  des Froschmäuslerkrieges  hat bis  jetzt
       noch niemand  zu denken  gewagt. Dem  Plan Erfurt gelingt es, den
       Froschmäuslerkrieg der  Paulskirche selbst  noch zu travestieren.
       Es ist  natürlich vollständig  gleichgültig, ob  die unglaubliche
       Versammlung in  Erfurt wirklich  zusammenkommt oder ob der recht-
       gläubige Zar  1*) sie  verbietet,  ebenso  gleichgültig  wie  der
       Protest gegen ihre Kompetenz, zu dessen Erlaß Herr Vogt sich ohne
       Zweifel mit  Herrn Venedey  vereinbaren wird. Die ganze Erfindung
       hat bloß  Interesse für  jene tiefsinnigen  Politiker, für  deren
       Leitartikel die  "großdeutsche" und  "kleindeutsche"  Frage  eine
       ebenso ergiebige  wie unentbehrliche  Fundgrube war,  und für die
       preußischen Bourgeois, die des seligmachenden Glaubens leben, der
       König von  Preußen werde in Erfurt alles bewilligen, eben weil er
       in Berlin alles abgeschlagen hat.
       Wenn die  Frankfurter "Nationalversammlung"  in Erfurt  mehr oder
       weniger getreu widergespiegelt werden soll, so wird der alte Bun-
       destag im  "Interim" wiedergeboren  und zugleich  auf seinen ein-
       fachsten Ausdruck, auf eine östreichisch-preußische Bundeskommis-
       sion zurückgeführt.  [208] Das Interim ist bereits in Württemberg
       eingeschritten  und  wird  demnächst  in  Mecklenburg  [209]  und
       Schleswig-Holstein einschreiten.  Während Preußen  lange Zeit mit
       Emissionen von Papiergeld, mit verstohlenen Anleihen der Seehand-
       lung [210] und mit den Resten des Staatsschatzes sein Budget küm-
       merlich zustande brachte und erst jetzt auf die Bahn der Anleihen
       gedrängt ist,  steht in  Östreich   der Staatsbankerott in voller
       Blüte.
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       1*) Nikolaus I.
       
       #215# Revue. Januar/Februar 1850
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       Ein Defizit  von 155  Mill. Gulden in den ersten neun Monaten des
       Jahres 1849,  das bis  Ende Dezember  auf 210-220 Mill, gestiegen
       sein muß; der vollständige Ruin des Staatskredits im In- und Aus-
       lande nach  dem mit  Eklat gescheiterten  Versuch einer neuen An-
       leihe; die  totale Erschöpfung der inländischen Finanzressourcen,
       der  gewöhnlichen  Steuern,  der  Brandschatzungen,  der  Papier-
       geldemission; die  Notwendigkeit, dem ausgesognen Lande neue Ver-
       zweiflungssteuern aufzuoktroyieren, die voraussichtlich gar nicht
       einkommen werden  - das  sind die  Hauptzüge, in denen die blasse
       Finanznot in  östreich zutage  tritt. Gleichzeitig damit geht die
       Verfaulung des  östreichischen Staatskörpers  immer  rascher  vor
       sich. Vergebens stellt die Regierung ihr eine krampfhafte Zentra-
       lisation entgegen;  die Desorganisation hat bereits die äußersten
       Extremitäten des Staatskörpers erreicht, den barbarischsten Stäm-
       men, den Hauptstützen des alten Östreich, den Südslawen in Dalma-
       tien, Kroatien  und dem  Banat,  den  "getreuen"  Grenzern  [211]
       selbst wird  östreich  unerträglich.  Nur  ein  Verzweiflungscoup
       bleibt noch  übrig und  bietet eine  geringe Chance der Rettung -
       ein Krieg  nach außen;  dieser Krieg  nach außen, zu dem Östreich
       unaufhaltsam getrieben  wird, muß  seine  vollständige  Auflösung
       rasch zu Ende führen.
       Auch Rußland  war nicht reich genug, seinen Ruhm zu bezahlen, den
       es noch  dazu mit  barem Gelde  erkaufen mußte. Trotz der vielge-
       rühmten Goldbergwerke des Ural und Altai, trotz der unerschöpfli-
       chen Schätze  in den Gewölben von Petropawlowsk, trotz der angeb-
       lich aus purem Überfluß an Geld hervorgegangenen Rentenankäufe in
       London und Paris sieht der rechtgläubige Zar sich genötigt, nicht
       nur 5 000 000  Silberrubel unter  allerlei falschen Vorwänden aus
       den zur  Deckung des Papiergeldes in Petropawlowsk liegenden Bar-
       vorräten zu  entnehmen und den Verkauf seiner Renten an der Pari-
       ser Börse  zu befehlen, sondern auch die ungläubige City von Lon-
       don um einen Vorschuß von 30 Millionen Silberrubel anzusprechen.
       Durch die  Bewegungen der Jahre 1848 und 1849 ist Rußland so tief
       in die  europäische Politik verwickelt worden, daß es seine alten
       Pläne auf  die Türkei, auf Konstantinopel, "den Schlüssel zu sei-
       nem Hause"  [212], jetzt  schleunigst durchführen  muß, wenn  sie
       nicht für  immer unausführbar werden sollen. Die Fortschritte der
       Kontrerevolution und  die täglich  wachsende Macht der revolutio-
       nären Partei  in Westeuropa,  die eigne  innere Lage Rußlands und
       der schlechte  Zustand seiner Finanzen zwingen es zu raschem Han-
       deln. Wir  sahen vor  kurzem das  diplomatische  Vorspiel  dieser
       neuen orientalischen Haupt- und Staatsaktion [213]; wir werden in
       wenigen Monaten die Aktion selbst erleben.
       Der Krieg  gegen die Türkei ist notwendig ein europäischer Krieg.
       Um so besser für das heilige Rußland, das dadurch Gelegenheit be-
       kommt, festen Fuß
       
       #216# Karl Marx/Friedrich Engels
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       in Deutschland  zu fassen, die Kontrerevolution dort energisch zu
       Ende zu  führen, den Preußen Neuchâte [214] erobern zu helfen und
       in letzter  Instanz auf  das Zentrum der Revolution, auf Paris zu
       marschieren.
       Bei einem  solchen europäischen Kriege kann England nicht neutral
       bleiben. Es  muß sich  gegen Rußland entscheiden. Und England ist
       für Rußland  der allergefährlichste  Gegner. Wenn  die Landarmeen
       des Kontinents  sich immer  mehr durch Ausbreitung schwächen müs-
       sen, je  weiter sie  in Rußland  vordringen, wenn ihr Vordringen,
       bei Strafe  der Wiederholung von 1812, von den Ostgrenzen des al-
       ten Polens  an fast ganz aufhören muß, so hat England die Mittel,
       Rußland bei seinen verwundbarsten Seiten zu fassen. Abgesehen da-
       von, daß  es die  Schweden zur  Wiedereroberung Finnlands zwingen
       kann, stehen  seiner Flotte Petersburg und Odessa offen. Die rus-
       sische Flotte  ist bekanntlich  die schlechteste  der  Welt,  und
       Kronstadt und  Schlüsselburg sind ebensogut einnehmbar wie Saint-
       Jean d'Acre  und San  Juan de  Uloat [215].  Ohne Petersburg  und
       Odessa aber  ist Rußland  ein Riese  mit abgehauenen Händen. Dazu
       kommt, daß  Rußland weder  für den Absatz seiner Rohprodukte noch
       für den Einkauf von Industrieprodukten England auch nur auf sechs
       Monate lang entbehren kann, was schon zur Zeit der Napoleonischen
       Kontinentalsperre klar  hervortrat, was  aber jetzt  in noch viel
       höherem Grade der Fall ist. Die Abschneidung des englischen Mark-
       tes würde Rußland in wenig Monaten in die heftigsten Konvulsionen
       versetzen. England  kann dagegen  nicht nur  den russischen Markt
       auf einige  Zeit entbehren,  sondern auch alle russischen Rohpro-
       dukte von andern Märkten beziehen. Man sieht, daß das gefürchtete
       Rußland keineswegs  so gefährlich  ist. Es muß aber dem deutschen
       Bürger in  einer so  schreckenerregenden Gestalt erscheinen, weil
       es direkt seine Fürsten beherrscht und weil er sehr richtig ahnt,
       daß die  Barbarenhorden Rußlands  binnen kurzem Deutschland über-
       schwemmen und  dort gewissermaßen eine messianische Rolle spielen
       werden.
       Die   S c h w e i z  verhält sich zu der Heiligen Allianz [42] im
       allgemeinen wie  die preußischen Kammern zu ihrem König im beson-
       dern. Nur daß die Schweiz hinter sich noch einen Sündenbock stehn
       hat, dem  sie alle Schläge doppelt und dreifach wiedergeben kann,
       die sie  von der Heiligen Allianz erhält, einen obendrein wehrlo-
       sen, ihr  auf Gnade  und Ungnade  überlieferten Sündenbock  - die
       deutschen Flüchtlinge.  Es ist wahr, daß ein Teil der "radikalen"
       Schweizer in  Genf, im Waadtland, in Bern gegen die feige Politik
       des Bundesrats  - feig sowohl gegen die Heilige Allianz wie gegen
       die Flüchtlinge  - protestiert hat; es ist aber auch ebenso wahr,
       daß der  Bundesrat recht hatte, wenn er behauptete, daß seine Po-
       litik "die  der ungeheuren  Majorität des Schweizer Volks" sei. -
       Dazwischen fährt die Zentralgewalt fort, im Innern ganz ruhig
       
       #217# Revue. Januar/Februar 1850
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       kleine bürgerliche  Reformen, Zentralisierung  der  Douanen,  der
       Münzen, der  Posten, der Maße und Gewichte, durchzuführen, Refor-
       men, die  ihr den  Applaus der Kleinbürgerschaft sichern. Den Be-
       schluß wegen der Aufhebung der Militärkapitulationen [216] durch-
       zuführen, wagt  sie freilich nicht, und noch täglich gehn die Ur-
       kantönler [217]  haufenweise nach Como, um sich dort für den nea-
       politanischen Dienst  anwerben zu  lassen. Aber trotz aller Demut
       und Zuvorkommenheit  gegen die  Heilige Allianz droht der Schweiz
       doch ein  fatales Gewitter.  Im ersten  Übermut nach  dem Sonder-
       bundskrieg [15]  und vollends  nach der  Februarrevolution  haben
       sich die  sonst  so  ängstlichen  Schweizer  zu  Unbesonnenheiten
       verführen  lassen.   Sie  haben   das  Ungeheure  gewagt,  einmal
       unabhängig sein  zu wollen;  sie haben  sich anstatt  der von den
       Mächten garantierten  Verfassung von  1814 eine neue gegeben, sie
       haben die Unabhängigkeit Neuchâtels gegen die Verträge anerkannt.
       Dafür werden  sie gezüchtigt  werden, trotz  aller Bücklinge  und
       Gefälligkeiten und Polizeidienste. Und einmal in den europäischen
       Krieg verwickelt, ist die Lage der Schweiz nicht die angenehmste;
       hat die Schweiz die heiligen Alliierten beleidigt, so hat sie die
       Revolution auf der andern Seite verraten.
       In   Frankreich,  wo die Bourgeoisie selbst die Reaktion in ihrem
       eignen Interesse leitet und wo die republikanische Regierungsform
       dieser  Reaktion  die  freieste  und  konsequenteste  Entwicklung
       gestattet, wird die Unterdrückung der Revolution am schamlosesten
       und am  gewaltsamsten durchgeführt.  In der  kurzen  Frist  eines
       Monats  folgten  Schlag  auf  Schlag  die  Wiederherstellung  der
       Getränkesteuer, die  den Ruin  der halben  Landbevölkerung direkt
       vollendet, das  Zirkular d'Hautpoul, das die Gendarmen zu Spionen
       selbst über die Beamten ernennt, das Gesetz über die Schullehrer,
       das alle  Elementarlehrer für  willkürlich  durch  die  Präfekten
       absetzbar erklärt,  das Unterrichtsgesetz,  das die  Schulen  den
       Pfaffen  überliefert,   das  Transportationsgesetz,  in  dem  die
       Bourgeoisie ihre ganze ungesühnte Rachlust an den Juniinsurgenten
       ausläßt  und  sie,  in  Ermangelung  eines  andern  Henkers,  dem
       tödlichsten Klima  von ganz Algerien überantwortet. Von den zahl-
       losen Ausweisungen  selbst der  unschuldigsten Fremden,  die seit
       dem 13. Juni [162] gar nicht mehr aufgehört haben, wollen wir gar
       nicht reden.
       Das Ziel dieser heftigen Bourgeoisreaktion ist natürlich die Her-
       stellung der Monarchie. Die monarchische Restauration findet aber
       ein  bedeutendes  Hindernis  in  den  verschiedenen  Prätendenten
       selbst und in den Parteien, die sie im Lande haben. Die Legitimi-
       sten [20]  und Orleanisten  [36], die  beiden stärksten monarchi-
       schen Parteien,  wiegen sich ungefähr auf; die dritte Partei, die
       bonapartistische, ist  bei weitem  die schwächste. Louis-Napoleon
       hat trotz seiner sieben Millionen Stimmen nicht einmal eine wirk-
       liche Partei, er hat nur
       
       #218# Karl Marx/Friedrich Engels
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       eine Koterie.  Er, der in der allgemeinen Handhabung der Reaktion
       stets von  der Majorität der Kammer unterstützt wird, findet sich
       von ihr  verlassen, sobald seine besondern Interessen als Präten-
       dent hervortreten, verlassen nicht nur von der Majorität, sondern
       auch von seinen Ministern, die ihn jedesmal Lügen strafen und ihn
       schriftlich zwingen,  trotz alledem den nächsten Tag zu erklären,
       daß sie  sein Vertrauen  besitzen. Die Zerwürfnisse, in die er so
       mit der  Majorität gerät, zu so ernsthaften Folgen sie vielleicht
       führen können,  sind daher  bis jetzt  nur komische  Episoden, in
       denen der  Präsident der Republik jedesmal die Rolle des Geprell-
       ten spielt. Es versteht sich dabei von selbst, daß jede monarchi-
       sche Sektion  auf ihre  eigne Faust mit der Heiligen Allianz kon-
       spiriert. Die  "Assemblée nationale"  ist unverschämt  genug, dem
       Volke öffentlich mit den Russen zu drohen; daß Louis-Napoleon mit
       Nikolaus kabaliert,  darüber liegen  schon jetzt  Tatsachen genug
       vor.
       In demselben  Maße wie die Reaktion fortschreitet, wachsen natür-
       lich auch  die Kräfte  der revolutionären Partei. Die große Masse
       der Landbevölkerung, ruiniert durch die Folgen der Parzellierung,
       durch die  Steuerlast und  den rein fiskalischen, selbst vom bür-
       gerlichen Standpunkt  aus schädlichen Charakter der meisten Steu-
       ern, enttäuscht  über die  Versprechungen Louis-Napoleons und der
       reaktionären Deputierten,  die Masse der Landbevölkerung hat sich
       der revolutionären  Partei in  die Arme geworfen und bekennt sich
       zu einem  freilich meist  noch sehr rohen und bürgerlichen Sozia-
       lismus. Wie  revolutionär selbst  die legitimistischsten Departe-
       ments gestimmt  sind, beweist  die letzte  Wahl im Departement du
       Gard, dem  Zentrum des Royalismus und des "weißen Schreckens" von
       1815, wo ein Roter gewählt wurde [96]. Die Kleinbürgerschaft, ge-
       drückt durch  das große Kapital, das im Handel wie in der Politik
       wieder ganz  die Stellung  einnimmt wie unter Louis-Philippe, ist
       der Landbevölkerung  gefolgt. Der  Umschwung ist so gewaltig, daß
       selbst der Verräter Marrast und das Journal der Epiciers 1*), der
       "Siècle", sich  für Sozialisten  haben erklären müssen. Die Stel-
       lung der  verschiedenen Klassen gegeneinander, für die die gegen-
       seitige Stellung der politischen Parteien nur ein andrer Ausdruck
       ist, ist  fast ganz  wieder dieselbe wie am 22. Februar 1848. Nur
       daß es  sich jetzt  um andre Dinge handelt, daß die Arbeiter sich
       viel klarer  sind und  daß namentlich  eine bisher politisch tote
       Klasse, die  der Bauern,  in die  Bewegung hineingerissen und für
       die Revolution gewonnen ist.
       Darin liegt  die Notwendigkeit  für die  herrschende Bourgeoisie,
       die Beseitigung  des allgemeinen Stimmrechts so rasch wie möglich
       zu versuchen; und in dieser Notwendigkeit liegt wieder die Gewiß-
       heit eines  baldigen Sieges  der Revolution, selbst abgesehen von
       den auswärtigen Verhältnissen.
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       1*) Kleinhändler
       
       #219# Revue. Januar/Februar 1850
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       Wie gespannt  überhaupt die Situation ist, geht schon aus dem ko-
       mischen Gesetzvorschlag  des Volksrepräsentanten  Pradié  hervor,
       der in  etwa 200  Artikeln den Versuch macht, den Staatsstreichen
       und Revolutionen  durch ein Dekret der Nationalversammlung vorzu-
       beugen. Und  wie wenig  die hohe Finanz hier sowohl wie in andern
       Hauptstädten der  scheinbar hergestellten  "Ordnung" traut,  kann
       man daraus  sehen, daß  die verschiedenen Stämme des Hauses Roth-
       schild ihren  Gesellschaftsvertrag vor  einigen Monaten  nur  auf
       e i n   J a h r  verlängerten - ein Zeitraum von unerhörter Kürze
       in den Annalen des Großhandels.
       Während der Kontinent sich in den zwei letzten Jahren mit Revolu-
       tionen, Kontrerevolutionen  und dem  davon unzertrennlichen Rede-
       fluß beschäftigte,  machte das industrielle England in einem ganz
       andern Artikel:  in Prosperität.  Hier war  die im Herbst 1845 in
       due course  1*) ausgebrochene Handelskrisis zweimal - Anfang 1846
       durch die  Freihandelsbeschlüsse des  Parlaments [218] und Anfang
       1848 durch  die Februarrevolution  [219] -  unterbrochen  worden.
       Eine Menge  der die  überseeischen Märkte  niederdrückenden Waren
       hatte in  der Zwischenzeit allmählich Débouchés 2*) gefunden. Die
       Februarrevolution beseitigte nun noch auf eben diesen Märkten die
       Konkurrenz der kontinentalen Industrie, während die englische In-
       dustrie an dem gestörten Kontinentalmarkt nicht viel mehr verlor,
       als sie  durch den  weiteren Verlauf  der Krisis ohnehin verloren
       haben würde.  Die Februarrevolution,  die die  kontinentale Indu-
       strie momentan fast ganz still setzte, half so den Engländern auf
       eine ganz  erträgliche Weise  durch ein  Jahr der  Krisis kommen,
       trug zur  Aufräumung der  gehäuften Vorräte auf den überseeischen
       Märkten wesentlich  bei und machte einen neuen industriellen Auf-
       schwung mit  dem Frühjahr  1849 möglich.  Dieser Aufschwung,  der
       sich übrigens  auch auf einen großen Teil der kontinentalen Indu-
       strie erstreckte,  hat in  den letzten drei Monaten einen solchen
       Grad erreicht,  daß die  Fabrikanten behaupten,  noch nie eine so
       gute Zeit gehabt zu haben - eine Behauptung, die jedesmal am Vor-
       abend der  Krise gemacht  wird. Die  Fabriken sind  mit Aufträgen
       überladen und  arbeiten mit  beschleunigter Geschwindigkeit;  man
       sucht jedes  Mittel auf,  um die  Zehnstundenbill zu  umgehen und
       neue Arbeitsstunden  zu gewinnen;  neue Fabriken  werden in allen
       Teilen der  Industriebezirke in Menge gebaut und die alten werden
       erweitert. Das  bare Geld  drängt sich  auf den  Markt,  das  un-
       beschäftigte Kapital  will den Moment des allgemeinen Profits be-
       nutzen; der  Diskonto fällt,  die Spekulation  wirft sich  in die
       Produktion oder auf den Rohproduktenhandel, und fast alle Artikel
       steigen absolut, alle steigen relativ im
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       1*) zur fälligen Zeit - 2*) Absatzgebiete
       
       #220# Karl Marx/Friedrich Engels
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       Preise. Kurz, die "Prosperität" in ihrer schönsten Blüte beglückt
       England, und  es fragt  sich nur,  wie lange dieser Rausch dauern
       wird. Sehr  lange jedenfalls  nicht. Mehrere  der größten Märkte,
       namentlich Ostindien,  sind schon fast überführt; die Ausfuhr be-
       günstigt schon jetzt weniger die wirklichen großen Märkte als die
       Entrepots des  Welthandels, von denen aus die Waren nach den gün-
       stigsten Märkten dirigiert werden können. Bald werden bei den ko-
       lossalen Produktivkräften,  die die  englische Industrie von 1843
       bis 1845, in den Jahren 1846 und 1847 und besonders 1849 den bis-
       herigen hinzugefügt  hat und  die sie noch täglich hinzufügt, die
       noch bleibenden, besonders nord-und südamerikanischen und austra-
       lischen Märkte ebenfalls überführt sein, und mit den ersten Nach-
       richten von  dieser Überführung  wird der "panic" in der Spekula-
       tion und  Produktion gleichzeitig  eintreten -  vielleicht  schon
       gegen Ende  des Frühjahrs,  spätestens im Juli oder August. Diese
       Krisis wird  aber dadurch, daß sie mit großen Kollisionen auf dem
       Kontinent zusammenfallen  muß, ganz andre Früchte tragen als alle
       bisherigen. War  bisher jede  Krisis das  Signal zu  einem  neuen
       Fortschritt, einem neuen Siege der industriellen Bourgeoisie über
       den Grundbesitz  und die  Finanzbourgeoisie, so  wird  diese  den
       Anfang  der  modernen  englischen  Revolution  bezeichnen,  einer
       Revolution, in der Cobden die Rolle des Necker übernehmen wird.
       Wir kommen  nun zu  Amerika. Das wichtigste Faktum, das sich hier
       ereignet hat,  wichtiger noch  als die Februarrevolution, ist die
       Entdeckung der  kalifornischen Goldgruben. Schon jetzt, nach kaum
       achtzehn Monaten,  läßt es sich voraussehen, daß diese Entdeckung
       viel großartigere  Resultate haben wird als selbst die Entdeckung
       Amerikas. Dreihundertdreißig  Jahre lang ist der ganze Handel von
       Europa nach  dem Stillen Ozean mit der rührendsten Langmut um das
       Kap der  Guten Hoffnung  oder das  Kap Horn  geführt worden. Alle
       Vorschläge zur  Durchstechung des  Isthmus von Panama scheiterten
       an  der   bornierten  Eifersucht   der  handeltreibenden  Völker.
       Achtzehn Monate  lang sind die kalifornischen Goldminen entdeckt,
       und  schon   haben  die   Yankees  eine   Eisenbahn,  eine  große
       Landstraße, einen Kanal vom Mexikanischen Busen in Angriff genom-
       men, schon sind Dampfschiffe von New York bis Chagres, von Panama
       bis San  Franzisco in regelmäßiger Fahrt, schon konzentriert sich
       der Handel  des Stillen  Meeres in  Panama, und  die Fahrt um Kap
       Horn ist  veraltet. Eine  Küste von  30 Breitengraden Länge, eine
       der schönsten und fruchtbarsten der Welt, bisher so gut wie unbe-
       wohnt, verwandelt  sich zusehends  in ein  reiches, zivilisiertes
       Land, dicht  bevölkert von  Menschen aller Stämme, vom Yankee zum
       Chinesen, vom Neger zum Indianer und Malaien, vom Kreolen und Me-
       stizen zum Europäer. Das kalifornische Gold ergießt sich in Strö-
       men über Amerika und die asiatische Küste
       
       #221# Revue, Januar/Februar 1850
       -----
       des Stillen Ozeans und reißt die widerspenstigsten Barbarenvölker
       in den  Welthandel, in die Zivilisation. Zum zweiten Male bekommt
       der Welthandel  eine neue  Richtung. Was  im Altertum Tyrus, Kar-
       thago und Alexandria, im Mittelalter Genua und Venedig waren, was
       bisher London  und Liverpool gewesen sind, die Emporien des Welt-
       handels, das werden jetzt New York und San Franzisco, San Juan de
       Nicaragua [220] und Leon, Chagres und Panama. Der Schwerpunkt des
       Weltverkehrs, im  Mittelalter Italien,  in der  neueren Zeit Eng-
       land,  ist  jetzt  die  südliche  Hälfte  der  nordamerikanischen
       Halbinsel. Die  Industrie und  der Handel des alten Europa müssen
       sich gewaltig anstrengen, wenn sie nicht in denselben Verfall ge-
       raten wollen  wie die  Industrie und der Handel Italiens seit dem
       16. Jahrhundert,  wenn nicht England und Frankreich dasselbe wer-
       den soll,  was Venedig,  Genua und  Holland heute  sind. In wenig
       Jahren werden wir eine regelmäßige Dampfpaketlinie haben von Eng-
       land nach  Chagres, von  Chagres und  San Franzisco  nach Sydney,
       Kanton und Singapore. Dank dem kalifornischen Golde und der uner-
       müdlichen Energie  der Yankees  werden beide  Küsten des  Stillen
       Meers bald  ebenso bevölkert, ebenso offen für den Handel, ebenso
       industriell sein,  wie es  jetzt die Küste von Boston bis New Or-
       leans ist.  Dann wird der Stille Ozean dieselbe Rolle spielen wie
       jetzt das Atlantische und im Altertum und Mittelalter das Mittel-
       ländische Meer  - die  Rolle der großen Wasserstraße des Weltver-
       kehrs; und  der Atlantische  Ozean wird  herabsinken zu der Rolle
       eines Binnensees,  wie sie  jetzt das Mittelmeer spielt. Die ein-
       zige Chance, daß die europäischen zivilisierten Länder dann nicht
       in dieselbe  industrielle, kommerzielle  und politische Abhängig-
       keit fallen,  in der Italien, Spanien und Portugal sich jetzt be-
       finden, liegt  in einer  gesellschaftlichen Revolution,  die, so-
       lange es  noch Zeit  ist, die Produktions- und Verkehrsweise nach
       den aus den modernen Produktivkräften hervorgehenden Bedürfnissen
       der Produktion  selbst umwälzt  und dadurch  die Erzeugung  neuer
       Produktivkräfte möglich  macht, welche die Superiorität der euro-
       päischen  Industrie   sichern  und  so  die  Nachteile  der  geo-
       graphischen Lage ausgleichen.
       Zum Schluß  noch ein  charakteristisches Kuriosum  aus China, das
       der bekannte  deutsche Missionär  Gützlaff mitgebracht  hat.  Die
       langsam,  aber  regelmäßig  steigende  Übervölkerung  des  Landes
       machte die  dortigen gesellschaftlichen  Verhältnisse schon lange
       sehr drückend  für die  große Majorität  der Nation. Da kamen die
       Engländer und  erzwangen sich  den freien Handel nach fünf Häfen.
       [221] Tausende  von englischen und amerikanischen Schiffen segel-
       ten nach  China, und  in kurzer  Zeit war das Land mit wohlfeilen
       britischen und  amerikanischen Maschinenfabrikaten überfüllt. Die
       chinesische, auf  der Handarbeit  beruhende Industrie  erlag  der
       Konkurrenz der Maschine. Das un
       
       #222# Karl Marx/Friedrich Engels
       -----
       erschütterliche Reich  der Mitte  erlebte eine  gesellschaftliche
       Krise. Die  Steuern gingen  nicht mehr  ein, der Staat kam an den
       Rand des Bankerotts, die Bevölkerung sank massenweise in den Pau-
       perismus hinab,  brach in  Empörungen aus, mißkannte, mißhandelte
       und tötete  des Kaisers  1*) Mandarine und Fohis Bonzen. Das Land
       kam an  den Rand des Verderbens und ist bereits bedroht mit einer
       gewaltigen Revolution. Aber noch schlimmer. Unter dem aufrühreri-
       schen Plebs  traten Leute  auf, die  auf die Armut der einen, auf
       den Reichtum der andern hinwiesen, die eine andere Verteilung des
       Eigentums, ja  die gänzliche Abschaffung des Privateigentums for-
       derten und  noch fordern. Als Herr Gützlaff nach 20jähriger Abwe-
       senheit wieder  unter zivilisierte  Leute und Europäer kam, hörte
       er von  Sozialismus sprechen  und frug,  was das sei? Als man ihm
       dies erklärt hatte, rief er erschreckt aus:
       
       "Ich soll also dieser verderblichen Lehre nirgends entgehn? Grade
       dasselbe wird  ja seit einiger Zeit von vielen Leuten aus dem Mob
       in China gepredigt!"
       
       Der chinesische  Sozialismus mag  sich nun  freilich zum europäi-
       schen verhalten  wie die  chinesische Philosophie zur Hegelschen.
       Es ist  aber immer  ein ergötzliches  Faktum, daß das älteste und
       unerschütterlichste Reich  der Erde  durch die  Kattunballen  der
       englischen Bourgeois in acht Jahren an den Vorabend einer gesell-
       schaftlichen Umwälzung  gebracht worden  ist, die  jedenfalls die
       bedeutendsten Resultate  für die Zivilisation haben muß. Wenn un-
       sere europäischen  Reaktionäre auf ihrer demnächst bevorstehenden
       Flucht durch Asien endlich an der chinesischen Mauer ankommen, an
       den Pforten,  die zu  dem Hort der Urreaktion und des Urkonserva-
       tismus führen,  wer weiß, ob sie nicht darauf die Überschrift le-
       sen:
       
       République chinoise
       Liberté, Égalité, Fraternité 2*). [222]
       
       London, 3I.Januar 1850
       
                                    ---
       
       Die Wünsche  der preußischen Bürgerschaft sind erfüllt: Der "Mann
       von Ehre"  hat die Verfassung beschworen unter der Bedingung, daß
       es ihm  "möglich gemacht  werde, mit  dieser Verfassung zu regie-
       ren". [223] Und die Bourgeois in den Kammern haben in den wenigen
       Tagen, die seit dem 6. Februar verflossen sind, diesen Wunsch be-
       reits vollständig  erfüllt. Vor  dem 6.  Februar sagten  sie: Wir
       müssen Konzessionen  machen, damit  nur die Verfassung beschworen
       werde; ist der Eid erst geleistet, so können wir ganz anders auf-
       treten.
       -----
       1*) Taokuang -  2*) Chinesische Republik  - Freiheit, Gleichheit,
       Brüderlichkeit
       
       #223# Revue. Januar/Februar 1850
       -----
       Nach dem 6. Februar sagen sie: Die Verfassung ist beschworen, wir
       haben alle  nur möglichen  Garantien; wir  können also ganz ruhig
       Konzessionen machen.  Achtzehn Millionen  zu Kriegsrüstungen, zur
       Mobilmachung von  500 000 Mann  gegen einen  bis jetzt noch unbe-
       kannten Feind, werden ohne Debatte, ohne Opposition fast einstim-
       mig bewilligt; das Budget wird in vier Tagen votiert, alle Regie-
       rungsvorlagen gehen  im Handumdrehen durch die Kammern. [224] Man
       sieht, es  fehlt der  deutschen Bourgeoisie  noch immer  nicht an
       Feigheit und an Vorwänden für diese Feigheit.
       Der König  von Preußen  hat durch diese wohlmeinende Kammer Gele-
       genheit genug  bekommen einzusehen,  welche Vorzüge das konstitu-
       tionelle System  vor dem absolutistischen besitzt, und zwar nicht
       nur für  die Regierten,  sondern auch  für die Regenten. Wenn wir
       zurückdenken an  die Finanzbeklemmung  von 1842-1848, an die ver-
       geblichen Borgversuche  mit der  Seehandlung und der Bank, an die
       abschlägigen Antworten  Rothschilds, an die vom Vereinigten Land-
       tag verweigerte  Anleihe, an  die Erschöpfung  des Staatsschatzes
       und der  öffentlichen Kassen,  und wenn  wir mit  dem allen  ver-
       gleichen den Finanzüberfluß von 1850 - drei Budgets mit siebenzig
       Millionen  Defizit  durch  Kammerbewilligung  gedeckt,  Darlehns-
       scheine, Tresorscheine  massenhaft in  Umlauf gesetzt,  der Staat
       mit der  Bank auf  einem besseren  Fuß als je mit der Seehandlung
       und zu alledem noch vierunddreißig Millionen bewilligter Anleihen
       in Reserve - welch ein Kontrast!
       Nach den  Äußerungen des Kriegsministers hält also die preußische
       Regierung Eventualitäten  für wahrscheinlich,  welche sie zwingen
       könnten, im  Interesse der  europäischen "Ordnung  und Ruhe" ihre
       ganze Armee  zu mobilisieren.  Durch diese  Erklärung hat Preußen
       seinen erneuerten Beitritt zur Heiligen Allianz laut und deutlich
       genug proklamiert. Wer der Feind ist, dem der neue Kreuzzug gilt,
       ist klar. Das Zentrum der Anarchie und des Umsturzes, das welsche
       Babel soll  vernichtet werden.  Ob Frankreich  direkt angegriffen
       werden, ob  Diversionen gegen  die Schweiz  und gegen  die Türkei
       vorhergehen sollen,  wird fast  nur von  der Entwicklung der Ver-
       hältnisse in Paris abhängen. Jedenfalls hat die preußische Regie-
       rung jetzt  die Mittel, ihre 180 000 Soldaten binnen zwei Monaten
       auf 500 000  zu erhöhen; 400 000 Russen stehn in Polen, Wolhynien
       und Bessarabien echeloniert; Östreich hat 650 000 Mann mindestens
       auf den  Beinen. Schon um diese kolossalen Streitkräfte zu ernäh-
       ren, müssen  Rußland und  Östreich einen  Invasionskrieg noch  in
       diesem Jahre  beginnen. Und  in Beziehung  auf die erste Richtung
       dieser Invasion ist soeben ein merkwürdiges Aktenstück in die Öf-
       fentlichkeit gekommen.
       Die "Schweizerische  National-Zeitung" teilt in einer ihrer letz-
       ten Nummern  eine angeblich  vom östreichischen General Schönhals
       verfaßte Denkschrift
       
       #224# Karl Marx/Friedrich Engels
       -----
       mit [225],  welche einen  vollständigen  Plan  zur  Invasion  der
       Schweiz enthält. Die Hauptmomente dieses Planes sind folgende:
       Preußen zieht gegen 60 000 Mann am Main zusammen, in der Nähe der
       Eisenbahnen; ein  Korps Hessen,  Bayern und Württemberger konzen-
       triert sich  teils bei Rottweil und Tuttlingen, teils bei Kempten
       und Memmingen. Östreich stellt 50 000 Mann in Vorarlberg und nach
       Innsbruck zu auf und bildet ein zweites Korps in Italien zwischen
       Sesto-Calende und Lecco. Inzwischen wird die Schweiz mit diploma-
       tischen Unterhandlungen  hingehalten. Ist der Moment des Angriffs
       gekommen, so  eilen die  Preußen auf  der Eisenbahn nach Lörrach,
       die kleinen Kontingente nach Donaueschingen; die Östreicher ziehn
       sich bei  Bregenz und  Feldkirch, die italienische Armee bei Como
       und Lecco  enger zusammen.  Eine Brigade  bleibt bei Varese stehn
       und bedroht  Bellinzona. Die  Gesandten überreichen das Ultimatum
       und reisen  ab. Die  Operationen beginnen:  Der Hauptvorwand ist,
       die Bundesverfassung  von 1814  und die Freiheit der Sonderbunds-
       kantone herzustellen.  Der Angriff  selbst ist ein konzentrischer
       gegen Luzern.  Die Preußen  dringen über Basel gegen die Aar, die
       Östreicher über  St. Gallen  und Zürich gegen die Limmat vor. Er-
       stere stellen  sich von  Solothurn  bis  Zurzach,  letztere  von-
       Zurzachüber Zürich bis Uznach auf. Zu gleicher Zeit dringen 15000
       detachierte östreicher über Chur gegen den Splügen und vereinigen
       sich mit  dem italienischen Korps, worauf beide durch das Vorder-
       rheintal gegen  den St.  Gotthard vorrücken  und hier  wieder dem
       überVarese und  Bellinzona vorgegangenen  Korps die  Hand reichen
       und die  Urkantone insurgieren. Diese werden inzwischen durch das
       Vorrücken der  Hauptarmeen, mit  denen sich die kleineren Kontin-
       gente über  Schaffhausen vereinigen,  und durch die Eroberung Lu-
       zerns von  der westlichen Schweiz abgeschnitten und so die Schafe
       von den Böcken getrennt. Zu gleicher Zeit besetzt Frankreich, das
       durch den  "geheimen Vertrag  vom 30. Januar" zur Aufstellung von
       60 000 Mann  bei Lyon  und Colmar  verpflichtet ist, Genf und den
       Jura unter  demselben Vorwande,  unter dem es Rom besetzte. Damit
       ist Bern  unhaltbar geworden,  und die  "revolutionäre" Regierung
       ist gezwungen,  entweder sogleich  zu kapitulieren oder mit ihren
       Truppen in den Berner Hochalpen zu verhungern.
       Man sieht, das Projekt ist gar so übel nicht. Es nimmt die nötige
       Rücksicht auf die Terrainverhältnisse, es schlägt vor, die ebnere
       und fruchtbarere  Nordschweiz zuerst  zu nehmen  und in der Nord-
       schweiz die  einzige vorhandene  ernsthafte Position,  die hinter
       der Aar  und Limmat,  mit den vereinigten Hauptkräften zu forcie-
       ren. Es hat den Vorteil, der Schweizer Armee die Kornkammer abzu-
       schneiden und  ihr das  schwierigere Gebirgsterrain zunächst noch
       zu überlassen. Es kann also schon im Anfange des Frühjahrs ausge-
       führt
       
       #225# Revue. Januar/Februar 1850
       -----
       werden, und  je früher  es ausgeführt wird, desto schwieriger ist
       die Stellung der in die Hochgebirge zurückgedrängten Schweizer.
       Ob das  Aktenstück wider den Willen der Urheber publiziert, ob es
       absichtlich zu  dem Zweck ausgearbeitet worden ist, einem Schwei-
       zer Blatt  zur Veröffentlichung  in die Hände gespielt zu werden,
       das läßt  sich aus  bloß inneren Gründen noch schwer entscheiden.
       Im letzteren  Falle könnte  es nur den Zweck haben, die Schweizer
       zu veranlassen,  durch schleunige und zahlreiche Truppenaufgebote
       ihre Kassen zu erschöpfen und sich mehr und mehr fügsam gegen die
       Heilige Allianz  zu beweisen  sowie die öffentliche Meinung über-
       haupt über die Absichten der Alliierten irrezuführen. Die Parade-
       macherei, die augenblicklich mit den Rüstungen Rußlands und Preu-
       ßens und  mit den  Kriegsplänen gegen die Schweiz getrieben wird,
       scheint dafür  zu  sprechen.  Ebenso  ein  Satz  der  Denkschrift
       selbst, in  dem die  größte Schnelligkeit  in  allen  Operationen
       empfohlen wird,  damit man möglichst viel Gebiet erobere, ehe die
       Kontingente daraus  zusammengezogen und abmarschiert seien. Dage-
       gen sprechen wieder ebensoviel innere Gründe für die Echtheit der
       Denkschrift als eines wirklich vorgeschlagenen Invasionsplans ge-
       gen die Schweiz.
       Soviel ist  gewiß: Die  Heilige Allianz  wird noch dies Jahr mar-
       schieren, sei  es zunächst gegen die Schweiz oder die Türkei, sei
       es direkt  gegen Frankreich, und in beiden Fällen mag der Bundes-
       rat sein  Haus bestellen. Ob die Heilige Allianz oder die Revolu-
       tion zuerst  in Bern ankommt, er hat seinen Untergang durch seine
       feige Neutralität selbst herbeigeführt. Die Kontrerevolution kann
       mit seinen  Konzessionen nicht zufrieden sein, weil sein Ursprung
       selbst ein  mehr oder  weniger revolutionärer ist; die Revolution
       kann eine  so verräterische und feige Regierung im Herzen Europas
       zwischen den drei am nächsten bei der Bewegung beteiligten Natio-
       nen keinen  Augenblick dulden. Das Benehmen des Schweizer Bundes-
       rats liefert das frappanteste und hoffentlich das letzte Beispiel
       davon, was  die angebliche "Unabhängigkeit" und "Selbständigkeit"
       kleiner Staaten  mitten zwischen  den modernen großen Nationen zu
       bedeuten hat. *)
       
       Geschrieben zwischen Ende Januar und Ende Februar 1850.
       Nach: "Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue".
       Heft 2, Februar 1850.
       ---
       *) In Beziehung  auf die letzten Ereignisse in Frankreich verwei-
       sen wir auf den in diesem Heft enthaltenen Abschnitt des Artikels
       "1848-1849" 1*)). Über die faktische Abschaffung der Zehnstunden-
       bill in  England werden  wir im nächsten Heft einen selbständigen
       Artikel bringen 2*).
       -----
       1*) siehe vorl. Band, S. 35-63 - 2*) siehe vorl. Band, S. 233-243
       

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