Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
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#213#
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Karl Marx/Friedrich Engels
Revue [199]
[Januar/Februar 1850]
+ tout seigneur, tout honneur. 1*) Beginnen wir mit Preußen. Der
König von Preußen tut sein mögliches, um den gegenwärtigen Moment
der lauwarmen Vereinbarung, der ungenügenden Kompromisse zu einer
Krisis fortzutreiben. [200] Er oktroyiert eine Verfassung und
bringt nach verschiedenen Unannehmlichkeiten zwei Kammern zu-
stande, die diese Verfassung revidieren. Damit die Verfassung der
Krone nur ja recht annehmbar erscheine, streichen die Kammern je-
den Artikel, der der Krone irgendwie anstößig sein könnte, und
glauben, jetzt werde der König die Verfassung sofort beschwören.
Aber im Gegenteil. Um den Kammern einen Beweis seiner "könig-
lichen Gewissenhaftigkeit" zu geben, erläßt Friedrich Wilhelm
eine Botschaft [201], worin er neue Vorschläge zur Verbesserung
der Verfassung macht, Vorschläge, deren Annahme dem erwähnten
Dokument auch den letzten Schein der geringsten sog. konsti-
tutionellen bürgerlichen Garantien nehmen würde. Der König hofft,
die Kammern werden diese Vorschläge verwerfen - im Gegenteil.
Hatten sich die Kammern in der Krone getäuscht, so sorgten sie
nun dafür, daß die Krone sich in ihnen täuschen muß. Sie nehmen
alles an, alles, Pairie und Ausnahmsgericht, Landsturm und Fidei-
kommisse [202], bloß um nicht auch nach Hause geschickt zu
werden, bloß um den König endlich einmal zu einem ernsthaften,
"leiblichen" Eide zu zwingen. So rächt sich ein preußischer kon-
stitutioneller Bürger. [203]
Es wird dem Könige schwer werden, eine Demütigung zu erfinden,
die diesen Kammern zu hart erscheinen dürfte. Er wird sich
zuletzt genötigt sehen zu erklären, "je heiliger er das von ihm
abzulegende eidliche Gelöbnis halte, um so mehr treten ihm dabei
die Pflichten vor die Seele, die ihm für das teure Vaterland von
Gott auferlegt sind", und um so weniger erlaube ihm seine
"königliche Gewissenhaftigkeit", eine Verfassung zu beschwören,
die ihm alles, dem Lande aber nichts biete.
Die Herren des seligen "Vereinigten Landtags" [204], die jetzt in
den Kammern
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1*) Jedem Junker seine Ehre.
#214# Karl Marx/Friedrich Engels
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wieder zusammen sind, fürchten deshalb so sehr, auf ihren alten
Stand vor dem 18. März zurückgedrängt zu werden, weil sie dann
wieder die Revolution vor sich haben, die ihnen aber diesmal
keine Rosen bringen wird. Dazu kommt, daß sie 1847 noch die An-
leihe für die angebliche Ostbahn verweigern konnten, während sie
der Regierung 1849 erst die fragliche Anleihe wirklich bewillig-
ten und dann um das theoretische Recht der Geldbewilligung hin-
ten-nach demütigst bei ihr einkamen.
Inzwischen macht sich die Bourgeoisie außer den Kammern das
Vergnügen, in den Geschwornengerichten die politisch Angeklagten
freizusprechen und dadurch ihre Opposition gegen die Regierung an
den Tag zu legen. Bei diesen Prozessen kompromittiert sich dann
regelmäßig die Regierung auf der einen Seite, die in den Ange-
klagten und dem Auditorium repräsentierte Demokratie auf der an-
dern. Wir erinnern an den Prozeß des "stets konstitutionellen"
Waldeck, den Prozeß in Trier [205] usw.
Auf die Frage des alten Arndt: "Was ist des Deutschen Vaterland?"
antwortete Friedrich Wilhelm IV.: Erfurt [206]. Es war nicht so
schwer, die Iliade im Froschmäuslerkrieg [207] zu travestieren,
aber an eine Travestie des Froschmäuslerkrieges hat bis jetzt
noch niemand zu denken gewagt. Dem Plan Erfurt gelingt es, den
Froschmäuslerkrieg der Paulskirche selbst noch zu travestieren.
Es ist natürlich vollständig gleichgültig, ob die unglaubliche
Versammlung in Erfurt wirklich zusammenkommt oder ob der recht-
gläubige Zar 1*) sie verbietet, ebenso gleichgültig wie der
Protest gegen ihre Kompetenz, zu dessen Erlaß Herr Vogt sich ohne
Zweifel mit Herrn Venedey vereinbaren wird. Die ganze Erfindung
hat bloß Interesse für jene tiefsinnigen Politiker, für deren
Leitartikel die "großdeutsche" und "kleindeutsche" Frage eine
ebenso ergiebige wie unentbehrliche Fundgrube war, und für die
preußischen Bourgeois, die des seligmachenden Glaubens leben, der
König von Preußen werde in Erfurt alles bewilligen, eben weil er
in Berlin alles abgeschlagen hat.
Wenn die Frankfurter "Nationalversammlung" in Erfurt mehr oder
weniger getreu widergespiegelt werden soll, so wird der alte Bun-
destag im "Interim" wiedergeboren und zugleich auf seinen ein-
fachsten Ausdruck, auf eine östreichisch-preußische Bundeskommis-
sion zurückgeführt. [208] Das Interim ist bereits in Württemberg
eingeschritten und wird demnächst in Mecklenburg [209] und
Schleswig-Holstein einschreiten. Während Preußen lange Zeit mit
Emissionen von Papiergeld, mit verstohlenen Anleihen der Seehand-
lung [210] und mit den Resten des Staatsschatzes sein Budget küm-
merlich zustande brachte und erst jetzt auf die Bahn der Anleihen
gedrängt ist, steht in Östreich der Staatsbankerott in voller
Blüte.
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1*) Nikolaus I.
#215# Revue. Januar/Februar 1850
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Ein Defizit von 155 Mill. Gulden in den ersten neun Monaten des
Jahres 1849, das bis Ende Dezember auf 210-220 Mill, gestiegen
sein muß; der vollständige Ruin des Staatskredits im In- und Aus-
lande nach dem mit Eklat gescheiterten Versuch einer neuen An-
leihe; die totale Erschöpfung der inländischen Finanzressourcen,
der gewöhnlichen Steuern, der Brandschatzungen, der Papier-
geldemission; die Notwendigkeit, dem ausgesognen Lande neue Ver-
zweiflungssteuern aufzuoktroyieren, die voraussichtlich gar nicht
einkommen werden - das sind die Hauptzüge, in denen die blasse
Finanznot in östreich zutage tritt. Gleichzeitig damit geht die
Verfaulung des östreichischen Staatskörpers immer rascher vor
sich. Vergebens stellt die Regierung ihr eine krampfhafte Zentra-
lisation entgegen; die Desorganisation hat bereits die äußersten
Extremitäten des Staatskörpers erreicht, den barbarischsten Stäm-
men, den Hauptstützen des alten Östreich, den Südslawen in Dalma-
tien, Kroatien und dem Banat, den "getreuen" Grenzern [211]
selbst wird östreich unerträglich. Nur ein Verzweiflungscoup
bleibt noch übrig und bietet eine geringe Chance der Rettung -
ein Krieg nach außen; dieser Krieg nach außen, zu dem Östreich
unaufhaltsam getrieben wird, muß seine vollständige Auflösung
rasch zu Ende führen.
Auch Rußland war nicht reich genug, seinen Ruhm zu bezahlen, den
es noch dazu mit barem Gelde erkaufen mußte. Trotz der vielge-
rühmten Goldbergwerke des Ural und Altai, trotz der unerschöpfli-
chen Schätze in den Gewölben von Petropawlowsk, trotz der angeb-
lich aus purem Überfluß an Geld hervorgegangenen Rentenankäufe in
London und Paris sieht der rechtgläubige Zar sich genötigt, nicht
nur 5 000 000 Silberrubel unter allerlei falschen Vorwänden aus
den zur Deckung des Papiergeldes in Petropawlowsk liegenden Bar-
vorräten zu entnehmen und den Verkauf seiner Renten an der Pari-
ser Börse zu befehlen, sondern auch die ungläubige City von Lon-
don um einen Vorschuß von 30 Millionen Silberrubel anzusprechen.
Durch die Bewegungen der Jahre 1848 und 1849 ist Rußland so tief
in die europäische Politik verwickelt worden, daß es seine alten
Pläne auf die Türkei, auf Konstantinopel, "den Schlüssel zu sei-
nem Hause" [212], jetzt schleunigst durchführen muß, wenn sie
nicht für immer unausführbar werden sollen. Die Fortschritte der
Kontrerevolution und die täglich wachsende Macht der revolutio-
nären Partei in Westeuropa, die eigne innere Lage Rußlands und
der schlechte Zustand seiner Finanzen zwingen es zu raschem Han-
deln. Wir sahen vor kurzem das diplomatische Vorspiel dieser
neuen orientalischen Haupt- und Staatsaktion [213]; wir werden in
wenigen Monaten die Aktion selbst erleben.
Der Krieg gegen die Türkei ist notwendig ein europäischer Krieg.
Um so besser für das heilige Rußland, das dadurch Gelegenheit be-
kommt, festen Fuß
#216# Karl Marx/Friedrich Engels
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in Deutschland zu fassen, die Kontrerevolution dort energisch zu
Ende zu führen, den Preußen Neuchâte [214] erobern zu helfen und
in letzter Instanz auf das Zentrum der Revolution, auf Paris zu
marschieren.
Bei einem solchen europäischen Kriege kann England nicht neutral
bleiben. Es muß sich gegen Rußland entscheiden. Und England ist
für Rußland der allergefährlichste Gegner. Wenn die Landarmeen
des Kontinents sich immer mehr durch Ausbreitung schwächen müs-
sen, je weiter sie in Rußland vordringen, wenn ihr Vordringen,
bei Strafe der Wiederholung von 1812, von den Ostgrenzen des al-
ten Polens an fast ganz aufhören muß, so hat England die Mittel,
Rußland bei seinen verwundbarsten Seiten zu fassen. Abgesehen da-
von, daß es die Schweden zur Wiedereroberung Finnlands zwingen
kann, stehen seiner Flotte Petersburg und Odessa offen. Die rus-
sische Flotte ist bekanntlich die schlechteste der Welt, und
Kronstadt und Schlüsselburg sind ebensogut einnehmbar wie Saint-
Jean d'Acre und San Juan de Uloat [215]. Ohne Petersburg und
Odessa aber ist Rußland ein Riese mit abgehauenen Händen. Dazu
kommt, daß Rußland weder für den Absatz seiner Rohprodukte noch
für den Einkauf von Industrieprodukten England auch nur auf sechs
Monate lang entbehren kann, was schon zur Zeit der Napoleonischen
Kontinentalsperre klar hervortrat, was aber jetzt in noch viel
höherem Grade der Fall ist. Die Abschneidung des englischen Mark-
tes würde Rußland in wenig Monaten in die heftigsten Konvulsionen
versetzen. England kann dagegen nicht nur den russischen Markt
auf einige Zeit entbehren, sondern auch alle russischen Rohpro-
dukte von andern Märkten beziehen. Man sieht, daß das gefürchtete
Rußland keineswegs so gefährlich ist. Es muß aber dem deutschen
Bürger in einer so schreckenerregenden Gestalt erscheinen, weil
es direkt seine Fürsten beherrscht und weil er sehr richtig ahnt,
daß die Barbarenhorden Rußlands binnen kurzem Deutschland über-
schwemmen und dort gewissermaßen eine messianische Rolle spielen
werden.
Die S c h w e i z verhält sich zu der Heiligen Allianz [42] im
allgemeinen wie die preußischen Kammern zu ihrem König im beson-
dern. Nur daß die Schweiz hinter sich noch einen Sündenbock stehn
hat, dem sie alle Schläge doppelt und dreifach wiedergeben kann,
die sie von der Heiligen Allianz erhält, einen obendrein wehrlo-
sen, ihr auf Gnade und Ungnade überlieferten Sündenbock - die
deutschen Flüchtlinge. Es ist wahr, daß ein Teil der "radikalen"
Schweizer in Genf, im Waadtland, in Bern gegen die feige Politik
des Bundesrats - feig sowohl gegen die Heilige Allianz wie gegen
die Flüchtlinge - protestiert hat; es ist aber auch ebenso wahr,
daß der Bundesrat recht hatte, wenn er behauptete, daß seine Po-
litik "die der ungeheuren Majorität des Schweizer Volks" sei. -
Dazwischen fährt die Zentralgewalt fort, im Innern ganz ruhig
#217# Revue. Januar/Februar 1850
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kleine bürgerliche Reformen, Zentralisierung der Douanen, der
Münzen, der Posten, der Maße und Gewichte, durchzuführen, Refor-
men, die ihr den Applaus der Kleinbürgerschaft sichern. Den Be-
schluß wegen der Aufhebung der Militärkapitulationen [216] durch-
zuführen, wagt sie freilich nicht, und noch täglich gehn die Ur-
kantönler [217] haufenweise nach Como, um sich dort für den nea-
politanischen Dienst anwerben zu lassen. Aber trotz aller Demut
und Zuvorkommenheit gegen die Heilige Allianz droht der Schweiz
doch ein fatales Gewitter. Im ersten Übermut nach dem Sonder-
bundskrieg [15] und vollends nach der Februarrevolution haben
sich die sonst so ängstlichen Schweizer zu Unbesonnenheiten
verführen lassen. Sie haben das Ungeheure gewagt, einmal
unabhängig sein zu wollen; sie haben sich anstatt der von den
Mächten garantierten Verfassung von 1814 eine neue gegeben, sie
haben die Unabhängigkeit Neuchâtels gegen die Verträge anerkannt.
Dafür werden sie gezüchtigt werden, trotz aller Bücklinge und
Gefälligkeiten und Polizeidienste. Und einmal in den europäischen
Krieg verwickelt, ist die Lage der Schweiz nicht die angenehmste;
hat die Schweiz die heiligen Alliierten beleidigt, so hat sie die
Revolution auf der andern Seite verraten.
In Frankreich, wo die Bourgeoisie selbst die Reaktion in ihrem
eignen Interesse leitet und wo die republikanische Regierungsform
dieser Reaktion die freieste und konsequenteste Entwicklung
gestattet, wird die Unterdrückung der Revolution am schamlosesten
und am gewaltsamsten durchgeführt. In der kurzen Frist eines
Monats folgten Schlag auf Schlag die Wiederherstellung der
Getränkesteuer, die den Ruin der halben Landbevölkerung direkt
vollendet, das Zirkular d'Hautpoul, das die Gendarmen zu Spionen
selbst über die Beamten ernennt, das Gesetz über die Schullehrer,
das alle Elementarlehrer für willkürlich durch die Präfekten
absetzbar erklärt, das Unterrichtsgesetz, das die Schulen den
Pfaffen überliefert, das Transportationsgesetz, in dem die
Bourgeoisie ihre ganze ungesühnte Rachlust an den Juniinsurgenten
ausläßt und sie, in Ermangelung eines andern Henkers, dem
tödlichsten Klima von ganz Algerien überantwortet. Von den zahl-
losen Ausweisungen selbst der unschuldigsten Fremden, die seit
dem 13. Juni [162] gar nicht mehr aufgehört haben, wollen wir gar
nicht reden.
Das Ziel dieser heftigen Bourgeoisreaktion ist natürlich die Her-
stellung der Monarchie. Die monarchische Restauration findet aber
ein bedeutendes Hindernis in den verschiedenen Prätendenten
selbst und in den Parteien, die sie im Lande haben. Die Legitimi-
sten [20] und Orleanisten [36], die beiden stärksten monarchi-
schen Parteien, wiegen sich ungefähr auf; die dritte Partei, die
bonapartistische, ist bei weitem die schwächste. Louis-Napoleon
hat trotz seiner sieben Millionen Stimmen nicht einmal eine wirk-
liche Partei, er hat nur
#218# Karl Marx/Friedrich Engels
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eine Koterie. Er, der in der allgemeinen Handhabung der Reaktion
stets von der Majorität der Kammer unterstützt wird, findet sich
von ihr verlassen, sobald seine besondern Interessen als Präten-
dent hervortreten, verlassen nicht nur von der Majorität, sondern
auch von seinen Ministern, die ihn jedesmal Lügen strafen und ihn
schriftlich zwingen, trotz alledem den nächsten Tag zu erklären,
daß sie sein Vertrauen besitzen. Die Zerwürfnisse, in die er so
mit der Majorität gerät, zu so ernsthaften Folgen sie vielleicht
führen können, sind daher bis jetzt nur komische Episoden, in
denen der Präsident der Republik jedesmal die Rolle des Geprell-
ten spielt. Es versteht sich dabei von selbst, daß jede monarchi-
sche Sektion auf ihre eigne Faust mit der Heiligen Allianz kon-
spiriert. Die "Assemblée nationale" ist unverschämt genug, dem
Volke öffentlich mit den Russen zu drohen; daß Louis-Napoleon mit
Nikolaus kabaliert, darüber liegen schon jetzt Tatsachen genug
vor.
In demselben Maße wie die Reaktion fortschreitet, wachsen natür-
lich auch die Kräfte der revolutionären Partei. Die große Masse
der Landbevölkerung, ruiniert durch die Folgen der Parzellierung,
durch die Steuerlast und den rein fiskalischen, selbst vom bür-
gerlichen Standpunkt aus schädlichen Charakter der meisten Steu-
ern, enttäuscht über die Versprechungen Louis-Napoleons und der
reaktionären Deputierten, die Masse der Landbevölkerung hat sich
der revolutionären Partei in die Arme geworfen und bekennt sich
zu einem freilich meist noch sehr rohen und bürgerlichen Sozia-
lismus. Wie revolutionär selbst die legitimistischsten Departe-
ments gestimmt sind, beweist die letzte Wahl im Departement du
Gard, dem Zentrum des Royalismus und des "weißen Schreckens" von
1815, wo ein Roter gewählt wurde [96]. Die Kleinbürgerschaft, ge-
drückt durch das große Kapital, das im Handel wie in der Politik
wieder ganz die Stellung einnimmt wie unter Louis-Philippe, ist
der Landbevölkerung gefolgt. Der Umschwung ist so gewaltig, daß
selbst der Verräter Marrast und das Journal der Epiciers 1*), der
"Siècle", sich für Sozialisten haben erklären müssen. Die Stel-
lung der verschiedenen Klassen gegeneinander, für die die gegen-
seitige Stellung der politischen Parteien nur ein andrer Ausdruck
ist, ist fast ganz wieder dieselbe wie am 22. Februar 1848. Nur
daß es sich jetzt um andre Dinge handelt, daß die Arbeiter sich
viel klarer sind und daß namentlich eine bisher politisch tote
Klasse, die der Bauern, in die Bewegung hineingerissen und für
die Revolution gewonnen ist.
Darin liegt die Notwendigkeit für die herrschende Bourgeoisie,
die Beseitigung des allgemeinen Stimmrechts so rasch wie möglich
zu versuchen; und in dieser Notwendigkeit liegt wieder die Gewiß-
heit eines baldigen Sieges der Revolution, selbst abgesehen von
den auswärtigen Verhältnissen.
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1*) Kleinhändler
#219# Revue. Januar/Februar 1850
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Wie gespannt überhaupt die Situation ist, geht schon aus dem ko-
mischen Gesetzvorschlag des Volksrepräsentanten Pradié hervor,
der in etwa 200 Artikeln den Versuch macht, den Staatsstreichen
und Revolutionen durch ein Dekret der Nationalversammlung vorzu-
beugen. Und wie wenig die hohe Finanz hier sowohl wie in andern
Hauptstädten der scheinbar hergestellten "Ordnung" traut, kann
man daraus sehen, daß die verschiedenen Stämme des Hauses Roth-
schild ihren Gesellschaftsvertrag vor einigen Monaten nur auf
e i n J a h r verlängerten - ein Zeitraum von unerhörter Kürze
in den Annalen des Großhandels.
Während der Kontinent sich in den zwei letzten Jahren mit Revolu-
tionen, Kontrerevolutionen und dem davon unzertrennlichen Rede-
fluß beschäftigte, machte das industrielle England in einem ganz
andern Artikel: in Prosperität. Hier war die im Herbst 1845 in
due course 1*) ausgebrochene Handelskrisis zweimal - Anfang 1846
durch die Freihandelsbeschlüsse des Parlaments [218] und Anfang
1848 durch die Februarrevolution [219] - unterbrochen worden.
Eine Menge der die überseeischen Märkte niederdrückenden Waren
hatte in der Zwischenzeit allmählich Débouchés 2*) gefunden. Die
Februarrevolution beseitigte nun noch auf eben diesen Märkten die
Konkurrenz der kontinentalen Industrie, während die englische In-
dustrie an dem gestörten Kontinentalmarkt nicht viel mehr verlor,
als sie durch den weiteren Verlauf der Krisis ohnehin verloren
haben würde. Die Februarrevolution, die die kontinentale Indu-
strie momentan fast ganz still setzte, half so den Engländern auf
eine ganz erträgliche Weise durch ein Jahr der Krisis kommen,
trug zur Aufräumung der gehäuften Vorräte auf den überseeischen
Märkten wesentlich bei und machte einen neuen industriellen Auf-
schwung mit dem Frühjahr 1849 möglich. Dieser Aufschwung, der
sich übrigens auch auf einen großen Teil der kontinentalen Indu-
strie erstreckte, hat in den letzten drei Monaten einen solchen
Grad erreicht, daß die Fabrikanten behaupten, noch nie eine so
gute Zeit gehabt zu haben - eine Behauptung, die jedesmal am Vor-
abend der Krise gemacht wird. Die Fabriken sind mit Aufträgen
überladen und arbeiten mit beschleunigter Geschwindigkeit; man
sucht jedes Mittel auf, um die Zehnstundenbill zu umgehen und
neue Arbeitsstunden zu gewinnen; neue Fabriken werden in allen
Teilen der Industriebezirke in Menge gebaut und die alten werden
erweitert. Das bare Geld drängt sich auf den Markt, das un-
beschäftigte Kapital will den Moment des allgemeinen Profits be-
nutzen; der Diskonto fällt, die Spekulation wirft sich in die
Produktion oder auf den Rohproduktenhandel, und fast alle Artikel
steigen absolut, alle steigen relativ im
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1*) zur fälligen Zeit - 2*) Absatzgebiete
#220# Karl Marx/Friedrich Engels
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Preise. Kurz, die "Prosperität" in ihrer schönsten Blüte beglückt
England, und es fragt sich nur, wie lange dieser Rausch dauern
wird. Sehr lange jedenfalls nicht. Mehrere der größten Märkte,
namentlich Ostindien, sind schon fast überführt; die Ausfuhr be-
günstigt schon jetzt weniger die wirklichen großen Märkte als die
Entrepots des Welthandels, von denen aus die Waren nach den gün-
stigsten Märkten dirigiert werden können. Bald werden bei den ko-
lossalen Produktivkräften, die die englische Industrie von 1843
bis 1845, in den Jahren 1846 und 1847 und besonders 1849 den bis-
herigen hinzugefügt hat und die sie noch täglich hinzufügt, die
noch bleibenden, besonders nord-und südamerikanischen und austra-
lischen Märkte ebenfalls überführt sein, und mit den ersten Nach-
richten von dieser Überführung wird der "panic" in der Spekula-
tion und Produktion gleichzeitig eintreten - vielleicht schon
gegen Ende des Frühjahrs, spätestens im Juli oder August. Diese
Krisis wird aber dadurch, daß sie mit großen Kollisionen auf dem
Kontinent zusammenfallen muß, ganz andre Früchte tragen als alle
bisherigen. War bisher jede Krisis das Signal zu einem neuen
Fortschritt, einem neuen Siege der industriellen Bourgeoisie über
den Grundbesitz und die Finanzbourgeoisie, so wird diese den
Anfang der modernen englischen Revolution bezeichnen, einer
Revolution, in der Cobden die Rolle des Necker übernehmen wird.
Wir kommen nun zu Amerika. Das wichtigste Faktum, das sich hier
ereignet hat, wichtiger noch als die Februarrevolution, ist die
Entdeckung der kalifornischen Goldgruben. Schon jetzt, nach kaum
achtzehn Monaten, läßt es sich voraussehen, daß diese Entdeckung
viel großartigere Resultate haben wird als selbst die Entdeckung
Amerikas. Dreihundertdreißig Jahre lang ist der ganze Handel von
Europa nach dem Stillen Ozean mit der rührendsten Langmut um das
Kap der Guten Hoffnung oder das Kap Horn geführt worden. Alle
Vorschläge zur Durchstechung des Isthmus von Panama scheiterten
an der bornierten Eifersucht der handeltreibenden Völker.
Achtzehn Monate lang sind die kalifornischen Goldminen entdeckt,
und schon haben die Yankees eine Eisenbahn, eine große
Landstraße, einen Kanal vom Mexikanischen Busen in Angriff genom-
men, schon sind Dampfschiffe von New York bis Chagres, von Panama
bis San Franzisco in regelmäßiger Fahrt, schon konzentriert sich
der Handel des Stillen Meeres in Panama, und die Fahrt um Kap
Horn ist veraltet. Eine Küste von 30 Breitengraden Länge, eine
der schönsten und fruchtbarsten der Welt, bisher so gut wie unbe-
wohnt, verwandelt sich zusehends in ein reiches, zivilisiertes
Land, dicht bevölkert von Menschen aller Stämme, vom Yankee zum
Chinesen, vom Neger zum Indianer und Malaien, vom Kreolen und Me-
stizen zum Europäer. Das kalifornische Gold ergießt sich in Strö-
men über Amerika und die asiatische Küste
#221# Revue, Januar/Februar 1850
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des Stillen Ozeans und reißt die widerspenstigsten Barbarenvölker
in den Welthandel, in die Zivilisation. Zum zweiten Male bekommt
der Welthandel eine neue Richtung. Was im Altertum Tyrus, Kar-
thago und Alexandria, im Mittelalter Genua und Venedig waren, was
bisher London und Liverpool gewesen sind, die Emporien des Welt-
handels, das werden jetzt New York und San Franzisco, San Juan de
Nicaragua [220] und Leon, Chagres und Panama. Der Schwerpunkt des
Weltverkehrs, im Mittelalter Italien, in der neueren Zeit Eng-
land, ist jetzt die südliche Hälfte der nordamerikanischen
Halbinsel. Die Industrie und der Handel des alten Europa müssen
sich gewaltig anstrengen, wenn sie nicht in denselben Verfall ge-
raten wollen wie die Industrie und der Handel Italiens seit dem
16. Jahrhundert, wenn nicht England und Frankreich dasselbe wer-
den soll, was Venedig, Genua und Holland heute sind. In wenig
Jahren werden wir eine regelmäßige Dampfpaketlinie haben von Eng-
land nach Chagres, von Chagres und San Franzisco nach Sydney,
Kanton und Singapore. Dank dem kalifornischen Golde und der uner-
müdlichen Energie der Yankees werden beide Küsten des Stillen
Meers bald ebenso bevölkert, ebenso offen für den Handel, ebenso
industriell sein, wie es jetzt die Küste von Boston bis New Or-
leans ist. Dann wird der Stille Ozean dieselbe Rolle spielen wie
jetzt das Atlantische und im Altertum und Mittelalter das Mittel-
ländische Meer - die Rolle der großen Wasserstraße des Weltver-
kehrs; und der Atlantische Ozean wird herabsinken zu der Rolle
eines Binnensees, wie sie jetzt das Mittelmeer spielt. Die ein-
zige Chance, daß die europäischen zivilisierten Länder dann nicht
in dieselbe industrielle, kommerzielle und politische Abhängig-
keit fallen, in der Italien, Spanien und Portugal sich jetzt be-
finden, liegt in einer gesellschaftlichen Revolution, die, so-
lange es noch Zeit ist, die Produktions- und Verkehrsweise nach
den aus den modernen Produktivkräften hervorgehenden Bedürfnissen
der Produktion selbst umwälzt und dadurch die Erzeugung neuer
Produktivkräfte möglich macht, welche die Superiorität der euro-
päischen Industrie sichern und so die Nachteile der geo-
graphischen Lage ausgleichen.
Zum Schluß noch ein charakteristisches Kuriosum aus China, das
der bekannte deutsche Missionär Gützlaff mitgebracht hat. Die
langsam, aber regelmäßig steigende Übervölkerung des Landes
machte die dortigen gesellschaftlichen Verhältnisse schon lange
sehr drückend für die große Majorität der Nation. Da kamen die
Engländer und erzwangen sich den freien Handel nach fünf Häfen.
[221] Tausende von englischen und amerikanischen Schiffen segel-
ten nach China, und in kurzer Zeit war das Land mit wohlfeilen
britischen und amerikanischen Maschinenfabrikaten überfüllt. Die
chinesische, auf der Handarbeit beruhende Industrie erlag der
Konkurrenz der Maschine. Das un
#222# Karl Marx/Friedrich Engels
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erschütterliche Reich der Mitte erlebte eine gesellschaftliche
Krise. Die Steuern gingen nicht mehr ein, der Staat kam an den
Rand des Bankerotts, die Bevölkerung sank massenweise in den Pau-
perismus hinab, brach in Empörungen aus, mißkannte, mißhandelte
und tötete des Kaisers 1*) Mandarine und Fohis Bonzen. Das Land
kam an den Rand des Verderbens und ist bereits bedroht mit einer
gewaltigen Revolution. Aber noch schlimmer. Unter dem aufrühreri-
schen Plebs traten Leute auf, die auf die Armut der einen, auf
den Reichtum der andern hinwiesen, die eine andere Verteilung des
Eigentums, ja die gänzliche Abschaffung des Privateigentums for-
derten und noch fordern. Als Herr Gützlaff nach 20jähriger Abwe-
senheit wieder unter zivilisierte Leute und Europäer kam, hörte
er von Sozialismus sprechen und frug, was das sei? Als man ihm
dies erklärt hatte, rief er erschreckt aus:
"Ich soll also dieser verderblichen Lehre nirgends entgehn? Grade
dasselbe wird ja seit einiger Zeit von vielen Leuten aus dem Mob
in China gepredigt!"
Der chinesische Sozialismus mag sich nun freilich zum europäi-
schen verhalten wie die chinesische Philosophie zur Hegelschen.
Es ist aber immer ein ergötzliches Faktum, daß das älteste und
unerschütterlichste Reich der Erde durch die Kattunballen der
englischen Bourgeois in acht Jahren an den Vorabend einer gesell-
schaftlichen Umwälzung gebracht worden ist, die jedenfalls die
bedeutendsten Resultate für die Zivilisation haben muß. Wenn un-
sere europäischen Reaktionäre auf ihrer demnächst bevorstehenden
Flucht durch Asien endlich an der chinesischen Mauer ankommen, an
den Pforten, die zu dem Hort der Urreaktion und des Urkonserva-
tismus führen, wer weiß, ob sie nicht darauf die Überschrift le-
sen:
République chinoise
Liberté, Égalité, Fraternité 2*). [222]
London, 3I.Januar 1850
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Die Wünsche der preußischen Bürgerschaft sind erfüllt: Der "Mann
von Ehre" hat die Verfassung beschworen unter der Bedingung, daß
es ihm "möglich gemacht werde, mit dieser Verfassung zu regie-
ren". [223] Und die Bourgeois in den Kammern haben in den wenigen
Tagen, die seit dem 6. Februar verflossen sind, diesen Wunsch be-
reits vollständig erfüllt. Vor dem 6. Februar sagten sie: Wir
müssen Konzessionen machen, damit nur die Verfassung beschworen
werde; ist der Eid erst geleistet, so können wir ganz anders auf-
treten.
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1*) Taokuang - 2*) Chinesische Republik - Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit
#223# Revue. Januar/Februar 1850
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Nach dem 6. Februar sagen sie: Die Verfassung ist beschworen, wir
haben alle nur möglichen Garantien; wir können also ganz ruhig
Konzessionen machen. Achtzehn Millionen zu Kriegsrüstungen, zur
Mobilmachung von 500 000 Mann gegen einen bis jetzt noch unbe-
kannten Feind, werden ohne Debatte, ohne Opposition fast einstim-
mig bewilligt; das Budget wird in vier Tagen votiert, alle Regie-
rungsvorlagen gehen im Handumdrehen durch die Kammern. [224] Man
sieht, es fehlt der deutschen Bourgeoisie noch immer nicht an
Feigheit und an Vorwänden für diese Feigheit.
Der König von Preußen hat durch diese wohlmeinende Kammer Gele-
genheit genug bekommen einzusehen, welche Vorzüge das konstitu-
tionelle System vor dem absolutistischen besitzt, und zwar nicht
nur für die Regierten, sondern auch für die Regenten. Wenn wir
zurückdenken an die Finanzbeklemmung von 1842-1848, an die ver-
geblichen Borgversuche mit der Seehandlung und der Bank, an die
abschlägigen Antworten Rothschilds, an die vom Vereinigten Land-
tag verweigerte Anleihe, an die Erschöpfung des Staatsschatzes
und der öffentlichen Kassen, und wenn wir mit dem allen ver-
gleichen den Finanzüberfluß von 1850 - drei Budgets mit siebenzig
Millionen Defizit durch Kammerbewilligung gedeckt, Darlehns-
scheine, Tresorscheine massenhaft in Umlauf gesetzt, der Staat
mit der Bank auf einem besseren Fuß als je mit der Seehandlung
und zu alledem noch vierunddreißig Millionen bewilligter Anleihen
in Reserve - welch ein Kontrast!
Nach den Äußerungen des Kriegsministers hält also die preußische
Regierung Eventualitäten für wahrscheinlich, welche sie zwingen
könnten, im Interesse der europäischen "Ordnung und Ruhe" ihre
ganze Armee zu mobilisieren. Durch diese Erklärung hat Preußen
seinen erneuerten Beitritt zur Heiligen Allianz laut und deutlich
genug proklamiert. Wer der Feind ist, dem der neue Kreuzzug gilt,
ist klar. Das Zentrum der Anarchie und des Umsturzes, das welsche
Babel soll vernichtet werden. Ob Frankreich direkt angegriffen
werden, ob Diversionen gegen die Schweiz und gegen die Türkei
vorhergehen sollen, wird fast nur von der Entwicklung der Ver-
hältnisse in Paris abhängen. Jedenfalls hat die preußische Regie-
rung jetzt die Mittel, ihre 180 000 Soldaten binnen zwei Monaten
auf 500 000 zu erhöhen; 400 000 Russen stehn in Polen, Wolhynien
und Bessarabien echeloniert; Östreich hat 650 000 Mann mindestens
auf den Beinen. Schon um diese kolossalen Streitkräfte zu ernäh-
ren, müssen Rußland und Östreich einen Invasionskrieg noch in
diesem Jahre beginnen. Und in Beziehung auf die erste Richtung
dieser Invasion ist soeben ein merkwürdiges Aktenstück in die Öf-
fentlichkeit gekommen.
Die "Schweizerische National-Zeitung" teilt in einer ihrer letz-
ten Nummern eine angeblich vom östreichischen General Schönhals
verfaßte Denkschrift
#224# Karl Marx/Friedrich Engels
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mit [225], welche einen vollständigen Plan zur Invasion der
Schweiz enthält. Die Hauptmomente dieses Planes sind folgende:
Preußen zieht gegen 60 000 Mann am Main zusammen, in der Nähe der
Eisenbahnen; ein Korps Hessen, Bayern und Württemberger konzen-
triert sich teils bei Rottweil und Tuttlingen, teils bei Kempten
und Memmingen. Östreich stellt 50 000 Mann in Vorarlberg und nach
Innsbruck zu auf und bildet ein zweites Korps in Italien zwischen
Sesto-Calende und Lecco. Inzwischen wird die Schweiz mit diploma-
tischen Unterhandlungen hingehalten. Ist der Moment des Angriffs
gekommen, so eilen die Preußen auf der Eisenbahn nach Lörrach,
die kleinen Kontingente nach Donaueschingen; die Östreicher ziehn
sich bei Bregenz und Feldkirch, die italienische Armee bei Como
und Lecco enger zusammen. Eine Brigade bleibt bei Varese stehn
und bedroht Bellinzona. Die Gesandten überreichen das Ultimatum
und reisen ab. Die Operationen beginnen: Der Hauptvorwand ist,
die Bundesverfassung von 1814 und die Freiheit der Sonderbunds-
kantone herzustellen. Der Angriff selbst ist ein konzentrischer
gegen Luzern. Die Preußen dringen über Basel gegen die Aar, die
Östreicher über St. Gallen und Zürich gegen die Limmat vor. Er-
stere stellen sich von Solothurn bis Zurzach, letztere von-
Zurzachüber Zürich bis Uznach auf. Zu gleicher Zeit dringen 15000
detachierte östreicher über Chur gegen den Splügen und vereinigen
sich mit dem italienischen Korps, worauf beide durch das Vorder-
rheintal gegen den St. Gotthard vorrücken und hier wieder dem
überVarese und Bellinzona vorgegangenen Korps die Hand reichen
und die Urkantone insurgieren. Diese werden inzwischen durch das
Vorrücken der Hauptarmeen, mit denen sich die kleineren Kontin-
gente über Schaffhausen vereinigen, und durch die Eroberung Lu-
zerns von der westlichen Schweiz abgeschnitten und so die Schafe
von den Böcken getrennt. Zu gleicher Zeit besetzt Frankreich, das
durch den "geheimen Vertrag vom 30. Januar" zur Aufstellung von
60 000 Mann bei Lyon und Colmar verpflichtet ist, Genf und den
Jura unter demselben Vorwande, unter dem es Rom besetzte. Damit
ist Bern unhaltbar geworden, und die "revolutionäre" Regierung
ist gezwungen, entweder sogleich zu kapitulieren oder mit ihren
Truppen in den Berner Hochalpen zu verhungern.
Man sieht, das Projekt ist gar so übel nicht. Es nimmt die nötige
Rücksicht auf die Terrainverhältnisse, es schlägt vor, die ebnere
und fruchtbarere Nordschweiz zuerst zu nehmen und in der Nord-
schweiz die einzige vorhandene ernsthafte Position, die hinter
der Aar und Limmat, mit den vereinigten Hauptkräften zu forcie-
ren. Es hat den Vorteil, der Schweizer Armee die Kornkammer abzu-
schneiden und ihr das schwierigere Gebirgsterrain zunächst noch
zu überlassen. Es kann also schon im Anfange des Frühjahrs ausge-
führt
#225# Revue. Januar/Februar 1850
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werden, und je früher es ausgeführt wird, desto schwieriger ist
die Stellung der in die Hochgebirge zurückgedrängten Schweizer.
Ob das Aktenstück wider den Willen der Urheber publiziert, ob es
absichtlich zu dem Zweck ausgearbeitet worden ist, einem Schwei-
zer Blatt zur Veröffentlichung in die Hände gespielt zu werden,
das läßt sich aus bloß inneren Gründen noch schwer entscheiden.
Im letzteren Falle könnte es nur den Zweck haben, die Schweizer
zu veranlassen, durch schleunige und zahlreiche Truppenaufgebote
ihre Kassen zu erschöpfen und sich mehr und mehr fügsam gegen die
Heilige Allianz zu beweisen sowie die öffentliche Meinung über-
haupt über die Absichten der Alliierten irrezuführen. Die Parade-
macherei, die augenblicklich mit den Rüstungen Rußlands und Preu-
ßens und mit den Kriegsplänen gegen die Schweiz getrieben wird,
scheint dafür zu sprechen. Ebenso ein Satz der Denkschrift
selbst, in dem die größte Schnelligkeit in allen Operationen
empfohlen wird, damit man möglichst viel Gebiet erobere, ehe die
Kontingente daraus zusammengezogen und abmarschiert seien. Dage-
gen sprechen wieder ebensoviel innere Gründe für die Echtheit der
Denkschrift als eines wirklich vorgeschlagenen Invasionsplans ge-
gen die Schweiz.
Soviel ist gewiß: Die Heilige Allianz wird noch dies Jahr mar-
schieren, sei es zunächst gegen die Schweiz oder die Türkei, sei
es direkt gegen Frankreich, und in beiden Fällen mag der Bundes-
rat sein Haus bestellen. Ob die Heilige Allianz oder die Revolu-
tion zuerst in Bern ankommt, er hat seinen Untergang durch seine
feige Neutralität selbst herbeigeführt. Die Kontrerevolution kann
mit seinen Konzessionen nicht zufrieden sein, weil sein Ursprung
selbst ein mehr oder weniger revolutionärer ist; die Revolution
kann eine so verräterische und feige Regierung im Herzen Europas
zwischen den drei am nächsten bei der Bewegung beteiligten Natio-
nen keinen Augenblick dulden. Das Benehmen des Schweizer Bundes-
rats liefert das frappanteste und hoffentlich das letzte Beispiel
davon, was die angebliche "Unabhängigkeit" und "Selbständigkeit"
kleiner Staaten mitten zwischen den modernen großen Nationen zu
bedeuten hat. *)
Geschrieben zwischen Ende Januar und Ende Februar 1850.
Nach: "Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue".
Heft 2, Februar 1850.
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*) In Beziehung auf die letzten Ereignisse in Frankreich verwei-
sen wir auf den in diesem Heft enthaltenen Abschnitt des Artikels
"1848-1849" 1*)). Über die faktische Abschaffung der Zehnstunden-
bill in England werden wir im nächsten Heft einen selbständigen
Artikel bringen 2*).
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1*) siehe vorl. Band, S. 35-63 - 2*) siehe vorl. Band, S. 233-243
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