Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
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Friedrich Engels
Die englische Zehnstundenbill [231]
Die englischen Arbeiter haben eine bedeutende Niederlage erlitten
und von einer Seite, von der sie sie am wenigsten erwarteten. Der
Court of Exchequer, einer der vier höchsten Gerichtshöfe Eng-
lands, hat vor einigen Wochen ein Urteil gefällt, wodurch die
Hauptbestimmungen der im Jahre 1847 erlassenen Zehnstundenbill so
gut wie abgeschafft werden. [230] Die Geschichte der Zehnstunden-
bill bietet ein frappantes Beispiel für die eigentümliche Entwic-
kelungsweise der Klassengegensätze in England und verdient daher
ein näheres Eingehen.
Man weiß, wie mit dem Aufkommen der großen Industrie eine ganz
neue, grenzenlos unverschämte Exploitation der Arbeiterklasse
durch die Fabrikbesitzer aufkam. Die neuen Maschinen machten die
Arbeit erwachsener Männer überflüssig; sie erforderten zu ihrer
Beaufsichtigung Weiber und Kinder, die zu diesem Geschäft weit
geeigneter und zugleich wohlfeiler zu haben waren als die Männer.
Die industrielle Exploitation bemächtigte sich also sofort der
ganzen Arbeiterfamilie und sperrte sie in die Fabrik; Weiber und
Kinder mußten Tag und Nacht unaufhörlich arbeiten, bis die
vollständigste physische Abmattung sie niederwarf. Die Armenkin-
der der workhouses [33] wurden bei der steigenden Nachfrage nach
Kindern ein vollständiger Handelsartikel; vom vierten, ja vom
dritten Jahre an wurden sie schockweise in der Form von Lehrkon-
trakten an den meistbietenden Fabrikanten versteigert. Die Erin-
nerung an die schamlos-brutale Exploitation von Kindern und Wei-
bern in jener Zeit, eine Exploitation, die nicht nachließ, so-
lange noch eine Muskel, eine Sehne, ein Tropfen Bluts auszubeuten
war, ist noch sehr lebendig unter der älteren Arbeitergeneration
Englands, und mancher von ihnen trägt diese Erinnerung in der Ge-
stalt einer Rückenverkrümmung oder eines verstümmelten Gliedes,
alle tragen sie ihre durch und durch ruinierte Gesundheit mit
sich herum. Das Los der Sklaven in den schlimmsten amerikanischen
Pflanzungen war golden im Vergleich mit dem der englischen Ar-
beiter jener Zeit.
#234# Friedrich Engels
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Schon früh mußten von Staats wegen Maßregeln getroffen werden, um
die vollständig rücksichtslose Exploitationswut der Fabrikanten
zu zügeln, die alle Bedingungen der zivilisierten Gesellschaft
mit Füßen trat. Diese ersten gesetzlichen Beschränkungen waren
indes höchst unzureichend und wurden bald umgangen. Erst ein hal-
bes Jahrhundert nach Einführung der großen Industrie, als der
Strom der industriellen Entwicklung ein regelmäßiges Bett ge-
funden hatte, erst 1833 war es möglich, ein wirksames Gesetz zu-
stande zu bringen, das wenigstens den schreiendsten Exzessen ei-
nigen Einhalt tat. [227]
Schon seit dem Anfang dieses Jahrhunderts hatte sich unter der
Leitung einiger Philanthropen eine Partei gebildet, die die ge-
setzliche Beschränkung der Arbeitszeit in den Fabriken auf zehn
Stunden täglich forderte. Diese Partei, die in den zwanziger Jah-
ren unter Sadlers und nach seinem Tode unter Lord Ashleys und R.
Oastlers Leitung ihre Agitation bis zur wirklichen Durchführung
der Zehnstundenbill fortsetzte, vereinigte allmählich, außer den
Arbeitern selbst, die Aristokratie und alle den Fabrikanten
feindlichen Fraktionen der Bourgeoisie unter ihrer Fahne. Diese
Assoziation der Arbeiter mit den heterogensten und reaktionärsten
Elementen der englischen Gesellschaft machte es nötig, daß die
Zehnstundenagitation ganz außerhalb der revolutionären Arbei-
teragitation geführt wurde. Die Chartisten waren zwar bis auf den
letzten Mann für die Zehnstundenbill; sie machten die Masse, den
Chor in allen Zehnstundenmeetings ; sie stellten ihre Presse dem
Zehnstundenkomitee zur Verfügung. Aber nicht ein einziger Char-
tist agitierte in offizieller Gemeinschaft mit den aristokrati-
schen und bürgerlichen Zehnstundenmännern oder saß im Zehnstun-
denkomitee (Short-Time-Committee) in Manchester. Dies Komitee be-
stand ausschließlich aus Arbeitern und Fabrikaufsehern. Aber
diese Arbeiter waren vollständig gebrochene, mattgearbeitete Cha-
raktere, stille, gottselige und ehrbare Leute, die vor dem Char-
tismus und Sozialismus einen heiligen Abscheu hatten, Thron und
Altar in gebührendem Respekt hielten und die, zu matt, um die in-
dustrielle Bourgeoisie zu hassen, nur noch fähig waren zur demü-
tigen Verehrung der Aristokratie, die wenigstens für ihr Elend
sich zu interessieren geruhte. Der Arbeitertorysmus dieser Zehn-
stundenleute war der Nachhall jener ersten Opposition der Arbei-
ter gegen den industriellen Fortschritt, die den alten patriar-
chalischen Zustand wiederherzustellen suchte und deren energisch-
ste Lebensäußerung nicht über das Zerschlagen von Maschinen hin-
ausging. Ebenso reaktionär wie diese Arbeiter waren die bürgerli-
chen und aristokratischen Chefs der Zehnstundenpartei. Sie waren
ohne Ausnahme sentimentale Tories, meist schwärmerische Ideolo-
gen, die in der Erinnerung an die verlorene patriarchalische
Winkelexploitation mit ihrem Gefolge von Frömmigkeit, Häuslich-
keit, Tugend und
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Borniertheit, mit ihren stabilen, traditionell-vererbten Zustän-
den schwelgten. Ihr enger Schädel wurde vom Schwindel erfaßt beim
Anblick des industriellen Revolutionsstrudels. Ihr kleinbürgerli-
ches Gemüt entsetzte sich vor den neuen, zauberhaft-plötzlich em-
porwachsenden Produktivkräften, die die allerehrwürdigsten, un-
antastbarsten, wesentlichsten Klassen der bisherigen Gesellschaft
in wenig Jahren wegschwemmten und durch neue, bisher unbekannte
Klassen ersetzten, durch Klassen, deren Interessen, deren Sympa-
thien, deren ganze Lebens- und Anschauungsweise im Widerspruch
standen mit den Institutionen der alten englischen Gesellschaft.
Diese weichherzigen Ideologen unterließen nicht, vom Standpunkte
der Moral, der Humanität und des Mitleids aus gegen die unbarm-
herzige Härte und Rücksichtslosigkeit zu Felde zu ziehen, womit
dieser gesellschaftliche Umwälzungsprozeß sich durchsetzte, und
gegenüber diesem Umwälzungsprozeß die Stabilität, die stille Be-
haglichkeit und Sittsamkeit des verendenden Patriarchalismus als
Gesellschaftsideal aufzustellen.
Diesen Elementen schlössen sich in Zeiten, wo die Zehnstunden-
frage die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog, alle Fraktio-
nen der Gesellschaft an, die durch die industrielle Umwälzung in
ihren Interessen verletzt, in ihrer Existenz bedroht wurden. Die
Bankiers, die Stockjobbers 1*), die Reeder und Kaufleute, die
Grundaristokratie, die großen westindischen Grundbesitzer, die
Kleinbürgerschaft vereinigten sich in solchen Zeiten mehr und
mehr unter der Leitung der Zehnstundenagitatoren.
Die Zehnstundenbill bot ein vortreffliches Terrain für diese re-
aktionären Klassen und Fraktionen, um auf ihm sich mit dem Prole-
tariat gegen die industrielle Bourgeoisie zu verbinden. Während
sie die rasche Entwicklung des Reichtums, des Einflusses, der ge-
sellschaftlichen und politischen Macht der Fabrikanten bedeutend
hemmte, gab sie den Arbeitern einen bloß materiellen, ja aus-
schließlich physischen Vorteil. Sie schützte sie vor dem zu
schnellen Ruin ihrer Gesundheit. Sie gab ihnen aber nichts, wo-
durch sie ihren reaktionären Bundesgenossen gefährlich werden
konnten; sie gab ihnen weder politische Macht, noch änderte sie
ihre gesellschaftliche Stellung als Lohnarbeiter. Im Gegenteil
hielt die Zehnstundenagitation die Arbeiter fortwährend unter dem
Einfluß und teilweise selbst der Leitung dieser ihrer besitzenden
Bundesgenossen, der sie sich seit der Reformbill und dem Auf-
kommen der Chartistenagitation mehr und mehr zu entziehen trach-
teten. Es war ganz natürlich, besonders im Anfang der industriel-
len Umwälzung, daß die Arbeiter, in direktem Kampf nur mit den
industriellen Bourgeois, sich an
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1*) Börsenspekulanten
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die Aristokratie und die übrigen Fraktionen der Bourgeoisie an-
schlössen, von denen sie nicht direkt exploitiert wurden und die
ebenfalls gegen die industriellen Bourgeois ankämpften. Aber
diese Allianz verfälschte die Arbeiterbewegung mit einer starken
reaktionären Beimischung, die sich erst nach und nach verliert;
sie gab dem reaktionären Element in der Arbeiterbewegung - denje-
nigen Arbeitern, deren Arbeitszweig noch der Manufaktur angehört
und daher vom industriellen Fortschritt selbst bedroht ist, wie
z.B. den Handwebern - eine bedeutende Verstärkung.
Ein Glück für die Arbeiter war es daher, daß in jener konfusen
Epoche von 1847, wo alle alten parlamentarischen Parteien aufge-
löst und die neuen noch gar nicht formiert waren, die Zehnstun-
denbill endlich durchging. Sie passierte in einer Reihe der ver-
worrensten, scheinbar nur vom Zufall beherrschten Abstimmungen,
bei denen mit Ausnahme der entschieden freihändlerischen Fabri-
kanten auf der einen und der enragiert-protektionistischen Grund-
besitzer auf der andern Seite keine Partei geschlossen und konse-
quent stimmte. Sie passierte als eine Schikane, die die Aristo-
kratie, ein Teil der Peeliten [232] und der Whigs den Fabrikanten
anhingen, um für den großen Sieg, den diese in der Abschaffung
der Korngesetze [218] errungen, Revanche zu nehmen.
Die Zehnstundenbill gab den Arbeitern nicht nur die Befriedigung
eines unumgänglichen physischen Bedürfnisses, indem sie ihre Ge-
sundheit einigermaßen vor der Exploitationswut der Fabrikanten
schützte. Sie befreite die Arbeiter auch von der Genossenschaft
der sentimentalen Schwärmer, von der Solidarität mit sämtlichen
reaktionären Klassen Englands. Die patriarchalischen Faseleien
eines Oastier, die rührenden Teilnahmeversicherungen eines Lord
Ashley fanden keine Zuhörer mehr, seitdem die Zehnstundenbill
nicht mehr die Pointe dieser Tiraden bildete. Die Arbeiterbewe-
gung konzentrierte sich erst jetzt ganz auf die Durchführung der
politischen Herrschaft des Proletariats als erstes Mittel der Um-
wälzung der ganzen bestehenden Gesellschaft. Und hier standen ihr
die Aristokratie und die reaktionären Fraktionen der Bourgeoisie,
soeben noch die Bundesgenossen der Arbeiter, als ebensoviel wü-
tende Feinde, als ebensoviel Bundesgenossen der industriellen
Bourgeoisie entgegen.
Durch die industrielle Revolution war die Industrie, kraft deren
England den Weltmarkt erobert hatte und unterjocht hielt, zum
entscheidenden Produktionszweig für England geworden. England
stand und fiel mit der Industrie, hob sich und sank mit ihren
Fluktuationen. Mit dem entscheidenden Einfluß der Industrie wur-
den die industriellen Bourgeois, die Fabrikanten, die entschei-
dende Klasse in der englischen Gesellschaft, wurde die politische
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Herrschaft der Industriellen, die Entfernung aller gesellschaft-
lichen und politischen Institutionen, die der Entwicklung der
großen Industrie im Wege standen, eine Notwendigkeit. Die indu-
strielle Bourgeoisie gab sich ans Werk. Die Geschichte Englands
von 1830 bis jetzt ist die Geschichte der Siege, die sie nachein-
ander über ihre vereinigten reaktionären Gegner errungen hat.
Während die Julirevolution in Frankreich die Finanzaristokratie
zur Herrschaft bracht [6], war die Reformbill in England, die
gleich nachher, 1832, durchging, grade der Sturz der Finanzari-
stokratie. Die Bank, die Nationalgläubiger und Börsenspekulanten,
mit einem Wort die Geldhändler, denen die Aristokratie tief ver-
schuldet war, hatten unter dem buntscheckigen Deckmantel des
Wahlmonopols bisher fast ausschließlich England beherrscht. Je
weiter sich die große Industrie und der Welthandel entwickelten,
desto unerträglicher wurde, trotz einzelner Konzessionen, ihre
Herrschaft. Die Allianz sämtlicher übrigen Fraktionen der Bour-
geoisie mit dem englischen Proletariat und mit den irischen Bau-
ern stürzte sie. Das Volk drohte mit einer Revolution, die Bour-
geoisie gab der Bank ihre Noten in Massen zurück und brachte sie
an den Rand des Bankerotts. [233] Die Finanzaristokratie gab zur
rechten Zeit nach; ihre Nachgiebigkeit ersparte England eine Fe-
bruarrevolution.
Die Reformbill gab allen besitzenden Klassen des Landes bis zum
kleinsten Krämer herab Anteil an der politischen Macht. [198] Al-
len Fraktionen der Bourgeoisie war damit ein gesetzliches Terrain
gegeben, auf dem sie ihre Ansprüche und ihre Macht geltend machen
konnten. Dieselben Kämpfe der einzelnen Fraktionen der Bour-
geoisie unter sich, die in Frankreich unter der Republik seit dem
Junisieg von 1848 geführt werden, sind in England seit der Re-
formbill im Parlament geführt worden. Es versteht sich, daß bei
den ganz verschiedenen Verhältnissen auch die Resultate in beiden
Ländern verschieden sind.
Die industrielle Bourgeoisie, hatte sie einmal in der Reformbill
sich das Terrain zum parlamentarischen Kampf erobert, konnte
nicht anders als Sieg auf Sieg erringen. In der Beschränkung der
Sinekuren [234] wurde ihr der aristokratische Schwanz der Finan-
ziers, im Armengesetz von 1834 [33] die Paupers, in der Herabset-
zung des Tarifs und der Einführung der Einkommensteuer die Steu-
erfreiheit der Finanziers und Grundbesitzer [235] geopfert. Mit
den Siegen der Industriellen mehrte sich die Zahl ihrer Vasallen.
Der Groß-und Kleinhandel wurde ihr tributär. London und Liverpool
fielen aufs Knie vor dem Freihandel, dem Messias der Industriel-
len. Aber mit ihren Siegen wuchsen ihre Bedürfnisse, ihre Ansprü-
che.
Die moderne große Industrie kann nur bestehn unter der Bedingung,
sich fortwährend auszudehnen, fortwährend neue Märkte zu erobern.
Die unendliche
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Friedrich Engels
Leichtigkeit der massenhaftesten Produktion, die unaufhörliche
Fortentwicklung und Weiterbildung der Maschinerie, die dadurch
bedingte ununterbrochene Verdrängung von Kapitalien und Arbeits-
kräften zwingt sie dazu. Jeder Stillstand ist hier nur der Anfang
des Ruins. Aber die Ausdehnung der Industrie ist bedingt durch
die Ausdehnung der Märkte. Und da die Industrie auf ihrer heuti-
gen Höhe der Entwicklung ihre Produktivkräfte unverhältnismäßig
rascher vermehrt, als sie ihre Märkte vermehren kann, so ent-
stehen jene periodischen Krisen, in denen aus Überfülle an
Produktionsmitteln und Produkten die Zirkulation im kommerziellen
Körper plötzlich ins Stocken gerät und Industrie und Handel fast
gänzlich stillstehn, bis das Übermaß von Produkten durch neue
Kanäle seinen Abfluß gefunden hat. England ist der Brennpunkt
dieser Krisen, deren lähmende Wirkung unfehlbar die entfernte-
sten, verborgensten Winkel des Weltmarkts erreicht und überall
einen bedeutenden Teil der industriellen und kommerziellen Bour-
geoisie in den Ruin hinabzieht. In solchen Krisen, die übrigens
allen Teilen der englischen Gesellschaft ihre Abhängigkeit von
den Fabrikanten aufs handgreiflichste zu erkennen geben, gibt es
nur ein Rettungsmittel: Ausdehnung der Märkte, sei es durch Er-
oberung neuer, sei es durch gründlichere Ausbeutung der alten.
Abgesehn von den wenigen Ausnahmsfällen, in denen, wie 1842
China, ein bisher hartnäckig verschlossener Markt durch Waffenge-
walt gesprengt wird [221], gibt es nur ein Mittel, auf industri-
ellem Wege sich neue Märkte zu eröffnen und die alten gründlicher
auszubeuten: durch wohlfeilere Preise, d.h. durch Verringerung
der Produktionskosten. Die Produktionskosten werden verringert
durch neue, vollkommnere Produktionsweisen, durch Verminderung
des Profits oder durch Verminderung des Arbeitslohns. Aber die
Einführung vervollkommneter Produktionsweisen kann nicht aus der
Krise retten, weil sie die Produktion vermehrt, also selbst neue
Märkte nötig macht. Von Herabsetzung des Profits kann in der
Krise keine Rede sein, wo jeder froh ist, selbst mit Verlust zu
verkaufen. Ebenso mit dem Arbeitslohn, der zudem, wie der Profit,
nach Gesetzen sich bestimmt, die von dem Wollen oder Meinen der
Fabrikanten unabhängig sind. Und doch bildet der Arbeitslohn den
Hauptbestandteil der Produktionskosten, und seine dauernde Herab-
setzung ist das einzige Mittel zur Ausdehnung der Märkte und zur
Rettung aus der Krise. Der Arbeitslohn wird aber fallen, wenn die
Lebensbedürfnisse des Arbeiters wohlfeiler hergestellt werden.
Die Lebensbedürfnisse des Arbeiters waren aber in England verteu-
ert durch die Schutzzölle auf Getreide, englische Kolonialpro-
dukte etc. und durch die indirekten Steuern.
Daher die anhaltende, heftige, allgemeine Agitation der Industri-
ellen für den Freihandel und namentlich für die Aufhebung der
Kornzölle. Daher das
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bezeichnende Faktum, daß von 1842 an jede Handels- und Indu-
striekrisis ihnen einen neuen Sieg brachte. In der Aufhebung der
Kornzölle wurden ihnen die englischen Grundbesitzer, in der Auf-
hebung der Differentialzölle auf Zucker etc. die Grundbesitzer
der Kolonien, in der Aufhebung der Navigationsgesetze [236] die
Reeder geopfert. In diesem Augenblick agitieren sie für Beschrän-
kung der Staatsausgaben und Vermindrung der Steuern sowie für Zu-
lassung des Teils der Arbeiter zum Wahlrecht, der am meisten
Garantien bietet. Sie wollen neue Bundesgenossen ins Parlament
ziehn, um desto schneller die direkte politische Herrschaft sich
zu erobern, durch die allein sie mit den sinnlos gewordenen, aber
sehr kostbaren traditionellen Anhängseln der englischen Staatsma-
schine, mit der Aristokratie, der Kirche, den Sinekuren, der
halbfeudalen Jurisprudenz, fertig werden können. Es ist un-
zweifelhaft, daß die gerade jetzt sehr nahe bevorstehende neue
Handelskrisis, die allem Anschein nach mit neuen und großartigen
Kollisionen auf dem Kontinent zusammenfällt, mindestens diesen
Fortschritt in der englischen Entwicklung herbeiführen wird.
Mitten unter diesen ununterbrochenen Siegen der industriellen
Bourgeoisie gelang es den reaktionären Fraktionen, ihr die Fessel
der Zehnstundenbill anzuschmieden. Die Zehnstundenbill ging durch
in einem Moment, der weder der der Prosperität noch der der Krise
war, in einer jener Zwischenepochen, in denen die Industrie noch
hinreichend an den Folgen der Überproduktion laboriert, um nur
einen Teil ihrer Ressourcen in Bewegung setzen zu können, in
denen die Fabrikanten also selbst nicht die volle Zeit arbeiten
lassen. In einem solchen Moment, wo die Zehnstundenbill die Kon-
kurrenz unter den Fabrikanten selbst beschränkte, in einem sol-
chen Moment allein war sie erträglich. Aber dieser Moment machte
bald einer erneuerten Prosperität Platz. Die leergekauften Märkte
verlangten neue Zufuhren; die Spekulation erhob sich wieder und
verdoppelte die Nachfrage; die Fabrikanten konnten nicht genug
arbeiten. Jetzt wurde die Zehnstundenbill für die mehr als je der
vollsten Unabhängigkeit, der uneingeschränktesten Verfügung über
all ihre Ressourcen bedürftige Industrie eine unerträgliche Fes-
sel. Was sollte aus den Industriellen während der nächsten Krisis
werden, wenn man ihnen nicht gestattete, die kurze Periode der
Prosperität mit allen Kräften zu exploitieren? Die Zehnstunden-
bill mußte fallen. War man noch nicht stark genug, sie im Parla-
ment widerrufen zu lassen, so mußte man suchen, sie zu umgehn.
Die Zehnstundenbill beschränkte die Arbeitszeit der jungen Leute
unter 18 Jahren und aller weiblichen Arbeiter auf zehn Stunden
täglich. Da diese und die Kinder die entscheidende Klasse von Ar-
beitern in den Fabriken sind,
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so war die notwendige Folge, daß die Fabriken überhaupt nur zehn
Stunden täglich arbeiten konnten. Die Fabrikanten jedoch, als die
Prosperität ihnen eine Vermehrung der Arbeitsstunden zum
Bedürfnis machte, fanden einen Ausweg. Wie bisher bei den Kindern
unter 14 Jahren, deren Arbeitszeit noch mehr beschränkt ist,
engagierten sie einige Weiber und junge Leute mehr als bisher zur
Aushülfe und Ablösung. So konnten sie ihre Fabriken und ihre
erwachsenen Arbeiter dreizehn, vierzehn, fünfzehn Stunden
arbeiten lassen, ohne daß ein einziges der unter die
Zehnstundenbill fallenden Individuen mehr als zehn Stunden
täglich gearbeitet hätte. Dies war teilweise dem Buchstaben, noch
mehr aber dem ganzen Geist des Gesetzes und der Absicht der
Gesetzgeber entgegen; die Fabrikinspektoren klagten, die
Friedensrichter waren uneinig und urteilten verschieden. Je höher
die Prosperität stieg, desto lauter reklamierten die
Industriellen gegen die Zehnstundenbill und gegen die Eingriffe
der Fabrikinspektoren. Der Minister des Innern, Sir G. Grey, gab
den Inspektoren Befehl, das Ablösungssystem (relay oder shift
system 1*)) zu tolerieren. Aber viele von ihnen, auf das Gesetz
gestützt, ließen sich dadurch nicht stören. Endlich wurde ein
eklatanter Fall bis vor den Court of Exchequer gebracht, und
dieser sprach sich zugunsten der Fabrikanten aus. [230] Mit
dieser Entscheidung ist die Zehnstundenbill faktisch abgeschafft,
und die Fabrikanten sind wieder vollständig die Herren ihrer
Fabriken geworden; sie können in der Krise zwei, drei oder sechs
Stunden, in der Prosperität dreizehn bis fünfzehn Stunden
arbeiten, und der Fabrikinspektor darf sich nicht mehr
einmischen.
War die Zehnstundenbill hauptsächlich von Reaktionären vertreten
und ausschließlich von reaktionären Klassen durchgesetzt worden,
so sehen wir hier, daß sie in der Weise, wie sie durchgesetzt
wurde, eine durchaus reaktionäre Maßregel war. Die ganze gesell-
schaftliche Entwicklung Englands ist gebunden an die Entwicklung,
an den Fortschritt der Industrie. Alle Institutionen, die diesen
Fortschritt hemmen, die ihn beschränken oder nach außer ihm lie-
genden Maßstäben regeln und beherrschen wollen, sind reaktionär,
sind unhaltbar und müssen ihm erliegen. Die revolutionäre Kraft,
die so spielend mit der ganzen patriarchalischen Gesellschaft des
alten Englands, mit der Aristokratie und der Finanzbourgeoisie
fertig geworden ist, wird sich wahrlich nicht in das gemäßigte
Bett der Zehnstundenbill eindämmen lassen. Alle Versuche Lord
Ashleys und seiner Genossen, die gefallene Bill durch eine au-
thentische Erklärung wiederherzustellen, werden fruchtlos sein
oder im günstigsten Fall nur ein ephemeres Scheinresultat erlan-
gen.
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1*) Schichtsystem
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Und dennoch ist für die Arbeiter die Zehnstundenbill unentbehr-
lich. Sie ist eine physische Notwendigkeit für sie. Ohne die
Zehnstundenbill geht die ganze englische Arbeitergeneration phy-
sisch zugrunde. Aber zwischen der Zehnstundenbill, die die Arbei-
ter heute verlangen, und der Zehnstundenbill, die von Sadler, Oa-
stier und Ashley propagiert und von der reaktionären Koalition
1847 durchgesetzt worden ist, besteht ein ungeheurer Unterschied.
Die Arbeiter haben durch die kurze Lebensdauer der Bill, durch
ihre leichte Vernichtung - ein einfacher Gerichtsbeschluß, nicht
einmal eine Parlamentsakte, reichte hin, sie zu annullieren -,
durch das spätere Auftreten ihrer reaktionären ehemaligen Bundes-
genossen erfahren, welchen Wert eine Allianz mit der Reaktion
hat. Sie haben erfahren, was es ihnen hilft, einzelne Detail-
maßregeln gegen die industriellen Bourgeois durchzusetzen. Sie
haben erfahren, daß die industriellen Bourgeois zunächst noch die
Klasse sind, die allein imstande ist, im gegenwärtigen Augenblick
an die Spitze der Bewegung zu treten, daß es vergeblich wäre, ih-
nen in dieser progressiven Mission entgegenzuarbeiten. Trotz ih-
rer direkten und nicht im mindesten eingeschlafenen Feindschaft
gegen die Industriellen sind die Arbeiter daher jetzt viel ge-
neigter, sie in ihrer Agitation für vollständige Durchführung des
Freihandels, Finanzreform und Ausdehnung des Wahlrechts zu unter-
stützen, als sich abermals durch philanthropische Vorspiegelungen
unter die Fahne der vereinigten Reaktionäre locken zu lassen. Sie
fühlen, daß ihre Zeit erst kommen kann, wenn die Industriellen
sich abgenutzt haben, und deshalb haben sie den richtigen In-
stinkt, den Entwicklungsprozeß, der diesen die Herrschaft geben
und damit ihren Sturz vorbereiten muß, zu beschleunigen. Aber
darum vergessen sie nicht, daß sie in den Industriellen ihre ei-
gensten, direktesten Feinde zur Herrschaft bringen und daß sie
nur durch den Sturz der Industriellen, durch die Erobrung der po-
litischen Macht für sich selbst zu ihrer eignen Befreiung gelan-
gen können. Die Annullierung der Zehnstundenbill hat ihnen auch
dies abermals aufs schlagendste bewiesen. Die Wiederherstellung
dieser Bill hat jetzt nur noch Sinn unter der Herrschaft des all-
gemeinen Stimmrechts, und das allgemeine Stimmrecht in dem zu
zwei Dritteln von industriellen Proletariern bewohnten England
ist die ausschließliche politische Herrschaft der Arbeiterklasse
mit allen den revolutionären Veränderungen der gesellschaftlichen
Zustände, die davon unzertrennlich sind. Die Zehnstundenbill, die
die Arbeiter heute verlangen, ist daher eine ganz andre als die
soeben vom Court of Exchequer umgestoßene. Sie ist nicht mehr ein
vereinzelter Versuch, die industrielle Entwicklung zu lähmen, sie
ist ein Glied in einer langen Verkettung von Maßregeln, die die
ganze gegenwärtige Gestalt der Gesellschaft umwälzen und die bis-
herigen Klassengegensätze nach
#242# Friedrich Engels
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und nach vernichten; sie ist keine reaktionäre, sondern eine re-
volutionäre Maßregel.
Die faktische Aufhebung der Zehnstundenbill, zunächst durch die
Fabrikanten auf eigne Faust, dann durch den Court of Exchequer,
hat vor allem dazu beigetragen, die Zeit der Prosperität zu ver-
kürzen und die Krisis zu beschleunigen. Was aber die Krisen be-
schleunigt, das beschleunigt zugleich den Gang der englischen
Entwicklung und ihr nächstes Ziel, den Sturz der industriellen
Bourgeoisie durch das industrielle Proletariat. Die Mittel, die
den Industriellen zur Ausdehnung der Märkte und zur Beseitigung
der Krisen zu Gebote stehn, sind sehr beschränkt. Die Cobdensche
Reduktion der Staatsausgaben ist entweder eine bloße Whigphrase
oder sie kommt, wenn sie auch nur momentan helfen soll, einer
vollständigen Revolution gleich. [237] Und wird sie in der ausge-
dehntesten, revolutionärsten Weise - soweit die englischen Indu-
striellen revolutionär sein können - durchgeführt, wie soll der
nächsten Krise begegnet werden? Es ist evident, die englischen
Industriellen, deren Produktionsmittel eine ungleich höhere Ex-
pansivkraft besitzen als ihre Débouchés 1*), gehen mit raschen
Schritten dem Punkt entgegen, wo ihre Hülfsmittel erschöpft sind,
wo die Periode der Prosperität, die Jetzt noch jede Krise von der
folgenden trennt, unter dem Gewicht der nachdrückenden, übermäßig
angewachsenen Produktivkräfte gänzlich verschwindet, wo die
Krisen nur noch durch kurze Perioden einer matten, halb-
schlummernden industriellen Lebenstätigkeit getrennt sind und wo
die Industrie, der Handel, die ganze moderne Gesellschaft an
Überfülle unverwendbarer Lebenskraft auf der einen Seite und an
gänzlicher Abzehrung auf der andern zugrunde gehn müßte, trüge
nicht dieser abnorme Zustand sein eignes Heilmittel in sich und
hätte nicht die industrielle Entwicklung zugleich die Klasse er-
zeugt, die dann allein die Leitung der Gesellschaft übernehmen
kann: das Proletariat. Die proletarische Revolution ist dann un-
vermeidlich, und ihr Sieg ist gewiß.
Das ist der regelmäßige normale Lauf der Ereignisse, wie er mit
unabwendbarer Notwendigkeit aus den ganzen gegenwärtigen Gesell-
schaftszuständen Englands hervorgeht. Inwieweit dieser normale
Verlauf durch kontinentale Kollisionen und revolutionäre Über-
stürzungen in England abgekürzt werden kann, wird sich bald zei-
gen.
Und die Zehnstundenbill?
Von dem Augenblick an, wo die Grenzen des Weltmarkts selbst für
die volle Entfaltung aller Ressourcen der modernen Industrie zu
eng werden, wo sie eine gesellschaftliche Revolution nötig hat,
um für ihre Kräfte wieder
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#243# Die englische Zehnstundenbill
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freien Spielraum zu gewinnen - von diesem Augenblick an ist die
Beschränkung der Arbeitszeit nicht mehr reaktionär, ist sie kein
Hemmnis der Industrie mehr. Sie stellt sich im Gegenteil ganz von
selbst ein. Die erste Folge der proletarischen Revolution in Eng-
land wird die Zentralisation der großen Industrie in den Händen
des Staats, d. h. des herrschenden Proletariats sein, und mit der
Zentralisation der Industrie fallen alle jene Konkurrenzverhält-
nisse weg, die heutzutage die Regulierung der Arbeitszeit mit dem
Fortschritt der Industrie in Konflikt bringen. Und so liegt die
einzige Lösung der Zehnstundenfrage wie aller Fragen, die auf dem
Gegensatz von Kapital und Lohnarbeit beruhen, in der
p r o l e t a r i s c h e n R e v o l u t i o n.
Friedrich Engels
Geschrieben zwischen dem 15. März und 18. April 1850.
Nach: "Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue".
Heft 4, April 1850.
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