Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
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Karl Marx/Friedrich Engels
Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850 [238]
Die Zentralbehörde an den Bund
Brüder!
In den beiden Revolutionsjahren 1848/49 hat sich der Bund in dop-
pelter Weise bewährt; einmal dadurch, daß seine Mitglieder an al-
len Orten energisch in die Bewegung eingriffen, daß sie in der
Presse, auf den Barrikaden und Schlachtfeldern voranstanden in
den Reihen der allein entschieden revolutionären Klasse des Pro-
letariats. Der Bund hat sich ferner dadurch bewährt, daß seine
Auffassung der Bewegung, wie sie in den Rundschreiben der Kon-
gresse und der Zentralbehörde von 1847 und im "Kommunistischen
Manifeste" niedergelegt war, als die einzig richtige sich erwie-
sen hat, daß die in jenen Aktenstücken ausgesprochenen Erwartun-
gen sich vollständig erfüllten und die früher vom Bunde nur im
geheimen propagierte Auffassung der heutigen Gesellschaftszu-
stände jetzt im Munde der Völker 1*) ist und auf den Märkten öf-
fentlich gepredigt wird. Zu gleicher Zeit wurde die frühere feste
Organisation des Bundes bedeutend gelockert. Ein großer Teil der
Mitglieder, in der revolutionären Bewegung direkt beteiligt,
glaubte die Zeit der geheimen Gesellschaften vorüber und das öf-
fentliche Wirken allein hinreichend. Die einzelnen Kreise und Ge-
meinden ließen ihre Verbindungen mit der Zentralbehörde erschlaf-
fen und allmählich einschläfern. Während also die demokratische
Partei, die Partei der Kleinbürgerschaft, sich in Deutschland im-
mer mehr organisierte, verlor die Arbeiterpartei ihren einzigen
festen Halt, blieb höchstens in einzelnen Lokalitäten zu lokalen
Zwecken organisiert und geriet dadurch in der allgemeinen Bewe-
gung vollständig unter die Herrschaft und Leitung der kleinbür-
gerlichen Demokraten. Diesem Zustande muß ein Ende gemacht, die
Selbständigkeit der Arbeiter muß hergestellt werden. Die Zentral-
behörde begriff diese Notwendigkeit und schickte deshalb schon im
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1*) (1852) des Volkes
#245# Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850
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Winter 1848/49 einen Emissär, Joseph Moll, zur Reorganisation des
Bundes nach Deutschland. Die Mission Molls blieb indes ohne nach-
haltige Wirkung, teils weil die deutschen Arbeiter damals noch
nicht Erfahrungen genug gemacht hatten, teils weil die Insurrek-
tion vom vorigen Mai sie unterbrochen. Moll selbst griff zur Mus-
kete, trat in die badisch-pfälzische Armee und fiel am 29. Juni
in dem Treffen an der Murg. Der Bund verlor in ihm eines seiner
ältesten, tätigsten und zuverlässigsten Mitglieder, das bei allen
Kongressen und Zentralbehörden tätig gewesen war und schon früher
eine Reihe von Missionsreisen mit großem Erfolg ausgeführt hatte.
Nach der Niederlage der revolutionären Parteien Deutschlands und
Frankreichs im Juni 1849 haben sich fast alle Mitglieder der Zen-
tralbehörde in London wieder zusammengefunden, sich mit neuen re-
volutionären Kräften ergänzt und mit erneutem Eifer die Reorgani-
sation des Bundes betrieben.
Die Reorganisation kann nur durch einen Emissär erfolgen, und die
Zentralbehörde hält für höchst wichtig, daß der Emissär 1*) ge-
rade in diesem Augenblicke abgeht, wo eine neue Revolution bevor-
steht, wo die Arbeiterpartei also möglichst organisiert, mög-
lichst einstimmig und möglichst selbständig auftreten muß, wenn
sie nicht wieder wie 1848 von der Bourgeoisie exploitiert und ins
Schlepptau genommen werden soll.
Wir sagten Euch, Brüder, schon im Jahre 1848 2*), daß die deut-
schen liberalen Bourgeois bald zur Herrschaft kommen und ihre
neuerrungene Macht sofort gegen die Arbeiter kehren würden. Ihr
habt gesehen, wie dies in Erfüllung gegangen ist. In der Tat wa-
ren es die Bourgeois, die nach der Märzbewegung 1848 sofort Be-
sitz von der Staatsgewalt ergriffen und diese Macht dazu be-
nutzten, die Arbeiter, ihre Bundesgenossen im Kampfe, sogleich in
die frühere unterdrückte Stellung zurückzudrängen. Konnte die
Bourgeoisie dies nicht durchführen, ohne sich mit der im März be-
seitigten 3*) feudalen Partei zu verbinden, ohne schließlich so-
gar dieser feudalen absolutistischen Partei die Herrschaft wieder
abzutreten, so hat sie sich doch Bedingungen gesichert, die ihr
auf die Dauer durch die Finanzverlegenheiten der Regierung die
Herrschaft in die Hände spielen und alle ihre Interessen sicher-
stellen würden, wäre es möglich, daß die revolutionäre Bewegung
schon jetzt in eine sogenannte friedliche Entwicklung verliefe.
Die Bourgeoisie würde sogar, um ihre Herrschaft zu sichern, nicht
einmal nötig haben, sich durch Gewaltmaßregeln gegen das Volk
verhaßt zu machen, da alle diese Gewaltschritte schon durch die
feudale Kontrerevolution vollführt sind. Die Entwicklung wird
aber diesen friedlichen Gang nicht nehmen. Die Revolution, welche
sie beschleunigen
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1*) Heinrich Bauer - 2*) (1852) 1847 - 3*) (1852) besiegten
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wird, steht im Gegenteil nahe bevor, sei es, daß sie hervorgeru-
fen wird durch eine 1*) selbständige Erhebung des französischen
Proletariats oder durch die Invasion der Heiligen Allianz [42]
gegen das revolutionäre Babel.
Und die Rolle, die die deutschen liberalen Bourgeois 1848 gegen-
über dem Volke gespielt haben, diese so verräterische Rolle, wird
in der bevorstehenden Revolution übernommen von den demokrati-
schen Kleinbürgern, die jetzt in der Opposition dieselbe Stellung
einnehmen wie die liberalen Bourgeois vor 2*) 1848. Diese Partei,
die demokratische, die den Arbeitern weit gefährlicher ist als
die frühere liberale, besteht aus drei Elementen.
I. Aus den fortgeschrittensten Teilen der großen Bourgeoisie, die
den sofortigen vollständigen Sturz des Feudalismus und Absolutis-
mus als Ziel verfolgen. Diese Fraktion wird vertreten durch die
3*) ehemaligen Berliner Vereinbarer, durch die Steuerverweigerer.
[200]
II. Aus den demokratisch-konstitutionellen Kleinbürgern, deren
Hauptzweck während der bisherigen Bewegung die Herstellung eines
mehr oder minder demokratischen Bundesstaats war, wie er von ih-
ren Vertretern, der Linken der Frankfurter Versammlung und später
dem Stuttgarter Parlament [130], und von ihnen selbst in der
Reichsverfassungskampagne angestrebt wurde.
III. Aus den republikanischen Kleinbürgern, deren Ideal eine
deutsche Föderativrepublik nach Art der Schweiz ist und die sich
jetzt rot und sozialdemokratisch nennen, weil sie den frommen
Wunsch hegen, den Druck des großen Kapitals auf das kleine, des
großen Bourgeois auf den Kleinbürger abzuschaffen. Die Vertreter
dieser Fraktion waren die Mitglieder der demokratischen Kongresse
und Komitees, die Leiter der demokratischen Vereine, die Redak-
teure der demokratischen Zeitungen.
Alle diese Fraktionen nennen sich jetzt nach ihrer Niederlage
Republikaner oder Rote, grade wie sich jetzt in Frankreich die
republikanischen Kleinbürger Sozialisten nennen. Wo, wie in Würt-
temberg, Bayern etc., sie noch Gelegenheit finden, ihre Zwecke
auf konstitutionellem Wege zu verfolgen, ergreifen sie die Gele-
genheit, ihre alten Phrasen beizubehalten und durch die Tat zu
beweisen, daß sie sich nicht im mindesten geändert haben. Es ver-
steht sich übrigens, daß der veränderte Name dieser Partei gegen-
über den Arbeitern nicht das mindeste ändert, sondern bloß be-
weist, daß sie nun gegen die mit dem Absolutismus vereinigte
Bourgeoisie Front machen und sich aufs Proletariat stützen muß.
Die kleinbürgerlich-demokratische Partei in Deutschland ist sehr
mächtig, sie umfaßt nicht nur die große Mehrheit der bürgerlichen
Einwohner der
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1*) (1852) eine neue - 2*) (1852) von - 3*) (1852) die Linke der
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Städte, die kleinen industriellen Kaufleute und die Gewerksmei-
ster; sie zählt in ihrem Gefolge die Bauern und das Landproleta-
riat, solange dies noch nicht in dem selbständigen Proletariat
der Städte eine Stütze gefunden hat.
Das Verhältnis der revolutionären Arbeiterpartei zur kleinbürger-
lichen Demokratie ist dies: sie geht mit ihr zusammen gegen die
Fraktion, deren Sturz sie bezweckt; sie tritt ihnen gegenüber in
allem, wodurch sie sich für sich selbst festsetzen wollen.
Die demokratischen Kleinbürger, weit entfernt, für die revolutio-
nären Proletarier die ganze Gesellschaft umwälzen zu wollen, er-
streben eine Änderung der gesellschaftlichen Zustände, wodurch
ihnen die bestehende Gesellschaft möglichst erträglich und bequem
gemacht wird. Sie verlangen daher vor allem Verminderung der
Staatsausgaben durch Beschränkung der Bürokratie und Verlegung
der Hauptsteuer auf die großen Grundbesitzer und Bourgeois. Sie
verlangen ferner die Beseitigung des Drucks des großen Kapitals
auf das kleine durch öffentliche Kreditinstitute und Gesetze ge-
gen den Wucher, wodurch es ihnen und den Bauern möglich wird,
Vorschüsse von dem Staat statt von den Kapitalisten zu günstigen
Bedingungen zu erhalten; ferner Durchführung der bürgerlichen Ei-
gentumsverhältnisse auf dem Lande durch vollständige Beseitigung
des Feudalismus. Um dieses alles durchzuführen, bedürfen sie ei-
ner demokratischen, sei es konstitutionellen oder repu-
blikanischen, Staatsverfassung, die ihnen und ihren Bundesgenos-
sen, den Bauern, die Majorität gibt, und einer demokratischen Ge-
meindeverfassung, die die direkte Kontrolle über das Gemeindeei-
gentum und eine Reihe von Funktionen in ihre Hand gibt, die jetzt
von den Bürokraten ausgeübt werden.
Der Herrschaft und raschen Vermehrung des Kapitals soll ferner
teils durch Beschränkung des Erbrechts, teils durch Überweisung
möglichst vieler Arbeiten an den Staat entgegengearbeitet werden.
Was die Arbeiter angeht, so steht vor allem fest, daß sie Lohnar-
beiter bleiben sollen wie bisher, nur wünschen die demokratischen
Kleinbürger den Arbeitern besseren Lohn und eine gesichertere
Existenz und hoffen dies durch teilweise Beschäftigung von seiten
des Staates und durch Wohltätigkeitsmaßregeln zu erreichen, kurz,
sie hoffen die Arbeiter durch mehr oder minder versteckte Almosen
zu bestechen und ihre revolutionäre Kraft durch momentane Erträg-
lichmachung ihrer Lage zu brechen. Die hier zusammengefaßten For-
derungen der kleinbürgerlichen Demokratie werden nicht von allen
Fraktionen derselben zugleich vertreten und schweben in ihrer Ge-
samtheit den wenigsten Leuten derselben als bestimmtes Ziel vor.
Je weiter einzelne Leute oder Fraktionen unter ihnen gehen, desto
mehr werden sie von diesen Forderungen zu den ihrigen machen, und
die wenigen, die in Vorstehendem ihr eigenes Programm sehen, wür-
den glauben,
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damit aber auch das Äußerste aufgestellt zu haben, was von der
Revolution zu verlangen ist. Diese Forderungen können der Partei
des Proletariats aber keineswegs genügen. Während die demokrati-
schen Kleinbürger die Revolution möglichst rasch und unter Durch-
führung höchstens der obigen Ansprüche zum Abschlüsse bringen
wollen, ist es unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution
permanent zu machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besit-
zenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staats-
gewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proleta-
rier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Län-
dern der ganzen Welt so weit vorgeschritten ist, daß die Konkur-
renz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat und daß we-
nigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der
Proletarier 1*) konzentriert sind. Es kann sich für uns nicht um
Veränderung des Privateigentums handeln, sondern nur um seine
Vernichtung, nicht um Vertuschung der Klassengegensätze, sondern
um Aufhebung der Klassen, nicht um Verbesserung der bestehenden
Gesellschaft, sondern um Gründung einer neuen. Daß die kleinbür-
gerliche Demokratie während der weiteren Entwicklung der Revolu-
tion für einen Augenblick den überwiegenden Einfluß in Deutsch-
land erhalten wird, unterliegt keinem Zweifel. Es fragt sich
also, was die Stellung des Proletariats und speziell des Bundes
ihr gegenüber sein wird:
1. Während der Fortdauer der jetzigen Verhältnisse, wo die
kleinbürgerlichen Demokraten ebenfalls unterdrückt sind?
2. Im nächsten revolutionären Kampfe, der ihnen das Übergewicht
geben wird?
3. Nach diesem Kampf, während der Zeit des Übergewichts über die
gestürzten Klassen und das Proletariat?
1. Im gegenwärtigen Augenblicke, wo die demokratischen Kleinbür-
ger überall unterdrückt sind, predigen sie dem Proletariat im
allgemeinen Einigung und Versöhnung, sie bieten ihm die Hand und
streben nach der Herstellung einer großen Oppositionspartei, die
alle Schattierungen in der demokratischen Partei umfaßt, das
heißt, sie streben danach, die Arbeiter in eine Parteiorganisa-
tion zu verwickeln, in der die allgemein sozialdemokratischen
Phrasen vorherrschend sind, hinter welchen ihre besonderen Inter-
essen sich verstecken, und in der die bestimmten Forderungen des
Proletariats um des lieben Friedens willen nicht vorgebracht wer-
den dürfen. Eine solche Vereinigung würde allein zu ihrem Vor-
teile und ganz zum Nachteile des Proletariats
1*) (1852) assioziierten Proletarier
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ausfallen. Das Proletariat würde seine ganze selbständige, mühsam
erkaufte Stellung verlieren und wieder zum Anhängsel der
offiziellen bürgerlichen Demokratie herabsinken. Diese Verei-
nigung muß also auf das entschiedenste zurückgewiesen werden.
Statt sich abermals dazu herabzulassen, den bürgerlichen Demokra-
ten als beifallklatschender Chor zu dienen, müssen die Arbeiter,
vor allem der Bund, dahin wirken, neben den offiziellen Demo-
kraten eine selbständige geheime und öffentliche Organisation der
Arbeiterpartei herzustellen und jede Gemeinde zum Mittelpunkt und
Kern von Arbeitervereinen zu machen, in denen die Stellung und
Interessen des Proletariats unabhängig von bürgerlichen Einflüs-
sen diskutiert werden. Wie wenig es den bürgerlichen Demokraten
mit einer Allianz ernst ist, in der die Proletarier ihnen mit
gleicher Macht und gleichen Rechten zur Seite stehen, zeigen zum
Beispiel die Breslauer Demokraten, die in ihrem Organ, der "Neuen
Oder-Zeitung", die selbständig organisierten Arbeiter, die sie
Sozialisten titulieren, aufs wütendste verfolgen. Für den Fall
eines Kampfes gegen einen gemeinsamen Gegner braucht es keiner
besonderen Vereinigung. Sobald ein solcher Gegner direkt zu be-
kämpfen ist, fallen die Interessen beider Parteien für den Moment
zusammen, und wie bisher wird sich auch in Zukunft diese nur für
den Augenblick berechnete Verbindung von selbst herstellen. Es
versteht sich, daß bei den bevorstehenden blutigen Konflikten,
wie bei allen früheren, die Arbeiter durch ihren Mut, ihre Ent-
schiedenheit und Aufopferung hauptsächlich den Sieg werden zu er-
kämpfen haben. Wie bisher werden auch in diesem Kampfe die Klein-
bürger in Masse sich solange wie möglich zaudernd, unschlüssig
und untätig verhalten, um dann, sobald der Sieg entschieden ist,
ihn für sich in Beschlag zu nehmen, die Arbeiter zur Ruhe und
Heimkehr an ihre Arbeit aufzufordern, sogenannte Exzesse zu ver-
hüten und das Proletariat von den Früchten des Sieges auszu-
schließen. Es liegt nicht in der Macht der Arbeiter, den klein-
bürgerlichen Demokraten dies zu verwehren, aber es liegt in ihrer
Macht, ihnen das Aufkommen gegenüber dem bewaffneten Proletariat
zu erschweren und ihnen solche Bedingungen zu diktieren, daß die
Herrschaft der bürgerlichen Demokraten von vornherein den Keim
des Unterganges in sich trägt und ihre spätere Verdrängung durch
die Herrschaft des Proletariats bedeutend erleichtert wird. Die
Arbeiter müssen vor allen Dingen während des Konfliktes und un-
mittelbar nach dem Kampfe, soviel nur irgend möglich, der bürger-
lichen Abwiegelung entgegenwirken und die Demokraten zur Ausfüh-
rung ihrer jetzigen terroristischen Phrasen zwingen. Sie müssen
dahin arbeiten, daß die unmittelbare revolutionäre Aufregung
nicht sogleich nach dem Siege wieder unterdrückt wird. Sie müssen
sie im Gegenteil solange wie möglich aufrechterhalten. Weit ent-
fernt,
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den sogenannten Exzessen, den Exempeln der Volksrache an verhaß-
ten Individuen oder öffentlichen Gebäuden, an die sich nur gehäs-
sige Erinnerungen knüpfen, entgegenzutreten, muß man diese Exem-
pel nicht nur dulden, sondern ihre Leitung selbst in die Hand
nehmen. Während des Kampfes und nach dem Kampf müssen die Arbei-
ter neben den Forderungen der bürgerlichen Demokraten ihre eige-
nen Forderungen bei jeder Gelegenheit aufstellen. Sie müssen Ga-
rantien für die Arbeiter verlangen, sobald die demokratischen
Bürger sich anschicken, die Regierung in die Hand zu nehmen, Sie
müssen sich diese Garantien nötigenfalls erzwingen und überhaupt
dafür sorgen, daß die neuen Regierer 1*) sich zu allen nur
möglichen Konzessionen und Versprechungen verpflichten - das
sicherste Mittel, sie zu kompromittieren. Sie müssen überhaupt
den Siegesrausch und die Begeisterung für den neuen Zustand, der
nach jedem siegreichen Straßenkampf eintritt, in jeder Weise
durch ruhige und kaltblütige Auffassung der Zustände und durch
unverhohlenes Mißtrauen gegen die neue Regierung so sehr wie
möglich zurückhalten. Sie müssen neben den neuen offiziellen
Regierungen zugleich eigene revolutionäre Arbeiterregierungen,
sei es in der Form von Gemeindevorständen, Gemeinderäten, sei es
durch Arbeiterklubs oder Arbeiterkomitees, errichten, so daß die
bürgerlichen demokratischen Regierungen nicht nur sogleich den
Rückhalt an den Arbeitern verlieren, sondern sich von vornherein
von Behörden überwacht und bedroht sehen, hinter denen die ganze
Masse der Arbeiter steht. Mit einem Worte: Vom ersten Augenblicke
des Sieges an muß sich das Mißtrauen 2*) nicht mehr gegen die
besiegte reaktionäre Partei, sondern gegen ihre bisherigen
Bundesgenossen, gegen die Partei richten, die den gemeinsamen
Sieg allein exploitieren will.
2. Um aber dieser Partei, deren Verrat an den Arbeitern mit der
ersten Stunde des Sieges anfangen wird, energisch und drohend
entgegentreten zu können, müssen die Arbeiter bewaffnet und orga-
nisiert sein. Die Bewaffnung des ganzen Proletariats mit Flinten,
Büchsen, Geschützen und Munition muß sofort durchgesetzt, der
Wiederbelebung der alten, gegen die Arbeiter gerichteten Bürger-
wehr muß entgegengetreten werden. Wo dies letztere aber nicht
durchzusetzen ist, müssen die Arbeiter versuchen, sich selbstän-
dig als proletarische Garde, mit selbstgewählten Chefs und ei-
genem selbstgewählten Generalstabe zu organisieren und unter den
Befehl, nicht der Staatsgewalt, sondern der von den Arbeitern
durchgesetzten revolutionären Gemeinderäte zu treten. Wo Arbeiter
für Staatsrechnung beschäftigt werden, müssen sie ihre Bewaffnung
und Organisation in ein besonderes Korps mit selbstgewählten
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1*) (1852) Regierungen den Arbeitern - 2*) (1852) Mißtrauen der
Arbeiter
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Chefs oder als Teil der proletarischen Garde durchsetzen. Die
Waffen und die Munition dürfen unter keinem Vorwand aus den Hän-
den gegeben, jeder Entwaffnungsversuch muß nötigenfalls mit Ge-
walt vereitelt werden. Vernichtung des Einflusses der bürgerli-
chen Demokraten auf die Arbeiter, sofortige selbständige und be-
waffnete Organisation der Arbeiter und Durchsetzung möglichst er-
schwerender und kompromittierender Bedingungen für die augen-
blickliche unvermeidliche Herrschaft der bürgerlichen Demokratie,
das sind die Hauptpunkte, die das Proletariat und somit der Bund
während und nach dem bevorstehenden Aufstand im Auge zu behalten
hat.
3. Sobald die neuen Regierungen sich einigermaßen befestigt ha-
ben, wird ihr Kampf gegen die Arbeiter sofort beginnen. Um hier
den demokratischen Kleinbürgern mit Macht entgegentreten zu kön-
nen, ist es vor allem nötig, daß die Arbeiter in Klubs selbstän-
dig organisiert und zentralisiert sind. Die Zentralbehörde wird
sich, sobald dies irgend möglich ist, nach dem Sturze der beste-
henden Regierungen nach Deutschland begeben, sofort einen Kongreß
berufen und diesem die nötigen Vorlagen wegen der Zentralisation
der Arbeiterklubs unter einer im Hauptsitze der Bewegung eta-
blierten Direktion machen. Die rasche Organisation, wenigstens
einer provinziellen Verbindung 1*) der Arbeiterklubs, ist einer
der wichtigsten Punkte zur Stärkung und Entwicklung der Arbeiter-
partei; die nächste Folge des Sturzes der bestehenden Regierungen
wird die Wahl einer Nationalvertretung sein. Das Proletariat muß
hier dafür sorgen:
I. daß durch keinerlei Schikanen von Lokalbehörden und
Regierungskommissarien eine Anzahl Arbeiter unter irgendeinem
Vorwand ausgeschlossen wird;
II. daß überall neben den bürgerlichen demokratischen Kandidaten
Arbeiterkandidaten aufgestellt werden, die möglichst aus Bundes-
mitgliedern bestehen müssen und deren Wahl mit allen möglichen
Mitteln zu betreiben ist. Selbst da, wo gar keine Aussicht zu ih-
rer Durchführung vorhanden ist, müssen die Arbeiter ihre eigenen
Kandidaten aufstellen, um ihre Selbständigkeit zu bewahren, ihre
Kräfte zu zählen, ihre revolutionäre Stellung und Parteistand-
punkte vor die Öffentlichkeit zu bringen. Sie dürfen sich hierbei
nicht durch die Redensarten der Demokraten bestechen lassen, wie
z.B., dadurch spalte man die demokratische Partei und gebe der
Reaktion die Möglichkeit zum Siege. Bei allen solchen Phrasen
kommt es schließlich darauf hinaus, daß das Proletariat geprellt
werden soll. Die Fortschritte, die die proletarische Partei durch
ein solches unabhängiges Auftreten machen muß, sind
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unendlich wichtiger als der Nachteil, den die Gegenwart einiger
Reaktionäre in der Vertretung erzeugen könnte. Tritt die Demokra-
tie von vornherein entschieden und terroristisch gegen die Reak-
tion auf, so ist deren Einfluß bei den Wahlen schon im voraus
vernichtet.
Der erste Punkt, bei dem die bürgerlichen Demokraten mit den Ar-
beitern in Konflikt kommen werden, wird die Aufhebung des Feuda-
lismus sein; wie in der ersten französischen Revolution werden
die Kleinbürger die feudalen Ländereien den Bauern als freies Ei-
gentum geben, das heißt das Landproletariat bestehenlassen und
eine kleinbürgerliche Bauernklasse bilden wollen, die denselben
Kreislauf der Verarmung und Verschuldung durchmacht, worin jetzt
der französische Bauer noch begriffen ist.
Die Arbeiter müssen diesem Plane im Interesse des Landproletari-
ats und in ihrem eigenen Interesse entgegentreten. Sie müssen
verlangen, daß das konfiszierte Feudaleigentum Staatsgut bleibt
und zu Arbeiterkolonien 1*) verwandt wird, die das assoziierte
Landproletariat mit allen Vorteilen des großen Ackerbaues bear-
beitet und wodurch das Prinzip des gemeinsamen Eigentums sogleich
eine feste Grundlage mitten in den wankenden bürgerlichen Eigen-
tumsverhältnissen erlangt. Wie die Demokraten mit den Bauern,
müssen sich die Arbeiter mit dem Landproletariat verbinden. Die
Demokraten werden ferner entweder direkt auf die Föderativrepu-
blik hinarbeiten oder wenigstens, wenn sie die eine und unteil-
bare Republik nicht umgehen können, die Zentralregierung durch
möglichste Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Gemeinden und
Provinzen zu lähmen suchen. Die Arbeiter müssen diesem Plane ge-
genüber nicht nur auf die eine und unteilbare deutsche Republik,
sondern auch in ihr auf die entschiedenste Zentralisation der Ge-
walt in die Hände der Staatsmacht hinwirken. Sie dürfen sich
durch das demokratische Gerede von Freiheit der Gemeinden, von
Selbstregierung usw. nicht irremachen lassen. In einem Lande wie
Deutschland, wo noch so viele Reste des Mittelalters zu beseiti-
gen sind, wo so vieler lokaler und provinzialer Eigensinn zu bre-
chen ist, darf es unter keinen Umständen geduldet werden, daß je-
des Dorf, jede Stadt, jede Provinz der revolutionären Tätigkeit,
die in ihrer ganzen Kraft nur vom Zentrum ausgehen kann, ein
neues Hindernis in den Weg lege. - Es darf nicht geduldet werden,
daß der jetzige Zustand sich erneuere, wodurch die Deutschen um
ein und denselben Fortschritt in jeder Stadt, in jeder Provinz
sich besonders schlagen müssen. Am allerwenigsten darf geduldet
werden, daß eine Form des Eigentums, die noch hinter dem modernen
Privateigentum steht und sich überall notwendig in dies auflöst,
das Gemeindeeigentum
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1*) (1852) Ackerbaukolonien
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und die daraus hervorgehenden Streitigkeiten zwischen armen und
reichen Gemeinden sowie das neben dem Staatsbürgerrecht beste-
hende Gemeindebürgerrecht mit seinen Schikanen gegen die Arbeiter
sich durch eine sogenannte freie Gemeindeverfassung verewige. Wie
in Frankreich 1793 ist heute in Deutschland die Durchführung der
strengsten Zentralisation die Aufgabe der wirklich revolutionären
Partei. *)
Wir haben gesehn, wie die Demokraten bei der nächsten Bewegung
zur Herrschaft kommen, wie sie genötigt sein werden, mehr oder
weniger sozialistische Maßregeln vorzuschlagen. Man wird fragen,
welche Maßregeln die Arbeiter dagegen vorschlagen sollen? Die Ar-
beiter können natürlich im Anfange der Bewegung noch keine direkt
kommunistische Maßregeln vorschlagen. Sie können aber:
1. Die Demokraten dazu zwingen, nach möglichst vielen Seiten hin
in die bisherige Gesellschaftsordnung einzugreifen, ihren regel-
mäßigen Gang zu stören und sich selbst zu kompromittieren sowie
möglichst viele Produktivkräfte, Transportmittel, Fabriken, Ei-
senbahnen usw. in den Händen des Staates zu konzentrieren.
2. Sie müssen die Vorschläge der Demokraten, die jedenfalls nicht
revolutionär, sondern bloß reformierend auftreten werden, auf die
Spitze treiben und sie in direkte Angriffe auf das Privateigentum
verwandeln, so zum Beispiel, wenn die Kleinbürger vorschlagen,
die Eisenbahnen und Fabriken an-
---
*) Es ist heute zu erinnern, daß diese Stelle auf einem Mißver-
ständnis beruht. Damals galt es - dank den bonapartistischen und
liberalen Geschichtsfälschern - als ausgemacht, daß die französi-
sche zentralisierte Verwaltungsmaschine durch die große Revolu-
tion eingeführt und namentlich vom Konvent als unumgängliche und
entscheidende Waffe bei Besiegung der royalistischen und födera-
listischen Reaktion und des auswärtigen Feindes gehandhabt worden
sei. Es ist jetzt aber eine bekannte Tatsache, daß während der
ganzen Revolution bis zum 18. Brumaire die gesamte Verwaltung der
Departements, Arrondissements und Gemeinden aus, von den Verwal-
teten selbst gewählten, Behörden bestand, die innerhalb der all-
gemeinen Staatsgesetze sich mit vollkommener Freiheit bewegten;
daß diese, der amerikanischen ähnliche, provinzielle und lokale
Selbstregierung grade der allerstärkste Hebel der Revolution
wurde, und zwar in dem Maß, daß Napoleon unmittelbar nach seinem
Staatsstreich vom 18. Brumaire sich beeilte, sie durch die noch
bestehende Präfektenwirtschaft zu ersetzen, die also ein reines
Reaktionswerkzeug von Anfang an war. Ebensowenig aber, wie lokale
und provinziale Selbstregierung der politischen, nationalen Zen-
tralisation widerspricht, ebensowenig ist sie notwendig verknüpft
mit jener bornierten kantonalen oder kommunalen Selbstsucht, die
uns in der Schweiz so widerlich entgegentritt und die 1849 alle
süddeutschen Föderativrepublikaner in Deutschland zur Regel ma-
chen wollten. [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1885.]
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zukaufen 1*), so müssen die Arbeiter fordern, daß diese Eisenbah-
nen und Fabriken als Eigentum von Reaktionären vom Staate einfach
und ohne Entschädigung konfisziert werden. Wenn die Demokraten
die proportionelle Steuer vorschlagen, fordern die Arbeiter pro-
gressive; wenn die Demokraten selbst eine gemäßigte progressive
beantragen, bestehen die Arbeiter auf einer Steuer, deren Sätze
so rasch steigen, daß das große Kapital dabei zugrunde geht; wenn
die Demokraten die Regulierung der Staatsschulden verlangen, ver-
langen die Arbeiter den Staatsbankerott. Die Forderungen der Ar-
beiter werden sich also überall nach den Konzessionen und Maßre-
geln der Demokraten richten müssen.
Wenn die deutschen Arbeiter nicht zur Herrschaft und Durchführung
ihrer Klasseninteressen kommen können, ohne einen längeren revo-
lutionären Entwicklungsgang durchzumachen, so haben sie diesmal
wenigstens die Gewißheit, daß der erste Akt dieses bevorstehenden
revolutionären Schauspiels mit dem direkten Siege ihrer eigenen
Klasse in Frankreich zusammenfällt und dadurch sehr beschleunigt
wird.
Aber sie selbst müssen das meiste zu ihrem endlichen Siege da-
durch tun, daß sie sich über ihre Klasseninteressen aufklären,
ihre selbständige Parteistellung sobald wie möglich einnehmen,
sich durch die heuchlerischen Phrasen 2*) der demokratischen
Kleinbürger keinen Augenblick an der unabhängigen Organisation
der Partei des Proletariats irremachen lassen. Ihr Schlachtruf
muß sein: Die Revolution in Permanenz.
London, im März 1850
Nach: Karl Marx,
"Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln".
Neuer Abdruck, mit Einleitung von Friedrich Engels,
und Dokumenten, Hottingen-Zürich 1885.
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1*) (1852) für Staatsrechnung anzukaufen - 2*) (1852) Verbrüde-
rungsphrasen
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