Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859


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       #255#
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       Karl Marx/Friedrich Engels
       
       [Rezensionen aus der "Neuen Rheinischen Zeitung.
       Politisch-ökonomische Revue". Heft 4, April 1850 [239]]
       
       I
       
       "Latter-Day Pamphlets", edited by Thomas Carlyle.
       Nr. I "The Present Time", Nr. II "Model Prisons", London 1850
       
       Thomas Carlyle  ist der einzige englische Schriftsteller, auf den
       die deutsche  Literatur einen  direkten und sehr bedeutenden Ein-
       fluß ausgeübt  hat. Schon aus Höflichkeit darf der Deutsche seine
       Schriften nicht unbeachtet vorübergehen lassen.
       Wir haben  an der  neuesten Schrift  von Guizot (2. Heft III. der
       "N[euen] Rheinischen]  Zeitung]") 1*) gesehn, wie die Kapazitäten
       der Bourgeoisie  im Untergehn begriffen sind. In den vorliegenden
       zwei Broschüren von Carlyle erleben wir den Untergang des litera-
       rischen Genies  an den  akut gewordenen  geschichtlichen Kämpfen,
       gegen die  es seine  verkannten, unmittelbaren, prophetischen In-
       spirationen geltend zu machen sucht.
       Thomas Carlyle  hat das  Verdienst, literarisch  gegen die  Bour-
       geoisie aufgetreten  zu sein zu einer Zeit, wo ihre Anschauungen,
       Geschmacksrichtungen und Ideen die ganze offizielle englische Li-
       teratur vollständig  unterjochten, und in einer Weise, die mitun-
       ter sogar  revolutionär ist. So in seiner französischen Revoluti-
       onsgeschichte, in seiner Apologie Cromwells, in dem Pamphlet über
       den Chartismus,  in "Past  and Present".  Aber  in  allen  diesen
       Schriften hängt  die Kritik  der Gegenwart eng zusammen mit einer
       seltsam unhistorischen  Apotheose des  Mittelalters,  auch  sonst
       häufig bei englischen Revolutionären, z. B. bei Cobbett und einem
       Teil der  Chartisten. Während  er in der Vergangenheit wenigstens
       die klassischen  Epochen einer  bestimmten Gesellschaftsphase be-
       wundert, bringt ihn die Gegenwart zur Verzweiflung, graut ihm vor
       der
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 207-212
       
       #256# Karl Marx/Friedrich Engels
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       Zukunft. Wo  er die  Revolution anerkannt  oder gar apotheosiert,
       konzentriert sie  sich ihm  in ein  einzelnes  Individuum,  einen
       Cromwell oder Danton. Ihnen widmet er denselben Heroenkultus, den
       er in  seinen "Lectures  on Heroes  and Hero-Worship" als einzige
       Zuflucht aus  der verzweiflungsschwangern Gegenwart, als neue Re-
       ligion gepredigt hat.
       Wie die Ideen, so der Stil Carlyles. Er ist eine direkte, gewalt-
       same Reaktion gegen den modern-bürgerlichen englischen Pecksniff-
       Stil, dessen  gespreizte Schlaffheit,  vorsichtige Weitschweifig-
       keit und moralisch-sentimentale zerfahrene Langweiligkeit von den
       ursprünglichen Erfindern,  den gebildeten Cockneys [240], auf die
       ganze englische  Literatur übergegangen ist. Ihr gegenüber behan-
       delte Carlyle die englische Sprache wie ein vollständig rohes Ma-
       terial, das  er von Grund aus umzuschmelzen hatte. Veraltete Wen-
       dungen und  Worte wurden  wieder hervorgesucht  und neue erfunden
       nach deutschem  und speziell Jean Paulschem Muster. Der neue Stil
       war oft himmelstürmend und geschmacklos, aber häufig brillant und
       immer originell.  Auch hierin  zeigen die  "Latter-Day Pamphlets"
       einen merkwürdigen Rückschritt.
       Übrigens ist es bezeichnend, daß aus der ganzen deutschen Litera-
       tur derjenige Kopf, der am meisten Einfluß auf Carlyle geübt hat,
       nicht Hegel war, sondern der literarische Apotheker Jean Paul.
       Dem Kultus  des Genius,  den Carlyle mit Strauß teilt, ist in den
       vorliegenden Broschüren  der Genius abhanden gekommen. Der Kultus
       ist geblieben.
       "The Present  Time" beginnt  mit der Erklärung, daß die Gegenwart
       die Tochter  der Vergangenheit und die Mutter der Zukunft, jeden-
       falls aber eine  n e u e  Ä r a  ist.
       Die erste  Erscheinung dieser  neuen  Ära  ist  ein    r e f o r-
       m i e r e n d e r  Papst. Das Evangelium in der Hand, wollte Pius
       IX. vom  Vatikan herab der Christenheit "das Gesetz der Wahrheit"
       verkünden.
       
       "Vor mehr  als dreihundert  Jahren erhielt der Thron Sankt Peters
       peremptorische gerichtliche Aufkündigung, authentische Ordre, re-
       gistriert in  der Kanzlei  des Himmels, und seitdem lesbar in den
       Herzen aller  wackern Männer,  sich auf  und davon  zu machen, zu
       verschwinden und  uns nichts  mehr zu  tun zu  machen mit ihm und
       seinen Täuschungen und gottlosen Delirien; - und seitdem blieb er
       stehn auf  seine eigne  Gefahr und  wird exakten Schadenersatz zu
       leisten haben  für jeden Tag, den er so gestanden hat. Gesetz der
       Wahrheit? Was  dieses Papsttum  dem Gesetz  der Wahrheit gemäß zu
       tun hatte,  das war, aufzugeben sein faules galvanisiertes Leben,
       diese Schmach  vor Gott  und dem  Menschen, ehrbar zu sterben und
       sich begraben zu lassen. Fern hiervon war, was der arme Papst un-
       ternahm; und doch war es im ganzen wesentlich nur das ... Ein re-
       formierender Papst?  Turgot und Necker waren nichts dagegen. Gott
       ist groß,  und wenn ein Ärgernis enden soll, beruft er dazu einen
       gläubigen Mann, der Hand ans Werk legt in Hoffnung, nicht in Ver-
       zweiflung." p. 3.
       
       #257# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       Mit seinen Reformmanifesten hatte der Papst Fragen auferweckt,
       
       "Mütter von  Wirbelwinden, Weltbränden, Erdbeben ... Fragen, wel-
       che alle offiziellen Männer wünschten und meist auch hofften auf-
       zuschieben bis  zum jüngsten  Tag. Der jüngste Tag selbst war ge-
       kommen, das war die schreckliche Wahrheit." p. 4.
       
       Das Gesetz der Wahrheit war proklamiert. Die Sizilianer
       
       "waren das erste Volk, das sich daran gab, diese neue, vom heili-
       gen Vater sanktionierte Regel anzuwenden: Wir gehören nicht durch
       das Gesetz der Wahrheit Neapel an und diesen neapolitanischen Be-
       amten. Wir wollen, mit der Gunst des Himmels und des Papstes, uns
       von diesen befreien."
       
       Daher die sizilische Revolution. [241]
       Das französische Volk, das sich selbst als eine "Art von Messias-
       volk" betrachtet,  als der  "auserwählte  Soldat  der  Freiheit",
       fürchtete, daß  die armen verachteten Sizilianer ihm diesen Indu-
       striezweig (trade)  aus der  Hand nehmen möchten - Februarrevolu-
       tion [219].
       
       "Wie durch  sympathetische  unterirdische  Elektrizitäten  explo-
       dierte ganz  Europa, schrankenlos, unkontrollierbar; und wir hat-
       ten das Jahr 1848, eins der seltsamsten, unheilvollsten, erstaun-
       lichsten und  im ganzen  demütigendsten Jahre,  welche die  euro-
       päische Welt jemals sah... Die Könige überall und die regierenden
       Personen stierten  in plötzlichem  Schrecken, als  die Stimme der
       ganzen Welt  in ihre  Ohren bellte:  Hebt euch  von  dannen,  ihr
       Schwachköpfe, Heuchler,  Histrionen, nicht  Heroen! Weg mit euch,
       weg! Und  was eigentümlich war, und in diesem Jahr zuerst erhört:
       die Könige alle beschleunigten sich zu gehn, als wenn sie ausrie-
       fen: Wir   s i n d   arme  Histrionen, das sind wir - braucht ihr
       Heroen? Bringt  uns nicht um, was können wir dafür! - Nicht einer
       von ihnen  wandte sich rückwärts und stand fest auf seinem König-
       tum als auf einem Recht, wofür er sterben oder seine Haut riskie-
       ren könne.  Das, wiederhole  ich, ist die beängstigende Besonder-
       heit der Gegenwart. Die Demokratie, bei dieser neuen Gelegenheit,
       findet alle  Könige  b e w u ß t,  daß sie nichts andres sind als
       Komödianten. Sie  flohen jählings, einige von ihnen mit sozusagen
       ausgesuchter Schmach  - in Angst vor dem Zuchthaus oder Schlimme-
       rem. Und  das Volk,  oder der  Pöbel, übertrug  allerorten  seine
       eigne Regierung sich selbst, und offne Königslosigkeit (kingless-
       ness), was  wir   A n a r c h i e  nennen - glücklich, wenn Anar-
       chie  plus   einem  Straßenkonstabler   -,  ist  überall  an  der
       Tagesordnung. Solches  war die  Geschichte vom Baltischen bis zum
       Mittelmeer, in  Italien, Frankreich, Preußen, östreich, von einem
       Ende Europas  bis zum  andern in jenen Märztagen von 1848. Und so
       blieb kein  König in  Europa, kein  König, außer dem öffentlichen
       'haranguer' 1*),  harangierend auf  dem Bierfaß,  im  Leitartikel
       oder sich  mit seinesgleichen  versammelnd im  Nationalparlament.
       Und für ungefähr vier Monate war ganz Frankreich und in einem ho-
       hen Grade ganz Europa, abgehetzt durch jede Art von Delirium, ein
       auf und nieder wogender Pöbel, präsidiert von Herrn von Lamartine
       auf
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       1*) 'Schwätzer'
       
       #258# Karl Marx/Friedrich Engels
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       dem Hôtel de Ville [7]. Ein sorgenschwangeres Schauspiel für den-
       kende Männer,  solange er währte, dieser arme Herr von Lamartine,
       mit nichts  in ihm,  außer melodischem Wind und weichlichem Spei-
       chelfluß. Traurig  genug: Die beredteste, letzte Verkörperung des
       rehabilitierten 'Chaos',  fähig für  sich selbst  zu sprechen und
       mit glatten  Worten einzureden, es sei 'Kosmos'! Aber ihr braucht
       nur kurze Zeit zu harren in solchen Fällen; alle Luftballone müs-
       sen ihr  Gas von  sich geben unter dem Druck der Dinge und fallen
       widerlich schlaff zusammen bevor lange." p. 5-8.
       
       Wer war  es, der  diese allgemeine Revolution schürte, zu der der
       Stoff allerdings vorhanden war?
       
       "Studenten, junge  Literaten, Advokaten, Zeitungsschreiber, heiß-
       blütige unerfahrene  Enthusiasten und  wilde, mit Recht bankrotte
       Desperados. Nimmer bis jetzt haben junge Leute und beinahe Kinder
       solch ein Kommando geführt in den menschlichen Dingen. Veränderte
       Zeit, seit  das Wort  senior,  seigneur  oder  Aeltermann  zuerst
       erdacht wurde,  um Herr oder Vorgesetzter zu bedeuten, wie wir es
       in den  Sprachen aller  Menschen finden! ... Wenn ihr genauer zu-
       seht, werdet  ihr finden,  daß der  Alte aufgehört hat, ehrwürdig
       und daß er begonnen hat, verächtlich zu sein, ein törichter Knabe
       noch, aber  ein Knabe ohne die Anmut, den Großsinn und die üppige
       Kraft der  jungen Knaben.  - Dieser  wahnsinnige Stand  der Dinge
       wird natürlich  binnen kurzem sich selbst Erleichterung verschaf-
       fen, wie  er das  überall schon  zu tun begonnen hat; die gewöhn-
       lichen Notwendigkeiten  des täglichen Lebens können nicht mit ihm
       bestehn, und  diese, was sonst auch beiseite geworfen werden mag,
       gehn ihren  Weg fort. Eine beliebige Reparatur der alten Maschine
       unter neuen  Farben und  veränderten Formen  wird  wahrscheinlich
       bald in  den meisten  Ländern erfolgen;  die alten  Theaterkönige
       werden wieder  zugelassen werden unter Bedingungen, unter Konsti-
       tutionen mit  nationalen Parlamenten oder dgl. fashionablem Zube-
       hör, und  allerorten wird  das alte tägliche Leben versuchen, von
       Anfang wieder  anzufangen. Aber  dermalen ist keine Hoffnung, daß
       solche Ausgleichungen  Dauer haben  könnten... In  solchen fluch-
       bringenden Schwingungen,  treibend wie  unter abgrundlos tobenden
       Strudeln und  sich bekriegenden  Seeströmungen, nicht stehend auf
       festgegründeten Fundamenten,  muß  die  europäische  Gesellschaft
       fortfahren zu  taumeln - bald heillos stolpernd, dann wieder müh-
       selig sich  aufraffend in immer kürzeren Intervallen, bis endlich
       einmal die  neue  F e l s e n b a s i s  ans Tageslicht kommt und
       die auf  und nieder wogenden Sündfluten der Meuterei und der Not-
       wendigkeit der Meuterei sich wieder verlaufen." p. 8-10.
       
       Soweit die  Geschichte, die  auch in  dieser Form wenig tröstlich
       ist für die alte Welt. Jetzt kommt die Moral:
       
       "Die  a l l g e m e i n e  D e m o k r a t i e,  was man auch von
       ihr denken  möge, ist  das unvermeidliche  Faktum der Tage, worin
       wir leben." p. 10.
       
       Was ist  die Demokratie?  Eine Bedeutung  muß sie haben, oder sie
       wäre nicht da. Es kommt also alles darauf an, die wahre Bedeutung
       der Demokratie
       
       #259# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       zu finden. Gelingt uns dies, so können wir mit ihr fertig werden;
       wo nicht,  sind wir verloren. Die Februarrevolution war "ein all-
       gemeiner Bankerutt des Betrugs; das ist ihre kurze Erklärung" (p.
       14). Der  S c h e i n  und Scheingestalten, "shams", "delusions",
       "phantasms", bedeutungslos  gewordne Namen anstatt der wirklichen
       Verhältnisse und  Dinge, mit einem Wort der Lug anstatt der Wahr-
       heit hat  in der  modernen Zeit  geherrscht. Die individuelle und
       soziale Ehescheidung  von diesen Scheingestalten und Gespenstern,
       das ist  die Aufgabe der Reform, und die Notwendigkeit, daß aller
       sham, aller Betrug aufhöre, ist unleugbar.
       
       "Allerdings mag  dies manchem  befremdlich erscheinen;  und manch
       einem soliden  Engländer, der mit gesundem Behagen seinen Pudding
       verdaut, unter  den sogenannten  gebildeten Klassen,  scheint  es
       über die  Maßen befremdlich,  eine verrückte  unwissende Vorstel-
       lung, durchaus heterodox und schwanger nur mit Ruin. Ihm sind an-
       gewöhnt worden  Formen des  Anstands, denen seit langer Zeit ihre
       Bedeutung abhanden  gekommen  ist,  plausible  Verhaltungsweisen,
       rein zeremoniell  gewordne Feierlichkeiten-was  ihr in eurem bil-
       derstürmenden Humor shams nennt - sein ganzes Leben durch; nimmer
       hörte er,  daß irgendein Harm in ihnen wäre, daß irgendein Voran-
       kommen wäre  ohne sie. Spann nicht die Baumwolle sich selbst, mä-
       stete sich  nicht das Vieh, und Kolonialwaren und Spezereien, ka-
       men sie nicht von Osten und Westen herein durchaus komfortabel an
       der Seite der shams?" (p. 15.)
       
       Wird nun  die Demokratie,  diese notwendige Reform, die Befreiung
       von den shams, vollbringen?
       
       "Die Demokratie,  wenn sie organisiert ist vermittelst des allge-
       meinen Stimmrechts,  wird sie  diesen heilenden allgemeinen Über-
       gang von  der Illusion  zum Wirklichen,  vom Falschen  zum Wahren
       durchführen und  nach und nach eine gesegnete Welt schaffen?" (p.
       17.)
       
       Carlyle leugnet dies. Er sieht überhaupt in der Demokratie und in
       dem allgemeinen Stimmrecht nur eine Ansteckung aller Völker durch
       den englischen Aberglauben an die Unfehlbarkeit der parlamentari-
       schen Regierung.  Die Bemannung jenes Schiffs, das den Weg um Kap
       Horn verloren  hatte und  statt nach Wind und Wetter auszuschauen
       und den Sextanten zu gebrauchen über den einzuschlagenden Weg ab-
       stimmte und die Entscheidung der Majorität für unfehlbar erklärte
       - das  ist das  allgemeine Stimmrecht, das den Staat lenken will.
       Wie für  jeden einzelnen,  so für  die Gesellschaft  kommt es nur
       darauf an,  die wahren Regulationen des Universums, die ewig wäh-
       renden Gesetze  der Natur  mit Bezug auf die jedesmal vorliegende
       Aufgabe zu entdecken und darnach zu handeln. Wer uns diese ewigen
       Gesetze enthüllt,  dem folgen  wir, "sei  es der  Zar von Rußland
       oder das chartistische Parlament, der Erzbischof
       
       #260# Karl Marx/Friedrich Engels
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       von Canterbury oder der Dalai-Lama". Wie aber entdecken wir diese
       ewigen Vorschriften  Gottes? Jedenfalls ist das allgemeine Stimm-
       recht, das  jedem einen Stimmzettel gibt und die Köpfe zählt, der
       schlechteste Weg  dazu. Das  Universum ist  sehr exklusiver Natur
       und hat von jeher seine Geheimnisse nur wenigen Auserwählten, nur
       einer kleinen  Minorität von  Edlen und Weisen mitgeteilt. Es hat
       daher auch  nie eine Nation auf der Grundlage der Demokratie exi-
       stieren können.  Griechen und  Römer? Jeder  weiß heutzutage, daß
       sie keine  Demokratien bildeten,  daß die Sklaverei die Grundlage
       ihrer Staaten war. Von den verschiedenen französischen Republiken
       ist es  ganz überflüssig  zu sprechen.  Und die nordamerikanische
       Musterrepublik? Von  den Amerikanern  kann bis jetzt nicht einmal
       gesagt werden,  daß sie eine Nation, einen Staat bilden. Die ame-
       rikanische Bevölkerung lebt  o h n e  Regierung; was hier konsti-
       tuiert, ist die Anarchie plus einem Straßenkonstabler. Was diesen
       Zustand möglich  macht, sind die enormen Strecken noch unbebauten
       Landes und  der aus  England  herübergebrachte  Respekt  vor  dem
       Konstablerstock. Mit dem Wachsen der Bevölkerung hat auch das ein
       Ende.
       
       "Welche große  menschliche Seele, welchen großen Gedanken, welche
       große edle Sache, die man anbeten oder der man loyale Bewunderung
       zollen könnte, hat Amerika noch erzeugt." (p. 25.) -
       
       Es hat  seine Bevölkerung  alle zwanzig  Jahre verdoppelt - voilà
       tout 1*).
       Also diesseits und jenseits des Atlantischen Ozeans ist die Demo-
       kratie für  immer unmöglich. Das Universum selbst ist eine Monar-
       chie und  eine Hierarchie.  Keine Nation, worin die göttliche im-
       merwährende Pflicht  der Leitung und Kontrollierung der Unwissen-
       den nicht dem  E d e l s t e n  mit seiner auserwählten Reihe von
       E d l e r e n   anvertraut ist,  hat das Reich Gottes, entspricht
       den ewigen Naturgesetzen.
       Jetzt erfahren  wir auch  das Geheimnis,  den  Ursprung  und  die
       Notwendigkeit der  modernen Demokratie. Es besteht einfach darin,
       daß der falsche Edle (sham-noble) erhöht und durch Tradition oder
       neu erfundene Täuschungen konsekriert worden ist.
       Und wer  soll den  wahren Edelstein  entdecken mit  seiner ganzen
       Einfassung von kleineren Menschenjuwelen und Perlen? Sicher nicht
       das allgemeine  Stimmrecht, denn nur der Edle kann den Edlen aus-
       finden. Und  so erklärt Carlyle, daß England noch eine Menge sol-
       cher Edlen  und "Könige"  besitze, und  fordert diese  p. 38 auf,
       sich bei ihm zu melden.
       Man sieht,  wie der "Edle" Carlyle von einer durchaus pantheisti-
       schen Anschauungsweise
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       1*) Das ist alles
       
       #261# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       ausgeht. Der ganze geschichtliche Prozeß wird bedingt nicht durch
       die Entwicklung  der lebendigen  Massen selbst, die natürlich von
       bestimmten, aber  selbst wieder  historisch erzeugten wechselnden
       Voraussetzungen abhängig  ist; er  wird bedingt durch ein ewiges,
       für alle  Zeiten unveränderliches  Naturgesetz, von  dem er  sich
       heute entfernt  und dem er sich morgen wieder nähert und auf des-
       sen richtige  Erkenntnis alles ankommt. Diese richtige Erkenntnis
       des ewigen  Naturgesetzes ist die ewige Wahrheit, alles andre ist
       falsch. Mit  dieser Anschauungsweise  lösen sich  die  wirklichen
       Klassengegensätze, so  verschieden sie  in  verschiednen  Epochen
       sind, sämtlich  auf in  den einen großen und ewigen Gegensatz de-
       rer, die  das  ewige  Naturgesetz  ergründet  haben  und  darnach
       handeln, der Weisen und Edlen, und derer, die es falsch verstehn,
       es verdrehn  und ihm entgegen wirken, der Toren und Schurken. Der
       historisch erzeugte  Klassenunterschied wird  so zu  einem natür-
       lichen Unterschied,  den man selbst als einen Teil des ewigen Na-
       turgesetzes anerkennen  und verehren  muß, indem man sich vor den
       Edlen und  Weisen der  Natur beugt:  Kultus des Genius. Die ganze
       Anschauung des  historischen Entwicklungsprozesses verflacht sich
       zur platten  Trivialität der  Illuminaten- und Freimaurerweisheit
       des  vorigen   Jahrhunderts,  zur   einfachen   Moral   aus   der
       "Zauberflöte" und  zu einem unendlich verkommenen und banalisier-
       ten Saint-Simonismus.  Damit kommt  natürlich die alte Frage, wer
       denn eigentlich  herrschen soll,  die mit hochwichtiger Seichtig-
       keit des  breitesten diskutiert  und  endlich  dahin  beantwortet
       wird, daß die Edlen, Weisen und Wissenden herrschen sollen; woran
       sich dann  ganz ungezwungen  die Folgerung  anschließt, daß viel,
       sehr viel  regiert werden  müsse; daß  nie zuviel  regiert werden
       könne, da ja das Regieren die stete Enthüllung und Geltendmachung
       des Naturgesetzes  gegenüber der  Masse ist.  Wie aber sollen die
       Edlen und  Weisen entdeckt werden? Kein überirdisches Wunder ent-
       hüllt sie; man muß sie suchen. Und hier kommen die zu rein natür-
       lichen Unterschieden  gemachten historischen  Klassenunterschiede
       wieder zum  Vorschein. Der Edle ist edel, weil er Weiser, Wissen-
       der ist.  Er wird  also zu suchen sein unter den Klassen, die das
       Monopol der Bildung haben - unter den privilegierten Klassen; und
       dieselben Klassen  werden es  sein, die ihn in ihrer Mitte auszu-
       finden, die  über seine  Ansprüche auf  den Rang  eines Edlen und
       Weisen zu  entscheiden haben.  Damit  werden  die  privilegierten
       Klassen sofort,  wenn nicht  geradezu zur  edlen und weisen, doch
       zur "artikulierten" Klasse; die unterdrückten Klassen sind natür-
       lich die  "stummen unartikulierten",  und so ist die Klassenherr-
       schaft neu  sanktioniert. Die  ganze hochentrüstete Polterei ver-
       wandelt sich in eine etwas versteckte Anerkennung der bestehenden
       Klassenherrschaft, die  bloß darüber  grämelt und  murrt, daß die
       Bourgeois ihren verkannten
       
       #262# Karl Marx/Friedrich Engels
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       Genies keine  Stelle an  der Spitze der Gesellschaft anweisen und
       aus sehr  praktischen Rücksichten  nicht auf  die schwärmerischen
       Faseleien dieser Herren eingehn. Wie übrigens auch hier die hoch-
       trabende Salbaderei  in ihr  Gegenteil umschlägt,  wie der  Edle,
       Wissende und  Weise in der Praxis sich in den Gemeinen, Unwissen-
       den und  Narren verwandelt,  davon liefert uns Carlyle schlagende
       Exempel.
       Er wendet  sich, da  bei ihm  auf die  starke Regierung alles an-
       kommt, mit  höchster Entrüstung gegen das Geschrei nach Befreiung
       und Emanzipation:
       
       "Laßt uns alle frei sein, der eine von dem andern. Frei ohne Band
       oder Verschlingung,  ausgenommen der der baren Zahlung; ehrlicher
       Tageslohn für ehrliches Tageswerk, festgesetzt durch freiwilligen
       Vertrag und  durch das Gesetz der Nachfrage und Zufuhr; dies bil-
       det man  sich ein, sei die wahre Lösung aller Schwierigkeiten und
       Ungerechtigkeiten, die  zwischen Mensch  und  Mensch  vorgefallen
       sind. Um das Verhältnis, das zwischen zwei Menschen existiert, zu
       berichtigen, gibt es keine andere Methode, als es ganz und gar zu
       beseitigen?" (p. 29.)
       
       Diese vollständige Auflösung aller Bande, aller Verhältnisse zwi-
       schen den  Menschen erreicht  natürlich ihre  Spitze in der Anar-
       chie, dem  Gesetz der  Gesetzlosigkeit, dem  Zustand, in  dem das
       Band der Bänder, die Regierung, vollständig zerschnitten ist. Und
       dahin strebt  man in  England wie  auf dem Kontinent, ja sogar in
       dem "soliden Germanien".
       So poltert  Carlyle mehrere  Seiten hindurch  fort, indem  er auf
       eine höchst  befremdliche Weise  rote Republik,  fraternité  1*),
       Louis Blanc  usw. mit  dem free  trade 2*),  der Abschaffung  der
       Kornzölle [218]  etc. zusammenwirft.  Vgl. p. 29-42. Die Vernich-
       tung der  traditionell noch forterhaltenen Reste des Feudalismus,
       die Reduktion  des Staats  auf das unumgänglich nötige und aller-
       wohlfeilste, die  vollständige Durchführung der freien Konkurrenz
       durch die  Bourgeois vermischt und identifiziert Carlyle also mit
       der Aufhebung eben dieser Bourgeoisverhältnisse, mit der Abschaf-
       fung des  Gegensatzes von  Kapital und  Lohnarbeit, mit dem Sturz
       der Bourgeoisie  durch das Proletariat. Glänzende Rückkehr zu der
       "Nacht des  Absoluten", in der alle Kühe grau sind! Tiefe Wissen-
       schaft des  "Wissenden", der  nicht das  erste Wort von dem weiß,
       was um ihn vorgeht! Seltsamer Scharfsinn, der mit der Abschaffung
       des Feudalismus  oder der freien Konkurrenz alle Beziehungen zwi-
       schen den  Menschen abgeschafft glaubt! Gründliche Ergründung des
       "ewigen Naturgesetzes", die in allem Ernst glaubt, daß keine Kin-
       der mehr zur Welt
       
       #263# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       kommen, sobald  die Eltern  nicht vorher  auf die Mairie gehn, um
       sich ehelich zu "verbinden"!
       Nach diesem  erbaulichen Beispiel  von der  Weisheit, die auf die
       pure Unwissenheit hinausläuft, gibt uns Carlyle auch noch den Be-
       weis, wie  der hochbeteuernde  Edelmut sofort  in die unverhüllte
       Niedertracht umschlägt, sobald er aus seinem Phrasen- und Senten-
       zenhimmel in die Welt der wirklichen Verhältnisse hinabsteigt.
       
       "In allen  europäischen Ländern,  speziell in  England, hat  eine
       Klasse von  Hauptleuten und  Kommandeuren von Menschen, erkennbar
       als der  Beginn einer  neuen, realen und nicht imaginären Aristo-
       kratie, sich  bereits einigermaßen entwickelt: Die Hauptleute der
       Industrie, glücklicherweise  die Klasse,  welche vor allen andern
       in diesen  Zeiten not  tut. Und  sicher, von der andern Seite ist
       kein Mangel  an Menschen,  die nötig haben kommandiert zu werden:
       Diese traurige Klasse von Brudermenschen, die wir beschrieben ha-
       ben  als   Hodges  emanzipierte   Pferde  [242],   reduziert   zu
       vagabundierender Hungerleiderei;  diese Klasse ebenfalls hat sich
       in allen Ländern entwickelt und entwickelt sich immer mehr in un-
       heilschwangrer geometrischer  Progression mit  beängstigender Ge-
       schwindigkeit. Auf  diesen Grund  hin kann es mit Wahrheit gesagt
       werden, daß die Organisation der Arbeit die allgemeine Lebensauf-
       gabe der Welt ist." (p. 42, 43.)
       
       Nachdem Carlyle  auf den  ersten  vierzig  Seiten  seinen  ganzen
       tugendhaften Grimm  gegen den Egoismus, die freie Konkurrenz, Ab-
       schaffung der  feudalen Bande  zwischen Mensch  und Mensch, Nach-
       frage und Zufuhr, laisser faire [243], Baumwollspinnen, bare Zah-
       lung etc.  etc. aber  und abermals  ausgepoltert hat,  finden wir
       jetzt auf  einmal, daß die Hauptvertreter aller dieser shams, die
       industriellen Bourgeois,  nicht nur  zu den gefeierten Heroen und
       Genien gehören,  sondern sogar den zunächst notwendigen Teil die-
       ser Heroen  ausmachen, daß der Trumpf aller seiner Angriffe gegen
       die Bourgeoisverhältnisse  und Ideen die Apotheose der Bourgeois-
       personen ist.  Sonderbarer erscheint  es, daß Carlyle, nachdem er
       die Kommandierenden  und die Kommandierten der Arbeit vorgefunden
       hat, also  eine bestimmte  Organisation der Arbeit, dennoch diese
       Organisation für  ein noch  zu lösendes  großes Problem  erklärt.
       Aber man täusche sich nicht. Es handelt sich nicht um die Organi-
       sation der  einregimentierten, sondern  um die der nicht einregi-
       mentierten, der  führerlosen Arbeiter, und diese hat Carlyle sich
       selbst vorbehalten.  Wir sehn  ihn  am  Schluß  seiner  Broschüre
       plötzlich als  britischen Premierminister  in partibus auftreten,
       die drei Millionen irische und andre Bettler, arbeitsfähige Habe-
       nichtse, nomadisch  oder stationär,  und die allgemeine National-
       versammlung der  britischen Paupers  außer dem workhouse [33] und
       im workhouse zusammenrufen und in einer Rede "harangieren", worin
       er den  Habenichtsen
       
       #264# Karl Marx/Friedrich Engels
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       erstlich  alles wiederholt, was er dem Leser schon früher  anver-
       traut hat,  und dann  die auserlesene  Gesellschaft  anredet  wie
       folgt:
       
       "Vagabondierende Habe- und Taugenichtse, töricht manche von euch,
       Verbrecher viele von euch, Elende alle! Euer Anblick erfüllt mich
       mit Staunen und Verzweiflung. Hier sind an die drei Millionen von
       euch, manche von euch in den Abgrund des direkten Bettlertums ge-
       fallen, und schrecklich zu sagen, jeder, der fällt, beschwert mit
       seinem Gewicht  um soviel mehr die Kette, die die andern herüber-
       zieht. Am  Rande dieses Abgrunds hangen ungezählte Millionen, die
       sich vermehren,  wie man  mir sagt,  um zwölfhundert  jeden  Tag,
       fallend, fallend  einer nach dem andern, und die Kette wird immer
       schwerer, und  wer zuletzt  wird noch stehn können? - Was nun mit
       euch anfangen?  ... Die  andern, die noch stehn, ringen mit ihren
       eignen Nöten,  das kann  ich euch  sagen; aber ihr, durch mangel-
       hafte Energie und überflüssigen Appetit, durch zuwenig getane Ar-
       beit und  zuviel getrunkenes  Bier, ihr habt bewiesen, daß ihr es
       nicht könnt. Wißt, daß wer auch immer die Söhne der Freiheit sein
       mögen, ihr  für euren Teil seid es nicht und könnt es nicht sein;
       ihr seid  handgreiflich Gefangene,  nicht Freie  ... Ihr habt die
       Natur von  Sklaven, oder  wenn ihr  lieber wollt,  von  nomadisch
       vagabundierenden Knechten,  die keinen Herrn zu finden wissen ...
       Nicht als  glorreich unglückliche Söhne der Freiheit, sondern als
       notorische Gefangene,  als unglückliche gefallne Brüder, die ver-
       langen, daß  ich sie kommandieren und wenn nötig, sie kontrollie-
       ren und unterjochen soll, könnt ihr von nun an mit mir in Verbin-
       dung treten... Vor dem Himmel und der Erde und Gott, dem Schöpfer
       unser aller,  erkläre ich  es ein Ärgernis,  s o l c h  ein Leben
       in euch  erhalten zu sehn, durch den Schweiß und das Herzblut eu-
       rer Brüder,  und daß,  wenn wir  es nicht bessern können, der Tod
       vorzuziehen wäre  ... Schreibt  euch ein in meine irischen, meine
       schottischen, meine  englischen Regimenter der  n e u e n  Ä r a,
       ihr armen  wandernden Banditen,  gehorcht, arbeitet,  duldet, fa-
       stet, wie alle von uns tun mußten... Industrielle Obersten, Werk-
       meister, Aufseher,  Herren über  Leben und Tod, billig wie Rhada-
       manth und  unbeugsam wie er, die tun euch not, und sie werden für
       euch findbar  sein, sobald  ihr einmal  unter den  Kriegsartikeln
       steht... Zu  jedem von  euch werde  ich dann sagen: Hier ist Werk
       für euch;  macht euch  tapfer dran,  mit männlichem, soldatischem
       Gehorsam und gutem Mut, und fügt euch gemäß den Methoden, die ich
       hier diktiere,  - Lohn  folgt für euch ohne Schwierigkeit... Wei-
       gert euch, bebt vor saurer Arbeit zurück, gehorcht nicht den Vor-
       schriften, und  ich werde  euch ermahnen und anzustacheln suchen;
       wenn vergeblich,  werde ich  euch peitschen; wenn immer noch ver-
       geblich, werde ich euch endlich niederschießen." (p. 46-55.)
       
       Die "neue Ara", worin der Genius herrscht, unterscheidet sich von
       der alten  Ära also  hauptsächlich dadurch, daß die Peitsche sich
       einbildet, genial  zu sein. Der Genius Carlyle unterscheidet sich
       vom ersten  besten Gefängniszerberus oder Armenvogt durch die tu-
       gendhafte Entrüstung  und das  moralische Bewußtsein,  daß er die
       Paupers nur schindet, um sie zu seiner Höhe zu erheben. Wir sehen
       hier den hochbeteuernden Genius in seinem welterlösenden Zorn die
       Infamien  des  Bourgeois  phantastisch  rechtfertigen  und  über-
       treiben.
       
       #265# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       Hatte die englische Bourgeoisie die Paupers den Verbrechern assi-
       miliert, um vom Pauperismus abzuschrecken, hatte sie das Armenge-
       setz von  1834 geschaffen,  so  klagt  Carlyle  die  Paupers  des
       H o c h v e r r a t s   an, weil  der Pauperismus den Pauperismus
       erzeugt.  Wie   vorhin  die  historisch  entstandene  herrschende
       Klasse, die  industrielle Bourgeoisie,  schon weil sie herrschte,
       des Genius teilhaftig war, so ist jetzt jede unterdrückte Klasse,
       je tiefer sie unterdrückt ist, desto mehr vom Genius ausgeschlos-
       sen, desto  mehr der  tobenden Wut  unsres verkannten Reformators
       ausgesetzt. So  hier die  Paupers. Aber sein sittlich-edler Grimm
       erreicht die  höchste Spitze gegenüber den absolut Niederträchti-
       gen  und   Ignobeln,  den  "Schurken",  d.h.  den    V e r b r e-
       c h e r n.   Von diesen  handelt er  in der  Broschüre  über  die
       Mustergefängnisse.
       Diese Broschüre  unterscheidet sich von der ersten nur durch eine
       noch viel  größere Wut,  um so wohlfeiler, als sie sich gegen die
       von der  bestehenden Gesellschaft  offiziell Ausgestoßenen, gegen
       Leute unter  Schloß und  Riegel richtet; eine Wut, die selbst das
       wenige von  Scham abstreift,  was die  gewöhnlichen Bourgeois an-
       standshalber noch  zur Schau  tragen. Wie  Carlyle im ersten Pam-
       phlet eine  vollständige Hierarchie  der Edeln  aufstellt und dem
       Edelsten der  Edeln nachspürt,  so arrangiert er hier eine ebenso
       komplette Hierarchie der Schurken und Niederträchtigen und trach-
       tet danach, den  S c h l e c h t e s t e n  d e r  S c h l e c h-
       t e n,   den   g r ö ß t e n   S c h u r k e n  in England zu er-
       jagen, um  die Wollust zu haben, ihn zu hängen. Gesetzt, er finge
       ihn und  hing ihn auf; so ist nun ein andrer der Schlechteste und
       muß wieder  gehangen werden  und dann wieder ein anderer, bis die
       Reihe endlich  an die  Edlen, und  dann an  die Edleren kömmt und
       zuletzt niemand  übrigblieb als  Carlyle, der  Edelste,  der  als
       Verfolger der  Schurken zugleich Mörder der Edlen ist und auch in
       den Schurken  das Edle  gemordet hat,  der Edelste der Edeln, der
       sich plötzlich  in den Niederträchtigsten der Schurken verwandelt
       und als  solcher   s i c h   s e l b s t   z u  h ä n g e n  hat.
       Damit wären  dann alle  Fragen über die Regierung, den Staat, die
       Organisation der Arbeit, die Hierarchie des Edlen gelöst, und das
       ewige Naturgesetz endlich verwirklicht.
       
       #266# Karl Marx/Friedrich Engels
       -----
       II
       
       "Les Conspirateurs", par A.Chenu, ex-capitaine des gardes du
       citoyen Caussidière, "Les sociétés secrètes; la préfecture
       de police sous Caussidière; les corps-francs", Paris 1850
       "La naissance de la République en Février 1848",
       par Lucien De la Hodde, Paris 1850
       
       Nichts ist  wünschenswerter, als daß die Leute, die an der Spitze
       der Bewegungspartei standen, sei es vor der Revolution in den ge-
       heimen Gesellschaften  oder in der Presse, sei es später in offi-
       ziellen Stellungen, endlich einmal mit derben rembrandtschen Far-
       ben geschildert  werden, in ihrer ganzen Lebendigkeit. Die bishe-
       rigen Darstellungen malen uns diese Persönlichkeiten nie in ihrer
       wirklichen, nur  in ihrer offiziellen Gestalt, mit dem Kothurn am
       Fuß und  der Aureole um den Kopf. In diesen verhimmelten raffael-
       schen Bildern geht alle Wahrheit der Darstellung verloren.
       Die beiden  vorliegenden Schriften entfernen zwar den Kothurn und
       die Aureole,  mit denen die "großen Männer" der Februarrevolution
       bisher zu  erscheinen pflegten.  Sie dringen  in das  Privatleben
       dieser Personen  ein, sie  zeigen sie  uns im  Negligé, mit ihrer
       ganzen Umgebung von subalternen Subjekten sehr verschiedener Art.
       Aber darum sind sie nicht weniger weit entfernt von einer wirkli-
       chen, treuen  Darstellung der  Personen und Ereignisse. Von ihren
       Verfassern ist  der eine  ein eingestandner langjähriger Mouchard
       1*) Louis-Philippes,  der andre ein alter Verschwörer von Profes-
       sion, dessen  Beziehungen zur  Polizei ebenfalls  sehr zweideutig
       sind und  dessen Auffassungsfähigkeit  schon dadurch  charakteri-
       siert wird, daß er zwischen Rheinfelden und Basel "jene prächtige
       Alpenkette, deren silberne Gipfel das Auge blenden", und zwischen
       Kehl und  Karlsruhe "die  rheinischen Alpen,  deren ferne  Gipfel
       sich im  Horizont verloren",  gesehn haben will. Von solchen Leu-
       ten, besonders wenn sie obendrein zu ihrer persönlichen Rechtfer-
       tigung schreiben,  ist allerdings nur eine mehr oder minder char-
       gierte chronique  scandaleuse 2*) der Februarrevolution zu erwar-
       ten.
       Herr de la Hodde sucht sich in seiner Broschüre als den Spion des
       Cooper-schen Romans  [244] darzustellen.  Er habe,  behauptet er,
       sich um  die Gesellschaft verdient gemacht, indem er die geheimen
       Gesellschaften während acht Jahren paralysierte. Aber vom Cooper-
       schen Spion bis zu Herrn de la Hodde
       -----
       1*) Polizeispitzel - 2*) Klatschgeschichte
       
       #267# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
       -----
       ist  weit,   sehr  weit.   Herr  de   la  Hodde,  Mitarbeiter  am
       "Charivari", Mitglied  des Zentralkomitees  der "société des nou-
       velles saisons"  [245] seit 1839, Mitredakteur der "Reforme" seit
       ihrer Gründung  und gleichzeitig  bezahlter Spion des Polizeiprä-
       fekten Delessert,  ist durch  niemanden mehr  kompromittiert  als
       durch Chenu.  Seine Schrift  ist direkt  provoziert durch  Chenus
       Enthüllungen, hütet  sich aber sehr wohl, auch nur eine Silbe auf
       das zu  erwidern, was  Chenu über de la Hodde selbst sagt. Dieser
       Teil der Chenuschjen Memoiren wenigstens ist also authentisch.
       
       "In  einer   meiner  nächtlichen   Wanderungen",  erzählt  Chenu,
       "bemerkte ich  de la Hodde, wie er den Quai Voltaire auf- und ab-
       wandelte. Der  Regen floß  stromweise, und  dieser Umstand machte
       mich nachdenklich.  Sollte zufällig dieser teure de la Hodde auch
       in der Kasse der geheimen Fonds schöpfen? Aber ich erinnerte mich
       seiner Gesänge, seiner herrlichen Strophen über Irland und Polen,
       und namentlich  der heftigen  Artikel, die  er im Journal 'La Ré-
       forme'  schrieb"   (während  Herr   de  la  Hodde  sich  als  den
       Besänftiger der  "Reforme" hinzustellen  sucht). "Guten Abend, de
       la Hodde,  was Teufel  treibst du  hier zu  dieser Stunde  und in
       diesem schauderhaften Wetter? - Ich warte auf einen Schwerenöter,
       der mir  Geld schuldig ist, und da er alle Abend zu dieser Stunde
       hier vorüberkommt,  wird er  mir zahlen,  oder -  und  er  schlug
       heftig mit seinem Stock auf die Brustwehr des Quais."
       
       De la  Hodde sucht ihn loszuwerden und geht nach dem Pont du Car-
       rousel zu.  Chenu entfernt sich nach der entgegengesetzten Seite,
       aber nur,  um sich  unter den Arkaden des Instituts zu verbergen.
       De la  Hodde kommt  bald zurück, sieht sich sorgfältig nach allen
       Seiten um und spaziert von neuem auf und ab.
       
       "Eine Viertelstunde  nachher bemerkte  ich den Wagen mit den zwei
       kleinen grünen  Laternen,  den  mir  mein  Ex-Agent  signalisiert
       hatte" (ein  ehemaliger Spion,  der Chenu im Gefängnis eine Menge
       Polizeigeheimnisse und  Erkennungszeichen  verraten  hatte).  "Er
       hielt an  der Ecke  der Rue  des Vieux-Augustins.  Ein Mann stieg
       aus; de  la Hodde ging geradeswegs auf ihn zu; sie sprachen einen
       Augenblick zusammen,  und ich  sah de la Hodde die Bewegung eines
       Menschen machen,  der Geld  in seine Tasche steckt. - Nach diesem
       Vorfall  wandte   ich  alles  an,  um  de  la  Hodde  aus  unsern
       Zusammenkünften zu  entfernen und vor allem Albert zu verhindern,
       in eine  Schlinge zu  fallen, denn er war der Eckstein unsres Ge-
       bäudes. Einige  Tage nachher wies die 'Réforme' einen Artikel des
       Herrn de  la Hodde zurück. Seine literarische Eitelkeit wurde da-
       durch verletzt. Ich riet ihm, sich zu rächen durch Gründung eines
       andern Journals.  Er folgte diesem Rat und publizierte mit Pilhes
       und Dupoty  sogar den  Prospektus eines  Blattes 'Le Peuple', und
       während dieser Zeit waren wir ihn fast ganz los." - Chenu, p. 46-
       48.
       Wir sehn: Der Coopersche Spion verwandelt sich in den politischen
       Prostituierten der  gemeinsten Art,  der auf der Straße im Regen-
       wetter auf die
       
       #268# Karl Marx/Friedrich Engels
       -----
       Auszahlung seines  cadeau 1*) durch den ersten besten officier de
       paix 2*)  lauert. Wir  sehn ferner:  Nicht de  la Hodde,  wie  er
       glauben machen  möchte, sondern  Albert stand  an der  Spitze der
       geheimen Gesellschaften.  Dies folgt  überhaupt  aus  der  ganzen
       Darstellung Chenus.  Der  Mouchard  "im  Interesse  der  Ordnung"
       verwandelt sich hier plötzlich in den beleidigten Schriftsteller,
       der sich  ärgert, daß  auf der  "Reforme" die  Artikel des Mitar-
       beiters am  "Charivari" nicht  ohne weiteres  aufgenommen werden,
       und der  deshalb  bricht  mit  der  "Reforme",  einem  wirklichen
       Parteiorgan, bei  dem er  der Polizei  nützlich werden konnte, um
       ein  neues   Blatt  zu  gründen,  wo  er  höchstens  seine  Lite-
       rateneitelkeit befriedigen  konnte. Wie  die Prostituierten durch
       ein gewisses  Sentiment, so  suchte der Mouchard sich durch seine
       schriftstellerischen Ansprüche aus seiner schmutzigen Stellung zu
       retten. Der  Haß gegen  die  "Reforme",  der  durch  sein  ganzes
       Pamphlet  geht,   löst  sich   auf  in  die  trivialste  Schrift-
       stellerranküne. Endlich  sehen wir,  daß de la Hodde in der wich-
       tigsten Zeit  der geheimen  Gesellschaften, kurz vor der Februar-
       revolution, mehr  und mehr aus ihnen verdrängt wurde; und hieraus
       erklärt sich,  warum sie,  ganz im  Gegensatz zu Chenu, in dieser
       Zeit nach seiner Darstellung mehr und mehr verfallen.
       Wir kommen  jetzt zu  der Szene,  in der Chenu die Enthüllung der
       Verrätereien de  la Hoddes  nach der Februarrevolution schildert.
       Die Partei der "Reforme" war bei Albert im Luxembourg auf Caussi-
       dières Einladung  versammelt. Monnier, Sobrier, Grandmenil, de la
       Hodde, Chenu  etc. waren  erschienen. Caussidière  eröffnete  die
       Versammlung und sagte dann:
       
       "Es befindet  sich ein Verräter unter uns. Wir werden uns als ge-
       heimes Tribunal  konstituieren, um  ihn zu  richten. - Grandmenil
       als der  älteste Anwesende wurde zum Präsidenten und Tiphaine zum
       Sekretär ernannt.  Bürger, fuhr  Caussidière als öffentlicher An-
       kläger fort, lange haben wir brave Patrioten angeklagt. Wir waren
       weit entfernt  zu ahnen,  welche Schlange sich unter uns geschli-
       chen hatte.  Heute habe  ich den wirklichen Verräter entdeckt: es
       ist Lucien  de la Hodde! - Dieser, der bisher ganz ruhig gesessen
       hatte, sprang auf bei dieser direkten Anklage. Er machte eine Be-
       wegung gegen  die Tür. Caussidière schloß sie rasch, zog eine Pi-
       stole und  rief: Wenn  du dich  rührst, zerschmettre  ich dir den
       Schädel! -  De la  Hodde beteuerte  feurig seine  Unschuld.  Gut,
       sagte Caussidière.  Hier ist  ein Aktenstoß,  der achtzehnhundert
       Berichte an den Polizeipräfekten enthält - und er gab jedem unter
       uns die  ihn speziell betreffenden Berichte. De la Hodde leugnete
       hartnäckig, daß  diese Berichte,  unterzeichnet Pierre,  von  ihm
       herrührten, bis Caussidière den in seinen Memoiren veröffentlich-
       ten Brief  vorlas, einen  Brief, worin  de la Hodde seine Dienste
       dem Polizeipräfekteri  anbot und  den er  mit seinem wahren Namen
       unterzeichnet hatte. Von diesem Augenblick leugnete der
       -----
       1*) Solds - 2*) Polizeibeamten
       
       #269# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       Unglückliche nicht  mehr, er  suchte sich  zu entschuldigen durch
       das Elend,  das ihm  den fatalen Gedanken eingegeben, sich in die
       Arme der  Polizei zu  werfen. Caussidière reichte ihm die Pistole
       dar, letztes  Rettungsmittel, das  ihm bleibe. De la Hodde flehte
       darauf zu  seinen Richtern,  er wimmerte  um ihre Milde, aber sie
       blieben unbeugsam.  Bocquet, einer der Anwesenden, dem die Geduld
       ausging, ergriff  die Pistole und reichte sie ihm dreimal dar mit
       den Worten: Allons, zerschmettre dir den Schädel, Feigling, Feig-
       ling, oder  ich selbst  töte dich!  - Albert  riß sie ihm aus der
       Hand: Aber  bedenke, ein Pistolenschuß, hier im Luxembourg, alar-
       miert alle  Welt! - Richtig, rief Bocquet, wir müssen Gift haben.
       - Gift?  sagte Caussidière,  ich habe  Gift mitgebracht, und zwar
       von allen  Sorten. Er nahm ein Glas, füllte es mit Wasser, das er
       zuckerte, schüttete  dann ein weißes Pulver hinein, bot es dem de
       la Hodde dar, der zurückschauderte: Ihr wollt mich also meucheln?
       - Jawohl, sagte Bocquet, trink. - De la Hodde war schrecklich an-
       zuschauen. Seine  Züge wurden  fahl, seine sehr krausen und wohl-
       frisierten Haare bäumten sich auf seinem Haupt. Der Schweiß über-
       schwemmte sein  Gesicht. Er  flehte, er  weinte: Ich  will  nicht
       sterben! Aber  Bocquet, unbeugsam,  hielt ihm immer noch das Glas
       dar. Allons,  trink doch,  sagte Caussidière, du wirst zum Teufel
       sein, ehe  du dich versiehst. - Nein, nein, ich werde nicht trin-
       ken! Und  in seiner Geisteszerrüttung fügte er mit einer schreck-
       lichen Gebärde  hinzu: 0,  ich werde  mich rächen  für alle diese
       Martern!
       Als man  sah, daß  aller Appell ans point d'honneur nichts fruch-
       tete, wurde  de la Hodde auf Alberts Fürsprache endlich begnadigt
       und ins  Gefängnis der  Conciergerie gebracht."  (Chenu, p.  134-
       136.)
       
       Der angeblich  Coopersche Spion wird immer erbärmlicher. Wir sehn
       ihn hier  in seiner  ganzen Verächtlichkeit, wie er seinen Gegner
       bloß durch  seine Feigheit Widerstand zu leisten weiß. Wir werfen
       ihm vor, nicht daß er nicht sich selbst, sondern daß er nicht den
       ersten besten  seiner Gegner niederschoß. Er sucht sich nachträg-
       lich durch  eine Schrift zu retten, worin er die ganze Revolution
       als eine  bloße escroquerie  1*) darzustellen sucht. Der richtige
       Titel dieser  Schrift ist:  "Der enttäuschte Polizist". Sie weist
       nach, daß  eine wirkliche Revolution das gerade Gegenteil ist von
       den Vorstellungen  des Mouchards,  der mit  den "Männern der Tat"
       übereinstimmend in  jeder Revolution das Werk einer kleinen Kote-
       rie sieht.  Während alle  von Koterien mehr oder weniger willkür-
       lich provozierten  Bewegungen bloße Erneuten blieben, geht aus de
       la  Hoddes   Darstellung  selbst   hervor,  einerseits,  daß  die
       o f f i z i e l l e n   R e  p u b l i k a n e r   im Anfang  der
       Februartage noch  an der  Eroberung der  Republik  verzweifelten,
       andrerseits, daß die  B o u r g e o i s i e  die Republik erobern
       helfen mußte,  ohne sie  zu wollen,  daß also die Februarrepublik
       notwendig durch  die Umstände herbeigeführt wurde, die die Massen
       des außer allen Koterien
       -----
       1*) Gaunerei
       
       #270# Karl Marx/Friedrich Engels
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       stehenden Proletariats in die Straßen trieb und die Majorität der
       Bourgeoisie zu  Hause hielt  oder zu  gemeinsamer Aktion  mit ihm
       zwang. - Was de la Hodde im übrigen mitteilt, ist äußerst dürftig
       und reduziert  sich auf  die banalsten  Klatschereien.  Nur  eine
       Szene ist interessant: die Zusammenkunft der offiziellen Demokra-
       ten im  Lokal der  "Réforme" am  21. Februar  abends, in  der die
       Chefs sich  entschieden gegen  einen gewaltsamen Angriff ausspra-
       chen. Der  Inhalt ihrer  Reden zeugt  im ganzen,  für diesen Tag,
       noch von  einer richtigen Auffassung der Verhältnisse. Lächerlich
       ist nur  die hochtrabende Form und die spätere Prätension dersel-
       ben Leute,  die Revolution  von Anfang  an mit Bewußtsein und Ab-
       sicht herbeigeführt zu haben. Das Schlimmste, was de la Hodde ih-
       nen übrigens nachsagen kann, ist, daß sie ihn so lange unter sich
       duldeten.
       Kommen wir zu Chenu. Wer ist Herr Chenu? Er ist ein alter Konspi-
       rateur, seit  1832 in  allen Erneuten  beteiligt und  der Polizei
       wohlbekannt. Zur  Konskription herangezogen,  desertiert er  bald
       und bleibt unentdeckt in Paris, trotz seiner abermaligen Beteili-
       gung an  Verschwörungen und  an der  Emeute von  1839  [8].  1844
       stellt er  sich bei  seinem Regiment,  und sonderbarerweise  wird
       ihm, trotz  seiner wohlbekannten Antezedentien, das Kriegsgericht
       vom Divisionsgeneral  erlassen. Noch  mehr: er  dient seine  Zeit
       beim Regiment  nicht ab,  sondern kann  nach Paris  zurückkehren.
       1847 ist  er in  die Brandbombenverschwörung verwickelt [246]; er
       entkommt bei einem Verhaftungsversuch, bleibt aber nichtsdestowe-
       niger in  Paris, obwohl er in contumaciam 1*) zu vier Jahren ver-
       urteilt wird.  Erst von seinen Mitverschwörern angeklagt, mit der
       Polizei in  Verbindung zu  stehn, geht er nach Holland, von wo er
       am 21.  Februar 1848 zurückkommt. Nach der Februarrevolution wird
       er Hauptmann  in Caussidières  Garden [25].  Caussidière hat  ihn
       bald im  Verdacht (ein  Verdacht, der viel Wahrscheinlichkeit be-
       sitzt), mit  Marrasts Spezialpolizei  in Verbindung zu stehn, und
       entfernt ihn  ohne viel  Widerstand nach  Belgien und später nach
       Deutschland. Herr Chenu läßt sich ziemlich gutwillig nacheinander
       in die  belgischen, deutschen und polnischen Freikorps einrangie-
       ren. Und alles dies zu einer Zeit, wo Caussidières Macht schon zu
       wanken begann,  und obwohl Chenu ihn vollständig beherrscht haben
       will; so  behauptet er,  ihn durch einen Drohbrief, als er einmal
       verhaftet war,  zu seiner sofortigen Freilassung gezwungen zu ha-
       ben. Soviel über den Charakter und die Glaubwürdigkeit unsres Au-
       tors.
       Die Massen  von Schminke und Patschuli, worunter die Prostituier-
       ten die  weniger anziehenden  Seiten ihrer physischen Existenz zu
       ersticken suchen,
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       1*) Abwesenheit
       
       #271# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       finden sich literarisch reproduziert in dem bel-esprit 1*), womit
       de la  Hodde sein Pamphlet parfümiert. Der literarische Charakter
       des Chenuschen  Buchs dagegen erinnert in der Naivetät und Leben-
       digkeit der  Darstellung häufig  an Gil Blas. Wie Gil Blas in den
       verschiedensten Abenteuern  stets Bedienter bleibt und alles nach
       dem Maßstab  des Bedienten beurteilt, so bleibt Chenu von der Er-
       neute von  1832 bis  zu seiner Entfernung aus der Präfektur immer
       derselbe subalterne  Konspirateur, dessen  spezielle Borniertheit
       sich übrigens  sehr genau  unterscheiden läßt von den platten Re-
       flexionen  des   ihm  vom   Elysée   zugewiesenen   literarischen
       "Faiseurs". Es ist klar, daß auch bei Chenu von einem Verständnis
       der revolutionären Bewegung nicht die Rede sein kann. Interessant
       bleiben in  seiner Schrift daher nur die Kapitel, wo er mehr oder
       weniger  unbefangen  aus  eigner  Anschauung  schildert:    d i e
       K o n s p i r a t e u r s  und  H e l d  C a u s s i d i è r e.
       Man kennt  die Neigung  der romanischen  Völker zu Verschwörungen
       und die Rolle, die die Verschwörungen in der modernen spanischen,
       italienischen und  französischen Geschichte  gespielt haben. Nach
       den Niederlagen  der spanischen  und italienischen Verschwörer im
       Anfang der  zwanziger Jahre  wurden Lyon und namentlich Paris die
       Zentren der  revolutionären Verbindungen. Es ist bekannt, wie bis
       1830 die liberalen Bourgeois an der Spitze der Verschwörungen ge-
       gen die  Restauration standen.  Nach der  Julirevolution [6] trat
       die republikanische  Bourgeoisie an ihre Stelle; das Proletariat,
       schon unter  der Restauration  zum Konspirieren  erzogen, trat in
       dem Maße in den Vordergrund, worin die republikanischen Bourgeois
       durch die  vergeblichen Straßenkämpfe  von den Konspirationen zu-
       rückgeschreckt wurden.  Die société  des saisons,  mit der Barbès
       und Blanqui  die Erneute  von 1839 machten, war schon ausschließ-
       lich proletarisch,  und ebenso  waren es  die nach der Niederlage
       gebildeten nouvelles  saisons, an  deren Spitze  Albert trat, und
       woran Chenu,  de la Hodde, Caussidière etc. sich beteiligten. Die
       Verschwörung stand durch ihre Chefs fortwährend in Verbindung mit
       den in der "Reforme" repräsentierten kleinbürgerlichen Elementen,
       hielt sich jedoch immer sehr unabhängig. Diese Konspirationen um-
       faßten natürlich  nie die  große Masse  des Pariser Proletariats.
       Sie beschränkten  sich auf  eine  verhältnismäßig  kleine,  stets
       schwankende Zahl  von Mitgliedern,  die teils  aus alten, statio-
       nären, von  jeder geheimen Gesellschaft ihrer Nachfolgerin regel-
       mäßig überlieferten  Verschwörern, teils aus neu angeworbenen Ar-
       beitern bestand.
       Unter diesen  alten Verschwörern schildert Chenu fast ausschließ-
       lich nur  die Klasse,  zu der er selbst gehört: die Konspirateurs
       von Profession. Mit der
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       1*) Schöngeistigen
       
       #272# Karl Marx/Friedrich Engels
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       Ausbildung der  proletarischen Konspirationen  trat das Bedürfnis
       der Teilung  der Arbeit ein; die Mitglieder teilten sich in Gele-
       genheitsverschwörer, conspirateurs d'occasion, d.h. Arbeiter, die
       die Verschwörung  nur neben ihrer sonstigen Beschäftigung betrie-
       ben, nur die Zusammenkünfte besuchten und sich bereithielten, auf
       den Befehl der Chefs am Sammelplatz zu erscheinen, und in Konspi-
       rateure von Profession, die ihre ganze Tätigkeit der Verschwörung
       widmeten und  von ihr lebten. Sie bildeten die Mittelschicht zwi-
       schen den  Arbeitern und  den Chefs  und schmuggelten sich häufig
       sogar unter diese.
       Die Lebensstellung dieser Klasse bedingt schon von vornherein ih-
       ren ganzen Charakter. Die proletarische Konspiration bietet ihnen
       natürlich nur  sehr beschränkte  und unsichre Existenzmittel. Sie
       sind daher fortwährend gezwungen, die Kassen der Verschwörung an-
       zugreifen. Manche von ihnen kommen auch direkt in Kollisionen mit
       der bürgerlichen  Gesellschaft überhaupt  und figurieren mit mehr
       oder weniger  Anstand vor den Zuchtpolizeigerichten. Ihre schwan-
       kende, im  einzelnen mehr  vom Zufall als von ihrer Tätigkeit ab-
       hängige Existenz,  ihr regelloses  Leben, dessen einzig fixe Sta-
       tionen die  Kneipen der  marchands de  vin 1*) sind - die Rendez-
       voushäuser der Verschwornen -, ihre unvermeidlichen Bekanntschaf-
       ten mit  allerlei zweideutigen  Leuten rangieren sie in jenen Le-
       benskreis, den man in Paris la bohème nennt. Diese demokratischen
       Bohémiens proletarischen Ursprungs - es gibt auch eine demokrati-
       sche Boheme  bürgerlichen Ursprungs,  die demokratischen  Bummler
       und piliers  d'estaminet 2*)  - sind  also entweder Arbeiter, die
       ihre Arbeit  aufgegeben haben und dadurch dissolut geworden sind,
       oder Subjekte,  die aus dem Lumpenproletariat hervorgehn und alle
       dissoluten Gewohnheiten dieser Klasse in ihre neue Existenz über-
       tragen. Man  begreift, wie  unter diesen  Umständen fast in jeden
       Konspirationsprozeß ein  paar repris  de justice 3*) sich verwic-
       kelt finden.
       Das ganze  Leben dieser Verschwörer von Profession trägt den aus-
       geprägtesten Charakter  der Boheme.  Werbunteroffiziere der  Ver-
       schwörung, ziehen  sie von  marchand de  vin zu  marchand de vin,
       fühlen den Arbeitern den Puls, suchen ihre Leute heraus, kajolie-
       ren sie  in die  Verschwörung hinein  und lassen entweder die Ge-
       sellschaftskasse oder  den neuen  Freund die Kosten der dabei un-
       vermeidlichen Konsumtion  von Litres  tragen. Der marchand de vin
       ist überhaupt  ihr eigentlicher  Herbergsvater. Bei  ihm hält der
       Verschwörer sich  meistens auf;  hier hat er seine Rendezvous mit
       seinen Kollegen,  mit den Leuten seiner Sektion, mit den Anzuwer-
       benden; hier endlich finden die geheimen
       -----
       1*) Schankwirte - 2*) Kneipenstammgäste - 3*) Vorbestrafte
       
       #273# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       Zusammenkünfte der  Sektionen und  Sektionschefs (Gruppen) statt.
       Der Konspirateur,  ohnehin  wie  alle  Pariser  Proletarier  sehr
       heitrer Natur,  entwickelt sich  in dieser ununterbrochenen Knei-
       penatmosphäre bald  zum vollständigsten  Bambocheur 1*). Der fin-
       stre Verschwörer, der in den geheimen Sitzungen eine spartanische
       Tugendstrenge an  den Tag legt, taut plötzlich auf und verwandelt
       sich in  einen überall  bekannten Stammgast, der den Wein und das
       weibliche Geschlecht  sehr  wohl  zu  schätzen  versteht.  Dieser
       Kneipenhumor wird  noch erhöht  durch die fortwährenden Gefahren,
       denen der  Konspirateur ausgesetzt  ist; jeden Augenblick kann er
       auf die  Barrikade gerufen  werden und  dort  fallen,  auf  jedem
       Schritt und Tritt legt ihm die Polizei Schlingen, die ihn ins Ge-
       fängnis oder gar auf die Galeeren bringen können. Solche Gefahren
       machen eben  den Reiz  des Handwerks aus; je größer die Unsicher-
       heit, desto  mehr beeilt  sich der Verschwörer, den Genuß des Mo-
       ments festzuhalten.  Zugleich macht ihn die Gewohnheit der Gefahr
       im höchsten  Grade gleichgültig  gegen Leben und Freiheit. Im Ge-
       fängnis ist  er zu  Hause wie beim marchand de vin. Jeden Tag er-
       wartet er den Befehl zum Losbruch. Die verzweifelte Tollkühnheit,
       die in  jeder Pariser Insurrektion hervortritt, wird gerade durch
       diese alten  Verschwörer von  Profession, die  hommes de coups de
       main 2*),  hereingebracht. Sie sind es, die die ersten Barrikaden
       aufwerfen und  kommandieren, die den Widerstand organisieren, die
       Plünderung der  Waffenläden, die Wegnahme der Waffen und Munition
       aus den  Häusern leiten  und mitten  im Aufstand  jene  verwegnen
       Handstreiche ausführen,  die die  Regierungspartei so oft in Ver-
       wirrung bringen.  Mit einem  Wort, sie sind die Offiziere der In-
       surrektion.
       Es versteht  sich, daß  diese Konspirateurs sich nicht darauf be-
       schränken, das  revolutionäre Proletariat überhaupt zu organisie-
       ren. Ihr  Geschäft besteht  gerade darin, dem revolutionären Ent-
       wicklungsprozeß vorzugreifen, ihn künstlich zur Krise zu treiben,
       eine Revolution  aus dem Stegreif, ohne die Bedingungen einer Re-
       volution zu  machen. Die einzige Bedingung der Revolution ist für
       sie die  hinreichende Organisation  ihrer Verschwörung.  Sie sind
       die Alchimisten  der Revolution  und teilen ganz die Ideenzerrüt-
       tung und die Borniertheit in fixen Vorstellungen der früheren Al-
       chimisten. Sie  werfen sich  auf Erfindungen,  die  revolutionäre
       Wunder verrichten  sollen: Brandbomben,  Zerstörungsmaschinen von
       magischer Wirkung,  Erneuten, die um so wundertätiger und überra-
       schender wirken  sollen, je  weniger sie  einen rationellen Grund
       haben. Mit  solcher Projektenmacherei beschäftigt, haben sie kei-
       nen andern Zweck als den nächsten des Umsturzes der bestehenden
       -----
       1*) Zechbruder - 2*) Männer des Handstreichs
       
       #274# Karl Marx/Friedrich Engels
       -----
       Regierung und  verachten aufs  tiefste die mehr theoretische Auf-
       klärung der Arbeiter über ihre Klasseninteressen. Daher ihr nicht
       proletarischer, sondern  plebejischer Ärger über die habits noirs
       1*), die  mehr oder  minder gebildeten Leute, die diese Seite der
       Bewegung vertreten,  von denen  sie aber, als von den offiziellen
       Repräsentanten der  Partei, sich  nie ganz unabhängig machen kön-
       nen. Die  habits noirs  müssen ihnen  von Zeit  zu Zeit  auch als
       Geldquelle dienen.  Es versteht  sich übrigens, daß die Konspira-
       teurs der  Entwicklung der  revolutionären Partei  mit oder wider
       Willen folgen müssen.
       Der Hauptcharakterzug  im Leben  der Konspirateurs  ist ihr Kampf
       mit der  Polizei, zu  der sie grade dasselbe Verhältnis haben wie
       die Diebe  und die Prostituierten. Die Polizei toleriert die Ver-
       schwörungen, und  zwar nicht  bloß als  ein notwendiges Übel. Sie
       toleriert sie  als leicht  zu überwachende Zentren, in denen sich
       die gewaltsamsten revolutionären Elemente der Gesellschaft zusam-
       menfinden, als  Werkstätten der  Erneute, die  in Frankreich  ein
       ebenso notwendiges  Regierungsmittel geworden ist wie die Polizei
       selbst, und  endlich als Rekrutierungsplatz für ihre eignen poli-
       tischen Mouchards.  Grade wie die brauchbarsten Spitzbubenfänger,
       die Vidocq und Konsorten, aus der Klasse der höheren und niederen
       Gauner, der  Diebe, escrocs 2*) und falschen Bankeruttiers genom-
       men werden und oft wieder in ihr altes Handwerk zurückfallen, ge-
       radeso rekrutiert  sich die  niedere politische  Polizei aus  den
       Konspirateurs von  Profession. Die Verschwörer behalten unaufhör-
       lich Fühlung mit der Polizei, sie kommen jeden Augenblick in Kol-
       lision mit  ihr; sie  jagen auf  die Mouchards, wie die Mouchards
       auf sie  jagen. Die Spionage ist eine ihrer Hauptbeschäftigungen.
       Kein Wunder  daher, daß  der kleine  Sprung vom  handwerksmäßigen
       Verschwörer zum  bezahlten Polizeispion,  erleichtert  durch  das
       Elend und das Gefängnis, durch Drohungen und Versprechungen, sich
       so häufig macht. Daher das grenzenlose Verdachtsystem in den Ver-
       schwörungen, das  die Mitglieder  vollständig blind macht und sie
       in ihren  besten Leuten Mouchards und in den wirklichen Mouchards
       ihre zuverlässigsten  Leute erkennen läßt. Daß diese aus den Ver-
       schwörern angeworbenen  Spione sich  mit der Polizei meist in dem
       guten Glauben  einlassen, sie  düpieren zu  können, daß  es ihnen
       eine Zeitlang  gelingt, eine  doppelte Rolle  zu spielen, bis sie
       den Konsequenzen  ihres ersten  Schritts mehr und mehr verfallen,
       und daß die Polizei wirklich oft von ihnen düpiert wird, ist ein-
       leuchtend. Ob übrigens ein solcher Konspirateur den Schlingen der
       Polizei verfällt,  hängt von rein zufälligen Umständen ab und von
       einem mehr quantitativen als qualitativen Unterschied der Charak-
       terfestigkeit.
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       1*) Befrackten - 2*) Betrüger
       
       #275# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       Das sind  die Konspirateure, die uns Chenu oft sehr lebendig vor-
       führt und  deren Charakter  er bald mit, bald wider Willen schil-
       dert. Er selbst übrigens ist, bis in seine nicht ganz klaren Ver-
       bindungen mit der Delessertschen und Marrastschen Polizei hinein,
       das schlagendste Bild eines Konspirateurs von Handwerk.
       In demselben  Maß, wie  das Pariser Proletariat selbst als Partei
       in den  Vordergrund trat, verloren diese Konspirateurs an leiten-
       dem Einfluß,  wurden sie  zersprengt, fanden sie eine gefährliche
       Konkurrenz in  proletarischen geheimen  Gesellschaften, die nicht
       die unmittelbare  Insurrektion, sondern die Organisation und Ent-
       wicklung des  Proletariats zum  Zweck hatten. Schon die Insurrek-
       tion von  1839 hatte  einen entschieden proletarischen und kommu-
       nistischen Charakter.  Nach ihr  aber traten  die Spaltungen ein,
       über die  die alten Konspirateure so viel klagen; Spaltungen, die
       aus dem Bedürfnis der Arbeiter hervorgingen, sich über ihre Klas-
       seninteressen zu  verständigen, und  die sich  teils in den alten
       Verschwörungen selbst,  teils in neuen propagandistischen Verbin-
       dungen äußerten.  Die kommunistische  Agitation, die  Cabet  bald
       nach 1839  mit Macht begann, die Streitfragen, die sich innerhalb
       der kommunistischen  Partei erhoben,  wuchsen den  Konspirateuren
       bald über  den Kopf. Chenu wie de la Hodde geben zu, daß die Kom-
       munisten zur  Zeit der  Februarrevolution bei weitem die stärkste
       Fraktion des  revolutionären Proletariats gewesen seien. Die Kon-
       spirateure, um  ihren Einfluß  auf die Arbeiter und damit ihr Ge-
       gengewicht gegen die habits noirs nicht zu verlieren, mußten die-
       ser Bewegung  folgen und sozialistische oder kommunistische Ideen
       adoptieren. So  entstand schon  vor der Februarrevolution der Ge-
       gensatz der  Arbeiterverschwörungen, die  durch Albert  repräsen-
       tiert wurden,  gegen die Leute von der "Reforme", derselbe Gegen-
       satz, der  sich bald  nachher in der provisorischen Regierung re-
       produzierte. Es  fällt uns  übrigens nicht ein, Albert mit diesen
       Konspirateurs zu  verwechseln. Aus  beiden Schriften geht hervor,
       daß Albert sich eine persönliche unabhängige Stellung über diesen
       seinen Werkzeugen zu behaupten wußte und keineswegs in die Klasse
       von Leuten gehört, die das Konspirieren als Nahrungszweig betrie-
       ben.
       Die Bombengeschichte von 1847, eine Angelegenheit, in der die Po-
       lizei mehr  als in  allen früheren  direkt einwirkte, zersprengte
       endlich die  hartnäckigsten und  widersinnigsten alten  Konspira-
       teurs und  warf ihre bisherigen Sektionen in die direkte proleta-
       rische Bewegung hinein.
       Diese Konspirateurs  von Profession,  die heftigsten  Leute ihrer
       Sektionen und  die  détenus  politiques  1*)  proletarischen  Ur-
       sprungs, meist selbst alte Konspirateurs,
       -----
       1*) politischen Gefangenen
       
       #276# Karl Marx/Friedrich Engels
       -----
       finden wir nach der Februarrevolution als Montagnards [25] in der
       Polizeipräfektur wieder.  Die Konspirateurs  bilden aber den Kern
       der ganzen  Gesellschaft. Man begreift, daß diese Leute, hier auf
       einmal bewaffnet  zusammengedrängt, mit ihren Präfekten und ihren
       Offizieren meist  ganz vertraut,  ein ziemlich  turbulentes Korps
       bilden mußten.  Wie die Montagne der Nationalversammlung [44] die
       Parodie der  alten Montagne  war und  durch  ihre  Impotenz  aufs
       schlagendste bewies, daß die alten revolutionären Traditionen von
       1793 heute nicht mehr ausreichen, so bewiesen die Montagnards der
       Polizeipräfektur, die Reproduktion der alten Sansculotten, daß in
       der modernen  Revolution auch  dieser Teil des Proletariats nicht
       mehr hinreicht  und daß allein das gesamte Proletariat sie durch-
       führen kann.
       Chenu schildert  den sansculottischen  Lebenswandel dieser ehren-
       werten Gesellschaft in der Präfektur höchst lebendig. Diese humo-
       ristischen Szenen,  wobei Herr  Chenu offenbar selbsttätig mitge-
       wirkt hat,  sind zuweilen  etwas toll, aber bei dem Charakter der
       alten konspirierenden  Bambocheurs höchst  erklärlich, und bilden
       ein notwendiges  und selbst  gesundes Gegenstück gegen die Orgien
       der Bourgeoisie in den letzten Jahren Louis-Philippes.
       Wir zitieren  bloß ein Beispiel aus der Erzählung ihrer Installa-
       tion in der Präfektur.
       
       "Als der  Tag anbrach, sah ich nach und nach die Gruppenchefs mit
       ihren Mannschaften  ankommen, aber  meist unbewaffnet. Ich machte
       Caussidière hierauf  aufmerksam. Ich werde ihnen Waffen besorgen,
       sagte er.  Suche einen passenden Ort aus, um sie in der Präfektur
       zu kasernieren. Ich führte sofort diesen Auftrag aus und schickte
       sie, den  Posten der  alten Stadtsergeanten  zu besetzen,  wo ich
       einst so  unwürdig behandelt worden war. Einen Augenblick nachher
       sah ich sie im Lauf zurückkommen. Wohin geht ihr? frug ich sie. -
       Der Posten  ist besetzt  durch einen Schwärm von Stadtsergeanten,
       antwortete mir  Devaisse; sie  schlafen ruhig, und wir suchen In-
       strumente, um sie zu wecken und herauszuwerfen. - Sie bewaffneten
       sich nun  mit allem,  was ihnen in die Hand fiel. Ladstöcken, Sä-
       belscheiden, Riemen,  die sie  doppelt legten,  und Besenstielen.
       Dann fielen  meine Jungen,  die sich alle mehr oder minder zu be-
       klagen gehabt  hatten über die Insolenz und Brutalität der Schlä-
       fer, mit  gehobenem Arm  über sie  her und brachten ihnen während
       mehr als  einer halben  Stunde eine so rauhe Lektion bei, daß ei-
       nige davon  längere  Zeit  krank  waren.  Auf  ihren  Angstschrei
       stürzte ich  hinzu, und  es gelang  mir nur mit Mühe, die Türe zu
       öffnen, die  die Montagnards  wohlweislich von innen verschlossen
       hielten.  Es   war  der  Mühe  wert,  jetzt  die  Stadtsergeanten
       halbnackt in  den Hof  stürzen zu  sehen; sie  sprangen mit einem
       Satz die  Treppe hinunter, und wohl bekam es ihnen, alle Schliche
       der Präfektur  zu kennen,  um aus  den Augen  ihrer sie hetzenden
       Feinde zu verschwinden. Einmal Meister des Platzes, dessen Garni-
       son sie  mit soviel  Höflichkeit abgelöst hatten, schmückten sich
       unsre Montagnards  siegesstolz mit der Hinterlassenschaft der Be-
       siegten, und während langer Zeit sah man sie auf und
       
       #277# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
       -----
       ab wandeln,  im Hof  der Präfektur,  den Degen  an der Seite, den
       Mantel um  die Schulter und ihr Haupt geziert mit dem dreieckigen
       Hut, einst  so gefürchtet  von der Mehrzahl unter ihnen." (p. 83-
       85.)
       
       Wir haben  die Montagnards  kennengelernt, wir  kommen  zu  ihrem
       Chef, dem  Helden der  Epopöe Chenu,  zu Caussidière. Chenu führt
       ihn uns  um so  häufiger vor,  als er es ist, gegen den das ganze
       Buch sich eigentlich richtet.
       Die Hauptvorwürfe,  die Caussidière gemacht werden, beziehen sich
       auf seinen  moralischen Lebenswandel,  Wechselreitereien und son-
       stige kleine Versuche, Geld aufzutreiben, wie sie jedem verschul-
       deten und  lebenslustigen commis  voyageur 1*) in Paris vorkommen
       können und  vorkommen. Es  hängt überhaupt  nur von der Größe des
       Kapitals ab,  ob die Prellereien, Profitmachereien, Schwindeleien
       und Börsenspiele,  auf denen  der ganze  Handel beruht, mehr oder
       weniger an  den Code pénal streifen. Über die Börsencoups und den
       chinesischen Betrug,  die speziell  den französischen Handel cha-
       rakterisieren, vergleiche man z.B. Fouriers pikante Schilderungen
       in den  "Quatre mouvements",  der "Fausse Industrie", dem "Traité
       de l'unité universelle" und seinem Nachlaß [247]. Herr Chenu ver-
       sucht nicht  einmal zu  beweisen, daß  Caussidière seine Stellung
       als Polizeipräfekt  zu  seinen  Privatzwecken  exploitiert  habe.
       Überhaupt kann  eine Partei  sich Glück wünschen, wenn ihre sieg-
       reichen Gegner  auf die Enthüllung solcher handelsmoralischen Er-
       bärmlichkeiten sich  beschränken müssen.  Die kleinen Experimente
       des commis  voyageur Caussidière und die großartigen Skandale der
       Bourgeoisie von 1847, welcher Kontrast! Der ganze Angriff hat nur
       einen Sinn,  insofern Caussidière  der Partei der "Reforme" ange-
       hörte, die  ihren Mangel  an revolutionärer  Energie und Verstand
       durch republikanische Tugendbeteuerungen und einen finstern Ernst
       der Gesinnung zu verdecken suchte.
       Caussidière ist unter den Chefs der Februarrevolution die einzige
       erheiternde Figur.  In seiner Eigenschaft als loustic 2*) der Re-
       volution war  er der  ganz passende  Chef der alten Konspirateurs
       von Handwerk. Sinnlich und humoristisch, alter Stammgast in Cafés
       und Kneipen  der verschiedensten  Art, der selbst lebte und leben
       ließ, dabei  militärisch mutig, unter einer breitschultrigen Bon-
       homie und  Ungeniertheit eine  große Geriebenheit, schlaue Refle-
       xion und  feine Beobachtung  verbergend, besaß  er einen gewissen
       revolutionären Takt  und revolutionäre  Energie. Caussidière  war
       damals ein  echter Plebejer,  der die  Bourgeoisie  instinktmäßig
       haßte und  alle plebejischen  Leidenschaften  im  höchsten  Grade
       teilte. Kaum  auf der Präfektur installiert, konspiriert er schon
       gegen den "National", ohne darüber die Küche und den
       -----
       1*) Handlungsreisenden - 2*) Spaßmacher
       
       #278# Karl Marx/Friedrich Engels
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       Keller seines  Vorgängers zu vernachlässigen. Er organisiert sich
       sofort eine  militärische Macht,  sichert sich  ein Journal, lan-
       ciert Klubs,  verteilt die  Rollen und agiert überhaupt im ersten
       Moment mit  großer Sicherheit.  In vierundzwanzig Stunden ist die
       Präfektur in  eine Festung  verwandelt, in  der er seinen Feinden
       trotzen kann.  Aber alle  seine Pläne bleiben entweder bloße Pro-
       jekte oder  laufen in  der Praxis auf pure plebejische Spaße ohne
       Resultat hinaus.  Als die  Gegensätze sich  schroffer  gestalten,
       teilt er  das Los  seiner Partei,  die zwischen  den  Leuten  vom
       "National" und  den proletarischen Revolutionären wie Blanqui un-
       entschieden in  der Mitte  stehnbleibt. Seine Montagnards spalten
       sich; die  alten Bambocheurs  wachsen ihm  über den Kopf und sind
       nicht mehr  zu zügeln,  während der revolutionäre Teil zu Blanqui
       übergeht. Caussidière  selbst verbürgert  in  seiner  offiziellen
       Stellung als  Präfekt und  Repräsentant immer mehr; am 15.Mai[38]
       hält er  sich vorsichtig zurück und rechtfertigt sich in der Kam-
       mer auf  eine unverantwortliche Weise; am 23.Juni läßt er die In-
       surrektion direkt  im Stich.  Zum Lohn  wird er natürlich von der
       Präfektur entfernt und bald darauf ins Exil geschickt.
       Wir lassen einige der bezeichnendsten Stellen aus Chenu und de la
       Hodde über Caussidière folgen.
       Kaum ist de la Hodde am Abend des 24. Februar als Generalsekretär
       der Präfektur von Caussidière installiert, so sagt ihm dieser:
       
       "'Ich brauche hier solide Leute. Die administrative Boutique wird
       immer so  ziemlich ihren Gang gehn; ich habe provisorisch die al-
       ten Beamten beibehalten; sobald sie die Patrioten gebildet haben,
       werden wir  sie   b a l a n c i e r e n.   Das ist Nebensache. Es
       handelt sich  darum, aus  der Präfektur die Zitadelle der Revolu-
       tion zu  machen; instruiert  unsre Leute  danach; sie sollen alle
       herkommen. Haben  wir erst  eintausend Stück handfester Kameraden
       hier, so  halten wir  die Katze am Schwanz. Ledru-Rollin, Flocon,
       Albert und  ich verstehn  uns, und  ich hoffe, daß die Sache sich
       machen wird. Der 'National' muß purzeln. Das geschehn, werden wir
       das Land schon republikanisieren, es mag wollen oder nicht.'
       Gleich darauf  kam Garnier-Pagès,  Maire von  Paris, unter dessen
       Befehl der  'National' die  Polizei gestellt  hatte, einen Besuch
       abstatten und  schlug Caussidière  vor, anstatt  des unangenehmen
       Postens auf  der Präfektur  lieber die Kommandantur des Schlosses
       von Compiègne  anzunehmen. Caussidière  antwortete  ihm  mit  der
       kleinen Flötenstimme,  die ihm zu Gebot stand und die so merkwür-
       dig mit  seinen breiten  Schultern kontrastierte:  'Ich nach Com-
       piègne? Unmöglich.  Es ist  notwendig, daß  ich hier  bleibe. Ich
       habe da  unten mehrere  Hundert  gemütliche  Jungen,  die  wacker
       arbeiten; ich  erwarte ihrer  noch zweimal  soviel. Wenn der gute
       Wille oder  der Mut  euch auf  dem Hôtel de Ville fehlt, so werde
       ich euch helfen können. Ha, ha, la révolution fera son petit bon-
       homme de  chemin, il  le faudra bien! 1*)'- 'Die Revolution? aber
       sie ist fertig!' -
       -----
       1*) Die Revolution wird ihr Stückchen Weg schon schaffen, sie muß
       es einfach!
       
       #279# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       'Bah, sie  hat noch gar nicht angefangen!' - Der arme Maire stand
       da wie ein Tölpel." - (De la Hodde, p. 72.)
       Zu den heitersten Szenen, die Chenu schildert, gehört der Empfang
       der Polizeikommissäre  und officiers de paix durch den neuen Prä-
       fekten, der bei ihrer Anmeldung gerade bei Tische war.
       "Sie   sollen    warten,   sagte    Caussidière,   der    Präfekt
       a r b e i t e t.   Er arbeitete  noch eine  gute halbe Stunde und
       arrangierte dann  die Szenerie  für den  Empfang der  Herrn  Kom-
       missäre, die  unterdessen die große Treppe entlang standen. Caus-
       sidière setzte  sich majestätisch nieder in seinen Sessel, seinen
       großen Säbel  an der Seite. Zwei wüste Montagnards mit kannibali-
       scher Miene  bewachten die  Tür, die Muskete beim Fuß, die Pfeife
       im Mund.  Zwei Hauptleute  mit gezogenem  Säbel standen  an jeder
       Seite seines  Pults. Außerdem  waren in  dem Salon gruppiert alle
       Sektionschefs und die Republikaner, die seinen Generalstab bilde-
       ten; alles  bewaffnet mit  großen Säbeln  und Kavalleriepistolen,
       mit Büchsen  und Jagdflinten.  Alle Welt  rauchte, und die Rauch-
       wolke, die  den Salon  erfüllte, verfinsterte  noch die Gesichter
       und gab dieser Szene eine wirklich erschreckende Physiognomie. In
       der Mitte  war ein  Platz für die Kommissäre freigeblieben. Jeder
       bedeckte sich, und Caussidière gab Befehl, sie einzuführen. Diese
       armen Kommissäre verlangten nichts sehnlicher, denn sie waren den
       Grobheiten und  Drohungen der  Montagnards ausgesetzt, die sie in
       allen  möglichen   Saucen  frikassieren  wollten.  Schurkenbande,
       brüllten sie,  jetzt halten wir euch auch einmal! Ihr kommt nicht
       mehr fort,  ihr müßt  eure Haut hier lassen! - Bei ihrem Eintritt
       in das Kabinett des Präfekten glaubten sie, von der Scylla in die
       Charybdis zu  geraten. Der erste, der seinen Fuß auf die Schwelle
       setzte, schien  einen Augenblick  zu schwanken.  Er  wußte  nicht
       recht, sollte  er vorwärtsgehn  oder zurück, so finster richteten
       sich alle  Blicke auf  ihn. Endlich  wagte  er  sich,  tat  einen
       Schritt vor  und grüßte,  noch einen  Schritt und  grüßte tiefer,
       einen andern  Schritt und  grüßte noch  tiefer. Jeder machte sein
       Entree mit tiefen Verbeugungen gegen den schrecklichen Präfekten,
       der alle  diese Huldigungen kalt und schweigend empfing, die Hand
       gestützt auf den Griff seines Säbels. Die Kommissäre betrachteten
       diese  sonderbare  Schaustellung  mit  glotzigen  Augen.  Einige,
       welche der  Schrecken verwirrte  und welche  uns zweifelsohne den
       Hof machen  wollten, fanden das Tableau imposant, majestätisch. -
       Stille! gebot  ein Montagnard  mit Grabesstimme.  - Als  sie alle
       eingetreten waren,  brach Caussidière,  der bis  dahin stumm  und
       unbeweglich geblieben  war, das  Schweigen und  sagte mit  seiner
       furchtbarsten Stimme:
       'Vor acht  Tagen habt  ihr nichts weniger erwartet, als mich hier
       an diesem  Platz zu finden, umgeben von treuen Freunden. Sie sind
       also heute eure Gebieter, diese Pappendeckelrepublikaner, wie ihr
       sie einst nanntet. Ihr zittert vor denen, die ihr mit der unedel-
       sten Behandlung  überhäuft habt.  Sie, Vassal,  waren der nieder-
       trächtigste seïde  1*) der  gestürzten Regierung,  der  heftigste
       Verfolger der  Republikaner, und  jetzt sind  Sie gefallen in die
       Hände Ihrer  unerbittlichsten Feinde, denn keiner ist hier gegen-
       wärtig, der  Ihren Verfolgungen  entgangen wäre. Wenn ich auf die
       gerechten Reklamationen
       -----
       1*) das niederträchtigste Werkzeug
       
       #280# Karl Marx/Friedrich Engels
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       hören wollte, die man an mich richtet, würde ich Repressalien ge-
       brauchen, ich  ziehe es  vor zu  vergessen. Kehrt  alle zu  euren
       Funktionen zurück; aber wenn ich jemals erfahre, daß ihr die Hand
       bietet zu  irgendeiner reaktionären  Mogelei, werde  ich euch wie
       Ungeziefer zertreten. Geht!'
       Die Kommissäre  hatten  die  ganze  Stufenleiter  des  Schreckens
       durchlaufen, und  zufrieden, mit einer Strafpredigt des Präfekten
       davonzukommen, schoben  sie ganz  fidel ab.  Die Montagnards, die
       sie unten an der Treppe erwarteten, geleiteten sie mit einem lär-
       menden Charivari  bis an  das Ende der Rue de Jérusalem. Kaum war
       der letzte  verschwunden, als  wir eine ungeheure Lache aufschlu-
       gen. Caussidière  strahlte und  lachte mehr  als alle andern über
       den  herrlichen  Streich,  den  er  seinen  Kommissären  gespielt
       hatte." (Chenu, p. 87-90.)
       
       Nach dem  17. März, an dem Caussidière vielen Anteil hatte, sagte
       er zu Chenu:
       
       "Ich kann nach meinem Belieben die Massen erheben und sie auf die
       Bourgeoisie stürzen." (Chenu, p. 140.)
       
       Caussidière brachte  es überhaupt  nie weiter mit seinen Gegnern,
       als Bangemachen mit ihnen zu spielen.
       Endlich über  das Verhältnis Caussidières zu den Montagnards sagt
       Chenu:
       
       "Wenn ich  zu Caussidière  von den  Exzessen sprach,  denen  sich
       seine Leute  überließen, seufzte er, aber die Hände waren ihm ge-
       bunden. Die  größte Zahl hatte sein Leben mitgelebt, er hatte ihr
       Elend geteilt und ihre Freuden, mehrere hatten ihm Dienste erwie-
       sen. Wenn  er sie  nicht niederhalten  konnte, war dies die Folge
       seiner eignen Vergangenheit." (p. 97.)
       
       Wir erinnern  unsre Leser,  daß diese  beiden Bücher  geschrieben
       wurden zur Zeit der Agitation für die Wahlen vom 10.Märztlow. Was
       ihre Wirkung war, geht hervor aus dem Wahlresultat - dem glänzen-
       den Sieg der Roten.
       
       III
       
       "Le socialisme et l impôt", par Émile de Girardin, Paris 1850
       
       Es gibt  zweierlei Arten von Sozialismus, den "guten" Sozialismus
       und den "schlechten" Sozialismus.
       Der   s c h l e c h t e   Sozialismus, das ist "der Krieg der Ar-
       beit gegen  das Kapital".  Auf seine  Rechnung  fallen  alle  die
       Schreckensbilder: gleiche  Verteilung der  Ländereien,  Aufhebung
       der Familienbande, organisierte Plünderung usw.
       
       #281# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       Der  g u t e  Sozialismus, das ist "die  E i n t r a c h t  v o n
       A r b e i t   u n d   K a p i t a l".  In seinem Gefolge befinden
       sich die  Abschaffung der  Unwissenheit, die Entfernung der Ursa-
       chen des  Pauperismus, die Konstitution des Kredits, die Verviel-
       fältigung des  Eigentums, die  Reform der Steuer, mit einem Wort,
       "das Regime, das sich am meisten der Vorstellung nähert, die sich
       der Mensch vom Reich Gottes auf Erden macht".
       Man muß sich des guten Sozialismus bedienen, um den schlechten zu
       ersticken.
       
       "Der Sozialismus  hat einen  Hebel; dieser  Hebel war das Budget.
       Aber es  fehlte ihm ein Stützpunkt, um die Welt aus den Angeln zu
       heben. Dieser  Stützpunkt, die Revolution vom 24. Februar hat ihn
       gegeben: das  a l l g e m e i n e  S t i m m r e c h t."
       Die Quelle  des Budgets ist die Steuer. Die Wirkung des allgemei-
       nen Stimmrechts  auf das  Budget soll  also seine Wirkung auf die
       Steuer sein.  Und durch  diese Wirkung  auf die Steuer realisiert
       sich der "gute" Sozialismus.
       "Frankreich kann  nicht über  1200 Millionen  Franken  jährlicher
       Steuer zahlen.  Wie wollt  ihr es  anfangen, um  die Ausgaben auf
       diese Summe zu reduzieren?"
       "Seit fünfunddreißig  Jahren habt ihr dreimal in zwei Charten und
       eine Konstitution  geschrieben, daß  alle Franzosen im Verhältnis
       ihres Vermögens  zu den  Staatslasten beitragen sollen. Seit fün-
       funddreißig Jahren  ist diese  Gleichheit der Steuer eine Lüge...
       Betrachten wir uns das französische Steuersystem."
       I.  G r u n d s t e u e r.   Die Grundsteuer  trifft die Grundei-
       gentümer  n i c h t  g l e i c h  m ä ß i g:
       
       "Wenn zwei benachbarte Grundstücke dieselbe Katasterschätzung er-
       halten haben, so zahlen die zwei Grundeigentümer dieselbe Steuer,
       ohne Unterschied  zwischen dem scheinbaren und dem reellen Eigen-
       tümer",
       d.h. dem hypothekenbeladenen und dem hypothekenfreien Eigentümer.
       Ferner: Die  Grundsteuer steht   n i c h t   i m   V e r h ä l t-
       n i s   zu den  Steuern, die  auf die übrigen Arten des Eigentums
       fallen. Als die Nationalversammlung 1790 sie einführte, stand sie
       unter dem  Einfluß der  physiokratischen Schule,  welche die Erde
       als die  einzige Quelle des Nettoeinkommens betrachtete und daher
       alle Steuerlast  auf die  Grundeigentümer wälzte. Die Grundsteuer
       beruht also  auf einem  ökonomischen Irrtum.  Bei einer  gleichen
       Verteilung der  Steuern würden  auf den  Grundbesitzer 20% seines
       Einkommens fallen, während er jetzt 53% zahlt.
       Endlich sollte  die Grundsteuer,  ihrer ursprünglichen Bestimmung
       nach, nur  den Eigentümer,  nie den Pächter oder den Mieter tref-
       fen. Statt  dessen trifft sie nach Herrn Girardin stets den Päch-
       ter und Mieter.
       Hier begeht Herr Girardin einen ökonomischen Irrtum. Entweder ist
       der Pächter  wirklicher Pächter,  und dann trifft die Grundsteuer
       den Eigentümer
       
       #282# Karl Marx/Friedrich Engels
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       oder den  Konsumenten, aber nie ihn; oder er ist unter dem Schein
       des Pachtverhältnisses  im Grunde  nur der  Arbeiter des Eigentü-
       mers, wie in Irland und häufig in Frankreich, und dann werden die
       auf den  Eigentümer gelegten Steuern immer ihn treffen, sie mögen
       heißen wie sie wollen.
       II. Personal-  und Mobiliarsteuer.  Der Zweck  dieser Steuer, die
       auch 1790  von der Nationalversammlung dekretiert wurde, war, das
       mobile Kapital  direkt zu  treffen. Als  Maßstab für die Höhe des
       Kapitals nahm  man die  Wohnungsmiete. Die Steuer trifft in Wirk-
       lichkeit den  Grundeigentümer, den  Bauern und den Industriellen,
       während sie den Rentier nur unbedeutend oder gar nicht beschwert.
       Sie ist  also die völlige Verkehrung der Absichten ihrer Urheber.
       Ein Millionär  kann außerdem in einem Dachkämmerchen mit zwei ge-
       brechlichen Stühlen wohnen - unbillig etc.
       III. Tür-  und Fenstersteuer.  Attentat auf  die  Gesundheit  des
       Volks. Fiskalmaßregel  gegen die Reinheit der Luft und das Tages-
       licht
       
       "Beinahe die  Hälfte der Wohnungen in Frankreich hat entweder nur
       eine Tür  und kein  Fenster oder  höchstens eine Tür und ein Fen-
       ster."
       
       Diese Steuer  wurde den  24. Vendémiaire  des Jahres VII (14. Ok-
       tober 1799) angenommen aus dringendem Geldbedürfnis, als nur vor-
       übergehende, außerordentliche  Maßregel, im  Prinzip aber verwor-
       fen.
       IV. Patentsteuer  (Gewerbsteuer). Steuer  nicht auf  den  Gewinn,
       sondern auf die Ausübung der Industrie. Strafe für die Arbeit. Wo
       sie den  Industriellen treffen  soll, trifft sie größtenteils den
       Konsumenten. Überhaupt  handelte es  sich  bei  Auflegung  dieser
       Steuer im  Jahr 1791  auch nur  um die  Befriedigung eines augen-
       blicklichen Geldbedürfnisses.
       V. Enregistrement  und Stempel.  Das droit  d'enregistrement  1*)
       stammt von  Franz I.  her und  hatte zunächst keinen fiskalischen
       Zweck (?).  1790 wurde der Einschreibungszwang für Kontrakte, die
       das Eigentum  betrafen, ausgedehnt  und die  Gebühr  erhöht.  Die
       Steuer ist  so eingerichtet, daß Kauf und Verkauf mehr zahlen als
       Schenkungen und  Erbschaften. Der  Stempel  ist  eine  rein  fis-
       kalische Erfindung, welche gleichmäßig ungleiche Profite trifft.
       VI. Getränkesteuer.  Inbegriff aller  Unbilligkeit,  Hemmung  der
       Produktion, vexatorisch,  die teuerste in der Eintreibung. (Siehe
       übrigens Heft III: 1848 bis 1849, Folgen des 13. Juni. 2*))
       VII. Zölle. Planloser, traditionell akkumulierter Wust von einan-
       der widersprechenden, zwecklosen, der Industrie schädlichen Zoll-
       sätzen. Z.B.  die rohe  Baumwolle zahlt in Frankreich per 100 Ki-
       logr. eine Steuer von 22 frs 50 cts. Passons outre. 3*)
       -----
       1*) Die Registriersteuer  - 2*) siehe  vorl. Band, S. 64-69 - 3*)
       Fahren wir fort
       
       #283# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
       -----
       VIII. Oktroi.  Hat nicht  einmal den  Vorwand,  einen  nationalen
       Industriezweig zu  schützen. Douane  im Innern  des  Landes.  Ur-
       sprünglich lokale  Armensteuer, jetzt hauptsächlich auf die ärme-
       ren Klassen  drückend und  ihre Lebensmittel  verfälschend. Setzt
       der nationalen  Industrie ebensoviel  Barrieren entgegen  als  es
       Städte gibt.
       Soweit Girardin  über die  einzelnen Steuern.  Der Leser wird be-
       merkt haben,  daß seine  Kritik ebenso flach als richtig ist. Sie
       reduziert sich auf drei Argumente:
       1. daß jede  Steuer nie die Klasse trifft, die sie in der Absicht
       der Steueraufleger  treffen soll, sondern einer andern Klasse auf
       gewälzt wird;
       2. daß jede temporäre Steuer sich festsetzt und verewigt;
       3. daß keine  Steuer dem Vermögen proportionell, gerecht, gleich-
       mäßig, billig ist.
       Diese allgemein-ökonomischen Einwürfe gegen die bestehenden Steu-
       ern wiederholen sich in allen Ländern. Das französische Steuersy-
       stem hat  aber eine  charakteristische Eigentümlichkeit.  Wie die
       Engländer für  das öffentliche und Privatrecht, so sind die Fran-
       zosen, die  sonst überall von allgemeinen Gesichtspunkten aus ko-
       difiziert, vereinfacht und mit der Tradition gebrochen haben, für
       das Steuersystem  das eigentlich  historische Volk. Girardin sagt
       über diesen Punkt:
       
       "In Frankreich leben wir unter der Herrschaft fast aller fiskali-
       schen Prozeduren  des alten  Regimes. Taille,  Kopfsteuer,  Aide,
       Douanen, Salzsteuer,  Steuer auf  die  Kontrolle,  Insinuationen,
       Greffe, Tabaksmonopol, übertriebne Profite auf den Postdienst und
       Pulververkauf, Lotterie,  Gemeinde- oder  Staatsfronden, Einquar-
       tierung, Oktrois  [248], Fluß- und Straßenzölle, außerordentliche
       Auflagen -  alles das hat seinen Namen verändern können, aber al-
       les das besteht der Sache nach fort und ist weder minder drückend
       für das  Volk noch  mehr produktiv für den Staatsschatz geworden.
       Unser Finanzsystem  beruht auf durchaus keiner wissenschaftlichen
       Basis. Es  reflektiert einzig  und allein die Überlieferungen des
       Mittelalters, welche  selbst wieder  die  Hinterlassenschaft  der
       unwissenden und raubgierigen römischen Fiskalität sind."
       
       Dennoch haben  unsre Väter  schon in  der Nationalversammlung der
       ersten Revolution gerufen:
       
       "Wir haben  die Revolution  nur gemacht,  um die  Steuer in unsre
       Hand zu bekommen."
       
       Aber wenn dieser Zustand fortdauern konnte unter dem Kaiserreich,
       unter der  Restauration, unter der Julimonarchie, jetzt hat seine
       Stunde geschlagen:
       
       "Die Abschaffung  des Wahlprivilegiums  zieht notwendig nach sich
       die Abschaffung  jeder fiskalischen  Ungleichheit.  Es  ist  also
       durchaus keine Zeit zu verlieren, um die
       
       #284# Karl Marx/Friedrich Engels
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       Finanzreform in  Angriff zu  nehmen, wenn nicht die Gewalt an die
       Stelle der Wissenschaft treten soll... Die  S t e u e r  ist bei-
       nahe   d i e   e i n z i g e   G r u n d l a g e,   a u f   d e r
       u n s r e   G e s e l l  s c h a f t   b e r u h t...   Man sucht
       sehr in  der Ferne  und sehr in der Höhe die sozialen und politi-
       schen Reformen; die wichtigsten sind enthalten in der Steuer. Su-
       chet hier, so werdet ihr finden."
       
       Was finden wir nun?
       
       "Wie  w i r  die Steuer begreifen, soll die Steuer eine  A s s e-
       k u r a n z p r ä m i e   sein, bezahlt  durch  die,  welche  be-
       sitzen,   u m   s i c h   z u    v e r s i c h e r n    g e g e n
       a l l e   R i s i k o s,   w e l c h e   s i e   i n    i h r e m
       B e s i t z   u n d   i h r e m  G e n u ß  s t ö r e n  k ö n n-
       t e n...   Diese Prämie  muß proportionell  sein  und  von  einer
       strengen Genauigkeit.  Jede Steuer, welche nicht die Garantie für
       ein Risiko  ist, der  Preis für eine Ware oder das Äquivalent für
       eine Dienstleistung,  muß aufgegeben werden - wir lassen nur zwei
       Ausnahmen zu:  Steuer auf das Ausland (Douane) und Steuer auf den
       Tod (Enregistrement)...  So  tritt  an  die  Stelle  des  Steuer-
       pflichtigen der  Assekurierte... Jeder,  der ein Interesse hat zu
       zahlen, zahlt  und zahlt  nur nach  dem Maß seines Interesses ...
       Wir gehn  noch weiter  und sagen: Jede Steuer verdammt sich schon
       dadurch, daß  sie den  Namen  Steuer,  Auflage  trägt.    J e d e
       S t e u e r  m u ß  a b g e s c h a f f t  w e r d e n,  denn das
       Eigentümliche der  Steuer ist,  gezwungen zu  sein, der Charakter
       der Assekuranz ist, freiwillig zu sein."
       Man muß  diese Assekuranzprämie  nicht mit  einer Steuer  auf das
       Einkommen verwechseln; sie ist vielmehr eine Steuer auf das Kapi-
       tal, wie  denn die  Assekuranzprämie nicht  das Einkommen  garan-
       tiert, sondern den ganzen Stock des Vermögens. Der Staat macht es
       gerade wie  die Assekuranzkompanien, die von der versicherten Sa-
       che wissen  wollen, nicht was sie einbringt, sondern was sie wert
       ist.
       "Das französische  Nationalvermögen wird  auf ein Aktivum von 134
       Milliarden geschätzt,  wovon ein Passivum von 28 Milliarden abzu-
       ziehen ist.  Wenn das  Ausgabebudget auf 1200 Millionen reduziert
       wird, wäre  also bloß 1% vom Kapital zu erheben, um den Staat auf
       die Höhe  einer kolossalen  wechselseitigen Assekuranzkompanie zu
       bringen."
       
       Von diesem Moment an - "keine Revolution mehr"!
       
       "An die  Stelle des  Worts A  u t o r i t ä t    tritt  das  Wort
       S o l i d a r i t ä t;   das    g e m e i n s c h a f t l i c h e
       I n t e r e s s e  wird zum Band der Gesellschaftsmitglieder."
       
       Herr Girardin  begnügt sich  nicht mit  diesem  allgemeinen  Vor-
       schlag, sondern  gibt uns zugleich das Schema einer Assekuranzpo-
       lice oder Inskription, wie sie jeder Bürger vom Staat ausgestellt
       erhalten soll.
       Jedes Jahr gibt der frühere Steuereinnehmer dem Versicherten eine
       Police, die "aus vier Seiten von der Größe eines Passes" besteht.
       Auf der  ersten Seite befindet sich der Name des Versicherten mit
       seiner Immatrikulationsnummer,
       
       #285# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       nebst dem  Schema für  die Quittungen  der Prämienraten.  Auf der
       zweiten Seite  befindet sich  die genaue Personalbeschreibung des
       Versicherten und seiner Familie, nebst der richtig zertifizierten
       detaillierten Selbsteinschätzung  seines Gesamtvermögens; auf der
       dritten Seite  das Staatsbudget  nebst  einer  Generalbilanz  von
       Frankreich und auf der vierten allerlei mehr oder weniger nützli-
       che statistische  Nachrichten. Diese  Police dient  als Paß,  als
       Wahlkarte, als  Wanderbuch für  Arbeiter usw.  Die Register  über
       diese Policen  dienen dem  Staat wieder  zur Anfertigung der vier
       großen Bücher, des großen Buchs der Bevölkerung, des großen Buchs
       des Eigentums,  des großen  Buchs der öffentlichen Schuld und des
       großen Buchs der Hypothekarschuld, welche zusammen eine vollstän-
       dige Statistik über alle Ressourcen Frankreichs enthalten.
       Die Steuer  ist also  nur mehr die Prämie, welche der Versicherte
       zahlt, um zur Teilnahme an folgenden Vorteilen zugelassen zu wer-
       den: 1. Recht auf öffentlichen Schutz, auf unentgeltliche Rechts-
       pflege,  unentgeltliche  Religionsübung,  unentgeltlichen  Unter-
       richt, Kredit  auf Unterpfand,  Sparkassenpension; 2.  Entbindung
       von der  Militärpflicht in  Friedenszeit; 3.  Bewahrung  vor  dem
       Elend; 4.  Entschädigung bei  Verlusten durch Feuersbrunst, Über-
       schwemmungen, Hagelschlag, Viehseuchen, Schiffbruch.
       Wir bemerken  noch, daß  Herr Girardin  die Entschädigungsgelder,
       die der Staat bei Verlusten der Versicherten zu zahlen hat, durch
       verschiedne Geldstrafen  etc., durch den Ertrag der Nationaldomä-
       nen und  der beibehaltenen  Enregistrements- und  Douanengebühren
       sowie der Staatsmonopole decken will.
       Die Steuerreform  ist das Steckenpferd aller radikalen Bourgeois,
       das spezifische  Element aller  bürgerlich-ökonomischen Reformen.
       Von den ältesten mittelalterlichen Spießbürgern bis zu den moder-
       nen englischen  Freetradern [99] dreht sich der Hauptkampf um die
       Steuern.
       Die Steuerreform bezweckt entweder Abschaffung traditionell über-
       kommener Steuern,  die der  Entwickelung der  Industrie  im  Wege
       stehn, wohlfeileren  Staatshaushalt oder  gleichmäßigere  Vertei-
       lung. Der  Bourgeois jagt  dem chimärischen  Ideal  der  gleichen
       Steuerverteilung um  so eifriger  nach, je  mehr es in der Praxis
       seinen Händen entschwindet.
       Die Distributionsverhältnisse,  die unmittelbar auf der bürgerli-
       chen Produktion  beruhen, die  Verhältnisse zwischen  Arbeitslohn
       und Profit,  Profit und Zins, Grundrente und Profit, können durch
       die Steuer höchstens in Nebenpunkten modifiziert, nie aber in ih-
       rer Grundlage  bedroht werden.  Alle Untersuchungen  und Debatten
       über die  Steuer setzen  den ewigen  Bestand dieser  bürgerlichen
       Verhältnisse voraus. Selbst die Aufhebung der Steuern
       
       #286# Karl Marx/Friedrich Engels
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       könnte die  Entwicklung des bürgerlichen Eigentums und seiner Wi-
       dersprüche nur beschleunigen.
       Die Steuer  kann einzelne  Klassen bevorzugen und andre besonders
       drücken, wie wir dies z.B. unter der Herrschaft der Finanzaristo-
       kratie sehn.  Sie ruiniert  nur die  Mittelschichten der  Gesell-
       schaft zwischen Bourgeoisie und Proletariat, deren Stellung nicht
       erlaubt, die Last der Steuer einer andern Klasse zuzuwälzen.
       Das Proletariat  wird durch  jede neue  Steuer eine  Stufe tiefer
       herabgedrückt; die  Abschaffung einer  alten Steuer  erhöht nicht
       den Arbeitslohn,  sondern den  Profit. In der Revolution kann die
       zu kolossalen  Proportionen geschwellte  Steuer als eine Form des
       Angriffs gegen  das Privateigentum  dienen; aber  selbst dann muß
       sie  zu  neuen,  revolutionäreren  Maßregeln  weitertreiben  oder
       schließlich auf die alten bürgerlichen Verhältnisse zurückführen.
       Die Verminderung,  die billigere Verteilung etc. etc. der Steuer,
       das ist  die banale   b ü r g e r l i c h e   R e f o r m.    Die
       A b s c h a f f u n g   der Steuer,  das ist  der    b ü r g e r-
       l i c h e  S o z i a l i s m u s.  Dieser bürgerliche Sozialismus
       wendet sich  namentlich an  die industriellen  und  kommerziellen
       Mittelstände und  an die Bauern. Die große Bourgeoisie, die schon
       jetzt in  ihrer besten Welt lebt, verschmäht natürlich die Utopie
       einer besten Welt.
       Herr Girardin  schafft die  Steuer  ab,  indem  er  sie  in  eine
       Assekuranzprämie verwandelt. Die Mitglieder der Gesellschaft ver-
       sichern sich  wechselseitig, gegen Zahlung gewisser Prozente, ihr
       Vermögen gegen Feuerschaden und Wassersnot, gegen Hagelschlag und
       Bankerutt, gegen  alle nur  möglichen Risikos, die heutzutage die
       Ruhe des  bürgerlichen Genießens  stören. Der  jährliche  Beitrag
       wird nicht  nur durch  sämtliche Versicherte festgesetzt, er wird
       von jedem  einzelnen selbst bestimmt. Er selbst schätzt sein Ver-
       mögen. Die Handels- und Ackerbaukrisen, die massenhaften Verluste
       und Falliten,  die sämtlichen  Schwankungen und  Wechselfälle der
       bürgerlichen Existenz,  epidemisch seit der Einführung der moder-
       nen Industrie, die ganze poetische Seite der bürgerlichen Gesell-
       schaft verschwindet.  Die allgemeine  Sicherheit und Versicherung
       realisiert sich.  Der Bürger hat es schriftlich vom Staat, daß er
       unter keinen  Umständen ruiniert werden kann. Alle Schattenseiten
       der bestehenden Welt sind entfernt, alle ihre Lichtseiten bestehn
       in höherem  Glänze fort,  kurz, das  Regime ist  realisiert, "das
       sich am  meisten der  Vorstellung nähert, die sich der Bürger vom
       Reich Gottes auf Erden macht". Statt der Autorität, die Solidari-
       tät; statt  des Zwangs,  die Freiheit; statt des Staats, ein Ver-
       waltungsausschuß -  und das  Ei des  Kolumbus ist  gefunden,  der
       mathematisch genaue Beitrag jedes "Versicherten" nach seinem Ver-
       mögen. Jeder "Versicherte" trägt einen vollständigen konstitutio-
       nellen Staat, ein ausgebildetes
       
       #287# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
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       Zweikammersystem in seiner Brust. Die Besorgnis, dem Staat zuviel
       zu zahlen,  die  bürgerliche  Opposition  der  Deputiertenkammer,
       treibt ihn,  sein Vermögen zu niedrig anzugeben. Das Interesse an
       der Erhaltung  seines  Besitzes,  das  konservative  Element  der
       Pairskammer, macht  ihn geneigt, es zu überschätzen. Aus dem kon-
       stitutionellen Spiel  dieser  entgegengesetzten  Richtungen  geht
       notwendig das wahre Gleichgewicht der Gewalten hervor, die genau-
       richtige Angabe des Vermögens, die exakte Verhältnismäßigkeit des
       Beitrags.
       Jener Römer  wünschte, sein Haus möchte von Glas sein, damit jede
       seiner Handlungen  vor aller  Augen  offen  daliege.  Der  Bürger
       wünscht nicht,  daß sein  Haus, sondern  das seines  Nachbarn von
       Glas sei. Auch dieser Wunsch wird erfüllt. Zum Beispiel: Ein Bür-
       ger will  Vorschüsse von mir haben oder sich mit mir assoziieren.
       Ich fordere  seine Police, und in ihr habe ich seine vollständige
       detaillierte Beichte  über alle  seine bürgerlichen Verhältnisse,
       garantiert durch  sein wohlverstandnes  Interesse  und  kontrasi-
       gniert vom  Verwaltungsrat der  Assekuranz. Ein Bettler klopft an
       meine Tür  und verlangt  ein Almosen.  Heraus mit der Police! Der
       Bürger muß  wissen, daß  er sein  Almosen  an  den  rechten  Mann
       bringt. Man  nimmt einen  Domestiken, man führt ihn bei sich ein,
       man überliefert  sich ihm  auf den Zufall hin: Heraus mit der Po-
       lice!
       
       "Wieviel Ehen  werden geschlossen, ohne daß man von der einen und
       der andern  Seite genauweiß,  woran sich halten über die Realität
       des Zugebrachten  oder die  wechselseitig übertriebnen  Erwartun-
       gen":
       
       Heraus mit der Police!
       
       Der Austausch der schönen Seelen wird sich in Zukunft beschränken
       auf den Austausch der beiderseitigen Policen. So verschwindet die
       Prellerei, die  heutzutage den Genuß und die Pein des Lebens bil-
       det, und  das Reich  der Wahrheit im eigentlichen Sinne des Worts
       verwirklicht sich. Noch mehr:
       
       "In dem  gegenwärtigen System  kosten die  Gerichte dem  Staat an
       7 1/2 Millionen,  in unserm  System bringen die Vergehen ihm ein,
       statt ihm  zu kosten,  denn sie verwandeln sich alle in Geldbußen
       und in Schadenersatz - welche Idee!"
       In dieser besten Welt ist alles profitlich: Die Verbrechen verge-
       hen, und die Vergehen bringen Geld ein. Endlich, da in diesem Sy-
       stem das  Eigentum gegen alle Risikos geschützt und der Staat nur
       noch eine allgemeine Assekuranz aller Interessen ist, so sind die
       Arbeiter stets beschäftigt: "Keine Revolutionen mehr!"
       
       #288# Karl Marx/Friedrich Engels
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       Wenn das nicht gut für den Bürger ist,
       Dann weiß ich nicht, was besser ist!
       
       Der bürgerliche  Staat ist  weiter nichts als eine wechselseitige
       Assekuranz der  Bourgeoisklasse gegen  ihre einzelnen  Mitglieder
       wie gegen  die exploitierte  Klasse, eine  Assekuranz, die  immer
       kostspieliger und  scheinbar immer  selbständiger  gegenüber  der
       bürgerlichen Gesellschaft  werden muß, weil die Niederhaltung der
       exploitierten Klasse  immer schwieriger wird. Die Veränderung des
       Namens ändert  nicht das mindeste an den Bedingungen dieser Asse-
       kuranz. Die  scheinbare Selbständigkeit,  die Herr  Girardin  den
       einzelnen gegenüber  der Assekuranz  einen Augenblick zuschreibt,
       muß er  selbst sogleich  wieder aufgeben.  Wer sein  Vermögen  zu
       niedrig taxiert,  verfällt in  Strafe: Die  Assekuranzkasse kauft
       ihm sein  Eigentum zum  angegebenen Wert  ab und provoziert sogar
       durch Belohnungen  die Denunziation. Noch mehr: Wer sein Vermögen
       lieber gar nicht versichert, wird außerhalb der Gesellschaft ste-
       hend, wird direkt vogelfrei erklärt. Die Gesellschaft kann natür-
       lich nicht  dulden, daß  sich in ihr eine Klasse bildet, die sich
       gegen ihre  Existenzbedingungen auflehnt.  Der Zwang, die Autori-
       tät, die bürokratische Einmischung, die Girardin gerade entfernen
       will, kehren wieder in die Gesellschaft ein. Wenn er einen Augen-
       blick von  den Bedingungen  der bürgerlichen Gesellschaft abstra-
       hiert hat, so geschah es nur, um auf einem Umweg zu ihnen zurück-
       zukommen.
       Hinter der  Abschaffung der  Steuer verbirgt sich die Abschaffung
       des Staats. Die Abschaffung des Staats hat nur einen Sinn bei den
       Kommunisten als notwendiges Resultat der Abschaffung der Klassen,
       mit denen  von selbst das Bedürfnis der organisierten Macht einer
       Klasse zur  Niederhaltung der  andern wegfällt.  In  bürgerlichen
       Ländern bedeutet die Abschaffung des Staats die Zurückführung der
       Staatsgewalt auf den Maßstab von Nordamerika. Hier sind die Klas-
       sengegensätze nur  unvollständig entwickelt; die Klassenkollisio-
       nen werden  jedesmal vertuscht durch den Abzug der proletarischen
       Überbevölkerung nach  dem Westen;  das Einschreiten  der  Staats-
       macht, im  Osten auf  ein Minimum  reduziert, existiert im Westen
       gar nicht.  In feudalen  Ländern  bedeutet  die  Abschaffung  des
       Staats die  Abschaffung des  Feudalismus und  die Herstellung des
       gewöhnlichen bürgerlichen  Staats. In  Deutschland verbirgt  sich
       hinter ihr  entweder die feige Flucht aus den unmittelbar vorlie-
       genden Kämpfen,  die überschwengliche Verschwindelung der  b ü r-
       g e r l i c h e n   Freiheit  zur  absoluten  Unabhängigkeit  und
       Selbständigkeit des   e i n z e l n e n  oder endlich die Gleich-
       gültigkeit des  Bürgers gegen jede Staatsform, vorausgesetzt, daß
       die bürgerlichen  Interessen in  ihrer Entwicklung  nicht gehemmt
       werden. Daß diese Abschaffung des Staats "im höheren Sinn" in so
       
       #289# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
       -----
       alberner Weise  gepredigt wird, dafür können natürlich die Berli-
       ner Stirner  und Faucher  nicht. La plus belle fille de la France
       ne peut donner que ce qu'elle a. 1*)
       Was von  der Assekuranzkompanie  des Herrn  Girardin übrigbleibt,
       ist die  S t e u e r  a u f  d a s  K a p i t a l  im Unterschied
       von der  Steuer auf das Einkommen und an der Stelle aller übrigen
       Steuern. Das Kapital des Herrn Girardin beschränkt sich nicht auf
       das in  der Produktion  beschäftigte Kapital, es umfaßt alles be-
       wegliche und  unbewegliche Hab und Gut. Von dieser Steuer auf das
       Kapital rühmt er:
       
       "Sie ist  das Ei  des Kolumbus, sie ist die Pyramide, die auf der
       Basis steht  und nicht auf der Spitze, der Strom, der sein eignes
       Bette gräbt,  die Revolution  ohne die  Revolutionäre, der  Fort-
       schritt ohne  den Rückschritt,  die Bewegung  ohne Stoß,  sie ist
       endlich die einfache Idee und das wahre Gesetz.
       
       Von allen  marktschreierischen Reklamen, die Herr Girardin je ge-
       macht hat  - und  ihre Zahl  ist bekanntlich Legion -, ist dieser
       Prospektus der Kapitalsteuer jedenfalls das Meisterstück.
       Übrigens hat  die Steuer  auf das Kapital als einzige Steuer ihre
       Vorzüge. Alle  Ökonomen, namentlich  Ricardo, haben  die Vorteile
       einer einzigen Steuer nachgewiesen. Die Kapitalsteuer als einzige
       Steuer beseitigt  mit einem  Schlage das zahlreiche und kostspie-
       lige Personal  der bisherigen  Steuerverwaltung, greift am wenig-
       sten ein in den regelmäßigen Gang der Produktion, Zirkulation und
       Konsumtion und trifft allein von allen Steuern das Luxuskapital.
       Aber darauf  beschränkt sich bei Herrn Girardin die Kapitalsteuer
       nicht. Sie hat noch ganz besondre Gnadenwirkungen.
       Kapitalien von  gleicher Größe  werden gleiche  Steuerprozente an
       den Staat  zahlen müssen,  gleichviel ob sie 6%, 3% oder gar kein
       Einkommen tragen.  Die Folge davon ist, daß die untätigen Kapita-
       lien in  Tätigkeit gesetzt werden, also die Masse der produktiven
       Kapitalien vermehren,  und daß  die schon  tätigen sich noch mehr
       anstrengen, d.  h. in weniger Zeit mehr produzieren. Das Resultat
       von beidem  ist der  Fall des  Profits und  des  Zinsfußes.  Herr
       Girardin  dagegen   behauptet,   daß   dann   Profit   und   Zins
       s t e i g e n   werden - ein wahres ökonomisches Wunder. Die Ver-
       wandlung unproduktiver Kapitalien in produktive und die wachsende
       Produktivität der Kapitalien überhaupt hat den Lauf der industri-
       ellen Entwicklung der Krisen vermehrt und gesteigert und den Pro-
       fit und Zinsfuß herabgedrückt. Die Kapitalsteuer kann
       -----
       1*) Das schönste  Mädchen Frankreichs  kann nur das geben, was es
       hat.
       
       #290# Karl Marx/Friedrich Engels
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       nur diesen Prozeß beschleunigen, die Krisen verschärfen und damit
       die Anhäufung  revolutionärer Elemente  vermehren. "Keine Revolu-
       tionen mehr!"
       Eine zweite wundertätige Wirkung der Kapitalsteuer ist nach Herrn
       Girardin, daß  sie die  Kapitalien von  wenig einträglichem Grund
       und Boden  zur einträglicheren Industrie hinüberziehn, die Boden-
       preise zum  Fallen bringen, die Konzentrierung des Grundbesitzes,
       die große englische Kultur und damit die ganze entwickelte engli-
       sche Industrie nach Frankreich verpflanzen würde. Abgesehn davon,
       daß dazu  die übrigen  Bedingungen der englischen Industrie eben-
       falls nach  Frankreich einwandern  müßten, begeht  Herr  Girardin
       hier ganz eigentümliche Irrtümer. In Frankreich leidet der Acker-
       bau nicht  am Überfluß, sondern am Mangel an Kapital. Nicht durch
       Wegziehn des  Kapitals vom  Ackerbau, sondern  im Gegenteil durch
       Hinüberwerfen des  industriellen Kapitals auf den Grund und Boden
       ist die  englische Konzentration  und der  englische Ackerbau zu-
       stande gekommen.  Der Bodenpreis  in England ist bei weitem höher
       als in  Frankreich; der Gesamtwert des englischen Grundes und Bo-
       dens ist fast so hoch wie der ganze französische Nationalreichtum
       nach Girardins  Schätzung. Der Bodenpreis in Frankreich müßte mit
       der Konzentrierung  also nicht  nur nicht  fallen,  er  müßte  im
       Gegenteil steigen.  Die Konzentration  des Grundeigentums in Eng-
       land hat  ferner ganze  Generationen der  Bevölkerung vollständig
       weggeschwemmt. Dieselbe  Konzentration, zu  der die Kapitalsteuer
       durch schnelleren Ruin der Bauern allerdings beitragen muß, würde
       in Frankreich  diese große Masse der Bauern in die Städte treiben
       und die Revolution nur um so unvermeidlicher machen. Und endlich,
       wenn in  Frankreich die  Umkehr aus der Parzellierung zur Konzen-
       tration schon angefangen hat, so geht in England das große Grund-
       eigentum mit Riesenschritten seiner abermaligen Zerschlagung ent-
       gegen und  beweist unwiderleglich, wie der Ackerbau sich fortwäh-
       rend in  diesem Kreislauf  von Konzentrierung  und Zersplitterung
       des Bodens  bewegen muß,  solange die  bürgerlichen  Verhältnisse
       überhaupt fortbestehn.
       Genug von diesen Wundern. Kommen wir zum Kredit auf Unterpfand.
       Der Kredit gegen Unterpfand wird zunächst nur dem Grundbesitz er-
       öffnet. Der  Staat  gibt  Hypothekenscheine  aus,  die  ganz  den
       Banknoten entsprechen, nur daß nicht bares Geld oder Barren, son-
       dern der  Grund und  Boden die Garantie dafür bildet. Diese Hypo-
       thekenscheine werden  den verschuldeten  Bauern zu  4% vom  Staat
       vorgeschossen, um  damit ihre Hypothekengläubiger zu befriedigen;
       statt des  Privatgläubigers hat  nun der  Staat Hypothek  auf das
       Grundstück und konsolidiert die Schuld, so daß er sie nie zurück-
       fordern kann.  Die gesamte Hypothekarschuld in Frankreich beläuft
       sich auf 14 Milliarden. Girardin rechnet zwar nur auf die Ausgabe
       von 5 Milliarden
       
       #291# Rezensionen aus der "N. Rh. Ztg. Polit.-ökonom. Revue"
       
       Hypothekenscheine; aber  die Vermehrung  des Papiergelds  um eine
       solche Summe würde hinreichen, nicht um das Kapital wohlfeiler zu
       machen, sondern um das Papiergeld vollständig zu entwerten. Dabei
       wagt Girardin  nicht, diesem neuen Papier Zwangskurs zu geben. Um
       die Entwertung  zu vermeiden,  schlägt  er  den  Inhabern  dieser
       Scheine vor,  sie gegen  3%-Staatsschuldscheine al  pari umzutau-
       schen. Das Ende von der Transaktion ist also dies: Der Bauer, der
       früher 5%  Zinsen und  1% Umschreibe-,  Erneuerungs- etc.  Gebühr
       zahlte, zahlt nur noch 4%, gewinnt also 2%; der Staat leiht zu 3%
       an und leiht zu 4% aus, gewinnt also 1%; der Exhypothekar-gläubi-
       ger, der  früher 5%  erhielt, wird  durch die drohende Entwertung
       der Hypothekenscheine  gezwungen, die  ihm vom Staat gebotenen 3%
       dankbar anzunehmen;  er verliert  also 2%.  Außerdem braucht  der
       Bauer seine  Schuld nicht  zu zahlen und kann der Gläubiger seine
       Forderung an  den Staat  nie eintreiben.  Das Geschäft läuft also
       hinaus auf  eine direkte,  durch die  Hypothekenscheine  schlecht
       verhüllte Beraubung der Hypothekargläubiger um 2% aus 5. Das ein-
       zige Mal  also, wo  Herr Girardin,  außer  der  Steuer,  die  ge-
       sellschaftlichen Verhältnisse  selbst verändern  will, ist  er zu
       einem direkten  Angriff auf  das Privateigentum gezwungen, muß er
       revolutionär werden  und seine  ganze Utopie aufgeben. Und dieser
       Angriff rührt  nicht einmal von ihm her. Er hat ihn von den deut-
       schen Kommunisten entlehnt, die nach der Februarrevolution zuerst
       die Verwandlung  der Hypothekarschuld in eine Schuld an den Staat
       forderten [249], freilich in ganz andrer Weise wie Herr Girardin,
       der sogar  dagegen auftrat.  Es ist  bezeichnend, daß das einzige
       Mal, wo  Herr Girardin  eine einigermaßen  revolutionäre Maßregel
       vorschlägt, er  nicht den Mut hat, etwas andres als ein Palliativ
       aufzustellen, das die Entwicklung der Parzellierung in Frankreich
       nur chronischer  machen, um  nur einige Dezennien zurückschrauben
       kann, um schließlich wieder den heutigen Stand herbeizuführen.
       Das einzige,  was der  Leser in  der ganzen Darstellung Girardins
       vermißt haben  wird, sind die  A r b e i t e r.  Aber der bürger-
       liche Sozialismus  unterstellt ja  überall,   d a ß   d i e  G e-
       s e l l s c h a f t   a u s  l a u t e r  K a p i t a l i s t e n
       b e s t e h t,   um nachher, von diesem Standpunkt aus, die Frage
       zwischen Kapital und Lohnarbeit lösen zu können.
       
       Geschrieben zwischen Mitte März und 18. April 1850.
       Nach: "Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue".
       Heft 4, April 1850.

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