Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859

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       Karl Marx
       
       Louis Napoleon und Fould [252]
       
       Unsre Leser  erinnern sich,  daß wir  im vorigen Heft nachwiesen,
       wie die  Finanzaristokratie in  Frankreich wieder  zur Herrschaft
       gekommen ist.  1*) Wir  wiesen bei dieser Gelegenheit hin auf die
       Assoziation von  Louis Napoleon  und Fould  zur Durchführung ein-
       träglicher Börsencoups.  Es ist  schon aufgefallen,  daß seit dem
       Eintritt Foulds  ins Ministerium die unaufhörlichen Geldforderun-
       gen Louis  Napoleons an  die gesetzgebende  Versammlung plötzlich
       aufhörten. Seit den letzten Wahlen [100] sind aber Tatsachen ver-
       lautet, die  auf die Erwerbsquellen des Präsidenten Bonaparte ein
       sehr grelles Licht werfen. Nur ein Beispiel.
       Wir  werden  uns  bei  unsrer  Erzählung  hauptsächlich  auf  die
       "Patrie" beziehn,  das honette  Blatt der Union électorale [253],
       dessen Besitzer,  der Bankier  Delamarre, selbst einer der bedeu-
       tendsten Pariser Börsenspieler ist.
       Auf die Wahlen vom 10. März hin wurde eine große Spekulation à la
       hausse 2*)  organisiert. Herr  Fould stand  an der Spitze der In-
       trige, die ersten Ordnungsfreunde beteiligten sich dabei, die Ka-
       marilla des Herrn Bonaparte sowie er selbst waren mit bedeutenden
       Summen interessiert.
       Am 7.  März stiegen  die 3% um 5 Centimen und die 5% um 15 Centi-
       men; die "Patrie" hatte nämlich das Resultat der vorläufigen Wahl
       der Ordnungsfreunde  bekanntgemacht. Dieser  Aufschlag war unsern
       Spekulanten indes  zu gering;  es mußte  "eingeheizt" werden. Die
       "Patrie" am  8. März,  den Abend vorher ausgegeben, zeigt also in
       ihrem Börsenbulletin  an, daß  an dem  Siege  der  Ordnungspartei
       nicht der entfernteste Zweifel sei. Sie sagt u.a.:
       
       "Wir werden  sicher nicht  die Zurückhaltung der Kapitalisten ta-
       deln; indessen,  wenn es  Umstände gibt, wo der Zweifel nicht er-
       laubt ist, so ist es hier, nach dem in der Vorwahl erhaltenen Re-
       sultat."
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 64-94 - 2*) auf das Steigen der Kurse
       
       #297# Louis Napoleon und Fould
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       Um den  Einfluß des  Börsenbulletins  und  der  Mitteilungen  der
       "Patrie" überhaupt auf die Börse zu würdigen, muß man wissen, daß
       sie der  eigentliche Moniteur der gegenwärtigen Regierung ist und
       die offiziellen Nachrichten  v o r  dem "Moniteur" mitgeteilt er-
       hält. Indessen mißlingt der Coup diesmal.
       Am 8.  werden einige  der roten  Partei günstige Abstimmungen der
       Armee bekannt, und sofort fallen die Kurse. Ein panischer Schrec-
       ken scheint  sich der  Spekulanten zu  bemächtigen; es gilt jetzt
       alle Mittel  aufzubieten. Das  Börsenbulletin  der  "Patrie"  be-
       hauptet seinen  Posten; sämtliche  Journale der  Union électorale
       werden ins  Feuer kommandiert; einige Unrichtigkeiten in unbedeu-
       tenden Abstimmungen  werden mit  Emphase debattiert;  ein Journal
       veröffentlicht an seiner Spitze die Abstimmungen eines Regiments,
       welches monarchisch  gewählt hat;  die republikanischen  Journale
       endlich bringen  gezwungen einige  offizielle Dementis,  die sich
       ein paar Tage später als ebenso viele Lügen erweisen.
       Diesen vereinigten  Versuchen gelingt  es am  9. bei  Beginn  der
       Börse ein  kleines Steigen der Staatspapiere hervorzubringen, das
       indes nicht  lange vorhält.  Der Kurs ist ziemlich niedrig bis um
       2 1/4 Uhr;  von diesem  Moment an  steigt er  fortwährend bis zum
       Schluß der  Börse [254].  Die  Ursachen  dieses  plötzlichen  Um-
       schwungs plaudert die "Patrie" selbst aus wie folgt:
       
       "Man versichert,  daß einige sehr bei dem Aufschlag interessierte
       Spekulanten beträchtliche  Ankäufe gegen Schluß der Börse gemacht
       haben, um die Gemüter in der Provinz beim Augenblick der Wahl gut
       zu stimmen  und durch das Vertrauen, das sich der Provinz bemäch-
       tigen würde,  neue Ankäufe hervorzurufen, die die Kurse noch mehr
       in die Höhe treiben mußten."
       
       Diese Operation  belief sich  auf mehrere  Millionen, ihr  Erfolg
       war, daß die 3% um 40 Centimes stiegen und die 5% um 60 Centimes.
       Soviel also klar: Es gab Spekulanten, die beim Aufschlag interes-
       siert waren  und die  daher im  entscheidenden Moment neue bedeu-
       tende Ankäufe  machten, um  ein neues  Steigen hervorzurufen. Wer
       waren diese Spekulanten? Die Tatsachen mögen antworten.
       Am 11.  März Sinken  auf der Börse. Alle Versuche der Spekulanten
       sind ohnmächtig gegenüber dem Schwanken des Wahlresultats.
       Am 12.  März  neues,  bedeutendes  Sinken,  da  das  Wahlresultat
       beinahe bekannt ist und es so gut wie feststeht, daß die drei so-
       zialistischen Kandidaten eine imposante Majorität haben. Die Spe-
       kulanten à  la hausse machen nun einen verzweifelten Versuch. Die
       "Patrie" und  der "Moniteur  du Soir"  veröffentlichen, unter dem
       Titel von  offiziellen telegraphischen  Depeschen,  Wahlresultate
       aus den Provinzen, die rein erfunden waren. Das Manöver
       
       #298# Karl Marx
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       gelingt. Den  Abend, bei Tortoni [255], leichtes Steigen der Kur-
       se. Es  handelt sich also nur noch darum, weiter zu "heizen". Die
       "Patrie" druckt folgende Nachricht:
       
       "Nach den  bis jetzt  bekannten Abstimmungen  trägt der Bürger de
       Flotte nur  eine Majorität von 341 Stimmen über den Bürger J. Foy
       davon. Dies Wahlresultat kann noch durch die Abstimmungen der mo-
       bilen Gensdarmerie  zugunsten unsres  Kandidaten entschieden wer-
       den. -  Man versichert,  daß die  Regierung    m o r g e n    der
       Versammlung zwei  Gesetze über  die Presse  und über die Wahlver-
       sammlungen vorlegen und die Dringlichkeit dafür verlangen wird."
       Die zweite  Nachricht war  falsch; erst  nach langem Zögern, nach
       langwierigen Beratungen mit den Chefs der Ordnungspartei und nach
       einer ministeriellen  Veränderung entschloß  sich die  Regierung,
       diese Gesetze  vorzulegen. Die  erste Nachricht war eine noch un-
       verschämtere  Lüge;  in  demselben  Augenblick,  wo  sie  in  der
       "Patrie" veröffentlicht  wurde, schickte die Regierung eine tele-
       graphische Depesche  in die  Departements, daß  de Flotte gewählt
       sei.
       Indessen, der  Coup gelang;  die Papiere  stiegen um 1 fr 35 cts,
       und die  Herren Spekulanten realisierten zwischen 3 und 4 Millio-
       nen. Man  kann es  den "Freunden  des Eigentums" sicherlich nicht
       verübeln, wenn  sie ihres  Fetisches im Interesse der Ordnung und
       der Gesellschaft soviel wie möglich habhaft zu werden suchen.
       Infolge dieses gelungenen dodge 1*) wurden die Herren Spekulanten
       so übermütig,  daß sie  sofort neue Ankäufe im großartigsten Maß-
       stab unternahmen und dadurch eine Menge andrer Kapitalisten eben-
       falls zum  Kaufen veranlaßten.  Der Anschlag  war so prononciert,
       daß selbst die mutmaßlichen Profite auf diese Transaktion auf der
       Börse schon  wieder verhandelt  wurden. Da  kam am Morgen des 15.
       der niederschmetternde  Schlag,  die  Proklamierung  Carnots,  de
       Flottes und  Vidals  zu  Volksrepräsentanten;  die  Kurse  fielen
       plötzlich und unaufhaltsam, und die Niederlage unsrer Spekulanten
       war durch  keine erlogenen Nachrichten und telegraphischen Erfin-
       dungen mehr aufzuhalten.
       
       Geschrieben zwischen Ende März und 18. April 1850.
       Nach: "Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue".
       Heft 4, April 1850.
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       1*) Schwindels
       

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