Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
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Karl Marx/Friedrich Engels
Preußische Spione in London" [276]
["The Spectator" Nr. 1146 vom 15. Juni 1850]
64, Dean Street, Soho Square, 14. Juni 1850
Sir,
seit einiger Zeit hatten wir, die in diesem Lande wohnenden un-
terzeichneten deutschen Flüchtlinge, Gelegenheit, die uns von der
britischen Regierung entgegengebrachte Aufmerksamkeit zu bewun-
dern. Wir waren es gewöhnt, von Zeit zu Zeit irgendeinem obskuren
Beamten der preußischen Gesandtschaft zu begegnen, der nicht "als
solcher gesetzmäßig geführt wird"; wir waren an die wilden Reden
und tollen Vorschläge solcher agents provocateurs gewöhnt und
wußten, wie wir sie zu behandeln haben. Was uns in Verwunderung
setzt, ist nicht die Aufmerksamkeit, die uns die preußische Ge-
sandtschaft zollt - wir sind stolz, sie verdient zu haben; wir
wundern uns über die entente cordiale 1*), die sich, soweit es
uns betrifft, zwischen den preußischen Spionen und den englischen
Denunzianten gebildet zu haben scheint.
Wahrlich, Sir, wir hätten nie geglaubt, daß es in diesem Lande so
viele Polizeispione gibt, wie wir das Glück hatten, in der kurzen
Zeitspanne von einer Woche kennenzulernen. Es werden nicht nur
die Türen der Häuser, in denen wir wohnen, von mehr als zweifel-
haft aussehenden Individuen streng beobachtet, die jedesmal, wenn
jemand das Haus betritt oder verläßt, sehr unverfroren ihre Noti-
zen machen; wir können keinen einzigen Schritt tun, ohne von ih-
nen, wohin wir auch gehen, verfolgt zu werden. Wir können in kei-
nen Omnibus steigen und kein Kaffeehaus betreten, ohne mit der
Gesellschaft wenigstens eines dieser unbekannten Freunde beehrt
zu werden. Wir wissen nicht, ob die mit dieser dankbaren Tätig-
keit betrauten Herren im
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1*) herzliche Eintracht
#317# Preußische Spione in London
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"Dienste Ihrer Majestät" stehen, aber wir wissen, daß die Mehr-
zahl von ihnen alles andere als sauber und ehrbar aussieht.
Welchen Nutzen sollen jemandem die spärlichen Berichte bringen,
die so von einer Bande elender Spione an unseren Türen zusammen-
gekratzt werden, von männlichen Prostituierten übelster Sorte,
die meistens aus der Klasse gemeiner Denunzianten hergeholt und
pro Bericht bezahlt zu werden scheinen? Sollte diese zweifellos
außerordentlich glaubwürdige Berichterstattung so wertvoll sein,
daß sie irgend jemandem das Recht gibt, ihretwegen den alt-
hergebrachten Ruhm der Engländer zu opfern, demzufolge in ihrem
Lande keine Möglichkeit zur Einführung jenes Spitzelsystems be-
steht, von dem kein einziges Land auf dem Kontinent frei ist?
Außerdem waren wir immer und sind auch jetzt bereit, der Regie-
rung jede gewünschte Auskunft über uns zu geben, soweit es in un-
serer Macht steht.
Wir wissen jedoch sehr gut, was dahinter steckt. Die preußische
Regierung hat die Gelegenheit wahrgenommen, das kürzliche Atten-
tat auf Friedrich Wilhelm IV. für einen neuen Feldzug gegen ihre
politischen Feinde in und außerhalb Preußens zu benutzen. Und
weil ein notorischer Irrer 1*) auf den König von Preußen einen
Schuß abgegeben hat, soll die englische Regierung dazu verleitet
werden, die Fremdenbill [277] gegen uns anzuwenden, obwohl wir
uns nicht vorstellen können, in welcher Hinsicht unsere Anwe-
senheit in London mit "der Erhaltung des Friedens und der Ruhe in
diesem Reiche" überhaupt in Kollision geraten könnte.
Als wir vor etwa acht Jahren in Preußen das bestehende Regie-
rungssystem angriffen, antworteten die Beamten und die Presse,
wenn diesen Herren das preußische System nicht gefalle, so stehe
es ihnen völlig frei, das Land zu verlassen. Wir verließen das
Land, und wir wußten warum. Doch nachdem wir es verlassen hatten,
fanden wir Preußen überall; ob in Frankreich, in Belgien oder in
der Schweiz - wir spürten den Einfluß des preußischen Gesandten.
Wenn wir durch seinen Einfluß zum Verlassen dieser letzten Zu-
flucht, die uns in Europa geblieben ist, gezwungen werden soll-
ten, dann wird Preußen allerdings glauben, daß es die weltbeherr-
schende Macht sei.
Bis jetzt war England das einzige Hindernis auf dem Wege der Hei-
ligen Allianz [42], die gegenwärtig unter dem Schutz Rußlands
wiedererrichtet wird; und die Heilige Allianz, von der Preußen
einen wesentlichen Bestandteil bildet, erstrebt nichts weniger,
als das rußlandfeindliche England zu einer Innenpolitik mehr oder
minder russischer Prägung zu verleiten. Wahrlich, was würde Eu-
ropa von den letzten diplomatischen Noten und parlamentarischen
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1*) Max Sefeloge
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Versicherungen der britischen Regierung halten, wenn diese durch
eine Anwendung der Fremdenbill kommentiert würden, die lediglich
auf gehässige Beweggründe fremder reaktionärer Regierungen zu-
rückzuführen ist?
Die preußische Regierung behauptet, daß der auf ihren König abge-
gebene Schuß das Resultat weitverzweigter revolutionärer Ver-
schwörungen sei, deren Zentrum in London gesucht werden müsse.
Dementsprechend vernichtet sie als erstes die Preßfreiheit in ih-
rem Lande [279] und fordert zweitens von der englischen Regie-
rung, die angeblichen Führer dieser angeblichen Verschwörung aus
dem Lande auszuweisen.
Wenn man den persönlichen Charakter und die Qualitäten des jetzi-
gen preußischen Königs und die seines Bruders, des Thronerben
1*), betrachtet, welche Partei hat dann ein größeres Interesse an
einer schnellen Thronfolge - die revolutionäre Partei oder die
Ultraroyalisten?
Gestatten Sie uns zu erklären, daß vierzehn Tage vor dem in Ber-
lin verübten Attentat Personen an uns herantraten, die wir aus
gutem Grunde als Agenten entweder der preußischen Regierung oder
der Ultraroyalisten ansehen, und uns fast direkt zu Verschwörun-
gen aufforderten, mit dem Ziel, in Berlin und anderswo Königsmord
zu organisieren. Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß diese Per-
sonen keine Chance hatten, uns zu übertölpeln.
Gestatten Sie uns zu erklären, daß nach dem Attentat weitere Per-
sonen ähnlichen Charakters versucht haben, sich uns aufzudrängen,
und zu uns in ähnlicher Weise gesprochen haben.
Gestatten Sie uns zu erklären, daß der Sergeant Sefeloge, der auf
den König geschossen hat, nicht ein Revolutionär, sondern ein Ul-
traroyalist war. Er gehörte der Sektion Nr. 2 des Treubunds
[278], einer ultraroyalistischen Gesellschaft, an. Er ist unter
der Nummer 133 in der Mitgliederliste eingetragen. Er wurde eine
Zeitlang von dieser Gesellschaft mit Geld unterstützt; seine
Papiere wurden aufbewahrt im Hause eines ultraroyalistischen
Majors 2*), der im Kriegsministerium angestellt ist.
Wenn diese Angelegenheit jemals vor einem öffentlichen Gericht
behandelt werden sollte, was wir bezweifeln, so wird die Öffent-
lichkeit deutlich genug erkennen können, ob es Hintermänner die-
ses Attentats gegeben hat und wer sie gewesen sind.
Die ultraroyalistische "Neue Preußische Zeitung" war die erste,
die die Flüchtlinge in London beschuldigte, die wirklichen Urhe-
ber des Attentats zu sein. Sie nannte sogar einen der Unterzeich-
neten, von dem sie schon einmal vorher behauptet hatte, daß er
vierzehn Tage lang in Berlin gewesen sei.
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1*) Wilhelm I. - 2*) Kunowski
#319# Preußische Spione in London
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während er London keinen Augenblick verlassen hat [280], wie eine
große Anzahl Zeugen bestätigen kann. Wir haben an Herrn Bunsen,
den preußischen Gesandten, geschrieben und ihn gebeten, uns die
betreffenden Nummern dieser Zeitung zu verschaffen. [281] Die uns
von jenem Herrn erwiesene Aufmerksamkeit ging nicht soweit, ihn
zu dem zu veranlassen, was wir von der courtoisie 1*) eines Che-
valiers erwartet hätten.
Wir glauben, Sir, daß wir unter diesen Umständen nichts Besseres
tun können, als die ganze Sache vor die Öffentlichkeit zu brin-
gen. Auch glauben wir, daß die Engländer an allem Anteil nehmen,
was den althergebrachten Ruf Englands, das sicherste Asyl für
Flüchtlinge aller Parteien und aller Länder zu sein, mehr oder
minder beeinträchtigen könnte.
Wir verbleiben, Sir, Ihre sehr ergebenen Diener,
Karl Marx, }
Friedr. Engels,}Redakteure der Kölner "Neuen Rheinischen Zeitung"
Aug. Willich, Oberst in der badischen Revolutionsarmee
Aus dem Englischen.
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1*) Höflichkeit
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