Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
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FRIEDRICH ENGELS
Der deutsche Bauernkrieg [285]
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Geschrieben im Sommer 1850.
Erstmalig veröffentlicht in: "Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue", Heft 5/6, Mai bis Oktober 1850.
Nach der von Friedrich Engels besorgten Ausgabe von 1875.
Alle wesentlichen Änderungen gegenüber der Erstveröffentlichung
(1850) sind in Fußnoten vermerkt.
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Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition. Es gab
eine Zeit, wo Deutschland Charaktere hervorbrachte, die sich den
besten Leuten der Revolutionen anderer Länder an die Seite stel-
len können, wo das deutsche Volk eine Ausdauer und Energie ent-
wickelte, die bei einer zentralisierteren Nation die großartig-
sten Resultate erzeugt hätte, wo deutsche Bauern und Plebejer mit
Ideen und Plänen schwanger gingen, vor denen ihre Nachkommen oft
genug zurückschaudern.
Es ist an der Zeit, gegenüber der augenblicklichen Erschlaffung,
die sich nach zwei Jahren des Kampfes fast überall zeigt, die un-
gefügen, aber kräftigen und zähen Gestaltendes großen Bauern-
kriegs dem deutschen Volke wieder vorzuführen. Drei Jahrhunderte
sind seitdem verflossen, und manches hat sich geändert; und doch
steht der Bauernkrieg unsern heutigen Kämpfen so überaus fern
nicht, und die zu bekämpfenden Gegner sind großenteils noch die-
selben. Die Klassen und Klassenfraktionen, die 1848 und 49 über-
all verraten haben, werden wir schon 1525, wenn auch auf einer
niedrigeren Entwicklungsstufe, als Verräter vorfinden. Und wenn
der robuste Vandalismus des Bauernkriegs in der Bewegung der
letzten Jahre nur stellenweise, im Odenwald, im Schwarzwald, in
Schlesien, zu seinem Rechte kam, so ist das jedenfalls kein Vor-
zug der modernen Insurrektion.
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[Die ökonomische Lage und der soziale Schichtenbau Deutschlands]
Gehen wir zunächst kurz zurück auf die Verhältnisse Deutschlands
zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts.
Die deutsche Industrie hatte im vierzehnten und fünfzehnten Jahr-
hundert einen bedeutenden Aufschwung genommen. An die Stelle der
feudalen, ländlichen Lokalindustrie war der zünftige Gewerbebe-
trieb der Städte getreten, der für weitere Kreise und selbst für
entlegnere Märkte produzierte. Die Weberei von groben Wollentü-
chern und Leinwand war jetzt ein stehender, weitverbreiteter In-
dustriezweig; selbst feinere Wollen- und Leinengewebe sowie Sei-
denstoffe wurden schon in Augsburg verfertigt. Neben der Weberei
hatte sich besonders jene an die Kunst anstreifende Industrie ge-
hoben, die in dem geistlichen und weltlichen Luxus des späteren
Mittelalters ihre Nahrung fand: die der Gold- und Silberarbeiter,
der Bildhauer und Bildschnitzer, Kupferstecher und Holzschneider,
Waffenschmiede, Medaillierer, Drechsler etc. etc. Eine Reihe von
mehr oder minder bedeutenden Erfindungen, deren historische
Glanzpunkte die des Schießpulvers *) und der Buchdruckerei bilde-
ten, hatte zur Hebung der Gewerbe wesentlich beigetragen. Der
Handel ging mit der Industrie gleichen Schritt. Die Hanse hatte
durch ihr hundertjähriges Seemonopol die Erhebung von ganz Nord-
deutschland aus der mittelalterlichen Barbarei sichergestellt;
und wenn sie auch schon seit Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
der Konkurrenz der Engländer und Holländer rasch zu erliegen an-
fing, so ging doch trotz Vasco da Gamas Entdeckungen der große
Handelsweg von Indien nach dem Norden immer noch durch Deutsch-
land, so war Augsburg noch immer der große Stapelplatz für ita-
lienische Seidenzeuge,
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*) Das Schießpulver wurde, wie jetzt zweifellos nachgewiesen, von
China über Indien zu den Arabern gebracht und kam von diesen,
nebst den Feuerwaffen über Spanien nach Europa. [Anmerkung von
Engels zur Ausgabe von 1875.]
#331# Der deutsche Bauernkrieg
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indische Gewürze und alle Produkte der Levante. Die oberdeutschen
Städte, namentlich Augsburg und Nürnberg, waren die Mittelpunkte
eines für jene Zeit ansehnlichen Reichtums und Luxus. Die Gewin-
nung der Rohprodukte hatte sich ebenfalls bedeutend gehoben. Die
deutschen Bergleute waren im fünfzehnten Jahrhundert die ge-
schicktesten der Welt, und auch den Ackerbau hatte das Aufblühn
der Städte aus der ersten mittelalterlichen Roheit herausgeris-
sen. Nicht nur waren ausgedehnte Strecken urbar gemacht worden,
man baute auch Farbekräuter und andere eingeführte Pflanzen, de-
ren sorgfältigere Kultur auf den Ackerbau im allgemeinen günstig
einwirkte.
Der Aufschwung der nationalen Produktion Deutschlands hatte indes
noch immer nicht Schritt gehalten mit dem Aufschwung anderer Län-
der. Der Ackerbau stand weit hinter dem englischen und niederlän-
dischen, die Industrie hinter der italienischen, flämischen und
englischen zurück, und im Seehandel fingen die Engländer und be-
sonders die Holländer schon an, die Deutschen aus dem Felde zu
schlagen. Die Bevölkerung war immer noch sehr dünn gesäet. Die
Zivilisation in Deutschland existierte nur sporadisch, um ein-
zelne Zentren der Industrie und des Handels gruppiert; die Inter-
essen dieser einzelnen Zentren selbst gingen weit auseinander,
hatten kaum hie und da einen Berührungspunkt. Der Süden hatte
ganz andere Handelsverbindungen und Absatzmärkte als der Norden;
der Osten und der Westen standen fast außer allem Verkehr. Keine
einzige Stadt kam in den Fall, der industrielle und kommerzielle
Schwerpunkt des ganzen Landes zu werden, wie London dies z.B. für
England schon war. Der ganze innere Verkehr beschränkte sich fast
ausschließlich auf die Küsten- und Flußschiffahrt und auf die
paar großen Handelsstraßen, von Augsburg und Nürnberg über Köln
nach den Niederlanden und über Erfurt nach dem Norden. Weiter ab
von den Flüssen und Handelsstraßen lag eine Anzahl kleinerer
Städte, die, vom großen Verkehr ausgeschlossen, ungestört in den
Lebensbedingungen des späteren Mittelalters fortvegetierten, we-
nig auswärtige Waren brauchten, wenig Ausfuhrprodukte lieferten.
Von der Landbevölkerung kam nur der Adel in Berührung mit ausge-
dehnteren Kreisen und neuen Bedürfnissen; die Masse der Bauern
kam nie über die nächsten Lokalbeziehungen und den damit verbun-
denen lokalen Horizont hinaus.
Während in England und Frankreich das Emporkommen des Handels und
der Industrie die Verkettung der Interessen über das ganze Land
und damit die politische Zentralisation zur Folge hatte, brachte
Deutschland es nur zur Gruppierung der Interessen nach Provinzen,
um bloß lokale Zentren, und damit zur politischen Zersplitterung;
einer Zersplitterung, die bald darauf durch
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den Ausschluß Deutschlands vom Welthandel sich erst recht fest-
setzte. In demselben Maß, wie das r e i n f e u d a l e Reich
zerfiel, löste sich der Reichsverband überhaupt auf, verwandelten
sich die großen Reichslehenträger in beinahe unabhängige Fürsten,
schlössen einerseits die Reichsstädte, andererseits die Reichs-
ritter Bündnisse, bald gegeneinander, bald gegen die Fürsten oder
den Kaiser. Die Reichsgewalt, selbst an ihrer Stellung irre ge-
worden, schwankte unsicher zwischen den verschiedenen Elementen,
die das Reich ausmachten, und verlor dabei immer mehr an Autori-
tät; ihr Versuch, in der Art Ludwigs XI. zu zentralisieren, kam
trotz aller Intrigen und Gewalttätigkeiten nicht über die Zusam-
menhaltung der östreichischen Erblande [286] hinaus. Wer in die-
ser Verwirrung, in diesen zahllosen sich durchkreuzenden Konflik-
ten schließlich gewann und gewinnen mußte, das waren die Vertre-
ter der Zentralisation innerhalb der Zersplitterung, der lokalen
und provinziellen Zentralisation, die F ü r s t e n, neben
denen der Kaiser selbst immer mehr ein Fürst wie die andern
wurde.
Unter diesen Verhältnissen hatte sich die Stellung der aus dem
Mittelalter überlieferten Klassen wesentlich verändert, und neue
Klassen hatten sich neben den alten gebildet.
Aus dem hohen Adel waren die F ü r s t e n hervorgegangen. Sie
waren schon fast ganz unabhängig vom Kaiser und im Besitz der
meisten Hoheitsrechte. Sie machten Krieg und Frieden auf eigne
Faust, hielten stehende Heere, riefen Landtage zusammen und
schrieben Steuern aus. Einen großen Teil des niederen Adels und
der Städte hatten sie bereits unter ihre Botmäßigkeit gebracht;
sie wandten fortwährend jedes Mittel an, um die noch übrigen
reichsunmittelbaren Städte und Baronien ihrem Gebiet einzu-
verleiben. Diesen gegenüber zentralisierten sie, wie sie ge-
genüber der Reichsgewalt dezentralisierend auftraten. Nach innen
war ihre Regierung schon sehr willkürlich. Sie riefen die Stände
meist nur zusammen, wenn sie sich nicht anders helfen konnten.
Sie schrieben Steuern aus und nahmen Geld auf, wenn es ihnen gut-
dünkte; das Steuerbewilligungsrecht der Stände wurde selten aner-
kannt und kam noch seltener zur Ausübung. Und selbst dann hatte
der Fürst gewöhnlich die Majorität durch die beiden steuerfreien
und am Genuß der Steuern teilnehmenden Stände, die Ritterschaft
und die Prälaten. Das Geldbedürfnis der Fürsten wuchs mit dem Lu-
xus und der Ausdehnung des Hofhaltes, mit den stehenden Heeren,
mit den wachsenden Kosten der Regierung. Die Steuern wurden immer
drückender. Die Städte waren meist dagegen geschützt durch ihre
Privilegien; die ganze Wucht der Steuerlast fiel auf die Bauern,
sowohl auf die Dominialbauern der Fürsten selbst wie auch auf die
Leibeigenen, Hörigen und Zinsbauern der lehnspflichtigen Ritter.
Wo die direkte Besteurung nicht
#333# Der deutsche Bauernkrieg
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ausreichte, trat die indirekte ein; die raffiniertesten Manöver
der Finanzkunst wurden angewandt, um den löchrigen Fiskus zu fül-
len. Wenn alles nicht half, wenn nichts mehr zu versetzen war und
keine freie Reichsstadt mehr Kredit geben wollte, so schritt man
zu Münzoperationen der schmutzigsten Art, schlug schlechtes Geld,
machte hohe oder niedrige Zwangskurse, je nachdem es dem Fiskus
konvenierte. Der Handel mit städtischen und sonstigen Privi-
legien, die man nachher gewaltsam wieder zurücknahm, um sie aber-
mals für teures Geld zu verkaufen, die Ausbeutung jedes Oppositi-
onsversuchs zu Brandschatzungen und Plünderungen aller Art etc.
etc. waren ebenfalls einträgliche und alltägliche Geldquellen für
die Fürsten jener Zeit. Auch die Justiz war ein stehender und
nicht unbedeutender Handelsartikel für die Fürsten. Kurz, die da-
maligen Untertanen, die außerdem noch der Privathabgier der
fürstlichen Vögte und Amtleute zu genügen hatten, bekamen alle
Segnungen des "väterlichen" Regierungssystems im vollsten Maße zu
kosten.
Aus der feudalen Hierarchie des Mittelalters war der mittlere
Adel fast ganz verschwunden; er hatte sich entweder zur Unabhän-
gigkeit kleiner Fürsten emporgeschwungen oder war in die Reihen
des niederen Adels herabgesunken. Der n i e d e r e A d e l,
d i e R i t t e r s c h a f t, ging ihrem Verfall rasch entge-
gen. Ein großer Teil war schon gänzlich verarmt und lebte bloß
von Fürstendienst in militärischen oder bürgerlichen Ämtern; ein
andrer stand in der Lehnspflicht und Botmäßigkeit der Fürsten;
der kleinere war reichsunmittelbar. Die Entwicklung des Kriegswe-
sens, die steigende Bedeutung der Infanterie, die Ausbildung der
Feuerwaffe beseitigte die Wichtigkeit ihrer militärischen Lei-
stungen als schwere Kavallerie und vernichtete zugleich die Un-
einnehmbarkeit ihrer Burgen. Gerade wie die Nürnberger Handwerker
wurden die Ritter durch den Fortschritt der Industrie überflüssig
gemacht. Das Geldbedürfnis der Ritterschaft trug zu ihrem Ruin
bedeutend bei. Der Luxus auf den Schlössern, der Wetteifer in der
Pracht bei den Turnieren und Festen, der Preis der Waffen und
Pferde stieg mit den Fortschritten der gesellschaftlichen Ent-
wicklung 1*), während die Einkommenquellen der Ritter und Barone
wenig oder gar nicht zunahmen. Fehden mit obligater Plünderung
und Brandschatzung, Wegelagern und ähnliche noble Beschäftigungen
wurden mit der Zeit zu gefährlich. Die Abgaben und Leistungen der
herrschaftlichen Untertanen brachten kaum mehr ein als früher. Um
ihre zunehmenden Bedürfnisse zu decken, mußten die gnädigen Her-
ren zu denselben Mitteln ihre Zuflucht nehmen wie die Fürsten.
Die Bauernschinderei durch den Adel wurde mit jedem Jahre weiter
ausgebildet.
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1*) (1850) Fortschritten der Zivilisation
#334# Friedrich Engels
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Die Leibeigenen wurden bis auf den letzten Blutstropfen ausgeso-
gen, die Hörigen mit neuen Abgaben und Leistungen unter allerlei
Vorwänden und Namen belegt. Die Fronden, Zinsen, Gülten, Laude-
mien, Sterbfallabgaben, Schutzgelder usw. wurden allen alten Ver-
trägen zum Trotz willkürlich erhöht. Die Justiz wurde verweigert
und verschachert, und wo der Ritter dem Gelde des Bauern sonst
nicht beikommen konnte, warf er ihn ohne weiteres in den Turm und
zwang ihn, sich loszukaufen.
Mit den übrigen Ständen lebte der niedere Adel ebenfalls auf kei-
nem freundschaftlichen Fuß. Der lehnspflichtige Adel suchte sich
reichsunmittelbar zu machen, der reichsunmittelbare seine Unab-
hängigkeit zu wahren; daher fortwährende Streitigkeiten mit den
Fürsten. Der Geistlichkeit, die dem Ritter in ihrer damaligen
aufgeblähten Gestalt als ein rein überflüssiger Stand erschien,
beneidete er ihre großen Güter, ihre durch das Zölibat und die
Kirchenverfassung zusammengehaltenen Reichtümer. Mit den Städten
lag er sich fortwährend in den Haaren; er war ihnen verschuldet,
er nährte sich von der Plünderung ihres Gebiets, von der Berau-
bung ihrer Kaufleute, vom Lösegeld der ihnen in den Fehden abge-
nommenen Gefangenen. Und der Kampf der Ritterschaft gegen alle
diese Stände wurde um so heftiger, je mehr die Geldfrage auch bei
ihr eine Lebensfrage wurde.
Die G e i s t l i c h k e i t, die Repräsentantin der Ideologie
des mittelalterlichen Feudalismus, fühlte den Einfluß des ge-
schichtlichen Umschwungs nicht minder. Durch die Buchdruckerei
und die Bedürfnisse des ausgedehnteren Handels war ihr das Mono-
pol nicht nur des Lesens und Schreibens, sondern der höheren Bil-
dung genommen. Die Teilung der Arbeit trat auch auf intellektuel-
lem Gebiet ein. Der neuaufkommende Stand der Juristen verdrängte
sie aus einer Reihe der einflußreichsten Ämter. Auch sie fing an,
zum großen Teil überflüssig zu werden, und erkannte dies selbst
an durch ihre stets wachsende Faulheit und Unwissenheit. Aber je
überflüssiger sie wurde, desto zahlreicher wurde sie - dank ihren
enormen Reichtümern, die sie durch Anwendung aller möglichen Mit-
tel noch fortwährend vermehrte.
In der Geistlichkeit gab es zwei durchaus verschiedene Klassen.
Die geistliche Feudalhierarchie bildete die a r i s t o k r a-
t i s c h e Klasse: die Bischöfe und Erzbischöfe, die Äbte,
Prioren und sonstigen Prälaten. Diese hohen Würdenträger der
Kirche waren entweder selbst Reichsfürsten, oder sie beherrschten
als Feudalherren, unter der Oberhoheit andrer Fürsten, große
Strecken Landes mit zahlreichen Leibeignen und Hörigen. Sie ex-
ploitierten ihre Untergebenen nicht nur ebenso rücksichtslos wie
der Adel und die Fürsten, sie gingen noch viel schamloser zu
Werke. Neben der brutalen Gewalt wurden
#335# Der deutsche Bauernkrieg
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alle Schikanen der Religion, neben den Schrecken der Folter alle
Schrecken des Bannfluchs und der verweigerten Absolution, alle
Intrigen des Beichtstuhls in Bewegung gesetzt, um den Untertanen
den letzten Pfennig zu entreißen oder das Erbteil der Kirche zu
mehren. Urkundenfälschung war bei diesen würdigen Männern ein ge-
wöhnliches und beliebtes Mittel der Prellerei. Aber obgleich sie
außer den gewöhnlichen Feudalleistungen und Zinsen noch den Zehn-
ten bezogen, reichten alle diese Einkünfte noch nicht aus. Die
Fabrikation wundertätiger Heiligenbilder und Reliquien, die Orga-
nisation seligmachender Betstationen, der Ablaßschacher wurden zu
Hülfe genommen, um dem Volk vermehrte Abgaben zu entreißen, und
lange Zeit mit bestem Erfolg.
Diese Prälaten und ihre zahllose, mit der Ausbreitung der politi-
schen und religiösen Hetzereien stets verstärkte Gendarmerie von
Mönchen waren es, auf die der Pfaffenhaß nicht nur des Volks,
sondern auch des Adels sich konzentrierte. Soweit sie reichsun-
mittelbar, standen sie dem Fürsten im Wege. Das flotte Wohlleben
der beleibten Bischöfe und Äbte und ihrer Mönchsarmee erregte den
Neid des Adels und empörte das Volk, das die Kosten davon tragen
mußte, um so mehr, je schreiender es ihren Predigten ins Gesicht
schlug.
Die p l e b e j i s c h e Fraktion der Geistlichkeit bestand
aus den Predigern auf dem Lande und in den Städten. Sie standen
außerhalb der feudalen Hierarchie der Kirche und hatten keinen
Anteil an ihren Reichtümern. Ihre Arbeit war weniger kontrolliert
und, so wichtig sie der Kirche war, im Augenblick weit weniger
unentbehrlich als die Polizeidienste der einkasernierten Mönche.
Sie wurden daher weit schlechter bezahlt, und ihre Pfründen waren
meist sehr knapp. Bürgerlichen oder plebejischen Ursprungs, stan-
den sie der Lebenslage der Masse nahe genug, um trotz ihres Pfaf-
fentums bürgerliche und plebejische Sympathien zu bewahren. Die
Beteiligung an den Bewegungen der Zeit, bei den Mönchen nur Aus-
nahme, war bei ihnen Regel. Sie lieferten die Theoretiker und
Ideologen der Bewegung, und viele von ihnen, Repräsentanten der
Plebejer und Bauern, starben dafür auf dem Schafott. Der Volkshaß
gegen die Pfaffen wendet sich auch nur in einzelnen Fällen gegen
sie.
Wie über den Fürsten und dem Adel der Kaiser, so stand über den
hohen und niederen Pfaffen der P a p s t. Wie dem Kaiser der
"gemeine Pfennig" [287], die Reichssteuern, bezahlt wurden, so
dem Papst die allgemeinen Kirchensteuern, aus denen er den Luxus
am römischen Hofe bestritt. In keinem Lande wurden diese Kirchen-
steuern - dank der Macht und Zahl der Pfaffen - mit größerer Ge-
wissenhaftigkeit und Strenge eingetrieben als in Deutschland. So
#336# Friedrich Engels
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besonders die Annaten [288] bei Erledigung der Bistümer. Mit den
steigenden Bedürfnissen wurden dann neue Mittel zur Beschaffung
des Geldes erfunden: Handel mit Reliquien, Ablaß- und Jubelgelder
usw. Große Summen wanderten so alljährlich aus Deutschland nach
Rom, und der hierdurch vermehrte Druck steigerte nicht nur den
Pfaffenhaß, er erregte auch das Nationalgefühl, besonders des
Adels, des damals nationalsten Standes.
Aus den ursprünglichen Pfahlbürgern [289] der mittelalterlichen
S t ä d t e hatten sich mit dem Aufblühen des Handels und der
Gewerbe drei scharf gesonderte Fraktionen entwickelt.
An der Spitze der städtischen Gesellschaft standen die p a-
t r i z i s c h e n G e s c h l e c h t e r, die sogenannte
"Ehrbarkeit". Sie waren die reichsten Familien. Sie allein saßen
im Rat und in allen städtischen Ämtern. Sie verwalteten daher
nicht bloß die Einkünfte der Stadt, sie verzehrten sie auch.
Stark durch ihren Reichtum, durch ihre althergebrachte, von Kai-
ser und Reich anerkannte aristokratische Stellung, exploitierten
sie sowohl die Stadtgemeinde wie die der Stadt untertänigen Bau-
ern auf jede Weise. Sie trieben Wucher in Korn und Geld, ok-
troyierten sich Monopole aller Art, entzogen der Gemeinde nach-
einander alle Anrechte auf Mitbenutzung der städtischen Wälder
und Wiesen und benutzten diese direkt zu ihrem eigenen Privatvor-
teil, legten willkürlich Weg-, Brücken- und Torzölle und andere
Lasten auf und trieben Handel mit Zunftprivilegien, Meister-
schafts- und Bürgerrechten und mit der Justiz. Mit den Bauern des
Weichbilds gingen sie nicht schonender um als der Adel oder die
Pfaffen; im Gegenteil, die städtischen Vögte und Amtleute auf den
Dörfern, lauter Patrizier, brachten zu der aristokratischen Härte
und Habgier noch eine gewisse bürokratische Genauigkeit in der
Eintreibung mit. Die so zusammengebrachten städtischen Einkünfte
wurden mit der höchsten Willkür verwaltet; die Verrechnung in den
städtischen Büchern, eine reine Förmlichkeit, war möglichst nach-
lässig und verworren; Unterschleife und Kassendefekte waren an
der Tagesordnung. Wie leicht es damals einer von allen Seiten mit
Privilegien umgebenen, wenig zahlreichen und durch Verwandtschaft
und Interesse eng zusammengehaltenen Kaste war, sich aus den
städtischen Einkünften enorm zu bereichern, begreift man, wenn
man an die zahlreichen Unterschleife und Schwindeleien denkt, die
das Jahr 1848 in so vielen städtischen Verwaltungen an den Tag
gebracht hat.
Die Patrizier hatten Sorge getragen, die Rechte der Stadtgemeinde
besonders in Finanzsachen überall einschlafen zu lassen. Erst
später, als die Prellereien dieser Herren zu arg wurden, setzten
sich die Gemeinden wieder in Bewegung, um wenigstens die Kon-
trolle über die städtische Verwaltung an sich zu bringen. Sie er-
langten in den meisten Städten ihre Rechte wirklich wieder.
#337# Der deutsche Bauernkrieg
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wieder. Aber bei den ewigen Streitigkeiten der Zünfte unter sich,
bei der Zähigkeit der Patrizier und dem Schutz, den sie beim
Reich und den Regierungen der ihnen verbündeten Städte fanden,
stellten die patrizischen Ratsherren sehr bald ihre alte Allein-
herrschaft faktisch wieder her, sei es durch List, sei es durch
Gewalt. Im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts befand sich die
Gemeinde in allen Städten wieder in der Opposition.
Die städtische Opposition gegen das Patriziat teilte sich in zwei
Fraktionen, die im Bauernkrieg sehr bestimmt hervortreten.
Die b ü r g e r l i c h e O p p o s i t i o n, die Vorgängerin
unsrer heutigen Liberalen, umfaßte die reicheren und mittleren
Bürger sowie einen nach den Lokalumständen größeren oder geringe-
ren Teil der Kleinbürger. Ihre Forderungen hielten sich rein auf
verfassungsmäßigem Boden. Sie verlangten die Kontrolle über die
städtische Verwaltung und einen Anteil an der gesetzgebenden Ge-
walt, sei es durch die Gemeindeversammlung selbst oder durch eine
Gemeindevertretung (großer Rat, Gemeindeausschuß); ferner Be-
schränkung des patrizischen Nepotismus und der Oligarchie einiger
weniger Familien, die selbst innerhalb des Patriziats immer offe-
ner hervortrat. Höchstens verlangten sie außerdem noch die Beset-
zung einiger Ratsstellen durch Bürger aus ihrer eignen Mitte.
Diese Partei, der sich hier und da die unzufriedene und herunter-
gekommene Fraktion des Patriziats anschloß, hatte in allen or-
dentlichen Gemeindeversammlungen und auf den Zünften die große
Majorität. Die Anhänger des Rats und die radikalere Opposition
zusammen waren unter den wirklichen B ü r g e r n bei weitem
die Minderzahl.
Wir werden sehen, wie während der Bewegung des sechzehnten Jahr-
hunderts diese "gemäßigte", "gesetzliche", "wohlhabende" und
"intelligente Opposition genau dieselbe Rolle spielt, und genau
mit demselben Erfolg, wie ihre Erbin, die konstitutionelle Par-
tei, in der Bewegung von 1848 und 1849.
Im übrigen eiferte die bürgerliche Opposition noch sehr ernstlich
wider die Pfaffen, deren faules Wohlleben und lockere Sitten ihr
großes Ärgernis gaben. Sie verlangte Maßregeln gegen den skanda-
lösen Lebenswandel dieser würdigen Männer. Sie forderte, daß die
eigene Gerichtsbarkeit und die Steuerfreiheit der Pfaffen abge-
schafft und die Zahl der Mönche überhaupt beschränkt werde.
Die p l e b e j i s c h e O p p o s i t i o n bestand aus den
heruntergekommenen Bürgern und der Masse der städtischen Bewoh-
ner, die vom Bürgerrechte ausgeschlossen war: den Handwerksgesel-
len, den Taglöhnern und den zahlreichen Anfängen des Lumpenprole-
tariats, die sich selbst auf den untergeordneten Stufen der städ-
tischen Entwicklung vorfinden. Das Lumpenproletariat ist
#338# Friedrich Engels
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überhaupt eine Erscheinung, die, mehr oder weniger ausgebildet,
in fast allen bisherigen Gesellschaftsphasen vorkommt. Die Menge
von Leuten ohne bestimmten Erwerbszweig oder festen Wohnsitz
wurde gerade damals sehr vermehrt durch das Zerfallen des Feuda-
lismus in einer Gesellschaft, in der noch jeder Erwerbszweig,
jede Lebenssphäre hinter einer Unzahl von Privilegien verschanzt
war. In allen entwickelten Ländern war die Zahl der Vagabunden
nie so groß gewesen wie in der ersten Hälfte des sechzehnten
Jahrhunderts. Ein Teil dieser Landstreicher trat in Kriegszeiten
in die Armeen, ein anderer bettelte sich durchs Land, der dritte
endlich suchte in den Städten durch Taglöhnerarbeit und was sonst
gerade nicht zünftig war, seine notdürftige Existenz. Alle drei
spielen eine Rolle im Bauernkrieg: der erste in den Fürsten-
armeen, denen die Bauern erlagen, der zweite in den Bauernver-
schwörungen und Bauernhaufen, wo sein demoralisierender Einfluß
jeden Augenblick hervortritt, der dritte in den Kämpfen der städ-
tischen Parteien. Es ist übrigens nicht zu vergessen, daß ein
großer Teil dieser Klasse, namentlich der in den Städten lebende,
damals noch einen bedeutenden Kern gesunder Bauernnatur besaß und
noch lange nicht die Käuflichkeit und Verkommenheit des heutigen
zivilisierten Lumpenproletariats entwickelt hatte.
Man sieht, die plebejische Opposition der damaligen Städte be-
stand aus sehr gemischten Elementen. Sie vereinigte die verkomme-
nen Bestandteile der alten feudalen und zünftigen Gesellschaft
mit dem noch unentwickelten, kaum emportauchenden proletarischen
Element der aufkeimenden, modernen bürgerlichen Gesellschaft.
Verarmte Zunftbürger, die noch durch das Privilegium mit der be-
stehenden bürgerlichen Ordnung zusammenhingen, auf der einen
Seite; verstoßene Bauern und abgedankte Dienstleute, die noch
nicht zu Proletariern werden konnten, auf der andern. Zwischen
beiden die Gesellen, momentan außerhalb der offiziellen Gesell-
schaft stehend und sich in ihrer Lebenslage dem Proletariat so
sehr nähernd, wie dies bei der damaligen Industrie und unter dem
Zunftprivilegium möglich; aber, zu gleicher Zeit, fast lauter zu-
künftige bürgerliche Meister, kraft eben dieses Zunftprivilegi-
ums. Die Parteistellung dieses Gemisches von Elementen war daher
notwendig höchst unsicher und je nach der Lokalität verschieden.
Vor dem Bauernkriege tritt die plebejische Opposition in den po-
litischen Kämpfen nicht als Partei, sie tritt nur als turbulen-
ter, plünderungssüchtiger, mit einigen Fässern Wein an- und ab-
käuflicher Schwanz der bürgerlichen Opposition auf. Erst die Auf-
stände der Bauern machen sie zur Partei, und auch da ist sie fast
überall in ihren Forderungen und ihrem Auftreten abhängig von den
Bauern - ein merkwürdiger Beweis, wie sehr damals die Stadt noch
abhängig vom Lande war. Soweit sie selbständig auftritt, verlangt
sie die Herstellung der städtischen
#339# Der deutsche Bauernkrieg
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Gewerksmonopole auf dem Lande, will sie die städtischen Einkünfte
nicht durch Abschaffung der Feudallasten im Weichbild geschmälert
wissen usw.; kurz, so weit ist sie reaktionär, ordnet sie sich
ihren eigenen kleinbürgerlichen Elementen unter und liefert damit
ein charakteristisches Vorspiel zu der Tragikomödie, die die mo-
derne Kleinbürgerschaft seit drei Jahren unter der Firma der De-
mokratie aufführt.
Nur in Thüringen unter dem direkten Einfluß Münzers [290] und an
einzelnen andern Orten unter dem seiner Schüler wurde die plebe-
jische Fraktion der Städte von dem allgemeinen Sturm so weit
fortgerissen, daß das embryonische proletarische Element in ihr
momentan die Oberhand über alle andern Fraktionen 1*) der Bewe-
gung bekam. Diese Episode, die den Kulminationspunkt des ganzen
Bauernkriegs bildet und sich um seine großartigste Gestalt, um
Thomas Münzer, gruppiert, ist zugleich die kürzeste. Es versteht
sich, daß sie am schnellsten zusammenbrechen und daß sie zu glei-
cher Zeit ein vorzugsweise phantastisches Gepräge tragen, daß der
Ausdruck ihrer Forderungen höchst unbestimmt bleiben muß; gerade
sie fand am wenigsten festen Boden in den damaligen Verhältnis-
sen.
Unter allen diesen Klassen, mit Ausnahme der letzten, stand die
große exploitierte Masse der Nation: die Bauern. Auf dem Bauer
lastete der ganze Schichtenbau der Gesellschaft: Fürsten, Beamte,
Adel, Pfaffen, Patrizier und Bürger. Ob er der Angehörige eines
Fürsten, eines Reichsfreiherrn, eines Bischofs, eines Klosters,
einer Stadt war, er wurde überall wie eine Sache, wie ein Last-
tier behandelt, und schlimmer. War er Leibeigner, so war er sei-
nem Herrn auf Gnade und Ungnade zur Verfügung gestellt. War er
Höriger, so waren schon die gesetzlichen, vertragsmäßigen Lei-
stungen hinreichend, ihn zu erdrücken; aber diese Leistungen wur-
den täglich vermehrt. Den größten Teil seiner Zeit mußte er auf
den Gütern des Herrn arbeiten; von dem, was er sich in den weni-
gen freien Stunden erwarb, mußten Zehnten, Zins, Gült, Bede, Rei-
segeld (Kriegssteuer), Landessteuer und Reichssteuer gezahlt wer-
den. Er konnte nicht heiraten und nicht sterben, ohne daß dem
Herrn gezahlt wurde. Er mußte, außer den regelmäßigen Fron-
diensten, für den gnädigen Herrn Streu sammeln, Erdbeeren sam-
meln, Heidelbeeren sammeln, Schneckenhäuser sammeln, das Wild zur
Jagd treiben, Holz hacken usw. Fischerei und Jagd gehörten dem
Herrn; der Bauer mußte ruhig zusehen, wenn das Wild seine Ernte
zerstörte. Die Gemeindeweiden und Waldungen der Bauern waren fast
überall gewaltsam von den Herren weggenommen worden. Und wie über
das Eigentum, so schaltete der Herr willkürlich über die Person
des Bauern,
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1*) (1850) Faktoren
#340# Friedrich Engels
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über die seiner Frau und seiner Töchter. Er hatte das Recht der
ersten Nacht. Er warf ihn in den Turm, wenn's ihm beliebte, wo
ihn mit derselben Sicherheit, wie jetzt der Untersuchungsrichter,
damals die Folter erwartete. Er schlug ihn tot oder ließ ihn köp-
fen, wenn's ihm beliebte. Von jenen erbaulichen Kapiteln der Ca-
rolina [291]1, die da "von Ohrenabschneiden", "von Nasenabschnei-
den", "von Augenausstechen", "von Abhacken der Finger und der
Hände", "von Köpfen", "von Rädern", "von Verbrennen", "von Zwi-
cken mit glühenden Zangen", "von Vierteilen" usw. handeln, ist
kein einziges, das der gnädige Leib- oder Schirmherr nicht nach
Belieben gegen seine Bauern angewandt hätte. Wer sollte ihn
schützen? In den Gerichten saßen Barone, Pfaffen, Patrizier oder
Juristen, die wohl wußten, wofür sie bezahlt wurden. Alle offi-
ziellen Stände des Reichs lebten ja von der Aussaugung der Bau-
ern.
Die Bauern, knirschend unter dem furchtbaren Druck, waren dennoch
schwer zum Aufstand zu bringen. Ihre Zersplitterung erschwerte
jede gemeinsame Übereinkunft im höchsten Grade. Die lange Gewohn-
heit der von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzten Unterwer-
fung, die Entwöhnung vom Gebrauch der Waffen in vielen Gegenden,
die je nach der Persönlichkeit der Herren bald ab-, bald zuneh-
mende Härte der Ausbeutung trug dazu bei, die Bauern ruhig zu er-
halten. Wir finden daher im Mittelalter Lokalinsurrektionen der
Bauern in Menge, aber - wenigstens in Deutschland - vor dem Bau-
ernkrieg keinen einzigen allgemeinen, nationalen Bauernaufstand.
Dazu waren die Bauern allein nicht imstande, eine Revolution zu
machen, solange ihnen die organisierte Macht der Fürsten, des
Adels und der Städte verbündet und geschlossen entgegenstand. Nur
durch eine Allianz mit andern Ständen konnten sie eine Chance des
Sieges bekommen; aber wie sollten sie sich mit andern Ständen
verbinden, da sie von allen gleichmäßig ausgebeutet wurden?
Wir sehen, die verschiedenen Stände des Reichs, Fürsten, Adel,
Prälaten, Patrizier, Bürger, Plebejer und Bauern, bildeten im An-
fang des sechzehnten Jahrhunderts eine höchst verworrene Masse
mit den verschiedenartigsten, sich nach allen Richtungen durch-
kreuzenden Bedürfnissen. Jeder Stand war dem andern im Wege, lag
mit allen andern in einem fortgesetzten, bald offnen, bald ver-
steckten Kampf. Jene Spaltung der ganzen Nation in zwei große La-
ger, wie sie beim Ausbruch der ersten Revolution in Frankreich
bestand, wie sie jetzt auf einer höheren Entwickelungsstufe in
den fortgeschrittensten Ländern besteht, war unter diesen Umstän-
den rein unmöglich; sie konnte selbst annähernd nur dann zustande
kommen, wenn die unterste, von allen übrigen Ständen exploitierte
Schichte der Nation sich erhob: die Bauern und die Plebejer.
#341# Der deutsche Bauernkrieg
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Man wird die Verwirrung der Interessen, Ansichten und Bestrebun-
gen jener Zeit leicht begreifen, wenn man sich erinnert, welche
Konfusion in den letzten zwei Jahren die jetzige, weit weniger
komplizierte Zusammensetzung der deutschen Nation aus Feudaladel,
Bourgeoisie, Kleinbürgerschaft, Bauern und Proletariat hervorge-
bracht hat.
#342#
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II
[Die großen oppositionellen Gruppierungen und ihre Ideologien -
Luther und Münzer]
Die Gruppierung der damals so mannigfaltigen Stände zu größeren
Ganzen wurde schon durch die Dezentralisation und die lokale und
provinzielle Selbständigkeit, durch die industrielle und kommer-
zielle Entfremdung der Provinzen voneinander, durch die schlech-
ten Kommunikationen fast unmöglich gemacht. Diese Gruppierung
bildet sich erst heraus mit der allgemeinen Verbreitung revolu-
tionärer religiös-politischer Ideen in der Reformation. Die ver-
schiedenen Stände, die sich diesen Ideen anschließen oder entge-
genstellen, konzentrieren, freilich nur sehr mühsam und annä-
hernd, die Nation in drei große Lager, in das katholische oder
reaktionäre, das lutherische bürgerlich-reformierende und das re-
volutionäre. Wenn wir auch in dieser großen Zerklüftung der Na-
tion wenig Konsequenz entdecken, wenn wir in den ersten beiden
Lagern zum Teil dieselben Elemente finden, so erklärt sich dies
aus dem Zustand der Auflösung, in dem sich die meisten, aus dem
Mittelalter überlieferten offiziellen Stände befanden, und aus
der Dezentralisation, die denselben Ständen an verschiedenen Or-
ten momentan entgegengesetzte Richtungen anwies. Wir haben in den
letzten Jahren so häufig ganz ähnliche Fakta in Deutschland zu
sehen Gelegenheit gehabt, daß uns eine solche scheinbare Durch-
einanderwürfelung der Stände und Klassen unter den viel
verwickelteren Verhältnissen des 16. Jahrhunderts nicht wundern
kann.
Die deutsche Ideologie sieht, trotz der neuesten Erfahrungen, in
den Kämpfen, denen das Mittelalter erlag, noch immer weiter
nichts als heftige theologische Zänkereien. Hätten die Leute je-
ner Zeit sich nur über die himmlischen Dinge verständigen können,
so wäre, nach der Ansicht unsrer vaterländischen Geschichtskenner
und Staatsweisen, gar kein Grund vorhanden gewesen, über die
Dinge dieser Welt zu streiten. Diese Ideologen sind leichtgläubig
genug, alle Illusionen für bare Münze zu nehmen, die sich eine
Epoche über sich selbst macht oder die die Ideologen einer Zeit
sich über diese Zeit machen. Dieselbe Klasse von Leuten sieht z.
B. in der Revolution
#343# Der deutsche Bauernkrieg
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von 1789 nur eine etwas hitzige Debatte über die Vorzüge der
konstitutionellen vor der absoluten Monarchie, in der Julirevolu-
tion [6] eine praktische Kontroverse über die Unhaltbarkeit des
Rechts "von Gottes Gnaden", in der Februarrevolution [219] den
Versuch zur Lösung der Frage "Republik oder Monarchie?" usw. Von
den K l a s s e n k ä m p f e n, die in diesen Erschütterungen
ausgefochten werden und deren bloßer Ausdruck die jedesmal auf
die Fahne geschriebene politische Phrase ist, von diesen Klassen-
kämpfen haben selbst heute noch unsre Ideologen kaum eine Ahnung,
obwohl die Kunde davon vernehmlich genug nicht nur vom Auslande
herüber, sondern auch aus dem Murren und Grollen vieler tausend
einheimischen Proletarier herauf erschallt.
Auch in den sogenannten Religionskriegen des sechzehnten Jahrhun-
derts handelte es sich vor allem um sehr positive materielle
Klasseninteressen, und diese Kriege waren Klassenkämpfe, ebenso-
gut wie die späteren inneren Kollisionen in England und
Frankreich. Wenn diese Klassenkämpfe damals religiöse Schib-
boleths trugen, wenn die Interessen, Bedürfnisse und Forderungen
der einzelnen Klassen sich unter einer religiösen Decke verbar-
gen, so ändert dies nichts an der Sache und erklärt sich leicht
aus den Zeitverhältnissen.
Das Mittelalter hatte sich ganz aus dem Rohen entwickelt. Über
die alte Zivilisation, die alte Philosophie, Politik und Ju-
risprudenz hatte es reinen Tisch gemacht, um in allem wieder von
vorn anzufangen. Das einzige, das es aus der untergegangenen al-
ten Welt übernommen hatte, war das Christentum und eine Anzahl
halbzerstörter, ihrer ganzen Zivilisation entkleideter Städte.
Die Folge davon war, daß, wie auf allen ursprünglichen Entwick-
lungsstufen, die Pfaffen das Monopol der intellektuellen Bildung
erhielten und damit die Bildung selbst einen wesentlich theologi-
schen Charakter bekam. Unter den Händen der Pfaffen blieben Poli-
tik und Jurisprudenz, wie alle übrigen Wissenschaften, bloße
Zweige der Theologie und wurden nach denselben Prinzipien behan-
delt, die in dieser Geltung hatten. Die Dogmen der Kirche waren
zu gleicher Zeit politische Axiome, und Bibelstellen hatten in
jedem Gerichtshof Gesetzeskraft. Selbst als ein eigner Juristen-
stand sich bildete, blieb die Jurisprudenz noch lange unter der
Vormundschaft der Theologie. Und diese Oberherrlichkeit der Theo-
logie auf dem ganzen Gebiet der intellektuellen Tätigkeit war
zugleich die notwendige Folge von der Stellung der Kirche als der
allgemeinsten Zusammenfassung und Sanktion der bestehenden
Feudalherrschaft.
Es ist klar, daß hiermit alle allgemein ausgesprochenen Angriffe
auf den Feudalismus, vor allem Angriffe auf die Kirche, alle re-
volutionären, gesellschaftlichen und politischen Doktrinen
zugleich und vorwiegend theologische
#344# Friedrich Engels
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Ketzereien sein mußten. Damit die bestehenden gesellschaftlichen
Verhältnisse angetastet werden konnten, mußte ihnen der Heiligen-
schein abgestreift werden.
Die revolutionäre Opposition gegen die Feudalität geht durch das
ganze Mittelalter. Sie tritt auf, je nach den Zeitverhältnissen,
als Mystik [292], als offene Ketzerei, als bewaffneter Aufstand.
Was die Mystik angeht, so weiß man, wie abhängig die Reformatoren
des 16. Jahrhunderts von ihr waren; auch Münzer hat viel aus ihr
genommen. Die Ketzereien waren teils der Ausdruck der Reaktion
der patriarchalischen Alpenhirten gegen die zu ihnen vordringende
Feudalität (die Waldenser [293]); teils der Opposition der dem
Feudalismus entwachsenen Städte gegen ihn (die Albigenser [294],
Arnold von Brescia etc.); teils direkter Insurrektionen der Bau-
ern (John Ball, der Meister aus Ungarn 1*), in der Pikardie
etc.). Die patriarchalische Ketzerei der Waldenser können wir
hier, ganz wie die Insurrektion der Schweizer, als einen nach
Form und Inhalt reaktionären Versuch der Absperrung gegen die ge-
schichtliche Bewegung, und von nur lokaler Bedeutung, beiseite
lassen. In den beiden übrigen Formen der mittelalterlichen Ketze-
rei finden wir schon im zwölften Jahrhundert die Vorläufer des
großen Gegensatzes zwischen bürgerlicher und bäurisch-plebeji-
scher Opposition, an dem der Bauernkrieg zugrunde ging. Dieser
Gegensatz zieht sich durchs ganze spätere Mittelalter.
Die Ketzerei der Städte - und sie ist die eigentlich offizielle
Ketzerei des Mittelalters - wandte sich hauptsächlich gegen die
Pfaffen, deren Reichtümer und politische Stellung sie angriff.
Wie jetzt die Bourgeoisie ein gouvernement à bon marché, eine
wohlfeile Regierung fordert, so verlangten die mittelalterlichen
Bürger zunächst eine église à bon marché, eine wohlfeile Kirche.
Der Form nach reaktionär, wie jede Ketzerei, die in der Fortent-
wicklung der Kirche und der Dogmen nur eine Entartung sehen kann,
forderte die bürgerliche Ketzerei Herstellung der urchristlichen
einfachen Kirchenverfassung und Aufhebung des exklusiven Prie-
sterstandes. Diese wohlfeile Einrichtung beseitigte die Mönche,
die Prälaten, den römischen Hof, kurz alles, was in der Kirche
kostspielig war. Die Städte, selbst Republiken, wenn auch unter
dem Schutz von Monarchen, sprachen durch ihre Angriffe gegen das
Papsttum zum ersten Male in allgemeiner Form aus, daß die normale
Form der Herrschaft des Bürgertums die Republik ist. Ihre Feind-
schaft gegen eine Reihe von Dogmen und Kirchengesetzen erklärt
sich teils aus dem Gesagten,( teils aus ihren sonstigen Lebens-
verhältnissen. Warum sie z.B. so heftig gegen das Zölibat auftra-
ten, darüber gibt niemand besser Aufschluß als Boccaccio.
#345# Der deutsche Bauernkrieg
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Arnold von Brescia in Italien und Deutschland, die Albigenser in
Südfrankreich, John Wycliffe [295] in England, Hus und die Calix-
tiner [296] in Böhmen waren die Hauptrepräsentanten dieser Rich-
tung. Daß die Opposition gegen den Feudalismus hier nur als Oppo-
sition gegen die g e i s t l i c h e Feudalität auftritt, er-
klärt sich sehr einfach daraus, daß die Städte überall schon an-
erkannter Stand waren und die weltliche Feudalität mit ihren Pri-
vilegien, mit den Waffen oder in den ständischen Versammlungen
hinreichend bekämpfen konnten.
Auch hier sehen wir schon, sowohl in Südfrankreich wie in England
und Böhmen, daß der größte Teil des niederen Adels sich den Städ-
ten im Kampf gegen die Pfaffen und in der Ketzerei anschließt -
eine Erscheinung, die sich aus der Abhängigkeit des niederen
Adels von den Städten und aus der Gemeinsamkeit der Interessen
beider gegenüber den Fürsten und Prälaten erklärt und die wir im
Bauernkrieg wiederfinden werden.
Einen ganz verschiedenen Charakter hatte die Ketzerei, die der
direkte Ausdruck der bäurischen und plebejischen Bedürfnisse war
und sich fast immer an einen Aufstand anschloß. Sie teilte zwar
alle Forderungen der bürgerlichen Ketzerei in betreff der Pfaf-
fen, des Papsttums und der Herstellung der urchristlichen Kir-
chenverfassung, aber sie ging zugleich unendlich weiter. Sie ver-
langte die Herstellung des urchristlichen Gleichheitsverhältnis-
ses unter den Mitgliedern der Gemeinde und seine Anerkennung als
Norm auch für die bürgerliche Welt. Sie zog von der "Gleichheit
der Kinder Gottes" den Schluß auf die bürgerliche Gleichheit und
selbst teilweise schon auf die Gleichheit des Vermögens. Gleich-
stellung des Adels mit den Bauern, der Patrizier und bevor-
rechteten Bürger mit den Plebejern, Abschaffung der Frondienste,
Grundzinsen, Steuern, Privilegien und wenigstens der schreiend-
sten Vermögensunterschiede waren Forderungen, die mit mehr oder
weniger Bestimmtheit aufgestellt und als notwendige Konsequenzen
der urchristlichen Doktrin behauptet wurden. Diese bäurisch-ple-
bejische Ketzerei, in der Blütezeit des Feudalismus, z.B. bei den
Albigensern, kaum noch zu trennen von der bürgerlichen, entwic-
kelt sich zu einer scharf geschiedenen Parteiansicht im 14. und
15. Jahrhundert, wo sie gewöhnlich ganz selbständig neben der
bürgerlichen Ketzerei auftritt. So John Ball, der Prediger des
Wat-Tylerschen Aufstandes in England [298] neben der Wycliffe-
schen Bewegung, so die Taboriten [298] neben Calixtinern in Böh-
men. Bei den Taboriten tritt sogar schon die republikanische Ten-
denz unter theokratischer Verbrämung hervor, die am Ende des 15.
und Anfang des 16. Jahrhunderts durch die Vertreter der Plebejer
in Deutschland weiter ausgebildet wurde.
An diese Form der Ketzerei schließt sich die Schwärmerei
mystizisierender
#346# Friedrich Engels
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Sekten, der Geißler [299], Lollards [300] etc., die in Zeiten der
Unterdrückung die revolutionäre Tradition fortpflanzen.
Die Plebejer waren damals die einzige Klasse, die ganz außerhalb
der offiziell bestehenden Gesellschaft stand. Sie befand sich au-
ßerhalb des feudalen und außerhalb des bürgerlichen Verbandes.
Sie hatte weder Privilegien noch Eigentum; sie hatte nicht ein-
mal, wie die Bauern und Kleinbürger, einen mit drückenden Lasten
beschwerten Besitz. Sie war in jeder Beziehung besitzlos und
rechtlos; ihre Lebensbedingungen kamen direkt nicht einmal in
Berührung mit den bestehenden Institutionen, von denen sie voll-
ständig ignoriert wurden. Sie war das lebendige Symptom der Auf-
lösung der feudalen und zunftbürgerlichen Gesellschaft und
zugleich der erste Vorläufer der modernbürgerlichen Gesellschaft.
Aus dieser Stellung erklärt es sich, warum die plebejische Frak-
tion schon damals nicht bei der bloßen Bekämpfung des Feudalismus
und der privilegierten Pfahlbürgerei stehenbleiben konnte, warum
sie, wenigstens in der Phantasie, selbst über die kaum empordäm-
mernde modern-bürgerliche Gesellschaft hinausgreifen, warum sie,
die vollständig besitzlose Fraktion, schon Institutionen, An-
schauungen und Vorstellungen in Frage stellen mußte, welche allen
auf Klassengegensätzen beruhenden Gesellschaftsformen gemeinsam
sind. Die chiliastischen Schwärmereien [301] des ersten Christen-
tums boten hierzu einen bequemen Anknüpfungspunkt. Aber zugleich
konnte dies Hinausgehen, nicht nur über die Gegenwart, sondern
selbst über die Zukunft, nur ein gewaltsames phantastisches sein
und mußte beim ersten Versuch der praktischen Anwendung zurück-
fallen in die beschränkten Grenzen, die die damaligen Verhält-
nisse allein zuließen. Der Angriff auf das Privateigentum, die
Forderung der Gütergemeinschaft, mußte sich auflösen in eine rohe
Organisation der Wohltätigkeit; die vage christliche Gleichheit
konnte höchstens auf die bürgerliche "Gleichheit vor dem Gesetz"
hinauslaufen; die Beseitigung aller Obrigkeit verwandelt sich
schließlich in die Herstellung vom Volke gewählter republikani-
scher Regierungen. Die Antizipation des Kommunismus durch die
Phantasie wurde in der Wirklichkeit eine Antizipation der moder-
nen bürgerlichen Verhältnisse.
Diese gewaltsame, aber dennoch aus der Lebenslage der plebeji-
schen Fraktion sehr erklärliche Antizipation auf die spätere Ge-
schichte finden wir zuerst in Deutschland, bei Thomas Münzer und
seiner Partei. Bei den Taboriten hatte allerdings eine Art chi-
liastischer Gütergemeinschaft bestanden, aber nur als rein mili-
tärische Maßregel. Erst bei Münzer sind diese kommunistischen An-
klänge Ausdruck der Bestrebungen einer wirklichen Gesellschafts-
fraktion, erst bei ihm sind sie mit einer gewissen Bestimmtheit
formuliert, und seit ihm
#347# Der deutsche Bauernkrieg
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finden wir sie in jeder großen Volkserschütterung wieder, bis sie
allmählich mit der modernen proletarischen Bewegung zusammenflie-
ßen; geradeso wie im Mittelalter die Kämpfe der freien Bauern ge-
gen die sie mehr und mehr umstrickende Feudalherrschaft zusammen-
fließen mit den Kämpfen der Leibeigenen und Hörigen um den voll-
ständigen Bruch der Feudalherrschaft.
Während sich in dem ersten der drei großen Lager, im k o n-
s e r v a t i v - k a t h o l i s c h e n, alle Elemente zusam-
menfanden, die bei der Erhaltung des Bestehenden interessiert
waren, also die Reichsgewalt, die geistlichen und ein Teil der
weltlichen Fürsten, der reichere Adel, die Prälaten und das
städtische Patriziat, sammeln sich um das Banner der b ü r-
g e r l i c h - g e m ä ß i g t e n l u t h e r i s c h e n Re-
form die besitzenden Elemente der Opposition, die Masse des
niederen Adels, die Bürgerschaft und selbst ein Teil der
weltlichen Fürsten, der sich durch Konfiskation der geistlichen
Güter zu bereichern hoffte und die Gelegenheit zur Erringung
größerer Unabhängigkeit vom Reich benutzen wollte. Die Bauern und
Plebejer endlich schlössen sich zur r e v o l u t i o n ä r e n
Partei zusammen, deren Forderungen und Doktrinen am schärfsten
durch Münzer ausgesprochen wurden.
Luther und Münzer repräsentieren nach ihrer Doktrin wie nach ih-
rem Charakter und ihrem Auftreten jeder seine Partei vollständig.
Luther hat in den Jahren 1517 bis 1525 ganz dieselben Wandlungen
durchgemacht, die die modernen deutschen Konstitutionellen von
1846 1*) bis 1849 durchmachten und die jede bürgerliche Partei
durchmacht, welche, einen Moment an die Spitze der Bewegung ge-
stellt, in dieser Bewegung selbst von der hinter ihr stehenden
plebejischen oder proletarischen Partei überflügelt wird.
Als Luther 1517 zuerst gegen die Dogmen und die Verfassung der
katholischen Kirche auftrat, hatte seine Opposition durchaus noch
keinen bestimmten Charakter. Ohne über die Forderungen der frühe-
ren bürgerlichen Ketzerei hinauszugehn, schloß sie keine einzige
weitergehende Richtung aus und konnte es nicht. Im ersten Moment
mußten alle oppositionellen Elemente vereinigt, mußte die ent-
schiedenste revolutionäre Energie angewandt, mußte die Gesamt-
masse der bisherigen Ketzerei gegenüber der katholischen Recht-
gläubigkeit vertreten werden. Geradeso waren unsere liberalen
Bourgeois noch 1847 revolutionär, nannten sich Sozialisten und
Kommunisten und schwärmten für die Emanzipation der Arbeiter-
klasse. Die kräftige Bauernnatur Luthers machte sich in dieser
ersten Periode seines Auftretens in der ungestümsten Weise Luft.
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1*) (1850) 1847
#348# Friedrich Engels
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"Wenn ihr" (der römischen Pfaffen) "rasend Wüten einen Fortgang
haben sollte, so dünkt mich, es wäre schier kein besserer Rat und
Arznei, ihm zu steuern, denn daß Könige und Fürsten mit Gewalt
dazutäten, sich rüsteten und diese schädlichen Leute, so alle
Welt vergiften, angriffen und einmal des Spiels ein Ende machten,
m i t W a g e n, n i c h t m i t W o r t e n. So wir Diebe
mit Schwert, Mörder mit Strang, Ketzer mit Feuer strafen, warum
greifen wir nicht vielmehr an diese schädlichen Lehrer des Ver-
derbens, als Päpste, Kardinäle, Bischöfe und das ganze Geschwärm
der römischen Sodoma m i t a l l e r l e i W a f f e n u n d
w a s c h e n u n s e r e H ä n d e i n i h r e m B l u t?"
[302]
Aber dieser erste revolutionäre Feuereifer dauerte nicht lange.
Der Blitz schlug ein, den Luther geschleudert hatte. Das ganze
deutsche Volk geriet in Bewegung. Auf der einen Seite sahen Bau-
ern und Plebejer in seinen Aufrufen wider die Pfaffen, in seiner
Predigt von der christlichen Freiheit das Signal zur Erhebung;
auf der andern schlössen sich die gemäßigteren Bürger und ein
großer Teil des niederen Adels ihm an, wurden selbst Fürsten vom
Strom mit fortgerissen. Die einen glaubten den Tag gekommen, wo
sie mit allen ihren Unterdrückern Abrechnung halten könnten, die
andern wollten nur die Macht der Pfaffen, die Abhängigkeit von
Rom, die katholische Hierarchie brechen und sich aus der Konfis-
kation des Kirchengutes bereichern. Die Parteien sonderten sich
und fanden ihre Repräsentanten. Luther mußte zwischen ihnen wäh-
len. Er, der Schützling des Kurfürsten von Sachsen 1*), der ange-
sehene Professor von Wittenberg, der über Nacht mächtig und be-
rühmt gewordene, mit einem Zirkel von abhängigen Kreaturen und
Schmeichlern umgebene große Mann zauderte keinen Augenblick. Er
ließ die populären Elemente der Bewegung fallen und schloß sich
der bürgerlichen, adligen und fürstlichen Seite an. Die Aufrufe
zum Vertilgungskampfe gegen Rom verstummten; Luther predigte
jetzt die f r i e d l i c h e E n t w i c k l u n g und den
p a s s i v e n W i d e r s t a n d (vgl. z. B. "An den Adel
teutscher Nation", 1520 etc.). Auf Huttens Einladung, zu ihm und
Sickingen auf die Ebernburg, den Mittelpunkt der Adelsverschwö-
rung gegen Pfaffen und Fürsten, zu kommen, antwortete Luther:
"Ich möchte nicht, daß man das Evangelium m i t G e w a l t
u n d B l u t v e r g i e ß e n v e r f e c h t e. Durch das
Wort ist die Welt überwunden worden, durch das Wort ist die Kir-
che erhalten, durch das Wort wird sie auch wieder in den Stand
kommen, und der Antichrist, wie er Seines ohne Gewalt bekommen,
wird ohne Gewalt fallen." [303]
Von dieser Wendung, oder vielmehr von dieser bestimmteren Fest-
stellung der Richtung Luthers, begann jenes Markten und Feilschen
um die beizubehaltenden
-----
1*) Friedrich III.
#349# Der deutsche Bauernkrieg
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oder zu reformierenden Institutionen und Dogmen, jenes widerwär-
tige Diplomatisieren, Konzedieren, Intrigieren und Vereinbaren,
dessen Resultat die Augsburgische Konfession [304] war, die
schließlich erhandelte Verfassung der reformierten Bürgerkirche.
Es ist ganz derselbe Schacher, der sich neuerdings in deutschen
Nationalversammmlungen, Vereinbarungsversammlungen, Revisionskam-
mern und Erfurter Parlamenten in politischer Form bis zum Ekel
wiederholt hat. Der spießbürgerliche Charakter der offiziellen
Reformation trat in diesen Verhandlungen aufs offenste hervor.
Daß Luther, als nunmehr erklärter Repräsentant der bürgerlichen
Reform, den gesetzlichen Fortschritt predigte, hatte seine guten
Gründe. Die Masse der Städte war der gemäßigten Reform zugefal-
len; der niedere Adel schloß sich ihr mehr und mehr an, ein Teil
der Fürsten fiel zu, ein anderer schwankte. Ihr Erfolg war so gut
wie gesichert, wenigstens in einem großen Teile von Deutschland.
Bei fortgesetzter friedlicher Entwicklung konnten die übrigen Ge-
genden auf die Dauer dem Andrang der gemäßigten Opposition nicht
widerstehn. Jede gewaltsame Erschütterung aber mußte die gemä-
ßigte Partei in Konflikt bringen mit der extremen, plebejischen
und Bauernpartei, mußte die Fürsten, den Adel und manche Städte
der Bewegung entfremden und ließ nur die Chance entweder der
Überflügelung der bürgerlichen Partei durch die Bauern und Plebe-
jer oder der Unterdrückung sämtlicher Bewegungsparteien durch die
katholische Restauration. Und wie die bürgerlichen Parteien, so-
bald sie die geringsten Siege erfochten haben, vermittelst des
gesetzlichen Fortschritts zwischen der Scylla der Revolution und
der Charybdis der Restauration durchzulavieren suchen, davon ha-
ben wir in der letzten Zeit Exempel genug gehabt.
Wie unter den allgemein gesellschaftlichen und politischen Ver-
hältnissen der damaligen Zeit die Resultate jeder Veränderung
notwendig den Fürsten zugute kommen und ihre Macht vermehren muß-
ten, so mußte die bürgerliche Reform, je schärfer sie sich von
den plebejischen und bäurischen Elementen schied, immer mehr un-
ter die Kontrolle der reformierten Fürsten geraten. Luther selbst
wurde mehr und mehr ihr Knecht, und das Volk wußte sehr gut, was
es tat, wenn es sagte, er sei ein Fürstendiener geworden wie die
andern, und wenn es ihn in Orlamünde mit Steinwürfen verfolgte.
Als der Bauernkrieg losbrach, und zwar in Gegenden, wo Fürsten
und Adel größtenteils katholisch waren, suchte Luther eine ver-
mittelnde Stellung einzunehmen. Er griff die Regierungen ent-
schieden an. Sie seien schuld am Aufstand durch ihre Bedrückun-
gen; nicht die Bauern setzten sich wider sie, sondern Gott
selbst. Der Aufstand sei freilich auch ungöttlich und wider das
#350# Friedrich Engels
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Evangelium, hieß es auf der andern Seite. Schließlich riet er
beiden Parteien, nachzugeben und sich gütlich zu vertragen.
Aber der Aufstand, trotz dieser wohlmeinenden Vermittlungsvor-
schläge, dehnte sich rasch aus, ergriff sogar protestantische,
von lutherischen Fürsten, Herren und Städten beherrschte Gegenden
und wuchs der bürgerlichen, "besonnenen" Reform rasch über den
Kopf. In Luthers nächster Nähe, in Thüringen, schlug die ent-
schiedenste Fraktion der Insurgenten unter Münzer ihr Hauptquar-
tier auf. Noch ein paar Erfolge, und ganz Deutschland stand in
Flammen, Luther war umzingelt, vielleicht als Verräter durch die
Spieße gejagt, und die bürgerliche Reform weggeschwemmt von der
Sturmflut der bäurisch-plebejischen Revolution. Da galt kein Be-
sinnen mehr. Gegenüber der Revolution wurden alle alten Feind-
schaften vergessen; im Vergleich mit den Rotten der Bauern waren
die Diener der römischen Sodoma unschuldige Lämmer, sanftmütige
Kinder Gottes; und Bürger und Fürsten, Adel und Pfaffen, Luther
und Papst 1*) verbanden sich "wider die mörderischen und räube-
rischen Rotten der Bauern" [305].
"Man soll sie z e r s c h m e i ß e n, w ü r g e n und s t e-
c h e n, h e i m l i c h u n d ö f f e n t l i c h, wer da
kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muß!" schrie Luther.
"Darum, liebe Herren, loset hie, rettet da, steche, schlage,
würge sie, wer da kann, bleibst du darüber tot, wohl dir, seli-
geren Tod kannst du nimmermehr überkommen."
Man solle nur keine falsche Barmherzigkeit mit den Bauern haben.
Die mengen sich selber unter die Aufrührischen, die sich derer
erbarmen, welcher sich Gott nicht erbarmt, sondern welche er ge-
straft und verderbet haben will. Nachher werden die Bauern selber
Gott danken lernen, wenn sie die eine Kuh hergeben müssen, auf
daß sie die andre in Frieden genießen können; und die Fürsten
werden durch den Aufruhr erkennen, wes Geistes der Pöbel sei, der
nur mit Gewalt zu regieren.
"Der weise Mann sagt: Cibus, onus et virga asino 2*) - in einen
Bauern gehört Haberstroh, sie hören nicht das Wort und sind un-
sinnig, so müssen sie die virgam, die Büchse, hören, und ge-
schieht ihnen recht. Bitten sollen wir für sie, daß sie gehor-
chen; wo nicht, so gilt's hier nicht viel Erbarmens. L a s s e t
n u r d i e B ü c h s e n u n t e r s i e s a u s e n, sie
machen's sonst tausendmal ärger." [306]
Geradeso sprachen unsere weiland sozialistischen und philanthro-
pischen Bourgeois, als das Proletariat nach den Märztagen seinen
Anteil an den Früchten des Siegs reklamieren kam.
Luther hatte der plebejischen Bewegung ein mächtiges Werkzeug in
die Hand gegeben durch die Übersetzung der Bibel. In der Bibel
hatte er dem
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1*) Clemens VII. - 2*) Der Esel braucht Futter, Bürde und Stock-
schläge
#351# Der deutsche Bauernkrieg
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feudalisierten Christentum der Zeit das bescheidene Christentum
der ersten Jahrhunderte, der zerfallenden feudalen Gesellschaft
das Abbild einer Gesellschaft entgegengehalten, die nichts von
der weitschichtigen, kunstmäßigen Feudalhierarchie wußte. Die
Bauern hatten dies Werkzeug gegen Fürsten, Adel, Pfaffen, nach
allen Seiten hin benutzt. Jetzt kehrte Luther es gegen sie und
stellte aus der Bibel einen wahren Dithyrambus auf die von Gott
eingesetzte Obrigkeit zusammen, wie ihn kein Tellerlecker der ab-
soluten Monarchie je zustande gebracht hat. Das Fürstentum von
Gottes Gnaden, der passive Gehorsam, selbst die Leibeigenschaft
wurde mit der Bibel sanktioniert. Nicht nur der Bauernaufstand,
auch die ganze Auflehnung Luthers selbst gegen die geistliche und
weltliche Autorität war hierin verleugnet; nicht nur die populäre
Bewegung, auch die bürgerliche war damit an die Fürsten verraten.
Brauchen wir die Bourgeois zu nennen, die auch von dieser Ver-
leugnung ihrer eignen Vergangenheit uns kürzlich wieder Beispiele
gegeben haben?
Stellen wir nun dem bürgerlichen Reformator Luther den plebeji-
schen Revolutionär Münzer gegenüber.
Thomas Münzer war geboren zu Stolberg am Harz, um das Jahr 1498
[307]. Sein Vater soll, ein Opfer der Willkür der Stolbergschen
Grafen, am Galgen gestorben sein. Schon in seinem fünfzehnten
Jahre stiftete Münzer auf der Schule zu Halle einen geheimen Bund
gegen den Erzbischof von Magdeburg 1*) und die römische Kirche
überhaupt. Seine Gelehrsamkeit in der damaligen Theologie ver-
schaffte ihm früh den Doktorgrad und eine Stelle als Kaplan in
einem Nonnenkloster zu Halle. Hier behandelte er schon Dogmen und
Ritus der Kirche mit der größten Verachtung, bei der Messe ließ
er die Worte der Wandlung ganz aus und aß, wie Luther von ihm er-
zählt, die Herrgötter ungeweiht [308]. Sein Hauptstudium waren
die mittelalterlichen Mystiker, besonders die chiliastischen
Schriften Joachims des Calabresen. Das Tausendjährige Reich, das
Strafgericht über die entartete Kirche und die verderbte Welt,
das dieser verkündete und ausmalte, schien Münzer mit der Refor-
mation und der allgemeinen Aufregung der Zeit nahe herbeigekom-
men. Er predigte in der Umgegend mit großem Beifall. 1520 ging er
als erster evangelischer Prediger nach Zwickau. Hier fand er eine
jener schwärmerischen chiliastischen Sekten vor, die in vielen
Gegenden im stillen fortexistierten, hinter deren momentaner De-
mut und Zurückgezogenheit sich die fortwuchernde Opposition der
untersten Gesellschaftsschichten gegen die bestehenden Zustände
verborgen hatte und die jetzt mit der wachsenden Agitation
-----
1*) Ernst II.
#352# Friedrich Engels
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immer offener und beharrlicher ans Tageslicht hervortraten. Es
war die Sekte der Wiedertäufer, an deren Spitze Niklas Storch
[309] stand. Sie predigten das Nahen des Jüngsten Gerichts und
des Tausendjährigen Reichs; sie hatten "Gesichte, Verzückungen
und den Geist der Weissagung". Bald kamen sie in Konflikt mit dem
Zwickauer Rat; Münzer verteidigte sie, obwohl er sich ihnen nie
unbedingt anschloß, sondern sie vielmehr unter seinen Einfluß be-
kam. Der Rat schritt energisch gegen sie ein; sie mußten die
Stadt verlassen, und Münzer mit ihnen. Es war Ende 1521.
Er ging nach Prag und suchte, an die Reste der hussitischen Bewe-
gung anknüpfend, hier Boden zu gewinnen; aber seine Proklamation
[310] hatte nur den Erfolg, daß er auch aus Böhmen wieder fliehen
mußte. 1522 wurde er Prediger zu Allstedt in Thüringen. Hier be-
gann er damit, den Kultus zu reformieren. Noch ehe Luther so weit
zu gehen wagte, schaffte er die lateinische Sprache total ab und
ließ die ganze Bibel, nicht bloß die vorgeschriebenen sonntäg-
lichen Evangelien und Episteln verlesen. Zu gleicher Zeit organi-
sierte er die Propaganda in der Umgegend. Von allen Seiten lief
das Volk ihm zu, und bald wurde Allstedt das Zentrum der populä-
ren Antipfaffenbewegung von ganz Thüringen.
Noch war Münzer vor allem Theologe; noch richtete er seine An-
griffe fast ausschließlich gegen die Pfaffen. Aber er predigte
nicht, wie Luther damals schon, die ruhige Debatte und den fried-
lichen Fortschritt, er setzte die früheren gewaltsamen Predigten
Luthers fort und rief die sächsischen Fürsten und das Volk auf
zum bewaffneten Einschreiten gegen die römischen Pfaffen.
"Sagt doch Christus, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen,
sondern das Schwert. Was sollt ihr" (die sächsischen Fürsten)
"aber mit demselben machen? Nichts anders, denn die Bösen, die
das Evangelium verhindern, wegtun und absondern, wollt ihr anders
Diener Gottes sein. Christus hat mit großem Ernst befohlen, Luc.
19, 27, nehmt meine Feinde und würget sie vor meinen Augen ...
Gebet uns keine schalen Fratzen vor, daß die Kraft Gottes es tun
soll ohne euer Zutun des Schwertes, es möchte euch sonst in der
Scheide verrosten. Die, welche Gottes Offenbarung zuwider sind,
soll man wegtun, ohne alle Gnade, wie Hiskias, Cyrus, Josias, Da-
niel und Elias die Baalspfaffen verstöret haben, anders mag die
christliche Kirche zu ihrem Ursprung nicht wieder kommen. Man muß
das Unkraut ausraufen aus dem Weingarten Gottes in der Zeit der
Ernte. Gott hat 5. Mose 7 gesagt, ihr sollt euch nicht erbarmen
über die Abgöttischen, zerbrecht ihre Altäre, zerschmeißt ihre
Bilder und verbrennet sie, auf daß ich nicht mit euch zürne."
[311]
Aber diese Aufforderungen an die Fürsten blieben ohne Erfolg,
während gleichzeitig unter dem Volk die revolutionäre Aufregung
von Tag zu Tag
#353# Der deutsche Bauernkrieg
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wuchs. Münzer, dessen Ideen immer schärfer ausgebildet, immer
kühner wurden, trennte sich jetzt entschieden von der bürgerli-
chen Reformation und trat von nun an zugleich direkt als politi-
scher Agitator auf.
Seine theologisch-philosophische Doktrin griff alle Hauptpunkte
nicht nur des Katholizismus, sondern des Christentums überhaupt
an. Er lehrte unter christlichen Formen einen Pantheismus, der
mit der modernen spekulativen Anschauungsweise eine merkwürdige
Ähnlichkeit hat [312] und stellenweise sogar an Atheismus an-
streift. Er verwarf die Bibel sowohl als ausschließliche wie als
unfehlbare Offenbarung. Die eigentliche, die lebendige Offen-
barung sei die Vernunft, eine Offenbarung, die zu allen Zeiten
und bei allen Völkern existiert habe und noch existiere. Der Ver-
nunft die Bibel entgegenhalten, heiße den Geist durch den Buch-
staben töten. Denn der Heilige Geist, von dem die Bibel spreche,
sei nichts außer uns Existierendes; der Heilige Geist sei eben
die Vernunft. Der Glaube sei nichts anderes als das Lebendig-
werden der Vernunft im Menschen, und daher könnten auch die Hei-
den den Glauben haben. Durch diesen Glauben, durch die lebendig
gewordene Vernunft werde der Mensch vergöttlicht und selig. Der
Himmel sei daher nichts Jenseitiges, er sei in diesem Leben zu
suchen, und der Beruf der Gläubigen sei, diesen Himmel, das Reich
Gottes, hier auf der Erde herzustellen. Wie keinen jenseitigen
Himmel, so gebe es auch keine jenseitige Hölle oder Verdammnis.
Ebenso gebe es keinen Teufel als die bösen Lüste und Begierden
der Menschen. Christus sei ein Mensch gewesen wie wir, ein Pro-
phet und Lehrer, und sein Abendmahl sei ein einfaches Gedächtnis-
mahl, worin Brot und Wein ohne weitere mystische Zutat genossen
werde.
Diese Lehren predigte Münzer meist versteckt unter denselben
christlichen Redeweisen, unter denen sich die neuere Philosophie
eine Zeitlang verstecken mußte. Aber der erzketzerische Grundge-
danke blickt überall aus seinen Schriften hervor, und man sieht,
daß es ihm mit dem biblischen Deckmantel weit weniger ernst war
als manchem Schüler Hegels in neuerer Zeit. Und doch liegen drei-
hundert Jahre zwischen Münzer und der modernen Philosophie.
Seine politische Doktrin schloß sich genau an diese revolutionäre
religiöse Anschauungsweise an und griff ebensoweit über die un-
mittelbar vorliegenden gesellschaftlichen und politischen Ver-
hältnisse hinaus wie seine Theologie über die geltenden Vorstel-
lungen seiner Zeit. Wie Münzers Religionsphilosophie an den Athe-
ismus, so streifte sein politisches Programm an den Kommunismus,
und mehr als eine moderne kommunistische Sekte hatte noch am Vor-
abend der Februarrevolution über kein reichhaltigeres theoreti-
sches Arsenal zu verfügen als die "Münzerschen" des sechzehnten
Jahrhunderts. Dies
#354# Friedrich Engels
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Programm, weniger die Zusammenfassung der Forderungen der damali-
gen Plebejer als die geniale Antizipation der Emanzipationsbedin-
gungen der kaum sich entwickelnden proletarischen Elemente unter
diesen Plebejern - dies Programm forderte die sofortige Herstel-
lung des Reiches Gottes, des prophezeiten Tausendjährigen Reichs
auf Erden, durch Zurückführung der Kirche auf ihren Ursprung und
Beseitigung aller Institutionen, die mit dieser angeblich ur-
christlichen, in Wirklichkeit aber sehr neuen Kirche in Wider-
spruch standen. Unter dem Reich Gottes verstand Münzer aber
nichts anderes als einen Gesellschaftszustand, in dem keine Klas-
senunterschiede, kein Privateigentum und keine den Gesellschafts-
mitgliedern gegenüber selbständige, fremde Staatsgewalt mehr be-
stehen. Sämtliche bestehende Gewalten, sofern sie nicht sich fü-
gen und der Revolution anschließen wollten, sollten gestürzt,
alle Arbeiten und alle Güter gemeinsam und die vollständigste
Gleichheit durchgeführt werden. Ein Bund sollte gestiftet werden,
um dies durchzusetzen, nicht nur über ganz Deutschland, sondern
über die ganze Christenheit; Fürsten und Herren sollten eingela-
den werden, sich anzuschließen; wo nicht, sollte der Bund sie bei
der ersten Gelegenheit mit den Waffen in der Hand stürzen oder
töten.
Münzer setzte sich gleich daran, diesen Bund zu organisieren.
Seine Predigten nahmen einen noch heftigeren, revolutionäreren
Charakter an; neben den Angriffen auf die Pfaffen donnerte er mit
gleicher Leidenschaft gegen die Fürsten, den Adel, das Patriziat,
schilderte er in glühenden Farben den bestehenden Druck und hielt
dagegen sein Phantasiebild des Tausendjährigen Reichs der sozial-
republikanischen Gleichheit. Zugleich veröffentlichte er ein re-
volutionäres Pamphlet nach dem andern und sandte Emissäre nach
allen Richtungen aus, während er selbst den Bund in Allstedt und
der Umgegend organisierte.
Die erste Frucht dieser Propaganda war die Zerstörung der Marien-
kapelle zu Mellerbach bei Allstedt, nach dem Gebot: "Ihre Altäre
sollt ihr zerreißen, ihre Säulen zerbrechen und ihre Götzen mit
Feuer verbrennen, denn ihr seid ein heilig Volk" (Deut. 7, 6).
[313] Die sächsischen Fürsten kamen selbst nach Allstedt, um den
Aufruhr zu stillen, und ließen Münzer aufs Schloß rufen. Dort
hielt er eine Predigt [314], wie sie deren von Luther, "dem
sanftlebenden Fleisch zu Wittenberg" [315], wie Münzer ihn
nannte, nicht gewohnt waren. Er bestand darauf, daß die gottlosen
Regenten, besonders Pfaffen und Mönche, die das Evangelium als
Ketzerei behandeln, getötet werden müßten, und berief sich dafür
aufs Neue Testament. Die Gottlosen hätten kein Recht zu leben, es
sei denn durch die Gnade der Auserwählten. Wenn die Fürsten die
Gottlosen nicht vertilgen, so werde Gott ihnen das Schwert
nehmen, d e n n d i e g a n z e G e m e i n d e
#355# Der deutsche Bauernkrieg
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h a b e d i e G e w a l t d e s S c h w e r t s. Die Grund-
suppe 1*) des Wuchers, der Dieberei und Räuberei seien die Für-
sten und Herren; sie nehmen alle Kreaturen zum Eigentum, die Fi-
sche im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden. Und
dann predigen sie gar noch den Armen das Gebot: Du sollst nicht
stehlen, sie selber aber nehmen, wo sie's finden, schinden und
schaben den Bauer und den Handwerker; wo aber dieser am Allerge-
ringsten sich vergreife, so müsse er hängen, und zu dem allen
sage dann der Doktor Lügner: Amen.
"Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feind
wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann
es in die Länge gut werden? Ach, liebe Herren, wie hübsch wird
der Herr unter die alten Töpfe schmeißen mit einer eisernen
Stange! So ich das sage, werde ich aufrührisch sein. Wohl hin!"
(Vgl. Zimmermann, "Bauernkrieg", II, S. 75.) [316]
Münzer ließ die Predigt drucken; sein Drucker in Allstedt wurde
zur Strafe vom Herzog Johann von Sachsen gezwungen, das Land zu
verlassen, und ihm selbst wurde für alle seine Schriften die Zen-
sur der herzoglichen Regierung zu Weimar auferlegt. Aber diesen
Befehl achtete er nicht. Er ließ gleich darauf eine höchst aufre-
gende Schrift in der Reichsstadt Mühlhausen drucken [317], worin
er das Volk aufforderte,
"das Loch weit zu machen, auf daß alle Welt sehen und greifen
möge, wer unsre großen Hansen sind, die Gott also lästerlich zum
gemalten Männlein gemacht haben", und die er mit den Worten be-
schloß: "Die ganze Welt muß einen großen Stoß aushalten; es wird
ein solch Spiel angehn, daß die Gottlosen vom Stuhl gestürzt, die
Niedrigen aber erhöhet werden."
Als Motto schrieb "Thomas Münzer mit dem Hammer" auf den Titel:
"Nimm wahr, ich habe meine Worte in deinen Mund gesetzt, ich habe
dich heute über die Leute und über die Reiche gesetzt, auf daß du
auswurzlest, zerbrechest, zerstreuest und verwüstest, und bauest
und pflanzest. Eine eiserne Mauer wider die Könige, Fürsten,
Pfaffen und wider das Volk ist dargestellt. Die mögen streiten,
der Sieg ist wunderlich zum Untergang der starken gottlosen Ty-
rannen."
Der Bruch Münzers mit Luther und seiner Partei war schon lange
vorhanden. Luther hatte manche Kirchenreformen selbst annehmen
müssen, die Münzer, ohne ihn zu fragen, eingeführt hatte. Er be-
obachtete Münzers Tätigkeit mit dem ärgerlichen Mißtrauen des ge-
mäßigten Reformers gegen die energischere, weitertreibende Par-
tei. Schon im Frühjahr 1524 hatte Münzer an Melanchthon, dieses
Urbild des philiströsen, hektischen Stubenhockers, geschrieben,
#356# Friedrich Engels
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er und Luther verständen die Bewegung gar nicht. Sie suchten sie
im biblischen Buchstabenglauben zu ersticken, ihre ganze Doktrin
sei wurmstichig.
"Lieben Brüder, laßt euer Warten und Zaudern, es ist Zeit, der
Sommer ist vor der Tür. Wollet nicht Freundschaft halten mit den
Gottlosen, sie hindern, daß das Wort nicht wirke in voller Kraft.
Schmeichelt nicht euren Fürsten, sonst werdet ihr selbst mit ih-
nen verderben. Ihr zarten Schriftgelehrten, seid nicht unwillig,
ich kann es nicht anders machen." [318]
Luther fordert Münzer mehr als einmal zur Disputation heraus;
aber dieser, bereit, den Kampf jeden Augenblick vor dem Volk auf-
zunehmen, hatte nicht die geringste Lust, sich in eine theologi-
sche Zänkerei vor dem parteiischen Publikum der Wittenberger Uni-
versität einzulassen. Er wollte "das Zeugnis des Geistes nicht
ausschließlich auf die hohe Schule bringen".[319] Wenn Luther
aufrichtig sei, so solle er seinen Einfluß dahin verwenden, daß
die Schikanen gegen Münzers Drucker und das Gebot der Zensur auf-
höre, damit der Kampf ungehindert in der Presse ausgefochten wer-
den könne.
Jetzt, nach der erwähnten revolutionären Broschüre Münzers, trat
Luther öffentlich als Denunziant gegen ihn auf. In seinem ge-
druckten "Brief an die Fürsten zu Sachsen wider den aufrühreri-
schen Geist" erklärte er Münzer für ein Werkzeug des Satans und
forderte die Fürsten auf, einzuschreiten und die Anstifter des
Aufruhrs zum Lande hinauszujagen, da sie sich nicht begnügen,
ihre schlimmen Lehren zu predigen, sondern zum Aufstand und zur
gewaltsamen Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit aufrufen.
Am 1. August mußte Münzer sich vor den Fürsten auf dem Schloß zu
Weimar gegen die Anklage aufrührerischer Umtriebe verantworten.
Es lagen höchst kompromittierende Tatsachen gegen ihn vor; man
war seinem geheimen Bund auf die Spur gekommen, man hatte in den
Verbindungen der Bergknappen und Bauern seine Hand entdeckt. Man
bedrohte ihn mit Verbannung. Kaum nach Allstedt zurück, erfuhr
er, daß Herzog Georg von Sachsen seine Auslieferung verlangte;
Bundesbriefe von seiner Handschrift waren aufgefangen worden,
worin er Georgs Untertanen zu bewaffnetem Widerstand gegen die
Feinde des Evangeliums aufforderte. Der Rat hätte ihn ausgelie-
fert, wenn er nicht die Stadt verlassen hätte.
Inzwischen hatte die steigende Agitation unter Bauern und Plebe-
jern die Münzersche Propaganda ungemein erleichtert. Für diese
Propaganda hatte er an den Wiedertäufern unschätzbare Agenten ge-
wonnen. Diese Sekte, ohne bestimmte positive Dogmen, zusammenge-
halten nur durch ihre gemeinsame Opposition gegen alle herrschen-
den Klassen und durch das gemeinsame Symbol der Wiedertaufe, as-
ketisch-streng im Lebenswandel, unermüdlich,
#357# Der deutsche Bauernkrieg
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fanatisch und unerschrocken in der Agitation, hatte sich mehr und
mehr um Münzer gruppiert. Durch die Verfolgungen von jedem festen
Wohnsitz ausgeschlossen, streifte sie über ganz Deutschland und
verkündete überall die neue Lehre, in der Münzer ihnen ihre eige-
nen Bedürfnisse und Wünsche klargemacht hatte. Unzählige wurden
gefoltert, verbrannt oder sonst hingerichtet, aber der Mut und
die Ausdauer dieser Emissäre war unerschütterlich, und der Erfolg
ihrer Tätigkeit, bei der schnell wachsenden Aufregung des Volks,
war unermeßlich. Daher fand Münzer bei seiner Flucht aus Thü-
ringen den Boden überall vorbereitet, er mochte sich hinwenden,
wohin er wollte.
Bei 1*) Nürnberg, wohin Münzer zuerst ging [320], war kaum einen
Monat vorher ein Bauernaufstand im Keime erstickt worden. Münzer
agitierte hier im stillen; bald traten Leute auf, die seine kühn-
sten theologischen Sätze von der Unverbindlichkeit der Bibel und
der Nichtigkeit der Sakramente verteidigten, Christus für einen
bloßen Menschen und die Gewalt der weltlichen Obrigkeit für un-
göttlich erklärten. "Da sieht man den Satan umgehn, den Geist aus
Allstedt!" rief Luther.[321] Hier in Nürnberg ließ Münzer seine
Antwort an Luther drucken. [315]. Er klagte ihn geradezu an, daß
er den Fürsten heuchle und die reaktionäre Partei mit seiner
Halbheit unterstütze. Aber das Volk werde trotzdem frei werden,
und dem Doktor Luther werde es dann gehen wie einem gefangenen
Fuchs. - Die Schrift wurde von Rats wegen mit Beschlag belegt,
und Münzer mußte Nürnberg verlassen.
Er ging jetzt durch Schwaben nach dem Elsaß, der Schweiz und zu-
rück nach dem oberen Schwarzwald, wo schon seit einigen Monaten
der Aufstand ausgebrochen war, beschleunigt zum großen Teil durch
seine wiedertäuferischen Emissäre. Diese Propagandareise Münzers
hat offenbar zur Organisation der Volkspartei, zur klaren Fest-
stellung ihrer Forderungen und zum endlichen allgemeinen Ausbruch
des Aufstandes im April 1525 wesentlich beigetragen. Die doppelte
Wirksamkeit Münzers, einerseits für das Volk, dem er in der ihm
damals allein verständlichen Sprache des religiösen Prophetismus
zuredete, und andrerseits für die Eingeweihten, gegen die er sich
offen über seine schließliche Tendenz aussprechen konnte, tritt
hier besonders deutlich hervor. Hatte er schon früher in Thürin-
gen einen Kreis der entschiedensten Leute, nicht nur aus dem
Volk, sondern auch aus der niedrigen Geistlichkeit, um sich ver-
sammelt und an die Spitze der geheimen Verbindung gestellt, so
wird er hier der Mittelpunkt der ganzen revolutionären Bewegung
von Südwestdeutschland, so organisiert er die Verbindung von
Sachsen und Thüringen
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1*) (1850) In
#358# Friedrich Engels
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über Franken und Schwaben bis nach dem Elsaß und der Schweizer
Grenze und zählt die süddeutschen Agitatoren, wie Hubmaier in
Waldshut, Konrad Grebel von Zürich, Hans Rebmann zu Grießen,
Schappeler zu Memmingen, Jakob Wehe zu Leipheim, Doktor Mantel in
Stuttgart, meist revolutionäre Pfarrer, unter seine Schüler und
unter die Häupter des Bundes. Er selbst hielt sich meist in Grie-
ßen an der Schaffhausener Grenze auf und durchstreifte von da den
Hegau, Klettgau etc. Die blutigen Verfolgungen, die die beunru-
higten Fürsten und Herren überall gegen diese neue plebejische
Ketzerei unternahmen, trugen nicht wenig dazu bei, den rebelli-
schen Geist zu schüren und die Verbindung fester zusammenzu-
schließen. So agitierte Münzer gegen fünf Monate in Oberdeutsch-
land und ging um die Zeit, wo der Ausbruch der Verschwörung her-
annahte, wieder nach Thüringen zurück, wo er den Aufstand selbst
leiten wollte und wo wir ihn wiederfinden werden.
Wir werden sehen, wie treu der Charakter und das Auftreten der
beiden Parteichefs die Haltung ihrer Parteien selbst widerspie-
geln; wie die Unentschiedenheit, die Furcht vor der ernsthaft
werdenden Bewegung selbst, die feige Fürstendienerei Luthers ganz
der zaudernden, zweideutigen Politik der Bürgerschaft entsprach
und wie die revolutionäre Energie und Entschlossenheit Münzers in
der entwickeltsten Fraktion der Plebejer und Bauern sich re-
produzieren. Der Unterschied ist nur, daß, während Luther sich
begnügte, die Vorstellungen und Wünsche der Majorität seiner
Klasse auszusprechen und sich damit eine höchst wohlfeile Popula-
rität bei ihr zu erwerben, Münzer im Gegenteil weit über die un-
mittelbaren Vorstellungen und Ansprüche der Plebejer und Bauern
hinausging und sich aus der Elite der vorgefundenen revo-
lutionären Elemente erst eine Partei bildete, die übrigens, so-
weit sie auf der Höhe seiner Ideen stand und seine Energie
teilte, immer nur eine kleine Minorität der insurgierten Masse
blieb.
#359#
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III
[Vorläufer des großen Bauernkriegs zwischen 1476 und 1517]
Ungefähr fünfzig Jahre nach der Unterdrückung der hussitischen
Bewegung zeigten sich die ersten Symptome des aufkeimenden revo-
lutionären Geistes unter den deutschen Bauern. *)
Im Bistum Würzburg, einem durch die Hussitenkriege, "durch
schlechte Regierung, durch vielfältige Steuern, Abgaben, Fehde,
Feindschaft, Krieg, Brand, Mord, Gefängnis und dergleichen" [322]
schon früher verarmten und fortwährend von Bischöfen, Pfaffen und
Adel schamlos ausgeplünderten Lande entstand 1476 die erste Bau-
ernverschwörung. Ein junger Hirte und Musikant, Hans Böheim von
Niklashausen, auch Pauker und Pfeiferhänslein genannt, trat
plötzlich im Taubergrund als Prophet auf. Er erzählte, die Jung-
frau Maria sei ihm erschienen; sie habe ihm geboten, seine Pauke
zu verbrennen, dem Tanz und den sündigen Wollüsten nicht ferner
zu dienen, sondern das Volk zur Buße zu ermahnen. So solle denn
jeder von seinen Sünden und von der eitlen Lust dieser Welt ab-
lassen, allen Schmuck und Zierat ablegen und zur Mutter Gottes
von Niklashausen wallfahrten, um die Vergebung seiner Sünden zu
erlangen.
Wir finden schon hier, bei dem ersten Vorläufer der Bewegung, je-
nen Asketismus, den wir bei allen mittelalterlichen Aufständen
mit religiöser Färbung und in der neueren Zeit im Anfang jeder
proletarischen Bewegung antreffen. Diese asketische Sitten-
strenge, diese Forderung der Lossagung von allen Lebensgenüssen
und Vergnügungen stellt einerseits gegenüber den herrschenden
Klassen das Prinzip der spartanischen Gleichheit auf und ist
andrerseits eine notwendige Durchgangsstufe, ohne die die unter-
ste Schicht der Gesellschaft sich nie in Bewegung setzen kann. Um
ihre revolutionäre Energie zu
---
*) Wir folgen in den chronologischen Daten den Angaben Zimmer-
manns, auf die wir bei dem Mangel ausreichender Quellen im Aus-
land angewiesen sind und die für den Zweck dieses Artikels voll-
ständig genügen.
#360# Friedrich Engels
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entwickeln, um über ihre feindselige Stellung gegenüber allen an-
dern Elementen der Gesellschaft sich selbst klarzuwerden, um sich
als Klasse zu konzentrieren, muß sie damit anfangen, alles das
von sich abzustreifen, was sie noch mit der bestehenden Gesell-
schaftsordnung versöhnen könnte, muß sie den wenigen Genüssen
entsagen, die ihr die unterdrückte Existenz noch momentan erträg-
lich machen und die selbst der härteste Druck ihr nicht entreißen
kann. Dieser p l e b e j i s c h e u n d p r o l e t a r i-
s c h e A s k e t i s m u s unterscheidet sich sowohl seiner
wild-fanatischen Form wie seinem Inhalt nach durchaus von dem
bürgerlichen Asketismus, wie ihn die bürgerliche, lutherische
Moral und die englischen Puritaner" [323] (im Unterschied von den
Independenten [324] und weitergehenden Sekten) predigten, und
dessen ganzes Geheimnis die b ü r g e r l i c h e S p a r-
s a m k e i t ist. Es versteht sich übrigens, daß dieser plebej-
isch-proletarische Asketismus in demselben Maße seinen revolu-
tionären Charakter verliert, in welchem einerseits die Ent-
wicklung der modernen Produktivkräfte das Material des Genießens
ins Unendliche vermehrt und damit die spartanische Gleichheit
überflüssig macht und andrerseits die Lebensstellung des Pro-
letariats und damit das Proletariat selbst immer revolutionärer
wird. Er verschwindet dann allmählich aus der Masse und verläuft
sich bei den Sektierern, die sich auf ihn steifen, entweder
direkt in die bürgerliche Knickerei oder in ein hochtrabendes
Tugendrittertum, das in der Praxis ebenfalls auf eine spieß-
bürgerliche oder zunfthandwerkermäßige Knauserwirtschaft
hinauskommt. Der Masse des Proletariats braucht die Entsagung um
so weniger gepredigt zu werden, als sie fast nichts mehr hat, dem
sie noch entsagen könnte.
Die Bußpredigt Pfeiferhänsleins fand großen Anklang; alle
Aufstandspropheten begannen mit ihr, und in der Tat konnte nur
eine gewaltsame Anstrengung, eine plötzliche Lossagung von der
ganzen gewohnten Daseinsweise dies zersplitterte, dünngesäete, in
blinder Unterwerfung herangewachsene Bauerngeschlecht in Bewegung
setzen. Die Wallfahrten nach Nikiashausen begannen und nahmen
rasch überhand; und je massenhafter das Volk hinströmte, desto
offener sprach der junge Rebell seine Pläne aus. Die Mutter Got-
tes von Nikiashausen habe ihm verkündet, predigte er, daß fortan
kein Kaiser noch Fürst, noch Papst, noch andere geistliche oder
weltliche Obrigkeit mehr sein sollte; ein jeder solle des andern
Bruder sein, sein Brot mit seiner Hände Arbeit gewinnen und kei-
ner mehr haben als der andere. Alle Zinsen, Gülten, Fronden,
Zoll, Steuer und andre Abgaben und Leistungen sollten für ewig
ab, und Wald, Wasser und Weide überall frei sein.
Das Volk nahm dies neue Evangelium mit Freuden auf. Rasch brei-
tete sich der Ruhm des Propheten, "unsrer Frauen Botschaft", in
die Ferne aus; vom Odenwald, vom Main, Kocher und Jagst, ja von
Bayern, Schwaben und
#361# Der deutsche Bauernkrieg
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vom Rhein zogen ihm Haufen von Pilgern zu. Man erzählte sich Wun-
der, die er getan haben sollte; man fiel auf die Knie vor ihm und
betete ihn an wie einen Heiligen; man riß sich um die Zotteln von
seiner Kappe, als ob es Reliquien und Amulette wären. Vergeblich
traten die Pfaffen gegen ihn auf, schilderten seine Gesichte als
Blendwerk des Teufels, seine Wunder als höllische Betrügereien.
Die Masse der Gläubigen nahm reißend zu, die revolutionäre Sekte
fing an sich zu bilden, die sonntäglichen Predigten des rebelli-
schen Hirten riefen Versammlungen von 40 000 und mehr Menschen
nach Nikiashausen zusammen.
Mehrere Monate predigte Pfeiferhänslein vor den Massen. Aber er
hatte nicht die Absicht, bei der Predigt zu bleiben. Er stand in
geheimem Verkehr mit dem Pfarrer von Nikiashausen und mit zwei
Rittern, Kunz von Thunfeld und seinem Sohn, die zur neuen Lehre
hielten und die militärischen Führer des beabsichtigten Aufstan-
des werden sollten. Endlich am Sonntag vor St. Kilian, als seine
Macht groß genug zu sein schien, gab er das Signal.
"Und nun", schloß er seine Predigt, "gehet heim und erwäget, was
euch die aller-heiligste Mutter Gottes verkündet hat; und lasset
am nächsten Samstag Weiber und Kinder und Greise daheim bleiben,
aber ihr, ihr Männer, kommet wieder her nach Nikiashausen auf St.
Margarethentag, das ist nächsten Samstag; und bringt mit eure
Brüder und Freunde, soviel ihrer sein mögen. Kommt aber nicht mit
dem Pilgerstab, sondern angetan mit Wehr und Waffen, in der einen
Hand die Wallkerze, in der andern Schwert und Spieß oder Helle-
barde; und die heilige Jungfrau wird euch alsdann verkünden, was
ihr Wille ist, das ihr tun sollt." [325]
Aber ehe die Bauern in Massen ankamen, hatten die Reiter des Bi-
schofs 1*) den Aufruhrpropheten nächtlicherweile abgeholt und auf
das Würzburger Schloß gebracht. Am bestimmten Tage kamen an 34000
bewaffnete Bauern, aber diese Nachricht wirkte niederschlagend
auf sie. Der größte Teil verlief sich; die Eingeweihteren hielten
gegen 16 000 zusammen und zogen mit ihnen vor das Schloß, unter
der Führung Kunzens von Thunfeld und Michaels, seines Sohnes. Der
Bischof brachte sie durch Versprechungen wieder zum Abzug; aber
kaum hatten sie angefangen sich zu zerstreuen, so wurden sie von
des Bischofs Reitern überfallen und mehrere zu Gefangenen ge-
macht. Zwei wurden enthauptet, Pfeiferhänslein selbst aber wurde
verbrannt. Kunz von Thunfeld wurde flüchtig und erst gegen Abtre-
tung aller seiner Güter an das Stift wieder angenommen. Die Wall-
fahrten nach Nikiashausen dauerten noch einige Zeit fort, wurden
aber schließlich auch unterdrückt.
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1*) Rudolf II. von Scherenberg
#362# Friedrich Engels
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Nach diesem ersten Versuch blieb Deutschland wieder längere Zeit
ruhig. Erst mit Ende der neunziger Jahre begannen neue Aufstände
und Verschwörungen der Bauern.
Wir übergehen den holländischen Bauernaufstand von 1491 und 92,
der erst durch Herzog Albrecht von Sachsen in der Schlacht bei
Heemskerk unterdrückt wurde, den gleichzeitigen Aufstand der Bau-
ern der Abtei Kempten in Oberschwaben und den friesischen Auf-
stand unter Syaard Aylva um 1497, der ebenfalls durch Albrecht
von Sachsen unterdrückt wurde [326]. Diese Aufstände liegen teils
zu weit vom Schauplatze des eigentlichen Bauernkriegs entfernt,
teils sind sie Kämpfe bisher freier Bauern gegen den Versuch, ih-
nen den Feudalismus aufzudrängen. Wir gehen gleich über zu den
beiden großen Verschwörungen, die den Bauernkrieg vorbereiteten:
dem Bundschuh und dem Armen Konrad.
Dieselbe Teurung, die in den Niederlanden den Aufstand der Bauern
hervorgerufen hatte, brachte 1493 im Elsaß einen geheimen Bund
von Bauern und Plebejern zustande, bei dem sich auch Leute von
der bloß bürgerlichen Opposition beteiligten und mit dem sogar
ein Teil des niederen Adels mehr oder weniger sympathisierte. Der
Sitz des Bundes war die Gegend von Schlettstadt, Sulz, Dambach,
Stotzheim, Scherweiler etc. etc. Die Verschwornen verlangten
Plünderung und Ausrottung der Juden, deren Wucher damals schon,
so gut wie jetzt, die Elsässer Bauern aussog, Einführung eines
Jubeljahres, mit dem alle Schulden verjähren sollten, Aufhebung
des Zolls, Umgelds und anderer Lasten, Abschaffung des geistli-
chen und rottweilschen (Reichs-)Gerichts [327], Steuerbewilli-
gungsrecht, Beschränkung der Pfaffen auf je eine Pfründe von 50-
60 Gulden, Abschaffung der Ohrenbeichte und eigene, selbstge-
wählte Gerichte für jede Gemeinde. Der Plan der Verschwornen war,
sobald man stark genug sei, das feste Schlettstadt zu überrum-
peln, die Klöster- und Stadtkassen mit Beschlag zu belegen und
von hier aus das ganze Elsaß zu insurgieren. Die Bundesfahne, die
im Moment der Erhebung entfaltet werden sollte, enthielt einen
Bauernschuh mit langen Bindriemen, den sogenannten Bundschuh, der
von nun an den Bauernverschwörungen der nächsten 20 Jahre Symbol
[328] und Namen gab.
Die Verschwornen pflegten ihre Zusammenkünfte des Nachts auf dem
einsamen Hungerberg zu halten. Die Aufnahme in den Bund war mit
den geheimnisvollsten Zeremonien und den härtesten Strafandrohun-
gen gegen die Verräter verknüpft. Aber trotzdem kam die Sache
aus, gerade als der Schlag gegen Schlettstadt geführt werden
sollte, um die Karwoche 1493. Die Behörden schritten schleunig
ein; viele der Verschwornen wurden verhaftet und gefoltert, und
teils gevierteilt oder enthauptet, teils an Händen und Fingern
#363# Der deutsche Bauernkrieg
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verstümmelt und des Landes verwiesen. Eine große Zahl floh nach
der Schweiz.
Aber mit dieser ersten Sprengung war der Bundschuh keineswegs
vernichtet. Im Gegenteil, er bestand im geheimen fort, und die
vielen über die Schweiz und Süddeutschland zerstreuten Flücht-
linge wurden ebenso viele Emissäre, die, überall mit dem gleichen
Druck die gleiche Neigung zum Aufstand vorfindend, den Bundschuh
über das ganze jetzige Baden verbreiteten. Die Zähigkeit und Aus-
dauer, mit der die oberdeutschen Bauern von 1493 an dreißig Jahre
lang konspirierten, mit der sie alle aus ihrer ländlich-zerstreu-
ten Lebensweise hervorgehenden Hindernisse einer größeren, zen-
tralisierten Verbindung überwanden und nach unzähligen Sprengun-
gen, Niederlagen, Hinrichtungen der Führer immer von neuem wieder
konspirierten, bis endlich die Gelegenheit zum Aufstand in Masse
kam - diese Hartnäckigkeit ist wirklich bewundernswert.
1502 zeigten sich im Bistum Speyer, das damals auch die Gegend
von Bruchsal umfaßte, Zeichen einer geheimen Bewegung unter den
Bauern. Der Bundschuh hatte sich hier wirklich mit bedeutendem
Erfolg reorganisiert. An 7000 Männer waren in der Verbindung, de-
ren Zentrum zu Untergrombach, zwischen Bruchsal und Weingarten,
war und deren Verzweigungen sich den Rhein hinab bis an den Main,
hinauf bis über die Markgrafschaft Baden erstreckten. Ihre Arti-
kel enthielten: Es solle kein Zins noch Zehnt, Steuer oder Zoll
mehr an Fürsten, Adel und Pfaffen gezahlt werden; die Leibeigen-
schaft soll abgetan sein, die Klöster und sonstigen g e i s t-
l i c h e n G ü t e r e i n g e z o g e n u n d u n t e r
d a s V o l k V e r t e i l t u n d k e i n a n d e r e r
H e r r m e h r a n e r k a n n t w e r d e n a l s d e r
K a i s e r.
Wir finden hier zum erstenmal bei den Bauern die beiden Forderun-
gen der Säkularisation der geistlichen Güter zum Besten des Volks
und der einigen und unteilbaren deutschen Monarchie ausgespro-
chen; zwei Forderungen, die von nun an bei der entwickelteren
Fraktion der Bauern und Plebejer regelmäßig wieder erscheinen,
bis Thomas Münzer die T e i l u n g der geistlichen Güter in
ihre K o n f i s k a t i o n zum Besten der G ü t e r g e-
m e i n s c h a f t und das einige deutsche K a i s e r t u m
in die einige und unteilbare R e p u b l i k verwandelt.
Der erneuerte Bundschuh hatte, wie der alte, seinen geheimen
Versammlungsort, seinen Eid der Verschwiegenheit, seine Aufnahme-
zeremonien und seine Bundschuhfahne mit der Inschrift: "Nichts
denn die Gerechtigkeit Gottes!" Der Plan der Handlung war dem der
Elsässer ähnlich; Bruchsal, wo die Majorität der Einwohner im
Bunde war, sollte überrumpelt, dort ein Bundesheer organisiert
und als wandelndes Sammlungszentrum in die umliegenden Fürstentü-
mer geschickt werden,
#364# Friedrich Engels
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Der Plan wurde verraten durch einen Geistlichen, dem einer der
Verschwornen ihn gebeichtet hatte. Sogleich ergriffen die Regie-
rungen Gegenmaßregeln. Wie weit der Bund verzweigt war, zeigt
sich aus dem Schrecken, der die verschiedenen Elsässer Reichs-
stände und den Schwäbischen Bund[329] ergriff. Man zog Truppen
zusammen und ließ massenhafte Verhaftungen bewerkstelligen. Kai-
ser Maximilian, der "letzte Ritter", erließ die blutdürstigsten
Strafverordnungen gegen das unerhörte Unternehmen der Bauern.
Hier und dort kam es zu Zusammenrottungen und bewaffnetem Wider-
stand; doch hielten sich die vereinzelten Bauernhaufen nicht
lange. Einige der Verschwornen wurden hingerichtet, manche flo-
hen; doch wurde das Geheimnis so gut bewahrt, daß die meisten,
selbst der Führer, entweder in ihren eigenen Ortschaften oder
doch in benachbarter Herren Ländern ganz ungestört bleiben konn-
ten.
Nach dieser neuen Niederlage trat wieder eine längere scheinbare
Stille in den Klassenkämpfen ein. Aber unterderhand wurde fortge-
arbeitet. In Schwaben bildete sich, offenbar in Verbindung mit
den zersprengten Mitgliedern des Bundschuhs, schon in den ersten
Jahren des sechzehnten Jahrhunderts der Arme Konrad; im Schwarz-
wald bestand der Bundschuh in einzelnen kleineren Kreisen fort,
bis es nach zehn Jahren einem energischen Bauernchef gelang, die
einzelnen Fäden wieder zu einer großen Verschwörung zusammen-
zuknüpfen. Beide Verschwörungen traten kurz nacheinander in die
Öffentlichkeit und fallen in die bewegten Jahre 1513-15, in denen
gleichzeitig die Schweizer, ungarischen und slowenischen Bauern
eine Reihe von bedeutenden Insurrektionen machen.
Der Wiederhersteller des oberrheinischen Bundschuhs war Joß Fritz
aus Untergrombach, Flüchtling von der Verschwörung von 1502, ein
ehemaliger Soldat und ein in jeder Beziehung hervorragender Cha-
rakter. Er hatte sich seit seiner Flucht zwischen Bodensee und
Schwarzwald an verschiedenen Orten aufgehalten und sich schließ-
lich in Lehen bei Freiburg im Breisgau niedergelassen, wo er so-
gar Bannwart geworden war. Wie er von hier aus die Verbindung re-
organisierte, wie geschickt er die verschiedenartigsten Leute
hineinzubringen wußte, darüber enthalten die Untersuchungsakten
die interessantesten Details. Es gelang dem diplomatischen Talent
und der unermüdlichen Ausdauer dieses Musterkonspirateurs, eine
ungemeine Anzahl von Leuten der verschiedensten Klassen in den
Bund zu verwickeln: Ritter, Pfaffen, Bürger, Plebejer und Bauern;
und es scheint ziemlich sicher, daß er sogar mehrere, mehr oder
minder scharf geschiedne Grade der Verschwörung organisierte.
Alle brauchbaren Elemente wurden mit der größten Umsicht und Ge-
schicklichkeit benutzt. Außer den eingeweihteren Emissären, die
in den
#365# Der deutsche Bauernkrieg
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verschiedensten Verkleidungen das Land durchstreiften, wurden die
Landstreicher und Bettler zu den untergeordneteren Missionen ver-
wandt. Mit den Bettlerkönigen stand Joß in direktem Verkehr und
hielt durch sie die ganze zahlreiche Vagabundenbevölkerung unter
der Hand. Diese Bettlerkönige spielen in seiner Verschwörung eine
bedeutende Rolle. Es waren höchst originelle Figuren: Einer zog
mit einem Mädchen umher, auf dessen angeblich wunde Füße er bet-
telte; er trug mehr als acht Zeichen am Hut, die vierzehn Nothel-
fer, St.Ottilien, unsere Frauen u.a., dazu einen langen roten
Bart und einen großen Knotenstock mit Dolch und Stachel; ein an-
derer, der um St. Veltens willen heischte, hatte Gewürz und Wurm-
samen feil, trug einen eisen-farbnen langen Rock, ein rotes Ba-
rett und das Kindlein von Trient daran, einen Degen an der Seite
und viele Messer nebst einem Dolch im Gürtel; andre hatten künst-
lich offengehaltene Wunden, dazu ähnliche abenteuerliche Kostüme.
Es waren ihrer mindestens zehn; sie sollten, gegen 2000 Gulden
Belohnung, zu gleicher Zeit im Elsaß, in der Markgrafschaft Baden
und im Breisgau Feuer anlegen und sich mit wenigstens 2000 Mann
der Ihrigen auf den Tag der Zaberner Kirchweih in Rosen unter das
Kommando Georg Schneiders, eines ehemaligen Landsknechthauptmanns
stellen, um die Stadt einzunehmen. Unter den eigentlichen Bundes-
mitgliedern wurde von Station zu Station ein Stafettendienst ein-
gerichtet, und Joß Fritz und sein Hauptemissär, Stoffel von Frei-
burg, ritten fortwährend von Ort zu Ort und nahmen nächtliche
Heerschau ab über die Neuangeworbenen. Über die Verbreitung des
Bundes am Oberrhein und im Schwarzwald legen die Untersuchungs-
akten hinreichend Zeugnis ab; sie enthalten unzählige Namen von
Mitgliedern, nebst den Signalements, aus den verschiedensten Or-
ten jener Gegend. Die meisten sind Handwerksgesellen, dann Bauern
und Wirte, einige Adelige, Pfaffen (so der von Lehen selbst) und
brotlose Landsknechte. Man sieht schon aus dieser Zusammensetzung
den viel entwickelteren Charakter, den der Bundschuh unter Joß
Fritz angenommen hatte; das plebejische Element der Städte fing
an, sich mehr und mehr geltend zu machen. Die Verzweigungen der
Verschwörung gingen über den ganzen Elsaß, das jetzige Baden, bis
nach Württemberg und an den Main. Zuweilen wurden auf abgelegenen
Bergen, auf dem Kniebis etc. etc. größere Versammlungen gehalten
und die Bundesangelegenheiten beraten. Die Zusammenkünfte der
Chefs, denen die Mitglieder der Lokalität sowie Delegierte der
entfernteren Ortschaften häufig beiwohnten, fanden auf der Hart-
matte bei Lehen statt, und hier wurden auch die vierzehn Bundes-
artikel angenommen. Kein Herr mehr als der Kaiser und (nach eini-
gen) der Papst; Abschaffung des rottweilschen, Beschränkung des
geistlichen Gerichts auf geistliche Sachen; Abschaffung
#366# Friedrich Engels
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aller Zinsen, die so lange gezahlt seien, bis sie dem Kapital
gleichkämen; fünf Prozent Zinsen als höchster erlaubter Satz,
Freiheit der Jagd, Fischerei, Weide und Holzung; Beschränkung der
Pfaffen auf je eine Pfründe; Konfiskation der geistlichen Güter
und Klosterkleinodien für die Bundeskriegskasse; Abschaffung al-
ler unbilligen Steuern und Zölle; ewiger Friede in der gesamten
Christenheit; energisches Einschreiten gegen alle Gegner des Bun-
des; Bundessteuer; Einnahme einer festen Stadt - Freiburgs -, um
dem Bunde zum Zentrum zu dienen; Eröffnung von Unterhandlungen
mit dem Kaiser, sobald die Bundeshaufen versammelt seien, und mit
der Schweiz, im Fall der Kaiser abschlage - das sind die Punkte,
über die man übereinkam. Man sieht aus ihnen, wie einerseits die
Forderungen der Bauern und Plebejer eine immer bestimmtere und
festere Gestalt annahmen, anderseits den Gemäßigten und Zaghaften
in demselben Maße Konzessionen gemacht werden mußten.
Gegen Herbst 1513 sollte losgeschlagen werden. Es fehlte nur noch
an der Bundesfahne, und diese malen zu lassen, ging Joß Fritz
nach Heilbronn. Sie enthielt neben allerlei Emblemen und Bildern
den Bundschuh und die Inschrift: Herr, steh deiner göttlichen Ge-
rechtigkeit bei. Aber während er fort war, wurde ein übereilter
Versuch zur Überrumpelung von Freiburg gemacht und vor der Zeit
entdeckt; einige Indiskretionen bei der Propaganda halfen dem
Freiburger Rat und dem badischen Markgrafen 1*) auf die richtige
Spur, und der Verrat zweier Verschwornen vollendete die Reihe der
Enthüllungen. Sofort sandten der Markgraf, der Freiburger Rat und
die kaiserliche Regierung zu Ensisheim ihre Häscher und Soldaten
aus; eine Anzahl Bundschuher wurde verhaftet, gefoltert und hin-
gerichtet; doch auch diesmal entkamen die meisten, namentlich Joß
Fritz. Die Schweizer Regierungen verfolgten die Flüchtlinge dies-
mal mit großer Heftigkeit und richteten selbst mehrere hin; aber
sie konnten ebensowenig wie ihre Nachbarn verhindern, daß der
größte Teil der Flüchtigen fortwährend in der Nähe seiner bishe-
rigen Wohnorte blieb und nach und nach sogar zurückkehrte. Am
meisten wütete die Elsässer Regierung in Ensisheim [330]; auf ih-
ren Befehl wurden sehr viele geköpft, gerädert und gevierteilt.
Joß Fritz selbst hielt sich meist auf dem schweizerischen Rhei-
nufer auf, ging aber häufig nach dem Schwarzwald herüber, ohne
daß man seiner je habhaft werden konnte.
Warum die Schweizer diesmal sich mit den Nachbarregierungen gegen
die Bundschuher verbanden, das zeigt der Bauernaufstand, der im
nächsten Jahre, 1514 [331], in Bern, Solothurn und Luzern zum
Ausbruch kam und eine Epuration 2*) der aristokratischen Regie-
rungen und des Patriziats überhaupt zur
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1*) Christoph I. - 2*) Ausmerzung
#367# Der deutsche Bauernkrieg
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Folge hatte. Die Bauern setzten außerdem manche Vorrechte für
sich durch. Wenn diese schweizerischen Lokalaufstände gelangen,
so lag dies einfach daran, daß in der Schweiz noch weit weniger
Zentralisation bestand als in Deutschland. Mit ihren Lokalherren
wurden die Bauern auch 1525 überall fertig, aber den organisier-
ten Heeresmassen der Fürsten erlagen sie, und gerade diese exi-
stierten nicht in der Schweiz.
Gleichzeitig mit dem Bundschuh in Baden und offenbar in direkter
Verbindung mit ihm hatte sich in Württemberg eine zweite Ver-
schwörung gebildet. Sie bestand urkundlich schon seit 1503, und
da der Name Bundschuh seit der Sprengung der Untergrombacher zu
gefährlich wurde, nahm sie den des Armen Konrad an. Ihr Hauptsitz
war das Remstal unterhalb des Hohenstaufenbergs. Ihre Existenz
war wenigstens, unter dem Volk schon lange kein Geheimnis mehr.
Der schamlose Druck der Regierung Ulrichs und eine Reihe von Hun-
ger Jahren, die zum Ausbruch der Bewegungen von 1513 und 14 mäch-
tig beitrugen, hatten die Zahl der Verbündeten verstärkt; die
neuaufgelegten Steuern auf Wein, Fleisch und Brot sowie eine Ka-
pitalsteuer von einem Pfennig jährlich für jeden Gulden provo-
zierten den Ausbruch. Die Stadt Schorndorf, wo die Häupter des
Komplotts in des Messerschmieds Kaspar Pregizers Haus zusammenka-
men, sollte zuerst genommen werden. Im Frühjahr 1514 brach der
Aufstand los. 3000, nach andern 5000 Bauern zogen vor die Stadt,
wurden aber durch gütliche Versprechungen der herzoglichen Beam-
ten wieder zum Abzug bewogen. Herzog Ulrich eilte herbei mit
achtzig Reitern, nachdem er die Aufhebung der neuen Steuern zuge-
sagt hatte, und fand infolge dieses Versprechens alles ruhig. Er
versprach, einen Landtag zu berufen, um dort alle Beschwerden un-
tersuchen zu lassen. Aber die Chefs der Verbindung wußten sehr
gut, daß Ulrich weiter nichts beabsichtigte, als das Volk so
lange ruhig zu halten, bis er hinreichende Truppen angeworben und
zusammengezogen habe, um sein Wort brechen und die Steuern mit
Gewalt eintreiben zu können. Sie ließen daher von Kaspar Pregi-
zers Haus, "des Armen Konrads Kanzlei", Aufforderungen zu einem
Bundeskongreß ausgehen, den Emissäre nach allen Richtungen hin
unterstützten. Der Erfolg der ersten Erhebung im Remstal hatte
die Bewegung unter dem Volk überall gehoben; die Schreiben und
Emissäre fanden überall ein günstiges Terrain vor, und so wurde
der am 28. Mai in Untertürkheim abgehaltene Kongreß zahlreich von
allen Teilen Württembergs beschickt. Es wurde beschlossen,
schleunig fortzuagitieren und bei der ersten Gelegenheit im
Remstal loszuschlagen, um von hier aus den Aufstand weiterzuver-
breiten. Während Bantelhans von Dettingen, ein ehemaliger Soldat,
und Singerhans von Würtingen, ein angesehener Bauer, die Schwäbi-
sche Alb in den Bund brachten,
#368# Friedrich Engels
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brach schon von allen Seiten der Aufstand los. Singerhans wurde
zwar überfallen und gefangen, aber die Städte Backnang, Winnen-
den, Markgröningen fielen in die Hände der mit den Plebejern ver-
bündeten Bauern, und das ganze Land von Weinsberg bis Blaubeuren
und von dort bis an die badische Grenze war in offener Insurrek-
tion; Ulrich mußte nachgeben. Während er aber den Landtag auf den
25. Juni einberief, schrieb er zu gleicher Zeit an die umliegen-
den Fürsten und freien Städte um Hülfe gegen den Aufstand, der
alle Fürsten, Obrigkeit und Ehrbarkeit im Reich gefährde und "ein
seltsam bundschühlich Ansehn habe".
Inzwischen kam der Landtag, d. h. die Abgeordneten der Städte und
viele Delegierte der Bauern, die ebenfalls Sitz auf dem Landtag
verlangten, schon am 18. Juni in Stuttgart zusammen. Die Prälaten
waren noch nicht da, die Ritter waren gar nicht eingeladen. Die
Stuttgarter städtische Opposition sowie zwei nahe, drohende Bau-
ernhaufen, zu Leonberg und im Remstal, unterstützten die Forde-
rungen der Bauern. Ihre Delegierten wurden zugelassen, und man
beschloß, die drei verhaßten Räte des Herzogs, Lamparter, Thumb
und Lorcher, abzusetzen und zu bestrafen, einen Rat von vier Rit-
tern, vier Bürgern und vier Bauern dem Herzog beizugeben, ihm
eine fixe Zivilliste zu bewilligen und die Klöster und Stifter
zum Besten des Staatsschatzes zu konfiszieren.
Herzog Ulrich setzte diesen revolutionären Beschlüssen einen
Staatsstreich entgegen. Er ritt am 2I.Juni mit seinen Rittern und
Räten nach Tübingen, wohin ihm die Prälaten folgten, befahl der
Bürgerschaft ebenfalls dorthin zu kommen, was auch geschah, und
setzte hier den Landtag ohne die Bauern fort. Hier verrieten die
Bürger, unter den militärischen Terrorismus gestellt, ihre Bun-
desgenossen, die Bauern. Am 8. Juli kam der Tübinger Vertrag zu-
stande, der dem Lande beinahe eine Million herzoglicher Schulden,
dem Herzog einige Beschränkungen auflegte, die er nie einhielt,
und die Bauern mit einigen dünnen allgemeinen Redensarten und ei-
nem sehr positiven Strafgesetz gegen Aufruhr und Verbindungen ab-
speiste. Von Vertretung der Bauern auf dem Landtag war natürlich
keine Rede mehr. Das Landvolk schrie über Verrat; aber da der
Herzog, seit der Übernahme seiner Schulden durch die Stände, wie-
der Kredit hatte, so brachte er bald Truppen zusammen, und auch
seine Nachbarn, besonders der Kurfürst von der Pfalz, schickten
Hülfstruppen. So wurde bis Ende Juli der Tübinger Vertrag vom
ganzen Lande angenommen und die neue Huldigung geleistet. Nur im
Remstal leistete der Arme Konrad Widerstand; der Herzog, der wie-
der selbst hinritt, wurde fast ermordet und ein Bauernlager auf
dem Kappelberg gebildet. Aber als die Sache sich in die Länge
zog, verliefen sich die meisten Insurgenten wieder aus Mangel an
#369# Der deutsche Bauernkrieg
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Lebensmitteln, und der Rest ging infolge eines zweideutigen Ver-
trags mit einigen Landtagsabgeordneten [332] ebenfalls heim. Ul-
rich, dessen Heer inzwischen noch durch die bereitwillig gestell-
ten Fähnlein der Städte verstärkt wurde, die sich jetzt nach Er-
langung ihrer Forderungen fanatisch gegen die Bauern kehrten, Ul-
rich überfiel jetzt trotz des Vertrags das Remstal, dessen Städte
und Dörfer geplündert wurden. 1600 Bauern wurden verhaftet, davon
16 sofort enthauptet, die übrigen meist zu schweren Geldstrafen
zum Besten von Ulrichs Kasse verurteilt. Viele blieben lange im
Gefängnis. Gegen die Erneuerung der Verbindung, gegen alle Ver-
sammlungen der Bauern wurden strenge Strafgesetze erlassen, und
der schwäbische Adel schloß einen speziellen Bund zur Unterdrüc-
kung aller Aufstandsversuche. - Die Hauptführer des Armen Konrad
waren indes glücklich nach der Schweiz entkommen und kamen von
dort nach einigen Jahren meist einzeln wieder nach Hause.
Gleichzeitig mit der württembergischen Bewegung zeigten sich Sym-
ptome neuer Bundschuhumtriebe im Breisgau und in der Markgraf-
schaft Baden. Bei Bühl wurde im Juni ein Versuch zum Aufstand ge-
macht, aber vom Markgrafen Philipp gleich gesprengt und der Füh-
rer Gugel-Bastian in Freiburg verhaftet und enthauptet.
In demselben Jahre 1514, ebenfalls im Frühjahr, kam in
U n g a r n ein allgemeiner Bauernkrieg zum Ausbruch. Es wurde
ein Kreuzzug wider die Türken gepredigt und wie gewöhnlich den
Leibeignen und Hörigen, die sich anschlössen, die Freiheit zuge-
sagt. Gegen 60 000 kamen zusammen und wurden unter das Kommando
Georg Dózsas, eines Szeklers [333], gestellt, der sich schon in
früheren Türkenkriegen ausgezeichnet und den Adel erworben hatte.
Aber die ungarischen Ritter und Magnaten sahen nur ungern diesen
Kreuzzug, der ihnen ihr Eigentum, ihre Knechte, zu entziehen
drohte. Sie eilten den einzelnen Bauernhaufen nach und holten
ihre Leibeignen mit Gewalt und unter Mißhandlungen zurück. Als
dies im Kreuzheer bekannt wurde, brach die Wut der unterdrückten
Bauern los. Zwei der eifrigsten Kreuzprediger, Laurentius und
Barnabas, stachelten den Haß gegen den Adel im Heer durch ihre
revolutionären Reden noch heftiger an. Dózsa selbst teilte den
Zorn seiner Truppen gegen den verräterischen Adel; das Kreuzheer
wurde eine Revolutionsarmee, und er stellte sich an die Spitze
dieser neuen Bewegung.
Er lagerte mit seinen Bauern auf dem Rákosfelde bei Pest. Die
Feindseligkeiten wurden eröffnet durch Streitigkeiten mit den
Leuten der Adelspartei in den umliegenden Dörfern und den Pester
Vorstädten; bald kam es zu Scharmützeln, endlich zu einer Sizi-
lianischen Vesper [334] für alle Adligen, die den Bauern in die
Hände fielen, und zur Niederbrennung aller umliegenden Schlösser.
Der Hof drohte, aber umsonst. Als die erste Volksjustiz unter den
#370# Friedrich Engels
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Mauern der Hauptstadt am Adel vollstreckt war, schritt Dózsa zu
weiteren Operationen. Er teilte sein Heer in fünf Kolonnen. Zwei
wurden nach dem oberungarischen Gebirge geschickt, um hier alles
zu insurgieren und den Adel auszurotten. Die dritte, unter Ambros
Száleresi, einem Pester Bürger, blieb zur Beobachtung der Haupt-
stadt auf dem Rákos; die vierte und fünfte führten Dózsa und sein
Bruder Gregor gegen Szegedin.
Inzwischen sammelte sich der Adel in Pest und rief den Woiwoden
von Siebenbürgen, Johann Zápolya, zu Hülfe. Der Adel, in Gemein-
schaft mit den Bürgern von Budapest, schlug und vernichtete das
auf dem Rákos lagernde Korps, nachdem Száleresi mit den bürgerli-
chen Elementen des Bauernheers zum Feinde übergegangen war. Eine
Menge Gefangener wurden auf die grausamste Weise hingerichtet,
der Rest mit abgeschnittenen Nasen und Ohren nach Hause ge-
schickt.
Dózsa scheiterte vor Szegedin und zog gegen Csanád, das er ero-
berte, nachdem er ein Adelsheer unter Bátori István und dem Bi-
schof Csáky geschlagen und an den Gefangenen, worunter auch der
Bischof und der königliche Schatzmeister Teleki, blutige Repres-
salien für die Grausamkeiten auf dem Rákos genommen hatte. In
Csanád proklamierte er die Republik, die Abschaffung des Adels,
die allgemeine Gleichheit und die Souveränetät des Volks und zog
dann gegen Temesvár, wohinein sich Bátori geworfen hatte. Aber
während er diese Festung zwei Monate lang belagerte und durch ein
neues Heer unter Anton Hosszu verstärkt wurde, erlagen die beiden
oberungarischen Heerhaufen in mehreren Schlachten vor dem Adel
und rückte Johann Zápolya mit der siebenbürgischen Armee gegen
ihn an. Die Bauern wurden von Zápolya überfallen und zersprengt,
Dózsa selbst gefangen, auf einem glühenden Thron gebraten und von
seinen eigenen Leuten, die nur unter dieser Bedingung das Leben
geschenkt erhielten, lebendig gegessen. Die versprengten Bauern,
von Laurentius und Hosszu wieder gesammelt, wurden nochmals ge-
schlagen und alles, was den Feinden in die Hände fiel, gepfählt
oder gehängt. Zu Tausenden hingen die Bauernleichen die Straßen
entlang oder an den Eingängen verbrannter Dörfer. An 60 000 sol-
len teils gefallen, teils massakriert sein. Der Adel aber trug
Sorge, auf dem nächsten Landtag die Knechtschaft der Bauern aber-
mals als Gesetz des Landes zur Anerkennung zu bringen.
Der Bauernaufstand in der "windischen Mark", d.h. in Kärnten,
Krain und Steiermark, der um dieselbe Zeit losbrach, beruhte auf
einer bundschuhartigen Verschwörung, die sich in dieser von Adel
und kaiserlichen Beamten ausgesogen, von Türkeneinfällen verheer-
ten und von Hungersnot geplagten Gegend schon 1503 gebildet und
einen Aufstand hervorgerufen hatte. Die slowenischen
#371# Der deutsche Bauernkrieg
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Bauern dieser Gegend sowohl wie die deutschen erhoben schon 1513
wieder die Kriegsfahne der stara prawa (der alten Rechte), und
wenn sie auch in diesem Jahr sich nochmals beschwichtigen ließen,
wenn sie 1514, wo sie sich noch massenhafter zusammenrotteten,
durch Kaiser Maximilians ausdrückliche Zusage, die alten Rechte
wiederherzustellen, zum Auseinandergehen bewogen wurden, so brach
1515 im Frühjahr der Rachekrieg des stets getäuschten Volks um so
heftiger los. Wie in Ungarn, wurden Schlösser und Klöster überall
zerstört und die gefangenen Adligen von Bauerngeschworenen ge-
richtet und enthauptet. In Steiermark und Kärnten gelang es dem
kaiserlichen Hauptmann Dietrichstein, den Aufstand bald zu dämp-
fen; in Krain wurde er erst durch den Überfall von Rain (Herbst
1516) und durch die darauffolgenden, den Infamien des ungarischen
Adels sich würdig anschließenden, zahllosen österreichischen
Grausamkeiten unterdrückt.
Man begreift, daß nach einer Reihe so entscheidender Niederlagen
und nach diesen massenhaften Grausamkeiten des Adels die Bauern
in Deutschland eine längere Zeit ruhig waren. Und doch hörten we-
der die Verschwörungen noch die Lokalaufstände ganz auf. Schon
1516 kamen die meisten Flüchtlinge vom Bundschuh und Armen Konrad
nach Schwaben und dem Oberrhein zurück, und 1517 war der Bund-
schuh im Schwarzwald wieder in vollem Gange. Joß Fritz selbst,
der noch immer die alte Bundschuhfahne von 1513 auf der Brust
versteckt mit sich führte, durchstreifte den Schwarzwald wieder
und entwickelte große Tätigkeit. Die Verschwörung organisierte
sich aufs neue. Wie vor vier Jahren wurden wieder Versammlungen
auf dem Kniebis angesagt. Aber das Geheimnis wurde nicht gehal-
ten, die Regierungen erfuhren die Sache und schritten ein. Meh-
rere wurden gefangen und hingerichtet; die tätigsten und intelli-
gentesten Mitglieder mußten fliehen, unter ihnen Joß Fritz, des-
sen man auch diesmal nicht habhaft wurde, der aber bald darauf in
der Schweiz gestorben zu sein scheint, da er von jetzt an nir-
gends mehr genannt wird.
#372#
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IV
[Der Adelsaufstand]
Um dieselbe Zeit, wo im Schwarzwald die vierte Bundschuhverschwö-
rung unterdrückt wurde, gab Luther in Wittenberg das Signal zu
der Bewegung, die alle Stände mit in den Strudel reißen und das
ganze Reich erschüttern sollte. Die Thesen des thüringischen Au-
gustiners [335] zündeten wie ein Blitz in ein Pulverfaß. Die man-
nigfaltig durcheinanderkreuzenden Bestrebungen der Ritter wie der
Bürger, der Bauern wie der Plebejer, der souveränetätssüchtigen
Fürsten wie der niederen Geistlichkeit, der mystizisierenden ver-
borgenen Sekten wie der gelehrten und satirisch-burlesken
Schriftstelleropposition [336] erhielten in ihnen einen zunächst
gemeinsamen, allgemeinen Ausdruck, um den sie sich mit überra-
schender Schnelligkeit gruppierten. Diese über Nacht gebildete
Allianz aller Oppositionselemente, so kurz ihre Dauer war, ent-
hüllte plötzlich die ungeheure Macht der Bewegung und trieb sie
um so rascher voran.
Aber eben diese rasche Entwicklung der Bewegung mußte auch sehr
bald die Keime des Zwiespalts entwickeln, die in ihr lagen, mußte
wenigstens die durch ihre ganze Lebensstellung direkt einander
entgegenstehenden Bestandteile der erregten Masse wieder vonein-
ander reißen und in ihre normale feindliche Stellung bringen.
Diese Polarisation der bunten Oppositionsmasse um zwei Attrakti-
onszentren trat schon in den ersten Jahren der Reformation her-
vor; Adel und Bürger gruppierten sich unbedingt um Luther; Bauern
und Plebejer, ohne schon in Luther einen direkten Feind zu sehen,
bildeten wie früher eine besondere, revolutionäre Oppositionspar-
tei. Nur daß die Bewegung jetzt viel allgemeiner, viel tiefer
greifend war als vor Luther, und daß damit die Notwendigkeit des
scharf ausgesprochenen Gegensatzes,- der direkten Bekämpfung bei-
der Parteien untereinander gegeben war. Dieser direkte Gegensatz
trat bald ein; Luther und Münzer bekämpften sich in der Presse
und auf der Kanzel, wie die größtenteils aus lutherischen oder
wenigstens zum Luthertum hinneigenden Kräften bestehenden Heere
der Fürsten, Ritter und Städte die Haufen der Bauern und Plebejer
zersprengten.
#373# Der deutsche Bauernkrieg
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Wie sehr die Interessen und Bedürfnisse der verschiedenen Ele-
mente, die die Reformation angenommen, auseinandergingen, zeigt
schon vor dem Bauernkrieg der Versuch des Adels, seine Forderun-
gen gegenüber den Fürsten und Pfaffen durchzusetzen.
Wir haben schon oben gesehen, welche Stellung der deutsche Adel
im Anfang des 16. Jahrhunderts einnahm. Er war im Begriff, seine
Unabhängigkeit an die immer mächtiger werdenden weltlichen und
geistlichen Fürsten zu verlieren. Er sah zu gleicher Zeit, in
demselben Maß wie er sank, auch die Reichsgewalt sinken und das
Reich sich in eine Anzahl souveräner Fürstentümer auflösen. Sein
Untergang mußte für ihn mit dem Untergang der Deutschen als Na-
tion zusammenfallen. Dazu kam, daß der Adel, besonders der
reichsunmittelbare Adel, derjenige Stand war, der sowohl durch
seinen militärischen Beruf wie durch seine Stellung gegenüber den
Fürsten das Reich und die Reichsgewalt besonders vertrat. Er war
der nationalste Stand, und je mächtiger die Reichsgewalt, je
schwächer und je weniger zahlreich die Fürsten, je einiger
Deutschland, desto mächtiger war er. Daher der allgemeine Unwille
der Ritterschaft über die erbärmliche politische Stellung
Deutschlands, über die Ohnmacht des Reichs nach außen, die in
demselben Maße zunahm, als das Kaiserhaus durch Erbschaft eine
Provinz nach der andern an das Reich anhing; über die Intrigen
fremder Mächte im Innern Deutschlands und die Komplotte deutscher
Fürsten mit dem Ausland gegen die Reichsgewalt. Die Forderungen
des Adels mußten sich also vor allem in der Forderung einer
Reichsreform zusammenfassen, deren Opfer die Fürsten und die hö-
here Geistlichkeit werden sollten. Diese Zusammenfassung übernahm
Ulrich von Hutten, der theoretische Repräsentant des deutschen
Adels, in Gemeinschaft mit Franz von Sickingen, seinem militäri-
schen und staatsmännischen Repräsentanten.
Hutten hat seine im Namen des Adels geforderte Reichsreform sehr
bestimmt ausgesprochen und sehr radikal gefaßt. Es handelt sich
um nichts Geringeres als um die Beseitigung sämtlicher Fürsten,
die Säkularisation sämtlicher geistlichen Fürstentümer und Güter,
um die Herstellung einer Adelsdemokratie mit monarchischer
Spitze, ungefähr wie sie in den besten Tagen der weiland pol-
nischen Republik bestanden hat. Durch die Herstellung der Herr-
schaft des Adels, der vorzugsweise militärischen Klasse, durch
die Entfernung der Fürsten, der Träger der Zersplitterung, durch
die Vernichtung der Macht der Pfaffen und durch die Losreißung
Deutschlands von der geistlichen Herrschaft Roms glaubten Hutten
und Sickingen, das Reich wieder einig, frei und mächtig zu ma-
chen.
Die auf der Leibeigenschaft beruhende Adelsdemokratie, wie sie in
Polen
#374# Friedrich Engels
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und in etwas modifizierter Form in den ersten Jahrhunderten der
von den Germanen eroberten Reiche bestanden hat, ist eine der
rohesten Gesellschaftsformen und entwickelt sich ganz normal wei-
ter zur ausgebildeten Feudalhierarchie, die schon eine bedeutend
höhere Stufe ist. Diese reine Adelsdemokratie war also im 16.
Jahrhundert unmöglich. Sie war schon unmöglich, weil überhaupt
bedeutende und mächtige Städte in Deutschland bestanden. Auf der
andern Seite war aber auch jene Allianz des niedern Adels und der
Städte unmöglich, die in England die Verwandlung der feudal-stän-
dischen Monarchie in die bürgerlich-konstitutionelle zustande
brachte. In Deutschland hatte sich der alte Adel erhalten, in
England war er durch die Rosenkriege [337] bis auf 28 Familien
ausgerottet und wurde durch einen neuen Adel bürgerlichen Ur-
sprungs und mit bürgerlichen Tendenzen ersetzt; in Deutschland
bestand die Leibeigenschaft fort, und der Adel hatte
f e u d a l e Einkommenquellen, in England war sie fast ganz be-
seitigt, und der Adel war einfacher bürgerlicher Grundbesitzer
mit der b ü r g e r l i c h e n Einkommenquelle: der Grund-
rente. Endlich war die Zentralisation der absoluten Monarchie,
die in Frankreich seit Ludwig XI. durch den Gegensatz von Adel
und Bürgerschaft bestand und sich immer weiter ausbildete, schon
darum in Deutschland unmöglich, weil hier überhaupt die Bedingun-
gen der nationalen Zentralisation gar nicht oder nur unentwickelt
vorhanden waren.
Je mehr unter diesen Verhältnissen Hutten sich auf die praktische
Durchführung seines Ideals einließ, desto mehr Konzessionen mußte
er machen, und desto unbestimmter mußten die Umrisse seiner
Reichsreform werden. Der Adel allein war nicht mächtig genug, das
Unternehmen durchzusetzen, das bewies seine wachsende Schwäche
gegenüber den Fürsten. Man mußte Bundesgenossen haben, und die
einzig möglichen waren die Städte, die Bauern und die einflußrei-
chen Theoretiker der Reformationsbewegung. Aber die Städte kann-
ten den Adel hinreichend, um ihm nicht zu trauen und jedes Bünd-
nis mit ihm zurückzuweisen. Die Bauern sahen im Adel, der sie
aussog und mißhandelte, mit vollem Recht ihren bittersten Feind.
Und die Theoretiker hielten es entweder mit den Bürgern, Fürsten
oder den Bauern. Was sollte auch der Adel den Bürgern und Bauern
Positives versprechen von einer Reichsreform, deren Hauptzweck
immer die Hebung des Adels war? Unter diesen Umständen blieb Hut-
ten nichts übrig, als in seinen Propagandaschriften über die
künftige gegenseitige Stellung des Adels, der Städte und der Bau-
ern wenig oder gar nichts zu sagen, alles Übel auf die Fürsten
und Pfaffen und die Abhängigkeit von Rom zu schieben und den Bür-
gern nachzuweisen, daß ihr Interesse ihnen gebiete, im bevorste-
henden Kampf zwischen Fürsten und Adel sich mindestens neutral zu
halten. Von Aufhebung der Leibeigenschaft
#375# Der deutsche Bauernkrieg
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und der Lasten, die der Bauer dem Adel schuldig war, ist bei Hut-
ten nirgends die Rede.
Die Stellung des deutschen Adels gegenüber den Bauern war damals
ganz dieselbe wie die des polnischen Adels zu seinen Bauern in
den Insurrektionen 1830-46. Wie in den modernen polnischen Auf-
ständen, war damals in Deutschland die Bewegung nur durchzuführen
durch eine Allianz aller Oppositionsparteien und namentlich des
Adels mit den Bauern. Aber grade diese Allianz war in beiden Fäl-
len u n m ö g l i c h. Weder war der Adel in die Notwendigkeit
versetzt, seine politischen Privilegien und seine Feudalgerecht-
same gegenüber den Bauern aufzugeben, noch konnten die revolutio-
nären Bauern sich auf allgemeine unbestimmte Aussichten hin in
eine Allianz mit dem Adel einlassen, mit dem Stand, der sie ge-
rade am meisten bedrückte. Wie in Polen 1830, so konnte in
Deutschland 1522 der Adel die Bauern nicht mehr gewinnen. Nur die
gänzliche Beseitigung der Leibeigenschaft und Hörigkeit, das Auf-
geben aller Adelsprivilegien hätte das Landvolk mit dem Adel ver-
einigen können; aber der Adel, wie jeder privilegierte Stand,
hatte nicht die geringste Lust, seine Vorrechte, seine ganze ex-
zeptionelle Stellung und den größten Teil seiner Einkommenquellen
freiwillig aufzugeben.
Der Adel stand also schließlich, als es zum Kampfe kam, den Für-
sten allein gegenüber. Daß die Fürsten, die ihm seit zwei Jahr-
hunderten fortwährend Terrain abgewonnen, ihn auch diesmal mit
leichter Mühe erdrücken mußten, war vorherzusehen.
Der Verlauf des Kampfes selbst ist bekannt. Hutten und Sickingen,
der schon als politisch-militärischer Chef des mitteldeutschen
Adels anerkannt war, brachten 1522 zu Landau einen Bund des rhei-
nischen, schwäbischen und fränkischen Adels auf sechs Jahre zu-
stande, angeblich zur Selbstverteidigung; Sickingen zog ein Heer,
teils aus eignen Mitteln, teils in Verbindung mit den umliegenden
Rittern, zusammen, organisierte Werbungen und Zuzüge in Franken,
am Niederrhein, in den Niederlanden und Westfalen und eröffnete
im September 1522 die Feindseligkeiten mit einer Fehdeerklärung
an den Kurfürsten-Erzbischof von Trier 1*). Aber während er vor
Trier lag, wurden seine Zuzüge durch rasches Einschreiten der
Fürsten abgeschnitten; der Landgraf von Hessen und der Kurfürst
von der Pfalz zogen den Trierern zu Hülfe, und Sickingen mußte
sich in sein Schloß Landstuhl werfen. Trotz aller Bemühungen Hut-
tens und seiner übrigen Freunde ließ ihn hier der verbündete
Adel, eingeschüchtert durch die konzentrierte und rasche Aktion
der Fürsten, im Stich; er selbst wurde tödlich verwundet, übergab
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1*) Richard von Greiffenklau
#376# Friedrich Engels
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dann Landstuhl und starb gleich darauf. Hutten mußte in die
Schweiz flüchten und starb wenige Monate später auf der Insel
Ufnau im Zürchersee.
Mit dieser Niederlage und dem Tod der beiden Führer war die Macht
des Adels als einer von den Fürsten unabhängigen Körperschaft ge-
brochen. Von jetzt an tritt der Adel nur noch im Dienst und unter
der Leitung der Fürsten auf. Der Bauernkrieg, der gleich darauf
ausbrach, zwang ihn noch mehr, sich direkt oder indirekt unter
den Schutz der Fürsten zu stellen, und bewies zu gleicher Zeit,
daß der deutsche Adel es vorzog, lieber unter fürstlicher Ober-
hoheit die Bauern fernerhin zu exploitieren, als die Fürsten und
Pfaffen durch ein offenes Bündnis mit den e m a n z i p i e r-
t e n Bauern zu stürzen.
#377#
-----
V
[Der schwäbisch-fränkische Bauernkrieg]
Von dem Augenblick an, wo Luthers Kriegserklärung gegen die ka-
tholische Hierarchie alle Oppositionselemente Deutschlands in Be-
wegung gesetzt, verging kein Jahr, in dem nicht die Bauern eben-
falls wieder mit ihren Forderungen hervortraten. Von 1518 bis
1523 folgte ein lokaler Bauernaufstand im Schwarzwald und in
Oberschwaben auf den andern. Seit Frühjahr 1524 nahmen diese Auf-
stände einen systematischen Charakter an. Im April dieses Jahres
verweigerten die Bauern der Abtei Marchthal die Frondienste und
Leistungen; im Mai verweigerten die Sankt-Blasier Bauern die
Leibeigenschaftsgebühren; im Juni erklärten die Bauern von Stein-
heim bei Memmingen, weder Zehnten noch sonstige Gebühren zahlen
zu wollen; im Juli und August standen die Thurgauer Bauern auf
und wurden teils durch die Vermittlung der Zürcher, teils durch
die Brutalität der Eidgenossenschaft, die mehrere hinrichten
ließ, wieder zur Ruhe gebracht. Endlich erfolgte in der Landgraf-
schaft Stühlingen ein entschiednerer Aufstand, der als der unmit-
telbare A n f a n g d e s B a u e r n k r i e g s gelten
kann.
Die Stühlinger Bauern verweigerten plötzlich die Leistungen an
den Landgrafen 1*), rotteten sich in starken Haufen zusammen und
zogen unter Hans Müller von Bulgenbach am 24. August 1524 nach
Waldshut. Hier stifteten sie in Gemeinschaft mit den Bürgern eine
evangelische Brüderschaft. Die Bürger traten der Verbindung um so
eher bei, als sie gleichzeitig wegen religiöser Verfolgungen ge-
gen Balthasar Hubmaier, ihren Prediger, einen Freund und Schüler
Thomas Münzers, mit der vorderöstreichischen Regierung[330] im
Konflikt waren. Es wurde also eine Bundessteuer von drei Kreuzern
wöchentlich - ein enormer Betrag für den damaligen Geldwert -
aufgelegt, Emissäre nach dem Elsaß, der Mosel, dem ganzen Ober-
rhein und Franken geschickt, um die Bauern überall in den Bund zu
bringen, und als Zweck
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1*) Rudolf von Sulz
#378# Friedrich Engels
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des Bundes die Abschaffung der Feudalherrschaft, die Zerstörung
aller Schlösser und Klöster und die Beseitigung aller Herren au-
ßer dem Kaiser proklamiert. Die Bundesfahne war die deutsche Tri-
kolore. [338]
Der Aufstand gewann rasch Terrain im ganzen jetzigen badischen
Oberland. Ein panischer Schrecken ergriff den oberschwäbischen
Adel, dessen Streitkräfte fast sämtlich in Italien, im Kriege ge-
gen Franz I. von Frankreich [339], beschäftigt waren. Es blieb
ihm nichts übrig, als die Sache durch Unterhandlungen in die
Länge zu ziehen und inzwischen Gelder aufzutreiben und Truppen zu
werben, bis er stark genug sei, die Bauern für ihre Vermessenheit
mit "Sengen und Brennen, Plündern und Morden" zu züchtigen. Von
jetzt an begann jener systematische Verrat, jene konsequente
Wortbrüchigkeit und Heimtücke, durch die der Adel und die Fürsten
sich während des ganzen Bauernkriegs auszeichneten und die gegen-
über den dezentralisierten und schwer organisierbaren Bauern ihre
stärkste Waffe war. Der Schwäbische Bund, der die Fürsten, den
Adel und die Reichsstädte Südwestdeutschlands umfaßte, legte sich
ins Mittel, aber ohne den Bauern positive Konzessionen zu garan-
tieren. Diese blieben in Bewegung. Hans Müller von Bulgenbach zog
vom 30. September bis Mitte Oktober durch den Schwarzwald bis
Urach und Furtwangen, brachte seinen Haufen bis auf 3500 Mann und
nahm mit diesem bei Ewattingen (nicht weit von Stühlingen) Posi-
tion. Der Adel hatte nicht über 1700 Mann zur Verfügung, und auch
diese waren zersplittert. Er war gezwungen, sich auf einen Waf-
fenstillstand einzulassen, der auch wirklich im Ewattinger Lager
zustande kam. Gütlicher Vertrag, entweder direkt zwischen den Be-
teiligten oder durch Schiedsrichter, und Untersuchung der Be-
schwerden durch das Landgericht zu Stockach wurden den Bauern zu-
gesagt. Sowohl die Adelstruppen wie die Bauern gingen auseinan-
der.
Die Bauern vereinigten sich auf 16 Artikel, deren Bewilligung vom
Stockacher Gericht verlangt werden sollte. Sie waren sehr gemä-
ßigt. Abschaffung des Jagdrechts, der Fronden, der drückenden
Steuern und Herrschaftsprivilegien überhaupt, Schutz gegen will-
kürliche Verhaftung und gegen parteiische, nach Willkür urtei-
lende Gerichte - weiter forderten sie nichts.
Der Adel dagegen forderte, sobald die Bauern heimgegangen waren,
sogleich sämtliche streitige Leistungen wieder ein, so lange bis
das Gericht entschieden habe. Die Bauern weigerten sich natürlich
und verwiesen die Herren an das Gericht. Der Streit brach von
neuem aus; die Bauern zogen sich wieder zusammen, die Fürsten und
Herren konzentrierten ihre Truppen. Diesmal ging die Bewegung
wieder weiter, bis über den Breisgau und tief ins Württem-
bergische hinein. Die Truppen unter Georg Truchseß von Waldburg,
dem Alba des Bauernkriegs, beobachteten sie, schlugen einzelne
Zuzüge, wagten aber
#379# Der deutsche Bauernkrieg
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nicht, das Gros anzugreifen. Georg Truchseß unterhandelte mit den
Bauernchefs und brachte hier und da Verträge zustande.
Ende Dezember begannen die Verhandlungen vor dem Landgericht zu
Stockach. Die Bauern protestierten gegen die Zusammensetzung des
Gerichts aus lauter Adligen. Ein kaiserlicher Bestallungsbrief
wurde ihnen als Antwort vorgelesen. Die Verhandlungen zogen sich
in die Länge, inzwischen rüsteten der Adel, die Fürsten, die
schwäbischen Bundesbehörden. Erzherzog Ferdinand, der außer den
jetzt noch östreichischen Erblanden auch Württemberg, den badi-
schen Schwarzwald und den südlichen Elsaß beherrschte, befahl die
größte Strenge gegen die rebellischen Bauern. Man solle sie fan-
gen, foltern und ohne Gnade erschlagen, man solle sie, wie es am
bequemsten sei, verderben, ihr Hab und Gut verbrennen und veröden
und ihre Weiber und Kinder aus dem Lande jagen. Man sieht, wie
die Fürsten und Herren den Waffenstillstand hielten und was sie
unter gütlicher Vermittlung und Untersuchung der Beschwerden ver-
standen. Erzherzog Ferdinand, dem das Haus Welser in Augsburg
Geld vorgeschossen [340], rüstete in aller Eile; der Schwäbische
Bund (3293 schrieb ein in drei Terminen zu stellendes Kontingent
von Geld und Truppen aus.
Diese bisherigen Aufstände fallen zusammen mit der fünfmonatli-
chen Anwesenheit Thomas Münzers im Oberland. Von dem Einfluß, den
er auf den Ausbruch und Gang der Bewegung gehabt, sind zwar keine
direkten Beweise vorhanden, aber dieser Einfluß ist indirekt
vollständig konstatiert. Die entschiedneren Revolutionäre unter
den Bauern sind meist seine Schüler und vertreten seine Ideen.
Die zwölf Artikel wie der Artikelbrief der oberländischen Bauern
[341] werden ihm von allen Zeitgenossen zugeschrieben, obwohl er
wenigstens erstere gewiß nicht verfaßt hat. Noch auf seiner Rück-
reise nach Thüringen erließ er eine entschieden revolutionäre
Schrift an die insurgierten Bauern. [342]
Gleichzeitig intrigierte der seit 1519 aus Württemberg vertrie-
bene Herzog Ulrich, um mit Hülfe der Bauern wieder in den Besitz
seines Landes zu kommen. Es ist faktisch, daß er seit seiner Ver-
treibung die revolutionäre Partei zu benutzen suchte und sie
fortwährend unterstützte. In die meisten von 1520-24 vorgekomme-
nen Lokalunruhen im Schwarzwald und in Württemberg wird sein Name
verwickelt, und jetzt rüstete er direkt zu einem Einfall von sei-
nem Schloß Hohentwiel aus nach Württemberg. Er wurde indes von
den Bauern nur benutzt, hatte nie Einfluß auf sie und noch weni-
ger ihr Vertrauen.
So verging der Winter, ohne daß es von einer der beiden Seiten zu
etwas Entscheidendem kam. Die fürstlichen Herrn versteckten sich,
der Bauernaufstand
#380# Friedrich Engels
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gewann an Ausdehnung. Im Januar 1525 war das ganze Land zwischen
Donau, Rhein und Lech in voller Gärung, und im Februar brach der
Sturm los.
Während der Schwarzwald-Hegauer Haufe unter Hans Müller von
Bulgenbach mit Ulrich von Württemberg konspirierte und zum Teil
seinen vergeblichen Zug nach Stuttgart mitmachte (Februar und
März 1525), standen die Bauern im Ried, oberhalb Ulm, am 9. Fe-
bruar auf, sammelten sich in einem von Sümpfen gedeckten Lager
bei Baltringen, pflanzten die rote Fahne auf und formierten,
unter der Führung von Ulrich Schmid, den Baltringer Haufen. Sie
waren 10 000 bis 12 000 Mann stark.
Am 25. Februar zog sich der Oberallgäuer Haufen, 7000 Mann stark,
am Schüssen zusammen, auf das Gerücht hin, daß die Truppen gegen
die auch hier aufgetretenen Mißvergnügten heranzögen. Die Kempt-
ner, die den ganzen Winter über mit ihrem Erzbischof [343] im
Streit gewesen, traten am 26. zusammen und vereinigten sich mit
ihnen. Die Städte Memmingen und Kaufbeuren schlössen sich, unter
Bedingungen, der Bewegung an; doch trat schon hier die Zweideu-
tigkeit der Stellung hervor, die die Städte in diesem Kampf ein-
nahmen. Am 7. März wurden in Memmingen die zwölf Memminger Arti-
kel für alle Oberallgäuer Bauern angenommen. [345] Auf Botschaft
der Allgäuer bildete sich am Bodensee, unter Eitel Hans, der See-
haufen. Auch dieser Haufe verstärkte sich rasch. Das Hauptquar-
tier war in Bermatingen.
Ebenso standen im unteren Allgäu, in der Gegend von Ochsenhausen
und Schellenberg, im Zeilschen und Waldburgschen, den Herrschaf-
ten des Truchseß, die Bauern auf, und zwar schon in den ersten
Tagen des März. Dieser Unterallgäuer Haufen lagerte, 7000 Mann
stark, bei Wurzach.
Diese vier Haufen nahmen alle die Memminger Artikel an, die übri-
gens noch viel gemäßigter waren als die der Hegauer und auch in
den Punkten, die sich auf das Verhalten der bewaffneten Haufen
zum Adel und den Regierungen bezogen, einen merkwürdigen Mangel
an Entschiedenheit zur Schau tragen. Die Entschiedenheit, wo sie
kam, kam erst im Laufe des Kriegs, nachdem die Bauern Erfahrungen
über die Handlungsweise ihrer Feinde gemacht hatten.
Gleichzeitig mit diesen Haufen bildete sich ein sechster an der
Donau. Aus der ganzen Gegend von Ulm bis Donauwörth, aus den Tä-
lern der Iller, Roth und Biber kamen die Bauern nach Leipheim und
schlugen dort ein Lager auf. Von 15 Ortschaften war jeder waffen-
fähige Mann, von 117 waren Zuzüge da. Der Führer des Leipheimer
Haufens war Ulrich Schön, sein Prediger Jakob Wehe, der Pfarrer
von Leipheim.
#381# Der deutsche Bauernkrieg
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So standen anfangs März, in sechs Lagern, an 30 000 bis 40 000
insurgierte oberschwäbische Bauern unter den Waffen. Der Charak-
ter dieser Bauernhaufen war sehr gemischt. Die revolutionäre -
Münzersche - Partei war überall in der Minorität. Trotzdem bil-
dete sie überall den Kern und Halt der Bauernlager. Die Masse der
Bauern war immer bereit, sich auf ein Abkommen mit den Herren
einzulassen, wenn ihr nur die Konzessionen gesichert wurden, die
sie durch ihre drohende Haltung zu ertrotzen hoffte. Dazu wurde
sie, als die Sache sich in die Länge zog und die Fürstenheere
heranrückten, des Kriegführens überdrüssig, und diejenigen, die
noch etwas zu verlieren hatten, gingen größtenteils nach Hause.
Dabei hatte sich den Haufen das vagabundierende Lumpenproletariat
massenweise angeschlossen, das die Disziplin erschwerte, die Bau-
ern demoralisierte und ebenfalls häufig ab- und zulief. Schon
hieraus erklärt sich, daß die Bauernhaufen anfangs überall in der
Defensive blieben, in den Feldlagern sich demoralisierten und
auch, abgesehen von ihrer taktischen Unzulänglichkeit und von der
Seltenheit guter Führer, den Armeen der Fürsten keineswegs ge-
wachsen waren.
Noch während die Haufen sich zusammenzogen, fiel Herzog Ulrich
mit geworbenen Truppen und einigen Hegauer Bauern von Hohentwiel
nach Württemberg ein. Der Schwäbische Bund war verloren, wenn die
Bauern jetzt von der andern Seite her gegen die Truppen des
Truchseß von Waldbürg heranrückten. Aber bei der bloß defensiven
Haltung der Haufen gelang es dem Truchseß bald, mit den Baltrin-
ger, Allgäuer und Seebauern einen Waffenstillstand abzuschließen,
Verhandlungen einzuleiten und einen Termin zur Abmachung der Sa-
che auf Sonntag Judika (2. April) anzusetzen. Währenddes konnte
er gegen Herzog Ulrich ziehn, Stuttgart besetzen und ihn zwingen,
schon am 17. März Württemberg wieder zu verlassen. Dann wandte er
sich gegen die Bauern; aber in seinem eignen Heer revoltierten
die Landsknechte und weigerten sich, gegen diese zu ziehn. Es ge-
lang dem Truchseß, die Meuterer zu beschwichtigen, und nun mar-
schierte er nach Ulm, wo sich neue Verstärkungen sammelten. Bei
Kirchheim unter Teck hatte er ein Beobachtungslager zurückgelas-
sen.
Der Schwäbische Bund, der endlich die Hände frei und seine ersten
Kontingente beisammen hatte, warf jetzt die Maske ab und er-
klärte, daß er "das, was die Bauern eigenen Willens sich unter-
fangen, mit den Waffen und mit Gottes Hülfe zu wenden entschlos-
sen sei" [345].
Die Bauern hatten sich inzwischen streng an den Waffenstillstand
gehalten. Sie hatten für die Verhandlung am Sonntag Judika ihre
Forderungen aufgesetzt, die berühmten z w ö l f A r t i k e l.
Sie verlangten Wahl und Absetzbarkeit der Geistlichen durch die
Gemeinden, Abschaffung des kleinen Zehnten und
#382# Friedrich Engels
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Verwendung des großen [346] zu öffentlichen Zwecken nach Abzug
des Pfarrgehalts, Abschaffung der Leibeigenschaft, des Fischerei-
und Jagdrechts und des Todfalls, Beschränkung der übermäßigen
Fronden, Steuern und Gülten, Restitution der den Gemeinden und
einzelnen gewaltsam entzogenen Waldungen, Weiden und Privilegien
und Beseitigung der Willkür in Justiz und Verwaltung. Man sieht,
die gemäßigte, verträgliche Partei wog noch bedeutend vor unter
den Bauernhaufen. Die revolutionäre Partei hatte schon früher im
"A r t i k e l b r i e f" ihr Programm aufgestellt. Dieser offne
Brief an sämtliche Bauernschaften fordert sie auf, einzutreten in
die "christliche Vereinigung und Brüderschaft" zur Entfernung al-
ler Lasten, sei es durch Güte, "was nicht wohl sein mag", sei es
durch Gewalt, und bedroht alle Weigernden mit dem "weltlichen
Bann", d.h. mit der Ausstoßung aus der Gesellschaft und aus allem
Verkehr mit den Bundesmitgliedern. Alle Schlösser, Klöster und
Pfaffenstifter sollen gleichfalls in den weltlichen Bann getan
werden, es sei denn, daß Adel, Pfaffen und Mönche sie freiwillig
verlassen, in gewöhnliche Häuser ziehn wie andre Leute und sich
der christlichen Vereinigung anschließen. - In diesem radikalen
Manifest, das offenbar v o r dem Frühjahrsaufstand 1525 abge-
faßt wurde, handelt es sich also vor allem um die Revolution, die
vollständige Besiegung der noch herrschenden Klassen, und der
"weltliche Bann" designiert nur die Unterdrücker und Verräter,
die erschlagen, die Schlösser, die verbrannt, die Klöster und
Stifter, die konfisziert und deren Schätze in Geld verwandelt
werden sollen.
Ehe jedoch die Bauern dazu kamen, ihre zwölf Artikel den berufe-
nen Schiedsrichtern vorzulegen, kam ihnen die Nachricht von dem
Vertragsbruch des Schwäbischen Bundes und dem Herannahen der
Truppen. Sogleich trafen sie ihre Maßregeln. Eine Generalversamm-
lung der Allgäuer, Baltringer und Seebauern wurde zu Gaisbeuren
abgehalten. Die vier Haufen wurden vermischt und vier neue Kolon-
nen aus ihnen organisiert, die Konfiskation der geistlichen Gü-
ter, der Verkauf ihrer Kleinodien zum Besten der Kriegskasse und
die Verbrennung der Schlösser wurden beschlossen. So wurde neben
den offiziellen zwölf Artikeln der Artikelbrief die Regel ihrer
Kriegsführung und der Sonntag Judika, der zum Friedensschluß an-
gesetzte Tag, das Datum der a l l g e m e i n e n E r h e-
b u n g.
- Die überall wachsende Aufregung, die fortwährenden Lokalkon-
flikte der Bauern mit dem Adel, die Nachricht von dem seit sechs
Monaten immer wachsenden Aufstand im Schwarzwald und von seiner
Verbreitung bis an die Donau und den Lech reichen allerdings hin,
um die rasche Aufeinanderfolge der Bauernaufstände in zwei Drit-
teln von Deutschland zu erklären. Aber daß Leute an der Spitze
der Bewegung standen, die diese durch wiedertäuferische
#383# Der deutsche Bauernkrieg
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und sonstige Emissäre organisiert hatten, das beweist das Faktum
der Gleichzeitigkeit aller einzelnen Aufstände. In der letzten
Hälfte des März waren schon Unruhen im Württembergischen, am un-
tern Neckar, im Odenwald, in Unter- und Mittelfranken ausgebro-
chen; aber überall wurde schon vorher der 2. April, der Sonntag
Judika, als Tag des allgemeinen Losbruchs angegeben, überall ge-
schah der entscheidende Schlag, der Aufstand in Masse, in der er-
sten Woche des April. Auch die Allgäuer, Hegauer und Seebauern
riefen am 1. April durch Sturmläuten und Massenversammlungen alle
waffenfähigen Männer ins Lager und eröffneten, gleichzeitig mit
den Baltringern, die Feindseligkeiten gegen die Schlösser und
Klöster.
In Franken, wo sich die Bewegung um sechs Zentren gruppierte,
brach der Aufstand überall in den ersten Tagen des April los. Bei
Nördlingen bildeten sich um diese Zeit zwei Bauernlager, mit de-
ren Hülfe die revolutionäre Partei in der Stadt, deren Chef Anton
Forner war, die Oberhand erhielt und Forners Ernennung zum Bür-
germeister sowie den Anschluß der Stadt an die Bauern durch-
setzte. Im Ansbachschen standen die Bauern vom 1. bis 7. April
überall auf, und der Aufstand verbreitete sich von hier bis nach
Bayern hinüber. Im Rothenburgschen standen die Bauern schon seit
dem 22. März unter den Waffen; in der Stadt Rothenburg wurde am
27. März die Herrschaft der Ehrbarkeit durch die Kleinbürger und
Plebejer unter Stephan von Menzingen gestürzt; aber da gerade die
Leistungen der Bauern hier die Haupteinkünfte der Stadt waren,
hielt sich auch die neue Regierung sehr schwankend und zweideutig
gegenüber den Bauern. Im Hochstift Würzburg erhoben sich anfangs
April die Bauern und die kleinen Städte allgemein, und im Bistum
Bamberg zwang die allgemeine Insurrektion binnen fünf Tagen den
Bischof 1*) zur Nachgiebigkeit. Endlich im Norden, an der thürin-
gischen Grenze, zog sich das starke Bildhäuser Bauernlager zusam-
men.
Im Odenwald, wo Wendel Hipler, ein Adliger und ehemaliger Kanzler
der Grafen von Hohenlohe, und Georg Metzler, Wirt zu Ballenberg
bei Krautheim, an der Spitze der revolutionären Partei standen,
brach der Sturm schon am 26. März los. Die Bauern zogen von allen
Seiten nach der Tauber. Auch 2000 Mann 2*) aus dem Lager vor Ro-
thenburg schlössen sich an. Georg Metzler übernahm die Führung
und marschierte, nachdem alle Verstärkungen eingetroffen, am 4.
April nach dem Kloster Schöntal an der Jagst, wo die Neckartaler
zu ihm stießen. Diese, von Jäcklein Rohrbach, Wirt zu Böckingen
bei Heilbronn, geführt, hatten am Sonntag Judika in Flein, Sont-
heim usw. die Insurrektion proklamiert, während gleichzeitig Wen-
del Hipler mit einer Anzahl
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1*) Weigand von Redwitz - 2*) (1850) 2000 Orenburger
#384# Friedrich Engels
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Verschworner Öhringen überrumpelt und die umwohnenden Bauern in
die Bewegung hineingerissen hatte. Zu Schöntal wurden von den
beiden, zum "hellen Haufen" vereinigten Bauernkolonnen die zwölf
Artikel angenommen und Streifzüge gegen Schlösser und Klöster or-
ganisiert. Der helle Haufen war an 8000 Mann stark und hatte Ka-
nonen und 3000 Handbüchsen. Auch Florian Geyer, ein fränkischer
Ritter, schloß sich ihm an und bildete die Schwarze Schar, ein
Elitekorps [347], das besonders aus der Rothenburger und Öhringer
Landwehr sich rekrutierte.
Der württembergsche Vogt in Neckarsulm, Graf Ludwig von Helfen-
stein, eröffnete die Feindseligkeiten. Er ließ alle Bauern, die
ihm in die Hände fielen, ohne weiteres niedermachen. Der helle
Haufen zog ihm entgegen. Diese Metzeleien sowie die eben einge-
troffene Nachricht von der Niederlage des Leipheimer Haufens, von
Jakob Wehes Hinrichtung und den Grausamkeiten des Truchseß erbit-
terten die Bauern. Der Helfensteiner, der sich nach Weinsberg
hineingeworfen hatte, wurde hier angegriffen. Das Schloß wurde
von Florian Geyer [348] gestürmt, die Stadt nach längerem Kampf
genommen und Graf Ludwig nebst mehreren Rittern gefangen. Am
nächsten Tag, am 17. April, hielt Jäcklein Rohrbach mit den ent-
schiedensten Leuten des Haufens Gericht über die Gefangenen und
ließ ihrer vierzehn, den Helfensteiner an der Spitze, durch die
Spieße jagen - den schimpflichsten Tod, den er sie erdulden las-
sen konnte. Die Einnahme von Weinsberg und die terroristische Ra-
che Jäckleins an dem Helfensteiner verfehlten ihre Wirkung auf
den Adel nicht. Die Grafen von Löwenstein traten der Bauernver-
bindung bei, die von Hohenlohe, die schon früher zugetreten wa-
ren, aber noch keine Hülfe geleistet hatten, schickten sofort das
verlangte Geschütz und Pulver.
Die Hauptleute berieten darüber, ob sie nicht Götz von Berlichin-
gen zum Hauptmann nehmen sollten, "da dieser den Adel zu ihnen
bringen könne". Der Vorschlag fand Anklang; aber Florian Geyer,
der in dieser Stimmung der Bauern und Hauptleute den Anfang einer
Reaktion sah, trennte sich hierauf mit seiner Schwarzen Schar vom
Haufen, durchstreifte auf eigne Faust zuerst die Neckargegend,
dann das Würzburgische und zerstörte überall die Schlösser und
Pfaffennester.
Der Rest des Haufens zog nun zunächst gegen Heilbronn. In dieser
mächtigen freien Reichsstadt stand, wie fast überall, der Ehrbar-
keit eine bürgerliche und eine revolutionäre Opposition entgegen.
Die letztere, im geheimen Einverständnis mit den Bauern, öffnete
während eines Tumults schon am 17. April G[eorg] Metzler und
Jäcklein Rohrbach die Tore. Die Bauernchefs nahmen mit ihren Leu-
ten Besitz von der Stadt, die in die Brüderschaft aufgenommen
wurde und 1200 Gulden Geld sowie ein Fähnlein Freiwilliger
stellte. Nur die
#385# Der deutsche Bauernkrieg
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Geistlichkeit und die Besitzungen der Deutschordensherren [349]
wurden gebrandschatzt. Am 22. zogen die Bauern wieder ab, nachdem
sie eine kleine Besatzung hinterlassen hatten. Heilbronn sollte
das Zentrum der verschiedenen Haufen werden, die auch wirklich
Delegierte hinschickten und über gemeinsame Aktion und gemeinsame
Forderungen der Bauernschaften berieten. Aber die bürgerliche Op-
position und die seit dem Einmarsch der Bauern mit ihr verbündete
Ehrbarkeit hatten jetzt wieder die Oberhand in der Stadt, ver-
hinderten alle energischen Schritte und warteten nur auf das Her-
annahen der fürstlichen Heere, um die Bauern definitiv zu verra-
ten.
Die Bauern zogen dem Odenwald zu. Am 24. April mußte Götz von
Berlichingen, der sich wenige Tage vorher zuerst dem Kurfürsten
von der Pfalz, dann den Bauern, dann wieder dem Kurfürsten ange-
tragen hatte, in die evangelische Brüderschaft treten und das
Oberkommando des hellen lichten Haufens (im Gegensatz zum schwar-
zen Haufen Florian Geyers) übernehmen. Er war aber zu gleicher
Zeit Gefangener der Bauern, die ihn mißtrauisch überwachten und
ihn an den Beirat der Hauptleute banden, ohne die er nichts tun
konnte. Götz und Metzler zogen nun mit der Masse der Bauern über
Buchen nach Amorbach, wo sie vom 30. April bis 5.Mai blieben und
das ganze Mainzische insurgierten. Der Adel wurde überall zum An-
schluß gezwungen und seine Schlösser dadurch geschont; nur die
Klöster wurden verbrannt und geplündert. Der Haufen hatte sich
zusehends demoralisiert; die energischsten Leute waren mit Flo-
rian Geyer oder mit Jäcklein Rohrbach fort, denn auch dieser
hatte sich nach der Einnahme Heilbronns getrennt, offenbar weil
er, der Richter des Grafen Helfenstein, nicht länger bei einem
Haufen bleiben konnte, der sich mit dem Adel vertragen wollte.
Dies Dringen auf eine Verständigung mit dem Adel war selbst schon
ein Zeichen von Demoralisation. Bald darauf schlug Wendel Hipler
eine sehr passende Reorganisation des Haufens vor: Man solle die
sich täglich anbietenden Landsknechte in Dienst nehmen und den
Haufen nicht wie bisher monatlich durch Einziehung von neuen und
Entlassung der alten Kontingente erneuern, sondern die einmal un-
ter den Waffen befindliche, einigermaßen geübte Mannschaft behal-
ten. Aber die Gemeindeversammlung verwarf beide Anträge; die Bau-
ern waren bereits übermütig geworden und sahen den ganzen Krieg
als einen Beutezug an, wobei ihnen die Konkurrenz der Lands-
knechte nicht zusagen konnte und wobei es ihnen freistehen mußte,
nach Hause zu ziehen, sobald ihre Taschen gefüllt waren. In Amor-
bach kam es sogar so weit, daß der Heilbronner Ratsherr Hans
Berlin [350] die "Deklaration der zwölf Artikel", ein Aktenstück,
worin selbst die letzten Spitzen der zwölf Artikel abgebrochen
und den Bauern eine demütig supplizierende Sprache in den Mund
gelegt
#386# Friedrich Engels
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wurde, bei den Hauptleuten und Räten des Haufens durchsetzte.
Diesmal war die Sache den Bauern doch zu stark; sie verwarfen die
Deklaration unter großem Lärm und beharrten auf den ursprüngli-
chen Artikeln.
Inzwischen war im Würzburgischen eine entscheidende Wendung ein-
getreten. Der Bischof 1*), der sich bei dem ersten Bauernaufstand
anfangs April auf den festen Frauenberg bei Würzburg zurückgezo-
gen und nach allen Seiten, aber vergeblich, um Hülfe geschrieben
hatte, war endlich zur momentanen Nachgiebigkeit gezwungen wor-
den. Am 2. Mai wurde ein Landtag eröffnet, auf dem auch die Bau-
ern vertreten waren. Aber ehe irgendein Resultat gewonnen werden
konnte, wurden Briefe aufgefangen, die die verräterischen Um-
triebe des Bischofs konstatierten. Der Landtag ging gleich aus-
einander, und die Feindseligkeiten begannen zwischen den insur-
gierten Städtern und Bauern und den Bischöflichen. Der Bischof
selbst entfloh am 5. Mai nach Heidelberg; am nächsten Tag schon
kam Florian Geyer und die Schwarze Schar in Würzburg an, mit ihm
d e r f r ä n k i s c h e T a u b e r h a u f e n, der sich
aus Mergentheimer, Rothenburger und ansbachschen Bauern gebildet
hatte. Am 7. Mai rückte auch Götz von Berlichingen mit dem hellen
lichten Haufen ein, und die Belagerung des Frauenbergs begann.
Im Limpurgischen und in der Gegend von Ellwangen und Hall bildete
sich ein andrer, der Gaildorfer oder g e m e i n e h e l l e
H a u f e n, schon Ende März und Anfang April. Er trat sehr ge-
waltsam auf, insurgierte die ganze Gegend, verbrannte viele Klö-
ster und Schlösser, u.a. auch das Schloß Hohenstaufen, zwang alle
Bauern zum Mitzug und alle Adligen, selbst die Schenken von Lim-
purg, zum Eintritt in die christliche Verbrüderung. Anfang Mai
machte er einen Einfall nach Württemberg, wurde aber zum Rückzug
bewogen. Der Partikularismus der deutschen Kleinstaaterei er-
laubte damals sowenig wie 1848, daß die Revolutionäre verschied-
ner Staatsgebiete gemeinsam agierten. Die Gaildorfer, auf ein
kleines Terrain beschränkt, fielen notwendig in sich zusammen,
nachdem sie allen Widerstand auf diesem Terrain besiegt hatten.
Sie vertrugen sich mit der Stadt Gmünd und gingen mit Hinterlas-
sung von nur 500 Bewaffneten auseinander.
In der P f a l z hatten sich auf beiden Rheinufern gegen Ende
April Bauernhaufen gebildet. Sie zerstörten viele Schlösser und
Klöster und nahmen am 1. Mai Neustadt a. d. Haardt, nachdem die
herübergekommenen Bruchrainer schon tags vorher Speyer zu einem
Vertrag gezwungen hatten. Der Marschall von Habern konnte mit den
wenigen kurfürstlichen Truppen nichts gegen sie ausrichten, und
am 10. Mai mußte der Kurfürst mit den insurgierten Bauern
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1*) Konrad III. von Thüngen
#387# Der deutsche Bauernkrieg
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einen Vertrag abschließen, in welchem er ihnen Abstellung ihrer
Beschwerden auf einem Landtag garantierte.
In Württemberg endlich war der Aufstand schon früh in einzelnen
Gegenden losgebrochen. Auf der Uracher Alb hatten die Bauern
schon im Februar einen Bund gegen die Pfaffen und Herren ge-
schlossen, und Ende März erhoben sich die Blaubeurer, Uracher,
Münsinger, Balinger und Rosenfelder Bauern. Die Gaildorfer fielen
bei Göppingen, Jäcklein Rohrbach bei Brackenheim, die Trümmer des
geschlagenen Leipheimer Haufens bei Pfullingen in württembergi-
sches Gebiet ein und insurgierten das Landvolk. Auch in andern
Gegenden brachen ernsthafte Unruhen aus. Schon am 6. April mußte
Pfullingen mit den Bauern kapitulieren. Die Regierung des östrei-
chischen Erzherzogs war in der größten Verlegenheit. Sie hatte
gar kein Geld und sehr wenig Truppen. Die Städte und Schlösser
waren im schlechtesten Zustand und hatten weder Besatzung noch
Munition. Selbst der Asperg war fast schutzlos.
Der Versuch der Regierung, die Aufgebote der Städte gegen die
Bauern zusammenzuziehn, entschied ihre momentane Niederlage. Am
16. April weigerte sich das Bottwarer Aufgebot zu marschieren und
zog, statt nach Stuttgart, auf den Wunnenstein bei Bottwar, wo es
den Kern eines Lagers von Bürgern und Bauern bildete, das sich
rasch vermehrte. An demselben Tage brach der Aufstand im Zabergäu
aus; das Kloster Maulbronn wurde geplündert und eine Anzahl von
Klöstern und Schlössern vollständig verwüstet. Aus dem benachbar-
ten Bruchrain zogen den Gäubauern Verstärkungen zu.
An die Spitze des Haufens auf dem Wunnenstein trat Matern Feuer-
bacher, Ratsherr von Bottwar, einer der Führer der bürgerlichen
Opposition, aber hinreichend kompromittiert, um mit den Bauern
gehn zu müssen. Er blieb indes fortwährend sehr gemäßigt, verhin-
derte die Vollziehung des Artikelbriefs an den Schlössern und
suchte überall zwischen den Bauern und der gemäßigten Bürger-
schaft zu vermitteln. Er verhinderte die Vereinigung der Württem-
berger mit dem hellen lichten Haufen und bewog später ebenfalls
die Gaildorfer zum Rückzug aus Württemberg. Wegen seiner bürger-
lichen Tendenzen wurde er am 19. April abgesetzt, aber bereits am
nächsten Tag wieder zum Hauptmann ernannt. Er war unentbehrlich,
und selbst als Jäcklein Rohrbach am 22. mit 200 Mann entschlosse-
nen Leuten den Württembergern zuzog, blieb ihm nichts übrig, als
jenen in seiner Stelle zu lassen und sich auf genaue Überwachung
seiner Handlungen zu beschränken.
Am 18. April versuchte die Regierung mit den Bauern auf dem
Wunnenstein zu unterhandeln. Die Bauern bestanden darauf, die Re-
gierung müsse die zwölf Artikel annehmen, und dies konnten die
Bevollmächtigten natürlich nicht. Der Haufen setzte sich nun in
Bewegung. Am 20. war er in Lauffen, wo
#388# Friedrich Engels
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die Abgeordneten der Regierung zum letztenmal zurückgewiesen wur-
den. Am 22. stand er, 6000 Mann stark, in Bietigheim und bedrohte
Stuttgart. Hier war der Rat größtenteils geflohen und ein Bürger-
ausschuß an die Spitze der Verwaltung gesetzt. In der Bürger-
schaft waren dieselben Parteispaltungen zwischen Ehrbarkeit, bür-
gerlicher Opposition und revolutionären Plebejern wie überall.
Die letzteren öffneten am 25. April den Bauern die Tore, und
Stuttgart wurde sogleich besetzt. Hier wurde die Organisation des
hellen christlichen Haufens, wie sich die württembergischen In-
surgenten jetzt nannten, vollständig durchgeführt und Löhnung,
Beuteverteilung und Verpflegung etc. in feste Regeln gebracht.
Ein Fähnlein Stuttgarter unter Theus Gerber schloß sich an.
Am 29. April zog Feuerbacher mit dem ganzen Haufen gegen die bei
Schorndorf ins Württembergische eingefallenen Gaildorfer, nahm
die ganze Gegend in die Verbindung auf und bewog dadurch die
Gaildorfer zum Rückzug. Er verhinderte so, daß durch die Vermi-
schung mit den rücksichtslosen Gaildorfern das revolutionäre Ele-
ment in seinem Haufen, an dessen Spitze Rohrbach stand, eine ge-
fährliche Verstärkung erhielt. Von Schorndorf zog er auf die
Nachricht, daß der Truchseß heranziehe, diesem entgegen und la-
gerte am 1. Mai bei Kirchheim unter Teck.
Wir haben hiermit das Entstehen und die Entwickelung des Aufstan-
des in demjenigen Teil Deutschlands geschildert, den wir als das
Terrain der ersten Gruppe der Bauernhaufen betrachten müssen. Ehe
wir auf die übrigen Gruppen (Thüringen und Hessen, Elsaß, Öst-
reich und die Alpen) eingehn, müssen wir den Feldzug des Truchseß
berichten, in dem er, anfangs allein, später unterstützt von
verschiedenen Fürsten und Städten, diese erste Gruppe von In-
surgenten vernichtete.
Wir verließen den Truchseß bei Ulm, wohin er sich Ende März
wandte, nachdem er bei Kirchheim unter Teck ein Beobachtungskorps
unter Dietrich Spät zurückgelassen. Das Korps des Truchseß, nach
Herbeiziehung der in Ulm konzentrierten bündischen Verstärkungen
nicht ganz 10000 Mann stark, wovon 7200 Mann Infanterie, war das
einzige zum Angriffskrieg gegen die Bauern disponible Heer. Die
Verstärkungen kamen nur sehr langsam nach Ulm zusammen, teils we-
gen der Schwierigkeit der Werbung in insurgierten Ländern, teils
wegen des Geldmangels der Regierungen, teils weil überall die we-
nigen Truppen zur Besatzung der Festungen und Schlösser mehr als
unentbehrlich waren. Wie wenig Truppen die Fürsten und Städte
disponibel hatten, die nicht zum Schwäbischen Bund gehörten, ha-
ben wir schon gesehn. Von den Erfolgen, die Georg Truchseß mit
seiner Bundesarmee erfechten würde, hing also alles ab.
#389# Der deutsche Bauernkrieg
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Der Truchseß wandte sich zuerst gegen den Baltringer Haufen, der
inzwischen begonnen hatte, Schlösser und Klöster in der Umgebung
des Ried zu verwüsten. Die Bauern, beim Herannahen der Bundes-
truppen zurückgegangen, wurden aus den Sümpfen durch Umgehung
vertrieben, gingen über die Donau und warfen sich in die Schluch-
ten und Wälder der Schwäbischen Alb. Hier, wo ihnen die Reiterei
und das Geschütz, die Hauptstärke der bündischen Armee, nichts
anhaben konnte, verfolgte sie der Truchseß nicht weiter. Er zog
gegen die Leipheimer, die mit 5000 Mann bei Leipheim, mit 4000 im
Mindeltal und mit 6000 bei Illertissen standen, die ganze Gegend
insurgierten, Klöster und Schlösser zerstörten und sich vorberei-
teten, mit allen drei Kolonnen gegen Ulm zu ziehn. Auch hier
scheint bereits einige Demoralisation unter den Bauern eingeris-
sen zu sein und die militärische Zuverlässigkeit des Haufens ver-
nichtet zu haben; denn Jakob Wehe suchte von vornherein mit dem
Truchseß zu unterhandeln. Dieser aber ließ sich jetzt, wo er eine
hinreichende Truppenmacht hinter sich hatte, auf nichts ein, son-
dern griff am 4. April den Haupthaufen bei Leipheim an und zer-
sprengte ihn vollständig. Jakob Wehe und Ulrich Schön sowie zwei
andere Bauernführer wurden gefangen und enthauptet [381]; Leip-
heim kapitulierte, und mit einigen Streifzügen in der Umgegend
war der ganze Bezirk unterworfen.
Eine neue Rebellion der Landsknechte, durch das Verlangen der
Plünderung und einer Extralöhnung veranlaßt, hielt den Truchseß
abermals bis zum 10. April auf. Dann zog er südwestlich gegen die
Baltringer, die inzwischen in seine Herrschaften Waldburg, Zeil
und Wolfegg eingefallen waren und seine Schlösser belagerten.
Auch hier fand er die Bauern zersplittert und schlug sie am 11.
und 12. April nacheinander in einzelnen Gefechten, die den
Baltringer Haufen ebenfalls vollständig auflösten. Der Rest zog
sich unter dem Pfaffen Florian auf den Seehaufen zurück. Gegen
diesen wandte sich nun der Truchseß. Der Seehaufen, der inzwi-
schen nicht nur Streifzüge gemacht, sondern auch die Städte Buch-
horn (Friedrichshafen) und Wollmatingen in die Verbrüderung ge-
bracht hatte, hielt am 13. großen Kriegsrat im Kloster Salem und
beschloß, dem Truchseß entgegenzuziehn. Sofort wurde überall
Sturm geläutet, und 10 000 Mann, zu denen noch die geschlagenen
Baltringer stießen, versammelten sich im Bermatinger Lager. Sie
bestanden am 15. April ein günstiges Gefecht mit dem Truchseß,
der seine Armee hier nicht in einer Entscheidungsschlacht aufs
Spiel setzen wollte und vorzog zu unterhandeln, um so mehr, als
er erfuhr, daß die Allgäuer und Hegauer ebenfalls heranrückten.
Er schloß also am 17. April mit den Seebauern und Baltringern zu
Weingarten einen für sie scheinbar ziemlich günstigen Vertrag,
auf den die Bauern ohne Bedenken eingingen. Er brachte es ferner
dahin, daß die Delegierten
#390# Friedrich Engels
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der Ober- und Unterallgäuer diesen Vertrag ebenfalls annahmen,
und zog dann nach Württemberg ab.
Die List des Truchseß rettete ihn hier vor sicherem Untergang.
Hätte er nicht verstanden, die schwachen, beschränkten, größten-
teils schon demoralisierten Bauern und ihre meist unfähigen,
ängstlichen und bestechlichen Führer zu betören, so war er mit
seiner kleinen Armee zwischen vier Kolonnen, zusammen mindestens
25000 bis 30000 Mann stark, eingeschlossen und unbedingt verlo-
ren. Aber die bei Bauernmassen immer unvermeidliche Borniertheit
seiner Feinde machte es ihm möglich, sich ihrer gerade in dem Mo-
ment zu entledigen, wo sie den ganzen Krieg, wenigstens für
Schwaben und Franken, mit einem Schlage beendigen konnten. Die
Seebauern hielten den Vertrag, mit dem sie schließlich natürlich
geprellt wurden, so genau, daß sie später gegen ihre eignen Bun-
desgenossen, die Hegauer, die Waffen ergriffen; die Allgäuer,
durch ihre Führer in den Verrat verwickelt, sagten sich zwar
gleich davon los, aber inzwischen war der Truchseß aus der Ge-
fahr.
Die Hegauer, obwohl nicht in den Weingarter Vertrag eingeschlos-
sen, gaben gleich darauf einen neuen Beleg von der grenzenlosen
Lokalborniertheit und dem eigensinnigen Provinzialismus, der den
ganzen Bauernkrieg zugrunde richtete. Nachdem der Truchseß ver-
geblich mit ihnen unterhandelt hatte und nach Württemberg abmar-
schiert war, zogen sie ihm nach und blieben ihm fortwährend in
der Flanke; es fiel ihnen aber nicht ein, sich mit dem württem-
bergischen hellen christlichen Haufen zu vereinigen, und zwar aus
dem Grunde, weil die Württemberger und Neckartaler ihnen auch
einmal Hülfe abgeschlagen hatten. Als daher der Truchseß sich
weit genug von ihrer Heimat entfernt hatte, kehrten sie ruhig
wieder um und zogen gegen Freiburg.
Wir verließen die Württemberger unter Matern Feuerbacher bei
Kirchheim unter Teck, von wo das vom Truchseß zurückgelassene
Beobachtungskorps unter Dietrich Spät sich nach Urach zurückgezo-
gen hatte. Nach einem vergeblichen Versuch auf Urach wandte sich
Feuerbacher nach Nürtingen und schrieb an alle benachbarten In-
surgentenhaufen um Zuzug für die Entscheidungsschlacht. Es kamen
in der Tat sowohl aus dem württembergischen Unterland wie aus dem
Gäu bedeutende Verstärkungen. Namentlich rückten die Gäubauern,
die sich um die bis nach Westwürttemberg 1*) zurückgegangenen
Trümmer der Leipheimer gesammelt und das ganze obere Neckar- und
Nagoldtal bis nach Böblingen und Leonberg insurgiert hatten, in
zwei starken Haufen heran und vereinigten sich am 5. Mai in Nür-
tingen mit Feuerbacher.
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1*) (1850) Ostwürttemberg
#391# Der deutsche Bauernkrieg
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Bei Böblingen stieß der Truchseß auf die vereinigten Haufen. Ihre
Zahl, ihr Geschütz und ihre Stellung machten ihn stutzig; er fing
nach seiner üblichen Methode sofort Unterhandlungen an und schloß
einen Waffenstillstand mit den Bauern. Kaum hatte er sie hier-
durch sicher gemacht, so überfiel er sie am 12. Mai
w ä h r e n d d e s W a f f e n s t i l l s t a n d e s und
zwang sie zu einer Entscheidungsschlacht. Die Bauern leisteten
langen und tapferen Widerstand, bis endlich Böblingen dem Truch-
seß durch den Verrat der Bürgerschaft überliefert wurde. Der
linke Flügel der Bauern war hiermit seines Stützpunktes beraubt,
wurde geworfen und umgangen. Hierdurch war die Schlacht entschie-
den. Die undisziplinierten Bauern gerieten in Unordnung und bald
in wilde Flucht; was nicht von den bündischen Reitern niederge-
macht oder gefangen wurde, warf die Waffen weg und eilte nach
Hause. Der "helle christliche Haufen", und mit ihm die ganze
württembergische Insurrektion, war vollständig aufgelöst. Theus
Gerber entkam nach Eßlingen, Feuerbacher floh nach der Schweiz,
Jäcklein Rohrbach wurde gefangen und in Ketten bis Neckargartach
mitgeschleppt, wo ihn der Truchseß an einen Pfahl ketten, rings-
herum Holz aufschichten und so bei langsamem Feuer lebendig bra-
ten ließ, während er selbst, mit seinen Rittern zechend, sich an
diesem ritterlichen Schauspiel weidete.
Von Neckargartach aus unterstützte der Truchseß durch einen Ein-
fall in den Kraichgau die Operationen des Kurfürsten von der
Pfalz. Dieser, der inzwischen Truppen gesammelt, brach auf die
Nachricht von den Erfolgen des Truchseß sofort den Vertrag mit
den Bauern, überfiel am 23. Mai den Bruchrain, nahm und ver-
brannte Malsch nach heftigem Widerstande, plünderte eine Anzahl
von Dörfern und besetzte Bruchsal. Zu gleicher Zeit überfiel der
Truchseß Eppingen und nahm den dortigen Chef der Bewegung, Anton
Eisenhut, gefangen, den der Kurfürst nebst einem Dutzend anderer
Bauernführer sogleich hinrichten ließ. Der Bruchrain und Kraich-
gau waren hiermit pazifiziert und mußten gegen 40 000 Gulden
Brandschatzung zahlen. Die beiden Heere des Truchsessen - auf
6000 Mann reduziert durch die bisherigen Schlachten - und des
Kurfürsten (6500 Mann) vereinigten sich nun und zogen den Oden-
wäldern entgegen.
Die Nachricht von der Böblinger Niederlage hatte überall Schrec-
ken unter den Insurgenten verbreitet. Die freien Reichsstädte,
soweit sie unter die drückende Hand der Bauern geraten waren, at-
meten plötzlich wieder auf. Heilbronn war die erste, die zur Ver-
söhnung mit dem Schwäbischen Bund Schritte tat. In Heilbronn sa-
ßen die Bauernkanzlei und die Delegierten der verschiedenen Hau-
fen, um die Anträge zu beraten, die im Namen sämtlicher insur-
gierten Bauern an Kaiser und Reich gestellt werden sollten. In
diesen Verhandlungen, die ein allgemeines, für ganz Deutschland
gültiges Resultat
#392# Friedrich Engels
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haben sollten, stellte sich abermals heraus, wie kein einzelner
Stand, auch der der Bauern nicht, weit genug entwickelt war, um
von seinem Standpunkt aus die gesamten deutschen Zustände neu zu
gestalten. Es zeigte sich sogleich, daß man zu diesem Zweck den
Adel und ganz besonders die Bürgerschaft gewinnen mußte. Wendel
Hipler bekam hiermit die Leitung der Verhandlungen in seine
Hände. Wendel Hipler erkannte von allen Führern der Bewegung die
bestehenden Verhältnisse am richtigsten. Er war kein weitgreifen-
der Revolutionär wie Münzer, kein Repräsentant der Bauern wie
Metzler oder Rohrbach. Seine vielseitige Erfahrung, seine prakti-
sche Kenntnis der Stellung der einzelnen Stände gegeneinander
verhinderte ihn, einen der in der Bewegung verwickelten Stände
gegen die andern ausschließlich zu vertreten. Gerade wie Münzer,
als Repräsentant der ganz außer dem bisherigen offiziellen
Gesellschaftsverband stehenden Klasse, der Anfänge des Proleta-
riats, zur Vorahnung des Kommunismus getrieben wurde, geradeso
kam Wendel Hipler, der Repräsentant sozusagen des Durchschnitts
aller progressiven Elemente der Nation, bei der Vorahnung der
m o d e r n e n b ü r g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t
an. Die Grundsätze, die er vertrat, die Forderungen, die er auf-
stellte, waren zwar nicht das unmittelbar Mögliche, sie waren
aber das, etwas idealisierte, notwendige Resultat der bestehenden
Auflösung der feudalen Gesellschaft; und die Bauern, sobald sie
sich darangaben, für das ganze Reich Gesetzentwürfe zu machen,
waren genötigt, darauf einzugehn. So nahm die Zentralisation, die
von den Bauern gefordert wurde, hier in Heilbronn eine positivere
Gestalt an, eine Gestalt, die von der Vorstellung der Bauern über
sie indes himmelweit verschieden war. So wurde sie z. B. in der
Herstellung der Einheit von Münze, Maß und Gewicht, in der Aufhe-
bung der inneren Zölle etc. näher bestimmt, kurz, in Forderungen,
die weit mehr im Interesse der Städtebürger als der Bauern waren.
So wurden dem Adel Konzessionen gemacht, die sich den modernen
Ablösungen bedeutend nähern und die auf die schließliche Ver-
wandlung des feudalen Grundbesitzes in bürgerlichen hinausliefen.
Kurz, sobald die Forderungen der Bauern zu einer "Reichsreform"
zusammengefaßt wurden, mußten sie sich nicht den momentanen For-
derungen, aber den definitiven Interessen der Bürger unterordnen.
Während diese Reichsreform in Heilbronn noch debattiert wurde,
reiste der Verfasser der "Deklaration der zwölf Artikel", Hans
Berlin, schon dem Truchseß entgegen [360], um im Namen der
Ehrbarkeit und Bürgerschaft wegen Übergabe der Stadt zu
unterhandeln. Reaktionäre Bewegungen in der Stadt unterstützten
den Verrat, und Wendel Hipler mußte mit den Bauern fliehen. Er
ging nach Weinsberg, wo er die Trümmer der Württemberger und die
wenige mobile Mannschaft der Gaildorfer zu sammeln suchte. Aber
das
#393# Der deutsche Bauernkrieg
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Herannahen des Kurfürsten von der Pfalz und des Truchseß vertrieb
ihn auch von hier, und so mußte er nach Würzburg gehn, um den
hellen lichten Haufen in Bewegung zu bringen. Die bündischen und
kurfürstlichen Truppen unterwarfen indes die ganze Neckargegend,
zwangen die Bauern, neu zu huldigen, verbrannten viele Dörfer und
erstachen oder hängten alle flüchtigen Bauern, deren sie habhaft
wurden. Weinsberg wurde, zur Rache für die Hinrichtung des Hel-
fensteiners, niedergebrannt.
Die vor Würzburg vereinigten Haufen hatten inzwischen den Frauen-
berg belagert und am 15. Mai, noch ehe die Bresche geschossen
war, einen tapfern, aber vergeblichen Sturm auf die Festung ver-
sucht. 400 der besten Leute, meist von Florian Geyers Schar,
blieben in den Gräben tot oder verwundet liegen. [352] Zwei Tage
später, am 17., kam Wendel Hipler an und ließ einen Kriegsrat
halten. Er schlug vor, nur 4000 Mann vor dem Frauenberg zu lassen
und mit der ganzen, an 20 000 Mann starken Hauptmacht unter den
Augen des Truchseß bei Krautheim an der Jagst ein Lager zu bezie-
hen, auf das sich alle Verstärkungen konzentrieren könnten. Der
Plan war vortrefflich; nur durch Zusammenhalten der Massen und
durch Überzahl konnte man hoffen, das jetzt an 13000 Mann starke
fürstliche Heer zu schlagen. Aber schon war die Demoralisation
und Entmutigung unter den Bauern zu groß geworden, um noch ir-
gendeine energische Aktion zuzulassen. Götz von Berlichingen, der
bald darauf offen als Verräter auftrat, mag auch dazu beigetragen
haben, den Haufen hinzuhalten, und so wurde der Hiplersche Plan
nie ausgeführt. Statt dessen wurden die Haufen, wie immer, zer-
splittert. Erst am 23. Mai setzte sich der helle lichte Haufen in
Bewegung, nachdem die Franken versprochen hatten, schleunigst zu
folgen. Am 26. wurden die in Würzburg lagernden markgräflich-ans-
bachschen Fähnlein heimgerufen durch die Nachricht, daß der Mark-
graf 1*) die Feindseligkeiten gegen die Bauern eröffnet habe. Der
Rest des Belagerungsheers, nebst Florian Geyers Schwarzer Schar,
nahm Position bei Heidingsfeld, nicht weit von Würzburg.
Der helle lichte Haufen kam am 24. Mai in Krautheim an, in einem
wenig schlagfertigen Zustand. Hier hörten viele, daß ihre Dörfer
inzwischen dem Truchseß gehuldigt hatten, und nahmen dies zum
Vorwand, um nach Hause zu gehn. Der Haufe zog weiter nach
Neckarsulm und unterhandelte am 28. mit dem Truchseß. Zugleich
wurden Boten an die Franken, Elsässer und Schwarzwald-Hegauer mit
der Aufforderung zu schleunigem Zuzug geschickt. Von Neckarsulm
marschierte Götz [von Berlichingen] auf Öhringen zurück. Der
Haufe schmolz täglich zusammen; auch Götz von Berlichingen
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1*) Kasimir
#394# Friedrich Engels
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verschwand während des Marsches; er war heimgeritten, nachdem er
schon früher durch seinen alten Waffengefährten Dietrich Spät mit
dem Truchseß wegen seines Übertritts unterhandelt hatte. Bei
Öhringen, infolge falscher Nachrichten über das Herannahen des
Feindes, ergriff plötzlich ein panischer Schreck die rat- und
mutlose Masse; der Haufen lief in voller Unordnung auseinander,
und nur mit Mühe konnten Metzler und Wendel Hipler etwa 2000 Mann
zusammenhalten, die sie wieder auf Krautheim führten. Inzwischen
war das fränkische Aufgebot, 5000 Mann stark, herangekommen, aber
durch einen von Götz offenbar in verräterischer Absicht angeord-
neten Seitenmarsch über Löwenstein nach Öhringen verfehlte es den
hellen Haufen und zog auf Neckarsulm. Dies Städtchen, von einigen
Fähnlein des hellen lichten Haufens besetzt, wurde vom Truchseß
belagert. Die Franken kamen in der Nacht an und sahen die Feuer
des bündischen Lagers; aber ihre Führer hatten nicht den Mut,
einen Überfall zu wagen, und zogen sich nach Krautheim zurück, wo
sie endlich den Rest des hellen lichten Haufens fanden.
Neckarsulm ergab sich, als kein Entsatz kam, am 29. an die Bündi-
schen, der Truchseß ließ sofort dreizehn Bauern hinrichten und
zog dann sengend und brennend, plündernd und mordend den Haufen
entgegen. Im ganzen Neckar-, Kocher- und Jagsttal bezeichneten
Schutthaufen und an den Bäumen aufgehängte Bauern seinen Weg.
Bei Krautheim stieß das bündische Heer auf die Bauern, die sich,
durch eine Flankenbewegung des Truchseß gezwungen, auf Königs-
hofen an der Tauber zurückgezogen. Hier faßten sie, 8000 Mann mit
32 Kanonen, Position. Der Truchseß näherte sich ihnen hinter Hü-
geln und Wäldern versteckt, ließ Umgehungskolonnen vorrücken und
überfiel sie am 2. Juni mit solcher Übermacht und Energie, daß
sie trotz der hartnäckigsten, bis in die Nacht fortgesetzten Ge-
genwehr mehrerer Kolonnen vollständig geschlagen und aufgelöst
wurden. Wie immer, trug auch hier die bündische Reiterei, "der
Bauern Tod", hauptsächlich zur Vernichtung des Insurgentenheers
bei, indem sie sich auf die durch Artillerie, Büchsenfeuer und
Lanzenangriffe erschütterten Bauern warf, sie vollständig zer-
sprengte und einzeln niedermachte. Welche Art von Krieg der
Truchseß mit seinen Reitern führte, beweist das Schicksal der 300
Königshofener Bürger, die beim Bauernheer waren. Sie wurden wäh-
rend der Schlacht bis auf fünfzehn niedergehauen, und von diesen
fünfzehn wurden nachträglich noch vier enthauptet.
Nachdem er so mit den Odenwäldern, Neckartalern und Niederfranken
fertig geworden, pazifizierte der Truchseß durch Streifzüge, Ver-
brennung ganzer Dörfer und zahllose Hinrichtungen die ganze Umge-
gend und zog dann gegen Würzburg. Unterwegs erfuhr er, daß der
zweite fränkische Haufe
#395# Der deutsche Bauernkrieg
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unter Florian Geyer und Gregor von Burgbernheim bei Sulzdorf
stand, und sofort wandte er sich gegen diesen.
Florian Geyer, der seit dem vergeblichen Sturm auf den Frauenberg
hauptsächlich mit den Fürsten und Städten, namentlich mit Rothen-
burg und dem Markgrafen Kasimir von Ansbach, wegen ihres Bei-
tritts zur Bauernverbrüderung unterhandelt hatte, wurde durch die
Nachricht der Königshofener Niederlage plötzlich abgerufen. Mit
seinem Haufen vereinigte sich der ansbachsche unter Gregor von
Burgbernheim. Dieser Haufe hatte sich erst neuerdings gebildet.
Der Markgraf Kasimir hatte in echt hohenzollerscher Weise den
Bauernaufstand in seinem Gebiet teils durch Versprechungen, teils
durch drohende Truppenmassen im Schach zu halten gewußt. Er hielt
vollständige Neutralität gegen alle fremden Haufen, solange sie
keine ansbachschen Untertanen an sich zogen. Er suchte den Haß
der Bauern hauptsächlich auf die geistlichen Stifter zu lenken,
durch deren schließliche Konfiskation er sich zu bereichern ge-
dachte. Dabei rüstete er fortwährend und wartete die Ereignisse
ab. Kaum war die Nachricht von der Schlacht bei Böblingen ein-
getroffen, als er sofort die Feindseligkeiten gegen seine rebel-
lischen Bauern eröffnete, ihnen die Dörfer plünderte und ver-
brannte und viele von ihnen hängen und niedermachen ließ. Die
Bauern jedoch zogen sich rasch zusammen und schlugen ihn, unter
Gregor von Burgbernheim, am 29. Mai bei Windsheim. Während sie
ihn noch verfolgten, erreichte sie der Ruf der bedrängten Oden-
wälder, und sofort wandten sie sich nach Heidingsfeld und von
dort mit Florian Geyer wieder nach Würzburg (2. Juni). Hier lie-
ßen sie, stets ohne Nachricht von den Odenwäldern, 5000 Bauern
zurück und zogen mit 4000 Mann - der Rest war auseinandergelaufen
- den übrigen nach. Durch falsche Nachrichten über den Ausfall
der Schlacht bei Königshofen sicher gemacht, wurden sie bei Sulz-
dorf vom Truchseß überfallen und total geschlagen. Wie gewöhnlich
richteten die Reiter und Knechte des Truchsessen ein furchtbares
Blutbad an. Florian Geyer hielt den Rest seiner Schwarzen Schar,
600 Mann, zusammen und schlug sich durch nach dem Dorf Ingol-
stadt. 200 Mann besetzten die Kirche und den Kirchhof, 400 das
Schloß. [353] Die Pfälzer hatten ihn verfolgt, eine Kolonne von
1200 Mann nahm das Dorf und zündete die Kirche an; was nicht in
den Flammen unterging, wurde niedergemacht. Dann schössen die
Pfälzer Bresche in die baufällige Mauer des Schlosses und ver-
suchten den Sturm. Zweimal von den Bauern, die hinter einer inne-
ren Mauer gedeckt standen, zurückgeschlagen, schössen sie auch
diese zweite Mauer zusammen und versuchten dann den dritten
Sturm, der auch gelang. Die Hälfte von Geyers Leuten wurde zu-
sammengehauen; mit den letzten zweihundert entkam er glücklich.
Aber sein
#396# Friedrich Engels
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Zufluchtsort wurde schon am nächsten Tage (Pfingstmontag) ent-
deckt; die Pfälzer umzingelten den Wald, in dem er versteckt lag,
und hieben den ganzen Haufen nieder. Nur 17 Gefangene wurden wäh-
rend dieser zwei Tage gemacht. Florian Geyer hatte sich mit weni-
gen der Entschlossensten wieder durchgeschlagen und wandte sich
nun zu den Gaildorfern, die wieder an 7000 Mann stark zusammen-
getreten waren. Aber als er hinkam, fand er sie, infolge der nie-
derschlagenden Nachrichten von allen Seiten, größtenteils wieder
aufgelöst. Er machte noch den Versuch, die Versprengten in den
Wäldern zu sammeln, wurde aber am 9. Juni bei Hall von Truppen
überrascht und fiel fechtend [354].
Der Truchseß, der schon gleich nach dem Sieg von Königshofen den
Belagerten auf dem Frauenberg Nachricht gegeben hatte, rückte nun
auf Würzburg. Der Rat verständigte sich heimlich mit ihm, so daß
das bündische Heer in der Nacht des 7. Juni die Stadt nebst den
darin befindlichen 5000 Bauern umzingeln und am nächsten Morgen
in die vom Rat geöffneten Tore ohne Schwertstreich einziehen
konnte. Durch diesen Verrat der Würzburger "Ehrbarkeit" wurde der
letzte fränkische Bauernhaufe entwaffnet und sämtliche Führer ge-
fangen. Der Truchseß ließ sogleich 81 enthaupten. Hier in Würz-
burg trafen nun nacheinander dis verschiedenen fränkischen Für-
sten ein; der Bischof von Würzburg 1*) selbst, der von Bamberg
2*) und der Markgraf von Bran-denburg-Ansbach 3*). Die gnädigen
Herren verteilten unter sich die Rollen. Der Truchseß zog mit dem
Bischof von Bamberg, der jetzt sofort den mit seinen Bauern
abgeschlossenen Vertrag brach und sein Land den wütenden Mord-
brennerhorden des bündischen Heeres preisgab. Der Markgraf
Kasimir verwüstete sein eigenes Land. Deiningen wurde verbrannt;
zahllose Dörfer wurden geplündert oder den Flammen preisgegeben;
dabei hielt der Markgraf in jeder Stadt ein Blutgericht ab. In
Neustadt an der Aisch ließ er achtzehn, in Bergel dreiundvierzig
Rebellen enthaupten. Von da zog er nach Rothenburg, wo die
Ehrbarkeit bereits eine Kontrerevolution gemacht und Stephan von
Menzingen verhaftet hatte. Die Rothenburger Kleinbürger und
Plebejer mußten jetzt schwer dafür büßen, daß sie sich den Bauern
gegenüber so zweideutig benommen, daß sie ihnen bis ganz zuletzt
alle Hülfe abgeschlagen, daß sie in ihrem lokalbornierten
Eigennutz auf Unterdrückung der ländlichen Gewerbe zugunsten der
städtischen Zünfte bestanden und nur widerwillig die aus den
Feudalleistungen der Bauern fließenden städtischen Einkünfte
aufgegeben hatten. Der Markgraf ließ ihrer sechzehn köpfen, voran
natürlich Menzingen. - Der Bischof von Würzburg durchzog in
gleicher Weise sein Gebiet, überall plündernd, verwüstend und
sengend. Er ließ auf seinem
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1*) Konrad III. von Thüngen - 2*) Weigand von Redwitz - 3*) Kasi-
mir
#397# Der deutsche Bauernkrieg
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Siegeszug 256 Rebellen hinrichten und krönte sein Werk, bei sei-
ner Rückkehr nach Würzburg, durch die Enthauptung von noch drei-
zehn Würzburgern.
Im Mainzischen stellte der Statthalter, Bischof Wilhelm von
Straßburg 1*), die Ruhe ohne Widerstand her. Er ließ nur vier
hinrichten. Der Rheingau, der ebenfalls erregt gewesen, wo aber
längst alles nach Hause gegangen war, wurde nachträglich von Fro-
win von Hutten, Ulrichs Vetter, überfallen und durch Hinrichtung
von zwölf Rädelsführern vollends "beruhigt". Frankfurt, das auch
bedeutende revolutionäre Bewegungen erlebt hatte, war anfangs
durch Nachgiebigkeit des Rats, später durch angeworbene Truppen
im Zaum gehalten worden. In der Rheinpfalz hatten sich seit dem
Vertragsbruch des Kurfürsten wieder an 8000 Bauern zusammengerot-
tet und von neuem Klöster und Schlösser verbrannt; aber der Trie-
rer Erzbischof 2*) zog den Marschall von Habern zu Hülfe und
schlug sie schon am 23. Mai bei Pfeddersheim. Eine Reihe von
Grausamkeiten (in Pfeddersheim allein wurden 82 hingerichtet) und
die Einnahme von Weißenburg am 7. Juli beendeten hier den Auf-
stand.
Von sämtlichen Haufen blieben jetzt nur noch zwei zu besiegen:
die Hegau-Schwarzwälder und die Allgäuer. Mit beiden hatte der
Erzherzog Ferdinand intrigiert. Wie Markgraf Kasimir und andere
Fürsten den Aufstand zur Aneignung der geistlichen Ländereien und
Fürstentümer, so suchte er ihn zur Vergrößerung der östreichi-
schen Hausmacht zu benutzen. Er hatte mit dem Allgäuer Hauptmann
Walter Bach und mit dem Hegauer Hans Müller von Bulgenbach unter-
handelt, um die Bauern dahin zu bringen, sich für den Anschluß an
Östreich zu erklären, aber obwohl beide Chefs käuflich waren,
konnten sie bei den Haufen weiter nichts durchsetzen, als daß die
Allgäuer mit dem Erzherzog einen Waffenstillstand schlössen und
die Neutralität gegen östreich beobachteten.
Die Hegauer hatten auf ihrem Rückzug aus dem Württembergischen
eine Anzahl Schlösser zerstört und Verstärkungen aus den mark-
gräflich-badischen Ländern an sich gezogen. Sie marschierten am
13. Mai gegen Freiburg, beschossen es vom 18. an und zogen am
23., nachdem die Stadt kapituliert hatte, mit fliegenden Fahnen
hinein. Von dort zogen sie gegen Stockach und Radolfzell und
führten lange einen erfolglosen kleinen Krieg gegen die Besatzun-
gen dieser Städte. Diese, sowie der Adel und die umliegenden
Städte, riefen kraft des Weingarter Vertrags die Seebauern um
Hülfe an, und die ehemaligen Rebellen des Seehaufens erhoben
sich, 5000 Mann stark, gegen ihre Bundesgenossen. So stark war
die Lokalborniertheit dieser Bauern. Nur 600 weigerten sich,
wollten sich den Hegauern anschließen und wurden massakriert. Die
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1*) Wilhelm von Honstein - 2*) Richard von Greiffenklau
#398# Friedrich Engels
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Hegauer jedoch, durch den abgekauften Hans Müller von Bulgenbach
veranlaßt [355], hatten bereits die Belagerung aufgehoben und wa-
ren, als Hans Müller gleich darauf floh, meist auseinandergegan-
gen. Der Rest verschanzte sich an der Hilzinger Steige, wo er am
16. Juli von den inzwischen disponibel gewordenen Truppen ge-
schlagen und vernichtet wurde. Die Schweizer Städte vermittelten
einen Vertrag für die Hegauer, der indes nicht verhinderte, daß
Hans Müller trotz seines Verrats zu Laufenburg verhaftet und ent-
hauptet wurde. Im Breisgau fiel nun auch Freiburg (17. Juli) vom
Bunde der Bauern ab und schickte Truppen gegen sie; doch auch
hier kam bei der Schwäche der fürstlichen Streitkräfte am 18.
September ein Vertrag zu Offenburg [356] zustande, in den auch
der Sundgau eingeschlossen wurde. Die acht Einungen des
Schwarzwalds und die Klettgauer, die noch nicht entwaffnet waren,
wurden durch die Tyrannei des Grafen von Sulz abermals zum
Aufstand getrieben und im Oktober geschlagen. Am 13. November
wurden die Schwarzwälder zu einem Vertrag gezwungen, und am 6.
Dezember fiel Waldshut, das letzte Bollwerk der Insurrektion am
Oberrhein. [357]
Die Allgäuer hatten seit dem Abzug des Truchseß ihre Kampagne ge-
gen Klöster und Schlösser wieder aufgenommen und für die Verwü-
stungen der Bündischen energische Repressalien geübt. Sie hatten
wenig Truppen sich gegenüber, die nur einzelne kleine Überfälle
unternahmen, ihnen aber nie in die Wälder folgen konnten. Im Juni
brach in Memmingen, das sich ziemlich neutral gehalten hatte,
eine Bewegung gegen die Ehrbarkeit aus, die nur durch die zufäl-
lige Nähe einiger bündischen Truppen, welche der Ehrbarkeit noch
zur rechten Zeit zu Hülfe kommen konnten, unterdrückt wurde.
Schappeler, der Prediger und Führer der plebejischen Bewegung,
entkam nach Sankt Gallen. Die Bauern zogen nun vor die Stadt und
wollten eben mit dem Brescheschießen beginnen, als sie erfuhren,
daß der Truchseß von Würzburg heranzog. Am 27. Juli marschierten
sie ihm in zwei Kolonnen über Babenhausen und Obergünzburg entge-
gen. Der Erzherzog Ferdinand versuchte nochmals, die Bauern für
das Haus Östreich zu gewinnen. Gestützt auf den Waffenstillstand,
den er mit ihnen abgeschlossen, forderte er den Truchseß auf,
nicht weiter gegen sie vorzurücken. Der Schwäbische Bund jedoch
befahl ihm, sie anzugreifen und nur das Sengen und Brennen zu
lassen; der Truchseß war indes viel zu klug, um auf sein erstes
und entscheidendstes Kriegsmittel zu verzichten, selbst wenn es
ihm möglich gewesen wäre, die vom Bodensee bis an den Main von
Exzeß zu Exzeß geführten Landsknechte im Zaum zu halten. Die Bau-
ern faßten Position hinter der Iiier und Leubas, an 23000 Mann
stark. Der Truchseß stand ihrer Front gegenüber mit 11000 Mann.
Die Stellungen beider Heere waren stark; die Reiterei konnte auf
dem vorliegenden Terrain
#399# Der deutsche Bauernkrieg
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nicht wirken; und wenn die Landsknechte des Truchseß an Organisa-
tion, militärischen Hülfsquellen und Disziplin den Bauern überle-
gen waren, so zählten die Allgäuer eine Menge gedienter Soldaten
und erfahrener Hauptleute in ihren Reihen und hatten zahlreiches,
gut bedientes Geschütz. Am
19. Juli eröffneten die Bündischen eine Kanonade, die von beiden
Seiten am
20. fortgesetzt wurde, jedoch ohne Resultat. Am 21. stieß Georg
von Frundsberg mit 300 Landsknechten zum Truchseß. Er kannte
viele der Bauernhauptleute, die unter ihm in den italienischen
Feldzügen gedient hatten, und knüpfte Unterhandlungen mit ihnen
an. Der Verrat gelang, wo die militärischen Hülfsmittel nicht
ausreichten. Walter Bach, mehrere andere Hauptleute und Geschütz-
meister ließen sich kaufen. Sie ließen den ganzen Pulvervorrat
der Bauern in Brand stecken und bewegten den Haufen zu einem Um-
gehungsversuch. Kaum aber waren die Bauern aus ihrer festen Stel-
lung heraus, so fielen sie in den Hinterhalt, den ihnen der
Truchseß nach Verabredung mit Bach und den anderen Verrätern ge-
legt hatte. Sie konnten sich um so weniger verteidigen, als ihre
Hauptleute, die Verräter, sie unter dem Vorwand einer Rekognos-
zierung verlassen hatten und schon auf dem Wege nach der Schweiz
waren. Zwei der Bauernkolonnen wurden so vollständig zersprengt,
die dritte, unter dem Knopf von Leubas, konnte sich noch geordnet
zurückziehen. Sie stellte sich wieder auf dem Kollenberg bei
Kempten, wo der Truchseß sie einschloß. Auch hier wagte er nicht,
sie anzugreifen; er schnitt ihr die Zufuhr ab und suchte sie zu
demoralisieren, indem er an 200 Dörfer in der Umgegend nieder-
brennen ließ. Der Hunger und der Anblick ihrer brennenden Wohnun-
gen brachte die Bauern endlich dahin, daß sie sich ergaben (25.
Juli). Mehr als zwanzig wurden sogleich hingerichtet. Der Knopf
von Leubas, der einzige Führer dieses Haufens, der seine Fahne
nicht verraten hatte, entkam nach Bregenz; aber hier wurde er
verhaftet und nach langem Gefängnis gehängt.
Damit war der schwäbisch-fränkische Bauernkrieg beendet.
#400#
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VI
[Der thüringische, elsässische und österreichische Bauernkrieg]
Gleich beim Ausbruch der ersten Bewegungen in Schwaben war Thomas
Münzer wieder nach Thüringen geeilt und hatte seit Ende Februar
oder anfangs März seinen Wohnsitz in der freien Reichsstadt Mühl-
hausen genommen, wo seine Partei am stärksten war. Er hatte die
Fäden der ganzen Bewegung in der Hand; er wußte, welch allgemei-
ner Sturm in Süddeutschland auszubrechen im Begriff war, und
hatte es übernommen, Thüringen in das Zentrum der Bewegung für
Norddeutschland zu verwandeln. Er fand einen höchst fruchtbaren
Boden. Thüringen selbst, der Hauptsitz der Reformationsbewegung,
war im höchsten Grade aufgeregt; und die materielle Not der un-
terdrückten Bauern nicht minder als die kursierenden revolutio-
nären, religiösen und politischen Doktrinen hatten auch die be-
nachbarten Länder, Hessen, Sachsen und die Harzgegend, für einen
allgemeinen Aufstand vorbereitet. In Mühlhausen namentlich war
die ganze Masse der Kleinbürgerschaft für die extreme, Münzersche
Richtung gewonnen und konnte kaum den Moment erwarten, an dem sie
ihre Überzahl gegen die hochmütige Ehrbarkeit geltend machen
sollte. Münzer selbst mußte, um dem richtigen Moment nicht vorzu-
greifen, besänftigend auftreten; doch sein Schüler Pfeifer, der
hier die Bewegung dirigierte, hatte sich schon so kompromittiert,
daß er den Ausbruch nicht zurückhalten konnte, und schon am 17.
März 1525, noch vor dem allgemeinen Aufstand in Süddeutschland,
machte Mühlhausen seine Revolution. Der alte patrizische Rat
wurde gestürzt und die Regierung in die Hände des neugewählten
"ewigen Rats" gelegt, dessen Präsident Münzer wart [358].
Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei wi-
derfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Re-
gierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für
die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchfüh-
rung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert.
Was er tun k a n n, hängt nicht von seinem Willen ab, sondern
#401# Der deutsche Bauernkrieg
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von der Höhe, auf die der Gegensatz der verschiedenen Klassen ge-
trieben ist, und von dem Entwicklungsgrad der materiellen Exi-
stenzbedingungen, der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, auf
dem der jedesmalige Entwicklungsgrad der Klassengegensätze be-
ruht. Was er tun s o l l, was seine eigne Partei von ihm ver-
langt, hängt wieder nicht von ihm ab, aber auch nicht von dem
Entwicklungsgrad des Klassenkampfs und seiner Bedingungen; er ist
gebunden an seine bisherigen Doktrinen und Forderungen, die wie-
der nicht aus der momentanen Stellung der gesellschaftlichen
Klassen gegeneinander und aus dem momentanen, mehr oder weniger
zufälligen Stande der Produktions- und Verkehrsverhältnisse her-
vorgehn, sondern aus seiner größeren oder geringeren Einsicht in
die allgemeinen Resultate der gesellschaftlichen 1*) und politi-
schen Bewegung. Er findet sich so notwendigerweise in einem un-
lösbaren Dilemma: Was er tun k a n n, widerspricht seinem gan-
zen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren
Interessen seiner Partei; und was er tun s o l l, ist nicht
durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine
Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, für deren
Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er muß im Interesse der
Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse durchfüh-
ren und seine eigne Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit
der Beteuerung abfertigen, daß die Interessen jener fremden
Klasse ihre eignen Interessen sind. Wer in diese schiefe Stellung
gerät, ist unrettbar verloren. In der neuesten Zeit noch haben
wir Beispiele davon erlebt; wir erinnern nur an die Stellung, die
in der letzten französischen provisorischen Regierung die Vertre-
ter des Proletariats einnahmen [359], obwohl sie selbst nur eine
sehr untergeordnete Entwicklungsstufe des Proletariats repräsen-
tierten. Wer nach den Erfahrungen der Februarregierung - von un-
sern edlen deutschen provisorischen Regierungen und Reichsregent-
schaften nicht zu sprechen - noch auf offizielle Stellungen spe-
kulieren kann, muß entweder über die Maßen borniert sein oder der
extrem-revolutionären Partei höchstens mit der Phrase angehören.
Die Stellung Münzers an der Spitze des ewigen Rats von Mühlhausen
war indes noch viel gewagter als die irgendeines modernen revolu-
tionären Regenten. Nicht nur die damalige Bewegung, auch sein
ganzes Jahrhundert war nicht reif für die Durchführung der Ideen,
die er selbst erst dunkel zu ahnen begonnen hatte. Die Klasse,
die er repräsentierte, weit entfernt, vollständig entwickelt und
fähig zur Unterjochung und Umbildung der ganzen Gesellschaft zu
sein, war eben erst im Entstehen begriffen. Der gesellschaftliche
Umschwung, der seiner Phantasie vorschwebte, war noch so wenig in
den vorliegenden
#402# Friedrich Engels
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liegenden materiellen Verhältnissen begründet, daß diese sogar
eine Gesellschaftsordnung vorbereiteten, die das gerade Gegenteil
seiner geträumten Gesellschaftsordnung war. Dabei aber blieb er
an seine bisherigen Predigten von der christlichen Gleichheit und
der evangelischen Gütergemeinschaft gebunden; er mußte wenigstens
den Versuch ihrer Durchführung machen. Die Gemeinschaft aller Gü-
ter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaf-
fung aller Obrigkeit wurde proklamiert. [360] Aber in der Wirk-
lichkeit blieb Mühlhausen eine republikanische Reichsstadt mit
etwas demokratisierter Verfassung, mit einem aus allgemeiner Wahl
hervorgegangenen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand,
und mit einer eilig improvisierten Naturalverpflegung der Armen.
Der Gesellschaftsumsturz, der den protestantischen bürgerlichen
Zeitgenossen so entsetzlich vorkam, ging in der Tat nie hinaus
über einen schwachen und unbewußten Versuch zur übereilten Her-
stellung der späteren bürgerlichen Gesellschaft.
Münzer selbst scheint die weite Kluft zwischen seinen Theorien
und der unmittelbar vorliegenden Wirklichkeit gefühlt zu haben,
eine Kluft, die ihm um so weniger verborgen bleiben konnte, je
verzerrter seine genialen Anschauungen sich in den rohen Köpfen
der Masse seiner Anhänger widerspiegeln mußten. Er warf sich mit
einem selbst bei ihm unerhörten Eifer auf die Ausbreitung und Or-
ganisation der Bewegung; er schrieb Briefe und sandte Boten und
Emissäre nach allen Seiten aus. Seine Schreiben und Predigten at-
men einen revolutionären Fanatismus, der selbst nach seinen frü-
heren Schriften in Erstaunen setzt. Der naive jugendliche Humor
der vorrevolutionären Münzerschen Pamphlete ist ganz verschwun-
den; die ruhige, entwickelnde Sprache des Denkers, die ihm früher
nicht fremd war, kommt nicht mehr vor. Münzer ist jetzt ganz
Revolutionsprophet; er schürt unaufhörlich den Haß gegen die
herrschenden Klassen, er stachelt die wildesten Leidenschaften
auf und spricht nur noch in den gewaltsamen Wendungen, die das
religiöse und nationale Delirium den alttestamentarischen Prophe-
ten in den Mund legte. Man sieht aus dem Stil, in den er sich
jetzt hineinarbeiten mußte, auf welcher Bildungsstufe das Publi-
kum stand, auf das er zu wirken hatte.
Das Beispiel Mühlhausens und die Agitation Münzers wirkten rasch
in die Ferne. In Thüringen, im Eichsfeld, im Harz, in den sächsi-
schen Herzogtümern, in Hessen und Fulda, in Oberfranken und im
Vogtland standen überall Bauern auf, zogen sich in Haufen zusam-
men und verbrannten Schlösser und Klöster. Münzer war mehr oder
weniger als Führer der ganzen Bewegung anerkannt, und Mühlhausen
blieb Zentralpunkt, während in Erfurt eine rein bürgerliche Bewe-
gung siegte und die dort herrschende Partei fortwährend eine
zweideutige Stellung gegen die Bauern beobachtete.
#403# Der deutsche Bauernkrieg
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Die Fürsten waren in Thüringen anfangs geradeso ratlos und ohn-
mächtig gegenüber den Bauern wie in Franken und Schwaben. Erst in
den letzten Tagen des April gelang es dem Landgrafen von Hessen,
ein Korps zusammenzuziehn - demselben Landgrafen Philipp, von
dessen Frömmigkeit die protestantischen und bürgerlichen Reforma-
tionsgeschichten so viel zu rühmen wissen und von dessen Infamien
gegen die Bauern wir sogleich ein geringes Wörtlein vernehmen
werden. Der Landgraf Philipp unterwarf durch ein paar rasche Züge
und durch bestimmtes Auftreten bald den größten Teil seines Lan-
des, zog neue Aufgebote heran und wandte sich dann ins Gebiet des
Abts von Fulda, seines bisherigen Lehnsherrn [361]. Er schlug den
Fuldaer Bauernhaufen am 3. Mai am Frauenberg, unterwarf das ganze
Land und benutzte die Gelegenheit, nicht nur sich von der Oberho-
heit des Abts loszumachen, sondern sogar die Abtei Fulda in ein
hessisches Lehen zu verwandeln - vorbehaltlich ihrer späteren Sä-
kularisierung natürlich. Dann nahm er Eisenach und Langensalza
und zog, mit den herzoglich-sächsischen Truppen vereinigt, gegen
den Hauptsitz der Rebellion, gegen Mühlhausen. Münzer zog seine
Streitkräfte, an 8000 Mann mit einigem Geschütz, bei Franken-
hausen zusammen. Der thüringische Haufe war weit entfernt davon,
die Schlagfähigkeit zu besitzen, die ein Teil der oberschwäbi-
schen und fränkischen Haufen dem Truchseß gegenüber entwickelte;
er war schlecht bewaffnet und schlecht diszipliniert, er zählte
wenig gediente Soldaten und ermangelte aller Führer. Münzer
selbst besaß offenbar nicht die geringsten militärischen Kennt-
nisse. Dennoch fanden es die Fürsten angemessen, auch hier die
Taktik anzuwenden, die dem Truchseß so oft zum Sieg verholfen
hatte: die Wortbrüchigkeit. Am 16.Mai leiteten sie Unterhandlun-
gen ein, schlössen einen Waffenstillstand und überfielen dann
plötzlich die Bauern, noch ehe der Stillstand abgelaufen war.
Münzer stand mit den Seinen auf dem noch jetzt so genannten
Schlachtberg, verschanzt hinter einer Wagenburg. Die Entmutigung
unter dem Haufen war schon sehr im Zunehmen. Die Fürsten verspra-
chen Amnestie, wenn der Haufe ihnen Münzer lebendig ausliefern
wolle. Münzer ließ einen Kreis bilden und die Anträge der Fürsten
debattieren. Ein Ritter und ein Pfaff sprachen sich für die Kapi-
tulation aus; Münzer ließ sie beide sofort in den Kreis führen
und enthaupten. Dieser von den entschlossenen Revolutionären mit
Jubel aufgenommene Akt terroristischer Energie brachte wieder ei-
nigen Halt in den Haufen; aber schließlich wäre er doch zum größ-
ten Teil ohne Widerstand auseinandergegangen, wenn man nicht be-
merkt hätte, daß die fürstlichen Landsknechte, nachdem sie den
ganzen Berg umstellt, trotz des Stillstands in geschlossenen Ko-
lonnen heranrückten. Schnell wurde die Front
#404# Friedrich Engels
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hinter den Wagen formiert, aber schon schlugen die Geschütz- und
Büchsenkugeln in die halb wehrlosen, kampfungewohnten Bauern,
schon waren die Landsknechte bei der Wagenburg angelangt. Nach
kurzem Widerstand war die Wagenlinie durchbrochen, die Kanonen
der Bauern waren erobert und sie selbst versprengt. Sie flohen in
wilder Unordnung, um den Umgehungskolonnen und der Reiterei um so
sicherer in die Hände zu fallen, die ein unerhörtes Blutbad unter
ihnen anrichteten. Von achttausend Bauern wurden über fünftausend
erschlagen; der Rest kam nach Frankenhausen hinein und gleichzei-
tig mit ihm die fürstlichen Reiter. Die Stadt war genommen. Mün-
zer, am Kopf verwundet, wurde in einem Hause entdeckt und
gefangengenommen. Am 25.Mai ergab sich auch Mühlhausen; Pfeifer,
der dort geblieben war, entkam, wurde aber im Eisenachschen ver-
haftet.
Münzer wurde in Gegenwart der Fürsten auf die Folter gespannt und
dann enthauptet. Er ging mit demselben Mut auf den Richtplatz,
mit dem er gelebt hatte. Er war höchstens achtundzwanzig Jahre
alt, als er hingerichtet wurde. Auch Pfeifer wurde enthauptet;
außer diesen beiden aber noch zahllose andre. In Fulda hatte der
Mann Gottes, Philipp von Hessen, sein Blutgericht begonnen; er
und die sächsischen Fürsten ließen unter andern in Eisenach 24,
in Langensalza 41, nach der Frankenhauser Schlacht 300, in Mühl-
hausen über 100, bei Görmar 26, bei Tüngeda 50, bei Sangerhausen
12, in Leipzig 8 Rebellen mit dem Schwert hinrichten, von Ver-
stümmelungen und anderen gelindern Mitteln, von Plünderungen und
Verbrennungen der Dörfer und Städte gar nicht zu reden.
Mühlhausen mußte sich seiner Reichsfreiheit begeben und wurde den
sächsischen Ländern einverleibt, gerade wie die Abtei Fulda der
Landgrafschaft Hessen.
Die Fürsten zogen nun über den Thüringer Wald, wo fränkische Bau-
ern aus dem Bildhäuser Lager sich mit den Thüringern verbunden
und viele Schlösser verbrannt hatten. Vor Meiningen kam es zum
Gefecht; die Bauern wurden geschlagen und zogen sich auf die
Stadt zurück. Diese verschloß ihnen plötzlich die Tore und drohte
sie im Rücken anzugreifen. Der Haufe, durch diesen Verrat seiner
Bundesgenossen ins Gedränge gebracht, kapitulierte mit den Für-
sten und lief noch während der Verhandlung auseinander. Das Bild-
häuser Lager hatte sich längst zerstreut, und so war mit der Zer-
sprengung dieses Haufens der letzte Rest der Insurgenten aus
Sachsen, Hessen, Thüringen und Oberfranken vernichtet.
Im Elsaß war der Aufstand später losgebrochen als auf der rechten
Rheinseite. Erst gegen die Mitte des April erhoben sich die Bau-
ern im Bistum Straßburg, und bald nach ihnen die Oberelsässer und
Sundgauer. Am 18. April
#405# Der deutsche Bauernkrieg
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plünderte ein niederelsässischer Bauernhaufe das Kloster Altdorf;
andere Haufen bildeten sich bei Ebersheim und Barr sowie im Wil-
lertal und Urbistal. Sie konzentrierten sich bald zum großen
Niederelsässer Haufen und organisierten die Einnahme der Städte
und Flecken sowie die Zerstörung der Klöster. Überall wurde der
dritte Mann zum Heer eingefordert. Die zwölf Artikel dieses Hau-
fens sind bedeutend radikaler als die schwäbisch-fränkischen
[362].
Während eine Kolonne der Niederelsässer sich anfangs Mai bei St.
Hippolyte konzentrierte und nach einem vergeblichen Versuch,
diese Stadt zu gewinnen, am 10. Mai Bergheim, am 13. Rappoltswei-
ler, am 14. Reichenweier durch Einverständnis mit den Bürgern in
ihre Gewalt bekam, zog eine zweite unter Erasmus Gerber aus, um
Straßburg zu überrumpeln. Der Versuch mißlang, die Kolonne wandte
sich nun den Vogesen zu, zerstörte das Kloster Maursmünster und
belagerte Zabern, das sich am 13. Mai ergab. Von hier zog sie an
die lothringische Grenze und insurgierte den anstoßenden Teil des
Herzogtums, während sie zugleich die Gebirgspässe verschanzte.
Bei Herbitzheim an der Saar und bei Neuburg wurden große Lager
gebildet; bei Saargemünd verschanzten sich 4000 deutsch-lothrin-
gische Bauern; zwei vorgeschobene Haufen endlich, der Kolbenhau-
fen in den Vogesen bei Stürzelbronn, der Kleeburger Haufe bei
Weißenburg, deckten Front und rechte Flanke, während sich die
linke Flanke an die Oberelsässer anlehnte.
Diese, seit dem 20. April in Bewegung, hatten am 10. Mai Sulz, am
12. Gebweiler, am 15. Sennheim und Umgegend in die Bauernverbrü-
derung gezwungen. Die östreichische Regierung und die umliegenden
Reichsstädte verbanden sich zwar sogleich gegen sie, waren aber
zu schwach, ihnen ernsthaften Widerstand zu leisten, geschweige
sie anzugreifen. So war, mit Ausnahme weniger Städte, bis Mitte
Mai das ganze Elsaß in den Händen der Insurgenten.
Aber schon nahte das Heer, das den Frevelmut der Elsässer Bauern
brechen sollte. Es waren Franzosen, die hier die Restauration der
Adelsherrschaft vollzogen. Der Herzog Anton von Lothringen setzte
sich bereits am 6. Mai mit einer Armee von 30000 Mann in Bewe-
gung, darunter die Blüte des französischen Adels und spanische,
piemontesische, lombardische, griechische und albanesische Hülfs-
truppen. Am 16. Mai stieß er bei Lupstein auf 4000 Bauern, die er
ohne Mühe schlug, und am 17. schon zwang er das von den Bauern
besetzte Zabern zur Kapitulation. Aber noch während des Einzugs
der Lothringer in die Stadt und der Entwaffnung der Bauern wurde
die Kapitulation gebrochen; die wehrlosen Bauern wurden von den
Landsknechten überfallen und größtenteils niedergemacht. Die üb-
rigen niederelsässischen
#406# Friedrich Engels
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Kolonnen zerstreuten sich, und Herzog Anton zog nun den Oberel-
sässern entgegen. Diese, die sich geweigert hatten, den Niederel-
sässern nach Zabern zuzuziehn, wurden nun bei Scherweiler von der
ganzen Macht der Lothringer angegriffen. Sie wehrten sich mit
großer Tapferkeit, aber die enorme Übermacht - 30000 gegen 7000 -
und der Verrat einer Anzahl Ritter, besonders des Vogts von Rei-
chenweier 1*), vereitelte alle Bravour. Sie wurden vollständig
geschlagen und zersprengt. Der Herzog pazifizierte nun den ganzen
Elsaß mit üblicher Grausamkeit. [363] Nur der Sundgau blieb von
seiner Anwesenheit verschont. Die östreichische Regierung brachte
hier durch die Drohung, ihn ins Land zu rufen, ihre Bauern an-
fangs Juni zum Abschluß des Vertrags von Ensisheim. Sie selbst
aber brach diesen Vertrag sogleich wieder und ließ die Prediger
und Führer der Bewegung massenweise hängen. Die Bauern machten
hierauf einen neuen Aufstand, der endlich damit endigte, daß die
Sundgauer Bauern in den Vertrag zu Offenburg (18.September)[356]
eingeschlossen wurden.
Es bleibt uns jetzt noch der Bauernkrieg in den östreichischen
Alpenländern zu berichten. Diese Gegenden sowie das anstoßende
Erzbistum Salzburg waren seit der stara prawa 2*) in fortwähren-
der Opposition gegen Regierung und Adel, und die reformierten
Lehren hatten auch hier einen günstigen Boden gefunden. Religiöse
Verfolgungen und willkürliche Steuerbedrückungen brachten den
Aufstand zum Losbruch.
Die Stadt Salzburg, unterstützt von den Bauern und Bergknappen,
hatte schon seit 1522 mit dem Erzbischof 3*) wegen ihrer städti-
schen Privilegien und wegen der Religionsübung im Streit gelegen.
Ende 1524 überfiel der Erzbischof die Stadt mit angeworbnen
Landsknechten, terrorisierte sie durch die Kanonen des Schlosses
und verfolgte die ketzerischen Prediger. Zugleich schrieb er
neue, drückende Steuern aus und reizte die ganze Bevölkerung da-
durch aufs äußerste. Im Frühjahr 1525, gleichzeitig mit der
schwäbisch-fränkischen und thüringischen Insurrektion [364], er-
hoben sich plötzlich die Bauern und Bergleute des ganzen Landes,
organisierten sich in Haufen unter den Hauptleuten Praßler und
Weitmoser, befreiten die Stadt und belagerten das Schloß Salz-
burg. Sie schlössen, wie die westdeutschen Bauern, einen christ-
lichen Bund und faßten ihre Forderungen in Artikeln zusammen, de-
ren hier vierzehn waren.
Auch in Steiermark, Oberöstreich, Kärnten und Krain, wo neue
ungesetzliche Steuern, Zölle und Verordnungen das Volk in seinen
nächsten Interessen schwer verletzt hatten, standen die Bauern im
Frühjahr 1525 auf. Sie nahmen
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1*) Ulrich von Rappoltstein - 2*) siehe vorl. Band, S. 371 -
3*) Matthäus Lang
#407# Der deutsche Bauernkrieg
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eine Anzahl Schlösser und schlugen den Besieger der stara prawa,
den alten Feldhauptmann Dietrichstein, bei Gayssern 1*). Obgleich
es den Vorspiegelungen der Regierung gelang, einen Teil der In-
surgenten zu beschwichtigen, blieb die Masse doch zusammen und
vereinigte sich mit den Salzburgern, so daß das ganze Salzburgi-
sche und der größte Teil von Oberöstreich, Steiermark, Kärnten
und Krain in den Händen der Bauern und Bergknappen war.
In Tirol hatten ebenfalls die reformierten Lehren großen Anhang
gefunden; hier waren sogar, noch mehr als in den übrigen östrei-
chischen Alpenländern, Münzersche Emissäre mit Erfolg tätig gewe-
sen. Der Erzherzog Ferdinand verfolgte die Prediger der neuen
Lehre auch hier und griff ebenfalls durch neue willkürliche Fi-
nanzregulationen in die Vorrechte der Bevölkerung ein. Die Folge
war, wie überall, der Aufstand im Frühling desselben Jahres 1525.
Die Insurgenten, deren oberster Hauptmann ein Münzerscher war,
Geismaier, das einzige bedeutende militärische Talent unter sämt-
lichen Bauernchefs, nahmen eine Menge Schlösser und verfuhren na-
mentlich im Süden, im Etschgebiet, sehr energisch gegen die Pfaf-
fen. Auch die Vorarlberger standen auf und schlössen sich den
Allgäuern an.
Der Erzherzog, von allen Seiten bedrängt, machte den Rebellen,
die er noch kurz vorher mit Sengen und Brennen, Plündern und Mor-
den hatte ausrotten wollen, Konzession über Konzession. Er berief
die Landtage der Erblande ein und schloß bis zu ihrem Zusammen-
tritt Waffenstillstand mit den Bauern. Inzwischen rüstete er nach
Kräften, um möglichst bald eine andre Sprache mit den Frevlern
führen zu können.
Der Waffenstillstand wurde natürlich nicht lange gehalten. In den
Herzogtümern fing Dietrichstein, dem das Geld ausging, an zu
brandschatzen. Seine slawischen und magyarischen Truppen erlaub-
ten sich zudem die schamlosesten Grausamkeiten gegen die Bevölke-
rung. Die Steirer standen also wieder auf, überfielen in der
Nacht vom 2. zum 3. Juli den Feldhauptmann Dietrichstein in
Schladming und machten alles nieder, was nicht deutsch sprach.
[365] Dietrichstein selbst wurde gefangen; am Morgen des 3. wurde
von den Bauern ein Geschwornengericht eingesetzt und 40
tschechische und kroatische Adlige aus den Gefangnen zum Tode
verurteilt. Sie wurden sofort enthauptet. Das wirkte; der Erzher-
zog genehmigte sofort alle Forderungen der Stände der fünf Her-
zogtümer (Ober- und Niederöstreich, Steiermark, Kärnten und
Krain).
Auch in Tirol wurden die Forderungen des Landtags bewilligt und
dadurch der Norden pazifiziert. Der Süden jedoch, auf seinen ur-
sprünglichen
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1*) Gaishorn
#408# Friedrich Engels
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Forderungen gegenüber den abgeschwächten Landtagsbeschlüssen be-
harrend, blieb unter den Waffen. Erst im Dezember konnte der Erz-
herzog hier die Ordnung durch Gewalt wiederherstellen. Er unter-
ließ nicht, eine große Anzahl der in seine Hände gefallenen An-
stifter und Führer des Aufruhrs hinrichten zu lassen.
Gegen Salzburg zogen nun im August 10000 Bayern unter Georg von
Frundsberg. Diese imposante Truppenmacht sowie Zwistigkeiten, die
unter den Bauern ausgebrochen waren, bewogen die Salzburger zum
Abschluß eines Vertrags mit dem Erzbischof, der am 1. September
zustande kam und den auch der Erzherzog annahm. [366] Die beiden
Fürsten, die inzwischen ihre Truppen genügend verstärkt hatten,
brachen diesen Vertrag jedoch sehr bald und trieben dadurch die
Salzburger Bauern zu einem erneuerten Aufstand. Die Insurgenten
hielten sich den Winter über; im Frühjahr kam Geismaier zu ihnen
und eröffnete eine glänzende Kampagne gegen die von allen Seiten
heranrückenden Truppen. In einer Reihe brillanter Gefechte schlug
er - im Mai und Juni 1526 - nacheinander Bayern, Östreicher,
schwäbische Bundestruppen und erzbischöflich-salzburgische Lands-
knechte und hinderte lange die verschiednen Korps an ihrer Verei-
nigung. Dazwischen fand er noch Zeit, Radstadt zu belagern. Von
der Übermacht endlich auf allen Seiten umzingelt, mußte er ab-
ziehn, schlug sich durch und führte die Trümmer seines Korps mit-
ten durch die östreichischen Alpen auf venetianisches Gebiet. Die
Republik Venedig und die Schweiz boten dem unermüdlichen Bauern-
chef Anhaltspunkte zu neuen Intrigen; er versuchte noch ein Jahr
lang, sie in einen Krieg gegen Östreich zu verwickeln, der ihm zu
einem wiederholten Bauernaufstand Gelegenheit bieten sollte. Aber
während dieser Unterhandlungen erreichte ihn die Hand eines Mör-
ders; der Erzherzog Ferdinand und der salzburgische Erzbischof
1*) waren nicht ruhig, solange Geismaier am Leben war: Sie
bezahlten einen Banditen, und diesem gelang es, den gefährlichen
Rebellen 1527 aus der Welt zu schaffen. [367]
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1*) Matthäus Lang
#409#
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VII
[Die Folgen des Bauernkriegs]
Mit dem Rückzüge Geismaiers auf venetianisches Gebiet hatte das
letzte Nachspiel des Bauernkriegs sein Ende erreicht. Die Bauern
waren überall wieder unter die Botmäßigkeit ihrer geistlichen,
adligen oder patrizischen Herren gebracht; die Verträge, die hie
und da mit ihnen abgeschlossen waren, wurden gebrochen, die bis-
herigen Lasten wurden vermehrt durch die enormen Brandschatzun-
gen, die die Sieger den Besiegten auferlegten. Der großartigste
Revolutionsversuch des deutschen Volks endigte mit schmählicher
Niederlage und momentan verdoppeltem Druck. Auf die Dauer jedoch
verschlimmerte sich die Lage der Bauernklasse nicht durch die Un-
terdrückung des Aufstandes. Was Adel, Fürsten und Pfaffen aus ih-
nen jahraus, jahrein herausschlagen konnten, das wurde schon vor
dem Krieg sicher herausgeschlagen; der deutsche Bauer von damals
hatte dies mit dem modernen Proletarier gemein, daß sein Anteil
an den Produkten seiner Arbeit sich auf das Minimum von Subsi-
stenzmitteln beschränkte, das zu seinem Unterhalt und zur Fort-
pflanzung der Bauernrace erforderlich war. Im Durchschnitt war
also hier nichts mehr zu nehmen. Manche wohlhabenderen Mittelbau-
ern sind freilich ruiniert, eine Menge von Hörigen in die Leibei-
genschaft hineingezwungen, ganze Striche Gemeindeländereien kon-
fisziert, eine große Anzahl Bauern durch die Zerstörung ihrer
Wohnungen und die Verwüstung ihrer Felder sowie durch die allge-
meine Unordnung in die Vagabondage oder unter die Plebejer der
Städte geworfen worden. Aber Kriege und Verwüstungen gehörten zu
den alltäglichen Erscheinungen jener Zeit, und im allgemeinen
stand die Bauernklasse eben zu tief für eine dauernde Verschlech-
terung ihrer Lage durch erhöhte Steuern. Die folgenden Religions-
kriege und endlich der Dreißigjährige Krieg mit seinen stets wie-
derholten, massenhaften Verwüstungen und Entvölkerungen haben die
Bauern weit schwerer getroffen als der Bauernkrieg; namentlich
der Dreißigjährige Krieg vernichtete den bedeutendsten Teil der
im Ackerbau angewandten Produktivkräfte und brachte dadurch und
durch
#410# Friedrich Engels
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die gleichzeitige Zerstörung vieler Städte die Bauern, Plebejer
und ruinierten Bürger auf lange Zeit bis zum irischen Elend in
seiner schlimmsten Form herab.
Wer an den Folgen des Bauernkriegs am meisten litt, war die
G e i s t l i c h k e i t. Ihre Klöster und Stifter waren ver-
brannt, ihre Kostbarkeiten geplündert, ins Ausland verkauft oder
eingeschmolzen, ihre Vorräte waren verzehrt worden. Sie hatte
überall am wenigsten Widerstand leisten können, und zu gleicher
Zeit war die ganze Wucht des Volkshasses am schwersten auf sie
gefallen. Die andern Stände, Fürsten, Adel und Bürgerschaft, hat-
ten sogar eine geheime Freude an der Not der verhaßten Prälaten.
Der Bauernkrieg hatte die Säkularisation der geistlichen Güter
zugunsten der Bauern populär gemacht, die weltlichen Fürsten und
zum Teil die Städte gaben sich daran, diese Säkularisation zu
i h r e m Besten durchzuführen, und bald waren in protestanti-
schen Ländern die Besitzungen der Prälaten in den Händen der Für-
sten oder der Ehrbarkeit. Aber auch die Herrschaft der geistli-
chen Fürsten war angetastet worden, und die weltlichen Fürsten
verstanden es, den Volkshaß nach dieser Seite hin zu éxploitie-
ren. So haben wir gesehen, wie der Abt von Fulda vom Lehnsherrn
[361] zum Dienstmann Philipps von Hessen degradiert wurde. So
zwang die Stadt Kempten den Fürstabt 1*), ihr eine Reihe wertvol-
ler Privilegien, die er in der Stadt besaß, für einen Spottpreis
zu verkaufen.
Der A d e l hatte ebenfalls bedeutend gelitten. Die meisten
seiner Schlösser waren vernichtet, eine Anzahl der angesehensten
Geschlechter war ruiniert und konnte nur im Fürstendienst eine
Existenz finden. Seine Ohnmacht gegenüber den Bauern war konsta-
tiert; er war überall geschlagen und zur Kapitulation gezwungen
worden; nur die Heere der Fürsten hatten ihn gerettet. Er mußte
mehr und mehr seine Bedeutung als reichsunmittelbarer Stand ver-
lieren und unter die Botmäßigkeit der Fürsten geraten.
Die S t ä d t e hatten im ganzen auch keinen Vorteil vom Bau-
ernkrieg. Die Herrschaft der Ehrbarkeit wurde fast überall wieder
befestigt; die Opposition der Bürgerschaft blieb für lange Zeit
gebrochen. Der alte patrizische Schlendrian schleppte sich so,
Handel und Industrie nach allen Seiten hin fesselnd, bis in die
Französische Revolution fort. Von den Fürsten wurden zudem die
Städte verantwortlich gemacht für die momentanen Erfolge, die die
bürgerliche oder plebejische Partei in ihrem Schoß während des
Kampfes errungen hatte. Städte, die schon früher den Gebieten der
Fürsten angehörten, wurden schwer gebrandschatzt, ihrer Privile-
gien beraubt und schutzlos unter die habgierige Willkür der Für-
sten geknechtet (Frankenhausen, Arnstadt, Schmalkalden, Würzburg
etc. etc.), Reichsstädte wurden fürstlichen Territorien ein-
verleibt
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1*) Sebastian von Breitenstein
#411# Der deutsche Bauernkrieg
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(z.B. Mühlhausen) oder doch in die moralische Abhängigkeit von
angrenzenden Fürsten gebracht, wie viele fränkische Reichsstädte.
Wer unter diesen Umständen vom Ausgang des Bauernkriegs allein
Vorteil zog, waren die F ü r s t e n. Wir sahen schon gleich im
Anfang unserer Darstellung, wie die mangelhafte industrielle,
kommerzielle und agrikole Entwicklung Deutschlands alle Zentrali-
sation der Deutschen zur N a t i o n unmöglich machte, wie sie
nur eine lokale und provinzielle Zentralisation zuließ und wie
daher die Repräsentanten dieser Zentralisation innerhalb der Zer-
splitterung, die Fürsten, den einzigen Stand bildeten, dem jede
Veränderung der bestehenden gesellschaftlichen und politischen
Verhältnisse zugute kommen mußte. Der Entwicklungsgrad des dama-
ligen Deutschlands war so niedrig und zu gleicher Zeit so un-
gleichförmig in den verschiedenen Provinzen, daß neben den welt-
lichen Fürstentümern noch geistliche Souveränetäten, städtische
Republiken und souveräne Grafen und Barone bestehen konnten; aber
sie drängte zu gleicher Zeit, wenn auch sehr langsam und matt,
doch immer auf die p r o v i n z i e l l e Zentralisation, d.h.
auf die Unterordnung der übrigen Reichsstände unter die Fürsten
hin. Daher konnten am Ende des Bauernkriegs nur die Fürsten ge-
wonnen haben. So war es auch in der Tat. Sie gewannen nicht nur
relativ, dadurch daß ihre Konkurrenten, die Geistlichkeit, der
Adel, die Städte, geschwächt wurden; sie gewannen auch absolut,
indem sie die spolia opima (Hauptbeute) von allen übrigen Ständen
davontrugen. Die geistlichen Güter wurden zu ihrem Besten säkula-
risiert ; ein Teil des Adels, halb oder ganz ruiniert, mußte sich
nach und nach unter ihre Oberhoheit geben; die Brandschatzungs-
gelder der Städte und Bauernschaften flössen in ihren Fiskus, der
obendrein durch die Beseitigung so vieler städtischen Privilegien
weit freieren Spielraum für seine beliebten Finanzoperationen ge-
wann.
Die Zersplitterung Deutschlands, deren Verschärfung und Konsoli-
dierung das Hauptresultat des Bauernkriegs war, war auch zu glei-
cher Zeit die Ursache seines Mißlingens.
Wir haben gesehen, wie Deutschland zersplittert war, nicht nur in
zahllose unabhängige, einander fast total fremde Provinzen, son-
dern auch wie die Nation in jeder dieser Provinzen in eine viel-
fache Gliederung von Ständen und Ständefraktionen auseinander-
fiel. Außer Fürsten und Pfaffen finden wir Adel und Bauern auf
dem Land, Patrizier, Bürger und Plebejer in den Städten, lauter
Stände, deren Interessen einander total fremd waren, wenn sie
sich nicht durchkreuzten und zuwiderliefen. Über allen diesen
komplizierten Interessen, obendrein, noch das des Kaisers und des
Papstes. Wir haben gesehen, wie. schwerfällig, unvollständig und
je nach den Lokalitäten ungleichförmig diese verschiedenen Inter-
essen sich schließlich in drei große Gruppen formierten;
#412# Friedrich Engels
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wie trotz dieser mühsamen Gruppierung jeder Stand gegen die der
nationalen Entwicklung durch die Verhältnisse gegebene Richtung
opponierte, seine Bewegung auf eigene Faust machte, dadurch nicht
nur mit allen konservativen, sondern auch mit allen übrigen oppo-
nierenden Ständen in Kollision geriet und schließlich unterliegen
mußte. So der Adel im Aufstand Sickingens, die Bauern im Bauern-
krieg, die Bürger in ihrer gesamten zahmen Reformation. So kamen
selbst Bauern und Plebejer in den meisten Gegenden Deutschlands
nicht zur gemeinsamen Aktion und standen einander im Wege. Wir
haben auch gesehn, aus welchen Ursachen diese Zersplitterung des
Klassenkampfs und die damit gegebene vollständige Niederlage der
revolutionären und halbe Niederlage der bürgerlichen Bewegung
hervorging.
Wie die lokale und provinzielle Zersplitterung und die daraus
notwendig hervorgehende lokale und provinzielle Borniertheit die
ganze Bewegung ruinierte; wie weder die Bürger noch die Bauern,
noch die Plebejer zu einem konzentrierten, nationalen Auftreten
kamen; wie die Bauern z.B. in jeder Provinz auf eigne Faust
agierten, den benachbarten insurgierten Bauern stets die Hülfe
verweigerten und daher in einzelnen Gefechten nacheinander von
Heeren aufgerieben wurden, die meist nicht dem zehnten Teil der
insurgierten Gesamtmasse gleichkamen - das wird wohl aus der vor-
hergehenden Darstellung jedem klar sein. Die verschiedenen Waf-
fenstillstände und Verträge der einzelnen Haufen mit ihren Geg-
nern konstituieren ebensoviel Akte des Verrats an der gemeinsamen
Sache, und die einzig mögliche Gruppierung der verschiedenen Hau-
fen nicht nach der größeren oder geringeren Gemeinsamkeit ihrer
eignen Aktion, sondern nach der Gemeinsamkeit des speziellen Geg-
ners, dem sie erlagen, ist der schlagendste Beweis für den Grad
der Fremdheit der Bauern verschiedner Provinzen gegeneinander.
Auch hier bietet sich die Analogie mit der Bewegung von 1848-50
wieder von selbst dar. Auch 1848 kollidierten die Interessen der
oppositionellen Klassen untereinander, handelte jede für sich.
Die Bourgeoisie, zu weit entwickelt, um sich den feudal-bürokra-
tischen Absolutismus noch länger gefallen zu lassen, war doch
noch nicht mächtig genug, die Ansprüche andrer Klassen den ihri-
gen sofort unterzuordnen. Das Proletariat, viel zu schwach, um
auf ein rasches Überhüpfen der Bourgeoisperiode und auf seine
eigne baldige Eroberung der Herrschaft rechnen zu können, hatte
schon unter dem Absolutismus die Süßigkeiten des Bourgeoisregi-
ments zu sehr kennengelernt und war überhaupt viel zu entwickelt,
um auch nur für einen Moment in der Emanzipation der Bourgeoisie
seine eigne Emanzipation zu sehen. Die Masse der Nation, Klein-
bürger, Kleinbürgergenossen (Handwerker) und Bauern, wurde von
ihrem zunächst noch natürlichen Alliierten, der Bourgeoisie, als
#413# Der deutsche Bauernkrieg
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schon zu revolutionär, und stellenweise vom Proletariat, als noch
nicht avanciert genug, im Stich gelassen; unter sich wieder ge-
teilt, kam auch sie zu nichts und opponierte rechts und links ih-
ren Mitopponenten. Die Lokalborniertheit endlich kann 1525 unter
den Bauern nicht größer gewesen sein, als sie unter den sämtli-
chen in der Bewegung beteiligten Klassen von 1848 war. Die hun-
dert Lokalrevolutionen, die daran sich anknüpfenden hundert
ebenso ungehindert durchgeführten Lokalreaktionen, die Aufrecht-
haltung der Kleinstaaterei etc. etc. sind Beweise, die wahrlich
laut genug sprechen. W e r n a c h d e n b e i d e n
d e u t s c h e n R e v o l u t i o n e n v o n 1 5 2 5 u n d
1 8 4 8 u n d i h r e n R e s u l t a t e n n o c h v o n
F ö d e r a t i v r e p u b l i k f a s e l n k a n n, v e r-
d i e n t n i r g e n d a n d e r s h i n a l s i n s
N a r r e n h a u s.
Aber die beiden Revolutionen, die des sechzehnten Jahrhunderts
und die von 1848-50, sind trotz aller Analogien doch sehr wesent-
lich voneinander verschieden. Die Revolution von 1848 beweist,
wenn auch nichts für den Fortschritt Deutschlands, doch für den
Fortschritt Europas.
Wer profitierte von der Revolution von 1525? Die Fürsten. - Wer
profitierte von der Revolution von 1848? Die g r o ß e n Für-
sten, Östreich und Preußen. Hinter den kleinen Fürsten von 1525
standen, sie an sich kettend durch die Steuer, die kleinen Spieß-
bürger, hinter den großen Fürsten von 1850, hinter östreich und
Preußen, sie rasch unterjochend durch die Staatsschuld, stehen
die modernen großen Bourgeois. Und hinter den großen Bourgeois
stehn die Proletarier.
Die Revolution von 1525 war eine deutsche Lokalangelegenheit.
Engländer, Franzosen, Böhmen, Ungarn hatten ihre Bauernkriege
schon durchgemacht, als die Deutschen den ihrigen machten. War
schon Deutschland zersplittert, so war Europa es noch weit mehr.
Die Revolution von 1848 war keine deutsche Lokalangelegenheit,
sie war ein einzelnes Stück eines großen europäischen Ereignis-
ses. Ihre treibenden Ursachen, während ihres ganzen Verlaufs,
sind nicht auf den engen Raum eines einzelnen Landes, nicht ein-
mal auf den eines Weltteils zusammengedrängt. Ja, die Länder, die
der Schauplatz dieser Revolution waren, sind gerade am wenigsten
bei ihrer Erzeugung beteiligt. Sie sind mehr oder weniger bewußt-
und willenlose Rohstoffe, die umgemodelt werden im Verlauf einer
Bewegung, an der jetzt die ganze Welt teilnimmt, einer Bewegung,
die uns unter den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen
allerdings nur als eine fremde Macht erscheinen kann, obwohl sie
schließlich nur unsre eigne Bewegung ist. Die Revolution von 1848
bis 1850 kann daher nicht enden wie die von 1525.
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