Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859


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       FRIEDRICH ENGELS
       
       Der deutsche Bauernkrieg [285]
       
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       Geschrieben im Sommer 1850.
       Erstmalig veröffentlicht in: "Neue Rheinische Zeitung.
       Politisch-ökonomische Revue", Heft 5/6, Mai bis Oktober 1850.
       Nach der von Friedrich Engels besorgten Ausgabe von 1875.
       Alle wesentlichen  Änderungen gegenüber  der Erstveröffentlichung
       (1850) sind in Fußnoten vermerkt.
       
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       Auch das  deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition. Es gab
       eine Zeit,  wo Deutschland Charaktere hervorbrachte, die sich den
       besten Leuten  der Revolutionen anderer Länder an die Seite stel-
       len können,  wo das  deutsche Volk eine Ausdauer und Energie ent-
       wickelte, die  bei einer  zentralisierteren Nation die großartig-
       sten Resultate erzeugt hätte, wo deutsche Bauern und Plebejer mit
       Ideen und  Plänen schwanger gingen, vor denen ihre Nachkommen oft
       genug zurückschaudern.
       Es ist  an der Zeit, gegenüber der augenblicklichen Erschlaffung,
       die sich nach zwei Jahren des Kampfes fast überall zeigt, die un-
       gefügen, aber  kräftigen und  zähen Gestaltendes  großen  Bauern-
       kriegs dem  deutschen Volke wieder vorzuführen. Drei Jahrhunderte
       sind seitdem  verflossen, und manches hat sich geändert; und doch
       steht der  Bauernkrieg unsern  heutigen Kämpfen  so überaus  fern
       nicht, und  die zu bekämpfenden Gegner sind großenteils noch die-
       selben. Die  Klassen und Klassenfraktionen, die 1848 und 49 über-
       all verraten  haben, werden  wir schon  1525, wenn auch auf einer
       niedrigeren Entwicklungsstufe,  als Verräter  vorfinden. Und wenn
       der robuste  Vandalismus des  Bauernkriegs in  der  Bewegung  der
       letzten Jahre  nur stellenweise,  im Odenwald, im Schwarzwald, in
       Schlesien, zu  seinem Rechte kam, so ist das jedenfalls kein Vor-
       zug der modernen Insurrektion.
       
       #330#
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       I
       
       [Die ökonomische Lage und der soziale Schichtenbau Deutschlands]
       
       Gehen wir  zunächst kurz zurück auf die Verhältnisse Deutschlands
       zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts.
       Die deutsche Industrie hatte im vierzehnten und fünfzehnten Jahr-
       hundert einen  bedeutenden Aufschwung genommen. An die Stelle der
       feudalen, ländlichen  Lokalindustrie war  der zünftige Gewerbebe-
       trieb der  Städte getreten, der für weitere Kreise und selbst für
       entlegnere Märkte  produzierte. Die  Weberei von groben Wollentü-
       chern und  Leinwand war jetzt ein stehender, weitverbreiteter In-
       dustriezweig; selbst  feinere Wollen- und Leinengewebe sowie Sei-
       denstoffe wurden  schon in Augsburg verfertigt. Neben der Weberei
       hatte sich besonders jene an die Kunst anstreifende Industrie ge-
       hoben, die  in dem  geistlichen und weltlichen Luxus des späteren
       Mittelalters ihre Nahrung fand: die der Gold- und Silberarbeiter,
       der Bildhauer und Bildschnitzer, Kupferstecher und Holzschneider,
       Waffenschmiede, Medaillierer,  Drechsler etc. etc. Eine Reihe von
       mehr  oder  minder  bedeutenden  Erfindungen,  deren  historische
       Glanzpunkte die des Schießpulvers *) und der Buchdruckerei bilde-
       ten, hatte  zur Hebung  der Gewerbe  wesentlich beigetragen.  Der
       Handel ging  mit der  Industrie gleichen Schritt. Die Hanse hatte
       durch ihr  hundertjähriges Seemonopol die Erhebung von ganz Nord-
       deutschland aus  der mittelalterlichen  Barbarei  sichergestellt;
       und wenn  sie auch  schon seit  Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
       der Konkurrenz  der Engländer und Holländer rasch zu erliegen an-
       fing, so  ging doch  trotz Vasco  da Gamas Entdeckungen der große
       Handelsweg von  Indien nach  dem Norden immer noch durch Deutsch-
       land, so  war Augsburg  noch immer der große Stapelplatz für ita-
       lienische Seidenzeuge,
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       *) Das Schießpulver wurde, wie jetzt zweifellos nachgewiesen, von
       China über  Indien zu  den Arabern  gebracht und  kam von diesen,
       nebst den  Feuerwaffen über  Spanien nach  Europa. [Anmerkung von
       Engels zur Ausgabe von 1875.]
       
       #331# Der deutsche Bauernkrieg
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       indische Gewürze und alle Produkte der Levante. Die oberdeutschen
       Städte, namentlich  Augsburg und Nürnberg, waren die Mittelpunkte
       eines für  jene Zeit ansehnlichen Reichtums und Luxus. Die Gewin-
       nung der  Rohprodukte hatte sich ebenfalls bedeutend gehoben. Die
       deutschen Bergleute  waren im  fünfzehnten  Jahrhundert  die  ge-
       schicktesten der  Welt, und  auch den Ackerbau hatte das Aufblühn
       der Städte  aus der  ersten mittelalterlichen Roheit herausgeris-
       sen. Nicht  nur waren  ausgedehnte Strecken urbar gemacht worden,
       man baute  auch Farbekräuter und andere eingeführte Pflanzen, de-
       ren sorgfältigere  Kultur auf den Ackerbau im allgemeinen günstig
       einwirkte.
       Der Aufschwung der nationalen Produktion Deutschlands hatte indes
       noch immer nicht Schritt gehalten mit dem Aufschwung anderer Län-
       der. Der Ackerbau stand weit hinter dem englischen und niederlän-
       dischen, die  Industrie hinter  der italienischen, flämischen und
       englischen zurück,  und im Seehandel fingen die Engländer und be-
       sonders die  Holländer schon  an, die  Deutschen aus dem Felde zu
       schlagen. Die  Bevölkerung war  immer noch  sehr dünn gesäet. Die
       Zivilisation in  Deutschland existierte  nur sporadisch,  um ein-
       zelne Zentren der Industrie und des Handels gruppiert; die Inter-
       essen dieser  einzelnen Zentren  selbst gingen  weit auseinander,
       hatten kaum  hie und  da einen  Berührungspunkt. Der  Süden hatte
       ganz andere  Handelsverbindungen und Absatzmärkte als der Norden;
       der Osten  und der Westen standen fast außer allem Verkehr. Keine
       einzige Stadt  kam in den Fall, der industrielle und kommerzielle
       Schwerpunkt des ganzen Landes zu werden, wie London dies z.B. für
       England schon war. Der ganze innere Verkehr beschränkte sich fast
       ausschließlich auf  die Küsten-  und Flußschiffahrt  und auf  die
       paar großen  Handelsstraßen, von  Augsburg und Nürnberg über Köln
       nach den  Niederlanden und über Erfurt nach dem Norden. Weiter ab
       von den  Flüssen und  Handelsstraßen lag  eine  Anzahl  kleinerer
       Städte, die,  vom großen Verkehr ausgeschlossen, ungestört in den
       Lebensbedingungen des  späteren Mittelalters fortvegetierten, we-
       nig auswärtige  Waren brauchten, wenig Ausfuhrprodukte lieferten.
       Von der  Landbevölkerung kam nur der Adel in Berührung mit ausge-
       dehnteren Kreisen  und neuen  Bedürfnissen; die  Masse der Bauern
       kam nie  über die nächsten Lokalbeziehungen und den damit verbun-
       denen lokalen Horizont hinaus.
       Während in England und Frankreich das Emporkommen des Handels und
       der Industrie  die Verkettung  der Interessen über das ganze Land
       und damit  die politische Zentralisation zur Folge hatte, brachte
       Deutschland es nur zur Gruppierung der Interessen nach Provinzen,
       um bloß lokale Zentren, und damit zur politischen Zersplitterung;
       einer Zersplitterung, die bald darauf durch
       
       #332# Friedrich Engels
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       den Ausschluß  Deutschlands vom  Welthandel sich erst recht fest-
       setzte. In  demselben Maß,  wie das  r e i n f e u d a l e  Reich
       zerfiel, löste sich der Reichsverband überhaupt auf, verwandelten
       sich die großen Reichslehenträger in beinahe unabhängige Fürsten,
       schlössen einerseits  die Reichsstädte,  andererseits die Reichs-
       ritter Bündnisse, bald gegeneinander, bald gegen die Fürsten oder
       den Kaiser.  Die Reichsgewalt,  selbst an ihrer Stellung irre ge-
       worden, schwankte  unsicher zwischen den verschiedenen Elementen,
       die das  Reich ausmachten, und verlor dabei immer mehr an Autori-
       tät; ihr  Versuch, in  der Art Ludwigs XI. zu zentralisieren, kam
       trotz aller  Intrigen und Gewalttätigkeiten nicht über die Zusam-
       menhaltung der  östreichischen Erblande [286] hinaus. Wer in die-
       ser Verwirrung, in diesen zahllosen sich durchkreuzenden Konflik-
       ten schließlich  gewann und gewinnen mußte, das waren die Vertre-
       ter der  Zentralisation innerhalb der Zersplitterung, der lokalen
       und provinziellen  Zentralisation, die    F ü r s t e n,    neben
       denen der  Kaiser selbst  immer mehr  ein Fürst  wie  die  andern
       wurde.
       Unter diesen  Verhältnissen hatte  sich die  Stellung der aus dem
       Mittelalter überlieferten  Klassen wesentlich verändert, und neue
       Klassen hatten sich neben den alten gebildet.
       Aus dem  hohen Adel waren die  F ü r s t e n  hervorgegangen. Sie
       waren schon  fast ganz  unabhängig vom  Kaiser und  im Besitz der
       meisten Hoheitsrechte.  Sie machten  Krieg und  Frieden auf eigne
       Faust, hielten  stehende  Heere,  riefen  Landtage  zusammen  und
       schrieben Steuern  aus. Einen  großen Teil des niederen Adels und
       der Städte  hatten sie  bereits unter ihre Botmäßigkeit gebracht;
       sie wandten  fortwährend jedes  Mittel an,  um die  noch  übrigen
       reichsunmittelbaren  Städte  und  Baronien  ihrem  Gebiet  einzu-
       verleiben. Diesen  gegenüber zentralisierten  sie,  wie  sie  ge-
       genüber der  Reichsgewalt dezentralisierend auftraten. Nach innen
       war ihre  Regierung schon sehr willkürlich. Sie riefen die Stände
       meist nur  zusammen, wenn  sie sich  nicht anders helfen konnten.
       Sie schrieben Steuern aus und nahmen Geld auf, wenn es ihnen gut-
       dünkte; das Steuerbewilligungsrecht der Stände wurde selten aner-
       kannt und  kam noch  seltener zur Ausübung. Und selbst dann hatte
       der Fürst  gewöhnlich die Majorität durch die beiden steuerfreien
       und am  Genuß der  Steuern teilnehmenden Stände, die Ritterschaft
       und die Prälaten. Das Geldbedürfnis der Fürsten wuchs mit dem Lu-
       xus und  der Ausdehnung  des Hofhaltes, mit den stehenden Heeren,
       mit den wachsenden Kosten der Regierung. Die Steuern wurden immer
       drückender. Die  Städte waren  meist dagegen geschützt durch ihre
       Privilegien; die  ganze Wucht der Steuerlast fiel auf die Bauern,
       sowohl auf die Dominialbauern der Fürsten selbst wie auch auf die
       Leibeigenen, Hörigen  und Zinsbauern der lehnspflichtigen Ritter.
       Wo die direkte Besteurung nicht
       
       #333# Der deutsche Bauernkrieg
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       ausreichte, trat  die indirekte  ein; die raffiniertesten Manöver
       der Finanzkunst wurden angewandt, um den löchrigen Fiskus zu fül-
       len. Wenn alles nicht half, wenn nichts mehr zu versetzen war und
       keine freie  Reichsstadt mehr Kredit geben wollte, so schritt man
       zu Münzoperationen der schmutzigsten Art, schlug schlechtes Geld,
       machte hohe  oder niedrige  Zwangskurse, je nachdem es dem Fiskus
       konvenierte. Der  Handel mit  städtischen  und  sonstigen  Privi-
       legien, die man nachher gewaltsam wieder zurücknahm, um sie aber-
       mals für teures Geld zu verkaufen, die Ausbeutung jedes Oppositi-
       onsversuchs zu  Brandschatzungen und  Plünderungen aller Art etc.
       etc. waren ebenfalls einträgliche und alltägliche Geldquellen für
       die Fürsten  jener Zeit.  Auch die  Justiz war  ein stehender und
       nicht unbedeutender Handelsartikel für die Fürsten. Kurz, die da-
       maligen Untertanen,  die  außerdem  noch  der  Privathabgier  der
       fürstlichen Vögte  und Amtleute  zu genügen  hatten, bekamen alle
       Segnungen des "väterlichen" Regierungssystems im vollsten Maße zu
       kosten.
       Aus der  feudalen Hierarchie  des Mittelalters  war der  mittlere
       Adel fast  ganz verschwunden; er hatte sich entweder zur Unabhän-
       gigkeit kleiner  Fürsten emporgeschwungen  oder war in die Reihen
       des niederen  Adels herabgesunken.  Der   n i e d e r e  A d e l,
       d i e   R i t t e r s c h a f t,  ging ihrem Verfall rasch entge-
       gen. Ein  großer Teil  war schon  gänzlich verarmt und lebte bloß
       von Fürstendienst  in militärischen oder bürgerlichen Ämtern; ein
       andrer stand  in der  Lehnspflicht und  Botmäßigkeit der Fürsten;
       der kleinere war reichsunmittelbar. Die Entwicklung des Kriegswe-
       sens, die  steigende Bedeutung der Infanterie, die Ausbildung der
       Feuerwaffe beseitigte  die Wichtigkeit  ihrer militärischen  Lei-
       stungen als  schwere Kavallerie  und vernichtete zugleich die Un-
       einnehmbarkeit ihrer Burgen. Gerade wie die Nürnberger Handwerker
       wurden die Ritter durch den Fortschritt der Industrie überflüssig
       gemacht. Das  Geldbedürfnis der  Ritterschaft trug  zu ihrem Ruin
       bedeutend bei. Der Luxus auf den Schlössern, der Wetteifer in der
       Pracht bei  den Turnieren  und Festen,  der Preis  der Waffen und
       Pferde stieg  mit den  Fortschritten der  gesellschaftlichen Ent-
       wicklung 1*),  während die Einkommenquellen der Ritter und Barone
       wenig oder  gar nicht  zunahmen. Fehden  mit obligater Plünderung
       und Brandschatzung, Wegelagern und ähnliche noble Beschäftigungen
       wurden mit der Zeit zu gefährlich. Die Abgaben und Leistungen der
       herrschaftlichen Untertanen brachten kaum mehr ein als früher. Um
       ihre zunehmenden  Bedürfnisse zu decken, mußten die gnädigen Her-
       ren zu  denselben Mitteln  ihre Zuflucht  nehmen wie die Fürsten.
       Die Bauernschinderei  durch den Adel wurde mit jedem Jahre weiter
       ausgebildet.
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       1*) (1850) Fortschritten der Zivilisation
       
       #334# Friedrich Engels
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       Die Leibeigenen  wurden bis auf den letzten Blutstropfen ausgeso-
       gen, die  Hörigen mit neuen Abgaben und Leistungen unter allerlei
       Vorwänden und  Namen belegt.  Die Fronden, Zinsen, Gülten, Laude-
       mien, Sterbfallabgaben, Schutzgelder usw. wurden allen alten Ver-
       trägen zum  Trotz willkürlich erhöht. Die Justiz wurde verweigert
       und verschachert,  und wo  der Ritter  dem Gelde des Bauern sonst
       nicht beikommen konnte, warf er ihn ohne weiteres in den Turm und
       zwang ihn, sich loszukaufen.
       Mit den übrigen Ständen lebte der niedere Adel ebenfalls auf kei-
       nem freundschaftlichen  Fuß. Der lehnspflichtige Adel suchte sich
       reichsunmittelbar zu  machen, der  reichsunmittelbare seine Unab-
       hängigkeit zu  wahren; daher  fortwährende Streitigkeiten mit den
       Fürsten. Der  Geistlichkeit, die  dem Ritter  in ihrer  damaligen
       aufgeblähten Gestalt  als ein  rein überflüssiger Stand erschien,
       beneidete er  ihre großen  Güter, ihre  durch das Zölibat und die
       Kirchenverfassung zusammengehaltenen  Reichtümer. Mit den Städten
       lag er  sich fortwährend in den Haaren; er war ihnen verschuldet,
       er nährte  sich von  der Plünderung ihres Gebiets, von der Berau-
       bung ihrer  Kaufleute, vom Lösegeld der ihnen in den Fehden abge-
       nommenen Gefangenen.  Und der  Kampf der  Ritterschaft gegen alle
       diese Stände wurde um so heftiger, je mehr die Geldfrage auch bei
       ihr eine Lebensfrage wurde.
       Die  G e i s t l i c h k e i t,  die Repräsentantin der Ideologie
       des mittelalterlichen  Feudalismus, fühlte  den Einfluß  des  ge-
       schichtlichen Umschwungs  nicht minder.  Durch die  Buchdruckerei
       und die  Bedürfnisse des ausgedehnteren Handels war ihr das Mono-
       pol nicht nur des Lesens und Schreibens, sondern der höheren Bil-
       dung genommen. Die Teilung der Arbeit trat auch auf intellektuel-
       lem Gebiet  ein. Der neuaufkommende Stand der Juristen verdrängte
       sie aus einer Reihe der einflußreichsten Ämter. Auch sie fing an,
       zum großen  Teil überflüssig  zu werden, und erkannte dies selbst
       an durch  ihre stets wachsende Faulheit und Unwissenheit. Aber je
       überflüssiger sie wurde, desto zahlreicher wurde sie - dank ihren
       enormen Reichtümern, die sie durch Anwendung aller möglichen Mit-
       tel noch fortwährend vermehrte.
       In der  Geistlichkeit gab  es zwei durchaus verschiedene Klassen.
       Die geistliche  Feudalhierarchie bildete  die  a r i s t o k r a-
       t i s c h e   Klasse: die  Bischöfe und  Erzbischöfe,  die  Äbte,
       Prioren und  sonstigen Prälaten.  Diese  hohen  Würdenträger  der
       Kirche waren entweder selbst Reichsfürsten, oder sie beherrschten
       als Feudalherren,  unter der  Oberhoheit  andrer  Fürsten,  große
       Strecken Landes  mit zahlreichen  Leibeignen und Hörigen. Sie ex-
       ploitierten ihre  Untergebenen nicht nur ebenso rücksichtslos wie
       der Adel  und die  Fürsten, sie  gingen noch  viel schamloser  zu
       Werke. Neben der brutalen Gewalt wurden
       
       #335# Der deutsche Bauernkrieg
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       alle Schikanen  der Religion, neben den Schrecken der Folter alle
       Schrecken des  Bannfluchs und  der verweigerten  Absolution, alle
       Intrigen des  Beichtstuhls in Bewegung gesetzt, um den Untertanen
       den letzten  Pfennig zu  entreißen oder das Erbteil der Kirche zu
       mehren. Urkundenfälschung war bei diesen würdigen Männern ein ge-
       wöhnliches und  beliebtes Mittel der Prellerei. Aber obgleich sie
       außer den gewöhnlichen Feudalleistungen und Zinsen noch den Zehn-
       ten bezogen,  reichten alle  diese Einkünfte  noch nicht aus. Die
       Fabrikation wundertätiger Heiligenbilder und Reliquien, die Orga-
       nisation seligmachender Betstationen, der Ablaßschacher wurden zu
       Hülfe genommen,  um dem  Volk vermehrte Abgaben zu entreißen, und
       lange Zeit mit bestem Erfolg.
       Diese Prälaten und ihre zahllose, mit der Ausbreitung der politi-
       schen und  religiösen Hetzereien stets verstärkte Gendarmerie von
       Mönchen waren  es, auf  die der  Pfaffenhaß nicht  nur des Volks,
       sondern auch  des Adels  sich konzentrierte. Soweit sie reichsun-
       mittelbar, standen  sie dem Fürsten im Wege. Das flotte Wohlleben
       der beleibten Bischöfe und Äbte und ihrer Mönchsarmee erregte den
       Neid des  Adels und empörte das Volk, das die Kosten davon tragen
       mußte, um  so mehr, je schreiender es ihren Predigten ins Gesicht
       schlug.
       Die   p l e b e j i s c h e   Fraktion der  Geistlichkeit bestand
       aus den  Predigern auf  dem Lande und in den Städten. Sie standen
       außerhalb der  feudalen Hierarchie  der Kirche  und hatten keinen
       Anteil an ihren Reichtümern. Ihre Arbeit war weniger kontrolliert
       und, so  wichtig sie  der Kirche  war, im Augenblick weit weniger
       unentbehrlich als  die Polizeidienste der einkasernierten Mönche.
       Sie wurden daher weit schlechter bezahlt, und ihre Pfründen waren
       meist sehr knapp. Bürgerlichen oder plebejischen Ursprungs, stan-
       den sie der Lebenslage der Masse nahe genug, um trotz ihres Pfaf-
       fentums bürgerliche  und plebejische  Sympathien zu bewahren. Die
       Beteiligung an  den Bewegungen der Zeit, bei den Mönchen nur Aus-
       nahme, war  bei ihnen  Regel. Sie  lieferten die  Theoretiker und
       Ideologen der  Bewegung, und  viele von ihnen, Repräsentanten der
       Plebejer und Bauern, starben dafür auf dem Schafott. Der Volkshaß
       gegen die  Pfaffen wendet sich auch nur in einzelnen Fällen gegen
       sie.
       Wie über  den Fürsten  und dem Adel der Kaiser, so stand über den
       hohen und  niederen Pfaffen  der   P a p s t.  Wie dem Kaiser der
       "gemeine Pfennig"  [287], die  Reichssteuern, bezahlt  wurden, so
       dem Papst  die allgemeinen Kirchensteuern, aus denen er den Luxus
       am römischen Hofe bestritt. In keinem Lande wurden diese Kirchen-
       steuern -  dank der Macht und Zahl der Pfaffen - mit größerer Ge-
       wissenhaftigkeit und Strenge eingetrieben als in Deutschland. So
       
       #336# Friedrich Engels
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       besonders die  Annaten [288] bei Erledigung der Bistümer. Mit den
       steigenden Bedürfnissen  wurden dann  neue Mittel zur Beschaffung
       des Geldes erfunden: Handel mit Reliquien, Ablaß- und Jubelgelder
       usw. Große  Summen wanderten  so alljährlich aus Deutschland nach
       Rom, und  der hierdurch  vermehrte Druck  steigerte nicht nur den
       Pfaffenhaß, er  erregte auch  das Nationalgefühl,  besonders  des
       Adels, des damals nationalsten Standes.
       Aus den  ursprünglichen Pfahlbürgern  [289] der mittelalterlichen
       S t ä d t e   hatten sich  mit dem  Aufblühen des Handels und der
       Gewerbe drei scharf gesonderte Fraktionen entwickelt.
       An der  Spitze der  städtischen Gesellschaft  standen die    p a-
       t r i z i s c h e n   G e s c h l e c h t e r,    die  sogenannte
       "Ehrbarkeit". Sie  waren die reichsten Familien. Sie allein saßen
       im Rat  und in  allen städtischen  Ämtern. Sie  verwalteten daher
       nicht bloß  die Einkünfte  der Stadt,  sie verzehrten  sie  auch.
       Stark durch  ihren Reichtum, durch ihre althergebrachte, von Kai-
       ser und  Reich anerkannte aristokratische Stellung, exploitierten
       sie sowohl  die Stadtgemeinde wie die der Stadt untertänigen Bau-
       ern auf  jede Weise.  Sie trieben  Wucher in  Korn und  Geld, ok-
       troyierten sich  Monopole aller  Art, entzogen der Gemeinde nach-
       einander alle  Anrechte auf  Mitbenutzung der  städtischen Wälder
       und Wiesen und benutzten diese direkt zu ihrem eigenen Privatvor-
       teil, legten  willkürlich Weg-,  Brücken- und Torzölle und andere
       Lasten auf  und trieben  Handel  mit  Zunftprivilegien,  Meister-
       schafts- und Bürgerrechten und mit der Justiz. Mit den Bauern des
       Weichbilds gingen  sie nicht  schonender um als der Adel oder die
       Pfaffen; im Gegenteil, die städtischen Vögte und Amtleute auf den
       Dörfern, lauter Patrizier, brachten zu der aristokratischen Härte
       und Habgier  noch eine  gewisse bürokratische  Genauigkeit in der
       Eintreibung mit.  Die so zusammengebrachten städtischen Einkünfte
       wurden mit der höchsten Willkür verwaltet; die Verrechnung in den
       städtischen Büchern, eine reine Förmlichkeit, war möglichst nach-
       lässig und  verworren; Unterschleife  und Kassendefekte  waren an
       der Tagesordnung. Wie leicht es damals einer von allen Seiten mit
       Privilegien umgebenen, wenig zahlreichen und durch Verwandtschaft
       und Interesse  eng zusammengehaltenen  Kaste war,  sich  aus  den
       städtischen Einkünften  enorm zu  bereichern, begreift  man, wenn
       man an die zahlreichen Unterschleife und Schwindeleien denkt, die
       das Jahr  1848 in  so vielen  städtischen Verwaltungen an den Tag
       gebracht hat.
       Die Patrizier hatten Sorge getragen, die Rechte der Stadtgemeinde
       besonders in  Finanzsachen überall  einschlafen zu  lassen.  Erst
       später, als  die Prellereien dieser Herren zu arg wurden, setzten
       sich die  Gemeinden wieder  in Bewegung,  um wenigstens  die Kon-
       trolle über die städtische Verwaltung an sich zu bringen. Sie er-
       langten in den meisten Städten ihre Rechte wirklich wieder.
       
       #337# Der deutsche Bauernkrieg
       -----
       wieder. Aber bei den ewigen Streitigkeiten der Zünfte unter sich,
       bei der  Zähigkeit der  Patrizier und  dem Schutz,  den sie  beim
       Reich und  den Regierungen  der ihnen  verbündeten Städte fanden,
       stellten die  patrizischen Ratsherren sehr bald ihre alte Allein-
       herrschaft faktisch  wieder her,  sei es durch List, sei es durch
       Gewalt. Im  Anfang des  sechzehnten Jahrhunderts  befand sich die
       Gemeinde in allen Städten wieder in der Opposition.
       Die städtische Opposition gegen das Patriziat teilte sich in zwei
       Fraktionen, die im Bauernkrieg sehr bestimmt hervortreten.
       Die  b ü r g e r l i c h e  O p p o s i t i o n,  die Vorgängerin
       unsrer heutigen  Liberalen, umfaßte  die reicheren  und mittleren
       Bürger sowie einen nach den Lokalumständen größeren oder geringe-
       ren Teil  der Kleinbürger. Ihre Forderungen hielten sich rein auf
       verfassungsmäßigem Boden.  Sie verlangten  die Kontrolle über die
       städtische Verwaltung  und einen Anteil an der gesetzgebenden Ge-
       walt, sei es durch die Gemeindeversammlung selbst oder durch eine
       Gemeindevertretung (großer  Rat,  Gemeindeausschuß);  ferner  Be-
       schränkung des patrizischen Nepotismus und der Oligarchie einiger
       weniger Familien, die selbst innerhalb des Patriziats immer offe-
       ner hervortrat. Höchstens verlangten sie außerdem noch die Beset-
       zung einiger  Ratsstellen durch  Bürger aus  ihrer eignen  Mitte.
       Diese Partei, der sich hier und da die unzufriedene und herunter-
       gekommene Fraktion  des Patriziats  anschloß, hatte  in allen or-
       dentlichen Gemeindeversammlungen  und auf  den Zünften  die große
       Majorität. Die  Anhänger des  Rats und  die radikalere Opposition
       zusammen waren  unter den  wirklichen   B ü r g e r n  bei weitem
       die Minderzahl.
       Wir werden  sehen, wie während der Bewegung des sechzehnten Jahr-
       hunderts  diese  "gemäßigte",  "gesetzliche",  "wohlhabende"  und
       "intelligente Opposition  genau dieselbe  Rolle spielt, und genau
       mit demselben  Erfolg, wie  ihre Erbin, die konstitutionelle Par-
       tei, in der Bewegung von 1848 und 1849.
       Im übrigen eiferte die bürgerliche Opposition noch sehr ernstlich
       wider die  Pfaffen, deren faules Wohlleben und lockere Sitten ihr
       großes Ärgernis  gaben. Sie verlangte Maßregeln gegen den skanda-
       lösen Lebenswandel  dieser würdigen Männer. Sie forderte, daß die
       eigene Gerichtsbarkeit  und die  Steuerfreiheit der Pfaffen abge-
       schafft und die Zahl der Mönche überhaupt beschränkt werde.
       Die   p l e b e j i s c h e  O p p o s i t i o n  bestand aus den
       heruntergekommenen Bürgern  und der  Masse der städtischen Bewoh-
       ner, die vom Bürgerrechte ausgeschlossen war: den Handwerksgesel-
       len, den Taglöhnern und den zahlreichen Anfängen des Lumpenprole-
       tariats, die sich selbst auf den untergeordneten Stufen der städ-
       tischen Entwicklung vorfinden. Das Lumpenproletariat ist
       
       #338# Friedrich Engels
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       überhaupt eine  Erscheinung, die,  mehr oder weniger ausgebildet,
       in fast  allen bisherigen Gesellschaftsphasen vorkommt. Die Menge
       von Leuten  ohne bestimmten  Erwerbszweig  oder  festen  Wohnsitz
       wurde gerade  damals sehr vermehrt durch das Zerfallen des Feuda-
       lismus in  einer Gesellschaft,  in der  noch jeder  Erwerbszweig,
       jede Lebenssphäre  hinter einer Unzahl von Privilegien verschanzt
       war. In  allen entwickelten  Ländern war  die Zahl der Vagabunden
       nie so  groß gewesen  wie in  der ersten  Hälfte des  sechzehnten
       Jahrhunderts. Ein  Teil dieser Landstreicher trat in Kriegszeiten
       in die  Armeen, ein anderer bettelte sich durchs Land, der dritte
       endlich suchte in den Städten durch Taglöhnerarbeit und was sonst
       gerade nicht  zünftig war,  seine notdürftige Existenz. Alle drei
       spielen eine  Rolle im  Bauernkrieg: der  erste in  den  Fürsten-
       armeen, denen  die Bauern  erlagen, der  zweite in den Bauernver-
       schwörungen und  Bauernhaufen, wo  sein demoralisierender Einfluß
       jeden Augenblick hervortritt, der dritte in den Kämpfen der städ-
       tischen Parteien.  Es ist  übrigens nicht  zu vergessen,  daß ein
       großer Teil dieser Klasse, namentlich der in den Städten lebende,
       damals noch einen bedeutenden Kern gesunder Bauernnatur besaß und
       noch lange  nicht die Käuflichkeit und Verkommenheit des heutigen
       zivilisierten Lumpenproletariats entwickelt hatte.
       Man sieht,  die plebejische  Opposition der  damaligen Städte be-
       stand aus sehr gemischten Elementen. Sie vereinigte die verkomme-
       nen Bestandteile  der alten  feudalen und  zünftigen Gesellschaft
       mit dem  noch unentwickelten, kaum emportauchenden proletarischen
       Element der  aufkeimenden,  modernen  bürgerlichen  Gesellschaft.
       Verarmte Zunftbürger,  die noch durch das Privilegium mit der be-
       stehenden bürgerlichen  Ordnung  zusammenhingen,  auf  der  einen
       Seite; verstoßene  Bauern und  abgedankte Dienstleute,  die  noch
       nicht zu  Proletariern werden  konnten, auf  der andern. Zwischen
       beiden die  Gesellen, momentan  außerhalb der offiziellen Gesell-
       schaft stehend  und sich  in ihrer  Lebenslage dem Proletariat so
       sehr nähernd,  wie dies bei der damaligen Industrie und unter dem
       Zunftprivilegium möglich; aber, zu gleicher Zeit, fast lauter zu-
       künftige bürgerliche  Meister, kraft  eben dieses Zunftprivilegi-
       ums. Die  Parteistellung dieses Gemisches von Elementen war daher
       notwendig höchst  unsicher und je nach der Lokalität verschieden.
       Vor dem  Bauernkriege tritt die plebejische Opposition in den po-
       litischen Kämpfen  nicht als  Partei, sie tritt nur als turbulen-
       ter, plünderungssüchtiger,  mit einigen  Fässern Wein an- und ab-
       käuflicher Schwanz der bürgerlichen Opposition auf. Erst die Auf-
       stände der Bauern machen sie zur Partei, und auch da ist sie fast
       überall in ihren Forderungen und ihrem Auftreten abhängig von den
       Bauern -  ein merkwürdiger Beweis, wie sehr damals die Stadt noch
       abhängig vom Lande war. Soweit sie selbständig auftritt, verlangt
       sie die Herstellung der städtischen
       
       #339# Der deutsche Bauernkrieg
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       Gewerksmonopole auf dem Lande, will sie die städtischen Einkünfte
       nicht durch Abschaffung der Feudallasten im Weichbild geschmälert
       wissen usw.;  kurz, so  weit ist  sie reaktionär, ordnet sie sich
       ihren eigenen kleinbürgerlichen Elementen unter und liefert damit
       ein charakteristisches  Vorspiel zu der Tragikomödie, die die mo-
       derne Kleinbürgerschaft  seit drei Jahren unter der Firma der De-
       mokratie aufführt.
       Nur in  Thüringen unter dem direkten Einfluß Münzers [290] und an
       einzelnen andern  Orten unter dem seiner Schüler wurde die plebe-
       jische Fraktion  der Städte  von dem  allgemeinen Sturm  so  weit
       fortgerissen, daß  das embryonische  proletarische Element in ihr
       momentan die  Oberhand über  alle andern Fraktionen 1*) der Bewe-
       gung bekam.  Diese Episode,  die den Kulminationspunkt des ganzen
       Bauernkriegs bildet  und sich  um seine  großartigste Gestalt, um
       Thomas Münzer,  gruppiert, ist zugleich die kürzeste. Es versteht
       sich, daß sie am schnellsten zusammenbrechen und daß sie zu glei-
       cher Zeit ein vorzugsweise phantastisches Gepräge tragen, daß der
       Ausdruck ihrer  Forderungen höchst unbestimmt bleiben muß; gerade
       sie fand  am wenigsten  festen Boden in den damaligen Verhältnis-
       sen.
       Unter allen  diesen Klassen,  mit Ausnahme der letzten, stand die
       große exploitierte  Masse der  Nation: die  Bauern. Auf dem Bauer
       lastete der ganze Schichtenbau der Gesellschaft: Fürsten, Beamte,
       Adel, Pfaffen,  Patrizier und  Bürger. Ob er der Angehörige eines
       Fürsten, eines  Reichsfreiherrn, eines  Bischofs, eines Klosters,
       einer Stadt  war, er  wurde überall wie eine Sache, wie ein Last-
       tier behandelt,  und schlimmer. War er Leibeigner, so war er sei-
       nem Herrn  auf Gnade  und Ungnade  zur Verfügung gestellt. War er
       Höriger, so  waren schon  die gesetzlichen,  vertragsmäßigen Lei-
       stungen hinreichend, ihn zu erdrücken; aber diese Leistungen wur-
       den täglich  vermehrt. Den  größten Teil seiner Zeit mußte er auf
       den Gütern  des Herrn arbeiten; von dem, was er sich in den weni-
       gen freien Stunden erwarb, mußten Zehnten, Zins, Gült, Bede, Rei-
       segeld (Kriegssteuer), Landessteuer und Reichssteuer gezahlt wer-
       den. Er  konnte nicht  heiraten und  nicht sterben,  ohne daß dem
       Herrn gezahlt  wurde. Er  mußte,  außer  den  regelmäßigen  Fron-
       diensten, für  den gnädigen  Herrn Streu  sammeln, Erdbeeren sam-
       meln, Heidelbeeren sammeln, Schneckenhäuser sammeln, das Wild zur
       Jagd treiben,  Holz hacken  usw. Fischerei  und Jagd gehörten dem
       Herrn; der  Bauer mußte  ruhig zusehen, wenn das Wild seine Ernte
       zerstörte. Die Gemeindeweiden und Waldungen der Bauern waren fast
       überall gewaltsam von den Herren weggenommen worden. Und wie über
       das Eigentum,  so schaltete  der Herr willkürlich über die Person
       des Bauern,
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       1*) (1850) Faktoren
       
       #340# Friedrich Engels
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       über die  seiner Frau  und seiner Töchter. Er hatte das Recht der
       ersten Nacht.  Er warf  ihn in  den Turm, wenn's ihm beliebte, wo
       ihn mit derselben Sicherheit, wie jetzt der Untersuchungsrichter,
       damals die Folter erwartete. Er schlug ihn tot oder ließ ihn köp-
       fen, wenn's  ihm beliebte. Von jenen erbaulichen Kapiteln der Ca-
       rolina [291]1, die da "von Ohrenabschneiden", "von Nasenabschnei-
       den", "von  Augenausstechen", "von  Abhacken der  Finger und  der
       Hände", "von  Köpfen", "von  Rädern", "von Verbrennen", "von Zwi-
       cken mit  glühenden Zangen",  "von Vierteilen"  usw. handeln, ist
       kein einziges,  das der  gnädige Leib- oder Schirmherr nicht nach
       Belieben gegen  seine Bauern  angewandt  hätte.  Wer  sollte  ihn
       schützen? In  den Gerichten saßen Barone, Pfaffen, Patrizier oder
       Juristen, die  wohl wußten,  wofür sie bezahlt wurden. Alle offi-
       ziellen Stände  des Reichs  lebten ja von der Aussaugung der Bau-
       ern.
       Die Bauern, knirschend unter dem furchtbaren Druck, waren dennoch
       schwer zum  Aufstand zu  bringen. Ihre  Zersplitterung erschwerte
       jede gemeinsame Übereinkunft im höchsten Grade. Die lange Gewohn-
       heit der  von Geschlecht  zu Geschlecht fortgepflanzten Unterwer-
       fung, die  Entwöhnung vom Gebrauch der Waffen in vielen Gegenden,
       die je  nach der  Persönlichkeit der Herren bald ab-, bald zuneh-
       mende Härte der Ausbeutung trug dazu bei, die Bauern ruhig zu er-
       halten. Wir  finden daher  im Mittelalter Lokalinsurrektionen der
       Bauern in  Menge, aber - wenigstens in Deutschland - vor dem Bau-
       ernkrieg keinen  einzigen allgemeinen, nationalen Bauernaufstand.
       Dazu waren  die Bauern  allein nicht imstande, eine Revolution zu
       machen, solange  ihnen die  organisierte Macht  der Fürsten,  des
       Adels und der Städte verbündet und geschlossen entgegenstand. Nur
       durch eine Allianz mit andern Ständen konnten sie eine Chance des
       Sieges bekommen;  aber wie  sollten sie  sich mit  andern Ständen
       verbinden, da sie von allen gleichmäßig ausgebeutet wurden?
       Wir sehen,  die verschiedenen  Stände des  Reichs, Fürsten, Adel,
       Prälaten, Patrizier, Bürger, Plebejer und Bauern, bildeten im An-
       fang des  sechzehnten Jahrhunderts  eine höchst  verworrene Masse
       mit den  verschiedenartigsten, sich  nach allen Richtungen durch-
       kreuzenden Bedürfnissen.  Jeder Stand war dem andern im Wege, lag
       mit allen  andern in  einem fortgesetzten, bald offnen, bald ver-
       steckten Kampf. Jene Spaltung der ganzen Nation in zwei große La-
       ger, wie  sie beim  Ausbruch der  ersten Revolution in Frankreich
       bestand, wie  sie jetzt  auf einer  höheren Entwickelungsstufe in
       den fortgeschrittensten Ländern besteht, war unter diesen Umstän-
       den rein unmöglich; sie konnte selbst annähernd nur dann zustande
       kommen, wenn die unterste, von allen übrigen Ständen exploitierte
       Schichte der Nation sich erhob: die Bauern und die Plebejer.
       
       #341# Der deutsche Bauernkrieg
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       Man wird  die Verwirrung der Interessen, Ansichten und Bestrebun-
       gen jener  Zeit leicht  begreifen, wenn man sich erinnert, welche
       Konfusion in  den letzten  zwei Jahren  die jetzige, weit weniger
       komplizierte Zusammensetzung der deutschen Nation aus Feudaladel,
       Bourgeoisie, Kleinbürgerschaft,  Bauern und Proletariat hervorge-
       bracht hat.
       
       #342#
       -----
       II
       
       [Die großen oppositionellen Gruppierungen und ihre Ideologien -
       Luther und Münzer]
       
       Die Gruppierung  der damals  so mannigfaltigen Stände zu größeren
       Ganzen wurde  schon durch die Dezentralisation und die lokale und
       provinzielle Selbständigkeit,  durch die industrielle und kommer-
       zielle Entfremdung  der Provinzen voneinander, durch die schlech-
       ten Kommunikationen  fast unmöglich  gemacht.  Diese  Gruppierung
       bildet sich  erst heraus  mit der allgemeinen Verbreitung revolu-
       tionärer religiös-politischer  Ideen in der Reformation. Die ver-
       schiedenen Stände,  die sich diesen Ideen anschließen oder entge-
       genstellen, konzentrieren,  freilich nur  sehr mühsam  und  annä-
       hernd, die  Nation in  drei große  Lager, in das katholische oder
       reaktionäre, das lutherische bürgerlich-reformierende und das re-
       volutionäre. Wenn  wir auch  in dieser großen Zerklüftung der Na-
       tion wenig  Konsequenz entdecken,  wenn wir  in den ersten beiden
       Lagern zum  Teil dieselben  Elemente finden, so erklärt sich dies
       aus dem  Zustand der  Auflösung, in dem sich die meisten, aus dem
       Mittelalter überlieferten  offiziellen Stände  befanden, und  aus
       der Dezentralisation,  die denselben Ständen an verschiedenen Or-
       ten momentan entgegengesetzte Richtungen anwies. Wir haben in den
       letzten Jahren  so häufig  ganz ähnliche  Fakta in Deutschland zu
       sehen Gelegenheit  gehabt, daß  uns eine solche scheinbare Durch-
       einanderwürfelung  der   Stände  und   Klassen  unter   den  viel
       verwickelteren Verhältnissen  des 16.  Jahrhunderts nicht wundern
       kann.
       Die deutsche  Ideologie sieht, trotz der neuesten Erfahrungen, in
       den Kämpfen,  denen das  Mittelalter  erlag,  noch  immer  weiter
       nichts als  heftige theologische Zänkereien. Hätten die Leute je-
       ner Zeit sich nur über die himmlischen Dinge verständigen können,
       so wäre, nach der Ansicht unsrer vaterländischen Geschichtskenner
       und Staatsweisen,  gar kein  Grund vorhanden  gewesen,  über  die
       Dinge dieser Welt zu streiten. Diese Ideologen sind leichtgläubig
       genug, alle  Illusionen für  bare Münze  zu nehmen, die sich eine
       Epoche über  sich selbst  macht oder die die Ideologen einer Zeit
       sich über  diese Zeit machen. Dieselbe Klasse von Leuten sieht z.
       B. in der Revolution
       
       #343# Der deutsche Bauernkrieg
       -----
       von 1789  nur eine  etwas hitzige  Debatte über  die Vorzüge  der
       konstitutionellen vor der absoluten Monarchie, in der Julirevolu-
       tion [6]  eine praktische  Kontroverse über die Unhaltbarkeit des
       Rechts "von  Gottes Gnaden",  in der  Februarrevolution [219] den
       Versuch zur  Lösung der Frage "Republik oder Monarchie?" usw. Von
       den   K l a s s e n k ä m p f e n,  die in diesen Erschütterungen
       ausgefochten werden  und deren  bloßer Ausdruck  die jedesmal auf
       die Fahne geschriebene politische Phrase ist, von diesen Klassen-
       kämpfen haben selbst heute noch unsre Ideologen kaum eine Ahnung,
       obwohl die  Kunde davon  vernehmlich genug nicht nur vom Auslande
       herüber, sondern  auch aus  dem Murren und Grollen vieler tausend
       einheimischen Proletarier herauf erschallt.
       Auch in den sogenannten Religionskriegen des sechzehnten Jahrhun-
       derts handelte  es sich  vor allem  um sehr  positive  materielle
       Klasseninteressen, und  diese Kriege waren Klassenkämpfe, ebenso-
       gut  wie   die  späteren   inneren  Kollisionen  in  England  und
       Frankreich. Wenn  diese  Klassenkämpfe  damals  religiöse  Schib-
       boleths trugen,  wenn die Interessen, Bedürfnisse und Forderungen
       der einzelnen  Klassen sich  unter einer religiösen Decke verbar-
       gen, so  ändert dies  nichts an der Sache und erklärt sich leicht
       aus den Zeitverhältnissen.
       Das Mittelalter  hatte sich  ganz aus  dem Rohen entwickelt. Über
       die alte  Zivilisation, die  alte Philosophie,  Politik  und  Ju-
       risprudenz hatte  es reinen Tisch gemacht, um in allem wieder von
       vorn anzufangen.  Das einzige, das es aus der untergegangenen al-
       ten Welt  übernommen hatte,  war das  Christentum und eine Anzahl
       halbzerstörter, ihrer  ganzen Zivilisation  entkleideter  Städte.
       Die Folge  davon war,  daß, wie auf allen ursprünglichen Entwick-
       lungsstufen, die  Pfaffen das Monopol der intellektuellen Bildung
       erhielten und damit die Bildung selbst einen wesentlich theologi-
       schen Charakter bekam. Unter den Händen der Pfaffen blieben Poli-
       tik und  Jurisprudenz, wie  alle  übrigen  Wissenschaften,  bloße
       Zweige der  Theologie und wurden nach denselben Prinzipien behan-
       delt, die  in dieser  Geltung hatten. Die Dogmen der Kirche waren
       zu gleicher  Zeit politische  Axiome, und  Bibelstellen hatten in
       jedem Gerichtshof  Gesetzeskraft. Selbst als ein eigner Juristen-
       stand sich  bildete, blieb  die Jurisprudenz noch lange unter der
       Vormundschaft der Theologie. Und diese Oberherrlichkeit der Theo-
       logie auf  dem ganzen  Gebiet der  intellektuellen Tätigkeit  war
       zugleich die notwendige Folge von der Stellung der Kirche als der
       allgemeinsten  Zusammenfassung   und  Sanktion   der  bestehenden
       Feudalherrschaft.
       Es ist  klar, daß hiermit alle allgemein ausgesprochenen Angriffe
       auf den  Feudalismus, vor allem Angriffe auf die Kirche, alle re-
       volutionären,  gesellschaftlichen   und   politischen   Doktrinen
       zugleich und vorwiegend theologische
       
       #344# Friedrich Engels
       -----
       Ketzereien sein  mußten. Damit die bestehenden gesellschaftlichen
       Verhältnisse angetastet werden konnten, mußte ihnen der Heiligen-
       schein abgestreift werden.
       Die revolutionäre  Opposition gegen die Feudalität geht durch das
       ganze Mittelalter.  Sie tritt auf, je nach den Zeitverhältnissen,
       als Mystik  [292], als offene Ketzerei, als bewaffneter Aufstand.
       Was die Mystik angeht, so weiß man, wie abhängig die Reformatoren
       des 16.  Jahrhunderts von ihr waren; auch Münzer hat viel aus ihr
       genommen. Die  Ketzereien waren  teils der  Ausdruck der Reaktion
       der patriarchalischen Alpenhirten gegen die zu ihnen vordringende
       Feudalität (die  Waldenser [293]);  teils der  Opposition der dem
       Feudalismus entwachsenen  Städte gegen ihn (die Albigenser [294],
       Arnold von  Brescia etc.); teils direkter Insurrektionen der Bau-
       ern (John  Ball, der  Meister aus  Ungarn 1*),  in  der  Pikardie
       etc.). Die  patriarchalische Ketzerei  der Waldenser  können  wir
       hier, ganz  wie die  Insurrektion der  Schweizer, als  einen nach
       Form und Inhalt reaktionären Versuch der Absperrung gegen die ge-
       schichtliche Bewegung,  und von  nur lokaler  Bedeutung, beiseite
       lassen. In den beiden übrigen Formen der mittelalterlichen Ketze-
       rei finden  wir schon  im zwölften  Jahrhundert die Vorläufer des
       großen Gegensatzes  zwischen bürgerlicher  und  bäurisch-plebeji-
       scher Opposition,  an dem  der Bauernkrieg  zugrunde ging. Dieser
       Gegensatz zieht sich durchs ganze spätere Mittelalter.
       Die Ketzerei  der Städte  - und sie ist die eigentlich offizielle
       Ketzerei des  Mittelalters -  wandte sich hauptsächlich gegen die
       Pfaffen, deren  Reichtümer und  politische Stellung  sie angriff.
       Wie jetzt  die Bourgeoisie  ein gouvernement  à bon  marché, eine
       wohlfeile Regierung  fordert, so verlangten die mittelalterlichen
       Bürger zunächst  eine église à bon marché, eine wohlfeile Kirche.
       Der Form  nach reaktionär, wie jede Ketzerei, die in der Fortent-
       wicklung der Kirche und der Dogmen nur eine Entartung sehen kann,
       forderte die  bürgerliche Ketzerei Herstellung der urchristlichen
       einfachen Kirchenverfassung  und Aufhebung  des exklusiven  Prie-
       sterstandes. Diese  wohlfeile Einrichtung  beseitigte die Mönche,
       die Prälaten,  den römischen  Hof, kurz  alles, was in der Kirche
       kostspielig war.  Die Städte,  selbst Republiken, wenn auch unter
       dem Schutz  von Monarchen, sprachen durch ihre Angriffe gegen das
       Papsttum zum ersten Male in allgemeiner Form aus, daß die normale
       Form der  Herrschaft des Bürgertums die Republik ist. Ihre Feind-
       schaft gegen  eine Reihe  von Dogmen  und Kirchengesetzen erklärt
       sich teils  aus dem  Gesagten,( teils aus ihren sonstigen Lebens-
       verhältnissen. Warum sie z.B. so heftig gegen das Zölibat auftra-
       ten, darüber gibt niemand besser Aufschluß als Boccaccio.
       
       #345# Der deutsche Bauernkrieg
       -----
       Arnold von  Brescia in Italien und Deutschland, die Albigenser in
       Südfrankreich, John Wycliffe [295] in England, Hus und die Calix-
       tiner [296]  in Böhmen waren die Hauptrepräsentanten dieser Rich-
       tung. Daß die Opposition gegen den Feudalismus hier nur als Oppo-
       sition gegen  die   g e i s t l i c h e  Feudalität auftritt, er-
       klärt sich  sehr einfach daraus, daß die Städte überall schon an-
       erkannter Stand waren und die weltliche Feudalität mit ihren Pri-
       vilegien, mit  den Waffen  oder in  den ständischen Versammlungen
       hinreichend bekämpfen konnten.
       Auch hier sehen wir schon, sowohl in Südfrankreich wie in England
       und Böhmen, daß der größte Teil des niederen Adels sich den Städ-
       ten im  Kampf gegen  die Pfaffen und in der Ketzerei anschließt -
       eine Erscheinung,  die sich  aus der  Abhängigkeit  des  niederen
       Adels von  den Städten  und aus  der Gemeinsamkeit der Interessen
       beider gegenüber  den Fürsten und Prälaten erklärt und die wir im
       Bauernkrieg wiederfinden werden.
       Einen ganz  verschiedenen Charakter  hatte die  Ketzerei, die der
       direkte Ausdruck  der bäurischen und plebejischen Bedürfnisse war
       und sich  fast immer  an einen Aufstand anschloß. Sie teilte zwar
       alle Forderungen  der bürgerlichen  Ketzerei in betreff der Pfaf-
       fen, des  Papsttums und  der Herstellung  der urchristlichen Kir-
       chenverfassung, aber sie ging zugleich unendlich weiter. Sie ver-
       langte die  Herstellung des urchristlichen Gleichheitsverhältnis-
       ses unter  den Mitgliedern der Gemeinde und seine Anerkennung als
       Norm auch  für die  bürgerliche Welt. Sie zog von der "Gleichheit
       der Kinder  Gottes" den Schluß auf die bürgerliche Gleichheit und
       selbst teilweise  schon auf die Gleichheit des Vermögens. Gleich-
       stellung des  Adels mit  den Bauern,  der  Patrizier  und  bevor-
       rechteten Bürger  mit den Plebejern, Abschaffung der Frondienste,
       Grundzinsen, Steuern,  Privilegien und  wenigstens der schreiend-
       sten Vermögensunterschiede  waren Forderungen,  die mit mehr oder
       weniger Bestimmtheit  aufgestellt und als notwendige Konsequenzen
       der urchristlichen  Doktrin behauptet wurden. Diese bäurisch-ple-
       bejische Ketzerei, in der Blütezeit des Feudalismus, z.B. bei den
       Albigensern, kaum  noch zu  trennen von der bürgerlichen, entwic-
       kelt sich  zu einer  scharf geschiedenen Parteiansicht im 14. und
       15. Jahrhundert,  wo sie  gewöhnlich ganz  selbständig neben  der
       bürgerlichen Ketzerei  auftritt. So  John Ball,  der Prediger des
       Wat-Tylerschen Aufstandes  in England  [298] neben  der Wycliffe-
       schen Bewegung,  so die Taboriten [298] neben Calixtinern in Böh-
       men. Bei den Taboriten tritt sogar schon die republikanische Ten-
       denz unter  theokratischer Verbrämung hervor, die am Ende des 15.
       und Anfang  des 16. Jahrhunderts durch die Vertreter der Plebejer
       in Deutschland weiter ausgebildet wurde.
       An  diese   Form  der  Ketzerei  schließt  sich  die  Schwärmerei
       mystizisierender
       
       #346# Friedrich Engels
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       Sekten, der Geißler [299], Lollards [300] etc., die in Zeiten der
       Unterdrückung die revolutionäre Tradition fortpflanzen.
       Die Plebejer  waren damals die einzige Klasse, die ganz außerhalb
       der offiziell bestehenden Gesellschaft stand. Sie befand sich au-
       ßerhalb des  feudalen und  außerhalb des  bürgerlichen Verbandes.
       Sie hatte  weder Privilegien  noch Eigentum; sie hatte nicht ein-
       mal, wie  die Bauern und Kleinbürger, einen mit drückenden Lasten
       beschwerten Besitz.  Sie war  in jeder  Beziehung  besitzlos  und
       rechtlos; ihre  Lebensbedingungen kamen  direkt nicht  einmal  in
       Berührung mit  den bestehenden Institutionen, von denen sie voll-
       ständig ignoriert  wurden. Sie war das lebendige Symptom der Auf-
       lösung  der   feudalen  und  zunftbürgerlichen  Gesellschaft  und
       zugleich der erste Vorläufer der modernbürgerlichen Gesellschaft.
       Aus dieser  Stellung erklärt es sich, warum die plebejische Frak-
       tion schon damals nicht bei der bloßen Bekämpfung des Feudalismus
       und der  privilegierten Pfahlbürgerei stehenbleiben konnte, warum
       sie, wenigstens  in der Phantasie, selbst über die kaum empordäm-
       mernde modern-bürgerliche  Gesellschaft hinausgreifen, warum sie,
       die vollständig  besitzlose Fraktion,  schon  Institutionen,  An-
       schauungen und Vorstellungen in Frage stellen mußte, welche allen
       auf Klassengegensätzen  beruhenden Gesellschaftsformen  gemeinsam
       sind. Die chiliastischen Schwärmereien [301] des ersten Christen-
       tums boten  hierzu einen bequemen Anknüpfungspunkt. Aber zugleich
       konnte dies  Hinausgehen, nicht  nur über  die Gegenwart, sondern
       selbst über  die Zukunft, nur ein gewaltsames phantastisches sein
       und mußte  beim ersten  Versuch der praktischen Anwendung zurück-
       fallen in  die beschränkten  Grenzen, die  die damaligen Verhält-
       nisse allein  zuließen. Der  Angriff auf  das Privateigentum, die
       Forderung der Gütergemeinschaft, mußte sich auflösen in eine rohe
       Organisation der  Wohltätigkeit; die  vage christliche Gleichheit
       konnte höchstens  auf die bürgerliche "Gleichheit vor dem Gesetz"
       hinauslaufen; die  Beseitigung aller  Obrigkeit  verwandelt  sich
       schließlich in  die Herstellung  vom Volke gewählter republikani-
       scher Regierungen.  Die Antizipation  des Kommunismus  durch  die
       Phantasie wurde  in der Wirklichkeit eine Antizipation der moder-
       nen bürgerlichen Verhältnisse.
       Diese gewaltsame,  aber dennoch  aus der  Lebenslage der plebeji-
       schen Fraktion  sehr erklärliche Antizipation auf die spätere Ge-
       schichte finden  wir zuerst in Deutschland, bei Thomas Münzer und
       seiner Partei.  Bei den  Taboriten hatte allerdings eine Art chi-
       liastischer Gütergemeinschaft  bestanden, aber nur als rein mili-
       tärische Maßregel. Erst bei Münzer sind diese kommunistischen An-
       klänge Ausdruck  der Bestrebungen einer wirklichen Gesellschafts-
       fraktion, erst  bei ihm  sind sie mit einer gewissen Bestimmtheit
       formuliert, und seit ihm
       
       #347# Der deutsche Bauernkrieg
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       finden wir sie in jeder großen Volkserschütterung wieder, bis sie
       allmählich mit der modernen proletarischen Bewegung zusammenflie-
       ßen; geradeso wie im Mittelalter die Kämpfe der freien Bauern ge-
       gen die sie mehr und mehr umstrickende Feudalherrschaft zusammen-
       fließen mit  den Kämpfen der Leibeigenen und Hörigen um den voll-
       ständigen Bruch der Feudalherrschaft.
       Während sich  in dem  ersten der  drei großen  Lager, im   k o n-
       s e r v a t i v - k a t h o l i s c h e n,   alle Elemente zusam-
       menfanden, die  bei der  Erhaltung des  Bestehenden  interessiert
       waren, also  die Reichsgewalt,  die geistlichen  und ein Teil der
       weltlichen Fürsten,  der reichere  Adel,  die  Prälaten  und  das
       städtische Patriziat,  sammeln sich  um das  Banner der    b ü r-
       g e r l i c h - g e m ä ß i g t e n  l u t h e r i s c h e n  Re-
       form die  besitzenden Elemente  der  Opposition,  die  Masse  des
       niederen  Adels,   die  Bürgerschaft  und  selbst  ein  Teil  der
       weltlichen Fürsten,  der sich  durch Konfiskation der geistlichen
       Güter zu  bereichern hoffte  und die  Gelegenheit  zur  Erringung
       größerer Unabhängigkeit vom Reich benutzen wollte. Die Bauern und
       Plebejer endlich  schlössen sich zur  r e v o l u t i o n ä r e n
       Partei zusammen,  deren Forderungen  und Doktrinen  am schärfsten
       durch Münzer ausgesprochen wurden.
       Luther und  Münzer repräsentieren nach ihrer Doktrin wie nach ih-
       rem Charakter und ihrem Auftreten jeder seine Partei vollständig.
       Luther hat  in den Jahren 1517 bis 1525 ganz dieselben Wandlungen
       durchgemacht, die  die modernen  deutschen Konstitutionellen  von
       1846   1*) bis  1849 durchmachten und die jede bürgerliche Partei
       durchmacht, welche,  einen Moment  an die Spitze der Bewegung ge-
       stellt, in  dieser Bewegung  selbst von  der hinter ihr stehenden
       plebejischen oder proletarischen Partei überflügelt wird.
       Als Luther  1517 zuerst  gegen die  Dogmen und die Verfassung der
       katholischen Kirche auftrat, hatte seine Opposition durchaus noch
       keinen bestimmten Charakter. Ohne über die Forderungen der frühe-
       ren bürgerlichen  Ketzerei hinauszugehn, schloß sie keine einzige
       weitergehende Richtung  aus und konnte es nicht. Im ersten Moment
       mußten alle  oppositionellen Elemente  vereinigt, mußte  die ent-
       schiedenste revolutionäre  Energie angewandt,  mußte die  Gesamt-
       masse der  bisherigen Ketzerei  gegenüber der katholischen Recht-
       gläubigkeit vertreten  werden. Geradeso  waren  unsere  liberalen
       Bourgeois noch  1847 revolutionär,  nannten sich  Sozialisten und
       Kommunisten und  schwärmten für  die Emanzipation  der  Arbeiter-
       klasse. Die  kräftige Bauernnatur  Luthers machte  sich in dieser
       ersten Periode seines Auftretens in der ungestümsten Weise Luft.
       ---
       1*) (1850) 1847
       
       #348# Friedrich Engels
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       "Wenn ihr"  (der römischen  Pfaffen) "rasend Wüten einen Fortgang
       haben sollte, so dünkt mich, es wäre schier kein besserer Rat und
       Arznei, ihm  zu steuern,  denn daß  Könige und Fürsten mit Gewalt
       dazutäten, sich  rüsteten und  diese schädlichen  Leute, so  alle
       Welt vergiften, angriffen und einmal des Spiels ein Ende machten,
       m i t   W a g e n,   n i c h t  m i t  W o r t e n.  So wir Diebe
       mit Schwert,  Mörder mit  Strang, Ketzer mit Feuer strafen, warum
       greifen wir  nicht vielmehr  an diese schädlichen Lehrer des Ver-
       derbens, als  Päpste, Kardinäle, Bischöfe und das ganze Geschwärm
       der römischen  Sodoma  m i t  a l l e r l e i  W a f f e n  u n d
       w a s c h e n   u n s e r e  H ä n d e  i n  i h r e m  B l u t?"
       [302]
       
       Aber dieser  erste revolutionäre  Feuereifer dauerte nicht lange.
       Der Blitz  schlug ein,  den Luther  geschleudert hatte. Das ganze
       deutsche Volk  geriet in Bewegung. Auf der einen Seite sahen Bau-
       ern und  Plebejer in seinen Aufrufen wider die Pfaffen, in seiner
       Predigt von  der christlichen  Freiheit das  Signal zur Erhebung;
       auf der  andern schlössen  sich die  gemäßigteren Bürger  und ein
       großer Teil  des niederen Adels ihm an, wurden selbst Fürsten vom
       Strom mit  fortgerissen. Die  einen glaubten den Tag gekommen, wo
       sie mit  allen ihren Unterdrückern Abrechnung halten könnten, die
       andern wollten  nur die  Macht der  Pfaffen, die Abhängigkeit von
       Rom, die  katholische Hierarchie brechen und sich aus der Konfis-
       kation des  Kirchengutes bereichern.  Die Parteien sonderten sich
       und fanden  ihre Repräsentanten. Luther mußte zwischen ihnen wäh-
       len. Er, der Schützling des Kurfürsten von Sachsen 1*), der ange-
       sehene Professor  von Wittenberg,  der über Nacht mächtig und be-
       rühmt gewordene,  mit einem  Zirkel von  abhängigen Kreaturen und
       Schmeichlern umgebene  große Mann  zauderte keinen Augenblick. Er
       ließ die  populären Elemente  der Bewegung fallen und schloß sich
       der bürgerlichen,  adligen und  fürstlichen Seite an. Die Aufrufe
       zum Vertilgungskampfe  gegen  Rom  verstummten;  Luther  predigte
       jetzt die   f r i e d l i c h e   E n t w i c k l u n g   und den
       p a s s i v e n   W i d e r s t a n d   (vgl. z.  B. "An den Adel
       teutscher Nation",  1520 etc.). Auf Huttens Einladung, zu ihm und
       Sickingen auf  die Ebernburg,  den Mittelpunkt der Adelsverschwö-
       rung gegen Pfaffen und Fürsten, zu kommen, antwortete Luther:
       
       "Ich möchte  nicht, daß  man das  Evangelium   m i t  G e w a l t
       u n d   B l u t v e r g i e ß e n   v e r f e c h t e.  Durch das
       Wort ist  die Welt überwunden worden, durch das Wort ist die Kir-
       che erhalten,  durch das  Wort wird  sie auch wieder in den Stand
       kommen, und  der Antichrist,  wie er Seines ohne Gewalt bekommen,
       wird ohne Gewalt fallen." [303]
       
       Von dieser  Wendung, oder  vielmehr von dieser bestimmteren Fest-
       stellung der Richtung Luthers, begann jenes Markten und Feilschen
       um die beizubehaltenden
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       1*) Friedrich III.
       
       #349# Der deutsche Bauernkrieg
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       oder zu  reformierenden Institutionen und Dogmen, jenes widerwär-
       tige Diplomatisieren,  Konzedieren, Intrigieren  und Vereinbaren,
       dessen Resultat  die  Augsburgische  Konfession  [304]  war,  die
       schließlich erhandelte  Verfassung der reformierten Bürgerkirche.
       Es ist  ganz derselbe  Schacher, der sich neuerdings in deutschen
       Nationalversammmlungen, Vereinbarungsversammlungen, Revisionskam-
       mern und  Erfurter Parlamenten  in politischer  Form bis zum Ekel
       wiederholt hat.  Der spießbürgerliche  Charakter der  offiziellen
       Reformation trat in diesen Verhandlungen aufs offenste hervor.
       Daß Luther,  als nunmehr  erklärter Repräsentant der bürgerlichen
       Reform, den  gesetzlichen Fortschritt predigte, hatte seine guten
       Gründe. Die  Masse der  Städte war der gemäßigten Reform zugefal-
       len; der  niedere Adel schloß sich ihr mehr und mehr an, ein Teil
       der Fürsten fiel zu, ein anderer schwankte. Ihr Erfolg war so gut
       wie gesichert,  wenigstens in einem großen Teile von Deutschland.
       Bei fortgesetzter friedlicher Entwicklung konnten die übrigen Ge-
       genden auf  die Dauer dem Andrang der gemäßigten Opposition nicht
       widerstehn. Jede  gewaltsame Erschütterung  aber mußte  die gemä-
       ßigte Partei  in Konflikt  bringen mit der extremen, plebejischen
       und Bauernpartei,  mußte die  Fürsten, den Adel und manche Städte
       der Bewegung  entfremden und  ließ nur  die Chance  entweder  der
       Überflügelung der bürgerlichen Partei durch die Bauern und Plebe-
       jer oder der Unterdrückung sämtlicher Bewegungsparteien durch die
       katholische Restauration.  Und wie die bürgerlichen Parteien, so-
       bald sie  die geringsten  Siege erfochten  haben, vermittelst des
       gesetzlichen Fortschritts  zwischen der Scylla der Revolution und
       der Charybdis  der Restauration durchzulavieren suchen, davon ha-
       ben wir in der letzten Zeit Exempel genug gehabt.
       Wie unter  den allgemein  gesellschaftlichen und politischen Ver-
       hältnissen der  damaligen Zeit  die Resultate  jeder  Veränderung
       notwendig den Fürsten zugute kommen und ihre Macht vermehren muß-
       ten, so  mußte die  bürgerliche Reform,  je schärfer sie sich von
       den plebejischen  und bäurischen Elementen schied, immer mehr un-
       ter die Kontrolle der reformierten Fürsten geraten. Luther selbst
       wurde mehr  und mehr ihr Knecht, und das Volk wußte sehr gut, was
       es tat,  wenn es sagte, er sei ein Fürstendiener geworden wie die
       andern, und wenn es ihn in Orlamünde mit Steinwürfen verfolgte.
       Als der  Bauernkrieg losbrach,  und zwar  in Gegenden, wo Fürsten
       und Adel  größtenteils katholisch  waren, suchte Luther eine ver-
       mittelnde Stellung  einzunehmen. Er  griff die  Regierungen  ent-
       schieden an.  Sie seien  schuld am Aufstand durch ihre Bedrückun-
       gen; nicht  die Bauern  setzten  sich  wider  sie,  sondern  Gott
       selbst. Der Aufstand sei freilich auch ungöttlich und wider das
       
       #350# Friedrich Engels
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       Evangelium, hieß  es auf  der andern  Seite. Schließlich  riet er
       beiden Parteien, nachzugeben und sich gütlich zu vertragen.
       Aber der  Aufstand, trotz  dieser wohlmeinenden  Vermittlungsvor-
       schläge, dehnte  sich rasch  aus, ergriff  sogar protestantische,
       von lutherischen Fürsten, Herren und Städten beherrschte Gegenden
       und wuchs  der bürgerlichen,  "besonnenen" Reform  rasch über den
       Kopf. In  Luthers nächster  Nähe, in  Thüringen, schlug  die ent-
       schiedenste Fraktion  der Insurgenten unter Münzer ihr Hauptquar-
       tier auf.  Noch ein  paar Erfolge,  und ganz Deutschland stand in
       Flammen, Luther  war umzingelt, vielleicht als Verräter durch die
       Spieße gejagt,  und die  bürgerliche Reform weggeschwemmt von der
       Sturmflut der  bäurisch-plebejischen Revolution. Da galt kein Be-
       sinnen mehr.  Gegenüber der  Revolution wurden  alle alten Feind-
       schaften vergessen;  im Vergleich mit den Rotten der Bauern waren
       die Diener  der römischen  Sodoma unschuldige Lämmer, sanftmütige
       Kinder Gottes;  und Bürger  und Fürsten, Adel und Pfaffen, Luther
       und Papst 1*) verbanden sich "wider die  mörderischen  und räube-
       rischen Rotten der Bauern" [305].
       "Man soll sie  z e r s c h m e i ß e n,  w ü r g e n  und  s t e-
       c h e n,   h e i m l i c h   u n d   ö f f e n t l i c h,  wer da
       kann, wie  man einen tollen Hund totschlagen muß!" schrie Luther.
       "Darum, liebe  Herren, loset  hie, rettet  da,  steche,  schlage,
       würge sie,  wer da  kann, bleibst du darüber tot, wohl dir, seli-
       geren Tod kannst du nimmermehr überkommen."
       
       Man solle  nur keine falsche Barmherzigkeit mit den Bauern haben.
       Die mengen  sich selber  unter die  Aufrührischen, die sich derer
       erbarmen, welcher  sich Gott nicht erbarmt, sondern welche er ge-
       straft und verderbet haben will. Nachher werden die Bauern selber
       Gott danken  lernen, wenn  sie die  eine Kuh hergeben müssen, auf
       daß sie  die andre  in Frieden  genießen können;  und die Fürsten
       werden durch den Aufruhr erkennen, wes Geistes der Pöbel sei, der
       nur mit Gewalt zu regieren.
       
       "Der weise  Mann sagt:  Cibus, onus et virga asino 2*) - in einen
       Bauern gehört  Haberstroh, sie  hören nicht das Wort und sind un-
       sinnig, so  müssen sie  die virgam,  die Büchse,  hören, und  ge-
       schieht ihnen  recht. Bitten  sollen wir  für sie, daß sie gehor-
       chen; wo nicht, so gilt's hier nicht viel Erbarmens.  L a s s e t
       n u r   d i e  B ü c h s e n  u n t e r  s i e  s a u s e n,  sie
       machen's sonst tausendmal ärger." [306]
       Geradeso sprachen  unsere weiland sozialistischen und philanthro-
       pischen Bourgeois,  als das Proletariat nach den Märztagen seinen
       Anteil an den Früchten des Siegs reklamieren kam.
       Luther hatte  der plebejischen Bewegung ein mächtiges Werkzeug in
       die Hand  gegeben durch  die Übersetzung  der Bibel. In der Bibel
       hatte er dem
       -----
       1*) Clemens VII.  - 2*) Der Esel braucht Futter, Bürde und Stock-
       schläge
       
       #351# Der deutsche Bauernkrieg
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       feudalisierten Christentum  der Zeit  das bescheidene Christentum
       der ersten  Jahrhunderte, der  zerfallenden feudalen Gesellschaft
       das Abbild  einer Gesellschaft  entgegengehalten, die  nichts von
       der weitschichtigen,  kunstmäßigen  Feudalhierarchie  wußte.  Die
       Bauern hatten  dies Werkzeug  gegen Fürsten,  Adel, Pfaffen, nach
       allen Seiten  hin benutzt.  Jetzt kehrte  Luther es gegen sie und
       stellte aus  der Bibel  einen wahren Dithyrambus auf die von Gott
       eingesetzte Obrigkeit zusammen, wie ihn kein Tellerlecker der ab-
       soluten Monarchie  je zustande  gebracht hat.  Das Fürstentum von
       Gottes Gnaden,  der passive  Gehorsam, selbst die Leibeigenschaft
       wurde mit  der Bibel  sanktioniert. Nicht nur der Bauernaufstand,
       auch die ganze Auflehnung Luthers selbst gegen die geistliche und
       weltliche Autorität war hierin verleugnet; nicht nur die populäre
       Bewegung, auch die bürgerliche war damit an die Fürsten verraten.
       Brauchen wir  die Bourgeois  zu nennen,  die auch von dieser Ver-
       leugnung ihrer eignen Vergangenheit uns kürzlich wieder Beispiele
       gegeben haben?
       Stellen wir  nun dem  bürgerlichen Reformator Luther den plebeji-
       schen Revolutionär Münzer gegenüber.
       Thomas Münzer  war geboren  zu Stolberg am Harz, um das Jahr 1498
       [307]. Sein  Vater soll,  ein Opfer der Willkür der Stolbergschen
       Grafen, am  Galgen gestorben  sein. Schon  in seinem  fünfzehnten
       Jahre stiftete Münzer auf der Schule zu Halle einen geheimen Bund
       gegen den  Erzbischof von  Magdeburg 1*)  und die römische Kirche
       überhaupt. Seine  Gelehrsamkeit in  der damaligen  Theologie ver-
       schaffte ihm  früh den  Doktorgrad und  eine Stelle als Kaplan in
       einem Nonnenkloster zu Halle. Hier behandelte er schon Dogmen und
       Ritus der  Kirche mit  der größten Verachtung, bei der Messe ließ
       er die Worte der Wandlung ganz aus und aß, wie Luther von ihm er-
       zählt, die  Herrgötter ungeweiht  [308]. Sein  Hauptstudium waren
       die  mittelalterlichen  Mystiker,  besonders  die  chiliastischen
       Schriften Joachims  des Calabresen. Das Tausendjährige Reich, das
       Strafgericht über  die entartete  Kirche und  die verderbte Welt,
       das dieser  verkündete und ausmalte, schien Münzer mit der Refor-
       mation und  der allgemeinen  Aufregung der Zeit nahe herbeigekom-
       men. Er predigte in der Umgegend mit großem Beifall. 1520 ging er
       als erster evangelischer Prediger nach Zwickau. Hier fand er eine
       jener schwärmerischen  chiliastischen Sekten  vor, die  in vielen
       Gegenden im  stillen fortexistierten, hinter deren momentaner De-
       mut und  Zurückgezogenheit sich  die fortwuchernde Opposition der
       untersten Gesellschaftsschichten  gegen die  bestehenden Zustände
       verborgen hatte und die jetzt mit der wachsenden Agitation
       -----
       1*) Ernst II.
       
       #352# Friedrich Engels
       -----
       immer offener  und beharrlicher  ans Tageslicht  hervortraten. Es
       war die  Sekte der  Wiedertäufer, an  deren Spitze  Niklas Storch
       [309] stand.  Sie predigten  das Nahen  des Jüngsten Gerichts und
       des Tausendjährigen  Reichs; sie  hatten "Gesichte,  Verzückungen
       und den Geist der Weissagung". Bald kamen sie in Konflikt mit dem
       Zwickauer Rat;  Münzer verteidigte  sie, obwohl er sich ihnen nie
       unbedingt anschloß, sondern sie vielmehr unter seinen Einfluß be-
       kam. Der  Rat schritt  energisch gegen  sie ein;  sie mußten  die
       Stadt verlassen, und Münzer mit ihnen. Es war Ende 1521.
       Er ging nach Prag und suchte, an die Reste der hussitischen Bewe-
       gung anknüpfend,  hier Boden zu gewinnen; aber seine Proklamation
       [310] hatte nur den Erfolg, daß er auch aus Böhmen wieder fliehen
       mußte. 1522  wurde er Prediger zu Allstedt in Thüringen. Hier be-
       gann er damit, den Kultus zu reformieren. Noch ehe Luther so weit
       zu gehen  wagte, schaffte er die lateinische Sprache total ab und
       ließ die  ganze Bibel,  nicht bloß  die vorgeschriebenen sonntäg-
       lichen Evangelien und Episteln verlesen. Zu gleicher Zeit organi-
       sierte er  die Propaganda  in der Umgegend. Von allen Seiten lief
       das Volk  ihm zu, und bald wurde Allstedt das Zentrum der populä-
       ren Antipfaffenbewegung von ganz Thüringen.
       Noch war  Münzer vor  allem Theologe;  noch richtete er seine An-
       griffe fast  ausschließlich gegen  die Pfaffen.  Aber er predigte
       nicht, wie Luther damals schon, die ruhige Debatte und den fried-
       lichen Fortschritt,  er setzte die früheren gewaltsamen Predigten
       Luthers fort  und rief  die sächsischen  Fürsten und das Volk auf
       zum bewaffneten Einschreiten gegen die römischen Pfaffen.
       
       "Sagt doch  Christus, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen,
       sondern das  Schwert. Was  sollt ihr"  (die sächsischen  Fürsten)
       "aber mit  demselben machen?  Nichts anders,  denn die Bösen, die
       das Evangelium verhindern, wegtun und absondern, wollt ihr anders
       Diener Gottes  sein. Christus hat mit großem Ernst befohlen, Luc.
       19, 27,  nehmt meine  Feinde und  würget sie vor meinen Augen ...
       Gebet uns  keine schalen Fratzen vor, daß die Kraft Gottes es tun
       soll ohne  euer Zutun  des Schwertes, es möchte euch sonst in der
       Scheide verrosten.  Die, welche  Gottes Offenbarung zuwider sind,
       soll man wegtun, ohne alle Gnade, wie Hiskias, Cyrus, Josias, Da-
       niel und  Elias die  Baalspfaffen verstöret haben, anders mag die
       christliche Kirche zu ihrem Ursprung nicht wieder kommen. Man muß
       das Unkraut  ausraufen aus  dem Weingarten Gottes in der Zeit der
       Ernte. Gott  hat 5.  Mose 7 gesagt, ihr sollt euch nicht erbarmen
       über die  Abgöttischen, zerbrecht  ihre Altäre,  zerschmeißt ihre
       Bilder und  verbrennet sie,  auf daß  ich nicht  mit euch zürne."
       [311]
       
       Aber diese  Aufforderungen an  die Fürsten  blieben ohne  Erfolg,
       während gleichzeitig  unter dem  Volk die revolutionäre Aufregung
       von Tag zu Tag
       
       #353# Der deutsche Bauernkrieg
       -----
       wuchs. Münzer,  dessen Ideen  immer schärfer  ausgebildet,  immer
       kühner wurden,  trennte sich  jetzt entschieden von der bürgerli-
       chen Reformation  und trat von nun an zugleich direkt als politi-
       scher Agitator auf.
       Seine theologisch-philosophische  Doktrin griff  alle Hauptpunkte
       nicht nur  des Katholizismus,  sondern des Christentums überhaupt
       an. Er  lehrte unter  christlichen Formen  einen Pantheismus, der
       mit der  modernen spekulativen  Anschauungsweise eine merkwürdige
       Ähnlichkeit hat  [312] und  stellenweise sogar  an Atheismus  an-
       streift. Er  verwarf die Bibel sowohl als ausschließliche wie als
       unfehlbare Offenbarung.  Die eigentliche,  die  lebendige  Offen-
       barung sei  die Vernunft,  eine Offenbarung,  die zu allen Zeiten
       und bei allen Völkern existiert habe und noch existiere. Der Ver-
       nunft die  Bibel entgegenhalten,  heiße den Geist durch den Buch-
       staben töten.  Denn der Heilige Geist, von dem die Bibel spreche,
       sei nichts  außer uns  Existierendes; der  Heilige Geist sei eben
       die Vernunft.  Der Glaube  sei nichts  anderes als  das Lebendig-
       werden der  Vernunft im Menschen, und daher könnten auch die Hei-
       den den  Glauben haben.  Durch diesen Glauben, durch die lebendig
       gewordene Vernunft  werde der  Mensch vergöttlicht und selig. Der
       Himmel sei  daher nichts  Jenseitiges, er  sei in diesem Leben zu
       suchen, und der Beruf der Gläubigen sei, diesen Himmel, das Reich
       Gottes, hier  auf der  Erde herzustellen.  Wie keinen jenseitigen
       Himmel, so  gebe es  auch keine jenseitige Hölle oder Verdammnis.
       Ebenso gebe  es keinen  Teufel als  die bösen Lüste und Begierden
       der Menschen.  Christus sei  ein Mensch gewesen wie wir, ein Pro-
       phet und Lehrer, und sein Abendmahl sei ein einfaches Gedächtnis-
       mahl, worin  Brot und  Wein ohne weitere mystische Zutat genossen
       werde.
       Diese Lehren  predigte Münzer  meist  versteckt  unter  denselben
       christlichen Redeweisen,  unter denen sich die neuere Philosophie
       eine Zeitlang  verstecken mußte. Aber der erzketzerische Grundge-
       danke blickt  überall aus seinen Schriften hervor, und man sieht,
       daß es  ihm mit  dem biblischen Deckmantel weit weniger ernst war
       als manchem Schüler Hegels in neuerer Zeit. Und doch liegen drei-
       hundert Jahre zwischen Münzer und der modernen Philosophie.
       Seine politische Doktrin schloß sich genau an diese revolutionäre
       religiöse Anschauungsweise  an und  griff ebensoweit über die un-
       mittelbar vorliegenden  gesellschaftlichen und  politischen  Ver-
       hältnisse hinaus  wie seine Theologie über die geltenden Vorstel-
       lungen seiner Zeit. Wie Münzers Religionsphilosophie an den Athe-
       ismus, so  streifte sein politisches Programm an den Kommunismus,
       und mehr als eine moderne kommunistische Sekte hatte noch am Vor-
       abend der  Februarrevolution über  kein reichhaltigeres theoreti-
       sches Arsenal  zu verfügen  als die "Münzerschen" des sechzehnten
       Jahrhunderts. Dies
       
       #354# Friedrich Engels
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       Programm, weniger die Zusammenfassung der Forderungen der damali-
       gen Plebejer als die geniale Antizipation der Emanzipationsbedin-
       gungen der  kaum sich entwickelnden proletarischen Elemente unter
       diesen Plebejern  - dies Programm forderte die sofortige Herstel-
       lung des  Reiches Gottes, des prophezeiten Tausendjährigen Reichs
       auf Erden,  durch Zurückführung der Kirche auf ihren Ursprung und
       Beseitigung aller  Institutionen, die  mit dieser  angeblich  ur-
       christlichen, in  Wirklichkeit aber  sehr neuen  Kirche in Wider-
       spruch standen.  Unter dem  Reich  Gottes  verstand  Münzer  aber
       nichts anderes als einen Gesellschaftszustand, in dem keine Klas-
       senunterschiede, kein Privateigentum und keine den Gesellschafts-
       mitgliedern gegenüber  selbständige, fremde Staatsgewalt mehr be-
       stehen. Sämtliche  bestehende Gewalten, sofern sie nicht sich fü-
       gen und  der Revolution  anschließen wollten,  sollten  gestürzt,
       alle Arbeiten  und alle  Güter gemeinsam  und die  vollständigste
       Gleichheit durchgeführt werden. Ein Bund sollte gestiftet werden,
       um dies  durchzusetzen, nicht  nur über ganz Deutschland, sondern
       über die  ganze Christenheit; Fürsten und Herren sollten eingela-
       den werden, sich anzuschließen; wo nicht, sollte der Bund sie bei
       der ersten  Gelegenheit mit  den Waffen  in der Hand stürzen oder
       töten.
       Münzer setzte  sich gleich  daran, diesen  Bund zu  organisieren.
       Seine Predigten  nahmen einen  noch heftigeren,  revolutionäreren
       Charakter an; neben den Angriffen auf die Pfaffen donnerte er mit
       gleicher Leidenschaft gegen die Fürsten, den Adel, das Patriziat,
       schilderte er in glühenden Farben den bestehenden Druck und hielt
       dagegen sein Phantasiebild des Tausendjährigen Reichs der sozial-
       republikanischen Gleichheit.  Zugleich veröffentlichte er ein re-
       volutionäres Pamphlet  nach dem  andern und  sandte Emissäre nach
       allen Richtungen  aus, während er selbst den Bund in Allstedt und
       der Umgegend organisierte.
       Die erste Frucht dieser Propaganda war die Zerstörung der Marien-
       kapelle zu  Mellerbach bei Allstedt, nach dem Gebot: "Ihre Altäre
       sollt ihr  zerreißen, ihre  Säulen zerbrechen und ihre Götzen mit
       Feuer verbrennen,  denn ihr  seid ein  heilig Volk" (Deut. 7, 6).
       [313] Die  sächsischen Fürsten kamen selbst nach Allstedt, um den
       Aufruhr zu  stillen, und  ließen Münzer  aufs Schloß  rufen. Dort
       hielt er  eine Predigt  [314], wie  sie deren  von  Luther,  "dem
       sanftlebenden  Fleisch  zu  Wittenberg"  [315],  wie  Münzer  ihn
       nannte, nicht gewohnt waren. Er bestand darauf, daß die gottlosen
       Regenten, besonders  Pfaffen und  Mönche, die  das Evangelium als
       Ketzerei behandeln,  getötet werden müßten, und berief sich dafür
       aufs Neue Testament. Die Gottlosen hätten kein Recht zu leben, es
       sei denn  durch die  Gnade der Auserwählten. Wenn die Fürsten die
       Gottlosen nicht  vertilgen,  so  werde  Gott  ihnen  das  Schwert
       nehmen,  d e n n  d i e  g a n z e  G e  m e i n d e
       
       #355# Der deutsche Bauernkrieg
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       h a b e   d i e  G e w a l t  d e s  S c h w e r t s.  Die Grund-
       suppe 1*)  des Wuchers,  der Dieberei und Räuberei seien die Für-
       sten und  Herren; sie nehmen alle Kreaturen zum Eigentum, die Fi-
       sche im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden. Und
       dann predigen  sie gar  noch den Armen das Gebot: Du sollst nicht
       stehlen, sie  selber aber  nehmen, wo  sie's finden, schinden und
       schaben den  Bauer und den Handwerker; wo aber dieser am Allerge-
       ringsten sich  vergreife, so  müsse er  hängen, und  zu dem allen
       sage dann der Doktor Lügner: Amen.
       
       "Die Herren  machen das  selber, daß  ihnen der  arme Mann  feind
       wird. Die  Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann
       es in  die Länge  gut werden?  Ach, liebe Herren, wie hübsch wird
       der Herr  unter die  alten Töpfe  schmeißen  mit  einer  eisernen
       Stange! So  ich das  sage, werde ich aufrührisch sein. Wohl hin!"
       (Vgl. Zimmermann, "Bauernkrieg", II, S. 75.) [316]
       
       Münzer ließ  die Predigt  drucken; sein Drucker in Allstedt wurde
       zur Strafe  vom Herzog  Johann von Sachsen gezwungen, das Land zu
       verlassen, und ihm selbst wurde für alle seine Schriften die Zen-
       sur der  herzoglichen Regierung  zu Weimar auferlegt. Aber diesen
       Befehl achtete er nicht. Er ließ gleich darauf eine höchst aufre-
       gende Schrift  in der Reichsstadt Mühlhausen drucken [317], worin
       er das Volk aufforderte,
       
       "das Loch  weit zu  machen, auf  daß alle  Welt sehen und greifen
       möge, wer  unsre großen Hansen sind, die Gott also lästerlich zum
       gemalten Männlein  gemacht haben",  und die er mit den Worten be-
       schloß: "Die  ganze Welt muß einen großen Stoß aushalten; es wird
       ein solch Spiel angehn, daß die Gottlosen vom Stuhl gestürzt, die
       Niedrigen aber erhöhet werden."
       
       Als Motto schrieb "Thomas Münzer mit dem Hammer" auf den Titel:
       
       "Nimm wahr, ich habe meine Worte in deinen Mund gesetzt, ich habe
       dich heute über die Leute und über die Reiche gesetzt, auf daß du
       auswurzlest, zerbrechest,  zerstreuest und verwüstest, und bauest
       und pflanzest.  Eine eiserne  Mauer wider  die  Könige,  Fürsten,
       Pfaffen und  wider das  Volk ist dargestellt. Die mögen streiten,
       der Sieg  ist wunderlich  zum Untergang der starken gottlosen Ty-
       rannen."
       
       Der Bruch  Münzers mit  Luther und  seiner Partei war schon lange
       vorhanden. Luther  hatte manche  Kirchenreformen selbst  annehmen
       müssen, die  Münzer, ohne ihn zu fragen, eingeführt hatte. Er be-
       obachtete Münzers Tätigkeit mit dem ärgerlichen Mißtrauen des ge-
       mäßigten Reformers  gegen die  energischere, weitertreibende Par-
       tei. Schon  im Frühjahr  1524 hatte Münzer an Melanchthon, dieses
       Urbild des philiströsen, hektischen Stubenhockers, geschrieben,
       
       #356# Friedrich Engels
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       er und  Luther verständen die Bewegung gar nicht. Sie suchten sie
       im biblischen  Buchstabenglauben zu ersticken, ihre ganze Doktrin
       sei wurmstichig.
       
       "Lieben Brüder,  laßt euer  Warten und  Zaudern, es ist Zeit, der
       Sommer ist  vor der Tür. Wollet nicht Freundschaft halten mit den
       Gottlosen, sie hindern, daß das Wort nicht wirke in voller Kraft.
       Schmeichelt nicht  euren Fürsten, sonst werdet ihr selbst mit ih-
       nen verderben.  Ihr zarten Schriftgelehrten, seid nicht unwillig,
       ich kann es nicht anders machen." [318]
       Luther fordert  Münzer mehr  als einmal  zur Disputation  heraus;
       aber dieser, bereit, den Kampf jeden Augenblick vor dem Volk auf-
       zunehmen, hatte  nicht die geringste Lust, sich in eine theologi-
       sche Zänkerei vor dem parteiischen Publikum der Wittenberger Uni-
       versität einzulassen.  Er wollte  "das Zeugnis  des Geistes nicht
       ausschließlich auf  die hohe  Schule bringen".[319]  Wenn  Luther
       aufrichtig sei,  so solle  er seinen Einfluß dahin verwenden, daß
       die Schikanen gegen Münzers Drucker und das Gebot der Zensur auf-
       höre, damit der Kampf ungehindert in der Presse ausgefochten wer-
       den könne.
       Jetzt, nach  der erwähnten revolutionären Broschüre Münzers, trat
       Luther öffentlich  als Denunziant  gegen ihn  auf. In  seinem ge-
       druckten "Brief  an die  Fürsten zu Sachsen wider den aufrühreri-
       schen Geist"  erklärte er  Münzer für ein Werkzeug des Satans und
       forderte die  Fürsten auf,  einzuschreiten und  die Anstifter des
       Aufruhrs zum  Lande hinauszujagen,  da sie  sich nicht  begnügen,
       ihre schlimmen  Lehren zu  predigen, sondern zum Aufstand und zur
       gewaltsamen Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit aufrufen.
       Am 1.  August mußte Münzer sich vor den Fürsten auf dem Schloß zu
       Weimar gegen  die Anklage  aufrührerischer Umtriebe verantworten.
       Es lagen  höchst kompromittierende  Tatsachen gegen  ihn vor; man
       war seinem  geheimen Bund auf die Spur gekommen, man hatte in den
       Verbindungen der  Bergknappen und Bauern seine Hand entdeckt. Man
       bedrohte ihn  mit Verbannung.  Kaum nach  Allstedt zurück, erfuhr
       er, daß  Herzog Georg  von Sachsen  seine Auslieferung verlangte;
       Bundesbriefe von  seiner Handschrift  waren  aufgefangen  worden,
       worin er  Georgs Untertanen  zu bewaffnetem  Widerstand gegen die
       Feinde des  Evangeliums aufforderte.  Der Rat hätte ihn ausgelie-
       fert, wenn er nicht die Stadt verlassen hätte.
       Inzwischen hatte  die steigende Agitation unter Bauern und Plebe-
       jern die  Münzersche Propaganda  ungemein erleichtert.  Für diese
       Propaganda hatte er an den Wiedertäufern unschätzbare Agenten ge-
       wonnen. Diese  Sekte, ohne bestimmte positive Dogmen, zusammenge-
       halten nur durch ihre gemeinsame Opposition gegen alle herrschen-
       den Klassen  und durch das gemeinsame Symbol der Wiedertaufe, as-
       ketisch-streng im Lebenswandel, unermüdlich,
       
       #357# Der deutsche Bauernkrieg
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       fanatisch und unerschrocken in der Agitation, hatte sich mehr und
       mehr um Münzer gruppiert. Durch die Verfolgungen von jedem festen
       Wohnsitz ausgeschlossen,  streifte sie  über ganz Deutschland und
       verkündete überall die neue Lehre, in der Münzer ihnen ihre eige-
       nen Bedürfnisse  und Wünsche  klargemacht hatte. Unzählige wurden
       gefoltert, verbrannt  oder sonst  hingerichtet, aber  der Mut und
       die Ausdauer dieser Emissäre war unerschütterlich, und der Erfolg
       ihrer Tätigkeit,  bei der schnell wachsenden Aufregung des Volks,
       war unermeßlich.  Daher fand  Münzer bei  seiner Flucht  aus Thü-
       ringen den  Boden überall  vorbereitet, er mochte sich hinwenden,
       wohin er wollte.
       Bei 1*)  Nürnberg, wohin Münzer zuerst ging [320], war kaum einen
       Monat vorher  ein Bauernaufstand im Keime erstickt worden. Münzer
       agitierte hier im stillen; bald traten Leute auf, die seine kühn-
       sten theologischen  Sätze von der Unverbindlichkeit der Bibel und
       der Nichtigkeit  der Sakramente  verteidigten, Christus für einen
       bloßen Menschen  und die  Gewalt der weltlichen Obrigkeit für un-
       göttlich erklärten. "Da sieht man den Satan umgehn, den Geist aus
       Allstedt!" rief  Luther.[321] Hier  in Nürnberg ließ Münzer seine
       Antwort an  Luther drucken. [315]. Er klagte ihn geradezu an, daß
       er den  Fürsten heuchle  und die  reaktionäre Partei  mit  seiner
       Halbheit unterstütze.  Aber das  Volk werde trotzdem frei werden,
       und dem  Doktor Luther  werde es  dann gehen wie einem gefangenen
       Fuchs. -  Die Schrift  wurde von  Rats wegen mit Beschlag belegt,
       und Münzer mußte Nürnberg verlassen.
       Er ging  jetzt durch Schwaben nach dem Elsaß, der Schweiz und zu-
       rück nach  dem oberen  Schwarzwald, wo schon seit einigen Monaten
       der Aufstand ausgebrochen war, beschleunigt zum großen Teil durch
       seine wiedertäuferischen  Emissäre. Diese Propagandareise Münzers
       hat offenbar  zur Organisation  der Volkspartei, zur klaren Fest-
       stellung ihrer Forderungen und zum endlichen allgemeinen Ausbruch
       des Aufstandes im April 1525 wesentlich beigetragen. Die doppelte
       Wirksamkeit Münzers,  einerseits für  das Volk, dem er in der ihm
       damals allein  verständlichen Sprache des religiösen Prophetismus
       zuredete, und andrerseits für die Eingeweihten, gegen die er sich
       offen über  seine schließliche  Tendenz aussprechen konnte, tritt
       hier besonders  deutlich hervor. Hatte er schon früher in Thürin-
       gen einen  Kreis der  entschiedensten Leute,  nicht nur  aus  dem
       Volk, sondern  auch aus der niedrigen Geistlichkeit, um sich ver-
       sammelt und  an die  Spitze der  geheimen Verbindung gestellt, so
       wird er  hier der  Mittelpunkt der ganzen revolutionären Bewegung
       von Südwestdeutschland,  so organisiert  er  die  Verbindung  von
       Sachsen und Thüringen
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       1*) (1850) In
       
       #358# Friedrich Engels
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       über Franken  und Schwaben  bis nach  dem Elsaß und der Schweizer
       Grenze und  zählt die  süddeutschen Agitatoren,  wie Hubmaier  in
       Waldshut, Konrad  Grebel von  Zürich, Hans  Rebmann  zu  Grießen,
       Schappeler zu Memmingen, Jakob Wehe zu Leipheim, Doktor Mantel in
       Stuttgart, meist  revolutionäre Pfarrer,  unter seine Schüler und
       unter die Häupter des Bundes. Er selbst hielt sich meist in Grie-
       ßen an der Schaffhausener Grenze auf und durchstreifte von da den
       Hegau, Klettgau  etc. Die  blutigen Verfolgungen, die die beunru-
       higten Fürsten  und Herren  überall gegen  diese neue plebejische
       Ketzerei unternahmen,  trugen nicht  wenig dazu bei, den rebelli-
       schen Geist  zu schüren  und die  Verbindung  fester  zusammenzu-
       schließen. So  agitierte Münzer gegen fünf Monate in Oberdeutsch-
       land und  ging um die Zeit, wo der Ausbruch der Verschwörung her-
       annahte, wieder  nach Thüringen zurück, wo er den Aufstand selbst
       leiten wollte und wo wir ihn wiederfinden werden.
       Wir werden  sehen, wie  treu der  Charakter und das Auftreten der
       beiden Parteichefs  die Haltung  ihrer Parteien selbst widerspie-
       geln; wie  die Unentschiedenheit,  die Furcht  vor der  ernsthaft
       werdenden Bewegung selbst, die feige Fürstendienerei Luthers ganz
       der zaudernden,  zweideutigen Politik  der Bürgerschaft entsprach
       und wie die revolutionäre Energie und Entschlossenheit Münzers in
       der entwickeltsten  Fraktion der  Plebejer und  Bauern  sich  re-
       produzieren. Der  Unterschied ist  nur, daß,  während Luther sich
       begnügte, die  Vorstellungen und  Wünsche  der  Majorität  seiner
       Klasse auszusprechen und sich damit eine höchst wohlfeile Popula-
       rität bei  ihr zu erwerben, Münzer im Gegenteil weit über die un-
       mittelbaren Vorstellungen  und Ansprüche  der Plebejer und Bauern
       hinausging  und  sich  aus  der  Elite  der  vorgefundenen  revo-
       lutionären Elemente  erst eine  Partei bildete, die übrigens, so-
       weit sie  auf der  Höhe seiner  Ideen  stand  und  seine  Energie
       teilte, immer  nur eine  kleine Minorität  der insurgierten Masse
       blieb.
       
       #359#
       -----
       III
       
       [Vorläufer des großen Bauernkriegs zwischen 1476 und 1517]
       
       Ungefähr fünfzig  Jahre nach  der Unterdrückung  der hussitischen
       Bewegung zeigten  sich die ersten Symptome des aufkeimenden revo-
       lutionären Geistes unter den deutschen Bauern. *)
       Im  Bistum  Würzburg,  einem  durch  die  Hussitenkriege,  "durch
       schlechte Regierung,  durch vielfältige  Steuern, Abgaben, Fehde,
       Feindschaft, Krieg, Brand, Mord, Gefängnis und dergleichen" [322]
       schon früher verarmten und fortwährend von Bischöfen, Pfaffen und
       Adel schamlos  ausgeplünderten Lande entstand 1476 die erste Bau-
       ernverschwörung. Ein  junger Hirte  und Musikant, Hans Böheim von
       Niklashausen,  auch  Pauker  und  Pfeiferhänslein  genannt,  trat
       plötzlich im  Taubergrund als Prophet auf. Er erzählte, die Jung-
       frau Maria  sei ihm erschienen; sie habe ihm geboten, seine Pauke
       zu verbrennen,  dem Tanz  und den sündigen Wollüsten nicht ferner
       zu dienen,  sondern das  Volk zur Buße zu ermahnen. So solle denn
       jeder von  seinen Sünden  und von der eitlen Lust dieser Welt ab-
       lassen, allen  Schmuck und  Zierat ablegen  und zur Mutter Gottes
       von Niklashausen  wallfahrten, um  die Vergebung seiner Sünden zu
       erlangen.
       Wir finden schon hier, bei dem ersten Vorläufer der Bewegung, je-
       nen Asketismus,  den wir  bei allen  mittelalterlichen Aufständen
       mit religiöser  Färbung und  in der  neueren Zeit im Anfang jeder
       proletarischen  Bewegung   antreffen.  Diese  asketische  Sitten-
       strenge, diese  Forderung der  Lossagung von allen Lebensgenüssen
       und Vergnügungen  stellt einerseits  gegenüber  den  herrschenden
       Klassen das  Prinzip der  spartanischen Gleichheit  auf  und  ist
       andrerseits eine  notwendige Durchgangsstufe, ohne die die unter-
       ste Schicht der Gesellschaft sich nie in Bewegung setzen kann. Um
       ihre revolutionäre Energie zu
       ---
       *) Wir folgen  in den  chronologischen Daten  den Angaben Zimmer-
       manns, auf  die wir  bei dem Mangel ausreichender Quellen im Aus-
       land angewiesen  sind und die für den Zweck dieses Artikels voll-
       ständig genügen.
       
       #360# Friedrich Engels
       -----
       entwickeln, um über ihre feindselige Stellung gegenüber allen an-
       dern Elementen der Gesellschaft sich selbst klarzuwerden, um sich
       als Klasse  zu konzentrieren,  muß sie  damit anfangen, alles das
       von sich  abzustreifen, was  sie noch mit der bestehenden Gesell-
       schaftsordnung versöhnen  könnte, muß  sie den  wenigen  Genüssen
       entsagen, die ihr die unterdrückte Existenz noch momentan erträg-
       lich machen und die selbst der härteste Druck ihr nicht entreißen
       kann. Dieser   p l e b e j i s c h e   u n d   p r o l e t a r i-
       s c h e   A s k e t i s m u s   unterscheidet sich  sowohl seiner
       wild-fanatischen Form  wie seinem  Inhalt nach  durchaus von  dem
       bürgerlichen Asketismus,  wie ihn  die  bürgerliche,  lutherische
       Moral und die englischen Puritaner" [323] (im Unterschied von den
       Independenten [324]  und weitergehenden  Sekten)  predigten,  und
       dessen ganzes  Geheimnis die    b ü r g e r l i c h e    S p a r-
       s a m k e i t  ist. Es versteht sich übrigens, daß dieser plebej-
       isch-proletarische Asketismus  in demselben  Maße seinen  revolu-
       tionären Charakter  verliert,  in  welchem  einerseits  die  Ent-
       wicklung der  modernen Produktivkräfte das Material des Genießens
       ins Unendliche  vermehrt und  damit die  spartanische  Gleichheit
       überflüssig macht  und andrerseits  die Lebensstellung  des  Pro-
       letariats und  damit das  Proletariat selbst immer revolutionärer
       wird. Er  verschwindet dann allmählich aus der Masse und verläuft
       sich bei  den Sektierern,  die sich  auf  ihn  steifen,  entweder
       direkt in  die bürgerliche  Knickerei oder  in ein  hochtrabendes
       Tugendrittertum, das  in der  Praxis ebenfalls  auf  eine  spieß-
       bürgerliche    oder    zunfthandwerkermäßige    Knauserwirtschaft
       hinauskommt. Der  Masse des Proletariats braucht die Entsagung um
       so weniger gepredigt zu werden, als sie fast nichts mehr hat, dem
       sie noch entsagen könnte.
       Die  Bußpredigt   Pfeiferhänsleins  fand   großen  Anklang;  alle
       Aufstandspropheten begannen  mit ihr,  und in  der Tat konnte nur
       eine gewaltsame  Anstrengung, eine  plötzliche Lossagung  von der
       ganzen gewohnten Daseinsweise dies zersplitterte, dünngesäete, in
       blinder Unterwerfung herangewachsene Bauerngeschlecht in Bewegung
       setzen. Die  Wallfahrten nach  Nikiashausen begannen  und  nahmen
       rasch überhand;  und je  massenhafter das  Volk hinströmte, desto
       offener sprach  der junge Rebell seine Pläne aus. Die Mutter Got-
       tes von  Nikiashausen habe ihm verkündet, predigte er, daß fortan
       kein Kaiser  noch Fürst,  noch Papst, noch andere geistliche oder
       weltliche Obrigkeit  mehr sein sollte; ein jeder solle des andern
       Bruder sein,  sein Brot mit seiner Hände Arbeit gewinnen und kei-
       ner mehr  haben als  der andere.  Alle Zinsen,  Gülten,  Fronden,
       Zoll, Steuer  und andre  Abgaben und  Leistungen sollten für ewig
       ab, und Wald, Wasser und Weide überall frei sein.
       Das Volk  nahm dies  neue Evangelium mit Freuden auf. Rasch brei-
       tete sich  der Ruhm  des Propheten, "unsrer Frauen Botschaft", in
       die Ferne  aus; vom  Odenwald, vom Main, Kocher und Jagst, ja von
       Bayern, Schwaben und
       
       #361# Der deutsche Bauernkrieg
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       vom Rhein zogen ihm Haufen von Pilgern zu. Man erzählte sich Wun-
       der, die er getan haben sollte; man fiel auf die Knie vor ihm und
       betete ihn an wie einen Heiligen; man riß sich um die Zotteln von
       seiner Kappe,  als ob es Reliquien und Amulette wären. Vergeblich
       traten die  Pfaffen gegen ihn auf, schilderten seine Gesichte als
       Blendwerk des  Teufels, seine  Wunder als höllische Betrügereien.
       Die Masse  der Gläubigen nahm reißend zu, die revolutionäre Sekte
       fing an  sich zu bilden, die sonntäglichen Predigten des rebelli-
       schen Hirten  riefen Versammlungen  von 40 000  und mehr Menschen
       nach Nikiashausen zusammen.
       Mehrere Monate  predigte Pfeiferhänslein  vor den Massen. Aber er
       hatte nicht  die Absicht, bei der Predigt zu bleiben. Er stand in
       geheimem Verkehr  mit dem  Pfarrer von  Nikiashausen und mit zwei
       Rittern, Kunz  von Thunfeld  und seinem Sohn, die zur neuen Lehre
       hielten und  die militärischen Führer des beabsichtigten Aufstan-
       des werden  sollten. Endlich am Sonntag vor St. Kilian, als seine
       Macht groß genug zu sein schien, gab er das Signal.
       
       "Und nun",  schloß er seine Predigt, "gehet heim und erwäget, was
       euch die  aller-heiligste Mutter Gottes verkündet hat; und lasset
       am nächsten  Samstag Weiber und Kinder und Greise daheim bleiben,
       aber ihr, ihr Männer, kommet wieder her nach Nikiashausen auf St.
       Margarethentag, das  ist nächsten  Samstag; und  bringt mit  eure
       Brüder und Freunde, soviel ihrer sein mögen. Kommt aber nicht mit
       dem Pilgerstab, sondern angetan mit Wehr und Waffen, in der einen
       Hand die  Wallkerze, in  der andern Schwert und Spieß oder Helle-
       barde; und  die heilige Jungfrau wird euch alsdann verkünden, was
       ihr Wille ist, das ihr tun sollt." [325]
       
       Aber ehe  die Bauern in Massen ankamen, hatten die Reiter des Bi-
       schofs 1*) den Aufruhrpropheten nächtlicherweile abgeholt und auf
       das Würzburger Schloß gebracht. Am bestimmten Tage kamen an 34000
       bewaffnete Bauern,  aber diese  Nachricht wirkte  niederschlagend
       auf sie. Der größte Teil verlief sich; die Eingeweihteren hielten
       gegen 16 000  zusammen und  zogen mit ihnen vor das Schloß, unter
       der Führung Kunzens von Thunfeld und Michaels, seines Sohnes. Der
       Bischof brachte  sie durch  Versprechungen wieder zum Abzug; aber
       kaum hatten  sie angefangen sich zu zerstreuen, so wurden sie von
       des Bischofs  Reitern überfallen  und mehrere  zu Gefangenen  ge-
       macht. Zwei  wurden enthauptet, Pfeiferhänslein selbst aber wurde
       verbrannt. Kunz von Thunfeld wurde flüchtig und erst gegen Abtre-
       tung aller seiner Güter an das Stift wieder angenommen. Die Wall-
       fahrten nach  Nikiashausen dauerten noch einige Zeit fort, wurden
       aber schließlich auch unterdrückt.
       -----
       1*) Rudolf II. von Scherenberg
       
       
       #362# Friedrich Engels
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       Nach diesem  ersten Versuch blieb Deutschland wieder längere Zeit
       ruhig. Erst  mit Ende der neunziger Jahre begannen neue Aufstände
       und Verschwörungen der Bauern.
       Wir übergehen  den holländischen  Bauernaufstand von 1491 und 92,
       der erst  durch Herzog  Albrecht von  Sachsen in der Schlacht bei
       Heemskerk unterdrückt wurde, den gleichzeitigen Aufstand der Bau-
       ern der  Abtei Kempten  in Oberschwaben  und den friesischen Auf-
       stand unter  Syaard Aylva  um 1497,  der ebenfalls durch Albrecht
       von Sachsen unterdrückt wurde [326]. Diese Aufstände liegen teils
       zu weit  vom Schauplatze  des eigentlichen Bauernkriegs entfernt,
       teils sind sie Kämpfe bisher freier Bauern gegen den Versuch, ih-
       nen den  Feudalismus aufzudrängen.  Wir gehen  gleich über zu den
       beiden großen  Verschwörungen, die den Bauernkrieg vorbereiteten:
       dem Bundschuh und dem Armen Konrad.
       Dieselbe Teurung, die in den Niederlanden den Aufstand der Bauern
       hervorgerufen hatte,  brachte 1493  im Elsaß  einen geheimen Bund
       von Bauern  und Plebejern  zustande, bei  dem sich auch Leute von
       der bloß  bürgerlichen Opposition  beteiligten und  mit dem sogar
       ein Teil des niederen Adels mehr oder weniger sympathisierte. Der
       Sitz des  Bundes war  die Gegend von Schlettstadt, Sulz, Dambach,
       Stotzheim, Scherweiler  etc.  etc.  Die  Verschwornen  verlangten
       Plünderung und  Ausrottung der  Juden, deren Wucher damals schon,
       so gut  wie jetzt,  die Elsässer  Bauern aussog, Einführung eines
       Jubeljahres, mit  dem alle  Schulden verjähren sollten, Aufhebung
       des Zolls,  Umgelds und  anderer Lasten, Abschaffung des geistli-
       chen und  rottweilschen (Reichs-)Gerichts  [327],  Steuerbewilli-
       gungsrecht, Beschränkung  der Pfaffen auf je eine Pfründe von 50-
       60 Gulden,  Abschaffung der  Ohrenbeichte und  eigene,  selbstge-
       wählte Gerichte für jede Gemeinde. Der Plan der Verschwornen war,
       sobald man  stark genug  sei, das  feste Schlettstadt zu überrum-
       peln, die  Klöster- und  Stadtkassen mit  Beschlag zu belegen und
       von hier aus das ganze Elsaß zu insurgieren. Die Bundesfahne, die
       im Moment  der Erhebung  entfaltet werden  sollte, enthielt einen
       Bauernschuh mit langen Bindriemen, den sogenannten Bundschuh, der
       von nun  an den Bauernverschwörungen der nächsten 20 Jahre Symbol
       [328] und Namen gab.
       Die Verschwornen  pflegten ihre Zusammenkünfte des Nachts auf dem
       einsamen Hungerberg  zu halten.  Die Aufnahme in den Bund war mit
       den geheimnisvollsten Zeremonien und den härtesten Strafandrohun-
       gen gegen  die Verräter  verknüpft. Aber  trotzdem kam  die Sache
       aus, gerade  als der  Schlag gegen  Schlettstadt  geführt  werden
       sollte, um  die Karwoche  1493. Die  Behörden schritten schleunig
       ein; viele  der Verschwornen  wurden verhaftet und gefoltert, und
       teils gevierteilt oder enthauptet, teils an Händen und Fingern
       
       #363# Der deutsche Bauernkrieg
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       verstümmelt und  des Landes  verwiesen. Eine große Zahl floh nach
       der Schweiz.
       Aber mit  dieser ersten  Sprengung war  der Bundschuh  keineswegs
       vernichtet. Im  Gegenteil, er  bestand im  geheimen fort, und die
       vielen über  die Schweiz  und Süddeutschland  zerstreuten Flücht-
       linge wurden ebenso viele Emissäre, die, überall mit dem gleichen
       Druck die  gleiche Neigung zum Aufstand vorfindend, den Bundschuh
       über das ganze jetzige Baden verbreiteten. Die Zähigkeit und Aus-
       dauer, mit der die oberdeutschen Bauern von 1493 an dreißig Jahre
       lang konspirierten, mit der sie alle aus ihrer ländlich-zerstreu-
       ten Lebensweise  hervorgehenden Hindernisse  einer größeren, zen-
       tralisierten Verbindung  überwanden und nach unzähligen Sprengun-
       gen, Niederlagen, Hinrichtungen der Führer immer von neuem wieder
       konspirierten, bis  endlich die Gelegenheit zum Aufstand in Masse
       kam - diese Hartnäckigkeit ist wirklich bewundernswert.
       1502 zeigten  sich im  Bistum Speyer,  das damals auch die Gegend
       von Bruchsal  umfaßte, Zeichen  einer geheimen Bewegung unter den
       Bauern. Der  Bundschuh hatte  sich hier  wirklich mit bedeutendem
       Erfolg reorganisiert. An 7000 Männer waren in der Verbindung, de-
       ren Zentrum  zu Untergrombach,  zwischen Bruchsal und Weingarten,
       war und deren Verzweigungen sich den Rhein hinab bis an den Main,
       hinauf bis  über die Markgrafschaft Baden erstreckten. Ihre Arti-
       kel enthielten:  Es solle  kein Zins noch Zehnt, Steuer oder Zoll
       mehr an  Fürsten, Adel und Pfaffen gezahlt werden; die Leibeigen-
       schaft soll  abgetan sein,  die Klöster und sonstigen  g e i s t-
       l i c h e n   G ü t e r   e i n g e z o g e n   u n d   u n t e r
       d a s   V o l k   V e r t e i l t   u n d  k e i n  a n d e r e r
       H e r r   m e h r   a n e r k a n n t   w e r d e n  a l s  d e r
       K a i s e r.
       Wir finden hier zum erstenmal bei den Bauern die beiden Forderun-
       gen der Säkularisation der geistlichen Güter zum Besten des Volks
       und der  einigen und  unteilbaren deutschen  Monarchie ausgespro-
       chen; zwei  Forderungen, die  von nun  an bei  der entwickelteren
       Fraktion der  Bauern und  Plebejer regelmäßig  wieder erscheinen,
       bis Thomas  Münzer die   T e i l u n g   der geistlichen Güter in
       ihre   K o n f i s k a t i o n   zum Besten  der   G ü t e r g e-
       m e i n s c h a f t   und das  einige deutsche  K a i s e r t u m
       in die einige und unteilbare  R e p u b l i k  verwandelt.
       Der erneuerte  Bundschuh hatte,  wie der  alte,  seinen  geheimen
       Versammlungsort, seinen Eid der Verschwiegenheit, seine Aufnahme-
       zeremonien und  seine Bundschuhfahne  mit der  Inschrift: "Nichts
       denn die Gerechtigkeit Gottes!" Der Plan der Handlung war dem der
       Elsässer ähnlich;  Bruchsal, wo  die Majorität  der Einwohner  im
       Bunde war,  sollte überrumpelt,  dort ein  Bundesheer organisiert
       und als wandelndes Sammlungszentrum in die umliegenden Fürstentü-
       mer geschickt werden,
       
       #364# Friedrich Engels
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       Der Plan  wurde verraten  durch einen  Geistlichen, dem einer der
       Verschwornen ihn  gebeichtet hatte. Sogleich ergriffen die Regie-
       rungen Gegenmaßregeln.  Wie weit  der Bund  verzweigt war,  zeigt
       sich aus  dem Schrecken,  der die  verschiedenen Elsässer Reichs-
       stände und  den Schwäbischen  Bund[329] ergriff.  Man zog Truppen
       zusammen und  ließ massenhafte Verhaftungen bewerkstelligen. Kai-
       ser Maximilian,  der "letzte  Ritter", erließ die blutdürstigsten
       Strafverordnungen gegen  das unerhörte  Unternehmen  der  Bauern.
       Hier und  dort kam es zu Zusammenrottungen und bewaffnetem Wider-
       stand; doch  hielten sich  die  vereinzelten  Bauernhaufen  nicht
       lange. Einige  der Verschwornen  wurden hingerichtet, manche flo-
       hen; doch  wurde das  Geheimnis so  gut bewahrt, daß die meisten,
       selbst der  Führer, entweder  in ihren  eigenen Ortschaften  oder
       doch in  benachbarter Herren Ländern ganz ungestört bleiben konn-
       ten.
       Nach dieser  neuen Niederlage trat wieder eine längere scheinbare
       Stille in den Klassenkämpfen ein. Aber unterderhand wurde fortge-
       arbeitet. In  Schwaben bildete  sich, offenbar  in Verbindung mit
       den zersprengten  Mitgliedern des Bundschuhs, schon in den ersten
       Jahren des  sechzehnten Jahrhunderts der Arme Konrad; im Schwarz-
       wald bestand  der Bundschuh  in einzelnen kleineren Kreisen fort,
       bis es  nach zehn Jahren einem energischen Bauernchef gelang, die
       einzelnen Fäden  wieder zu  einer großen  Verschwörung  zusammen-
       zuknüpfen. Beide  Verschwörungen traten  kurz nacheinander in die
       Öffentlichkeit und fallen in die bewegten Jahre 1513-15, in denen
       gleichzeitig die  Schweizer, ungarischen  und slowenischen Bauern
       eine Reihe von bedeutenden Insurrektionen machen.
       Der Wiederhersteller des oberrheinischen Bundschuhs war Joß Fritz
       aus Untergrombach,  Flüchtling von der Verschwörung von 1502, ein
       ehemaliger Soldat  und ein in jeder Beziehung hervorragender Cha-
       rakter. Er  hatte sich  seit seiner  Flucht zwischen Bodensee und
       Schwarzwald an  verschiedenen Orten aufgehalten und sich schließ-
       lich in  Lehen bei Freiburg im Breisgau niedergelassen, wo er so-
       gar Bannwart geworden war. Wie er von hier aus die Verbindung re-
       organisierte, wie  geschickt er  die  verschiedenartigsten  Leute
       hineinzubringen wußte,  darüber enthalten  die Untersuchungsakten
       die interessantesten Details. Es gelang dem diplomatischen Talent
       und der  unermüdlichen Ausdauer  dieses Musterkonspirateurs, eine
       ungemeine Anzahl  von Leuten  der verschiedensten  Klassen in den
       Bund zu verwickeln: Ritter, Pfaffen, Bürger, Plebejer und Bauern;
       und es  scheint ziemlich  sicher, daß er sogar mehrere, mehr oder
       minder scharf  geschiedne Grade  der  Verschwörung  organisierte.
       Alle brauchbaren  Elemente wurden mit der größten Umsicht und Ge-
       schicklichkeit benutzt.  Außer den  eingeweihteren Emissären, die
       in den
       
       #365# Der deutsche Bauernkrieg
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       verschiedensten Verkleidungen das Land durchstreiften, wurden die
       Landstreicher und Bettler zu den untergeordneteren Missionen ver-
       wandt. Mit  den Bettlerkönigen  stand Joß in direktem Verkehr und
       hielt durch  sie die ganze zahlreiche Vagabundenbevölkerung unter
       der Hand. Diese Bettlerkönige spielen in seiner Verschwörung eine
       bedeutende Rolle.  Es waren  höchst originelle Figuren: Einer zog
       mit einem  Mädchen umher, auf dessen angeblich wunde Füße er bet-
       telte; er trug mehr als acht Zeichen am Hut, die vierzehn Nothel-
       fer, St.Ottilien,  unsere Frauen  u.a., dazu  einen langen  roten
       Bart und  einen großen Knotenstock mit Dolch und Stachel; ein an-
       derer, der um St. Veltens willen heischte, hatte Gewürz und Wurm-
       samen feil,  trug einen  eisen-farbnen langen Rock, ein rotes Ba-
       rett und  das Kindlein von Trient daran, einen Degen an der Seite
       und viele Messer nebst einem Dolch im Gürtel; andre hatten künst-
       lich offengehaltene Wunden, dazu ähnliche abenteuerliche Kostüme.
       Es waren  ihrer mindestens  zehn; sie  sollten, gegen 2000 Gulden
       Belohnung, zu gleicher Zeit im Elsaß, in der Markgrafschaft Baden
       und im  Breisgau Feuer  anlegen und sich mit wenigstens 2000 Mann
       der Ihrigen auf den Tag der Zaberner Kirchweih in Rosen unter das
       Kommando Georg Schneiders, eines ehemaligen Landsknechthauptmanns
       stellen, um die Stadt einzunehmen. Unter den eigentlichen Bundes-
       mitgliedern wurde von Station zu Station ein Stafettendienst ein-
       gerichtet, und Joß Fritz und sein Hauptemissär, Stoffel von Frei-
       burg, ritten  fortwährend von  Ort zu  Ort und  nahmen nächtliche
       Heerschau ab  über die  Neuangeworbenen. Über die Verbreitung des
       Bundes am  Oberrhein und  im Schwarzwald legen die Untersuchungs-
       akten hinreichend  Zeugnis ab;  sie enthalten unzählige Namen von
       Mitgliedern, nebst  den Signalements, aus den verschiedensten Or-
       ten jener Gegend. Die meisten sind Handwerksgesellen, dann Bauern
       und Wirte,  einige Adelige, Pfaffen (so der von Lehen selbst) und
       brotlose Landsknechte. Man sieht schon aus dieser Zusammensetzung
       den viel  entwickelteren Charakter,  den der  Bundschuh unter Joß
       Fritz angenommen  hatte; das  plebejische Element der Städte fing
       an, sich  mehr und  mehr geltend zu machen. Die Verzweigungen der
       Verschwörung gingen über den ganzen Elsaß, das jetzige Baden, bis
       nach Württemberg und an den Main. Zuweilen wurden auf abgelegenen
       Bergen, auf  dem Kniebis etc. etc. größere Versammlungen gehalten
       und die  Bundesangelegenheiten beraten.  Die  Zusammenkünfte  der
       Chefs, denen  die Mitglieder  der Lokalität  sowie Delegierte der
       entfernteren Ortschaften  häufig beiwohnten, fanden auf der Hart-
       matte bei  Lehen statt, und hier wurden auch die vierzehn Bundes-
       artikel angenommen. Kein Herr mehr als der Kaiser und (nach eini-
       gen) der  Papst; Abschaffung  des rottweilschen, Beschränkung des
       geistlichen Gerichts auf geistliche Sachen; Abschaffung
       
       #366# Friedrich Engels
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       aller Zinsen,  die so  lange gezahlt  seien, bis  sie dem Kapital
       gleichkämen; fünf  Prozent Zinsen  als höchster  erlaubter  Satz,
       Freiheit der Jagd, Fischerei, Weide und Holzung; Beschränkung der
       Pfaffen auf  je eine  Pfründe; Konfiskation der geistlichen Güter
       und Klosterkleinodien  für die Bundeskriegskasse; Abschaffung al-
       ler unbilligen  Steuern und  Zölle; ewiger Friede in der gesamten
       Christenheit; energisches Einschreiten gegen alle Gegner des Bun-
       des; Bundessteuer;  Einnahme einer festen Stadt - Freiburgs -, um
       dem Bunde  zum Zentrum  zu dienen;  Eröffnung von Unterhandlungen
       mit dem Kaiser, sobald die Bundeshaufen versammelt seien, und mit
       der Schweiz,  im Fall der Kaiser abschlage - das sind die Punkte,
       über die  man übereinkam. Man sieht aus ihnen, wie einerseits die
       Forderungen der  Bauern und  Plebejer eine  immer bestimmtere und
       festere Gestalt annahmen, anderseits den Gemäßigten und Zaghaften
       in demselben Maße Konzessionen gemacht werden mußten.
       Gegen Herbst 1513 sollte losgeschlagen werden. Es fehlte nur noch
       an der  Bundesfahne, und  diese malen  zu lassen,  ging Joß Fritz
       nach Heilbronn.  Sie enthielt neben allerlei Emblemen und Bildern
       den Bundschuh und die Inschrift: Herr, steh deiner göttlichen Ge-
       rechtigkeit bei.  Aber während  er fort war, wurde ein übereilter
       Versuch zur  Überrumpelung von  Freiburg gemacht und vor der Zeit
       entdeckt; einige  Indiskretionen bei  der Propaganda  halfen  dem
       Freiburger Rat  und dem badischen Markgrafen 1*) auf die richtige
       Spur, und der Verrat zweier Verschwornen vollendete die Reihe der
       Enthüllungen. Sofort sandten der Markgraf, der Freiburger Rat und
       die kaiserliche  Regierung zu Ensisheim ihre Häscher und Soldaten
       aus; eine  Anzahl Bundschuher wurde verhaftet, gefoltert und hin-
       gerichtet; doch auch diesmal entkamen die meisten, namentlich Joß
       Fritz. Die Schweizer Regierungen verfolgten die Flüchtlinge dies-
       mal mit  großer Heftigkeit und richteten selbst mehrere hin; aber
       sie konnten  ebensowenig wie  ihre Nachbarn  verhindern, daß  der
       größte Teil  der Flüchtigen fortwährend in der Nähe seiner bishe-
       rigen Wohnorte  blieb und  nach und  nach sogar  zurückkehrte. Am
       meisten wütete die Elsässer Regierung in Ensisheim [330]; auf ih-
       ren Befehl  wurden sehr  viele geköpft, gerädert und gevierteilt.
       Joß Fritz  selbst hielt  sich meist auf dem schweizerischen Rhei-
       nufer auf,  ging aber  häufig nach  dem Schwarzwald herüber, ohne
       daß man seiner je habhaft werden konnte.
       Warum die Schweizer diesmal sich mit den Nachbarregierungen gegen
       die Bundschuher  verbanden, das  zeigt der Bauernaufstand, der im
       nächsten Jahre,  1514 [331],  in Bern,  Solothurn und  Luzern zum
       Ausbruch kam  und eine  Epuration 2*) der aristokratischen Regie-
       rungen und des Patriziats überhaupt zur
       -----
       1*) Christoph I. - 2*) Ausmerzung
       
       #367# Der deutsche Bauernkrieg
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       Folge hatte.  Die Bauern  setzten außerdem  manche Vorrechte  für
       sich durch.  Wenn diese  schweizerischen Lokalaufstände gelangen,
       so lag  dies einfach  daran, daß in der Schweiz noch weit weniger
       Zentralisation bestand  als in Deutschland. Mit ihren Lokalherren
       wurden die  Bauern auch 1525 überall fertig, aber den organisier-
       ten Heeresmassen  der Fürsten  erlagen sie, und gerade diese exi-
       stierten nicht in der Schweiz.
       Gleichzeitig mit  dem Bundschuh in Baden und offenbar in direkter
       Verbindung mit  ihm hatte  sich in  Württemberg eine  zweite Ver-
       schwörung gebildet.  Sie bestand  urkundlich schon seit 1503, und
       da der  Name Bundschuh  seit der Sprengung der Untergrombacher zu
       gefährlich wurde, nahm sie den des Armen Konrad an. Ihr Hauptsitz
       war das  Remstal unterhalb  des Hohenstaufenbergs.  Ihre Existenz
       war wenigstens,  unter dem  Volk schon lange kein Geheimnis mehr.
       Der schamlose Druck der Regierung Ulrichs und eine Reihe von Hun-
       ger Jahren, die zum Ausbruch der Bewegungen von 1513 und 14 mäch-
       tig beitrugen,  hatten die  Zahl der  Verbündeten verstärkt;  die
       neuaufgelegten Steuern  auf Wein, Fleisch und Brot sowie eine Ka-
       pitalsteuer von  einem Pfennig  jährlich für  jeden Gulden provo-
       zierten den  Ausbruch. Die  Stadt Schorndorf,  wo die Häupter des
       Komplotts in des Messerschmieds Kaspar Pregizers Haus zusammenka-
       men, sollte  zuerst genommen  werden. Im  Frühjahr 1514 brach der
       Aufstand los.  3000, nach andern 5000 Bauern zogen vor die Stadt,
       wurden aber  durch gütliche Versprechungen der herzoglichen Beam-
       ten wieder  zum Abzug  bewogen. Herzog  Ulrich eilte  herbei  mit
       achtzig Reitern, nachdem er die Aufhebung der neuen Steuern zuge-
       sagt hatte,  und fand infolge dieses Versprechens alles ruhig. Er
       versprach, einen Landtag zu berufen, um dort alle Beschwerden un-
       tersuchen zu  lassen. Aber  die Chefs  der Verbindung wußten sehr
       gut, daß  Ulrich weiter  nichts beabsichtigte,  als das  Volk  so
       lange ruhig zu halten, bis er hinreichende Truppen angeworben und
       zusammengezogen habe,  um sein  Wort brechen  und die Steuern mit
       Gewalt eintreiben  zu können.  Sie ließen daher von Kaspar Pregi-
       zers Haus,  "des Armen  Konrads Kanzlei", Aufforderungen zu einem
       Bundeskongreß ausgehen,  den Emissäre  nach allen  Richtungen hin
       unterstützten. Der  Erfolg der  ersten Erhebung  im Remstal hatte
       die Bewegung  unter dem  Volk überall  gehoben; die Schreiben und
       Emissäre fanden  überall ein  günstiges Terrain vor, und so wurde
       der am 28. Mai in Untertürkheim abgehaltene Kongreß zahlreich von
       allen  Teilen   Württembergs  beschickt.  Es  wurde  beschlossen,
       schleunig fortzuagitieren  und  bei  der  ersten  Gelegenheit  im
       Remstal loszuschlagen,  um von hier aus den Aufstand weiterzuver-
       breiten. Während Bantelhans von Dettingen, ein ehemaliger Soldat,
       und Singerhans von Würtingen, ein angesehener Bauer, die Schwäbi-
       sche Alb in den Bund brachten,
       
       #368# Friedrich Engels
       -----
       brach schon  von allen  Seiten der Aufstand los. Singerhans wurde
       zwar überfallen  und gefangen,  aber die Städte Backnang, Winnen-
       den, Markgröningen fielen in die Hände der mit den Plebejern ver-
       bündeten Bauern,  und das ganze Land von Weinsberg bis Blaubeuren
       und von  dort bis an die badische Grenze war in offener Insurrek-
       tion; Ulrich mußte nachgeben. Während er aber den Landtag auf den
       25. Juni  einberief, schrieb er zu gleicher Zeit an die umliegen-
       den Fürsten  und freien  Städte um  Hülfe gegen den Aufstand, der
       alle Fürsten, Obrigkeit und Ehrbarkeit im Reich gefährde und "ein
       seltsam bundschühlich Ansehn habe".
       Inzwischen kam der Landtag, d. h. die Abgeordneten der Städte und
       viele Delegierte  der Bauern,  die ebenfalls Sitz auf dem Landtag
       verlangten, schon am 18. Juni in Stuttgart zusammen. Die Prälaten
       waren noch  nicht da,  die Ritter waren gar nicht eingeladen. Die
       Stuttgarter städtische  Opposition sowie zwei nahe, drohende Bau-
       ernhaufen, zu  Leonberg und  im Remstal, unterstützten die Forde-
       rungen der  Bauern. Ihre  Delegierten wurden  zugelassen, und man
       beschloß, die  drei verhaßten  Räte des Herzogs, Lamparter, Thumb
       und Lorcher, abzusetzen und zu bestrafen, einen Rat von vier Rit-
       tern, vier  Bürgern und  vier Bauern  dem Herzog  beizugeben, ihm
       eine fixe  Zivilliste zu  bewilligen und  die Klöster und Stifter
       zum Besten des Staatsschatzes zu konfiszieren.
       Herzog Ulrich  setzte  diesen  revolutionären  Beschlüssen  einen
       Staatsstreich entgegen. Er ritt am 2I.Juni mit seinen Rittern und
       Räten nach  Tübingen, wohin  ihm die Prälaten folgten, befahl der
       Bürgerschaft ebenfalls  dorthin zu  kommen, was auch geschah, und
       setzte hier  den Landtag ohne die Bauern fort. Hier verrieten die
       Bürger, unter  den militärischen  Terrorismus gestellt, ihre Bun-
       desgenossen, die  Bauern. Am 8. Juli kam der Tübinger Vertrag zu-
       stande, der dem Lande beinahe eine Million herzoglicher Schulden,
       dem Herzog  einige Beschränkungen  auflegte, die er nie einhielt,
       und die Bauern mit einigen dünnen allgemeinen Redensarten und ei-
       nem sehr positiven Strafgesetz gegen Aufruhr und Verbindungen ab-
       speiste. Von  Vertretung der Bauern auf dem Landtag war natürlich
       keine Rede  mehr. Das  Landvolk schrie  über Verrat;  aber da der
       Herzog, seit der Übernahme seiner Schulden durch die Stände, wie-
       der Kredit  hatte, so  brachte er bald Truppen zusammen, und auch
       seine Nachbarn,  besonders der  Kurfürst von der Pfalz, schickten
       Hülfstruppen. So  wurde bis  Ende Juli  der Tübinger  Vertrag vom
       ganzen Lande  angenommen und die neue Huldigung geleistet. Nur im
       Remstal leistete der Arme Konrad Widerstand; der Herzog, der wie-
       der selbst  hinritt, wurde  fast ermordet und ein Bauernlager auf
       dem Kappelberg  gebildet. Aber  als die  Sache sich  in die Länge
       zog, verliefen sich die meisten Insurgenten wieder aus Mangel an
       
       #369# Der deutsche Bauernkrieg
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       Lebensmitteln, und  der Rest ging infolge eines zweideutigen Ver-
       trags mit  einigen Landtagsabgeordneten [332] ebenfalls heim. Ul-
       rich, dessen Heer inzwischen noch durch die bereitwillig gestell-
       ten Fähnlein  der Städte verstärkt wurde, die sich jetzt nach Er-
       langung ihrer Forderungen fanatisch gegen die Bauern kehrten, Ul-
       rich überfiel jetzt trotz des Vertrags das Remstal, dessen Städte
       und Dörfer geplündert wurden. 1600 Bauern wurden verhaftet, davon
       16 sofort  enthauptet, die  übrigen meist zu schweren Geldstrafen
       zum Besten  von Ulrichs  Kasse verurteilt. Viele blieben lange im
       Gefängnis. Gegen  die Erneuerung  der Verbindung, gegen alle Ver-
       sammlungen der  Bauern wurden  strenge Strafgesetze erlassen, und
       der schwäbische  Adel schloß einen speziellen Bund zur Unterdrüc-
       kung aller  Aufstandsversuche. - Die Hauptführer des Armen Konrad
       waren indes  glücklich nach  der Schweiz  entkommen und kamen von
       dort nach einigen Jahren meist einzeln wieder nach Hause.
       Gleichzeitig mit der württembergischen Bewegung zeigten sich Sym-
       ptome neuer  Bundschuhumtriebe im  Breisgau und  in der Markgraf-
       schaft Baden. Bei Bühl wurde im Juni ein Versuch zum Aufstand ge-
       macht, aber  vom Markgrafen Philipp gleich gesprengt und der Füh-
       rer Gugel-Bastian in Freiburg verhaftet und enthauptet.
       In  demselben   Jahre  1514,   ebenfalls  im   Frühjahr,  kam  in
       U n g a r n   ein allgemeiner  Bauernkrieg zum Ausbruch. Es wurde
       ein Kreuzzug  wider die  Türken gepredigt  und wie gewöhnlich den
       Leibeignen und  Hörigen, die sich anschlössen, die Freiheit zuge-
       sagt. Gegen  60 000 kamen  zusammen und wurden unter das Kommando
       Georg Dózsas,  eines Szeklers  [333], gestellt, der sich schon in
       früheren Türkenkriegen ausgezeichnet und den Adel erworben hatte.
       Aber die  ungarischen Ritter und Magnaten sahen nur ungern diesen
       Kreuzzug, der  ihnen ihr  Eigentum, ihre  Knechte,  zu  entziehen
       drohte. Sie  eilten den  einzelnen Bauernhaufen  nach und  holten
       ihre Leibeignen  mit Gewalt  und unter  Mißhandlungen zurück. Als
       dies im  Kreuzheer bekannt wurde, brach die Wut der unterdrückten
       Bauern los.  Zwei der  eifrigsten Kreuzprediger,  Laurentius  und
       Barnabas, stachelten  den Haß  gegen den  Adel im Heer durch ihre
       revolutionären Reden  noch heftiger  an. Dózsa  selbst teilte den
       Zorn seiner  Truppen gegen den verräterischen Adel; das Kreuzheer
       wurde eine  Revolutionsarmee, und  er stellte  sich an die Spitze
       dieser neuen Bewegung.
       Er lagerte  mit seinen  Bauern auf  dem Rákosfelde  bei Pest. Die
       Feindseligkeiten wurden  eröffnet durch  Streitigkeiten  mit  den
       Leuten der  Adelspartei in den umliegenden Dörfern und den Pester
       Vorstädten; bald  kam es  zu Scharmützeln, endlich zu einer Sizi-
       lianischen Vesper  [334] für  alle Adligen, die den Bauern in die
       Hände fielen, und zur Niederbrennung aller umliegenden Schlösser.
       Der Hof drohte, aber umsonst. Als die erste Volksjustiz unter den
       
       #370# Friedrich Engels
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       Mauern der  Hauptstadt am  Adel vollstreckt war, schritt Dózsa zu
       weiteren Operationen.  Er teilte sein Heer in fünf Kolonnen. Zwei
       wurden nach  dem oberungarischen Gebirge geschickt, um hier alles
       zu insurgieren und den Adel auszurotten. Die dritte, unter Ambros
       Száleresi, einem  Pester Bürger, blieb zur Beobachtung der Haupt-
       stadt auf dem Rákos; die vierte und fünfte führten Dózsa und sein
       Bruder Gregor gegen Szegedin.
       Inzwischen sammelte  sich der  Adel in Pest und rief den Woiwoden
       von Siebenbürgen,  Johann Zápolya, zu Hülfe. Der Adel, in Gemein-
       schaft mit  den Bürgern  von Budapest, schlug und vernichtete das
       auf dem Rákos lagernde Korps, nachdem Száleresi mit den bürgerli-
       chen Elementen  des Bauernheers zum Feinde übergegangen war. Eine
       Menge Gefangener  wurden auf  die grausamste  Weise hingerichtet,
       der Rest  mit abgeschnittenen  Nasen und  Ohren  nach  Hause  ge-
       schickt.
       Dózsa scheiterte  vor Szegedin  und zog gegen Csanád, das er ero-
       berte, nachdem  er ein  Adelsheer unter Bátori István und dem Bi-
       schof Csáky  geschlagen und  an den Gefangenen, worunter auch der
       Bischof und  der königliche Schatzmeister Teleki, blutige Repres-
       salien für  die Grausamkeiten  auf dem  Rákos genommen  hatte. In
       Csanád proklamierte  er die  Republik, die Abschaffung des Adels,
       die allgemeine  Gleichheit und die Souveränetät des Volks und zog
       dann gegen  Temesvár, wohinein  sich Bátori  geworfen hatte. Aber
       während er diese Festung zwei Monate lang belagerte und durch ein
       neues Heer unter Anton Hosszu verstärkt wurde, erlagen die beiden
       oberungarischen Heerhaufen  in mehreren  Schlachten vor  dem Adel
       und rückte  Johann Zápolya  mit der  siebenbürgischen Armee gegen
       ihn an.  Die Bauern wurden von Zápolya überfallen und zersprengt,
       Dózsa selbst gefangen, auf einem glühenden Thron gebraten und von
       seinen eigenen  Leuten, die  nur unter dieser Bedingung das Leben
       geschenkt erhielten,  lebendig gegessen. Die versprengten Bauern,
       von Laurentius  und Hosszu  wieder gesammelt, wurden nochmals ge-
       schlagen und  alles, was  den Feinden in die Hände fiel, gepfählt
       oder gehängt.  Zu Tausenden  hingen die Bauernleichen die Straßen
       entlang oder  an den Eingängen verbrannter Dörfer. An 60 000 sol-
       len teils  gefallen, teils  massakriert sein.  Der Adel aber trug
       Sorge, auf dem nächsten Landtag die Knechtschaft der Bauern aber-
       mals als Gesetz des Landes zur Anerkennung zu bringen.
       Der Bauernaufstand  in der  "windischen Mark",  d.h. in  Kärnten,
       Krain und  Steiermark, der um dieselbe Zeit losbrach, beruhte auf
       einer bundschuhartigen  Verschwörung, die sich in dieser von Adel
       und kaiserlichen Beamten ausgesogen, von Türkeneinfällen verheer-
       ten und  von Hungersnot  geplagten Gegend schon 1503 gebildet und
       einen Aufstand hervorgerufen hatte. Die slowenischen
       
       #371# Der deutsche Bauernkrieg
       -----
       Bauern dieser  Gegend sowohl wie die deutschen erhoben schon 1513
       wieder die  Kriegsfahne der  stara prawa  (der alten Rechte), und
       wenn sie auch in diesem Jahr sich nochmals beschwichtigen ließen,
       wenn sie  1514, wo  sie sich  noch massenhafter zusammenrotteten,
       durch Kaiser  Maximilians ausdrückliche  Zusage, die alten Rechte
       wiederherzustellen, zum Auseinandergehen bewogen wurden, so brach
       1515 im Frühjahr der Rachekrieg des stets getäuschten Volks um so
       heftiger los. Wie in Ungarn, wurden Schlösser und Klöster überall
       zerstört und  die gefangenen  Adligen von  Bauerngeschworenen ge-
       richtet und  enthauptet. In  Steiermark und Kärnten gelang es dem
       kaiserlichen Hauptmann  Dietrichstein, den Aufstand bald zu dämp-
       fen; in  Krain wurde  er erst durch den Überfall von Rain (Herbst
       1516) und durch die darauffolgenden, den Infamien des ungarischen
       Adels  sich  würdig  anschließenden,  zahllosen  österreichischen
       Grausamkeiten unterdrückt.
       Man begreift,  daß nach einer Reihe so entscheidender Niederlagen
       und nach  diesen massenhaften  Grausamkeiten des Adels die Bauern
       in Deutschland eine längere Zeit ruhig waren. Und doch hörten we-
       der die  Verschwörungen noch  die Lokalaufstände  ganz auf. Schon
       1516 kamen die meisten Flüchtlinge vom Bundschuh und Armen Konrad
       nach Schwaben  und dem  Oberrhein zurück,  und 1517 war der Bund-
       schuh im  Schwarzwald wieder  in vollem  Gange. Joß Fritz selbst,
       der noch  immer die  alte Bundschuhfahne  von 1513  auf der Brust
       versteckt mit  sich führte,  durchstreifte den Schwarzwald wieder
       und entwickelte  große Tätigkeit.  Die Verschwörung  organisierte
       sich aufs  neue. Wie  vor vier Jahren wurden wieder Versammlungen
       auf dem  Kniebis angesagt.  Aber das Geheimnis wurde nicht gehal-
       ten, die  Regierungen erfuhren  die Sache und schritten ein. Meh-
       rere wurden gefangen und hingerichtet; die tätigsten und intelli-
       gentesten Mitglieder  mußten fliehen, unter ihnen Joß Fritz, des-
       sen man auch diesmal nicht habhaft wurde, der aber bald darauf in
       der Schweiz  gestorben zu  sein scheint,  da er von jetzt an nir-
       gends mehr genannt wird.
       
       #372#
       -----
       IV
       
       [Der Adelsaufstand]
       
       Um dieselbe Zeit, wo im Schwarzwald die vierte Bundschuhverschwö-
       rung unterdrückt  wurde, gab  Luther in  Wittenberg das Signal zu
       der Bewegung,  die alle  Stände mit in den Strudel reißen und das
       ganze Reich  erschüttern sollte. Die Thesen des thüringischen Au-
       gustiners [335] zündeten wie ein Blitz in ein Pulverfaß. Die man-
       nigfaltig durcheinanderkreuzenden Bestrebungen der Ritter wie der
       Bürger, der  Bauern wie  der Plebejer, der souveränetätssüchtigen
       Fürsten wie der niederen Geistlichkeit, der mystizisierenden ver-
       borgenen  Sekten   wie  der   gelehrten  und  satirisch-burlesken
       Schriftstelleropposition [336]  erhielten in ihnen einen zunächst
       gemeinsamen, allgemeinen  Ausdruck, um  den sie  sich mit überra-
       schender Schnelligkeit  gruppierten. Diese  über Nacht  gebildete
       Allianz aller  Oppositionselemente, so  kurz ihre Dauer war, ent-
       hüllte plötzlich  die ungeheure  Macht der Bewegung und trieb sie
       um so rascher voran.
       Aber eben  diese rasche  Entwicklung der Bewegung mußte auch sehr
       bald die Keime des Zwiespalts entwickeln, die in ihr lagen, mußte
       wenigstens die  durch ihre  ganze Lebensstellung  direkt einander
       entgegenstehenden Bestandteile  der erregten Masse wieder vonein-
       ander reißen  und in  ihre normale  feindliche Stellung  bringen.
       Diese Polarisation  der bunten Oppositionsmasse um zwei Attrakti-
       onszentren trat  schon in  den ersten Jahren der Reformation her-
       vor; Adel und Bürger gruppierten sich unbedingt um Luther; Bauern
       und Plebejer, ohne schon in Luther einen direkten Feind zu sehen,
       bildeten wie früher eine besondere, revolutionäre Oppositionspar-
       tei. Nur  daß die  Bewegung jetzt  viel allgemeiner,  viel tiefer
       greifend war  als vor Luther, und daß damit die Notwendigkeit des
       scharf ausgesprochenen Gegensatzes,- der direkten Bekämpfung bei-
       der Parteien  untereinander gegeben war. Dieser direkte Gegensatz
       trat bald  ein; Luther  und Münzer  bekämpften sich in der Presse
       und auf  der Kanzel,  wie die  größtenteils aus lutherischen oder
       wenigstens zum  Luthertum hinneigenden  Kräften bestehenden Heere
       der Fürsten, Ritter und Städte die Haufen der Bauern und Plebejer
       zersprengten.
       
       #373# Der deutsche Bauernkrieg
       -----
       Wie sehr  die Interessen  und Bedürfnisse  der verschiedenen Ele-
       mente, die  die Reformation  angenommen, auseinandergingen, zeigt
       schon vor  dem Bauernkrieg der Versuch des Adels, seine Forderun-
       gen gegenüber den Fürsten und Pfaffen durchzusetzen.
       Wir haben  schon oben  gesehen, welche Stellung der deutsche Adel
       im Anfang  des 16. Jahrhunderts einnahm. Er war im Begriff, seine
       Unabhängigkeit an  die immer  mächtiger werdenden  weltlichen und
       geistlichen Fürsten  zu verlieren.  Er sah  zu gleicher  Zeit, in
       demselben Maß  wie er  sank, auch die Reichsgewalt sinken und das
       Reich sich  in eine Anzahl souveräner Fürstentümer auflösen. Sein
       Untergang mußte  für ihn  mit dem Untergang der Deutschen als Na-
       tion zusammenfallen.  Dazu  kam,  daß  der  Adel,  besonders  der
       reichsunmittelbare Adel,  derjenige Stand  war, der  sowohl durch
       seinen militärischen Beruf wie durch seine Stellung gegenüber den
       Fürsten das  Reich und die Reichsgewalt besonders vertrat. Er war
       der nationalste  Stand, und  je mächtiger  die  Reichsgewalt,  je
       schwächer und  je  weniger  zahlreich  die  Fürsten,  je  einiger
       Deutschland, desto mächtiger war er. Daher der allgemeine Unwille
       der  Ritterschaft   über  die   erbärmliche  politische  Stellung
       Deutschlands, über  die Ohnmacht  des Reichs  nach außen,  die in
       demselben Maße  zunahm, als  das Kaiserhaus  durch Erbschaft eine
       Provinz nach  der andern  an das  Reich anhing; über die Intrigen
       fremder Mächte im Innern Deutschlands und die Komplotte deutscher
       Fürsten mit  dem Ausland  gegen die Reichsgewalt. Die Forderungen
       des Adels  mußten sich  also vor  allem in  der  Forderung  einer
       Reichsreform zusammenfassen,  deren Opfer die Fürsten und die hö-
       here Geistlichkeit werden sollten. Diese Zusammenfassung übernahm
       Ulrich von  Hutten, der  theoretische Repräsentant  des deutschen
       Adels, in  Gemeinschaft mit Franz von Sickingen, seinem militäri-
       schen und staatsmännischen Repräsentanten.
       Hutten hat  seine im Namen des Adels geforderte Reichsreform sehr
       bestimmt ausgesprochen  und sehr  radikal gefaßt. Es handelt sich
       um nichts  Geringeres als  um die Beseitigung sämtlicher Fürsten,
       die Säkularisation sämtlicher geistlichen Fürstentümer und Güter,
       um  die   Herstellung  einer  Adelsdemokratie  mit  monarchischer
       Spitze, ungefähr  wie sie  in den  besten Tagen  der weiland pol-
       nischen Republik  bestanden hat.  Durch die Herstellung der Herr-
       schaft des  Adels, der  vorzugsweise militärischen  Klasse, durch
       die Entfernung  der Fürsten, der Träger der Zersplitterung, durch
       die Vernichtung  der Macht  der Pfaffen  und durch die Losreißung
       Deutschlands von  der geistlichen Herrschaft Roms glaubten Hutten
       und Sickingen,  das Reich  wieder einig,  frei und mächtig zu ma-
       chen.
       Die auf der Leibeigenschaft beruhende Adelsdemokratie, wie sie in
       Polen
       
       #374# Friedrich Engels
       -----
       und in  etwas modifizierter  Form in den ersten Jahrhunderten der
       von den  Germanen eroberten  Reiche bestanden  hat, ist  eine der
       rohesten Gesellschaftsformen und entwickelt sich ganz normal wei-
       ter zur  ausgebildeten Feudalhierarchie, die schon eine bedeutend
       höhere Stufe  ist. Diese  reine Adelsdemokratie  war also  im 16.
       Jahrhundert unmöglich.  Sie war  schon unmöglich,  weil überhaupt
       bedeutende und  mächtige Städte in Deutschland bestanden. Auf der
       andern Seite war aber auch jene Allianz des niedern Adels und der
       Städte unmöglich, die in England die Verwandlung der feudal-stän-
       dischen Monarchie  in  die  bürgerlich-konstitutionelle  zustande
       brachte. In  Deutschland hatte  sich der  alte Adel  erhalten, in
       England war  er durch  die Rosenkriege  [337] bis auf 28 Familien
       ausgerottet und  wurde durch  einen neuen  Adel bürgerlichen  Ur-
       sprungs und  mit bürgerlichen  Tendenzen ersetzt;  in Deutschland
       bestand  die   Leibeigenschaft   fort,   und   der   Adel   hatte
       f e u d a l e  Einkommenquellen, in England war sie fast ganz be-
       seitigt, und  der Adel  war einfacher  bürgerlicher Grundbesitzer
       mit der   b ü r g e r l i c h e n   Einkommenquelle:  der  Grund-
       rente. Endlich  war die  Zentralisation der  absoluten Monarchie,
       die in  Frankreich seit  Ludwig XI.  durch den Gegensatz von Adel
       und Bürgerschaft  bestand und sich immer weiter ausbildete, schon
       darum in Deutschland unmöglich, weil hier überhaupt die Bedingun-
       gen der nationalen Zentralisation gar nicht oder nur unentwickelt
       vorhanden waren.
       Je mehr unter diesen Verhältnissen Hutten sich auf die praktische
       Durchführung seines Ideals einließ, desto mehr Konzessionen mußte
       er machen,  und desto  unbestimmter  mußten  die  Umrisse  seiner
       Reichsreform werden. Der Adel allein war nicht mächtig genug, das
       Unternehmen durchzusetzen,  das bewies  seine wachsende  Schwäche
       gegenüber den  Fürsten. Man  mußte Bundesgenossen  haben, und die
       einzig möglichen waren die Städte, die Bauern und die einflußrei-
       chen Theoretiker  der Reformationsbewegung. Aber die Städte kann-
       ten den  Adel hinreichend, um ihm nicht zu trauen und jedes Bünd-
       nis mit  ihm zurückzuweisen.  Die Bauern  sahen im  Adel, der sie
       aussog und  mißhandelte, mit vollem Recht ihren bittersten Feind.
       Und die  Theoretiker hielten es entweder mit den Bürgern, Fürsten
       oder den  Bauern. Was sollte auch der Adel den Bürgern und Bauern
       Positives versprechen  von einer  Reichsreform, deren  Hauptzweck
       immer die Hebung des Adels war? Unter diesen Umständen blieb Hut-
       ten nichts  übrig, als  in seinen  Propagandaschriften  über  die
       künftige gegenseitige Stellung des Adels, der Städte und der Bau-
       ern wenig  oder gar  nichts zu  sagen, alles Übel auf die Fürsten
       und Pfaffen und die Abhängigkeit von Rom zu schieben und den Bür-
       gern nachzuweisen,  daß ihr Interesse ihnen gebiete, im bevorste-
       henden Kampf zwischen Fürsten und Adel sich mindestens neutral zu
       halten. Von Aufhebung der Leibeigenschaft
       
       #375# Der deutsche Bauernkrieg
       -----
       und der Lasten, die der Bauer dem Adel schuldig war, ist bei Hut-
       ten nirgends die Rede.
       Die Stellung  des deutschen Adels gegenüber den Bauern war damals
       ganz dieselbe  wie die  des polnischen  Adels zu seinen Bauern in
       den Insurrektionen  1830-46. Wie  in den modernen polnischen Auf-
       ständen, war damals in Deutschland die Bewegung nur durchzuführen
       durch eine  Allianz aller  Oppositionsparteien und namentlich des
       Adels mit den Bauern. Aber grade diese Allianz war in beiden Fäl-
       len   u n m ö g l i c h.  Weder war der Adel in die Notwendigkeit
       versetzt, seine  politischen Privilegien und seine Feudalgerecht-
       same gegenüber den Bauern aufzugeben, noch konnten die revolutio-
       nären Bauern  sich auf  allgemeine unbestimmte  Aussichten hin in
       eine Allianz  mit dem  Adel einlassen, mit dem Stand, der sie ge-
       rade am  meisten bedrückte.  Wie in  Polen  1830,  so  konnte  in
       Deutschland 1522 der Adel die Bauern nicht mehr gewinnen. Nur die
       gänzliche Beseitigung der Leibeigenschaft und Hörigkeit, das Auf-
       geben aller Adelsprivilegien hätte das Landvolk mit dem Adel ver-
       einigen können;  aber der  Adel, wie  jeder privilegierte  Stand,
       hatte nicht  die geringste Lust, seine Vorrechte, seine ganze ex-
       zeptionelle Stellung und den größten Teil seiner Einkommenquellen
       freiwillig aufzugeben.
       Der Adel  stand also schließlich, als es zum Kampfe kam, den Für-
       sten allein  gegenüber. Daß  die Fürsten, die ihm seit zwei Jahr-
       hunderten fortwährend  Terrain abgewonnen,  ihn auch  diesmal mit
       leichter Mühe erdrücken mußten, war vorherzusehen.
       Der Verlauf des Kampfes selbst ist bekannt. Hutten und Sickingen,
       der schon  als politisch-militärischer  Chef des  mitteldeutschen
       Adels anerkannt war, brachten 1522 zu Landau einen Bund des rhei-
       nischen, schwäbischen  und fränkischen  Adels auf sechs Jahre zu-
       stande, angeblich zur Selbstverteidigung; Sickingen zog ein Heer,
       teils aus eignen Mitteln, teils in Verbindung mit den umliegenden
       Rittern, zusammen,  organisierte Werbungen und Zuzüge in Franken,
       am Niederrhein,  in den  Niederlanden und Westfalen und eröffnete
       im September  1522 die  Feindseligkeiten mit einer Fehdeerklärung
       an den  Kurfürsten-Erzbischof von  Trier 1*). Aber während er vor
       Trier lag,  wurden seine  Zuzüge durch  rasches Einschreiten  der
       Fürsten abgeschnitten;  der Landgraf  von Hessen und der Kurfürst
       von der  Pfalz zogen  den Trierern  zu Hülfe, und Sickingen mußte
       sich in sein Schloß Landstuhl werfen. Trotz aller Bemühungen Hut-
       tens und  seiner übrigen  Freunde ließ  ihn hier  der  verbündete
       Adel, eingeschüchtert  durch die  konzentrierte und rasche Aktion
       der Fürsten, im Stich; er selbst wurde tödlich verwundet, übergab
       -----
       1*) Richard von Greiffenklau
       
       #376# Friedrich Engels
       -----
       dann Landstuhl  und starb  gleich darauf.  Hutten  mußte  in  die
       Schweiz flüchten  und starb  wenige Monate  später auf  der Insel
       Ufnau im Zürchersee.
       Mit dieser Niederlage und dem Tod der beiden Führer war die Macht
       des Adels als einer von den Fürsten unabhängigen Körperschaft ge-
       brochen. Von jetzt an tritt der Adel nur noch im Dienst und unter
       der Leitung  der Fürsten  auf. Der Bauernkrieg, der gleich darauf
       ausbrach, zwang  ihn noch  mehr, sich  direkt oder indirekt unter
       den Schutz  der Fürsten  zu stellen, und bewies zu gleicher Zeit,
       daß der  deutsche Adel  es vorzog, lieber unter fürstlicher Ober-
       hoheit die  Bauern fernerhin zu exploitieren, als die Fürsten und
       Pfaffen durch  ein offenes  Bündnis mit den  e m a n z i p i e r-
       t e n  Bauern zu stürzen.
       
       #377#
       -----
       V
       
       [Der schwäbisch-fränkische Bauernkrieg]
       
       Von dem  Augenblick an,  wo Luthers Kriegserklärung gegen die ka-
       tholische Hierarchie alle Oppositionselemente Deutschlands in Be-
       wegung gesetzt,  verging kein Jahr, in dem nicht die Bauern eben-
       falls wieder  mit ihren  Forderungen hervortraten.  Von 1518  bis
       1523 folgte  ein lokaler  Bauernaufstand im  Schwarzwald  und  in
       Oberschwaben auf den andern. Seit Frühjahr 1524 nahmen diese Auf-
       stände einen  systematischen Charakter an. Im April dieses Jahres
       verweigerten die  Bauern der  Abtei Marchthal die Frondienste und
       Leistungen; im  Mai verweigerten  die  Sankt-Blasier  Bauern  die
       Leibeigenschaftsgebühren; im Juni erklärten die Bauern von Stein-
       heim bei  Memmingen, weder  Zehnten noch sonstige Gebühren zahlen
       zu wollen;  im Juli  und August  standen die Thurgauer Bauern auf
       und wurden  teils durch  die Vermittlung der Zürcher, teils durch
       die Brutalität  der  Eidgenossenschaft,  die  mehrere  hinrichten
       ließ, wieder zur Ruhe gebracht. Endlich erfolgte in der Landgraf-
       schaft Stühlingen ein entschiednerer Aufstand, der als der unmit-
       telbare   A n f a n g   d e s   B a u e r n k r i e g s    gelten
       kann.
       Die Stühlinger  Bauern verweigerten  plötzlich die  Leistungen an
       den Landgrafen  1*), rotteten sich in starken Haufen zusammen und
       zogen unter  Hans Müller  von Bulgenbach  am 24. August 1524 nach
       Waldshut. Hier stifteten sie in Gemeinschaft mit den Bürgern eine
       evangelische Brüderschaft. Die Bürger traten der Verbindung um so
       eher bei,  als sie gleichzeitig wegen religiöser Verfolgungen ge-
       gen Balthasar  Hubmaier, ihren Prediger, einen Freund und Schüler
       Thomas Münzers,  mit der  vorderöstreichischen Regierung[330]  im
       Konflikt waren. Es wurde also eine Bundessteuer von drei Kreuzern
       wöchentlich -  ein enormer  Betrag für  den damaligen  Geldwert -
       aufgelegt, Emissäre  nach dem  Elsaß, der Mosel, dem ganzen Ober-
       rhein und Franken geschickt, um die Bauern überall in den Bund zu
       bringen, und als Zweck
       -----
       1*) Rudolf von Sulz
       
       #378# Friedrich Engels
       -----
       des Bundes  die Abschaffung  der Feudalherrschaft, die Zerstörung
       aller Schlösser  und Klöster und die Beseitigung aller Herren au-
       ßer dem Kaiser proklamiert. Die Bundesfahne war die deutsche Tri-
       kolore. [338]
       Der Aufstand  gewann rasch  Terrain im  ganzen jetzigen badischen
       Oberland. Ein  panischer Schrecken  ergriff den  oberschwäbischen
       Adel, dessen Streitkräfte fast sämtlich in Italien, im Kriege ge-
       gen Franz  I. von  Frankreich [339],  beschäftigt waren. Es blieb
       ihm nichts  übrig, als  die Sache  durch Unterhandlungen  in  die
       Länge zu ziehen und inzwischen Gelder aufzutreiben und Truppen zu
       werben, bis er stark genug sei, die Bauern für ihre Vermessenheit
       mit "Sengen  und Brennen,  Plündern und Morden" zu züchtigen. Von
       jetzt an  begann jener  systematische  Verrat,  jene  konsequente
       Wortbrüchigkeit und Heimtücke, durch die der Adel und die Fürsten
       sich während des ganzen Bauernkriegs auszeichneten und die gegen-
       über den dezentralisierten und schwer organisierbaren Bauern ihre
       stärkste Waffe  war. Der  Schwäbische Bund,  der die Fürsten, den
       Adel und die Reichsstädte Südwestdeutschlands umfaßte, legte sich
       ins Mittel,  aber ohne den Bauern positive Konzessionen zu garan-
       tieren. Diese blieben in Bewegung. Hans Müller von Bulgenbach zog
       vom 30.  September bis  Mitte Oktober  durch den  Schwarzwald bis
       Urach und Furtwangen, brachte seinen Haufen bis auf 3500 Mann und
       nahm mit  diesem bei Ewattingen (nicht weit von Stühlingen) Posi-
       tion. Der Adel hatte nicht über 1700 Mann zur Verfügung, und auch
       diese waren  zersplittert. Er  war gezwungen, sich auf einen Waf-
       fenstillstand einzulassen,  der auch wirklich im Ewattinger Lager
       zustande kam. Gütlicher Vertrag, entweder direkt zwischen den Be-
       teiligten oder  durch Schiedsrichter,  und Untersuchung  der  Be-
       schwerden durch das Landgericht zu Stockach wurden den Bauern zu-
       gesagt. Sowohl  die Adelstruppen  wie die Bauern gingen auseinan-
       der.
       Die Bauern vereinigten sich auf 16 Artikel, deren Bewilligung vom
       Stockacher Gericht  verlangt werden  sollte. Sie waren sehr gemä-
       ßigt. Abschaffung  des Jagdrechts,  der Fronden,  der  drückenden
       Steuern und  Herrschaftsprivilegien überhaupt, Schutz gegen will-
       kürliche Verhaftung  und gegen  parteiische, nach  Willkür urtei-
       lende Gerichte - weiter forderten sie nichts.
       Der Adel  dagegen forderte, sobald die Bauern heimgegangen waren,
       sogleich sämtliche  streitige Leistungen wieder ein, so lange bis
       das Gericht entschieden habe. Die Bauern weigerten sich natürlich
       und verwiesen  die Herren  an das  Gericht. Der  Streit brach von
       neuem aus; die Bauern zogen sich wieder zusammen, die Fürsten und
       Herren konzentrierten  ihre Truppen.  Diesmal ging  die  Bewegung
       wieder weiter,  bis über  den  Breisgau  und  tief  ins  Württem-
       bergische hinein.  Die Truppen unter Georg Truchseß von Waldburg,
       dem Alba  des Bauernkriegs,  beobachteten sie,  schlugen einzelne
       Zuzüge, wagten aber
       
       #379# Der deutsche Bauernkrieg
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       nicht, das Gros anzugreifen. Georg Truchseß unterhandelte mit den
       Bauernchefs und brachte hier und da Verträge zustande.
       Ende Dezember  begannen die  Verhandlungen vor dem Landgericht zu
       Stockach. Die  Bauern protestierten gegen die Zusammensetzung des
       Gerichts aus  lauter Adligen.  Ein kaiserlicher  Bestallungsbrief
       wurde ihnen  als Antwort vorgelesen. Die Verhandlungen zogen sich
       in die  Länge, inzwischen  rüsteten der  Adel, die  Fürsten,  die
       schwäbischen Bundesbehörden.  Erzherzog Ferdinand,  der außer den
       jetzt noch  östreichischen Erblanden  auch Württemberg, den badi-
       schen Schwarzwald und den südlichen Elsaß beherrschte, befahl die
       größte Strenge  gegen die rebellischen Bauern. Man solle sie fan-
       gen, foltern  und ohne Gnade erschlagen, man solle sie, wie es am
       bequemsten sei, verderben, ihr Hab und Gut verbrennen und veröden
       und ihre  Weiber und  Kinder aus  dem Lande jagen. Man sieht, wie
       die Fürsten  und Herren  den Waffenstillstand hielten und was sie
       unter gütlicher Vermittlung und Untersuchung der Beschwerden ver-
       standen. Erzherzog  Ferdinand, dem  das Haus  Welser in  Augsburg
       Geld vorgeschossen  [340], rüstete in aller Eile; der Schwäbische
       Bund (3293  schrieb ein in drei Terminen zu stellendes Kontingent
       von Geld und Truppen aus.
       Diese bisherigen  Aufstände fallen  zusammen mit der fünfmonatli-
       chen Anwesenheit Thomas Münzers im Oberland. Von dem Einfluß, den
       er auf den Ausbruch und Gang der Bewegung gehabt, sind zwar keine
       direkten Beweise  vorhanden, aber  dieser  Einfluß  ist  indirekt
       vollständig konstatiert.  Die entschiedneren  Revolutionäre unter
       den Bauern  sind meist  seine Schüler  und vertreten seine Ideen.
       Die zwölf  Artikel wie der Artikelbrief der oberländischen Bauern
       [341] werden  ihm von allen Zeitgenossen zugeschrieben, obwohl er
       wenigstens erstere gewiß nicht verfaßt hat. Noch auf seiner Rück-
       reise nach  Thüringen erließ  er eine  entschieden  revolutionäre
       Schrift an die insurgierten Bauern. [342]
       Gleichzeitig intrigierte  der seit  1519 aus Württemberg vertrie-
       bene Herzog  Ulrich, um mit Hülfe der Bauern wieder in den Besitz
       seines Landes zu kommen. Es ist faktisch, daß er seit seiner Ver-
       treibung die  revolutionäre Partei  zu benutzen  suchte  und  sie
       fortwährend unterstützte.  In die meisten von 1520-24 vorgekomme-
       nen Lokalunruhen im Schwarzwald und in Württemberg wird sein Name
       verwickelt, und jetzt rüstete er direkt zu einem Einfall von sei-
       nem Schloß  Hohentwiel aus  nach Württemberg.  Er wurde indes von
       den Bauern  nur benutzt, hatte nie Einfluß auf sie und noch weni-
       ger ihr Vertrauen.
       So verging der Winter, ohne daß es von einer der beiden Seiten zu
       etwas Entscheidendem kam. Die fürstlichen Herrn versteckten sich,
       der Bauernaufstand
       
       #380# Friedrich Engels
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       gewann an  Ausdehnung. Im Januar 1525 war das ganze Land zwischen
       Donau, Rhein  und Lech in voller Gärung, und im Februar brach der
       Sturm los.
       Während der  Schwarzwald-Hegauer  Haufe  unter  Hans  Müller  von
       Bulgenbach mit  Ulrich von  Württemberg konspirierte und zum Teil
       seinen vergeblichen  Zug nach  Stuttgart mitmachte  (Februar  und
       März 1525),  standen die  Bauern im Ried, oberhalb Ulm, am 9. Fe-
       bruar auf,  sammelten sich  in einem  von Sümpfen gedeckten Lager
       bei Baltringen,  pflanzten die  rote   Fahne  auf und formierten,
       unter der  Führung von  Ulrich Schmid, den Baltringer Haufen. Sie
       waren 10 000 bis 12 000 Mann stark.
       Am 25. Februar zog sich der Oberallgäuer Haufen, 7000 Mann stark,
       am Schüssen  zusammen, auf das Gerücht hin, daß die Truppen gegen
       die auch  hier aufgetretenen Mißvergnügten heranzögen. Die Kempt-
       ner, die  den ganzen  Winter über  mit ihrem  Erzbischof [343] im
       Streit gewesen,  traten am  26. zusammen und vereinigten sich mit
       ihnen. Die  Städte Memmingen und Kaufbeuren schlössen sich, unter
       Bedingungen, der  Bewegung an;  doch trat schon hier die Zweideu-
       tigkeit der  Stellung hervor, die die Städte in diesem Kampf ein-
       nahmen. Am  7. März wurden in Memmingen die zwölf Memminger Arti-
       kel für  alle Oberallgäuer Bauern angenommen. [345] Auf Botschaft
       der Allgäuer bildete sich am Bodensee, unter Eitel Hans, der See-
       haufen. Auch  dieser Haufe  verstärkte sich rasch. Das Hauptquar-
       tier war in Bermatingen.
       Ebenso standen  im unteren Allgäu, in der Gegend von Ochsenhausen
       und Schellenberg,  im Zeilschen und Waldburgschen, den Herrschaf-
       ten des  Truchseß, die  Bauern auf,  und zwar schon in den ersten
       Tagen des  März. Dieser  Unterallgäuer Haufen  lagerte, 7000 Mann
       stark, bei Wurzach.
       Diese vier Haufen nahmen alle die Memminger Artikel an, die übri-
       gens noch  viel gemäßigter  waren als die der Hegauer und auch in
       den Punkten,  die sich  auf das  Verhalten der bewaffneten Haufen
       zum Adel  und den  Regierungen bezogen, einen merkwürdigen Mangel
       an Entschiedenheit  zur Schau tragen. Die Entschiedenheit, wo sie
       kam, kam erst im Laufe des Kriegs, nachdem die Bauern Erfahrungen
       über die Handlungsweise ihrer Feinde gemacht hatten.
       Gleichzeitig mit  diesen Haufen  bildete sich ein sechster an der
       Donau. Aus  der ganzen Gegend von Ulm bis Donauwörth, aus den Tä-
       lern der Iller, Roth und Biber kamen die Bauern nach Leipheim und
       schlugen dort ein Lager auf. Von 15 Ortschaften war jeder waffen-
       fähige Mann,  von 117  waren Zuzüge da. Der Führer des Leipheimer
       Haufens war  Ulrich Schön,  sein Prediger Jakob Wehe, der Pfarrer
       von Leipheim.
       
       #381# Der deutsche Bauernkrieg
       -----
       So standen  anfangs März,  in sechs  Lagern, an 30 000 bis 40 000
       insurgierte oberschwäbische  Bauern unter den Waffen. Der Charak-
       ter dieser  Bauernhaufen war  sehr gemischt.  Die revolutionäre -
       Münzersche -  Partei war  überall in der Minorität. Trotzdem bil-
       dete sie überall den Kern und Halt der Bauernlager. Die Masse der
       Bauern war  immer bereit,  sich auf  ein Abkommen  mit den Herren
       einzulassen, wenn  ihr nur die Konzessionen gesichert wurden, die
       sie durch  ihre drohende  Haltung zu ertrotzen hoffte. Dazu wurde
       sie, als  die Sache  sich in  die Länge  zog und die Fürstenheere
       heranrückten, des  Kriegführens überdrüssig,  und diejenigen, die
       noch etwas  zu verlieren  hatten, gingen größtenteils nach Hause.
       Dabei hatte sich den Haufen das vagabundierende Lumpenproletariat
       massenweise angeschlossen, das die Disziplin erschwerte, die Bau-
       ern demoralisierte  und ebenfalls  häufig ab-  und zulief.  Schon
       hieraus erklärt sich, daß die Bauernhaufen anfangs überall in der
       Defensive blieben,  in den  Feldlagern sich  demoralisierten  und
       auch, abgesehen von ihrer taktischen Unzulänglichkeit und von der
       Seltenheit guter  Führer, den  Armeen der  Fürsten keineswegs ge-
       wachsen waren.
       Noch während  die Haufen  sich zusammenzogen,  fiel Herzog Ulrich
       mit geworbenen  Truppen und einigen Hegauer Bauern von Hohentwiel
       nach Württemberg ein. Der Schwäbische Bund war verloren, wenn die
       Bauern jetzt  von der  andern Seite  her gegen  die  Truppen  des
       Truchseß von  Waldbürg heranrückten. Aber bei der bloß defensiven
       Haltung der  Haufen gelang es dem Truchseß bald, mit den Baltrin-
       ger, Allgäuer und Seebauern einen Waffenstillstand abzuschließen,
       Verhandlungen einzuleiten  und einen Termin zur Abmachung der Sa-
       che auf  Sonntag Judika  (2. April) anzusetzen. Währenddes konnte
       er gegen Herzog Ulrich ziehn, Stuttgart besetzen und ihn zwingen,
       schon am 17. März Württemberg wieder zu verlassen. Dann wandte er
       sich gegen  die Bauern;  aber in  seinem eignen Heer revoltierten
       die Landsknechte und weigerten sich, gegen diese zu ziehn. Es ge-
       lang dem  Truchseß, die  Meuterer zu beschwichtigen, und nun mar-
       schierte er  nach Ulm,  wo sich neue Verstärkungen sammelten. Bei
       Kirchheim unter  Teck hatte er ein Beobachtungslager zurückgelas-
       sen.
       Der Schwäbische Bund, der endlich die Hände frei und seine ersten
       Kontingente beisammen  hatte, warf  jetzt die  Maske ab  und  er-
       klärte, daß  er "das,  was die Bauern eigenen Willens sich unter-
       fangen, mit  den Waffen und mit Gottes Hülfe zu wenden entschlos-
       sen sei" [345].
       Die Bauern  hatten sich inzwischen streng an den Waffenstillstand
       gehalten. Sie  hatten für  die Verhandlung am Sonntag Judika ihre
       Forderungen aufgesetzt,  die berühmten  z w ö l f  A r t i k e l.
       Sie verlangten  Wahl und  Absetzbarkeit der Geistlichen durch die
       Gemeinden, Abschaffung des kleinen Zehnten und
       
       #382# Friedrich Engels
       -----
       Verwendung des  großen [346]  zu öffentlichen  Zwecken nach Abzug
       des Pfarrgehalts, Abschaffung der Leibeigenschaft, des Fischerei-
       und Jagdrechts  und des  Todfalls, Beschränkung  der  übermäßigen
       Fronden, Steuern  und Gülten,  Restitution der  den Gemeinden und
       einzelnen gewaltsam  entzogenen Waldungen, Weiden und Privilegien
       und Beseitigung  der Willkür in Justiz und Verwaltung. Man sieht,
       die gemäßigte,  verträgliche Partei  wog noch bedeutend vor unter
       den Bauernhaufen.  Die revolutionäre Partei hatte schon früher im
       "A r t i k e l b r i e f"  ihr Programm aufgestellt. Dieser offne
       Brief an sämtliche Bauernschaften fordert sie auf, einzutreten in
       die "christliche Vereinigung und Brüderschaft" zur Entfernung al-
       ler Lasten,  sei es durch Güte, "was nicht wohl sein mag", sei es
       durch Gewalt,  und bedroht  alle Weigernden  mit dem  "weltlichen
       Bann", d.h. mit der Ausstoßung aus der Gesellschaft und aus allem
       Verkehr mit  den Bundesmitgliedern.  Alle Schlösser,  Klöster und
       Pfaffenstifter sollen  gleichfalls in  den weltlichen  Bann getan
       werden, es  sei denn, daß Adel, Pfaffen und Mönche sie freiwillig
       verlassen, in  gewöhnliche Häuser  ziehn wie andre Leute und sich
       der christlichen  Vereinigung anschließen.  - In diesem radikalen
       Manifest, das  offenbar   v o r  dem Frühjahrsaufstand 1525 abge-
       faßt wurde, handelt es sich also vor allem um die Revolution, die
       vollständige Besiegung  der noch  herrschenden Klassen,  und  der
       "weltliche Bann"  designiert nur  die Unterdrücker  und Verräter,
       die erschlagen,  die Schlösser,  die verbrannt,  die Klöster  und
       Stifter, die  konfisziert und  deren Schätze  in Geld  verwandelt
       werden sollen.
       Ehe jedoch  die Bauern dazu kamen, ihre zwölf Artikel den berufe-
       nen Schiedsrichtern  vorzulegen, kam  ihnen die Nachricht von dem
       Vertragsbruch des  Schwäbischen Bundes  und  dem  Herannahen  der
       Truppen. Sogleich trafen sie ihre Maßregeln. Eine Generalversamm-
       lung der  Allgäuer, Baltringer  und Seebauern wurde zu Gaisbeuren
       abgehalten. Die vier Haufen wurden vermischt und vier neue Kolon-
       nen aus  ihnen organisiert,  die Konfiskation der geistlichen Gü-
       ter, der  Verkauf ihrer Kleinodien zum Besten der Kriegskasse und
       die Verbrennung  der Schlösser wurden beschlossen. So wurde neben
       den offiziellen  zwölf Artikeln  der Artikelbrief die Regel ihrer
       Kriegsführung und  der Sonntag Judika, der zum Friedensschluß an-
       gesetzte Tag,  das Datum  der   a l l g e m e i n e n    E r h e-
       b u n g.
       - Die  überall wachsende  Aufregung, die  fortwährenden Lokalkon-
       flikte der  Bauern mit dem Adel, die Nachricht von dem seit sechs
       Monaten immer  wachsenden Aufstand  im Schwarzwald und von seiner
       Verbreitung bis an die Donau und den Lech reichen allerdings hin,
       um die  rasche Aufeinanderfolge der Bauernaufstände in zwei Drit-
       teln von  Deutschland zu  erklären. Aber  daß Leute an der Spitze
       der Bewegung standen, die diese durch wiedertäuferische
       
       #383# Der deutsche Bauernkrieg
       -----
       und sonstige  Emissäre organisiert hatten, das beweist das Faktum
       der Gleichzeitigkeit  aller einzelnen  Aufstände. In  der letzten
       Hälfte des  März waren schon Unruhen im Württembergischen, am un-
       tern Neckar,  im Odenwald,  in Unter- und Mittelfranken ausgebro-
       chen; aber  überall wurde  schon vorher der 2. April, der Sonntag
       Judika, als  Tag des allgemeinen Losbruchs angegeben, überall ge-
       schah der entscheidende Schlag, der Aufstand in Masse, in der er-
       sten Woche  des April.  Auch die  Allgäuer, Hegauer und Seebauern
       riefen am 1. April durch Sturmläuten und Massenversammlungen alle
       waffenfähigen Männer  ins Lager  und eröffneten, gleichzeitig mit
       den Baltringern,  die Feindseligkeiten  gegen die  Schlösser  und
       Klöster.
       In Franken,  wo sich  die Bewegung  um sechs  Zentren gruppierte,
       brach der Aufstand überall in den ersten Tagen des April los. Bei
       Nördlingen bildeten  sich um diese Zeit zwei Bauernlager, mit de-
       ren Hülfe die revolutionäre Partei in der Stadt, deren Chef Anton
       Forner war,  die Oberhand  erhielt und Forners Ernennung zum Bür-
       germeister sowie  den Anschluß  der Stadt  an die  Bauern  durch-
       setzte. Im  Ansbachschen standen  die Bauern  vom 1. bis 7. April
       überall auf,  und der Aufstand verbreitete sich von hier bis nach
       Bayern hinüber.  Im Rothenburgschen standen die Bauern schon seit
       dem 22.  März unter  den Waffen; in der Stadt Rothenburg wurde am
       27. März  die Herrschaft der Ehrbarkeit durch die Kleinbürger und
       Plebejer unter Stephan von Menzingen gestürzt; aber da gerade die
       Leistungen der  Bauern hier  die Haupteinkünfte  der Stadt waren,
       hielt sich auch die neue Regierung sehr schwankend und zweideutig
       gegenüber den  Bauern. Im Hochstift Würzburg erhoben sich anfangs
       April die  Bauern und die kleinen Städte allgemein, und im Bistum
       Bamberg zwang  die allgemeine  Insurrektion binnen fünf Tagen den
       Bischof 1*) zur Nachgiebigkeit. Endlich im Norden, an der thürin-
       gischen Grenze, zog sich das starke Bildhäuser Bauernlager zusam-
       men.
       Im Odenwald, wo Wendel Hipler, ein Adliger und ehemaliger Kanzler
       der Grafen  von Hohenlohe,  und Georg Metzler, Wirt zu Ballenberg
       bei Krautheim,  an der  Spitze der revolutionären Partei standen,
       brach der Sturm schon am 26. März los. Die Bauern zogen von allen
       Seiten nach  der Tauber. Auch 2000 Mann 2*) aus dem Lager vor Ro-
       thenburg schlössen  sich an.  Georg Metzler  übernahm die Führung
       und marschierte,  nachdem alle  Verstärkungen eingetroffen, am 4.
       April nach  dem Kloster Schöntal an der Jagst, wo die Neckartaler
       zu ihm  stießen. Diese,  von Jäcklein Rohrbach, Wirt zu Böckingen
       bei Heilbronn,  geführt, hatten am Sonntag Judika in Flein, Sont-
       heim usw. die Insurrektion proklamiert, während gleichzeitig Wen-
       del Hipler mit einer Anzahl
       -----
       1*) Weigand von Redwitz - 2*) (1850) 2000 Orenburger
       
       #384# Friedrich Engels
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       Verschworner Öhringen  überrumpelt und  die umwohnenden Bauern in
       die Bewegung  hineingerissen hatte.  Zu Schöntal  wurden von  den
       beiden, zum  "hellen Haufen" vereinigten Bauernkolonnen die zwölf
       Artikel angenommen und Streifzüge gegen Schlösser und Klöster or-
       ganisiert. Der  helle Haufen war an 8000 Mann stark und hatte Ka-
       nonen und  3000 Handbüchsen.  Auch Florian Geyer, ein fränkischer
       Ritter, schloß  sich ihm  an und  bildete die Schwarze Schar, ein
       Elitekorps [347], das besonders aus der Rothenburger und Öhringer
       Landwehr sich rekrutierte.
       Der württembergsche  Vogt in  Neckarsulm, Graf Ludwig von Helfen-
       stein, eröffnete  die Feindseligkeiten.  Er ließ alle Bauern, die
       ihm in  die Hände  fielen, ohne  weiteres niedermachen. Der helle
       Haufen zog  ihm entgegen.  Diese Metzeleien sowie die eben einge-
       troffene Nachricht von der Niederlage des Leipheimer Haufens, von
       Jakob Wehes Hinrichtung und den Grausamkeiten des Truchseß erbit-
       terten die  Bauern. Der  Helfensteiner, der  sich nach  Weinsberg
       hineingeworfen hatte,  wurde hier  angegriffen. Das  Schloß wurde
       von Florian  Geyer [348]  gestürmt, die Stadt nach längerem Kampf
       genommen und  Graf Ludwig  nebst mehreren  Rittern  gefangen.  Am
       nächsten Tag,  am 17. April, hielt Jäcklein Rohrbach mit den ent-
       schiedensten Leuten  des Haufens  Gericht über die Gefangenen und
       ließ ihrer  vierzehn, den  Helfensteiner an der Spitze, durch die
       Spieße jagen  - den schimpflichsten Tod, den er sie erdulden las-
       sen konnte. Die Einnahme von Weinsberg und die terroristische Ra-
       che Jäckleins  an dem  Helfensteiner verfehlten  ihre Wirkung auf
       den Adel  nicht. Die  Grafen von Löwenstein traten der Bauernver-
       bindung bei,  die von  Hohenlohe, die schon früher zugetreten wa-
       ren, aber noch keine Hülfe geleistet hatten, schickten sofort das
       verlangte Geschütz und Pulver.
       Die Hauptleute berieten darüber, ob sie nicht Götz von Berlichin-
       gen zum  Hauptmann nehmen  sollten, "da  dieser den Adel zu ihnen
       bringen könne".  Der Vorschlag  fand Anklang; aber Florian Geyer,
       der in dieser Stimmung der Bauern und Hauptleute den Anfang einer
       Reaktion sah, trennte sich hierauf mit seiner Schwarzen Schar vom
       Haufen, durchstreifte  auf eigne  Faust zuerst  die Neckargegend,
       dann das  Würzburgische und  zerstörte überall  die Schlösser und
       Pfaffennester.
       Der Rest  des Haufens zog nun zunächst gegen Heilbronn. In dieser
       mächtigen freien Reichsstadt stand, wie fast überall, der Ehrbar-
       keit eine bürgerliche und eine revolutionäre Opposition entgegen.
       Die letztere,  im geheimen Einverständnis mit den Bauern, öffnete
       während eines  Tumults schon  am 17.  April G[eorg]  Metzler  und
       Jäcklein Rohrbach die Tore. Die Bauernchefs nahmen mit ihren Leu-
       ten Besitz  von der  Stadt, die  in die  Brüderschaft aufgenommen
       wurde und  1200  Gulden  Geld  sowie  ein  Fähnlein  Freiwilliger
       stellte. Nur die
       
       #385# Der deutsche Bauernkrieg
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       Geistlichkeit und  die Besitzungen  der Deutschordensherren [349]
       wurden gebrandschatzt. Am 22. zogen die Bauern wieder ab, nachdem
       sie eine  kleine Besatzung  hinterlassen hatten. Heilbronn sollte
       das Zentrum  der verschiedenen  Haufen werden,  die auch wirklich
       Delegierte hinschickten und über gemeinsame Aktion und gemeinsame
       Forderungen der Bauernschaften berieten. Aber die bürgerliche Op-
       position und die seit dem Einmarsch der Bauern mit ihr verbündete
       Ehrbarkeit hatten  jetzt wieder  die Oberhand  in der Stadt, ver-
       hinderten alle energischen Schritte und warteten nur auf das Her-
       annahen der  fürstlichen Heere, um die Bauern definitiv zu verra-
       ten.
       Die Bauern  zogen dem  Odenwald zu.  Am 24.  April mußte Götz von
       Berlichingen, der  sich wenige  Tage vorher zuerst dem Kurfürsten
       von der  Pfalz, dann den Bauern, dann wieder dem Kurfürsten ange-
       tragen hatte,  in die  evangelische Brüderschaft  treten und  das
       Oberkommando des hellen lichten Haufens (im Gegensatz zum schwar-
       zen Haufen  Florian Geyers)  übernehmen. Er  war aber zu gleicher
       Zeit Gefangener  der Bauern,  die ihn mißtrauisch überwachten und
       ihn an  den Beirat  der Hauptleute banden, ohne die er nichts tun
       konnte. Götz  und Metzler zogen nun mit der Masse der Bauern über
       Buchen nach  Amorbach, wo sie vom 30. April bis 5.Mai blieben und
       das ganze Mainzische insurgierten. Der Adel wurde überall zum An-
       schluß gezwungen  und seine  Schlösser dadurch  geschont; nur die
       Klöster wurden  verbrannt und  geplündert. Der  Haufen hatte sich
       zusehends demoralisiert;  die energischsten  Leute waren mit Flo-
       rian Geyer  oder mit  Jäcklein Rohrbach  fort, denn  auch  dieser
       hatte sich  nach der  Einnahme Heilbronns getrennt, offenbar weil
       er, der  Richter des  Grafen Helfenstein,  nicht länger bei einem
       Haufen bleiben  konnte, der  sich mit  dem Adel vertragen wollte.
       Dies Dringen auf eine Verständigung mit dem Adel war selbst schon
       ein Zeichen  von Demoralisation. Bald darauf schlug Wendel Hipler
       eine sehr  passende Reorganisation des Haufens vor: Man solle die
       sich täglich  anbietenden Landsknechte  in Dienst  nehmen und den
       Haufen nicht  wie bisher monatlich durch Einziehung von neuen und
       Entlassung der alten Kontingente erneuern, sondern die einmal un-
       ter den Waffen befindliche, einigermaßen geübte Mannschaft behal-
       ten. Aber die Gemeindeversammlung verwarf beide Anträge; die Bau-
       ern waren  bereits übermütig  geworden und sahen den ganzen Krieg
       als einen  Beutezug an,  wobei ihnen  die Konkurrenz  der  Lands-
       knechte nicht zusagen konnte und wobei es ihnen freistehen mußte,
       nach Hause zu ziehen, sobald ihre Taschen gefüllt waren. In Amor-
       bach kam  es sogar  so weit,  daß der  Heilbronner Ratsherr  Hans
       Berlin [350] die "Deklaration der zwölf Artikel", ein Aktenstück,
       worin selbst  die letzten  Spitzen der  zwölf Artikel abgebrochen
       und den  Bauern eine  demütig supplizierende  Sprache in den Mund
       gelegt
       
       #386# Friedrich Engels
       -----
       wurde, bei  den Hauptleuten  und Räten  des Haufens  durchsetzte.
       Diesmal war die Sache den Bauern doch zu stark; sie verwarfen die
       Deklaration unter  großem Lärm  und beharrten auf den ursprüngli-
       chen Artikeln.
       Inzwischen war  im Würzburgischen eine entscheidende Wendung ein-
       getreten. Der Bischof 1*), der sich bei dem ersten Bauernaufstand
       anfangs April  auf den festen Frauenberg bei Würzburg zurückgezo-
       gen und  nach allen Seiten, aber vergeblich, um Hülfe geschrieben
       hatte, war  endlich zur  momentanen Nachgiebigkeit gezwungen wor-
       den. Am  2. Mai wurde ein Landtag eröffnet, auf dem auch die Bau-
       ern vertreten  waren. Aber ehe irgendein Resultat gewonnen werden
       konnte, wurden  Briefe aufgefangen,  die die  verräterischen  Um-
       triebe des  Bischofs konstatierten.  Der Landtag ging gleich aus-
       einander, und  die Feindseligkeiten  begannen zwischen den insur-
       gierten Städtern  und Bauern  und den  Bischöflichen. Der Bischof
       selbst entfloh  am 5.  Mai nach Heidelberg; am nächsten Tag schon
       kam Florian  Geyer und die Schwarze Schar in Würzburg an, mit ihm
       d e r   f r ä n k i s c h e   T a u b e r h a u f e n,   der sich
       aus Mergentheimer,  Rothenburger und ansbachschen Bauern gebildet
       hatte. Am 7. Mai rückte auch Götz von Berlichingen mit dem hellen
       lichten Haufen ein, und die Belagerung des Frauenbergs begann.
       Im Limpurgischen und in der Gegend von Ellwangen und Hall bildete
       sich ein  andrer, der  Gaildorfer oder   g e m e i n e  h e l l e
       H a u f e n,   schon Ende März und Anfang April. Er trat sehr ge-
       waltsam auf,  insurgierte die ganze Gegend, verbrannte viele Klö-
       ster und Schlösser, u.a. auch das Schloß Hohenstaufen, zwang alle
       Bauern zum  Mitzug und alle Adligen, selbst die Schenken von Lim-
       purg, zum  Eintritt in  die christliche  Verbrüderung. Anfang Mai
       machte er  einen Einfall nach Württemberg, wurde aber zum Rückzug
       bewogen. Der  Partikularismus der  deutschen  Kleinstaaterei  er-
       laubte damals  sowenig wie 1848, daß die Revolutionäre verschied-
       ner Staatsgebiete  gemeinsam agierten.  Die Gaildorfer,  auf  ein
       kleines Terrain  beschränkt, fielen  notwendig in  sich zusammen,
       nachdem sie  allen Widerstand  auf diesem Terrain besiegt hatten.
       Sie vertrugen  sich mit der Stadt Gmünd und gingen mit Hinterlas-
       sung von nur 500 Bewaffneten auseinander.
       In der   P f a l z   hatten sich auf beiden Rheinufern gegen Ende
       April Bauernhaufen  gebildet. Sie  zerstörten viele Schlösser und
       Klöster und  nahmen am  1. Mai Neustadt a. d. Haardt, nachdem die
       herübergekommenen Bruchrainer  schon tags  vorher Speyer zu einem
       Vertrag gezwungen hatten. Der Marschall von Habern konnte mit den
       wenigen kurfürstlichen  Truppen nichts  gegen sie ausrichten, und
       am 10. Mai mußte der Kurfürst mit den insurgierten Bauern
       -----
       1*) Konrad III. von Thüngen
       
       #387# Der deutsche Bauernkrieg
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       einen Vertrag  abschließen, in  welchem er ihnen Abstellung ihrer
       Beschwerden auf einem Landtag garantierte.
       In Württemberg  endlich war  der Aufstand schon früh in einzelnen
       Gegenden losgebrochen.  Auf der  Uracher Alb  hatten  die  Bauern
       schon im  Februar einen  Bund gegen  die Pfaffen  und Herren  ge-
       schlossen, und  Ende März  erhoben sich  die Blaubeurer, Uracher,
       Münsinger, Balinger und Rosenfelder Bauern. Die Gaildorfer fielen
       bei Göppingen, Jäcklein Rohrbach bei Brackenheim, die Trümmer des
       geschlagenen Leipheimer  Haufens bei  Pfullingen in württembergi-
       sches Gebiet  ein und  insurgierten das  Landvolk. Auch in andern
       Gegenden brachen  ernsthafte Unruhen aus. Schon am 6. April mußte
       Pfullingen mit den Bauern kapitulieren. Die Regierung des östrei-
       chischen Erzherzogs  war in  der größten  Verlegenheit. Sie hatte
       gar kein  Geld und  sehr wenig  Truppen. Die Städte und Schlösser
       waren im  schlechtesten Zustand  und hatten  weder Besatzung noch
       Munition. Selbst der Asperg war fast schutzlos.
       Der Versuch  der Regierung,  die Aufgebote  der Städte  gegen die
       Bauern zusammenzuziehn,  entschied ihre  momentane Niederlage. Am
       16. April weigerte sich das Bottwarer Aufgebot zu marschieren und
       zog, statt nach Stuttgart, auf den Wunnenstein bei Bottwar, wo es
       den Kern  eines Lagers  von Bürgern  und Bauern bildete, das sich
       rasch vermehrte. An demselben Tage brach der Aufstand im Zabergäu
       aus; das  Kloster Maulbronn  wurde geplündert und eine Anzahl von
       Klöstern und Schlössern vollständig verwüstet. Aus dem benachbar-
       ten Bruchrain zogen den Gäubauern Verstärkungen zu.
       An die  Spitze des Haufens auf dem Wunnenstein trat Matern Feuer-
       bacher, Ratsherr  von Bottwar,  einer der Führer der bürgerlichen
       Opposition, aber  hinreichend kompromittiert,  um mit  den Bauern
       gehn zu müssen. Er blieb indes fortwährend sehr gemäßigt, verhin-
       derte die  Vollziehung des  Artikelbriefs an  den Schlössern  und
       suchte überall  zwischen den  Bauern und  der gemäßigten  Bürger-
       schaft zu vermitteln. Er verhinderte die Vereinigung der Württem-
       berger mit  dem hellen  lichten Haufen und bewog später ebenfalls
       die Gaildorfer  zum Rückzug aus Württemberg. Wegen seiner bürger-
       lichen Tendenzen wurde er am 19. April abgesetzt, aber bereits am
       nächsten Tag  wieder zum Hauptmann ernannt. Er war unentbehrlich,
       und selbst als Jäcklein Rohrbach am 22. mit 200 Mann entschlosse-
       nen Leuten  den Württembergern zuzog, blieb ihm nichts übrig, als
       jenen in  seiner Stelle zu lassen und sich auf genaue Überwachung
       seiner Handlungen zu beschränken.
       Am 18.  April versuchte  die Regierung  mit den  Bauern  auf  dem
       Wunnenstein zu unterhandeln. Die Bauern bestanden darauf, die Re-
       gierung müsse  die zwölf  Artikel annehmen,  und dies konnten die
       Bevollmächtigten natürlich  nicht. Der  Haufen setzte sich nun in
       Bewegung. Am 20. war er in Lauffen, wo
       
       #388# Friedrich Engels
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       die Abgeordneten der Regierung zum letztenmal zurückgewiesen wur-
       den. Am 22. stand er, 6000 Mann stark, in Bietigheim und bedrohte
       Stuttgart. Hier war der Rat größtenteils geflohen und ein Bürger-
       ausschuß an  die Spitze  der Verwaltung  gesetzt. In  der Bürger-
       schaft waren dieselben Parteispaltungen zwischen Ehrbarkeit, bür-
       gerlicher Opposition  und revolutionären  Plebejern wie  überall.
       Die letzteren  öffneten am  25. April  den Bauern  die Tore,  und
       Stuttgart wurde sogleich besetzt. Hier wurde die Organisation des
       hellen christlichen  Haufens, wie  sich die württembergischen In-
       surgenten jetzt  nannten, vollständig  durchgeführt und  Löhnung,
       Beuteverteilung und  Verpflegung etc.  in feste  Regeln gebracht.
       Ein Fähnlein Stuttgarter unter Theus Gerber schloß sich an.
       Am 29.  April zog Feuerbacher mit dem ganzen Haufen gegen die bei
       Schorndorf ins  Württembergische eingefallenen  Gaildorfer,  nahm
       die ganze  Gegend in  die Verbindung  auf und  bewog dadurch  die
       Gaildorfer zum  Rückzug. Er  verhinderte so, daß durch die Vermi-
       schung mit den rücksichtslosen Gaildorfern das revolutionäre Ele-
       ment in  seinem Haufen, an dessen Spitze Rohrbach stand, eine ge-
       fährliche Verstärkung  erhielt. Von  Schorndorf zog  er  auf  die
       Nachricht, daß  der Truchseß  heranziehe, diesem entgegen und la-
       gerte am 1. Mai bei Kirchheim unter Teck.
       Wir haben hiermit das Entstehen und die Entwickelung des Aufstan-
       des in  demjenigen Teil Deutschlands geschildert, den wir als das
       Terrain der ersten Gruppe der Bauernhaufen betrachten müssen. Ehe
       wir auf  die übrigen  Gruppen (Thüringen  und Hessen, Elsaß, Öst-
       reich und die Alpen) eingehn, müssen wir den Feldzug des Truchseß
       berichten, in  dem er,  anfangs allein,  später  unterstützt  von
       verschiedenen Fürsten  und Städten,  diese erste  Gruppe von  In-
       surgenten vernichtete.
       Wir verließen  den Truchseß  bei Ulm,  wohin er  sich  Ende  März
       wandte, nachdem er bei Kirchheim unter Teck ein Beobachtungskorps
       unter Dietrich  Spät zurückgelassen. Das Korps des Truchseß, nach
       Herbeiziehung der  in Ulm konzentrierten bündischen Verstärkungen
       nicht ganz  10000 Mann stark, wovon 7200 Mann Infanterie, war das
       einzige zum  Angriffskrieg gegen  die Bauern disponible Heer. Die
       Verstärkungen kamen nur sehr langsam nach Ulm zusammen, teils we-
       gen der  Schwierigkeit der Werbung in insurgierten Ländern, teils
       wegen des Geldmangels der Regierungen, teils weil überall die we-
       nigen Truppen  zur Besatzung der Festungen und Schlösser mehr als
       unentbehrlich waren.  Wie wenig  Truppen die  Fürsten und  Städte
       disponibel hatten,  die nicht zum Schwäbischen Bund gehörten, ha-
       ben wir  schon gesehn.  Von den  Erfolgen, die Georg Truchseß mit
       seiner Bundesarmee erfechten würde, hing also alles ab.
       
       #389# Der deutsche Bauernkrieg
       -----
       Der Truchseß  wandte sich zuerst gegen den Baltringer Haufen, der
       inzwischen begonnen  hatte, Schlösser und Klöster in der Umgebung
       des Ried  zu verwüsten.  Die Bauern,  beim Herannahen der Bundes-
       truppen zurückgegangen,  wurden aus  den Sümpfen  durch  Umgehung
       vertrieben, gingen über die Donau und warfen sich in die Schluch-
       ten und  Wälder der Schwäbischen Alb. Hier, wo ihnen die Reiterei
       und das  Geschütz, die  Hauptstärke der  bündischen Armee, nichts
       anhaben konnte,  verfolgte sie  der Truchseß nicht weiter. Er zog
       gegen die Leipheimer, die mit 5000 Mann bei Leipheim, mit 4000 im
       Mindeltal und  mit 6000 bei Illertissen standen, die ganze Gegend
       insurgierten, Klöster und Schlösser zerstörten und sich vorberei-
       teten, mit  allen drei  Kolonnen gegen  Ulm zu  ziehn. Auch  hier
       scheint bereits  einige Demoralisation unter den Bauern eingeris-
       sen zu sein und die militärische Zuverlässigkeit des Haufens ver-
       nichtet zu  haben; denn  Jakob Wehe suchte von vornherein mit dem
       Truchseß zu unterhandeln. Dieser aber ließ sich jetzt, wo er eine
       hinreichende Truppenmacht hinter sich hatte, auf nichts ein, son-
       dern griff  am 4.  April den Haupthaufen bei Leipheim an und zer-
       sprengte ihn  vollständig. Jakob Wehe und Ulrich Schön sowie zwei
       andere Bauernführer  wurden gefangen  und enthauptet [381]; Leip-
       heim kapitulierte,  und mit  einigen Streifzügen  in der Umgegend
       war der ganze Bezirk unterworfen.
       Eine neue  Rebellion der  Landsknechte, durch  das Verlangen  der
       Plünderung und  einer Extralöhnung  veranlaßt, hielt den Truchseß
       abermals bis zum 10. April auf. Dann zog er südwestlich gegen die
       Baltringer, die  inzwischen in  seine Herrschaften Waldburg, Zeil
       und Wolfegg  eingefallen waren  und seine  Schlösser  belagerten.
       Auch hier  fand er  die Bauern zersplittert und schlug sie am 11.
       und 12.  April  nacheinander  in  einzelnen  Gefechten,  die  den
       Baltringer Haufen  ebenfalls vollständig  auflösten. Der Rest zog
       sich unter  dem Pfaffen  Florian auf  den Seehaufen zurück. Gegen
       diesen wandte  sich nun  der Truchseß.  Der Seehaufen, der inzwi-
       schen nicht nur Streifzüge gemacht, sondern auch die Städte Buch-
       horn (Friedrichshafen)  und Wollmatingen  in die Verbrüderung ge-
       bracht hatte,  hielt am 13. großen Kriegsrat im Kloster Salem und
       beschloß, dem  Truchseß  entgegenzuziehn.  Sofort  wurde  überall
       Sturm geläutet,  und 10 000  Mann, zu denen noch die geschlagenen
       Baltringer stießen,  versammelten sich  im Bermatinger Lager. Sie
       bestanden am  15. April  ein günstiges  Gefecht mit dem Truchseß,
       der seine  Armee hier  nicht in  einer Entscheidungsschlacht aufs
       Spiel setzen  wollte und  vorzog zu unterhandeln, um so mehr, als
       er erfuhr,  daß die  Allgäuer und Hegauer ebenfalls heranrückten.
       Er schloß  also am 17. April mit den Seebauern und Baltringern zu
       Weingarten einen  für sie  scheinbar ziemlich  günstigen Vertrag,
       auf den  die Bauern ohne Bedenken eingingen. Er brachte es ferner
       dahin, daß die Delegierten
       
       #390# Friedrich Engels
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       der Ober-  und Unterallgäuer  diesen Vertrag  ebenfalls annahmen,
       und zog dann nach Württemberg ab.
       Die List  des Truchseß  rettete ihn  hier vor sicherem Untergang.
       Hätte er  nicht verstanden, die schwachen, beschränkten, größten-
       teils schon  demoralisierten Bauern  und  ihre  meist  unfähigen,
       ängstlichen und  bestechlichen Führer  zu betören,  so war er mit
       seiner kleinen  Armee zwischen vier Kolonnen, zusammen mindestens
       25000 bis  30000 Mann  stark, eingeschlossen und unbedingt verlo-
       ren. Aber  die bei Bauernmassen immer unvermeidliche Borniertheit
       seiner Feinde machte es ihm möglich, sich ihrer gerade in dem Mo-
       ment zu  entledigen, wo  sie den  ganzen  Krieg,  wenigstens  für
       Schwaben und  Franken, mit  einem Schlage  beendigen konnten. Die
       Seebauern hielten  den Vertrag, mit dem sie schließlich natürlich
       geprellt wurden,  so genau, daß sie später gegen ihre eignen Bun-
       desgenossen, die  Hegauer, die  Waffen ergriffen;  die  Allgäuer,
       durch ihre  Führer in  den Verrat  verwickelt, sagten  sich  zwar
       gleich davon  los, aber  inzwischen war  der Truchseß aus der Ge-
       fahr.
       Die Hegauer,  obwohl nicht in den Weingarter Vertrag eingeschlos-
       sen, gaben  gleich darauf  einen neuen Beleg von der grenzenlosen
       Lokalborniertheit und  dem eigensinnigen Provinzialismus, der den
       ganzen Bauernkrieg  zugrunde richtete.  Nachdem der Truchseß ver-
       geblich mit  ihnen unterhandelt hatte und nach Württemberg abmar-
       schiert war,  zogen sie  ihm nach  und blieben ihm fortwährend in
       der Flanke;  es fiel  ihnen aber nicht ein, sich mit dem württem-
       bergischen hellen christlichen Haufen zu vereinigen, und zwar aus
       dem Grunde,  weil die  Württemberger und  Neckartaler ihnen  auch
       einmal Hülfe  abgeschlagen hatten.  Als daher  der Truchseß  sich
       weit genug  von ihrer  Heimat entfernt  hatte, kehrten  sie ruhig
       wieder um und zogen gegen Freiburg.
       Wir verließen  die Württemberger  unter  Matern  Feuerbacher  bei
       Kirchheim unter  Teck, von  wo das  vom Truchseß  zurückgelassene
       Beobachtungskorps unter Dietrich Spät sich nach Urach zurückgezo-
       gen hatte.  Nach einem vergeblichen Versuch auf Urach wandte sich
       Feuerbacher nach  Nürtingen und  schrieb an alle benachbarten In-
       surgentenhaufen um  Zuzug für die Entscheidungsschlacht. Es kamen
       in der Tat sowohl aus dem württembergischen Unterland wie aus dem
       Gäu bedeutende  Verstärkungen. Namentlich  rückten die Gäubauern,
       die sich  um die  bis nach  Westwürttemberg 1*)  zurückgegangenen
       Trümmer der  Leipheimer gesammelt und das ganze obere Neckar- und
       Nagoldtal bis  nach Böblingen  und Leonberg insurgiert hatten, in
       zwei starken  Haufen heran und vereinigten sich am 5. Mai in Nür-
       tingen mit Feuerbacher.
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       1*) (1850) Ostwürttemberg
       
       #391# Der deutsche Bauernkrieg
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       Bei Böblingen stieß der Truchseß auf die vereinigten Haufen. Ihre
       Zahl, ihr Geschütz und ihre Stellung machten ihn stutzig; er fing
       nach seiner üblichen Methode sofort Unterhandlungen an und schloß
       einen Waffenstillstand  mit den  Bauern. Kaum  hatte er sie hier-
       durch  sicher   gemacht,  so   überfiel  er   sie  am   12.   Mai
       w ä h r e n d   d e s   W a f f e n s t i l l s t a n d e s   und
       zwang sie  zu einer  Entscheidungsschlacht. Die  Bauern leisteten
       langen und  tapferen Widerstand, bis endlich Böblingen dem Truch-
       seß durch  den Verrat  der Bürgerschaft  überliefert  wurde.  Der
       linke Flügel  der Bauern war hiermit seines Stützpunktes beraubt,
       wurde geworfen und umgangen. Hierdurch war die Schlacht entschie-
       den. Die  undisziplinierten Bauern gerieten in Unordnung und bald
       in wilde  Flucht; was  nicht von den bündischen Reitern niederge-
       macht oder  gefangen wurde,  warf die  Waffen weg  und eilte nach
       Hause. Der  "helle christliche  Haufen", und  mit ihm  die  ganze
       württembergische Insurrektion,  war vollständig  aufgelöst. Theus
       Gerber entkam  nach Eßlingen,  Feuerbacher floh nach der Schweiz,
       Jäcklein Rohrbach  wurde gefangen und in Ketten bis Neckargartach
       mitgeschleppt, wo  ihn der Truchseß an einen Pfahl ketten, rings-
       herum Holz  aufschichten und so bei langsamem Feuer lebendig bra-
       ten ließ,  während er selbst, mit seinen Rittern zechend, sich an
       diesem ritterlichen Schauspiel weidete.
       Von Neckargartach  aus unterstützte der Truchseß durch einen Ein-
       fall in  den Kraichgau  die Operationen  des Kurfürsten  von  der
       Pfalz. Dieser,  der inzwischen  Truppen gesammelt,  brach auf die
       Nachricht von  den Erfolgen  des Truchseß  sofort den Vertrag mit
       den Bauern,  überfiel am  23. Mai  den Bruchrain,  nahm und  ver-
       brannte Malsch  nach heftigem  Widerstande, plünderte eine Anzahl
       von Dörfern  und besetzte Bruchsal. Zu gleicher Zeit überfiel der
       Truchseß Eppingen  und nahm den dortigen Chef der Bewegung, Anton
       Eisenhut, gefangen,  den der Kurfürst nebst einem Dutzend anderer
       Bauernführer sogleich  hinrichten ließ. Der Bruchrain und Kraich-
       gau waren  hiermit pazifiziert  und mußten  gegen  40 000  Gulden
       Brandschatzung zahlen.  Die beiden  Heere des  Truchsessen -  auf
       6000 Mann  reduziert durch  die bisherigen  Schlachten -  und des
       Kurfürsten (6500  Mann) vereinigten  sich nun und zogen den Oden-
       wäldern entgegen.
       Die Nachricht  von der Böblinger Niederlage hatte überall Schrec-
       ken unter  den Insurgenten  verbreitet. Die  freien Reichsstädte,
       soweit sie unter die drückende Hand der Bauern geraten waren, at-
       meten plötzlich wieder auf. Heilbronn war die erste, die zur Ver-
       söhnung mit  dem Schwäbischen Bund Schritte tat. In Heilbronn sa-
       ßen die  Bauernkanzlei und die Delegierten der verschiedenen Hau-
       fen, um  die Anträge  zu beraten,  die im Namen sämtlicher insur-
       gierten Bauern  an Kaiser  und Reich  gestellt werden sollten. In
       diesen Verhandlungen,  die ein  allgemeines, für ganz Deutschland
       gültiges Resultat
       
       #392# Friedrich Engels
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       haben sollten,  stellte sich  abermals heraus, wie kein einzelner
       Stand, auch  der der  Bauern nicht, weit genug entwickelt war, um
       von seinem  Standpunkt aus die gesamten deutschen Zustände neu zu
       gestalten. Es  zeigte sich  sogleich, daß man zu diesem Zweck den
       Adel und  ganz besonders  die Bürgerschaft gewinnen mußte. Wendel
       Hipler bekam  hiermit die  Leitung  der  Verhandlungen  in  seine
       Hände. Wendel  Hipler erkannte von allen Führern der Bewegung die
       bestehenden Verhältnisse am richtigsten. Er war kein weitgreifen-
       der Revolutionär  wie Münzer,  kein Repräsentant  der Bauern  wie
       Metzler oder Rohrbach. Seine vielseitige Erfahrung, seine prakti-
       sche Kenntnis  der Stellung  der einzelnen  Stände  gegeneinander
       verhinderte ihn,  einen der  in der  Bewegung verwickelten Stände
       gegen die  andern ausschließlich zu vertreten. Gerade wie Münzer,
       als  Repräsentant  der  ganz  außer  dem  bisherigen  offiziellen
       Gesellschaftsverband stehenden  Klasse, der  Anfänge des Proleta-
       riats, zur  Vorahnung des  Kommunismus getrieben  wurde, geradeso
       kam Wendel  Hipler, der  Repräsentant sozusagen des Durchschnitts
       aller progressiven  Elemente der  Nation, bei  der Vorahnung  der
       m o d e r n e n  b ü r g e r l i c h e n  G e s e l l s c h a f t
       an. Die  Grundsätze, die er vertrat, die Forderungen, die er auf-
       stellte, waren  zwar nicht  das unmittelbar  Mögliche, sie  waren
       aber das, etwas idealisierte, notwendige Resultat der bestehenden
       Auflösung der  feudalen Gesellschaft;  und die Bauern, sobald sie
       sich darangaben,  für das  ganze Reich  Gesetzentwürfe zu machen,
       waren genötigt, darauf einzugehn. So nahm die Zentralisation, die
       von den Bauern gefordert wurde, hier in Heilbronn eine positivere
       Gestalt an, eine Gestalt, die von der Vorstellung der Bauern über
       sie indes  himmelweit verschieden  war. So wurde sie z. B. in der
       Herstellung der Einheit von Münze, Maß und Gewicht, in der Aufhe-
       bung der inneren Zölle etc. näher bestimmt, kurz, in Forderungen,
       die weit mehr im Interesse der Städtebürger als der Bauern waren.
       So wurden  dem Adel  Konzessionen gemacht,  die sich den modernen
       Ablösungen bedeutend  nähern und  die auf  die schließliche  Ver-
       wandlung des feudalen Grundbesitzes in bürgerlichen hinausliefen.
       Kurz, sobald  die Forderungen  der Bauern zu einer "Reichsreform"
       zusammengefaßt wurden,  mußten sie sich nicht den momentanen For-
       derungen, aber den definitiven Interessen der Bürger unterordnen.
       Während diese  Reichsreform in  Heilbronn noch  debattiert wurde,
       reiste der  Verfasser der  "Deklaration der  zwölf Artikel", Hans
       Berlin, schon  dem Truchseß  entgegen  [360],  um  im  Namen  der
       Ehrbarkeit  und   Bürgerschaft  wegen   Übergabe  der   Stadt  zu
       unterhandeln. Reaktionäre  Bewegungen in  der Stadt unterstützten
       den Verrat,  und Wendel  Hipler mußte  mit den Bauern fliehen. Er
       ging nach  Weinsberg, wo er die Trümmer der Württemberger und die
       wenige mobile  Mannschaft der  Gaildorfer zu sammeln suchte. Aber
       das
       
       #393# Der deutsche Bauernkrieg
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       Herannahen des Kurfürsten von der Pfalz und des Truchseß vertrieb
       ihn auch  von hier,  und so  mußte er  nach Würzburg gehn, um den
       hellen lichten  Haufen in Bewegung zu bringen. Die bündischen und
       kurfürstlichen Truppen  unterwarfen indes die ganze Neckargegend,
       zwangen die Bauern, neu zu huldigen, verbrannten viele Dörfer und
       erstachen oder  hängten alle flüchtigen Bauern, deren sie habhaft
       wurden. Weinsberg  wurde, zur  Rache für die Hinrichtung des Hel-
       fensteiners, niedergebrannt.
       Die vor Würzburg vereinigten Haufen hatten inzwischen den Frauen-
       berg belagert  und am  15. Mai,  noch ehe  die Bresche geschossen
       war, einen  tapfern, aber vergeblichen Sturm auf die Festung ver-
       sucht. 400  der besten  Leute, meist  von Florian  Geyers  Schar,
       blieben in  den Gräben tot oder verwundet liegen. [352] Zwei Tage
       später, am  17., kam  Wendel Hipler  an und  ließ einen Kriegsrat
       halten. Er schlug vor, nur 4000 Mann vor dem Frauenberg zu lassen
       und mit  der ganzen,  an 20 000 Mann starken Hauptmacht unter den
       Augen des Truchseß bei Krautheim an der Jagst ein Lager zu bezie-
       hen, auf  das sich  alle Verstärkungen konzentrieren könnten. Der
       Plan war  vortrefflich; nur  durch Zusammenhalten  der Massen und
       durch Überzahl  konnte man hoffen, das jetzt an 13000 Mann starke
       fürstliche Heer  zu schlagen.  Aber schon  war die Demoralisation
       und Entmutigung  unter den  Bauern zu  groß geworden, um noch ir-
       gendeine energische Aktion zuzulassen. Götz von Berlichingen, der
       bald darauf offen als Verräter auftrat, mag auch dazu beigetragen
       haben, den  Haufen hinzuhalten,  und so wurde der Hiplersche Plan
       nie ausgeführt.  Statt dessen  wurden die Haufen, wie immer, zer-
       splittert. Erst am 23. Mai setzte sich der helle lichte Haufen in
       Bewegung, nachdem  die Franken versprochen hatten, schleunigst zu
       folgen. Am 26. wurden die in Würzburg lagernden markgräflich-ans-
       bachschen Fähnlein heimgerufen durch die Nachricht, daß der Mark-
       graf 1*) die Feindseligkeiten gegen die Bauern eröffnet habe. Der
       Rest des  Belagerungsheers, nebst Florian Geyers Schwarzer Schar,
       nahm Position bei Heidingsfeld, nicht weit von Würzburg.
       Der helle  lichte Haufen kam am 24. Mai in Krautheim an, in einem
       wenig schlagfertigen  Zustand. Hier hörten viele, daß ihre Dörfer
       inzwischen dem  Truchseß gehuldigt  hatten, und  nahmen dies  zum
       Vorwand, um  nach Hause  zu  gehn.  Der  Haufe  zog  weiter  nach
       Neckarsulm und  unterhandelte am  28. mit  dem Truchseß. Zugleich
       wurden Boten an die Franken, Elsässer und Schwarzwald-Hegauer mit
       der Aufforderung  zu schleunigem  Zuzug geschickt. Von Neckarsulm
       marschierte Götz  [von Berlichingen]  auf  Öhringen  zurück.  Der
       Haufe schmolz täglich zusammen; auch Götz von Berlichingen
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       1*) Kasimir
       
       #394# Friedrich Engels
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       verschwand während  des Marsches; er war heimgeritten, nachdem er
       schon früher durch seinen alten Waffengefährten Dietrich Spät mit
       dem Truchseß  wegen seines  Übertritts  unterhandelt  hatte.  Bei
       Öhringen, infolge  falscher Nachrichten  über das  Herannahen des
       Feindes, ergriff  plötzlich ein  panischer Schreck  die rat-  und
       mutlose Masse;  der Haufen  lief in voller Unordnung auseinander,
       und nur mit Mühe konnten Metzler und Wendel Hipler etwa 2000 Mann
       zusammenhalten, die  sie wieder auf Krautheim führten. Inzwischen
       war das fränkische Aufgebot, 5000 Mann stark, herangekommen, aber
       durch einen  von Götz offenbar in verräterischer Absicht angeord-
       neten Seitenmarsch über Löwenstein nach Öhringen verfehlte es den
       hellen Haufen und zog auf Neckarsulm. Dies Städtchen, von einigen
       Fähnlein des  hellen lichten  Haufens besetzt, wurde vom Truchseß
       belagert. Die  Franken kamen  in der Nacht an und sahen die Feuer
       des bündischen  Lagers; aber  ihre Führer  hatten nicht  den Mut,
       einen Überfall zu wagen, und zogen sich nach Krautheim zurück, wo
       sie  endlich   den  Rest   des  hellen  lichten  Haufens  fanden.
       Neckarsulm ergab sich, als kein Entsatz kam, am 29. an die Bündi-
       schen, der  Truchseß ließ  sofort dreizehn  Bauern hinrichten und
       zog dann  sengend und  brennend, plündernd und mordend den Haufen
       entgegen. Im  ganzen Neckar-,  Kocher- und  Jagsttal bezeichneten
       Schutthaufen und an den Bäumen aufgehängte Bauern seinen Weg.
       Bei Krautheim  stieß das bündische Heer auf die Bauern, die sich,
       durch eine  Flankenbewegung des  Truchseß gezwungen,  auf Königs-
       hofen an der Tauber zurückgezogen. Hier faßten sie, 8000 Mann mit
       32 Kanonen,  Position. Der Truchseß näherte sich ihnen hinter Hü-
       geln und  Wäldern versteckt, ließ Umgehungskolonnen vorrücken und
       überfiel sie  am 2.  Juni mit  solcher Übermacht und Energie, daß
       sie trotz  der hartnäckigsten, bis in die Nacht fortgesetzten Ge-
       genwehr mehrerer  Kolonnen vollständig  geschlagen und  aufgelöst
       wurden. Wie  immer, trug  auch hier  die bündische Reiterei, "der
       Bauern Tod",  hauptsächlich zur  Vernichtung des Insurgentenheers
       bei, indem  sie sich  auf die  durch Artillerie, Büchsenfeuer und
       Lanzenangriffe erschütterten  Bauern warf,  sie vollständig  zer-
       sprengte und  einzeln niedermachte.  Welche  Art  von  Krieg  der
       Truchseß mit seinen Reitern führte, beweist das Schicksal der 300
       Königshofener Bürger,  die beim Bauernheer waren. Sie wurden wäh-
       rend der  Schlacht bis auf fünfzehn niedergehauen, und von diesen
       fünfzehn wurden nachträglich noch vier enthauptet.
       Nachdem er so mit den Odenwäldern, Neckartalern und Niederfranken
       fertig geworden, pazifizierte der Truchseß durch Streifzüge, Ver-
       brennung ganzer Dörfer und zahllose Hinrichtungen die ganze Umge-
       gend und  zog dann  gegen Würzburg.  Unterwegs erfuhr er, daß der
       zweite fränkische Haufe
       
       #395# Der deutsche Bauernkrieg
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       unter Florian  Geyer und  Gregor von  Burgbernheim  bei  Sulzdorf
       stand, und sofort wandte er sich gegen diesen.
       Florian Geyer, der seit dem vergeblichen Sturm auf den Frauenberg
       hauptsächlich mit den Fürsten und Städten, namentlich mit Rothen-
       burg und  dem Markgrafen  Kasimir von  Ansbach, wegen  ihres Bei-
       tritts zur Bauernverbrüderung unterhandelt hatte, wurde durch die
       Nachricht der  Königshofener Niederlage  plötzlich abgerufen. Mit
       seinem Haufen  vereinigte sich  der ansbachsche  unter Gregor von
       Burgbernheim. Dieser  Haufe hatte  sich erst neuerdings gebildet.
       Der Markgraf  Kasimir hatte  in echt  hohenzollerscher Weise  den
       Bauernaufstand in seinem Gebiet teils durch Versprechungen, teils
       durch drohende Truppenmassen im Schach zu halten gewußt. Er hielt
       vollständige Neutralität  gegen alle  fremden Haufen, solange sie
       keine ansbachschen  Untertanen an  sich zogen.  Er suchte den Haß
       der Bauern  hauptsächlich auf  die geistlichen Stifter zu lenken,
       durch deren  schließliche Konfiskation  er sich zu bereichern ge-
       dachte. Dabei  rüstete er  fortwährend und wartete die Ereignisse
       ab. Kaum  war die  Nachricht von  der Schlacht bei Böblingen ein-
       getroffen, als  er sofort die Feindseligkeiten gegen seine rebel-
       lischen Bauern  eröffnete, ihnen  die Dörfer  plünderte und  ver-
       brannte und  viele von  ihnen hängen  und niedermachen  ließ. Die
       Bauern jedoch  zogen sich  rasch zusammen und schlugen ihn, unter
       Gregor von  Burgbernheim, am  29. Mai  bei Windsheim. Während sie
       ihn noch  verfolgten, erreichte  sie der Ruf der bedrängten Oden-
       wälder, und  sofort wandten  sie sich  nach Heidingsfeld  und von
       dort mit  Florian Geyer wieder nach Würzburg (2. Juni). Hier lie-
       ßen sie,  stets ohne  Nachricht von  den Odenwäldern, 5000 Bauern
       zurück und zogen mit 4000 Mann - der Rest war auseinandergelaufen
       - den  übrigen nach.  Durch falsche  Nachrichten über den Ausfall
       der Schlacht bei Königshofen sicher gemacht, wurden sie bei Sulz-
       dorf vom Truchseß überfallen und total geschlagen. Wie gewöhnlich
       richteten die  Reiter und Knechte des Truchsessen ein furchtbares
       Blutbad an.  Florian Geyer hielt den Rest seiner Schwarzen Schar,
       600 Mann,  zusammen und  schlug sich  durch nach  dem Dorf Ingol-
       stadt. 200  Mann besetzten  die Kirche  und den Kirchhof, 400 das
       Schloß. [353]  Die Pfälzer  hatten ihn verfolgt, eine Kolonne von
       1200 Mann  nahm das  Dorf und zündete die Kirche an; was nicht in
       den Flammen  unterging, wurde  niedergemacht. Dann  schössen  die
       Pfälzer Bresche  in die  baufällige Mauer  des Schlosses und ver-
       suchten den Sturm. Zweimal von den Bauern, die hinter einer inne-
       ren Mauer  gedeckt standen,  zurückgeschlagen, schössen  sie auch
       diese zweite  Mauer zusammen  und  versuchten  dann  den  dritten
       Sturm, der  auch gelang.  Die Hälfte  von Geyers Leuten wurde zu-
       sammengehauen; mit  den letzten  zweihundert entkam er glücklich.
       Aber sein
       
       #396# Friedrich Engels
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       Zufluchtsort wurde  schon am  nächsten Tage  (Pfingstmontag) ent-
       deckt; die Pfälzer umzingelten den Wald, in dem er versteckt lag,
       und hieben den ganzen Haufen nieder. Nur 17 Gefangene wurden wäh-
       rend dieser zwei Tage gemacht. Florian Geyer hatte sich mit weni-
       gen der  Entschlossensten wieder  durchgeschlagen und wandte sich
       nun zu  den Gaildorfern,  die wieder an 7000 Mann stark zusammen-
       getreten waren. Aber als er hinkam, fand er sie, infolge der nie-
       derschlagenden Nachrichten  von allen Seiten, größtenteils wieder
       aufgelöst. Er  machte noch  den Versuch,  die Versprengten in den
       Wäldern zu  sammeln, wurde  aber am  9. Juni bei Hall von Truppen
       überrascht und fiel fechtend [354].
       Der Truchseß,  der schon gleich nach dem Sieg von Königshofen den
       Belagerten auf dem Frauenberg Nachricht gegeben hatte, rückte nun
       auf Würzburg.  Der Rat verständigte sich heimlich mit ihm, so daß
       das bündische  Heer in  der Nacht des 7. Juni die Stadt nebst den
       darin befindlichen  5000 Bauern  umzingeln und am nächsten Morgen
       in die  vom Rat  geöffneten Tore  ohne  Schwertstreich  einziehen
       konnte. Durch diesen Verrat der Würzburger "Ehrbarkeit" wurde der
       letzte fränkische Bauernhaufe entwaffnet und sämtliche Führer ge-
       fangen. Der  Truchseß ließ  sogleich 81 enthaupten. Hier in Würz-
       burg trafen  nun nacheinander  dis verschiedenen fränkischen Für-
       sten ein;  der Bischof  von Würzburg  1*) selbst, der von Bamberg
       2*) und  der Markgraf  von Bran-denburg-Ansbach 3*). Die gnädigen
       Herren verteilten unter sich die Rollen. Der Truchseß zog mit dem
       Bischof von  Bamberg, der  jetzt sofort  den  mit  seinen  Bauern
       abgeschlossenen Vertrag  brach und  sein Land  den wütenden Mord-
       brennerhorden  des   bündischen  Heeres  preisgab.  Der  Markgraf
       Kasimir verwüstete  sein eigenes Land. Deiningen wurde verbrannt;
       zahllose Dörfer  wurden geplündert oder den Flammen preisgegeben;
       dabei hielt  der Markgraf  in jeder  Stadt ein Blutgericht ab. In
       Neustadt an  der Aisch ließ er achtzehn, in Bergel dreiundvierzig
       Rebellen enthaupten.  Von da  zog  er  nach  Rothenburg,  wo  die
       Ehrbarkeit bereits  eine Kontrerevolution gemacht und Stephan von
       Menzingen  verhaftet  hatte.  Die  Rothenburger  Kleinbürger  und
       Plebejer mußten jetzt schwer dafür büßen, daß sie sich den Bauern
       gegenüber so  zweideutig benommen, daß sie ihnen bis ganz zuletzt
       alle  Hülfe   abgeschlagen,  daß  sie  in  ihrem  lokalbornierten
       Eigennutz auf  Unterdrückung der ländlichen Gewerbe zugunsten der
       städtischen Zünfte  bestanden und  nur widerwillig  die  aus  den
       Feudalleistungen  der  Bauern  fließenden  städtischen  Einkünfte
       aufgegeben hatten. Der Markgraf ließ ihrer sechzehn köpfen, voran
       natürlich Menzingen.  - Der  Bischof  von  Würzburg  durchzog  in
       gleicher Weise  sein Gebiet,  überall plündernd,  verwüstend  und
       sengend. Er ließ auf seinem
       -----
       1*) Konrad III. von Thüngen - 2*) Weigand von Redwitz - 3*) Kasi-
       mir
       
       #397# Der deutsche Bauernkrieg
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       Siegeszug 256  Rebellen hinrichten und krönte sein Werk, bei sei-
       ner Rückkehr  nach Würzburg, durch die Enthauptung von noch drei-
       zehn Würzburgern.
       Im Mainzischen  stellte  der  Statthalter,  Bischof  Wilhelm  von
       Straßburg 1*),  die Ruhe  ohne Widerstand  her. Er  ließ nur vier
       hinrichten. Der  Rheingau, der  ebenfalls erregt gewesen, wo aber
       längst alles nach Hause gegangen war, wurde nachträglich von Fro-
       win von  Hutten, Ulrichs Vetter, überfallen und durch Hinrichtung
       von zwölf  Rädelsführern vollends "beruhigt". Frankfurt, das auch
       bedeutende revolutionäre  Bewegungen erlebt  hatte,  war  anfangs
       durch Nachgiebigkeit  des Rats,  später durch angeworbene Truppen
       im Zaum  gehalten worden.  In der Rheinpfalz hatten sich seit dem
       Vertragsbruch des Kurfürsten wieder an 8000 Bauern zusammengerot-
       tet und von neuem Klöster und Schlösser verbrannt; aber der Trie-
       rer Erzbischof  2*) zog  den Marschall  von Habern  zu Hülfe  und
       schlug sie  schon am  23. Mai  bei Pfeddersheim.  Eine Reihe  von
       Grausamkeiten (in Pfeddersheim allein wurden 82 hingerichtet) und
       die Einnahme  von Weißenburg  am 7.  Juli beendeten hier den Auf-
       stand.
       Von sämtlichen  Haufen blieben  jetzt nur  noch zwei zu besiegen:
       die Hegau-Schwarzwälder  und die  Allgäuer. Mit  beiden hatte der
       Erzherzog Ferdinand  intrigiert. Wie  Markgraf Kasimir und andere
       Fürsten den Aufstand zur Aneignung der geistlichen Ländereien und
       Fürstentümer, so  suchte er  ihn zur  Vergrößerung der östreichi-
       schen Hausmacht  zu benutzen. Er hatte mit dem Allgäuer Hauptmann
       Walter Bach und mit dem Hegauer Hans Müller von Bulgenbach unter-
       handelt, um die Bauern dahin zu bringen, sich für den Anschluß an
       Östreich zu  erklären, aber  obwohl beide  Chefs käuflich  waren,
       konnten sie bei den Haufen weiter nichts durchsetzen, als daß die
       Allgäuer mit  dem Erzherzog  einen Waffenstillstand schlössen und
       die Neutralität gegen östreich beobachteten.
       Die Hegauer  hatten auf  ihrem Rückzug  aus dem Württembergischen
       eine Anzahl  Schlösser zerstört  und Verstärkungen  aus den mark-
       gräflich-badischen Ländern  an sich  gezogen. Sie marschierten am
       13. Mai  gegen Freiburg,  beschossen es  vom 18.  an und zogen am
       23., nachdem  die Stadt  kapituliert hatte, mit fliegenden Fahnen
       hinein. Von  dort zogen  sie gegen  Stockach und  Radolfzell  und
       führten lange einen erfolglosen kleinen Krieg gegen die Besatzun-
       gen dieser  Städte. Diese,  sowie der  Adel und  die  umliegenden
       Städte, riefen  kraft des  Weingarter Vertrags  die Seebauern  um
       Hülfe an,  und die  ehemaligen Rebellen  des  Seehaufens  erhoben
       sich, 5000  Mann stark,  gegen ihre  Bundesgenossen. So stark war
       die Lokalborniertheit  dieser Bauern.  Nur  600  weigerten  sich,
       wollten sich den Hegauern anschließen und wurden massakriert. Die
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       1*) Wilhelm von Honstein - 2*) Richard von Greiffenklau
       
       #398# Friedrich Engels
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       Hegauer jedoch,  durch den abgekauften Hans Müller von Bulgenbach
       veranlaßt [355], hatten bereits die Belagerung aufgehoben und wa-
       ren, als  Hans Müller gleich darauf floh, meist auseinandergegan-
       gen. Der  Rest verschanzte sich an der Hilzinger Steige, wo er am
       16. Juli  von den  inzwischen disponibel  gewordenen Truppen  ge-
       schlagen und  vernichtet wurde. Die Schweizer Städte vermittelten
       einen Vertrag  für die  Hegauer, der indes nicht verhinderte, daß
       Hans Müller trotz seines Verrats zu Laufenburg verhaftet und ent-
       hauptet wurde.  Im Breisgau fiel nun auch Freiburg (17. Juli) vom
       Bunde der  Bauern ab  und schickte  Truppen gegen  sie; doch auch
       hier kam  bei der  Schwäche der  fürstlichen Streitkräfte  am 18.
       September ein  Vertrag zu  Offenburg [356]  zustande, in den auch
       der  Sundgau   eingeschlossen  wurde.   Die  acht   Einungen  des
       Schwarzwalds und die Klettgauer, die noch nicht entwaffnet waren,
       wurden durch  die Tyrannei  des  Grafen  von  Sulz  abermals  zum
       Aufstand getrieben  und im  Oktober geschlagen.  Am 13.  November
       wurden die  Schwarzwälder zu  einem Vertrag  gezwungen, und am 6.
       Dezember fiel  Waldshut, das  letzte Bollwerk der Insurrektion am
       Oberrhein. [357]
       Die Allgäuer hatten seit dem Abzug des Truchseß ihre Kampagne ge-
       gen Klöster  und Schlösser  wieder aufgenommen und für die Verwü-
       stungen der  Bündischen energische Repressalien geübt. Sie hatten
       wenig Truppen  sich gegenüber,  die nur einzelne kleine Überfälle
       unternahmen, ihnen aber nie in die Wälder folgen konnten. Im Juni
       brach in  Memmingen, das  sich ziemlich  neutral gehalten  hatte,
       eine Bewegung  gegen die Ehrbarkeit aus, die nur durch die zufäl-
       lige Nähe  einiger bündischen Truppen, welche der Ehrbarkeit noch
       zur rechten  Zeit zu  Hülfe kommen  konnten,  unterdrückt  wurde.
       Schappeler, der  Prediger und  Führer der  plebejischen Bewegung,
       entkam nach  Sankt Gallen. Die Bauern zogen nun vor die Stadt und
       wollten eben  mit dem Brescheschießen beginnen, als sie erfuhren,
       daß der  Truchseß von Würzburg heranzog. Am 27. Juli marschierten
       sie ihm in zwei Kolonnen über Babenhausen und Obergünzburg entge-
       gen. Der  Erzherzog Ferdinand  versuchte nochmals, die Bauern für
       das Haus Östreich zu gewinnen. Gestützt auf den Waffenstillstand,
       den er  mit ihnen  abgeschlossen, forderte  er den  Truchseß auf,
       nicht weiter  gegen sie  vorzurücken. Der Schwäbische Bund jedoch
       befahl ihm,  sie anzugreifen  und nur  das Sengen  und Brennen zu
       lassen; der  Truchseß war  indes viel zu klug, um auf sein erstes
       und entscheidendstes  Kriegsmittel zu  verzichten, selbst wenn es
       ihm möglich  gewesen wäre,  die vom  Bodensee bis an den Main von
       Exzeß zu Exzeß geführten Landsknechte im Zaum zu halten. Die Bau-
       ern faßten  Position hinter  der Iiier  und Leubas, an 23000 Mann
       stark. Der  Truchseß stand  ihrer Front gegenüber mit 11000 Mann.
       Die Stellungen  beider Heere waren stark; die Reiterei konnte auf
       dem vorliegenden Terrain
       
       #399# Der deutsche Bauernkrieg
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       nicht wirken; und wenn die Landsknechte des Truchseß an Organisa-
       tion, militärischen Hülfsquellen und Disziplin den Bauern überle-
       gen waren,  so zählten die Allgäuer eine Menge gedienter Soldaten
       und erfahrener Hauptleute in ihren Reihen und hatten zahlreiches,
       gut bedientes Geschütz. Am
       19. Juli  eröffneten die Bündischen eine Kanonade, die von beiden
       Seiten am
       20. fortgesetzt  wurde, jedoch  ohne Resultat. Am 21. stieß Georg
       von Frundsberg  mit 300  Landsknechten zum  Truchseß.  Er  kannte
       viele der  Bauernhauptleute, die  unter ihm  in den italienischen
       Feldzügen gedient  hatten, und  knüpfte Unterhandlungen mit ihnen
       an. Der  Verrat gelang,  wo die  militärischen Hülfsmittel  nicht
       ausreichten. Walter Bach, mehrere andere Hauptleute und Geschütz-
       meister ließen  sich kaufen.  Sie ließen  den ganzen Pulvervorrat
       der Bauern  in Brand stecken und bewegten den Haufen zu einem Um-
       gehungsversuch. Kaum aber waren die Bauern aus ihrer festen Stel-
       lung heraus,  so fielen  sie in  den Hinterhalt,  den  ihnen  der
       Truchseß nach  Verabredung mit Bach und den anderen Verrätern ge-
       legt hatte.  Sie konnten sich um so weniger verteidigen, als ihre
       Hauptleute, die  Verräter, sie  unter dem Vorwand einer Rekognos-
       zierung verlassen  hatten und schon auf dem Wege nach der Schweiz
       waren. Zwei  der Bauernkolonnen wurden so vollständig zersprengt,
       die dritte, unter dem Knopf von Leubas, konnte sich noch geordnet
       zurückziehen. Sie  stellte sich  wieder auf  dem  Kollenberg  bei
       Kempten, wo der Truchseß sie einschloß. Auch hier wagte er nicht,
       sie anzugreifen;  er schnitt  ihr die Zufuhr ab und suchte sie zu
       demoralisieren, indem  er an  200 Dörfer  in der Umgegend nieder-
       brennen ließ. Der Hunger und der Anblick ihrer brennenden Wohnun-
       gen brachte  die Bauern  endlich dahin, daß sie sich ergaben (25.
       Juli). Mehr  als zwanzig  wurden sogleich hingerichtet. Der Knopf
       von Leubas,  der einzige  Führer dieses  Haufens, der seine Fahne
       nicht verraten  hatte, entkam  nach Bregenz;  aber hier  wurde er
       verhaftet und nach langem Gefängnis gehängt.
       Damit war der schwäbisch-fränkische Bauernkrieg beendet.
       
       #400#
       -----
       VI
       
       [Der thüringische, elsässische und österreichische Bauernkrieg]
       
       Gleich beim Ausbruch der ersten Bewegungen in Schwaben war Thomas
       Münzer wieder  nach Thüringen  geeilt und hatte seit Ende Februar
       oder anfangs März seinen Wohnsitz in der freien Reichsstadt Mühl-
       hausen genommen,  wo seine  Partei am stärksten war. Er hatte die
       Fäden der  ganzen Bewegung in der Hand; er wußte, welch allgemei-
       ner Sturm  in Süddeutschland  auszubrechen im  Begriff  war,  und
       hatte es  übernommen, Thüringen  in das  Zentrum der Bewegung für
       Norddeutschland zu  verwandeln. Er  fand einen höchst fruchtbaren
       Boden. Thüringen  selbst, der Hauptsitz der Reformationsbewegung,
       war im  höchsten Grade  aufgeregt; und die materielle Not der un-
       terdrückten Bauern  nicht minder  als die kursierenden revolutio-
       nären, religiösen  und politischen  Doktrinen hatten auch die be-
       nachbarten Länder,  Hessen, Sachsen und die Harzgegend, für einen
       allgemeinen Aufstand  vorbereitet. In  Mühlhausen namentlich  war
       die ganze Masse der Kleinbürgerschaft für die extreme, Münzersche
       Richtung gewonnen und konnte kaum den Moment erwarten, an dem sie
       ihre Überzahl  gegen die  hochmütige  Ehrbarkeit  geltend  machen
       sollte. Münzer selbst mußte, um dem richtigen Moment nicht vorzu-
       greifen, besänftigend  auftreten; doch  sein Schüler Pfeifer, der
       hier die Bewegung dirigierte, hatte sich schon so kompromittiert,
       daß er  den Ausbruch  nicht zurückhalten konnte, und schon am 17.
       März 1525,  noch vor  dem allgemeinen Aufstand in Süddeutschland,
       machte Mühlhausen  seine Revolution.  Der  alte  patrizische  Rat
       wurde gestürzt  und die  Regierung in  die Hände des neugewählten
       "ewigen Rats" gelegt, dessen Präsident Münzer wart [358].
       Es ist  das Schlimmste,  was dem Führer einer extremen Partei wi-
       derfahren kann,  wenn er  gezwungen wird, in einer Epoche die Re-
       gierung zu  übernehmen, wo  die Bewegung  noch nicht reif ist für
       die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchfüh-
       rung der  Maßregeln, die  die Herrschaft dieser Klasse erfordert.
       Was er tun  k a n n,  hängt nicht von seinem Willen ab, sondern
       
       #401# Der deutsche Bauernkrieg
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       von der Höhe, auf die der Gegensatz der verschiedenen Klassen ge-
       trieben ist,  und von  dem Entwicklungsgrad  der materiellen Exi-
       stenzbedingungen, der  Produktions- und Verkehrsverhältnisse, auf
       dem der  jedesmalige Entwicklungsgrad  der Klassengegensätze  be-
       ruht. Was  er tun   s o l l,  was seine eigne Partei von ihm ver-
       langt, hängt  wieder nicht  von ihm  ab, aber  auch nicht von dem
       Entwicklungsgrad des Klassenkampfs und seiner Bedingungen; er ist
       gebunden an  seine bisherigen Doktrinen und Forderungen, die wie-
       der nicht  aus der  momentanen  Stellung  der  gesellschaftlichen
       Klassen gegeneinander  und aus  dem momentanen, mehr oder weniger
       zufälligen Stande  der Produktions- und Verkehrsverhältnisse her-
       vorgehn, sondern  aus seiner größeren oder geringeren Einsicht in
       die allgemeinen  Resultate der gesellschaftlichen 1*) und politi-
       schen Bewegung.  Er findet  sich so notwendigerweise in einem un-
       lösbaren Dilemma:  Was er tun  k a n n,  widerspricht seinem gan-
       zen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren
       Interessen seiner  Partei; und  was er  tun   s o l l,  ist nicht
       durchzuführen. Er  ist, mit  einem Wort,  gezwungen, nicht  seine
       Partei, seine  Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, für deren
       Herrschaft die  Bewegung gerade reif ist. Er muß im Interesse der
       Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse durchfüh-
       ren und  seine eigne  Klasse mit  Phrasen und Versprechungen, mit
       der Beteuerung  abfertigen,  daß  die  Interessen  jener  fremden
       Klasse ihre eignen Interessen sind. Wer in diese schiefe Stellung
       gerät, ist  unrettbar verloren.  In der  neuesten Zeit noch haben
       wir Beispiele davon erlebt; wir erinnern nur an die Stellung, die
       in der letzten französischen provisorischen Regierung die Vertre-
       ter des  Proletariats einnahmen [359], obwohl sie selbst nur eine
       sehr untergeordnete  Entwicklungsstufe des Proletariats repräsen-
       tierten. Wer  nach den Erfahrungen der Februarregierung - von un-
       sern edlen deutschen provisorischen Regierungen und Reichsregent-
       schaften nicht  zu sprechen - noch auf offizielle Stellungen spe-
       kulieren kann, muß entweder über die Maßen borniert sein oder der
       extrem-revolutionären Partei höchstens mit der Phrase angehören.
       Die Stellung Münzers an der Spitze des ewigen Rats von Mühlhausen
       war indes noch viel gewagter als die irgendeines modernen revolu-
       tionären Regenten.  Nicht nur  die damalige  Bewegung, auch  sein
       ganzes Jahrhundert war nicht reif für die Durchführung der Ideen,
       die er  selbst erst  dunkel zu  ahnen begonnen hatte. Die Klasse,
       die er  repräsentierte, weit entfernt, vollständig entwickelt und
       fähig zur  Unterjochung und  Umbildung der ganzen Gesellschaft zu
       sein, war eben erst im Entstehen begriffen. Der gesellschaftliche
       Umschwung, der seiner Phantasie vorschwebte, war noch so wenig in
       den vorliegenden
       
       #402# Friedrich Engels
       -----
       liegenden materiellen  Verhältnissen begründet,  daß diese  sogar
       eine Gesellschaftsordnung vorbereiteten, die das gerade Gegenteil
       seiner geträumten  Gesellschaftsordnung war.  Dabei aber blieb er
       an seine bisherigen Predigten von der christlichen Gleichheit und
       der evangelischen Gütergemeinschaft gebunden; er mußte wenigstens
       den Versuch ihrer Durchführung machen. Die Gemeinschaft aller Gü-
       ter, die  gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaf-
       fung aller  Obrigkeit wurde  proklamiert. [360] Aber in der Wirk-
       lichkeit blieb  Mühlhausen eine  republikanische Reichsstadt  mit
       etwas demokratisierter Verfassung, mit einem aus allgemeiner Wahl
       hervorgegangenen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand,
       und mit  einer eilig improvisierten Naturalverpflegung der Armen.
       Der Gesellschaftsumsturz,  der den  protestantischen bürgerlichen
       Zeitgenossen so  entsetzlich vorkam,  ging in  der Tat nie hinaus
       über einen  schwachen und  unbewußten Versuch zur übereilten Her-
       stellung der späteren bürgerlichen Gesellschaft.
       Münzer selbst  scheint die  weite Kluft  zwischen seinen Theorien
       und der  unmittelbar vorliegenden  Wirklichkeit gefühlt zu haben,
       eine Kluft,  die ihm  um so  weniger verborgen bleiben konnte, je
       verzerrter seine  genialen Anschauungen  sich in den rohen Köpfen
       der Masse  seiner Anhänger widerspiegeln mußten. Er warf sich mit
       einem selbst bei ihm unerhörten Eifer auf die Ausbreitung und Or-
       ganisation der  Bewegung; er  schrieb Briefe und sandte Boten und
       Emissäre nach allen Seiten aus. Seine Schreiben und Predigten at-
       men einen  revolutionären Fanatismus, der selbst nach seinen frü-
       heren Schriften  in Erstaunen  setzt. Der naive jugendliche Humor
       der vorrevolutionären  Münzerschen Pamphlete  ist ganz verschwun-
       den; die ruhige, entwickelnde Sprache des Denkers, die ihm früher
       nicht fremd  war, kommt  nicht mehr  vor. Münzer  ist jetzt  ganz
       Revolutionsprophet; er  schürt unaufhörlich  den  Haß  gegen  die
       herrschenden Klassen,  er stachelt  die wildesten  Leidenschaften
       auf und  spricht nur  noch in  den gewaltsamen Wendungen, die das
       religiöse und nationale Delirium den alttestamentarischen Prophe-
       ten in  den Mund  legte. Man  sieht aus  dem Stil, in den er sich
       jetzt hineinarbeiten  mußte, auf welcher Bildungsstufe das Publi-
       kum stand, auf das er zu wirken hatte.
       Das Beispiel  Mühlhausens und die Agitation Münzers wirkten rasch
       in die Ferne. In Thüringen, im Eichsfeld, im Harz, in den sächsi-
       schen Herzogtümern,  in Hessen  und Fulda,  in Oberfranken und im
       Vogtland standen  überall Bauern auf, zogen sich in Haufen zusam-
       men und  verbrannten Schlösser  und Klöster. Münzer war mehr oder
       weniger als  Führer der ganzen Bewegung anerkannt, und Mühlhausen
       blieb Zentralpunkt, während in Erfurt eine rein bürgerliche Bewe-
       gung siegte  und die  dort herrschende  Partei  fortwährend  eine
       zweideutige Stellung gegen die Bauern beobachtete.
       
       #403# Der deutsche Bauernkrieg
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       Die Fürsten  waren in  Thüringen anfangs geradeso ratlos und ohn-
       mächtig gegenüber den Bauern wie in Franken und Schwaben. Erst in
       den letzten  Tagen des April gelang es dem Landgrafen von Hessen,
       ein Korps  zusammenzuziehn -  demselben Landgrafen  Philipp,  von
       dessen Frömmigkeit die protestantischen und bürgerlichen Reforma-
       tionsgeschichten so viel zu rühmen wissen und von dessen Infamien
       gegen die  Bauern wir  sogleich ein  geringes Wörtlein  vernehmen
       werden. Der Landgraf Philipp unterwarf durch ein paar rasche Züge
       und durch  bestimmtes Auftreten bald den größten Teil seines Lan-
       des, zog neue Aufgebote heran und wandte sich dann ins Gebiet des
       Abts von Fulda, seines bisherigen Lehnsherrn [361]. Er schlug den
       Fuldaer Bauernhaufen am 3. Mai am Frauenberg, unterwarf das ganze
       Land und benutzte die Gelegenheit, nicht nur sich von der Oberho-
       heit des  Abts loszumachen,  sondern sogar die Abtei Fulda in ein
       hessisches Lehen zu verwandeln - vorbehaltlich ihrer späteren Sä-
       kularisierung natürlich.  Dann nahm  er Eisenach  und Langensalza
       und zog,  mit den herzoglich-sächsischen Truppen vereinigt, gegen
       den Hauptsitz  der Rebellion,  gegen Mühlhausen. Münzer zog seine
       Streitkräfte, an  8000 Mann  mit einigem  Geschütz, bei  Franken-
       hausen zusammen.  Der thüringische Haufe war weit entfernt davon,
       die Schlagfähigkeit  zu besitzen,  die ein  Teil der oberschwäbi-
       schen und  fränkischen Haufen dem Truchseß gegenüber entwickelte;
       er war  schlecht bewaffnet  und schlecht diszipliniert, er zählte
       wenig gediente  Soldaten  und  ermangelte  aller  Führer.  Münzer
       selbst besaß  offenbar nicht  die geringsten militärischen Kennt-
       nisse. Dennoch  fanden es  die Fürsten  angemessen, auch hier die
       Taktik anzuwenden,  die dem  Truchseß so  oft zum  Sieg verholfen
       hatte: die  Wortbrüchigkeit. Am 16.Mai leiteten sie Unterhandlun-
       gen ein,  schlössen einen  Waffenstillstand und  überfielen  dann
       plötzlich die Bauern, noch ehe der Stillstand abgelaufen war.
       Münzer stand  mit den  Seinen auf  dem noch  jetzt  so  genannten
       Schlachtberg, verschanzt  hinter einer Wagenburg. Die Entmutigung
       unter dem Haufen war schon sehr im Zunehmen. Die Fürsten verspra-
       chen Amnestie,  wenn der  Haufe ihnen  Münzer lebendig ausliefern
       wolle. Münzer ließ einen Kreis bilden und die Anträge der Fürsten
       debattieren. Ein Ritter und ein Pfaff sprachen sich für die Kapi-
       tulation aus;  Münzer ließ  sie beide  sofort in den Kreis führen
       und enthaupten.  Dieser von den entschlossenen Revolutionären mit
       Jubel aufgenommene Akt terroristischer Energie brachte wieder ei-
       nigen Halt in den Haufen; aber schließlich wäre er doch zum größ-
       ten Teil  ohne Widerstand auseinandergegangen, wenn man nicht be-
       merkt hätte,  daß die  fürstlichen Landsknechte,  nachdem sie den
       ganzen Berg  umstellt, trotz des Stillstands in geschlossenen Ko-
       lonnen heranrückten. Schnell wurde die Front
       
       #404# Friedrich Engels
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       hinter den  Wagen formiert, aber schon schlugen die Geschütz- und
       Büchsenkugeln in  die halb  wehrlosen,  kampfungewohnten  Bauern,
       schon waren  die Landsknechte  bei der  Wagenburg angelangt. Nach
       kurzem Widerstand  war die  Wagenlinie durchbrochen,  die Kanonen
       der Bauern waren erobert und sie selbst versprengt. Sie flohen in
       wilder Unordnung, um den Umgehungskolonnen und der Reiterei um so
       sicherer in die Hände zu fallen, die ein unerhörtes Blutbad unter
       ihnen anrichteten. Von achttausend Bauern wurden über fünftausend
       erschlagen; der Rest kam nach Frankenhausen hinein und gleichzei-
       tig mit  ihm die fürstlichen Reiter. Die Stadt war genommen. Mün-
       zer, am  Kopf  verwundet,  wurde  in  einem  Hause  entdeckt  und
       gefangengenommen. Am  25.Mai ergab sich auch Mühlhausen; Pfeifer,
       der dort  geblieben war, entkam, wurde aber im Eisenachschen ver-
       haftet.
       Münzer wurde in Gegenwart der Fürsten auf die Folter gespannt und
       dann enthauptet.  Er ging  mit demselben  Mut auf den Richtplatz,
       mit dem  er gelebt  hatte. Er  war höchstens achtundzwanzig Jahre
       alt, als  er hingerichtet  wurde. Auch  Pfeifer wurde enthauptet;
       außer diesen  beiden aber noch zahllose andre. In Fulda hatte der
       Mann Gottes,  Philipp von  Hessen, sein  Blutgericht begonnen; er
       und die  sächsischen Fürsten  ließen unter andern in Eisenach 24,
       in Langensalza  41, nach der Frankenhauser Schlacht 300, in Mühl-
       hausen über  100, bei Görmar 26, bei Tüngeda 50, bei Sangerhausen
       12, in  Leipzig 8  Rebellen mit  dem Schwert hinrichten, von Ver-
       stümmelungen und  anderen gelindern Mitteln, von Plünderungen und
       Verbrennungen der Dörfer und Städte gar nicht zu reden.
       Mühlhausen mußte sich seiner Reichsfreiheit begeben und wurde den
       sächsischen Ländern  einverleibt, gerade  wie die Abtei Fulda der
       Landgrafschaft Hessen.
       Die Fürsten zogen nun über den Thüringer Wald, wo fränkische Bau-
       ern aus  dem Bildhäuser  Lager sich  mit den Thüringern verbunden
       und viele  Schlösser verbrannt  hatten. Vor  Meiningen kam es zum
       Gefecht; die  Bauern wurden  geschlagen und  zogen sich  auf  die
       Stadt zurück. Diese verschloß ihnen plötzlich die Tore und drohte
       sie im  Rücken anzugreifen. Der Haufe, durch diesen Verrat seiner
       Bundesgenossen ins  Gedränge gebracht,  kapitulierte mit den Für-
       sten und lief noch während der Verhandlung auseinander. Das Bild-
       häuser Lager hatte sich längst zerstreut, und so war mit der Zer-
       sprengung dieses  Haufens der  letzte Rest  der  Insurgenten  aus
       Sachsen, Hessen, Thüringen und Oberfranken vernichtet.
       Im Elsaß war der Aufstand später losgebrochen als auf der rechten
       Rheinseite. Erst  gegen die Mitte des April erhoben sich die Bau-
       ern im Bistum Straßburg, und bald nach ihnen die Oberelsässer und
       Sundgauer. Am 18. April
       
       #405# Der deutsche Bauernkrieg
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       plünderte ein niederelsässischer Bauernhaufe das Kloster Altdorf;
       andere Haufen  bildeten sich bei Ebersheim und Barr sowie im Wil-
       lertal und  Urbistal. Sie  konzentrierten sich  bald  zum  großen
       Niederelsässer Haufen  und organisierten  die Einnahme der Städte
       und Flecken  sowie die  Zerstörung der Klöster. Überall wurde der
       dritte Mann  zum Heer eingefordert. Die zwölf Artikel dieses Hau-
       fens sind  bedeutend  radikaler  als  die  schwäbisch-fränkischen
       [362].
       Während eine  Kolonne der Niederelsässer sich anfangs Mai bei St.
       Hippolyte konzentrierte  und  nach  einem  vergeblichen  Versuch,
       diese Stadt zu gewinnen, am 10. Mai Bergheim, am 13. Rappoltswei-
       ler, am  14. Reichenweier durch Einverständnis mit den Bürgern in
       ihre Gewalt  bekam, zog  eine zweite unter Erasmus Gerber aus, um
       Straßburg zu überrumpeln. Der Versuch mißlang, die Kolonne wandte
       sich nun  den Vogesen  zu, zerstörte das Kloster Maursmünster und
       belagerte Zabern,  das sich am 13. Mai ergab. Von hier zog sie an
       die lothringische Grenze und insurgierte den anstoßenden Teil des
       Herzogtums, während  sie zugleich  die Gebirgspässe  verschanzte.
       Bei Herbitzheim  an der  Saar und  bei Neuburg wurden große Lager
       gebildet; bei  Saargemünd verschanzten sich 4000 deutsch-lothrin-
       gische Bauern;  zwei vorgeschobene Haufen endlich, der Kolbenhau-
       fen in  den Vogesen  bei Stürzelbronn,  der Kleeburger  Haufe bei
       Weißenburg, deckten  Front und  rechte Flanke,  während sich  die
       linke Flanke an die Oberelsässer anlehnte.
       Diese, seit dem 20. April in Bewegung, hatten am 10. Mai Sulz, am
       12. Gebweiler,  am 15. Sennheim und Umgegend in die Bauernverbrü-
       derung gezwungen. Die östreichische Regierung und die umliegenden
       Reichsstädte verbanden  sich zwar  sogleich gegen sie, waren aber
       zu schwach,  ihnen ernsthaften  Widerstand zu leisten, geschweige
       sie anzugreifen.  So war,  mit Ausnahme weniger Städte, bis Mitte
       Mai das ganze Elsaß in den Händen der Insurgenten.
       Aber schon  nahte das Heer, das den Frevelmut der Elsässer Bauern
       brechen sollte. Es waren Franzosen, die hier die Restauration der
       Adelsherrschaft vollzogen. Der Herzog Anton von Lothringen setzte
       sich bereits  am 6.  Mai mit  einer Armee von 30000 Mann in Bewe-
       gung, darunter  die Blüte  des französischen Adels und spanische,
       piemontesische, lombardische, griechische und albanesische Hülfs-
       truppen. Am 16. Mai stieß er bei Lupstein auf 4000 Bauern, die er
       ohne Mühe  schlug, und  am 17.  schon zwang er das von den Bauern
       besetzte Zabern  zur Kapitulation.  Aber noch während des Einzugs
       der Lothringer  in die Stadt und der Entwaffnung der Bauern wurde
       die Kapitulation  gebrochen; die  wehrlosen Bauern wurden von den
       Landsknechten überfallen  und größtenteils niedergemacht. Die üb-
       rigen niederelsässischen
       
       #406# Friedrich Engels
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       Kolonnen zerstreuten  sich, und  Herzog Anton zog nun den Oberel-
       sässern entgegen. Diese, die sich geweigert hatten, den Niederel-
       sässern nach Zabern zuzuziehn, wurden nun bei Scherweiler von der
       ganzen Macht  der Lothringer  angegriffen. Sie  wehrten sich  mit
       großer Tapferkeit, aber die enorme Übermacht - 30000 gegen 7000 -
       und der  Verrat einer Anzahl Ritter, besonders des Vogts von Rei-
       chenweier 1*),  vereitelte alle  Bravour. Sie  wurden vollständig
       geschlagen und zersprengt. Der Herzog pazifizierte nun den ganzen
       Elsaß mit  üblicher Grausamkeit.  [363] Nur der Sundgau blieb von
       seiner Anwesenheit verschont. Die östreichische Regierung brachte
       hier durch  die Drohung,  ihn ins  Land zu rufen, ihre Bauern an-
       fangs Juni  zum Abschluß  des Vertrags  von Ensisheim. Sie selbst
       aber brach  diesen Vertrag  sogleich wieder und ließ die Prediger
       und Führer  der Bewegung  massenweise hängen.  Die Bauern machten
       hierauf einen  neuen Aufstand, der endlich damit endigte, daß die
       Sundgauer Bauern  in den Vertrag zu Offenburg (18.September)[356]
       eingeschlossen wurden.
       Es bleibt  uns jetzt  noch der  Bauernkrieg in den östreichischen
       Alpenländern zu  berichten. Diese  Gegenden sowie  das anstoßende
       Erzbistum Salzburg  waren seit der stara prawa 2*) in fortwähren-
       der Opposition  gegen Regierung  und Adel,  und die  reformierten
       Lehren hatten auch hier einen günstigen Boden gefunden. Religiöse
       Verfolgungen und  willkürliche  Steuerbedrückungen  brachten  den
       Aufstand zum Losbruch.
       Die Stadt  Salzburg, unterstützt  von den Bauern und Bergknappen,
       hatte schon  seit 1522 mit dem Erzbischof 3*) wegen ihrer städti-
       schen Privilegien und wegen der Religionsübung im Streit gelegen.
       Ende 1524  überfiel der  Erzbischof  die  Stadt  mit  angeworbnen
       Landsknechten, terrorisierte  sie durch die Kanonen des Schlosses
       und verfolgte  die ketzerischen  Prediger.  Zugleich  schrieb  er
       neue, drückende  Steuern aus und reizte die ganze Bevölkerung da-
       durch aufs  äußerste. Im  Frühjahr  1525,  gleichzeitig  mit  der
       schwäbisch-fränkischen und  thüringischen Insurrektion [364], er-
       hoben sich  plötzlich die Bauern und Bergleute des ganzen Landes,
       organisierten sich  in Haufen  unter den  Hauptleuten Praßler und
       Weitmoser, befreiten  die Stadt  und belagerten  das Schloß Salz-
       burg. Sie  schlössen, wie die westdeutschen Bauern, einen christ-
       lichen Bund und faßten ihre Forderungen in Artikeln zusammen, de-
       ren hier vierzehn waren.
       Auch in  Steiermark, Oberöstreich,  Kärnten und  Krain,  wo  neue
       ungesetzliche Steuern,  Zölle und Verordnungen das Volk in seinen
       nächsten Interessen schwer verletzt hatten, standen die Bauern im
       Frühjahr 1525 auf. Sie nahmen
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       1*) Ulrich von  Rappoltstein -  2*) siehe vorl.  Band, S.  371  -
       3*) Matthäus Lang
       
       #407# Der deutsche Bauernkrieg
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       eine Anzahl  Schlösser und schlugen den Besieger der stara prawa,
       den alten Feldhauptmann Dietrichstein, bei Gayssern 1*). Obgleich
       es den  Vorspiegelungen der  Regierung gelang, einen Teil der In-
       surgenten zu  beschwichtigen, blieb  die Masse  doch zusammen und
       vereinigte sich  mit den Salzburgern, so daß das ganze Salzburgi-
       sche und  der größte  Teil von  Oberöstreich, Steiermark, Kärnten
       und Krain in den Händen der Bauern und Bergknappen war.
       In Tirol  hatten ebenfalls  die reformierten Lehren großen Anhang
       gefunden; hier  waren sogar, noch mehr als in den übrigen östrei-
       chischen Alpenländern, Münzersche Emissäre mit Erfolg tätig gewe-
       sen. Der  Erzherzog Ferdinand  verfolgte die  Prediger der  neuen
       Lehre auch  hier und  griff ebenfalls durch neue willkürliche Fi-
       nanzregulationen in  die Vorrechte der Bevölkerung ein. Die Folge
       war, wie überall, der Aufstand im Frühling desselben Jahres 1525.
       Die Insurgenten,  deren oberster  Hauptmann ein  Münzerscher war,
       Geismaier, das einzige bedeutende militärische Talent unter sämt-
       lichen Bauernchefs, nahmen eine Menge Schlösser und verfuhren na-
       mentlich im Süden, im Etschgebiet, sehr energisch gegen die Pfaf-
       fen. Auch  die Vorarlberger  standen auf  und schlössen  sich den
       Allgäuern an.
       Der Erzherzog,  von allen  Seiten bedrängt,  machte den Rebellen,
       die er noch kurz vorher mit Sengen und Brennen, Plündern und Mor-
       den hatte ausrotten wollen, Konzession über Konzession. Er berief
       die Landtage  der Erblande  ein und schloß bis zu ihrem Zusammen-
       tritt Waffenstillstand mit den Bauern. Inzwischen rüstete er nach
       Kräften, um  möglichst bald  eine andre  Sprache mit den Frevlern
       führen zu können.
       Der Waffenstillstand wurde natürlich nicht lange gehalten. In den
       Herzogtümern fing  Dietrichstein, dem  das Geld  ausging,  an  zu
       brandschatzen. Seine  slawischen und magyarischen Truppen erlaub-
       ten sich zudem die schamlosesten Grausamkeiten gegen die Bevölke-
       rung. Die  Steirer standen  also wieder  auf, überfielen  in  der
       Nacht vom  2. zum  3. Juli  den  Feldhauptmann  Dietrichstein  in
       Schladming und  machten alles  nieder, was  nicht deutsch sprach.
       [365] Dietrichstein selbst wurde gefangen; am Morgen des 3. wurde
       von  den   Bauern  ein   Geschwornengericht  eingesetzt   und  40
       tschechische und  kroatische Adlige  aus den  Gefangnen zum  Tode
       verurteilt. Sie wurden sofort enthauptet. Das wirkte; der Erzher-
       zog genehmigte  sofort alle  Forderungen der Stände der fünf Her-
       zogtümer  (Ober-  und  Niederöstreich,  Steiermark,  Kärnten  und
       Krain).
       Auch in  Tirol wurden  die Forderungen des Landtags bewilligt und
       dadurch der  Norden pazifiziert. Der Süden jedoch, auf seinen ur-
       sprünglichen
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       1*) Gaishorn
       
       #408# Friedrich Engels
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       Forderungen gegenüber  den abgeschwächten Landtagsbeschlüssen be-
       harrend, blieb unter den Waffen. Erst im Dezember konnte der Erz-
       herzog hier  die Ordnung durch Gewalt wiederherstellen. Er unter-
       ließ nicht,  eine große  Anzahl der in seine Hände gefallenen An-
       stifter und Führer des Aufruhrs hinrichten zu lassen.
       Gegen Salzburg  zogen nun  im August 10000 Bayern unter Georg von
       Frundsberg. Diese imposante Truppenmacht sowie Zwistigkeiten, die
       unter den  Bauern ausgebrochen  waren, bewogen die Salzburger zum
       Abschluß eines  Vertrags mit  dem Erzbischof, der am 1. September
       zustande kam  und den auch der Erzherzog annahm. [366] Die beiden
       Fürsten, die  inzwischen ihre  Truppen genügend verstärkt hatten,
       brachen diesen  Vertrag jedoch  sehr bald und trieben dadurch die
       Salzburger Bauern  zu einem  erneuerten Aufstand. Die Insurgenten
       hielten sich  den Winter über; im Frühjahr kam Geismaier zu ihnen
       und eröffnete  eine glänzende Kampagne gegen die von allen Seiten
       heranrückenden Truppen. In einer Reihe brillanter Gefechte schlug
       er -  im Mai  und Juni  1526 -  nacheinander Bayern,  Östreicher,
       schwäbische Bundestruppen und erzbischöflich-salzburgische Lands-
       knechte und hinderte lange die verschiednen Korps an ihrer Verei-
       nigung. Dazwischen  fand er  noch Zeit, Radstadt zu belagern. Von
       der Übermacht  endlich auf  allen Seiten  umzingelt, mußte er ab-
       ziehn, schlug sich durch und führte die Trümmer seines Korps mit-
       ten durch die östreichischen Alpen auf venetianisches Gebiet. Die
       Republik Venedig  und die Schweiz boten dem unermüdlichen Bauern-
       chef Anhaltspunkte  zu neuen Intrigen; er versuchte noch ein Jahr
       lang, sie in einen Krieg gegen Östreich zu verwickeln, der ihm zu
       einem wiederholten Bauernaufstand Gelegenheit bieten sollte. Aber
       während dieser  Unterhandlungen erreichte ihn die Hand eines Mör-
       ders; der  Erzherzog Ferdinand  und der  salzburgische Erzbischof
       1*) waren  nicht ruhig,  solange  Geismaier  am  Leben  war:  Sie
       bezahlten einen  Banditen, und diesem gelang es, den gefährlichen
       Rebellen 1527 aus der Welt zu schaffen. [367]
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       1*) Matthäus Lang
       
       #409#
       -----
       VII
       
       [Die Folgen des Bauernkriegs]
       
       Mit dem  Rückzüge Geismaiers  auf venetianisches Gebiet hatte das
       letzte Nachspiel  des Bauernkriegs sein Ende erreicht. Die Bauern
       waren überall  wieder unter  die Botmäßigkeit  ihrer geistlichen,
       adligen oder  patrizischen Herren gebracht; die Verträge, die hie
       und da  mit ihnen abgeschlossen waren, wurden gebrochen, die bis-
       herigen Lasten  wurden vermehrt  durch die enormen Brandschatzun-
       gen, die  die Sieger  den Besiegten auferlegten. Der großartigste
       Revolutionsversuch des  deutschen Volks  endigte mit schmählicher
       Niederlage und  momentan verdoppeltem Druck. Auf die Dauer jedoch
       verschlimmerte sich die Lage der Bauernklasse nicht durch die Un-
       terdrückung des Aufstandes. Was Adel, Fürsten und Pfaffen aus ih-
       nen jahraus,  jahrein herausschlagen konnten, das wurde schon vor
       dem Krieg  sicher herausgeschlagen; der deutsche Bauer von damals
       hatte dies  mit dem  modernen Proletarier gemein, daß sein Anteil
       an den  Produkten seiner  Arbeit sich  auf das Minimum von Subsi-
       stenzmitteln beschränkte,  das zu  seinem Unterhalt und zur Fort-
       pflanzung der  Bauernrace erforderlich  war. Im  Durchschnitt war
       also hier nichts mehr zu nehmen. Manche wohlhabenderen Mittelbau-
       ern sind freilich ruiniert, eine Menge von Hörigen in die Leibei-
       genschaft hineingezwungen,  ganze Striche Gemeindeländereien kon-
       fisziert, eine  große Anzahl  Bauern durch  die Zerstörung  ihrer
       Wohnungen und  die Verwüstung ihrer Felder sowie durch die allge-
       meine Unordnung  in die  Vagabondage oder  unter die Plebejer der
       Städte geworfen  worden. Aber Kriege und Verwüstungen gehörten zu
       den alltäglichen  Erscheinungen jener  Zeit, und  im  allgemeinen
       stand die Bauernklasse eben zu tief für eine dauernde Verschlech-
       terung ihrer Lage durch erhöhte Steuern. Die folgenden Religions-
       kriege und endlich der Dreißigjährige Krieg mit seinen stets wie-
       derholten, massenhaften Verwüstungen und Entvölkerungen haben die
       Bauern weit  schwerer getroffen  als der  Bauernkrieg; namentlich
       der Dreißigjährige  Krieg vernichtete  den bedeutendsten Teil der
       im Ackerbau  angewandten Produktivkräfte  und brachte dadurch und
       durch
       
       #410# Friedrich Engels
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       die gleichzeitige  Zerstörung vieler  Städte die Bauern, Plebejer
       und ruinierten  Bürger auf  lange Zeit  bis zum irischen Elend in
       seiner schlimmsten Form herab.
       Wer an  den Folgen  des Bauernkriegs  am meisten  litt,  war  die
       G e i s t l i c h k e i t.   Ihre Klöster  und Stifter waren ver-
       brannt, ihre  Kostbarkeiten geplündert, ins Ausland verkauft oder
       eingeschmolzen, ihre  Vorräte waren  verzehrt worden.  Sie  hatte
       überall am  wenigsten Widerstand  leisten können, und zu gleicher
       Zeit war  die ganze  Wucht des  Volkshasses am schwersten auf sie
       gefallen. Die andern Stände, Fürsten, Adel und Bürgerschaft, hat-
       ten sogar  eine geheime Freude an der Not der verhaßten Prälaten.
       Der Bauernkrieg  hatte die  Säkularisation der  geistlichen Güter
       zugunsten der  Bauern populär gemacht, die weltlichen Fürsten und
       zum Teil  die Städte  gaben sich  daran, diese  Säkularisation zu
       i h r e m   Besten durchzuführen,  und bald waren in protestanti-
       schen Ländern die Besitzungen der Prälaten in den Händen der Für-
       sten oder  der Ehrbarkeit.  Aber auch die Herrschaft der geistli-
       chen Fürsten  war angetastet  worden, und  die weltlichen Fürsten
       verstanden es,  den Volkshaß  nach dieser Seite hin zu éxploitie-
       ren. So  haben wir  gesehen, wie der Abt von Fulda vom Lehnsherrn
       [361] zum  Dienstmann Philipps  von Hessen  degradiert wurde.  So
       zwang die Stadt Kempten den Fürstabt 1*), ihr eine Reihe wertvol-
       ler Privilegien,  die er in der Stadt besaß, für einen Spottpreis
       zu verkaufen.
       Der   A d e l   hatte ebenfalls  bedeutend gelitten.  Die meisten
       seiner Schlösser  waren vernichtet, eine Anzahl der angesehensten
       Geschlechter war  ruiniert und  konnte nur  im Fürstendienst eine
       Existenz finden.  Seine Ohnmacht gegenüber den Bauern war konsta-
       tiert; er  war überall  geschlagen und zur Kapitulation gezwungen
       worden; nur  die Heere  der Fürsten hatten ihn gerettet. Er mußte
       mehr und  mehr seine Bedeutung als reichsunmittelbarer Stand ver-
       lieren und unter die Botmäßigkeit der Fürsten geraten.
       Die   S t ä d t e   hatten im ganzen auch keinen Vorteil vom Bau-
       ernkrieg. Die Herrschaft der Ehrbarkeit wurde fast überall wieder
       befestigt; die  Opposition der  Bürgerschaft blieb für lange Zeit
       gebrochen. Der  alte patrizische  Schlendrian schleppte  sich so,
       Handel und  Industrie nach  allen Seiten hin fesselnd, bis in die
       Französische Revolution  fort. Von  den Fürsten  wurden zudem die
       Städte verantwortlich gemacht für die momentanen Erfolge, die die
       bürgerliche oder  plebejische Partei  in ihrem  Schoß während des
       Kampfes errungen hatte. Städte, die schon früher den Gebieten der
       Fürsten angehörten,  wurden schwer gebrandschatzt, ihrer Privile-
       gien beraubt  und schutzlos unter die habgierige Willkür der Für-
       sten geknechtet  (Frankenhausen, Arnstadt, Schmalkalden, Würzburg
       etc. etc.),  Reichsstädte  wurden  fürstlichen  Territorien  ein-
       verleibt
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       1*) Sebastian von Breitenstein
       
       #411# Der deutsche Bauernkrieg
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       (z.B. Mühlhausen)  oder doch  in die  moralische Abhängigkeit von
       angrenzenden Fürsten gebracht, wie viele fränkische Reichsstädte.
       Wer unter  diesen Umständen  vom Ausgang  des Bauernkriegs allein
       Vorteil zog, waren die  F ü r s t e n.  Wir sahen schon gleich im
       Anfang unserer  Darstellung, wie  die  mangelhafte  industrielle,
       kommerzielle und agrikole Entwicklung Deutschlands alle Zentrali-
       sation der  Deutschen zur  N a t i o n  unmöglich machte, wie sie
       nur eine  lokale und  provinzielle Zentralisation  zuließ und wie
       daher die Repräsentanten dieser Zentralisation innerhalb der Zer-
       splitterung, die  Fürsten, den  einzigen Stand bildeten, dem jede
       Veränderung der  bestehenden gesellschaftlichen  und  politischen
       Verhältnisse zugute  kommen mußte. Der Entwicklungsgrad des dama-
       ligen Deutschlands  war so  niedrig und  zu gleicher  Zeit so un-
       gleichförmig in  den verschiedenen Provinzen, daß neben den welt-
       lichen Fürstentümern  noch geistliche  Souveränetäten, städtische
       Republiken und souveräne Grafen und Barone bestehen konnten; aber
       sie drängte  zu gleicher  Zeit, wenn  auch sehr langsam und matt,
       doch immer auf die  p r o v i n z i e l l e  Zentralisation, d.h.
       auf die  Unterordnung der  übrigen Reichsstände unter die Fürsten
       hin. Daher  konnten am  Ende des Bauernkriegs nur die Fürsten ge-
       wonnen haben.  So war  es auch in der Tat. Sie gewannen nicht nur
       relativ, dadurch  daß ihre  Konkurrenten, die  Geistlichkeit, der
       Adel, die  Städte, geschwächt  wurden; sie gewannen auch absolut,
       indem sie die spolia opima (Hauptbeute) von allen übrigen Ständen
       davontrugen. Die geistlichen Güter wurden zu ihrem Besten säkula-
       risiert ; ein Teil des Adels, halb oder ganz ruiniert, mußte sich
       nach und  nach unter  ihre Oberhoheit geben; die Brandschatzungs-
       gelder der Städte und Bauernschaften flössen in ihren Fiskus, der
       obendrein durch die Beseitigung so vieler städtischen Privilegien
       weit freieren Spielraum für seine beliebten Finanzoperationen ge-
       wann.
       Die Zersplitterung  Deutschlands, deren Verschärfung und Konsoli-
       dierung das Hauptresultat des Bauernkriegs war, war auch zu glei-
       cher Zeit die Ursache seines Mißlingens.
       Wir haben gesehen, wie Deutschland zersplittert war, nicht nur in
       zahllose unabhängige,  einander fast total fremde Provinzen, son-
       dern auch  wie die Nation in jeder dieser Provinzen in eine viel-
       fache Gliederung  von Ständen  und Ständefraktionen  auseinander-
       fiel. Außer  Fürsten und  Pfaffen finden  wir Adel und Bauern auf
       dem Land,  Patrizier, Bürger  und Plebejer in den Städten, lauter
       Stände, deren  Interessen einander  total fremd  waren, wenn  sie
       sich nicht  durchkreuzten und  zuwiderliefen. Über  allen  diesen
       komplizierten Interessen, obendrein, noch das des Kaisers und des
       Papstes. Wir  haben gesehen, wie. schwerfällig, unvollständig und
       je nach den Lokalitäten ungleichförmig diese verschiedenen Inter-
       essen sich schließlich in drei große Gruppen formierten;
       
       #412# Friedrich Engels
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       wie trotz  dieser mühsamen  Gruppierung jeder Stand gegen die der
       nationalen Entwicklung  durch die  Verhältnisse gegebene Richtung
       opponierte, seine Bewegung auf eigene Faust machte, dadurch nicht
       nur mit allen konservativen, sondern auch mit allen übrigen oppo-
       nierenden Ständen in Kollision geriet und schließlich unterliegen
       mußte. So  der Adel im Aufstand Sickingens, die Bauern im Bauern-
       krieg, die  Bürger in ihrer gesamten zahmen Reformation. So kamen
       selbst Bauern  und Plebejer  in den meisten Gegenden Deutschlands
       nicht zur  gemeinsamen Aktion  und standen  einander im Wege. Wir
       haben auch  gesehn, aus welchen Ursachen diese Zersplitterung des
       Klassenkampfs und  die damit gegebene vollständige Niederlage der
       revolutionären und  halbe Niederlage  der  bürgerlichen  Bewegung
       hervorging.
       Wie die  lokale und  provinzielle Zersplitterung  und die  daraus
       notwendig hervorgehende  lokale und provinzielle Borniertheit die
       ganze Bewegung  ruinierte; wie  weder die Bürger noch die Bauern,
       noch die  Plebejer zu  einem konzentrierten, nationalen Auftreten
       kamen; wie  die Bauern  z.B. in  jeder Provinz  auf  eigne  Faust
       agierten, den  benachbarten insurgierten  Bauern stets  die Hülfe
       verweigerten und  daher in  einzelnen Gefechten  nacheinander von
       Heeren aufgerieben  wurden, die  meist nicht dem zehnten Teil der
       insurgierten Gesamtmasse gleichkamen - das wird wohl aus der vor-
       hergehenden Darstellung  jedem klar  sein. Die verschiedenen Waf-
       fenstillstände und  Verträge der  einzelnen Haufen mit ihren Geg-
       nern konstituieren ebensoviel Akte des Verrats an der gemeinsamen
       Sache, und die einzig mögliche Gruppierung der verschiedenen Hau-
       fen nicht  nach der  größeren oder geringeren Gemeinsamkeit ihrer
       eignen Aktion, sondern nach der Gemeinsamkeit des speziellen Geg-
       ners, dem  sie erlagen,  ist der schlagendste Beweis für den Grad
       der Fremdheit der Bauern verschiedner Provinzen gegeneinander.
       Auch hier  bietet sich  die Analogie mit der Bewegung von 1848-50
       wieder von  selbst dar. Auch 1848 kollidierten die Interessen der
       oppositionellen Klassen  untereinander, handelte  jede für  sich.
       Die Bourgeoisie,  zu weit entwickelt, um sich den feudal-bürokra-
       tischen Absolutismus  noch länger  gefallen zu  lassen, war  doch
       noch nicht  mächtig genug, die Ansprüche andrer Klassen den ihri-
       gen sofort  unterzuordnen. Das  Proletariat, viel  zu schwach, um
       auf ein  rasches Überhüpfen  der Bourgeoisperiode  und auf  seine
       eigne baldige  Eroberung der  Herrschaft rechnen zu können, hatte
       schon unter  dem Absolutismus  die Süßigkeiten des Bourgeoisregi-
       ments zu sehr kennengelernt und war überhaupt viel zu entwickelt,
       um auch  nur für einen Moment in der Emanzipation der Bourgeoisie
       seine eigne  Emanzipation zu  sehen. Die Masse der Nation, Klein-
       bürger, Kleinbürgergenossen  (Handwerker) und  Bauern, wurde  von
       ihrem zunächst noch natürlichen Alliierten, der Bourgeoisie, als
       
       #413# Der deutsche Bauernkrieg
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       schon zu revolutionär, und stellenweise vom Proletariat, als noch
       nicht avanciert  genug, im  Stich gelassen; unter sich wieder ge-
       teilt, kam auch sie zu nichts und opponierte rechts und links ih-
       ren Mitopponenten.  Die Lokalborniertheit endlich kann 1525 unter
       den Bauern  nicht größer  gewesen sein, als sie unter den sämtli-
       chen in  der Bewegung  beteiligten Klassen von 1848 war. Die hun-
       dert  Lokalrevolutionen,  die  daran  sich  anknüpfenden  hundert
       ebenso ungehindert  durchgeführten Lokalreaktionen, die Aufrecht-
       haltung der  Kleinstaaterei etc.  etc. sind Beweise, die wahrlich
       laut genug  sprechen.    W e r    n a c h    d e n    b e i d e n
       d e u t s c h e n  R e v o l u t i o n e n  v o n  1 5 2 5  u n d
       1 8 4 8   u n d   i h r e n   R e s u l t a t e n  n o c h  v o n
       F ö d e r a t i v r e p u b l i k   f a s e l n  k a n n,  v e r-
       d i e n t   n i r g e n d   a n d e r s   h i n    a l s    i n s
       N a r r e n h a u s.
       Aber die  beiden Revolutionen,  die des  sechzehnten Jahrhunderts
       und die von 1848-50, sind trotz aller Analogien doch sehr wesent-
       lich voneinander  verschieden. Die  Revolution von  1848 beweist,
       wenn auch  nichts für  den Fortschritt Deutschlands, doch für den
       Fortschritt Europas.
       Wer profitierte  von der  Revolution von 1525? Die Fürsten. - Wer
       profitierte von  der Revolution  von 1848? Die  g r o ß e n  Für-
       sten, Östreich  und Preußen.  Hinter den kleinen Fürsten von 1525
       standen, sie an sich kettend durch die Steuer, die kleinen Spieß-
       bürger, hinter  den großen  Fürsten von 1850, hinter östreich und
       Preußen, sie  rasch unterjochend  durch die  Staatsschuld, stehen
       die modernen  großen Bourgeois.  Und hinter  den großen Bourgeois
       stehn die Proletarier.
       Die Revolution  von 1525  war eine  deutsche  Lokalangelegenheit.
       Engländer, Franzosen,  Böhmen, Ungarn  hatten  ihre  Bauernkriege
       schon durchgemacht,  als die  Deutschen den  ihrigen machten. War
       schon Deutschland  zersplittert, so war Europa es noch weit mehr.
       Die Revolution  von 1848  war keine  deutsche Lokalangelegenheit,
       sie war  ein einzelnes  Stück eines großen europäischen Ereignis-
       ses. Ihre  treibenden Ursachen,  während ihres  ganzen  Verlaufs,
       sind nicht  auf den engen Raum eines einzelnen Landes, nicht ein-
       mal auf den eines Weltteils zusammengedrängt. Ja, die Länder, die
       der Schauplatz  dieser Revolution waren, sind gerade am wenigsten
       bei ihrer Erzeugung beteiligt. Sie sind mehr oder weniger bewußt-
       und willenlose  Rohstoffe, die umgemodelt werden im Verlauf einer
       Bewegung, an  der jetzt die ganze Welt teilnimmt, einer Bewegung,
       die uns  unter den  bestehenden gesellschaftlichen  Verhältnissen
       allerdings nur  als eine fremde Macht erscheinen kann, obwohl sie
       schließlich nur unsre eigne Bewegung ist. Die Revolution von 1848
       bis 1850 kann daher nicht enden wie die von 1525.
       

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