Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859


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       #35#
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       II
       
       Der 13. Juni 1849
       
       Vom Juni 1848 bis 13. Juni 1849
       
       Der 25.  Februar 1848  hatte Frankreich die  R e p u b l i k  ok-
       troyiert, der  25. Juni  drang ihm die  R e v o l u t i o n  auf.
       Und Revolution bedeutete nach dem Juni:  U m w ä l z u n g  d e r
       b ü r g e r l i c h e n  G e s e l l s c h a f t,  während es vor
       dem  Februar   bedeutet  hatte:      U m w ä l z u n g      d e r
       S t a a t s f o r m.
       Der Junikampf war durch die  r e p u b l i k a n i s c h e  Frak-
       tion der Bourgeoisie geleitet worden, mit dem Siege fiel ihr not-
       wendig die  Staatsmacht anheim.  Der Belagerungszustand legte ihr
       das geknebelte Paris widerstandslos vor die Füße, und in den Pro-
       vinzen herrschte  ein moralischer Belagerungszustand, der drohend
       brutale Siegesübermut  der Bourgeois  und der  entfesselte Eigen-
       tumsfanatismus der Bauern. Von  u n t e n  also keine Gefahr!
       Mit der  revolutionären Gewalt der Arbeiter zerbrach gleichzeitig
       der politische  Einfluß der   d e m o k r a t i s c h e n    R e-
       p u b l i k a n e r,     d.h.  der   Republikaner  im   Sinn  des
       K l e i n b ü r g e r t u m s,   vertreten in der Exekutivkommis-
       sion durch Ledru-Rollin, in der konstituierenden Nationalversamm-
       lung durch  die Partei der Montagne [44], in der Presse durch die
       "Réforme". Gemeinsam mit den Bourgeoisrepublikanern hatten sie am
       16. April  konspiriert gegen das Proletariat, in den Junitagen es
       gemeinsam mit ihnen bekriegt. So sprengten sie selbst den Hinter-
       grund, worauf  ihre Partei sich als eine Macht abhob, denn nur so
       lange kann  das Kleinbürgertum  eine revolutionäre Stellung gegen
       die Bourgeoisie  behaupten, als das Proletariat hinter ihm steht.
       Sie wurden  abgedankt. Die mit ihnen widerstrebend und hinterhal-
       tig während  der Epoche der provisorischen Regierung und der Exe-
       kutivkommission eingegangene  Scheinallianz wurde  offen von  den
       Bourgeoisrepublikanern gebrochen.  Als Bundesgenossen  verschmäht
       und zurückgestoßen,  sanken sie  zu untergeordneten Trabanten der
       Trikoloren herab,  denen sie  kein Zugeständnis abringen konnten,
       deren Herrschaft  sie aber  jedesmal unterstützen  mußten,  sooft
       dieselbe, und  mit ihr die Republik, von den antirepublikanischen
       Bourgeoisfraktionen in  Frage gestellt  schien. Diese  Fraktionen
       endlich, Orleanisten und Legitimisten, befanden
       
       #36# Karl Marx
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       sich von  vornherein in  der konstituierenden Nationalversammlung
       in der  Minorität. Vor  den Junitagen wagten sie selbst nur unter
       der Maske  des bürgerlichen Republikanismus zu reagieren, der Ju-
       nisieg ließ  einen Augenblick das ganze bürgerliche Frankreich in
       Cavaignac seinen  Heiland begrüßen, und als kurz nach den Junita-
       gen die  antirepublikanische Partei sich wieder verselbständigte,
       erlaubten ihr  die Militärdiktatur und der Belagerungszustand von
       Paris, nur  sehr schüchtern  und vorsichtig die Fühlhörner auszu-
       strecken
       Seit 1830  hatte sich  die   b o u r g e o i s r e p u b l i k a-
       n i s c h e   Fraktion  in  ihren  Schriftstellern,  ihren  Wort-
       führern, ihren  Kapazitäten, ihren Ambitionen, ihren Deputierten,
       Generalen, Bankiers  und Advokaten  um ein  Pariser Journal grup-
       piert, um den "National". In den Provinzen besaß er seine Filial-
       zeitungen. Die  Koterie des  "National", das  war die    D y n a-
       s t i e   d e r   t r i k o l o r e n   R e p u b l i k.   Sofort
       bemächtigte sie  sich aller  Staatswürden, der  Ministerien,  der
       Polizeipräfektur, der  Postdirektion, der  Präfektenstellen,  der
       freigewordenen höheren  Offiziersposten  in  der  Armee.  An  der
       Spitze der  Exekutivgewalt  stand  ihr  General,  Cavaignac;  ihr
       Redakteur en  chef, Marrast,  wurde der  permanente Präsident der
       konstituierenden Nationalversammlung.  In seinen Salons machte er
       als  Zeremonienmeister   zugleich  die   Honneurs  der   honetten
       Republik.
       Selbst revolutionäre französische Schriftsteller haben den Irrtum
       befestigt, aus  einer Art  Scheu vor  der republikanischen Tradi-
       tion, als hätten die Royalisten in der konstituierenden National-
       versammlung geherrscht.  Die  konstituierende  Versammlung  blieb
       vielmehr seit  den Junitagen  die   a u s s c h l i e ß l i c h e
       V e r t r e t e r i n   d e s    B o u r g e o i s r e p u b l i-
       k a n i s m u s,   und um so entschiedener kehrte sie diese Seite
       hervor, je mehr der Einfluß der trikoloren Republikaner außerhalb
       der Versammlung  zusammenbrach. Galt es die  F o r m  der bürger-
       lichen Republik  behaupten, so  verfügte sie über die Stimmen der
       demokratischen Republikaner, galt es den  I n h a l t,  so trenn-
       te selbst  die Sprechweise  sie nicht mehr von den royalistischen
       Bourgeoisfraktionen, denn  die Interessen  der  Bourgeoisie,  die
       materiellen  Bedingungen  ihrer  Klassenherrschaft  und  Klassen-
       exploitation bilden eben den Inhalt der bürgerlichen Republik.
       Nicht der  Royalismus also, der Bourgeoisrepublikanismus verwirk-
       lichte sich  im Leben  und in  den Taten  dieser konstituierenden
       Versammlung, die  schließlich nicht  starb,  auch  nicht  getötet
       wurde, sondern verfaulte.
       Während der ganzen Dauer ihrer Herrschaft, solange sie im Prosze-
       nium die  Haupt- und  Staatsaktion spielte,  wurde im Hintergrund
       ein ununterbrochenes  Opferfest aufgeführt  -  die  fortlaufenden
       standrechtlichen Verurteilungen  der  gefangenen  Juniinsurgenten
       oder ihre Deportation ohne Urteil.
       
       #37# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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       Die konstituierende  Versammlung hatte den Takt, zu gestehen, daß
       sie in  den  Juniinsurgenten  nicht  Verbrecher  richte,  sondern
       Feinde ecrasiere 1*).
       Die erste  Tat der  konstituierenden Nationalversammlung  war die
       Niedersetzung   einer      U n t e r s u c h u n g s k o m m i s-
       s i o n   über die  Ereignisse des  Juni und des 15. Mai und über
       die Beteiligung  der sozialistischen  und demokratischen  Partei-
       chefs an diesen Tagen. [45] Die Untersuchung war direkt gerichtet
       gegen Louis  Blanc, Ledru-Rollin  und Caussidière. Die Bourgeois-
       republikaner  brannten  vor  Ungeduld,  sich  dieser  Rivalen  zu
       entledigen. Die  Durchführung ihrer  Ranküne konnten  sie  keinem
       passenderen Subjekt  anvertrauen als  Herrn  Odilon  Barrot,  dem
       ehemaligen Chef  der dynastischen  Opposition, dem leibgewordenen
       Liberalismus, der  nullité grave  2*), der  gründlichen Seichtig-
       keit, die nicht' nur eine Dynastie zu rächen hatte, sondern sogar
       den Revolutionären Rechenschaft abzuverlangen für eine vereitelte
       Ministerpräsidentschaft. Sichere  Garantie  für  seine  Unerbitt-
       lichkeit. Dieser  Barrot also  wurde zum  Präsidenten der  Unter-
       suchungskommission  ernannt,  und  er  konstruierte  einen  voll-
       ständigen Prozeß  gegen die Februarrevolution, der sich dahin zu-
       sammenfaßt: 17.  März    M a n i f e s t a t i o n,    16.  April
       K o m p l o t t,   15. Mai   A t t e n t a t,   23.  Juni  B ü r-
       g e r k r i e g!   Warum erstreckte er seine gelehrten und krimi-
       nalistischen Forschungen  nicht bis zum 24. Februar? Das "Journal
       des Débats"  antwortete: Der  24. Februar,  das ist die  G r ü n-
       d u n g  R o m s.  Der Ursprung der Staaten verläuft sich in eine
       Mythe, an  die man glauben, die man nicht diskutieren darf. Louis
       Blanc und  Caussidière wurden  den  Gerichten  preisgegeben.  Die
       Nationalversammlung  vervollständigte   das  Werk  ihrer  eigenen
       Säuberung, das sie am 15. Mai begonnen hatte.
       Der von  der  provisorischen  Regierung  gefaßte,  von  Goudchaux
       wiederaufgenommene Plan  einer Besteuerung  des Kapitals - in der
       Form einer Hypothekensteuer [46] - wurde von der konstituierenden
       Versammlung verworfen, das Gesetz, welches die Arbeitszeit auf 10
       Stunden beschränkte, abgeschafft [47], die Schuldhaft wieder ein-
       geführt, von der Zulassung zu der Jury der große Teil der franzö-
       sischen  Bevölkerung   ausgeschlossen,  der   weder  lesen   noch
       schreiben kann.  Warum nicht auch vom Stimmrecht? Die Kaution für
       die  Journale  wurde  wieder  eingeführt,  das  Assoziationsrecht
       beschränkt [48]. -
       Aber in ihrer Hast, den alten bürgerlichen Verhältnissen ihre al-
       ten Garantien  wiederzugeben und  jede Spur  auszulöschen, welche
       die Revolutionswellen  zurückgelassen hatten,  stießen die  Bour-
       geoisrepublikaner auf  einen Widerstand, der mit unerwarteter Ge-
       fahr drohte.
       Niemand hatte  fanatischer in den Junitagen gekämpft für die Ret-
       tung des
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       1*) vernichte - 2*) aufgeblasenen Null
       
       #38# Karl Marx
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       Eigentums und  die Wiederherstellung des Kredits, als die Pariser
       Kleinbürger -  Caféwirte, Restauranten,  marchands de  vins  1*),
       kleine Kaufleute, Krämer, Professionisten usw. Die Boutique hatte
       sich aufgerafft  und war  gegen die  Barrikade marschiert, um die
       Zirkulation herzustellen,  die von  der Straße  in  die  Boutique
       führt. Aber  hinter der  Barrikade standen  die  Kunden  und  die
       Schuldner, vor ihr die Gläubiger der Boutique. Und als die Barri-
       kaden niedergeworfen und die Arbeiter ecrasiert waren und die La-
       denhüter siegestrunken  zu ihren Läden zurückstürzten, fanden sie
       den Eingang verbarrikadiert von einem Retter des Eigentums, einem
       offiziellen Agenten  des Kredits, der ihnen die Drohbriefe entge-
       genhielt: Verfallener  Wechsel! Verfallener Hauszins! Verfallener
       Schuldbrief! Verfallene Boutique! Verfallener Boutiquier!
       R e t t u n g   d e s  E i g e n t u m s!  Aber das Haus, das sie
       bewohnten, war  nicht ihr  Eigentum; der  Laden, den sie hüteten,
       war nicht  ihr Eigentum;  die Waren,  die sie verhandelten, waren
       nicht ihr  Eigentum. Nicht ihr Geschäft, nicht der Teller, woraus
       sie aßen,  nicht das  Bett, worin  sie schliefen,  gehörte  ihnen
       noch. Ihnen  gegenüber galt  es gerade,  d i e s  E i g e n t u m
       z u   r e t t e n für  den Hausbesitzer,  der das Haus verliehen,
       den Bankier,  der den  Wechsel diskontiert, den Kapitalisten, der
       die baren  Vorschüsse gemacht, den Fabrikanten, der die Waren zum
       Verkaufe diesen Krämern anvertraut, den Großhändler, der die Roh-
       stoffe  diesen  Professionisten  kreditiert  hatte.  W i e d e r-
       h e r s t e l l u n g   d e s   K r e d i t s!   Aber der  wieder
       erstarkte Kredit  bewährte  sich  eben  als  ein  lebendiger  und
       eifriger Gott,  indem er den zahlungsunfähigen Schuldner aus sei-
       nen vier Mauern verjagte, mit Weib und Kind, seine Scheinhabe dem
       Kapital preisgab  und ihn selbst in den Schuldturm warf, der sich
       über den  Leichen der Juniinsurgenten drohend wieder aufgerichtet
       hatte.
       Die Kleinbürger erkannten mit Schrecken, daß sie ihren Gläubigern
       sich widerstandslos  in die Hände geliefert, indem sie die Arbei-
       ter niedergeschlagen  hatten. Ihr seit dem Februar chronisch sich
       hinschleppender und  scheinbar ignorierter  Bankerott wurde  nach
       dem Juni offen erklärt.
       Ihr  n o m i n e l l e s  E i g e n t u m  hatte man so lange un-
       angefochten gelassen,  als es  galt, sie  auf den  Kampfplatz  zu
       treiben, im  N a m e n  d e s  E i g e n t u m s.  Jetzt, nachdem
       die große  Angelegenheit mit dem Proletariat geregelt war, konnte
       auch das kleine Geschäft mit dem Epicier 2*) wieder geregelt wer-
       den. In Paris betrug die Masse der leidenden Papiere über 21 Mil-
       lionen Francs,  in den Provinzen über 11 Millionen. Geschäftliche
       Inhaber von  mehr als 7000 Pariser Häusern hatten ihre Miete seit
       Februar nicht gezahlt.
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       1*) Schankwirte - 2*) Kleinhändler
       
       #39# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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       Hatte die  Nationalversammlung eine  Enquête über  die   p o l i-
       t i s c h e   S c h u l d   bis zu den Grenzen des Februar hinauf
       angestellt, so  verlangten nun  die Kleinbürger  ihrerseits  eine
       Enquête über  die   b ü r g e r l i c h e n  S c h u l d e n  bis
       zum 24.  Februar. Sie  versammelten sich  massenhaft in  der Bör-
       senhalle und forderten drohend für jeden Kaufmann, der nachweisen
       könne, daß  er nur  durch die  von der  Revolution hervorgerufene
       Stockung fallit  geworden und  sein Geschäft  am 24.  Februar gut
       stand, Verlängerung  des Zahlungstermins  durch handelsgerichtli-
       ches Urteil und Nötigung des Gläubigers, für eine mäßige Prozent-
       zahlung seine Forderung zu liquidieren. Als Gesetzvorschlag wurde
       diese Frage  in der Nationalversammlung verhandelt unter der Form
       der concordats  à l'amiable.  [49] Die  Versammlung schwankte; da
       erfuhr sie  plötzlich, daß  gleichzeitig an  der Porte  St. Denis
       Tausende von  Frauen und Kindern der Insurgenten eine Amnestiepe-
       tition vorbereiteten.
       In Gegenwart des wiedererstandenen Junigespenstes erzitterten die
       Kleinbürger und gewann die Versammlung ihre Unerbittlichkeit wie-
       der. Die concordats à l'amiable, die freundschaftliche Verständi-
       gung zwischen  Gläubiger und Schuldner wurde in ihren wesentlich-
       sten Punkten verworfen.
       Nachdem also  längst innerhalb  der Nationalversammlung die demo-
       kratischen Vertreter  der Kleinbürger  von  den  republikanischen
       Vertretern der  Bourgeoisie zurückgestoßen  waren, erhielt dieser
       parlamentarische Bruch  seinen bürgerlichen, reellen ökonomischen
       Sinn, indem die Kleinbürger als Schuldner den Bourgeois als Gläu-
       bigern preisgegeben  wurden. Ein  großer Teil  der ersteren wurde
       vollständig ruiniert  und dem  Rest nur  gestattet, sein Geschäft
       fortzuführen unter  Bedingungen, die  ihn zum  unbedingten  Leib-
       eigenen des  Kapitals machten.  Am 22.  August 1848  verwarf  die
       Nationalversammlung die  concordats à l'amiable, am 19. September
       1848, mitten im Belagerungszustande, wurden der Prinz Louis Bona-
       parte und  der Gefangene von Vincennes, der Kommunist Raspail, zu
       Repräsentanten von Paris gewählt. Die Bourgeoisie aber wählte den
       jüdischen Wechsler  und Orleanisten  Fould. Also von allen Seiten
       auf einmal  offene Kriegserklärung  gegen die konstituierende Na-
       tionalversammlung, gegen  den Bourgeoisrepublikanismus, gegen Ca-
       vaignac.
       Es bedarf  keiner Ausführung,  wie der  massenhafte Bankerott der
       Pariser Kleinbürger seine Nachwirkungen weit über die unmittelbar
       Getroffenen fortwälzen  und den bürgerlichen Verkehr abermals er-
       schüttern mußte,  während das  Staatsdefizit durch die Kosten der
       Juniinsurrektion von  neuem anschwoll,  die Staatseinnahme  durch
       die aufgehaltene  Produktion, den  eingeschränkten Konsum und die
       abnehmende Einfuhr beständig sank. Cavaignac und die Nationalver-
       sammlung konnten zu keinem anderen Mittel ihre
       
       #40# Karl Marx
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       Zuflucht nehmen  als zu  einer neuen Anleihe, die sie noch tiefer
       in das Joch der Finanzaristokratie hineinzwängte.
       Hatten die  Kleinbürger als  Frucht des  Junisieges den Bankerott
       und die  gerichtliche Liquidation geerntet, so fanden dagegen die
       Janitscharen Cavaignacs,  die  M o b i l g a r d e n,  ihren Lohn
       in den weichen Armen der Loretten und empfingen sie, "die jugend-
       lichen Retter der Gesellschaft", Huldigungen aller Art in den Sa-
       lons von Marrast, des gentilhomme der Trikolore, der zugleich den
       Amphitryon und den Troubadour der honetten Republik abgab. Unter-
       dessen erbitterte diese gesellschaftliche Bevorzugung und der un-
       gleich höhere  Sold der  Mobilgarden die    A r m e e,    während
       gleichzeitig alle  nationalen Illusionen  verschwanden, womit der
       Bourgeoisrepublikanismus  durch  sein  Journal,  den  "National",
       einen Teil der Armee und der Bauernklasse unter Louis-Philippe an
       sich zu  fesseln gewußt hatte. Die Vermittelungsrolle, welche Ca-
       vaignac und  die Nationalversammlung  in    N o r d i t a l i e n
       spielten, um es gemeinsam mit England an Österreich zu verraten -
       dieser eine  Tag der Herrschaft vernichtete achtzehn Oppositions-
       jahre des  "National". Keine  Regierung weniger  national als die
       des "National",  keine abhängiger  von England,  und unter Louis-
       Philippe lebte er von der täglichen Umschreibung des Catonischen:
       Carthaginem esse  delendam [50]; keine serviler gegen die Heilige
       Allianz, und  von einem Guizot hatte er die Zerreißung der Wiener
       Verträge verlangt.  Die geschichtliche Ironie machte Bastide, den
       Exredakteur der  auswärtigen Angelegenheiten  des "National", zum
       Minister der  auswärtigen Angelegenheiten  Frankreichs, damit  er
       jeden seiner Artikel durch jede seiner Depeschen widerlege.
       Einen Augenblick  hatten Armee und Bauernklasse geglaubt, mit der
       Militärdiktatur sei  gleichzeitig der  Krieg nach  außen und  die
       "gloire" auf  die  Tagesordnung  Frankreichs  gesetzt.  Aber  Ca-
       vaignac, das war nicht die Diktatur des Säbels über die bürgerli-
       che Gesellschaft,  das war die Diktatur der Bourgeoisie durch den
       Säbel. Und  sie brauchten  jetzt vom  Soldaten nur  noch den Gen-
       darmen. Cavaignac verbarg unter den strengen Zügen antik-republi-
       kanischer Resignation  die fade Unterwürfigkeit unter die demüti-
       genden Bedingungen seines bürgerlichen Amtes. L'argent n'a pas de
       maître! Das  Geld hat  keinen Herrn!  Diesen alten Wahlspruch des
       tiers-état 1*) idealisierte er, wie überhaupt die konstituierende
       Versammlung, indem sie ihn in die politische Sprache übersetzten:
       Die Bourgeoisie hat keinen König, die wahre Form ihrer Herrschaft
       ist die Republik.
       Und diese   F o r m   ausarbeiten,  eine republikanische   K o n-
       s t i t u t i o n  anfertigen,
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       1*) dritten Standes
       
       #41# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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       darin bestand  das "große  organische Werk"  der konstituierenden
       Nationalversammlung. Die  Umtaufung des christlichen Kalenders in
       einen republikanischen, des heiligen Bartholomäus in den heiligen
       Robespierre [51], ändert nicht mehr an Wind und Wetter, als diese
       Konstitution an  der bürgerlichen  Gesellschaft  veränderte  oder
       verändern sollte.  Wo sie  über  den    K o s t ü m w e c h s e l
       hinausging, nahm  sie   v o r h a n d e n e   Tatsachen zu Proto-
       koll. So  registrierte sie  feierlich die  Tatsache der Republik,
       die Tatsache  des allgemeinen  Stimmrechts, die  Tatsache,  einer
       einzigen souveränen  Nationalversammlung an  Stelle der  zwei be-
       schränkten konstitutionellen Kammern. So registrierte und regelte
       sie die  Tatsache der  Diktatur Cavaignacs, indem sie das statio-
       näre, unverantwortliche Erbkönigtum durch ein ambulantes, verant-
       wortliches Wahlkönigtum  ersetzte, durch  eine  vierjährige  Prä-
       sidentschaft. So  erhob sie nicht minder zum konstituierenden Ge-
       setz die  Tatsache der außerordentlichen Gewalt, womit die Natio-
       nalversammlung nach den Schrecken des 15. Mai und des 25. Juni im
       Interesse der  eigenen Sicherheit  vorsorglich ihren  Präsidenten
       bekleidet hatte.  Der Rest der Konstitution war das Werk der Ter-
       minologie. Von dem Räderwerk der alten Monarchie wurden die roya-
       listischen Etiketten  abgerissen und  republikanisch  aufgeklebt.
       Marrast, ehemaliger Redakteur en chef des "National", nunmehr Re-
       dakteur en chef der Konstitution, entledigte sich dieser akademi-
       schen Aufgabe nicht ohne Talent.
       Die konstituierende Versammlung glich jenem chilenischen Beamten,
       der die Grundeigentumsverhältnisse durch eine Katastermessung fe-
       ster regulieren  wollte, in demselben Augenblick, wo der unterir-
       dische Donner  schon die  vulkanische Eruption angekündigt hatte,
       die den  Grund und  Boden selbst unter seinen Füßen wegschleudern
       sollte. Während  sie in  der Theorie die Formen abzirkelte, worin
       die Herrschaft  der Bourgeoisie republikanisch ausgedrückt wurde,
       behauptete sie  sich in  der Wirklichkeit nur durch die Aufhebung
       aller Formeln,  durch die Gewalt sans phrase, durch den  B e l a-
       g e r u n g s z u s t a n d.     Zwei  Tage,   bevor     sie  ihr
       Verfassungswerk  begann,   proklamierte  sie   seine   Fortdauer.
       Verfassungen wurden  früher gemacht  und angenommen,  sobald  der
       gesellschaftliche Umwälzungsprozeß  an einem  Ruhepunkt angelangt
       war, die  neugebildeten Klassenverhältnisse sich befestigt hatten
       und die  ringenden Fraktionen  der herrschenden  Klasse zu  einem
       Kompromiß flüchteten,  der ihnen  erlaubte, den  Kampf unter sich
       fortzusetzen  und   gleichzeitig  die  ermattete  Volksmasse  von
       demselben auszuschließen.  Diese  Konstitution  dagegen  sanktio-
       nierte keine  gesellschaftliche Revolution, sie sanktionierte den
       augenblicklichen Sieg der alten Gesellschaft über die Revolution.
       In dem  ersten Konstitutionsentwurf,  verfaßt vor  den Junitagen,
       befand sich  noch das  "droit au  travail", das Recht auf Arbeit,
       erste unbeholfene
       
       #42# Karl Marx
       -----
       Formel, worin  sich die revolutionären Ansprüche des Proletariats
       zusammenfassen.  [52]   Es  wurde   verwandelt  in  das  droit  à
       l'assistance, in  das Recht  auf öffentliche  Unterstützung,  und
       welcher moderne  Staat ernährt  nicht in  der einen  oder anderen
       Form seine Paupers? Das Recht auf Arbeit ist im bürgerlichen Sinn
       ein Widersinn,  ein elender,  frommer  Wunsch,  aber  hinter  dem
       Rechte auf  Arbeit steht  die Gewalt über das Kapital, hinter der
       Gewalt über das Kapital die Aneignung der Produktionsmittel, ihre
       Unterwerfung unter  die assoziierte Arbeiterklasse, also die Auf-
       hebung der  Lohnarbeit, des Kapitals und ihres Wechselverhältnis-
       ses. Hinter  dem "Recht  auf Arbeit"  stand die Juniinsurrektion.
       Die konstituierende  Versammlung, welche das revolutionäre Prole-
       tariat faktisch  hors la loi, außerhalb des Gesetzes stellte, sie
       mußte   s e i n e   Formel prinzipiell  aus der Konstitution, dem
       Gesetz der  Gesetze, herauswerfen, ihr Anathem verhängen über das
       "Recht auf  Arbeit". Aber  hier blieb  sie nicht stehn. Wie Plato
       aus seiner Republik die Poetent [53], verbannte sie aus der ihri-
       gen auf  ewige Zeiten  -  d i e  P r o g r e s s i v s t e u e r.
       Und die Progressivsteuer ist nicht nur eine bürgerliche Maßregel,
       ausführbar innerhalb  der bestehenden Produktionsverhältnisse auf
       größerer oder kleinerer Stufenleiter; sie war das einzige Mittel,
       die mittleren  Schichten der  bürgerlichen  Gesellschaft  an  die
       "honette" Republik  zu fesseln,  die Staatsschuld  zu reduzieren,
       der antirepublikanischen Majorität der Bourgeoisie Schach zu bie-
       ten.
       Bei Gelegenheit  der concordats à l'amiable hatten die trikoloren
       Republikaner  die   kleine  Bourgeoisie  tatsächlich  der  großen
       geopfert. Dies  vereinzelte Faktum  erhoben sie zum Prinzip durch
       die gesetzliche  Interdiktion der  Progressivsteuer. Sie  setzten
       die bürgerliche  Reform auf  gleiche Stufe mit der proletarischen
       Revolution. Aber  welche Klasse  blieb dann  als Halt ihrer Repu-
       blik? Die  große Bourgeoisie.  Und deren Masse war antirepublika-
       nisch. Wenn  sie die  Republikaner des  "National" ausbeutete, um
       die alten  ökonomischen Lebensverhältnisse  wieder zu befestigen,
       so gedachte sie die wiederbefestigten gesellschaftlichen Verhält-
       nisse andererseits auszubeuten, um die ihnen entsprechenden poli-
       tischen Formen  wiederherzustellen. Schon  Anfang Oktober sah Ca-
       vaignac sich  gezwungen, Dufaure  und Vivien,  ehemalige Minister
       Louis-Philippes, zu Ministern der Republik zu machen, so sehr die
       kopflosen Puritaner seiner eigenen Partei grollten und polterten.
       Während die  trikolore Konstitution jeden Kompromiß mit der klei-
       nen Bourgeoisie  verwarf und  kein neues Element der Gesellschaft
       an die  neue Staatsform  zu fesseln wußte, beeilte sie sich dage-
       gen, einem  Korps, worin  der alte  Staat seine verbissensten und
       fanatischsten Verteidiger fand, die traditionelle Unantastbarkeit
       wiederzugeben. Sie  erhob die von der provisorischen Regierung in
       Frage gestellte   U n a b s e t z b a r k e i t   d e r  R i c h-
       t e r  zum konstituierenden
       
       #43# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
       -----
       Gesetz. Der eine König, den sie abgesetzt, erstand schockweise in
       diesen unabsetzbaren Inquisitoren der Legalität.
       Die französische  Presse hat vielseitig die Widersprüche der Kon-
       stitution des  Herrn Marrast  auseinandergesetzt, z.B. das Neben-
       einanderstehen von  zwei Souveränen,  der Nationalversammlung und
       dem Präsidenten usw. usw.
       Der  umfassende  Widerspruch  aber  dieser  Konstitution  besteht
       darin: Die Klassen, deren gesellschaftliche Sklaverei sie verewi-
       gen soll,  Proletariat, Bauern,  Kleinbürger, setzt sie durch das
       allgemeine Stimmrecht  in den  Besitz der  politischen Macht. Und
       der Klasse,  deren alte gesellschaftliche Macht sie sanktioniert,
       der Bourgeoisie,  entzieht sie  die politischen  Garantien dieser
       Macht. Sie zwängt ihre politische Herrschaft in demokratische Be-
       dingungen, die  jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg
       verhelfen und die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft selbst
       in Fragen  stellen. Von  den einen  verlangt sie, daß sie von der
       politischen Emanzipation  nicht zur sozialen fort-, von den ande-
       ren, daß  sie von der sozialen Restauration nicht zur politischen
       zurückgehen.
       Wenig kümmerten  diese Widersprüche die Bourgeoisrepublikaner. In
       demselben Maße, als sie aufhörten,  u n e n t b e h r l i c h  zu
       sein, und  unentbehrlich waren sie nur als die Vorkämpfer der al-
       ten Gesellschaft  gegen das revolutionäre Proletariat, wenige Wo-
       chen nach  ihrem Siege, sanken sie von der Stellung einer  P a r-
       t e i   zu der einer  K o t e r i e  herab. Und die Konstitution,
       sie behandelten  sie als  eine große   I n t r i g e.  Was in ihr
       konstituiert werden  sollte, war  vor allem  die  Herrschaft  der
       Koterie. Der Präsident sollte der verlängerte Cavaignac sein, die
       legislative  Versammlung   eine  verlängerte   Konstituante.  Die
       politische Macht der Volksmassen hofften sie zur Scheinmacht her-
       absetzen und mit dieser Scheinmacht selbst hinreichend spielen zu
       können, um über die Majorität der Bourgeoisie fortdauernd das Di-
       lemma der  Junitage zu  verhängen:  R e i c h  d e s  "N a t i o-
       n a l"  oder  R e i c h  d e r  A n a r c h i e.
       Das am  4. September  begonnene Verfassungswerk  wurde am 23. Ok-
       tober beendet.  Am 2.  September hatte die Konstituante beschlos-
       sen, sich nicht aufzulösen, bis die organischen, die Konstitution
       ergänzenden Gesetze  erlassen seien. Nichtsdestoweniger entschied
       sie sich  nun, ihr  eigenstes Geschöpf, den Präsidenten, schon am
       10.Dezember ins  Leben zu  rufen, lange bevor der Kreislauf ihres
       eigenen Wirkens geschlossen war. So gewiß war sie, in dem Konsti-
       tutions-Homunkulus den  Sohn seiner  Mutter zu begrüßen. Zur Vor-
       sorge war  die Anstalt getroffen, daß, wenn keiner der Kandidaten
       zwei Millionen  Stimmen zähle,  die Wahl  von der  Nation auf die
       Konstituante übergehe.
       
       #44# Karl Marx
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       Vergebliche Vorkehrungen!  Der erste  Tag der  Verwirklichung der
       Konstitution war  der letzte Tag der Herrschaft der Konstituante.
       Im Abgrunde  der Wahlurne  lag ihr  Todesurteil. Sie  suchte  den
       "Sohn seiner  Mutter", und  sie fand  den "Neffen seines Onkels".
       Saulus Cavaignac schlug eine Million Stimmen, aber David Napoleon
       schlug sechs Millionen. Sechsmal war Saulus Cavaignac geschlagen.
       [54]
       Der 10.  Dezember 1848  war der  Tag der   B a u e r n i n s u r-
       r e k t i o n.   Erst von diesem Tage an datierte der Februar für
       die französischen  Bauern. Das  Symbol, das ihren Eintritt in die
       revolutionäre Bewegung ausdrückte, unbeholfen-verschlagen, schur-
       kisch-naiv, tölpelhaft-sublim,  ein berechneter  Aberglaube, eine
       pathetische Burleske,  ein  genial-alberner  Anachronismus,  eine
       weltgeschichtliche  Eulenspiegelei,  unentzifferbare  Hieroglyphe
       für den  Verstand der Zivilisierten - trug dies Symbol unverkenn-
       bar die  Physiognomie der  Klasse, welche innerhalb der Zivilisa-
       tion die Barbarei vertritt. Die Republik hatte sich bei ihr ange-
       kündigt mit  dem  S t e u e r e x e k u t o r,  sie kündigte sich
       bei der  Republik an  mit dem  Kaiser. Napoleon  war der  einzige
       Mann, der  die Interessen  und  die  Phantasie  der  1789  neuge-
       schaffenen Bauernklasse  erschöpfend vertreten  hatte. Indem  sie
       seinen Namen  auf das  Frontispiz der  Republik schrieb, erklärte
       sie nach  außen den  Krieg, nach  innen die  Geltendmachung ihres
       Klasseninteresses. Napoleon, das war für die Bauern keine Person,
       sondern ein  Programm. Mit Fahnen, mit klingendem Spiel zogen sie
       auf die  Wahlstätte unter  dem Rufe:  plus d'impôts,  à  bas  les
       riches, à bas la république, vive l'Empereur. Keine Steuern mehr,
       nieder mit  den Reichen,  nieder mit  der Republik,  es lebe  der
       Kaiser! Hinter  dem Kaiser  verbarg  sich  der  Bauernkrieg.  Die
       Republik, die  sie niedervotiert,  es war  die    R e p u b l i k
       d e r  R e i c h e n.
       Der 10.  Dezember war  der coup  d'état 1*)  der Bauern,  der die
       bestehende Regierung  stürzte. Und  von diesem  Tage an,  wo  sie
       Frankreich eine  Regierung genommen,  eine Regierung gegeben hat-
       ten, war  ihr Auge  unverrückt auf  Paris gerichtet. Einen Augen-
       blick aktive  Helden des revolutionären Dramas, konnten sie nicht
       mehr in  die tat-  und willenlose  Rolle des Chors zurückgedrängt
       werden.
       Die übrigen  Klassen trugen  bei,  den  Wahlsieg  der  Bauern  zu
       vervollständigen. Die Wahl Napoleons, sie war für das  P r o l e-
       t a r i a t   die Absetzung  Cavaignacs, der  Sturz  der  Konsti-
       tuante, die Abdankung des Bourgeoisrepublikanismus, die Kassation
       des Junisieges.  Für die  k l e i n e  B o u r g e o i s i e  war
       Napoleon die  Herrschaft des  Schuldners über  den Gläubiger. Für
       die Majorität der
       -----
       1*) Staatsstreich
       
       #45# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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       g r o ß e n   B o u r g e o i s i e   war die  Wahl Napoleons der
       offene Bruch  mit der  Fraktion, deren  sie sich einen Augenblick
       gegen die  Revolution bedienen  mußte, die  ihr aber unerträglich
       wurde, sobald  sie die  Stellung des Augenblicks als konstitutio-
       nelle Stellung  zu befestigen  suchte. Napoleon an der Stelle Ca-
       vaignacs, es  war für  sie die  Monarchie an der Stelle der Repu-
       blik, der  Beginn der royalistischen Restauration, der schüchtern
       angedeutete Orléans,  die unter  Veilchen versteckte  Lilie [55].
       Die  A r m e e  endlich stimmte in Napoleon gegen die Mobilgarde,
       gegen die Friedensidylle, für den Krieg.
       So geschah  es, wie  die "Neue Rheinische Zeitung" sagte, daß der
       einfältigste Mann  Frankreichs die  vielfältigste  Bedeutung  er-
       hielt. [56]  Eben weil  er nichts  war, konnte er alles bedeuten,
       nur nicht  sich selbst.  So verschieden indessen der Sinn des Na-
       mens Napoleon  im Munde  der verschiedenen  Klassen sein  mochte,
       jede schrieb  mit diesem  Namen auf  ihr Bulletin: Nieder mit der
       Partei des  "National", nieder mit Cavaignac, nieder mit der Kon-
       stituante, nieder mit der Bourgeoisrepublik. Der Minister Dufaure
       erklärte es  öffentlich in  der konstituierenden Versammlung: Der
       10. Dezember ist ein zweiter 24. Februar.
       Kleinbürgerschaft und Proletariat hatten en bloc  f ü r  Napoleon
       gestimmt, um  g e g e n  Cavaignac zu stimmen und durch Zusammen-
       halten der Stimmen der Konstituante die schließliche Entscheidung
       zu entreißen.  Indes stellte  der fortgeschrittenste  Teil beider
       Klassen seine  eigenen Kandidaten  auf. Napoleon  war der  K o l-
       l e k t i v n a m e   aller gegen  die  Bourgeoisrepublik  koali-
       sierten Parteien,  Ledru-Rollin und  Raspail waren die E i g e n-
       n a m e n,   jener der  demokratischen Kleinbürgerschaft,  dieser
       des revolutionären  Proletariats. Die  Stimmen für  Raspail - die
       Proletarier und ihre sozialistischen Wortführer erklärten es laut
       - sollten  eine bloße  Demonstration sein,  ebenso viele Proteste
       gegen jede  Präsidentur,  d.h.  gegen  die  Konstitution  selbst,
       ebenso viele  Stimmen gegen  Ledru-Rollin, der erste Akt, wodurch
       das Proletariat  sich als  selbständige politische Partei von der
       demokratischen Partei  lossagte. [57]  Diese Partei dagegen - die
       demokratische Kleinbürgerschaft  und  ihr  parlamentarischer  Re-
       präsentant, die  Montagne - behandelten die Kandidatur Ledru-Rol-
       lins mit  all dem  Ernste, womit  sie sich selbst zu düpieren die
       feierliche Angewöhnung  haben. Es  war dies  übrigens ihr letzter
       Versuch, sich  als selbständige  Partei dem Proletariat gegenüber
       aufzuwerfen. Nicht  nur die republikanische Bourgeoispartei, auch
       die demokratische  Kleinbürgerschaft und  ihre Montagne wurden am
       10. Dezember geschlagen.
       Frankreich besaß  jetzt neben  einer Montagne einen Napoleon, Be-
       weis, daß  beide nur die leblosen Zerrbilder der großen Wirklich-
       keiten waren, deren Namen sie trugen. Louis-Napoleon mit dem Kai-
       serhut und dem Adler parodierte
       
       #46# Karl Marx
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       nicht elender den alten Napoleon, als die Montagne mit ihren 1793
       entlehnten Phrasen  und ihren demagogischen Posen die alte Monta-
       gne parodierte.  Der traditionelle  Aberglaube an  1793 wurde  so
       gleichzeitig abgestreift  mit dem  traditionellen Aberglauben  an
       Napoleon. Die  Revolution war erst bei sich selbst angelangt, so-
       bald sie  ihren  e i g e n e n,  o r i g i n e l l e n  Namen ge-
       wonnen hatte,  und das konnte sie nur, sobald die moderne revolu-
       tionäre Klasse, das industrielle Proletariat, herrschend in ihren
       Vordergrund trat. Man kann sagen, daß der 10. Dezember die Monta-
       gne schon  darum verblüffte  und an  ihrem eigenen  Verstand irre
       werden ließ,  weil er die klassische Analogie mit der alten Revo-
       lution durch einen schnöden Bauernwitz lachend abbrach.
       Am 20.  Dezember legte Cavaignac sein Amt nieder, und die konsti-
       tuierende Versammlung  proklamierte Louis-Napoleon  als Präsident
       der Republik. Am 19. Dezember, dem letzten Tage ihrer Alleinherr-
       schaft, verwarf  sie den Antrag auf Amnestie der Juniinsurgenten.
       Das Dekret  vom 27. Juni widerrufen, wodurch sie 15 000 Insurgen-
       ten mit  Umgehung des  richterlichen Urteils zur Deportation ver-
       dammt hatte, hieß es nicht die Junischlacht selbst widerrufen?
       Odilon Barrot, der letzte Minister Louis-Philippes, wurde der er-
       ste Minister  Louis-Napoleons. Wie  Louis-Napoleon den Tag seiner
       Herrschaft nicht vom 10. Dezember datierte, sondern von einem Se-
       natusconsult von 1804 [58], so fand er einen Ministerpräsidenten,
       der sein Ministerium nicht vom 20. Dezember datierte, sondern von
       einem Königlichen  Dekret vom  24. Februar.  Als  legitimer  Erbe
       Louis-Philippes  milderte  Louis-Napoleon  den  Regierungswechsel
       durch Beibehaltung  des alten  Ministeriums, das zudem keine Zeit
       gewonnen hatte,  sich abzunutzen,  weil es  keine  Zeit  gefunden
       hatte, ins Leben zu treten.
       Die Chefs  der royalistischen  Bourgeoisfraktionen rieten  ihm zu
       dieser Wahl. Das Haupt der alten dynastischen Opposition, das be-
       wußtlos den Übergang zu den Republikanern des "National" gebildet
       hatte, war  noch geeigneter,  mit vollem  Bewußtsein den Übergang
       von der Bourgeoisrepublik zur Monarchie zu bilden.
       Odilon Barrot  war der Chef der einzigen alten Oppositionspartei,
       die, immer vergeblich nach dem Ministerportefeuille ringend, sich
       noch  nicht   verschlissen  hatte.  In  rascher  Aufeinanderfolge
       schleuderte die Revolution alle alten Oppositionsparteien auf die
       Staatshöhe, damit  sie nicht  nur in  der Tat,  sondern  mit  der
       Phrase selbst  ihre alten  Phrasen verleugnen,  widerrufen mußten
       und  schließlich,   in  einem  widerlichen  Mischkörper  vereint,
       allzumal von  dem Volke  auf den  Schindanger der  Geschichte ge-
       schleudert würden.
       
       #47# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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       Und keine  Apostasie wurde diesem Barrot erspart, dieser Inkorpo-
       ration des bürgerlichen Liberalismus, der achtzehn Jahre hindurch
       die schuftige  Hohlheit seines Geistes unter ein ernsttuendes Be-
       nehmen seines Körpers versteckt hatte. Wenn in einzelnen Momenten
       der gar  zu stechende Kontrast zwischen den Disteln der Gegenwart
       und den  Lorbeeren der Vergangenheit ihn selbst aufschreckte, gab
       ein Blick  in den  Spiegel die ministerielle Fassung und die men-
       schliche  Selbstbewunderung  zurück.  Was  ihm  aus  dem  Spiegel
       entgegenstrahlte, war  Guizot, den  er stets  beneidet,  der  ihn
       stets gemeistert  hatte, Guizot selbst, aber Guizot mit der olym-
       pischen Stirne  Odilons. Was  er übersah,  waren  die  Midasohren
       [59].
       Der Barrot  vom 24. Februar wurde erst offenbar in dem Barrot vom
       20. Dezember.  Ihm, dem  Orleanisten und  Voltairianer,  gesellte
       sich als Kultusminister bei - der Legitimist und Jesuit Falloux.
       Wenige Tage  später wurde das Ministerium des Innern an Léon Fau-
       cher, den  Malthusianer, überwiesen. Das Recht, die Religion, die
       politische Ökonomie!  Das Ministerium  Barrot enthielt alles dies
       und zudem  eine Vereinigung der Legitimisten und Orleanisten. Nur
       der Bonapartist  fehlte. Noch  versteckte Bonaparte  das Gelüste,
       den Napoleon  zu bedeuten,  denn Soulouque spielte noch nicht den
       Toussaint-Louverture [60].
       Sofort wurde die Partei des "National" ausgehoben aus allen höhe-
       ren Posten,  worin sie  sich eingenistet hatte. Polizeipräfektur,
       Postdirektion, Generalprokuratur,  Mairie von  Paris, alles wurde
       mit alten Kreaturen der Monarchie besetzt. Changarnier, der Legi-
       timist, erhielt das vereinigte Oberkommando der Nationalgarde des
       Seine-Departements, der  Mobilgarde und der Linientruppen der er-
       sten Militärdivision;  Bugeaud, der  Orleanist, wurde zum Oberbe-
       fehlshaber der  Alpenarmee ernannt. Dieser Beamtenwechsel dauerte
       ununterbrochen fort  unter der  Regierung Barrot.  Der erste  Akt
       seines Ministeriums war die Restauration der alten royalistischen
       Administration. In einem Nu verwandelte sich die offizielle Szene
       - Kulissen,  Kostüme, Sprache,  Schauspieler, Figuranten,  Stati-
       sten, Souffleure,  Stellung der  Parteien, Motive des Dramas, In-
       halt der  Kollision, die  gesamte Situation. Nur die vorweltliche
       konstituierende Versammlung  befand sich  noch auf  ihrem  Platz.
       Aber von der Stunde, wo die Nationalversammlung den Bonaparte, wo
       Bonaparte den  Barrot,  wo  Barrot  den  Changarnier  installiert
       hatte, trat  Frankreich aus der Periode der republikanischen Kon-
       stituierung in  die Periode  der konstituierten  Republik. Und in
       der konstituierten Republik, was sollte eine konstituierende Ver-
       sammlung? Nachdem  die Erde  geschaffen war, blieb ihrem Schöpfer
       nichts übrig,  als in den Himmel zu flüchten. Die konstituierende
       Versammlung war  entschlossen, nicht  seinem Beispiele zu folgen,
       die Nationalversammlung war
       
       #48# Karl Marx
       -----
       das letzte  Asyl der  Partei der  Bourgeoisrepublikaner. Wenn ihr
       alle Handhaben  der exekutiven  Gewalt entrissen waren, blieb ihr
       nicht die  konstituierende Allmacht?  Den souveränen  Posten, den
       sie innehatte,  unter allen  Umständen behaupten und von hier aus
       das verlorene  Terrain wiedererobern,  es war ihr erster Gedanke.
       Das Ministerium  Barrot durch ein Ministerium des "National" ver-
       drängt, und  das royalistische  Personal mußte sofort die Paläste
       der Administration  räumen, und das trikolore Personal zog trium-
       phierend wieder  ein. Die  Nationalversammlung beschloß den Sturz
       des Ministeriums, und das Ministerium selbst bot eine Gelegenheit
       des Angriffs,  wie die  Konstituante sie nicht passender erfinden
       konnte.
       Man erinnert  sich, daß Louis Bonaparte für die Bauern bedeutete:
       Keine Steuern  mehr! Sechs  Tage saß er auf dem Präsidentenstuhl,
       und am  siebenten Tage,  am 27. Dezember, schlug sein Ministerium
       die Beibehaltung der Salzsteuer vor, deren Abschaffung die provi-
       sorische Regierung dekretiert hatte. Die Salzsteuer teilt mit der
       Weinsteuer das  Privilegium, der  Sündenbock des  alten französi-
       schen Finanzsystems  zu sein,  besonders in  den Augen  des Land-
       volkes. Dem Auserwählten der Bauern konnte das Ministerium Barrot
       kein beißenderes  Epigramm auf seine Wähler in den Mund legen als
       die Worte:  Wiederherstellung der  Salzsteuer! Mit der Salzsteuer
       verlor Bonaparte sein revolutionäres Salz - der Napoleon der Bau-
       erninsurrektion zerrann  wie ein  Nebelbild, und  es blieb nichts
       zurück  als   der  große   Unbekannte  der  royalistischen  Bour-
       geoisintrige. Und  nicht ohne Absicht machte das Ministerium Bar-
       rot diesen Akt taktlos grober Enttäuschung zum ersten Regierungs-
       akt des Präsidenten.
       Die Konstituante  ihrerseits ergriff  begierig die doppelte Gele-
       genheit, das  Ministerium zu stürzen und dem Erwählten der Bauern
       gegenüber sich  als Vertreterin des Bauerninteresses aufzuwerfen.
       Sie verwarf  den Vorschlag  des Finanzministers,  reduzierte  die
       Salzsteuer auf  ein Drittel ihres früheren Betrages, vermehrte so
       um 60 Millionen ein Staatsdefizit von 560 Millionen und erwartete
       nach diesem  M i ß t r a u e n s v o t u m  ruhig den Abtritt des
       Ministeriums. So wenig begriff sie die neue Welt, von der sie um-
       geben war,  und die  eigene veränderte Stellung. Hinter dem Mini-
       sterium stand der Präsident, und hinter dem Präsidenten standen 6
       Millionen, die ebenso viele Mißtrauensvota gegen die Konstituante
       in die Wahlurne niedergelegt hatten. Die Konstituante gab der Na-
       tion ihr Mißtrauensvotum zurück. Lächerlicher Austausch! Sie ver-
       gaß, daß ihre Vota den Zwangskurs verloren hatten. Die Verwerfung
       der Salzsteuer reifte nur den Entschluß Bonapartes und seines Mi-
       nisteriums, mit  der konstituierenden Versammlung "zu enden". Je-
       nes lange  Duell begann,  das die  ganze letzte  Lebenshälfte der
       Konstituante ausfüllt. Der 29. Januar, der
       
       #49# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
       -----
       21. März,  der 8.  Mai sind  die journées, die großen Tage dieser
       Krise, ebenso viele Vorläufer des 13. Juni.
       Die Franzosen,  z.B. Louis  Blanc, haben  den 29.  Januar als das
       Heraustreten eines  konstitutionellen Widerspruchs aufgefaßt, des
       Widerspruchs zwischen  einer souveränen,  unauflösbaren, aus  dem
       allgemeinen Stimmrecht  hervorgegangenen Nationalversammlung  und
       einem Präsidenten,  dem Wortlaut  nach  ihr  verantwortlich,  der
       Wirklichkeit nach nicht nur ebenfalls sanktioniert durch das all-
       gemeine Stimmrecht und zudem in seiner Person alle Stimmen verei-
       nigend, die  sich auf  die  einzelnen  Mitglieder  der  National-
       versammlung verteilen  und hundertfach zersplittern, sondern auch
       im Vollbesitz  der ganzen exekutiven Gewalt, über welcher die Na-
       tionalversammlung nur  als moralische Macht schwebt. Diese Ausle-
       gung des  29. Januar  verwechselt die Sprache des Kampfes auf der
       Tribüne, durch die Presse, in den Klubs mit seinem wirklichen In-
       halt. Louis Bonaparte gegenüber der konstituierenden Nationalver-
       sammlung, das  war nicht  eine einseitige konstitutionelle Gewalt
       gegenüber der  anderen, das  war nicht  die  vollziehende  Gewalt
       gegenüber der  gesetzgebenden, das  war die  konstituierte  Bour-
       geoisrepublik selbst  gegenüber den  Werkzeugen ihrer Konstituie-
       rung, gegenüber  den ehrsüchtigen  Intrigen und den ideologischen
       Forderungen der  revolutionären Bourgeoisfraktion, welche sie be-
       gründet hatte und nun verwundert fand, daß ihre konstituierte Re-
       publik wie  eine restaurierte Monarchie aussah, und nun gewaltsam
       die konstituierende Periode mit ihren Bedingungen, ihren Illusio-
       nen, ihrer  Sprache und  ihren Personen  festhalten und die reife
       Bourgeoisrepublik verhindern  wollte, in  ihrer vollständigen und
       eigentümlichen Gestalt  herauszutreten. Wie  die  konstituierende
       Nationalversammlung den  in sie  zurückgefallenen Cavaignac  ver-
       trat, so  Bonaparte die noch nicht von ihm losgeschiedene gesetz-
       gebende Nationalversammlung,  d. h.  die Nationalversammlung  der
       konstituierten Bourgeoisrepublik.
       Die Wahl  Bonapartes konnte  sich erst auslegen, indem sie an die
       Stelle des   e i n e n   Namens  seine  vielsinnigen  Bedeutungen
       setzte, indem  sie sich  wiederholte in der Wahl der neuen Natio-
       nalversammlung. Das  Mandat der alten hatte der 10. Dezember kas-
       siert. Was sich also am 29. Januar gegenübertrat, das waren nicht
       der Präsident  und  die  Nationalversammlung    d e r s e l b e n
       Republik, das  war die Nationalversammlung der werdenden Republik
       und der  Präsident der gewordenen Republik, zwei Mächte, die ganz
       verschiedene Perioden des Lebensprozesses der Republik verkörper-
       ten, das war die kleine republikanische Fraktion der Bourgeoisie,
       welche allein  die Republik  proklamieren, sie dem revolutionären
       Proletariat durch  den Straßenkampf und durch die Schreckensherr-
       schaft abringen und in der Konstitution ihre idealen Grundzüge
       
       #50# Karl Marx
       -----
       entwerfen konnte,  und andererseits die ganze royalistische Masse
       der Bourgeoisie,  welche allein  in dieser  konstituierten  Bour-
       geoisrepublik herrschen,  der Konstitution ihre ideologischen Zu-
       taten abstreifen  und die  unumgänglichen Bedingungen  zur Unter-
       jochung des  Proletariats durch  ihre Gesetzgebung und durch ihre
       Administration verwirklichen konnte.
       Das Ungewitter,  das sich  am 29.  Januar entlud,  sammelte seine
       Elemente während  des  ganzen  Monats  Januar.  Die  Konstituante
       wollte durch  ihr Mißtrauensvotum  das Ministerium Barrot zur Ab-
       dankung treiben.  Das Ministerium  Barrot schlug dagegen der Kon-
       stituante vor, sich selbst ein definitives Mißtrauensvotum zu ge-
       ben, ihren  Selbstmord zu beschließen, ihre  e i g e n e  A u f -
        l ö s u n g   zu dekretieren. Rateau, einer der obskursten Depu-
       tierten, stellte  der Konstituante,  auf Befehl des Ministeriums,
       am 6.  Januar diesen Antrag, derselben Konstituante, die schon im
       August beschlossen  hatte, sich  nicht aufzulösen,  bis sie  eine
       ganze Reihe organischer, die Konstitution ergänzender Gesetze er-
       lassen hätte. Der ministerielle Fould erklärte ihr geradezu, ihre
       Auflösung sei  nötig "zur  Wiederherstellung des  gestörten  Kre-
       dits". Und störte sie nicht den Kredit, indem sie das Provisorium
       verlängerte und  mit Barrot  den Bonaparte  und mit Bonaparte die
       konstituierte Republik wieder in Frage stellte? Barrot, der Olym-
       pische, zum rasenden Roland geworden durch die Aussicht, die end-
       lich erhaschte  Ministerpräsidentschaft, die ihm die Republikaner
       schon einmal  um ein Dezennium, d.h., um zehn Monate vertagt hat-
       ten, nach kaum zweiwöchentlichem Genüsse sich wieder entrissen zu
       sehen, Barrot übertyrannisierte dieser elenden Versammlung gegen-
       über den  Tyrannen. Das  mildeste seiner  Worte war, "mit ihr sei
       keine Zukunft  möglich". Und  wirklich, sie  vertrat nur noch die
       Vergangenheit. "Sie  sei unfähig",  fügte er ironisch hinzu, "die
       Republik mit  den Institutionen zu umgeben, die zu ihrer Befesti-
       gung nötig  seien." [61] Und in der Tat! Mit dem ausschließlichen
       Gegensatz gegen  das Proletariat war gleichzeitig ihre Bourgeois-
       energie gebrochen,  und mit  dem Gegensatz  gegen die  Royalisten
       ihre republikanische  Überschwenglichkeit neu  aufgelebt. So  war
       sie doppelt  unfähig, die  Bourgeoisrepublik, die  sie nicht mehr
       begriff, durch die entsprechenden Institutionen zu befestigen.
       Mit dem  Vorschlag Rateaus  beschwor das Ministerium gleichzeitig
       einen Petitionssturm  im ganzen  Lande herauf, und täglich flogen
       aus allen  Winkeln Frankreichs  der Konstituante  Ballen von bil-
       lets-doux 1*) an den Kopf, worin sie mehr oder minder kategorisch
       ersucht wurde,  sich aufzulösen  und ihr Testament zu machen. Die
       Konstituante ihrerseits rief Gegenpetitionen hervor,
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       1*) Liebesbriefchen
       
       #51# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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       worin sie  sich auffordern  ließ, am  Leben zu bleiben. Der Wahl-
       kampf zwischen  Bonaparte und  Cavaignac erneuerte sich als Peti-
       tionenkampf für  und gegen die Auflösung der Nationalversammlung.
       Die Petitionen  sollten die nachträglichen Kommentare des 10. De-
       zember sein.  Während des  ganzen Januars dauerte diese Agitation
       fort.
       In dem  Konflikt zwischen  der Konstituante  und dem  Präsidenten
       konnte sie  nicht auf  die allgemeine Wahl als ihren Ursprung zu-
       rückgehen, denn  man appellierte von ihr an das allgemeine Stimm-
       recht. Sie konnte sich auf keine regelmäßige Gewalt stützen, denn
       es handelte sich um den Kampf gegen die legale Gewalt. Sie konnte
       das Ministerium  nicht durch  Mißtrauensvota stürzen,  wie sie es
       noch einmal  am 6. und 26. Januar versuchte, denn das Ministerium
       verlangte ihr Vertrauen nicht. Es blieb ihr nur eine Möglichkeit,
       die der  I n s u r r e k t i o n.  Die Streitkräfte der Insurrek-
       tion waren  der   r e p u b l i k a n i s c h e   T e i l   d e r
       N a t i o n a l g a r d e   [18], die   M o b i l g a r d e  [31]
       und die  Zentren des revolutionären Proletariats, die  K l u b s.
       Die Mobilgarden,  diese Helden  der Junitage,  bildeten ebenso im
       Dezember die  organisierte Streitkraft der republikanischen Bour-
       geoisfraktion, wie  vor  dem  Juni  die    N a t i o n a l a t e-
       l i e r s   [32] die  organisierte Streitkraft des revolutionären
       Proletariats gebildet  hatten. Wie  die exekutive  Kommission der
       Konstituante ihren  brutalen  Angriff  auf  die  Nationalateliers
       richtete, als  sie mit den unerträglich gewordenen Ansprüchen des
       Proletariats enden  mußte, so  das Ministerium Bonapartes auf die
       Mobilgarde, als es mit den unerträglich gewordenen Ansprüchen der
       republikanischen Bourgeoisfraktion  enden  mußte.  Es  verordnete
       d i e   A u f l ö s u n g   d e r  M o b i l g a r d e.  Die eine
       Hälfte derselben  wurden entlassen und auf das Pflaster geworfen,
       die andere  erhielt an der Stelle der demokratischen Organisation
       eine monarchische,  und ihr  Sold wurde auf den gewöhnlichen Sold
       der Linientruppen  herabgesetzt. Die  Mobilgarde fand sich in der
       Lage der  Juniinsurgenten, und täglich brachte die Zeitungspresse
       ö f f e n t l i c h e   B e i c h t e n,   worin sie  ihre Schuld
       vom Juni bekannte und das Proletariat um Vergebung anflehte.
       Und die   K l u b s?   Von dem Augenblick, wo die konstituierende
       Versammlung in  Barrot den Präsidenten und in dem Präsidenten die
       konstituierte Bourgeoisrepublik  und in  der konstituierten Bour-
       geoisrepublik die  Bourgeoisrepublik überhaupt  in Frage stellte,
       reihten sich  notwendig alle  konstituierenden Elemente  der  Fe-
       bruarrepublik um  sie zusammen, alle Parteien, welche die vorhan-
       dene Republik  umstürzen und  sie durch  einen gewaltsamen  Rück-
       bildungsprozeß als die Republik ihrer Klasseninteressen und Prin-
       zipien umgestalten  wollten. Das  Geschehene war wieder ungesche-
       hen, die Kristallisationen der revolutionären Bewegung waren wie-
       der flüssig  geworden, die  Republik, um  die gekämpft wurde, war
       wieder die unbestimmte Republik der
       
       #52# Karl Marx
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       Februartage, deren  Bestimmung sich  jede Partei  vorbehielt. Die
       Parteien nahmen  einen Augenblick  wieder ihre alten Februarstel-
       lungen ein, ohne die Illusionen des Februar zu teilen. Die triko-
       loren Republikaner des "National" lehnten sich wieder auf die de-
       mokratischen Republikaner der "Reforme" und drängten sie als Vor-
       kämpfer in den Vordergrund des parlamentarischen Kampfes. Die de-
       mokratischen Republikaner lehnten sich wieder auf die sozialisti-
       schen Republikaner  - am  27. Januar  verkündete ein öffentliches
       Manifest ihre  Aussöhnung und  Vereinigung [62]  - und bereiteten
       sich in  den Klubs ihren insurrektionellen Hintergrund. Die mini-
       sterielle Presse behandelte mit Recht die trikoloren Republikaner
       des "National" als die wiedererstandenen Insurgenten des Juni. Um
       sich an  der Spitze  der Bourgeoisrepublik zu behaupten, stellten
       sie die  Bourgeoisrepublik selbst  in Frage. Am 26. Januar schlug
       der Minister  Faucher ein  Gesetz über das Assoziationsrecht vor,
       dessen erster  Paragraph lautete:  "Die Klubs sind untersagt." Er
       stellte den Antrag, diesen Gesetzentwurf sofort als dringlich zur
       Diskussion zu  bringen. Die  Konstituante verwarf  den Dringlich-
       keitsantrag, und  am 27. Januar deponierte Ledru-Rollin einen An-
       trag auf Versetzung des Ministeriums in Anklagezustand wegen Ver-
       letzung der  Konstitution, unterzeichnet  von 230 Unterschriften.
       [63] Die  Versetzung des Ministeriums in Anklagezustand im Augen-
       blicke, wo  ein solcher  Akt die taktlose Enthüllung der Ohnmacht
       des Richters, nämlich der Kammermajorität, war, oder ein ohnmäch-
       tiger Protest des Anklägers gegen diese Majorität selbst, das war
       der große revolutionäre Trumpf, den die nachgeborene Montagne von
       nun an  auf jedem Höhepunkte der Krise ausspielte. Arme Montagne,
       von der Wucht ihres eigenen Namens erdrückt!
       Blanqui, Barbès,  Raspail usw.  hatten am 15. Mai die konstituie-
       rende Versammlung  zu sprengen  versucht, indem sie an der Spitze
       des Pariser  Proletariats in  ihren Sitzungssaal eindrangen. [38]
       Barrot bereitete  derselben Versammlung einen moralischen 15. Mai
       vor, indem  er ihre Selbstauflösung diktieren und ihren Sitzungs-
       saal schließen  wollte. Dieselbe Versammlung hatte Barrot mit der
       Enquête gegen  die Maiangeklagten  beauftragt [45]  und jetzt, in
       diesem Augenblicke,  wo er ihr gegenüber als royalistischer Blan-
       qui erschien,  wo sie ihm gegenüber in den Klubs, bei den revolu-
       tionären Proletariern,  in der  Partei Blanquis  ihre  Alliierten
       suchte, in  diesem Augenblick  folterte der  unerbittliche Barrot
       sie mit dem Antrag, die Maigefangenen dem Geschworenengerichte zu
       entziehen und  dem von der Partei des "National" erfundenen Hoch-
       gericht, der haute cour zu überweisen. Merkwürdig, wie die aufge-
       hetzte Angst um ein Ministerportefeuille aus dem Kopfe eines Bar-
       rot Pointen,  würdig eines  Beaumarchais, herausschlagen  konnte!
       Die Nationalversammlung
       
       #53# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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       nach langem  Schwanken nahm  seinen Antrag an. Den Maiattentätern
       gegenüber trat sie in ihren normalen Charakter zurück.
       Wenn die Konstituante dem Präsidenten und den Ministern gegenüber
       zur  I n s u r r e k t i o n,  so wurde der Präsident und das Mi-
       nisterium der  Konstituante gegenüber zum Staatsstreich gedrängt,
       denn sie  besaßen kein  gesetzliches Mittel, sie aufzulösen. Aber
       die Konstituante war die Mutter der Konstitution, und die Konsti-
       tution war die Mutter des Präsidenten. Mit dem Staatsstreich zer-
       riß  der   Präsident  die   Konstitution   und   löschte   seinen
       republikanischen Rechtstitel  aus. Er war dann gezwungen, den im-
       perialistischen Rechtstitel  hervorzuziehen; aber  der imperiali-
       stische Rechtstitel  rief den  orleanistischen  wach,  und  beide
       erbleichten vor  dem legitimistischen Rechtstitel. Der Niederfall
       der legalen  Republik konnte  nur ihren äußersten Gegenpol in die
       Höhe schnellen,  die legitimistische  Monarchie, in  einem Augen-
       blick, wo die orleanistische Partei nur noch die Besiegte des Fe-
       bruar und  Bonaparte nur noch der Sieger des 10. Dezember war, wo
       beide der  republikanischen Usurpation  nur noch  ihre  ebenfalls
       usurpierten monarchischen Titel entgegenhalten konnten. Die Legi-
       timisten waren sich der Gunst des Augenblicks bewußt, sie konspi-
       rierten am  offenen Tage.  In dem General Changarnier konnten sie
       hoffen, ihren  Monk [64]  zu finden.  Die Herankunft  der  w e i-
       ß e n   M o n a r c h i e   wurde ebenso offen verkündet in ihren
       Klubs, wie  in den  proletarischen  die  der    r o t e n    R e-
       p u b l i k.
       Durch eine  glücklich unterdrückte  Erneute wäre  das Ministerium
       allen Schwierigkeiten  entgangen. "Die Gesetzlichkeit tötet uns",
       rief Odilon  Barrot aus.  Eine Erneute  hätte erlaubt,  unter dem
       Vorwand des  salut public  1*) die  Konstituante aufzulösen,  die
       Konstitution im  Interesse der  Konstitution selbst zu verletzen.
       Das brutale  Auftreten Odilon Barrots in der Nationalversammlung,
       der Antrag  auf Auflösung  der Klubs, die geräuschvolle Absetzung
       von 50  trikoloren Präfekten und ihre Ersetzung durch Royalisten,
       die Auflösung  der Mobilgarde,  die Mißhandlung ihrer Chefs durch
       Changarnier, die  Wiedereinsetzung Lerminiers,  des  schon  unter
       Guizot unmöglichen  Professors, die  Duldung der legitimistischen
       Renommistereien - es waren ebenso viele Herausforderungen der Er-
       neute. Aber die Erneute blieb stumm. Sie erwartete ihr Signal von
       der Konstituante und nicht vom Ministerium.
       Endlich kam  der 29. Januar, der Tag, an dem über Mathieus (de la
       Drôme) Antrag  auf unbedingte  Verwerfung des Rateauschen Antrags
       entschieden werden  sollte. Legitimisten, Orleanisten, Bonaparti-
       sten, Mobilgarde,  Montagne, Klubs,  alles konspirierte an diesem
       Tage, jeder ebensosehr gegen den
       -----
       1*) Staatswohls
       
       #54# Karl Marx
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       angeblichen Feind als gegen den angeblichen Bundesgenossen. Bona-
       parte, hoch  zu Roß, musterte einen Teil der Truppen auf dem Kon-
       kordiaplatz, Changarnier schauspielerte mit einem Aufwand strate-
       gischer Manöver,  die Konstituante fand ihr Sitzungsgebäude mili-
       tärisch besetzt.  Sie, der Mittelpunkt aller sich durchkreuzenden
       Hoffnungen,  Befürchtungen,  Erwartungen,  Gärungen,  Spannungen,
       Verschwörungen, die  löwenmütige Versammlung schwankte keinen Au-
       genblick, als  sie dem Weltgeist näher trat denn sonst. Sie glich
       Jenem Kämpfer,  der nicht  nur den  Gebrauch seiner eigenen Waffe
       fürchtete, sondern sich auch verpflichtet fühlte, die Waffen sei-
       nes Gegners  unversehrt zu  erhalten. Mit  Todesverachtung unter-
       zeichnete sie  ihr eigenes Todesurteil und verwarf die unbedingte
       Verwerfung des Rateauschen Antrages. Selbst im Belagerungszustand
       setzte sie  einer konstituierenden  Tätigkeit Grenzen, deren not-
       wendiger Rahmen der Belagerungszustand von Paris gewesen war. Sie
       rächte sich  ihrer würdig, indem sie am anderen Tage eine Enquête
       über den  Schrecken verhängte, den ihr das Ministerium am 29. Ja-
       nuar eingejagt hatte. Die Montagne bewies ihren Mangel an revolu-
       tionärer Energie und politischem Verstand, indem sie von der Par-
       tei des  "National" sich als Rufer im Streit in dieser großen In-
       trigenkomödie verbrauchen  ließ. Die  Partei des "National" hatte
       den letzten  Versuch gemacht, das Monopol der Herrschaft, das sie
       während der  Entstehungsperiode der  Bourgeoisrepublik besaß,  in
       der konstituierten Republik weiter zu behaupten. Sie war geschei-
       tert.
       Handelte es  sich in  der Januarkrise um die Existenz der Konsti-
       tuante, so  in der Krise vom 21. März um die Existenz der Konsti-
       tution, dort  um das  Personal der  Nationalpartei, hier  um  ihr
       Ideal. Es  bedarf keiner Andeutung, daß die honetten Republikaner
       das Hochgefühl  ihrer Ideologie  wohlfeiler  preisgaben  als  den
       weltlichen Genuß der Regierungsgewalt.
       Am 21.  März stand  auf der  Tagesordnung der Nationalversammlung
       Fauchers Gesetzentwurf  gegen das Assoziationsrecht:  d i e  U n-
       t e r d r ü c k u n g   d e r   K l u b s.  Artikel 8 der Konsti-
       tution garantiert allen Franzosen das Recht, sich zu assoziieren.
       Die Untersagung  der Klubs war also eine unzweideutige Verletzung
       der  Konstitution,   und  die   Konstituante  selbst  sollte  die
       Schändung ihrer  Heiligen kanonisieren. Aber die Klubs, das waren
       die Sammelpunkte,  die Konspirationssitze des revolutionären Pro-
       letariats. Die Nationalversammlung selbst hatte die Koalition der
       Arbeiter gegen ihre Bourgeois untersagt. Und die Klubs, was waren
       sie anders  als eine  Koalition der gesamten Arbeiterklasse gegen
       die gesamte Bourgeoisklasse, die Bildung eines Arbeiterstaats ge-
       gen den  Bourgeoisstaat? Waren sie nicht ebenso viele konstituie-
       rende Versammlungen  des Proletariats und ebenso viele schlagfer-
       tige Armeeabteilungen der Revolte? Was die Konstitution vor allem
       konstituieren sollte, es war die
       
       #55# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
       -----
       Herrschaft der Bourgeoisie. Die Konstitution konnte also offenbar
       unter dem  Assoziationsrecht nur die mit der Herrschaft der Bour-
       geoisie, d.h.  mit der bürgerlichen Ordnung in Einklang befindli-
       chen Assoziationen verstehen. Wenn sie sich aus theoretischem An-
       stand allgemein  ausdrückte, war  nicht die  Regierung da und die
       Nationalversammlung, um sie im besonderen Fall auszulegen und an-
       zuwenden? Und  wenn in  der urweltlichen  Epoche der Republik die
       Klubs tatsächlich  untersagt waren  durch den Belagerungszustand,
       mußten sie  nicht in  der geregelten, konstituierten Republik un-
       tersagt sein durch das Gesetz? Die trikoloren Republikaner hatten
       dieser prosaischen  Auslegung der Konstitution nichts entgegenzu-
       halten als die überschwengliche Phrase der Konstitution. Ein Teil
       derselben, Pagnerre,  Duclerc etc.,  stimmte für  das Ministerium
       und verschaffte ihm so die Majorität. Der andere Teil, den Erzen-
       gel Cavaignac  und den  Kirchenvater Marrast  an der  Spitze, zog
       sich, nachdem der Artikel über die Untersagung der Klubs durchge-
       gangen war,  mit Ledru-Rollin  und der Montagne vereint, in einem
       besonderen Bürosaal  zurück - "und hielt einen Rat". - Die Natio-
       nalversammlung war gelähmt, sie zählte nicht mehr die beschlußfä-
       hige Stimmzahl.  Zur rechten  Zeit erinnerte Herr Crémieux in dem
       Bürosaal, daß  von hier  der Weg  direkt auf die Straße führe und
       daß man  nicht mehr  Februar 1848  zähle, sondern  März 1849. Die
       Partei des  "National", plötzlich  erleuchtet, kehrte in den Sit-
       zungssaal der Nationalversammlung zurück, hinter ihr die abermals
       düpierte Montagne,  die, beständig gequält von revolutionären Ge-
       lüsten, ebenso  beständig  nach  konstitutionellen  Möglichkeiten
       haschte und  sich immer  noch mehr auf ihrem Platze fühlte hinter
       den Bourgeoisrepublikanern  als vor  dem revolutionären  Proleta-
       riat. So  war die  Komödie gespielt.  Und die Konstituante selbst
       hatte dekretiert, daß die Verletzung des Wortlautes der Konstitu-
       tion die einzig entsprechende Verwirklichung ihres Wortsinns sei.
       Es blieb nur noch ein Punkt zu regeln, das Verhältnis der konsti-
       tuierten Republik  zur europäischen  Revolution, ihre  auswärtige
       Politik -  Am 8.  Mai 1849 herrschte eine ungewohnte Aufregung in
       der konstituierenden  Versammlung, deren  Lebenstermin in wenigen
       Tagen ablaufen  sollte. Der  Angriff der  französischen Armee auf
       Rom, ihre Zurücktreibung durch die Römer, ihre politische Infamie
       und ihre  militärische Blamage, der Meuchelmord der römischen Re-
       publik durch  die französische  Republik, der  erste italienische
       Feldzug des  zweiten Bonaparte  stand auf  der Tagesordnung. [65]
       Die Montagne  hatte abermals ihren großen Trumpf ausgespielt, Le-
       dru-Rollin hatte  den unvermeidlichen  Anklageakt gegen das Mini-
       sterium und  diesmal auch  gegen Bonaparte  wegen Verletzung  der
       Konstitution auf den Tisch des Präsidenten niedergelegt. [66]
       
       #56# Karl Marx
       -----
       Das Motiv  des 8.  Mai wiederholte  sich später als Motiv des 13.
       Juni. Verständigen wir uns über die römische Expedition.
       Cavaignac hatte  schon Mitte November 1848 eine Kriegsflotte nach
       Civitavecchia expediert,  um den  Papst zu beschützen, an Bord zu
       nehmen und nach Frankreich überzusegeln. Der Papst sollte die ho-
       nette Republik  einsegnen und die Wahl Cavaignacs zum Präsidenten
       sichern. Mit  dem Papst  wollte Cavaignac  die Pfaffen,  mit  den
       Pfaffen die Bauern und mit den Bauern die Präsidentschaft angeln.
       Eine Wahlreklame  ihrem nächsten  Zwecke nach, war die Expedition
       Cavaignacs gleichzeitig  ein Protest  und eine  Drohung gegen die
       römische  Revolution.  Sie  enthielt  im  Keim  die  Intervention
       Frankreichs zugunsten des Papstes.
       Diese Intervention  für den Papst mit Österreich und Neapel gegen
       die römische Republik wurde beschlossen in der ersten Sitzung des
       Ministerrats Bonapartes  am 23. Dezember. Falloux im Ministerium,
       das war  der Papst  in Rom  und im  Rom -  des Papstes. Bonaparte
       brauchte den  Papst nicht  mehr, um  der Präsident  der Bauern zu
       werden, aber  er brauchte  die Konservation  des Papstes,  um die
       Bauern des  Präsidenten zu  konservieren. Ihre  Leichtgläubigkeit
       hatte ihn  zum Präsidenten  gemacht. Mit dem Glauben verloren sie
       die Leichtgläubigkeit  und mit dem Papst den Glauben. Und die ko-
       alisierten Orleanisten  und Legitimisten, die in Bonapartes Namen
       herrschten! Ehe  der König restauriert wurde, mußte die Macht re-
       stauriert werden,  welche die Könige heiligt. Abgesehen von ihrem
       Royalismus: ohne das alte, seiner weltlichen Herrschaft unterwor-
       fene Rom  kein Papst, ohne den Papst kein Katholizismus, ohne den
       Katholizismus keine französische Religion, und ohne Religion, was
       wurde aus  der alten  französischen Gesellschaft?  Die Hypotheke,
       welche der  Bauer auf  die himmlischen  Güter besitzt, garantiert
       die Hypotheke,  welche der Bourgeois auf die Bauerngüter besitzt.
       Die römische  Revolution war  also ein Attentat auf das Eigentum,
       auf die  bürgerliche Ordnung,  furchtbar wie  die Junirevolution.
       Die   wiederhergestellte    Bourgeoisherrschaft   in   Frankreich
       erheischte die  Restauration der  päpstlichen Herrschaft  in Rom.
       Endlich schlug man in den römischen Revolutionären die Alliierten
       der französischen Revolutionäre; die Allianz der kontrerevolutio-
       nären Klassen  in der  konstituierten französischen  Republik er-
       gänzte sich  notwendig in  der Allianz der französischen Republik
       mit der  Heiligen Allianz,  mit Neapel  und Österreich. Der Mini-
       sterratsbeschluß vom 23. Dezember war kein Geheimnis für die Kon-
       stituante. Schon  am 8. Januar hatte Ledru-Rollin das Ministerium
       über denselben  interpelliert, das  Ministerium hatte  geleugnet,
       die Nationalversammlung war zur Tagesordnung übergegangen. Traute
       sie den  Worten des  Ministeriums? Wir wissen, daß sie den ganzen
       Monat Januar damit zubrachte,
       
       #57# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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       ihm Mißtrauensvota  zu geben. Aber wenn es in seiner Rolle war zu
       lügen, war  es in  ihrer Rolle, den Glauben an seine Lüge zu heu-
       cheln und damit die republikanischen dehors zu retten.
       Unterdessen war  Piémont geschlagen,  Karl Albert hatte abgedankt
       [67], die  österreichische Armee  pochte an die Tore Frankreichs.
       Ledru-Rollin interpellierte  heftig. Das  Ministerium bewies, daß
       es in  Norditalien nur  die Politik  Cavaignacs und Cavaignac nur
       die Politik  der  provisorischen  Regierung,  d.h.  Ledru-Rollins
       fortgesetzt habe.  Diesmal erntete es von der Nationalversammlung
       sogar ein  Vertrauensvotum und wurde autorisiert, einen gelegenen
       Punkt Oberitaliens  temporär zu  besetzen, um  so der friedlichen
       Unterhandlung mit Österreich über die Integrität des sardinischen
       Gebiets und  die römische  Frage einen  Hinterhalt zu  geben. Be-
       kanntlich wird  das Schicksal  Italiens auf  den  Schlachtfeldern
       Norditaliens entschieden. Mit der Lombardei und Piémont war daher
       Rom gefallen  oder Frankreich  mußte den  Krieg an Österreich und
       damit an  die europäische  Kontrerevolution erklären.  Hielt  die
       Nationalversammlung plötzlich  das Ministerium Barrot für den al-
       ten Wohlfahrtsausschuß  [68]? Oder  sich selbst  für den Konvent?
       Wozu also  die militärische  Besetzung eines  Punktes in Oberita-
       lien? Man versteckte unter diesem durchsichtigen Schleier die Ex-
       pedition gegen Rom.
       Am 14.  April segelten  14 000 Mann unter Oudinot nach Civitavec-
       chia, am  16. April  bewilligte die Nationalversammlung dem Mini-
       sterium einen Kredit von 1 200 000 frs zur dreimonatlichen Unter-
       haltung einer  Interventionsflotte im  Mittelmeer. So gab sie dem
       Ministerium alle  Mittel, gegen Rom zu intervenieren, während sie
       sich stellte,  als lasse  sie es  gegen Österreich intervenieren.
       Sie sah  nicht, was  das Ministerium  tat, sie  hörte nur, was es
       sagte. Solcher  Glaube ward nicht in Israel gefunden, die Konsti-
       tuante war  in die  Lage geraten, nicht wissen zu dürfen, was die
       konstituierte Republik tun mußte.
       Endlich am  8. Mai  wurde die  letzte Szene der Komödie gespielt,
       die Konstituante  forderte das  Ministerium zu schleunigen Maßre-
       geln auf,  um die  italienische Expedition  auf das ihr gesteckte
       Ziel zurückzuführen.  Bonaparte inserierte  denselben Abend einen
       Brief in  den "Moniteur"  [69], worin er Oudinot die größte Aner-
       kennung spendete.  Am 11. Mai verwarf die Nationalversammlung den
       Anklageakt gegen  denselben Bonaparte  und sein  Ministerium. Und
       die Montagne,  die, statt diese Gewebe des Betruges zu zerreißen,
       die parlamentarische Komödie tragisch nimmt, um selbst in ihr die
       Rolle des  Fouquier-Tinville zu  spielen, verriet sie nicht unter
       der erborgten  Konvents-Löwenhaut das angeborene kleinbürgerliche
       Kalbsfell!
       Die letzte  Lebenshälfte der  Konstituante resümiert  sich dahin:
       Sie gesteht  am 29. Januar, daß die royalistischen Bourgeoisfrak-
       tionen die natürlichen
       
       #58# Karl Marx
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       Vorgesetzten der  von ihr  konstituierten Republik  sind, am  21.
       März, daß  die Verletzung  der Konstitution  ihre  Verwirklichung
       ist, und am 11. Mai, daß die bombastisch angekündigte passive Al-
       lianz der  französischen Republik  mit den ringenden Völkern ihre
       aktive Allianz mit der europäischen Kontrerevolution bedeutet.
       Diese elende  Versammlung trat von der Bühne ab, nachdem sie noch
       zwei Tage  vor der  Jahresfeier ihres  Geburtstages, des  4. Mai,
       sich die  Genugtuung gegeben  hatte, den  Antrag auf Amnestie der
       Juniinsurgenten zu  verwerfen. Ihre  Macht  zerbrochen,  von  dem
       Volke tödlich  gehaßt,  zurückgestoßen,  mißhandelt,  verächtlich
       beiseite geworfen  von der  Bourgeoisie, deren  Werkzeug sie war,
       gezwungen, in  der zweiten Hälfte ihrer Lebensepoche die erste zu
       desavouieren, ihrer republikanischen Illusion beraubt, ohne große
       Schöpfungen in  der Vergangenheit,  ohne Hoffnung in der Zukunft,
       bei lebendigem  Leibe stückweis  absterbend, wußte sie ihre eigne
       Leiche nur noch zu galvanisieren, indem sie den Junisieg sich be-
       ständig zurückrief  und nachträglich  wieder durchlebte, sich be-
       stätigte durch  die stets  wiederholte Verdammung der Verdammten.
       Vampir, der von dem Blute der Juniinsurgenten lebte!
       Sie hinterließ das Staatsdefizit, vergrößert durch die Kosten der
       Juniinsurrektion, durch den Ausfall der Salzsteuer 1*), durch die
       Entschädigungen, die  sie den Plantagebesitzern für die Aufhebung
       der Negersklaverei zuwies, durch die Kosten der römischen Expedi-
       tion, durch den Ausfall der Weinsteuer, deren Abschaffung sie, in
       den letzten  Zügen  liegend,  noch  beschloß,  ein  schadenfroher
       Greis, glücklich,  seinem lachenden  Erben eine kompromittierende
       Ehrenschuld aufzubürden.
       Seit Anfang  März hatte  die Wahlagitation  für die  g e s e t z-
       g e b e n d e   N a t i o n a l  v e r s a m m l u n g  begonnen.
       Zwei Hauptgruppen  traten sich gegenüber, die  P a r t e i  d e r
       O r d n u n g   und die  d e m o k r a t i s c h - s o z i a l i-
       s t i s c h e  oder  r o t e  P a r t e i,  zwischen beiden stan-
       den die   F r e u n d e   d e r   K o n s t i t u t i o n,  unter
       welchen Namen  die trikoloren  Republikaner des  "National"  eine
       Partei vorzustellen  suchten. Die   P a r t e i   d e r    O r d-
       n u n g   bildete sich unmittelbar nach den Junitagen; erst nach-
       dem der  10. Dezember  ihr erlaubt hatte, die Koterie des "Natio-
       nal", der  Bourgeoisrepublikaner, von  sich abzustoßen, enthüllte
       sich das  Geheimnis ihrer  Existenz, die   K o a l i t i o n  der
       O r l e a n i s t e n   und   L e g i t i m i s t e n   zu   e i-
       n e r   P a r t e i.   Die Bourgeoisklasse  zerfiel in zwei große
       Fraktionen, die abwechselnd, das  g r o ß e  G r u n d e i g e n-
       t u m   unter der   r e s t a u r i e r t e n  M o n a r c h i e,
       die   F i n a n z a r i s t o k r a t i e    und  die    i n d u-
       s t r i e l l e   B o u r g e o i s i e    unter  der    J u l i-
       m o n a r c h i e,   das Monopol der Herrschaft behauptet hatten.
       Bourbon war der königliche Name für den überwiegenden
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 48
       
       #59# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
       -----
       Einfluß der Interessen der einen Fraktion, Orléans der königliche
       Name für  den überwiegenden  Einfluß der  Interessen der  anderen
       Fraktion -  das   n a m e n l o s e  R e i c h  d e r  R e p u b-
       l i k   war das  einzige, worin beide Fraktionen in gleichmäßiger
       Herrschaft das  gemeinsame  Klasseninteresse  behaupten  konnten,
       ohne ihre  wechselseitige Rivalität  aufzugeben. Wenn die Bourge-
       oisrepublik nichts  anderes sein konnte, als die vervollständigte
       und rein herausgetretene Herrschaft der gesamten Bourgeoisklasse,
       konnte sie  etwas anderes  sein als  die Herrschaft der durch die
       Legitimisten ergänzten  Orleanisten und der durch die Orleanisten
       ergänzten Legitimisten, die  S y n t h e s e  d e r  R e s t a u-
       r a t i o n   u n d  d e r  J u l i m o n a r c h i e?  Die Bour-
       geoisrepublikaner des "National" vertraten keine auf ökonomischen
       Grundlagen beruhende  große Fraktion ihrer Klasse. Sie hatten nur
       die Bedeutung  und den historischen Titel unter der Monarchie den
       beiden Bourgeoisfraktionen gegenüber, die nur ihr  b e s o n d e-
       r e s   Regime begriffen,  das allgemeine  Regime der  Bourgeois-
       klasse  geltend   gemacht  zu   haben,  das     n a m e n l o s e
       R e i c h   d e r   R e p u b l i k,   das sie sich idealisierten
       und mit antiken Arabesken ausschmückten, worin sie aber vor allem
       die Herrschaft  ihrer Koterie  begrüßten.  Wenn  die  Partei  des
       "National" an  ihrem eignen Verstände irre wurde, als sie auf dem
       Gipfel der  von ihr  begründeten Republik  die koalisierten Roya-
       listen erblickte,  so täuschten  diese selbst  sich nicht  minder
       über die  Tatsache ihrer  vereinigten Herrschaft.  Sie  begriffen
       nicht,  daß,  wenn  jede  ihrer  Fraktionen,  für  sich  getrennt
       betrachtet, royalistisch  war, das  Produkt ihrer chemischen Ver-
       bindung notwendig   r e p u b l i k a n i s c h   sein mußte, daß
       die weiße  und die  blaue Monarchie sich neutralisieren mußten in
       der trikoloren  Republik. Gezwungen  durch den  Gegensatz zu  dem
       revolutionären Proletariat  und den mehr und mehr um dasselbe als
       Zentrum sich  hindrängenden Übergangsklassen, ihre vereinte Kraft
       aufzubieten  und  die  Organisation  dieser  vereinten  Kraft  zu
       konservieren, mußte  jede der  Fraktionen der  Ordnungspartei den
       Restaurations- und  Überhebungsgelüsten der anderen gegenüber die
       gemeinsame Herrschaft,  d.h. die    r e p u b l i k a n i s c h e
       F o r m   der Bourgeoisherrschaft  geltend machen.  So finden wir
       diese Royalisten  im Anfang  an  eine  unmittelbare  Restauration
       glaubend,  später  die  republikanische  Form  konservierend  mit
       Wutschaum, mit  tödlichen Invektiven  gegen sie  auf den  Lippen,
       schließlich gestehen,  daß sie sich nur in der Republik vertragen
       können und  die Restauration aufs Unbestimmte vertagen. Der Genuß
       der  vereinigten   Herrschaft  selbst  stärkte  jede  der  beiden
       Fraktionen und machte sie noch unfähiger und unwilliger, sich der
       anderen unterzuordnen, d. h. die Monarchie zu restaurieren.
       Die   P a r t e i   d e r   O r d n u n g  proklamierte direkt in
       ihrem Wahlprogramm  die Herrschaft  der Bourgeoisklasse, d.h. die
       Aufrechterhaltung der Lebensbedingungen
       
       #60# Karl Marx
       -----
       ihrer Herrschaft,  des   E i g e n t u m s,   der  F a m i l i e,
       der   R e l i g i o n,   der   O r d n u n g!   Sie stellte  ihre
       Klassenherrschaft und die Bedingungen ihrer Klassenherrschaft na-
       türlich als die Herrschaft der Zivilisation und als die notwendi-
       gen Bedingungen  der materiellen  Produktion wie der aus ihr her-
       vorgehenden gesellschaftlichen Verkehrsverhältnisse dar. Die Par-
       tei der Ordnung gebot über ungeheure Geldmittel, sie organisierte
       ihre Sukkursalen  in ganz Frankreich, sie hatte sämtliche Ideolo-
       gen der  alten Gesellschaft  in ihrem Lohn, sie verfügte über den
       Einfluß der  bestehenden Regierungsgewalt, sie besaß ein Heer un-
       bezahlter Vasallen  in der  ganzen Masse der Kleinbürger und Bau-
       ern, die,  der revolutionären  Bewegung noch  fernstehend, in den
       Großwürdenträgern des  Eigentums die  natürlichen Vertreter ihres
       kleinen Eigentums  und seiner kleinen Vorurteile fanden; sie, auf
       dem ganzen Lande in einer Unzahl kleiner Könige vertreten, konnte
       die Verwerfung  ihrer Kandidaten  als Insurrektion bestrafen, die
       rebellischen  Arbeiter  entlassen,  die  widerstrebenden  Bauern-
       knechte, Dienstboten,  Kommis, Eisenbahnbeamten, Schreiber, sämt-
       liche ihr  bürgerlich untergeordnete Funktionäre. Sie konnte end-
       lich stellenweis die Täuschung aufrechterhalten, daß die republi-
       kanische Konstituante  den Bonaparte  des 10. Dezember an der Of-
       fenbarung seiner  wundertätigen Kräfte verhindert habe. Wir haben
       bei der  Partei der  Ordnung der Bonapartisten nicht gedacht. Sie
       waren keine ernsthafte Fraktion der Bourgeoisklasse, sondern eine
       Sammlung alter, abergläubischer Invaliden und junger, ungläubiger
       Glücksritter. -  Die Partei der Ordnung siegte in den Wahlen, sie
       sandte die große Majorität in die gesetzgebende Versammlung. [70]
       Der koalisierten  kontrerevolutionären Bourgeoisklasse  gegenüber
       mußten sich  natürlich die schon revolutionierten Teile der klei-
       nen Bourgeoisie und der Bauernklasse mit dem Großwürdenträger der
       revolutionären Interessen,  dem revolutionären  Proletariat, ver-
       binden. Wir  haben gesehen, wie die demokratischen Wortführer der
       Kleinbürgerschaft im  Parlament, d.h.  die Montagne, durch parla-
       mentarische Niederlagen  zu den  sozialistischen Wortführern  des
       Proletariats und  wie die  wirkliche Kleinbürgerschaft  außerhalb
       des Parlaments  durch die  concordats à l'amiable, durch die bru-
       tale Geltendmachung  der Bourgeoisinteressen, durch den Bankerott
       zu den  wirklichen Proletariern  gedrängt wurden.  Am 27.  Januar
       hatten Montagne  und Sozialisten  ihre  Aussöhnung  gefeiert,  im
       großen  Februarbankett   1849   wiederholten   sie   ihren   Ver-
       einigungsakt. Die  soziale und  die demokratische, die Partei der
       Arbeiter und  die der  Kleinbürger, vereinigten  sich zur    s o-
       z i a l d e m o k r a t i s c h e n  P a r t e i,  d.h. zur  r o-
       t e n  Partei. 1*)
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 52
       
       #61# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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       Einen Augenblick durch die den Junitagen folgende Agonie gelähmt,
       hatte die  französische Republik  seit der  Aufhebung des Belage-
       rungszustandes, seit  dem 14.  Oktober, eine  fortlaufende  Reihe
       fieberhafter Aufregungen erlebt. Erst der Kampf um die Präsident-
       schaft; dann  der Kampf des Präsidenten mit der Konstituante; der
       Kampf um die Klubs; der Prozeß in Bourges [71], der gegenüber den
       kleinen Gestalten  des Präsidenten,  der koalisierten Royalisten,
       der honetten  Republikaner, der  demokratischen Montagne, der so-
       zialistischen Doktrinäre  des Proletariats seine wirklichen Revo-
       lutionäre als  urweltliche Ungeheuer erscheinen ließ, wie sie nur
       eine Sündflut auf der Gesellschaftsoberfläche zurückläßt oder wie
       sie nur  einer gesellschaftlichen Sündflut vorangehen können; die
       Wahlagitation; die Hinrichtung der Bréa-Mörder [72]; die fortlau-
       fenden Preßprozesse;  die gewaltsamen polizeilichen Einmischungen
       der Regierung  in die Banketts; die frechen royalistischen Provo-
       kationen; die  Ausstellung der Bilder Louis Blancs und Caussidiè-
       res an  dem Pranger;  der ununterbrochene Kampf zwischen der kon-
       stituierten Republik  und der  Konstituante, der jeden Augenblick
       die Revolution  auf ihren  Ausgangspunkt zurückdrängte, der jeden
       Augenblick den  Sieger zum  Besiegten, den  Besiegten zum  Sieger
       machte und  im Nu  die Stellung  der Parteien  und Klassen,  ihre
       Scheidungen und  Bindungen umschwenkte; der rasche Gang der euro-
       päischen Kontrerevolution,  der glorreiche  ungarische Kampf, die
       deutschen Schilderhebungen,  die römische Expedition, die schmäh-
       liche Niederlage der französischen Armee vor Rom [73] - in diesem
       Wirbel der  Bewegung, in  dieser Pein der geschichtlichen Unruhe,
       in dieser  dramatischen Ebbe und Flut revolutionärer Leidenschaf-
       ten, Hoffnungen,  Enttäuschungen mußten die verschiedenen Klassen
       der französischen  Gesellschaft ihre Entwicklungsepochen nach Wo-
       chen zählen, wie sie sie früher nach halben Jahrhunderten gezählt
       hatten. Ein  bedeutender Teil  der Bauern  und der  Provinzen war
       revolutioniert. Nicht nur waren sie über den Napoleon enttäuscht,
       die rote Partei bot ihnen an der Stelle des Namens den Inhalt, an
       der Stelle  der illusorischen  Steuerfreiheit die Rückzahlung der
       den Legitimisten gezahlten Milliarde [29], die Regelung der Hypo-
       thek und die Aufhebung des Wuchers.
       Die Armee  selbst war  von dem  Revolutionsfieber angesteckt. Sie
       hatte in Bonaparte für den Sieg gestimmt, und er gab ihr die Nie-
       derlage. Sie  hatte in ihm für den kleinen Korporal 1*) gestimmt,
       hinter dem  der große  revolutionäre Feldherr  steckt, und er gab
       ihr die  großen Generale  wieder, hinter  denen der  gamaschenge-
       rechte Korporal  sich birgt.  Kein Zweifel,  daß die rote Partei,
       d.h. die  koalisierte demokratische  Partei, wenn nicht den Sieg,
       doch große Triumphe
       -----
       1*) Napoleon I.
       
       #62# Karl Marx
       -----
       feiern mußte,  daß Paris,  daß die Armee, daß ein großer Teil der
       Provinzen für  sie stimmen würde. Ledru-Rollin, der Chef der Mon-
       tagne, wurde  von fünf  Departements gewählt;  kein Chef der Ord-
       nungspartei trug  einen solchen Sieg davon, kein Name der eigent-
       lich proletarischen Partei. Diese Wahl enthüllt uns das Geheimnis
       der demokratisch-sozialistischen  Partei. Wenn  die Montagne, der
       parlamentarische Vorkämpfer der demokratischen Kleinbürgerschaft,
       einerseits gezwungen  war, sich  mit den  sozialistischen Doktri-
       nären des  Proletariats zu  vereinigen - das Proletariat, von der
       furchtbaren materiellen Niederlage des Juni gezwungen, sich durch
       intellektuelle Siege  wieder aufzurichten,  durch die Entwicklung
       der übrigen Klassen noch nicht befähigt, die revolutionäre Dikta-
       tur zu ergreifen, mußte sich den Doktrinären seiner Emanzipation,
       den sozialistischen Sektenstiftern in die Arme werfen -, stellten
       sich andererseits  die revolutionären Bauern, die Armee, die Pro-
       vinzen hinter die Montagne, die so zum Gebieter im revolutionären
       Heerlager wurde  und durch  die Verständigung mit den Sozialisten
       jeden Gegensatz  in der revolutionären Partei beseitigt hatte. In
       der letzten  Lebenshälfte der  Konstituante vertrat sie das repu-
       blikanische Pathos  derselben und  hatte ihre  Sünden während der
       provisorischen Regierung, während der Exekutivkommission, während
       der Junitage  in Vergessenheit  gebracht. In  demselben Maße, als
       die Partei  des "National"  ihrer halben Natur gemäß sich von dem
       royalistischen Ministerium  niederdrücken ließ, stieg die während
       der Allgewalt  des "National"  beseitigte Partei  des Berges  und
       machte sich  als die  parlamentarische Vertreterin der Revolution
       geltend. In  der Tat,  die Partei  des "National" hatte gegen die
       anderen, royalistischen  Fraktionen nichts  einzuwenden als  ehr-
       süchtige Persönlichkeiten  und idealistische  Flausen. Die Partei
       des Berges  dagegen vertrat eine zwischen der Bourgeoisie und dem
       Proletariat schwebende  Masse, deren  materielle Interessen demo-
       kratische Institutionen  verlangten. Den  Cavaignacs und Marrasts
       gegenüber befanden  sich Ledru-Rollin  und die  Montagne daher in
       der Wahrheit  der Revolution,  und aus  dem Bewußtsein dieser ge-
       wichtigen Situation schöpften sie um so größeren Mut, je mehr die
       Äußerung der  revolutionären Energie  sich beschränkte auf parla-
       mentarische Ausfälle,  Niederlegung von  Anklageakten, Drohungen,
       Stimmerhöhungen, donnernde  Reden und  Extreme, die  nur bis  zur
       Phrase getrieben  wurden. Die  Bauern befanden  sich ungefähr  in
       derselben Lage wie die Kleinbürger, sie hatten ungefähr dieselben
       sozialen Forderungen  zu stellen.  Sämtliche Mittelschichten  der
       Gesellschaft, soweit  sie in die revolutionäre Bewegung getrieben
       waren, mußten  daher in  Ledru-Rollin ihren Helden finden. Ledru-
       Rollin war  die Personage des demokratischen Kleinbürgertums. Der
       Partei der Ordnung gegenüber mußten zunächst die halb konservati-
       ven, halb
       
       #63# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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       revolutionären und ganz utopistischen Reformatoren dieser Ordnung
       an die Spitze getrieben werden.
       Die Partei  des "National",  "die Freunde  der Konstitution quand
       même 1*)",  die républicains purs et simples 2*) wurden vollstän-
       dig in  den Wahlen  geschlagen. Eine  winzige Minorität derselben
       wurde in  die gesetzgebende  Kammer geschickt, ihre notorischsten
       Chefs verschwanden von der Bühne, sogar Marrast, der Redakteur en
       chef und der Orpheus der honetten Republik.
       Am 28.  Mai kam die legislative Versammlung zusammen, am 11. Juni
       erneuerte sich  die Kollision  vom 8.  Mai, Ledru-Rollin legte im
       Namen der  Montagne einen Anklageakt nieder gegen den Präsidenten
       und das  Ministerium wegen Verletzung der Konstitution, wegen des
       Bombardements von Rom. Am 12. Juni verwarf die gesetzgebende Ver-
       sammlung den  Anklageakt, wie die konstituierende Versammlung ihn
       am 11.  Mai verworfen  hatte, aber  das Proletariat trieb diesmal
       die Montagne  auf die Straße, jedoch nicht zum Straßenkampf, son-
       dern nur  zur Straßenprozession. Es genügt zu sagen, daß die Mon-
       tagne an  der Spitze dieser Bewegung stand, um zu wissen, daß die
       Bewegung besiegt  wurde und daß der Juni 1849 eine ebenso lächer-
       liche als  nichtswürdige Karikatur  des Juni 1848 war. Verdunkelt
       wurde die große Retirade vom 13. Juni nur durch den noch größeren
       Schlachtbericht Changarniers,  des großen  Mannes, den die Partei
       der Ordnung  improvisierte. Jede Gesellschaftsepoche braucht ihre
       großen Männer,  und wenn sie dieselben nicht findet, erfindet sie
       sie, wie Helvétius sagt.
       Am 20. Dezember existierte nur noch die eine Hälfte der konstitu-
       ierten Bourgeoisrepublik,  der   P r ä s i d e n t,   am 28.  Mai
       wurde sie ergänzt durch die andre Hälfte, durch die  g e s e t z-
       g e b e n d e   V e r s a m m l u n g.   Juni 1848 hatte die sich
       konstituierende Bourgeoisrepublik  durch eine  unsagbare Schlacht
       gegen das  Proletariat, Juni  1849 die  konstituierte  Bourgeois-
       republik durch  eine unnennbare Komödie mit der Kleinbürgerschaft
       sich in  das Geburtsregister  der Geschichte  eingemeißelt.  Juni
       1849 war  die Nemesis  für Juni  1848. Juni 1849 wurden nicht die
       Arbeiter besiegt,  sondern die  Kleinbürger gefällt, die zwischen
       ihnen und der Revolution standen. Juni 1849 war nicht die blutige
       Tragödie zwischen  der Lohnarbeit  und dem  Kapital, sondern  das
       gefängnisreiche und  lamentable Schauspiel zwischen dem Schuldner
       und dem  Gläubiger. Die Partei der Ordnung hatte gesiegt, sie war
       allmächtig, sie mußte nun zeigen, was sie war.
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       1*) unter allen Umständen - 2*) Republikaner reinsten Wassers

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