Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
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II
Der 13. Juni 1849
Vom Juni 1848 bis 13. Juni 1849
Der 25. Februar 1848 hatte Frankreich die R e p u b l i k ok-
troyiert, der 25. Juni drang ihm die R e v o l u t i o n auf.
Und Revolution bedeutete nach dem Juni: U m w ä l z u n g d e r
b ü r g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t, während es vor
dem Februar bedeutet hatte: U m w ä l z u n g d e r
S t a a t s f o r m.
Der Junikampf war durch die r e p u b l i k a n i s c h e Frak-
tion der Bourgeoisie geleitet worden, mit dem Siege fiel ihr not-
wendig die Staatsmacht anheim. Der Belagerungszustand legte ihr
das geknebelte Paris widerstandslos vor die Füße, und in den Pro-
vinzen herrschte ein moralischer Belagerungszustand, der drohend
brutale Siegesübermut der Bourgeois und der entfesselte Eigen-
tumsfanatismus der Bauern. Von u n t e n also keine Gefahr!
Mit der revolutionären Gewalt der Arbeiter zerbrach gleichzeitig
der politische Einfluß der d e m o k r a t i s c h e n R e-
p u b l i k a n e r, d.h. der Republikaner im Sinn des
K l e i n b ü r g e r t u m s, vertreten in der Exekutivkommis-
sion durch Ledru-Rollin, in der konstituierenden Nationalversamm-
lung durch die Partei der Montagne [44], in der Presse durch die
"Réforme". Gemeinsam mit den Bourgeoisrepublikanern hatten sie am
16. April konspiriert gegen das Proletariat, in den Junitagen es
gemeinsam mit ihnen bekriegt. So sprengten sie selbst den Hinter-
grund, worauf ihre Partei sich als eine Macht abhob, denn nur so
lange kann das Kleinbürgertum eine revolutionäre Stellung gegen
die Bourgeoisie behaupten, als das Proletariat hinter ihm steht.
Sie wurden abgedankt. Die mit ihnen widerstrebend und hinterhal-
tig während der Epoche der provisorischen Regierung und der Exe-
kutivkommission eingegangene Scheinallianz wurde offen von den
Bourgeoisrepublikanern gebrochen. Als Bundesgenossen verschmäht
und zurückgestoßen, sanken sie zu untergeordneten Trabanten der
Trikoloren herab, denen sie kein Zugeständnis abringen konnten,
deren Herrschaft sie aber jedesmal unterstützen mußten, sooft
dieselbe, und mit ihr die Republik, von den antirepublikanischen
Bourgeoisfraktionen in Frage gestellt schien. Diese Fraktionen
endlich, Orleanisten und Legitimisten, befanden
#36# Karl Marx
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sich von vornherein in der konstituierenden Nationalversammlung
in der Minorität. Vor den Junitagen wagten sie selbst nur unter
der Maske des bürgerlichen Republikanismus zu reagieren, der Ju-
nisieg ließ einen Augenblick das ganze bürgerliche Frankreich in
Cavaignac seinen Heiland begrüßen, und als kurz nach den Junita-
gen die antirepublikanische Partei sich wieder verselbständigte,
erlaubten ihr die Militärdiktatur und der Belagerungszustand von
Paris, nur sehr schüchtern und vorsichtig die Fühlhörner auszu-
strecken
Seit 1830 hatte sich die b o u r g e o i s r e p u b l i k a-
n i s c h e Fraktion in ihren Schriftstellern, ihren Wort-
führern, ihren Kapazitäten, ihren Ambitionen, ihren Deputierten,
Generalen, Bankiers und Advokaten um ein Pariser Journal grup-
piert, um den "National". In den Provinzen besaß er seine Filial-
zeitungen. Die Koterie des "National", das war die D y n a-
s t i e d e r t r i k o l o r e n R e p u b l i k. Sofort
bemächtigte sie sich aller Staatswürden, der Ministerien, der
Polizeipräfektur, der Postdirektion, der Präfektenstellen, der
freigewordenen höheren Offiziersposten in der Armee. An der
Spitze der Exekutivgewalt stand ihr General, Cavaignac; ihr
Redakteur en chef, Marrast, wurde der permanente Präsident der
konstituierenden Nationalversammlung. In seinen Salons machte er
als Zeremonienmeister zugleich die Honneurs der honetten
Republik.
Selbst revolutionäre französische Schriftsteller haben den Irrtum
befestigt, aus einer Art Scheu vor der republikanischen Tradi-
tion, als hätten die Royalisten in der konstituierenden National-
versammlung geherrscht. Die konstituierende Versammlung blieb
vielmehr seit den Junitagen die a u s s c h l i e ß l i c h e
V e r t r e t e r i n d e s B o u r g e o i s r e p u b l i-
k a n i s m u s, und um so entschiedener kehrte sie diese Seite
hervor, je mehr der Einfluß der trikoloren Republikaner außerhalb
der Versammlung zusammenbrach. Galt es die F o r m der bürger-
lichen Republik behaupten, so verfügte sie über die Stimmen der
demokratischen Republikaner, galt es den I n h a l t, so trenn-
te selbst die Sprechweise sie nicht mehr von den royalistischen
Bourgeoisfraktionen, denn die Interessen der Bourgeoisie, die
materiellen Bedingungen ihrer Klassenherrschaft und Klassen-
exploitation bilden eben den Inhalt der bürgerlichen Republik.
Nicht der Royalismus also, der Bourgeoisrepublikanismus verwirk-
lichte sich im Leben und in den Taten dieser konstituierenden
Versammlung, die schließlich nicht starb, auch nicht getötet
wurde, sondern verfaulte.
Während der ganzen Dauer ihrer Herrschaft, solange sie im Prosze-
nium die Haupt- und Staatsaktion spielte, wurde im Hintergrund
ein ununterbrochenes Opferfest aufgeführt - die fortlaufenden
standrechtlichen Verurteilungen der gefangenen Juniinsurgenten
oder ihre Deportation ohne Urteil.
#37# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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Die konstituierende Versammlung hatte den Takt, zu gestehen, daß
sie in den Juniinsurgenten nicht Verbrecher richte, sondern
Feinde ecrasiere 1*).
Die erste Tat der konstituierenden Nationalversammlung war die
Niedersetzung einer U n t e r s u c h u n g s k o m m i s-
s i o n über die Ereignisse des Juni und des 15. Mai und über
die Beteiligung der sozialistischen und demokratischen Partei-
chefs an diesen Tagen. [45] Die Untersuchung war direkt gerichtet
gegen Louis Blanc, Ledru-Rollin und Caussidière. Die Bourgeois-
republikaner brannten vor Ungeduld, sich dieser Rivalen zu
entledigen. Die Durchführung ihrer Ranküne konnten sie keinem
passenderen Subjekt anvertrauen als Herrn Odilon Barrot, dem
ehemaligen Chef der dynastischen Opposition, dem leibgewordenen
Liberalismus, der nullité grave 2*), der gründlichen Seichtig-
keit, die nicht' nur eine Dynastie zu rächen hatte, sondern sogar
den Revolutionären Rechenschaft abzuverlangen für eine vereitelte
Ministerpräsidentschaft. Sichere Garantie für seine Unerbitt-
lichkeit. Dieser Barrot also wurde zum Präsidenten der Unter-
suchungskommission ernannt, und er konstruierte einen voll-
ständigen Prozeß gegen die Februarrevolution, der sich dahin zu-
sammenfaßt: 17. März M a n i f e s t a t i o n, 16. April
K o m p l o t t, 15. Mai A t t e n t a t, 23. Juni B ü r-
g e r k r i e g! Warum erstreckte er seine gelehrten und krimi-
nalistischen Forschungen nicht bis zum 24. Februar? Das "Journal
des Débats" antwortete: Der 24. Februar, das ist die G r ü n-
d u n g R o m s. Der Ursprung der Staaten verläuft sich in eine
Mythe, an die man glauben, die man nicht diskutieren darf. Louis
Blanc und Caussidière wurden den Gerichten preisgegeben. Die
Nationalversammlung vervollständigte das Werk ihrer eigenen
Säuberung, das sie am 15. Mai begonnen hatte.
Der von der provisorischen Regierung gefaßte, von Goudchaux
wiederaufgenommene Plan einer Besteuerung des Kapitals - in der
Form einer Hypothekensteuer [46] - wurde von der konstituierenden
Versammlung verworfen, das Gesetz, welches die Arbeitszeit auf 10
Stunden beschränkte, abgeschafft [47], die Schuldhaft wieder ein-
geführt, von der Zulassung zu der Jury der große Teil der franzö-
sischen Bevölkerung ausgeschlossen, der weder lesen noch
schreiben kann. Warum nicht auch vom Stimmrecht? Die Kaution für
die Journale wurde wieder eingeführt, das Assoziationsrecht
beschränkt [48]. -
Aber in ihrer Hast, den alten bürgerlichen Verhältnissen ihre al-
ten Garantien wiederzugeben und jede Spur auszulöschen, welche
die Revolutionswellen zurückgelassen hatten, stießen die Bour-
geoisrepublikaner auf einen Widerstand, der mit unerwarteter Ge-
fahr drohte.
Niemand hatte fanatischer in den Junitagen gekämpft für die Ret-
tung des
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1*) vernichte - 2*) aufgeblasenen Null
#38# Karl Marx
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Eigentums und die Wiederherstellung des Kredits, als die Pariser
Kleinbürger - Caféwirte, Restauranten, marchands de vins 1*),
kleine Kaufleute, Krämer, Professionisten usw. Die Boutique hatte
sich aufgerafft und war gegen die Barrikade marschiert, um die
Zirkulation herzustellen, die von der Straße in die Boutique
führt. Aber hinter der Barrikade standen die Kunden und die
Schuldner, vor ihr die Gläubiger der Boutique. Und als die Barri-
kaden niedergeworfen und die Arbeiter ecrasiert waren und die La-
denhüter siegestrunken zu ihren Läden zurückstürzten, fanden sie
den Eingang verbarrikadiert von einem Retter des Eigentums, einem
offiziellen Agenten des Kredits, der ihnen die Drohbriefe entge-
genhielt: Verfallener Wechsel! Verfallener Hauszins! Verfallener
Schuldbrief! Verfallene Boutique! Verfallener Boutiquier!
R e t t u n g d e s E i g e n t u m s! Aber das Haus, das sie
bewohnten, war nicht ihr Eigentum; der Laden, den sie hüteten,
war nicht ihr Eigentum; die Waren, die sie verhandelten, waren
nicht ihr Eigentum. Nicht ihr Geschäft, nicht der Teller, woraus
sie aßen, nicht das Bett, worin sie schliefen, gehörte ihnen
noch. Ihnen gegenüber galt es gerade, d i e s E i g e n t u m
z u r e t t e n für den Hausbesitzer, der das Haus verliehen,
den Bankier, der den Wechsel diskontiert, den Kapitalisten, der
die baren Vorschüsse gemacht, den Fabrikanten, der die Waren zum
Verkaufe diesen Krämern anvertraut, den Großhändler, der die Roh-
stoffe diesen Professionisten kreditiert hatte. W i e d e r-
h e r s t e l l u n g d e s K r e d i t s! Aber der wieder
erstarkte Kredit bewährte sich eben als ein lebendiger und
eifriger Gott, indem er den zahlungsunfähigen Schuldner aus sei-
nen vier Mauern verjagte, mit Weib und Kind, seine Scheinhabe dem
Kapital preisgab und ihn selbst in den Schuldturm warf, der sich
über den Leichen der Juniinsurgenten drohend wieder aufgerichtet
hatte.
Die Kleinbürger erkannten mit Schrecken, daß sie ihren Gläubigern
sich widerstandslos in die Hände geliefert, indem sie die Arbei-
ter niedergeschlagen hatten. Ihr seit dem Februar chronisch sich
hinschleppender und scheinbar ignorierter Bankerott wurde nach
dem Juni offen erklärt.
Ihr n o m i n e l l e s E i g e n t u m hatte man so lange un-
angefochten gelassen, als es galt, sie auf den Kampfplatz zu
treiben, im N a m e n d e s E i g e n t u m s. Jetzt, nachdem
die große Angelegenheit mit dem Proletariat geregelt war, konnte
auch das kleine Geschäft mit dem Epicier 2*) wieder geregelt wer-
den. In Paris betrug die Masse der leidenden Papiere über 21 Mil-
lionen Francs, in den Provinzen über 11 Millionen. Geschäftliche
Inhaber von mehr als 7000 Pariser Häusern hatten ihre Miete seit
Februar nicht gezahlt.
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1*) Schankwirte - 2*) Kleinhändler
#39# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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Hatte die Nationalversammlung eine Enquête über die p o l i-
t i s c h e S c h u l d bis zu den Grenzen des Februar hinauf
angestellt, so verlangten nun die Kleinbürger ihrerseits eine
Enquête über die b ü r g e r l i c h e n S c h u l d e n bis
zum 24. Februar. Sie versammelten sich massenhaft in der Bör-
senhalle und forderten drohend für jeden Kaufmann, der nachweisen
könne, daß er nur durch die von der Revolution hervorgerufene
Stockung fallit geworden und sein Geschäft am 24. Februar gut
stand, Verlängerung des Zahlungstermins durch handelsgerichtli-
ches Urteil und Nötigung des Gläubigers, für eine mäßige Prozent-
zahlung seine Forderung zu liquidieren. Als Gesetzvorschlag wurde
diese Frage in der Nationalversammlung verhandelt unter der Form
der concordats à l'amiable. [49] Die Versammlung schwankte; da
erfuhr sie plötzlich, daß gleichzeitig an der Porte St. Denis
Tausende von Frauen und Kindern der Insurgenten eine Amnestiepe-
tition vorbereiteten.
In Gegenwart des wiedererstandenen Junigespenstes erzitterten die
Kleinbürger und gewann die Versammlung ihre Unerbittlichkeit wie-
der. Die concordats à l'amiable, die freundschaftliche Verständi-
gung zwischen Gläubiger und Schuldner wurde in ihren wesentlich-
sten Punkten verworfen.
Nachdem also längst innerhalb der Nationalversammlung die demo-
kratischen Vertreter der Kleinbürger von den republikanischen
Vertretern der Bourgeoisie zurückgestoßen waren, erhielt dieser
parlamentarische Bruch seinen bürgerlichen, reellen ökonomischen
Sinn, indem die Kleinbürger als Schuldner den Bourgeois als Gläu-
bigern preisgegeben wurden. Ein großer Teil der ersteren wurde
vollständig ruiniert und dem Rest nur gestattet, sein Geschäft
fortzuführen unter Bedingungen, die ihn zum unbedingten Leib-
eigenen des Kapitals machten. Am 22. August 1848 verwarf die
Nationalversammlung die concordats à l'amiable, am 19. September
1848, mitten im Belagerungszustande, wurden der Prinz Louis Bona-
parte und der Gefangene von Vincennes, der Kommunist Raspail, zu
Repräsentanten von Paris gewählt. Die Bourgeoisie aber wählte den
jüdischen Wechsler und Orleanisten Fould. Also von allen Seiten
auf einmal offene Kriegserklärung gegen die konstituierende Na-
tionalversammlung, gegen den Bourgeoisrepublikanismus, gegen Ca-
vaignac.
Es bedarf keiner Ausführung, wie der massenhafte Bankerott der
Pariser Kleinbürger seine Nachwirkungen weit über die unmittelbar
Getroffenen fortwälzen und den bürgerlichen Verkehr abermals er-
schüttern mußte, während das Staatsdefizit durch die Kosten der
Juniinsurrektion von neuem anschwoll, die Staatseinnahme durch
die aufgehaltene Produktion, den eingeschränkten Konsum und die
abnehmende Einfuhr beständig sank. Cavaignac und die Nationalver-
sammlung konnten zu keinem anderen Mittel ihre
#40# Karl Marx
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Zuflucht nehmen als zu einer neuen Anleihe, die sie noch tiefer
in das Joch der Finanzaristokratie hineinzwängte.
Hatten die Kleinbürger als Frucht des Junisieges den Bankerott
und die gerichtliche Liquidation geerntet, so fanden dagegen die
Janitscharen Cavaignacs, die M o b i l g a r d e n, ihren Lohn
in den weichen Armen der Loretten und empfingen sie, "die jugend-
lichen Retter der Gesellschaft", Huldigungen aller Art in den Sa-
lons von Marrast, des gentilhomme der Trikolore, der zugleich den
Amphitryon und den Troubadour der honetten Republik abgab. Unter-
dessen erbitterte diese gesellschaftliche Bevorzugung und der un-
gleich höhere Sold der Mobilgarden die A r m e e, während
gleichzeitig alle nationalen Illusionen verschwanden, womit der
Bourgeoisrepublikanismus durch sein Journal, den "National",
einen Teil der Armee und der Bauernklasse unter Louis-Philippe an
sich zu fesseln gewußt hatte. Die Vermittelungsrolle, welche Ca-
vaignac und die Nationalversammlung in N o r d i t a l i e n
spielten, um es gemeinsam mit England an Österreich zu verraten -
dieser eine Tag der Herrschaft vernichtete achtzehn Oppositions-
jahre des "National". Keine Regierung weniger national als die
des "National", keine abhängiger von England, und unter Louis-
Philippe lebte er von der täglichen Umschreibung des Catonischen:
Carthaginem esse delendam [50]; keine serviler gegen die Heilige
Allianz, und von einem Guizot hatte er die Zerreißung der Wiener
Verträge verlangt. Die geschichtliche Ironie machte Bastide, den
Exredakteur der auswärtigen Angelegenheiten des "National", zum
Minister der auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs, damit er
jeden seiner Artikel durch jede seiner Depeschen widerlege.
Einen Augenblick hatten Armee und Bauernklasse geglaubt, mit der
Militärdiktatur sei gleichzeitig der Krieg nach außen und die
"gloire" auf die Tagesordnung Frankreichs gesetzt. Aber Ca-
vaignac, das war nicht die Diktatur des Säbels über die bürgerli-
che Gesellschaft, das war die Diktatur der Bourgeoisie durch den
Säbel. Und sie brauchten jetzt vom Soldaten nur noch den Gen-
darmen. Cavaignac verbarg unter den strengen Zügen antik-republi-
kanischer Resignation die fade Unterwürfigkeit unter die demüti-
genden Bedingungen seines bürgerlichen Amtes. L'argent n'a pas de
maître! Das Geld hat keinen Herrn! Diesen alten Wahlspruch des
tiers-état 1*) idealisierte er, wie überhaupt die konstituierende
Versammlung, indem sie ihn in die politische Sprache übersetzten:
Die Bourgeoisie hat keinen König, die wahre Form ihrer Herrschaft
ist die Republik.
Und diese F o r m ausarbeiten, eine republikanische K o n-
s t i t u t i o n anfertigen,
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1*) dritten Standes
#41# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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darin bestand das "große organische Werk" der konstituierenden
Nationalversammlung. Die Umtaufung des christlichen Kalenders in
einen republikanischen, des heiligen Bartholomäus in den heiligen
Robespierre [51], ändert nicht mehr an Wind und Wetter, als diese
Konstitution an der bürgerlichen Gesellschaft veränderte oder
verändern sollte. Wo sie über den K o s t ü m w e c h s e l
hinausging, nahm sie v o r h a n d e n e Tatsachen zu Proto-
koll. So registrierte sie feierlich die Tatsache der Republik,
die Tatsache des allgemeinen Stimmrechts, die Tatsache, einer
einzigen souveränen Nationalversammlung an Stelle der zwei be-
schränkten konstitutionellen Kammern. So registrierte und regelte
sie die Tatsache der Diktatur Cavaignacs, indem sie das statio-
näre, unverantwortliche Erbkönigtum durch ein ambulantes, verant-
wortliches Wahlkönigtum ersetzte, durch eine vierjährige Prä-
sidentschaft. So erhob sie nicht minder zum konstituierenden Ge-
setz die Tatsache der außerordentlichen Gewalt, womit die Natio-
nalversammlung nach den Schrecken des 15. Mai und des 25. Juni im
Interesse der eigenen Sicherheit vorsorglich ihren Präsidenten
bekleidet hatte. Der Rest der Konstitution war das Werk der Ter-
minologie. Von dem Räderwerk der alten Monarchie wurden die roya-
listischen Etiketten abgerissen und republikanisch aufgeklebt.
Marrast, ehemaliger Redakteur en chef des "National", nunmehr Re-
dakteur en chef der Konstitution, entledigte sich dieser akademi-
schen Aufgabe nicht ohne Talent.
Die konstituierende Versammlung glich jenem chilenischen Beamten,
der die Grundeigentumsverhältnisse durch eine Katastermessung fe-
ster regulieren wollte, in demselben Augenblick, wo der unterir-
dische Donner schon die vulkanische Eruption angekündigt hatte,
die den Grund und Boden selbst unter seinen Füßen wegschleudern
sollte. Während sie in der Theorie die Formen abzirkelte, worin
die Herrschaft der Bourgeoisie republikanisch ausgedrückt wurde,
behauptete sie sich in der Wirklichkeit nur durch die Aufhebung
aller Formeln, durch die Gewalt sans phrase, durch den B e l a-
g e r u n g s z u s t a n d. Zwei Tage, bevor sie ihr
Verfassungswerk begann, proklamierte sie seine Fortdauer.
Verfassungen wurden früher gemacht und angenommen, sobald der
gesellschaftliche Umwälzungsprozeß an einem Ruhepunkt angelangt
war, die neugebildeten Klassenverhältnisse sich befestigt hatten
und die ringenden Fraktionen der herrschenden Klasse zu einem
Kompromiß flüchteten, der ihnen erlaubte, den Kampf unter sich
fortzusetzen und gleichzeitig die ermattete Volksmasse von
demselben auszuschließen. Diese Konstitution dagegen sanktio-
nierte keine gesellschaftliche Revolution, sie sanktionierte den
augenblicklichen Sieg der alten Gesellschaft über die Revolution.
In dem ersten Konstitutionsentwurf, verfaßt vor den Junitagen,
befand sich noch das "droit au travail", das Recht auf Arbeit,
erste unbeholfene
#42# Karl Marx
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Formel, worin sich die revolutionären Ansprüche des Proletariats
zusammenfassen. [52] Es wurde verwandelt in das droit à
l'assistance, in das Recht auf öffentliche Unterstützung, und
welcher moderne Staat ernährt nicht in der einen oder anderen
Form seine Paupers? Das Recht auf Arbeit ist im bürgerlichen Sinn
ein Widersinn, ein elender, frommer Wunsch, aber hinter dem
Rechte auf Arbeit steht die Gewalt über das Kapital, hinter der
Gewalt über das Kapital die Aneignung der Produktionsmittel, ihre
Unterwerfung unter die assoziierte Arbeiterklasse, also die Auf-
hebung der Lohnarbeit, des Kapitals und ihres Wechselverhältnis-
ses. Hinter dem "Recht auf Arbeit" stand die Juniinsurrektion.
Die konstituierende Versammlung, welche das revolutionäre Prole-
tariat faktisch hors la loi, außerhalb des Gesetzes stellte, sie
mußte s e i n e Formel prinzipiell aus der Konstitution, dem
Gesetz der Gesetze, herauswerfen, ihr Anathem verhängen über das
"Recht auf Arbeit". Aber hier blieb sie nicht stehn. Wie Plato
aus seiner Republik die Poetent [53], verbannte sie aus der ihri-
gen auf ewige Zeiten - d i e P r o g r e s s i v s t e u e r.
Und die Progressivsteuer ist nicht nur eine bürgerliche Maßregel,
ausführbar innerhalb der bestehenden Produktionsverhältnisse auf
größerer oder kleinerer Stufenleiter; sie war das einzige Mittel,
die mittleren Schichten der bürgerlichen Gesellschaft an die
"honette" Republik zu fesseln, die Staatsschuld zu reduzieren,
der antirepublikanischen Majorität der Bourgeoisie Schach zu bie-
ten.
Bei Gelegenheit der concordats à l'amiable hatten die trikoloren
Republikaner die kleine Bourgeoisie tatsächlich der großen
geopfert. Dies vereinzelte Faktum erhoben sie zum Prinzip durch
die gesetzliche Interdiktion der Progressivsteuer. Sie setzten
die bürgerliche Reform auf gleiche Stufe mit der proletarischen
Revolution. Aber welche Klasse blieb dann als Halt ihrer Repu-
blik? Die große Bourgeoisie. Und deren Masse war antirepublika-
nisch. Wenn sie die Republikaner des "National" ausbeutete, um
die alten ökonomischen Lebensverhältnisse wieder zu befestigen,
so gedachte sie die wiederbefestigten gesellschaftlichen Verhält-
nisse andererseits auszubeuten, um die ihnen entsprechenden poli-
tischen Formen wiederherzustellen. Schon Anfang Oktober sah Ca-
vaignac sich gezwungen, Dufaure und Vivien, ehemalige Minister
Louis-Philippes, zu Ministern der Republik zu machen, so sehr die
kopflosen Puritaner seiner eigenen Partei grollten und polterten.
Während die trikolore Konstitution jeden Kompromiß mit der klei-
nen Bourgeoisie verwarf und kein neues Element der Gesellschaft
an die neue Staatsform zu fesseln wußte, beeilte sie sich dage-
gen, einem Korps, worin der alte Staat seine verbissensten und
fanatischsten Verteidiger fand, die traditionelle Unantastbarkeit
wiederzugeben. Sie erhob die von der provisorischen Regierung in
Frage gestellte U n a b s e t z b a r k e i t d e r R i c h-
t e r zum konstituierenden
#43# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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Gesetz. Der eine König, den sie abgesetzt, erstand schockweise in
diesen unabsetzbaren Inquisitoren der Legalität.
Die französische Presse hat vielseitig die Widersprüche der Kon-
stitution des Herrn Marrast auseinandergesetzt, z.B. das Neben-
einanderstehen von zwei Souveränen, der Nationalversammlung und
dem Präsidenten usw. usw.
Der umfassende Widerspruch aber dieser Konstitution besteht
darin: Die Klassen, deren gesellschaftliche Sklaverei sie verewi-
gen soll, Proletariat, Bauern, Kleinbürger, setzt sie durch das
allgemeine Stimmrecht in den Besitz der politischen Macht. Und
der Klasse, deren alte gesellschaftliche Macht sie sanktioniert,
der Bourgeoisie, entzieht sie die politischen Garantien dieser
Macht. Sie zwängt ihre politische Herrschaft in demokratische Be-
dingungen, die jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg
verhelfen und die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft selbst
in Fragen stellen. Von den einen verlangt sie, daß sie von der
politischen Emanzipation nicht zur sozialen fort-, von den ande-
ren, daß sie von der sozialen Restauration nicht zur politischen
zurückgehen.
Wenig kümmerten diese Widersprüche die Bourgeoisrepublikaner. In
demselben Maße, als sie aufhörten, u n e n t b e h r l i c h zu
sein, und unentbehrlich waren sie nur als die Vorkämpfer der al-
ten Gesellschaft gegen das revolutionäre Proletariat, wenige Wo-
chen nach ihrem Siege, sanken sie von der Stellung einer P a r-
t e i zu der einer K o t e r i e herab. Und die Konstitution,
sie behandelten sie als eine große I n t r i g e. Was in ihr
konstituiert werden sollte, war vor allem die Herrschaft der
Koterie. Der Präsident sollte der verlängerte Cavaignac sein, die
legislative Versammlung eine verlängerte Konstituante. Die
politische Macht der Volksmassen hofften sie zur Scheinmacht her-
absetzen und mit dieser Scheinmacht selbst hinreichend spielen zu
können, um über die Majorität der Bourgeoisie fortdauernd das Di-
lemma der Junitage zu verhängen: R e i c h d e s "N a t i o-
n a l" oder R e i c h d e r A n a r c h i e.
Das am 4. September begonnene Verfassungswerk wurde am 23. Ok-
tober beendet. Am 2. September hatte die Konstituante beschlos-
sen, sich nicht aufzulösen, bis die organischen, die Konstitution
ergänzenden Gesetze erlassen seien. Nichtsdestoweniger entschied
sie sich nun, ihr eigenstes Geschöpf, den Präsidenten, schon am
10.Dezember ins Leben zu rufen, lange bevor der Kreislauf ihres
eigenen Wirkens geschlossen war. So gewiß war sie, in dem Konsti-
tutions-Homunkulus den Sohn seiner Mutter zu begrüßen. Zur Vor-
sorge war die Anstalt getroffen, daß, wenn keiner der Kandidaten
zwei Millionen Stimmen zähle, die Wahl von der Nation auf die
Konstituante übergehe.
#44# Karl Marx
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Vergebliche Vorkehrungen! Der erste Tag der Verwirklichung der
Konstitution war der letzte Tag der Herrschaft der Konstituante.
Im Abgrunde der Wahlurne lag ihr Todesurteil. Sie suchte den
"Sohn seiner Mutter", und sie fand den "Neffen seines Onkels".
Saulus Cavaignac schlug eine Million Stimmen, aber David Napoleon
schlug sechs Millionen. Sechsmal war Saulus Cavaignac geschlagen.
[54]
Der 10. Dezember 1848 war der Tag der B a u e r n i n s u r-
r e k t i o n. Erst von diesem Tage an datierte der Februar für
die französischen Bauern. Das Symbol, das ihren Eintritt in die
revolutionäre Bewegung ausdrückte, unbeholfen-verschlagen, schur-
kisch-naiv, tölpelhaft-sublim, ein berechneter Aberglaube, eine
pathetische Burleske, ein genial-alberner Anachronismus, eine
weltgeschichtliche Eulenspiegelei, unentzifferbare Hieroglyphe
für den Verstand der Zivilisierten - trug dies Symbol unverkenn-
bar die Physiognomie der Klasse, welche innerhalb der Zivilisa-
tion die Barbarei vertritt. Die Republik hatte sich bei ihr ange-
kündigt mit dem S t e u e r e x e k u t o r, sie kündigte sich
bei der Republik an mit dem Kaiser. Napoleon war der einzige
Mann, der die Interessen und die Phantasie der 1789 neuge-
schaffenen Bauernklasse erschöpfend vertreten hatte. Indem sie
seinen Namen auf das Frontispiz der Republik schrieb, erklärte
sie nach außen den Krieg, nach innen die Geltendmachung ihres
Klasseninteresses. Napoleon, das war für die Bauern keine Person,
sondern ein Programm. Mit Fahnen, mit klingendem Spiel zogen sie
auf die Wahlstätte unter dem Rufe: plus d'impôts, à bas les
riches, à bas la république, vive l'Empereur. Keine Steuern mehr,
nieder mit den Reichen, nieder mit der Republik, es lebe der
Kaiser! Hinter dem Kaiser verbarg sich der Bauernkrieg. Die
Republik, die sie niedervotiert, es war die R e p u b l i k
d e r R e i c h e n.
Der 10. Dezember war der coup d'état 1*) der Bauern, der die
bestehende Regierung stürzte. Und von diesem Tage an, wo sie
Frankreich eine Regierung genommen, eine Regierung gegeben hat-
ten, war ihr Auge unverrückt auf Paris gerichtet. Einen Augen-
blick aktive Helden des revolutionären Dramas, konnten sie nicht
mehr in die tat- und willenlose Rolle des Chors zurückgedrängt
werden.
Die übrigen Klassen trugen bei, den Wahlsieg der Bauern zu
vervollständigen. Die Wahl Napoleons, sie war für das P r o l e-
t a r i a t die Absetzung Cavaignacs, der Sturz der Konsti-
tuante, die Abdankung des Bourgeoisrepublikanismus, die Kassation
des Junisieges. Für die k l e i n e B o u r g e o i s i e war
Napoleon die Herrschaft des Schuldners über den Gläubiger. Für
die Majorität der
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1*) Staatsstreich
#45# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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g r o ß e n B o u r g e o i s i e war die Wahl Napoleons der
offene Bruch mit der Fraktion, deren sie sich einen Augenblick
gegen die Revolution bedienen mußte, die ihr aber unerträglich
wurde, sobald sie die Stellung des Augenblicks als konstitutio-
nelle Stellung zu befestigen suchte. Napoleon an der Stelle Ca-
vaignacs, es war für sie die Monarchie an der Stelle der Repu-
blik, der Beginn der royalistischen Restauration, der schüchtern
angedeutete Orléans, die unter Veilchen versteckte Lilie [55].
Die A r m e e endlich stimmte in Napoleon gegen die Mobilgarde,
gegen die Friedensidylle, für den Krieg.
So geschah es, wie die "Neue Rheinische Zeitung" sagte, daß der
einfältigste Mann Frankreichs die vielfältigste Bedeutung er-
hielt. [56] Eben weil er nichts war, konnte er alles bedeuten,
nur nicht sich selbst. So verschieden indessen der Sinn des Na-
mens Napoleon im Munde der verschiedenen Klassen sein mochte,
jede schrieb mit diesem Namen auf ihr Bulletin: Nieder mit der
Partei des "National", nieder mit Cavaignac, nieder mit der Kon-
stituante, nieder mit der Bourgeoisrepublik. Der Minister Dufaure
erklärte es öffentlich in der konstituierenden Versammlung: Der
10. Dezember ist ein zweiter 24. Februar.
Kleinbürgerschaft und Proletariat hatten en bloc f ü r Napoleon
gestimmt, um g e g e n Cavaignac zu stimmen und durch Zusammen-
halten der Stimmen der Konstituante die schließliche Entscheidung
zu entreißen. Indes stellte der fortgeschrittenste Teil beider
Klassen seine eigenen Kandidaten auf. Napoleon war der K o l-
l e k t i v n a m e aller gegen die Bourgeoisrepublik koali-
sierten Parteien, Ledru-Rollin und Raspail waren die E i g e n-
n a m e n, jener der demokratischen Kleinbürgerschaft, dieser
des revolutionären Proletariats. Die Stimmen für Raspail - die
Proletarier und ihre sozialistischen Wortführer erklärten es laut
- sollten eine bloße Demonstration sein, ebenso viele Proteste
gegen jede Präsidentur, d.h. gegen die Konstitution selbst,
ebenso viele Stimmen gegen Ledru-Rollin, der erste Akt, wodurch
das Proletariat sich als selbständige politische Partei von der
demokratischen Partei lossagte. [57] Diese Partei dagegen - die
demokratische Kleinbürgerschaft und ihr parlamentarischer Re-
präsentant, die Montagne - behandelten die Kandidatur Ledru-Rol-
lins mit all dem Ernste, womit sie sich selbst zu düpieren die
feierliche Angewöhnung haben. Es war dies übrigens ihr letzter
Versuch, sich als selbständige Partei dem Proletariat gegenüber
aufzuwerfen. Nicht nur die republikanische Bourgeoispartei, auch
die demokratische Kleinbürgerschaft und ihre Montagne wurden am
10. Dezember geschlagen.
Frankreich besaß jetzt neben einer Montagne einen Napoleon, Be-
weis, daß beide nur die leblosen Zerrbilder der großen Wirklich-
keiten waren, deren Namen sie trugen. Louis-Napoleon mit dem Kai-
serhut und dem Adler parodierte
#46# Karl Marx
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nicht elender den alten Napoleon, als die Montagne mit ihren 1793
entlehnten Phrasen und ihren demagogischen Posen die alte Monta-
gne parodierte. Der traditionelle Aberglaube an 1793 wurde so
gleichzeitig abgestreift mit dem traditionellen Aberglauben an
Napoleon. Die Revolution war erst bei sich selbst angelangt, so-
bald sie ihren e i g e n e n, o r i g i n e l l e n Namen ge-
wonnen hatte, und das konnte sie nur, sobald die moderne revolu-
tionäre Klasse, das industrielle Proletariat, herrschend in ihren
Vordergrund trat. Man kann sagen, daß der 10. Dezember die Monta-
gne schon darum verblüffte und an ihrem eigenen Verstand irre
werden ließ, weil er die klassische Analogie mit der alten Revo-
lution durch einen schnöden Bauernwitz lachend abbrach.
Am 20. Dezember legte Cavaignac sein Amt nieder, und die konsti-
tuierende Versammlung proklamierte Louis-Napoleon als Präsident
der Republik. Am 19. Dezember, dem letzten Tage ihrer Alleinherr-
schaft, verwarf sie den Antrag auf Amnestie der Juniinsurgenten.
Das Dekret vom 27. Juni widerrufen, wodurch sie 15 000 Insurgen-
ten mit Umgehung des richterlichen Urteils zur Deportation ver-
dammt hatte, hieß es nicht die Junischlacht selbst widerrufen?
Odilon Barrot, der letzte Minister Louis-Philippes, wurde der er-
ste Minister Louis-Napoleons. Wie Louis-Napoleon den Tag seiner
Herrschaft nicht vom 10. Dezember datierte, sondern von einem Se-
natusconsult von 1804 [58], so fand er einen Ministerpräsidenten,
der sein Ministerium nicht vom 20. Dezember datierte, sondern von
einem Königlichen Dekret vom 24. Februar. Als legitimer Erbe
Louis-Philippes milderte Louis-Napoleon den Regierungswechsel
durch Beibehaltung des alten Ministeriums, das zudem keine Zeit
gewonnen hatte, sich abzunutzen, weil es keine Zeit gefunden
hatte, ins Leben zu treten.
Die Chefs der royalistischen Bourgeoisfraktionen rieten ihm zu
dieser Wahl. Das Haupt der alten dynastischen Opposition, das be-
wußtlos den Übergang zu den Republikanern des "National" gebildet
hatte, war noch geeigneter, mit vollem Bewußtsein den Übergang
von der Bourgeoisrepublik zur Monarchie zu bilden.
Odilon Barrot war der Chef der einzigen alten Oppositionspartei,
die, immer vergeblich nach dem Ministerportefeuille ringend, sich
noch nicht verschlissen hatte. In rascher Aufeinanderfolge
schleuderte die Revolution alle alten Oppositionsparteien auf die
Staatshöhe, damit sie nicht nur in der Tat, sondern mit der
Phrase selbst ihre alten Phrasen verleugnen, widerrufen mußten
und schließlich, in einem widerlichen Mischkörper vereint,
allzumal von dem Volke auf den Schindanger der Geschichte ge-
schleudert würden.
#47# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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Und keine Apostasie wurde diesem Barrot erspart, dieser Inkorpo-
ration des bürgerlichen Liberalismus, der achtzehn Jahre hindurch
die schuftige Hohlheit seines Geistes unter ein ernsttuendes Be-
nehmen seines Körpers versteckt hatte. Wenn in einzelnen Momenten
der gar zu stechende Kontrast zwischen den Disteln der Gegenwart
und den Lorbeeren der Vergangenheit ihn selbst aufschreckte, gab
ein Blick in den Spiegel die ministerielle Fassung und die men-
schliche Selbstbewunderung zurück. Was ihm aus dem Spiegel
entgegenstrahlte, war Guizot, den er stets beneidet, der ihn
stets gemeistert hatte, Guizot selbst, aber Guizot mit der olym-
pischen Stirne Odilons. Was er übersah, waren die Midasohren
[59].
Der Barrot vom 24. Februar wurde erst offenbar in dem Barrot vom
20. Dezember. Ihm, dem Orleanisten und Voltairianer, gesellte
sich als Kultusminister bei - der Legitimist und Jesuit Falloux.
Wenige Tage später wurde das Ministerium des Innern an Léon Fau-
cher, den Malthusianer, überwiesen. Das Recht, die Religion, die
politische Ökonomie! Das Ministerium Barrot enthielt alles dies
und zudem eine Vereinigung der Legitimisten und Orleanisten. Nur
der Bonapartist fehlte. Noch versteckte Bonaparte das Gelüste,
den Napoleon zu bedeuten, denn Soulouque spielte noch nicht den
Toussaint-Louverture [60].
Sofort wurde die Partei des "National" ausgehoben aus allen höhe-
ren Posten, worin sie sich eingenistet hatte. Polizeipräfektur,
Postdirektion, Generalprokuratur, Mairie von Paris, alles wurde
mit alten Kreaturen der Monarchie besetzt. Changarnier, der Legi-
timist, erhielt das vereinigte Oberkommando der Nationalgarde des
Seine-Departements, der Mobilgarde und der Linientruppen der er-
sten Militärdivision; Bugeaud, der Orleanist, wurde zum Oberbe-
fehlshaber der Alpenarmee ernannt. Dieser Beamtenwechsel dauerte
ununterbrochen fort unter der Regierung Barrot. Der erste Akt
seines Ministeriums war die Restauration der alten royalistischen
Administration. In einem Nu verwandelte sich die offizielle Szene
- Kulissen, Kostüme, Sprache, Schauspieler, Figuranten, Stati-
sten, Souffleure, Stellung der Parteien, Motive des Dramas, In-
halt der Kollision, die gesamte Situation. Nur die vorweltliche
konstituierende Versammlung befand sich noch auf ihrem Platz.
Aber von der Stunde, wo die Nationalversammlung den Bonaparte, wo
Bonaparte den Barrot, wo Barrot den Changarnier installiert
hatte, trat Frankreich aus der Periode der republikanischen Kon-
stituierung in die Periode der konstituierten Republik. Und in
der konstituierten Republik, was sollte eine konstituierende Ver-
sammlung? Nachdem die Erde geschaffen war, blieb ihrem Schöpfer
nichts übrig, als in den Himmel zu flüchten. Die konstituierende
Versammlung war entschlossen, nicht seinem Beispiele zu folgen,
die Nationalversammlung war
#48# Karl Marx
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das letzte Asyl der Partei der Bourgeoisrepublikaner. Wenn ihr
alle Handhaben der exekutiven Gewalt entrissen waren, blieb ihr
nicht die konstituierende Allmacht? Den souveränen Posten, den
sie innehatte, unter allen Umständen behaupten und von hier aus
das verlorene Terrain wiedererobern, es war ihr erster Gedanke.
Das Ministerium Barrot durch ein Ministerium des "National" ver-
drängt, und das royalistische Personal mußte sofort die Paläste
der Administration räumen, und das trikolore Personal zog trium-
phierend wieder ein. Die Nationalversammlung beschloß den Sturz
des Ministeriums, und das Ministerium selbst bot eine Gelegenheit
des Angriffs, wie die Konstituante sie nicht passender erfinden
konnte.
Man erinnert sich, daß Louis Bonaparte für die Bauern bedeutete:
Keine Steuern mehr! Sechs Tage saß er auf dem Präsidentenstuhl,
und am siebenten Tage, am 27. Dezember, schlug sein Ministerium
die Beibehaltung der Salzsteuer vor, deren Abschaffung die provi-
sorische Regierung dekretiert hatte. Die Salzsteuer teilt mit der
Weinsteuer das Privilegium, der Sündenbock des alten französi-
schen Finanzsystems zu sein, besonders in den Augen des Land-
volkes. Dem Auserwählten der Bauern konnte das Ministerium Barrot
kein beißenderes Epigramm auf seine Wähler in den Mund legen als
die Worte: Wiederherstellung der Salzsteuer! Mit der Salzsteuer
verlor Bonaparte sein revolutionäres Salz - der Napoleon der Bau-
erninsurrektion zerrann wie ein Nebelbild, und es blieb nichts
zurück als der große Unbekannte der royalistischen Bour-
geoisintrige. Und nicht ohne Absicht machte das Ministerium Bar-
rot diesen Akt taktlos grober Enttäuschung zum ersten Regierungs-
akt des Präsidenten.
Die Konstituante ihrerseits ergriff begierig die doppelte Gele-
genheit, das Ministerium zu stürzen und dem Erwählten der Bauern
gegenüber sich als Vertreterin des Bauerninteresses aufzuwerfen.
Sie verwarf den Vorschlag des Finanzministers, reduzierte die
Salzsteuer auf ein Drittel ihres früheren Betrages, vermehrte so
um 60 Millionen ein Staatsdefizit von 560 Millionen und erwartete
nach diesem M i ß t r a u e n s v o t u m ruhig den Abtritt des
Ministeriums. So wenig begriff sie die neue Welt, von der sie um-
geben war, und die eigene veränderte Stellung. Hinter dem Mini-
sterium stand der Präsident, und hinter dem Präsidenten standen 6
Millionen, die ebenso viele Mißtrauensvota gegen die Konstituante
in die Wahlurne niedergelegt hatten. Die Konstituante gab der Na-
tion ihr Mißtrauensvotum zurück. Lächerlicher Austausch! Sie ver-
gaß, daß ihre Vota den Zwangskurs verloren hatten. Die Verwerfung
der Salzsteuer reifte nur den Entschluß Bonapartes und seines Mi-
nisteriums, mit der konstituierenden Versammlung "zu enden". Je-
nes lange Duell begann, das die ganze letzte Lebenshälfte der
Konstituante ausfüllt. Der 29. Januar, der
#49# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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21. März, der 8. Mai sind die journées, die großen Tage dieser
Krise, ebenso viele Vorläufer des 13. Juni.
Die Franzosen, z.B. Louis Blanc, haben den 29. Januar als das
Heraustreten eines konstitutionellen Widerspruchs aufgefaßt, des
Widerspruchs zwischen einer souveränen, unauflösbaren, aus dem
allgemeinen Stimmrecht hervorgegangenen Nationalversammlung und
einem Präsidenten, dem Wortlaut nach ihr verantwortlich, der
Wirklichkeit nach nicht nur ebenfalls sanktioniert durch das all-
gemeine Stimmrecht und zudem in seiner Person alle Stimmen verei-
nigend, die sich auf die einzelnen Mitglieder der National-
versammlung verteilen und hundertfach zersplittern, sondern auch
im Vollbesitz der ganzen exekutiven Gewalt, über welcher die Na-
tionalversammlung nur als moralische Macht schwebt. Diese Ausle-
gung des 29. Januar verwechselt die Sprache des Kampfes auf der
Tribüne, durch die Presse, in den Klubs mit seinem wirklichen In-
halt. Louis Bonaparte gegenüber der konstituierenden Nationalver-
sammlung, das war nicht eine einseitige konstitutionelle Gewalt
gegenüber der anderen, das war nicht die vollziehende Gewalt
gegenüber der gesetzgebenden, das war die konstituierte Bour-
geoisrepublik selbst gegenüber den Werkzeugen ihrer Konstituie-
rung, gegenüber den ehrsüchtigen Intrigen und den ideologischen
Forderungen der revolutionären Bourgeoisfraktion, welche sie be-
gründet hatte und nun verwundert fand, daß ihre konstituierte Re-
publik wie eine restaurierte Monarchie aussah, und nun gewaltsam
die konstituierende Periode mit ihren Bedingungen, ihren Illusio-
nen, ihrer Sprache und ihren Personen festhalten und die reife
Bourgeoisrepublik verhindern wollte, in ihrer vollständigen und
eigentümlichen Gestalt herauszutreten. Wie die konstituierende
Nationalversammlung den in sie zurückgefallenen Cavaignac ver-
trat, so Bonaparte die noch nicht von ihm losgeschiedene gesetz-
gebende Nationalversammlung, d. h. die Nationalversammlung der
konstituierten Bourgeoisrepublik.
Die Wahl Bonapartes konnte sich erst auslegen, indem sie an die
Stelle des e i n e n Namens seine vielsinnigen Bedeutungen
setzte, indem sie sich wiederholte in der Wahl der neuen Natio-
nalversammlung. Das Mandat der alten hatte der 10. Dezember kas-
siert. Was sich also am 29. Januar gegenübertrat, das waren nicht
der Präsident und die Nationalversammlung d e r s e l b e n
Republik, das war die Nationalversammlung der werdenden Republik
und der Präsident der gewordenen Republik, zwei Mächte, die ganz
verschiedene Perioden des Lebensprozesses der Republik verkörper-
ten, das war die kleine republikanische Fraktion der Bourgeoisie,
welche allein die Republik proklamieren, sie dem revolutionären
Proletariat durch den Straßenkampf und durch die Schreckensherr-
schaft abringen und in der Konstitution ihre idealen Grundzüge
#50# Karl Marx
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entwerfen konnte, und andererseits die ganze royalistische Masse
der Bourgeoisie, welche allein in dieser konstituierten Bour-
geoisrepublik herrschen, der Konstitution ihre ideologischen Zu-
taten abstreifen und die unumgänglichen Bedingungen zur Unter-
jochung des Proletariats durch ihre Gesetzgebung und durch ihre
Administration verwirklichen konnte.
Das Ungewitter, das sich am 29. Januar entlud, sammelte seine
Elemente während des ganzen Monats Januar. Die Konstituante
wollte durch ihr Mißtrauensvotum das Ministerium Barrot zur Ab-
dankung treiben. Das Ministerium Barrot schlug dagegen der Kon-
stituante vor, sich selbst ein definitives Mißtrauensvotum zu ge-
ben, ihren Selbstmord zu beschließen, ihre e i g e n e A u f -
l ö s u n g zu dekretieren. Rateau, einer der obskursten Depu-
tierten, stellte der Konstituante, auf Befehl des Ministeriums,
am 6. Januar diesen Antrag, derselben Konstituante, die schon im
August beschlossen hatte, sich nicht aufzulösen, bis sie eine
ganze Reihe organischer, die Konstitution ergänzender Gesetze er-
lassen hätte. Der ministerielle Fould erklärte ihr geradezu, ihre
Auflösung sei nötig "zur Wiederherstellung des gestörten Kre-
dits". Und störte sie nicht den Kredit, indem sie das Provisorium
verlängerte und mit Barrot den Bonaparte und mit Bonaparte die
konstituierte Republik wieder in Frage stellte? Barrot, der Olym-
pische, zum rasenden Roland geworden durch die Aussicht, die end-
lich erhaschte Ministerpräsidentschaft, die ihm die Republikaner
schon einmal um ein Dezennium, d.h., um zehn Monate vertagt hat-
ten, nach kaum zweiwöchentlichem Genüsse sich wieder entrissen zu
sehen, Barrot übertyrannisierte dieser elenden Versammlung gegen-
über den Tyrannen. Das mildeste seiner Worte war, "mit ihr sei
keine Zukunft möglich". Und wirklich, sie vertrat nur noch die
Vergangenheit. "Sie sei unfähig", fügte er ironisch hinzu, "die
Republik mit den Institutionen zu umgeben, die zu ihrer Befesti-
gung nötig seien." [61] Und in der Tat! Mit dem ausschließlichen
Gegensatz gegen das Proletariat war gleichzeitig ihre Bourgeois-
energie gebrochen, und mit dem Gegensatz gegen die Royalisten
ihre republikanische Überschwenglichkeit neu aufgelebt. So war
sie doppelt unfähig, die Bourgeoisrepublik, die sie nicht mehr
begriff, durch die entsprechenden Institutionen zu befestigen.
Mit dem Vorschlag Rateaus beschwor das Ministerium gleichzeitig
einen Petitionssturm im ganzen Lande herauf, und täglich flogen
aus allen Winkeln Frankreichs der Konstituante Ballen von bil-
lets-doux 1*) an den Kopf, worin sie mehr oder minder kategorisch
ersucht wurde, sich aufzulösen und ihr Testament zu machen. Die
Konstituante ihrerseits rief Gegenpetitionen hervor,
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1*) Liebesbriefchen
#51# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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worin sie sich auffordern ließ, am Leben zu bleiben. Der Wahl-
kampf zwischen Bonaparte und Cavaignac erneuerte sich als Peti-
tionenkampf für und gegen die Auflösung der Nationalversammlung.
Die Petitionen sollten die nachträglichen Kommentare des 10. De-
zember sein. Während des ganzen Januars dauerte diese Agitation
fort.
In dem Konflikt zwischen der Konstituante und dem Präsidenten
konnte sie nicht auf die allgemeine Wahl als ihren Ursprung zu-
rückgehen, denn man appellierte von ihr an das allgemeine Stimm-
recht. Sie konnte sich auf keine regelmäßige Gewalt stützen, denn
es handelte sich um den Kampf gegen die legale Gewalt. Sie konnte
das Ministerium nicht durch Mißtrauensvota stürzen, wie sie es
noch einmal am 6. und 26. Januar versuchte, denn das Ministerium
verlangte ihr Vertrauen nicht. Es blieb ihr nur eine Möglichkeit,
die der I n s u r r e k t i o n. Die Streitkräfte der Insurrek-
tion waren der r e p u b l i k a n i s c h e T e i l d e r
N a t i o n a l g a r d e [18], die M o b i l g a r d e [31]
und die Zentren des revolutionären Proletariats, die K l u b s.
Die Mobilgarden, diese Helden der Junitage, bildeten ebenso im
Dezember die organisierte Streitkraft der republikanischen Bour-
geoisfraktion, wie vor dem Juni die N a t i o n a l a t e-
l i e r s [32] die organisierte Streitkraft des revolutionären
Proletariats gebildet hatten. Wie die exekutive Kommission der
Konstituante ihren brutalen Angriff auf die Nationalateliers
richtete, als sie mit den unerträglich gewordenen Ansprüchen des
Proletariats enden mußte, so das Ministerium Bonapartes auf die
Mobilgarde, als es mit den unerträglich gewordenen Ansprüchen der
republikanischen Bourgeoisfraktion enden mußte. Es verordnete
d i e A u f l ö s u n g d e r M o b i l g a r d e. Die eine
Hälfte derselben wurden entlassen und auf das Pflaster geworfen,
die andere erhielt an der Stelle der demokratischen Organisation
eine monarchische, und ihr Sold wurde auf den gewöhnlichen Sold
der Linientruppen herabgesetzt. Die Mobilgarde fand sich in der
Lage der Juniinsurgenten, und täglich brachte die Zeitungspresse
ö f f e n t l i c h e B e i c h t e n, worin sie ihre Schuld
vom Juni bekannte und das Proletariat um Vergebung anflehte.
Und die K l u b s? Von dem Augenblick, wo die konstituierende
Versammlung in Barrot den Präsidenten und in dem Präsidenten die
konstituierte Bourgeoisrepublik und in der konstituierten Bour-
geoisrepublik die Bourgeoisrepublik überhaupt in Frage stellte,
reihten sich notwendig alle konstituierenden Elemente der Fe-
bruarrepublik um sie zusammen, alle Parteien, welche die vorhan-
dene Republik umstürzen und sie durch einen gewaltsamen Rück-
bildungsprozeß als die Republik ihrer Klasseninteressen und Prin-
zipien umgestalten wollten. Das Geschehene war wieder ungesche-
hen, die Kristallisationen der revolutionären Bewegung waren wie-
der flüssig geworden, die Republik, um die gekämpft wurde, war
wieder die unbestimmte Republik der
#52# Karl Marx
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Februartage, deren Bestimmung sich jede Partei vorbehielt. Die
Parteien nahmen einen Augenblick wieder ihre alten Februarstel-
lungen ein, ohne die Illusionen des Februar zu teilen. Die triko-
loren Republikaner des "National" lehnten sich wieder auf die de-
mokratischen Republikaner der "Reforme" und drängten sie als Vor-
kämpfer in den Vordergrund des parlamentarischen Kampfes. Die de-
mokratischen Republikaner lehnten sich wieder auf die sozialisti-
schen Republikaner - am 27. Januar verkündete ein öffentliches
Manifest ihre Aussöhnung und Vereinigung [62] - und bereiteten
sich in den Klubs ihren insurrektionellen Hintergrund. Die mini-
sterielle Presse behandelte mit Recht die trikoloren Republikaner
des "National" als die wiedererstandenen Insurgenten des Juni. Um
sich an der Spitze der Bourgeoisrepublik zu behaupten, stellten
sie die Bourgeoisrepublik selbst in Frage. Am 26. Januar schlug
der Minister Faucher ein Gesetz über das Assoziationsrecht vor,
dessen erster Paragraph lautete: "Die Klubs sind untersagt." Er
stellte den Antrag, diesen Gesetzentwurf sofort als dringlich zur
Diskussion zu bringen. Die Konstituante verwarf den Dringlich-
keitsantrag, und am 27. Januar deponierte Ledru-Rollin einen An-
trag auf Versetzung des Ministeriums in Anklagezustand wegen Ver-
letzung der Konstitution, unterzeichnet von 230 Unterschriften.
[63] Die Versetzung des Ministeriums in Anklagezustand im Augen-
blicke, wo ein solcher Akt die taktlose Enthüllung der Ohnmacht
des Richters, nämlich der Kammermajorität, war, oder ein ohnmäch-
tiger Protest des Anklägers gegen diese Majorität selbst, das war
der große revolutionäre Trumpf, den die nachgeborene Montagne von
nun an auf jedem Höhepunkte der Krise ausspielte. Arme Montagne,
von der Wucht ihres eigenen Namens erdrückt!
Blanqui, Barbès, Raspail usw. hatten am 15. Mai die konstituie-
rende Versammlung zu sprengen versucht, indem sie an der Spitze
des Pariser Proletariats in ihren Sitzungssaal eindrangen. [38]
Barrot bereitete derselben Versammlung einen moralischen 15. Mai
vor, indem er ihre Selbstauflösung diktieren und ihren Sitzungs-
saal schließen wollte. Dieselbe Versammlung hatte Barrot mit der
Enquête gegen die Maiangeklagten beauftragt [45] und jetzt, in
diesem Augenblicke, wo er ihr gegenüber als royalistischer Blan-
qui erschien, wo sie ihm gegenüber in den Klubs, bei den revolu-
tionären Proletariern, in der Partei Blanquis ihre Alliierten
suchte, in diesem Augenblick folterte der unerbittliche Barrot
sie mit dem Antrag, die Maigefangenen dem Geschworenengerichte zu
entziehen und dem von der Partei des "National" erfundenen Hoch-
gericht, der haute cour zu überweisen. Merkwürdig, wie die aufge-
hetzte Angst um ein Ministerportefeuille aus dem Kopfe eines Bar-
rot Pointen, würdig eines Beaumarchais, herausschlagen konnte!
Die Nationalversammlung
#53# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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nach langem Schwanken nahm seinen Antrag an. Den Maiattentätern
gegenüber trat sie in ihren normalen Charakter zurück.
Wenn die Konstituante dem Präsidenten und den Ministern gegenüber
zur I n s u r r e k t i o n, so wurde der Präsident und das Mi-
nisterium der Konstituante gegenüber zum Staatsstreich gedrängt,
denn sie besaßen kein gesetzliches Mittel, sie aufzulösen. Aber
die Konstituante war die Mutter der Konstitution, und die Konsti-
tution war die Mutter des Präsidenten. Mit dem Staatsstreich zer-
riß der Präsident die Konstitution und löschte seinen
republikanischen Rechtstitel aus. Er war dann gezwungen, den im-
perialistischen Rechtstitel hervorzuziehen; aber der imperiali-
stische Rechtstitel rief den orleanistischen wach, und beide
erbleichten vor dem legitimistischen Rechtstitel. Der Niederfall
der legalen Republik konnte nur ihren äußersten Gegenpol in die
Höhe schnellen, die legitimistische Monarchie, in einem Augen-
blick, wo die orleanistische Partei nur noch die Besiegte des Fe-
bruar und Bonaparte nur noch der Sieger des 10. Dezember war, wo
beide der republikanischen Usurpation nur noch ihre ebenfalls
usurpierten monarchischen Titel entgegenhalten konnten. Die Legi-
timisten waren sich der Gunst des Augenblicks bewußt, sie konspi-
rierten am offenen Tage. In dem General Changarnier konnten sie
hoffen, ihren Monk [64] zu finden. Die Herankunft der w e i-
ß e n M o n a r c h i e wurde ebenso offen verkündet in ihren
Klubs, wie in den proletarischen die der r o t e n R e-
p u b l i k.
Durch eine glücklich unterdrückte Erneute wäre das Ministerium
allen Schwierigkeiten entgangen. "Die Gesetzlichkeit tötet uns",
rief Odilon Barrot aus. Eine Erneute hätte erlaubt, unter dem
Vorwand des salut public 1*) die Konstituante aufzulösen, die
Konstitution im Interesse der Konstitution selbst zu verletzen.
Das brutale Auftreten Odilon Barrots in der Nationalversammlung,
der Antrag auf Auflösung der Klubs, die geräuschvolle Absetzung
von 50 trikoloren Präfekten und ihre Ersetzung durch Royalisten,
die Auflösung der Mobilgarde, die Mißhandlung ihrer Chefs durch
Changarnier, die Wiedereinsetzung Lerminiers, des schon unter
Guizot unmöglichen Professors, die Duldung der legitimistischen
Renommistereien - es waren ebenso viele Herausforderungen der Er-
neute. Aber die Erneute blieb stumm. Sie erwartete ihr Signal von
der Konstituante und nicht vom Ministerium.
Endlich kam der 29. Januar, der Tag, an dem über Mathieus (de la
Drôme) Antrag auf unbedingte Verwerfung des Rateauschen Antrags
entschieden werden sollte. Legitimisten, Orleanisten, Bonaparti-
sten, Mobilgarde, Montagne, Klubs, alles konspirierte an diesem
Tage, jeder ebensosehr gegen den
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1*) Staatswohls
#54# Karl Marx
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angeblichen Feind als gegen den angeblichen Bundesgenossen. Bona-
parte, hoch zu Roß, musterte einen Teil der Truppen auf dem Kon-
kordiaplatz, Changarnier schauspielerte mit einem Aufwand strate-
gischer Manöver, die Konstituante fand ihr Sitzungsgebäude mili-
tärisch besetzt. Sie, der Mittelpunkt aller sich durchkreuzenden
Hoffnungen, Befürchtungen, Erwartungen, Gärungen, Spannungen,
Verschwörungen, die löwenmütige Versammlung schwankte keinen Au-
genblick, als sie dem Weltgeist näher trat denn sonst. Sie glich
Jenem Kämpfer, der nicht nur den Gebrauch seiner eigenen Waffe
fürchtete, sondern sich auch verpflichtet fühlte, die Waffen sei-
nes Gegners unversehrt zu erhalten. Mit Todesverachtung unter-
zeichnete sie ihr eigenes Todesurteil und verwarf die unbedingte
Verwerfung des Rateauschen Antrages. Selbst im Belagerungszustand
setzte sie einer konstituierenden Tätigkeit Grenzen, deren not-
wendiger Rahmen der Belagerungszustand von Paris gewesen war. Sie
rächte sich ihrer würdig, indem sie am anderen Tage eine Enquête
über den Schrecken verhängte, den ihr das Ministerium am 29. Ja-
nuar eingejagt hatte. Die Montagne bewies ihren Mangel an revolu-
tionärer Energie und politischem Verstand, indem sie von der Par-
tei des "National" sich als Rufer im Streit in dieser großen In-
trigenkomödie verbrauchen ließ. Die Partei des "National" hatte
den letzten Versuch gemacht, das Monopol der Herrschaft, das sie
während der Entstehungsperiode der Bourgeoisrepublik besaß, in
der konstituierten Republik weiter zu behaupten. Sie war geschei-
tert.
Handelte es sich in der Januarkrise um die Existenz der Konsti-
tuante, so in der Krise vom 21. März um die Existenz der Konsti-
tution, dort um das Personal der Nationalpartei, hier um ihr
Ideal. Es bedarf keiner Andeutung, daß die honetten Republikaner
das Hochgefühl ihrer Ideologie wohlfeiler preisgaben als den
weltlichen Genuß der Regierungsgewalt.
Am 21. März stand auf der Tagesordnung der Nationalversammlung
Fauchers Gesetzentwurf gegen das Assoziationsrecht: d i e U n-
t e r d r ü c k u n g d e r K l u b s. Artikel 8 der Konsti-
tution garantiert allen Franzosen das Recht, sich zu assoziieren.
Die Untersagung der Klubs war also eine unzweideutige Verletzung
der Konstitution, und die Konstituante selbst sollte die
Schändung ihrer Heiligen kanonisieren. Aber die Klubs, das waren
die Sammelpunkte, die Konspirationssitze des revolutionären Pro-
letariats. Die Nationalversammlung selbst hatte die Koalition der
Arbeiter gegen ihre Bourgeois untersagt. Und die Klubs, was waren
sie anders als eine Koalition der gesamten Arbeiterklasse gegen
die gesamte Bourgeoisklasse, die Bildung eines Arbeiterstaats ge-
gen den Bourgeoisstaat? Waren sie nicht ebenso viele konstituie-
rende Versammlungen des Proletariats und ebenso viele schlagfer-
tige Armeeabteilungen der Revolte? Was die Konstitution vor allem
konstituieren sollte, es war die
#55# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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Herrschaft der Bourgeoisie. Die Konstitution konnte also offenbar
unter dem Assoziationsrecht nur die mit der Herrschaft der Bour-
geoisie, d.h. mit der bürgerlichen Ordnung in Einklang befindli-
chen Assoziationen verstehen. Wenn sie sich aus theoretischem An-
stand allgemein ausdrückte, war nicht die Regierung da und die
Nationalversammlung, um sie im besonderen Fall auszulegen und an-
zuwenden? Und wenn in der urweltlichen Epoche der Republik die
Klubs tatsächlich untersagt waren durch den Belagerungszustand,
mußten sie nicht in der geregelten, konstituierten Republik un-
tersagt sein durch das Gesetz? Die trikoloren Republikaner hatten
dieser prosaischen Auslegung der Konstitution nichts entgegenzu-
halten als die überschwengliche Phrase der Konstitution. Ein Teil
derselben, Pagnerre, Duclerc etc., stimmte für das Ministerium
und verschaffte ihm so die Majorität. Der andere Teil, den Erzen-
gel Cavaignac und den Kirchenvater Marrast an der Spitze, zog
sich, nachdem der Artikel über die Untersagung der Klubs durchge-
gangen war, mit Ledru-Rollin und der Montagne vereint, in einem
besonderen Bürosaal zurück - "und hielt einen Rat". - Die Natio-
nalversammlung war gelähmt, sie zählte nicht mehr die beschlußfä-
hige Stimmzahl. Zur rechten Zeit erinnerte Herr Crémieux in dem
Bürosaal, daß von hier der Weg direkt auf die Straße führe und
daß man nicht mehr Februar 1848 zähle, sondern März 1849. Die
Partei des "National", plötzlich erleuchtet, kehrte in den Sit-
zungssaal der Nationalversammlung zurück, hinter ihr die abermals
düpierte Montagne, die, beständig gequält von revolutionären Ge-
lüsten, ebenso beständig nach konstitutionellen Möglichkeiten
haschte und sich immer noch mehr auf ihrem Platze fühlte hinter
den Bourgeoisrepublikanern als vor dem revolutionären Proleta-
riat. So war die Komödie gespielt. Und die Konstituante selbst
hatte dekretiert, daß die Verletzung des Wortlautes der Konstitu-
tion die einzig entsprechende Verwirklichung ihres Wortsinns sei.
Es blieb nur noch ein Punkt zu regeln, das Verhältnis der konsti-
tuierten Republik zur europäischen Revolution, ihre auswärtige
Politik - Am 8. Mai 1849 herrschte eine ungewohnte Aufregung in
der konstituierenden Versammlung, deren Lebenstermin in wenigen
Tagen ablaufen sollte. Der Angriff der französischen Armee auf
Rom, ihre Zurücktreibung durch die Römer, ihre politische Infamie
und ihre militärische Blamage, der Meuchelmord der römischen Re-
publik durch die französische Republik, der erste italienische
Feldzug des zweiten Bonaparte stand auf der Tagesordnung. [65]
Die Montagne hatte abermals ihren großen Trumpf ausgespielt, Le-
dru-Rollin hatte den unvermeidlichen Anklageakt gegen das Mini-
sterium und diesmal auch gegen Bonaparte wegen Verletzung der
Konstitution auf den Tisch des Präsidenten niedergelegt. [66]
#56# Karl Marx
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Das Motiv des 8. Mai wiederholte sich später als Motiv des 13.
Juni. Verständigen wir uns über die römische Expedition.
Cavaignac hatte schon Mitte November 1848 eine Kriegsflotte nach
Civitavecchia expediert, um den Papst zu beschützen, an Bord zu
nehmen und nach Frankreich überzusegeln. Der Papst sollte die ho-
nette Republik einsegnen und die Wahl Cavaignacs zum Präsidenten
sichern. Mit dem Papst wollte Cavaignac die Pfaffen, mit den
Pfaffen die Bauern und mit den Bauern die Präsidentschaft angeln.
Eine Wahlreklame ihrem nächsten Zwecke nach, war die Expedition
Cavaignacs gleichzeitig ein Protest und eine Drohung gegen die
römische Revolution. Sie enthielt im Keim die Intervention
Frankreichs zugunsten des Papstes.
Diese Intervention für den Papst mit Österreich und Neapel gegen
die römische Republik wurde beschlossen in der ersten Sitzung des
Ministerrats Bonapartes am 23. Dezember. Falloux im Ministerium,
das war der Papst in Rom und im Rom - des Papstes. Bonaparte
brauchte den Papst nicht mehr, um der Präsident der Bauern zu
werden, aber er brauchte die Konservation des Papstes, um die
Bauern des Präsidenten zu konservieren. Ihre Leichtgläubigkeit
hatte ihn zum Präsidenten gemacht. Mit dem Glauben verloren sie
die Leichtgläubigkeit und mit dem Papst den Glauben. Und die ko-
alisierten Orleanisten und Legitimisten, die in Bonapartes Namen
herrschten! Ehe der König restauriert wurde, mußte die Macht re-
stauriert werden, welche die Könige heiligt. Abgesehen von ihrem
Royalismus: ohne das alte, seiner weltlichen Herrschaft unterwor-
fene Rom kein Papst, ohne den Papst kein Katholizismus, ohne den
Katholizismus keine französische Religion, und ohne Religion, was
wurde aus der alten französischen Gesellschaft? Die Hypotheke,
welche der Bauer auf die himmlischen Güter besitzt, garantiert
die Hypotheke, welche der Bourgeois auf die Bauerngüter besitzt.
Die römische Revolution war also ein Attentat auf das Eigentum,
auf die bürgerliche Ordnung, furchtbar wie die Junirevolution.
Die wiederhergestellte Bourgeoisherrschaft in Frankreich
erheischte die Restauration der päpstlichen Herrschaft in Rom.
Endlich schlug man in den römischen Revolutionären die Alliierten
der französischen Revolutionäre; die Allianz der kontrerevolutio-
nären Klassen in der konstituierten französischen Republik er-
gänzte sich notwendig in der Allianz der französischen Republik
mit der Heiligen Allianz, mit Neapel und Österreich. Der Mini-
sterratsbeschluß vom 23. Dezember war kein Geheimnis für die Kon-
stituante. Schon am 8. Januar hatte Ledru-Rollin das Ministerium
über denselben interpelliert, das Ministerium hatte geleugnet,
die Nationalversammlung war zur Tagesordnung übergegangen. Traute
sie den Worten des Ministeriums? Wir wissen, daß sie den ganzen
Monat Januar damit zubrachte,
#57# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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ihm Mißtrauensvota zu geben. Aber wenn es in seiner Rolle war zu
lügen, war es in ihrer Rolle, den Glauben an seine Lüge zu heu-
cheln und damit die republikanischen dehors zu retten.
Unterdessen war Piémont geschlagen, Karl Albert hatte abgedankt
[67], die österreichische Armee pochte an die Tore Frankreichs.
Ledru-Rollin interpellierte heftig. Das Ministerium bewies, daß
es in Norditalien nur die Politik Cavaignacs und Cavaignac nur
die Politik der provisorischen Regierung, d.h. Ledru-Rollins
fortgesetzt habe. Diesmal erntete es von der Nationalversammlung
sogar ein Vertrauensvotum und wurde autorisiert, einen gelegenen
Punkt Oberitaliens temporär zu besetzen, um so der friedlichen
Unterhandlung mit Österreich über die Integrität des sardinischen
Gebiets und die römische Frage einen Hinterhalt zu geben. Be-
kanntlich wird das Schicksal Italiens auf den Schlachtfeldern
Norditaliens entschieden. Mit der Lombardei und Piémont war daher
Rom gefallen oder Frankreich mußte den Krieg an Österreich und
damit an die europäische Kontrerevolution erklären. Hielt die
Nationalversammlung plötzlich das Ministerium Barrot für den al-
ten Wohlfahrtsausschuß [68]? Oder sich selbst für den Konvent?
Wozu also die militärische Besetzung eines Punktes in Oberita-
lien? Man versteckte unter diesem durchsichtigen Schleier die Ex-
pedition gegen Rom.
Am 14. April segelten 14 000 Mann unter Oudinot nach Civitavec-
chia, am 16. April bewilligte die Nationalversammlung dem Mini-
sterium einen Kredit von 1 200 000 frs zur dreimonatlichen Unter-
haltung einer Interventionsflotte im Mittelmeer. So gab sie dem
Ministerium alle Mittel, gegen Rom zu intervenieren, während sie
sich stellte, als lasse sie es gegen Österreich intervenieren.
Sie sah nicht, was das Ministerium tat, sie hörte nur, was es
sagte. Solcher Glaube ward nicht in Israel gefunden, die Konsti-
tuante war in die Lage geraten, nicht wissen zu dürfen, was die
konstituierte Republik tun mußte.
Endlich am 8. Mai wurde die letzte Szene der Komödie gespielt,
die Konstituante forderte das Ministerium zu schleunigen Maßre-
geln auf, um die italienische Expedition auf das ihr gesteckte
Ziel zurückzuführen. Bonaparte inserierte denselben Abend einen
Brief in den "Moniteur" [69], worin er Oudinot die größte Aner-
kennung spendete. Am 11. Mai verwarf die Nationalversammlung den
Anklageakt gegen denselben Bonaparte und sein Ministerium. Und
die Montagne, die, statt diese Gewebe des Betruges zu zerreißen,
die parlamentarische Komödie tragisch nimmt, um selbst in ihr die
Rolle des Fouquier-Tinville zu spielen, verriet sie nicht unter
der erborgten Konvents-Löwenhaut das angeborene kleinbürgerliche
Kalbsfell!
Die letzte Lebenshälfte der Konstituante resümiert sich dahin:
Sie gesteht am 29. Januar, daß die royalistischen Bourgeoisfrak-
tionen die natürlichen
#58# Karl Marx
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Vorgesetzten der von ihr konstituierten Republik sind, am 21.
März, daß die Verletzung der Konstitution ihre Verwirklichung
ist, und am 11. Mai, daß die bombastisch angekündigte passive Al-
lianz der französischen Republik mit den ringenden Völkern ihre
aktive Allianz mit der europäischen Kontrerevolution bedeutet.
Diese elende Versammlung trat von der Bühne ab, nachdem sie noch
zwei Tage vor der Jahresfeier ihres Geburtstages, des 4. Mai,
sich die Genugtuung gegeben hatte, den Antrag auf Amnestie der
Juniinsurgenten zu verwerfen. Ihre Macht zerbrochen, von dem
Volke tödlich gehaßt, zurückgestoßen, mißhandelt, verächtlich
beiseite geworfen von der Bourgeoisie, deren Werkzeug sie war,
gezwungen, in der zweiten Hälfte ihrer Lebensepoche die erste zu
desavouieren, ihrer republikanischen Illusion beraubt, ohne große
Schöpfungen in der Vergangenheit, ohne Hoffnung in der Zukunft,
bei lebendigem Leibe stückweis absterbend, wußte sie ihre eigne
Leiche nur noch zu galvanisieren, indem sie den Junisieg sich be-
ständig zurückrief und nachträglich wieder durchlebte, sich be-
stätigte durch die stets wiederholte Verdammung der Verdammten.
Vampir, der von dem Blute der Juniinsurgenten lebte!
Sie hinterließ das Staatsdefizit, vergrößert durch die Kosten der
Juniinsurrektion, durch den Ausfall der Salzsteuer 1*), durch die
Entschädigungen, die sie den Plantagebesitzern für die Aufhebung
der Negersklaverei zuwies, durch die Kosten der römischen Expedi-
tion, durch den Ausfall der Weinsteuer, deren Abschaffung sie, in
den letzten Zügen liegend, noch beschloß, ein schadenfroher
Greis, glücklich, seinem lachenden Erben eine kompromittierende
Ehrenschuld aufzubürden.
Seit Anfang März hatte die Wahlagitation für die g e s e t z-
g e b e n d e N a t i o n a l v e r s a m m l u n g begonnen.
Zwei Hauptgruppen traten sich gegenüber, die P a r t e i d e r
O r d n u n g und die d e m o k r a t i s c h - s o z i a l i-
s t i s c h e oder r o t e P a r t e i, zwischen beiden stan-
den die F r e u n d e d e r K o n s t i t u t i o n, unter
welchen Namen die trikoloren Republikaner des "National" eine
Partei vorzustellen suchten. Die P a r t e i d e r O r d-
n u n g bildete sich unmittelbar nach den Junitagen; erst nach-
dem der 10. Dezember ihr erlaubt hatte, die Koterie des "Natio-
nal", der Bourgeoisrepublikaner, von sich abzustoßen, enthüllte
sich das Geheimnis ihrer Existenz, die K o a l i t i o n der
O r l e a n i s t e n und L e g i t i m i s t e n zu e i-
n e r P a r t e i. Die Bourgeoisklasse zerfiel in zwei große
Fraktionen, die abwechselnd, das g r o ß e G r u n d e i g e n-
t u m unter der r e s t a u r i e r t e n M o n a r c h i e,
die F i n a n z a r i s t o k r a t i e und die i n d u-
s t r i e l l e B o u r g e o i s i e unter der J u l i-
m o n a r c h i e, das Monopol der Herrschaft behauptet hatten.
Bourbon war der königliche Name für den überwiegenden
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1*) Siehe vorl. Band, S. 48
#59# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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Einfluß der Interessen der einen Fraktion, Orléans der königliche
Name für den überwiegenden Einfluß der Interessen der anderen
Fraktion - das n a m e n l o s e R e i c h d e r R e p u b-
l i k war das einzige, worin beide Fraktionen in gleichmäßiger
Herrschaft das gemeinsame Klasseninteresse behaupten konnten,
ohne ihre wechselseitige Rivalität aufzugeben. Wenn die Bourge-
oisrepublik nichts anderes sein konnte, als die vervollständigte
und rein herausgetretene Herrschaft der gesamten Bourgeoisklasse,
konnte sie etwas anderes sein als die Herrschaft der durch die
Legitimisten ergänzten Orleanisten und der durch die Orleanisten
ergänzten Legitimisten, die S y n t h e s e d e r R e s t a u-
r a t i o n u n d d e r J u l i m o n a r c h i e? Die Bour-
geoisrepublikaner des "National" vertraten keine auf ökonomischen
Grundlagen beruhende große Fraktion ihrer Klasse. Sie hatten nur
die Bedeutung und den historischen Titel unter der Monarchie den
beiden Bourgeoisfraktionen gegenüber, die nur ihr b e s o n d e-
r e s Regime begriffen, das allgemeine Regime der Bourgeois-
klasse geltend gemacht zu haben, das n a m e n l o s e
R e i c h d e r R e p u b l i k, das sie sich idealisierten
und mit antiken Arabesken ausschmückten, worin sie aber vor allem
die Herrschaft ihrer Koterie begrüßten. Wenn die Partei des
"National" an ihrem eignen Verstände irre wurde, als sie auf dem
Gipfel der von ihr begründeten Republik die koalisierten Roya-
listen erblickte, so täuschten diese selbst sich nicht minder
über die Tatsache ihrer vereinigten Herrschaft. Sie begriffen
nicht, daß, wenn jede ihrer Fraktionen, für sich getrennt
betrachtet, royalistisch war, das Produkt ihrer chemischen Ver-
bindung notwendig r e p u b l i k a n i s c h sein mußte, daß
die weiße und die blaue Monarchie sich neutralisieren mußten in
der trikoloren Republik. Gezwungen durch den Gegensatz zu dem
revolutionären Proletariat und den mehr und mehr um dasselbe als
Zentrum sich hindrängenden Übergangsklassen, ihre vereinte Kraft
aufzubieten und die Organisation dieser vereinten Kraft zu
konservieren, mußte jede der Fraktionen der Ordnungspartei den
Restaurations- und Überhebungsgelüsten der anderen gegenüber die
gemeinsame Herrschaft, d.h. die r e p u b l i k a n i s c h e
F o r m der Bourgeoisherrschaft geltend machen. So finden wir
diese Royalisten im Anfang an eine unmittelbare Restauration
glaubend, später die republikanische Form konservierend mit
Wutschaum, mit tödlichen Invektiven gegen sie auf den Lippen,
schließlich gestehen, daß sie sich nur in der Republik vertragen
können und die Restauration aufs Unbestimmte vertagen. Der Genuß
der vereinigten Herrschaft selbst stärkte jede der beiden
Fraktionen und machte sie noch unfähiger und unwilliger, sich der
anderen unterzuordnen, d. h. die Monarchie zu restaurieren.
Die P a r t e i d e r O r d n u n g proklamierte direkt in
ihrem Wahlprogramm die Herrschaft der Bourgeoisklasse, d.h. die
Aufrechterhaltung der Lebensbedingungen
#60# Karl Marx
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ihrer Herrschaft, des E i g e n t u m s, der F a m i l i e,
der R e l i g i o n, der O r d n u n g! Sie stellte ihre
Klassenherrschaft und die Bedingungen ihrer Klassenherrschaft na-
türlich als die Herrschaft der Zivilisation und als die notwendi-
gen Bedingungen der materiellen Produktion wie der aus ihr her-
vorgehenden gesellschaftlichen Verkehrsverhältnisse dar. Die Par-
tei der Ordnung gebot über ungeheure Geldmittel, sie organisierte
ihre Sukkursalen in ganz Frankreich, sie hatte sämtliche Ideolo-
gen der alten Gesellschaft in ihrem Lohn, sie verfügte über den
Einfluß der bestehenden Regierungsgewalt, sie besaß ein Heer un-
bezahlter Vasallen in der ganzen Masse der Kleinbürger und Bau-
ern, die, der revolutionären Bewegung noch fernstehend, in den
Großwürdenträgern des Eigentums die natürlichen Vertreter ihres
kleinen Eigentums und seiner kleinen Vorurteile fanden; sie, auf
dem ganzen Lande in einer Unzahl kleiner Könige vertreten, konnte
die Verwerfung ihrer Kandidaten als Insurrektion bestrafen, die
rebellischen Arbeiter entlassen, die widerstrebenden Bauern-
knechte, Dienstboten, Kommis, Eisenbahnbeamten, Schreiber, sämt-
liche ihr bürgerlich untergeordnete Funktionäre. Sie konnte end-
lich stellenweis die Täuschung aufrechterhalten, daß die republi-
kanische Konstituante den Bonaparte des 10. Dezember an der Of-
fenbarung seiner wundertätigen Kräfte verhindert habe. Wir haben
bei der Partei der Ordnung der Bonapartisten nicht gedacht. Sie
waren keine ernsthafte Fraktion der Bourgeoisklasse, sondern eine
Sammlung alter, abergläubischer Invaliden und junger, ungläubiger
Glücksritter. - Die Partei der Ordnung siegte in den Wahlen, sie
sandte die große Majorität in die gesetzgebende Versammlung. [70]
Der koalisierten kontrerevolutionären Bourgeoisklasse gegenüber
mußten sich natürlich die schon revolutionierten Teile der klei-
nen Bourgeoisie und der Bauernklasse mit dem Großwürdenträger der
revolutionären Interessen, dem revolutionären Proletariat, ver-
binden. Wir haben gesehen, wie die demokratischen Wortführer der
Kleinbürgerschaft im Parlament, d.h. die Montagne, durch parla-
mentarische Niederlagen zu den sozialistischen Wortführern des
Proletariats und wie die wirkliche Kleinbürgerschaft außerhalb
des Parlaments durch die concordats à l'amiable, durch die bru-
tale Geltendmachung der Bourgeoisinteressen, durch den Bankerott
zu den wirklichen Proletariern gedrängt wurden. Am 27. Januar
hatten Montagne und Sozialisten ihre Aussöhnung gefeiert, im
großen Februarbankett 1849 wiederholten sie ihren Ver-
einigungsakt. Die soziale und die demokratische, die Partei der
Arbeiter und die der Kleinbürger, vereinigten sich zur s o-
z i a l d e m o k r a t i s c h e n P a r t e i, d.h. zur r o-
t e n Partei. 1*)
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1*) Siehe vorl. Band, S. 52
#61# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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Einen Augenblick durch die den Junitagen folgende Agonie gelähmt,
hatte die französische Republik seit der Aufhebung des Belage-
rungszustandes, seit dem 14. Oktober, eine fortlaufende Reihe
fieberhafter Aufregungen erlebt. Erst der Kampf um die Präsident-
schaft; dann der Kampf des Präsidenten mit der Konstituante; der
Kampf um die Klubs; der Prozeß in Bourges [71], der gegenüber den
kleinen Gestalten des Präsidenten, der koalisierten Royalisten,
der honetten Republikaner, der demokratischen Montagne, der so-
zialistischen Doktrinäre des Proletariats seine wirklichen Revo-
lutionäre als urweltliche Ungeheuer erscheinen ließ, wie sie nur
eine Sündflut auf der Gesellschaftsoberfläche zurückläßt oder wie
sie nur einer gesellschaftlichen Sündflut vorangehen können; die
Wahlagitation; die Hinrichtung der Bréa-Mörder [72]; die fortlau-
fenden Preßprozesse; die gewaltsamen polizeilichen Einmischungen
der Regierung in die Banketts; die frechen royalistischen Provo-
kationen; die Ausstellung der Bilder Louis Blancs und Caussidiè-
res an dem Pranger; der ununterbrochene Kampf zwischen der kon-
stituierten Republik und der Konstituante, der jeden Augenblick
die Revolution auf ihren Ausgangspunkt zurückdrängte, der jeden
Augenblick den Sieger zum Besiegten, den Besiegten zum Sieger
machte und im Nu die Stellung der Parteien und Klassen, ihre
Scheidungen und Bindungen umschwenkte; der rasche Gang der euro-
päischen Kontrerevolution, der glorreiche ungarische Kampf, die
deutschen Schilderhebungen, die römische Expedition, die schmäh-
liche Niederlage der französischen Armee vor Rom [73] - in diesem
Wirbel der Bewegung, in dieser Pein der geschichtlichen Unruhe,
in dieser dramatischen Ebbe und Flut revolutionärer Leidenschaf-
ten, Hoffnungen, Enttäuschungen mußten die verschiedenen Klassen
der französischen Gesellschaft ihre Entwicklungsepochen nach Wo-
chen zählen, wie sie sie früher nach halben Jahrhunderten gezählt
hatten. Ein bedeutender Teil der Bauern und der Provinzen war
revolutioniert. Nicht nur waren sie über den Napoleon enttäuscht,
die rote Partei bot ihnen an der Stelle des Namens den Inhalt, an
der Stelle der illusorischen Steuerfreiheit die Rückzahlung der
den Legitimisten gezahlten Milliarde [29], die Regelung der Hypo-
thek und die Aufhebung des Wuchers.
Die Armee selbst war von dem Revolutionsfieber angesteckt. Sie
hatte in Bonaparte für den Sieg gestimmt, und er gab ihr die Nie-
derlage. Sie hatte in ihm für den kleinen Korporal 1*) gestimmt,
hinter dem der große revolutionäre Feldherr steckt, und er gab
ihr die großen Generale wieder, hinter denen der gamaschenge-
rechte Korporal sich birgt. Kein Zweifel, daß die rote Partei,
d.h. die koalisierte demokratische Partei, wenn nicht den Sieg,
doch große Triumphe
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1*) Napoleon I.
#62# Karl Marx
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feiern mußte, daß Paris, daß die Armee, daß ein großer Teil der
Provinzen für sie stimmen würde. Ledru-Rollin, der Chef der Mon-
tagne, wurde von fünf Departements gewählt; kein Chef der Ord-
nungspartei trug einen solchen Sieg davon, kein Name der eigent-
lich proletarischen Partei. Diese Wahl enthüllt uns das Geheimnis
der demokratisch-sozialistischen Partei. Wenn die Montagne, der
parlamentarische Vorkämpfer der demokratischen Kleinbürgerschaft,
einerseits gezwungen war, sich mit den sozialistischen Doktri-
nären des Proletariats zu vereinigen - das Proletariat, von der
furchtbaren materiellen Niederlage des Juni gezwungen, sich durch
intellektuelle Siege wieder aufzurichten, durch die Entwicklung
der übrigen Klassen noch nicht befähigt, die revolutionäre Dikta-
tur zu ergreifen, mußte sich den Doktrinären seiner Emanzipation,
den sozialistischen Sektenstiftern in die Arme werfen -, stellten
sich andererseits die revolutionären Bauern, die Armee, die Pro-
vinzen hinter die Montagne, die so zum Gebieter im revolutionären
Heerlager wurde und durch die Verständigung mit den Sozialisten
jeden Gegensatz in der revolutionären Partei beseitigt hatte. In
der letzten Lebenshälfte der Konstituante vertrat sie das repu-
blikanische Pathos derselben und hatte ihre Sünden während der
provisorischen Regierung, während der Exekutivkommission, während
der Junitage in Vergessenheit gebracht. In demselben Maße, als
die Partei des "National" ihrer halben Natur gemäß sich von dem
royalistischen Ministerium niederdrücken ließ, stieg die während
der Allgewalt des "National" beseitigte Partei des Berges und
machte sich als die parlamentarische Vertreterin der Revolution
geltend. In der Tat, die Partei des "National" hatte gegen die
anderen, royalistischen Fraktionen nichts einzuwenden als ehr-
süchtige Persönlichkeiten und idealistische Flausen. Die Partei
des Berges dagegen vertrat eine zwischen der Bourgeoisie und dem
Proletariat schwebende Masse, deren materielle Interessen demo-
kratische Institutionen verlangten. Den Cavaignacs und Marrasts
gegenüber befanden sich Ledru-Rollin und die Montagne daher in
der Wahrheit der Revolution, und aus dem Bewußtsein dieser ge-
wichtigen Situation schöpften sie um so größeren Mut, je mehr die
Äußerung der revolutionären Energie sich beschränkte auf parla-
mentarische Ausfälle, Niederlegung von Anklageakten, Drohungen,
Stimmerhöhungen, donnernde Reden und Extreme, die nur bis zur
Phrase getrieben wurden. Die Bauern befanden sich ungefähr in
derselben Lage wie die Kleinbürger, sie hatten ungefähr dieselben
sozialen Forderungen zu stellen. Sämtliche Mittelschichten der
Gesellschaft, soweit sie in die revolutionäre Bewegung getrieben
waren, mußten daher in Ledru-Rollin ihren Helden finden. Ledru-
Rollin war die Personage des demokratischen Kleinbürgertums. Der
Partei der Ordnung gegenüber mußten zunächst die halb konservati-
ven, halb
#63# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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revolutionären und ganz utopistischen Reformatoren dieser Ordnung
an die Spitze getrieben werden.
Die Partei des "National", "die Freunde der Konstitution quand
même 1*)", die républicains purs et simples 2*) wurden vollstän-
dig in den Wahlen geschlagen. Eine winzige Minorität derselben
wurde in die gesetzgebende Kammer geschickt, ihre notorischsten
Chefs verschwanden von der Bühne, sogar Marrast, der Redakteur en
chef und der Orpheus der honetten Republik.
Am 28. Mai kam die legislative Versammlung zusammen, am 11. Juni
erneuerte sich die Kollision vom 8. Mai, Ledru-Rollin legte im
Namen der Montagne einen Anklageakt nieder gegen den Präsidenten
und das Ministerium wegen Verletzung der Konstitution, wegen des
Bombardements von Rom. Am 12. Juni verwarf die gesetzgebende Ver-
sammlung den Anklageakt, wie die konstituierende Versammlung ihn
am 11. Mai verworfen hatte, aber das Proletariat trieb diesmal
die Montagne auf die Straße, jedoch nicht zum Straßenkampf, son-
dern nur zur Straßenprozession. Es genügt zu sagen, daß die Mon-
tagne an der Spitze dieser Bewegung stand, um zu wissen, daß die
Bewegung besiegt wurde und daß der Juni 1849 eine ebenso lächer-
liche als nichtswürdige Karikatur des Juni 1848 war. Verdunkelt
wurde die große Retirade vom 13. Juni nur durch den noch größeren
Schlachtbericht Changarniers, des großen Mannes, den die Partei
der Ordnung improvisierte. Jede Gesellschaftsepoche braucht ihre
großen Männer, und wenn sie dieselben nicht findet, erfindet sie
sie, wie Helvétius sagt.
Am 20. Dezember existierte nur noch die eine Hälfte der konstitu-
ierten Bourgeoisrepublik, der P r ä s i d e n t, am 28. Mai
wurde sie ergänzt durch die andre Hälfte, durch die g e s e t z-
g e b e n d e V e r s a m m l u n g. Juni 1848 hatte die sich
konstituierende Bourgeoisrepublik durch eine unsagbare Schlacht
gegen das Proletariat, Juni 1849 die konstituierte Bourgeois-
republik durch eine unnennbare Komödie mit der Kleinbürgerschaft
sich in das Geburtsregister der Geschichte eingemeißelt. Juni
1849 war die Nemesis für Juni 1848. Juni 1849 wurden nicht die
Arbeiter besiegt, sondern die Kleinbürger gefällt, die zwischen
ihnen und der Revolution standen. Juni 1849 war nicht die blutige
Tragödie zwischen der Lohnarbeit und dem Kapital, sondern das
gefängnisreiche und lamentable Schauspiel zwischen dem Schuldner
und dem Gläubiger. Die Partei der Ordnung hatte gesiegt, sie war
allmächtig, sie mußte nun zeigen, was sie war.
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1*) unter allen Umständen - 2*) Republikaner reinsten Wassers
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