Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
zurück
#543#
-----
C. Aufzeichnungen und Dokumente
(September 1849 bis Februar 1851)
#544#
-----
#545#
-----
1
Aufruf zur Unterstützung deutscher Flüchtlinge
["Westdeutsche Zeitung" Nr. 106 vom 25. September 1849]
Seitdem in Deutschland im wilden Kriegsgetümmel die "Ordnung und
Ruhe" wieder eingeführt; seitdem auf dem Schutte rauchender
Städte und unter dem mörderischen Donner der Kanonen die
"Sicherheit des Eigentums und der Person" wiederhergestellt ist;
seit das Kriegsgericht kaum genügt, um einen "Rebellen" um den
andern mit zerschmettertem Haupte ins Grab hinabzuschicken; seit
die Kerker nicht mehr ausreichen, um all die "Hochverräter" zu
fassen; seit das einzige noch übriggebliebene Recht nur das
Standrecht ist - seitdem irren Tausende ohne Obdach im fremden
Lande umher.
Von Tag zu Tag steigt die Menge und mit ihr das Unglück der
Heimatlosen; von einem Orte zum andern verstoßen, wissen sie am
Morgen nicht, wohin des Abends ihr Haupt legen, und am Abend
nicht, woher des Morgens ihr Brot nehmen.
Es ist eine zahllose Auswanderung, welche die Gegenden der
Schweiz, Frankreichs und Englands erfüllt. Aus allen Provinzen
Deutschlands sind die Unglücklichen herbeigekommen.
Wer in Wien gegen die schwarzgelbe "Liga" auf den Barrikaden
stand und mit den Sereschanern Jellachichs rang; wer in Preußen
vor der Soldateska Wrangels und Brandenburgs floh; wer in Dresden
die Reichsverfassung mit der Büchse verteidigte [136] und wer in
Baden als republikanischer Soldat wider das vereinigte Kreuzherr
der Fürsten im Felde lag - ob Liberaler, ob Demokrat, ob Republi-
kaner, ob Sozialist: die Anhänger der verschiedensten politischen
#546# Beilagen
-----
Lehren und Interessen, sie sind alle im gleichen Exil und im
gleichen Elend vereinigt.
In zerrissenem Kleide bettelt eine halbe Nation vor den Türen der
Fremden.
Auch auf dem kalten Pflaster der glänzenden Weltstadt London ir-
ren unsere flüchtigen Landsleute umher. Jedes Schiff, das den Ka-
nal durchschnitt, bringt von jenseits des Meeres eine neue Schar
Heimatloser; in allen Straßen dieser Stadt klagt der Kummer eines
Verbannten in unserer Sprache.
Diese Not hat viele deutsche Freiheitsfreunde in London tief er-
griffen.
Am 18. Sept. d.J. wurde daher eine allgemeine Versammlung der
Bildungsgesellschaft für deutsche Arbeiter und angekommene
Flüchtlinge unserer Nation abgehalten, um einen Ausschuß zur Un-
terstützung bedürftiger Demokraten zu errichten [260]. Es gingen
aus der Wahl hervor:
Karl Marx, ehemaliger Redakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung";
Karl Blind, ehemaliger Abgesandter der badisch-pfälzischen Regie-
rung zu Paris;
Anton Füster, ehemaliges Mitglied des österreichischen Reichsta-
ges zu Wien;
Heinrich Bauer, Schuhmachermeister in London; und
Carl Pfänder, Maler dahier.
Dieser Ausschuß wird jeden Monat öffentliche Rechenschaft able-
gen, sowohl in allgemeiner Versammlung als auch auszugsweise in
deutschen Zeitungen. Um allen Mißdeutungen vorzubeugen, ist die
Bestimmung getroffen worden, d a ß k e i n M i t g l i e d
d e s K o m i t e e s i r g e n d e i n e U n t e r s t ü t-
z u n g a u s d e r K a s s e b e z i e h e n d a r f.
Sollte ein Komiteemitglied je unterstützungsbedürftig werden, so
verliert es dadurch seine Eigenschaft als Komiteemitglied.
Wir bitten euch nun, Freunde und Brüder, zu tun, was in euren
Kräften steht. Wenn euch daran liegt, daß die niedergeworfene und
gefesselte Freiheit wieder ersteht, und wenn ihr ein Herz habt
für die Leiden eurer besten Vorkämpfer, so bedarf es von unserer
Seite keiner großen Mahnung.
Alle Gaben möge man adressieren an: "Heinrich Bauer, Schuhmacher-
meister, Dean Street, 64, Soho Square, London". Die Einlage möge
bezeichnet werden mit der Aufschrift: "Für das Flüchtlingskomi-
tee."
Der Ausschuß zur Unterstützung deutscher politischer Flüchtlinge:
(gez.) Anton Füster Karl Marx Karl Blind
Heinrich Bauer Carl Pfänder
London, den 20. September 1849
#547# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
2
Rechnungsablage des Ausschusses zur Unterstützung
deutscher Flüchtlinge in London
["Deutsche Londoner Zeitung" Nr. 245 vom 7. Dezember 1849]
Am 18. November d.J. hielt der deutsche Arbeiterverein in London
[179] mit der Mehrzahl der daselbst anwesenden politischen
Flüchtlinge eine Generalversammlung, um die Rechnungsablage des
in einer früheren Versammlung ernannten Unterstützungsausschusses
in Empfang zu nehmen. Es waren im ganzen seit dem 22. Sept. cr.
eingegangen:
£ sh d
1. Vom Arbeiterverein in London .................. 2 8 7 1/2
2. Von der deutschen Lesegesellschaft in London .. 2 15 -
3. Von der Redaktion des "Northern Star" in London - 5 -
4. Von dem Bürger Eddäus in London................ - 1 -
5. Durch den Bürger Siefert in London gesammelt .. - 9 6
6. Vom Bürger Göringer in London ................. 1 5 9
7. Durch den Bürger J. Bauer in London gesammelt.. 7 1 6
8. Von den deutschen Arbeitern aus Paris, durch
Bürger Heidecker.................................. - 12 1
9. Aus Huddersfield durch Bürger Krepp........... 3 - -
10. Aus Stettin in Preußen ...................... 18 14 -
Summa 36 12 5 1/2
Die Ausgaben betrugen vom 22. September bis zum 18. November cr.
an die Flüchtlinge:
£ sh d
1. Kleiner........................................ 3 17 2
2. Zschinski ..................................... 3 17 4
3. Fröhlich ...................................... 2 2 1
4. Henser ........................................ 3 7 6
5. Egener......................................... 1 19 -
6. W. Töpffer..................................... 1 11 7
7. J. Töpffer..................................... 1 4 4
8. An die Flüchtlinge Blei, Bergmann, Osoba, Wessely,
Braulichy und Klein, zusammen .................... 2 8 10
#548# Beilagen
-----
9. An den Flüchtling Kaufmann Schopp nebst Familie
gegen Solawechsel ................................ 4 - -
10. Für Druckkosten und Subskriptionslisten ...... 1 15 2 1/2
--------------
Summa 26 3 1/2
Summa der Einnahme: £ 36 12 sh 5 1/2 d
Summa der Ausgabe: £ 26 3 sh 1/2 d
Kassenbestand: £ 10 9 sh 5 d
Es gingen ferner Kleidungsstücke ein, die an die Flüchtlinge ver-
teilt wurden.
Obige Rechnungsablage wurde e i n s t i m m i g von der Ver-
sammlung angenommen. Über sämtliche Ausgaben liegen die Quittun-
gen vor, und werden die in der erwähnten Versammlung nicht ver-
tretenen Geber von Huddersfield und Stettin aufgefordert, Kommit-
tenten in London zu ernennen, um diese Quittungen einzusehen.
Da durch die Abreise zweier Glieder des Ausschusses, A. Füster
und K. Blind, derselbe unvollzählig geworden war und da ferner
ein Gegenkomitee [261], unabhängig vom Arbeiterverein und den
Flüchtlingen der sozialdemokratischen Richtung, sich hier zu bil-
den sucht, gab der Ausschuß sein Mandat in die Hände der Gesell-
schaft zurück. Die Gesellschaft beschloß hierauf:
1. Der deutsche Arbeiterverein ernennt, unter Anerkennung der Tä-
tigkeit des bisherigen Ausschusses, ein neues Komitee von fünf
Gliedern aus seiner Mitte unter dem Titel: "Sozial-demokratisches
Unterstützungskomitee für deutsche Flüchtlinge". Dieses Komitee
übernimmt das Saldo des früheren Ausschusses. 2. Das Komitee
nimmt vorzugsweise die Mitglieder der sozial-demokratischen Par-
tei in Anspruch, wird aber, soweit seine Mittel es erlauben, auch
Flüchtlinge anderer Richtungen von der Unterstützung nicht aus-
schließen. 3. Das Komitee legt dem Arbeiterverein monatliche
Rechnung ab und wird sodann erneuert. Die Rechnungsablage wird
veröffentlicht in der "Deutschen Londoner Zeitung", im "Northern
Star", in der Frankfurter "Neuen Deutschen Zeitung", in Köln in
der "Westdeutschen Zeitung", in der "Norddeutschen Freien Presse"
in Hamburg, in der Berliner "Demokratischen Zeitung", in der
"Schweizerischen National-Zeitung", in der "Schnellpost" und in
der "Staatszeitung" zu New York. 4. Die Geber von Beiträgen sind
berechtigt, bei den monatlichen Rechnungsablagen persönlich oder,
wenn sie nicht in London anwesend sind, durch Kommittenten zu er-
scheinen und die Bücher, Quittungen und die Kassenbestände zu
prüfen. 2. Der Arbeiterverein ernennt zu Komiteegliedern: Karl
Marx, August Willich, Friedrich Engels, Heinrich Bauer, Carl
Pfänder.
#549# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Indem das unterzeichnete Komitee obige Rechnungsablage nebst den
Beschlüssen des Arbeitervereins zur öffentlichen Kenntnis bringt,
bittet es, die Beiträge an Heinrich Bauer, 64, Dean Street, Soho,
London, einzusenden.
London, 3. Dezember 1849 Das Komitee :
Karl Marx August Willich Friedrich Engels
Heinrich Bauer Carl Pfänder
Einleitung zur Aktienzeichnung auf die "Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue" redigiert von Karl Marx
Die "Neue Rheinische Zeitung" erschien bekanntlich vom 1. Juni
1848 bis zum 19. Mai 1849 unter der Direktion von Karl Marx als
Tagblatt in Köln am Rhein. Sie vertrat die entschiedenste Rich-
tung der Demokratie in Deutschland mit solchem Glück, daß trotz
aller Suspensionen und Belagerungszustände, trotz aller Preßpro-
zesse und Verfolgungen, trotz der größten Schwierigkeiten, An-
feindungen und Hindernisse aller Art sie nach nur elfmonatlichem
Bestehen 5 600 Abonnenten zählte. Nachdem die Redaktion zweimal
von den Geschworenen freigesprochen war [282], blieb der preußi-
schen Regierung nur noch ein Gewaltstreich zur Unterdrückung die-
ses gefürchteten Blattes übrig: Als die partiellen Aufstände im
Mai v.J. in Rheinpreußen unterdrückt waren, wurde die momentane
Säbelherrschaft dazu benutzt, die Redaktion gewaltsam aus Preußen
zu entfernen und so das Forterscheinen der "Neuen Rheinischen
Zeitung" unmöglich zu machen.
Die Redakteure der "Neuen Rheinischen Zeitung", nachdem sie, sei
es in Süddeutschland, sei es in Paris, an den revolutionären Be-
wegungen des letzten Sommers teilgenommen, haben sich der Mehr-
zahl nach in London wieder zusammengefunden und beschlossen, die
Zeitung von hier aus fort-zusetzen. [473] Die Zeitung kann
zunächst nur als Revue in monatlichen Heften von ca. fünf Bogen
erscheinen. Das Unternehmen wird aber erst dann seinen Zweck
vollständig erfüllen, eine ununterbrochene, dauernde Wirkung auf
die öffentliche Meinung ausüben und auch in finanzieller Bezie-
hung ganz andere Chancen bieten, wenn die Redaktion in den Stand
gesetzt wird, die einzelnen Nummern rascher aufeinanderfolgen zu
lassen. Sie beabsichtigt deshalb,
#550# Beilagen
-----
sobald die Mittel es erlauben, die "Neue Rheinische Zeitung" in
vierzehntägigen Heften von fünf Bogen oder womöglich als großes
wöchentliches Blatt nach Art der amerikanischen und englischen
Wochenblätter erscheinen zu lassen und, sobald die Verhältnisse
ihr die Rückkehr nach Deutschland gestatten, das Wochenblatt so-
fort wieder in eine tägliche Zeitung zu verwandeln.
Eine vorläufige Berechnung stellt heraus, daß die Revue bei nur
14tägigem Erscheinen und bei einem Absatz von 3000 Exemplaren
einen jährlichen Reingewinn von Taler 1900 abwirft.
Um das Unternehmen sicherzustellen und das 14tägige oder wöchent-
liche Erscheinen der Revue möglich zu machen, ist ein Kapital von
£ 500 nötig, für welchen Betrag hiermit eine Aktienzeichnung un-
ter folgenden Bedingungen eröffnet wird:
1. Jede Aktie beträgt 50 Francs und wird sogleich gegen vorläu-
fige Quittung ausbezahlt. Die vorläufigen Quittungen werden spä-
ter gegen die Originalaktien ausgetauscht.
2. Jeder Aktionär ist nur für den Betrag seiner Aktie verbind-
lich.
3. Die Aktionäre haben das Recht, Kommittenten in London zur Ein-
sicht der Geschäftsführung zu ernennen.
4. Jedes Vierteljahr wird eine Generalversammlung berufen, die
den Bericht über den Fortgang des Unternehmens sowie die Rech-
nungsablage entgegennimmt, über die weitere Kontrollierung der
Geschäftsführung Beschlüsse faßt. Den einzelnen Aktionären wird
ein lithographierter Geschäftsbericht zugeschickt.
5. Der aus dem Geschäft sich ergebende Gewinn wird solange zum
Geschäftskapital geschlagen, bis die "Neue Rheinische Zeitung"
wöchentlich erscheinen kann. Ist das Unternehmen soweit gediehen,
so wird der Gewinn in drei gleiche Teile geteilt, von denen ein
Drittel als Reservefonds stehenbleibt, ein zweites Drittel als
Dividende an die Aktionäre verteilt wird und das letzte Drittel
der Redaktion zufällt.
London, 1. Januar 1850 C. Schramm
Gerant der "Neuen Rhein. Zeitung"
Nach der Handschrift.
#551# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
4
Rechnungsablage des Sozial-demokratischen Flüchtlingskomitees
in London
["Westdeutsche Zeitung" Nr. 68 vom 21. März 1850]
1. Ausgaben
sh £ sh d
Nov. 1849 16 Unterstützungen zu 7 5 12 -
Dez. " 29 " " 7 10 3 -
3 " " 4 - 12 -
1 " " 6 - 6 -
1 " " 3 - 3 -
2 " " 5 - 10 -
1 " " 5/6 - 5 6
1 " " 8 - 8 -
1 " " 12 - 12 -
4 " " 10 - - -
Jan. 1850 20 " " 7 - - -
1 " " 2/6 - 2 6
3 " " 4 - 12 -
Febr. 1.-23. 18 " " 7 - 6 -
2 " " 5 - 10 -
1 " " 2 - 2 -
5 " " 10 - 10 -
1 " " 3 - 3 -
1 " " 13 - 13 -
2 " " 1/3 - 2 -
1 " " 1 - 1 -
---------------------------------------------
114 Unterstützungen zusammen 38 13 6
Porto, Stempel, Inkassospesen und
Schreibmaterial 1 5 1
-------------------
Summe 39 18 7
Unter den Ausgaben befinden sich 26 £ Vorschuß an verschiedene
inzwischen beschäftigte Flüchtlinge zur Anschaffung von Hand-
werkszeug, Kleidungsstücken etc., deren spätere Rückzahlung ver-
sprochen worden ist.
#552# Beilagen
-----
2. Einnahmen
sh £ sh d
Nov. 19. Saldo.................................. 10 9 5
Dezbr. 1. Vom Arbeiterverein.................. - 3 6
" 10. Durch die "Westdeutsche] Z[eitung]" in
Köln Tlr. 30 abzügl. Kosten......... 4 1 -
" 15. Von deutschen Arbeitern in Paris ... 2 5 10
" 17. Durch Hr. Prof. Türk in Rostock..... 16 12 6
Febr. 11. Vom Hülfskomitee in Cincinnati...... 20 18 -
" 20. Von den Arbeitern in Schwerin ...... 3 - -
---------
Summe 57 10 3
Ab obige Ausgaben 39 18 7
---------
Bleibt in Kasse 17 11 8
Die vorstehende Rechnung ist in der Sitzung des hiesigen deut-
schen Arbeitervereins [179] vom 4. März abgelegt und richtig be-
funden worden. Die Quittungen und Bücher des Komitees liegen zur
Einsicht der Geber oder ihrer Kommittenten beim Kassierer bereit.
Seit dem Abschluß dieser Rechnung sind noch zwei Posten von Köln
und New York eingegangen, welche in der nächsten Ablage verrech-
net werden. Dagegen hat sich durch die fortwährenden Ausweisungen
aus der Schweiz und aus Frankreich die Zahl der hiesigen unter-
stützungsbedürftigen Flüchtlinge in einem hohen Grade vermehrt.
Fast täglich kommen neue Flüchtlinge hier an und meistens in ei-
nem Zustande, worin sie nicht nur die gewöhnliche notdürftige Un-
terstützung bedürfen, sondern auch ebenso dringende Auslagen für
Kleidung nötig machen. Das unterzeichnete Komitee wird unter die-
sen Umständen um so mehr in Anspruch genommen, je weniger die
Versuche, von anderer Seite her Mittel zur Unterstützung der hie-
sigen Flüchtlinge aufzutreiben, von Erfolg gewesen zu sein schei-
nen und je mehr daher alle hier ankommenden Flüchtlinge ihm
sofort zugewiesen werden. Es ist den Bemühungen der hiesigen
deutschen Arbeiter und der Flüchtlinge selbst gelungen, für
manche der letztern Beschäftigung zu finden. Aber eine Menge
Geschäftszweige, die den Flüchtlingen anderwärts offenstehen,
sind ihnen aus verschiedenen Gründen und namentlich durch die
Hetzjagd der Konkurrenz in dem übervölkerten London verschlossen.
Und dann ist der Andrang der neuen Ankömmlinge so rasch, daß
trotzdem die Liste der zu Unterstützenden jede Woche anschwillt.
Obwohl bei der Verwendung der dem Komitee überwiesenen Gelder die
größte Sparsamkeit beobachtet und die regelmäßige Unterstützung
auf das Notdürftigste beschränkt wird, was die hiesigen hohen
Preise der Lebensbedürfnisse gestatten, so haben unter diesen Um-
ständen die Fonds des
#553# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Komitees sehr rasch zusammenschmelzen müssen. Wir müssen sogar
befürchten, daß wir vielleicht bald außerstand gesetzt werden,
die hiesigen unbeschäftigten Flüchtlinge vor der Obdachlosigkeit
und dem äußersten Elend zu schützen.
Wir appellieren daher nochmals an die Mittel der Partei in
Deutschland selbst. Wir rufen ihr zu, daß in demselben Maße, in
dem die Zahl und damit die Not der Flüchtlinge in der Schweiz und
in Frankreich abnimmt, in demselben Maße sie zunimmt in London,
und wir hoffen, daß es nicht dahin kommen wird, daß Leute, die
für die Freiheit und die Ehre des deutschen Volkes die Waffen ge-
führt haben, ihr Brot an den Straßenecken von London erbetteln
müssen.
Alle Beiträge werden erbeten unter der Adresse:
Mr. Henry Bauer 64,
Dean Street, Soho
London
London, Anfangs März 1850
Das Sozial-demokratische Flüchtlingskomitee:
Karl Marx Fr. Engels H. Bauer A. Willich Carl Pfänder
5
Weltgesellschaft der revolutionären Kommunisten [474]
Art. 1. Das Ziel der Assoziation ist der Sturz aller privilegier-
ten Klassen, ihre Unterwerfung unter die Diktatur der Proleta-
rier, in welcher die Revolution in Permanenz erhalten wird bis
zur Verwirklichung des Kommunismus, der die letzte Organisations-
form der menschlichen Familie sein wird.
Art. 2. Zur Verwirklichung dieses Zieles wird die Assoziation ein
Band der Solidarität zwischen allen Fraktionen der revolutionären
kommunistischen Partei bilden, indem sie, dem Prinzip der repu-
blikanischen Brüderlichkeit entsprechend, alle nationalen Schran-
ken verschwinden läßt.
Art. 3. Das Gründungskomitee der Assoziation konstitutiert sich
zum Zentralkomitee. Es wird überall, wo es zur Durchführung der
Aufgaben notwendig ist, Komitees einsetzen, die mit dem Zentral-
komitee in Verbindung stehen.
Art. 4. Die Mitgliederzahl der Assoziation ist unbegrenzt, aber
niemand darf aufgenommen werden, der nicht einstimmig gewählt
wird. Die Wahl darf aber keinesfalls geheim sein.
#554#
-----
Art. 5. Alle Mitglieder der Assoziation verpflichten sich eid-
lich, den ersten Artikel der Satzungen unbedingt einzuhalten.
Eine Änderung, die möglicherweise eine Abschwächung der im ersten
Artikel ausgesprochenen Absichten zur Folge hätte, entbindet die
Mitglieder der Assoziation ihrer Verpflichtung.
Art. 6. Alle Beschlüsse der Gesellschaft werden mit Zweidrittel-
mehrheit der Abstimmenden gefaßt.
Adam J. Vidil K. Marx August Willich F. Engels
G. Julian Harney
Geschrieben Mitte April 1850.
Nach der Handschrift, vermutlich von August Willich.
Aus dem Französischen.
6
Rechnungsablage des Sozial-demokratischen Flüchtlingskomitees
in London
["Westdeutsche Zeitung" Nr. 104 vom 2. Mai 1850]
Einnahme
sh £ sh d
Febr. 25. Saldo in Kasse......................... 17 11 8
" " Vom Sozial-Reform-Verein in New York... 30 18 5
März 13. Vom Flüchtlingskomitee in Köln......... 36 - -
" 23. A. F., Mitglied des Arbeitervereins.... - 5 -
" 18. Von Hamburg............................ 6 - -
April 16. " Bielefeld.......................... 13 - -
" " " E[mil] B[lank] durch Engels ....... 1 - -
" 20. " mehreren englischen Arbeitern ..... - 7 -
----------
95 2 1
Ausgaben
März 53 Unterstützungen à 7 [sh] 18 11 -
" 7 " à 10 " 3 10 -
" 1 " à 9 " 6 [d] - 9 6
#555# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
£ sh d
März 1 Unterstützungen à 2 [sh] 8 1/2 [d] - 2 8 1/2
6 " à 5 " 1 10 -
2 " à 1 " - 2 -
2 " à 4 " - 8 -
1 " à 2 " - 2 -
Vorschüsse ............................. 2 3 -
Porto und kleine Ausgaben .............. - 8 8
April 56 Unterstützungen à 6 " 16 16 -
18 " à 5 " 4 10 -
2 " à 2 " 6 " - 5 -
14 " à 1 " 6 " 1 1 -
52 " à 7 " 18 4 -
1 " à 8 " - 8 -
54 " à 3 " 8 2 -
49 " à 3 " 6 " 8 11 6
1 " à 6 " 4 " - 6 4
Kleine Ausgaben......................... - 6 5
---------
85 17 1 1/2
Kassenbestand 9 4 11 1/2
Das Komitee, gestiftet am 18. September 1849, hat seit seiner
Gründung ungefähr hundert Flüchtlinge kürzere oder längere Zeit
unterstützt, die Gesamtsumme der durch seine Hände gegangenen
Gelder beläuft sich auf £ 161. 7 1/2. Außerdem hat der Arbeiter-
verein [179] außerordentliche Bedürfnisse einzelner Flüchtlinge
durch Kollekten gedeckt, andern Arbeit verschafft und sämtlichen
Flüchtlingen sein Lokal nebst Zeitungen zur Verfügung gestellt.
Über obige Rechnungsablage, die dem deutschen Arbeiterverein vor-
gelegt und von ihm genehmigt worden ist, liegen die Bücher und
Quittungen beim Kassierer des Komitees zur Einsicht der Geldab-
sender oder ihrer Mandatare bereit.
Die Herren Struve, Bobzin, Bauer (Stolpe) und andere haben neuer-
dings ihre Namen für nötig gehalten, um hinreichende Geldsubsi-
dien aus Deutschland für die Flüchtlinge heranzuziehen. Sie haben
demgemäß eine Anzahl von Flüchtlingen um sich gruppiert und ge-
stern in einer Versammlung ein eigenes Komitee konstituiert.
[261] Es versteht sich, daß dies abermalige Projekt zur Bildung
eines Nebenkomitees uns in unserer Tätigkeit für die Flüchtlinge
nicht mehr beirren kann als die früheren gescheiterten Projekte.
#556# Beilagen
-----
Wie die Rechnungsablage zeigt, ist die Kasse des Komitees so er-
schöpft, daß sie kaum noch für die Bedürfnisse einer Woche aus-
reicht. Dazu melden sich noch täglich neue Flüchtlinge um Unter-
stützung. Wir fordern daher nochmals die deutsche sozialdemokra-
tische Partei auf, ihre Flüchtlinge nicht im Stiche zu lassen und
möglichst bald ihre Beiträge an den Kassierer C. Pfänder, 21,
King Street, Soho, London einzusenden.
London, 23. April 1850
Das Sozial-demokratische Flüchtlingskomitee
K. Marx, Präsident
August Willich C. Pfänder F. Engels H. Bauer
7
Die deutschen Flüchtlinge in London
["Westdeutsche Zeitung" Nr. 149 vom 25. Juni 1850]
Seit einiger Zeit sind die Gelder für die hiesigen deutschen
Flüchtlinge so spärlich eingegangen, daß diese dem größten Elende
preisgegeben sind. Eine Anzahl von i h n e n, die in ihrem Ge-
schäft hier bisher keinen Erwerb finden konnten, s c h l a f e n
f a s t s e i t e i n e r W o c h e i n d e n S t r a ß e n
u n d d e n P a r k s u n d k ä m p f e n m i t d e m
H u n g e r. Von verschiedenen Seiten sind die Differenzen zwi-
schen den Komitees und die angeblich parteiische Verteilung des
Geldes zum Vorwand genommen worden, um keine Gelder für die
Flüchtlinge herzuschicken. Die Herren Struve, Bobzin und andere
haben dazu beigetragen, indem sie erklärten, das unterzeichnete
Komitee unterstütze nur "Kommunisten".
Wir erklären hier nochmals, daß wir j e d e n ohne Unterschied
unterstützt haben, der sich als unterstützungsbedürftiger deut-
scher Flüchtling legitimierte. Unsere Bücher und Quittungen sind
da, um es zu beweisen, und liegen den Geldsendern oder deren Man-
dataren jeden Augenblick zur Einsicht bereit. Der Mitunterzeich-
nete Willich hat in voller Sitzung des Komitees der Herrn Struve,
Bobzin und anderer die dort unterstützten Flüchtlinge gefragt,
wer von ihnen gefragt worden, ob er "Kommunist" sei. Nicht ein
einziger meldete sich!
Wir erklären die obige Behauptung der Herren Struve, Bobzin und
anderer für eine Lüge und Verleumdung.
#557# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Hiernach fällt der Vorwand weg, unter dem bisher von verschie-
denen Seiten den Londoner Flüchtlingen die Unterstützung entzogen
wurde.
London, den 14. Juni 1850
Das Sozial-demokratische Flüchtlingskomitee
K. Marx F. Engels C. Pfänder A. Willich H. Bauer
Briefe und Beiträge erbeten unter der Adresse C. Pfänder, 21,
King Street, Soho, London.
8
Rechnungsablage
des Sozial-demokratischen Flüchtlingskomitees in London
für Mai, Juni und Juli 1850
["Norddeutsche Freie Presse" Nr. 425 vom 8. August 1850]
Einnahme
£ sh d
April 24. Kassenbestand laut voriger Rechnung.... 9 4 11 1/2
Mai Von Hanau durch Bürger Schärttner .....
£ 13 - -
ab Einkommensteuer " - 7 9 ..... 12 12 3
Von einem Engländer ................... - 2 -
Frankfurt a.M. £ 5 und £ 20 ........... 25 - -
----------
46 19 2 1/2
Juni Von Trier .............................. 2 2 6
" Paris (deutsche Arbeiter)........... 1 18 6
Durch Bürger Petzler - 5 -
-----------
4 6 -
Juli Von Frankfurt a.M...................... 30 - -
" Köln .............................. - 11 4
" Wiesbaden (Arbeiterverein).......... 4 10 -
" Hamburg ("Nordd[eutsche]
Freie Presse") 11 11 10
" Londoner Arbeiterverein.. 7 9 6
#558# Beilagen
-----
£ sh d
Juli von Frankfurt a.M. .....................20 - -
" Neustadt a. d. Haardt ...............4 - -
" Hamburg (Expedition des
"Freischütz") 20 10 10
" Lachaux de fonds.................... 5 - -
" Hamburg (St. Georger Arbeiterverein).- 17 6
---------
104 11 -
Ausgabe
£ sh d
April 24. 128 Unterstützungen à 3 sh 6 d ........ 22 8 -
bis 27 " à 3 " ............ 4 1 -
Mai 30. 26 " à 2 .............. 2 12 -
31 " à 1................ 1 11 -
25 " à 5 ............... 6 5 -
Gelegentliche Unterstützungen ........ 1 5 -
Schuhmacherarbeit für Flüchtlinge...... - 14 -
Kleine Auslagen....................... - 6 11
---------
39 2 11
Juni 58 Unterstützungen à 2 sh ............. 5 16 -
59 " à 1 ".............. 2 19 -
25 " à 1 " 6 d..........1 17 6
Gelegentliche Unterstützungen ..........- 10 -
Kleine Ausgaben....................... - 11 6
---------
11 14 -
Juli 28 Unterstützungen à 2 sh.............. 2 16 -
24 " à 1 "...............1 4 -
93 " à - " 6 d..........2 6 6
Gelegentliche Unterstützungen ..........1 6 -
An die Flüchtlingsmenage
7 £ 9 sh 6 d }
5 " - " - " }
5 " 10 " - " } 35 9 6
5 " 10 " - " }
6 " - " - " }
6 " - " - " }
Für Arbeitseinrichtung..................6 - -
Vorschüsse an Flüchtlinge...............7 12 6
Vorschüsse an einen Flüchtling
mit Familie. 1 - -
Kleine Ausgaben........................ - 19 3 1/2
-------------
58 13 9 1/2
Totalausgabe 109 10 8 1/2
#559# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
£ sh d
Totaleinnahme........................ 155 16 2 1/2
Ab Ausgabe .......................... 109 10 8 1/2
-------------
Kassenbestand......................... 46 5 6
Obige Rechnungsablage wurde in der Sitzung des Arbeitervereins
[179] vom 30. Juli d. J. vorgelegt und genehmigt. Bücher und
Quittungen liegen zur Einsicht der Geldabsender oder ihrer Manda-
tare bereit.
Da während des Monats Juni die Beiträge sehr spärlich eingingen
und die Not der Flüchtlinge oft unerträglich war, wurde die Ein-
richtung eines gemeinsamen Wohn- und Speisehauses für die Flücht-
linge beschlossen. Der hiesige Arbeiterverein sowie ein Teil der
Flüchtlinge, die schon Arbeit gefunden hatten, machten es durch
ihre Beiträge möglich, mit der Ausführung dieses Planes zu begin-
nen. Von den später eingegangenen Geldern konnte das Haus mit den
nötigen Utensilien und Möbeln versehen werden. Wohnung haben bis
jetzt 18 Flüchtlinge darin gefunden und Beköstigung circa 40.
Zunächst wurden die unbeschäftigten Schuster unter den Flüchtlin-
gen verwandt, um ihre Kameraden mit dem nötigen Schuhwerke zu
versehen. Das Komitee hat später Fonds ausgesetzt und die nötigen
Schritte getan, um eine gemeinsame, industrielle Beschäftigung
der Flüchtlinge in dem angegebenen Lokale einzurichten und diese
einen Teil ihrer Unterhaltungskosten selbst verdienen zu lassen.
Wenn der erste Versuch sich bewährt, wird die Sache in einem grö-
ßeren Maßstabe ausgeführt und seinerzeit dem Publikum darüber die
weitere Mitteilung gemacht werden. Das Komitee erwartet, daß die-
ses doppelte Unternehmen der Unterstützung und der industriellen
Beschäftigung der Flüchtlinge durch zahlreiche Beiträge aus
Deutschland so lange aufrechterhalten werden kann, bis die
Flüchtlinge sich selbst zu ernähren imstande sind.
London, vom 30. Juli 1850
Das Sozial-demokratische Flüchtlingskomitee:
Karl Marx Friedr. Engels Aug. Willich
Carl Pfänder Heinr. Bauer
#560# Beilagen
-----
9
[Protokoll der Sitzung der Zentralbehörde des Bundes der Kommuni-
sten vom 15. September 1850 [475]]
Gegenwärtig Marx, Engels, Schramm, Pfänder, Bauer, Eccarius,
Schapper, Willich, Lehmann. Frankel ist entschuldigt.
Das Protokoll der letzten Sitzung ist nicht gegenwärtig, da dies
eine außerordentliche Sitzung ist, und wird daher nicht verlesen.
Marx: Die Freitagssitzung konnte wegen Kollision mit der
Kommissionssitzung der Gesellschaft [179] nicht stattfinden. Da
Willich eine Kreisversammlung, deren Rechtmäßigkeit ich nicht un-
tersuche, berufen, muß die Sitzung heute stattfinden.
Ich stelle folgenden in drei Artikel zerfallenden Antrag:
1. Die Zentralbehörde ist von London nach Köln verlegt und geht
auf die dortige Kreisbehörde über, sobald die heutige Sitzung der
Zentralbehörde geschlossen ist. Dieser Beschluß wird den Bundes-
mitgliedern in Paris, Belgien und der Schweiz mitgeteilt. Nach
Deutschland wird die neue Zentralbehörde ihn selbst anzeigen.
Motive: Ich war gegen Schappers Antrag für eine allgemeine deut-
sche Kreisbehörde in Köln, um die Einheit der Zentralgewalt nicht
zu stören. Dies fällt in unserm Antrag weg. Dazu kommt eine Reihe
neuer Gründe. Die Minorität der Zentralbehörde ist in offener Re-
bellion gegen die Majorität sowohl bei dem Tadelsvotum letzter
Sitzung wie bei der jetzt vom Kreis berufenen Generalversammlung,
wie im Verein und bei den Flüchtlingen [260]. Daher ist die Zen-
tralbehörde hier unmöglich. Die Einheit der Zentralbehörde kann
nicht mehr beibehalten werden, sie müßte sich spalten und zwei
Bünde würden gemacht. Da aber das Interesse der Partei vorgeht,
so schlage ich diesen Ausweg vor.
2. Die bisherigen Statuten des Bundes sind aufgehoben. Es wird
der neuen Zentralbehörde aufgegeben, neue Statuten zu machen.
Motive: Die 1847er Kongreßstatuten sind 1848 von der Londoner
Zentralbehörde verändert. Die Zeitverhältnisse sind jetzt wieder
verändert. Die letzten Londoner Statuten haben die prinzipiellen
Artikel der Statuten geschwächt. Beide Statuten gelten hier oder
da, an einigen Orten gelten gar keine oder ganz eigenmächtig ge-
machte, also vollständige Anarchie im Bunde. Dazu sind die letz-
ten Statuten veröffentlicht und können also nicht mehr dienen.
#561# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Mein Antrag geht also der Sache nach dahin, daß an die Stelle der
Staatenlosigkeit wirkliche Statuten gesetzt werden [476].
3. Es werden in London zwei Kreise gebildet, die in absolut kei-
ner Beziehung zueinander stehen und nur das Band haben, daß sie
im Bund sind und mit derselben Zentralbehörde korrespondieren.
Motive: Grade wegen der Einheit des Bundes ist es nötig, daß hier
zwei Kreise gegründet werden. Außer den persönlichen Gegensätzen
sind auch prinzipielle Gegensätze sogar in der Gesellschaft her-
vorgetreten. Grade in der letzten Debatte über die Frage "die
Stellung des deutschen Proletariats in der nächsten Revolution"
sind von Mitgliedern der Minorität der Zentralbehörde Ansichten
ausgesprochen, die direkt dem vorletzten Rundschreiben 1*), sogar
dem "Manifest" widersprechen. An die Stelle der universellen An-
schauung des "Manifestes" ist die deutsche nationale getreten und
dem Nationalgefühl der deutschen Handwerker geschmeichelt. Statt
der materialistischen Anschauung des "Manifestes" ist die ideali-
stische hervorgehoben worden. Statt der wirklichen Verhältnisse
der W i l l e als Hauptsache in der Revolution hervorgehoben
worden. Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50
Jahre Bürgerkrieg durchzumachen, um die Verhältnisse zu ändern,
um euch selbst zur Herrschaft zu befähigen, ist statt dessen ge-
sagt worden: Wir müssen g l e i c h zur Herrschaft kommen, oder
wir können uns schlafen legen. Wie von den Demokraten das Wort
"Volk", ist jetzt das Wort "Proletariat" als bloße Phrase ge-
braucht worden. Um diese Phrase durchzuführen, müßte man alle
Kleinbürger als Proletarier erklären, also de facto die Kleinbür-
ger und nicht die Proletarier vertreten. An die Stelle der wirk-
lichen revolutionären Entwicklung müßte man die Phrase der Revo-
lution setzen. Diese Debatte hat endlich bewiesen, welche prinzi-
piellen Differenzen den Hintergrund der persönlichen Streitigkei-
ten bildeten, und jetzt ist es Zeit einzuschreiten. Grade diese
Gegensätze sind als Kampfparole der zwei Fraktionen genommen wor-
den, und von verschiedenen Bundesmitgliedern sind die Verteidiger
des "Manifestes" als Reaktionäre bezeichnet worden, und man hat
sie hierdurch unpopulär zu machen gesucht, was ihnen aber völlig
gleichgültig ist, da sie keine Popularität suchen. Die Majorität
hätte hiernach das Recht, den Kreis London aufzulösen und die
Mitglieder der Minorität als mit den Prinzipien des Bundes im Wi-
derspruch auszustoßen. Ich stelle diesen Antrag nicht, weil es
nutzlosen Krakeel herbeiführen würde und weil diese Leute ihrer
Überzeugung nach doch Kommunisten sind, obwohl die jetzt von ih-
nen ausgesprochenen Ansichten antikommunistisch sind und
höchstens sozialdemokratische genannt werden können. Es versteht
sich aber, daß es reiner schädlicher Zeitverlust wäre, wenn wir
beisammen blieben. Schapper hat oft von Trennung gesprochen, gut
- ich mache Ernst mit der Trennung.
-----
1*) Siehe vorl. Band, S. 244-254
#562# Beilagen
-----
Ich glaube den Weg gefunden zu haben, auf dem wir uns trennen,
ohne die Partei zu sprengen.
Ich erkläre, daß ich nach meiner Ansicht höchstens 12 Leute bei
unserem Kreis wünsche, möglichst wenige, und lasse der Minorität
gerne den ganzen Schwarm. Ist dieser Vorschlag angenommen, so
können wir offenbar nicht in der Gesellschaft bleiben; ich und
die Majorität werden aus der Great Windmill Street Gesellschaft
[405] austreten 1*). Endlich handelt es sich nicht um eine feind-
liche Beziehung der beiden Fraktionen, sondern im Gegenteil um
die Aufhebung der Spannung und daher aller Beziehungen. Im Bund
und in der Partei bleiben wir zusammen, aber in einer nur schäd-
lichen Beziehung bleiben wir nicht.
Schapper: Wie in Frankreich das Proletariat sich von der Montagne
[44] und der "Presse" trennt, so hier die Leute, die die Partei
prinzipiell vertreten, sich von denen, die im Proletariat organi-
sieren, trennen. Für die Verlegung der Zentralbehörde bin ich,
auch für Ändrung der Statuten. Die Kölner kennen die Verhältnisse
in Deutschland. Auch glaube ich, daß die neue Revolution Leute
hervorbringen wird, die sich selbst leiten werden, besser als
alle Leute, die 1848 einen Namen hatten. Was die prinzipiellen
Spaltungen anbetrifft, so hat Eccarius die Frage vorgeschlagen,
die Anlaß zu dieser Debatte gab. Ich habe die hier angefochtene
Ansicht ausgesprochen, weil ich überhaupt in dieser Sache enthu-
siastisch bin. Es handelt sich darum, ob wir im Anfang selbst
köpfen oder geköpft werden. In Frankreich werden die Arbeiter
drankommen und damit w i r in Deutschland. Wäre das nicht der
Fall, so würde ich mich allerdings schlafen legen, und dann
könnte ich eine andere materielle Stellung haben. Kommen wir
dran, so können wir solche Maßregeln ergreifen, welche dem Prole-
tariat die Herrschaft sichern. Ich bin fanatisch für diese An-
sicht. Die Zentralbehörde aber hat das Gegenteil gewollt. Wollt
ihr aber nichts mehr mit uns zu tun haben, gut, so trennen wir
uns jetzt. Ich werde in der nächsten Revolution gewiß guilloti-
niert, aber ich werde nach Deutschland gehen. Wollt ihr aber 2
Kreise bilden, gut - dann hört aber der Bund auf, und dann
treffen wir uns in Deutschland wieder, und vielleicht können wir
dann wieder zusammengehen. Ich bin ein persönlicher Freund von
Marx, aber wollt ihr die Trennung, gut, so gehen wir allein und
ihr geht allein. Dann sollen aber 2 Bünde gegründet werden. Der
eine für die, welche mit der Feder wirken, der andere für die,
welche anders wirken. Ich bin nicht der Ansicht, daß die
Bourgeois in Deutschland zur Herrschaft kommen, und ich bin
fanatischer Enthusiast in dieser Hinsicht, wäre ich das nicht, so
gäbe ich keinen Deut für die ganze Geschichte. Aber 2 Kreise hier
in London, 2 Gesellschaften, 2 Flüchtlingskomitees, dann wollen
wir lieber auch 2 Bünde und vollständige Trennung.
Marx: Schapper hat meinen Antrag mißverstanden. Sobald der Antrag
-----
1*) Siehe vorl. Band. S. 414
#563# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
angenommen, trennen wir uns, die 2 Kreise trennen sich, und die
Personen stehen in keiner Beziehung zueinander. Sie sind aber in
demselben Bund und unter derselben Behörde. Ihr sollt sogar die
große Masse der Bundesmitglieder behalten. Was persönliche Opfer
angeht, habe ich so viele gebracht, wie jemand, aber für die
Klasse, nicht für die Personen. Was den Enthusiasmus angeht, ge-
hört wenig Enthusiasmus dazu, zu einer Partei zu gehören, von der
man glaubt, sie käme an die Regierung. Ich habe stets der momen-
tanen Meinung des Proletariats getrotzt. Wir devouieren 1*) uns
einer Partei, die zu ihrem Besten grade noch nicht zur Herrschaft
kommen kann. Das Proletariat, käme es zur Herrschaft, würde nicht
direkt proletarische, sondern kleinbürgerliche Maßregeln ergrei-
fen. Unsere Partei kann erst zur Regierung kommen, wenn die Ver-
hältnisse es erlauben, i h r e Ansicht durchzuführen. Louis
Blanc liefert das beste Exempel, was man ausrichtet, wenn man zu
früh zur Herrschaft kommt. 2*) In Frankreich kommen übrigens
nicht die Proletarier allein, sondern mit ihnen die Bauern und
Kleinbürger zur Herrschaft und werden nicht ihre, sondern
d e r e n Maßregeln durchführen müssen. Die Kommune von Paris
[477] beweist, daß man nicht in der Regierung zu sein braucht, um
etwas durchzuführen. Übrigens, warum spricht sich keines der üb-
rigen Mitglieder der Minorität, namentlich der Bürger Willich
aus, die damals alle einstimmig das Rundschreiben gebilligt ha-
ben. Den Bund können wir nicht trennen und wollen wir nicht tren-
nen, sondern bloß den Kreis London in 2 Kreise trennen.
Eccarius: Ich habe die Frage gestellt und habe die Absicht aller-
dings gehabt, die Sache zur Sprache zu bringen. Was die Schapper-
sche Auffassung angeht, so habe ich in der Gesellschaft entwi-
ckelt, warum ich sie für eine Illusion halte und warum ich nicht
glaube, daß unsere Partei sogleich bei der nächsten Revolution
zur Herrschaft kommen kann. Unsere Partei ist dann in den Klubs
wichtiger als in der Regierung.
Der Bürger Lehmann entfernt sich, ohne ein Wort zu sagen.
Desgleichen der Bürger Willich.
Art. 1 angenommen von allen. Schapper stimmt nicht.
" 2 angenommen von allen. Schapper desgleichen.
" 3 angenommen desgl. Schapper desgl.
Schapper erklärt seinen Protest gegen uns alle. Wir sind jetzt
vollkommen getrennt. Ich habe meine Bekannte und Freunde in Köln,
die mir mehr folgen als euch.
Marx: Wir haben unsere Sache statutengemäß abgemacht, und die Be-
schlüsse der Zentralbehörde haben Gültigkeit.
Nach Verlesung des Protokolls erklären Marx und Schapper, daß sie
nicht nach Köln in dieser Angelegenheit geschrieben haben.
-----
1*) ergeben - 2*) siehe vorl. Band, S. 18-20
#564# Beilagen
-----
Schapper wird gefragt, ob er etwas gegen das Protokoll einzuwen-
den habe. Er erklärt, daß er nichts einzuwenden habe, da er jeden
Einwand für unnötig hält.
Eccarius trägt an, daß das Protokoll von allen unterzeichnet
werde. Angenommen. Schapper erklärt, daß er es nicht unterschrei-
ben werde.
So geschehen London, den 15. September 1850.
Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben
gez. K. Marx, Präsident der Zentralbehörde gez. C. Schramm
" F. Engels, Sekretär " J.G. Eccarius
" Henry Bauer " C. Pfänder
Nach einer von Hermann Haupt angefertigten Abschrift.
10
Rechnungsablage des Sozial-demokratischen Flüchtlingskomitees
in London vom 1.August bis 10.September [1850]
["Deutsche Londoner Zeitung" Nr. 287 vom 27. September 1850]
Einnahme
£ sh d
August Saldo .................................. 46 5 6
Durch Miß Berg gesammelt............... 12 - -
Vom Arbeiterverein in St. Georg Hamburg . 2 10 -
Von demselben.......................... 1 10 -
Von Neustadt an der Haardt .............. 8 - -
Von Herrn C. Flory durch die Redaktion der
"Deutschen Londoner Zeitung" ......... - 8 -
Septbr. Vom deutschen Arbeiterverein in Paris ... 2 - -
Gesammelt durch Herrn John Berg......... 17 10 -
----------
Summa: 90 3 6
#565# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Ausgabe
£ sh d
August In die Flüchtlingsmenage................ 28 9 3
An die Bürstenmacherei .................. 7 10 -
Für Leder etc............................ - 13 6
56 Unterstützungen à 6 d ................ 1 8 -
23 dto. " 1 sh ............... 1 3 -
6 dto. " 2 sh 6 d ........... - 15 -
Diverse Unterstützungen.................. - 5 6
4 Unterstützungen à 10 sh ............... 2 - -
Vorschüsse an Flüchtlinge................ 8 4 -
An 4 Flüchtlinge zur Reise nach Amerika 5 - -
Reisekosten nach Schleswig-Holstein ......7 3 -
Kleine Unkosten, Porto, Inkasso etc.......- 11 3
Septbr. In die Menage........................... 14 4 8
39 Unterstützungen à 6 d ............... - 19 6
2 dto. " 1 sh ............... - 2 -
1 Unterstützung à 10 sh und 1 à 5 sh.....- 15 -
Verteilt nach Vorschrift des Gebers,
Herrn Berg............................. 8 15 -
Vorschüsse an Flüchtlinge................ 1 18 -
Kleine Spesen........................... - 6 10
---------
Summa: 90 3 6
Da die vier unterzeichneten Mitglieder des bisherigen Sozial-
demokratischen Komitees bei Ablegung dieser Rechnung ihren Aus-
tritt aus dem Komitee erklärten, ernannte die Gesellschaft in
Great Windmill Street [405] eine Kommission zur Prüfung der Bü-
cher und Quittungen, welche am 15.d. ihren Bericht dahin erstat-
tete, daß sie alles in Ordnung gefunden hat.
Die Unterzeichneten hielten es für nötig, sämtliche Bücher und
Quittungen über ihre Verwaltung bei dem bisherigen Kassierer, C.
Pfänder, 21, King Street, Soho Square, zu belassen, da sie nicht
nur aus dem Komitee, sondern auch aus der Gesellschaft getreten
sind und sie Dokumente bei etwaigen Reklamationen von Seiten des
Publikums nicht entbehren können.
Die Geldsender werden daher ersucht, Mandatare in London zu er-
nennen, um Bücher und Quittungen bei dem genannten bisherigen
Kassierer einzusehen.
London, den 18. September 1850
Karl Marx H. Bauer C. Pfänder Fr. Engels
#566# Beilagen
-----
11
[Antrag des Kreises London an die Zentralbehörde des Bundes
der Kommunisten in Köln über den Ausschluß der Mitglieder des
Sonderbundes]
[Auszug aus der Ansprache der Kölner Zentralbehörde
vom 1. Dezember 1850 [478]]
Nachdem der Beschluß gefaßt war[4793, ist uns daher von dem durch
Eccarius in London gebildeten Kreise auch der formelle Antrag zu-
gegangen:
"sämtliche Mitglieder des Sonderbundes [480], speziell Schapper,
Willich, Schärttner, Lehmann, Dietz, Gebert, Fränkel, letztere
sieben mit Namennennung, auszustoßen und diesen Beschluß sämtli-
chen Kreisen und Gemeinden des Bundes mitzuteilen, ebenso dem
Sonderbunde in London und seinen Leitern".
Dieser Antrag wurde auf folgende, allerdings höchst triftige
Gründe gestützt, welche wir zur näheren Kenntnis der Personen
ebenfalls dem ganzen Bunde mitteilen:
"1. Sie haben an außerhalb des Bundes bestehende Behörden gehei-
mer Gesellschaften, an Flüchtlinge aller Nationalitäten über den
Zwiespalt in London berichtet und dazu falsch berichtet, 2. sie
befinden sich in offener Rebellion gegen die legale Zentralbe-
hörde in Köln, handeln ihren Beschlüssen zum Trotz und lassen zur
Gründung eines Sonderbundes einen Emissär 1*) in Deutschland um-
herreisen, 3. sie haben sämtliche Verpflichtungen, welche Mit-
gliedern geheimer Gesellschaften obliegen, gegen die Glieder des
Kreises London verletzt und verletzen sie noch fortwährend, 4.
sie haben seit der Trennung alle Gesetze geheimer Gesellschaften
übertreten, und ein längeres Bleiben derselben im Bunde würde ih-
nen nur Vorschub zur Auflösung desselben leisten."
Geschrieben am 11. November 1850.
Nach dem Rundschreiben:
Die Central-Behörde an den Bund vom 1. Dezember 1850.
-----
1*) Haude
#567# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
12
Statuten des Kommunistischen Bundes [481]
1. Der Z w e c k des Kommunistischen Bundes ist, durch alle
Mittel der Propaganda und des politischen Kampfes die Zertrümme-
rung der alten Gesellschaft - 1*) d[urch] Sturz der Bourgeoisie
2*) -, die geistige, politische und ökonomische Befreiung des
Proletariats, die kommunistische Revolution durchzuführen. Der
Bund vertritt in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der
Kampf des Proletariats zu durchlaufen hat, stets das Interesse
der Gesamtbewegung, wie er stets alle revolutionären Kräfte des
Proletariats in sich zu vereinigen und zu organisieren sucht; er
ist geheim und unauflöslich, solange die proletarische Revolution
ihr Endziel nicht erreicht hat.
2. M i t g l i e d kann nur werden, wer folgende Bedingungen
vereinigt:
a) Freiheit von aller Religion, praktische Lossagung von jedem
kirchlichen Verbände und allen nicht durch die bürgerlichen Ge-
setze gebotenen Zeremonien;
b) Einsicht in die Bedingungen, den Entwicklungsgang und das End-
ziel der proletarischen Bewegung;
c) Fernhaltung von allen Verbindungen und partiellen Bestrebun-
gen, welche dem Zwecke des Bundes feindlich oder hinderlich sind;
d) Fähigkeit und Eifer für die Propaganda, unerschütterliche
Überzeugungstreue, revolutionäre Tatkraft;
e) strengste Verschwiegenheit in allen Bundesangelegenheiten.
3. Über die B e f ä h i g u n g z u r A u f n a h m e ent-
scheidet die Einstimmigkeit der Gemeinden. Die Aufnahme geschieht
gewöhnlich vor versammelter Gemeinde durch den Vorsteher. Die
Mitglieder geloben, sich den Beschlüssen des Bundes unbedingt zu
unterwerfen.
4. Wer die Bedingungen der Mitgliedschaft verletzt, wird ausge-
schlossen. Über die Ausschließung einzelner entscheidet die Stim-
menmehrheit der Gemeinde. Ganze Gemeinden kann die Zentralgewalt
ausschließen, wenn von einer Kreisgemeinde darauf angetragen ist.
Die Ausgeschlossenen werden dem ganzen Bunde angezeigt und gleich
allen verdächtigen Subjekten von Bundes wegen überwacht.
5. Der Bund gliedert sich in Gemeinden, Kreise, Zentralbehörde
und Kongreß.
6. Die G e m e i n d e n bestehen aus wenigsten drei Mitglie-
dern derselben Lokalität. Sie wählen sich jede einen Vorsteher,
der die Sitzungen leitet, und einen Stellvertreter, der die Kasse
führt.
1*)-2*) Von Marx eingefügt
#568# Beilagen
-----
7. Die Gemeinden eines Landes oder einer Provinz stehen unter ei-
ner Hauptgemeinde, dem K r e i s e, welcher von der Zentralbe-
hörde ernannt wird. Die Gemeinden stehen direkt nur mit ihrem
Kreise in Verbindung, die Kreise mit der Zentralbehörde.
8. Die Gemeinden versammeln sich regelmäßig wenigstens alle 14
Tage; sie stehen in wenigstens monatlicher Korrespondenz mit ih-
ren Kreisen; die Kreisgemeinden in wenigstens zweimonatlicher mit
der Zentralbehörde; die Zentralbehörde gibt alle drei Monate Be-
richt über die Lage des Bundes.
9. Die Vorsteher und Stellvertreter der Gemeinden und Kreise sind
auf ein Jahr gewählt und jederzeit von ihren Wählern absetzbar;
die Mitglieder der Zentralbehörde sind nur absetzbar durch den
Kongreß.
10. Jedes Bundesmitglied hat einen monatlichen Beitrag zu zahlen,
dessen Minimum von dem Kongreß festgesetzt wird. Diese Beiträge
gehen zur Hälfte an die Kreise, zur Hälfte an die Zentralbehörde
und werden verwandt zur Deckung der Verwaltungskosten, zur Ver-
breitung propagandistischer Schriften und zur Aussendung von
Emissären. Die Kreise tragen die Kosten der Korrespondenz mit ih-
ren Gemeinden. Die Beiträge werden alle drei Monate an die Kreise
gesandt, welche die Hälfte der Gesamteinnahmen an die Zentralbe-
hörde schicken und gleichzeitig über Ausgabe und Einnahme ihrer
Gemeinden Rechenschaft geben. Die Zentralbehörde legt dem Kongreß
Rechnung über die ihr zugegangenen Gelder. Außerordentliche Ko-
sten werden durch außerordentliche Beiträge bestritten.
11. Die Z e n t r a l b e h ö r d e ist das Vollziehungsorgan
des ganzen Bundes. Sie besteht aus wenigstens drei Mitgliedern,
wird gewählt und ergänzt von dem Kreise, wohin der Kongreß den
Sitz derselben verlegt, und ist nur dem Kongreß Rechenschaft
schuldig.
12. Der K o n g r e ß ist das gesetzgebende Organ des ganzen
Bundes. Er besteht aus den Abgeordneten der Kreisversammlungen,
welche jede für je fünf Gemeinden e i n e n Deputierten wählen.
13. Die K r e i s v e r s a m m l u n g ist die Repräsentation
des Kreises, welche regelmäßig alle Vierteljahre an dem Kreisorte
unter der Leitung des Vorstands der Hauptgemeinde zur Beratung
der Kreisangelegenheiten zusammentritt. Jede Gemeinde sendet dazu
einen Abgeordneten. Die Kreisversammlung zur Wahl der Bundesabge-
ordneten geschieht unabänderlich in der Mitte Juli jedes Jahres.
1*) Art. 5 Gemeinde Art. 8 Kongreß
Art. 6 Kreis Art. 9 Aufnahme in den Bund
Art. 7 Zentralbehörde Art. 10 Ausstoßung aus dem Bund/Geld-
verhältnisse 2*)
-----
1*-2*) Von Marx eingefügt
#569# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
14. Vierzehn Tage nach dem Schluß der Kreiswahlversammlungen
tritt der Kongreß von Rechts wegen an dem Sitze der Zentralbe-
hörde, wenn diese keinen andern Ort bestimmt hat, zusammen.
15. Der Kongreß empfängt von der Zentralbehörde, welche in ihm
Sitz, aber keine Stimme hat, den Rechenschaftsbericht über ihre
gesamte Tätigkeit und über die Lage des Bundes; er erklärt die
Grundsätze der vom Bunde zu befolgenden Politik, entscheidet über
Abänderungen in den Statuten und bestimmt den Sitz der Zentralbe-
hörde für das nächste Jahr.
16. Die Zentralbehörde kann in dringenden Fällen einen außer-
ordentlichen Kongreß berufen, welcher alsdann aus den von den
Kreisen zuletzt gewählten Abgeordneten besteht.
17. Streitigkeiten unter einzelnen Mitgliedern derselben Gemeinde
entscheidet endgültig die Gemeinde, desselben Kreises die Kreis-
gemeinde, verschiedener Kreise die Zentralbehörde; persönliche
Klagen über Mitglieder der Zentralbehörde gehören vor den Kon-
greß. Streitigkeiten unter Gemeinden desselben Kreises entschei-
det die Kreisgemeinde, unter Gemeinden und ihrem Kreise oder un-
ter verschiedenen Kreisen die Zentralbehörde; doch steht im er-
sten Falle die Berufung an die Kreisversammlungen, im zweiten an
den Kongreß offen. Der Kongreß entscheidet auch alle Konflikte
der Zentralbehörde mit den Unterbehörden des Bundes.
Geschrieben im November 1850.
Nach einer von Heinrich Bürgers angefertigten Abschrift
mit Bemerkungen von Marx.
#570# Beilagen
-----
13
Karl Marx/Friedrich Engels
Vorbemerkung [zum Trinkspruch von Louis-Auguste Blanqui
und die deutsche Übersetzung des Trinkspruchs [482]]
Trinkspruch, gesandt durch den Bürger L.A. Blanqui an die Kommis-
sion der Flüchtlinge zu London für die Jahresfeier des 24. Fe-
bruar 1851. Veröffentlicht durch die Freunde der Gleichheit
---
Vorbemerkung
Einige elende Betrüger des Volkes, das sogenannte Zentralkomitee
der europäischen Sozialdemokraten [483], in Wahrheit ein Komitee
des europäischen Zentralmobs, unter Vorstand der Herrn Willich,
Schapper usw. feierten in London den Jahrestag der Februarrevolu-
tion [219]. Louis Blanc, der Vertreter des sentimentalen Phrasen-
sozialismus, hatte sich aus I n t r i g e gegen einen andern
Volksverräter, Ledru-Rollin, dieser Sippschaft untergeordneter
Prätendenten angeschlossen. Sie verlasen auf ihrem Bankett ver-
schiedene Adressen, die ihnen zugekommen sein sollten. Von
Deutschland hatten sie aller Anstrengungen ungeachtet keine ein-
zige Zuschrift zu erbetteln gewußt. Günstiges Zeichen für die
Entwicklung des deutschen Proletariats!
Sie schrieben auch an Blanqui, den edlen Märtyrer des revolutio-
nären Kommunismus, um eine Adresse. Er antwortete ihnen mit dem
folgenden Toast:
Warnung an das Volk
Welche Klippe bedroht die Revolution von morgen? Die Klippe, an
welcher die Revolution von gestern gescheitert ist, die bekla-
genswerte Popularität verkappter Bourgeois, die die Rolle von
Volkstribunen spielen.
Ledru-Rollin, Louis Blanc, Crémieux, Marie, Lamartine, Garnier-
Pagès, Dupont (de l'Eure,) Flocon, Albert, Arago, Marrast!
Verderbenschwere Liste! Unheilvolle Namen, mit Blut geschrieben
auf alle Pflaster des demokratischen Europas!
Die p r o v i s o r i s c h e R e g i e r u n g hat die Revo-
lution getötet! auf ihr Haupt falle die Verantwortung
#571# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
für alles Unglück, auf ihr Haupt das Blut von so viel tausend
Schlachtopfern!
Die Reaktion hat nur ihr Handwerk geübt, indem sie die Demokratie
erwürgte. Das Verbrechen fällt den Verrätern zur Last, die das
vertrauende Volk zu Führern genommen hatte und die es der Reak-
tion überlieferten.
Miserabele Regierung! Den Angstrufen, den Bitten zum Trotz
schleudert sie die 45-Centime-Steuer [30] unter das Landvolk und
treibt es zur Verzweiflung, zum Aufstand.
Sie behält die royalistischen Generalstäbe, den royalistischen
Richterstand, die royalistischen Gesetze bei. Verrat!
Sie fällt am 16. April über die Pariser Arbeiter her, wirft die
von Limoges ins Gefängnis und kartätscht am 27. die von Rouen zu-
sammen [484]; sie läßt alle ihre Hetzhunde los und hält eine
Treibjagd auf alle wahren Republikaner. Verrat, Verrat!
Auf sie, auf sie allein die furchtbare Last der Unglücksfälle,
die die Revolution von 1848 vernichtet haben!
O, es gibt große Verbrecher, aber die größten von allen sind sie,
in denen das Volk, getäuscht durch Tribunenphrasen, sein Schwert
und Schild erblickte, die es begeisterungsvoll für die Schieds-
richter seiner Zukunft erklärte.
Wehe uns, wenn am nahen Tage des Volkstriumphs die vergeßliche
Nachsicht der Massen einen dieser Menschen, die ihr Mandat ge-
schändet haben, wieder zur Gewalt gelangen ließe! Zum zweiten
Male wäre es um die Revolution geschehen.
Mögen die Arbeiter unablässig dies Verzeichnis verfluchter Namen
vor Augen haben, und wenn je ein einziger, ja nur ein einziger in
einer revolutionären Regierung wiedererscheint, alle mit einer
Stimme schreien: Verrat!
Reden, Sermone, Programme wären nochmals nur Lug und Trug; die-
selben Taschenspieler würden wiederkehren, um ihre alten Stücke
von neuem zu spielen, sie würden den ersten Ring bilden in einer
neuen Kette noch wütenderer Reaktionen. Fluch ihnen und Rache,
wenn sie wiederzuerscheinen wagten! Schmach und Verachtung der
einfältigen Menge, die sich wieder in ihre Netze fangen ließe!
Doch es ist nicht genug, daß die Eskamoteure des Februar auf im-
mer aus dem Hôtel de Ville [7] verbannt sind, es gilt, sich
sicherzustellen gegen neuen Verrat.
Verräter wären diejenigen, die, auf den Schultern des Proletari-
ats zur Regierung erhoben, nicht sogleich folgendes ins Werk
setzten:
1. die allgemeine Entwaffnung der Bourgeoisgarden;
2. die Bewaffnung und militärische Organisation aller Arbeiter.
Es gibt ohne Zweifel noch viele andere unerläßliche Maßregeln,
aber sie ergeben sich von selbst aus diesem ersten Akte, der die
nächste Bürgschaft, das einzige Unterpfand der Sicherheit für das
Volk ist.
Nicht ein einziges Gewehr darf in den Händen der Bourgeois blei-
ben. Ohne das kein Heil!
Die verschiedenen Doktrinen, die sich heute die Sympathien der
Massen streitig machen, können ihrer Zeit ihre Versprechungen von
Verbesserung und Wohlstand verwirklichen, aber nur unter der Be-
dingung, daß die Beute nicht fahrengelassen werde für den Schat-
ten.
#572# Beilagen
-----
Sie würden zu nichts führen als zu einer elenden Fehlgeburt, wenn
das Volk, ausschließlich mit Theorien beschäftigt, das einzig
praktische, das einzige sichere Mittel geringschätzen wollte, die
Gewalt!
Waffen und Organisation - das ist das entscheidende Element des
Fortschritts, das einzig ernste Mittel, dem Elende ein Ende zu
machen.
Wer Eisen hat, hat Brot. Man sinkt auf die Knie vor den Bajonet-
ten, man fegt waffenlose Haufen wie Spreu hinweg. Frankreich, ge-
spickt mit bewaffneten Arbeitern - das ist die Ankunft des Sozia-
lismus.
Vor dem bewaffneten Proletariate wird alles verschwinden, Hinder-
nisse, Widersetzlichkeiten, Unmöglichkeiten.
Aber für die Proletarier, die sich mit lächerlichen Straßenprome-
naden, mit Freiheitsbäumen, mit wohlklingenden Advokatenphrasen
die Zeit vertreiben lassen, gibt es zuerst Weihwasser, dann Be-
leidigungen, endlich Kartätschen und immer Elend!
Das Volk mag wählen!
Gefängnis von Belle-+le-en-Mer, 10. Februar 1851
Geschrieben zwischen dem 3. und 6. März 1851.
Nach der Flugschrift gedruckt
in Köln im Frühjahr 1851.
zurück