Quelle: MEW 7 August 1849 - Juni 1859
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IV
Die Abschaffung des allgemeinen Stimmrechts 1850
(Die Fortsetzung der vorstehenden drei Kapitel findet sich in der
"Revue" des letzten erschienenen, fünften und sechsten Doppelhef-
tes der "Neuen Rheinischen Zeitung" 1*). Nachdem hier zuerst die
große, 1847 in England ausgebrochene Handelskrise geschildert und
aus ihren Rückwirkungen auf den europäischen Kontinent die Zu-
spitzung der dortigen politischen Verwicklungen zu den Revolutio-
nen des Februar und März 1848 erklärt worden, wird dann darge-
stellt, wie die im Laufe von 1848 wieder eingetretene, 1849 noch
höher gesteigerte Prosperität des Handels und der Industrie den
revolutionären Aufschwung lähmte und die gleichzeitigen Siege der
Reaktion möglich machte. Speziell von Frankreich heißt es dann:)
2*)
Dieselben Symptome zeigten sich in F r a n k r e i c h seit
1849 und besonders seit Anfang 1850. Die Pariser Industrien sind
vollauf beschäftigt, und auch die Baumwollfabriken von Rouen und
Mülhausen gehen ziemlich gut, obwohl hier die hohen Preise des
Rohstoffes, wie in England, hemmend eingewirkt haben. Die Ent-
wicklung der Prosperität in Frankreich wurde zudem besonders be-
fördert durch die umfassende Zollreform in Spanien und durch die
Herabsetzung der Zölle auf verschiedene Luxusartikel in Mexiko;
nach beiden Märkten hat die Ausfuhr französischer Waren bedeutend
zugenommen. Die Vermehrung der Kapitalien führte in Frankreich zu
einer Reihe von Spekulationen, denen die Ausbeutung der kalifor-
nischen Goldminen auf großem Fuß zum Vorwand diente. Eine Menge
von Gesellschaften tauchte auf, deren niedrige Aktienbeträge und
deren sozialistisch gefärbte Prospekte direkt an den Geldbeutel
der Kleinbürger und Arbeiter appellieren, die aber samt und son-
ders auf jene reine Prellerei hinauslaufen, welche den Franzosen
und Chinesen allein eigentümlich ist. Eine dieser Gesellschaften
wird sogar direkt von der
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1*) Siehe vorl. Band, S. 438-441 und 446-456 - 2*) von Engels ge-
schrieben zur Ausgabe von 1895
#96# Karl Marx
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Regierung protegiert. Die Einfuhrzölle in Frankreich in den er-
sten neun Monaten betrugen 1848 - 63 Millionen Francs, 1849 - 95
Millionen Francs und 1850 - 93 Millionen Francs. Sie stiegen üb-
rigens im Monat September 1850 wieder um mehr als eine Million
gegen den gleichen Monat 1849. Die Ausfuhr ist ebenfalls 1849 und
noch mehr 1850 gestiegen.
Der schlagendste Beweis der wiederhergestellten Prosperität ist
die Wiedereinführung der Barzahlungen der Bank durch das Gesetz
vom 6. August 1850. Am 15. März 1848 war die Bank bevollmächtigt
worden, ihre Barzahlungen einzustellen. Ihre Notenzirkulation,
mit Einschluß der Provinzialbanken, betrug damals 373 Millionen
Francs (14 920 000 £). Am 2.November 1849 betrug diese Zirkula-
tion 482 Millionen Francs oder 19 280 000 £; Zuwachs von
4 360 000 £, und am 2. September 1850 - 496 Millionen Francs oder
19 840 000 £; Zuwachs von etwa 5 Millionen Pfund. Es trat dabei
keine Depretiation der Noten ein; umgekehrt, die vermehrte Zirku-
lation der Noten war begleitet von beständig wachsender Aufhäu-
fung von Gold und Silber in den Kellern der Bank, so daß im Som-
mer 1850 der Barvorrat sich auf ungefähr 14 Millionen Pfund be-
lief, eine in Frankreich unerhörte Summe. Daß die Bank so in den
Stand gesetzt wurde, ihre Zirkulation und damit ihr tätiges Kapi-
tal um 123 Millionen Francs oder 5 Millionen Pfund zu erhöhen,
beweist schlagend, wie richtig unsre Behauptung in einem früheren
Heft 1*) war, daß die Finanzaristokratie durch die Revolution
nicht nur nicht gestürzt, sondern sogar noch verstärkt worden
ist. Noch augenscheinlicher wird dies Resultat durch folgende
Übersicht über die französische Bankgesetzgebung der letzten
Jahre. Am 10. Juni 1847 wurde die Bank bevollmächtigt, Noten von
200 Francs auszugeben; die niedrigste Note war bisher 500 Francs.
Ein Dekret vom 15. März 1848 erklärte die Noten der Bank von
Frankreich für gesetzliche Münze und enthob die Bank der Ver-
pflichtung, sie gegen bar einzulösen. Ihre Notenausgabe wurde be-
schränkt auf 350 Millionen Francs. Sie wurde gleichzeitig bevoll-
mächtigt, Noten von 100 Francs auszugeben. Ein Dekret vom 27.
April verfügte die Verschmelzung der Departementalbanken mit der
Bank von Frankreich; ein andres Dekret vom 2. Mai 1848 erhöhte
ihre Notenausgabe auf 452 Millionen Francs. Ein Dekret vom 22.
Dezember 1849 steigerte das Maximum der Notenausgabe auf 525 Mil-
lionen Francs. Endlich führte das Gesetz vom 6. August 1850 die
Austauschbarkeit der Noten gegen Geld wieder ein. Diese Tatsa-
chen, die fortwährende Steigerung der Zirkulation, die Konzentra-
tion des ganzen französischen Kredits in den Händen der Bank und
die Anhäufung alles französischen Goldes und Silbers in den Bank-
gewölben,
#97# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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führten Herrn Proudhon zu dem Schluß, daß die Bank jetzt ihre
alte Schlangenhaut abstreifen und sich in eine Proudhonsche
Volksbank metamorphosieren müsset [111]. Er brauchte nicht einmal
die Geschichte der englischen Bankrestriktion von 1797-1819 [112]
zu kennen, er brauchte nur seinen Blick über den Kanal zu
richten, um zu sehen, daß dies für ihn in der Geschichte der
bürgerlichen Gesellschaft unerhörte Faktum weiter nichts war, als
ein höchst normales bürgerliches Ereignis, das jetzt nur in
Frankreich zum erstenmal eintrat. Man sieht, daß die angeblich
revolutionären Theoretiker, die nach der provisorischen Regierung
in Paris das große Wort führten, ebenso unwissend waren über die
Natur und die Resultate der ergriffenen Maßregeln wie die Herren
von der provisorischen Regierung selbst.
Trotz der industriellen und kommerziellen Prosperität, deren sich
Frankreich momentan erfreut, laboriert die Masse der Bevölkerung,
die 25 Millionen Bauern, an großer Depression. Die guten Ernten
der letzten Jahre haben die Getreidepreise in Frankreich noch
viel tiefer gedrückt als in England, und die Stellung verschulde-
ter, vom Wucher ausgesogener und von Steuern gedrückter Bauern
kann dabei nichts weniger als glänzend sein. Die Geschichte der
letzten drei Jahre hat indes zur Genüge bewiesen, daß diese
Klasse der Bevölkerung durchaus keiner revolutionären Initiative
fähig ist.
Wie die Periode der Krise später eintritt auf dem Kontinent als
in England, so die der Prosperität. In England findet stets der
ursprüngliche Prozeß statt; es ist der Demiurg des bürgerlichen
Kosmos. Auf dem Kontinent treten die verschiedenen Phasen des Zy-
klus, den die bürgerliche Gesellschaft immer von neuem durch-
läuft, in sekundärer und tertiärer Form ein. Erstens führte der
Kontinent nach England unverhältnismäßig mehr aus als nach
irgendeinem anderen Land. Diese Ausfuhr nach England hängt aber
wieder ab von dem Stand Englands, besonders zum überseeischen
Markt. Dann führt England nach den überseeischen Ländern unver-
hältnismäßig mehr aus als der gesamte Kontinent, so daß die Quan-
tität des kontinentalen Exports nach diesen Ländern immer abhän-
gig ist von der jedesmaligen überseeischen Ausfuhr Englands. Wenn
daher die Krisen zuerst auf dem Kontinent Revolutionen erzeugen,
so ist doch der Grund derselben stets in England gelegt. In den
Extremitäten des bürgerlichen Körpers muß es natürlich eher zu
gewaltsamen Ausbrüchen kommen als in seinem Herzen, da hier die
Möglichkeit der Ausgleichung größer ist als dort. Andererseits
ist der Grad, worin die kontinentalen Revolutionen auf England
zurückwirken, zugleich der Thermometer, an dem es sich zeigt, in-
wieweit diese Revolutionen wirklich die bürgerlichen Lebensver-
hältnisse in Frage stellen, oder wieweit sie nur ihre politischen
Formationen treffen.
#98# Karl Marx
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Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die Produktivkräfte der
bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies in-
nerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich ist, kann
von einer wirklichen Revolution keine Rede sein. Eine solche Re-
volution ist nur in den Perioden möglich, wo diese b e i d e n
F a k t o r e n, die m o d e r n e n Produktiv k r ä f t e
und die b ü r g e r l i c h e n P r o d u k t i o n s f o r-
m e n, miteinander i n W i d e r s p r u c h geraten. Die
verschiedenen Zänkereien, in denen sich jetzt die Repräsentanten
der einzelnen Fraktionen der kontinentalen Ordnungspartei ergehen
und gegenseitig kompromittieren, weit entfernt zu neuen Revolu-
tionen Anlaß zu geben, sind im Gegenteil nur möglich, weil die
Grundlage der Verhältnisse momentan so sicher und, was die
Reaktion nicht weiß, so b ü r g e r l i c h ist. An ihr werden
alle die bürgerliche Entwicklung aufhaltenden Reaktionsversuche
ebensosehr abprallen wie alle sittliche Entrüstung und alle
begeisterten Proklamationen der Demokraten. E i n e n e u e
R e v o l u t i o n i s t n u r m ö g l i c h i m G e f o l-
g e e i n e r n e u e n K r i s i s. S i e i s t a b e r
a u c h e b e n s o s i c h e r w i e d i e s e.
Gehen wir nun nach F r a n k r e i c h über.
Der Sieg, den das Volk in Verbindung mit den Kleinbürgern in den
Wahlen vom 10. März errungen hatte, wurde von ihm selbst annul-
liert, indem es die neue Wahl vom 28. April provozierte. Vidal
war, außer in Paris, auch im Niederrhein gewählt. Das Pariser Ko-
mitee, in dem die Montagne und die Kleinbürgerschaft stark ver-
treten waren, veranlaßte ihn, für den Niederrhein zu akzeptieren.
Der Sieg vom 10.März hörte auf ein entscheidender zu sein; der
Termin der Entscheidung wurde abermals hinausgeschoben, die
Spannkraft des Volks wurde erschlafft, es wurde an legale Tri-
umphe gewöhnt statt der revolutionären. Der revolutionäre Sinn
des 10. März, die Rehabilitierung der Juniinsurrektion, wurde
endlich vollständig vernichtet durch die Kandidatur Eugène Sues,
des sentimental-kleinbürgerlichen Sozialphantasten, die das Pro-
letariat höchstens als einen Witz, den Grisetten zu Gefallen ak-
zeptieren konnte. Dieser wohlmeinenden Kandidatur gegenüber
stellte die Ordnungspartei, kühner geworden durch die schwankende
Politik der Gegner, einen Kandidaten auf, der den Juni s i e g
repräsentieren sollte. Dieser komische Kandidat war der spartani-
sche Familienvater Leclerc, dem indes die heroische Rüstung durch
die Presse Stück für Stück vom Leibe gerissen wurde [113] und der
bei der Wahl auch eine glänzende Niederlage erlebte. Der neue
Wahlsieg am 28. April machte die Montagne und die Kleinbürger-
schaft übermütig. Sie frohlockte schon in dem Gedanken, auf rein
legalem Wege und ohne durch eine neue Revolution das Proletariat
wieder in den Vordergrund zu schieben, am Ziel ihrer Wünsche an-
kommen zu können; sie rechnete fest darauf, bei den neuen Wahlen
von 1852 durch das allgemeine Stimmrecht Herrn Ledru-Rollin
#99# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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in den Präsidentenstuhl und eine Majorität von Montagnards in die
Versammlung zu bringen. Die Ordnungspartei, durch die Erneuerung
der Wahl, durch die Kandidatur Sues und durch die Stimmung der
Montagne und Kleinbürgerschaft vollkommen sichergestellt, daß
diese unter allen Umständen entschlossen seien, ruhig zu bleiben,
antwortete auf die beiden Wahlsiege mit dem Wahlgesetz, das das
allgemeine Stimmrecht abschaffte. [114]
Die Regierung hütete sich wohl, diesen Gesetzvorschlag auf ihre
eigene Verantwortlichkeit hin zu machen. Sie machte der Majorität
eine scheinbare Konzession, indem sie den Großwürdenträgern die-
ser Majorität, den siebzehn Burggrafen [115], seine Ausarbeitung
übertrug. Nicht die Regierung schlug also der Versammlung, die
Majorität der Versammlung schlug sich selbst die Aufhebung des
allgemeinen Stimmrechts vor.
Am 8. Mai wurde das Projekt in die Kammer gebracht. Die ganze
sozialdemokratische Presse erhob sich wie ein Mann, um dem Volk
würdevolle Haltung, calme majestueux 1*), Passivität und
Vertrauen auf seine Vertreter zu predigen. Jeder Artikel dieser
Journale war ein Geständnis, daß eine Revolution vor allem die
sogenannte revolutionäre Presse vernichten müsse und daß es sich
also jetzt um ihre Selbsterhaltung handle. Die angeblich revo-
lutionäre Presse verriet ihr ganzes Geheimnis. Sie unterzeichnete
ihr eigenes Todesurteil.
Am 21. Mai brachte die Montagne die vorläufige Frage zur Debatte
und trug auf Verwerfung des ganzen Projekts an, weil es die Ver-
fassung verletze. Die Ordnungspartei antwortete, man werde die
Verfassung verletzen, wenn es nötig sei, man brauche es jetzt in-
des nicht, weil die Verfassung jeder Deutung fähig sei und weil
die Majorität über die richtige Deutung allein kompetent ent-
scheide. Den zügellos wilden Angriffen von Thiers und Montalem-
bert setzte die Montagne einen anständigen und gebildeten Huma-
nismus entgegen. Sie berief sich auf den Rechtsboden; die Ord-
nungspartei verwies sie auf den Boden, worauf das Recht wächst,
auf das bürgerliche Eigentum. Die Montagne wimmerte: Ob man denn
wirklich mit aller Gewalt Revolutionen heraufbeschwören wolle?
Die Ordnungspartei erwiderte: Man werde sie abwarten.
Am 22. Mai wurde die vorläufige Frage erledigt mit 462 gegen 227
Stimmen. Dieselben Männer, die mit so feierlicher Gründlichkeit
bewiesen hatten, daß die Nationalversammlung und jeder einzelne
Deputierte abdanke, wenn er das Volk, seinen Vollmachtgeber, ab-
danke, harrten auf ihren Sitzen aus, suchten nun plötzlich statt
ihrer das Land, und zwar durch Petitionen, handeln
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1*) majestätische Ruhe
#100# Karl Marx
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zu lassen und saßen noch ungerührt da, als am 31. Mai das Gesetz
glänzend durchging. Sie suchten sich zu rächen durch einen Pro-
test, worin sie ihre Unschuld an der Notzucht der Konstitution zu
Protokoll gaben, einen Protest, den sie nicht einmal offen nie-
derlegten, sondern dem Präsidenten hinterrücks in die Tasche
schmuggelten.
Eine Armee von 150 000 Mann in Paris, die lange Verschleppung der
Entscheidung, die Abwiegelung der Presse, die Kleinmütigkeit der
Montagne und der neugewählten Repräsentanten, die majestätische
Ruhe der Kleinbürger, vor allem aber die kommerzielle und indu-
strielle Prosperität verhinderten jeden Revolutionsversuch von
Seiten des Proletariats.
Das allgemeine Wahlrecht hatte seine Mission erfüllt. Die Majori-
tät des Volkes hatte die Entwicklungsschule durchgemacht, zu der
es allein in einer revolutionären Epoche dienen kann. Es mußte
beseitigt werden durch eine Revolution oder durch die Reaktion.
Einen noch größeren Aufwand von Energie entwickelte die Montagne
bei einer bald darauf vorkommenden Gelegenheit. Der Kriegsmini-
ster d'Haut-poul hatte von der Tribüne herab die Februarrevolu-
tion eine unheilvolle Katastrophe genannt. Die Redner der Monta-
gne, die, wie immer, sich durch sittlich entrüstetes Gepolter
auszeichneten, wurden vom Präsidenten Dupin nicht zum Wort zuge-
lassen. Girardin schlug der Montagne vor, sofort in Masse auszu-
treten. Resultat: Die Montagne blieb sitzen, aber Girardin wurde
als unwürdig aus ihrem Schoß hinausgeworfen.
Das Wahlgesetz bedurfte noch einer Vervollständigung, eines neuen
P r e ß g e s e t z e s. Dies ließ nicht lange auf sich warten.
Ein Vorschlag der Regierung, vielfach verschärft durch Amende-
ments der Ordnungspartei, erhöhte die Kautionen, setzte einen Ex-
trastempel auf die Feuilletonromane (Antwort auf die Wahl von Eu-
gène Sue), besteuerte alle in wöchentlichen oder monatlichen Lie-
ferungen erscheinenden Schriften bis zu einer gewissen Bogenzahl
und verfügte schließlich, daß jeder Artikel eines Journals mit
der Unterschrift des Verfassers versehen sein müsse. Die Bestim-
mungen über die Kaution töteten die sogenannte revolutionäre
Presse; das Volk betrachtete ihren Untergang als eine Genugtuung
für die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts. Indes erstreckte
sich weder die Tendenz noch die Wirkung des neuen Gesetzes allein
auf diesen Teil der Presse. Solange die Zeitungspresse anonym
war, erschien sie als Organ der zahl- und namenlosen öffentlichen
Meinung; sie war die dritte Macht im Staate. Durch die Unter-
zeichnung jedes Artikels wurde eine Zeitung zu einer bloßen Samm-
lung von schriftstellerischen Beiträgen mehr oder minder bekann-
ter Individuen. Jeder Artikel sank zu einer Annonce herab. Bisher
hatten die Zeitungen als das Papiergeld der öffentlichen Meinung
#101# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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zirkuliert; jetzt lösten sie sich auf in mehr oder minder
schlechte Solawechsel, deren Güte und Zirkulation von dem Kredit
nicht nur des Ausstellers, sondern auch des Indossenten abhing.
Die Presse der Ordnungspartei hatte, wie zur Aufhebung des allge-
meinen Wahlrechts, so auch zu den äußersten Maßregeln gegen die
schlechte Presse provoziert. Indes war die gute Presse selbst in
ihrer unheimlichen Anonymität der Ordnungspartei und noch mehr
ihren einzelnen provinzialen Repräsentanten unbequem. Sie ver-
langte sich gegenüber nur noch den bezahlten Schriftsteller mit
Namen, Wohnort und Signalement. Vergebens jammerte die gute
Presse über den Undank, mit dem man ihre Dienste belohne. Das Ge-
setz ging durch, die Bestimmung der Namennennung traf sie vor al-
lem. Die Namen der republikanischen Tagesschriftsteller waren
ziemlich bekannt; aber die respektablen Firmen des "Journal des
Débats", der "Assemblée nationale", des "Constitutionnel" usw.
usw. machten eine jämmerliche Figur mit ihrer hochbeteuernden
Staatsweisheit, als sich die mysteriöse Kompanie auf einmal zer-
setzte in käufliche penny-a-liners 1*) von langer Praxis, die für
bares Geld alle möglichen Sachen verteidigt hatten, wie Granier
de Cassagnac, oder in alte Waschlappen, die sich selbst Staats-
männer nannten, wie Capefìgue, oder in kokettierende Nußknacker,
wie Herr Lemoinne vom "Débats".
In der Debatte über das Preßgesetz war die Montagne bereits auf
einen solchen Grad moralischer Verkommenheit herabgesunken, daß
sie sich darauf beschränken mußte, den glänzenden Tiraden einer
alten louis-philippistischen Notabilität, des Herrn Victor Hugo,
Beifall zuzuklatschen.
Mit dem Wahlgesetz und dem Preßgesetz tritt die revolutionäre und
demokratische Partei von der offiziellen Schaubühne ab. Vor ihrem
Aufbruch nach Hause, kurz nach Schluß der Session, erließen die
beiden Fraktionen der Montagne, die sozialistischen Demokraten
und die demokratischen Sozialisten, zwei Manifeste [116], zwei
testimonia paupertatis 2*), worin sie bewiesen, daß, wenn nie die
Gewalt und der Erfolg auf ihrer Seite, sie sich doch stets auf
der Seite des ewigen Rechts und aller übrigen ewigen Wahrheiten
befunden hätten.
Betrachten wir nun die Partei der Ordnung. Die "N. Rh. Z." sagte
Heft 3, pag. 16: "Den Restaurationsgelüsten der vereinigten Or-
leanisten und Legitimisten gegenüber vertritt Bonaparte den Titel
seiner tatsächlichen Macht, die Republik. Den Restaurations-
gelüsten Bonapartes gegenüber vertritt die Partei der Ordnung den
Titel ihrer gemeinsamen Herrschaft: die Republik. Den Orleanisten
gegenüber vertreten die Legitimisten, den Legitimisten gegenüber
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1*) Zeilenschinder - 2*) Armutszeugnisse
#102# Karl Marx
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vertreten die Orleanisten den Status quo: die Republik. Alle
diese Fraktionen der Ordnungspartei, deren jede ihren eigenen Kö-
nig und ihre eigene Restauration in petto hat, machen wechselsei-
tig den Usurpations- und Erhebungsgelüsten ihrer Rivalen gegen-
über die gemeinsame Herrschaft der Bourgeoisie, die Form geltend,
worin die besonderen Ansprüche neutralisiert und vorbehalten
bleiben: die Republik ... Und Thiers sprach wahrer, als er ahnte,
wenn er sagte: 'Wir, die Royalisten, sind die wahren Stützen der
konstitutionellen Republik.' 1*)
Diese Komödie der républicains malgré eux 2*), der Widerwille ge-
gen den Status quo und die beständige Befestigung desselben; die
unaufhörlichen Reibungen Bonapartes und der Nationalversammlung;
die stets erneuerte Drohung der Ordnungspartei, sich in ihre ein-
zelnen Bestandteile zu sondern, und das stets wiederholte Zusam-
menschließen ihrer Fraktionen; der Versuch jeder Fraktion, jeden
Sieg gegen den gemeinsamen Feind in eine Niederlage der zeitwei-
ligen Alliierten zu verwandeln; die wechselseitige Eifersüchte-
lei, Ranküne, Abhetzung, das unermüdliche Ziehen der Schwerter,
das immer wieder mit einem baiser-Lamourettea [117] endigt -
diese ganze unerquickliche Komödie der Irrungen entwickelte sich
nie klassischer als während der letzten sechs Monate.
Die Partei der Ordnung betrachtete das Wahlgesetz zugleich als
einen Sieg gegen Bonaparte. Hatte die Regierung nicht abgedankt,
indem sie der Siebzehnerkommission [115] die Redaktion und die
Verantwortlichkeit ihres eignen Vorschlags überließ? Und beruhte
nicht die Hauptstärke Bonapartes gegenüber der Versammlung dar-
auf, daß er der Erwählte der sechs Millionen war? 3*) - Bonaparte
seinerseits behandelte das Wahlgesetz als eine Konzession an die
Versammlung, womit er die Harmonie der legislativen mit der exe-
kutiven Gewalt erkauft habe. Zum Lohn verlangte der gemeine Aven-
turier eine Vermehrung seiner Zivilliste um drei Millionen.
Durfte die Nationalversammlung in einen Konflikt mit der Exekuti-
ven treten in einem Augenblick, wo sie die große Majorität der
Franzosen in den Bann erklärt hatte? Sie fuhr ärgerlich auf, sie
schien es auf das Äußerste treiben zu wollen, ihre Kommission
verwarf den Antrag, die bonapartistische Presse drohte und ver-
wies auf das enterbte, seines Stimmrechts beraubte Volk, eine
Menge geräuschvoller Transaktionsversuche fanden statt, und die
Versammlung gab schließlich nach in der Sache, rächte sich aber
zugleich im Prinzip. Statt der jährlichen prinzipiellen Ver-
mehrung der Zivilliste um drei Millionen bewilligte sie ihm eine
Aushülfe von 2 160 000 frs. Nicht zufrieden damit, machte sie
selbst erst diese Konzession,
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1*) Siehe vorl. Band, S. 76/77 - 2*) Republikaner wider Willen -
3*) siehe vorl. Band, S. 44/45
#103# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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nachdem Changarnier sie unterstützt hatte, der General der Ord-
nungspartei und der aufgedrungene Protektor Bonapartes. Sie be-
willigte also die 2 Millionen eigentlich nicht dem Bonaparte,
sondern dem Changarnier.
Dies de mauvaise grâce 1*) hingeworfene Geschenk wurde von Bona-
parte ganz im Sinne des Gebers aufgenommen. Die bonapartistische
Presse polterte von neuem gegen die Nationalversammlung. Als nun
erst bei der Debatte des Preßgesetzes das Amendement wegen der
Namennennung gemacht wurde, das sich wieder speziell gegen die
untergeordneten Blätter, die Vertreter der Privatinteressen Bona-
partes richtete, brachte das bonapartistische Hauptblatt, das
"Pouvoir", einen offenen und heftigen Angriff gegen die National-
versammlung [118]. Die Minister mußten das Blatt vor der Versamm-
lung verleugnen ; der Gerant 2*) des "Pouvoir" wurde vor die
Schranken der Nationalversammlung zitiert und zur höchsten Geld-
strafe, zu 5000 frs verurteilt. Den anderen Tag brachte das
"Pouvoir" einen noch viel frecheren Artikel gegen die Versammlung
[119], und als Revanche der Regierung verfolgte das Parkett 3*)
sogleich mehrere legitimistische Journale wegen Verletzung der
Konstitution.
Endlich kam man an die Frage von der Vertagung der Kammer. Bona-
parte wünschte sie, um ungehindert von der Versammlung operieren
zu können. Die Ordnungspartei wünschte sie, teils zur Durchfüh-
rung ihrer Fraktionsintrigen, teils zur Verfolgung der Privatin-
teressen der einzelnen Deputierten. Beide bedurften ihrer, um in
den Provinzen die Siege der Reaktion zu befestigen und weiterzu-
treiben. Die Versammlung vertagte sich daher vom 11. August bis
zum 11. November. Da aber Bonaparte keineswegs verhehlte, daß es
ihm nur darum zu tun sei, die lästige Aufsicht der Nationalver-
sammlung loszuwerden, drückte die Versammlung dem Vertrauensvotum
selbst den Stempel des Mißtrauens gegen den Präsidenten auf. Von
der permanenten Kommission von 28 Mitgliedern, die als Tugend-
wächter der Republik während der Ferien ausharrten, wurden alle
Bonapartisten ferngehalten. [85] Statt ihrer wurden sogar einige
Republikaner vom "Siècle" und "National" hineingewählt, um dem
Präsidenten die Anhänglichkeit der Majorität an die konsti-
tutionelle Republik darzutun.
Kurz vor und besonders unmittelbar nach der Vertagung der Kammer
schienen die beiden großen Fraktionen der Ordnungspartei, die Or-
leanisten und die Legitimisten, sich versöhnen zu wollen, und
zwar durch eine Verschmelzung der beiden Königshäuser, unter de-
ren Fahnen sie kämpfen. Die Blätter waren voll von Versöhnungs-
vorschlägen, die am Krankenbett Louis-Philippes zu St. Leonards
diskutiert worden seien, als der Tod Louis-Philippes
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1*) widerstrebend - 2*) de Lamartinière - 3*) Die Staatsanwalt-
schaft
#104# Karl Marx
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plötzlich die Situation vereinfachte. Louis-Philippe war der
Usurpator, Heinrich V. der Beraubte, der Graf von Paris 1*) dage-
gen, bei der Kinderlosigkeit Heinrichs V., sein rechtmäßiger
Thronerbe. Jetzt war der Verschmelzung der beiden dynastischen
Interessen jeder Vorwand genommen. Gerade jetzt aber entdeckten
die beiden Fraktionen der Bourgeoisie erst, daß nicht die Schwär-
merei für ein bestimmtes Königshaus sie trennte, sondern daß
vielmehr ihre getrennten Klasseninteressen die beiden Dynastien
auseinanderhielten. Die Legitimisten, die ins Hoflager Heinrichs
V. nach Wiesbaden gepilgert waren, gerade wie ihre Konkurrenten
nach St. Leonards [89], erhielten hier die Nachricht vom Tode
Louis-Philippes. Sogleich bildeten sie ein Ministerium in parti-
bus infidelium, das meist aus Mitgliedern jener Kommission von
Tugendwächtern der Republik bestand und das bei Gelegenheit eines
im Schoß der Partei vorkommenden Haders mit der unumwundensten
Proklamation des Rechts von Gottes Gnaden hervortrat. Die Orlea-
nisten jubelten über den kompromittierenden Skandal, den dies Ma-
nifest [120] in der Presse hervorrief, und verhehlten keinen Au-
genblick ihre offene Feindschaft gegen die Legitimisten.
Während der Vertagung der Nationalversammlung traten die Departe-
mentalvertretungen zusammen. Ihre Majorität sprach sich für eine
mehr oder weniger verklausulierte Revision der Verfassung aus,
d.h., sie sprach sich aus für eine nicht näher bestimmte monar-
chische Restauration, für eine "Lösung", und gestand zugleich,
daß sie zu inkompetent und zu feig sei, diese Lösung zu finden.
Die bonapartistische Fraktion legte diesen Wunsch der Revision
sogleich im Sinne der Verlängerung der Präsidentschaft Bonapartes
aus.
Die verfassungsmäßige Lösung, die Abdankung Bonapartes im Mai
1852, die gleichzeitige Wahl eines neuen Präsidenten durch sämt-
liche Wähler des Landes, die Revision der Verfassung durch eine
Revisionskammer in den ersten Monaten der neuen Präsidentschaft
ist für die herrschende Klasse durchaus unzulässig. Der Tag der
neuen Präsidentenwahl wäre der Tag des Rendezvous für sämtliche
feindliche Parteien, der Legitimisten, der Orleanisten, der Bour-
geoisrepublikaner, der Revolutionäre. Es müßte zu einer ge-
waltsamen Entscheidung zwischen den verschiedenen Fraktionen kom-
men. Gelänge es selbst der Ordnungspartei, über die Kandidatur
eines neutralen Mannes außerhalb der dynastischen Familien sich
zu vereinigen, so träte ihm wieder Bonaparte gegenüber. Die Ord-
nungspartei ist in ihrem Kampf mit dem Volk genötigt, beständig
die Gewalt der Exekutive zu vermehren. Jede Vermehrung der Gewalt
der Exekutive vermehrt die Gewalt ihres Trägers
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1*) Louis-Philippe-Albert d'Orléans
#105# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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Bonaparte. In demselben Maße daher, wie die Ordnungspartei ihre
gemeinsame Macht verstärkt, verstärkt sie die Kampfmittel der dy-
nastischen Prätensionen Bonapartes, verstärkt sie seine Chance,
am Tage der Entscheidung gewaltsam die konstitutionelle Lösung zu
vereiteln. Er wird sich dann ebensowenig der Ordnungspartei ge-
genüber an dem einen Grundpfeiler der Verfassung stoßen, als sie
dem Volk gegenüber beim Wahlgesetz [114] an dem anderen. Er würde
scheinbar sogar der Versammlung gegenüber an das allgemeine Wahl-
recht appellieren. Mit einem Wort, die konstitutionelle Lösung
stellt den ganzen politischen Status quo in Frage, und hinter der
Gefährdung des Status quo sieht der Bürger das Chaos, die Anar-
chie, den Bürgerkrieg. Er sieht seine Einkäufe und Verkäufe,
seine Wechsel, seine Heiraten, seine notariellen Verträge, seine
Hypotheken, seine Grundrenten, Mietzinse, Profite, seine sämtli-
chen Kontrakte und Erwerbsquellen auf den ersten Sonntag im Mai
1852 in Frage gestellt, und diesem Risiko kann er sich nicht aus-
setzen. Hinter der Gefährdung des politischen Status quo verbirgt
sich die Gefahr des Zusammenbrechens der ganzen bürgerlichen Ge-
sellschaft. Die einzig mögliche Lösung im Sinne der Bourgeoisie
ist die Aufschiebung der Lösung. Sie kann die konstitutionelle
Republik nur retten durch eine Verletzung der Konstitution, durch
die Verlängerung der Gewalt des Präsidenten. Dies ist auch das
letzte Wort der Ordnungspresse nach den langwierigen und tiefsin-
nigen Debatten über die "Lösungen", denen sie sich nach der Ses-
sion der Generalräte hingab. Die großmächtige Ordnungspartei
sieht sich so zu ihrer Beschämung genötigt, die lächerliche, or-
dinäre und ihr verhaßte Person des Pseudo-Bonaparte ernsthaft zu
nehmen.
Diese schmutzige Figur täuschte sich ebenfalls über die Ursachen,
die sie mehr und mehr mit dem Charakter des notwendigen Mannes
bekleideten. Während seine Partei Einsicht genug hatte, die wach-
sende Bedeutung Bonapartes den Verhältnissen zuzuschreiben,
glaubte er, sie allein der Zauberkraft seines Namens und seiner
ununterbrochenen Karikierung Napoleons zu verdanken. Er wurde
täglich unternehmender. Den Wallfahrten nach St. Leonards und
Wiesbaden setzte er seine Rundreisen durch Frankreich entgegen.
Die Bonapartisten hatten so wenig Vertrauen auf den magischen Ef-
fekt seiner Persönlichkeit, daß sie ihm überall Leute der Gesell-
schaft vom 10. Dezember [121], dieser Organisation des Pariser
Lumpenproletariats, massenweise in Eisenbahnzüge und Postchaisen
verpackt, als Claqueurs mitschickten. Sie legten ihrer Marionette
Reden in den Mund, die je nach dem Empfang in den verschiednen
Städten die republikanische Resignation oder die ausdauernde Zä-
higkeit als den Wahlspruch der präsidentiellen Politik prokla-
mierten. Trotz aller Manöver waren diese Reisen nichts weniger
als Triumphzüge.
#106# Karl Marx
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Nachdem Bonaparte so das Volk begeistert zu haben glaubte, setzte
er sich in Bewegung, die Armee zu gewinnen. Er ließ auf der Ebene
von Satory bei Versailles große Revuen abhalten, bei denen er die
Soldaten durch Knoblauchwürste, Champagner und Zigarren zu kaufen
suchte. Wenn der echte Napoleon in den Strapazen seiner Erobe-
rungszüge seine ermatteten Soldaten durch momentane patriarchali-
sche Vertraulichkeit aufzumuntern wußte, so glaubte der Pseudo-
Napoleon, die Truppen riefen zum Dank: Vive Napoléon, vive le
saucisson! 1*) d.h.: Es lebe die Wurst, es lebe der Hanswurst!
Diese Revuen brachten den lange verhaltenen Zwiespalt zwischen
Bonaparte und seinem Kriegsminister d'Hautpoul einerseits und
Changarnier andererseits zum Ausbruch. In Changarnier hatte die
Ordnungspartei ihren wirklichen neutralen Mann gefunden, bei dem
von eigenen dynastischen Ansprüchen keine Rede sein konnte. Ihn
hatte sie zum Nachfolger Bonapartes bestimmt. Changarnier war
dazu durch sein Auftreten am 29. Januar und 13. Juni 1849 der
große Feldherr der Ordnungspartei geworden, der moderne Alexan-
der, dessen brutales Dazwischenfahren in den Augen des zaghaften
Bürgers den gordischen Knoten der Revolution zerhauen hatte. Im
Grunde ebenso lächerlich wie Bonaparte, war er so auf höchst
wohlfeile Weise zu einer Macht geworden und wurde von der Natio-
nalversammlung dem Präsidenten zur Überwachung gegenübergestellt.
Er selbst kokettierte, z.B. bei der Dotationsfrage, mit der Pro-
tektion, die er Bonaparte schenkte, und trat immer übermächtiger
gegen ihn und die Minister auf. Als bei Gelegenheit des Wahl-
gesetzes eine Insurrektion erwartet wurde, verbot er seinen Offi-
zieren, vom Kriegsminister oder vom Präsidenten irgendwelche Be-
fehle anzunehmen. Die Presse trug noch dazu bei, die Gestalt
Changarniers zu vergrößern. Bei dem gänzlichen Mangel an großen
Persönlichkeiten sah sich natürlich die Ordnungspartei gedrungen,
die ihrer ganzen Klasse fehlende Kraft einem einzelnen Individuum
anzudichten und dies so zum Ungeheuren aufzuschwellen. So ent-
stand der Mythus von Changarnier, dem "Bollwerk der Gesell-
schaft". Die anmaßende Scharlatanerie, die geheimnisvolle Wich-
tigtuerei, womit Changarnier sich dazu herabließ, die Welt auf
seinen Schultern zu tragen, bildet den lächerlichsten Kontrast
mit den Ereignissen während und nach der Revue von Satory, die
unwiderleglich bewiesen, daß es nur eines Federstrichs Bonapar-
tes, des unendlich Kleinen, bedürfe, um diese phantastische Aus-
geburt der bürgerlichen Angst, um den Koloß Changarnier auf die
Dimensionen der Mittelmäßigkeit zurückzuführen und ihn, den ge-
sellschaftsrettenden Heros, in einen pensionierten General zu
verwandeln.
Bonaparte hatte sich schon seit längerer Zeit an Changarnier
gerächt, in-
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1*) Es lebe Napoleon, es lebe die Wurst!
#107# Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850
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dem er den Kriegsminister zu Disziplinarstreitigkeiten mit dem
unbequemen Protektor provozierte. Die letzte Revue bei Satory
brachte endlich den alten Groll zum Eklat. Die konstitutionelle
Entrüstung Changarniers kannte keine Grenze mehr, als er die Ka-
vallerieregimenter mit dem verfassungswidrigen Ruf: Vive
l'Empereur! 1*) vorbeidefilieren sah. Bonaparte, um allen unange-
nehmen Debatten über diesen Ruf in der bevorstehenden Kammerses-
sion zuvorzukommen, entfernte den Kriegsminister d'Hautpoul, in-
dem er ihn zum Gouverneur von Algier ernannte. An seine Stelle
setzte er einen zuverlässigen alten General aus der Kaiserzeit,
der an Brutalität Changarnier vollständig gewachsen war. Damit
aber die Entlassung d'Hautpouls nicht als eine Konzession an
Changarnier erscheine, versetzte er zu gleicher Zeit den rechten
Arm des großen Gesellschaftsretters, den General Neumayer, von
Paris nach Nantes. Neumayer war es gewesen, der bei der letzten
Revue die gesamte Infanterie bewogen hatte, mit eisigem Still-
schweigen an dem Nachfolger Napoleons vorbeizudefilieren. Chan-
garnier, in Neumayer selbst getroffen, protestierte und drohte.
Umsonst. Nach zweitägigen Verhandlungen erschien das Versetzungs-
dekret Neumayers im "Moniteur" [122], und dem Heros der Ordnung
blieb nichts übrig, als sich der Disziplin zu fügen oder abzudan-
ken.
Der Kampf Bonapartes mit Changarnier ist die Fortsetzung seines
Kampfes mit der Partei der Ordnung. Die Wiedereröffnung der
Nationalversammlung am 11. November findet daher unter drohenden
Auspizien statt. Es wird der Sturm im Glase Wasser sein. Im we-
sentlichen muß das alte Spiel fortgehen. Die Majorität der Ord-
nungspartei wird indes trotz des Geschreies der Prinzipienritter
ihrer verschiedenen Fraktionen gezwungen sein, die Gewalt des
Präsidenten zu verlängern. Ebensosehr wird Bonaparte, trotz aller
vorläufigen Protestationen, schon durch den Geldmangel geknickt,
diese Verlängerung der Gewalt als einfache Delegation aus den
Händen der Nationalversammlung hinnehmen. So wird die Lösung
hinausgeschoben, der Status quo forterhalten, eine Fraktion der
Ordnungspartei von der anderen kompromittiert, geschwächt, unmög-
lich gemacht, die Repression gegen den gemeinsamen Feind, die
Masse der Nation, ausgedehnt und erschöpft, bis die ökonomischen
Verhältnisse selbst wieder den Entwicklungspunkt erreicht haben,
wo eine neue Explosion diese sämtlichen hadernden Parteien mit
ihrer konstitutionellen Republik in die Luft sprengt.
Zur Beruhigung des Bürgers muß übrigens gesagt werden, daß der
Skandal zwischen Bonaparte und der Ordnungspartei das Resultat
hat, eine Menge kleiner Kapitalisten auf der Börse zu ruinieren
und ihr Vermögen in die Taschen der großen Börsenwölfe zu spie-
len.
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1*) Es lebe der Kaiser!
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