Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
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KARL MARX
und
FRIEDRICH ENGELS
August 1851 - März 1853
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FRIEDRICH ENGELS
Revolution und Konterrevolution in Deutschland [1]
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Geschrieben August 1851 bis September 1852.
Aus: "New-York Daily Tribune".
In der Zeitung erschienen die Artikel wie folgt:
I - 25. Oktober 1851 XI - 19. März 1852
II - 28. Oktober 1851 XII - 9. April 1852
III - 6. November 1851 XIII - 17. April 1852
IV - 7. November 1851 XIV - 24. April 1852
V - 12. November 1851 XV - 27. Juli 1852
VI - 28. November 1851 XVI - 19. August 1852
VII - 27. Februar 1852 XVII - 18. September 1852
VIII - 5. März 1852 XVIII - 2. Oktober 1852
IX - 15. März 1852 XIX - 23. Oktober 1852
X - 18. März 1852
Aus dem Englischen.
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I
[Deutschland am Vorabend der Revolution]
Der erste Akt des revolutionären Dramas auf dem europäischen Kon-
tinent ist zu Ende. Die "Mächte der Vergangenheit" vor dem Sturm
von 1848 sind wieder die "Mächte der Gegenwart", und die mehr
oder weniger populären Eintagsherrscher, provisorischen Regenten,
Triumvirn, Diktatoren, alle mit ihrem Gefolge von Abgeordneten,
Zivilkommissaren, Militärkommissaren, Präfekten, Richtern, Gene-
ralen, Offizieren und Soldaten, sind an fremde Küsten verschlagen
und "über See verschickt", nach England oder Amerika, um dort
neue Regierungen "in partibus infidelium" [2], europäische Komi-
tees, Zentralkomitees, nationale Komitees zu bilden und ihr Kom-
men in Proklamationen anzukündigen, nicht minder feierlich als
die eines weniger imaginären Potentaten.
Eine schwerere Niederlage als die, welche die Revolutionspartei -
oder besser die Revolutionsparteien - auf dem Kontinent an allen
Punktender Kampflinie erlitten, ist kaum vorstellbar. Doch was
will das besagen? Umfaßte nicht das Ringen des britischen Bürger-
tums um die soziale und politische Vorherrschaft achtundvierzig,
das des französischen Bürgertums vierzig Jahre beispielloser
Kämpfe? Und waren sie ihrem Triumph nicht gerade dann am näch-
sten, als die wiederhergestellte Monarchie sich fester im Sattel
wähnte denn je? Die Zeiten jenes Aberglaubens, der Revolutionen
auf die Bösartigkeit einer Handvoll Agitatoren zurückführt, sind
längst vorüber. Alle Welt weiß heutzutage, daß jeder revolutio-
nären Erschütterung ein gesellschaftliches Bedürfnis zugrunde
liegen muß, dessen Befriedigung durch überlebte Einrichtungen
verhindert wird. Das Bedürfnis mag noch nicht so dringend, so
allgemein empfunden werden, um einen unmittelbaren Erfolg zu si-
chern; aber jeder Versuch einer gewaltsamen Unterdrückung wird es
nur immer stärker hervortreten lassen, bis es seine Fesseln zer-
bricht. Sind wir also einmal geschlagen, so haben wir nichts an-
deres zu tun, als wieder von vorn anzufangen. Und die wahrschein-
lich nur sehr kurze
#6# Friedrich Engels
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Ruhepause, die uns zwischen dem Schluß des ersten und dem Anfang
des zweiten Aktes der Bewegung vergönnt ist, gibt uns zum Glück
die Zeit für ein sehr notwendiges Stück Arbeit: für die Untersu-
chung der Ursachen, die unweigerlich sowohl zu der letzten Erhe-
bung wie zu ihrem Mißlingen führten; Ursachen, die nicht in den
zufälligen Bestrebungen, Talenten, Fehlern, Irrtümern oder Verrä-
tereien einiger Führer zu suchen sind, sondern in dem allgemeinen
gesellschaftlichen Zustand und in den Lebensbedingungen einer je-
den, von Erschütterungen betroffenen Nation. Daß die plötzlichen
Bewegungen des Februar und März 1848 nicht das Werk Einzelner wa-
ren, sondern der spontane, unwiderstehliche Ausdruck nationaler
Bedürfnisse, die mehr oder weniger klar verstanden, aber sehr
deutlich empfunden werden von einer ganzen Anzahl von Klassen in
allen Ländern - das ist eine allgemein anerkannte Tatsache; wenn
man aber nach den Ursachen der Erfolge der Konterrevolution
forscht, so erhält man von allen Seiten die bequeme Antwort,
Herr, X oder Bürger Y habe das Volk "verraten". Diese Antwort mag
zutreffen oder auch nicht, je nach den Umständen, aber unter kei-
nen Umständen erklärt sie auch nur das Geringste, ja sie macht
nicht einmal verständlich, wie es kam, daß das "Volk" sich derart
verraten ließ. Und wie jämmerlich sind die Aussichten einer poli-
tischen Partei, deren ganzes politisches Inventar in der Kenntnis
der einen Tatsache besteht, daß dem Bürger Soundso nicht zu
trauen ist.
Überdies ist es vom historischen Standpunkt aus von größter Be-
deutung, daß sowohl die Ursachen der revolutionären Erschütterung
wie die ihrer Unterdrückung untersucht und dargestellt werden.
All die kleinlichen persönlichen Zänkereien und Beschuldigungen,
all die einander widersprechenden Behauptungen, Marrast oder Le-
dru-Rollin oder Louis Blanc oder ein anderes Mitglied der Provi-
sorischen Regierung oder alle zusammen hätten die Revolution mit-
ten in die Klippen hineingesteuert, an denen sie scheiterte -
welches Interesse können sie bieten, welches Licht auf die Ereig-
nisse werfen für einen Amerikaner oder Engländer, der all diese
verschiedenen Bewegungen aus einer Entfernung beobachtete, die zu
groß ist, um ihn Einzelheiten der Vorgänge unterscheiden zu las-
sen? Kein vernünftiger Mensch wird jemals glauben, daß elf Männer
[3], zumeist von recht mittelmäßiger Begabung im Guten wie im
Bösen, imstande gewesen seien, im Verlauf von drei Monaten eine
Nation von sechsunddreißig Millionen zugrunde zu richten, es sei
denn, diese sechsunddreißig Millionen waren sich über den einzu-
schlagenden Weg genauso im unklaren wie jene elf. Aber wie es
kam, daß diese sechsunddreißig Millionen, obwohl sie zum Teil im
ungewissen umhertappten, auf einmal berufen waren, nach eigenem
Gutdünken zu entscheiden,
#7# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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welcher Weg beschritten werden solle, wie sie sodann in die Irre
gerieten und ihre alten Führer vorübergehend wieder die Führung
erlangen durften - das ist gerade die Frage.
Wenn wir also versuchen, den Lesern der "Tribune" [4] die Ursa-
chen auseinanderzusetzen, die mit Notwendigkeit die Revolution
von 1848 hervorriefen und ebenso unvermeidlich zu ihrer zeitwei-
ligen Unterdrückung in den Jahren 1849 und 1850 führten, so darf
man von uns nicht erwarten, daß wir eine vollständige Geschichte
der Ereignisse geben, wie sie sich in Deutschland abgespielt ha-
ben. Spätere Ereignisse und das Urteil der Nachwelt werden ent-
scheiden, was von dieser verworrenen Masse scheinbar zufälliger,
zusammenhangloser und nicht miteinander vereinbarer Tatsachen be-
stimmt ist, in die Weltgeschichte einzugehen. Die Zeit für eine
solche Aufgabe ist noch nicht gekommen; wir müssen uns in den
Grenzen des Möglichen halten und uns zufriedengeben, wenn es uns
gelingt, vernunftgemäße, auf unleugbaren Fakten beruhende Ursa-
chen zu finden, die die wichtigsten Ereignisse, die entscheiden-
den Wendepunkte jener Bewegung erklären und uns Aufschluß über
die Richtung geben, in die der nächste, vielleicht gar nicht so
ferne Ausbruch das deutsche Volk lenken wird.
Zunächst, welches war der Zustand Deutschlands bei Ausbruch der
Revolution?
Die Zusammensetzung der verschiedenen Klassen des Volkes, die die
Grundlage eines jeden politischen Organismus bilden, war in
Deutschland komplizierter als in irgendeinem anderen Lande. Wäh-
rend in England und Frankreich eine mächtige, reiche, in großen
Städten und namentlich in der Hauptstadt konzentrierte Bour-
geoisie den Feudalismus völlig vernichtet oder wenigstens, wie in
dem erstgenannten Lande, auf einige wenige, bedeutungslose äußere
Formen reduziert hatte, war dem Feudaladel in Deutschland ein
großer Teil seiner alten Privilegien erhalten geblieben. Fast
überall herrschte noch das System des feudalen Grundbesitzes. Die
Grundherren hatten sogar die Gerichtsbarkeit über ihren Gutsbe-
zirk behalten. Obzwar ihrer politischen Vorrechte, des Rechtes,
die Fürsten zu kontrollieren, beraubt, hatten sie doch fast ihre
ganzen mittelalterlichen Hoheitsrechte über die Bauernschaft ih-
rer Ländereien sowie die Steuerfreiheit bewahrt. Der Feudalismus
war in manchen Gegenden mehr in Blüte als in anderen, aber außer
auf dem linken Rheinufer war er nirgends völlig beseitigt. Dieser
seinerzeit außerordentlich zahlreiche und zum Teil sehr reiche
Feudaladel galt offiziell als der erste "Stand" im Lande. Er
stellte die höheren Staatsbeamten, er besetzte fast ausschließ-
lich die Offiziersstellen in der Armee.
Die Bourgeoisie Deutschlands war bei weitem nicht so reich und
konzentriert
#8# Friedrich Engels
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wie die Frankreichs oder Englands. Die alten Manufakturen
Deutschlands waren durch das Aufkommen der Dampfkraft und durch
die sich rasch ausbreitende Vorherrschaft der englischen Indu-
strie zugrunde gerichtet worden; die moderneren Industrien, die,
unter dem napoleonischen Kontinentalsystem [5] ins Leben gerufen,
in anderen Teilen des Landes errichtet worden waren, boten keinen
Ausgleich für den Verlust der alten und reichten nicht aus, um
einen Kreis an der Industrie Interessierter zu bilden, der stark
genug gewesen wäre, Regierungen, die jeder Anhäufung nichtadeli-
gen Reichtums und nichtadeliger Macht argwöhnisch gegenüberstan-
den, zur Rücksicht auf ihre Bedürfnisse zu zwingen. Während
Frankreich seine Seidenindustrie siegreich über fünfzig Revoluti-
ons- und Kriegsjahre hinwegbrachte, büßte Deutschland im gleichen
Zeitraum fast seine ganze alte Leinenindustrie ein. Überdies wa-
ren die deutschen Industriebezirke dünn gesät und weit verstreut;
sie lagen tief im Innern des Landes, benutzten für ihre Ein-und
Ausfuhr vorwiegend ausländische, holländische oder belgische Hä-
fen und hatten daher wenig oder gar keine gemeinsamen Interessen
mit den großen Hafenstädten an der Nord- und Ostsee; vor allem
aber waren sie außerstande, große Industrie- und Handelszentren
zu bilden wie Paris und Lyon, London und Manchester. Die Rück-
ständigkeit der deutschen Industrie hatte mannigfaltige Ursachen,
aber zwei werden schon zu ihrer Erklärung genügen: die ungünstige
geographische Lage des Landes, seine Entfernung vom Atlantischen
Ozean, der zur großen Heerstraße des Welthandels geworden war,
sowie die ständigen Kriege, in die Deutschland verwickelt war und
die vom sechzehnten Jahrhundert an bis auf den heutigen Tag auf
seinem Boden ausgefochten wurden. Diese zahlenmäßige Schwäche und
namentlich ihre geringe Konzentration machten es der deutschen
Bourgeoisie unmöglich, jene politische Machtstellung zu erringen,
deren sich die englische Bourgeoisie seit 1688 erfreut und die
die französische Bourgeoisie 1789 erobert hat. Und doch war in
Deutschland der Reichtum und mit dem Reichtum die politische Be-
deutung der Bourgeoisie seit 1815 in ständigem Wachstum begrif-
fen. Die Regierungen waren gezwungen, wenn auch widerwillig, we-
nigstens ihren unmittelbaren materiellen Interessen Rechnung zu
tragen. Man kann sogar mit Recht sagen, daß von 1815 bis 1830 und
von 1832 bis 1840 jedes Stückchen an politischem Einfluß, das der
Bourgeoisie in den Verfassungen der kleineren Staaten eingeräumt
worden war und ihr in den erwähnten beiden Perioden politischer
Reaktion wieder entrissen wurde - daß jedes derartige Stückchen
durch eine Konzession praktischerer Art aufgewogen wurde. Jede
politische Niederlage der Bourgeoisie zog einen Sieg auf dem Ge-
biete der Handelsgesetzgebung nach sich. Und sicherlich war der
preußische Schutzzolltarif
#9# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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von 1818 und die Gründung des Zollvereins [6] für die deutschen
Kaufleute und Fabrikherren ein gut Teil mehr wert als das zwei-
felhafte Recht, in der Kammer des einen oder anderen Duodezstaats
Ministern, die über solche Abstimmungen nur lachten, ihr Miß-
trauen auszusprechen. So gelangte die Bourgeoisie mit wachsendem
Reichtum und zunehmender Ausdehnung ihres Handels bald zu einem
Stadium, wo sie sich in der Entfaltung ihrer wichtigsten Interes-
sen durch die politische Verfassung des Landes gehemmt sah: durch
dessen kunterbunte Zersplitterung unter sechsunddreißig Fürsten
mit gegensätzlichen Bestrebungen und Launen; durch die feudalen
Fesseln, die die Landwirtschaft und die mit ihr verbundenen Ge-
werbe beengten; durch die aufdringliche Überwachung, der eine un-
wissende, anmaßende Bürokratie alle ihre Geschäfte unterzog.
Gleichzeitig führten die Ausdehnung und Festigung des Zollvereins
1*), die allgemeine Einführung der Dampfkraft in den, Verkehr,
die wachsende Konkurrenz auf dem inneren Markt zur gegenseitigen
Annäherung der kommerziellen Klassen der verschiedenen Staaten
und Provinzen, zur Ausgleichung ihrer Interessen und zur Zentra-
lisation ihrer Kraft. Die natürliche Folge war der Übergang aller
dieser Elemente ins Lager der liberalen Opposition und der sieg-
reiche Ausgang des ersten ernstlichen Kampfes der deutschen Bour-
geoisie um politische Macht. Diesen Umschwung kann man von 1840
datieren, von dem Zeitpunkt, zu dem die preußische Bourgeoisie an
die Spitze der Bewegung der deutschen Bourgeoisie trat. Wir wer-
den auf diese Bewegung der liberalen Opposition von 1840 bis 1847
später noch zurückkommen. 2*)
Die große Masse der Nation, die weder dem Adel noch der Bour-
geoisie angehörte, bestand in den Städten aus der Klasse der
Kleinbürger und der Arbeiterschaft, auf dem Lande aus der Bauern-
schaft.
Die Klasse der Handwerker und Kleinhändler ist in Deutschland
außerordentlich zahlreich, eine Folge des Umstands, daß die
großen Kapitalisten und Industriellen als Klasse in ihrer Ent-
wicklung gehemmt waren. In den größeren Städten bildet sie
beinahe die Mehrheit der Bevölkerung, in den kleineren überwiegt
sie völlig, da es dort an reicheren Mitbewerbern um den maßgeben-
den Einfluß fehlt. Dieses Kleinbürgertum, in jedem modernen Staat
und bei allen modernen Revolutionen von höchster Bedeutung, ist
besonders wichtig in Deutschland, wo es bei den jüngsten Kämpfen
meist die entscheidende Rolle gespielt hat. Seine Zwischenstel-
lung zwischen der Klasse der größeren Kapitalisten, Kaufleute und
Industriellen, der eigentlichen Bourgeoisie, und dem Proletariat
oder der Arbeiterklasse ist für seinen
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1*) In der "N.-Y.D.T." deutsch - 2*) siehe vorl. Band, S. 14-23
#10# Friedrich Engels
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Charakter bestimmend. Es strebt nach der Stellung der Bour-
geoisie, aber das geringste Mißgeschick schleudert die Angehöri-
gen des Kleinbürgertums hinab in die Reihen des Proletariats. In
monarchischen und feudalen Ländern bedarf das Kleinbürgertum, um
existieren zu können, der Kundschaft des Hofes und des Adels; der
Verlust dieser Kundschaft würde es zu einem großen Teil zugrunde
richten. In kleineren Städten bildet häufig eine Garnison, eine
Kreisregierung, ein Gerichtshof und deren ganzer Anhang die
Grundlage seines Wohlstands; entzieht man sie ihm, so ist es um
die Krämer, Schneider, Schuhmacher, Schreiner geschehen. Das
ewige Hin- und Hergerissensein zwischen der Hoffnung, in die Rei-
hen der wohlhabenderen Klasse aufzusteigen, und der Furcht, auf
das Niveau von Proletariern oder gar Paupers hinabgedrückt zu
werden; zwischen der Hoffnung, seine Interessen durch Eroberung
eines Anteils an der Leitung der Staatsgeschäfte zu fördern, und
der Furcht, durch ungelegene Opposition den Zorn eine» Regierung
zu erregen, von der seine Existenz völlig abhängt, da sie die
Macht hat, ihm die besten Kunden zu entziehen; die Geringfügig-
keit seines Besitzes, dessen Unsicherheit im umgekehrten Verhält-
nis steht zur Größe - all dies macht das Kleinbürgertum äußerst
wankelmütig in seinen Anschauungen. Demütig und kriecherisch un-
terwürfig unter einer starken feudalen oder monarchischen Regie-
rung, wendet es sich dem Liberalismus zu, wenn die Bourgeoisie im
Aufstieg ist; sobald die Bourgeoisie ihre eigene Herrschaft gesi-
chert hat, wird es von heftigen demokratischen Anwandlungen be-
fallen, versinkt aber jämmerlich in Furcht und Zagen, sobald die
Klasse unter ihm, das Proletariat, eine selbständige Bewegung
wagt. Wir werden im weiteren sehen, wie das deutsche Kleinbürger-
tum abwechselnd aus dem einen dieser Stadien ins andere übergeht.
Die Arbeiterklasse Deutschlands ist in ihrer gesellschaftlichen
und politischen Entwicklung ebenso weit hinter der Englands und
Frankreichs zurück wie die deutsche Bourgeoisie hinter der Bour-
geoisie jener Länder. Wie der Herr, so der Knecht. Die Entwick-
lung der Existenzbedingungen für ein zahlreiches, starkes, kon-
zentriertes und intelligentes Proletariat geht Hand in Hand mit
der Entwicklung der Existenzbedingungen für eine zahlreiche,
wohlhabende, konzentrierte und mächtige Bourgeoisie. Die Arbei-
terbewegung selbst ist niemals unabhängig, sie trägt niemals aus-
schließlich proletarischen Charakter, solange nicht alle die ver-
schiedenen Teile der Bourgeoisie, namentlich ihr fortschrittlich-
ster Teil, die großen Fabrikherren, die politische Macht erobert
und den Staat ihren Bedürfnissen entsprechend umgestaltet haben.
Dann ist der Augenblick gekommen, wo der unvermeidliche Konflikt
zwischen Fabrikherren und Lohnarbeitern in drohende Nähe
#11# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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rückt und nicht länger hinausgeschoben werden kann, der Augen-
blick, wo sich die Arbeiterklasse nicht länger mit trügerischen
Hoffnungen und niemals erfüllbaren Versprechungen abspeisen läßt,
wo endlich das große Problem des neunzehnten Jahrhunderts, die
Aufhebung des Proletariats, mit voller Klarheit und in seinem
wahren Lichte in den Vordergrund rückt. Nun wurde aber in
Deutschland die große Masse der Arbeiterklasse nicht von jenen
modernen Industriefürsten beschäftigt, von denen Großbritannien
so prachtvolle Exemplare aufweist, sondern von kleinen Handwerks-
meistern, deren ganze Arbeitsweise lediglich ein Überbleibsel aus
dem Mittelalter ist. Und wie zwischen einem großen Baumwoll-Lord
und einem kleinen Flickschuster oder Schneidermeister ein himmel-
weiter Unterschied besteht, genau so weit voraus sind die aufge-
weckten Fabrikarbeiter eines modernen Babylon der Industrie den
schüchternen Schneider- oder Schreinergesellen eines kleinen
Landstädtchens, deren Lebensverhältnisse und Arbeitsmethoden sich
von denen ihrer Zunftgenossen vor fünfhundert Jahren nur wenig
unterscheiden. Die natürliche Begleiterscheinung des allgemeinen
Fehlens moderner Lebensverhältnisse und moderner industrieller
Produktionsweisen war ein fast ebenso allgemeines Fehlen moderner
Ideen, und daher ist es nicht verwunderlich, wenn ein großer Teil
der arbeitenden Klassen bei Ausbruch der Revolution den Ruf nach
sofortiger Wiederherstellung der Zünfte und der mittelalterlichen
privilegierten Handwerkerinnungen erhob. Zwar bildete sich unter
dem Einfluß der Industriebezirke, wo das moderne Produktions-
system vorherrschte, und infolge der Möglichkeiten gegenseitigen
Verkehrs und geistiger Entwicklung, die das Wanderleben
zahlreicher Arbeiter mit sich brachte, ein starker Kern von Ele-
menten, deren Ideen über die Emanzipation ihrer Klasse bedeutend
klarer waren und mit der praktischen Wirklichkeit und der histo-
rischen Notwendigkeit weit besser in Einklang standen, aber sie
bildeten nur eine kleine Minderheit. Wenn die aktive Bewegung der
Bourgeoisie von 1840 datiert werden kann, so nimmt die der Arbei-
terklasse ihren Anfang mit den Erhebungen der schlesischen und
böhmischen Fabrikarbeiter im Jahre 1844 [7], und wir werden bald
Gelegenheit haben, einen Überblick zu gewinnen über die verschie-
denen Stadien, die diese Bewegung durchlief.
Schließlich gab es noch die große Klasse der kleinen Landwirte,
die Bauernschaft, die mit ihrem Anhang von Landarbeitern die
große Mehrheit des ganzen Volkes darstellt. Aber diese Klasse
zerfiel selbst wieder in verschiedene Schichten. Da waren, er-
stens, die wohlhabenderen Landwirte, die in Deutschland als Groß-
und Mittelbauern 1*) bezeichnet werden, die Eigentümer
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1*) In der "N.-Y.D.T." beide Bezeichnungen deutsch
#12# Friedrich Engels
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mehr oder weniger umfangreicher Wirtschaften sind und von denen
jeder über die Dienste mehrerer Landarbeiter verfügt. Für diese
Klasse, die zwischen den steuerfreien feudalen Grundherren einer-
seits, den Kleinbauern und Landarbeitern andrerseits stand, war
aus leicht begreiflichen Gründen ein Bündnis mit der antifeudalen
städtischen Bourgeoisie die natürlichste Politik. Dann gab es,
zweitens, die freien Kleinbauern, die im Rheinland vorherrschten,
wo der Feudalismus den wuchtigen Schlägen der großen französi-
schen Revolution erlegen war. Ähnliche unabhängige Kleinbauern
gab es auch da und dort in anderen Provinzen, wo es ihnen gelun-
gen war, die feudalen Lasten, die ehedem auf ihren Gründstücken
ruhten, mit Geld abzulösen. Diese Klasse war jedoch nur dem Namen
nach eine Klasse von freien Bauern, da ihre Wirtschaft gewöhnlich
in so hohem Grade und unter so drückenden Bedingungen mit Hypo-
theken belastet war, daß nicht der Bauer, sondern der Wucherer,
der das Geld vorgestreckt, der wirkliche Eigentümer des Landes
war. Drittens, die feudalen Hintersassen, die nicht leicht von
ihrem Stück Land vertrieben werden konnten, die aber eine ewige
Pacht zu entrichten oder auf ewig eine gewisse Menge Arbeit für
den Gutsherrn zu leisten hatten. Endlich die Landarbeiter, deren
Lage auf vielen großen Gütern genau die gleiche war wie die der-
selben Klasse in England und die ausnahmslos als arme, unterer-
nährte Sklaven ihrer Herren lebten und starben. Die drei letztge-
nannten Klassen der Landbevölkerung, die freien Kleinbauern, die
feudalen Hintersassen und die Landarbeiter, hatten sich vor der
Revolution über Politik nie viel Kopfzerbrechen gemacht; aber es
ist ohne weiteres klar, daß dieses Ereignis ihnen einen neuen Weg
voll der glänzendsten Aussichten eröffnen mußte. Ihnen allen bot
die Revolution Vorteile, und war die Bewegung erst einmal ordent-
lich im Gange, so stand zu erwarten, daß sich ihr der Reihe nach
alle anschließen würden. Gleichzeitig aber ist es ebenso klar und
durch die Geschichte aller modernen Länder gleichermaßen bestä-
tigt, daß die Landbevölkerung niemals selbständig eine erfolgrei-
che Bewegung zustande bringen kann; denn sie ist über ein zu
großes Gebiet verstreut, und es hält schwer, unter einem erhebli-
cheren Teil eine Verständigung zu erzielen; den Anstoß muß ihr
die Initiative der aufgeweckteren und beweglicheren Bevölkerung
geben, die in den Städten konzentriert ist.
Die vorstehende gedrängte Skizze der wichtigsten Klassen, aus
denen sich bei Ausbruch der jüngsten Bewegungen die deutsche Na-
tion zusammensetzte, wird bereits genügen, um den Mangel an äuße-
rem Zusammenhang und innerer Übereinstimmung sowie die offenkun-
digen Widersprüche, die dieser Bewegung das Gepräge gaben, zu ei-
nem großen Teil zu erklären.
#13# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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Wenn so verschiedenartige, so gegensätzliche, so merkwürdig sich
durchkreuzende Interessen heftig aufeinanderprallen; wenn diese
sich gegenseitig bekämpfenden Interessen in jedem Bezirk, in je-
der Provinz verschieden gemischt sind; wenn es vor allem kein
großes Zentrum im Lande gibt, kein London, kein Paris, dessen
Entscheidung so viel Gewicht hat, daß nicht der gleiche Zwist in
jeder Gegend immer wieder von neuem durchgefochten zu werden
braucht: was kann man da anders erwarten, als daß der Kampf sich
in eine Menge unzusammenhängender Einzelkämpfe auflöst, in denen
ungeheuer viel Blut, Energie und Kapital aufgewendet wird und die
trotz alledem ohne ein entscheidendes Ergebnis bleiben?
Die politische Zerstückelung Deutschlands in drei Dutzend mehr
oder minder bedeutende Fürstentümer erklärt sich gleichfalls aus
dieser Vielfalt und Verworrenheit der Elemente, aus denen sich
die Nation zusammensetzt und die wiederum in jeder Gegend ver-
schieden sind. Wo es keine Gemeinsamkeit der Interessen gibt, da
kann es auch keine Gemeinsamkeit der Ziele, geschweige des Han-
delns geben. Der Deutsche Bund ist allerdings auf ewige Zeiten
für unauflösbar erklärt worden; und doch haben der Bund und sein
Organ, der Bundestag [8], niemals die deutsche Einheit repräsen-
tiert. Das Höchstmaß von Zentralisation, zu dem man es in
Deutschland je gebracht hat, war die Gründung des Zollvereins
1*); dadurch sahen sich auch die Staaten an der Nordsee gezwun-
gen, eine eigene Zollvereinigung zu bilden [9], während Öster-
reich sich auch weiterhin hinter seiner besonderen Zollmauer ver-
schanzte. Deutschland konnte zufrieden sein, daß es für alle
praktischen Zwecke nur mehr in drei selbständige Mächte zerfiel,
statt wie vorher in sechsunddreißig. An der aus dem Jahre 1814
stammenden unumschränkten Oberhoheit des russischen Zaren änderte
sich dadurch natürlich nichts.
Nachdem wir einleitend diese Schlußfolgerungen aus unsern Prämis-
sen gezogen, werden wir zunächst untersuchen, wie die erwähnten
verschiedenen Klassen des deutschen Volkes eine nach der anderen
in Bewegung kamen und welchen Charakter die Bewegung nach dem
Ausbruch der französischen Revolution von 1848 annahm.
London, September 1851
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1*) In der "N.-Y.D.T." deutsch
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