Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


       zurück

       #1#
       -----
       KARL MARX
       und
       FRIEDRICH ENGELS
       
       August 1851 - März 1853
       
       #2#
       -----
       
       #3#
       -----
       FRIEDRICH ENGELS
       
       Revolution und Konterrevolution in Deutschland [1]
       
       #4#
       -----
       Geschrieben August 1851 bis September 1852.
       Aus: "New-York Daily Tribune".
       In der Zeitung erschienen die Artikel wie folgt:
          I - 25. Oktober 1851          XI - 19. März 1852
         II - 28. Oktober 1851         XII - 9. April 1852
        III - 6. November 1851        XIII - 17. April 1852
         IV - 7. November 1851         XIV - 24. April 1852
          V - 12. November 1851         XV - 27. Juli 1852
         VI - 28. November 1851        XVI - 19. August 1852
        VII - 27. Februar 1852        XVII - 18. September 1852
       VIII - 5. März 1852           XVIII - 2. Oktober 1852
         IX - 15. März 1852            XIX - 23. Oktober 1852
          X - 18. März 1852
       Aus dem Englischen.
       
       #5#
       -----
       I
       
       [Deutschland am Vorabend der Revolution]
       
       Der erste Akt des revolutionären Dramas auf dem europäischen Kon-
       tinent ist  zu Ende. Die "Mächte der Vergangenheit" vor dem Sturm
       von 1848  sind wieder  die "Mächte  der Gegenwart",  und die mehr
       oder weniger populären Eintagsherrscher, provisorischen Regenten,
       Triumvirn, Diktatoren,  alle mit  ihrem Gefolge von Abgeordneten,
       Zivilkommissaren, Militärkommissaren,  Präfekten, Richtern, Gene-
       ralen, Offizieren und Soldaten, sind an fremde Küsten verschlagen
       und "über  See verschickt",  nach England  oder Amerika,  um dort
       neue Regierungen  "in partibus infidelium" [2], europäische Komi-
       tees, Zentralkomitees,  nationale Komitees zu bilden und ihr Kom-
       men in  Proklamationen anzukündigen,  nicht minder  feierlich als
       die eines weniger imaginären Potentaten.
       Eine schwerere Niederlage als die, welche die Revolutionspartei -
       oder besser  die Revolutionsparteien - auf dem Kontinent an allen
       Punktender Kampflinie  erlitten, ist  kaum vorstellbar.  Doch was
       will das besagen? Umfaßte nicht das Ringen des britischen Bürger-
       tums um  die soziale und politische Vorherrschaft achtundvierzig,
       das des  französischen  Bürgertums  vierzig  Jahre  beispielloser
       Kämpfe? Und  waren sie  ihrem Triumph  nicht gerade dann am näch-
       sten, als  die wiederhergestellte Monarchie sich fester im Sattel
       wähnte denn  je? Die  Zeiten jenes Aberglaubens, der Revolutionen
       auf die  Bösartigkeit einer Handvoll Agitatoren zurückführt, sind
       längst vorüber.  Alle Welt  weiß heutzutage, daß jeder revolutio-
       nären Erschütterung  ein  gesellschaftliches  Bedürfnis  zugrunde
       liegen muß,  dessen Befriedigung  durch  überlebte  Einrichtungen
       verhindert wird.  Das Bedürfnis  mag noch  nicht so  dringend, so
       allgemein empfunden  werden, um einen unmittelbaren Erfolg zu si-
       chern; aber jeder Versuch einer gewaltsamen Unterdrückung wird es
       nur immer  stärker hervortreten lassen, bis es seine Fesseln zer-
       bricht. Sind  wir also einmal geschlagen, so haben wir nichts an-
       deres zu tun, als wieder von vorn anzufangen. Und die wahrschein-
       lich nur sehr kurze
       
       #6# Friedrich Engels
       -----
       Ruhepause, die  uns zwischen dem Schluß des ersten und dem Anfang
       des zweiten  Aktes der  Bewegung vergönnt ist, gibt uns zum Glück
       die Zeit  für ein sehr notwendiges Stück Arbeit: für die Untersu-
       chung der  Ursachen, die unweigerlich sowohl zu der letzten Erhe-
       bung wie  zu ihrem  Mißlingen führten; Ursachen, die nicht in den
       zufälligen Bestrebungen, Talenten, Fehlern, Irrtümern oder Verrä-
       tereien einiger Führer zu suchen sind, sondern in dem allgemeinen
       gesellschaftlichen Zustand und in den Lebensbedingungen einer je-
       den, von  Erschütterungen betroffenen Nation. Daß die plötzlichen
       Bewegungen des Februar und März 1848 nicht das Werk Einzelner wa-
       ren, sondern  der spontane,  unwiderstehliche Ausdruck nationaler
       Bedürfnisse, die  mehr oder  weniger klar  verstanden, aber  sehr
       deutlich empfunden  werden von einer ganzen Anzahl von Klassen in
       allen Ländern  - das ist eine allgemein anerkannte Tatsache; wenn
       man aber  nach den  Ursachen  der  Erfolge  der  Konterrevolution
       forscht, so  erhält man  von allen  Seiten die  bequeme  Antwort,
       Herr, X oder Bürger Y habe das Volk "verraten". Diese Antwort mag
       zutreffen oder auch nicht, je nach den Umständen, aber unter kei-
       nen Umständen  erklärt sie  auch nur  das Geringste, ja sie macht
       nicht einmal verständlich, wie es kam, daß das "Volk" sich derart
       verraten ließ. Und wie jämmerlich sind die Aussichten einer poli-
       tischen Partei, deren ganzes politisches Inventar in der Kenntnis
       der einen  Tatsache besteht,  daß dem  Bürger  Soundso  nicht  zu
       trauen ist.
       Überdies ist  es vom  historischen Standpunkt aus von größter Be-
       deutung, daß sowohl die Ursachen der revolutionären Erschütterung
       wie die  ihrer Unterdrückung  untersucht und  dargestellt werden.
       All die  kleinlichen persönlichen Zänkereien und Beschuldigungen,
       all die  einander widersprechenden Behauptungen, Marrast oder Le-
       dru-Rollin oder  Louis Blanc oder ein anderes Mitglied der Provi-
       sorischen Regierung oder alle zusammen hätten die Revolution mit-
       ten in  die Klippen  hineingesteuert, an  denen sie  scheiterte -
       welches Interesse können sie bieten, welches Licht auf die Ereig-
       nisse werfen  für einen  Amerikaner oder Engländer, der all diese
       verschiedenen Bewegungen aus einer Entfernung beobachtete, die zu
       groß ist,  um ihn Einzelheiten der Vorgänge unterscheiden zu las-
       sen? Kein vernünftiger Mensch wird jemals glauben, daß elf Männer
       [3], zumeist  von recht  mittelmäßiger Begabung  im Guten  wie im
       Bösen, imstande  gewesen seien,  im Verlauf von drei Monaten eine
       Nation von  sechsunddreißig Millionen zugrunde zu richten, es sei
       denn, diese  sechsunddreißig Millionen waren sich über den einzu-
       schlagenden Weg  genauso im  unklaren wie  jene elf.  Aber wie es
       kam, daß  diese sechsunddreißig Millionen, obwohl sie zum Teil im
       ungewissen umhertappten,  auf einmal  berufen waren, nach eigenem
       Gutdünken zu entscheiden,
       
       #7# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
       -----
       welcher Weg  beschritten werden solle, wie sie sodann in die Irre
       gerieten und  ihre alten  Führer vorübergehend wieder die Führung
       erlangen durften - das ist gerade die Frage.
       Wenn wir  also versuchen,  den Lesern der "Tribune" [4] die Ursa-
       chen auseinanderzusetzen,  die mit  Notwendigkeit die  Revolution
       von 1848  hervorriefen und ebenso unvermeidlich zu ihrer zeitwei-
       ligen Unterdrückung  in den Jahren 1849 und 1850 führten, so darf
       man von  uns nicht erwarten, daß wir eine vollständige Geschichte
       der Ereignisse  geben, wie sie sich in Deutschland abgespielt ha-
       ben. Spätere  Ereignisse und  das Urteil der Nachwelt werden ent-
       scheiden, was  von dieser verworrenen Masse scheinbar zufälliger,
       zusammenhangloser und nicht miteinander vereinbarer Tatsachen be-
       stimmt ist,  in die  Weltgeschichte einzugehen. Die Zeit für eine
       solche Aufgabe  ist noch  nicht gekommen;  wir müssen  uns in den
       Grenzen des  Möglichen halten und uns zufriedengeben, wenn es uns
       gelingt, vernunftgemäße,  auf unleugbaren  Fakten beruhende Ursa-
       chen zu  finden, die die wichtigsten Ereignisse, die entscheiden-
       den Wendepunkte  jener Bewegung  erklären und  uns Aufschluß über
       die Richtung  geben, in  die der nächste, vielleicht gar nicht so
       ferne Ausbruch das deutsche Volk lenken wird.
       Zunächst, welches  war der  Zustand Deutschlands bei Ausbruch der
       Revolution?
       Die Zusammensetzung der verschiedenen Klassen des Volkes, die die
       Grundlage eines  jeden  politischen  Organismus  bilden,  war  in
       Deutschland komplizierter  als in irgendeinem anderen Lande. Wäh-
       rend in  England und  Frankreich eine mächtige, reiche, in großen
       Städten und  namentlich in  der  Hauptstadt  konzentrierte  Bour-
       geoisie den Feudalismus völlig vernichtet oder wenigstens, wie in
       dem erstgenannten Lande, auf einige wenige, bedeutungslose äußere
       Formen reduziert  hatte, war  dem Feudaladel  in Deutschland  ein
       großer Teil  seiner alten  Privilegien erhalten  geblieben.  Fast
       überall herrschte noch das System des feudalen Grundbesitzes. Die
       Grundherren hatten  sogar die  Gerichtsbarkeit über ihren Gutsbe-
       zirk behalten.  Obzwar ihrer  politischen Vorrechte, des Rechtes,
       die Fürsten  zu kontrollieren, beraubt, hatten sie doch fast ihre
       ganzen mittelalterlichen  Hoheitsrechte über die Bauernschaft ih-
       rer Ländereien  sowie die Steuerfreiheit bewahrt. Der Feudalismus
       war in  manchen Gegenden mehr in Blüte als in anderen, aber außer
       auf dem linken Rheinufer war er nirgends völlig beseitigt. Dieser
       seinerzeit außerordentlich  zahlreiche und  zum Teil  sehr reiche
       Feudaladel galt  offiziell als  der erste  "Stand" im  Lande.  Er
       stellte die  höheren Staatsbeamten,  er besetzte fast ausschließ-
       lich die Offiziersstellen in der Armee.
       Die Bourgeoisie  Deutschlands war  bei weitem  nicht so reich und
       konzentriert
       
       #8# Friedrich Engels
       -----
       wie  die   Frankreichs  oder  Englands.  Die  alten  Manufakturen
       Deutschlands waren  durch das  Aufkommen der Dampfkraft und durch
       die sich  rasch ausbreitende  Vorherrschaft der  englischen Indu-
       strie zugrunde  gerichtet worden; die moderneren Industrien, die,
       unter dem napoleonischen Kontinentalsystem [5] ins Leben gerufen,
       in anderen Teilen des Landes errichtet worden waren, boten keinen
       Ausgleich für  den Verlust  der alten  und reichten nicht aus, um
       einen Kreis  an der Industrie Interessierter zu bilden, der stark
       genug gewesen  wäre, Regierungen, die jeder Anhäufung nichtadeli-
       gen Reichtums  und nichtadeliger Macht argwöhnisch gegenüberstan-
       den, zur  Rücksicht auf  ihre  Bedürfnisse  zu  zwingen.  Während
       Frankreich seine Seidenindustrie siegreich über fünfzig Revoluti-
       ons- und Kriegsjahre hinwegbrachte, büßte Deutschland im gleichen
       Zeitraum fast  seine ganze alte Leinenindustrie ein. Überdies wa-
       ren die deutschen Industriebezirke dünn gesät und weit verstreut;
       sie lagen  tief im  Innern des Landes, benutzten für ihre Ein-und
       Ausfuhr vorwiegend  ausländische, holländische oder belgische Hä-
       fen und  hatten daher wenig oder gar keine gemeinsamen Interessen
       mit den  großen Hafenstädten  an der  Nord- und Ostsee; vor allem
       aber waren  sie außerstande,  große Industrie- und Handelszentren
       zu bilden  wie Paris  und Lyon,  London und Manchester. Die Rück-
       ständigkeit der deutschen Industrie hatte mannigfaltige Ursachen,
       aber zwei werden schon zu ihrer Erklärung genügen: die ungünstige
       geographische Lage  des Landes, seine Entfernung vom Atlantischen
       Ozean, der  zur großen  Heerstraße des  Welthandels geworden war,
       sowie die ständigen Kriege, in die Deutschland verwickelt war und
       die vom  sechzehnten Jahrhundert  an bis auf den heutigen Tag auf
       seinem Boden ausgefochten wurden. Diese zahlenmäßige Schwäche und
       namentlich ihre  geringe Konzentration  machten es  der deutschen
       Bourgeoisie unmöglich, jene politische Machtstellung zu erringen,
       deren sich  die englische  Bourgeoisie seit  1688 erfreut und die
       die französische  Bourgeoisie 1789  erobert hat.  Und doch war in
       Deutschland der  Reichtum und mit dem Reichtum die politische Be-
       deutung der  Bourgeoisie seit  1815 in ständigem Wachstum begrif-
       fen. Die  Regierungen waren gezwungen, wenn auch widerwillig, we-
       nigstens ihren  unmittelbaren materiellen  Interessen Rechnung zu
       tragen. Man kann sogar mit Recht sagen, daß von 1815 bis 1830 und
       von 1832 bis 1840 jedes Stückchen an politischem Einfluß, das der
       Bourgeoisie in  den Verfassungen der kleineren Staaten eingeräumt
       worden war  und ihr  in den erwähnten beiden Perioden politischer
       Reaktion wieder  entrissen wurde  - daß jedes derartige Stückchen
       durch eine  Konzession praktischerer  Art aufgewogen  wurde. Jede
       politische Niederlage  der Bourgeoisie zog einen Sieg auf dem Ge-
       biete der  Handelsgesetzgebung nach  sich. Und sicherlich war der
       preußische Schutzzolltarif
       
       #9# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
       -----
       von 1818  und die  Gründung des Zollvereins [6] für die deutschen
       Kaufleute und  Fabrikherren ein  gut Teil mehr wert als das zwei-
       felhafte Recht, in der Kammer des einen oder anderen Duodezstaats
       Ministern, die  über solche  Abstimmungen nur  lachten, ihr  Miß-
       trauen auszusprechen.  So gelangte die Bourgeoisie mit wachsendem
       Reichtum und  zunehmender Ausdehnung  ihres Handels bald zu einem
       Stadium, wo sie sich in der Entfaltung ihrer wichtigsten Interes-
       sen durch die politische Verfassung des Landes gehemmt sah: durch
       dessen kunterbunte  Zersplitterung unter  sechsunddreißig Fürsten
       mit gegensätzlichen  Bestrebungen und  Launen; durch die feudalen
       Fesseln, die  die Landwirtschaft  und die mit ihr verbundenen Ge-
       werbe beengten; durch die aufdringliche Überwachung, der eine un-
       wissende, anmaßende  Bürokratie  alle  ihre  Geschäfte  unterzog.
       Gleichzeitig führten die Ausdehnung und Festigung des Zollvereins
       1*), die  allgemeine Einführung  der Dampfkraft  in den, Verkehr,
       die wachsende  Konkurrenz auf dem inneren Markt zur gegenseitigen
       Annäherung der  kommerziellen Klassen  der verschiedenen  Staaten
       und Provinzen,  zur Ausgleichung ihrer Interessen und zur Zentra-
       lisation ihrer Kraft. Die natürliche Folge war der Übergang aller
       dieser Elemente  ins Lager der liberalen Opposition und der sieg-
       reiche Ausgang des ersten ernstlichen Kampfes der deutschen Bour-
       geoisie um  politische Macht.  Diesen Umschwung kann man von 1840
       datieren, von dem Zeitpunkt, zu dem die preußische Bourgeoisie an
       die Spitze  der Bewegung der deutschen Bourgeoisie trat. Wir wer-
       den auf diese Bewegung der liberalen Opposition von 1840 bis 1847
       später noch zurückkommen. 2*)
       Die große  Masse der  Nation, die  weder dem  Adel noch der Bour-
       geoisie angehörte,  bestand in  den Städten  aus der  Klasse  der
       Kleinbürger und der Arbeiterschaft, auf dem Lande aus der Bauern-
       schaft.
       Die Klasse  der Handwerker  und Kleinhändler  ist in  Deutschland
       außerordentlich zahlreich,  eine  Folge  des  Umstands,  daß  die
       großen Kapitalisten  und Industriellen  als Klasse  in ihrer Ent-
       wicklung gehemmt  waren.  In  den  größeren  Städten  bildet  sie
       beinahe die  Mehrheit der Bevölkerung, in den kleineren überwiegt
       sie völlig, da es dort an reicheren Mitbewerbern um den maßgeben-
       den Einfluß fehlt. Dieses Kleinbürgertum, in jedem modernen Staat
       und bei  allen modernen  Revolutionen von höchster Bedeutung, ist
       besonders wichtig  in Deutschland, wo es bei den jüngsten Kämpfen
       meist die  entscheidende Rolle  gespielt hat. Seine Zwischenstel-
       lung zwischen der Klasse der größeren Kapitalisten, Kaufleute und
       Industriellen, der  eigentlichen Bourgeoisie, und dem Proletariat
       oder der Arbeiterklasse ist für seinen
       -----
       1*) In der "N.-Y.D.T." deutsch - 2*) siehe vorl. Band, S. 14-23
       
       #10# Friedrich Engels
       -----
       Charakter bestimmend.  Es strebt  nach  der  Stellung  der  Bour-
       geoisie, aber  das geringste Mißgeschick schleudert die Angehöri-
       gen des  Kleinbürgertums hinab in die Reihen des Proletariats. In
       monarchischen und  feudalen Ländern bedarf das Kleinbürgertum, um
       existieren zu können, der Kundschaft des Hofes und des Adels; der
       Verlust dieser  Kundschaft würde es zu einem großen Teil zugrunde
       richten. In  kleineren Städten  bildet häufig eine Garnison, eine
       Kreisregierung, ein  Gerichtshof  und  deren  ganzer  Anhang  die
       Grundlage seines  Wohlstands; entzieht  man sie ihm, so ist es um
       die Krämer,  Schneider,  Schuhmacher,  Schreiner  geschehen.  Das
       ewige Hin- und Hergerissensein zwischen der Hoffnung, in die Rei-
       hen der  wohlhabenderen Klasse  aufzusteigen, und der Furcht, auf
       das Niveau  von Proletariern  oder gar  Paupers hinabgedrückt  zu
       werden; zwischen  der Hoffnung,  seine Interessen durch Eroberung
       eines Anteils  an der Leitung der Staatsgeschäfte zu fördern, und
       der Furcht,  durch ungelegene Opposition den Zorn eine» Regierung
       zu erregen,  von der  seine Existenz  völlig abhängt,  da sie die
       Macht hat,  ihm die  besten Kunden zu entziehen; die Geringfügig-
       keit seines Besitzes, dessen Unsicherheit im umgekehrten Verhält-
       nis steht  zur Größe  - all dies macht das Kleinbürgertum äußerst
       wankelmütig in  seinen Anschauungen. Demütig und kriecherisch un-
       terwürfig unter  einer starken feudalen oder monarchischen Regie-
       rung, wendet es sich dem Liberalismus zu, wenn die Bourgeoisie im
       Aufstieg ist; sobald die Bourgeoisie ihre eigene Herrschaft gesi-
       chert hat,  wird es  von heftigen demokratischen Anwandlungen be-
       fallen, versinkt  aber jämmerlich in Furcht und Zagen, sobald die
       Klasse unter  ihm, das  Proletariat, eine  selbständige  Bewegung
       wagt. Wir werden im weiteren sehen, wie das deutsche Kleinbürger-
       tum abwechselnd aus dem einen dieser Stadien ins andere übergeht.
       Die Arbeiterklasse  Deutschlands ist  in ihrer gesellschaftlichen
       und politischen  Entwicklung ebenso  weit hinter der Englands und
       Frankreichs zurück  wie die deutsche Bourgeoisie hinter der Bour-
       geoisie jener  Länder. Wie  der Herr, so der Knecht. Die Entwick-
       lung der  Existenzbedingungen für  ein zahlreiches, starkes, kon-
       zentriertes und  intelligentes Proletariat  geht Hand in Hand mit
       der Entwicklung  der  Existenzbedingungen  für  eine  zahlreiche,
       wohlhabende, konzentrierte  und mächtige  Bourgeoisie. Die Arbei-
       terbewegung selbst ist niemals unabhängig, sie trägt niemals aus-
       schließlich proletarischen Charakter, solange nicht alle die ver-
       schiedenen Teile der Bourgeoisie, namentlich ihr fortschrittlich-
       ster Teil,  die großen Fabrikherren, die politische Macht erobert
       und den  Staat ihren Bedürfnissen entsprechend umgestaltet haben.
       Dann ist  der Augenblick gekommen, wo der unvermeidliche Konflikt
       zwischen Fabrikherren und Lohnarbeitern in drohende Nähe
       
       #11# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
       -----
       rückt und  nicht länger  hinausgeschoben werden  kann, der Augen-
       blick, wo  sich die  Arbeiterklasse nicht länger mit trügerischen
       Hoffnungen und niemals erfüllbaren Versprechungen abspeisen läßt,
       wo endlich  das große  Problem des  neunzehnten Jahrhunderts, die
       Aufhebung des  Proletariats, mit  voller Klarheit  und in  seinem
       wahren Lichte  in  den  Vordergrund  rückt.  Nun  wurde  aber  in
       Deutschland die  große Masse  der Arbeiterklasse  nicht von jenen
       modernen Industriefürsten  beschäftigt, von  denen Großbritannien
       so prachtvolle Exemplare aufweist, sondern von kleinen Handwerks-
       meistern, deren ganze Arbeitsweise lediglich ein Überbleibsel aus
       dem Mittelalter  ist. Und wie zwischen einem großen Baumwoll-Lord
       und einem kleinen Flickschuster oder Schneidermeister ein himmel-
       weiter Unterschied  besteht, genau so weit voraus sind die aufge-
       weckten Fabrikarbeiter  eines modernen  Babylon der Industrie den
       schüchternen  Schneider-  oder  Schreinergesellen  eines  kleinen
       Landstädtchens, deren Lebensverhältnisse und Arbeitsmethoden sich
       von denen  ihrer Zunftgenossen  vor fünfhundert  Jahren nur wenig
       unterscheiden. Die  natürliche Begleiterscheinung des allgemeinen
       Fehlens moderner  Lebensverhältnisse und  moderner  industrieller
       Produktionsweisen war ein fast ebenso allgemeines Fehlen moderner
       Ideen, und daher ist es nicht verwunderlich, wenn ein großer Teil
       der arbeitenden  Klassen bei Ausbruch der Revolution den Ruf nach
       sofortiger Wiederherstellung der Zünfte und der mittelalterlichen
       privilegierten Handwerkerinnungen  erhob. Zwar bildete sich unter
       dem Einfluß  der Industriebezirke,  wo das  moderne  Produktions-
       system vorherrschte,  und infolge der Möglichkeiten gegenseitigen
       Verkehrs  und   geistiger  Entwicklung,   die   das   Wanderleben
       zahlreicher Arbeiter  mit sich brachte, ein starker Kern von Ele-
       menten, deren  Ideen über die Emanzipation ihrer Klasse bedeutend
       klarer waren  und mit der praktischen Wirklichkeit und der histo-
       rischen Notwendigkeit  weit besser  in Einklang standen, aber sie
       bildeten nur eine kleine Minderheit. Wenn die aktive Bewegung der
       Bourgeoisie von 1840 datiert werden kann, so nimmt die der Arbei-
       terklasse ihren  Anfang mit  den Erhebungen  der schlesischen und
       böhmischen Fabrikarbeiter  im Jahre 1844 [7], und wir werden bald
       Gelegenheit haben, einen Überblick zu gewinnen über die verschie-
       denen Stadien, die diese Bewegung durchlief.
       Schließlich gab  es noch  die große Klasse der kleinen Landwirte,
       die Bauernschaft,  die mit  ihrem Anhang  von  Landarbeitern  die
       große Mehrheit  des ganzen  Volkes darstellt.  Aber diese  Klasse
       zerfiel selbst  wieder in  verschiedene Schichten.  Da waren, er-
       stens, die wohlhabenderen Landwirte, die in Deutschland als Groß-
       und Mittelbauern 1*) bezeichnet werden, die Eigentümer
       -----
       1*) In der "N.-Y.D.T." beide Bezeichnungen deutsch
       
       #12# Friedrich Engels
       -----
       mehr oder  weniger umfangreicher  Wirtschaften sind und von denen
       jeder über  die Dienste  mehrerer Landarbeiter verfügt. Für diese
       Klasse, die zwischen den steuerfreien feudalen Grundherren einer-
       seits, den  Kleinbauern und  Landarbeitern andrerseits stand, war
       aus leicht begreiflichen Gründen ein Bündnis mit der antifeudalen
       städtischen Bourgeoisie  die natürlichste  Politik. Dann  gab es,
       zweitens, die freien Kleinbauern, die im Rheinland vorherrschten,
       wo der  Feudalismus den  wuchtigen Schlägen  der großen französi-
       schen Revolution  erlegen war.  Ähnliche unabhängige  Kleinbauern
       gab es  auch da und dort in anderen Provinzen, wo es ihnen gelun-
       gen war,  die feudalen  Lasten, die ehedem auf ihren Gründstücken
       ruhten, mit Geld abzulösen. Diese Klasse war jedoch nur dem Namen
       nach eine Klasse von freien Bauern, da ihre Wirtschaft gewöhnlich
       in so  hohem Grade  und unter so drückenden Bedingungen mit Hypo-
       theken belastet  war, daß  nicht der Bauer, sondern der Wucherer,
       der das  Geld vorgestreckt,  der wirkliche  Eigentümer des Landes
       war. Drittens,  die feudalen  Hintersassen, die  nicht leicht von
       ihrem Stück  Land vertrieben  werden konnten, die aber eine ewige
       Pacht zu  entrichten oder  auf ewig eine gewisse Menge Arbeit für
       den Gutsherrn  zu leisten hatten. Endlich die Landarbeiter, deren
       Lage auf  vielen großen Gütern genau die gleiche war wie die der-
       selben Klasse  in England  und die ausnahmslos als arme, unterer-
       nährte Sklaven ihrer Herren lebten und starben. Die drei letztge-
       nannten Klassen  der Landbevölkerung, die freien Kleinbauern, die
       feudalen Hintersassen  und die  Landarbeiter, hatten sich vor der
       Revolution über  Politik nie viel Kopfzerbrechen gemacht; aber es
       ist ohne weiteres klar, daß dieses Ereignis ihnen einen neuen Weg
       voll der  glänzendsten Aussichten eröffnen mußte. Ihnen allen bot
       die Revolution Vorteile, und war die Bewegung erst einmal ordent-
       lich im  Gange, so stand zu erwarten, daß sich ihr der Reihe nach
       alle anschließen würden. Gleichzeitig aber ist es ebenso klar und
       durch die  Geschichte aller  modernen Länder gleichermaßen bestä-
       tigt, daß die Landbevölkerung niemals selbständig eine erfolgrei-
       che Bewegung  zustande bringen  kann; denn  sie ist  über ein  zu
       großes Gebiet verstreut, und es hält schwer, unter einem erhebli-
       cheren Teil  eine Verständigung  zu erzielen;  den Anstoß muß ihr
       die Initiative  der aufgeweckteren  und beweglicheren Bevölkerung
       geben, die in den Städten konzentriert ist.
       Die vorstehende  gedrängte Skizze  der wichtigsten  Klassen,  aus
       denen sich  bei Ausbruch der jüngsten Bewegungen die deutsche Na-
       tion zusammensetzte, wird bereits genügen, um den Mangel an äuße-
       rem Zusammenhang  und innerer Übereinstimmung sowie die offenkun-
       digen Widersprüche, die dieser Bewegung das Gepräge gaben, zu ei-
       nem großen Teil zu erklären.
       
       #13# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
       -----
       Wenn so  verschiedenartige, so gegensätzliche, so merkwürdig sich
       durchkreuzende Interessen  heftig aufeinanderprallen;  wenn diese
       sich gegenseitig  bekämpfenden Interessen in jedem Bezirk, in je-
       der Provinz  verschieden gemischt  sind; wenn  es vor  allem kein
       großes Zentrum  im Lande  gibt, kein  London, kein  Paris, dessen
       Entscheidung so  viel Gewicht hat, daß nicht der gleiche Zwist in
       jeder Gegend  immer wieder  von neuem  durchgefochten  zu  werden
       braucht: was  kann man da anders erwarten, als daß der Kampf sich
       in eine  Menge unzusammenhängender Einzelkämpfe auflöst, in denen
       ungeheuer viel Blut, Energie und Kapital aufgewendet wird und die
       trotz alledem ohne ein entscheidendes Ergebnis bleiben?
       Die politische  Zerstückelung Deutschlands  in drei  Dutzend mehr
       oder minder  bedeutende Fürstentümer erklärt sich gleichfalls aus
       dieser Vielfalt  und Verworrenheit  der Elemente,  aus denen sich
       die Nation  zusammensetzt und  die wiederum  in jeder Gegend ver-
       schieden sind.  Wo es keine Gemeinsamkeit der Interessen gibt, da
       kann es  auch keine  Gemeinsamkeit der Ziele, geschweige des Han-
       delns geben.  Der Deutsche  Bund ist  allerdings auf ewige Zeiten
       für unauflösbar  erklärt worden; und doch haben der Bund und sein
       Organ, der  Bundestag [8], niemals die deutsche Einheit repräsen-
       tiert. Das  Höchstmaß  von  Zentralisation,  zu  dem  man  es  in
       Deutschland je  gebracht hat,  war die  Gründung des  Zollvereins
       1*); dadurch  sahen sich  auch die Staaten an der Nordsee gezwun-
       gen, eine  eigene Zollvereinigung  zu bilden  [9], während Öster-
       reich sich auch weiterhin hinter seiner besonderen Zollmauer ver-
       schanzte. Deutschland  konnte zufrieden  sein, daß  es  für  alle
       praktischen Zwecke  nur mehr in drei selbständige Mächte zerfiel,
       statt wie  vorher in  sechsunddreißig. An  der aus dem Jahre 1814
       stammenden unumschränkten Oberhoheit des russischen Zaren änderte
       sich dadurch natürlich nichts.
       Nachdem wir einleitend diese Schlußfolgerungen aus unsern Prämis-
       sen gezogen,  werden wir  zunächst untersuchen, wie die erwähnten
       verschiedenen Klassen  des deutschen Volkes eine nach der anderen
       in Bewegung  kamen und  welchen Charakter  die Bewegung  nach dem
       Ausbruch der französischen Revolution von 1848 annahm.
       London, September 1851
       -----
       1*) In der "N.-Y.D.T." deutsch

       zurück