Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
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XIX
[Das Ende des Aufstandes]
Während der Süden und Westen Deutschlands sich in offenem Auf-
stand befanden und während die Regierungen von der Eröffnung der
Feindseligkeiten in Dresden bis zur Übergabe von Rastatt etwas
mehr als zehn Wochen brauchten, um dieses letzte Aufflammen der
ersten deutschen Revolution zu ersticken, verschwand die Natio-
nalversammlung von der politischen Bühne, ohne daß man ihrem Ab-
gang die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hätte.
Wir verließen diese erhabene Körperschaft in Frankfurt, bestürzt
über die unverschämten Angriffe der Regierungen auf ihre Würde,
über die Ohnmacht und verräterische Sorglosigkeit der von ihr
selbst geschaffenen Zentralgewalt, über die Erhebung des Klein-
bürgertums zu ihrem Schutze und die der Arbeiterklasse für ein
revolutionäreres Endziel. Unter ihren Mitgliedern herrschten
tiefste Niedergeschlagenheit und Verzweiflung; die Ereignisse
hatten mit einem Schlag eine so endgültige und entscheidende Wen-
dung genommen, daß die Illusionen dieser gelahrten Gesetzgeber
über ihre wirkliche Macht und Bedeutung binnen weniger Tage völ-
lig zusammengebrochen waren. Die Konservativen hatten sich auf
das von ihren Regierungen gegebene Zeichen hin bereits aus einer
Körperschaft zurückgezogen, die nur mehr als Herausforderung der
gesetzlichen Obrigkeit fortbestehen konnte. Die Liberalen gaben
die Sache in völliger Verwirrung verloren und legten gleichfalls
ihre Mandate nieder. Die Herren Abgeordneten nahmen zu Hunderten
Reißaus. Ursprünglich acht- bis neunhundert an der Zahl, waren
sie so rasch zusammengeschmolzen, daß zur Beschlußfähigkeit
zunächst die Anwesenheit von hundertfünfzig und wenige Tage spä-
ter von hundert Mitgliedern für genügend erklärt wurde. Und
selbst diese waren schwer zusammenzubringen, obwohl die ganze de-
mokratische Partei dageblieben war.
Der Weg, den diese Überbleibsel eines Parlaments einzuschlagen
hatten, lag klar genug zutage. Sie mußten sich nur offen und ent-
schieden auf die
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Seite des Aufstands stellen und ihm damit so viel Kraft vermit-
teln, wie die Gesetzlichkeit ihm verleihen konnte, während sie
selbst mit einem Schlag ein Heer zu ihrem eigenen Schutz erhiel-
ten. Sie mußten die Zentralgewalt auffordern, alle Feindseligkei-
ten sofort einzustellen, und wenn diese Gewalt, wie vorauszuse-
hen, das weder konnte noch wollte, so mußten sie diese sofort be-
seitigen und durch eine andere, energischere Regierung ersetzen.
War es nicht möglich, Truppen der Aufständischen nach Frankfurt
zu bringen (was im Anfang, als die Regierungen der Einzelstaaten
schlecht vorbereitet und noch unschlüssig waren, leicht geschehen
konnte), dann hätte die Versammlung ihren Sitz ohne weiteres mit-
ten ins Aufstandsgebiet verlegen können. Dies alles, sofort und
entschlossen und nicht später als Mitte oder Ende Mai getan,
hätte sowohl dem Aufstand wie der Nationalversammlung noch Aus-
sichten auf Erfolg eröffnen können.
Aber solch ein entschiedenes Vorgehen war von den Vertretern der
deutschen Spießbürgerherrschaft nicht zu erwarten. Diese strebsa-
men Staatsmänner waren noch immer nicht von ihren Illusionen be-
freit. Jene Abgeordneten, die ihren verhängnisvollen Glauben an
die Macht und Unverletzlichkeit des Parlaments verloren hatten,
hatten sich bereits auf die Strümpfe gemacht; die Demokraten, die
dablieben, waren nicht so leicht dazu zu bringen, die Träume von
Macht und Größe aufzugeben, in denen sie zwölf Monate lang ge-
schwelgt. Treu der Methode, die sie bisher befolgt, scheuten sie
vor entschiedenem Handeln zurück, bis jede Aussicht auf Erfolg,
ja jede Möglichkeit eines Untergangs in Ehren, geschwunden war.
Um eine erkünstelte, geschäftige Aktivität zu entfalten, deren
reine, mit hohen Ansprüchen gepaarte Ohnmacht nur Mitleid und
Spott hervorrufen konnte, richteten sie auch weiterhin Resolutio-
nen, Adressen und Ansuchen an einen Reichsverweser, der sie nicht
einmal zur Kenntnis nahm, und an Minister, die offen mit dem
Feind paktierten. Und als schließlich Wilhelm Wolff, der Abgeord-
nete für Striegau 1*), einer der Redakteure der "Neuen
Rheinischen Zeitung", der einzige wirkliche Revolutionär in der
ganzen Versammlung, ihnen sagte, wenn es ihnen ernst sei mit
ihren Reden, müßten sie dem Geschwätz ein Ende machen und den
Reichsverweser, diesen obersten Reichsverräter, sofort für vogel-
frei erklären, da brach die ganze zusammengeballte tugendhafte
Entrüstung dieser Herren Parlamentarier mit einer Wucht hervor,
die sie niemals auf gebracht, wenn die Regierungen sie mit
Schimpf und Spott überhäuften. Natürlich - denn Wolffs Vorschlag
war das erste vernünftige Wort, das innerhalb der Mauern der
Paulskirche gesprochen wurde;
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1*) Strzegom
#105# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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natürlich, denn es war gerade das, was getan werden mußte; und
eine derart offene Sprache, die so direkt auf das Ziel losging,
konnte jene Schar empfindsamer Seelen nur verletzen, bei denen
nichts entschieden war als die Unentschiedenheit, und die, zum
Handeln zu feige, ein für allemal übereingekommen waren, daß
nichts tun gerade das sei, was getan werden müsse. Jedes Wort,
das einem Blitze gleich die verblendete, aber beabsichtigte Ver-
nebelung ihrer Hirne erhellte, jeder Fingerzeig, der geeignet
war, sie aus dem Labyrinth herauszuführen, in dem sie solange wie
möglich zu verweilen sich versteiften, jede klare Auffassung vom
wirklichen Stand der Dinge war naturgemäß ein Verbrechen gegen
die Majestät dieser souveränen Versammlung.
Bald nachdem die Stellung der Herren Abgeordneten in Frankfurt
trotz aller Aufrufe, Resolutionen, Interpellationen und Proklama-
tionen unhaltbar geworden war, zogen sie sich zurück, aber nicht
ins Aufstandsgebiet - das wäre ein zu entschiedener Schritt gewe-
sen. Sie gingen nach Stuttgart, wo die württembergische Regierung
eine Art abwartender Neutralität wahrte. Hier erklärten sie end-
lich den Reichsverweser seines Amtes für enthoben und wählten aus
ihrer eigenen Mitte eine Regentschaft von fünf Mitgliedern. Diese
Regentschaft machte sich schleunigst daran, ein Milizgesetz [54]
annehmen zu lassen, das tatsächlich in gebührender Form allen
deutschen Regierungen übermittelt wurde.
Sie, die ausgesprochenen Feinde der Nationalversammlung, wurden
aufgefordert, Truppen zu deren Verteidigung auszuheben! Weiter
wurde - auf dem Papier natürlich - eine Armee zur Verteidigung
der Nationalversammlung geschaffen. Divisionen, Brigaden, Regi-
menter, Batterien, alles war genau geregelt und verordnet. Nichts
fehlte als die Wirklichkeit, denn diese Armee wurde natürlich nie
ins Leben gerufen.
Noch ein letztes Mittel bot sich der Nationalversammlung. Aus al-
len Teilen des Landes entsandte die demokratische Bevölkerung De-
putationen, um sich dem Parlament zur Verfügung zu stellen und es
zu energischem Handeln anzuspornen. Das Volk, das die Absichten
der württembergischen Regierung kannte, beschwor die Nationalver-
sammlung, diese Regierung zu offener, aktiver Teilnahme am Auf-
stand im Nachbarlande zu zwingen. Aber nein! Indem sie nach
Stuttgart ging, hatte sich die Nationalversammlung der württem-
bergischen Regierung auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Die Ab-
geordneten wußten das und drosselten die Bewegung im Volke. Da-
durch verloren sie den letzten Rest von Einfluß, der ihnen noch
geblieben sein mochte. Sie ernteten die Verachtung, die sie ver-
dienten, und auf Drängen Preußens und des Reichsverwesers machte
die württembergische
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Regierung dem demokratischen Possenspiel ein Ende, indem sie am
18.Juni 1849 den Sitzungssaal des Parlaments absperrte und die
Mitglieder der Regentschaft des Landes verwies.
Sie gingen nunmehr nach Baden, ins Lager des Aufstands; aber dort
waren sie jetzt überflüssig. Niemand schenkte ihnen Beachtung.
Die Regentschaft indessen blieb - im Namen des souveränen deut-
schen Volkes - eifrig um die Rettung des Vaterlandes bemüht. Sie
unternahm einen Versuch, von fremden Mächten anerkannt zu werden,
indem sie P ä s s e ausstellte für jeden, der gewillt war, sie
zu nehmen. Sie erließ Proklamationen und sandte Kommissare aus,
um dieselben Gebiete Württembergs zum Aufstand zu bringen, deren
aktiven Beistand sie verschmäht hatte, als es noch Zeit gewesen.
Natürlich ohne Erfolg. Wir haben gerade einen Originalbericht vor
uns, den einer dieser Kommissare, der Abgeordnete für Öls, Herr
Rösler, der Regentschaft erstattete und dessen Inhalt recht be-
zeichnend ist. Er trägt das Datum Stuttgart, den 30. Juni 1849.
Nachdem er die Abenteuer eines halben Dutzend dieser Kommissare
bei ihrer ergebnislosen Suche nach barem Geld beschrieben, gibt
er eine Reihe Entschuldigungen zum besten, weshalb er noch nicht
auf seinen Posten gegangen, und ergeht sich dann in gar gewichti-
gen Betrachtungen über mögliche Differenzen zwischen Preußen,
Österreich, Bayern und Württemberg und die möglichen Konsequenzen
daraus. Nachdem er sich ausführlich damit beschäftigt, kommt er
jedoch zu dem Schlüsse, daß die Sache hoffnungslos sei. Danach
macht er den Vorschlag, einen Postdienst aus zuverlässigen Män-
nern für die Beförderung von vertraulichen Nachrichten und ein
Spionagesystem zur Ausforschung der Absichten des württembergi-
schen Ministeriums und der Truppenbewegungen zu schaffen. Dieser
Brief ist nie beim Adressaten angelangt, denn als er geschrieben
wurde, war die "Regentschaft" bereits völlig an das "Ministerium
des Äußeren", d.h. nach der Schweiz übergegangen; und während der
bedauernswerte Herr Rösler sich noch über die Absichten des
furchtbaren Ministeriums eines Königreichs sechsten Ranges den
Kopf zerbrach, hatten bereits hunderttausend preußische, bayri-
sche und hessische Soldaten die ganze Sache in der letzten
Schlacht unter den Mauern von Rastatt erledigt.
So verschwand das deutsche Parlament und mit ihm die erste und
letzte Schöpfung der deutschen Revolution. Seine Einberufung war
das erste sichtbare Zeichen gewesen, daß in Deutschland eine Re-
volution wirklich s t a t t g e f u n d e n h a t t e; und es
bestand solange, wie diese erste Revolution des modernen Deutsch-
lands noch nicht zum Abschluß gebracht worden war. Gewählt unter
dem Einfluß der Kapitalistenklasse von einer zerstückelten, ver-
streuten Landbevölkerung, die größtenteils erst aus der Dumpfheit
des
#107# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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Feudalismus erwachte, diente dies Parlament dazu, alle die
großen, volkstümlichen Namen aus der Zeit von 1820 bis 1848, ver-
einigt in einer Körperschaft, auf die politische Bühne zu bringen
und sie dann völlig zu erledigen. Alle Berühmtheiten des bürger-
lichen Liberalismus waren hier versammelt. Die Bourgeoisie erwar-
tete Wunder; sie erntete Schande für sich und ihre Vertreter. Die
Klasse der Industrie- und Handelskapitalisten erlitt in Deutsch-
land eine schwerere Niederlage als in irgendeinem anderen Lande;
sie wurde zuerst in jedem einzelnen deutschen Staat besiegt, ge-
demütigt und aus den Ämtern gejagt und dann im zentralen deut-
schen Parlament aufs Haupt geschlagen, mit Schmähungen überhäuft
und verspottet. Der Liberalismus in der Politik, die Herrschaft
der Bourgeoisie, gleichviel ob unter monarchischer oder republi-
kanischer Regierungsform, ist fortan in Deutschland unmöglich.
In der letzten Periode seines Bestehens diente das deutsche Par-
lament dazu, jene Partei, die seit März 1848 an der Spitze der
offiziellen Opposition gestanden, mit unauslöschlicher Schmach zu
bedecken: die Demokraten, die die Interessen des Kleinbürgertums
und eines Teils der Bauernschaft vertraten. Diese Klasse hatte im
Mai und Juni Gelegenheit gehabt, zu zeigen, daß sie imstande sei,
eine feste deutsche Regierung zu bilden. Wir haben gesehen, wie
sie scheiterte, nicht so sehr infolge der Ungunst der Verhält-
nisse als infolge der Feigheit, die sie bei jeder schwierigen
Wendung seit Ausbruch der Revolution fortgesetzt zeigte; infolge
der Kurzsichtigkeit, Kleinmütigkeit und Unentschlossenheit, die
für ihr geschäftliches Gebaren bezeichnend sind und die sie auch
in die Politik übertrug. Im Mai 1849 hatte diese Klasse durch ihr
Verhalten das Vertrauen der Arbeiterklasse, der wirklichen Kampf-
truppe aller europäischen Erhebungen, verloren. Aber noch waren
die Aussichten für sie nicht schlecht. Das deutsche Parlament war
nach dem Austritt der Reaktionäre und der Liberalen vollständig
in ihrer Hand. Die Landbevölkerung stand auf ihrer Seite. Zwei
Drittel der Truppen der kleineren Staaten, ein Drittel der preu-
ßischen Armee, der größere Teil der preußischen Landwehr 1*) wa-
ren bereit, sich ihr anzuschließen, wenn sie nur entschlossen und
mit jener Kühnheit handelte, die sich aus klarer Erkenntnis der
Sachlage ergibt. Aber die Politiker, die diese Klasse führten,
besaßen nicht mehr Scharfblick als die Scharen der Kleinbürger,
die ihnen Gefolgschaft leisteten. Es erwies sich, daß sie sogar
noch verblendeter, noch leidenschaftlicher an Illusionen hingen,
die sie wider besseres Wissen aufrechterhielten, daß sie noch
leichtgläubiger waren und noch unfähiger, den Tatsachen ent-
schlossen ins Auge zu sehen, als selbst die Liberalen.
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1*) In der "N.-Y.D.T." deutsch
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Ihre politische Bedeutung ist gleichfalls unter den Gefrierpunkt
gesunken. Aber da sie noch keine Gelegenheit gehabt, ihre abge-
droschenen Prinzipien tatsächlich in die Wirklichkeit umzusetzen,
hätten sie unter s e h r günstigen Umständen vorübergehend wie-
der aufleben können, wenn ihnen nicht, gleich ihren Kollegen von
der "reinen Demokratie" in Frankreich, der coup d'état 1*) des
Louis Bonaparte auch diese letzte Hoffnung genommen hätte.
Mit der Niederlage des südwestdeutschen Aufstands und dem Ausein-
anderjagen des deutschen Parlaments findet die Geschichte der er-
sten deutschen Revolution ihren Abschluß. Wir haben jetzt noch
einen letzten Blick auf die siegreichen Partner der konterrevolu-
tionären Allianz zu werfen. Das soll in unserem nächsten Briefe
geschehen. [55]
London, 24. September 1852
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1*) Staatsstreich
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