Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
zurück
#111#
-----
KARL MARX
Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte [58]
#112#
-----
#113#
-----
Titelblatt der Zeitschrift "Die Revolution",
in der Karl Marx' "Achtzehnter Brumaire des Louis Bonaparte"
erstmalig (unter einem anders gefaßten Titel) erschien
#114#
-----
#115#
-----
I
Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tat-
sachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. [59] Er hat
vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal
als Farce. Caussidière für Danton, Louis Blanc für Robespierre,
die Montagne [60] von 1848-1851 für die Montagne von 1793-1795,
der Neffe für den Onkel. Und dieselbe Karikatur in den Umständen,
unter denen die zweite Auflage des achtzehnten Brumaire [61] her-
ausgegeben wird!
Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie
nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern
unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Um-
ständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein
Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit be-
schäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Da-
gewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer
Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu
ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Ko-
stüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser er-
borgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. So mas-
kierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-
1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als rö-
misches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wüßte nichts Bes-
seres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung
von 1793-1795 zu parodieren. So übersetzt der Anfänger, der eine
neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Mutterspra-
che, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet,
und frei in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich ohne
Rückerinnerung in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache in
ihr vergißt.
Bei Betrachtung jener weltgeschichtlichen Totenbeschwörungen
zeigt sich sofort ein springender Unterschied. Camille Desmou-
lins, Danton, Robespierre,
#116# Karl Marx
-----
St-Just, Napoleon, die Heroen, wie die Parteien und die Masse der
alten französischen Revolution, vollbrachten in dem römischen Ko-
stüme und mit römischen Phrasen die Aufgabe ihrer Zeit, die Ent-
fesselung und Herstellung der modernen b ü r g e r l i c h e n
Gesellschaft. Die einen schlugen den feudalen Boden in Stücke und
mähten die feudalen Köpfe ab, die darauf gewachsen waren. Der an-
dere schuf im Innern von Frankreich die Bedingungen, worunter
erst die freie Konkurrenz entwickelt, das parzellierte Grundei-
gentum ausgebeutet, die entfesselte industrielle Produktivkraft
der Nation verwandt werden konnte, und jenseits der französischen
Grenzen fegte er überall die feudalen Gestaltungen weg, soweit es
nötig war, um der bürgerlichen Gesellschaft in Frankreich eine
entsprechende, zeitgemäße Umgebung auf dem europäischen Kontinent
zu verschaffen. Die neue Gesellschaftsformation einmal herge-
stellt, verschwanden die vorsündflutlichen Kolosse und mit ihnen
das wieder auferstandene Römertum - die Brutusse, Gracchusse.
Publicolas, die Tribunen, die Senatoren und Cäsar selbst. Die
bürgerliche Gesellschaft in ihrer nüchternen Wirklichkeit hatte
sich ihre wahren Dolmetscher und Sprachführer erzeugt in den
Says, Cousins, Royer-Collards, Benjamin Constants und Guizots,
ihre wirklichen Heerführer saßen hinter dem Kontortisch, und der
Speckkopf Ludwigs XVIII. war ihr politisches Haupt. Ganz absor-
biert in die Produktion des Reichtums und in den friedlichen
Kampf der Konkurrenz begriff sie nicht mehr, daß die Gespenster
der Römerzeit ihre Wiege gehütet hatten. Aber unheroisch, wie die
bürgerliche Gesellschaft ist, hatte es jedoch des Heroismus be-
durft, der Aufopferung, des Schreckens, des Bürgerkriegs und der
Völkerschlachten, um sie auf die Welt zu setzen. Und ihre Gladia-
toren fanden in den klassisch strengen Überlieferungen der römi-
schen Republik die Ideale und die Kunstformen, die Selbsttäu-
schungen, deren sie bedurften, um den bürgerlich beschränkten In-
halt ihrer Kämpfe sich selbst zu verbergen und ihre Leidenschaft
auf der Höhe der großen geschichtlichen Tragödie zu halten. So
hatten auf einer andern Entwicklungsstufe, ein Jahrhundert frü-
her, Cromwell und das englische Volk dem Alten Testament Sprache,
Leidenschaften und Illusionen für ihre bürgerliche Revolution
entlehnt. Als das wirkliche Ziel erreicht, als die bürgerliche
Umgestaltung der englischen Gesellschaft vollbracht war, ver-
drängte Locke den Habakuk.
Die Totenerweckung in jenen Revolutionen diente also dazu, die
neuen Kämpfe zu verherrlichen, nicht die alten zu parodieren, die
gegebene Aufgabe in der Phantasie zu übertreiben, nicht vor ihrer
Lösung in der Wirklichkeit zurückzuflüchten, den Geist der Revo-
lution wiederzufinden, nicht ihr Gespenst wieder umgehen zu ma-
chen.
#117# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
1848-1851 ging nur das Gespenst der alten Revolution um, von Mar-
rast, dem Républicain en gants jaunes 1*), der sich in den alten
Bailly verkleidete, bis auf den Abenteurer, der seine trivial-
widrigen Züge unter der eisernen Totenlarve Napoleons versteckt.
Ein ganzes Volk, das sich durch eine Revolution eine beschleu-
nigte Bewegungskraft gegeben zu haben glaubt, findet sich plötz-
lich in eine verstorbene Epoche zurückversetzt, und damit keine
Täuschung über den Rückfall möglich ist, stehn die alten Data
wieder auf, die alte Zeitrechnung, die alten Namen, die alten
Edikte, die längst der antiquarischen Gelehrsamkeit verfallen,
und die alten Schergen, die längst verfault schienen. Die Nation
kömmt sich vor wie jener närrische Engländer in Bedlam [62], der
zur Zeit der alten Pharaonen zu leben meint und täglich über die
harten Dienste jammert, die er in den äthiopischen Bergwerken als
Goldgräber verrichten muß, eingemauert in dies unterirdische Ge-
fängnis, eine spärlich leuchtende Lampe auf dem eigenen Kopfe be-
festigt, hinter ihm der Sklavenaufseher mit langer Peitsche und
an den Ausgängen ein Gewirr von barbarischen Kriegsknechten, die
weder die Zwangsarbeiter in den Bergwerken, noch sich untereinan-
der verstehn, weil sie keine gemeinsame Sprache reden. "Und dies
alles wird mir" - seufzt der närrische Engländer - "mir, dem
freigebornen Briten, zugemutet, um Gold für die alten Pharaonen
zu machen." "Um die Schulden der Familie Bonaparte zu zahlen" -
seufzt die französische Nation. Der Engländer, solange er bei
Verstand war, konnte die fixe Idee des Goldmachens nicht loswer-
den. Die Franzosen, solange sie revolutionierten, nicht die napo-
leonische Erinnerung, wie die Wahl vom 10. Dezember [63] bewies.
Sie sehnten sich aus den Gefahren der Revolution zurück nach den
Fleischtöpfen Ägyptens [64], und der 2. Dezember 1851 war die
Antwort. Sie haben nicht nur die Karikatur des alten Napoleon,
sie haben den alten Napoleon selbst karikiert, wie er sich aus-
nehmen muß in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.
Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts kann ihre
Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der
Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen
Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat. Die früheren
Revolutionen bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen,
um sich über ihren eigenen Inhalt zu betäuben. Die Revolution des
neunzehnten Jahrhunderts muß die Toten ihre Toten begraben las-
sen, um bei ihrem eignen Inhalt anzukommen. Dort ging die Phrase
über den Inhalt, hier geht der Inhalt über die Phrase hinaus.
Die Februarrevolution war eine Überrumpelung, eine Ü b e r-
r a s c h u n g der
-----
1*) Republikaner in gelben Handschuhen
#118# Karl Marx
-----
alten Gesellschaft, und das Volk proklamierte diesen unverhofften
H a n d s t r e i c h als eine weltgeschichtliche Tat, womit die
neue Epoche eröffnet sei. Am 2. Dezember wird die Februarrevolu-
tion eskamotiert durch die Volte eines falschen Spielers, und was
umgeworfen scheint, ist nicht mehr die Monarchie, es sind die li-
beralen Konzessionen, die ihr durch jahrhundertlange Kämpfe abge-
trotzt waren. Statt daß die G e s e l l s c h a f t selbst sich
einen neuen Inhalt erobert hätte, scheint nur der S t a a t zu
seiner ältesten Form zurückgekehrt, zur unverschämt einfachen
Herrschaft von Säbel und von Kutte. So antwortet auf den coup de
main 1*) vom Februar 1848 der coup de tête 2*) vom Dezember 1851.
Wie gewonnen, so zerronnen. Unterdessen ist die Zwischenzeit
nicht unbenutzt vorübergegangen. Die französische Gesellschaft
hat während der Jahre 1848-1851 die Studien und Erfahrungen nach-
geholt, und zwar in einer abkürzenden, weil revolutionären Me-
thode, die bei regelmäßiger; sozusagen schulgerechter Entwicke-
lung der Februarrevolution hätten vorhergehn müssen, sollte sie
mehr als eine Erschütterung der Oberfläche sein. Die Gesellschaft
scheint jetzt hinter ihren Ausgangspunkt zurückgetreten; in Wahr-
heit hat sie sich erst den revolutionären Ausgangspunkt zu schaf-
fen, die Situation, die Verhältnisse, die Bedingungen, unter
denen allein die moderne Revolution ernsthaft wird.
Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts,
stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte
überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten
gefaßt, die Ekstase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind
kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein lan-
ger Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate
ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Pro-
letarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhun-
derts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fort-
während in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Voll-
brachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen
grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten
ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen,
damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ih-
nen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück
vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eignen Zwecke, bis
die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht,
und die Verhältnisse selbst rufen:
Hic Rhodus, hic salta!
Hier ist die Rose, hier tanze! [65]
-----
1*) Handstreich - 2*) frech von oben geführte Streich
#119# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Jeder erträgliche Beobachter übrigens, selbst wenn er nicht
Schritt vor Schritt dem Gang der französischen Entwicklung ge-
folgt war, mußte ahnen, daß der Revolution eine unerhörte Blamage
bevorstehe. Es genügte, das selbstgefällige Siegsgekläffe zu hö-
ren, womit die Herren Demokraten sich wechselweis zu den Gnaden-
wirkungen des zweiten [Sonntags des Monats] Mai 1852 [66]
beglückwünschten. Der zweite [Sonntag des Monats] Mai 1852 war in
ihren Köpfen zur fixen Idee geworden, zum Dogma, wie der Tag, an
dem Christus wiedererscheinen und das Tausendjährige Reich
beginnen sollte, in den Köpfen der Chiliasten. Die Schwäche hatte
sich wie immer in den Wunderglauben gerettet, glaubte den Feind
überwunden, wenn sie ihn in der Phantasie weghexte, und verlor
alles Verständnis der Gegenwart über der tatlosen Verhimmelung
der Zukunft, die ihr bevorstehe, und der Taten, die sie in petto
habe, aber nur noch nicht an den Mann bringen wolle. Jene Helden,
die ihre bewiesene Unfähigkeit dadurch zu widerlegen suchen, daß
sie sich wechselseitig ihr Mitleiden schenken und sich zu einem
Haufen zusammentun, hatten ihre Bündel geschnürt, strichen ihre
Lorbeerkronen auf Vorschuß ein und waren eben damit beschäftigt,
auf dem Wechselmarkt die Republiken in partibus [2] diskontieren
zu lassen, für die sie bereits in aller Stille ihres anspruchs-
losen Gemüts das Regierungspersonal vorsorglich organisiert
hatten. Der 2. Dezember traf sie wie ein Blitzstrahl aus heiterm
Himmel, und die Völker, die in Epochen kleinmütiger Verstimmung
sich gern ihre innere Angst von den lautesten Schreiern über-
täuben lassen, werden sich vielleicht überzeugt haben, daß die
Zeiten vorüber sind, wo das Geschnatter von Gänsen das Kapitol
retten konnte [67].
Die Konstitution, die Nationalversammlung, die dynastischen Par-
teien, die blauen und die roten Republikaner, die Helden von
Afrika [68], der Donner der Tribüne, das Wetterleuchten der Ta-
gespresse, die gesamte Literatur, die politischen Namen und die
geistigen Renommeen, das bürgerliche Gesetz und das peinliche
Recht, die liberté, égalité, fraternité 1*) und der zweite
[Sonntag des Monats] Mai 1852 - alles ist verschwunden wie eine
Phantasrnagorie vor der Bannformel eines Mannes, den seine Feinde
Selbst für keinen Hexenmeister ausgeben. Das allgemeine Wahlrecht
scheint nur einen Augenblick überlebt zu haben, damit es eigen-
händig vor den Augen aller Welt sein Testament mache und im Namen
des Volkes selbst erkläre: "Alles, was besteht, ist wert, daß es
zugrunde geht" [69].
Es genügt nicht zu sagen, wie die Franzosen tun, daß ihre Nation
überrascht worden sei. Einer Nation und einer Frau wird die unbe-
wachte Stunde
-----
1*) Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
#120# Karl Marx
-----
nicht verziehen, worin der erste beste Abenteurer ihnen Gewalt
antun konnte. Das Rätsel wird durch dergleichen Wendungen nicht
gelöst, sondern nur anders formuliert. Es bliebe zu erklären, wie
eine Nation von 36 Millionen durch drei Industrieritter über-
rascht und widerstandslos in die Gefangenschaft abgeführt werden
kann.
Rekapitulieren wir in allgemeinen Zügen die Phasen, die die fran-
zösische Revolution vom 24. Februar 1848 bis zum Dezember 1851
durchlaufen hat.
Drei Hauptperioden sind unverkennbar: d i e F e b r u a r-
p e r i o d e; 4. Mai 1848 bis zum 28. Mai 1849: P e r i o d e
d e r K o n s t i t u i e r u n g d e r R e p u b l i k oder
d e r k o n s t i t u i e r e n d e n N a t i o n a l v e r-
s a m m l u n g; 28. Mai 1849 bis zum 2. Dezember 1851:
P e r i o d e d e r k o n s t i t u t i o n e l l e n R e-
p u b l i k oder d e r l e g i s l a t i v e n N a t i o-
n a l v e r s a m m l u n g.
Die e r s t e P e r i o d e vom 24. Februar oder dem Sturze
Louis-Philippes bis zum 4. Mai 1848, dem Zusammentritt der kon-
stituierenden Versammlung, die eigentliche F e b r u a r-
p e r i o d e, kann als der P r o l o g der Revolution be-
zeichnet werden. Ihr Charakter sprach sich offiziell darin aus,
daß die von ihr improvisierte Regierung sich selbst für p r o-
v i s o r i s c h erklärte, und wie die Regierung gab alles, was
in dieser Periode angeregt, versucht, ausgesprochen wurde, sich
für nur p r o v i s o r i s c h aus. Niemand und nichts wagte
das Recht des Bestehens und der wirklichen Tat für sich in
Anspruch zu nehmen. Alle Elemente, die die Revolution vorbereitet
oder bestimmt hatten, dynastische Opposition [70], republikani-
sche Bourgeoisie, demokratisch-republikanisches Kleinbürgertum,
sozial-demokratisches Arbeitertum, fanden provisorisch ihren
Platz in der Februar - R e g i e r u n g.
Es konnte nicht anders sein. Die Februartage bezweckten ursprüng-
lich eine Wahlreform, wodurch der Kreis der politisch Privile-
gierten unter der besitzenden Klasse selbst erweitert und die
ausschließliche Herrschaft der Finanzaristokratie gestürzt werden
sollte. Als es aber zum wirklichen Konflikt kam, das Volk auf die
Barrikaden stieg, die Nationalgarde sich passiv verhielt, die Ar-
mee keinen ernstlichen Widerstand leistete und das Königtum da-
vonlief, schien sich die Republik von selbst zu verstehn. Jede
Partei deutete sie in ihrem Sinn. Von dem Proletariat, die Waffen
in der Hand, ertrotzt, prägte es ihr seinen Stempel auf und pro-
klamierte sie als s o z i a l e R e p u b l i k. So wurde der
allgemeine Inhalt der modernen Revolution angedeutet, der in son-
derbarstem Widerspruch stand zu allem, was mit dem vorliegenden
Material, mit der erreichten Bildungsstufe der Masse, unter den
gegebenen Umständen und Verhältnissen zunächst unmittelbar ins
Werk gesetzt werden konnte. Andrerseits wurde der Anspruch aller
übrigen Elemente, die zur Februarrevolution mitgewirkt hatten,
anerkannt in dem Löwenanteil, den sie
#121# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
an der Regierung erhielten. In keiner Periode finden wir daher
ein bunteres Gemisch von überfliegenden Phrasen und tatsächlicher
Unsicherheit und Unbeholfenheit, von enthusiastischerem Neue-
rungsstreben und von gründlicherer Herrschaft der alten Routine,
von mehr scheinbarer Harmonie der ganzen Gesellschaft und von
tieferer Entfremdung ihrer Elemente. Während das Pariser Proleta-
riat noch in dem Anblick der großen Perspektive, die sich ihm er-
öffnet hatte, schwelgte und sich in ernstgemeinten Diskussionen
über die sozialen Probleme erging, hatten sich die alten Mächte
der Gesellschaft gruppiert, gesammelt, besonnen und fanden eine
unerwartete Stütze an der Masse der Nation, den Bauern und Klein-
bürgern, die alle auf einmal auf die politische Bühne stürzten,
nachdem die Barrieren der Julimonarchie gefallen waren.
Die z w e i t e P e r i o d e vom 4. Mai 1848 bis Ende Mai
1849 ist die Periode der K o n s t i t u i e r u n g, d e r
B e g r ü n d u n g d e r b ü r g e r l i c h e n R e-
p u b l i k. Unmittelbar nach den Februartagen war nicht nur die
dynastische Opposition überrascht worden durch die Republikaner,
die Republikaner durch die Sozialisten, sondern ganz Frankreich
durch Paris. Die Nationalversammlung, die am 4.Mai 1848 zu-
sammentrat, aus den Wahlen der Nation hervorgegangen, re-
präsentierte die Nation. Sie war ein lebendiger Protest gegen die
Zumutungen der Februartage und sollte die Resultate der Revolu-
tion auf den bürgerlichen Maßstab zurückführen. Vergebens ver-
suchte das Pariser Proletariat, das den Charakter dieser Natio-
nalversammlung sofort begriff, wenige Tage nach ihrem Zusammen-
tritt, am 15. Mai, ihre Existenz gewaltsam wegzuleugnen, sie auf-
zulösen, die organische Gestalt, worin der reagierende Geist der
Nation es bedrohte, wieder in ihre einzelnen Bestandteile zu zer-
streuen. [37] Der 15.Mai hatte bekanntlich kein anderes Resultat,
als Blanqui und Genossen, d.h. die wirklichen Führer der proleta-
rischen Partei, für die ganze Dauer des Zyklus, den wir betrach-
ten, vom öffentlichen Schauplatz zu entfernen.
Auf die b ü r g e r l i c h e M o n a r c h i e Louis-Philip-
pes kann nur die b ü r g e r l i c h e R e p u b l i k folgen,
d.h., wenn unter dem Namen des Königs ein beschränkter Teil der
Bourgeoisie geherrscht hat, so wird jetzt im Namen des Volks die
Gesamtheit der Bourgeoisie herrschen. Die Forderungen des Pariser
Proletariats sind utopistische Flausen, womit geendet werden muß.
Auf diese Erklärung der konstituierenden Nationalversammlung ant-
wortete das Pariser Proletariat mit der J u n i - I n s u r-
r e k t i o n, dem kolossalsten Ereignis in der Geschichte der
europäischen Bürgerkriege. Die bürgerliche Republik siegte. Auf
ihrer Seite stand die Finanzaristokratie, die industrielle
Bourgeoisie, der Mittelstand, die Kleinbürger, die Armee, das als
Mobilgarde [71] organisierte Lumpenproletariat, die geistigen
Kapazitäten, die Pfaffen und die Landbevölkerung.
#122# Karl Marx
-----
Auf der Seite des Pariser Proletariats stand niemand als es
selbst. Über 3000 Insurgenten wurden niedergemetzelt nach dem
Siege, 15 000 ohne Urteil transportiert. Mit dieser Niederlage
tritt das Proletariat in den H i n t e r g r u n d der revolu-
tionären Bühne. Es versucht sich jedesmal wieder vorzudrängen,
sobald die Bewegung einen neuen Anlauf zu nehmen scheint, aber
mit immer schwächerem Kraftaufwand und stets geringerem Resultat.
Sobald eine der höher über ihm liegenden Gesellschaftsschichten
in revolutionäre Gärung gerät, geht es eine Verbindung mit ihr
ein und teilt so alle Niederlagen, die die verschiedenen Parteien
nacheinander erleiden. Aber diese nachträglichen Schläge
schwächen sich immer mehr ab, je mehr sie sich auf die ganze
Oberfläche der Gesellschaft verteilen. Seine bedeutenderen Führer
in der Versammlung und in der Presse fallen der Reihe nach den
Gerichten als Opfer, und immer zweideutigere Figuren treten an
seine Spitze. Zum Teil wirft es sich auf d o k t r i n ä r e
E x p e r i m e n t e, T a u s c h b a n k e n u n d A r-
b e i t e r a s s o z i a t i o n e n, a l s o i n e i n e
B e w e g u n g, w o r i n e s d a r a u f v e r z i c h-
t e t, d i e a l t e W e l t m i t i h r e n e i g e n e n
g r o ß e n G e s a m t m i t t e l n u m z u w ä l z e n,
v i e l m e h r h i n t e r d e m R ü c k e n d e r G e-
s e l l s c h a f t, a u f P r i v a t w e i s e, i n n e r-
h a l b s e i n e r b e s c h r ä n k t e n E x i s t e n z-
b e d i n g u n g e n, s e i n e E r l ö s u n g z u v o l l-
b r i n g e n s u c h t, a l s o n o t w e n d i g s c h e i-
t e r t. Es scheint weder in sich selbst die revolutionäre Größe
wiederfinden noch aus den neu eingegangenen Verbindungen neue
Energie gewinnen zu können, bis a l l e K l a s s e n, womit
es im Juni gekämpft, neben ihm selbst platt darniederliegen. Aber
wenigstens erliegt es mit den Ehren des großen weltgeschicht-
lichen Kampfes; nicht nur Frankreich, ganz Europa zittert vor dem
Juni-Erdbeben, während die nachfolgenden Niederlagen der höhern
Klassen so wohlfeil erkauft werden, daß sie der frechen
Übertreibung von Seiten der siegenden Partei bedürfen, um über-
haupt als Ereignisse passieren zu können, und um so schmachvoller
werden, je weiter die unterliegende Partei von der proletarischen
entfernt ist.
Die Niederlage der Juni-Insurgenten hatte nun allerdings das Ter-
rain vorbereitet, geebnet, worauf die bürgerliche Republik be-
gründet, aufgeführt werden konnte; aber sie hatte zugleich ge-
zeigt, daß es sich in Europa um andre Fragen handelt als um
"Republik oder Monarchie". Sie hatte offenbart, daß b ü r-
g e r l i c h e R e p u b l i k hier die uneingeschränkte
Despotie einer Klasse über andre Klassen bedeute. Sie hatte be-
wiesen, daß in altzivilisierten Ländern mit entwickelter Klassen-
bildung, mit modernen Produlctionsbedingungen und mit einem gei-
stigen Bewußtsein, worin alle überlieferten Ideen durch jahr-
hundertlange Arbeit aufgelöst sind, d i e R e p u b l i k
ü b e r h a u p t n u r d i e p o l i t i s c h e U m w ä l-
z u n g s f o r m d e r b ü r g e r l i c h e n G e s e l l-
s c h a f t bedeutet und nicht ihre k o n s e r v a t i v e
L e b e n s f o r m, wie z.B. in den Vereinigten Staaten von
Nordamerika, wo zwar schon Klassen bestehn, aber sich noch nicht
fixiert haben, sondern in
#123# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
beständigem Flusse fortwährend ihre Bestandteile wechseln und an-
einander abtreten, wo die modernen Produktionsmittel, statt mit
einer stagnanten Übervölkerung zusammenzufallen, vielmehr den re-
lativen Mangel an Köpfen und Händen ersetzen, und wo endlich die
fieberhaft jugendliche Bewegung der materiellen Produktion, die
eine neue Welt sich anzueignen hat, weder Zeit noch Gelegenheit
ließ, die alte Geisterwelt abzuschaffen.
Alle Klassen und Parteien hatten sich während der Junitage zur
P a r t e i d e r O r d n u n g vereint gegenüber der proleta-
rischen Klasse, als der P a r t e i d e r A n a r c h i e,
des Sozialismus, des Kommunismus. Sie hatten die Gesellschaft
"gerettet" gegen "d i e F e i n d e d e r G e s e l l-
s c h a f t". Sie hatten die Stichworte der alten Gesellschaft,
"Eigentum, Familie, Religion, Ordnung", als Parole unter ihr Heer
ausgeteilt und der kontrerevolutionären Kreuzfahrt zugerufen:
"Unter diesem Zeichen wirst du siegen!" [72] Von diesem
Augenblick, sobald eine der zahlreichen Parteien, die sich unter
diesem Zeichen gegen die Juni- Insurgenten geschart hatten, in
ihrem eigenen Klasseninteresse den revolutionären Kampfplatz zu
behaupten sucht, unterliegt sie vor dem Rufe: "Eigentum, Familie,
Religion, Ordnung". Die Gesellschaft wird ebensooft gerettet, als
sich der Kreis ihrer Herrscher verengt, als ein exklusiveres
Interesse dem weiteren gegenüber behauptet wird. Jede Forderung
der einfachsten bürgerlichen Finanzreform, des ordinärsten
Liberalismus, des formalsten Republikanertums, der plattesten De-
mokratie, wird gleichzeitig als "Attentat auf die Gesellschaft"
bestraft und als "Sozialismus" gebrandmarkt. Und schließlich wer-
den die Hohenpriester der "Religion und Ordnung" selbst mit Fuß-
tritten von ihren Pythiastühlen verjagt, bei Nacht und Nebel aus
ihren Betten geholt, in Zellenwagen gesteckt, in Kerker geworfen
oder ins Exil geschickt, ihr Tempel wird der Erde gleichgemacht,
ihr Mund wird versiegelt, ihre Feder zerbrochen, ihr Gesetz zer-
rissen, im Namen der Religion, des Eigentums, der Familie, der
Ordnung. Ordnungsfanatische Bourgeois auf ihren Balkonen werden
von besoffenen Soldatenhaufen zusammengeschossen, ihr Familien-
heiligtum wird entweiht, ihre Häuser werden zum Zeitvertreib bom-
bardiert - im Namen des Eigentums, der Familie, der Religion und
der Ordnung. Der Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft bildet
schließlich die heilige Phalanx der Ordnung, und Held Krapülinski
[73] zieht in die Tuilerien ein als "Retter der Gesellschaft".
#124#
-----
II
Nehmen wir den Faden der Entwicklung wieder auf.
Die Geschichte der k o n s t i t u i e r e n d e n N a t i o-
n a l v e r s a m m l u n g seit den Junitagen ist die G e-
s c h i c h t e d e r H e r r s c h a f t u n d d e r A u f-
l ö s u n g d e r r e p u b l i k a n i s c h e n B o u r g e-
o i s f r a k t i o n, jener Fraktion, die man unter dem Namen
trikolore Republikaner, reine Republikaner, politische Republi-
kaner, formalistische Republikaner usw. kennt.
Sie hatte unter der bürgerlichen Monarchie Louis-Philippes die
o f f i z i e l l e republikanische O p p o s i t i o n und
daher einen anerkannten Bestandteil der damaligen politischen
Welt gebildet. Sie besaß ihre Vertreter in den Kammern, und in
der Presse einen bedeutenden Wirkungskreis. Ihr Pariser Organ,
der "National" [74], galt in seiner Weise für ebenso respektabel
als das "Journal des Débats" [75]. Dieser Stellung unter der kon-
stitutionellen Monarchie entsprach ihr Charakter. Es war dies
keine durch große gemeinsame Interessen zusammengehaltene und
durch eigentümliche Produktionsbedingungen abgegrenzte Fraktion
der Bourgeoisie. Es war eine Koterie von republikanisch gesinnten
Bourgeois, Schriftstellern, Advokaten, Offizieren und Beamten,
deren Einfluß auf den persönlichen Antipathien des Landes gegen
Louis-Philippe, auf Erinnerungen an die alte Republik, auf dem
republikanischen Glauben einer Anzahl von Schwärmern, vor allem
aber auf dem f r a n z ö s i s c h e n N a t i o n a l i s-
m u s beruhte, dessen Haß gegen die Wiener Verträge und gegen
die Allianz mit England sie fortwährend wachhielt. Einen großen
Teil des Anhangs, den der "National" unter Louis-Philippe besaß,
schuldete er diesem versteckten Imperialismus, der ihm daher
später unter der Republik als ein vernichtender Konkurrent in der
Person Louis Bonapartes gegenübertreten konnte. Die Finanzaristo-
kratie bekämpfte er, wie die ganze übrige bürgerliche Opposition
es tat. Die Polemik gegen das Budget, die in Frankreich genau mit
der Bekämpfung der Finanzaristokratie zusammenhing, verschaffte
eine zu wohlfeile Popularität und zu reichhaltigen Stoff zu
puritanischen leading
#125# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
articles 1*), um nicht ausgebeutet zu werden. Die industrielle
Bourgeoisie war ihm dankbar für seine sklavische Verteidigung des
französischen Schutzzollsystems, das er indes auf mehr nationale
als nationalökonomische Gründe hin aufnahm, die Gesamtbourgeoisie
für seine gehässigen Denunziationen des Kommunismus und Sozialis-
mus. Im übrigen war die Partei des "National" r e i n r e-
p u b l i k a n i s c h, d.h., sie verlangte eine republika-
nische statt einer monarchischen Form der Bourgeoisherrschaft und
vor allem ihren Löwenanteil an dieser Herrschaft. Über die Bedin-
gungen dieser Umwandlung war sie sich durchaus nicht klar. Was
ihr dagegen sonnenklar war und auf den Reformbanketten in der
letzten Zeit Louis-Philippes öffentlich erklärt wurde, war ihre
Unpopularität bei den demokratischen Kleinbürgern und insbeson-
dere bei dem revolutionären Proletariat. Diese reinen Republika-
ner, wie reine Republikaner denn sind, standen auch schon auf dem
Sprunge, sich zunächst mit einer Regentschaft der Herzogin von
Orléans [76] zu begnügen, als die Februarrevolution ausbrach und
ihren bekanntesten Vertretern einen Platz in der provisorischen
Regierung anwies. Sie besaßen natürlich von vornherein das Ver-
trauen der Bourgeoisie und die Majorität der konstituierenden
Nationalversammlung. Aus der Exekutivkommission, welche die
Nationalversammlung bei ihrem Zusammentritt bildete, wurden so-
fort die s o z i a l i s t i s c h e n Elemente der provisori-
schen Regierung ausgeschlossen, und die Partei des "National" be-
nutzte den Ausbruch der Juni-Insurrektion, um auch die E x e-
k u t i v k o m m i s s i o n abzudanken und damit ihre nächsten
Rivalen, die k l e i n b ü r g e r l i c h e n oder d e m o-
k r a t i s c h e n R e p u b l i k a n e r (Ledru-Rollin
usw.), loszuwerden. Cavaignac, der General der bourgeois-re-
publikanischen Partei, der die Junischlacht kommandierte, trat an
die Stelle der Exekutivkommission mit einer Art diktatorischer
Gewalt. Marrast, ehemaliger Redakteur en chef des "National",
wurde der perpetuierliche Präsident der konstituierenden Natio-
nalversammlung, und die Ministerien, wie sämtliche übrigen bedeu-
tenden Posten, fielen den reinen Republikanern anheim.
Die republikanische Bourgeoisfraktion, die sich seit lange als
legitime Erbin der Julimonarchie betrachtet hatte, fand sich so
in ihrem Ideal übertroffen, aber sie gelangte zur Herrschaft,
nicht, wie sie unter Louis-Philippe geträumt hatte, durch eine
liberale Revolte der Bourgeoisie gegen den Thron, sondern durch
eine niederkartätschte Erneute des Proletariats gegen das Kapi-
tal. Was sie als das r e v o l u t i o n ä r s t e Ereignis
sich vorgestellt hatte, trug sich in Wirklichkeit zu als das
k o n t r e r e v o l u t i o n ä r s t e. Die Frucht fiel ihr
in den Schoß, aber sie fiel vom Baum der Erkenntnis, nicht vom
Baum des Lebens.
-----
1*) Leitartikeln
#126# Karl Marx
-----
Die ausschließliche H e r r s c h a f t d e r B o u r g e-
o i s - R e p u b l i k a n e r währte nur vom 24. Juni bis zum
10. Dezember 1848. Sie resümiert sich in der A b f a s s u n g
e i n e r r e p u b l i k a n i s c h e n K o n s t i t u-
t i o n und im B e l a g e r u n g s z u s t a n d v o n
P a r i s.
Die neue K o n s t i t u t i o n war im Grunde nur die republi-
kanisierte Ausgabe der konstitutionellen Charte von 1830 [77].
Der enge Wahlzensus der Julimonarchie, der selbst einen großen
Teil der Bourgeoisie von der politischen Herrschaft ausschloß,
war unvereinbar mit der Existenz der bürgerlichen Republik. Die
Februarrevolution hatte sofort an der Stelle dieses Zensus das
direkte allgemeine Wahlrecht proklamiert. Die Bourgeois-Republi-
kaner konnten dieses Ereignis nicht ungeschehn machen. Sie mußten
sich damit begnügen, die beschränkende Bestimmung eines sechsmo-
natlichen Domizils am Wahlorte hinzuzufügen. Die alte Organisa-
tion der Verwaltung, des Gemeindewesens, der Rechtspflege, der
Armee usw. blieb unversehrt bestehen, oder wo die Konstitution
sie änderte, betraf die Änderung das Inhaltsregister, nicht den
Inhalt, den Namen, nicht die Sache.
Der unvermeidliche Generalstab der Freiheiten von 1848, persönli-
che Freiheit, Preß-, Rede-, Assoziations-, Versammlungs-, Lehr-
und Religionsfreiheit usw., erhielt eine konstitutionelle Uni-
form, die sie unverwundbar machte. Jede dieser Freiheiten wird
nämlich als das u n b e d i n g t e Recht des französischen Ci-
toyen proklamiert, aber mit der beständigen Randglosse, daß sie
schrankenlos sei, soweit sie nicht durch die "gleichen Rechte an-
derer und die öffentliche Sicherheit" beschränkt werde, oder
durch "Gesetze", die eben diese Harmonie der individuellen Frei-
heiten untereinander und mit der öffentlichen Sicherheit vermit-
teln sollen. Z.B.: "Die Bürger haben das Recht, sich zu assoziie-
ren, sich friedlich und unbewaffnet zu versammeln, zu petitionie-
ren und ihre Meinungen durch die Presse oder wie sonst immer aus-
zudrücken. D e r G e n u ß d i e s e r R e c h t e h a t
k e i n e a n d r e S c h r a n k e a l s d i e g l e i-
c h e n R e c h t e a n d r e r u n d d i e ö f f e n t-
l i c h e S i c h e r h e i t." (Kap. II der französischen
Konstitution, § 8.) - "Der Unterricht ist frei. Die Freiheit des
Unterrichts soll genossen werden unter den vom Gesetze fixierten
Bedingungen und unter der Oberaufsicht des Staats." (A. a. 0., §
9.) - "Die Wohnung jedes Bürgers ist unverletzlich a u ß e r in
den vom Gesetz vorgeschriebenen Formen." (Kap. II, § 3.) Usw.
usw. - Die Konstitution weist daher beständig auf zukünftige
o r g a n i s c h e Gesetze hin, die jene Randglossen ausführen
und den Genuß dieser unbeschränkten Freiheiten so regulieren
sollen, daß sie weder untereinander noch mit der öffentlichen
Sicherheit anstoßen. Und später sind diese organischen Gesetze
von den Ordnungsfreunden ins Leben gerufen und alle jene
Freiheiten so reguliert worden, daß die Bourgeoisie in deren
Genuß an den gleichen Rechten der andern Klassen keinen Anstoß
findet. Wo sie "den andern" diese Freiheiten
#127# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
ganz untersagt oder ihren Genuß unter Bedingungen erlaubt, die
ebenso viele Polizeifallstricke sind, geschah dies immer nur im
Interesse der "öffentlichen Sicherheit", d.h. der Sicherheit der
Bourgeoisie, wie die Konstitution vorschreibt. Beide Seiten beru-
fen sich daher in der Folge mit vollem Recht auf die Konstitu-
tion, sowohl die Ordnungsfreunde, die alle jene Freiheiten auf-
hoben, wie die Demokraten, die sie alle herausverlangten. Jeder
Paragraph der Konstitution enthält nämlich seine eigene Anti-
these, sein eignes Ober-und Unterhaus in sich, nämlich in der
allgemeinen Phrase die Freiheit, in der Randglosse die Aufhebung
der Freiheit. Solange also der N a m e der Freiheit respektiert
und nur die wirkliche Ausführung derselben verhindert wurde, auf
gesetzlichem Wege versteht sich, blieb das konstitutionelle Da-
sein der Freiheit unversehrt, unangetastet, mochte ihr g e-
m e i n e s Dasein noch so sehr totgeschlagen sein.
Diese auf so sinnige Weise unverletzlich gemachte Konstitution
war indes wie Achilles an einem Punkte verwundbar, nicht an der
Ferse, aber am Kopfe oder vielmehr an den zwei Köpfen, worin sie
sich verlief - g e s e t z g e b e n d e V e r s a m m l u n g
einerseits, P r ä s i d e n t andrerseits. Man durchfliege die
Konstitution, und man wird finden, daß nur die Paragraphen, worin
das Verhältnis des Präsidenten zur gesetzgebenden Versammlung be-
stimmt wird, absolut, positiv, widerspruchslos, unverdrehbar
sind. Hier galt es nämlich für die Bourgeois-Republikaner, sich
selbst sicherzustellen. §§ 45-70 der Konstitution sind so abge-
faßt, daß die Nationalversammlung den Präsidenten konstitutio-
nell, der Präsident die Nationalversammlung nur inkonstitutionell
beseitigen kann, nur indem er die Konstitution selbst beseitigt.
Hier fordert sie also ihre gewaltsame Vernichtung heraus. Sie
heiligt nicht nur wie die Charte von 1830 die Teilung der Gewal-
ten, sie erweitert sie bis zum unerträglichen Widerspruch. Das
S p i e l d e r k o n s t i t u t i o n e l l e n G e w a l-
t e n, wie Guizot den parlamentarischen Krakeel zwischen gesetz-
gebender und vollziehender Gewalt nannte, spielt in der
Konstitution von 1848 beständig va banque. Auf der einen Seite
750 durch allgemeines Stimmrecht gewählte und wieder wählbare
Volksrepräsentanten, die eine unkontrollierbare, unauflösbare,
unteilbare Nationalversammlung bilden, eine Nationalversammlung,
welche gesetzgeberische Allmacht genießt, über Krieg, Frieden und
Handelsverträge in letzter Instanz entscheidet, allein das Recht
der Amnestie besitzt und durch ihre Permanenz unaufhörlich den
Vordergrund der Bühne behauptet. Andrerseits der Präsident, mit
allen Attributen der königlichen Macht, mit der Befugnis, seine
Minister unabhängig von der Nationalversammlung ein- und abzu-
setzen, mit allen Mitteln der exekutiven Gewalt in seinen Händen,
alle Stellen vergebend, lind d. h. in Frankreich wenigstens über
1 1/2 Millionen
#128# Karl Marx
-----
Existenzen entscheidend, denn so viel hängen an den 500 000 Beam-
ten und an den Offizieren aller Grade. Er hat die ganze bewaff-
nete Macht hinter sich. Er genießt das Privilegium, einzelne Ver-
brecher zu begnadigen, Nationalgarden zu suspendieren, die von
den Bürgern selbst erwählten General-, Kantonal- und Gemeinderäte
im Einverständnis mit dem Staatsrat abzusetzen. Initiative und
Leitung aller Verträge mit dem Ausland sind ihm vorbehalten. Wäh-
rend die Versammlung beständig auf den Brettern spielt und dem
kritisch gemeinen Tageslicht ausgesetzt ist, führt er ein verbor-
genes Leben in den elyseeischen Gefilden, und zwar mit Artikel 45
der Konstitution vor Augen und im Herzen, der ihm täglich zuruft:
"Frère, il faut mourir!" 1*) Deine Macht hört auf am zweiten
Sonntag des schönen Monats Mai im vierten Jahr deiner Wahl! Dann
ist die Herrlichkeit am Ende, das Stück spielt nicht zweimal, und
wenn du Schulden hast, siehe beizeiten zu, daß du sie mit den dir
von der Konstitution ausgeworfenen 600 000 Franken abzahlst,
ziehst du nicht etwa vor, am zweiten Montag des schönen Monats
Mai nach Clichy [78] zu wandern! - Wenn die Konstitution so dem
Präsidenten die faktische Gewalt beilegt, sucht sie der National-
versammlung die moralische Macht zu sichern. Abgesehn davon, daß
es unmöglich ist, durch Gesetzesparagraphen eine moralische Macht
zu schaffen, hebt die Konstitution sich hierin wieder selbst auf,
indem sie den Präsidenten von allen Franzosen durch direktes
Stimmrecht wählen läßt. Während die Stimmen Frankreichs sich auf
die 750 Mitglieder der Nationalversammlung zersplittern, konzen-
trieren sie sich dagegen hier auf e i n Individuum. Während je-
der einzelne Volksrepräsentant nur diese oder jene Partei, diese
oder jene Stadt, diesen oder jenen Brückenkopf oder auch nur die
Notwendigkeit vertritt, einen beliebigen Siebenhundertundfünf-
zigsten zu wählen, bei dem man sich weder die Sache noch den Mann
so genau ansieht, ist e r der Erwählte der Nation, und der Akt
seiner Wahl ist der große Trumpf, den das souveräne Volk alle
vier Jahre einmal ausspielt. Die erwählte Nationalversammlung
steht in einem metaphysischen, aber der erwählte Präsident in ei-
nem persönlichen Verhältnis zur Nation. Die Nationalversammlung
stellt wohl in ihren einzelnen Repräsentanten die mannigfaltigen
Seiten des Nationalgeistes dar, aber in dem Präsidenten inkar-
niert er sich. Er besitzt ihr gegenüber eine Art von göttlichem
Recht, er ist von Volkes Gnaden.
Thetis, die Meergöttin, hatte dem Achilles prophezeit, daß er in
der Blüte der Jugend sterben werde. Die Konstitution, die ihren
faulen Fleck hat, wie Achilles, hatte auch ihre Ahnung, wie
Achilles, daß sie frühen Todes abgehn
-----
1*) "Bruder, es heißt sterben!"
#129# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
müsse. Es genügte den konstituierenden reinen Republikanern,
einen Blick aus dem Wolkenhimmel ihrer idealen Republik auf die
profane Welt zu werfen, um zu erkennen, wie der Übermut der Roya-
listen, der Bonapartisten, der Demokraten, der Kommunisten und
ihr eigner Mißkredit täglich stiegen, in demselben Maße, als sie
sich der Vollendung ihres großen gesetzgeberischen Kunstwerks nä-
herten, ohne daß Thetis deshalb das Meer zu verlassen und ihnen
das Geheimnis mitzuteilen brauchte. Sie suchten das Verhängnis
konstitutionell-pfiffig zu überlisten durch § 111 der Konstitu-
tion, wonach jeder Vorschlag zur R e v i s i o n d e r
V e r f a s s u n g in drei sukzessiven Debatten, zwischen denen
immer ein ganzer Monat zu liegen hat, von wenigstens 3/4 der
Stimmen votiert werden muß, vorausgesetzt noch, daß nicht weniger
als 500 Mitglieder der Nationalversammlung stimmen. Sie machten
damit nur den ohnmächtigen Versuch, noch als parlamentarische Mi-
norität, als welche sie sich schon prophetisch im Geiste erblick-
ten, eine Macht auszuüben, die in diesem Augenblicke, wo sie über
die parlamentarische Majorität verfügten und über alle Mittel der
Regierungsgewalt, täglich mehr ihren schwachen Händen ent-
schlüpfte.
Endlich vertraut die Konstitution, in einem melodramatischen Pa-
ragraphen, sich selbst "der Wachsamkeit und dem Patriotismus des
ganzen französischen Volkes wie jedes einzelnen Franzosen" an,
nachdem sie vorher schon in einem andern Paragraphen die
"Wachsamen" und "Patriotischen" der zarten, hochnotpeinlichen
Aufmerksamkeit des eigens von ihr erfundenen Hochgerichts, "haute
cour", anvertraut hatte.
Das war die Konstitution von 1848, die am 2. Dezember 1851 nicht
von einem Kopfe umgeworfen wurde, sondern vor der Berührung mit
einem bloßen Hute umfiel; allerdings war dieser Hut ein dreiecki-
ger Napoleonshut.
Während die Bourgeois-Republikaner in der Versammlung damit
beschäftigt waren, diese Konstitution auszuspintisieren, zu dis-
kutieren und zu votieren, hielt Cavaignac außerhalb der Versamm-
lung den B e l a g e r u n g s z u s t a n d v o n P a r i s
aufrecht. Der Belagerungszustand von Paris war der Geburtshelfer
der Konstituante bei ihren republikanischen Schöpfungswehen. Wenn
die Konstitution später durch Bajonette aus der Welt geschafft
wird, so darf man nicht vergessen, daß sie ebenfalls durch Bajo-
nette, und zwar gegen das Volk gekehrte, schon im Mutterleibe be-
schützt und durch Bajonette auf die Welt gesetzt werden mußte.
Die Vorfahren der "honetten Republikaner" hatten ihr Symbol, die
Trikolore, die Tour durch Europa machen lassen. Sie ihrerseits
machten auch eine Erfindung, die von selbst den Weg über den gan-
zen Kontinent fand, aber mit immer erneuter Liebe nach Frankreich
zurückkehrte, bis sie jetzt in der Hälfte seiner Departements
Bürgerrecht erworben hat -
#130# Karl Marx
-----
den B e l a g e r u n g s z u s t a n d. Treffliche Erfindung,
periodisch angewandt in jeder nachfolgenden Krise im Laufe der
französischen Revolution. Aber Kaserne und Biwak, die man so der
französischen Gesellschaft periodisch auf den Kopf legte, um ihr
das Gehirn zusammenzupressen und sie zum stillen Mann zu machen;
Säbel und Muskete, die man periodisch richten und verwalten, be-
vormunden und zensieren, Polizei üben und Nachtwächterdienst
verrichten ließ; Schnurrbart und Kommißrock, die man periodisch
als höchste Weisheit der Gesellschaft und als Rektor der Gesell-
schaft ausposaunte - mußten Kaserne und Biwak, Säbel und Muskete,
Schnurrbart und Kommißrock nicht schließlich auf den Einfall kom-
men, lieber ein für allemal die Gesellschaft zu retten, indem sie
ihr eignes Regime als das oberste ausriefen und die bürgerliche
Gesellschaft ganz von der Sorge befreiten, sich selbst zu regie-
ren? Kaserne und Biwak, Säbel und Muskete, Schnurrbart und Kom-
mißrock mußten um so mehr auf diesen Einfall kommen, als sie dann
auch bessere bare Zahlung für ihr erhöhtes Verdienst erwarten
konnten, während bei dem bloß periodischen Belagerungszustand und
den vorübergehenden Gesellschaftsrettungen im Geheiß dieser oder
jener Bourgeöisfraktion wenig Solides abfiel außer einigen Toten
und Verwundeten und einigen freundlichen Bürgergrimassen. Sollte
das Militär nicht endlich auch einmal in seinem eignen Interesse
und für sein eignes Interesse Belagerungszustand spielen und
zugleich die bürgerlichen Börsen belagern? Man vergesse übrigens
nicht, im Vorbeigehn sei es bemerkt, daß Oberst Bernard, derselbe
Militärkommissions-Präsident, der unter Cavaignac 15 000 Insur-
genten zur Deportation ohne Urteil verhalf, sich in diesem Augen-
blick wieder an der Spitze der in Paris tätigen Militärkommissio-
nen bewegt.
Wenn die honetten, die reinen Republikaner mit dem Belagerungszu-
stand in Paris die Pflanzschule angelegt, worin die Prätorianer
1791 des 2. Dezember 1851 großwachsen sollten, verdienen sie da-
gegen das Lob, daß sie, statt wie unter Louis-Philippe das Natio-
nalgefühl zu übertreiben, jetzt, wo sie über die nationale Macht
geboten, vor dem Auslande kriechen und, statt Italien frei zu ma-
chen, es von Österreichern und Neapolitanern wiedererobern lassen
[80). Louis Bonapartes Wahl zum Präsidenten am 10. Dezember 1848
machte der Diktatur Cavaignacs und der Konstituante ein Ende.
In § 44 der Konstitution heißt es: "Der Präsident der Französi-
schen Republik darf nie seine Eigenschaft als französischer Bür-
ger verloren haben." Der erste Präsident der Französischen Repu-
blik, L.-N. Bonaparte, hatte nicht allein seine Eigenschaft als
französischer Bürger verloren, war nicht nur englischer Spezial-
Konstabler gewesen, er war sogar ein naturalisierter Schweizer
[81].
#131# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Ich habe an einem andern Orte die Bedeutung der Wahl vom 10.
Dezember entwickelt. 1*) Ich komme hier nicht darauf zurück. Es
genügt hier zu bemerken, daß sie eine R e a k t i o n d e r
B a u e r n, die die Kosten der Februarrevolution hatten zahlen
müssen, gegen die übrigen Klassen der Nation, eine R e a k-
t i o n d e s L a n d e s g e g e n d i e S t a d t war.
Sie fand großen Anklang in der Armée, der die Republikaner des
"National" keinen Ruhm verschafft hatten, noch Zulage, unter der
großen Bourgeoisie, die den Bonaparte als Brücke zur Monarchie,
unter den Proletariern und Kleinbürgern, die ihn als Geißel für
Cavaignac begrüßten. Ich werde später Gelegenheit finden, auf das
Verhältnis der Bauern zur französischen Revolution näher ein-
zugehn.
Die Epoche vom 20. Dezember 1848 [82] bis zur Auflösung der
Konstituante im Mai 1849 umfaßt die Geschichte des Untergangs der
Bourgeois-Republikarier. Nachdem sie eine Republik für die Bour-
geoisie gegründet, das revolutionäre Proletariat von dem Terrain
vertrieben Und das demokratische Kleinbürgertum einstweilen zum
Schweigen gebracht haben, werden sie selbst von der Masse der
Bourgeoisie beiseite geschoben, die diese Republik mit Recht als
i h r E i g e n t u m mit Beschlag belegt. Diese Bourgeoismasse
war aber r o y a l i s t i s c h. Ein Teil derselben, die
großen Grundeigentümer, hatte unter der R e s t a u r a t i o n
geherrscht und war daher l e g i t i m i s t i s c h. Der andre,
die Finanzaristokraten und großen Industriellen, hatte unter der
Julimonarchie geherrscht und war daher o r l e a n i-
s t i s c h. Die Großwürdenträger der Armee, der Universität,
der Kirche, des Barreaus 2*), der Akademie und der Presse ver-
teilten sich auf beide Seiten, wenn auch in verschiedener
Proportion. Hier in der bürgerlichen Republik, die weder den
Namen B o u r b o n noch den Namen O r l é a n s trug, son-
dern den Namen K a p i t a l, hatten sie die Staatsform gefun-
den, worunter sie g e m e i n s a m herrschen konnten. Schon
die Juni-Insurrektion hatte sie zur "Partei der Ordnung" verei-
nigt. Jetzt galt es zunächst, die Koterie der Bourgeois-Republi-
kaner zu beseitigen, die noch die Sitze der Nationalversammlung
innehielt. Ebenso brutal, wie diese reinen Republikaner dem Volke
gegenüber die physische Gewalt mißbraucht hatten, ebenso feig,
kleinlaut, mutlos, gebrochen, kampfunfähig wichen sie jetzt zu-
rück, wo es galt, der exekutiven Gewalt und den Royalisten gegen-
über ihr Republikanertum und ihr gesetzgeberisches Recht zu be-
haupten. Ich habe hier nicht die schmähliche Geschichte ihrer
Auflösung zu erzählen. Es war ein Vergehen, kein Untergehen. Ihre
Geschichte hat für immer ausgespielt, und in der folgenden Peri-
ode figurieren sie, sei es innerhalb, sei es außerhalb der
Versammlung, nur noch als Erinnerungen, Erinnerungen, die wieder
lebendig zu
-----
1*) Siehe Band 7 unserer Ausgabe, S. 44/45 - 2*) Advokatenstandes
#132# Karl Marx
-----
werden scheinen, sobald es sich wieder um den bloßen Namen Repu-
blik handelt und sooft der revolutionäre Konflikt auf das nied-
rigste Niveau herabzusinken droht. Ich bemerke im Vorbeigehn, daß
das Journal, welches dieser Partei ihren Namen gab, der
"National", sich in der folgenden Periode zum Sozialismus be-
kehrt.
Ehe wir mit dieser Periode abschließen, müssen wir noch einen
Rückblick auf die beiden Mächte werfen, von denen die eine die
andre am 2. Dezember 1851 vernichtet, während sie vom 20. Dezem-
ber 1848 bis zum Abtritt der Konstituante in ehelichem Verhält-
nisse lebten. Wir meinen Louis Bonaparte einerseits und die Par-
tei der koalisierten Royalisten, der Ordnung, der großen Bour-
geoisie andrerseits. Beim Antritt seiner Präsidentschaft bildete
Bonaparte sofort ein Ministerium der Partei der Ordnung, an des-
sen Spitze er Odilon Barrot stellte, notabene den alten Führer
der liberalsten Fraktion der parlamentarischen Bourgeoisie. Herr
Barrot hatte endlich das Ministerium erjagt, dessen Gespenst ihn
seit 1830 verfolgte, und noch mehr, die Präsidentschaft in diesem
Ministerium; aber nicht, wie er sich unter Louis-Philippe einge-
bildet, als der avancierteste Chef der parlamentarischen Oppo-
sition, sondern mit der Aufgabe, ein Parlament totzumachen, und
als Verbündeter mit allen seinen Erzfeinden, Jesuiten und Legiti-
misten. Er führte endlich die Braut heim, aber erst nachdem sie
prostituiert war. Bonaparte selbst eklipsierte sich scheinbar
vollständig. Jene Partei handelte für ihn.
Gleich im ersten Ministerkonseil wurde die Expedition nach Rom
beschlossen, die man hinter dem Rücken der Nationalversammlung
auszuführen und wofür man ihr die Mittel unter falschem Vorwande
zu entreißen übereinkam. So wurde begonnen mit einer Prellerei
der Nationalversammlung und einer heimlichen Konspiration mit den
absoluten Mächten des Auslandes gegen die revolutionäre Römische
Republik. Bonaparte bereitete auf dieselbe Weise und durch die-
selben Manöver seinen Coup vom 2. Dezember gegen die royalisti-
sche Legislative und ihre konstitutionelle Republik vor. Verges-
sen wir nicht, daß dieselbe Partei, die am 20. Dezember 1848 Bo-
napartes Ministerium, am 2. Dezember 1851 die Majorität der
legislativen Nationalversammlung bildete.
Die Konstituante hatte im August beschlossen, sich erst aufzulö-
sen, nachdem sie eine ganze Reihe organischer Gesetze, die die
Konstitution ergänzen sollten, ausgearbeitet und promulgiert
habe. Die Ordnungspartei ließ ihr durch den Repräsentanten Rateau
am 6. Januar 1849 vorschlagen, die organischen Gesetze laufen zu
lassen und vielmehr ihre e i g e n e A u f l ö s u n g zu be-
schließen. Nicht nur das Ministerium, Herr Odilon Barrot an der
Spitze, sämtliche royalistische Mitglieder der Nationalversamm-
lung herrschten
#133# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
ihr in diesem Augenblicke zu, ihre Auflösung sei notwendig zur
Herstellung des Kredits, zur Konsolidierung der Ordnung, um dem
unbestimmten Provisorium ein Ende zu machen und einen definitiven
Zustand zu gründen, sie hindre die Produktivität der neuen Regie-
rung und suche ihr Dasein bloß aus Ranküne zu fristen, das Land
sei ihrer müde. Bonaparte merkte sich alle diese Invektiven gegen
die gesetzgebende Gewalt, lernte sie auswendig und bewies den
parlamentarischen Royalisten am 2. Dezember 1851, daß er von ih-
nen gelernt habe. Er wiederholte ihre eignen Stichworte gegen
sie.
Das Ministerium Barrot und die Ordnungspartei gingen weiter. Sie
riefen P e t i t i o n e n a n d i e N a t i o n a l v e r-
s a m m l u n g in ganz Frankreich hervor, worin diese freund-
lichst gebeten wurde zu verschwinden. So führten sie gegen die
Nationalversammlung, den konstitutionell organisierten Ausdruck
des Volkes, seine unorganischen Massen ins Feuer. Sie lehrten
Bonaparte von den parlamentarischen Versammlungen an das Volk
appellieren. Endlich am 29. Januar 1849 war der Tag gekommen, an
dem die Konstituante über ihre eigne Auflösung beschließen soll-
te. Die Nationalversammlung fand ihr Sitzungsgebäude militärisch
besetzt; Changarnier, der General der Ordnungspartei, in dessen
Händen der Oberbefehl über Nationalgarde und Linientruppen
vereinigt war, hielt große Truppenschau in Paris, als wenn eine
Schlacht bevorstehe, und die koalisierten Royalisten erklärten
der Konstituante drohend, daß man Gewalt anwenden werde, wenn sie
nicht willig sei. Sie war willig und marktete sich nur noch eine
ganz kurze Lebensfrist aus. Was war der 29. Januar anders als der
coup d'état 1*) vom 2. Dezember 1851, nur mit Bonaparte von den
Royalisten gegen die republikanische Nationalversammlung ausge-
führt? Die Herren bemerkten nicht oder wollten nicht merken, daß
Bonaparte den 29. Januar 1849 benutzte, um einen Teil der Truppen
vor den Tuilerien an sich vorbeidefilieren zu lassen und gerade
dies erste öffentliche Aufgebot der Militärmacht gegen die
parlamentarische Macht begierig aufgriff, um den Caligula 1831
anzudeuten. Sie sahen allerdings nur ihren Changarnier.
Ein Motiv, das die Partei der Ordnung noch insbesondere bewog,
die Lebensdauer der Konstituante gewaltsam abzukürzen, waren die
o r g a n i s c h e n, die Konstitution ergänzenden Gesetze, wie
das Unterrichtsgesetz, Kultusgesetz usw. Den koalisierten Royali-
sten lag alles daran, diese Gesetze selbst zu machen und nicht
von den mißtrauisch gewordenen Republikanern machen zu lassen.
Unter diesen organischen Gesetzen befand sich indes auch ein Ge-
setz über die Verantwortlichkeit des Präsidenten der Republik.
1851 war die legislative Versammlung eben mit Abfassung eines
solchen Gesetzes
-----
1*) Staatsstreich
#134# Karl Marx
-----
beschäftigt, als Bonaparte diesem Coup durch den Coup vom 2. De-
zember zuvorkam. Was hätten die koalisierten Royalisten in ihrem
parlamentarischen Winterfeldzug von 1851 darum gegeben, wenn sie
das Verantwortlichkeitsgesetz fertig vorgefunden, und zwar ver-
faßt von einer mißtrauischen, gehässigen, republikanischen Ver-
sammlung!
Nachdem am 29. Januar 1849 die Konstituante ihre letzte Waffe
selbst zerbrochen hatte, hetzten das Ministerium Barrot und die
Ordnungsfreunde sie zu Tode, ließen nichts ungeschehn, was sie
demütigen konnte, und trotzten ihrer an sich selbst verzweifeln-
den Schwäche Gesetze ab, die sie den letzten Rest von Achtung bei
dem Publikum kosteten. Bonaparte, mit seiner fixen napoleonischen
Idee beschäftigt, war keck genug, diese Herabwürdigung der parla-
mentarischen Macht öffentlich zu exploitieren. Als nämlich die
Nationalversammlung am 8. Mai 1849 dem Ministerium ein Tadelsvo-
tum wegen der Besetzung Civitavecchias durch Oudinot erteilte und
die römische Expedition zu ihrem angeblichen Zweck zurückzuführen
befahl [84], publizierte Bonaparte denselben Abend im "Moniteur"
[85] einen Brief an Oudinot; worin er ihm zu seinen Heldentaten
Glück wünscht. Und sich schon im Gegensatz zu den federfüchsenden
Parlamentären als den großmütigen Protekteur der Armee gebärdet.
Die Royalisten lächelten dazu. Sie hielten ihn einfach für ihren
dupe 1*). Endlich als Marrast, der Präsident der Konstituante,
einen Augenblick die Sicherheit der Nationalversammlung gefährdet
glaubte und auf die Konstitution gestützt einen Oberst mit seinem
Regimente requirierte, weigerte sich der Oberst, bezog sich auf
die Disziplin und verwies Marrast an Changarnier, der ihn höh-
nisch abwies mit der Bemerkung, er liebe nicht die bayonnettes
intelligentes 2*). November 1851, als die koalisierten Royalisten
den entscheidenden Kampf mit Bonaparte beginnen wollten, suchten
sie in ihrer berüchtigten Q u ä s t o r e n b i l l [86] das
Prinzip der direkten Requisition der Truppen durch den Präsiden-
ten der Nationalversammlung durchzusetzen. Einer ihrer Generale,
Le Flô, hatte den Gesetzvorschlag unterzeichnet. Vergebens
stimmte Changarnier für den Vorschlag und huldigte Thiers der um-
sichtigen Weisheit der ehemaligen Konstituante. Der K r i e g s-
m i n i s t e r S t - A r n a u d antwortete ihm, wie dem Mar-
rast Changarnier geantwortet hatte, und - unter dem Beifallsruf
der Montagne!
So hatte die P a r t e i d e r O r d n u n g selbst, als sie
noch nicht Nationalversammlung; als sie nur noch Ministerium war,
das parlamentarische Regime gebrandmarkt. Und sie schreit auf,
als der 2. Dezember 1851 es aus Frankreich verbannt!
Wir wünschen ihm glückliche Reise.
-----
1*) Gimpel - 2*) denkenden Bajonette
#135#
-----
III
Am 28. Mai 1849 trat die gesetzgebende Nationalversammlung zusam-
men. Am 2. Dezember 1851 ward sie gesprengt. Diese Periode umfaßt
die Lebensdauer der k o n s t i t u t i o n e l l e n o d e r
p a r l a m e n t a r i s c h e n R e p u b l i k.
In der ersten französischen Revolution folgt auf die Herrschaft
der K o n s t i t u t i o n e l l e n die Herrschaft der G i-
r o n d i n s und auf die Herrschaft der G i r o n d i n s die
Herrschaft der J a k o b i n e r. Jede dieser Parteien stützt
sich auf die fortgeschrittenere. Sobald sie die Revolution weit
genug geführt hat, um ihr nicht mehr folgen, noch weniger ihr
vorangehn zu können, wird sie von dem kühnern Verbündeten, der
hinter ihr steht, beiseite geschoben und auf die Guillotine
geschickt. Die Revolution bewegt sich soin aufsteigender Linie.
Umgekehrt die Revolution von 1848. Die proletarische Partei er-
scheint als Anhang der kleinbürgerlich-demokratischen. Sie wird
von ihr verraten und fallengelasssen am 16. April, am 15. Mai
[37] und in den Junitagen. Die demokratische Partei ihrerseits
lehnt sich auf die Schultern der bourgeoisrepublikanischen. Die
Bourgeois-Republikaner glauben kaum fest zu stehn, als sie den
lästigen Kameraden abschütteln und sich selbst auf die Schultern
der Ordnungspartei stützen. Die Ordnungspartei zieht ihre Schul-
tern ein, läßt die Bourgeois-Republikaner purzeln und wirft sich
auf die Schultern der bewaffneten Gewalt. Sie glaubt noch auf ih-
ren Schultern zu sitzen, als sie an einem schönen Morgen bemerkt,
daß sich die Schultern in Bajonette verwandelt haben. Jede Partei
schlägt von hinten aus nach der weiterdrängenden und lehnt sich
von vorn über auf die zurückdrängende. Kein Wunder, daß sie in
dieser lächerlichen Positur das Gleichgewicht verliert und, nach-
dem sie die unvermeidlichen Grimassen geschnitten, unter seltsa-
men Kapriolen zusammenstürzt. Die Revolution bewegt sich so in
absteigender Linie. Sie befindet sich in dieser rückgängigen Be-
wegung, ehe die letzte Februarbarrikade weggeräumt und die erste
Revolutionsbehörde konstituiert ist. Die Periode, die wir vor uns
haben, umfaßt das bunteste Gemisch
#136# Karl Marx
-----
schreiender Widersprüche: Konstitutionelle, die offen gegen die
Konstitution konspirieren, Revolutionäre, die eingestandenermaßen
konstitutionell sind, eine Nationalversammlung, die allmächtig
sein will und stets parlamentarisch bleibt; eine Montagne, die im
Dulden ihren Beruf findet und durch die Prophezeiung künftiger
Siege ihre gegenwärtigen Niederlagen pariert; Royalisten, die die
patres conscripti 1*) der Republik bilden und durch die Situation
gezwungen werden, die feindlichen Königshäuser, denen sie anhän-
gen, im Auslande, und die Republik, die sie hassen, in Frankreich
zu halten; eine Exekutivgewalt, die in ihrer Schwäche selbst ihre
Kraft und in der Verachtung, die sie einflößt, ihre Respektabili-
tät findet; eine Republik, die nichts anders ist als die zusam-
mengesetzte Infamie zweier Monarchien, der Restauration und der
Julimonarchie, mit einer imperialistischen Etikette - Verbindun-
gen, deren erste Klausel die Trennung, Kämpfe, deren erstes Ge-
setz die Entscheidungslosigkeit ist, im Namen der Ruhe wüste, in-
haltslose Agitation, im Namen der Revolution feierlichstes Predi-
gen der Ruhe, Leidenschaften ohne Wahrheit, Wahrheiten ohne Lei-
denschaft, Helden ohne Heldentaten, Geschichte ohne Ereignisse;
Entwickelung, deren einzige Triebkraft der Kalender scheint,
durch beständige Wiederholung derselben Spannungen und Abspannun-
gen ermüdend; Gegensätze, die sich selbst periodisch nur auf die
Höhe zu treiben scheinen, um sich abzustumpfen und zusammen-
zufallen, ohne sich auflösen zu können; prätentiös zur Schau ge-
tragene Anstrengungen und bürgerliche Schrecken vor der Gefahr
des Weltunterganges, und von den Weltrettern gleichzeitig die
kleinlichsten Intrigen und Hofkomödien gespielt, die in ihrem
laisser-aller 2*) weniger an den Jüngsten Tag als an die Zeiten
der Fronde [87] erinnern - das offizielle Gesamtgenie Frankreichs
von der pfiffigen Dummheit eines einzelnen Individuums zuschanden
gemacht; der Gesamtwille der Nation, sooft er im allgemeinen
Wahlrecht spricht, in den verjährten Feinden der Masseninteressen
seinen entsprechenden Ausdruck suchend, bis er ihn endlich in dem
Eigenwillen eines Flibustiers findet. Wenn irgendein Geschichts-
ausschnitt grau in grau gemalt ist, so ist es dieser. Menschen
und Ereignisse erscheinen als umgekehrte Schlemihle [88], als
Schatten, denen der Körper abhanden gekommen ist. Die Revolution
selbst paralysiert ihre eigenen Träger und stattet nur ihre Geg-
ner mit leidenschaftlicher Gewaltsamkeit aus. Wenn das "rote Ge-
spenst", von den Kontre-revolutionären beständig heraufbeschworen
und gebannt, endlich erscheint, so erscheint es nicht mit anar-
chischer Phrygiermütze auf dem Kopfe, sondern in der Uniform der
Ordnung, in r o t e n P l u m p h o s e n.
-----
1*) erwählten Väter (Ehrenname der altrömischen Senatoren) -
2*) Unbekümmertheit
#137# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Wir haben gesehen: Das Ministerium, das Bonaparte am 20. Dezember
1848, am Tage seiner Himmelfahrt 1*) installierte, war ein Mini-
sterium der Ordnungspartei, der legitimistischen und orleanisti-
schen Koalition. Dies Ministerium Barrot-Falloux hatte die repu-
blikanische Konstituante, deren Lebensdauer es mehr oder minder
gewaltsam abkürzte, überwintert und befand sich noch am Ruder.
Changarnier, der General der verbündeten Royalisten, vereinigte
fortwährend in seiner Person das Generalkommando der ersten
Militärdivision und der Pariser Nationalgarde. Die allgemeinen
Wahlen endlich hatten der Ordnungspartei die große Majorität in
der Nationalversammlung gesichert. Hier begegneten die Deputier-
ten und Pairs Louis-Philippes einer heiligen Schar von Legitimi-
sten, für welche zahlreiche Wahlzettel der Nation sich in Ein-
trittskarten auf die politische Bühne verwandelt hatten. Die bo-
napartistischen Volksrepräsentanten waren zu dünn gesät, um eine
selbständige parlamentarische Partei bilden zu können. Sie er-
schienen nur als mauvaise queue 2*) der Ordnungspartei. So war
die Ordnungspartei im Besitz der Regierungsgewalt, der Armee und
des gesetzgebenden Körpers, kurz der Gesamtmacht des Staats, mo-
ralisch gekräftigt durch die allgemeinen Wahlen, die ihre Herr-
schaft als den Willen des Volkes erscheinen ließen, und durch den
gleichzeitigen Sieg der Kontrerevolution auf dem gesamten europä-
ischen Kontinent.
Nie eröffnete eine Partei mit größern Mitteln und unter günstigem
Auspizien ihren Feldzug.
Die schiffbrüchigen r e i n e n R e p u b l i k a n e r fanden
sich in der gesetzgebenden Nationalversammlung auf eine Clique
von ungefähr 50 Mann zusammengeschmolzen, an ihrer Spitze die
afrikanischen Generale Cavaignac, Lamoricière, Bedeau. Die große
Oppositionspartei aber wurde gebildet durch die M o n t a g n e.
Diesen parlamentarischen Taufnamen hatte sich die s o z i a l-
d e m o k r a t i s c h e Partei gegeben. Sie verfügte über mehr
als 200 von den 750 Stimmen der Nationalversammlung und war daher
wenigstens ebenso mächtig als irgendeine der drei Fraktionen der
Ordnungspartei für sich genommen. Ihre relative Minorität gegen
die gesamte royalistische Koalition schien durch besondere
Umstände aufgewogen. Nicht nur zeigten die Departements wählen,
daß sie einen bedeutenden Anhang unter der Landbevölkerung
gewonnen hatte. Sie zählte beinahe alle Deputierten von Paris
unter sich, die Armee hatte durch die Wahl von drei Un-
teroffizieren ein demokratisches Glaubensbekenntnis abgelegt, und
der Chef der Montagne, Ledru-Rollin, war im Unterschiede von al-
len Repräsentanten der Ordnungspartei
-----
1*) Einzug in das Elysée, den Wohnsitz des Präsidenten -
2*) übles Anhängsel
#138# Karl Marx
-----
in den parlamentarischen Adelstand erhoben worden durch fünf
Departements, die ihre Stimmen auf ihn vereinigt. Die Montagne
schien also am 28. Mai 1849, bei den unvermeidlichen Kollisionen
der Royalisten unter sich und der gesamten Ordnungspartei mit Bo-
naparte, alle Elemente des Erfolgs vor sich zu haben. Vierzehn
Tage später hatte sie alles verloren, die Ehre eingerechnet.
Ehe wir der parlamentarischen Geschichte weiter folgen, sind ei-
nige Bemerkungen nötig, um gewöhnliche Täuschungen über den gan-
zen Charakter der Epoche, die uns vorliegt, zu vermeiden. In der
demokratischen Manier zu sehn, handelt es sich während der Peri-
ode der gesetzgebenden Nationalversammlung, um was es sich in der
Periode der konstituierenden handelte, um den einfachen Kampf
zwischen Republikanern und Royalisten. Die Bewegung selbst aber
fassen sie in e i n Stichwort zusammen: "Reaktion", Nacht,
worin alle Katzen grau sind, und die ihnen erlaubt, ihre nacht-
wächterlichen Gemeinplätze abzuleiern. Und allerdings, auf den
ersten Blick zeigt die Ordnungspartei einen Knäuel von verschie-
denen royalistischen Fraktionen, die nicht nur gegeneinander in-
trigieren, um jede ihren eignen Prätendenten auf den Thron zu er-
heben und den Prätendenten der Gegenpartei auszuschließen, son-
dern auch sich alle vereinigen in gemeinschaftlichem Haß und ge-
meinschaftlichen Angriffen gegen die "Republik". Die Montagne
ihrerseits erscheint im Gegensatze zu dieser royalistischen Kon-
spiration als Vertreterin der "Republik". Die Ordnungspartei er-
scheint beständig beschäftigt mit einer "Reaktion", die sich
nicht mehr nicht minder als in Preußen gegen Presse, Assoziation
u. dgl. richtet und in brutalen Polizeieinmischungen der Bürokra-
tie, der Gendarmerie und der Parkette 1*) sich vollstreckt wie in
Preußen. Die "Montagne" ihrerseits wieder ist ebenso fortwährend
beschäftigt, diese Angriffe abzuwehren und so die "ewigen Men-
schenrechte" zu verleidigen, wie jede sogenannte Volkspartei mehr
oder minder seit anderthalb Jahrhunderten getan hat. Vor einer
nähern Betrachtung der Situation und der Parteien verschwindet
indes dieser oberflächliche Schein, der den K l a s s e n-
k a m p f und die eigentümliche Physiognomie dieser Periode
verschleiert.
Legitimisten und Orleanisten bildeten, wie gesagt, die zwei
großen Fraktionen der Ordnungspartei. Was diese Fraktionen an ih-
ren Prätendenten festhielt und sie wechselseitig auseinander-
hielt, war es nichts andres als Lilie und Trikolore, Haus Bourbon
und Haus Orléans, verschiedene Schattierungen des Royalismus, war
es überhaupt das Glaubensbekenntnis des Royalismus? Unter den
Bourbonen hatte das g r o ß e G r u n d e i g e n t u m re-
giert
-----
1*) Gerichtshöfe
#139# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
mit seinen Pfaffen und Lakaien, unter den Orléans die hohe Fi-
nanz, die große Industrie, der große Handel, d.h. d a s
K a p i t a l mit seinem Gefolge von Advokaten, Professoren und
Schönrednern. Das legitime Königtum war bloß der politische Aus-
druck für die angestammte Herrschaft der Herren von Grund und Bo-
den, wie die Julimonarchie nur der politische Ausdruck für die
usurpierte Herrschaft der bürgerlichen Parvenüs. Was also diese
Fraktionen auseinanderhielt, es waren keine sogenannten Prinzi-
pien, es waren ihre materiellen Existenzbedingungen, zwei ver-
schiedene Arten des Eigentums, es war der alte Gegensatz von
Stadt und Land, die Rivalität zwischen Kapital und Grundeigentum.
Daß gleichzeitig alte Erinnerungen, persönliche Feindschaften,
Befürchtungen und Hoffnungen, Vorurteile und Illusionen, Sympa-
thien und Antipathien,- Überzeugungen, Glaubensartikel und Prin-
zipien sie an das eine oder das andre Königshaus banden, wer
leugnet es? Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den
sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau ver-
schiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen,
Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und
gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den
entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne In-
dividuum, dem sie durch Tradition und Erziehung zufließen, kann
sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und
den Ausgangspunkt seines Handelns bilden. Wenn Orleanisten, Legi-
timisten, jede Fraktion sich selbst und der andern vorzureden
suchte, daß die Anhänglichkeit an ihre zwei Königshäuser sie
trenne, bewies später die Tatsache, daß vielmehr ihr gespaltenes
Interesse die Vereinigung der zwei Königshäuser verbot. Und wie
man im Privatleben unterscheidet zwischen dem, was ein Mensch von
sich meint und sagt, und dem, was er wirklich ist und tut, so muß
man noch mehr in geschichtlichen Kämpfen die Phrasen und Einbil-
dungen der Parteien von ihrem wirklichen Organismus und ihren
wirklichen Interessen, ihre Vorstellung von ihrer Realität unter-
scheiden. Orleanisten und Legitimisten fanden sich in der Repu-
blik nebeneinander mit gleichen Ansprüchen. Wenn jede Seite gegen
die andre die R e s t a u r a t i o n ihres e i g n e n Kö-
nigshauses durchsetzen wollte, so hieß das nichts andres, als daß
die z w e i g r o ß e n I n t e r e s s e n, worin die
B o u r g e o i s i e sich spaltet - Grundeigentum und Kapital
-, jedes seine eigne Suprematie und die Unterordnung des andern
zu restaurieren suchte. Wir sprechen von zwei Interessen der
Bourgeoisie, denn das große Grundeigentum, trotz seiner feudalen
Koketterie und seines Racenstolzes, war durch die Entwicklung der
modernen Gesellschaft vollständig verbürgerlicht. So haben die
Tories in England sich lange eingebildet, daß sie für das König-
tum, die Kirche und die Schönheiten der
#140# Karl Marx
-----
altenglischen Verfassung schwärmten, bis der Tag der Gefahr ih-
nen das Geständnis entriß, daß sie nur für die
G r u n d r e n t e schwärmen. 1*)
Die koalisierten Royalisten spielten ihre Intrige gegeneinander
in der Presse, in Ems, in Claremont [89], außerhalb des Parla-
ments. Hinter den Kulissen zogen sie ihre alten orleanistischen
und legitimistischen Livreen wieder an und führten ihre alten
Turniere wieder auf. Aber auf der öffentlichen Bühne, in ihren
Haupt- und Staatsaktionen, als große parlamentarische Partei,
fertigen sie ihre respektiven Königshäuser mit bloßen Reverenzen
ab und vertagen die Restauration der Monarchie in infinitum 2*).
Sie verrichten ihr wirkliches Geschäft als P a r t e i d e r
O r d n u n g, d.h. unter einem g e s e l l s c h a f t-
l i c h e n, nicht unter einem p o l i t i s c h e n Titel, als
Vertreter der bürgerlichen Weltordnung, nicht als Ritter
fahrender Prinzessinnen, als Bourgeoisklasse gegenüber andern
Klassen, nicht als Royalisten gegenüber den Republikanern. Und
als Partei der Ordnung haben sie eine unumschränktere und härtere
Herrschaft über die andern Klassen der Gesellschaft ausgeübt als
je zuvor unter der Restauration oder unter der Julimonarchie, wie
sie überhaupt nur unter der Form der parlamentarischen Republik
möglich war, denn nur unter dieser Form konnten die zwei großen
Abteilungen der französischen Bourgeoisie sich vereinigen, also
die Herrschaft ihrer Klasse statt des Regimes einer
privilegierten Fraktion derselben auf die Tagesordnung setzen.
Wenn sie trotzdem auch als Partei der Ordnung die Republik
insultieren und ihren Widerwillen gegen sie aussprechen, so
geschah das nicht nur aus royalistischer Erinnerung. Es lehrte
sie der Instinkt, daß die Republik zwar ihre politische
Herrschaft vollendet, aber zugleich deren gesellschaftliche
Grundlage unterwühlt, indem sie nun ohne Vermittlung, ohne den
Versteck der Krone, ohne das nationale Interesse durch ihre
untergeordneten Kämpfe untereinander und mit dem Königtum ablei-
ten zu können, den unterjochten Klassen gegenüberstehn und mit
ihnen ringen müssen. Es war Gefühl der Schwäche, das sie vor den
reinen Bedingungen ihrer eignen Klassenherrschaft zurückbeben und
sich nach den unvollständigem, unentwickelteren und eben darum
gefahrloseren Formen derselben zurücksehnen ließ. Sooft die ko-
alisierten Royalisten dagegen in Konflikt mit dem Prätendenten
geraten, der ihnen gegenübersteht, mit Bonaparte, sooft sie ihre
parlamentarische Allmacht von der Exekutivgewalt gefährdet glau-
ben, sooft sie also den politischen Titel ihrer Herrschaft her-
auskehren müssen, treten sie als R e p u b l i k a n e r auf
und nicht als R o y a l i s t e n, von dem Orleanisten Thiers,
der die Nationalversammlung warnt, daß die Republik sie am wenig-
sten trenne, bis auf den Legitimisten Berryer,
-----
1*) Siehe vorl. Band, S. 336-341 - 2*) ins Unendliche
#141# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
der am 2. Dezember 1851, die dreifarbige Schärpe umgewunden, das
vor dem Mairiegebäude des zehnten Arrondissements versammelte
Volk als Tribun im Namen der Republik harangiert. Allerdings ruft
ihm das Echo spottend zurück: Henri V ! Henri V !
Der koalisierten Bourgeoisie gegenüber hatte sich eine Koalition
zwischen Kleinbürgern und Arbeitern gebildet, die sogenannte
s o z i a l - d e m o k r a t i s c h e Partei. Die Kleinbürger
sahen sich nach den Junitagen 1848 schlecht belohnt, ihre materi-
ellen Interessen gefährdet und die demokratischen Garantien, die
ihnen die Geltendmachung dieser Interessen sichern sollten, von
der Kontrerevolution in Frage gestellt. Sie näherten sich daher
den Arbeitern. Ihre parlamentarische Repräsentation andrerseits,
die M o n t a g n e, während der Diktatur der Bourgeois-Repu-
blikaner-beiseite geschoben, hatte in der letzten Lebenshälfte
der Konstituante durch den Kampf mit Bonaparte und den royalisti-
schen Ministern ihre verlorene Popularität wiedererobert. Sie
hatte mit den sozialistischen Führern eine Allianz geschlossen.
Februar 1849 wurden Versöhnungsbankette gefeiert. Ein gemein-
schaftliches Programm wurde entworfen, gemeinschaftliche Wahlko-
mitees wurden gestiftet und gemeinschaftliche Kandidaten aufge-
stellt. Den sozialen Forderungen des Proletariats ward die revo-
lutionäre Pointe abgebrochen und eine demokratische Wendung gege-
ben, den demokratischen Ansprüchen des Kleinbürgertums die bloß
politische Form abgestreift und ihre sozialistische Pointe
herausgekehrt. So entstand die S o z i a l - D e m o k r a-
t i e. Die neue M o n t a g n e, das Ergebnis dieser Kombi-
nation, enthielt, einige Figuranten aus der Arbeiterklasse und
einige sozialistische Sektierer abgerechnet, dieselben Elemente
wie die alte Montagne, nur numerisch stärker. Aber im Laufe der
Entwicklung hatte sie sich verändert mit der Klasse, die sie
vertrat. Der eigentümliche Charakter der Sozial-Demokratie faßt
sich dahin zusammen, daß demokratisch-republikanische Institutio-
nen als Mittel verlangt werden, nicht um zwei Extreme, Kapital
und Lohnarbeit, beide aufzuheben, sondern um ihren Gegensatz
abzuschwächen und in Harmonie zu verwandeln. Wie verschiedene
Maßregeln zur Erreichung dieses Zweckes vorgeschlagen werden
mögen, wie sehr er mit mehr oder minder revolutionären Vorstel-
lungen sich verbrämen mag, der Inhalt bleibt derselbe. Dieser
Inhalt ist die Umänderung der Gesellschaft auf demokratischem
Wege, aber eine Umänderung innerhalb der Grenzen des Klein-
bürgertums. Man muß sich nur nicht die bornierte Vorstellung
machen, als wenn das Kleinbürgertum prinzipiell ein egoistisches
Klasseninteresse durchsetzen wolle. Es glaubt vielmehr, daß die
b e s o n d e r n Bedingungen seiner Befreiung die a l l-
g e m e i n e n Bedingungen sind, innerhalb deren allein die
moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden
#142# Karl Marx
-----
werden kann. Man muß sich ebensowenig vorstellen, daß die demo-
kratischen Repräsentanten nun alle shopkeepers 1*) sind oder für
dieselben schwärmen. Sie können ihrer Bildung und ihrer individu-
ellen Lage nach himmelweit von ihnen getrennt sein. Was sie zu
Vertretern des Kleinbürgers macht, ist, daß sie im Kopfe nicht
über die Schranken hinauskommen, worüber jener nicht im Leben
hinauskommt, daß sie daher zu denselben Aufgaben und Lösungen
theoretisch getrieben werden, wohin jenen das materielle Inter-
esse und die gesellschaftliche Lage praktisch treiben. Dies ist
überhaupt das Verhältnis der p o l i t i s c h e n und l i-
t e r a r i s c h e n V e r t r e t e r einer Klasse zu der
Klasse, die sie vertreten.
Nach der gegebenen Auseinandersetzung versteht sich von selbst,
daß, wenn die Montagne mit der Ordnungspartei fortwährend um die
Republik und die sogenannten Menschenrechte ringt, weder die Re-
publik noch die Menschenrechte ihr letzter Zweck sind, sowenig
wie eine Armee, die man ihrer Waffen berauben will und die sich
zur Wehr setzt, auf den Kampfplatz getreten ist, um im Besitz ih-
rer eignen Waffen zu bleiben.
Die Partei der Ordnung provozierte gleich beim Zusammentritt der
Nationalversammlung die Montagne. Die Bourgeoisie fühlte jetzt
die Notwendigkeit, mit den demokratischen Kleinbürgern fertig zu
werden, wie sie ein Jahr vorher die Notwendigkeit begriffen
hatte, mit dem revolutionären Proletariat zu enden. Nur war die
Situation des Gegners eine verschiedene. Die Stärke der proleta-
rischen Partei war auf der Straße, die der Kleinbürger in der Na-
tionalversammlung selbst. Es galt also, sie aus der
Nationalversammlung auf die Straße zu locken und sie selbst ihre
parlamentarische Macht zerbrechen zu lassen, ehe Zeit und Gele-
genheit sie konsolidieren konnten. Die Montagne sprengte mit ver-
hängtem Zügel in die Falle.
Das Bombardement Roms durch die französischen Truppen war der Kö-
der, der ihr hingeworfen wurde. Es verletzte Artikel V der Kon-
stitution, der der Französischen Republik untersagt, ihre Streit-
kräfte gegen die Freiheiten eines andern Volks zu verwenden. Zu-
dem verbot auch Artikel 54 jede Kriegserklärung von seiten der
Exekutivgewalt ohne Zustimmung der Nationalversammlung, und die
Konstituante hatte durch ihren Beschluß vom 8. Mai die römische
Expedition mißbilligt. Auf diese Gründe hin deponierte Ledru-Rol-
lin am 11. Juni 1849 einen Anklageakt gegen Bonaparte und seine
Minister. Durch die Wespenstiche von Thiers aufgereizt, ließ er
sich sogar zu der Drohung fortreißen, die Konstitution mit allen
Mitteln verteidigen zu wollen, selbst mit den Waffen in der Hand.
Die Montagne erhob sich wie e i n Mann
-----
1 Krämer
#143# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
und wiederholte diesen Waffenruf. Am 12. Juni verwarf die
Nationalversammlung den Anklageakt, und die Montagne verließ das
Parlament. Die Ereignisse des 13. Juni sind bekannt: die Prokla-
mation eines Teils der Montagne, wodurch Bonaparte und seine Mi-
nister "außerhalb der Konstitution" erklärt wurden; die Straßen-
prozession der demokratischen Nationalgarden, die waffenlos, wie
sie waren, bei dem Zusammentreffen mit den Truppen Changarniers
auseinanderstoben usw. usw. Ein Teil der Montagne flüchtete ins
Ausland, ein anderer wurde dem Hochgericht in Bourges überwiesen,
und ein parlamentarisches Reglement unterwarf den Rest der schul-
meisterlichen Aufsicht des Präsidenten der Nationalversammlung.
[90] Paris wurde wieder in Belagerungszustand versetzt und der
demokratische Teil seiner Nationalgarde aufgelöst. So war der
Einfluß der. Montagne im Parlament und die Macht der Kleinbürger
in Paris gebrochen.
Lyon, wo der 13. Juni das Signal zu einem blutigen Arbeiterauf-
stand gegeben hatte, wurde mit den fünf umliegenden Departements
ebenfalls in Belagerungszustand erklärt, ein Zustand, der bis auf
diesen Augenblick fortdauert.
Das Gros der Montagne hatte seine Avantgarde im Stiche gelassen,
indem es ihrer Proklamation die Unterschriften verweigerte. Die
Presse war desertiert, indem nur zwei Journale das Pronunziamento
zu veröffentlichen wagten. Die Kleinbürger verrieten ihre Reprä-
sentanten, indem die Nationalgarden ausblieben oder, wo sie er-
schienen, den Barrikadenbau verhinderten. Die Repräsentanten hat-
ten die Kleinbürger düpiert, indem die angeblichen Affiliierten
von der Armee nirgends zu erblicken waren. Endlich, statt von ihm
Kraftzuschuß zu gewinnen, hatte die demokratische Partei das Pro-
letariat mit ihrer eignen Schwäche angesteckt, und, wie gewöhn-
lich bei demokratischen Hochtaten, hatten die Führer die Genugtu-
ung, ihr "Volk" der Desertion, und das Volk die Genugtuung, seine
Führer der Prellerei beschuldigen zu können.
Selten war eine Aktion mit größerem Geräusch verkündet worden als
der bevorstehende Feldzug der Montagne, selten ein Ereignis mit
mehr Sicherheit und länger vorher austrompetet als der unvermeid-
liche Sieg der Demokratie. Ganz gewiß: Die Demokraten glauben an
die Posaunen, vor deren Stößen die Mauern Jerichos einstürzten.
Und sooft sie den Wällen des Despotismus gegenüberstehn, suchen
sie das Wunder nachzumachen. Wenn die Montagne im Parlamente sie-
gen wollte, durfte sie nicht zu den Waffen rufen. Wenn sie im
Parlamente zu den Waffen rief, durfte sie sich auf der Straße
nicht parlamentarisch verhalten. Wenn die friedliche Demonstra-
tion ernst gemeint war, so war es albern, nicht vorherzusehn, daß
sie kriegerisch empfangen
#144# Karl Marx
-----
werden würde. Wenn es auf den wirklichen Kampf abgesehn war, so
war es originell, die Waffen abzulegen, mit denen er geführt wer-
den mußte. Aber die revolutionären Drohungen der Kleinbürger und
ihrer demokratischen Vertreter sind bloße Einschüchterungsversu-
che des Gegners. Und wenn sie sich in eine Sackgasse verrannt,
wenn sie sich hinlänglich kompromittiert haben, um zur Ausführung
ihrer Drohungen gezwungen zu sein, so geschieht es in einer zwei-
deutigen Weise, die nichts mehr vermeidet als die Mittel zum
Zwecke und nach Vorwänden zum Unterliegen hascht. Die schmet-
ternde Ouvertüre, die den Kampf verkündete, verliert sich in ein
kleinlautes Knurren, sobald er beginnen soll, die Schauspieler
hören auf, sich au sérieux 1*) zu nehmen, und die Handlung fällt
platt zusammen wie ein luftgefüllter Ballon, den man mit einer
Nadel pickt.
Keine Partei übertreibt sich mehr ihre Mittel als die demokrati-
sche, keine täuscht sich leichtsinniger über die Situation. Wenn
ein Teil der Armee für sie gestimmt hatte, war die Montagne nun
auch überzeugt, daß die Armee für sie revoltieren werde. Und bei
welchem Anlasse? Bei einem Anlasse, der vom Standpunkt der Trup-
pen keinen andern Sinn hatte, als daß die Revolutionäre für die
römischen Soldaten gegen die französischen Soldaten Partei er-
griffen. Andrerseits waren die Erinnerungen an den Juni 1848 noch
zu frisch, als daß nicht eine tiefe Abneigung des Proletariats
gegen die Nationalgarde und ein durchgreifendes Mißtrauen der
Chefs der geheimen Gesellschaften gegen die demokratischen Chefs
existieren mußten. Um diese Differenzen auszugleichen, dazu be-
durfte es großer gemeinschaftlicher Interessen, die auf dem
Spiele standen. Die Verletzung eines abstrakten Verfassungspara-
graphen konnte das Interesse nicht bieten. War die Verfassung
nicht schon wiederholt verletzt worden nach der Versicherung der
Demokraten selbst? Hatten die populärsten Journale sie nicht als
ein kontre-revolutionäres Machwerk gebrandmarkt? Aber der Demo-
krat, weil er das Kleinbürgertum vertritt, also eine Ü b e r-
g a n g s k l a s s e, worin die Interessen zweier Klassen sich
zugleich abstumpfen, dünkt sich über den Klassengegensatz
überhaupt erhaben. Die Demokraten geben zu, daß eine privile-
gierte Klasse ihnen gegenübersteht, aber sie mit der ganzen
übrigen Umgebung der Nation bilden das V o l k. Was sie ver-
treten, ist das V o l k s r e c h t; was sie interessiert, ist
das V o l k s i n t e r e s s e . Sie brauchen daher bei einem
bevorstehenden Kampfe die Interessen und Stellungen der verschie-
denen Klassen nicht zu prüfen. Sie brauchen ihre eigenen Mittel
nicht allzu bedenklich abzuwägen. Sie haben eben nur das Signal
zu geben, damit das V o l k mit allen
-----
1 ernst
#145# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
seinen unerschöpflichen Ressourcen über die D r ä n g e r her-
falle. Stellen sich nun in der Ausführung ihre Interessen als un-
interessant und ihre Macht als Ohnmacht heraus, so liegt das ent-
weder an verderblichen Sophisten, die das u n t e i l b a r e
V o l k in verschiedene feindliche Lager spalten, oder die Armee
war zu vertiert und zu verblendet, um die reinen Zwecke der Demo-
kratie als ihr eignes Beste zu begreifen, oder an einem Detail
der Ausführung ist das Ganze gescheitert, oder aber ein unvorher-
gesehener Zufall hat für diesmal die Partie vereitelt. Jedenfalls
geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Nieder-
lage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der
neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst
und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umge-
kehrt, daß die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.
Man muß sich daher die dezimierte, gebrochene und durch das neue
parlamentarische Reglement gedemütigte Montagne nicht gar zu un-
glücklich vorstellen. Wenn der 13. Juni ihre Chefs beseitigt
hatte, so macht er andrerseits untergeordneteren Kapazitäten
Platz, denen diese neue Stellung schmeichelt. Wenn ihre Machtlo-
sigkeit im Parlamente nicht mehr bezweifelt werden konnte, so wa-
ren sie nun auch berechtigt, ihre Tat auf Ausbrüche sittlicher
Entrüstung und polternde Deklamation zu beschränken. Wenn die
Ordnungspartei in ihnen als den letzten offiziellen Repräsentan-
ten der Revolution alle Schrecken der Anarchie verkörpert zu sehn
vorgab, so konnten sie in der Wirklichkeit desto platter und be-
scheidener sein. Über den 13. Juni aber vertrösteten sie sich mit
der tiefen Wendung: Aber wenn man das allgemeine Wahlrecht an-
zugreifen wagt, aber dann! Dann werden wir zeigen, wer wir sind.
Nous verrons. 1*)
Was die ins Ausland geflüchteten Montagnards betrifft, so genügt
es hier zu bemerken, daß Ledru-Rollin, weil es ihm gelungen war,
in kaum zwei Wochen die mächtige Partei, an deren Spitze er
stand, rettungslos zu ruinieren, sich nun berufen fand, eine
französische Regierung in partibus [2] zu bilden; daß seine Fi-
gur, in der Ferne, vom Boden der Aktion weggehoben, im Maßstab
als das Niveau der Revolution sank und die offiziellen Größen des
offiziellen Frankreichs zwerghafter wurden, an Größe zu wachsen
schien; daß er als republikanischer Prätendent für 1852 figurie-
ren konnte, daß er periodische Rundschreiben an die Walachen und
andere Völker erließ, worin den Despoten des Kontinents mit sei-
nen und seiner Verbündeten Taten gedroht wird. Hatte Proudhon
ganz unrecht, wenn er diesen Herren zurief: "Vous n'êtes que des
blagueurs" 2*)?
-----
1*) Wir werden sehen. - 2*) "Ihr seid nichts als Aufschneider"
#146# Karl Marx
-----
Die Ordnungspartei hatte am 13. Juni nicht nur die Montagne ge-
brochen, sie hatte die U n t e r o r d n u n g d e r K o n-
s t i t u t i o n u n t e r d i e M a j o r i t ä t s b e-
s c h l ü s s e d e r N a t i o n a l v e r s a m m l u n g
durchgesetzt. Und so verstand sie die Republik: daß die
Bourgeoisie hier in parlamentarischen Formen herrsche, ohne wie
in der Monarchie an dem Veto der Exekutivgewalt oder an der
Auflösbarkeit des Parlaments eine Schranke zu finden. Das war die
p a r l a m e n t a r i s c h e R e p u b l i k, wie Thiers sie
nannte. Aber wenn die Bourgeoisie am 13. Juni ihre Allmacht
innerhalb des Parlamentsgebäudes sicherte, schlug sie nicht das
Parlament selbst, der Exekutivgewalt und dem Volke gegenüber, mit
unheilbarer Schwäche, indem sie den populärsten Teil desselben
ausstieß? indem sie zahlreiche Deputierte ohne weitere Zeremonien
der Requisition der Parkette preisgab, hob sie ihre eigne
parlamentarische Unverletzlichkeit auf. Das demütigende
Reglement, dem sie die Montagne unterwarf, erhöht in demselben
Maße den Präsidenten der Republik, als es den einzelnen Repräsen-
tanten des Volks herabdrückt. Indem sie die Insurrektion zum
Schutz der konstitutionellen Verfassung als anarchische, auf den
Umsturz der Gesellschaft abzweckende Tat brandmarkt, verbot sie
sich selbst den Appell an die Insurrektion, sobald die
Exekutivgewalt ihr gegenüber die Verfassung verletzen würde. Und
die Ironie der Geschichte will, daß der General, der im Auftrage
Bonapartes Rom bombardiert und so den unmittelbaren Anlaß zu der
konstitutionellen Emeute vom 13. Juni gegeben hat, daß Oudinot am
2. Dezember 1851 dem Volke von der Ordnungspartei flehentlich und
vergeblich als General der Konstitution gegen Bonaparte angeboten
werden muß. Ein andrer Held des 13. Juni, Vieyra, der von der
Tribüne der Nationalversammlung Lob einerntet für die Bruta-
litäten, die er in demokratischen Zeitungslokalen an der Spitze
einer der hohen Finanz angehörigen Rotte von Nationalgarden
verübt hatte, dieser selbe Vieyra war in die Verschwörung
Bonapartes eingeweiht und trug wesentlich dazu bei, in ihrer
Todesstunde der Nationalversammlung jeden Schutz von seiten der
Nationalgarde abzuschneiden.
Der 13. Juni hatte noch einen andern Sinn. Die Montagne hatte
Bonapartes Versetzung in Anklagezustand ertrotzen wollen. Ihre
Niederlage war also ein direkter Sieg Bonapartes, sein persönli-
cher Triumph über seine demokratischen Feinde. Die Partei der
Ordnung erfocht den Sieg, Bonaparte hatte ihn nur einzukassieren.
Er tat es. Am 14. Juni war eine Proklamation an den Mauern von
Paris zu lesen, worin der Präsident, gleichsam ohne sein Zutun,
widerstrebend, durch die bloße Macht der Ereignisse gezwungen,
aus seiner klösterlichen Abgeschiedenheit hervortritt, als ver-
kannte Tugend über die Verleumdungen seiner Widersacher klagt,
und während er seine Person mit
#147# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
der Sache der Ordnung zu identifizieren scheint, vielmehr die Sa-
che der Ordnung mit seiner Person identifiziert. Zudem hatte die
Nationalversammlung die Expedition gegen Rom zwar nachträglich
gebilligt, aber Bonaparte hatte die Initiative dazu ergriffen.
Nachdem er den Hohepriester Samuel in den Vatikan wieder einge-
führt, konnte er hoffen, als König David die Tuilerien zu bezie-
hen. [91] Er hatte die Pfaffen gewonnen.
Die Erneute vom 13. Juni beschränkte sich, wie wir gesehn, auf
eine friedliche Straßenprozession. Es waren also keine kriegeri-
schen Lorbeeren gegen sie zu gewinnen. Nichtsdestoweniger, in
dieser helden- und ereignisarmen Zeit verwandelte die Ordnungs-
partei diese Schlacht ohne Blutvergießen in ein zweites Auster-
litz [92]. Tribüne und Presse priesen die Armee als die Macht der
Ordnung gegenüber den Volksmassen als der Ohnmacht der Anarchie
und den Changarnier als das "Bollwerk der Gesellschaft". Mystifi-
kation, an die er schließlich selbst glaubte. Unterderhand aber
wurden die Korps, die zweideutig schienen, aus Paris verlegt, die
Regimenter, deren Wahlen am demokratischsten ausgefallen waren,
aus Frankreich nach Algier verbannt, die unruhigen Köpfe unter
den Truppen in Strafabteilungen verwiesen, endlich die Absperrung
der Presse von der Kaserne und der Kaserne von der bürgerlichen
Gesellschaft systematisch durchgeführt.
Wir sind hier bei dem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte
der französischen Nationalgarde angelangt. 1830 hatte sie den
Sturz der Restauration entschieden. Unter Louis-Philippe miß-
glückte jede Emeute, worin die Nationalgarde auf Seite der Trup-
pen stand. Als sie in den Februartagen 1848 sich passiv gegen den
Aufstand und zweideutig gegen Louis-Philippe zeigte, gab er sich
verloren und war er verloren. So schlug die Überzeugung Wurzel,
daß die Revolution nicht o h n e und die Armee nicht g e g e n
die Nationalgarde siegen könne. Es war dies der Aberglaube der
Armee an die bürgerliche Allmacht. Die Juni tage 1848, wo die ge-
samte Nationalgarde mit den Linientruppen die Insurrektion nie-
derwarf, hatten den Aberglauben befestigt. Nach Bonapartes Regie-
rungsantritt sank die Stellung der Nationalgarde einigermaßen
durch die konstitutionswidrige Vereinigung ihres Kommandos mit
dem Kommando der ersten Militärdivision in der Person Changar-
niers.
Wie das Kommando über die Nationalgarde hier als ein Attribut des
militärischen Oberbefehlshabers erschien, so sie selbst nur noch
als Anhang der Linientruppen. Am 13.Juni endlich wurde sie gebro-
chen: nicht nur durch ihre teilweise Auflösung, die sich seit
dieser Zeit periodisch an allen Punkten Frankreichs wiederholte
und nur Trümmer von ihr zurückließ. Die Demonstration des 13.
Juni war vor allem eine Demonstration der demokratischen Natio-
nalgarden. Sie hatten zwar nicht ihre Waffen, wohl aber ihre Uni-
formen
#148# Karl Marx
-----
der Armee gegenübergeführt, aber gerade in dieser Uniform saß der
Talisman. Die Armee überzeugte sich, daß diese Uniform ein wolle-
ner Lappen wie ein andrer war. Der Zauber ging verloren. In den
Junitagen 1848 waren Bourgeoisie und Kleinbürgertum als National-
garde mit der Armee gegen das Proletariat vereinigt, am 13. Juni
1849 ließ die Bourgeoisie die kleinbürgerliche Nationalgarde
durch die Armee auseinandersprengen, am 2. Dezember 1851 war die
Nationalgarde der Bourgeoisie selbst verschwunden, und Bonaparte
konstatierte nur dies Faktum, als er nachträglich ihr Auflösungs-
dekret unterschrieb. So hatte die Bourgeoisie selbst ihre letzte
Waffe gegen die Armee zerbrochen, aber sie mußte sie zerbrechen
von dem Augenblicke, wo das Kleinbürgertum nicht mehr als Vasall
hinter, sondern als Rebell vor ihr stand, wie sie überhaupt alle
ihre Verteidigungsmittel gegen den Absolutismus mit eigner Hand
zerstören mußte, sobald sie selbst absolut geworden war.
Die Ordnungspartei feierte unterdes die Wiedereroberung einer
Macht, die 1848 nur verloren schien, um 1849 von ihren Schranken
befreit wiedergefunden zu werden, durch Invektiven gegen die Re-
publik und die Konstitution, durch Verfluchung aller zukünftigen,
gegenwärtigen und vergangenen Revolutionen, die eingerechnet,
welche ihre eignen Führer gemacht hatten, und in Gesetzen, wo-
durch die Presse geknebelt, die Assoziation vernichtet und der
Belagerungszustand als organisches Institut reguliert wurde. Die
Nationalversammlung vertagte sich dann von Mitte August bis Mitte
Oktober, nachdem sie eine Permanenzkommission für die Zeit ihrer
Abwesenheit ernannt hatte. Während dieser Ferien intrigierten die
Legitimisten mit Ems, die Orleanisten mit Claremont, Bonaparte
durch prinzliche Rundreisen und die Departementalräte in Beratun-
gen über die Revision der Verfassung-Vorfälle, die in den peri-
odischen Ferien der Nationalversammlung regelmäßig wiederkehren
und auf die ich erst eingehn will, sobald sie zu Ereignissen wer-
den. Hier sei nur noch bemerkt, daß die Nationalversammlung unpo-
litisch handelte, als sie für längere Intervalle von der Bühne
verschwand und auf der Spitze der Republik nur noch e i n e,
wenn auch klägliche Gestalt erblicken ließ, die Louis Bonapartes,
während die Partei der Ordnung zum Skandale des Publikums in ihre
royalistischen Bestandteile auseinander- und ihren sich wider-
streitenden Restaurationsgelüsten nachging. Sooft während dieser
Ferien der verwirrende Lärm des P a r l a m e n t s verstummte
und sein Körper sich in die Nation auflöste, zeigte sich unver-
kennbar, daß nur noch e i n s fehle, um die wahre Gestalt die-
ser Republik zu vollenden: seine Ferien permanent machen und
i h r e Aufschrift: liberté, égalité, fraternité, ersetzen durch
die unzweideutigen Worte: Infanterie, Kavallerie, Artillerie!
#149#
-----
IV
Mitte Oktober 1849 trat die Nationalversammlung wieder zusammen.
Am 1. November überraschte Bonaparte sie mit einer Botschaft,
worin er die Entlassung des Ministeriums Barrot-Falloux und die
Bildung eines neuen Ministeriums anzeigte. Man hat Lakaien nie
mit weniger Zeremonien aus dem Dienste gejagt als Bonaparte seine
Minister. Die Fußtritte, die der Nationalversammlung bestimmt wa-
ren, erhielt vorläufig Barrot u. Komp.
Das Ministerium Barrot war, wie wir gesehen haben, aus Legitimi-
sten und Orleanisten zusammengesetzt, ein Ministerium der Ord-
nungspartei. Bonaparte hatte desselben bedurft, um die republika-
nische Konstituante aufzulösen, die Expedition gegen Rom zu be-
werkstelligen und die demokratische Partei zu brechen. Hinter
diesem Ministerium hatte er sich scheinbar eklipsiert, die Regie-
rungsgewalt in die Hände der Ordnungspartei abgetreten und die
bescheidene Charaktermaske angelegt, die unter Louis-Philippe der
verantwortliche Gérant der Zeitungspresse trug, die Maske des
homme de paille 1*). Jetzt warf er eine Larve weg, die nicht mehr
der leichte Vorhang war, worunter er seine Physiognomie verstec-
ken konnte, sondern die eiserne Maske, die ihn verhinderte, eine
eigne Physiognomie zu zeigen. Er hatte das Ministerium Barrot
eingesetzt, um im Namen der Ordnungspartei die republikanische
Nationalversammlung zu sprengen; er entließ es, um seinen eignen
Namen von der Nationalversammlung der Ordnungspartei unabhängig
zu erklären.
An plausiblen Vorwänden zu dieser Entlassung fehlte es nicht. Das
Ministerium Barrot vernachlässigte selbst die Anstandsformen, die
den Präsidenten der Republik als eine Macht neben der National-
versammlung hätten erscheinen lassen. Während der Ferien der Na-
tionalversammlung veröffentlichte Bonaparte einen Brief an Edgar
Ney, worin er das illiberale Auftreten
-----
1*) Strohmannes
#150# Karl Marx
-----
des Papstes zu mißbilligen schien, wie er im Gegensatz zur Kon-
stituante einen Brief veröffentlicht hatte, worin er Oudinot für
den Angriff auf die Römische Republik belobte. Als nun die Natio-
nalversammlung das Budget für die römische Expedition votierte,
brachte Victor Hugo aus angeblichem Liberalismus jenen Brief zur
Sprache. Die Ordnungspartei erstickte den Einfall, als ob Bona-
partes Einfälle irgendein politisches Gewicht haben könnten, un-
ter verächtlich ungläubigen Ausrufungen. Keiner der Minister nahm
den Handschuh für ihn auf. Bei einer andern Gelegenheit ließ Bar-
rot mit seinem bekannten hohlen Pathos Worte der Entrüstung von
der Rednerbühne auf die "abominablen Umtriebe" fallen, die nach
seiner Aussage in der nächsten Umgebung des Präsidenten vorgin-
gen. Endlich verweigerte das Ministerium, während es der Herzogin
von Orléans einen Witwengehalt von der Nationalversammlung er-
wirkte, jeden Antrag auf Erhöhung der präsidentiellen Zivilliste.
Und in Bonaparte verschmolz der kaiserliche Prätendent so innig
mit dem heruntergekommenen Glücksritter, daß die eine große Idee,
er sei berufen, das Kaisertum zu restaurieren, stets von der an-
dern ergänzt ward, das französische Volk sei berufen, seine
Schulden zu zahlen.
Das Ministerium Barrot-Falloux war das erste und letzte parlamen-
tarische Ministerium, das Bonaparte ins Leben rief. Die Entlas-
sung desselben bildet daher einen entscheidenden Wendepunkt. Mit
ihm verlor die Ordnungspartei, um ihn nie wieder zu erobern,
einen unentbehrlichen Posten für die Behauptung des parlamentari-
schen Regimes, die Handhabe der Exekutivgewalt. Man begreift so-
gleich, daß in einem Lande wie Frankreich, wo die Exekutivgewalt
über ein Beamtenheer von mehr als einer halben Million von Indi-
viduen verfügt, also eine ungeheure Masse von Interessen und
Existenzen beständig in der unbedingtesten Abhängigkeit erhält,
wo der Staat die bürgerliche Gesellschaft von ihren umfassendsten
Lebensäußerungen bis zu ihren unbedeutendsten Regungen hinab, von
ihren allgemeinsten Daseinsweisen bis zur Privatexistenz der In-
dividuen umstrickt, kontrolliert, maßregelt, überwacht und bevor-
mundet, wo dieser Parasitenkörper durch die außerordentlichste
Zentralisation eine Allgegenwart, Allwissenheit, eine be-
schleunigte Bewegungsfähigkeit und Schnellkraft gewinnt, die nur
in der hülflosen Unselbständigkeit, in der zerfahrenen Unförm-
lichkeit des wirklichen Gesellschaftskörpers ein Analogon finden,
daß in einem solchen Lande die Nationalversammlung mit der Verfü-
gung über die Ministerstellen jeden wirklichen Einfluß verloren
gab, wenn sie nicht gleichzeitig die Staatsverwaltung verein-
fachte, das Beamtenheer möglichst verringerte, endlich die
bürgerliche Gesellschaft und die öffentliche Meinung ihre eignen
von der Regierungsgewalt unabhängigen Organe erschaffen ließ.
Aber das m a t e r i e l l e I n t e r e s s e der
#151# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
französischen Bourgeoisie ist gerade auf das innigste mit der Er-
haltung jener breiten und vielverzweigten Staatsmaschine verwebt.
Hier bringt sie ihre überschüssige Bevölkerung unter und ergänzt
in der Form von Staatsgehalten, was sie nicht in der Form von
Profiten, Zinsen, Renten und Honoraren einstecken kann. Andrer-
seits zwang ihr p o l i t i s c h e s I n t e r e s s e sie,
die Repression, also die Mittel und das Personal der Staats-
gewalt, täglich zu vermehren, während sie gleichzeitig einen
ununterbrochenen Krieg gegen die öffentliche Meinung führen und
die selbständigen Bewegungsorgane der Gesellschaft mißtrauisch
verstümmeln, lähmen mußte, wo es ihr nicht gelang, sie gänzlich
zu amputieren. So war die französische Bourgeoisie durch ihre
Klassenstellung gezwungen, einerseits die Lebensbedingungen einer
jeden, also auch ihrer eignen parlamentarischen Gewalt zu
vernichten, andrerseits die ihr feindliche Exekutivgewalt
unwiderstehlich zu machen.
Das neue Ministerium hieß das Ministerium d'Hautpoul. Nicht als
hätte General d'Hautpoul den Rang eines Ministerpräsidenten er-
halten. Mit Barrot schaffte Bonaparte vielmehr zugleich diese
Würde ab, die den Präsidenten der Republik allerdings zur legalen
Nichtigkeit eines konstitutionellen Königs verdammte, aber eines
konstitutionellen Königs ohne Thron und ohne Krone, ohne Zepter
und ohne Schwert, ohne Unverantwortlichkeit, ohne den unverjähr-
baren Besitz der höchsten Staatswürde und, was das fatalste war,
ohne Zivilliste. Das Ministerium d'Hautpoul besaß nur einen Mann
von parlamentarischem Rufe, den Juden Fould, eins der berüchtig-
sten Glieder der hohen Finanz. Ihm fiel das Finanzministerium an-
heim. Man schlage die Pariser Börsennotationen nach, und man wird
finden, daß vom 1. November 1849 an die französischen Fonds stei-
gen und fallen mit dem Steigen und Fallen der bonapartistischen
Aktien. Während Bonaparte so seinen Affiliierten in der Börse ge-
funden hatte, bemächtigte er sich zugleich der Polizei durch Car-
liers Ernennung zum Polizeipräfekten von Paris.
Indes konnten sich die Folgen des Ministerwechsels erst im Laufe
der Entwicklung herausstellen. Zunächst hatte Bonaparte nur einen
Schritt vorwärts getan, um desto augenfälliger rückwärts getrie-
ben zu werden. Seiner barschen Botschaft folgte die servilste Un-
tertänigkeitserklärung an die Nationalversammlung. Sooft die Mi-
nister den schüchternen Versuch wagten, seine persönlichen Marot-
ten als Gesetzvorschläge einzubringen, schienen sie selbst nur
widerwillig und durch ihre Stellung gezwungen, die komischen Auf-
träge zu erfüllen, von deren Erfolglosigkeit sie im voraus über-
zeugt waren. Sooft Bonaparte im Rücken der Minister seine Absich-
ten ausplauderte und mit seinen "idées napoléoniennes" [93]
spielte, desavouierten ihn die eignen Minister von der Tribüne
der Nationalversammlung herab. Seine Usurpationsgelüste
#152# Karl Marx
-----
gelüste schienen nur laut zu werden, damit das schadenfrohe Ge-
lächter seiner Gegner nicht verstumme. Er gebärdete sich als ein
verkanntes Genie, das alle Welt für einen Simpel ausgibt. Nie ge-
noß er in vollerem Maße die Verachtung aller Klassen als während
dieser Periode. Nie herrschte die Bourgeoisie unbedingter, nie
trug sie prahlerischer die Insignien der Herrschaft zur Schau.
Ich habe hier nicht die Geschichte ihrer gesetzgeberischen Tätig-
keit zu schreiben, die sich während dieser Periode in zwei Geset-
zen resümiert: in dem Gesetze, das die W e i n s t e u e r wie-
derherstellt, in dem U n t e r r i c h t s g e s e t z e, das
den Unglauben abschafft. [94] Wenn den Franzosen das Weintrinken
erschwert, ward ihnen desto reichlicher vom Wasser des wahren Le-
bens geschenkt. Wenn die Bourgeoisie in dem Gesetze über die
Weinsteuer das alte gehässige französische Steuersystem für unan-
tastbar erklärt, suchte sie durch das Unterrichtsgesetz den alten
Gemütszustand der Massen zu sichern, der es ertragen ließ. Man
ist erstaunt, die Orleanisten, die liberalen Bourgeois, diese al-
ten Apostel des Voltairianismus und der eklektischen Philosophie,
ihren Stammfeinden, den Jesuiten, die Verwaltung des französi-
schen Geistes anvertrauen zu sehn. Aber Orleanisten und Legitimi-
sten konnten in Beziehung auf den Kronprätendenten auseinander-
gehn, sie begriffen, daß ihre vereinte Herrschaft die Unterdrüc-
kungsmittel zweier Epochen zu vereinigen gebot, daß die Unter-
jochungsmittel der Julimonarchie durch die Unterjochungsmittel
der Restauration ergänzt und verstärkt werden mußten.
Die Bauern, in allen ihren Hoffnungen getäuscht, durch den nied-
rigen Stand der Getreidepreise einerseits, durch die wachsende
Steuerlast und Hypothekenschuld andrerseits mehr als je erdrückt,
begannen sich in den Departements zu regen. Man antwortete ihnen
durch eine Hetzjagd auf die Schulmeister, die den Geistlichen,
durch eine Hetzjagd auf die Maires, die den Präfekten, und durch
ein System der Spionage, dem alle unterworfen wurden. In Paris
und den großen Städten trägt die Reaktion selbst die Physiognomie
ihrer Epoche und fordert mehr heraus, als sie niederschlägt. Auf
dem Lande wird sie platt, gemein, kleinlich, ermüdend, plackend,
mit einem Worte Gendarm. Man begreift, wie drei Jahre vom Regime
des Gendarmen, eingesegnet durch das Regime des Pfaffen, unreife
Massen demoralisieren mußten.
Welche Summe von Leidenschaft und Deklamation die Ordnungspartei
von der Tribüne der Nationalversammlung herab gegen die Minorität
aufwenden mochte, ihre Rede blieb einsilbig wie die des Christen,
dessen Worte sein sollen: Ja, ja, nein, nein! Einsilbig von der
Tribüne herab wie in der Presse. Fad wie ein Rätsel, dessen Lö-
sung im voraus bekannt ist. Handelte es
#153# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
sich um Petitionsrecht oder um Weinsteuer, um Preßfreiheit oder
um Freihandel, um Klubs oder um Munizipalverfassung, um Schutz
der persönlichen Freiheit oder um Regelung des Staatshaushaltes,
das Losungswort kehrt immer wieder, das Thema bleibt immer das-
selbe, der Urteilsspruch ist immer fertig und lautet unveränder-
lich: "Sozialismus!" Für s o z i a l i s t i s c h wird selbst
der bürgerliche Liberalismus erklärt, für sozialistisch die bür-
gerliche Aufklärung, für sozialistisch die bürgerliche Finanzre-
form. Es war sozialistisch, eine Eisenbahn zu bauen, wo schon ein
Kanal vorhanden war, und es war sozialistisch, sich mit dem
Stocke zu verteidigen, wenn man mit dem Degen angegriffen wurde.
Es war dies nicht bloße Redeform, Mode, Parteitaktik. Die Bour-
geoisie hatte die richtige Einsicht, daß alle Waffen, die sie ge-
gen den Feudalismus geschmiedet, ihre Spitze gegen sie selbst
kehrten, daß alle Bildungsmittel, die sie erzeugt, gegen ihre
eigne Zivilisation rebellierten, daß alle Götter, die sie ge-
schaffen, von ihr abgefallen waren. Sie begriff, daß alle soge-
nannten bürgerlichen Freiheiten und Fortschrittsorgane ihre
K l a s s e n h e r r s c h a f t zugleich an der gesellschaft-
lichen Grundlage und an der politischen Spitze angriffen und be-
drohten, also "sozialistisch" geworden waren. In dieser Drohung
und in diesem Angriffe fand sie mit Recht das Geheimnis des So-
zialismus, dessen Sinn und Tendenz sie richtiger beurteilt, als
der sogenannte Sozialismus sich selbst zu beurteilen weiß, der
daher nicht begreifen kann, wie die Bourgeoisie sich verstockt
gegen ihn verschließt, mag er nun sentimental über die Leiden der
Menschheit winseln oder christlich das Tausendjährige Reich und
die allgemeine Bruderliebe verkünden oder humanistisch von Geist,
Bildung, Freiheit faseln oder doktrinär ein System der Vermitt-
lung und der Wohlfahrt aller Klassen aushecken. Was sie aber
nicht begriff, war die Konsequenz, daß ihr e i g n e s p a r-
l a m e n t a r i s c h e s R e g i m e, daß ihre p o l i t i-
s c h e H e r r s c h a f t überhaupt nun auch als s o z i a-
l i s t i s c h dem allgemeinen Verdammungsurteil verfallen muß-
te. Solange die Herrschaft der Bourgeoisklasse sich nicht
vollständig organisiert, nicht ihren reinen politischen Ausdruck
gewonnen hatte, konnte auch der Gegensatz der andern Klassen
nicht rein hervortreten, und wo er hervortrat, nicht die
gefährliche Wendung nehmen, die jeden Kampf gegen die Staats-
gewalt in einen Kampf gegen das Kapital verwandelt. Wenn sie in
jeder Lebensregung der Gesellschaft die "Ruhe" gefährdet sah, wie
konnte sie an der Spitze der Gesellschaft das R e g i m e d e r
U n r u h e, ihr eignes Regime, das p a r l a m e n t a r i-
s c h e R e g i m e behaupten wollen, dieses Regime, das nach
dem Ausdrucke eines ihrer Redner im Kampfe und durch den Kampf
lebt? Das parlamentarische Regime lebt von der Diskussion, wie
soll es die Diskussion verbieten? Jedes Interesse, jede gesell-
schaftliche Einrichtung wird hier in
#154# Karl Marx
-----
allgemeine Gedanken verwandelt, als Gedanken verhandelt, wie soll
irgendein Interesse, eine Einrichtung sich über dem Denken be-
haupten und als Glaubensartikel imponieren? Der Rednerkampf auf
der Tribüne ruft den Kampf der Preßbengel hervor, der debattie-
rende Klub im Parlament ergänzt sich notwendig durch debattie-
rende Klubs in den Salons und in den Kneipen, die Repräsentanten,
die beständig an die Volksmeinung appellieren, berechtigen die
Volksmeinung, in Petitionen ihre wirkliche Meinung zu sagen. Das
parlamentarische Regime überläßt alles der Entscheidung der Majo-
ritäten, wie sollen die großen Majoritäten jenseits des Parla-
ments nicht entscheiden wollen? Wenn ihr auf dem Gipfel des Staa-
tes die Geige streicht, was andres erwarten, als daß die drunten
tanzen?
Indem also die Bourgeoisie, was sie früher als "liberal" gefei-
ert, jetzt als "sozialistisch" verketzert, gesteht sie ein, daß
ihr eignes Interesse gebietet, sie der Gefahr des S e l b s t-
r e g i e r e n s zu überheben, daß, um die Ruhe im Lande her-
zustellen, vor allem ihr Bourgeoisparlament zur Ruhe gebracht, um
ihre gesellschaftliche Macht unversehrt zu erhalten, ihre
politische Macht gebrochen werden müsse; daß die Privatbourgeois
nur fortfahren können, die andern Klassen zu exploitieren und
sich ungetrübt des Eigentums, der Familie, der Religion und der
Ordnung zu erfreuen, unter der Bedingung, daß ihre Klasse neben
den andern Klassen zu gleicher politischer Nichtigkeit verdammt
werde; daß, um ihren Beutel zu retten, die Krone ihr abgeschlagen
und das Schwert, das sie beschützen solle, zugleich als
Damoklesschwert über ihr eignes Haupt gehängt werden müsse.
In dem Bereiche der allgemeinen bürgerlichen Interessen zeigte
sich die Nationalversammlung so unproduktiv, daß z.B. die Ver-
handlungen über die Paris-Avignoner Eisenbahn, die im Winter 1850
begannen, am 2. Dezember 1851 noch nicht zum Schluß reif waren.
Wo sie nicht unterdrückte, reagierte, war sie mit unheilbarer Un-
fruchtbarkeit geschlagen.
Während Bonapartes Ministerium teils die Initiative zu Gesetzen
im Geiste der Ordnungspartei ergriff, teils ihre Härte in der
Ausführung und Handhabung noch übertrieb, suchte er andrerseits
durch kindisch alberne Vorschläge Popularität zu erobern, seinen
Gegensatz zur Nationalversammlung zu konstatieren und auf einen
geheimen Hinterhalt hinzudeuten, der nur durch die Verhältnisse
einstweilen verhindert werde, dem französischen Volke seine ver-
borgenen Schätze zu erschließen. So der Vorschlag, den Unteroffi-
zieren eine tägliche Zulage von vier Sous zu dekretieren. So der
Vorschlag einer Ehrenleihbank für die Arbeiter. Geld geschenkt
und Geld gepumpt zu erhalten, das war die Perspektive, womit er
die Massen zu ködern hoffte. Schenken und Pumpen, darauf be-
schränkt sich die Finanzwissenschaft des Lumpen
proletariats,
#155# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
des vornehmen und des gemeinen. Darauf beschränkten sich die
Springfedern, die Bonaparte in Bewegung zu setzen wußte. Nie hat
ein Prätendent platter auf die Plattheit der Massen spekuliert.
Die Nationalversammlung brauste wiederholt auf bei diesen
unverkennbaren Versuchen, auf ihre Kosten Popularität zu erwer-
ben, bei der wachsenden Gefahr, daß dieser Abenteurer, den die
Schulden voranpeitschten und kein erworbener Ruf zurückhielt,
einen verzweifelten Streich wagen werde. Die Verstimmung zwischen
der Ordnungspartei und dem Präsidenten hatte einen drohenden Cha-
rakter angenommen, als ein unerwartetes Ereignis ihn reuig in
ihre Arme zurückwarf. Wir meinen die Nachwahlen vom 10. März
1850. Diese Wahlen fanden statt, um die Repräsentantenstellen,
die nach dem 13. Juni durch das Gefängnis oder das Exil erledigt
worden waren, wieder zu besetzen. Paris wählte nur sozial-demo-
kratische Kandidaten. Es vereinte sogar die meisten Stimmen auf
einen Insurgenten des Juni 1848, auf de Flotte. So rächte sich
das mit dem Proletariat alliierte Pariser Kleinbürgertum für
seine Niederlage am 13. Juni 1849. Es schien im Augenblick der
Gefahr nur vom Kampfplatz verschwunden zu sein, um ihn bei gün-
stiger Gelegenheit mit massenhafteren Streitkräften und mit einer
kühnern Kampfparole wieder zu betreten. Ein Umstand schien die
Gefahr dieses Wahlsieges zu erhöhen. Die Armee stimmte in Paris
für den Juni-Insurgenten gegen La Hitte, einen Minister Bonapar-
tes, und in den Departements zum großen Teil für die Montagnards,
die auch hier, zwar nicht so entschieden wie in Paris, das Über-
gewicht über ihre Gegner behaupteten.
Bonaparte sah sich plötzlich wieder die Revolution gegenüberste-
hen. Wie am 29.Januar 1849, wie am 13. Juni 1849 verschwand er am
10. März 1850 hinter der Partei der Ordnung. Er beugte sich, er
tat kleinmütig Abbitte, er erbot sich, auf Befehl der parlamenta-
rischen Majorität jedes beliebige Ministerium zu ernennen, er
flehte sogar die orleanistischen und legitimistischen Parteifüh-
rer, die Thiers, die Berryer, die Broglie, die Molé, kurz die
sogenannten Burggrafen [95], das Staatsruder in eigner Person zu
ergreifen. Die Partei der Ordnung wußte diesen unwiederbringli-
chen Augenblick nicht zu benutzen. Statt sich kühn der angebote-
nen Gewalt zu bemächtigen, zwang sie Bonaparte nicht einmal, das
am 1. November entlassene Ministerium wieder einzusetzen; sie be-
gnügte sich, ihn durch die Verzeihung zu demütigen und dem Mini-
sterium d'Hautpoul Herrn Baroche beizugesellen. Dieser Baroche
hatte als öffentlicher Ankläger, das eine Mal gegen die Revolu-
tionäre vom 15. Mai [37], das andre Mal gegen die Demokraten des
13. Juni, vor dem Hochgerichte zu Bourges gewütet, beide Male we-
gen Attentat auf die Nationalversammlung. Keiner der Minister Bo-
napartes trug später mehr dazu bei, die
#156# Karl Marx
-----
Nationalversammlung herabzuwürdigen, und nach dem 2.Dezember 1851
finden wir ihn wieder als wohlbestallten und teuer bezahlten Vi-
zepräsidenten des Senats. Er hatte den Revolutionären in die
Suppe gespuckt, damit Bonaparte sie aufesse.
Die sozial-demokratische Partei ihrerseits schien nur nach Vor-
wänden zu haschen, um ihren eignen Sieg wieder in Frage zu stel-
len Und ihm die Pointe abzubrechen. Vidal, einer der neuerwählten
Pariser Repräsentanten, war gleichzeitig in Straßburg gewählt
worden. Man bewog ihn, die Wahl für Paris abzulehnen und die für
Straßburg anzunehmen. Statt also ihrem Siege auf dem Wahlplatze
einen definitiven Charakter zu geben und dadurch die Ord-
nungspartei zu zwingen, ihn sofort im Parlamente streitig zu ma-
chen, statt so den Gegner im Augenblick des Volksenthusiasmus und
der günstigen Stimmung der Armee zum Kampfe zu treiben, ermüdete
die demokratische Partei Paris während der Monate März und April
mit einer neuen Wahlagitation, ließ die aufgeregten Volksleiden-
schaften in diesem abermaligen provisorischen Stimmenspiel sich
aufreiben, die revolutionäre Tatkraft in konstitutionellen Erfol-
gen sich sättigen, in kleinen Intrigen, hohlen Deklamationen und
Scheinbewegungen verpuffen, die Bourgeoisie sich sammeln und ihre
Vorkehrungen treffen, endlich die Bedeutung der Märzwahlen in der
nachträglichen Aprilwahl, in der Wahl Eugène Sues, einen senti-
mental abschwächenden Kommentar finden. Mit einem Worte, sie
schickte den 10. März in den April.
Die parlamentarische Majorität begriff die Schwäche ihres Geg-
ners. Ihre siebzehn Burggrafen, denn Bonaparte hatte ihr die Lei-
tung und die Verantwortlichkeit des Angriffs überlassen, arbeite-
ten ein neues Wahlgesetz aus, dessen Vorlage dem Herrn Faucher,
der sich diese Ehre ausbat, anvertraut wurde. Am 8. Mai brachte
er das Gesetz ein, wodurch das allgemeine Wahlrecht abgeschafft,
ein dreijähriges Domizil an dem Orte der Wahl den Wählern als Be-
dingung auferlegt, endlich der Nachweis dieses Domizils für die
Arbeiter von dem Zeugnisse ihrer Arbeitgeber abhängig gemacht
wurde.
Wie revolutionär die Demokraten während des konstitutionellen
Wahlkampfes aufgeregt und getobt hatten, so konstitutionell pre-
digten sie jetzt, wo es galt, mit den Waffen in der Hand den
Ernst jener Wahlsiege zu beweisen, Ordnung, majestätische Ruhe
(calme majestueux), gesetzliche Haltung, d.h. blinde Unterwerfung
unter den Willen der Kontrerevolution, der sich als Gesetz breit-
machte. Während der Debatte beschämte der Berg die Partei der
Ordnung, indem er gegen ihre revolutionäre Leidenschaftlichkeit
die leidenschaftslose Haltung des Biedermanns geltend machte, der
den Rechtsboden behauptet, und indem er sie mit dem furchtbaren
Vorwurfe zu Boden schlug,
#157# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
daß sie revolutionär verfahre. Selbst die neugewählten Deputier-
ten bemühten sich durch anständiges und besonnenes Auftreten zu
beweisen, welche Verkennung es war, sie als Anarchisten zu ver-
schreien und ihre Wahl als einen Sieg der Revolution auszulegen.
Am 31. Mai ging das neue Wahlgesetz durch. Die Montagne begnügte
sich damit, dem Präsidenten einen Protest in die Tasche zu
schmuggeln. Dem Wahlgesetz folgte ein neues Preßgesetz, wodurch
die revolutionäre Zeitungspresse vollständig beseitigt wurde.
[96] Sie hatte ihr Schicksal verdient. "National" [74] und
"LaPresse" [97], zwei bürgerliche Organe, blieben nach dieser
Sündflut als äußerste Vorposten der Revolution zurück.
Wir haben gesehn, wie die demokratischen Führer während März und
April alles getan hatten, um das Volk von Paris in einen Schein-
kampf zu verwickeln, wie sie nach dem 8. Mai alles taten, um es
vom wirklichen Kampf abzuhalten. Wir dürfen zudem nicht verges-
sen, daß das Jahr 1850 eines der glänzendsten Jahre industrieller
und kommerzieller Prosperität, also das Pariser Proletariat voll-
ständig beschäftigt war. Allein das Wahlgesetz vom 31. Mai 1850
schloß es von aller Teilnahme an der politischen Gewalt aus. Es
schnitt ihm das Kampfterrain selbst ab. Es warf die Arbeiter in
die Pariastellung zurück, die sie vor der Februarrevolution ein-
genommen hatten. Indem sie einem solchen Ereignisse gegenüber
sich von den Demokraten lenken lassen und das revolutionäre In-
teresse ihrer Klasse über einem augenblicklichen Wohlbehagen ver-
gessen konnten, verzichteten sie auf die Ehre, eine erobernde
Macht zu sein, unterwarfen sich ihrem Schicksale, bewiesen, daß
die Niederlage vom Juni 1848 sie für Jahre kampfunfähig gemacht
und daß der geschichtliche Prozeß zunächst wieder ü b e r ihren
Köpfen vor sich gehen müsse. Was die kleinbürgerliche Demokratie
betrifft, die am 13. Juni geschrien hatte: "aber wenn erst das
allgemeine Wahlrecht angetastet wird, aber dann!" - so tröstete
sie sich jetzt damit, daß der kontrerevolutionäre Schlag, der sie
getroffen, kein Schlag und das Gesetz vom 3I.Mai kein Gesetz sei.
Am zweiten [Sonntag des Monats] Mai 1852 erscheint jeder Franzose
auf dem Wahlplatze, in der einen Hand den Stimmzettel, in der an-
dern das Schwert. Mit dieser Prophezeiung tat sie sich selbst Ge-
nüge. Die Armee endlich wurde wie für die Wahlen vom 29. Mai
1849, so für die vom März und April 1850 von ihren Vorgesetzten
gezüchtigt. Diesmal sagte sie sich aber entschieden: "Die Revolu-
tion prellt uns nicht zum dritten Mal."
Das Gesetz vom 31. Mai 1850 war der coup d'état der Bourgeoisie.
Alle ihre bisherigen Eroberungen über die Revolution hatten einen
nur provisorischen Charakter. Sie waren in Frage gestellt, sobald
die jetzige Nationalversammlung von der Bühne abtrat. Sie hingen
von dem Zufall einer neuen
#158# Karl Marx
-----
allgemeinen Wahl ab, und die Geschichte der Wahlen seit 1848 be-
wies unwiderleglich, daß in demselben Maße, wie die faktische
Herrschaft der Bourgeoisie sich entwickelte, ihre moralische
Herrschaft über die Volksmassen verlorenging. Das allgemeine
Wahlrecht erklärte sich am 10. März direkt gegen die Herrschaft
der Bourgeoisie, die Bourgeoisie antwortete mit der Ächtung des
allgemeinen Wahlrechts. Das Gesetz vom 31. Mai war also eine der
Notwendigkeiten des Klassenkampfes. Andrerseits erheischte die
Konstitution, damit die Wahl des Präsidenten der Republik gültig
sei, ein Minimum von zwei Millionen Stimmen. Erhielt keiner der
Präsidentschaftskandidaten dies Minimum, so sollte die National-
versammlung unter den drei Kandidaten, denen die meisten Stimmen
zufallen würden, den Präsidenten wählen. Zur Zeit, wo die Konsti-
tuante dies Gesetz machte, waren zehn Millionen Wähler auf den
Stimmlisten eingeschrieben. In ihrem Sinne reichte also ein Fünf-
tel der Wahlberechtigten hin, um die Präsidentschaftswahl gültig
zu machen. Das Gesetz vom 31. Mai strich wenigstens drei Millio-
nen Stimmen von den Wahllisten, reduzierte die Zahl der Wahlbe-
rechtigten auf sieben Millionen und behielt nichtsdestoweniger
das gesetzliche Minimum von zwei Millionen für die Präsident-
schaftswahl bei. Es erhöhte also das gesetzliche Minimum von ei-
nem Fünftel auf beinahe ein Drittel der wahlfähigen Stimmen,
d.h., es tat alles, um die Präsidentenwahl aus den Händen des
Volkes in die Hände der Nationalversammlung hinüberzuschmuggeln.
So schien die Partei der Ordnung durch das Wahlgesetz vom 31. Mai
ihre Herrschaft doppelt befestigt zu haben, indem sie die Wahl
der Nationalversammlung und die des Präsidenten der Republik dem
stationären Teil der Gesellschaft anheimgab.
#159#
-----
V
Der Kampf brach sofort wieder aus zwischen der Nationalversamm-
lung und Bonaparte, sobald die revolutionäre Krise überdauert und
das allgemeine Wahlrecht abgeschafft war.
Die Konstitution hatte das Gehalt Bonapartes auf 600 000 Francs
festgesetzt. Kaum ein halbes Jahr nach seiner Installierung ge-
lang es ihm, diese Summe auf das Doppelte zu erhöhn. Odilon Bar-
rot ertrotzte nämlich von der konstituierenden Nationalversamm-
lung einen jährlichen Zuschuß von 600 000 Francs für sogenannte
Repräsentationsgelder. Nach dem 13. Juni hatte Bonaparte ähnliche
Anliegen verlauten lassen, ohne diesmal bei Barrot Gehör zu fin-
den. Jetzt nach dem 31. Mai benutzte er sofort den günstigen
Augenblick und ließ seine Minister eine Zivilliste von drei Mil-
lionen in der Nationalversammlung beantragen. Ein langes abenteu-
erndes Vagabundenleben hatte ihn mit den entwickeltsten Fühl-
hörnern begabt, um die schwachen Momente herauszutasten, wo er
seinen Bourgeois Geld abpressen durfte. Er trieb förmliche chan-
tage 1*). Die Nationalversammlung hatte die Volkssouveränität mit
seiner Mithülfe und seinem Mitwissen geschändet. Er drohte ihr
Verbrechen dem Volksgericht zu denunzieren, falls sie nicht den
Beutel ziehe und sein Stillschweigen mit drei Millionen jährlich
erkaufe. Sie hatte drei Millionen Franzosen ihres Stimmrechts be-
raubt. Er verlangte für jeden außer Kurs gesetzten Franzosen
einen Kurs habenden Franken, genau drei Millionen Francs. Er, der
Erwählte von sechs Millionen, fordert Schadenersatz für die Stim-
men, um die man ihn nachträglich geprellt habe. Die Kommission
der Nationalversammlung wies den Zudringlichen ab. Die bonaparti-
stische Presse drohte. Konnte die Nationalversammlung mit dem
Präsidenten der Republik brechen in einem Augenblicke, wo sie
prinzipiell und definitiv mit der Masse der Nation gebrochen
hatte? Sie verwarf zwar die jährliche Zivilliste, aber sie
-----
1*) Erpressung
#160# Karl Marx
-----
bewilligte einen einmaligen Zuschuß von 2 160 000 Francs. Sie
machte sich so der doppelten Schwäche schuldig, das Geld zu be-
willigen und zugleich durch ihren Ärger zu zeigen, daß sie es nur
widerwillig bewillige. Wir werden später sehen, wozu Bonaparte
das Geld brauchte. Nach diesem ärgerlichen Nachspiel, das der Ab-
schaffung des allgemeinen Stimmrechts auf dem Fuße folgte und
worin Bonaparte seine demütige Haltung während der Krise des März
und April mit herausfordernder Unverschämtheit gegen das usurpa-
torische Parlament vertauschte, vertagte sich die Nationalver-
sammlung für drei Monate, vom 11. August bis 11. November. Sie
ließ an ihrer Stelle eine Permanenzkommission von 28 Mitgliedern
zurück, die keinen Bonapartisten enthielt, wohl aber einige gemä-
ßigte Republikaner. Die Permanenzkommission vom Jahre 1849 hatte
nur Männer der Ordnung und Bonapartisten gezählt. Aber damals er-
klärte sich die Partei der Ordnung in Permanenz gegen die Revolu-
tion. Diesmal erklärte sich die parlamentarische Republik in
Permanenz gegen den Präsidenten. Nach dem Gesetze vom 31. Mai
stand der Partei der Ordnung nur noch dieser Rival gegenüber.
Als die Nationalversammlung im November 1850 wieder zusammentrat,
schien statt ihrer bisherigen kleinlichen Plänkeleien mit dem
Präsidenten ein großer rücksichtsloser Kampf, ein Kampf der bei-
den Gewalten auf Leben und Tod unvermeidlich geworden zu sein.
Wie im Jahre 1849 war die Partei der Ordnung während der diesjäh-
rigen Parlamentsferien in ihre einzelnen Fraktionen auseinander-
gegangen, jede beschäftigt mit ihren eignen Restaurationsintri-
gen, die durch den Tod Louis-Philippes neue Nahrung erhalten hat-
ten. Der Legitimistenkönig Heinrich V. [89] hatte sogar ein förm-
liches Ministerium ernannt, das zu Paris residierte und worin
Mitglieder der Permanenzkommission saßen. Bonaparte war also be-
rechtigt, seinerseits Rundreisen durch die französischen Departe-
ments zu machen und je nach der Stimmung der Stadt, die er mit
seiner Gegenwart beglückte, bald versteckter, bald offener seine
eignen Restaurationspläne auszuplaudern und Stimmen für sich zu
werben. Auf diesen Zügen, die der große offizielle - Moniteur"
und die kleinen Privatmoniteure Bonapartes natürlich als Tri-
umphzüge feiern mußten, war er fortwährend begleitet von Affili-
ierten der Gesellschaft des 1O. Dezember. Diese Gesellschaft da-
tiert vom Jahre 1849. Unter dem Vorwande, eine Wohltätigkeitsge-
sellschaft zu stiften, war das Pariser Lumpenproletariat in ge-
heime Sektionen organisiert worden, jede Sektion von bonaparti-
stischen Agenten geleitet, an der Spitze des Ganzen ein bonapar-
tistischer General. Neben zerrütteten Roués 1*) mit zweideutigen
-----
1*) Wüstlingen
#161# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, neben verkomme-
nen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie Vagabunden, ent-
lassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Ga-
leerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzarotii, Taschendiebe, Ta-
schenspieler, Spieler, Maquereaus 1*), Bordellhalter, Lastträger,
Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kessel-
flicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin-
und hergeworfene Masse, die die Franzosen la bohème nennen; mit
diesem ihm verwandten Elemente bildete Bonaparte den Stock der
Gesellschaft vom 10. Dezember. "Wohltätigkeitsgesellschaft" -
insofern alle Mitglieder gleich Bonaparte das Bedürfnis fühlten,
sich auf Kosten der arbeitenden Nation wohlzutun. Dieser Bona-
parte, der sich als C h e f d e s L u m p e n p r o l e t a-
r i a t s konstituiert, der hier allein in massenhafter Form die
Interessen wiederfindet, die er persönlich verfolgt, der in
diesem Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen die einzige Klasse
erkennt, auf die er sich unbedingt stützen kann, er ist der wirk-
liche Bonaparte, der Bonaparte sans phrase 2*). Alter durchtrie-
bener Roué, faßt er das geschichtliche Leben der Völker und die
Haupt- und Staatsaktionen derselben als Komödie im ordinärsten
Sinne auf, als eine Maskerade, wo die großen Kostüme, Worte und
Posituren nur der kleinlichsten Lumperei zur Maske dienen. So bei
seinem Zuge nach Straßburg, wo ein geschulter Schweizer Geier den
napoleonischen Adler vorstellt. Für seinen Einfall in Boulogne
steckt er einige Londoner Lakaien in französische Uniform. [98]
Sie stellen die Armee vor. In seiner Gesellschaft vom 10. Dezem-
ber sammelt er 10000 Lumpenkerls, die das Volk vorstellen müssen,
wie Klaus Zettel den Löwen. In einem Augenblicke, wo die Bour-
geoisie selbst die vollständigste Komödie spielte, aber in der
ernsthaftesten Weise von der Welt, ohne irgendeine der pedanti-
schen Bedingungen der französischen dramatischen Etikette [99] zu
verletzen, und selbst halb geprellt, halb überzeugt von der
Feierlichkeit ihrer eignen Haupt- und Staatsaktionen, mußte der
Abenteurer siegen, der die Komödie platt als Komödie nahm. Erst
wenn er seinen feierlichen Gegner beseitigt hat, wenn er nun
selbst seine kaiserliche Rolle im Ernste nimmt und mit der
napoleonischen Maske den wirklichen Napoleon vorzustellen meint,
wird er das Opfer seiner eignen Weltanschauung, der ernsthafte
Hanswurst, der nicht mehr die Weltgeschichte als eine Komödie,
sondern seine Komödie als Weltgeschichte nimmt. Was für die
sozialistischen Arbeiter die Nationalateliers [100], was für die
Bourgeois-Republikaner die Gardes mobiles [71], das war für
Bonaparte die Gesellschaft vom 10. Dezember, die ihm
eigentümliche Parteistreitkraft. Auf seinen Reisen mußten die auf
der Eisenbahn verpackten
-----
1*) Zuhälter - 2*) ohne jede Beschönigung
#162# Karl Marx
-----
Abteilungen derselben ihm ein Publikum improvisieren, den öffent-
lichen Enthusiasmus aufführen, vive l'Empereur 1*) heulen, die
Republikaner insultieren und durchprügeln, natürlich unter dem
Schutze der Polizei. Auf seinen Rückfahrten nach Paris mußten sie
die Avantgarde bilden, Gegendemonstrationen zuvorkommen oder sie
auseinanderjagen. Die Gesellschaft vom 10. Dezember gehörte ihm,
sie war s e i n Werk, sein eigenster Gedanke. Was er sich sonst
aneignet, gibt ihm die Macht der Verhältnisse anheim, was er
sonst tut, tun die Verhältnisse für ihn oder begnügt er sich, von
den Taten andrer zu kopieren; aber er, mit den offiziellen Re-
densarten der Ordnung, der Religion, der Familie, des Eigentums
öffentlich vor den Bürgern, hinter ihm die geheime Gesellschaft
der Schufteries und der Spiegelbergs [101], die Gesellschaft der
Unordnung, der Prostitution und des Diebstahls, das ist Bonaparte
selbst als Originalautor, und die Geschichte der Gesellschaft des
10. Dezember ist seine eigne Geschichte. Es hatte sich nun aus-
nahmsweise ereignet, daß der Ordnungspartei angehörige Volksre-
präsentanten unter die Stöcke der Dezembristen gerieten. Noch
mehr. Der der Nationalversammlung zugewiesene, mit der Bewachung
ihrer Sicherheit beauftragte Polizeikommissär Yon zeigte auf die
Aussage eines gewissen Allais hin der Permanenzkommission an,
eine Sektion der Dezembristen habe die Ermordung des Generals
Changarnier und Dupins, des Präsidenten der Nationalversammlung,
beschlossen und zu deren Vollstreckung schon die Individuen be-
stimmt. Man begreift den Schreck des Herrn Dupin. Eine parlamen-
tarische Enquête über die Gesellschaft vom 10. Dezember, d.h. die
Profanierung der Bonaparteschen Geheimwelt, schien unvermeidlich.
Grade vor dem Zusammentritt der Nationalversammlung löste Bona-
parte vorsorglich seine Gesellschaft auf, natürlich nur auf dem
Papiere, denn noch Ende 1851 suchte der Polizeipräfekt Carlier in
einem ausführlichen Memoire ihn vergeblich zur wirklichen Aus-
einanderjagung der Dezembristen zu bewegen.
Die Gesellschaft vom 10. Dezember sollte so lange die Privatarmee
Bonapartes bleiben, bis es ihm gelang, die öffentliche Armee in
eine Gesellschaft vom 10. Dezember zu verwandeln. Bonaparte
machte hierzu den ersten Versuch kurz nach Vertagung der Natio-
nalversammlung, und zwar mit dem eben ihr abgetrotzten Gelde. Als
Fatalist lebt er der Überzeugung, daß es gewisse höhere Mächte
gibt, denen der Mensch und insbesondere der Soldat nicht wider-
stehen kann. Unter diese Mächte zählt er in erster Linie Zigarre
und Champagner, kaltes Geflügel und Knoblauchswurst. Er traktiert
daher in den Gemächern des Elysée zunächst Offiziere und Unterof-
fiziere mit Zigarre und
-----
1*) es lebe der Kaiser
#163# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Champagner, mit kaltem Geflügel und Knoblauchswurst. Am 3.Oktober
wiederholt er dieses Manöver mit den Truppenmassen bei der Revue
von St. Maur und am 10. Oktober dasselbe Manöver auf noch
größerer Stufenleiter bei der Armeeschau von Satory. Der Onkel
erinnerte sich der Feldzüge Alexanders in Asien, der Neffe der
Eroberungszüge des Bacchus in demselben Lande. Alexander war
allerdings ein Halbgott, aber Bacchus war ein Gott, und dazu der
Schutzgott der Gesellschaft vom 10. Dezember.
Nach der Revue vom 3. Oktober lud die Permanenzkommission den
Kriegsminister d'Hautpoul vor sich. Er versprach, jene Diszipli-
narwidrigkeiten sollten sich nicht wiederholen. Man weiß, wie Bo-
naparte am 10. Oktober d'Hautpouls Wort hielt. In beiden Revuen
hatte Changarnier kommandiert als Oberbefehlshaber der Armee von
Paris. Er, zugleich Mitglied der Permanenzkommission, Chef der
Nationalgarde, "Retter" vom 29. Januar und 13. Juni, "Bollwerk
der Gesellschaft", Kandidat der Ordnungspartei für die Präsiden-
tenwürde, der geahnte Monk zweier Monarchien, hatte bisher nie
seine Unterordnung unter den Kriegsminister anerkannt, die repu-
blikanische Konstitution stets offen verhöhnt, Bonaparte mit ei-
ner zweideutig vornehmen Protektion verfolgt. Jetzt eiferte er
für die Disziplin gegen den Kriegsminister und für die Konstitu-
tion gegen Bonaparte. Während am 10. Oktober ein Teil der Kaval-
lerie den Ruf: "Vive Napoléon! Vivent les saucissons!" 1*) ertö-
nen ließ, veranstaltete Changarnier, daß wenigstens die unter dem
Kommando seines Freundes Neumayer vorbeidefilierende Infanterie
ein eisiges Stillschweigen beobachtete. Zur Strafe entsetzte der
Kriegsminister auf Bonapartes Antrieb den General Neumayer seines
Postens in Paris, unter dem Vorwand, ihn als Obergeneral der 14.
und 15.Militärdivision zu bestallen. Neumayer schlug diesen Stel-
lenwechsel aus und mußte so seine Entlassung nehmen. Changarnier
seinerseits veröffentlichte am 2. November einen Tagesbefehl,
worin er den Truppen verbot, politische Ausrufungen und Demon-
strationen irgendeiner Art sich unter den Waffen zu erlauben. Die
elyseeischen Blätter griffen Changarnier an, die Blätter der Ord-
nungspartei Bonaparte, die Permanenzkommission wiederholte ge-
heime Sitzungen, worin wiederholt beantragt wurde, das Vaterland
in Gefahr zu erklären, die Armee schien in zwei feindliche Lager
geteilt mit zwei feindlichen Generalstäben, der eine im Elysée,
wo Bonaparte, der andere in den Tuilerien, wo Changarnier hauste.
Es schien nur des Zusammentritts der Nationalversammlung zu be-
dürfen, damit das Signal zum Kampfe erschalle. Das französische
Publikum beurteilte diese Reibungen zwischen Bonaparte und Chan-
garnier wie jener englische Journalist, der sie mit folgenden
Worten charakterisiert hat:"
-----
1*) "Es lebe Napoleon! Es leben die Würste!"
#164# Karl Marx
-----
"Die politischen Hausmägde Frankreichs kehren die glühende Lava
der Revolution mit alten Besen weg und keifen sich aus, während
sie ihre Arbeit verrichten."
Unterdes beeilte sich Bonaparte, den Kriegsminister d'Hautpoul zu
entsetzen, ihn Hals über Kopf nach Algier zu spedieren und an
seine Stelle General Schramm zum Kriegsminister zu ernennen. Am
12. November sandte er der Nationalversammlung eine Botschaft von
amerikanischer Weitläufigkeit, überladen mit Details, ordnungs-
duftend, versöhnungslüstern, konstitutionellresigniert, von allem
und jedem handelnd, nur nicht von den questions brûlantes 1*) des
Augenblickes. Wie im Vorbeigehen ließ er die Worte fallen, daß
den ausdrücklichen Bestimmungen der Konstitution gemäß der Präsi-
dent allein über die Armee verfüge. Die Botschaft schloß mit fol-
genden hochbeteuernden Worten:
"Frankreich verlangt vor allem andern Ruhe ... Allein durch einen
Eid gebunden. Werde ich mich innerhalb der engen Grenzen halten,
die er mir gezogen hat ... Was mich betrifft, vom Volke erwählt
und ihm allein meine Macht schuldend, ich werde mich stets seinem
gesetzlich ausgedrückten Willen fügen. Beschließt Ihr in dieser
Sitzung die Revision der Konstitution, so wird eine konstituie-
rende Versammlung die Stellung der Exekutivgewalt regeln. Wo
nicht, so wird das Volk 1852 feierlich seinen Entschluß verkün-
den. Was aber immer die Lösungen der Zukunft sein mögen, laßt uns
zu einem Verständnis kommen, damit niemals Leidenschaft, Überra-
schung oder Gewalt über das Schicksal einer großen Nation ent-
scheiden ... Was vor allem meine Aufmerksamkeit in Anspruch
nimmt, ist nicht, zu wissen, wer 1852 über Frankreich regieren
wird, sondern die Zeit, die zu meiner Verfügung steht, so zu ver-
wenden, daß die Zwischenperiode ohne Agitation und Störung vor-
übergehe. Ich habe mit Aufrichtigkeit mein Herz vor Euch eröff-
net, Ihr werdet meiner Offenheit mit Eurem Vertrauen antworten,
meinem guten Streben durch Eure Mitwirkung, und Gott wird das üb-
rige tun."
Die honette, heuchlerisch gemäßigte, tugendhaft gemeinplätzliche
Sprache der Bourgeoisie offenbart ihren tiefsten Sinn im Munde
des Selbstherrschers der Gesellschaft vom 10. Dezember und des
Picknickhelden von St-Maur und Satory.
Die Burggrafen der Ordnungspartei täuschten sich keinen Augen-
blick über das Vertrauen, das diese Herzenseröffnung verdiene.
Über Eide waren sie längst blasiert, sie zählten Veteranen, Vir-
tuosen des politischen Meineids in ihrer Mitte, sie hatten die
Stelle über die Armee nicht überhört. Sie bemerkten mit Unwillen,
daß die Botschaft in der weitschweifigen Aufzählung der jüngst
erlassenen Gesetze das wichtigste Gesetz, das Wahlgesetz, mit
affektierten
-----
1*) brennenden Fragen
#165# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Stillschweigen überging und vielmehr im Falle der Nichtrevision
der Verfassung die Wahl des Präsidenten für 1852 dem Volke an-
heimstellte. Das Wahlgesetz war die Bleikugel an den Füßen der
Ordnungspartei, die sie am Gehen verhinderte und nun gar am Stür-
men! Zudem hatte Bonaparte durch die amtliche Auflösung der Ge-
sellschaft vom 10. Dezember und die Entlassung des Kriegsmini-
sters d'Hautpoul die Sündenböcke mit eigener Hand auf dem Altar
des Vaterlandes geopfert. Er hatte der erwarteten Kollision die
Spitze abgebrochen. Endlich suchte die Ordnungspartei selbst
ängstlich jeden entscheidenden Konflikt mit der Exekutivgewalt zu
umgehen, abzuschwächen, zu vertuschen. Aus Furcht, die Eroberun-
gen über die Revolution zu verlieren, ließ sie ihren Rivalen die
Früchte derselben gewinnen. "Frankreich verlangt vor allem andern
Ruhe." So rief die Ordnungspartei der Revolution seit Februar zu,
so rief Bonapartes Botschaft der Ordnungspartei zu. "Frankreich
verlangt vor allem Ruhe." Bonaparte beging Handlungen, die auf
Usurpation hinzielten, aber die Ordnungspartei beging die
"Unruhe", wenn sie Lärm über diese Handlungen schlug und sie hy-
pochondrisch auslegte. Die Würste von Satory waren mausstill,
wenn niemand von ihnen sprach. "Frankreich verlangt vor allem
Ruhe." Also verlangte Bonaparte, daß man ihn ruhig gewähren
lasse, und die parlamentarische Partei war von doppelter Furcht
gelähmt, von der Furcht, die revolutionäre Unruhe wieder
heraufzubeschwören, von der Furcht, selbst als der Unruhstifter
in den Augen ihrer eignen Klasse, in den Augen der Bourgeoisie zu
erscheinen. Da Frankreich also vor allem andern Ruhe verlangte,
wagte die Ordnungspartei nicht, nachdem Bonaparte in seiner Bot-
schaft "Frieden" gesprochen hatte, "Krieg" zu antworten. Das Pu-
blikum, das sich mit großen Skandalszenen bei Eröffnung der Na-
tionalversammlung geschmeichelt hatte, wurde in seinen Erwartun-
gen geprellt. Die Oppositionsdeputierten, welche Vorlage der Pro-
tokolle der Permanenzkommission über die Oktoberereignisse ver-
langten, wurden von der Majorität überstimmt. Man floh prinzipi-
ell alle Debatte, die aufregen konnte. Die Arbeiten der National-
versammlung während November und Dezember 1850 waren ohne Inter-
esse.
Endlich gegen Ende Dezember begann der Guerillakrieg um einzelne
Prärogativen des Parlaments. In kleinlichen Schikanen um die Prä-
rogative der beiden Gewalten versumpfte die Bewegung, seitdem die
Bourgeoisie mit der Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts den
Klassenkampf zunächst abgemacht hatte.
Gegen Mauguin, einen der Volksrepräsentanten, war schuldenhalber
ein gerichtliches Urteil erwirkt worden. Auf Anfrage des Ge-
richtspräsidenten erklärte der Justizminister Rouher, es sei ohne
weitere Umstände ein Verhaftsbefehl
#166# Karl Marx
-----
gegen den Schuldner auszufertigen. Mauguin wurde also in den
Schuldturm geworfen. Die Nationalversammlung brauste auf, als sie
das Attentat erfuhr. Sie verordnete nicht nur seine sofortige
Freilassung, sondern ließ ihn auch noch denselben Abend von ihrem
greffier 1*) gewaltsam aus Clichy herausholen. Um jedoch ihren
Glauben an die Heiligkeit des Privateigentums zu bewähren, und
mit dem Hintergedanken, im Notfall ein Asyl für lästig gewordene
Montagnards [60] zu eröffnen, erklärte sie die Schuldhaft von
Volksrepräsentanten nach vorheriger Einholung ihrer Erlaubnis für
zulässig. Sie vergaß zu dekretieren, daß auch der Präsident
schuldenhalber eingesperrt werden könne. Sie vernichtete den
letzten Schein von Unverletzlichkeit, der die Glieder ihres eige-
nen Körpers umgab.
Man erinnert sich, daß der Polizeikommissär Yon eine Sektion der
Dezembristen auf Aussage eines gewissen Allais hin wegen Mord-
plans auf Dupin und Changarnier denunziert hatte. Gleich in der
ersten Sitzung machten die Quästoren [86] mit Bezug hierauf den
Vorschlag, eine eigne parlamentarische Polizei zu bilden, besol-
det aus dem Privatbudget der Nationalversammlung und durchaus un-
abhängig von dem Polizeipräfekten. Der Minister des Innern, Baro-
che, hatte gegen diesen Eingriff in sein Ressort protestiert. Man
schloß darauf einen elenden Kompromiß, wonach der Polizeikom-
missär der Versammlung zwar aus ihrem Privatbudget besoldet und
von ihren Quästoren ein- und abgesetzt werden solle, aber nach
vorheriger Verständigung mit dem Minister des Innern. Unterdessen
war Allais gerichtlich von der Regierung verfolgt worden, und
hier war es leicht, seine Aussage als eine Mystifikation dar-
zustellen und durch den Mund des öffentlichen Anklägers einen lä-
cherlichen Schein auf Dupin, Changarnier, Yon und die ganze Na-
tionalversammlung zu werfen. Jetzt, am 29. Dezember, schreibt der
Minister Baroche einen Brief an Dupin, worin er die Entlassung
Yons verlangt. Das Büro der Nationalversammlung beschließt, Yon
in seiner Stelle zu erhalten, aber die Nationalversammlung, über
ihre Gewaltsamkeit in Mauguins Angelegenheit erschreckt und ge-
wohnt, wenn sie einen Schlag gegen die Exekutivgewalt gewagt hat,
zwei Schläge von ihr im Austausch zurückzuerhalten, sanktioniert
diesen Beschluß nicht. Sie entläßt Yon zur Belohnung seines
Diensteifers und beraubt sich einer parlamentarischen Präroga-
tive, unerläßlich gegen einen Menschen, der nicht in der Nacht
beschließt, um bei Tage auszuführen, sondern bei Tage beschließt
und in der Nacht 2*) ausführt.
Wir haben gesehn, wie die Nationalversammlung während der Monate
November und Dezember bei großen schlagenden Veranlassungen den
-----
1*) vom Generalsekretär des Staatsrats - 2*) vom 1. zum 2. Dezem-
ber 1851
#167# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Kampf mit der Exekutivgewalt umging, niederschlug. Jetzt sehen
wir sie gezwungen, ihn bei den kleinlichsten Anlässen aufzuneh-
men. In der Angelegenheit Mauguins bestätigt sie dem Prinzipe
nach die Schuldhaft der Volksrepräsentanten, behält sich aber
vor, es nur auf ihr mißliebige Repräsentanten anwenden zu lassen,
und um dieses infame Privilegium hadert sie mit dem Justizmini-
ster. Statt den angeblichen Mordplan zu benutzen, um eine Enquête
über die Gesellschaft vom 10. Dezember zu verhängen und Bonaparte
in seiner wahren Gestalt als das Haupt des Pariser Lumpenproleta-
riats vor Frankreich und Europa rettungslos bloßzustellen, läßt
sie die Kollision auf einen Punkt herabsinken, wo es sich zwi-
schen ihr und dem Minister des Innern nur noch darum handelt, zu
wessen Kompetenz die Ein- und Absetzung eines Polizeikommissärs
gehört. So sehn wir die Partei der Ordnung während dieser ganzen
Periode durch ihre zweideutige Stellung gezwungen, ihren Kampf
mit der Exekutivgewalt in kleinliche Kompetenzzwiste, Schikanen,
Rabulistereien, Grenzstreitigkeiten zu verpuffen, zu verbröckeln
und die abgeschmacktesten Formfragen zum Inhalt ihrer Tätigkeit
zu machen. Sie wagt die Kollision nicht aufzunehmen in dem Augen-
blicke, wo sie eine prinzipielle Bedeutung hat, wo die Exekutiv-
gewalt sich wirklich bloßgestellt hat und die Sache der National-
versammlung die nationale Sache wäre. Sie würde dadurch der Na-
tion eine Marsch-Ordre ausstellen, und sie fürchtet nichts mehr,
als daß sich die Nation bewege. Bei solchen Gelegenheiten weist
sie daher die Anträge der Montagne zurück und geht zur Tagesord-
nung über. Nachdem die Streitfrage so in ihren großen Dimensionen
aufgegeben ist, wartet die Exekutivgewalt ruhig den Zeitpunkt ab,
wo sie dieselbe bei kleinlich unbedeutenden Anlässen wiederauf-
nehmen kann, wo sie sozusagen nur noch ein parlamentarisches Lo-
kalinteresse bietet. Dann bricht die verhaltene Wut der Ordnungs-
partei aus, dann reißt sie den Vorhang von den Kulissen, dann de-
nunziert sie den Präsidenten, dann erklärt sie die Republik in
Gefahr, aber dann erscheint auch ihr Pathos abgeschmackt und der
Anlaß des Kampfes als heuchlerischer Vorwand oder überhaupt des
Kampfes nicht wert. Der parlamentarische Sturm wird zu einem
Sturm in einem Glase Wasser, der Kampf zur Intrige, die Kollision
zum Skandal. Während die Schadenfreude der revolutionären Klassen
sich an der Demütigung der Nationalversammlung weidet, denn sie
schwärmen ebensosehr für die parlamentarischen Prärogativen der-
selben wie jene Versammlung für die öffentlichen Freiheiten, be-
greift die Bourgeoisie außerhalb des Parlaments nicht, wie die
Bourgeoisie innerhalb des Parlaments ihre Zeit mit so kleinlichen
Zänkereien vergeuden und die Ruhe durch so elende Rivalitäten mit
dem Präsidenten bloßstellen kann. Sie wird verwirrt über eine
Strategie, die in dem Augenblicke Frieden
#168# Karl Marx
-----
schließt, wo alle Welt Schlachten erwartet, und in dem Augen-
blicke angreift, wo alle Welt den Frieden geschlossen glaubt.
Am 20. Dezember interpellierte Pascal Duprat den Minister des In-
nern über die Goldbarrenlotterie. Diese Lotterie war eine
"Tochter aus Elysium" [102], Bonaparte hatte sie mit seinen Ge-
treuen auf die Welt gesetzt und der Polizeipräfekt Carlier sie
unter seine offizielle Protektion gestellt, obgleich das franzö-
sische Gesetz alle Lotterien mit Ausnahme der Verlosung zu wohl-
tätigen Zwecken untersagt. Sieben Millionen Lose, Stück für Stück
ein Frank, der Gewinn angeblich bestimmt zur Verschiffung von Pa-
riser Vagabunden nach Kalifornien. Einerseits sollten goldene
Träume die sozialistischen Träume des Pariser Proletariats ver-
drängen, die verführerische Aussicht auf das große Los das dok-
trinäre Recht auf Arbeit. Die Pariser Arbeiter erkannten natür-
lich in dem Glänze der kalifornischen Goldbarren die unscheinba-
ren Franken nicht wieder, die man ihnen aus der Tasche lockte. In
der Hauptsache aber handelte es sich um eine direkte Prellerei.
Die Vagabunden, die kalifornische Goldminen eröffnen wollten,
ohne sich aus Paris wegzubemühn, waren Bonaparte selbst und seine
schuldenzerrüttete Tafelrunde. Die von der Nationalversammlung
bewilligten drei Millionen waren verjubelt, die Kasse mußte auf
eine oder die andre Weise wieder gefüllt werden. Vergebens hatte
Bonaparte zur Errichtung von sogenannten cités ouvrières 1*) eine
Nationalsubskription eröffnet, an deren Spitze er selbst mit ei-
ner bedeutenden Summe figurierte. Die hartherzigen Bourgeois war-
teten mißtrauisch die Einzahlung seiner Aktie ab, und da diese
natürlich nicht erfolgte, fiel die Spekulation auf die so-
zialistischen Luftschlösser platt zu Boden. Die Goldbarren zogen
besser. Bonaparte und Genossen begnügten sich nicht damit, den
Überschuß der sieben Millionen über die auszuspielenden Barren
teilweise in die Tasche zu stecken, sie fabrizierten falsche
Lose, sie gaben auf dieselbe Nummer zehn, fünfzehn bis zwanzig
Lose aus, Finanzoperation im Geiste der Gesellschaft vom 10. De-
zember! Hier hatte die Nationalversammlung nicht den fiktiven
Präsidenten der Republik sich gegenüber, sondern den Bonaparte in
Fleisch und Blut. Hier konnte sie ihn auf der Tat ertappen im
Konflikte nicht mit der Konstitution, sondern mit dem Code pénal.
Wenn sie auf Duprats Interpellation zur Tagesordnung überging,
geschah es nicht nur, weil Girardins Antrag, sich für "satisfait"
2*) zu erklären, der Ordnungspartei ihre systematische Korruption
ins Gedächtnis rief. Der Bourgeois, und vor allem der zum Staats-
mann aufgeblähte Bourgeois, ergänzt seine praktische Gemeinheit
durch eine theoretische Überschwenglichkeit. Als Staatsmann wird
er wie die
-----
1*) Arbeitersiedlungen - 2*) "befriedigt"
#169# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Staatsgewalt, die ihm gegenübersteht, ein höheres Wesen, das nur
in höherer, geweihter Weise bekämpft werden kann.
Bonaparte, der eben als Bohémien, als prinzlicher Lumpenproleta-
rier den Vorzug vor dem schuftigen Bourgeois hatte, daß er den
Kampf gemein führen konnte, sah nun, nachdem die Versammlung
selbst ihn über den schlüpfrigen Boden der Militärbanketts, der
Revuen, der Gesellschaft vom 10. Dezember und endlich des Code
pénal mit eigner Hand hinübergeleitet hatte, den Augenblick ge-
kommen, wo er aus der scheinbaren Defensive in die Offensive
übergehn konnte. Wenig genierten ihn die mittendurch spielenden
kleinen Niederlagen des Justizministers, des Kriegsministers, des
Marineministers, des Finanzministers, wodurch die Nationalver-
sammlung ihr knurriges Mißvergnügen kundgab. Er verhinderte nicht
nur die Minister abzutreten und so die Unterwerfung der Exekutiv-
gewalt unter das Parlament anzuerkennen. Er konnte nun vollbrin-
gen, womit er während der Ferien der Nationalversammlung begonnen
hatte, die Losreißung der Militärgewalt vom Parlamente, die Ab-
setzung Changarniers.
Ein elyseeisches Blatt veröffentlichte einen Tagesbefehl, während
des Monats Mai angeblich an die erste Militärdivision gerichtet,
also von Changarnier ausgehend, worin den Offizieren empfohlen
wurde, im Falle einer Empörung den Verrätern in ihren eignen Rei-
hen kein Quartier 1*) zu geben, sie sofort zu erschießen und der
Nationalversammlung die Truppen zu verweigern, wenn sie dieselben
requirieren sollte. Am 3. Januar 1851 wurde das Kabinett über
diesen Tagesbefehl interpelliert. Es verlangt zur Prüfung dieser
Angelegenheit erst drei Monate, dann eine Woche, endlich nur
vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Die Versammlung besteht auf
sofortigem Aufschlüsse. Changarnier erhebt sich und erklärt, daß
dieser Tagesbefehl nie existiert habe. Er fügt hinzu, daß er sich
stets beeilen werde, den Aufforderungen der Nationalversammlung
nachzukommen, und daß sie in einem Kollisionsfalle auf ihn rech-
nen könne. Sie empfängt seine Erklärung mit unaussprechlichem Ap-
plaus und dekretiert ihm ein Vertrauensvotum. Sie dankt ab, sie
dekretiert ihre eigne Machtlosigkeit und die Allmacht der Armee,
indem sie sich unter die Privatprotektion eines Generals begibt,
aber der General täuscht sich, wenn er ihr gegen Bonaparte eine
Macht zu Gebot stellt, die er nur als Lehen von demselben Bona-
parte hält, wenn er seinerseits Schutz von diesem Parlamente, von
seinem schutzbedürftigen Schützlinge erwartet. Aber Changarnier
glaubt an die mysteriöse Macht, womit ihn die Bourgeoisie seit
dem 29. Januar 1849 ausgestattet. Er hält sich für die dritte Ge-
walt neben den
-----
1*) keinen Pardon
#170# Karl Marx
-----
beiden übrigen Staatsgewalten. Er teilt das Schicksal der übrigen
Helden oder vielmehr Heiligen dieser Epoche, deren Größe eben in
der interessierten großen Meinung besteht, die ihre Partei von
ihnen aufbringt, und die in Alltagsfiguren zusammenfallen, sobald
die Verhältnisse sie einladen, Wunder zu verrichten. Der Unglaube
ist überhaupt der tödliche Feind dieser vermeinten Helden und
wirklichen Heiligen. Daher ihre würdevoll-sittliche Entrüstung
über die enthusiasmusarmen Witzlinge und Spötter.
An demselben Abende wurden die Minister nach dem Elysée beschie-
den, Bonaparte dringt auf die Absetzung Changarniers, fünf Mini-
ster weigern sich, sie zu zeichnen, der "Moniteur" kündigt eine
Ministerkrise an, und die Ordnungspresse droht mit der Bildung
einer parlamentarischen Armee unter dem Kommando Changarniers.
Die Partei der Ordnung hatte die konstitutionelle Befugnis zu
diesem Schritte. Sie brauchte bloß Changarnier zum Präsidenten
der Nationalversammlung zu ernennen und eine beliebige Truppen-
masse zu ihrer Sicherheit zu requirieren. Sie konnte es um so si-
cherer, als Changarnier noch wirklich an der Spitze der Armee und
der Pariser Nationalgarde stand und nur darauf lauerte, mitsamt
der Armee requiriert zu werden. Die bonapartistische Presse wagte
noch nicht einmal, das Recht der Nationalversammlung zu direkter
Requisition der Truppen in Frage zu stellen, ein juristischer
Skrupel, der unter den gegebenen Verhältnissen keinen Erfolg ver-
sprach. Daß die Armee dem Befehle der Nationalversammlung ge-
horcht hätte, ist wahrscheinlich, wenn man erwägt, daß Bonaparte
acht Tage in ganz Paris suchen mußte, um endlich zwei Generale zu
finden - Baraguay d'Hilliers und St-Jean-d'Angely -, die sich be-
reit erklärten, die Absetzung Changarniers zu kontrasignieren.
Daß die Ordnungspartei aber in ihren eignen Reihen und im Parla-
mente die zu einem solchen Beschlüsse nötige Stimmenzahl gefunden
hätte, ist mehr als zweifelhaft, wenn man bedenkt, daß acht Tage
später 286 Stimmen sich von ihr trennten und daß die Montagne
einen ähnlichen Vorschlag noch im Dezember 1851, in der letzten
Stunde der Entscheidung, verwarf. Indessen wäre es vielleicht den
Burggrafen jetzt noch gelungen, die Masse ihrer Partei zu einem
Heroismus hinzureißen, der darin bestand, sich hinter einem Walde
von Bajonetten sicher zu fühlen und den Dienst einer Armee anzu-
nehmen, die in ihr Lager desertiert war. Statt dessen begaben
sich die Herren Burggrafen am Abende des 6. Januar ins Elysée, um
durch staatskluge Wendungen und Bedenken Bonaparte von der Abset-
zung Changarniers abstehn zu machen. Wen man zu überreden sucht,
den erkennt man als den Meister der Situation an. Bonaparte,
durch diesen Schritt sicher gemacht, ernennt am 12. Januar ein
neues Ministerium, worin die Führer des alten, Fould und Baroche,
verbleiben. St-Jean-d'Angely
#171# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
wird Kriegsminister, der "Moniteur" bringt das Absetzungsdekret
Changarniers, sein Kommando wird geteilt unter Baraguay
d'Hilliers, der die erste Militärdivision, und Perrot, der die
Nationalgarde erhält. Das Bollwerk der Gesellschaft ist abge-
dankt, und wenn kein Stein darüber vom Dache fällt, steigen dage-
gen die Börsenkurse.
Indem sie die Armee, die sich ihr in Changarniers Person zur Ver-
fügung stellt, zurückstößt und so unwiderruflich dem Präsidenten
überantwortet, erklärt die Ordnungspartei, daß die Bourgeoisie
den Beruf zum Herrschen verloren hat. Es existierte bereits kein
parlamentarisches Ministerium mehr. Indem sie nun noch die Hand-
habe der Armee und Nationalgarde verlor, welches Gewaltmittel
blieb ihr, um gleichzeitig die usurpierte Gewalt des Parlaments
über das Volk und seine konstitutionelle Gewalt gegen den
Präsidenten zu behaupten? Keins. Es blieb ihr nur noch der Appell
an gewaltlose Prinzipien, die sie selbst stets nur als allgemeine
Regeln ausgelegt hatte, die man dritten vorschreibt, um sich
selbst desto freier bewegen zu können. Mit der Absetzung Changar-
niers, mit dem Anheimfall der Militärgewalt an Bonaparte,
schließt der erste Abschnitt der Periode, die wir betrachten, der
Periode des Kampfes zwischen der Ordnungspartei und der Exekutiv-
gewalt. Der Krieg zwischen den beiden Gewalten ist jetzt offen
erklärt, wird offen geführt, aber erst nachdem die Ordnungspartei
Waffen und Soldaten verloren hat. Ohne Ministerium, ohne Armee,
ohne Volk, ohne öffentliche Meinung, seit ihrem Wahlgesetz vom
31. Mai nicht mehr die Repräsentantin der souveränen Nation, ohn'
Aug', ohn' Ohr, ohn' Zahn, ohn' alles, hatte sich die National-
versammlung allgemach in ein a l t f r a n z ö s i s c h e s
P a r l a m e n t [103] verwandelt, das die Aktion der Regierung
überlassen und sich selbst mit knurrenden Remonstrationen post
festum begnügen muß.
Die Ordnungspartei empfängt das neue Ministerium mit einem Sturme
der Entrüstung. General Bedeau ruft die Milde der Permanenzkom-
mission während der Ferien ins Gedächtnis zurück und die über-
große Rücksicht, womit sie auf die Veröffentlichung ihrer Proto-
kolle verzichtet habe. Der Minister des Innern besteht nun selbst
auf Veröffentlichung dieser Protokolle, die jetzt natürlich schal
wie abgestandenes Wasser geworden sind, keine neue Tatsache ent-
hüllen und ohne die geringste Wirkung in das blasierte Publikum
fallen. Auf Rémusats Vorschlag zieht sich die Nationalversammlung
in ihre Büros zurück und ernennt ein "Komitee außerordentlicher
Maßregeln". Paris tritt um so weniger aus dem Geleise seiner all-
täglichen Ordnung, als der Handel in diesem Augenblicke prospe-
riert, die Manufakturen beschäftigt sind, die Getreidepreise
niedrig stehn, die Lebensmittel überfließen, die Sparkassen täg-
lich neue Depositen erhalten. Die "außerordentlichen Maßregeln",
die das
#172# Karl Marx
-----
Parlament so geräuschvoll angekündigt hat, verpuffen am 18. Ja-
nuar in ein Mißtrauensvotum gegen die Minister, ohne daß General
Changarnier auch nur erwähnt wurde. Die Ordnungspartei war zu
dieser Fassung ihres Votums gezwungen, um sich die Stimmen der
Republikaner zu sichern, da diese von allen Maßregeln des Mini-
steriums gerade nur die Absetzung Changarniers billigen, während
die Ordnungspartei in der Tat die übrigen ministeriellen Akte
nicht tadeln kann, die sie selbst diktiert hatte.
Für das Mißtrauensvotum vom 18. Januar entschieden 415 gegen 286
Stimmen. Es wurde also nur durchgesetzt durch eine K o a l i-
t i o n der entschiedenen Legitimisten und Orleanisten mit den
reinen Republikanern und der Montagne. Es bewies also, daß die
Partei der Ordnung nicht nur das Ministerium, nicht nur die
Armee, sondern in Konflikten mit Bonaparte auch ihre selbständige
parlamentarische Majorität verloren hatte, daß ein Trupp von
Repräsentanten aus ihrem Lager desertiert war, aus Vermitt-
lungsfanatismus, aus Furcht vor dem Kampfe, aus Abspannung, aus
Familienrücksicht für blutverwandte Staatsgehalte, aus Spekula-
tion auf frei werdende Ministerposten (Odilon Barrot), aus dem
platten Egoismus, womit der gewöhnliche Bourgeois stets geneigt
ist, das Gesamtinteresse seiner Klasse diesem oder jenem Privat-
motive zu opfern. Die bonapartistischen Repräsentanten gehörten
von vornherein der Ordnungspartei nur im Kampfe gegen die Revolu-
tion. Der Chef der katholischen Partei, Montalembert, warf seinen
Einfluß schon damals in die Waagschale Bonapartes, da er an der
Lebensfähigkeit der parlamentarischen Partei verzweifelte. Die
Führer dieser Partei endlich, Thiers und Berryer, der Orleanist
und Legitimist, waren gezwungen, sich offen als Republikaner zu
proklamieren, zu bekennen, daß ihr Herz königlich, aber ihr Kopf
republikanisch gesinnt, daß die parlamentarische Republik die
einzig mögliche Form für die Herrschaft der Gesamtbourgeoisie
sei. Sie waren so gezwungen, die Restaurationspläne, die sie un-
verdrossen hinter dem Rücken des Parlaments weiter verfolgten,
vor den Augen der Bourgeoisklasse selbst als eine ebenso gefahr-
volle wie kopflose Intrige zu brandmarken.
Das Mißtrauensvotum vom 18. Januar traf die Minister und nicht
den Präsidenten. Aber nicht das Ministerium, der Präsident hatte
Changarnier abgesetzt. Sollte die Ordnungspartei Bonaparte selbst
in Anklagezustand versetzen? Wegen seiner Restaurationsgelüste?
Sie ergänzten nur ihre eignen. Wegen seiner Konspiration in den
Militärrevuen und der Gesellschaft vom 10. Dezember? Sie hatten
diese Themata längst unter einfachen Tagesordnungen begraben. We-
gen der Absetzung des Helden vom 29. Januar und vom 13. Juni, des
Mannes, der Mai 1850 im Falle einer Erneute Paris an allen vier
Ecken in Brand zu stecken drohte? Ihre Alliierten von der Monta-
gne und
#173# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Cavaignac erlaubten ihnen nicht einmal, das gefallene BoIlwerk
der Gesellschaft durch eine offizielle Beileidsbezeugung aufzu-
richten. Sie selbst konnten dem Präsidenten die konstitutionelle
Befugnis, einen General abzusetzen, nicht bestreiten. Sie tobten
nur, weil er von seinem konstitutionellen Rechte einen unparla-
mentarischen Gebrauch machte. Hatten sie von ihrer parlamentari-
schen Prärogative nicht fortwährend einen unkonstitutionellen Ge-
brauch gemacht und namentlich bei der Abschaffung des allgemeinen
Wahlrechts? Sie waren also darauf angewiesen, sich genau inner-
halb der parlamentarischen Schranken zu bewegen. Und es gehörte
jene eigentümliche Krankheit dazu, die seit 1848 auf dem ganzen
Kontinent grassiert hat, der p a r l a m e n t a r i s c h e
K r e t i n i s m u s, der die Angesteckten in eine eingebildete
Welt festbannt und ihnen allen Sinn, alle Erinnerung, alles Ver-
ständnis für die rauhe Außenwelt raubt, dieser parlamentarische
Kretinismus gehörte dazu, wenn sie, die alle Bedingungen der par-
lamentarischen Macht mit eignen Händen zerstört hatten und in ih-
rem Kampfe mit den andern Klassen zerstören mußten, ihre par-
lamentarischen Siege noch für Siege hielten und den Präsidenten
zu treffen glaubten, indem sie auf seine Minister schlugen. Sie
gaben ihm nur Gelegenheit, die Nationalversammlung von neuem in
den Augen der Nation zu demütigen. Am 20. Januar meldete der
"Moniteur", daß die Entlassung des Gesamtministeriums angenommen
sei. Unter dem Vorwande, daß keine parlamentarische Partei mehr
die Majorität besitze, wie das Votum vom 18. Januar, diese Frucht
der Koalition zwischen Montagne und Royalisten, beweise, und um
die Neubildung einer Majorität abzuwarten, ernannte Bonaparte ein
sogenanntes Übergangsministerium, wovon kein Mitglied dem Parla-
mente angehörte, lauter durchaus unbekannte und bedeutungslose
Individuen, ein Ministerium von bloßen Kommis und Schreibern. Die
Ordnungspartei konnte sich jetzt im Spiele mit diesen Marionetten
abarbeiten, die Exekutivgewalt hielt es nicht mehr der Mühe wert,
ernsthaft in der Nationalversammlung vertreten zu sein. Bonaparte
konzentrierte um so sichtbarer die ganze Exekutivgewalt in seiner
Person, er hatte um so freiem Spielraum, sie zu seinen Zwecken
auszubeuten, je mehr seine Minister reine Statisten waren.
Die mit der Montagne koalisierte Ordnungspartei rächte sich, in-
dem sie die präsidentielle Dotation von 1 800 000 frs. verwarf,
zu deren Vorlage das Haupt der Gesellschaft vom 10. Dezember
seine ministeriellen Kommis gezwungen hatte. Diesmal entschied
eine Majorität von nur 102 Stimmen, es waren also seit dem 18.
Januar neuerdings 27 Stimmen abgefallen, die Auflösung der Ord-
nungspartei ging voran. Damit man sich keinen Augenblick über den
Sinn ihrer Koalition mit der Montagne täusche, verschmähte sie
#174# Karl Marx
-----
gleichzeitig, einen von 189 Mitgliedern der Montagne unterzeich-
neten Antrag auf allgemeine Amnestie der politischen Verbrecher
auch nur in Betracht zu ziehen. Es genügte, daß der Minister des
Innern, ein gewisser Vaïsse, erklärte, die Ruhe sei nur schein-
bar, im geheimen herrsche große Agitation, im geheimen organi-
sierten sich allgegenwärtige Gesellschaften, die demokratischen
Blätter machten Anstalten, um wieder zu erscheinen, die Berichte
aus den Departements lauteten ungünstig, die Flüchtlinge von Genf
leiteten eine Verschwörung über Lyon durch ganz Südfrankreich,
Frankreich stehe am Rande einer industriellen und kommerziellen
Krise, die Fabrikanten von Roubaix hätten die Arbeitszeit vermin-
dert, die Gefangenen von Belle-+le [104] sich empört -, es ge-
nügte, daß selbst nur ein Vaïsse das rote Gespenst herauf-
beschwor, damit die Partei der Ordnung ohne Diskussion einen An-
trag verwarf, der der Nationalversammlung eine ungeheure Popula-
rität erobern und Bonaparte in ihre Arme zurückwerfen mußte.
Statt sich von der Exekutivgewalt durch die Perspektive neuer Un-
ruhen einschüchtern zu lassen, hätte sie vielmehr dem Klassen-
kampf einen kleinen Spielraum gewähren müssen, um die Exekutive
von sich abhängig zu erhalten. Aber sie fühlte sich nicht der
Aufgabe gewachsen, mit dem Feuer zu spielen.
Unterdessen vegetierte das sogenannte Übergangsministerium bis
Mitte April fort. Bonaparte ermüdete, foppte die Nationalversamm-
lung mit beständig neuen Ministerkombinationen. Bald schien er
ein republikanisches Ministerium bilden zu wollen mit Lamartine
und Billault, bald ein parlamentarisches mit dem unvermeidlichen
Odilon Barrot, dessen Name nie fehlen darf, wenn ein dupe notwen-
dig ist, bald ein legitimistisches mit Vatimesnil und Benoist
d'Azy, bald ein orleanistisches mit Maleville. Während er so die
verschiedenen Fraktionen der Ordnungspartei in Spannung gegenein-
ander erhält und sie insgesamt mit der Aussicht auf ein republi-
kanisches Ministerium und die dann unvermeidlich gewordene Her-
stellung des allgemeinen Wahlrechts ängstet, bringt er gleichzei-
tig bei der Bourgeoisie die Überzeugung hervor, daß seine auf-
richtigen Bemühungen um ein parlamentarisches Ministerium an der
Unversöhnlichkeit der royalistischen Fraktionen scheitern. Die
Bourgeoisie schrie aber um so lauter nach einer "starken Regie-
rung", sie fand es um so unverzeihlicher, Frankreich "ohne Admi-
nistration" zu lassen, je mehr eine allgemeine Handelskrise nun
im Anmärsche schien und in den Städten für den Sozialismus warb,
wie der ruinierend niedrige Preis des Getreides auf dem Lande.
Der Handel wurde täglich flauer, die unbeschäftigten Hände ver-
mehrten sich zusehends, in Paris waren wenigstens 10 000 Arbeiter
brotlos, in Rouen, Mülhausen, Lyon, Roubaix, Tourcoing, St-Eti-
enne, Elbeuf usw. standen zahllose Fabriken still. Unter diesen
Umständen konnte
#175# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Bonaparte es wagen, am 11 .April das Ministerium vom 18.Januar zu
restaurieren. Die Herren Rouher, Fould, Baroche etc., verstärkt
durch Herrn Léon Faucher, den die konstituierende Versammlung
während ihrer letzten Tage einstimmig mit Ausnahme von fünf Mini-
sterstimmen wegen Verbreitung falscher telegraphischer Depeschen
mit einem Mißtrauensvotum gebrandmarkt hatte. Die Nationalver-
sammlung hatte also am 18. Januar einen Sieg über das Ministerium
davongetragen, sie hatte während drei Monaten mit Bonaparte ge-
kämpft, damit am 11. April Fould und Baroche den Puritaner Fau-
cher als dritten in ihren ministeriellen Bund aufnehmen konnten.
November 1849 hatte sich Bonaparte mit einem u n p a r l a-
m e n t a r i s c h e n Ministerium begnügt, Januar 1851 mit
einem a u ß e r p a r l a m e n t a r i s c h e n, am 11. April
fühlte er sich stark genug, ein a n t i p a r l a m e n t a-
r i s c h e s Ministerium zu bilden, das die Mißtrauensvota
beider Versammlungen, der Konstituante und der Legislativen, der
republikanischen und der royalistischen, harmonisch in sich
vereinigte. Diese Stufenleiter von Ministerien war der Ther-
mometer, woran das Parlament die Abnahme der eignen Lebenswärme
messen konnte. Diese war Ende April so tief genug gesunken, daß
Persigny den Changarnier in einer persönlichen Zusammenkunft
auffordern konnte, in das Lager des Präsidenten überzugehn.
Bonaparte, versicherte er ihm, betrachte den Einfluß der
Nationalversammlung als vollständig vernichtet, und schon liege
die Proklamation bereit, die nach dem beständig beabsichtigten,
aber zufällig wieder aufgeschobenen coup d'état 1*) veröffent-
licht werden solle. Changarnier teilte den Führern der Ordnungs-
partei die Todesanzeige mit, aber wer glaubt, daß der Biß von
Wanzen töte? Und das Parlament, so geschlagen, so aufgelöst, so
sterbefaul es war, konnte sich nicht überwinden, in dem Duelle
mit dem grotesken Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember etwas
andres zu sehen als das Duell mit einer Wanze. Aber Bonaparte
antwortete der Partei der Ordnung wie Agesilaos dem Könige Agis:
"Ich scheine dir Ameise, aber ich werde einmal Löwe sein." [105]
-----
1*) Staatsstreich
#176#
-----
VI
Die Koalition mit der Montagne und den reinen Republikanern, wozu
die Ordnungspartei in ihren vergeblichen Anstrengungen, den Be-
sitz der Militärgewalt zu behaupten und die oberste Leitung der
Exekutivgewalt wieder zu erobern, sich verurteilt sah, bewies un-
widersprechlich, daß sie die selbständige p a r l a m e n t a-
r i s c h e M a j o r i t ä t eingebüßt hatte. Die bloße Macht
des Kalenders, der Stundenzeiger gab am 28. Mai das Signal ihrer
völligen Auflösung. Mit dem 28. Mai begann das letzte Lebensjahr
der Nationalversammlung. Sie mußte sich nun entscheiden für
unveränderte Fortdauer oder für die Revision der Verfassung. Aber
Revision der Verfassung, das hieß nicht nur Herrschaft der
Bourgeoisie oder der kleinbürgerlichen Demokratie, Demokratie
oder proletarische Anarchie, parlamentarische Republik oder
Bonaparte, das hieß zugleich Orléans oder Bourbon! So fiel mitten
in das Parlament der Erisapfel [106], an dem sich der Widerstreit
der Interessen, welche die Ordnungspartei in feindliche Frak-
tionen sonderten, offen entzünden mußte. Die Ordnungspartei war
eine Verbindung von heterogenen gesellschaftlichen Substanzen.
Die Revisionsfrage erzeugte eine politische Temperatur, worin das
Produkt wieder in seine ursprünglichen Bestandteile zerfiel.
Das Interesse der Bonapartisten an der Revision war einfach. Für
sie handelte es sich vor allem um Abschaffung des Artikels 45,
der Bonapartes Wiederwahl untersagte, und die Prorogation seiner
Gewalt. Nicht minder einfach schien die Stellung der Republika-
ner. Sie verwarfen unbedingt jede Revision, sie sahen in ihr eine
allseitige Verschwörung gegen die Republik. Da sie über m e h r
a l s e i n V i e r t e l d e r S t i m m e n in der Natio-
nalversammlung verfügten und verfassungsmäßig drei Viertel der
Stimmen zum rechtsgültigen Beschlüsse der Revision und zur Einbe-
rufung einer revidierenden Versammlung erfordert waren, brauchten
sie nur ihre Stimmen zu zählen, um des Sieges sicher zu sein. Und
sie waren des Sieges sicher.
Diesen klaren Stellungen gegenüber befand sich die Partei der
Ordnung
#177# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
in unentwirrbaren Widersprüchen. Verwarf sie die Revision, so ge-
fährdete sie den Status quo, indem sie Bonaparte nur noch einen
Ausweg übrigließ, den der Gewalt, indem sie Frankreich am zweiten
[Sonntag des Monats] Mai 1852, im Augenblicke der Entscheidung,
der revolutionären Anarchie preisgab, mit einem Präsidenten, der
seine Autorität verlor, mit einem Parlamente, das sie längst
nicht mehr besaß, und mit einem Volke, das sie wieder zu erobern
dachte. Stimmte sie für die verfassungsmäßige Revision, so wußte
sie, daß sie umsonst stimmte und am Veto der Republikaner verfas-
sungsmäßig scheitern müsse. Erklärte sie verfassungswidrig die
einfache Stimmenmajorität für bindend, so konnte sie die Revolu-
tion nur zu beherrschen hoffen, wenn sie sich unbedingt der Bot-
mäßigkeit der Exekutivgewalt unterwarf, so machte sie Bonaparte
zum Meister über die Verfassung, über die Revision und über sich
selbst. Eine nur teilweise Revision, welche die Gewalt des Präsi-
denten verlängerte, bahnte der imperialistischen Usurpation den
Weg. Eine allgemeine Revision, welche die Existenz der Republik
abkürzte, brachte die dynastischen Ansprüche in unvermeidlichen
Konflikt, denn die Bedingungen für eine bourbonische und die Be-
dingungen für eine orleanistische Restauration waren nicht nur
verschieden, sie schlössen sich wechselseitig aus.
D i e p a r l a m e n t a r i s c h e R e p u b l i k war mehr
als das neutrale Gebiet, worin die zwei Fraktionen der französi-
schen Bourgeoisie, Legitimisten und Orleanisten, großes Grundei-
gentum und Industrie, gleichberechtigt nebeneinander hausen konn-
ten. Sie war die unumgängliche Bedingung ihrer g e m e i n-
s a m e n Herrschaft, die einzige Staatsform, worin ihr allge-
meines Klasseninteresse sich zugleich die Ansprüche ihrer be-
sondern Fraktionen wie alle übrigen Klassen der Gesellschaft
unterwarf. Als Royalisten fielen sie in ihren alten Gegensatz
zurück, in den Kampf um die Suprematie des Grundeigentums oder
des Geldes, und der höchste Ausdruck dieses Gegensatzes, die
Personifikation desselben, waren ihre Könige selbst, ihre Dyna-
stien. Daher das Sträuben der Ordnungspartei gegen d i e
R ü c k b e r u f u n g d e r B o u r b o n e n.
Der Orleanist und Volksrepräsentant Creton hatte 1849, 1850 und
1851 periodisch den Antrag gestellt, das Verbannungsdekret gegen
die königlichen Familien aufzuheben. Das Parlament bot ebenso pe-
riodisch das Schauspiel einer Versammlung von Royalisten, welche
ihren verbannten Königen hartnäckig die Tore verschließt, durch
die sie heimkehren könnten. Richard III. hatte Heinrich VI. er-
mordet mit dem Bemerken, daß er zu gut für diese Welt sei und in
den Himmel gehöre. Sie erklärten Frankreich für zu schlecht,
seine Könige wieder zu besitzen. Durch die Macht der Verhältnisse
gezwungen, waren sie Republikaner geworden und sanktionierten
wiederholt den Volksbeschluß, der ihre Könige aus Frankreich ver-
wies.
#178# Karl Marx
-----
Die Revision der Verfassung - und sie in Betracht zu ziehen,
zwangen die Umstände - stellte mit der Republik zugleich die ge-
meinsame Herrschaft der beiden Bourgeoisfraktionen in Frage und
rief, mit der Möglichkeit der Monarchie, die Rivalität der Inter-
essen, die sie abwechselnd vorzugsweise vertreten hatte, ins Le-
ben zurück, den Kampf um die Suprematie der einen Fraktion über
die andre. Die Diplomaten der Ordnungspartei glaubten den Kampf
schlichten zu können durch eine Verschmelzung beider Dynastien,
durch eine sogenannte F u s i o n der royalistischen Parteien
und ihrer Königshäuser. Die wirkliche Fusion der Restauration und
der Julimonarchie war die parlamentarische Republik, worin orlea-
nistische und legitimistische Farben ausgelöscht wurden und die
Bourgeois-Arten in dem Bourgeois schlechtweg, in der Bourgeois-
Gattung verschwanden. Jetzt aber sollte der Orleanist Legitimist,
der Legitimist Orleanist werden. Das Königtum, worin sich ihr
Gegensatz personifizierte, sollte ihre Einheit verkörpern, der
Ausdruck ihrer ausschließlichen Fraktionsinteressen zum Ausdruck
ihres gemeinsamen Klasseninteresses werden, die Monarchie das
leisten, was nur die Aufhebung zweier Monarchien, die Republik
leisten konnte und geleistet hatte. Es war dies der Stein des
Weisen, an dessen Herstellung sich die Doktoren der Ordnungs-
partei die Köpfe zerbrachen. Als könnte die legitime Monarchie
jemals die Monarchie der industriellen Bourgeois oder das Bürger-
königtum jemals das Königtum der angestammten Grundaristokratie
werden. Als könnten Grundeigentum und Industrie sich unter
e i n e r Krone verbrüdern, wo die Krone nur auf ein Haupt fal-
len konnte, auf das Haupt das altern Bruders oder des Jüngern.
Als könnte die Industrie sich überhaupt mit dem Grundeigentum
ausgleichen, solange das Grundeigentum sich nicht entschließt,
selbst industriell zu werden. Wenn Henri V morgen stürbe, der
Graf von Paris würde darum nicht der König der Legitimisten, es
sei denn, daß er aufhörte, der König der Orleanisten zu sein. Die
Philosophen der Fusion jedoch, die sich in dem Maße breitmachten,
als die Revisionsfrage in den Vordergrund trat, die sich in der -
Assemblée nationale" [107] ein offizielles Tagesorgan geschaffen
hatten, die sogar in diesem Augenblicke (Februar 1852) wieder am
Werke sind, erklärten sich die ganze Schwierigkeit aus dem Wider-
streben und der Rivalität der beiden Dynastien. Die Versuche, die
Familie Orléans mit Heinrich V. zu versöhnen, seit dem Tode
Louis-Philippes begonnen, aber wie die dynastischen Intrigen
überhaupt nur während der Ferien der Nationalversammlung, in den
Zwischenakten, hinter den Kulissen gespielt, mehr sentimentale
Koketterie mit dem alten Aberglauben als ernstgemeintes Geschäft,
wurden nun zu Haupt- und Staatsaktionen und von der Ordnungspar-
tei auf der öffentlichen Bühne aufgeführt, statt wie bisher auf
dem Liebhabertheater.
#179# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Die Kuriere flogen von Paris nach Venedig, von Venedig nach
Claremont [89] von Claremont nach Paris. Der Graf von Chambord
erläßt ein Manifest, worin er "mit Hülfe aller Glieder seiner Fa-
milie" nicht seine, sondern die "nationale" Restauration anzeigt.
Der Orleanist Salvandy wirft sich Heinrich V. zu Füßen. Die Legi-
timistenchefs Berryer, Benoist d'Azy, St-Priest wandern nach
Claremont, um die Orléans zu überreden, aber vergeblich. Die Fu-
sio-nisten gewahren zu spät, daß die Interessen der beiden Bour-
geoisfraktionen weder an Ausschließlichkeit verlieren noch an
Nachgiebigkeit gewinnen, wo sie in der Form von Familieninteres-
sen, von Interessen zweier Königshäuser sich zuspitzen. Wenn
Heinrich V. den Grafen von Paris als Nachfolger anerkannte - der
einzige Erfolg, den die Fusion im besten Fall erzielen konnte -,
so gewann das Haus Orléans keinen Anspruch, den ihm die Kinderlo-
sigkeit Heinrichs V. nicht schon gesichert hätte, aber es verlor
alle Ansprüche, die es durch die Julirevolution erobert hatte. Es
verzichtete auf seine Originalansprüche, auf alle Titel, die es
in einem beinahe hundertjährigen Kampfe dem ältern Zweige der
Bourbonen abgerungen, es tauschte seine historische Prärogative,
die Prärogative des modernen Königtums, gegen die Prärogative
seines Stammbaums aus. Die Fusion war also nichts als eine frei-
willige Abdankung des Hauses Orléans, die legitimistische Resi-
gnation desselben, der reuige Rücktritt aus der protestantischen
Staatskirche in die katholische. Ein Rücktritt, der es dazu nicht
einmal auf den Thron, den es verloren hatte, sondern auf die
Stufe des Throns brachte, auf der es geboren war. Die alten
orleanistischen Minister Guizot, Duchâtel etc., die ebenfalls
nach Claremont eilten, um die Fusion zu bevorworten, vertraten in
der Tat nur den Katzenjammer über die Julirevolution, die Ver-
zweiflung am Bürgerkönigtum und am Königtum der Bürger, den Aber-
glauben an die Legitimität als das letzte Amulett gegen die Anar-
chie. In ihrer Einbildung Vermittler zwischen Orléans und Bour-
bon, waren sie in der Wirklichkeit nur noch abgefallene Orleani-
sten, und als solche empfing sie der Prinz von Joinville. Der
lebensfähige, kriegerische Teil der Orleanisten dagegen, Thiers,
Baze usw., überzeugten die Familie Louis-Philippes um so leich-
ter, daß, wenn jede unmittelbar monarchische Restauration die Fu-
sion der beiden Dynastien, jede solche Fusion aber die Abdankung
des Hauses Orléans voraussetze, es dagegen ganz der Tradition ih-
rer Vorfahren entspreche, vorläufig die Republik anzuerkennen und
abzuwarten, bis die Ereignisse erlaubten, den Präsidentenstuhl in
einen Thron zu verwandeln. JoinviIIes Kandidatur wurde gerüchts-
weise ausgesprengt, die öffentliche Neugier in der Schwebe erhal-
ten, und einige Monate später, nach Verwerfung der Revision, im
September öffentlich proklamiert.
#180# Karl Marx
-----
Der Versuch einer royalistischen Fusion zwischen Orleanisten und
Legitimisten war so nicht nur gescheitert, er hatte ihre
p a r l a m e n t a r i s c h e F u s i o n, ihre republikani-
sche Gemeinform gebrochen und die Ordnungspartei wieder in ihre
ursprünglichen Bestandteile zersetzt; aber je mehr die Entfrem-
dung zwischen Claremont und Venedig wuchs, ihre Ausgleichung sich
zerschlug, die Joinville-Agitation um sich griff, desto eifriger,
ernster wurden die Verhandlungen zwischen Faucher, dem Minister
Bonapartes, und den Legitimisten.
Die Auflösung der Ordnungspartei blieb nicht bei ihren ursprüng-
lichen Elementen stehen. Jede der beiden großen Fraktionen zer-
setzte sich ihrerseits von neuem. Es war, als wenn alle die alten
Nuancen, die sich früher innerhalb jedes der beiden Kreise, sei
es des legitimen, sei es des orleanistischen, bekämpft und ge-
drängt hatten, wieder aufgetaut wären, wie vertrocknete Infuso-
rien bei Berührung mit Wasser, als wenn sie von neuem Lebenskraft
genug gewonnen hätten, um eigne Gruppen und selbständige Gegen-
sätze zu bilden. Die Legitimisten träumten sich zurück in die
Streitfragen zwischen den Tuilerien und dem Pavillon Marsan
[108], zwischen Villèle und Polignac. Die Orleanisten durchlebten
von neuem die goldene Zeit der Turniere zwischen Guizot, Molé,
Broglie, Thiers und Odilon Barrot.
Der revisionslustige, aber über die Grenzen der Revision wieder
uneinige Teil der Ordnungspartei, zusammengesetzt aus den Legiti-
misten unter Berryer und Falloux einerseits, unter La Roche-
jacquelein andrerseits, und den kampfmüden Orleanisten unter
Mole, Broglie, Montalembert und Odilon Barrot, vereinbarte sich
mit den bonapartistischen Repräsentanten zu folgendem unbestimm-
ten und weitgefaßten Antrage:
"Die unterzeichneten Repräsentanten, mit dem Zwecke, der Nation
die volle Ausübung ihrer Souveränität wiederzugeben, stellen die
Motion, daß die Verfassung revidiert werde."
Gleichzeitig aber erklärten sie einstimmig durch ihren Berichter-
statter Tocqueville, die Nationalversammlung habe nicht das
Recht, die A b s c h a f f u n g d e r R e p u b l i k zu be-
antragen, dies Recht stehe nur der Revisionskammer zu. Übrigens
könne die Verfassung nur auf "legale" W e i s e revidiert wer-
den, also nur, wenn das verfassungsmäßig vorgeschriebene Drei-
viertel der Stimmenzahl für Revision entscheide. Nach sechstägi-
gen stürmischen Debatten, am 19.Juli, wurde die Revision, wie
vorherzusehn, verworfen. Es stimmten 446 dafür, aber 278 dagegen.
Die entschiedenen Orleanisten Thiers, Changarnier etc. stimmten
mit den Republikanern und der Montagne.
Die Majorität des Parlaments erklärte sich so gegen die Verfas-
sung, aber
#181# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
diese Verfassung selbst erklärte sich für die Minorität und ihren
Beschluß für bindend. Hatte aber die Ordnungspartei nicht am 31.
Mai 1850, nicht am 13. Juni 1849 die Verfassung der parlamentari-
schen Majorität untergeordnet? Beruhte ihre ganze bisherige Poli-
tik nicht auf der Unterordnung der Verfassungsparagraphen unter
die parlamentarischen Majoritätsbeschlüsse? Hatte sie den altte-
stamentarischen Aberglauben an den Buchstaben des Gesetzes nicht
den Demokraten überlassen und an den Demokraten gezüchtigt? In
diesem Augenblicke aber hieß Revision der Verfassung nichts an-
dres als Fortdauer der präsidentiellen Gewalt, wie Fortdauer der
Verfassung nichts andres hieß als Absetzung Bonapartes. Das Par-
lament hatte sich für ihn erklärt, aber die Verfassung erklärte
sich gegen das Parlament. Er handelte also im Sinne des Parla-
ments, wenn er die Verfassung zerriß, und er handelte im Sinne
der Verfassung, wenn er das Parlament auseinanderjagte.
Das Parlament hatte die Verfassung und mit ihr seine eigene Herr-
schaft "außerhalb der Majorität" erklärt, es hatte durch seinen
Beschluß die Verfassung aufgehoben und die präsidentielle Gewalt
verlängert und zugleich erklärt, daß weder die eine sterben noch
die andre leben könne, solange es selbst fortbestehe. Die Füße
derer, die es begraben sollten, standen vor der Türe. Während es
die Revision debattierte, entfernte Bonaparte den General Bara-
guay d'Hilliers, der sich unschlüssig zeigte, von dem Kommando
der ersten Militärdivision und ernannte an seine Stelle den Gene-
ral Magnan, den Sieger von Lyon, den Helden der Dezembertage,
eine seiner Kreaturen, die sich schon unter Louis-Philippe bei
Gelegenheit der Expedition von Boulogne mehr oder minder für ihn
kompromittiert hatte.
Die Ordnungspartei bewies durch ihren Beschluß über die Revision,
daß sie weder zu herrschen noch zu dienen, weder zu leben noch zu
sterben, weder die Republik zu ertragen noch sie umzustürzen, we-
der die Verfassung aufrechtzuerhalten noch sie über den Haufen zu
werfen, weder mit dem Präsidenten zusammenzuwirken noch mit ihm
zu brechen verstand. Von wem erwartete sie denn die Lösung aller
Widersprüche? Von dem Kalender, von dem Gang der Ereignisse. Sie
hörte auf, sich die Gewalt über die Ereignisse anzumaßen. Sie
forderte also die Ereignisse heraus, ihr Gewalt anzutun, und da-
mit die Macht, woran sie im Kampfe mit dem Volke ein Attribut
nach dem andern abgetreten hatte, bis sie selbst ihr gewaltlos
gegenüberstand. Damit der Chef der Exekutivgewalt desto ungestör-
ter den Kampf plan gegen sie entwerfen, seine Angriffsmittel ver-
stärken, seine Werkzeuge auswählen, seine Positionen befestigen
könne, beschloß sie mitten in diesem kritischen Augenblicke von
der Bühne abzutreten und sich auf drei Monate zu vertagen, vom
10. August bis 4. November.
#182# Karl Marx
-----
Die parlamentarische Partei war nicht nur in ihre zwei großen
Fraktionen, jede dieser Fraktionen war nicht nur innerhalb ihrer
selbst aufgelöst, sondern die Ordnungspartei im Parlamente war
mit der Ordnungspartei außerhalb des Parlaments zerfallen. Die
Wortführer und die Schriftgelehrten der Bourgeoisie, ihre Tribüne
und ihre Presse, kurz die Ideologen der Bourgeoisie und die Bour-
geoisie selbst, die Repräsentanten und die Repräsentierten, stan-
den sich entfremdet gegenüber und verstanden sich nicht mehr.
Die Legitimisten in den Provinzen, mit ihrem beschränkten Hori-
zont und ihrem unbeschränkten Enthusiasmus, bezüchtigten ihre
parlamentarischen Führer, Berryer und Falloux, der Desertion ins
bonapartistische Lager und des Abfalls von Heinrich V. Ihr Lili-
enverstand glaubte an den Sündenfall, aber nicht an die Diploma-
tie.
Ungleich verhängnisvoller und entscheidender war der Bruch der
kommerziellen Bourgeoisie mit ihren Politikern. Sie warf ihnen
vor, nicht wie die Legitimisten den ihren, von dem Prinzip abge-
fallen zu sein, sondern umgekehrt, an unnütz gewordenen Prinzi-
pien festzuhalten.
Ich habe schon früher angedeutet, daß seit dem Eintritt Foulds
ins Ministerium der Teil der kommerziellen Bourgeoisie, der den
Löwenanteil an Louis-Philippes Herrschaft besessen hatte, daß die
F i n a n z a r i s t o k r a t i e bonapartistisch geworden
war. Fould vertrat nicht nur Bonapartes Interesse an der Börse,
er vertrat zugleich das Interesse der Börse bei Bonaparte. Die
Stellung der Finanzaristokratie schildert am schlagendsten ein
Zitat aus ihrem europäischen Organ, dem Londoner "Economist"
[109] In seiner Nummer vom 1. Februar 1851 läßt er sich aus Paris
schreiben:
"Nun haben wir es konstatiert von allen Seiten her, daß
Frankreich vor allem nach Ruhe verlangt. Der Präsident erklärt es
in seiner Botschaft an die legislative Versammlung, es tönt als
Echo zurück von der nationalen Rednertribüne, es wird beteuert
von den Zeitungen, es wird verkündet von der Kanzel, e s
w i r d b e w i e s e n d u r c h d i e E m p f i n d-
l i c h k e i t d e r S t a a t s p a p i e r e b e i d e r
g e r i n g s t e n A u s s i c h t a u f S t ö r u n g,
d u r c h i h r e F e s t i g k e i t, s o o f t d i e
E x e k u t i v g e w a l t s i e g t."
In seiner Nummer vom 29. November 1851 erklärt der "Economist" in
seinem eignen Namen:
"Auf allen Börsen von Europa ist der Präsident nun als die
Schildwache der Ordnung anerkannt."
Die Finanzaristokratie verdammte also den parlamentarischen Kampf
der Ordnungspartei mit der Exekutivgewalt als eine S t ö r u n g
d e r O r d n u n g und feierte jeden Sieg des Präsidenten über
ihre angeblichen Repräsentanten als einen Sieg der Ordnung. Man
muß hier unter der Finanzaristokratie nicht nur
#183# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
die großen Anleihunternehmer und Spekulanten in Staatspapieren
verstehn, von denen es sich sofort begreift, daß ihr Interesse
mit dem Interesse der Staatsgewalt zusammenfällt. Das ganze mo-
derne Geldgeschäft, die ganze Bankwirtschaft ist auf das innigste
mit dem öffentlichen Kredit verwebt. Ein Teil ihres Geschäftska-
pitals wird notwendig in schnell konvertiblen Staatspapieren an-
gelegt und verzinst. Ihre Depositen, das ihnen zur Verfügung ge-
stellte und von ihnen unter Kaufleute und Industrielle verteilte
Kapital strömt teilweis aus den Dividenden der Staatsrentner her.
Der ganze Geldmarkt und die Priester dieses Geldmarkts, wenn zu
jeder Epoche die Stabilität der Staatsgewalt Moses und die Pro-
pheten für sie bedeutet hat, wie nicht erst heute, wo jede Sünd-
flut mit den alten Staaten die alten Staatsschulden wegzuschwem-
men droht?
Auch die i n d u s t r i e l l e B o u r g e o i s i e ärgerte
sich in ihrem Ordnungsfanatismus über die Zänkereien der parla-
mentarischen Ordnungspartei mit der Exekutivgewalt. Thiers, An-
gles, Sainte-Beuve usw. erhielten nach ihrem Votum vom 18. Ja-
nuar, bei Gelegenheit der Absetzung Changarniers, von ihren Man-
datgebern gerade aus den industriellen Bezirken öffentliche
Zurechtweisungen, worin namentlich ihre Koalition mit der Monta-
gne als Hochverrat an der Ordnung gegeißelt wurde. Wenn wir ge-
sehn haben, daß die prahlerischen Neckereien, die kleinlichen In-
trigen, worin sich der Kampf der Ordnungspartei mit dem Präsiden-
ten kundgab, keine bessere Aufnahme verdienten, so war anderer-
seits diese Bourgeoispartei, die von ihren Vertretern verlangt,
die Militärgewalt aus den Händen ihres eignen Parlaments wider-
standslos in die eines abenteuernden Prätendenten übergehn zu
lassen, nicht einmal der Intrigen wert, die in ihrem Interesse
verschwendet wurden. Sie bewies, daß der Kampf um die Behauptung
ihres ö f f e n t l i c h e n Interesses, ihres eignen
K l a s s e n i n t e r e s s e s, ihrer p o l i t i s c h e n
M a c h t, sie als Störung des Privatgeschäfts nur belästige und
verstimme.
Die bürgerlichen Honoratioren der Departementalstädte, die Magi-
strate, Handelsrichter usw. empfingen mit kaum einer Ausnahme Bo-
naparte überall auf seinen Rundreisen in der servilsten Weise,
selbst wenn er wie in Dijon die Nationalversammlung und speziell
die Ordnungspartei rückhaltlos angriff.
Wenn der Handel gut ging, wie noch Anfang 1851, tobte die kommer-
zielle Bourgeoisie gegen jeden parlamentarischen Kampf, damit dem
Handel ja nicht der Humor ausgehe. Wenn der Handel schlecht ging,
wie fortdauernd seit Ende Februar 1851, klagte sie die parlamen-
tarischen Kämpfe als Ursache der Stockung an und schrie nach ih-
rem Verstummen, damit der Handel wieder laut werde. Die Revisi-
onsdebatten fielen gerade in diese schlechte Zeit.
#184# Karl Marx
-----
Da es sich hier um Sein oder Nichtsein der bestehenden Staatsform
handelte, fühlte sich die Bourgeoisie um so berechtigter, von ih-
ren Repräsentanten das Ende dieses folternden Provisoriums und
zugleich die Erhaltung des Status quo zu verlangen. Es war dies
kein Widerspruch. Unter dem Ende des Provisoriums verstand sie
gerade seine Fortdauer, das Hinausschieben des Augenblicks, wo es
zu einer Entscheidung kommen mußte, in eine blaue Ferne. Der Sta-
tus quo konnte nur auf zwei Wegen erhalten werden. Verlängerung
der Gewalt Bonapartes oder verfassungsmäßiger Abtritt desselben
und Wahl Cavaignacs. Ein Teil der Bourgeoisie wünschte die letz-
tere Lösung und wußte seinen Repräsentanten keinen bessern Rat zu
geben, als zu schweigen, den brennenden Punkt unberührt zu las-
sen. Wenn ihre Repräsentanten nicht sprächen, meinten sie, werde
Bonaparte nicht handeln. Sie wünschten sich ein Straußenparla-
ment, das seinen Kopf verstecke, um ungesehn zu bleiben. Ein
andrer Teil der Bourgeoisie wünschte Bonaparte, weil er einmal
auf dem Präsidentenstuhl saß, auf dem Präsidentenstuhl sitzenzu-
lassen, damit alles im alten Geleise bleibe. Es empörte sie, daß
ihr Parlament nicht offen die Konstitution brach und ohne Um-
stände abdankte.
Die Generalräte der Departements, diese Provinzialvertretungen
der großen Bourgeoisie, die während der Ferien der Nationalver-
sammlung vom 25.August an tagten, erklärten sich fast einstimmig
für die Revision, also gegen das Parlament und für Bonaparte.
Noch unzweideutiger als den Zerfall mit ihren p a r l a m e n-
t a r i s c h e n R e p r ä s e n t a n t e n legte die Bour-
geoisie ihre Wut über ihre literarischen Vertreter, über ihre
eigne Presse, an den Tag. Die Verurteilungen zu unerschwinglichen
Geldsummen und zu schamlosen Gefängnisstrafen durch die Bour-
geois-Jurys für jeden Angriff der Bourgeois-Journalisten auf die
Usurpationsgelüste Bonapartes, für jeden Versuch der Presse, die
politischen Rechte der Bourgeoisie gegen die Exekutivgewalt zu
verteidigen, setzten nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa in
Erstaunen.
Wenn die p a r l a m e n t a r i s c h e O r d n u n g s p a r-
t e i, wie ich gezeigt habe, durch ihr Schreien nach Ruhe sich
selbst zur Ruhe verwies, wenn sie die politische Herrschaft der
Bourgeoisie für unverträglich mit der Sicherheit und dem Bestand
der Bourgeoisie erklärte, indem sie im Kampfe gegen die andern
Klassen der Gesellschaft alle Bedingungen ihres eignen Regimes,
des parlamentarischen Regimes, mit eigner Hand vernichtete, so
forderte dagegen die a u ß e r p a r l am e n t a r i s c h e
M a s s e d e r B o u r g e o i s i e durch ihre Servilität
gegen den Präsidenten, durch ihre Schmähungen gegen das Parla-
ment, durch die brutale Mißhandlung der eignen Presse Bonaparte
auf, ihren sprechenden und schreibenden Teil, ihre Politiker und
ihre Literaten, ihre Rednertribüne und ihre
#185# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Presse zu unterdrücken, zu vernichten, damit sie nun vertrauens-
voll unter dem Schutze einer starken und uneingeschränkten Regie-
rung ihren Privatgeschäften nachgehen könne. Sie erklärte unzwei-
deutig, daß sie ihre eigne politische Herrschaft loszuwerden
schmachte, um die Mühen und Gefahren der Herrschaft loszuwerden.
Und sie, die sich schon gegen den bloß parlamentarischen und
literarischen Kampf für die Herrschaft ihrer eignen Klasse empört
und die Führer dieses Kampfes verraten hatte, sie wagt jetzt
nachträglich das Proletariat anzuklagen, daß es nicht zum bluti-
gen Kampfe, zum Kampfe auf Leben und Tod für sie aufgestanden
sei! Sie, die jeden Augenblick ihr allgemeines Klasseninteresse,
d.h. ihr politisches Interesse dem borniertesten, schmutzigsten
Privatinteresse aufopferte und an ihre Vertreter die Zumutung ei-
nes ähnlichen Opfers stellte, sie jammert jetzt, das Proletariat
habe seinen materiellen Interessen ihre idealen politischen In-
teressen geopfert. Sie gebart sich als schöne Seele, die von dem
durch Sozialisten irregeleiteten Proletariat verkannt und im ent-
scheidenden Augenblicke verlassen worden sei. Und sie findet ein
allgemeines Echo in der bürgerlichen Welt. Ich spreche natürlich
hier nicht von deutschen Winkelpolitikern und Gesinnungslümmeln.
Ich verweise z.B. auf denselben "Economist", der noch am 29. No-
vember 1851, also vier Tage vor dem Staatsstreich, Bonaparte für
die "Schildwache der Ordnung", die Thiers und Berryer aber für
"Anarchisten" erklärt hatte und schon am 27. Dezember 1851, nach-
dem Bonaparte jene Anarchisten zur Ruhe gebracht hat, über den
Verrat schreit, den "ignorante, unerzogne, stupide Proletarier-
massen an dem Geschick, der Kenntnis, der Disziplin, dem geisti-
gen Einfluß, den intellektuellen Hülfsquellen und dem moralischen
Gewicht der mittleren und höheren Gesellschaftsränge" verübt hät-
ten. Die stupide, ignorante und gemeine Masse war niemand anders
als die Bourgeoismasse selbst.
Frankreich hatte allerdings im Jahre 1851 eine Art von kleiner
Handelskrisis erlebt. Ende Februar zeigte sich Verminderung des
Exports gegen 1850, im März litt der Handel und schlössen sich
die Fabriken, im April schien der Stand der industriellen Depar-
tements so verzweifelt wie nach den Februartagen, im Mai war das
Geschäft noch nicht wieder aufgelebt, noch am 28. Juni zeigte das
Portefeuille der Bank von Frankreich durch ein ungeheures Wachsen
der Depositen und eine ebenso große Abnahme der Vorschüsse auf
Wechsel den Stillstand der Produktion, und erst Mitte Oktober
trat wieder eine progressive Besserung des Geschäfts ein. Die
französische Bourgeoisie erklärte sich diese Handelsstockung aus
rein politischen Gründen, aus dem Kampfe zwischen dem Parlamente
und der Exekutivgewalt, aus
#186# Karl Marx
-----
der Unsicherheit einer nur provisorischen Staatsform, aus der
Schreckensaussicht auf den zweiten [Sonntag des Monats] Mai 1852.
Ich will nicht leugnen, daß alle diese Umstände einige Industrie-
zweige in Paris und in den Departements herabdrückten. Jedenfalls
war aber diese Einwirkung der politischen Verhältnisse nur lokal
und unerheblich. Bedarf es eines andern Beweises, als daß die
Besserung des Handels gerade in dem Augenblicke eintrat, wo sich
der politische Zustand verschlechterte, der politische Horizont
verdunkelte und jeden Augenblick ein Blitzstrahl aus dem Elysium
erwartet wurde, gegen Mitte Oktober? Der französische Bourgeois,
dessen "Geschick, Kenntnis, geistige Einsicht und intellektuelle
Hülfsquellen" nicht weiter reichen als seine Nase, konnte übri-
gens während der ganzen Dauer der Industrieausstellung in Lon-
don11101 mit der Nase auf die Ursache seiner Handelsmisere sto-
ßen. Während in Frankreich die Fabriken geschlossen wurden, bra-
chen in England kommerzielle Bankerutte aus. Während der indu-
strielle Panik im April und Mai einen Höhepunkt in Frankreich er-
reichte, erreichte der kommerzielle Panik April und Mai einen Hö-
hepunkt in England. Wie die französische litt die englische Woll-
industrie, wie die französische die englische Seidenmanufaktur.
Wenn die englischen Baumwollfabriken weiterarbeiteten, geschah es
nicht mehr mit demselben Profit wie 1849 und 1850. Der Unter-
schied war nur der, daß die Krise in Frankreich industriell, in
England kommerziell, daß während in Frankreich die Fabriken
stillsetzten, sie sich in England ausdehnten, aber unter ungün-
stigeren Bedingungen als in den vorhergehenden Jahren, daß in
Frankreich der Export, in England der Import die Hauptschläge er-
hielt. Die gemeinsame Ursache, die natürlich nicht innerhalb der
Grenzen des französisch-politischen Horizonts zu suchen ist, war
augenscheinlich. 1849 und 1850 waren Jahre der größten materiel-
len Prosperität und einer Überproduktion, die erst 1851 als sol-
che hervortrat. Sie wurde im Anfang dieses Jahres durch die Aus-
sicht auf die Industrieausstellung noch besonders befördert. Als
eigentümliche Umstände kamen hinzu : erst der Mißwachs der Baum-
wollenernte von 1850 und 1851, dann die Sicherheit einer größern
Baumwollenernte als erwartet war, erst das Steigen, dann das
plötzliche Fallen, kurz die Schwankungen der Baumwollenpreise.
Die Rohseidenernte war wenigstens in Frankreich noch unter dem
Durchschnittsertrag ausgefallen. Die Wollenmanufaktur endlich
hatte sich seit 1848 so sehr ausgedehnt, daß die Wollproduktion
ihr nicht nachfolgen konnte und der Preis der Rohwolle in einem
großen Mißverhältnisse zu dem Preise der Wollfabrikate stieg.
Hier haben wir also in dem Rohmaterial von drei Weltmarktsindu-
strien schon dreifaches Material zu einer Handelsstockung. Von
diesen besondern Umständen abgesehn, war die scheinbare Krise des
#187# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Jahres 1851 nichts anders als der Halt, den Überproduktion und
Überspekulation jedesmal in der Beschreibung des industriellen
Kreislaufes macht, bevor sie alle ihre Kraftmittel zusammenrafft,
um fieberhaft den letzten Kreisabschnitt zu durchjagen und bei
ihrem Ausgangspunkt, der a l l g e m e i n e n H a n d e l s-
k r i s e, wieder anzulangen. In solchen Intervallen der Han-
delsgeschichte brechen in England kommerzielle Bankerutte aus,
während in Frankreich die Industrie selbst stillgesetzt wird,
teils durch die gerade dann unerträglich werdende Konkurrenz der
Engländer auf allen Märkten zum Rückzug gezwungen, teils als
Luxusindustrie vorzugsweise von jeder Geschäftsstockung ange-
griffen. So macht Frankreich außer den allgemeinen Krisen seine
eignen nationalen Handelskrisen durch, die jedoch weit mehr durch
den allgemeinen- Stand des Weltmarkts als durch französische
Lokaleinflüsse bestimmt und bedingt werden. Es wird nicht ohne
Interesse sein, dem Vorurteil des französischen Bourgeois das
Urteil des englischen Bourgeois gegenüberzustellen. Eins der
größten Liverpooler Häuser schreibt in seinem Jahreshandelsbe-
richte für 1851:
"Wenige Jahre haben die bei ihrem Beginn gehegten Antizipationen
mehr getäuscht als das eben abgelaufene; statt der großen Prospe-
rität, der man einstimmig entgegensah, bewies es sich als eins
der entmutigendsten Jahre seit einem Vierteljahrhundert. Es gilt
dies natürlich nur von den merkantilen, nicht von den industriel-
len Klassen. Und doch waren sicherlich Gründe vorhanden, beim Be-
ginne des Jahres auf das Gegenteil zu schließen; die Produkten-
vorräte waren spärlich, Kapital überflüssig, Nahrungsmittel wohl-
feil, ein reicher Herbst war gesichert; ungebrochner Friede auf
dem Kontinent und keine politischen oder finanziellen Störungen
zu Hause: in der Tat, die Flügel des Handels waren nie fessello-
ser ... Wem dies ungünstige Resultat zuschreiben? Wir glauben dem
Überhandel sowohl in Importen als Exporten. Wenn unsere Kaufleute
nicht selbst ihrer Tätigkeit engere Grenzen ziehen, kann uns
nichts im Gleise halten als alle drei Jahr ein Panic." [111]
Man stelle sich nun den französischen Bourgeois vor, wie mitten
in diesem Geschäftspanik sein handelskrankes Gehirn gefoltert,
umschwirrt, betäubt wird von Gerüchten über Staatsstreiche und
Herstellung des allgemeinen Wahlrechts, von dem Kampfe zwischen
Parlament und Exekutivgewalt, von dem Frondekrieg der Orleanisten
und Legitimisten, von kommunistischen Konspirationen in Süd-
frankreich, von angeblichen Jacquerien 1*) in den Nièvre- und
Cher-Departements, von den Reklamen der verschiedenen Präsident-
schaftskandidaten, von den marktschreierischen Losungen der Jour-
nale, von den Drohungen der Republikaner, mit den Waffen in der
Hand die Konstitution und das allgemeine Stimmrecht behaupten zu
-----
1*) Bauernaufständen
#188# Karl Marx
-----
wollen, von den Evangelien der emigrierten Helden in partibus
[2], die den Weltuntergang für den zweiten [Sonntag des Monats]
Mai 1852 anzeigten, und man begreift, daß der Bourgeois in dieser
unsäglichen, geräuschvollen Konfusion von Fusion, Revision, Pro-
rogation, Konstitution, Konspiration, Koalition, Emigration,
Usurpation und Revolution seiner parlamentarischen Republik toll
zuschnaubt: "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohn'
Ende!"
Bonaparte verstand diesen Schrei. Sein Begriffsvermögen wurde ge-
schärft durch den wachsenden Ungestüm von Gläubigern, die mit je-
dem Sonnenuntergang, der den Verfalltag, den zweiten [Sonntag des
Monats] Mai 1852 näherrückte, einen Protest der Gestirnbewegung
gegen ihre irdischen Wechsel erblickten. Sie waren zu wahren
Astrologen geworden. Die Nationalversammlung hatte Bonaparte die
Hoffnung auf konstitutionelle Prorogation seiner Gewalt abge-
schnitten, die Kandidatur des Prinzen von Joinville gestattete
kein längeres Schwanken.
Wenn je ein Ereignis lange vor seinem Eintritt seinen Schatten
vor sich hergeworfen hat, so war es Bonapartes Staatsstreich.
Schon am 29. Januar 1849, kaum einen Monat nach seiner Wahl,
hatte er den Vorschlag dazu dem Changarnier gemacht. Sein eigner
Premierminister Odilon Barrot hatte im Sommer 1849 verhüllt,
Thiers im Winter 1850 offen die Politik der Staatsstreiche denun-
ziert. Persigny hatte im Mai 1851 Changarnier noch einmal für den
Coup zu gewinnen gesucht, der "Messager de l'Assemblée" [112]
hatte diese Unterhandlung veröffentlicht. Die bonapartistischen
Journale drohten bei jedem parlamentarischen Sturme mit einem
Staatsstreich, und je näher die Krise rückte, desto lauter wurde
ihr Ton. In den Orgien, die Bonaparte jede Nacht mit männlichem
und weiblichem swell mob 1*) feierte, sooft die Mitter-
nachtsstunde heranrückte und reichliche Libationen die Zunge ge-
löst und die Phantasie erhitzt hatten, wurde der Staatsstreich
für den folgenden Morgen beschlossen. Die Schwerter wurden gezo-
gen, die Gläser klirrten, die Repräsentanten flogen zum Fenster
hinaus, der Kaisermantel fiel auf die Schultern Bonapartes, bis
der nächste Morgen wieder den Spuk vertrieb und das erstaunte Pa-
ris von wenig verschlossenen Vestalinnen und indiskreten Paladin
en die Gefahr erfuhr, der es noch einmal entwischt war. In den
Monaten September und Oktober überstürzten sich die Gerüchte von
einem coup d'état. Der Schatten nahm zugleich Farbe an, wie ein
buntes Daguerreotyp. Man schlage die Monatsgänge für September
und Oktober in den Organen der europäischen Tagespresse nach, und
man wird wörtlich Andeutungen
-----
1*) Hochstaplergesindel
#189# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
wie folgende finden: "Staatsstreichgerüchte erfüllen Paris. Die
Hauptstadt soll während der Nacht mit Truppen gefüllt werden und
der andre Morgen Dekrete bringen, die die Nationalversammlung
auflösen, das Departement der Seine in Belagerungszustand verset-
zen, das allgemeine Wahlrecht wiederherstellen, ans Volk appel-
lieren. Bonaparte soll Minister für die Ausführung dieser illega-
len Dekrete suchen." Die Korrespondenzen, die diese Nachrichten
bringen, enden stets verhängnisvoll mit "aufgeschoben". Der
Staatsstreich war stets die fixe Idee Bonapartes. Mit dieser Idee
hatte er den französischen Boden wieder betreten. Sie besaß ihn
so sehr, daß er sie fortwährend verriet und ausplauderte. Er war
so schwach, daß er sie ebenso fortwährend wieder aufgab. Der
Schatten des Staatsstreiches war den Parisern als Gespenst so fa-
miliär geworden, daß sie nicht an ihn glauben wollten, als er
endlich in Fleisch und Blut erschien. Es war also weder die ver-
schlossene Zurückhaltung des Chefs der Gesellschaft vom 10. De-
zember, noch eine ungeahnte Überrumpelung von Seiten der Natio-
nalversammlung, was den Staatsstreich gelingen ließ. Wenn er ge-
lang, gelang er trotz s e i n e r Indiskretion und mit
i h r e m Vorwissen, ein notwendiges, unvermeidliches Resultat
der vorhergegangenen Entwickelung.
Am 10. Oktober kündete Bonaparte seinen Ministern den Entschluß
an, das allgemeine Wahlrecht wiederherstellen zu wollen, am 16.
gaben sie ihre Entlassung, am 26. erfuhr Paris die Bildung des
Ministeriums Thorigny. Der Polizeìpräfekt Carlier wurde gleich-
zeitig durch Maupas ersetzt, der Chef der ersten Militärdivision,
Magnan, zog die zuverlässigsten Regimenter in der Hauptstadt zu-
sammen. Am 4. November eröffnete die Nationalversammlung wieder
ihre Sitzungen. Sie hatte nichts mehr zu tun, als in einem kurzen
bündigen Repetitorium den Kursus, den sie durchgemacht hatte, zu
wiederholen und zu beweisen, daß sie erst begraben wurde, nachdem
sie" gestorben war.
Der erste Posten, den sie im Kampfe mit der Exekutivgewalt einge-
büßt hatte, war das Ministerium. Sie mußte diesen Verlust feier-
lich eingestehn, indem sie das Ministerium Thorigny, ein bloßes
Scheinministerium, als voll hinnahm. Die Permanenzkommission
hatte Herrn Giraud mit Lachen empfangen, als er sich im Namen der
neuen Minister vorstellte. Ein so schwaches Ministerium für so
starke Maßregeln wie die Wiederherstellung des allgemeinen Wahl-
rechts! Aber es handelte sich eben darum, nichts i m Parlament,
alles g e g e n das Parlament durchzusetzen.
Gleich am ersten Tage ihrer Wiedereröffnung erhielt die
Nationalversammlung die Botschaft Bonapartes, worin er Wiederher-
stellung des allgemeinen Wahlrechts und Abschaffung des Gesetzes
vom 31. Mai 1850
#190# Karl Marx
-----
verlangte. Seine Minister brachten an demselben Tage ein Dekret
in diesem Sinne ein. Die Versammlung verwarf den Dringlichkeits-
antrag der Minister sofort und das Gesetz selbst am 13.November,
mit 355 gegen 348 Stimmen. Sie zerriß so noch einmal ihr Mandat,
sie bestätigte noch einmal, daß sie sich aus der freigewählten
Repräsentation des Volkes in das usurpatorische Parlament einer
Klasse verwandelt, sie bekannte noch einmal, daß sie selbst die
Muskeln entzweigeschnitten hatte, die den parlamentarischen Kopf
mit dem Körper der Nation verbanden.
Wenn die Exekutivgewalt durch ihren Antrag auf Wiederherstellung
des allgemeinen Wahlrechts von der Nationalversammlung an das
Volk, appellierte die gesetzgebende Gewalt durch ihre Quästoren-
bill [86] von dem Volke an die Armee. Diese Quästorenbill sollte
ihr Recht auf unmittelbare Requisition der Truppen, auf Bildung
einer parlamentarischen Armee festsetzen. Wenn sie so die Armee
zum Schiedsrichter zwischen sich und dem Volke, zwischen sich und
Bonaparte ernannte, wenn sie die Armee als entscheidende Staats-
gewalt anerkannte, mußte sie andrerseits bestätigen, daß sie
längst den Anspruch auf Herrschaft über dieselbe aufgegeben habe.
Indem sie, statt sofort Truppen zu requirieren, das Recht der Re-
quisition debattierte, verriet sie den Zweifel an ihrer eignen
Macht. Indem sie die Quästorenbill verwarf, gestand sie offen
ihre Ohnmacht. Diese Bill fiel durch mit einer Minorität von 108
Stimmen, die Montagne hatte so den Ausschlag gegeben. Sie befand
sich in der Lage von Buridans Esel, zwar nicht zwischen zwei Säc-
ken Heu, um zu entscheiden, welcher der anziehendere, wohl aber
zwischen zwei Trachten Prügel, um zu entscheiden, welche die här-
tere sei. Auf der einen Seite die Furcht vor Changarnier, auf der
andern die Furcht vor Bonaparte. Man muß gestehn, daß die Lage
keine heroische war.
Am 18. November wurde zu dem von der Ordnungspartei eingebrachten
Gesetze über die Kommunalwahlen das Amendement gestellt, daß
statt drei Jahren ein Jahr Domizil für die Kommunalwähler genügen
solle. Das Amendement fiel mit einer einzigen Stimme durch, aber
diese eine Stimme stellte sich sofort als ein Irrtum heraus. Die
Ordnungspartei hatte durch Zersplitterung in ihre feindlichen
Fraktionen längst ihre selbständig-parlamentarische Majorität
eingebüßt. Sie zeigte jetzt, daß überhaupt keine Majorität im
Parlament mehr vorhanden war. Die Nationalversammlung war b e-
s c h l u ß u n f ä h i g geworden. Ihre atomistischen Bestand-
teile hingen durch keine Kohäsionskraft mehr zusammen, sie hatte
ihren letzten Lebensatem verbraucht, sie war tot.
Die außerparlamentarische Masse der Bourgeoisie endlich sollte
ihren Bruch mit der Bourgeoisie im Parlamente noch einmal einige
Tage vor der
#191# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Katastrophe feierlich bestätigen. Thiers, als parlamentarischer
Held vorzugsweise von der unheilbaren Krankheit des parlamentari-
schen Kretinismus angesteckt, hatte nach dem Tode des Parlaments
eine neue parlamentarische Intrige mit dem Staatsrate ausgeheckt,
ein Verantwortlichkeitsgesetz, das den Präsidenten in die Schran-
ken der Verfassung festbannen sollte. Wie Bonaparte am 15. Sep-
tember bei Grundlegung zu den neuen Markthallen von Paris die da-
mes des halles, die Fischweiber, als zweiter Masaniello bezaubert
hatte - allerdings wog ein Fischweib an realer Gewalt 17 Burggra-
fen auf -, wie er nach Vorlegung der Quästorenbill die in dem
Elysée traktierten Leutnants begeisterte, so riß er jetzt am 25.
November die industrielle Bourgeoisie mit sich fort, die im Zir-
kus versammelt war, um aus seiner Hand Preismedaillen für die
Londoner Industrieausstellung entgegenzunehmen. Ich gebe den be-
zeichnenden Teil seiner Rede nach dem "Journal des Débats":
"Mit solch unverhofften Erfolgen bin ich berechtigt zu wiederho-
len, wie groß die französische Republik sein würde, wenn es ihr
gestattet wäre, ihre realen Interessen zu verfolgen und ihre In-
stitutionen zu reformieren, statt beständig gestört zu werden ei-
nerseits durch die Demagogen, andrerseits durch die monarchischen
Halluzinationen. (Lauter, stürmischer und wiederholter Applaus
von jedem Teile des Amphitheaters.) Die monarchischen Halluzina-
tionen verhindern allen Fortschritt und alle ernsten Industrie-
zweige. Statt des Fortschritts nur Kampf. Man sieht Männer, die
früher die eifrigsten Stützen der königlichen Autorität und Prä-
rogative waren, Parteigänger eines Konvents werden, bloß um die
Autorität zu schwächen, die aus dem allgemeinen Stimmrecht ent-
sprungen ist. (Lauter und wiederholter Applaus.) Wir sehen Män-
ner, die am meisten von der Revolution gelitten und sie am mei-
sten bejammert haben, eine neue provozieren, und nur um den Wil-
len der Nation zu fesseln ... Ich verspreche Euch Ruhe für die
Zukunft etc. etc. (Bravo, Bravo, stürmisches Bravo.)"
So klatscht die industrielle Bourgeoisie dem Staatsstreiche vom
2. Dezember, der Vernichtung des Parlaments, dem Untergang ihrer
eignen Herrschaft, der Diktatur Bonapartes ihr serviles Bravo zu.
Der Beifallsdonner vom 25. November erhielt seine Antwort in dem
Kanonendonner vom 4. Dezember, und das Haus des Herrn Sallan-
drouze, der die meisten Bravos geklatscht hatte, wurde von den
meisten Bomben zerklatscht.
Cromwell, als er das Lange Parlament auflöste, begab sich allein
in die Mitte desselben, zog seine Uhr heraus, damit es keine Mi-
nute über die von ihm festgesetzte Frist fortexistiere, und ver-
jagte jedes einzelne Parlamentsglied mit heiter humoristischen
Schmähungen. Napoleon, kleiner als sein Vorbild, begab sich am
18. Brumaire wenigstens in den gesetzgebenden Körper und verlas
ihm, wenn auch mit beklommener Stimme, sein Todesurteil. Der
zweite Bonaparte, der sich übrigens im Besitz einer ganz andern
#192# Karl Marx
-----
Exekutivgewalt befand als Cromwell oder Napoleon, suchte sein
Vorbild nicht in den Annalen der Weltgeschichte, sondern in den
Annalen der Gesellschaft vom 10. Dezember, in den Annalen der
Kriminalgerichtsbarkeit. Er bestiehlt die Bank von Frankreich um
25 Millionen Francs, kauft den General Magnan mit einer Million,
die Soldaten Stück für Stück mit 15 Francs und mit Schnaps, fin-
det sich wie ein Dieb in der Nacht mit seinen Spießgesellen heim-
lich zusammen, läßt in die Häuser der gefährlichsten Parlaments-
führer einbrechen und Cavaignac, Lamoricière, Le Flô, Changar-
nier, Charras, Thiers, Baze etc. aus ihren Betten entführen, die
Hauptplätze von Paris sowie das Parlamentsgebäude mit Truppen be-
setzen und früh am Morgen marktschreierische Plakate an allen
Mauern anschlagen, worin die Auflösung der Nationalversammlung
und des Staatsrats, die Wiederherstellung des allgemeinen Wahl-
rechts und die Versetzung des Seine-Departements in Be-
lagerungszustand verkündet werden. So rückt er kurz nachher ein
falsches Dokument in den "Moniteur" ein, wonach einflußreiche
parlamentarische Namen sich in einer Staatskonsulta um ihn grup-
piert hätten.
Das im Mairiegebäude des 10, Arrondissements versammelte Rumpf-
parlament, hauptsächlich aus Legitimisten und Orleanisten beste-
hend, beschließt unter dem wiederholten Rufe: "Es lebe die Repu-
blik", die Absetzung Bonapartes, harangiert umsonst die vor dem
Gebäude gaffende Masse und wird endlich unter dem Geleite afrika-
nischer Scharfschützen erst in die Kaserne d'Orsay geschleppt,
später in Zellenwagen verpackt und nach den Gefängnissen von
Mazas, Ham und Vincennes transportiert. So endete die Ordnungs-
partei, die legislative Versammlung und die Februarrevolution.
Ehe wir zum Schluß eilen, kurz das Schema ihrer Geschichte:
I. Erste Periode. Vom 24.Februar bis 4.Mai 1848. Februarperiode.
Prolog. Allgemeiner Verbrüderungsschwindel.
II. Zweite Periode. Periode der Konstituierung der Republik und
der konstituierenden Nationalversammlung.
1. 4. Mai bis 25. Juni 1848. Kampf sämtlicher Klassen gegen das
Proletariat. Niederlage des Proletariats in den Junitagen.
2. 25.Juni bis 10. Dezember 1848. Diktatur der reinen Bourgeois-
Republikaner. Entwerfung der Konstitution. Verhängung des Belage-
rungszustandes über Paris. Die Bourgeoisdiktatur am 10. Dezember
beseitigt durch die Wahl Bonapartes zum Präsidenten.
3. 20. Dezember 1848 bis 28. Mai 1849. Kampf der Konstituante mit
Bonaparte und der mit ihm vereinigten Ordnungspartei. Untergang
der Konstituante. Fall der republikanischen Bourgeoisie.
#193# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
III. Dritte Periode. Periode der konstitutionellen Republik und
der legislativen Nationalversammlung.
#194#
-----
VII
Die s o z i a l e R e p u b l i k erschien als Phrase, als
Prophezeiung an der Schwelle der Februarrevolution. In den Juni-
tagen 1848 wurde sie im Blute d e s P a r i s e r P r o l e-
t a r i a t s erstickt, aber sie geht in den folgenden Akten des
Dramas als Gespenst um. Die d e m o k r a t i s c h e R e-
p u b l i k kündigt sich an. Sie verpufft am 13. Juni 1849 mit
ihren davongelaufenen K l e i n b ü r g e r n, aber im Fliehen
wirft sie doppelt renommierende Reklamen hinter sich. Die
p a r l a m e n t a r i s c h e R e p u b l i k mit der Bour-
geoisie bemächtigt sich der ganzen Bühne, sie lebt sich aus in
der vollen Breite ihrer Existenz, aber der 2. Dezember 1851 be-
gräbt sie unter dem Angstgeschrei der koalisierten Royalisten:
"Es lebe die Republik!"
Die französische Bourgeoisie bäumte sich gegen die Herrschaft des
arbeitenden Proletariats, sie hat das Lumpenproletariat zur Herr-
schaft gebracht, an der Spitze den Chef der Gesellschaft vom 10.
Dezember. Die Bourgeoisie hielt Frankreich in atemloser Furcht
vor den zukünftigen Schrecken der roten Anarchie; Bonaparte es-
komptierte ihr diese Zukunft, als er am 4. Dezember die vornehmen
Bürger des Boulevard Montmartre und des Boulevard des Italiens
durch die schnapsbegeisterte Armee der Ordnung von ihren Fenstern
herabschießen ließ. Sie apotheosierte den Säbel; der Säbel be-
herrscht sie. Sie vernichtete die revolutionäre Presse; ihre
eigne Presse ist vernichtet. Sie stellte die Volksversammlungen
unter Polizeiaufsicht; ihre Salons stehn unter der Aufsicht der
Polizei. Sie löste die demokratischen Nationalgarden auf; ihre
eigne Nationalgarde ist aufgelöst. Sie verhing den Belagerungszu-
stand; der Belagerungszustand ist über sie verhängt. Sie ver-
drängte die Jurys durch Militärkommissionen; ihre Jurys sind
durch Militärkommissionen verdrängt. Sie unterwarf den Volksun-
terricht den Pfaffen; die Pfaffen unterwerfen sie ihrem eignen
Unterricht. Sie transportierte ohne Urteil; sie wird ohne Urteil
transportiert. Sie unterdrückte jede Regung der Gesellschaft
durch die Staatsmacht; jede Regung ihrer Gesellschaft wird
#195# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
durch die Staatsmacht erdrückt. Sie rebellierte aus Begeisterung
für ihren Geldbeutel gegen ihre eignen Politiker und Literaten;
ihre Politiker und Literaten sind beseitigt, aber ihr Geldbeutel
wird geplündert, nachdem sein Mund geknebelt und seine Feder zer-
brochen ist. Die Bourgeoisie rief der Revolution unermüdlich zu
wie der heilige Arsenius den Christen: "Fuge, tace, quiesce!
Fliehe, schweige, ruhe!" Bonaparte ruft der Bourgeoisie zu:
"Fuge, tace, quiesce! Fliehe, schweige, ruhe!"
Die französische Bourgeoisie hatte längst das Dilemma Napoleons
gelöst: "Dans cinquante ans l'Europe sera républicaine ou cosa-
que." 1*) Sie hatte es gelöst in der "république cosaque" 2*).
Keine Circe hat das Kunstwerk der bürgerlichen Republik durch bö-
sen Zauber in eine Ungestalt verzerrt. Jene Republik hat nichts
verloren als den Schein der Respektabilität. Das jetzige Frank-
reich war fertig in der parlamentarischen Republik enthalten. Es
bedurfte nur eines Bajonettstichs, damit die Blase platze und das
Ungeheuer in die Augen springe.
Warum hat sich das Pariser Proletariat nicht nach dem 2. Dezember
erhoben?
Noch war der Sturz der Bourgeoisie erst dekretiert, das Dekret
war nicht vollzogen. Jeder ernste Aufstand des Proletariats hätte
sie sofort neu belebt, mit der Armee ausgesöhnt und den Arbeitern
eine zweite Juniniederlage gesichert.
Am 4. Dezember wurde das Proletariat von Bourgeois und Épicier
3*) zum Kampfe aufgestachelt. Am Abende dieses Tages versprachen
mehrere Legionen der Nationalgarde, bewaffnet und uniformiert auf
dem Kampfplatze zu erscheinen. Bourgeois und Epicier waren näm-
lich dahintergekommen, daß Bonaparte in einem seiner Dekrete vom
2. Dezember das geheime Votum abschaffte und ihnen anbefahl, in
den offiziellen Registern hinter ihre Namen ihr Ja oder Nein ein-
zutragen. Der Widerstand vom 4. Dezember schüchterte Bonaparte
ein. Während der Nacht ließ er an allen Straßenecken von Paris
Plakate anschlagen, welche die Wiederherstellung des geheimen Vo-
tums verkündeten. Bourgeois und Epicier glaubten, ihren Zweck er-
reicht zu haben. Wer nicht am andern Morgen erschien, waren Epi-
cier und Bourgeois.
Das Pariser Proletariat war durch einen Handstreich Bonapartes
während der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember seiner Führer, der
Barrikadenchefs, beraubt worden. Eine Armee ohne Offiziere, durch
die Erinnerungen vom Juni 1848 und 1849 und vom Mai 1850 abge-
neigt, unter dem Banner der
-----
1*) "In fünfzig Jahren wird Europa republikanisch sein oder kosa-
kisch." - 2*) "kosakischen Republik" - 3*) Krämer
#196# Karl Marx
-----
Montagnards zu kämpfen, überließ es seiner Avantgarde, den gehei-
men Gesellschaften, die Rettung der insurrektionellen Ehre von
Paris, welche die Bourgeoisie so widerstandslos der Soldateska
preisgab, daß Bonaparte später die Nationalgarde mit dem höhni-
schen Motive entwaffnen konnte : Er fürchte, daß ihre Waffen ge-
gen sie selbst von den Anarchisten mißbraucht werden würden!
"C'est le triomphe complet et définitif du socialisme!" 1*) So
charakterisierte Guizot den 2. Dezember. Aber wenn der Sturz der
parlamentarischen Republik dem Keime nach den Triumph der prole-
tarischen Revolution in sich enthält, so war ihr nächstes hand-
greifliches Resultat d e r S i e g B o n a p a r t e s
ü b e r d a s P a r l a m e n t, d e r E x e k u t i v g e-
w a l t ü b e r d i e L e g i s l a t i v g e w a l t, d e r
G e w a l t o h n e P h r a s e ü b e r d i e G e w a l t
d e r P h r a s e. In dem Parlamente erhob die Nation ihren
allgemeinen Willen zum Gesetze, d.h. das Gesetz der herrschenden
Klasse zu ihrem allgemeinen Willen. Vor der Exekutivgewalt dankt
sie jeden eignen Willen ab und unterwirft sich dem Machtgebot des
fremden, der Autorität. Die Exekutivgewalt im Gegensatz zur
Legislativen drückt die Heteronomie der Nation im Gegensatz zu
ihrer Autonomie aus. Frankreich scheint also nur der Despotie
einer Klasse entlaufen, um unter die Despotie eines Individuums
zurückzufallen, und zwar unter die Autorität eines Individuums
ohne Autorität. Der Kampf scheint so geschlichtet, daß alle
Klassen gleich machtlos und gleich lautlos vor dem Kolben
niederknien.
Aber die Revolution ist gründlich. Sie ist noch auf der Reise
durch das Fegefeuer begriffen. Sie vollbringt ihr Geschäft mit
Methode. Bis zum 2. Dezember 1851 hatte sie die eine Hälfte ihrer
Vorbereitung absolviert, sie absolviert jetzt die andre. Sie
vollendete erst die parlamentarische Gewalt, um sie stürzen zu
können. Jetzt, wo sie dies erreicht, vollendet sie die E x e-
k u t i v g e w a l t, reduziert sie auf ihren reinsten Aus-
druck, isoliert sie, stellt sie sich als einzigen Vorwurf ge-
genüber, um alle ihre Kräfte der Zerstörung gegen sie zu konzen-
trieren. Und wenn sie diese zweite Hälfte ihrer Vorarbeit voll-
bracht hat, wird Europa von seinem Sitze aufspringen und jubeln:
Brav gewühlt, alter Maulwurf! [113]
Diese Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuern bürokratischen und
militärischen Organisation, mit ihrer weitschichtigen und künst-
lichen Staatsmaschinerie, ein Beamtenheer von einer halben Mil-
lion neben einer Armee von einer andern halben Million, dieser
fürchterliche Parasitenkörper, der sich wie eine Netzhaut um den
Leib der französischen Gesellschaft schlingt und ihr alle Poren
verstopft, entstand in der Zeit der absoluten Monarchie, beim
Verfall des Feudalwesens, den er beschleunigen half. Die herr-
schaftlichen
-----
1*) "Das ist der vollständige und endgültige Triumph des Sozia-
lismus!"
#197# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Privilegien der Grundeigentümer und Städte verwandelten sich in
ebenso viele Attribute der Staatsgewalt, die feudalen Würdenträ-
ger in bezahlte Beamte und die bunte Mustercharte der widerstrei-
tenden mittelalterlichen Machtvollkommenheiten in den geregelten
Plan einer Staatsmacht, deren Arbeit fabrikmäßig geteilt und zen-
tralisiert ist. Die erste französische Revolution mit ihrer Auf-
gabe, alle lokalen, territorialen, städtischen und provinziellen
Sondergewalten zu brechen, um die bürgerliche Einheit der Nation
zu schaffen, mußte entwickeln, was die absolute Monarchie begon-
nen hatte: die Zentralisation, aber zugleich den Umfang, die At-
tribute und die Handlanger der Regierungsgewalt. Napoleon vollen-
dete diese Staatsmaschinerie. Die legitime Monarchie und die Ju-
limonarchie fügten nichts hinzu als eine größere Teilung der Ar-
beit, in demselben Maße wachsend, als die Teilung der Arbeit in-
nerhalb der bürgerlichen Gesellschaft neue Gruppen von Interessen
schuf, also neues Material für die Staatsverwaltung. Jedes
g e m e i n s a m e Interesse wurde sofort von der Gesellschaft
losgelöst, als höheres, a l l g e m e i n e s Interesse ihr ge-
genübergestellt, der Selbsttätigkeit der Gesellschaftsglieder
entrissen und zum Gegenstand der Regierungstätigkeit gemacht, von
der Brücke, dem Schulhaus und dem Kommunalvermögen einer Dorfge-
meinde bis zu den Eisenbahnen, dem Nationalvermögen und der Lan-
desuniversität Frankreichs. Die parlamentarische Republik endlich
sah sich in ihrem Kampfe wider die Revolution gezwungen, mit den
Repressivmaßregeln die Mittel und die Zentralisation der Regie-
rungsgewalt zu verstärken. Alle Umwälzungen vervollkommneten
diese Maschine statt sie zu brechen. Die Parteien, die abwech-
selnd um die Herrschaft rangen, betrachteten die Besitznahme die-
ses ungeheueren Staatsgebäudes als die Hauptbeute des Siegers.
Aber unter der absoluten Monarchie, während der ersten Revolu-
tion, unter Napoleon war die Bürokratie nur das Mittel, die Klas-
senherrschaft der Bourgeoisie vorzubereiten. Unter der Restaura-
tion, unter Louis-Philippe, unter der parlamentarischen Republik
war sie das Instrument der herrschenden Klasse, so sehr sie auch
nach Eigenmacht strebte.
Erst unter dem zweiten Bonaparte scheint sich der Staat völlig
verselbständigt zu haben. Die Staatsmaschine hat sich der bürger-
lichen Gesellschaft gegenüber so befestigt, daß an ihrer Spitze
der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember genügt, ein aus der
Fremde herbeigelaufener Glücksritter, auf den Schild gehoben von
einer trunkenen Soldateska, die er durch Schnaps und Würste erk-
auft hat, nach der er stets von neuem mit der Wurst werfen muß.
Daher die kleinlaute Verzweiflung, das Gefühl der ungeheuersten
Demütigung, Herabwürdigung, das die Brust Frankreichs beklemmt
und seinen Atem stocken macht. Es fühlt sich wie entehrt.
#198# Karl Marx
-----
Und dennoch schwebt die Staatsgewalt nicht in der Luft. Bonaparte
vertritt eine Klasse, und zwar die zahlreichste Klasse der fran-
zösischen Gesellschaft, die P a r z e l l e n b a u e r n.
Wie die Bourbons die Dynastie des großen Grundeigentums, wie die
Orléans die Dynastie des Geldes, so sind die Bonapartes die Dyna-
stie der Bauern, d.h. der französischen Volksmasse. Nicht der Bo-
naparte, der sich dem Bourgeoisparlamente unterwarf, sondern der
Bonaparte, der das Bourgeoisparlament auseinanderjagte, ist der
Auserwählte der Bauern. Drei Jahre war es den Städten gelungen,
den Sinn der Wahl vom 10. Dezember zu verfälschen und die Bauern
um die Wiederherstellung des Kaiserreichs zu prellen. Die Wahl
vom 10.Dezember 1848 ist erst erfüllt worden durch den coup
d'état vom 2. Dezember 1851.
Die Parzellenbauern bilden eine ungeheure Masse, deren Glieder in
gleicher Situation leben, aber ohne in mannigfache Beziehung zu-
einander zu treten. Ihre Produktionsweise isoliert sie voneinan-
der, statt sie in wechselseitigen Verkehr zu bringen. Die Isolie-
rung wird gefördert durch die schlechten französischen Kommunika-
tionsmittel und die Armut der Bauern. Ihr Produktionsfeld, die
Parzelle, läßt in seiner Kultur keine Teilung der Arbeit zu,
keine Anwendung der Wissenschaft, also keine Mannigfaltigkeit der
Entwickelung, keine Verschiedenheit der Talente, keinen Reichtum
der gesellschaftlichen Verhältnisse. Jede einzelne Bauernfamilie
genügt beinahe sich selbst, produziert unmittelbar selbst den
größten Teil ihres Konsums und gewinnt so ihr Lebensmaterial mehr
im Austausche mit der Natur als im Verkehr mit der Gesellschaft.
Die Parzelle, der Bauer und die Familie; daneben eine andre Par-
zelle, ein andrer Bauer und eine andre Familie. Ein Schock davon
macht ein Dorf, und ein Schock von Dörfern macht ein Departement.
So wird die große Masse der französischen Nation gebildet durch
einfache Addition gleichnamiger Größen, wie etwa ein Sack von
Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet. Insofern Millionen von Fa-
milien unter ökonomischen Existenzbedingungen leben, die ihre Le-
bensweise, ihre Interessen und ihre Bildung von denen der andern
Klassen trennen und ihnen feindlich gegenüberstellen, bilden sie
eine Klasse. Insofern ein nur lokaler Zusammenhang unter den Par-
zellenbauern besteht, die Dieselbigkeit ihrer Interessen keine
Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine politische
Organisation unter ihnen erzeugt, bilden sie keine Klasse. Sie
sind daher unfähig, ihr Klasseninteresse im eigenen Namen, sei es
durch ein Parlament, sei es durch einen Konvent geltend zu ma-
chen. Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten wer-
den. Ihr Vertreter muß zugleich als ihr Herr, als eine Autorität
über ihnen erscheinen, als eine unumschränkte Regierungsgewalt,
#199# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
die sie vor den andern Klassen beschützt und ihnen von oben Regen
und Sonnenschein schickt. Der politische Einfluß der Parzellen-
bauern findet also darin seinen letzten Ausdruck, daß die Exeku-
tivgewalt sich die Gesellschaft unterordnet.
Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der
französischen Bauern entstanden, daß ein Mann namens Napoleon ih-
nen alle Herrlichkeit wiederbringen werde. Und es fand sich ein
Individuum, das sich für diesen Mann ausgibt, weil es den Namen
Napoleon trägt, infolge des Code Napoléon, der anbefiehlt: "La
recherche de la paternité est interdite." 1*) Nach zwanzigjähri-
ger Vagabundage und einer Reihe von grotesken Abenteuern erfüllt
sich die Sage, und der Mann wird Kaiser der Franzosen. Die fixe
Idee des Neffen verwirklichte sich, weil sie mit der fixen Idee
der zahlreichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel.
Aber, wird man mir einwerfen, die Bauernaufstände in halb
Frankreich, die Treibjagden der Armee auf die Bauern, die massen-
hafte Einkerkerung und Transportation der Bauern?
Seit Ludwig XIV. hat Frankreich keine ähnliche Verfolgung der
Bauern "wegen demagogischer Umtriebe" erlebt.
Aber man verstehe wohl. Die Dynastie Bonaparte repräsentiert
nicht den revolutionären, sondern den konservativen Bauer, nicht
den Bauer, der über seine soziale Existenzbedingung, die Parzelle
hinausdrängt, sondern der sie vielmehr befestigen will, nicht das
Landvolk, das durch eigne Energie im Anschluß an die Städte die
alte Ordnung umstürzen, sondern umgekehrt dumpf verschlossen in
dieser alten Ordnung sich mitsamt seiner Parzelle von dem Gespen-
ste des Kaisertums gerettet und bevorzugt sehen will. Sie reprä-
sentiert nicht die Aufklärung, sondern den Aberglauben des Bau-
ern, nicht sein Urteil, sondern sein Vorurteil, nicht seine Zu-
kunft, sondern seine Vergangenheit, nicht seine modernen Cevennen
[114], sondern seine moderne Vendée [49].
Die dreijährige harte Herrschaft der parlamentarischen Republik
hatte einen Teil der französischen Bauern von der napoleonischen
Illusion befreit und, wenn auch nur noch oberflächlich, revolu-
tioniert; aber die Bourgeoisie warf sie gewaltsam zurück, sooft
sie sich in Bewegung setzten. Unter der parlamentarischen Repu-
blik rang das moderne mit dem traditionellen Bewußtsein der fran-
zösischen Bauern. Der Prozeß ging vor sich in der Form eines un-
aufhörlichen Kampfes zwischen den Schulmeistern und den Pfaffen.
Die Bourgeoisie schlug die Schulmeister nieder. Die Bauern mach-
ten zum
-----
1*) Die Nachforschung nach der Vaterschaft ist untersagt"
#200# Karl Marx
-----
ersten Mal Anstrengungen, der Regierungstätigkeit gegenüber sich
selbständig zu verhalten. Es erschien dies in dem fortgesetzten
Konflikte der Maires mit den Präfekten. Die Bourgeoisie setzte
die Maires ab. Endlich erhoben sich die Bauern verschiedener Orte
während der Periode der parlamentarischen Republik gegen ihre
eigne Ausgeburt, die Armee. Die Bourgeoisie bestrafte sie mit Be-
lagerungszuständen und Exekutionen. Und dieselbe Bourgeoisie
schreit jetzt über die Stupidität der Massen, der vile multitude
1*), die sie an Bonaparte verraten habe. Sie selbst hat den Impe-
rialismus der Bauernklasse gewaltsam befestigt, sie hielt die Zu-
stände fest, die die Geburtsstätte dieser Bauernreligion bilden.
Allerdings muß die Bourgeoisie die Dummheit der Massen fürchten,
solange sie konservativ bleiben, und die Einsicht der Massen, so-
bald sie revolutionär werden.
In den Aufständen nach dem coup d etat protestierte ein Teil der
französischen Bauern mit den Waffen in der Hand gegen sein eignes
Votum vom 10. Dezember 1848. Die Schule seit 1848 hatte sie ge-
witzigt. Allein sie hatten sich der geschichtlichen Unterwelt
verschrieben, die Geschichte hielt sie beim Worte, und noch war
die Mehrzahl so befangen, daß gerade in den rotesten Departements
die Bauernbevölkerung öffentlich für Bonaparte stimmte. Die Na-
tionalversammlung hatte ihn nach ihrer Ansicht am Gehn verhin-
dert. Er hatte jetzt nur die Fessel gebrochen, die die Städte dem
Willen des Landes angelegt. Sie trugen sich stellenweise sogar
mit der grotesken Vorstellung: neben einem Napoleon ein Konvent.
Nachdem die erste Revolution die halbhörigen Bauern in freie
Grundeigentümer verwandelt hatte, befestigte und regelte Napoleon
die Bedingungen, worin sie ungestört den eben erst ihnen anheim-
gefallenen Boden Frankreichs ausbeuten und die jugendliche Lust
am Eigentum büßen konnten. Aber woran der französische Bauer
jetzt untergeht, es ist seine Parzelle selbst, die Teilung des
Grund und Bodens, die Eigentumsform, die Napoleon in Frankreich
konsolidierte. Es sind eben die materiellen Bedingungen, die den
französischen Feudalbauer zum Parzellenbauer und Napoleon zum
Kaiser machten. Zwei Generationen haben hingereicht, um das un-
vermeidliche Resultat zu erzeugen: progressive Verschlechterung
des Ackerbaues, progressive Verschuldung des Ackerbauers. Die
"Napoleonische" Eigentumsform, die im Anfange des neunzehnten
Jahrhunderts die Bedingung für die Befreiung und die Bereicherung
des französischen Landvolkes war, hat sich im Laufe dieses Jahr-
hunderts als das Gesetz ihrer Sklaverei und ihres Pauperismus
entwickelt. Und eben dies Gesetz ist die erste der "idées napo-
léoniennes"
-----
1 des gemeinen Pöbels
#201# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
[93], die der zweite Bonaparte zu behaupten hat. Wenn er mit den
Bauern noch die Illusion teilt, nicht im Parzelleneigentum
selbst, sondern außerhalb, im Einflüsse sekundärer Umstände die
Ursache ihres Ruins zu suchen, so werden seine Experimente wie
Seifenblasen an den Produktionsverhältnissen zerschellen.
Die ökonomische Entwicklung des Parzelleneigentums hat das Ver-
hältnis der Bauern zu den übrigen Gesellschaftsklassen von Grund
aus verkehrt. Unter Napoleon ergänzte die Parzellierung des Grund
und Bodens auf dem Lande die freie Konkurrenz und die beginnende
große Industrie in den Städten. Die Bauernklasse war der allge-
genwärtige Protest gegen die eben erst gestürzte Grundaristokra-
tie. Die Wurzeln, die das Parzelleneigentum in dem französischen
Grund und Boden schlug, entzogen dem Feudalismus jeden Nahrungs-
stoff. Seine Grenzpfähle bildeten das natürliche Befestigungswerk
der Bourgeoisie gegen jeden Handstreich ihrer alten Oberherren.
Aber im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts trat an die Stelle des
Feudalen der städtische Wucherer, an die Stelle der Feudalpflich-
tigkeit des Bodens die Hypothek, an die Stelle des aristokrati-
schen Grundeigentums das bürgerliche Kapital. Die Parzelle des
Bauern ist nur noch der Vorwand, der dem Kapitalisten erlaubt,
Profit, Zinsen und Rente von dem Acker zu ziehn und den Acker-
bauer selbst zusehn zu lassen, wie er seinen Arbeitslohn heraus-
schlägt. Die auf dem französischen Boden lastende Hypothekar-
schuld legt der französischen Bauernschaft einen Zins auf, so
groß wie der Jahreszins der gesamten britischen Nationalschuld.
Das Parzelleneigentum in dieser Sklaverei vom Kapital, wozu seine
Entwicklung unvermeidlich hindrängt, hat die Masse der französi-
schen Nation in Troglodyten verwandelt. Sechzehn Millionen Bauern
(Frauen und Kinder eingerechnet) hausen in Höhlen, wovon ein
großer Teil nur eine Öffnung, der andre nur zwei, und der bevor-
zugteste nur drei Öffnungen hat. Die Fenster sind an einem Haus,
was die fünf Sinne für den Kopf sind. Die bürgerliche Ordnung,
die im Anfange des Jahrhunderts den Staat als Schildwache vor die
neuentstandene Parzelle stellte und sie mit Lorbeeren düngte, ist
zum Vampyr geworden, der ihr Herzblut und Hirnmark aussaugt und
sie in den Alchimistenkessel des Kapitals wirft. Der Code Napo-
léon ist nur noch der Kodex der Exekution, der Subhastation und
der Zwangsversteigerung. Zu den vier Millionen (Kinder usw. ein-
gerechnet) offizieller Paupers, Vagabunden, Verbrecher und Pro-
stituierten, die Frankreich zählt, kommen fünf Millionen hinzu,
die an dem Abgrunde der Existenz schweben und entweder auf dem
Lande selbst hausen oder beständig mit ihren Lumpen und ihren
Kindern von dem Lande in die Städte und von den Städten auf das
Land desertieren. Das Interesse
#202# Karl Marx
-----
der Bauern befindet sich also nicht mehr, wie unter Napoleon, im
Einklänge, sondern im Gegensatze mit den Interessen der Bour-
geoisie, mit dem Kapital. Sie finden also ihren natürlichen Ver-
bündeten und Führer in dem s t ä d t i s c h e n P r o l e t a-
r i a t, dessen Aufgabe der Umsturz der bürgerlichen Ordnung
ist. Aber die s t a r k e u n d u n u m s c h r ä n k t e
R e g i e r u n g - und dies ist die zweite "idée napoléoni-
enne", die der zweite Napoleon auszuführen hat - ist zur gewalt-
samen Verteidigung dieser "materiellen" Ordnung berufen. Auch
gibt dieser "ordre matériel" 1*) in allen Proklamationen Bona-
partes gegen die aufrührischen Bauern das Stichwort ab.
Neben der Hypothek, die das Kapital ihr auferlegt, lastet auf der
Parzelle die S t e u e r. Die Steuer ist die Lebensquelle der
Bürokratie, der Armee, der Pfaffen und des Hofes, kurz, des gan-
zen Apparats der Exekutivgewalt. Starke Regierung und starke
Steuer sind identisch. Das Parzelleneigentum eignet sich seiner
Natur nach zur Grundlage einer allgewaltigen und zahllosen Büro-
kratie. Es schafft ein gleichmäßiges Niveau der Verhältnisse und
der Personen über der ganzen Oberfläche des Landes. Es erlaubt
also auch die gleichmäßige Einwirkung nach allen Punkten dieser
gleichmäßigen Masse von einem obersten Zentrum aus. Es. vernich-
tet die aristokratischen Mittelstufen zwischen der Volksmasse und
der Staatsgewalt. Es ruft also von allen Seiten das direkte Ein-
greifen dieser Staatsgewalt und das Zwischenschieben ihrer unmit-
telbaren Organe hervor. Es erzeugt endlich eine unbeschäftigte
Überbevölkerung, die weder auf dem Lande noch in den Städten
Platz findet und daher nach den Staatsämtern als einer Art von
respektablem Almosen greift und die Schöpfung von Staatsämtern
provoziert. Napoleon gab in den neuen Märkten, die er mit dem Ba-
jonette eröffnete, in der Plünderung des Kontinents, die Zwangs-
steuer mit Zinsen zurück. Sie war ein Stachel für die Industrie
des Bauern, während sie jetzt seine Industrie der letzten Hülfs-
quellen beraubt, seine Widerstandslosigkeit gegen den Pauperismus
vollendet. Und eine enorme Bürokratie, wohlgaloniert und wohl-
genährt, ist die "idée napoléonienne", die dem zweiten Bonaparte
von allen am meisten zusagt. Wie sollte sie nicht, da er gezwun-
gen ist, neben den wirklichen Klassen der Gesellschaft eine
künstliche Kaste zu schaffen, für welche die Erhaltung seines Re-
gimes zur Messer- und Gabelfrage wird. Eine seiner ersten Finanz-
operationen war daher auch die Wiedererhöhung der Beamtengehalte
auf ihren alten Betrag und Schöpfung neuer Sinekuren.
Eine andre "idée napoléonienne" ist die Herrschaft der P f a f-
f e n als Regierungsmittel. Aber wenn die neuentstandene Parzel-
le in ihrem Einklang
-----
1*) diese "materielle Ordnung"
#203# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
mit der Gesellschaft, in ihrer Abhängigkeit von den Naturgewalten
und ihrer Unterwerfung unter die Autorität, die sie von oben be-
schützte, natürlich religiös war, wird die schuldzerrüttete, mit
der Gesellschaft und der Autorität zerfallene, über ihre eigne
Beschränktheit hinausgetriebene Parzelle natürlich irreligiös.
Der Himmel war eine ganz schöne Zugabe zu dem eben gewonnenen
schmalen Erdstrich, zumal da er das Wetter macht; er wird zum In-
sult, sobald er als Ersatz für die Parzelle aufgedrängt wird. Der
Pfaffe erscheint dann nur noch als der gesalbte Spürhund der ir-
dischen Polizei - eine andre "idée napoléonienne". Die Expedition
gegen Rom wird das nächste Mal in Frankreich selbst stattfinden,
aber im umgekehrten Sinne des Herrn von Montalembert.
Der Kulminierpunkt der "idées napoléoniennes" endlich ist das
Übergewicht der A r m e e. Die Armee war der point d'honneur
1*) der Parzellenbauern, sie selbst in Heroen verwandelt, nach
außen hin den neuen Besitz verteidigend, ihre eben erst errungene
Nationalität verherrlichend, die Welt plündernd und revolu-
tionierend. Die Uniform war ihr eignes Staatskostüm, der Krieg
ihre Poesie, die in der Phantasie verlängerte und abgerundete
Parzelle das Vaterland und der Patriotismus die ideale Form des
Eigentumssinnes. Aber die Feinde, wogegen der französische Bauer
jetzt sein Eigentum zu verteidigen hat, es sind nicht die Kosa-
ken, es sind die Huissiers 2*) und Steuerexekutoren. Die Parzelle
liegt nicht mehr im sogenannten Vaterland, sondern im Hypo-
thekenbuch. Die Armee selbst ist nicht mehr die Blüte der Bauern-
jugend, sie ist die Sumpfblume des bäuerlichen Lumpenproletari-
ats. Sie besteht großenteils aus Remplaçants, aus Ersatzmännern,
wie der zweite Bonaparte selbst nur Remplaçant, der Ersatzmann
für Napoleon ist. Ihre Heldentaten verrichtet sie jetzt in den
Gems- und Treibjagden auf die Bauern, im Gendarmendienst, und
wenn die innern Widersprüche seines Systems den Chef der Gesell-
schaft des 10. Dezember über die französische Grenze jagen, wird
sie nach einigen Banditenstreichen keine Lorbeeren, sondern Prü-
gel ernten.
Man sieht: A l l e "i d é e s n a p o l é o n i e n n e s"
s i n d I d e e n d e r u n e n t w i c k e l t e n, j u-
g e n d f r i s c h e n P a r z e l l e, sie sind ein Widersinn
für die überlebte Parzelle. Sie sind nur die Halluzinationen
ihres Todeskampfes, Worte, die in Phrasen, Geister, die in
Gespenster verwandelt. Aber die Parodie des Imperialismus war
notwendig, um die Masse der französischen Nation von der Wucht
der Tradition zu befreien und den Gegensatz der Staatsgewalt zur
Gesellschaft rein herauszuarbeiten. Mit der fortschreitenden Zer-
rüttung des Parzelleneigentums
-----
1*) Ehrenpunkt - 2*) Gerichtsvollzieher
#204# Karl Marx
-----
bricht das auf ihm aufgeführte Staatsgebäude zusammen. Die staat-
liche Zentralisation, deren die moderne Gesellschaft bedarf, er-
hebt sich nur auf den Trümmern der militärisch-bürokratischen
Regierungsmaschinerie, die im Gegensatz zum Feudalismus geschmie-
det ward. 1*)
Die französischen Bauernverhältnisse enthüllen uns das Rätsel der
a l l g e m e i n e n W a h l e n v o m 2 0. u n d 2 1.
D e z e m b e r, die den zweiten Bonaparte auf den Berg Sinai
führten, nicht um Gesetze zu erhalten, sondern um sie zu geben.
Die Bourgeoisie hatte Jetzt offenbar keine andere Wahl, als Bona-
parte zu wählen. Als die Puritaner auf dem Konzile von Konstanz
[118] über das lasterhafte Leben der Päpste klagten und über die
Notwendigkeit der Sittenreform jammerten, donnerte der Kardinal
Pierre d'Ailly ihnen zu: "Nur noch der Teufel in eigner Person
kann die katholische Kirche retten, und ihr verlangt Engel." So
rief die französische Bourgeoisie nach dem coup d'état: Nur noch
der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember kann die bürgerliche
Gesellschaft retten! Nur noch der Diebstahl das Eigentum, der
Meineid die Religion, das Bastardtum die Familie, die Unordnung
die Ordnung!
Bonaparte als die verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt
seinen Beruf, die "bürgerliche Ordnung" sicherzustellen. Aber die
Stärke dieser bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse. Er weiß
sich daher als Repräsentant der Mittelklasse und erläßt Dekrete
in diesem Sinne. Er ist jedoch nur dadurch etwas, daß er die po-
litische Macht dieser Mittelklasse gebrochen hat und täglich von
neuem bricht. Er weiß sich daher als Gegner der politischen und
literatischen Macht der Mittelklasse. Aber indem er ihre materi-
elle Macht beschützt, erzeugt er von neuem ihre politische Macht.
Die Ursache muß daher am Leben erhalten, aber die Wirkung, wo sie
sich zeigt, aus der Welt geschafft werden. Aber ohne kleine Ver-
wechselungen von Ursache und Wirkung kann dies nicht abgehn, da
beide in der Wechselwirkung ihre Unterscheidungsmerkmale verlie-
ren. Neue Dekrete, die die Grenzlinie verwischen. Bonaparte weiß
sich zugleich gegen die Bourgeoisie als Vertreter der Bauern und
des Volkes überhaupt, der innerhalb der bürgerlichen
-----
1*) In der Erstausgabe, New York 1852, endet dieser Absatz mit
folgenden Zeilen, die 1869 von Marx weggelassen wurden: Die Zer-
trümmerung der Staatsmaschine wird die Zentralisation nicht ge-
fährden. Die Bürokratie ist nur die niedrige und brutale Form ei-
ner Zentralisation, die noch mit ihrem Gegensatze, dem Feudalis-
mus, behaftet ist. Mit der Verzweiflung an der napoleonischen Re-
stauration scheidet der französische Bauer von dem Glauben an
seine Parzelle, stürzt das ganze auf diese Parzelle aufgeführte
Staatsgebäude zusammen und erhält d i e p r o l e t a r i-
s c h e R e v o l u t i o n d a s C h o r, o h n e d a s
i h r S o l o g e s a n g i n a l l e n B a u e r n n a-
t i o n e n z u m S t e r b e l i e d w i r d.
#205# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
Gesellschaft die untern Volksklassen beglücken will. Neue De-
krete, die die "wahren Sozialisten" [20] im voraus um ihre Regie-
rungsweisheit prellen. Aber Bonaparte weiß sich vor allem als
Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember, als Repräsentanten des
Lumpenproletariats, dem er selbst, seine entourage 1*), seine Re-
gierung und seine Armee angehören und für das es sich vor allem
darum handelt, sich wohlzutun und kalifornische Lose aus dem
Staatsschatze zu ziehn. Und er bestätigt sich als Chef der Ge-
sellschaft vom 10. Dezember mit Dekreten, ohne Dekrete und trotz
der Dekrete.
Diese widerspruchsvolle Aufgabe des Mannes erklärt die Widersprü-
che seiner Regierung, das unklare Hinundhertappen, das bald
diese, bald jene Klasse bald zu gewinnen, bald zu demütigen sucht
und alle gleichmäßig gegen sich aufbringt, dessen praktische Un-
sicherheit einen hochkomischen Kontrast bildet zu dem gebieteri-
schen, kategorischen Stile der Regierungsakte, der dem Onkel
folgsam nachkopiert wird.
Industrie und Handel, also die Geschäfte der Mittelklasse, sollen
unter der starken Regierung treibhausmäßig aufblühn. Verleihen
einer Unzahl von Eisenbahnkonzessionen. Aber das bonapartistische
Lumpenproletariat soll sich bereichern. Tripotage mit den Eisen-
bahnkonzessionen auf der Börse von den vorher Eingeweihten. Aber
es zeigt sich kein Kapital für die Eisenbahnen. Verpflichtung der
Bank, auf Eisenbahnaktien vorzuschießen. Aber die Bank soll
zugleich persönlich exploitiert und daher kajoliert werden. Ent-
bindung der Bank von der Pflicht, ihren Bericht wöchentlich zu
veröffentlichen. Leoninischer Vertrag der Bank [116] mit der Re-
gierung. Das Volk soll beschäftigt werden. Anordnungen von
Staatsbauten. Aber die Staatsbauten erhöhen die Steuerpflichten
des Volkes. Also Herabsetzung der Steuern durch Angriff auf die
Rentiers, durch Konvertierung der fünfprozentigen Renten in vier-
einhalbprozentige. Aber der Mittelstand muß wieder ein douceur
2*) erhalten. Also Verdoppelung der Weinsteuer für das Volk, das
ihn en détail kauft, und Herabsetzung um die Hälfte für den Mit-
telstand, der ihn en gros trinkt. Auflösung der wirklichen Arbei-
terassoziationen, aber Verheißung von künftigen Assoziationswun-
dern. Den Bauern soll geholfen werden. Hypothekenbanken, die ihre
Verschuldung und die Konzentration des Eigentums beschleunigen.
Aber diese Banken sollen benutzt werden, um Geld aus den konfis-
zierten Gütern des Hauses Orléans herauszuschlagen. Kein Kapita-
list will sich zu dieser Bedingung verstehn, die nicht in dem De-
krete steht, und die Hypothekenbank bleibt ein bloßes Dekret usw.
usw.
-----
1*) Umgebung - 2*) Zuckerbrot
#206# Karl Marx
-----
Bonaparte möchte als der patriarchalische Wohltäter aller Klassen
erscheinen. Aber er kann keiner geben, ohne der andern zu nehmen.
Wie man zur Zeit der Fronde [87] vom Herzog von Guise sagte, daß
er der obligeanteste Mann von Frankreich sei, weil er alle seine
Güter in Obligationen seiner Partisanen gegen sich verwandelt
habe, so möchte Bonaparte der obligeanteste Mann von Frankreich
sein und alles Eigentum, alle Arbeit Frankreichs in eine persön-
liche Obligation gegen sich verwandeln. Er möchte ganz Frankreich
stehlen, um es an Frankreich verschenken, oder vielmehr um Frank-
reich mit französischem Gelde wiederkaufen zu können, denn als
Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember muß er kaufen, was ihm ge-
hören soll. Und zu dem Institute des Kaufens werden alle Staats-
institute, der Senat, der Staatsrat, der gesetzgebende Körper,
die Ehrenlegion, die Soldatenmedaille, die Waschhäuser, die
Staatsbauten, die Eisenbahnen, der état-major 1*) der National-
garde ohne Gemeine, die konfiszierten Güter des Hauses Orléans.
Zum Kaufmittel wird jeder Platz in der Armee und der Regierungs-
maschine. Das wichtigste aber bei diesem Prozesse, wo Frankreich
genommen wird, um ihm zu geben, sind die Prozente, die während
des Umsatzes für das Haupt und die Glieder der Gesellschaft vom
10.Dezember abfallen. Das Witzwort, womit die Gräfin L., die
Mätresse des Herrn de Morny, die Konfiskation der orleansschen
Güter charakterisierte: "C'est le premier vol de l'aigle" *) 2*),
paßt auf jeden Flug dieses A d l e r s, der mehr R a b e ist.
Er selbst und seine Anhänger rufen sich täglich zu, wie jener
italienische Kartäuser dem Geizhals, der prunkend die Güter auf-
zählte, an denen er noch für Jahre zu zehren habe: "Tu fai conto
sopra i beni, bisogna prima far il conto sopra gli anni." **) Um
sich in den Jahren nicht zu verrechnen, zählen sie nach Minuten.
An den Hof, in die Ministerien, an die Spitze der Verwaltung und
der Armee drängt sich ein Haufe von Kerlen, von deren bestem zu
sagen ist, daß man nicht weiß, von wannen er kommt, eine ge-
räuschvolle, anrüchige, plünderungslustige Boheme, die mit der-
selben grotesken Würde in galonierte Röcke kriecht wie Soulouques
Großwürdenträger. Man kann diese höhere Schichte der Gesellschaft
vom 10. Dezember sich anschaulich machen, wenn man erwägt, daß
Véron-Crevel ***) ihr Sittenprediger ist und Granier de Caasagnac
---
*) Vol heißt Flug und Diebstahl.
**) "Du berechnest deine Güter, du solltest vorher deine Jahre
berechnen."
***) Balzac in der "Cousine Bette" stellt in Crevel, den er nach
Dr. Véron, dem Eigentümer des - Constitutionnel", entwarf, den
grundliederlichen Pariser Philister dar.
-----
1*) Stab - 2*) "Das ist der erste Flug (Diebstahl) des Adlers."
#207# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
-----
ihr Denker. Als Guizot zur Zeit seines Ministeriums diesen Gra-
nier in einem Winkelblatte gegen die dynastische Opposition ver-
wandte, pflegte er ihn mit der Wendung zu rühmen: "C'est le roi
des drôles", "das ist der Narrenkönig". Man hätte unrecht, bei
dem Hofe und der Sippe Louis Bonapartes an die Regentschaft [117]
oder Ludwig XV. zu erinnern. Denn "oft schon hat Frankreich eine
Mätressenregierung erlebt, aber noch nie eine Regierung von hom-
mes entretenus 1*)" *).
Von den widersprechenden Forderungen seiner Situation gejagt,
zugleich wie ein Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch be-
ständige Überraschung die Augen des Publikums auf sich als den
Ersatzmann Napoleons gerichtet zu halten, also jeden Tag einen
Staatsstreich en miniature 2*) zu verrichten, bringt Bonaparte
die ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr, tastet alles an,
was der Revolution von 1848 unantastbar schien, macht die einen
revolutionsgeduldig, die andern revolutionslustig und erzeugt die
Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der
ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie
profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht. Den
Kultus des heiligen Rocks zu Trier wiederholt er zu Paris im
Kultus des napoleonischen Kaisermantels. Aber wenn der Kaiser-
mantel endlich auf die Schultern des Louis Bonaparte fällt, wird
das eherne Standbild Napoleons von der Höhe der Vendôme-Säule
[118]
---
*) Worte der Frau Girardin.
-----
1*) ausgehaltenen Männern - 2*) im kleinen
zurück