Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       #111#
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       KARL MARX
       
       Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte [58]
       
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       Titelblatt der Zeitschrift "Die Revolution",
       in der Karl Marx' "Achtzehnter Brumaire des Louis Bonaparte"
       erstmalig (unter einem anders gefaßten Titel) erschien
       
       #114#
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       #115#
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       I
       
       Hegel bemerkt  irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tat-
       sachen und  Personen sich sozusagen zweimal ereignen. [59] Er hat
       vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal
       als Farce.  Caussidière für  Danton, Louis Blanc für Robespierre,
       die Montagne  [60] von  1848-1851 für die Montagne von 1793-1795,
       der Neffe für den Onkel. Und dieselbe Karikatur in den Umständen,
       unter denen die zweite Auflage des achtzehnten Brumaire [61] her-
       ausgegeben wird!
       Die Menschen  machen ihre  eigene Geschichte, aber sie machen sie
       nicht aus  freien Stücken,  nicht unter  selbstgewählten, sondern
       unter unmittelbar  vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Um-
       ständen. Die  Tradition aller  toten Geschlechter  lastet wie ein
       Alp auf  dem Gehirne  der Lebenden.  Und wenn  sie eben damit be-
       schäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Da-
       gewesenes zu  schaffen, gerade  in solchen Epochen revolutionärer
       Krise beschwören  sie ängstlich  die Geister der Vergangenheit zu
       ihrem Dienste  herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Ko-
       stüm, um  in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser er-
       borgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. So mas-
       kierte sich  Luther als  Apostel Paulus, die Revolution von 1789-
       1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als rö-
       misches Kaisertum,  und die Revolution von 1848 wüßte nichts Bes-
       seres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung
       von 1793-1795  zu parodieren. So übersetzt der Anfänger, der eine
       neue Sprache  erlernt hat,  sie immer zurück in seine Mutterspra-
       che, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet,
       und frei in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich ohne
       Rückerinnerung in  ihr bewegt  und die ihm angestammte Sprache in
       ihr vergißt.
       Bei  Betrachtung   jener  weltgeschichtlichen  Totenbeschwörungen
       zeigt sich  sofort ein  springender Unterschied.  Camille Desmou-
       lins, Danton, Robespierre,
       
       #116# Karl Marx
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       St-Just, Napoleon, die Heroen, wie die Parteien und die Masse der
       alten französischen Revolution, vollbrachten in dem römischen Ko-
       stüme und  mit römischen Phrasen die Aufgabe ihrer Zeit, die Ent-
       fesselung und  Herstellung der  modernen  b ü r g e r l i c h e n
       Gesellschaft. Die einen schlugen den feudalen Boden in Stücke und
       mähten die feudalen Köpfe ab, die darauf gewachsen waren. Der an-
       dere schuf  im Innern  von Frankreich  die Bedingungen,  worunter
       erst die  freie Konkurrenz  entwickelt, das parzellierte Grundei-
       gentum ausgebeutet,  die entfesselte  industrielle Produktivkraft
       der Nation verwandt werden konnte, und jenseits der französischen
       Grenzen fegte er überall die feudalen Gestaltungen weg, soweit es
       nötig war,  um der  bürgerlichen Gesellschaft  in Frankreich eine
       entsprechende, zeitgemäße Umgebung auf dem europäischen Kontinent
       zu verschaffen.  Die neue  Gesellschaftsformation  einmal  herge-
       stellt, verschwanden  die vorsündflutlichen Kolosse und mit ihnen
       das wieder  auferstandene Römertum  - die  Brutusse,  Gracchusse.
       Publicolas, die  Tribunen, die  Senatoren und  Cäsar selbst.  Die
       bürgerliche Gesellschaft  in ihrer  nüchternen Wirklichkeit hatte
       sich ihre  wahren Dolmetscher  und Sprachführer  erzeugt  in  den
       Says, Cousins,  Royer-Collards, Benjamin  Constants und  Guizots,
       ihre wirklichen  Heerführer saßen hinter dem Kontortisch, und der
       Speckkopf Ludwigs  XVIII. war  ihr politisches Haupt. Ganz absor-
       biert in  die Produktion  des Reichtums  und in  den  friedlichen
       Kampf der  Konkurrenz begriff  sie nicht mehr, daß die Gespenster
       der Römerzeit ihre Wiege gehütet hatten. Aber unheroisch, wie die
       bürgerliche Gesellschaft  ist, hatte  es jedoch des Heroismus be-
       durft, der  Aufopferung, des Schreckens, des Bürgerkriegs und der
       Völkerschlachten, um sie auf die Welt zu setzen. Und ihre Gladia-
       toren fanden  in den klassisch strengen Überlieferungen der römi-
       schen Republik  die Ideale  und die  Kunstformen, die  Selbsttäu-
       schungen, deren sie bedurften, um den bürgerlich beschränkten In-
       halt ihrer  Kämpfe sich selbst zu verbergen und ihre Leidenschaft
       auf der  Höhe der  großen geschichtlichen  Tragödie zu halten. So
       hatten auf  einer andern  Entwicklungsstufe, ein Jahrhundert frü-
       her, Cromwell und das englische Volk dem Alten Testament Sprache,
       Leidenschaften und  Illusionen für  ihre  bürgerliche  Revolution
       entlehnt. Als  das wirkliche  Ziel erreicht,  als die bürgerliche
       Umgestaltung der  englischen Gesellschaft  vollbracht  war,  ver-
       drängte Locke den Habakuk.
       Die Totenerweckung  in jenen  Revolutionen diente  also dazu, die
       neuen Kämpfe zu verherrlichen, nicht die alten zu parodieren, die
       gegebene Aufgabe in der Phantasie zu übertreiben, nicht vor ihrer
       Lösung in  der Wirklichkeit zurückzuflüchten, den Geist der Revo-
       lution wiederzufinden,  nicht ihr  Gespenst wieder umgehen zu ma-
       chen.
       
       #117# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       1848-1851 ging nur das Gespenst der alten Revolution um, von Mar-
       rast, dem  Républicain en gants jaunes 1*), der sich in den alten
       Bailly verkleidete,  bis auf  den Abenteurer,  der seine trivial-
       widrigen Züge  unter der eisernen Totenlarve Napoleons versteckt.
       Ein ganzes  Volk, das  sich durch  eine Revolution eine beschleu-
       nigte Bewegungskraft  gegeben zu haben glaubt, findet sich plötz-
       lich in  eine verstorbene  Epoche zurückversetzt, und damit keine
       Täuschung über  den Rückfall  möglich ist,  stehn die  alten Data
       wieder auf,  die alte  Zeitrechnung, die  alten Namen,  die alten
       Edikte, die  längst der  antiquarischen Gelehrsamkeit  verfallen,
       und die  alten Schergen, die längst verfault schienen. Die Nation
       kömmt sich  vor wie jener närrische Engländer in Bedlam [62], der
       zur Zeit  der alten Pharaonen zu leben meint und täglich über die
       harten Dienste jammert, die er in den äthiopischen Bergwerken als
       Goldgräber verrichten  muß, eingemauert in dies unterirdische Ge-
       fängnis, eine spärlich leuchtende Lampe auf dem eigenen Kopfe be-
       festigt, hinter  ihm der  Sklavenaufseher mit langer Peitsche und
       an den  Ausgängen ein Gewirr von barbarischen Kriegsknechten, die
       weder die Zwangsarbeiter in den Bergwerken, noch sich untereinan-
       der verstehn,  weil sie keine gemeinsame Sprache reden. "Und dies
       alles wird  mir" -  seufzt der  närrische Engländer  - "mir,  dem
       freigebornen Briten,  zugemutet, um  Gold für die alten Pharaonen
       zu machen."  "Um die  Schulden der Familie Bonaparte zu zahlen" -
       seufzt die  französische Nation.  Der Engländer,  solange er  bei
       Verstand war,  konnte die fixe Idee des Goldmachens nicht loswer-
       den. Die Franzosen, solange sie revolutionierten, nicht die napo-
       leonische Erinnerung,  wie die Wahl vom 10. Dezember [63] bewies.
       Sie sehnten  sich aus den Gefahren der Revolution zurück nach den
       Fleischtöpfen Ägyptens  [64], und  der 2.  Dezember 1851  war die
       Antwort. Sie  haben nicht  nur die  Karikatur des alten Napoleon,
       sie haben  den alten  Napoleon selbst karikiert, wie er sich aus-
       nehmen muß in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.
       Die soziale  Revolution des  neunzehnten Jahrhunderts  kann  ihre
       Poesie nicht  aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der
       Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen
       Aberglauben an  die Vergangenheit  abgestreift hat.  Die früheren
       Revolutionen bedurften  der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen,
       um sich über ihren eigenen Inhalt zu betäuben. Die Revolution des
       neunzehnten Jahrhunderts  muß die  Toten ihre Toten begraben las-
       sen, um  bei ihrem eignen Inhalt anzukommen. Dort ging die Phrase
       über den Inhalt, hier geht der Inhalt über die Phrase hinaus.
       Die Februarrevolution  war eine  Überrumpelung,  eine    Ü b e r-
       r a s c h u n g  der
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       1*) Republikaner in gelben Handschuhen
       
       #118# Karl Marx
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       alten Gesellschaft, und das Volk proklamierte diesen unverhofften
       H a n d s t r e i c h  als eine weltgeschichtliche Tat, womit die
       neue Epoche  eröffnet sei. Am 2. Dezember wird die Februarrevolu-
       tion eskamotiert durch die Volte eines falschen Spielers, und was
       umgeworfen scheint, ist nicht mehr die Monarchie, es sind die li-
       beralen Konzessionen, die ihr durch jahrhundertlange Kämpfe abge-
       trotzt waren. Statt daß die  G e s e l l s c h a f t  selbst sich
       einen neuen  Inhalt erobert hätte, scheint nur der  S t a a t  zu
       seiner ältesten  Form zurückgekehrt,  zur  unverschämt  einfachen
       Herrschaft von  Säbel und von Kutte. So antwortet auf den coup de
       main 1*) vom Februar 1848 der coup de tête 2*) vom Dezember 1851.
       Wie gewonnen,  so zerronnen.  Unterdessen  ist  die  Zwischenzeit
       nicht unbenutzt  vorübergegangen. Die  französische  Gesellschaft
       hat während der Jahre 1848-1851 die Studien und Erfahrungen nach-
       geholt, und  zwar in  einer abkürzenden,  weil revolutionären Me-
       thode, die  bei regelmäßiger;  sozusagen schulgerechter Entwicke-
       lung der  Februarrevolution hätten  vorhergehn müssen, sollte sie
       mehr als eine Erschütterung der Oberfläche sein. Die Gesellschaft
       scheint jetzt hinter ihren Ausgangspunkt zurückgetreten; in Wahr-
       heit hat sie sich erst den revolutionären Ausgangspunkt zu schaf-
       fen, die  Situation, die  Verhältnisse,  die  Bedingungen,  unter
       denen allein die moderne Revolution ernsthaft wird.
       Bürgerliche Revolutionen,  wie die  des achtzehnten Jahrhunderts,
       stürmen rascher  von Erfolg  zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte
       überbieten sich,  Menschen und  Dinge scheinen in Feuerbrillanten
       gefaßt, die  Ekstase ist  der Geist  jedes Tages;  aber sie  sind
       kurzlebig, bald  haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein lan-
       ger Katzenjammer  erfaßt die  Gesellschaft, ehe sie die Resultate
       ihrer Drang-  und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Pro-
       letarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhun-
       derts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fort-
       während in  ihrem eignen  Lauf, kommen  auf das  scheinbar  Voll-
       brachte zurück,  um es  wieder von  neuem  anzufangen,  verhöhnen
       grausam-gründlich die  Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten
       ihrer ersten  Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen,
       damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ih-
       nen gegenüber  wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück
       vor der  unbestimmten Ungeheuerlichkeit  ihrer eignen Zwecke, bis
       die Situation  geschaffen ist,  die jede  Umkehr unmöglich macht,
       und die Verhältnisse selbst rufen:
       
       Hic Rhodus, hic salta!
       Hier ist die Rose, hier tanze! [65]
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       1*) Handstreich - 2*) frech von oben geführte Streich
       
       #119# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Jeder erträgliche  Beobachter  übrigens,  selbst  wenn  er  nicht
       Schritt vor  Schritt dem  Gang der  französischen Entwicklung ge-
       folgt war, mußte ahnen, daß der Revolution eine unerhörte Blamage
       bevorstehe. Es  genügte, das selbstgefällige Siegsgekläffe zu hö-
       ren, womit  die Herren Demokraten sich wechselweis zu den Gnaden-
       wirkungen  des  zweiten  [Sonntags  des  Monats]  Mai  1852  [66]
       beglückwünschten. Der zweite [Sonntag des Monats] Mai 1852 war in
       ihren Köpfen  zur fixen Idee geworden, zum Dogma, wie der Tag, an
       dem  Christus   wiedererscheinen  und  das  Tausendjährige  Reich
       beginnen sollte, in den Köpfen der Chiliasten. Die Schwäche hatte
       sich wie  immer in  den Wunderglauben gerettet, glaubte den Feind
       überwunden, wenn  sie ihn  in der  Phantasie weghexte, und verlor
       alles Verständnis  der Gegenwart  über der  tatlosen Verhimmelung
       der Zukunft,  die ihr bevorstehe, und der Taten, die sie in petto
       habe, aber nur noch nicht an den Mann bringen wolle. Jene Helden,
       die ihre  bewiesene Unfähigkeit dadurch zu widerlegen suchen, daß
       sie sich  wechselseitig ihr  Mitleiden schenken und sich zu einem
       Haufen zusammentun,  hatten ihre  Bündel geschnürt, strichen ihre
       Lorbeerkronen auf  Vorschuß ein und waren eben damit beschäftigt,
       auf dem  Wechselmarkt die Republiken in partibus [2] diskontieren
       zu lassen,  für die  sie bereits in aller Stille ihres anspruchs-
       losen  Gemüts   das  Regierungspersonal  vorsorglich  organisiert
       hatten. Der  2. Dezember traf sie wie ein Blitzstrahl aus heiterm
       Himmel, und  die Völker,  die in Epochen kleinmütiger Verstimmung
       sich gern  ihre innere  Angst von  den lautesten  Schreiern über-
       täuben lassen,  werden sich  vielleicht überzeugt  haben, daß die
       Zeiten vorüber  sind, wo  das Geschnatter  von Gänsen das Kapitol
       retten konnte [67].
       Die Konstitution,  die Nationalversammlung, die dynastischen Par-
       teien, die  blauen und  die roten  Republikaner, die  Helden  von
       Afrika [68],  der Donner  der Tribüne, das Wetterleuchten der Ta-
       gespresse, die  gesamte Literatur,  die politischen Namen und die
       geistigen Renommeen,  das bürgerliche  Gesetz und  das  peinliche
       Recht, die  liberté,  égalité,  fraternité  1*)  und  der  zweite
       [Sonntag des  Monats] Mai  1852 - alles ist verschwunden wie eine
       Phantasrnagorie vor der Bannformel eines Mannes, den seine Feinde
       Selbst für keinen Hexenmeister ausgeben. Das allgemeine Wahlrecht
       scheint nur  einen Augenblick  überlebt zu haben, damit es eigen-
       händig vor den Augen aller Welt sein Testament mache und im Namen
       des Volkes  selbst erkläre: "Alles, was besteht, ist wert, daß es
       zugrunde geht" [69].
       Es genügt  nicht zu sagen, wie die Franzosen tun, daß ihre Nation
       überrascht worden sei. Einer Nation und einer Frau wird die unbe-
       wachte Stunde
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       1*) Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
       
       #120# Karl Marx
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       nicht verziehen,  worin der  erste beste  Abenteurer ihnen Gewalt
       antun konnte.  Das Rätsel  wird durch dergleichen Wendungen nicht
       gelöst, sondern nur anders formuliert. Es bliebe zu erklären, wie
       eine Nation  von 36  Millionen durch  drei Industrieritter  über-
       rascht und  widerstandslos in die Gefangenschaft abgeführt werden
       kann.
       Rekapitulieren wir in allgemeinen Zügen die Phasen, die die fran-
       zösische Revolution  vom 24.  Februar 1848  bis zum Dezember 1851
       durchlaufen hat.
       Drei Hauptperioden  sind unverkennbar:    d i e    F e b r u a r-
       p e r i o d e;   4. Mai 1848 bis zum 28. Mai 1849:  P e r i o d e
       d e r   K o n s t i t u i e r u n g  d e r  R e p u b l i k  oder
       d e r   k o n s t i t u i e r e n d e n    N a t i o n a l v e r-
       s a m m l u n g;    28.  Mai  1849  bis  zum  2.  Dezember  1851:
       P e r i o d e   d e r   k o n s t i t u t i o n e l l e n    R e-
       p u b l i k   oder   d e r   l e g i s l a t i v e n   N a t i o-
       n a l v e r s a m m l u n g.
       Die   e r s t e   P e r i o d e   vom 24. Februar oder dem Sturze
       Louis-Philippes bis  zum 4.  Mai 1848, dem Zusammentritt der kon-
       stituierenden  Versammlung,   die  eigentliche     F e b r u a r-
       p e r i o d e,   kann als  der   P r o l o g   der Revolution be-
       zeichnet werden.  Ihr Charakter  sprach sich offiziell darin aus,
       daß die  von ihr  improvisierte Regierung sich selbst für  p r o-
       v i s o r i s c h  erklärte, und wie die Regierung gab alles, was
       in dieser  Periode angeregt,  versucht, ausgesprochen wurde, sich
       für nur   p r o v i s o r i s c h   aus. Niemand und nichts wagte
       das Recht  des Bestehens  und der  wirklichen  Tat  für  sich  in
       Anspruch zu nehmen. Alle Elemente, die die Revolution vorbereitet
       oder bestimmt  hatten, dynastische  Opposition [70], republikani-
       sche Bourgeoisie,  demokratisch-republikanisches  Kleinbürgertum,
       sozial-demokratisches  Arbeitertum,   fanden  provisorisch  ihren
       Platz in der  Februar - R e g i e r u n g.
       Es konnte nicht anders sein. Die Februartage bezweckten ursprüng-
       lich eine  Wahlreform, wodurch  der Kreis  der politisch Privile-
       gierten unter  der besitzenden  Klasse selbst  erweitert und  die
       ausschließliche Herrschaft der Finanzaristokratie gestürzt werden
       sollte. Als es aber zum wirklichen Konflikt kam, das Volk auf die
       Barrikaden stieg, die Nationalgarde sich passiv verhielt, die Ar-
       mee keinen  ernstlichen Widerstand  leistete und das Königtum da-
       vonlief, schien  sich die  Republik von  selbst zu verstehn. Jede
       Partei deutete sie in ihrem Sinn. Von dem Proletariat, die Waffen
       in der  Hand, ertrotzt, prägte es ihr seinen Stempel auf und pro-
       klamierte sie  als  s o z i a l e  R e p u b l i k.  So wurde der
       allgemeine Inhalt der modernen Revolution angedeutet, der in son-
       derbarstem Widerspruch  stand zu  allem, was mit dem vorliegenden
       Material, mit  der erreichten  Bildungsstufe der Masse, unter den
       gegebenen Umständen  und Verhältnissen  zunächst unmittelbar  ins
       Werk gesetzt  werden konnte. Andrerseits wurde der Anspruch aller
       übrigen Elemente,  die zur  Februarrevolution mitgewirkt  hatten,
       anerkannt in dem Löwenanteil, den sie
       
       #121# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       an der  Regierung erhielten.  In keiner  Periode finden wir daher
       ein bunteres Gemisch von überfliegenden Phrasen und tatsächlicher
       Unsicherheit und  Unbeholfenheit,  von  enthusiastischerem  Neue-
       rungsstreben und  von gründlicherer Herrschaft der alten Routine,
       von mehr  scheinbarer Harmonie  der ganzen  Gesellschaft und  von
       tieferer Entfremdung ihrer Elemente. Während das Pariser Proleta-
       riat noch in dem Anblick der großen Perspektive, die sich ihm er-
       öffnet hatte,  schwelgte und  sich in ernstgemeinten Diskussionen
       über die  sozialen Probleme  erging, hatten sich die alten Mächte
       der Gesellschaft  gruppiert, gesammelt,  besonnen und fanden eine
       unerwartete Stütze an der Masse der Nation, den Bauern und Klein-
       bürgern, die  alle auf  einmal auf die politische Bühne stürzten,
       nachdem die Barrieren der Julimonarchie gefallen waren.
       Die   z w e i t e   P e r i o d e   vom 4.  Mai 1848 bis Ende Mai
       1849 ist  die Periode  der   K o n s t i t u i e r u n g,   d e r
       B e g r ü n d u n g     d e r     b ü r g e r l i c h e n    R e-
       p u b l i k.  Unmittelbar nach den Februartagen war nicht nur die
       dynastische Opposition  überrascht worden durch die Republikaner,
       die Republikaner  durch die  Sozialisten, sondern ganz Frankreich
       durch Paris.  Die Nationalversammlung,  die  am  4.Mai  1848  zu-
       sammentrat,  aus   den  Wahlen  der  Nation  hervorgegangen,  re-
       präsentierte die Nation. Sie war ein lebendiger Protest gegen die
       Zumutungen der  Februartage und  sollte die Resultate der Revolu-
       tion auf  den bürgerlichen  Maßstab zurückführen.  Vergebens ver-
       suchte das  Pariser Proletariat,  das den Charakter dieser Natio-
       nalversammlung sofort  begriff, wenige  Tage nach ihrem Zusammen-
       tritt, am 15. Mai, ihre Existenz gewaltsam wegzuleugnen, sie auf-
       zulösen, die  organische Gestalt, worin der reagierende Geist der
       Nation es bedrohte, wieder in ihre einzelnen Bestandteile zu zer-
       streuen. [37] Der 15.Mai hatte bekanntlich kein anderes Resultat,
       als Blanqui und Genossen, d.h. die wirklichen Führer der proleta-
       rischen Partei,  für die ganze Dauer des Zyklus, den wir betrach-
       ten, vom öffentlichen Schauplatz zu entfernen.
       Auf die   b ü r g e r l i c h e  M o n a r c h i e  Louis-Philip-
       pes kann nur die  b ü r g e r l i c h e  R e p u b l i k  folgen,
       d.h., wenn  unter dem  Namen des Königs ein beschränkter Teil der
       Bourgeoisie geherrscht  hat, so wird jetzt im Namen des Volks die
       Gesamtheit der Bourgeoisie herrschen. Die Forderungen des Pariser
       Proletariats sind utopistische Flausen, womit geendet werden muß.
       Auf diese Erklärung der konstituierenden Nationalversammlung ant-
       wortete das  Pariser Proletariat  mit der    J u n i - I n s u r-
       r e k t i o n,   dem kolossalsten  Ereignis in der Geschichte der
       europäischen Bürgerkriege.  Die bürgerliche  Republik siegte. Auf
       ihrer  Seite   stand  die  Finanzaristokratie,  die  industrielle
       Bourgeoisie, der Mittelstand, die Kleinbürger, die Armee, das als
       Mobilgarde [71]  organisierte  Lumpenproletariat,  die  geistigen
       Kapazitäten, die Pfaffen und die Landbevölkerung.
       
       #122# Karl Marx
       -----
       Auf der  Seite des  Pariser Proletariats  stand  niemand  als  es
       selbst. Über  3000 Insurgenten  wurden niedergemetzelt  nach  dem
       Siege, 15 000  ohne Urteil  transportiert. Mit  dieser Niederlage
       tritt das  Proletariat in den  H i n t e r g r u n d  der revolu-
       tionären Bühne.  Es versucht  sich jedesmal  wieder vorzudrängen,
       sobald die  Bewegung einen  neuen Anlauf  zu nehmen scheint, aber
       mit immer schwächerem Kraftaufwand und stets geringerem Resultat.
       Sobald eine  der höher  über ihm liegenden Gesellschaftsschichten
       in revolutionäre  Gärung gerät,  geht es  eine Verbindung mit ihr
       ein und teilt so alle Niederlagen, die die verschiedenen Parteien
       nacheinander  erleiden.   Aber   diese   nachträglichen   Schläge
       schwächen sich  immer mehr  ab, je  mehr sie  sich auf  die ganze
       Oberfläche der Gesellschaft verteilen. Seine bedeutenderen Führer
       in der  Versammlung und  in der  Presse fallen der Reihe nach den
       Gerichten als  Opfer, und  immer zweideutigere  Figuren treten an
       seine Spitze.  Zum Teil  wirft es  sich auf   d o k t r i n ä r e
       E x p e r i m e n t e,   T a u s c h b a n k e n    u n d    A r-
       b e i t e r a s s o z i a t i o n e n,   a l s o   i n    e i n e
       B e w e g u n g,   w o r i n   e s   d a r a u f   v e r z i c h-
       t e t,   d i e  a l t e  W e l t  m i t  i h r e n  e i g e n e n
       g r o ß e n     G e s a m t m i t t e l n    u m z u w ä l z e n,
       v i e l m e h r   h i n t e r   d e m   R ü c k e n   d e r  G e-
       s e l l s c h a f t,   a u f   P r i v a t w e i s e,  i n n e r-
       h a l b   s e i n e r   b e s c h r ä n k t e n  E x i s t e n z-
       b e d i n g u n g e n,  s e i n e  E r l ö s u n g  z u  v o l l-
       b r i n g e n  s u c h t,  a l s o  n o t w e n d i g  s c h e i-
       t e r t.  Es scheint weder in sich selbst die revolutionäre Größe
       wiederfinden noch  aus den  neu eingegangenen  Verbindungen  neue
       Energie gewinnen  zu können,  bis  a l l e  K l a s s e n,  womit
       es im Juni gekämpft, neben ihm selbst platt darniederliegen. Aber
       wenigstens erliegt  es mit  den Ehren  des großen  weltgeschicht-
       lichen Kampfes; nicht nur Frankreich, ganz Europa zittert vor dem
       Juni-Erdbeben, während  die nachfolgenden  Niederlagen der höhern
       Klassen  so   wohlfeil  erkauft   werden,  daß  sie  der  frechen
       Übertreibung von  Seiten der  siegenden Partei bedürfen, um über-
       haupt als Ereignisse passieren zu können, und um so schmachvoller
       werden, je weiter die unterliegende Partei von der proletarischen
       entfernt ist.
       Die Niederlage der Juni-Insurgenten hatte nun allerdings das Ter-
       rain vorbereitet,  geebnet, worauf  die bürgerliche  Republik be-
       gründet, aufgeführt  werden konnte;  aber sie  hatte zugleich ge-
       zeigt, daß  es sich  in Europa  um andre  Fragen handelt  als  um
       "Republik oder  Monarchie". Sie  hatte  offenbart,  daß    b ü r-
       g e r l i c h e    R e p u b l i k    hier  die  uneingeschränkte
       Despotie einer  Klasse über  andre Klassen bedeute. Sie hatte be-
       wiesen, daß in altzivilisierten Ländern mit entwickelter Klassen-
       bildung, mit  modernen Produlctionsbedingungen und mit einem gei-
       stigen Bewußtsein,  worin alle  überlieferten Ideen  durch  jahr-
       hundertlange Arbeit  aufgelöst  sind,    d i e    R e p u b l i k
       ü b e r h a u p t   n u r  d i e  p o l i t i s c h e  U m w ä l-
       z u n g s f o r m   d e r   b ü r g e r l i c h e n  G e s e l l-
       s c h a f t   bedeutet und  nicht ihre    k o n s e r v a t i v e
       L e b e n s f o r m,   wie z.B.  in den  Vereinigten Staaten  von
       Nordamerika, wo  zwar schon Klassen bestehn, aber sich noch nicht
       fixiert haben, sondern in
       
       #123# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       beständigem Flusse fortwährend ihre Bestandteile wechseln und an-
       einander abtreten,  wo die  modernen Produktionsmittel, statt mit
       einer stagnanten Übervölkerung zusammenzufallen, vielmehr den re-
       lativen Mangel  an Köpfen und Händen ersetzen, und wo endlich die
       fieberhaft jugendliche  Bewegung der  materiellen Produktion, die
       eine neue  Welt sich  anzueignen hat, weder Zeit noch Gelegenheit
       ließ, die alte Geisterwelt abzuschaffen.
       Alle Klassen  und Parteien  hatten sich  während der Junitage zur
       P a r t e i  d e r  O r d n u n g  vereint gegenüber der proleta-
       rischen Klasse,  als der   P a r t e i   d e r   A n a r c h i e,
       des Sozialismus,  des Kommunismus.  Sie hatten  die  Gesellschaft
       "gerettet" gegen   "d i e    F e i n d e    d e r    G e s e l l-
       s c h a f t".   Sie hatten die Stichworte der alten Gesellschaft,
       "Eigentum, Familie, Religion, Ordnung", als Parole unter ihr Heer
       ausgeteilt und  der  kontrerevolutionären  Kreuzfahrt  zugerufen:
       "Unter  diesem   Zeichen  wirst   du  siegen!"  [72]  Von  diesem
       Augenblick, sobald  eine der zahlreichen Parteien, die sich unter
       diesem Zeichen  gegen die  Juni- Insurgenten  geschart hatten, in
       ihrem eigenen  Klasseninteresse den  revolutionären Kampfplatz zu
       behaupten sucht, unterliegt sie vor dem Rufe: "Eigentum, Familie,
       Religion, Ordnung". Die Gesellschaft wird ebensooft gerettet, als
       sich der  Kreis ihrer  Herrscher verengt,  als  ein  exklusiveres
       Interesse dem  weiteren gegenüber  behauptet wird. Jede Forderung
       der  einfachsten   bürgerlichen  Finanzreform,   des  ordinärsten
       Liberalismus, des formalsten Republikanertums, der plattesten De-
       mokratie, wird  gleichzeitig als  "Attentat auf die Gesellschaft"
       bestraft und als "Sozialismus" gebrandmarkt. Und schließlich wer-
       den die  Hohenpriester der "Religion und Ordnung" selbst mit Fuß-
       tritten von  ihren Pythiastühlen verjagt, bei Nacht und Nebel aus
       ihren Betten  geholt, in Zellenwagen gesteckt, in Kerker geworfen
       oder ins  Exil geschickt, ihr Tempel wird der Erde gleichgemacht,
       ihr Mund  wird versiegelt, ihre Feder zerbrochen, ihr Gesetz zer-
       rissen, im  Namen der  Religion, des  Eigentums, der Familie, der
       Ordnung. Ordnungsfanatische  Bourgeois auf  ihren Balkonen werden
       von besoffenen  Soldatenhaufen zusammengeschossen,  ihr Familien-
       heiligtum wird entweiht, ihre Häuser werden zum Zeitvertreib bom-
       bardiert -  im Namen des Eigentums, der Familie, der Religion und
       der Ordnung.  Der Auswurf  der bürgerlichen  Gesellschaft  bildet
       schließlich die heilige Phalanx der Ordnung, und Held Krapülinski
       [73] zieht in die Tuilerien ein als "Retter der Gesellschaft".
       
       #124#
       -----
       II
       
       Nehmen wir den Faden der Entwicklung wieder auf.
       Die Geschichte  der   k o n s t i t u i e r e n d e n  N a t i o-
       n a l v e r s a m m l u n g   seit den  Junitagen ist  die   G e-
       s c h i c h t e  d e r  H e r r s c h a f t  u n d  d e r  A u f-
       l ö s u n g  d e r  r e p u b l i k a n i s c h e n  B o u r g e-
       o i s f r a k t i o n,   jener Fraktion,  die man unter dem Namen
       trikolore Republikaner,  reine Republikaner,  politische Republi-
       kaner, formalistische Republikaner usw. kennt.
       Sie hatte  unter der  bürgerlichen Monarchie  Louis-Philippes die
       o f f i z i e l l e   republikanische   O p p o s i t i o n   und
       daher einen  anerkannten Bestandteil  der  damaligen  politischen
       Welt gebildet.  Sie besaß  ihre Vertreter  in den Kammern, und in
       der Presse  einen bedeutenden  Wirkungskreis. Ihr  Pariser Organ,
       der "National"  [74], galt in seiner Weise für ebenso respektabel
       als das "Journal des Débats" [75]. Dieser Stellung unter der kon-
       stitutionellen Monarchie  entsprach ihr  Charakter. Es  war  dies
       keine durch  große gemeinsame  Interessen  zusammengehaltene  und
       durch eigentümliche  Produktionsbedingungen abgegrenzte  Fraktion
       der Bourgeoisie. Es war eine Koterie von republikanisch gesinnten
       Bourgeois, Schriftstellern,  Advokaten, Offizieren  und  Beamten,
       deren Einfluß  auf den  persönlichen Antipathien des Landes gegen
       Louis-Philippe, auf  Erinnerungen an  die alte  Republik, auf dem
       republikanischen Glauben  einer Anzahl  von Schwärmern, vor allem
       aber auf  dem   f r a n z ö s i s c h e n    N a t i o n a l i s-
       m u s   beruhte, dessen  Haß gegen  die Wiener Verträge und gegen
       die Allianz  mit England  sie fortwährend wachhielt. Einen großen
       Teil des  Anhangs, den der "National" unter Louis-Philippe besaß,
       schuldete er  diesem versteckten  Imperialismus,  der  ihm  daher
       später unter der Republik als ein vernichtender Konkurrent in der
       Person Louis Bonapartes gegenübertreten konnte. Die Finanzaristo-
       kratie bekämpfte  er, wie die ganze übrige bürgerliche Opposition
       es tat. Die Polemik gegen das Budget, die in Frankreich genau mit
       der Bekämpfung  der Finanzaristokratie  zusammenhing, verschaffte
       eine zu  wohlfeile Popularität  und  zu  reichhaltigen  Stoff  zu
       puritanischen leading
       
       #125# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       articles 1*),  um nicht  ausgebeutet zu  werden. Die industrielle
       Bourgeoisie war ihm dankbar für seine sklavische Verteidigung des
       französischen Schutzzollsystems,  das er indes auf mehr nationale
       als nationalökonomische Gründe hin aufnahm, die Gesamtbourgeoisie
       für seine gehässigen Denunziationen des Kommunismus und Sozialis-
       mus. Im  übrigen war  die Partei  des "National"   r e i n   r e-
       p u b l i k a n i s c h,   d.h., sie  verlangte  eine  republika-
       nische statt einer monarchischen Form der Bourgeoisherrschaft und
       vor allem ihren Löwenanteil an dieser Herrschaft. Über die Bedin-
       gungen dieser  Umwandlung war  sie sich  durchaus nicht klar. Was
       ihr dagegen  sonnenklar war  und auf  den Reformbanketten  in der
       letzten Zeit  Louis-Philippes öffentlich  erklärt wurde, war ihre
       Unpopularität bei  den demokratischen  Kleinbürgern und insbeson-
       dere bei  dem revolutionären Proletariat. Diese reinen Republika-
       ner, wie reine Republikaner denn sind, standen auch schon auf dem
       Sprunge, sich  zunächst mit  einer Regentschaft  der Herzogin von
       Orléans [76]  zu begnügen, als die Februarrevolution ausbrach und
       ihren bekanntesten  Vertretern einen  Platz in der provisorischen
       Regierung anwies.  Sie besaßen  natürlich von vornherein das Ver-
       trauen der  Bourgeoisie und  die Majorität  der  konstituierenden
       Nationalversammlung.  Aus   der  Exekutivkommission,  welche  die
       Nationalversammlung bei  ihrem Zusammentritt  bildete, wurden so-
       fort die   s o z i a l i s t i s c h e n  Elemente der provisori-
       schen Regierung ausgeschlossen, und die Partei des "National" be-
       nutzte den  Ausbruch der  Juni-Insurrektion, um  auch die  E x e-
       k u t i v k o m m i s s i o n  abzudanken und damit ihre nächsten
       Rivalen, die   k l e i n b ü r g e r l i c h e n   oder  d e m o-
       k r a t i s c h e n     R e p u b l i k a n e r     (Ledru-Rollin
       usw.), loszuwerden.  Cavaignac,  der  General  der  bourgeois-re-
       publikanischen Partei, der die Junischlacht kommandierte, trat an
       die Stelle  der Exekutivkommission  mit einer  Art diktatorischer
       Gewalt. Marrast,  ehemaliger Redakteur  en chef  des  "National",
       wurde der  perpetuierliche Präsident  der konstituierenden Natio-
       nalversammlung, und die Ministerien, wie sämtliche übrigen bedeu-
       tenden Posten, fielen den reinen Republikanern anheim.
       Die republikanische  Bourgeoisfraktion, die  sich seit  lange als
       legitime Erbin  der Julimonarchie  betrachtet hatte, fand sich so
       in ihrem  Ideal übertroffen,  aber sie  gelangte zur  Herrschaft,
       nicht, wie  sie unter  Louis-Philippe geträumt  hatte, durch eine
       liberale Revolte  der Bourgeoisie  gegen den Thron, sondern durch
       eine niederkartätschte  Erneute des  Proletariats gegen das Kapi-
       tal. Was  sie als  das   r e v o l u t i o n ä r s t e   Ereignis
       sich vorgestellt  hatte, trug  sich in  Wirklichkeit zu  als  das
       k o n t r e r e v o l u t i o n ä r s t e.   Die Frucht  fiel ihr
       in den  Schoß, aber  sie fiel  vom Baum der Erkenntnis, nicht vom
       Baum des Lebens.
       -----
       1*) Leitartikeln
       
       #126# Karl Marx
       -----
       Die ausschließliche   H e r r s c h a f t   d e r    B o u r g e-
       o i s - R e p u b l i k a n e r   währte nur vom 24. Juni bis zum
       10. Dezember  1848. Sie  resümiert sich in der  A b f a s s u n g
       e i n e r     r e p u b l i k a n i s c h e n    K o n s t i t u-
       t i o n   und  im    B e l a g e r u n g s z u s t a n d    v o n
       P a r i s.
       Die neue  K o n s t i t u t i o n  war im Grunde nur die republi-
       kanisierte Ausgabe  der konstitutionellen  Charte von  1830 [77].
       Der enge  Wahlzensus der  Julimonarchie, der  selbst einen großen
       Teil der  Bourgeoisie von  der politischen  Herrschaft ausschloß,
       war unvereinbar  mit der  Existenz der bürgerlichen Republik. Die
       Februarrevolution hatte  sofort an  der Stelle  dieses Zensus das
       direkte allgemeine  Wahlrecht proklamiert. Die Bourgeois-Republi-
       kaner konnten dieses Ereignis nicht ungeschehn machen. Sie mußten
       sich damit  begnügen, die beschränkende Bestimmung eines sechsmo-
       natlichen Domizils  am Wahlorte  hinzuzufügen. Die alte Organisa-
       tion der  Verwaltung, des  Gemeindewesens, der  Rechtspflege, der
       Armee usw.  blieb unversehrt  bestehen, oder  wo die Konstitution
       sie änderte,  betraf die  Änderung das Inhaltsregister, nicht den
       Inhalt, den Namen, nicht die Sache.
       Der unvermeidliche Generalstab der Freiheiten von 1848, persönli-
       che Freiheit,  Preß-, Rede-,  Assoziations-, Versammlungs-, Lehr-
       und Religionsfreiheit  usw., erhielt  eine konstitutionelle  Uni-
       form, die  sie unverwundbar  machte. Jede  dieser Freiheiten wird
       nämlich als das  u n b e d i n g t e  Recht des französischen Ci-
       toyen proklamiert,  aber mit  der beständigen Randglosse, daß sie
       schrankenlos sei, soweit sie nicht durch die "gleichen Rechte an-
       derer und  die öffentliche  Sicherheit"  beschränkt  werde,  oder
       durch "Gesetze",  die eben diese Harmonie der individuellen Frei-
       heiten untereinander  und mit der öffentlichen Sicherheit vermit-
       teln sollen. Z.B.: "Die Bürger haben das Recht, sich zu assoziie-
       ren, sich friedlich und unbewaffnet zu versammeln, zu petitionie-
       ren und ihre Meinungen durch die Presse oder wie sonst immer aus-
       zudrücken.   D e r   G e n u ß   d i e s e r   R e c h t e  h a t
       k e i n e   a n d r e   S c h r a n k e   a l s   d i e  g l e i-
       c h e n   R e c h t e   a n d r e r   u n d   d i e  ö f f e n t-
       l i c h e   S i c h e r h e i t."   (Kap.  II  der  französischen
       Konstitution, §  8.) - "Der Unterricht ist frei. Die Freiheit des
       Unterrichts soll  genossen werden unter den vom Gesetze fixierten
       Bedingungen und  unter der Oberaufsicht des Staats." (A. a. 0., §
       9.) - "Die Wohnung jedes Bürgers ist unverletzlich  a u ß e r  in
       den vom  Gesetz vorgeschriebenen  Formen." (Kap.  II, §  3.) Usw.
       usw. -  Die Konstitution  weist daher  beständig  auf  zukünftige
       o r g a n i s c h e   Gesetze hin, die jene Randglossen ausführen
       und den  Genuß dieser  unbeschränkten  Freiheiten  so  regulieren
       sollen, daß  sie weder  untereinander noch  mit der  öffentlichen
       Sicherheit anstoßen.  Und später  sind diese  organischen Gesetze
       von  den   Ordnungsfreunden  ins  Leben  gerufen  und  alle  jene
       Freiheiten so  reguliert worden,  daß die  Bourgeoisie  in  deren
       Genuß an  den gleichen  Rechten der  andern Klassen keinen Anstoß
       findet. Wo sie "den andern" diese Freiheiten
       
       #127# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       ganz untersagt  oder ihren  Genuß unter  Bedingungen erlaubt, die
       ebenso viele  Polizeifallstricke sind,  geschah dies immer nur im
       Interesse der  "öffentlichen Sicherheit", d.h. der Sicherheit der
       Bourgeoisie, wie die Konstitution vorschreibt. Beide Seiten beru-
       fen sich  daher in  der Folge  mit vollem Recht auf die Konstitu-
       tion, sowohl  die Ordnungsfreunde,  die alle jene Freiheiten auf-
       hoben, wie  die Demokraten,  die sie alle herausverlangten. Jeder
       Paragraph der  Konstitution enthält  nämlich seine  eigene  Anti-
       these, sein  eignes Ober-und  Unterhaus in  sich, nämlich  in der
       allgemeinen Phrase  die Freiheit, in der Randglosse die Aufhebung
       der Freiheit. Solange also der  N a m e  der Freiheit respektiert
       und nur  die wirkliche Ausführung derselben verhindert wurde, auf
       gesetzlichem Wege  versteht sich,  blieb das konstitutionelle Da-
       sein der  Freiheit unversehrt,  unangetastet, mochte  ihr    g e-
       m e i n e s  Dasein noch so sehr totgeschlagen sein.
       Diese auf  so sinnige  Weise unverletzlich  gemachte Konstitution
       war indes  wie Achilles  an einem Punkte verwundbar, nicht an der
       Ferse, aber  am Kopfe oder vielmehr an den zwei Köpfen, worin sie
       sich verlief -  g e s e t z g e b e n d e  V e r  s a m m l u n g
       einerseits,   P r ä s i d e n t  andrerseits. Man durchfliege die
       Konstitution, und man wird finden, daß nur die Paragraphen, worin
       das Verhältnis des Präsidenten zur gesetzgebenden Versammlung be-
       stimmt  wird,  absolut,  positiv,  widerspruchslos,  unverdrehbar
       sind. Hier  galt es  nämlich für die Bourgeois-Republikaner, sich
       selbst sicherzustellen.  §§ 45-70  der Konstitution sind so abge-
       faßt, daß  die Nationalversammlung  den Präsidenten  konstitutio-
       nell, der Präsident die Nationalversammlung nur inkonstitutionell
       beseitigen kann,  nur indem er die Konstitution selbst beseitigt.
       Hier fordert  sie also  ihre gewaltsame  Vernichtung heraus.  Sie
       heiligt nicht  nur wie die Charte von 1830 die Teilung der Gewal-
       ten, sie  erweitert sie  bis zum  unerträglichen Widerspruch. Das
       S p i e l   d e r   k o n s t i t u t i o n e l l e n  G e w a l-
       t e n,  wie Guizot den parlamentarischen Krakeel zwischen gesetz-
       gebender  und   vollziehender  Gewalt   nannte,  spielt   in  der
       Konstitution von  1848 beständig  va banque.  Auf der einen Seite
       750 durch  allgemeines Stimmrecht  gewählte und  wieder  wählbare
       Volksrepräsentanten, die  eine  unkontrollierbare,  unauflösbare,
       unteilbare Nationalversammlung  bilden, eine Nationalversammlung,
       welche gesetzgeberische Allmacht genießt, über Krieg, Frieden und
       Handelsverträge in  letzter Instanz entscheidet, allein das Recht
       der Amnestie  besitzt und  durch ihre  Permanenz unaufhörlich den
       Vordergrund der  Bühne behauptet.  Andrerseits der Präsident, mit
       allen Attributen  der königlichen  Macht, mit der Befugnis, seine
       Minister unabhängig  von der  Nationalversammlung ein-  und abzu-
       setzen, mit allen Mitteln der exekutiven Gewalt in seinen Händen,
       alle Stellen  vergebend, lind d. h. in Frankreich wenigstens über
       1 1/2 Millionen
       
       #128# Karl Marx
       -----
       Existenzen entscheidend, denn so viel hängen an den 500 000 Beam-
       ten und  an den  Offizieren aller Grade. Er hat die ganze bewaff-
       nete Macht hinter sich. Er genießt das Privilegium, einzelne Ver-
       brecher zu  begnadigen, Nationalgarden  zu suspendieren,  die von
       den Bürgern selbst erwählten General-, Kantonal- und Gemeinderäte
       im Einverständnis  mit dem  Staatsrat abzusetzen.  Initiative und
       Leitung aller Verträge mit dem Ausland sind ihm vorbehalten. Wäh-
       rend die  Versammlung beständig  auf den  Brettern spielt und dem
       kritisch gemeinen Tageslicht ausgesetzt ist, führt er ein verbor-
       genes Leben in den elyseeischen Gefilden, und zwar mit Artikel 45
       der Konstitution vor Augen und im Herzen, der ihm täglich zuruft:
       "Frère, il  faut mourir!"  1*) Deine  Macht hört  auf am  zweiten
       Sonntag des  schönen Monats Mai im vierten Jahr deiner Wahl! Dann
       ist die Herrlichkeit am Ende, das Stück spielt nicht zweimal, und
       wenn du Schulden hast, siehe beizeiten zu, daß du sie mit den dir
       von der  Konstitution  ausgeworfenen  600 000  Franken  abzahlst,
       ziehst du  nicht etwa  vor, am  zweiten Montag des schönen Monats
       Mai nach  Clichy [78]  zu wandern! - Wenn die Konstitution so dem
       Präsidenten die faktische Gewalt beilegt, sucht sie der National-
       versammlung die  moralische Macht zu sichern. Abgesehn davon, daß
       es unmöglich ist, durch Gesetzesparagraphen eine moralische Macht
       zu schaffen, hebt die Konstitution sich hierin wieder selbst auf,
       indem sie  den Präsidenten  von allen  Franzosen  durch  direktes
       Stimmrecht wählen  läßt. Während die Stimmen Frankreichs sich auf
       die 750  Mitglieder der Nationalversammlung zersplittern, konzen-
       trieren sie sich dagegen hier auf  e i n  Individuum. Während je-
       der einzelne  Volksrepräsentant nur diese oder jene Partei, diese
       oder jene  Stadt, diesen oder jenen Brückenkopf oder auch nur die
       Notwendigkeit vertritt,  einen  beliebigen  Siebenhundertundfünf-
       zigsten zu wählen, bei dem man sich weder die Sache noch den Mann
       so genau  ansieht, ist  e r  der Erwählte der Nation, und der Akt
       seiner Wahl  ist der  große Trumpf,  den das  souveräne Volk alle
       vier Jahre  einmal ausspielt.  Die  erwählte  Nationalversammlung
       steht in einem metaphysischen, aber der erwählte Präsident in ei-
       nem persönlichen  Verhältnis zur  Nation. Die Nationalversammlung
       stellt wohl  in ihren einzelnen Repräsentanten die mannigfaltigen
       Seiten des  Nationalgeistes dar,  aber in  dem Präsidenten inkar-
       niert er  sich. Er  besitzt ihr gegenüber eine Art von göttlichem
       Recht, er ist von Volkes Gnaden.
       Thetis, die  Meergöttin, hatte dem Achilles prophezeit, daß er in
       der Blüte  der Jugend  sterben werde. Die Konstitution, die ihren
       faulen Fleck  hat, wie  Achilles, hatte  auch  ihre  Ahnung,  wie
       Achilles, daß sie frühen Todes abgehn
       -----
       1*) "Bruder, es heißt sterben!"
       
       #129# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       müsse. Es  genügte  den  konstituierenden  reinen  Republikanern,
       einen Blick  aus dem  Wolkenhimmel ihrer idealen Republik auf die
       profane Welt zu werfen, um zu erkennen, wie der Übermut der Roya-
       listen, der  Bonapartisten, der  Demokraten, der  Kommunisten und
       ihr eigner  Mißkredit täglich stiegen, in demselben Maße, als sie
       sich der Vollendung ihres großen gesetzgeberischen Kunstwerks nä-
       herten, ohne  daß Thetis  deshalb das Meer zu verlassen und ihnen
       das Geheimnis  mitzuteilen brauchte.  Sie suchten  das Verhängnis
       konstitutionell-pfiffig zu  überlisten durch  § 111 der Konstitu-
       tion,  wonach   jeder  Vorschlag  zur    R e v i s i o n    d e r
       V e r f a s s u n g  in drei sukzessiven Debatten, zwischen denen
       immer ein  ganzer Monat  zu liegen  hat, von  wenigstens 3/4  der
       Stimmen votiert werden muß, vorausgesetzt noch, daß nicht weniger
       als 500  Mitglieder der  Nationalversammlung stimmen. Sie machten
       damit nur den ohnmächtigen Versuch, noch als parlamentarische Mi-
       norität, als welche sie sich schon prophetisch im Geiste erblick-
       ten, eine Macht auszuüben, die in diesem Augenblicke, wo sie über
       die parlamentarische Majorität verfügten und über alle Mittel der
       Regierungsgewalt,  täglich   mehr  ihren  schwachen  Händen  ent-
       schlüpfte.
       Endlich vertraut  die Konstitution, in einem melodramatischen Pa-
       ragraphen, sich  selbst "der Wachsamkeit und dem Patriotismus des
       ganzen französischen  Volkes wie  jedes einzelnen  Franzosen" an,
       nachdem  sie   vorher  schon  in  einem  andern  Paragraphen  die
       "Wachsamen" und  "Patriotischen"  der  zarten,  hochnotpeinlichen
       Aufmerksamkeit des eigens von ihr erfundenen Hochgerichts, "haute
       cour", anvertraut hatte.
       Das war  die Konstitution von 1848, die am 2. Dezember 1851 nicht
       von einem  Kopfe umgeworfen  wurde, sondern vor der Berührung mit
       einem bloßen Hute umfiel; allerdings war dieser Hut ein dreiecki-
       ger Napoleonshut.
       Während  die  Bourgeois-Republikaner  in  der  Versammlung  damit
       beschäftigt waren,  diese Konstitution auszuspintisieren, zu dis-
       kutieren und  zu votieren, hielt Cavaignac außerhalb der Versamm-
       lung den   B e l a g e r u n g s z u s t a n d   v o n  P a r i s
       aufrecht. Der  Belagerungszustand von Paris war der Geburtshelfer
       der Konstituante bei ihren republikanischen Schöpfungswehen. Wenn
       die Konstitution  später durch  Bajonette aus  der Welt geschafft
       wird, so  darf man nicht vergessen, daß sie ebenfalls durch Bajo-
       nette, und zwar gegen das Volk gekehrte, schon im Mutterleibe be-
       schützt und  durch Bajonette  auf die  Welt gesetzt werden mußte.
       Die Vorfahren  der "honetten Republikaner" hatten ihr Symbol, die
       Trikolore, die  Tour durch  Europa machen  lassen. Sie ihrerseits
       machten auch eine Erfindung, die von selbst den Weg über den gan-
       zen Kontinent fand, aber mit immer erneuter Liebe nach Frankreich
       zurückkehrte, bis  sie jetzt  in der  Hälfte seiner  Departements
       Bürgerrecht erworben hat -
       
       #130# Karl Marx
       -----
       den   B e l a g e r u n g s z u s t a n d.  Treffliche Erfindung,
       periodisch angewandt  in jeder  nachfolgenden Krise  im Laufe der
       französischen Revolution.  Aber Kaserne und Biwak, die man so der
       französischen Gesellschaft  periodisch auf den Kopf legte, um ihr
       das Gehirn  zusammenzupressen und sie zum stillen Mann zu machen;
       Säbel und  Muskete, die man periodisch richten und verwalten, be-
       vormunden und  zensieren,  Polizei  üben  und  Nachtwächterdienst
       verrichten ließ;  Schnurrbart und  Kommißrock, die man periodisch
       als höchste  Weisheit der Gesellschaft und als Rektor der Gesell-
       schaft ausposaunte - mußten Kaserne und Biwak, Säbel und Muskete,
       Schnurrbart und Kommißrock nicht schließlich auf den Einfall kom-
       men, lieber ein für allemal die Gesellschaft zu retten, indem sie
       ihr eignes  Regime als  das oberste ausriefen und die bürgerliche
       Gesellschaft ganz  von der Sorge befreiten, sich selbst zu regie-
       ren? Kaserne  und Biwak,  Säbel und Muskete, Schnurrbart und Kom-
       mißrock mußten um so mehr auf diesen Einfall kommen, als sie dann
       auch bessere  bare Zahlung  für ihr  erhöhtes Verdienst  erwarten
       konnten, während bei dem bloß periodischen Belagerungszustand und
       den vorübergehenden  Gesellschaftsrettungen im Geheiß dieser oder
       jener Bourgeöisfraktion  wenig Solides abfiel außer einigen Toten
       und Verwundeten  und einigen freundlichen Bürgergrimassen. Sollte
       das Militär  nicht endlich auch einmal in seinem eignen Interesse
       und für  sein eignes  Interesse  Belagerungszustand  spielen  und
       zugleich die  bürgerlichen Börsen belagern? Man vergesse übrigens
       nicht, im Vorbeigehn sei es bemerkt, daß Oberst Bernard, derselbe
       Militärkommissions-Präsident, der  unter Cavaignac  15 000 Insur-
       genten zur Deportation ohne Urteil verhalf, sich in diesem Augen-
       blick wieder an der Spitze der in Paris tätigen Militärkommissio-
       nen bewegt.
       Wenn die honetten, die reinen Republikaner mit dem Belagerungszu-
       stand in  Paris die  Pflanzschule angelegt, worin die Prätorianer
       1791 des  2. Dezember 1851 großwachsen sollten, verdienen sie da-
       gegen das Lob, daß sie, statt wie unter Louis-Philippe das Natio-
       nalgefühl zu  übertreiben, jetzt, wo sie über die nationale Macht
       geboten, vor dem Auslande kriechen und, statt Italien frei zu ma-
       chen, es von Österreichern und Neapolitanern wiedererobern lassen
       [80). Louis  Bonapartes Wahl zum Präsidenten am 10. Dezember 1848
       machte der Diktatur Cavaignacs und der Konstituante ein Ende.
       In §  44 der  Konstitution heißt es: "Der Präsident der Französi-
       schen Republik  darf nie seine Eigenschaft als französischer Bür-
       ger verloren  haben." Der erste Präsident der Französischen Repu-
       blik, L.-N.  Bonaparte, hatte  nicht allein seine Eigenschaft als
       französischer Bürger  verloren, war nicht nur englischer Spezial-
       Konstabler gewesen,  er war  sogar ein  naturalisierter Schweizer
       [81].
       
       #131# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Ich habe  an einem  andern Orte  die Bedeutung  der Wahl  vom 10.
       Dezember entwickelt.  1*) Ich  komme hier nicht darauf zurück. Es
       genügt hier  zu bemerken,  daß sie  eine   R e a k t i o n  d e r
       B a u e r n,   die die Kosten der Februarrevolution hatten zahlen
       müssen, gegen  die übrigen  Klassen der  Nation, eine    R e a k-
       t i o n   d e s   L a n d e s   g e g e n  d i e  S t a d t  war.
       Sie fand  großen Anklang  in der  Armée, der die Republikaner des
       "National" keinen  Ruhm verschafft hatten, noch Zulage, unter der
       großen Bourgeoisie,  die den  Bonaparte als Brücke zur Monarchie,
       unter den  Proletariern und  Kleinbürgern, die ihn als Geißel für
       Cavaignac begrüßten. Ich werde später Gelegenheit finden, auf das
       Verhältnis der  Bauern zur  französischen Revolution  näher  ein-
       zugehn.
       Die Epoche  vom 20.  Dezember 1848  [82] bis  zur  Auflösung  der
       Konstituante im Mai 1849 umfaßt die Geschichte des Untergangs der
       Bourgeois-Republikarier. Nachdem  sie eine Republik für die Bour-
       geoisie gegründet,  das revolutionäre Proletariat von dem Terrain
       vertrieben Und  das demokratische  Kleinbürgertum einstweilen zum
       Schweigen gebracht  haben, werden  sie selbst  von der  Masse der
       Bourgeoisie beiseite  geschoben, die diese Republik mit Recht als
       i h r  E i g e n t u m  mit Beschlag belegt. Diese Bourgeoismasse
       war aber   r o y a l i s t i s c h.    Ein  Teil  derselben,  die
       großen Grundeigentümer,  hatte unter der  R e s t a u r a t i o n
       geherrscht und war daher l e g i t i m i s t i s c h.  Der andre,
       die Finanzaristokraten  und großen Industriellen, hatte unter der
       Julimonarchie  geherrscht   und   war   daher      o r l e a n i-
       s t i s c h.   Die Großwürdenträger  der Armee,  der Universität,
       der Kirche,  des Barreaus  2*), der  Akademie und der Presse ver-
       teilten  sich  auf  beide  Seiten,  wenn  auch  in  verschiedener
       Proportion. Hier  in der  bürgerlichen Republik,  die  weder  den
       Namen   B o u r b o n   noch den Namen  O r l é a n s  trug, son-
       dern den  Namen  K a p i t a l,  hatten sie die Staatsform gefun-
       den, worunter  sie   g e m e i n s a m   herrschen konnten. Schon
       die Juni-Insurrektion  hatte sie  zur "Partei der Ordnung" verei-
       nigt. Jetzt  galt es zunächst, die Koterie der Bourgeois-Republi-
       kaner zu  beseitigen, die  noch die Sitze der Nationalversammlung
       innehielt. Ebenso brutal, wie diese reinen Republikaner dem Volke
       gegenüber die  physische Gewalt  mißbraucht hatten,  ebenso feig,
       kleinlaut, mutlos,  gebrochen, kampfunfähig  wichen sie jetzt zu-
       rück, wo es galt, der exekutiven Gewalt und den Royalisten gegen-
       über ihr  Republikanertum und  ihr gesetzgeberisches Recht zu be-
       haupten. Ich  habe hier  nicht die  schmähliche Geschichte  ihrer
       Auflösung zu erzählen. Es war ein Vergehen, kein Untergehen. Ihre
       Geschichte hat  für immer ausgespielt, und in der folgenden Peri-
       ode figurieren  sie, sei  es  innerhalb,  sei  es  außerhalb  der
       Versammlung, nur  noch als Erinnerungen, Erinnerungen, die wieder
       lebendig zu
       -----
       1*) Siehe Band 7 unserer Ausgabe, S. 44/45 - 2*) Advokatenstandes
       
       #132# Karl Marx
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       werden scheinen,  sobald es sich wieder um den bloßen Namen Repu-
       blik handelt  und sooft  der revolutionäre Konflikt auf das nied-
       rigste Niveau herabzusinken droht. Ich bemerke im Vorbeigehn, daß
       das  Journal,   welches  dieser   Partei  ihren  Namen  gab,  der
       "National", sich  in der  folgenden Periode  zum Sozialismus  be-
       kehrt.
       Ehe wir  mit dieser  Periode abschließen,  müssen wir  noch einen
       Rückblick auf  die beiden  Mächte werfen,  von denen die eine die
       andre am  2. Dezember 1851 vernichtet, während sie vom 20. Dezem-
       ber 1848  bis zum  Abtritt der Konstituante in ehelichem Verhält-
       nisse lebten.  Wir meinen Louis Bonaparte einerseits und die Par-
       tei der  koalisierten Royalisten,  der Ordnung,  der großen Bour-
       geoisie andrerseits.  Beim Antritt seiner Präsidentschaft bildete
       Bonaparte sofort  ein Ministerium der Partei der Ordnung, an des-
       sen Spitze  er Odilon  Barrot stellte,  notabene den alten Führer
       der liberalsten  Fraktion der parlamentarischen Bourgeoisie. Herr
       Barrot hatte  endlich das Ministerium erjagt, dessen Gespenst ihn
       seit 1830 verfolgte, und noch mehr, die Präsidentschaft in diesem
       Ministerium; aber  nicht, wie er sich unter Louis-Philippe einge-
       bildet, als  der avancierteste  Chef der  parlamentarischen Oppo-
       sition, sondern  mit der  Aufgabe, ein Parlament totzumachen, und
       als Verbündeter mit allen seinen Erzfeinden, Jesuiten und Legiti-
       misten. Er  führte endlich  die Braut heim, aber erst nachdem sie
       prostituiert war.  Bonaparte selbst  eklipsierte  sich  scheinbar
       vollständig. Jene Partei handelte für ihn.
       Gleich im  ersten Ministerkonseil  wurde die  Expedition nach Rom
       beschlossen, die  man hinter  dem Rücken  der Nationalversammlung
       auszuführen und  wofür man ihr die Mittel unter falschem Vorwande
       zu entreißen  übereinkam. So  wurde begonnen  mit einer Prellerei
       der Nationalversammlung und einer heimlichen Konspiration mit den
       absoluten Mächten  des Auslandes gegen die revolutionäre Römische
       Republik. Bonaparte  bereitete auf  dieselbe Weise und durch die-
       selben Manöver  seinen Coup  vom 2. Dezember gegen die royalisti-
       sche Legislative  und ihre konstitutionelle Republik vor. Verges-
       sen wir  nicht, daß dieselbe Partei, die am 20. Dezember 1848 Bo-
       napartes Ministerium,  am 2.  Dezember  1851  die  Majorität  der
       legislativen Nationalversammlung bildete.
       Die Konstituante  hatte im August beschlossen, sich erst aufzulö-
       sen, nachdem  sie eine  ganze Reihe  organischer Gesetze, die die
       Konstitution  ergänzen  sollten,  ausgearbeitet  und  promulgiert
       habe. Die Ordnungspartei ließ ihr durch den Repräsentanten Rateau
       am 6.  Januar 1849 vorschlagen, die organischen Gesetze laufen zu
       lassen und  vielmehr ihre  e i g e n e  A u f l ö s u n g  zu be-
       schließen. Nicht  nur das  Ministerium, Herr Odilon Barrot an der
       Spitze, sämtliche  royalistische Mitglieder  der Nationalversamm-
       lung herrschten
       
       #133# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       ihr in  diesem Augenblicke  zu, ihre  Auflösung sei notwendig zur
       Herstellung des  Kredits, zur  Konsolidierung der Ordnung, um dem
       unbestimmten Provisorium ein Ende zu machen und einen definitiven
       Zustand zu gründen, sie hindre die Produktivität der neuen Regie-
       rung und  suche ihr  Dasein bloß aus Ranküne zu fristen, das Land
       sei ihrer müde. Bonaparte merkte sich alle diese Invektiven gegen
       die gesetzgebende  Gewalt, lernte  sie auswendig  und bewies  den
       parlamentarischen Royalisten  am 2. Dezember 1851, daß er von ih-
       nen gelernt  habe. Er  wiederholte ihre  eignen Stichworte  gegen
       sie.
       Das Ministerium  Barrot und die Ordnungspartei gingen weiter. Sie
       riefen   P e t i t i o n e n   a n  d i e  N a t i o n a l v e r-
       s a m m l u n g   in ganz  Frankreich hervor, worin diese freund-
       lichst gebeten  wurde zu  verschwinden. So  führten sie gegen die
       Nationalversammlung, den  konstitutionell organisierten  Ausdruck
       des Volkes,  seine unorganischen  Massen ins  Feuer. Sie  lehrten
       Bonaparte von  den parlamentarischen  Versammlungen an  das  Volk
       appellieren. Endlich  am 29. Januar 1849 war der Tag gekommen, an
       dem die  Konstituante über ihre eigne Auflösung beschließen soll-
       te. Die  Nationalversammlung fand ihr Sitzungsgebäude militärisch
       besetzt; Changarnier,  der General  der Ordnungspartei, in dessen
       Händen  der   Oberbefehl  über  Nationalgarde  und  Linientruppen
       vereinigt war,  hielt große  Truppenschau in Paris, als wenn eine
       Schlacht bevorstehe,  und die  koalisierten Royalisten  erklärten
       der Konstituante drohend, daß man Gewalt anwenden werde, wenn sie
       nicht willig  sei. Sie war willig und marktete sich nur noch eine
       ganz kurze Lebensfrist aus. Was war der 29. Januar anders als der
       coup d'état  1*) vom  2. Dezember 1851, nur mit Bonaparte von den
       Royalisten gegen  die republikanische  Nationalversammlung ausge-
       führt? Die  Herren bemerkten nicht oder wollten nicht merken, daß
       Bonaparte den 29. Januar 1849 benutzte, um einen Teil der Truppen
       vor den  Tuilerien an  sich vorbeidefilieren zu lassen und gerade
       dies  erste  öffentliche  Aufgebot  der  Militärmacht  gegen  die
       parlamentarische Macht  begierig aufgriff,  um den  Caligula 1831
       anzudeuten. Sie sahen allerdings nur ihren Changarnier.
       Ein Motiv,  das die  Partei der  Ordnung noch insbesondere bewog,
       die Lebensdauer  der Konstituante gewaltsam abzukürzen, waren die
       o r g a n i s c h e n,  die Konstitution ergänzenden Gesetze, wie
       das Unterrichtsgesetz, Kultusgesetz usw. Den koalisierten Royali-
       sten lag  alles daran,  diese Gesetze  selbst zu machen und nicht
       von den  mißtrauisch gewordenen  Republikanern machen  zu lassen.
       Unter diesen  organischen Gesetzen befand sich indes auch ein Ge-
       setz über  die Verantwortlichkeit  des Präsidenten  der Republik.
       1851 war  die legislative  Versammlung eben  mit Abfassung  eines
       solchen Gesetzes
       -----
       1*) Staatsstreich
       
       #134# Karl Marx
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       beschäftigt, als  Bonaparte diesem Coup durch den Coup vom 2. De-
       zember zuvorkam.  Was hätten die koalisierten Royalisten in ihrem
       parlamentarischen Winterfeldzug  von 1851 darum gegeben, wenn sie
       das Verantwortlichkeitsgesetz  fertig vorgefunden,  und zwar ver-
       faßt von  einer mißtrauischen,  gehässigen, republikanischen Ver-
       sammlung!
       Nachdem am  29. Januar  1849 die  Konstituante ihre  letzte Waffe
       selbst zerbrochen  hatte, hetzten  das Ministerium Barrot und die
       Ordnungsfreunde sie  zu Tode,  ließen nichts  ungeschehn, was sie
       demütigen konnte,  und trotzten ihrer an sich selbst verzweifeln-
       den Schwäche Gesetze ab, die sie den letzten Rest von Achtung bei
       dem Publikum kosteten. Bonaparte, mit seiner fixen napoleonischen
       Idee beschäftigt, war keck genug, diese Herabwürdigung der parla-
       mentarischen Macht  öffentlich zu  exploitieren. Als  nämlich die
       Nationalversammlung am  8. Mai 1849 dem Ministerium ein Tadelsvo-
       tum wegen der Besetzung Civitavecchias durch Oudinot erteilte und
       die römische Expedition zu ihrem angeblichen Zweck zurückzuführen
       befahl [84],  publizierte Bonaparte denselben Abend im "Moniteur"
       [85] einen  Brief an  Oudinot; worin er ihm zu seinen Heldentaten
       Glück wünscht. Und sich schon im Gegensatz zu den federfüchsenden
       Parlamentären als  den großmütigen Protekteur der Armee gebärdet.
       Die Royalisten  lächelten dazu. Sie hielten ihn einfach für ihren
       dupe 1*).  Endlich als  Marrast, der  Präsident der Konstituante,
       einen Augenblick die Sicherheit der Nationalversammlung gefährdet
       glaubte und auf die Konstitution gestützt einen Oberst mit seinem
       Regimente requirierte,  weigerte sich  der Oberst, bezog sich auf
       die Disziplin  und verwies  Marrast an  Changarnier, der ihn höh-
       nisch abwies  mit der  Bemerkung, er  liebe nicht die bayonnettes
       intelligentes 2*). November 1851, als die koalisierten Royalisten
       den entscheidenden  Kampf mit Bonaparte beginnen wollten, suchten
       sie in  ihrer berüchtigten   Q u ä s t o r e n b i l l   [86] das
       Prinzip der  direkten Requisition der Truppen durch den Präsiden-
       ten der  Nationalversammlung durchzusetzen. Einer ihrer Generale,
       Le  Flô,   hatte  den  Gesetzvorschlag  unterzeichnet.  Vergebens
       stimmte Changarnier für den Vorschlag und huldigte Thiers der um-
       sichtigen Weisheit der ehemaligen Konstituante. Der  K r i e g s-
       m i n i s t e r   S t - A r n a u d  antwortete ihm, wie dem Mar-
       rast Changarnier  geantwortet hatte,  und - unter dem Beifallsruf
       der Montagne!
       So hatte  die  P a r t e i  d e r  O r d n u n g  selbst, als sie
       noch nicht Nationalversammlung; als sie nur noch Ministerium war,
       das parlamentarische  Regime gebrandmarkt.  Und sie  schreit auf,
       als der 2. Dezember 1851 es aus Frankreich verbannt!
       Wir wünschen ihm glückliche Reise.
       -----
       1*) Gimpel - 2*) denkenden Bajonette
       
       #135#
       -----
       III
       Am 28. Mai 1849 trat die gesetzgebende Nationalversammlung zusam-
       men. Am 2. Dezember 1851 ward sie gesprengt. Diese Periode umfaßt
       die Lebensdauer  der   k o n s t i t u t i o n e l l e n  o d e r
       p a r l a m e n t a r i s c h e n  R e p u b l i k.
       In der  ersten französischen  Revolution folgt auf die Herrschaft
       der   K o n s t i t u t i o n e l l e n   die Herrschaft der G i-
       r o n d i n s  und auf die Herrschaft der  G i r o n d i n s  die
       Herrschaft der   J a k o b i n e r.   Jede dieser Parteien stützt
       sich auf  die fortgeschrittenere.  Sobald sie die Revolution weit
       genug geführt  hat, um  ihr nicht  mehr folgen,  noch weniger ihr
       vorangehn zu  können, wird  sie von  dem kühnern Verbündeten, der
       hinter ihr  steht, beiseite  geschoben  und  auf  die  Guillotine
       geschickt. Die Revolution bewegt sich soin aufsteigender Linie.
       Umgekehrt die  Revolution von  1848. Die proletarische Partei er-
       scheint als  Anhang der  kleinbürgerlich-demokratischen. Sie wird
       von ihr  verraten und  fallengelasssen am  16. April,  am 15. Mai
       [37] und  in den  Junitagen. Die  demokratische Partei ihrerseits
       lehnt sich  auf die  Schultern der bourgeoisrepublikanischen. Die
       Bourgeois-Republikaner glauben  kaum fest  zu stehn,  als sie den
       lästigen Kameraden  abschütteln und sich selbst auf die Schultern
       der Ordnungspartei  stützen. Die Ordnungspartei zieht ihre Schul-
       tern ein,  läßt die Bourgeois-Republikaner purzeln und wirft sich
       auf die Schultern der bewaffneten Gewalt. Sie glaubt noch auf ih-
       ren Schultern zu sitzen, als sie an einem schönen Morgen bemerkt,
       daß sich die Schultern in Bajonette verwandelt haben. Jede Partei
       schlägt von  hinten aus  nach der weiterdrängenden und lehnt sich
       von vorn  über auf  die zurückdrängende.  Kein Wunder, daß sie in
       dieser lächerlichen Positur das Gleichgewicht verliert und, nach-
       dem sie  die unvermeidlichen Grimassen geschnitten, unter seltsa-
       men Kapriolen  zusammenstürzt. Die  Revolution bewegt  sich so in
       absteigender Linie.  Sie befindet sich in dieser rückgängigen Be-
       wegung, ehe  die letzte Februarbarrikade weggeräumt und die erste
       Revolutionsbehörde konstituiert ist. Die Periode, die wir vor uns
       haben, umfaßt das bunteste Gemisch
       
       #136# Karl Marx
       -----
       schreiender Widersprüche:  Konstitutionelle, die  offen gegen die
       Konstitution konspirieren, Revolutionäre, die eingestandenermaßen
       konstitutionell sind,  eine Nationalversammlung,  die  allmächtig
       sein will und stets parlamentarisch bleibt; eine Montagne, die im
       Dulden ihren  Beruf findet  und durch  die Prophezeiung künftiger
       Siege ihre gegenwärtigen Niederlagen pariert; Royalisten, die die
       patres conscripti 1*) der Republik bilden und durch die Situation
       gezwungen werden,  die feindlichen Königshäuser, denen sie anhän-
       gen, im Auslande, und die Republik, die sie hassen, in Frankreich
       zu halten; eine Exekutivgewalt, die in ihrer Schwäche selbst ihre
       Kraft und in der Verachtung, die sie einflößt, ihre Respektabili-
       tät findet;  eine Republik,  die nichts anders ist als die zusam-
       mengesetzte Infamie  zweier Monarchien,  der Restauration und der
       Julimonarchie, mit  einer imperialistischen Etikette - Verbindun-
       gen, deren  erste Klausel  die Trennung, Kämpfe, deren erstes Ge-
       setz die Entscheidungslosigkeit ist, im Namen der Ruhe wüste, in-
       haltslose Agitation, im Namen der Revolution feierlichstes Predi-
       gen der  Ruhe, Leidenschaften ohne Wahrheit, Wahrheiten ohne Lei-
       denschaft, Helden  ohne Heldentaten,  Geschichte ohne Ereignisse;
       Entwickelung, deren  einzige  Triebkraft  der  Kalender  scheint,
       durch beständige Wiederholung derselben Spannungen und Abspannun-
       gen ermüdend;  Gegensätze, die sich selbst periodisch nur auf die
       Höhe zu  treiben scheinen,  um sich  abzustumpfen  und  zusammen-
       zufallen, ohne  sich auflösen zu können; prätentiös zur Schau ge-
       tragene Anstrengungen  und bürgerliche  Schrecken vor  der Gefahr
       des Weltunterganges,  und von  den Weltrettern  gleichzeitig  die
       kleinlichsten Intrigen  und Hofkomödien  gespielt, die  in  ihrem
       laisser-aller 2*)  weniger an  den Jüngsten Tag als an die Zeiten
       der Fronde [87] erinnern - das offizielle Gesamtgenie Frankreichs
       von der pfiffigen Dummheit eines einzelnen Individuums zuschanden
       gemacht; der  Gesamtwille der  Nation, sooft  er  im  allgemeinen
       Wahlrecht spricht, in den verjährten Feinden der Masseninteressen
       seinen entsprechenden Ausdruck suchend, bis er ihn endlich in dem
       Eigenwillen eines  Flibustiers findet. Wenn irgendein Geschichts-
       ausschnitt grau  in grau  gemalt ist,  so ist es dieser. Menschen
       und Ereignisse  erscheinen als  umgekehrte Schlemihle  [88],  als
       Schatten, denen  der Körper abhanden gekommen ist. Die Revolution
       selbst paralysiert  ihre eigenen Träger und stattet nur ihre Geg-
       ner mit  leidenschaftlicher Gewaltsamkeit aus. Wenn das "rote Ge-
       spenst", von den Kontre-revolutionären beständig heraufbeschworen
       und gebannt,  endlich erscheint,  so erscheint es nicht mit anar-
       chischer Phrygiermütze  auf dem Kopfe, sondern in der Uniform der
       Ordnung, in  r o t e n  P l u m p h o s e n.
       -----
       1*) erwählten Väter  (Ehrenname  der  altrömischen  Senatoren)  -
       2*) Unbekümmertheit
       
       
       #137# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Wir haben gesehen: Das Ministerium, das Bonaparte am 20. Dezember
       1848, am  Tage seiner Himmelfahrt 1*) installierte, war ein Mini-
       sterium der  Ordnungspartei, der legitimistischen und orleanisti-
       schen Koalition.  Dies Ministerium Barrot-Falloux hatte die repu-
       blikanische Konstituante,  deren Lebensdauer  es mehr oder minder
       gewaltsam abkürzte,  überwintert und  befand sich  noch am Ruder.
       Changarnier, der  General der  verbündeten Royalisten, vereinigte
       fortwährend in  seiner  Person  das  Generalkommando  der  ersten
       Militärdivision und  der Pariser  Nationalgarde. Die  allgemeinen
       Wahlen endlich  hatten der  Ordnungspartei die große Majorität in
       der Nationalversammlung  gesichert. Hier begegneten die Deputier-
       ten und  Pairs Louis-Philippes einer heiligen Schar von Legitimi-
       sten, für  welche zahlreiche  Wahlzettel der  Nation sich in Ein-
       trittskarten auf  die politische Bühne verwandelt hatten. Die bo-
       napartistischen Volksrepräsentanten  waren zu dünn gesät, um eine
       selbständige parlamentarische  Partei bilden  zu können.  Sie er-
       schienen nur  als mauvaise  queue 2*)  der Ordnungspartei. So war
       die Ordnungspartei  im Besitz der Regierungsgewalt, der Armee und
       des gesetzgebenden  Körpers, kurz der Gesamtmacht des Staats, mo-
       ralisch gekräftigt  durch die  allgemeinen Wahlen, die ihre Herr-
       schaft als den Willen des Volkes erscheinen ließen, und durch den
       gleichzeitigen Sieg der Kontrerevolution auf dem gesamten europä-
       ischen Kontinent.
       Nie eröffnete eine Partei mit größern Mitteln und unter günstigem
       Auspizien ihren Feldzug.
       Die schiffbrüchigen  r e i n e n  R e p u b l i k a n e r  fanden
       sich in  der gesetzgebenden  Nationalversammlung auf  eine Clique
       von ungefähr  50 Mann  zusammengeschmolzen, an  ihrer Spitze  die
       afrikanischen Generale  Cavaignac, Lamoricière, Bedeau. Die große
       Oppositionspartei aber wurde gebildet durch die  M o n t a g n e.
       Diesen parlamentarischen  Taufnamen hatte  sich die  s o z i a l-
       d e m o k r a t i s c h e  Partei gegeben. Sie verfügte über mehr
       als 200 von den 750 Stimmen der Nationalversammlung und war daher
       wenigstens ebenso  mächtig als irgendeine der drei Fraktionen der
       Ordnungspartei für  sich genommen.  Ihre relative Minorität gegen
       die  gesamte   royalistische  Koalition  schien  durch  besondere
       Umstände aufgewogen.  Nicht nur  zeigten die Departements wählen,
       daß  sie  einen  bedeutenden  Anhang  unter  der  Landbevölkerung
       gewonnen hatte.  Sie zählte  beinahe alle  Deputierten von  Paris
       unter  sich,  die  Armee  hatte  durch  die  Wahl  von  drei  Un-
       teroffizieren ein demokratisches Glaubensbekenntnis abgelegt, und
       der Chef  der Montagne, Ledru-Rollin, war im Unterschiede von al-
       len Repräsentanten der Ordnungspartei
       -----
       1*) Einzug  in   das  Elysée,  den  Wohnsitz  des  Präsidenten  -
       2*) übles Anhängsel
       
       #138# Karl Marx
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       in den  parlamentarischen Adelstand  erhoben  worden  durch  fünf
       Departements, die  ihre Stimmen  auf ihn  vereinigt. Die Montagne
       schien also  am 28. Mai 1849, bei den unvermeidlichen Kollisionen
       der Royalisten unter sich und der gesamten Ordnungspartei mit Bo-
       naparte, alle  Elemente des  Erfolgs vor  sich zu haben. Vierzehn
       Tage später hatte sie alles verloren, die Ehre eingerechnet.
       Ehe wir  der parlamentarischen Geschichte weiter folgen, sind ei-
       nige Bemerkungen  nötig, um gewöhnliche Täuschungen über den gan-
       zen Charakter  der Epoche, die uns vorliegt, zu vermeiden. In der
       demokratischen Manier  zu sehn, handelt es sich während der Peri-
       ode der gesetzgebenden Nationalversammlung, um was es sich in der
       Periode der  konstituierenden handelte,  um den  einfachen  Kampf
       zwischen Republikanern  und Royalisten.  Die Bewegung selbst aber
       fassen sie  in   e i n   Stichwort zusammen:  "Reaktion",  Nacht,
       worin alle  Katzen grau  sind, und die ihnen erlaubt, ihre nacht-
       wächterlichen Gemeinplätze  abzuleiern. Und  allerdings, auf  den
       ersten Blick  zeigt die Ordnungspartei einen Knäuel von verschie-
       denen royalistischen  Fraktionen, die nicht nur gegeneinander in-
       trigieren, um jede ihren eignen Prätendenten auf den Thron zu er-
       heben und  den Prätendenten  der Gegenpartei auszuschließen, son-
       dern auch  sich alle vereinigen in gemeinschaftlichem Haß und ge-
       meinschaftlichen Angriffen  gegen die  "Republik".  Die  Montagne
       ihrerseits erscheint  im Gegensatze zu dieser royalistischen Kon-
       spiration als  Vertreterin der "Republik". Die Ordnungspartei er-
       scheint beständig  beschäftigt mit  einer  "Reaktion",  die  sich
       nicht mehr  nicht minder als in Preußen gegen Presse, Assoziation
       u. dgl. richtet und in brutalen Polizeieinmischungen der Bürokra-
       tie, der Gendarmerie und der Parkette 1*) sich vollstreckt wie in
       Preußen. Die  "Montagne" ihrerseits wieder ist ebenso fortwährend
       beschäftigt, diese  Angriffe abzuwehren  und so  die "ewigen Men-
       schenrechte" zu verleidigen, wie jede sogenannte Volkspartei mehr
       oder minder  seit anderthalb  Jahrhunderten getan  hat. Vor einer
       nähern Betrachtung  der Situation  und der  Parteien verschwindet
       indes dieser  oberflächliche  Schein,  der  den    K l a s s e n-
       k a m p f   und die  eigentümliche  Physiognomie  dieser  Periode
       verschleiert.
       Legitimisten und  Orleanisten  bildeten,  wie  gesagt,  die  zwei
       großen Fraktionen der Ordnungspartei. Was diese Fraktionen an ih-
       ren Prätendenten  festhielt und  sie  wechselseitig  auseinander-
       hielt, war es nichts andres als Lilie und Trikolore, Haus Bourbon
       und Haus Orléans, verschiedene Schattierungen des Royalismus, war
       es überhaupt  das Glaubensbekenntnis  des Royalismus?  Unter  den
       Bourbonen hatte  das   g r o ß e   G r u n d e i g e n t u m  re-
       giert
       -----
       1*) Gerichtshöfe
       
       #139# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       mit seinen  Pfaffen und  Lakaien, unter  den Orléans die hohe Fi-
       nanz,  die  große  Industrie,  der  große  Handel,  d.h.    d a s
       K a p i t a l   mit seinem Gefolge von Advokaten, Professoren und
       Schönrednern. Das  legitime Königtum war bloß der politische Aus-
       druck für die angestammte Herrschaft der Herren von Grund und Bo-
       den, wie  die Julimonarchie  nur der  politische Ausdruck für die
       usurpierte Herrschaft  der bürgerlichen  Parvenüs. Was also diese
       Fraktionen auseinanderhielt,  es waren  keine sogenannten Prinzi-
       pien, es  waren ihre  materiellen Existenzbedingungen,  zwei ver-
       schiedene Arten  des Eigentums,  es war  der alte  Gegensatz  von
       Stadt und Land, die Rivalität zwischen Kapital und Grundeigentum.
       Daß gleichzeitig  alte Erinnerungen,  persönliche  Feindschaften,
       Befürchtungen und  Hoffnungen, Vorurteile  und Illusionen, Sympa-
       thien und  Antipathien,- Überzeugungen, Glaubensartikel und Prin-
       zipien sie  an das  eine oder  das andre  Königshaus banden,  wer
       leugnet es?  Auf den  verschiedenen Formen des Eigentums, auf den
       sozialen Existenzbedingungen  erhebt sich ein ganzer Überbau ver-
       schiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen,
       Denkweisen und  Lebensanschauungen. Die  ganze Klasse schafft und
       gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den
       entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne In-
       dividuum, dem  sie durch  Tradition und Erziehung zufließen, kann
       sich einbilden,  daß sie  die eigentlichen  Bestimmungsgründe und
       den Ausgangspunkt seines Handelns bilden. Wenn Orleanisten, Legi-
       timisten, jede  Fraktion sich  selbst und  der andern  vorzureden
       suchte, daß  die Anhänglichkeit  an ihre  zwei  Königshäuser  sie
       trenne, bewies  später die Tatsache, daß vielmehr ihr gespaltenes
       Interesse die  Vereinigung der  zwei Königshäuser verbot. Und wie
       man im Privatleben unterscheidet zwischen dem, was ein Mensch von
       sich meint und sagt, und dem, was er wirklich ist und tut, so muß
       man noch  mehr in geschichtlichen Kämpfen die Phrasen und Einbil-
       dungen der  Parteien von  ihrem wirklichen  Organismus und  ihren
       wirklichen Interessen, ihre Vorstellung von ihrer Realität unter-
       scheiden. Orleanisten  und Legitimisten  fanden sich in der Repu-
       blik nebeneinander mit gleichen Ansprüchen. Wenn jede Seite gegen
       die andre  die   R e s t a u r a t i o n  ihres  e i g n e n  Kö-
       nigshauses durchsetzen wollte, so hieß das nichts andres, als daß
       die   z w e i   g r o ß e n    I n t e r e s s e n,    worin  die
       B o u r g e o i s i e   sich spaltet  - Grundeigentum und Kapital
       -, jedes  seine eigne  Suprematie und die Unterordnung des andern
       zu restaurieren  suchte. Wir  sprechen von  zwei  Interessen  der
       Bourgeoisie, denn  das große Grundeigentum, trotz seiner feudalen
       Koketterie und seines Racenstolzes, war durch die Entwicklung der
       modernen Gesellschaft  vollständig verbürgerlicht.  So haben  die
       Tories in  England sich lange eingebildet, daß sie für das König-
       tum, die Kirche und die Schönheiten der
       
       #140# Karl Marx
       -----
       altenglischen  Verfassung  schwärmten, bis der Tag der Gefahr ih-
       nen   das    Geständnis   entriß,    daß   sie    nur   für   die
       G r u n d r e n t e  schwärmen. 1*)
       Die koalisierten  Royalisten spielten  ihre Intrige gegeneinander
       in der  Presse, in  Ems, in  Claremont [89], außerhalb des Parla-
       ments. Hinter  den Kulissen  zogen sie ihre alten orleanistischen
       und legitimistischen  Livreen wieder  an und  führten ihre  alten
       Turniere wieder  auf. Aber  auf der  öffentlichen Bühne, in ihren
       Haupt- und  Staatsaktionen, als  große  parlamentarische  Partei,
       fertigen sie  ihre respektiven Königshäuser mit bloßen Reverenzen
       ab und  vertagen die Restauration der Monarchie in infinitum 2*).
       Sie verrichten  ihr wirkliches  Geschäft als   P a r t e i  d e r
       O r d n u n g,     d.h.  unter  einem    g e s e l l s c h a f t-
       l i c h e n, nicht unter einem  p o l i t i s c h e n  Titel, als
       Vertreter  der   bürgerlichen  Weltordnung,   nicht  als   Ritter
       fahrender Prinzessinnen,  als  Bourgeoisklasse  gegenüber  andern
       Klassen, nicht  als Royalisten  gegenüber den  Republikanern. Und
       als Partei der Ordnung haben sie eine unumschränktere und härtere
       Herrschaft über  die andern Klassen der Gesellschaft ausgeübt als
       je zuvor unter der Restauration oder unter der Julimonarchie, wie
       sie überhaupt  nur unter  der Form der parlamentarischen Republik
       möglich war,  denn nur  unter dieser Form konnten die zwei großen
       Abteilungen der  französischen Bourgeoisie  sich vereinigen, also
       die   Herrschaft   ihrer   Klasse   statt   des   Regimes   einer
       privilegierten Fraktion  derselben auf  die Tagesordnung  setzen.
       Wenn sie  trotzdem auch  als  Partei  der  Ordnung  die  Republik
       insultieren und  ihren  Widerwillen  gegen  sie  aussprechen,  so
       geschah das  nicht nur  aus royalistischer  Erinnerung. Es lehrte
       sie  der   Instinkt,  daß   die  Republik  zwar  ihre  politische
       Herrschaft  vollendet,   aber  zugleich  deren  gesellschaftliche
       Grundlage unterwühlt,  indem sie  nun ohne  Vermittlung, ohne den
       Versteck der  Krone, ohne  das  nationale  Interesse  durch  ihre
       untergeordneten Kämpfe  untereinander und mit dem Königtum ablei-
       ten zu  können, den  unterjochten Klassen  gegenüberstehn und mit
       ihnen ringen  müssen. Es war Gefühl der Schwäche, das sie vor den
       reinen Bedingungen ihrer eignen Klassenherrschaft zurückbeben und
       sich nach  den unvollständigem,  unentwickelteren und  eben darum
       gefahrloseren Formen  derselben zurücksehnen  ließ. Sooft die ko-
       alisierten Royalisten  dagegen in  Konflikt mit  dem Prätendenten
       geraten, der  ihnen gegenübersteht, mit Bonaparte, sooft sie ihre
       parlamentarische Allmacht  von der Exekutivgewalt gefährdet glau-
       ben, sooft  sie also  den politischen Titel ihrer Herrschaft her-
       auskehren müssen,  treten sie  als   R e p u b l i k a n e r  auf
       und nicht  als  R o y a l i s t e n,  von dem Orleanisten Thiers,
       der die Nationalversammlung warnt, daß die Republik sie am wenig-
       sten trenne, bis auf den Legitimisten Berryer,
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 336-341 - 2*) ins Unendliche
       
       #141# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       der am  2. Dezember 1851, die dreifarbige Schärpe umgewunden, das
       vor dem  Mairiegebäude des  zehnten  Arrondissements  versammelte
       Volk als Tribun im Namen der Republik harangiert. Allerdings ruft
       ihm das Echo spottend zurück: Henri V ! Henri V !
       Der koalisierten  Bourgeoisie gegenüber hatte sich eine Koalition
       zwischen Kleinbürgern  und  Arbeitern  gebildet,  die  sogenannte
       s o z i a l - d e m o k r a t i s c h e   Partei. Die Kleinbürger
       sahen sich nach den Junitagen 1848 schlecht belohnt, ihre materi-
       ellen Interessen  gefährdet und die demokratischen Garantien, die
       ihnen die  Geltendmachung dieser  Interessen sichern sollten, von
       der Kontrerevolution  in Frage  gestellt. Sie näherten sich daher
       den Arbeitern.  Ihre parlamentarische Repräsentation andrerseits,
       die   M o n t a g n e,   während der Diktatur der Bourgeois-Repu-
       blikaner-beiseite geschoben,  hatte in  der letzten  Lebenshälfte
       der Konstituante durch den Kampf mit Bonaparte und den royalisti-
       schen Ministern  ihre verlorene  Popularität  wiedererobert.  Sie
       hatte mit  den sozialistischen  Führern eine Allianz geschlossen.
       Februar 1849  wurden Versöhnungsbankette  gefeiert.  Ein  gemein-
       schaftliches Programm  wurde entworfen, gemeinschaftliche Wahlko-
       mitees wurden  gestiftet und  gemeinschaftliche Kandidaten aufge-
       stellt. Den  sozialen Forderungen des Proletariats ward die revo-
       lutionäre Pointe abgebrochen und eine demokratische Wendung gege-
       ben, den  demokratischen Ansprüchen  des Kleinbürgertums die bloß
       politische  Form   abgestreift  und  ihre  sozialistische  Pointe
       herausgekehrt.  So  entstand  die    S o z i a l - D e m o k r a-
       t i e.   Die neue   M o n t a g n e,   das Ergebnis dieser Kombi-
       nation, enthielt,  einige Figuranten  aus der  Arbeiterklasse und
       einige sozialistische  Sektierer abgerechnet,  dieselben Elemente
       wie die  alte Montagne,  nur numerisch stärker. Aber im Laufe der
       Entwicklung hatte  sie sich  verändert mit  der Klasse,  die  sie
       vertrat. Der  eigentümliche Charakter  der Sozial-Demokratie faßt
       sich dahin zusammen, daß demokratisch-republikanische Institutio-
       nen als  Mittel verlangt  werden, nicht  um zwei Extreme, Kapital
       und Lohnarbeit,  beide aufzuheben,  sondern  um  ihren  Gegensatz
       abzuschwächen und  in Harmonie  zu verwandeln.  Wie  verschiedene
       Maßregeln zur  Erreichung  dieses  Zweckes  vorgeschlagen  werden
       mögen, wie  sehr er  mit mehr oder minder revolutionären Vorstel-
       lungen sich  verbrämen mag,  der Inhalt  bleibt derselbe.  Dieser
       Inhalt ist  die Umänderung  der Gesellschaft  auf  demokratischem
       Wege, aber  eine Umänderung  innerhalb  der  Grenzen  des  Klein-
       bürgertums. Man  muß sich  nur nicht  die  bornierte  Vorstellung
       machen, als  wenn das Kleinbürgertum prinzipiell ein egoistisches
       Klasseninteresse durchsetzen  wolle. Es  glaubt vielmehr, daß die
       b e s o n d e r n     Bedingungen  seiner  Befreiung  die  a l l-
       g e m e i n e n   Bedingungen sind,  innerhalb deren  allein  die
       moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden
       
       #142# Karl Marx
       -----
       werden kann.  Man muß  sich ebensowenig vorstellen, daß die demo-
       kratischen Repräsentanten  nun alle shopkeepers 1*) sind oder für
       dieselben schwärmen. Sie können ihrer Bildung und ihrer individu-
       ellen Lage  nach himmelweit  von ihnen  getrennt sein. Was sie zu
       Vertretern des  Kleinbürgers macht,  ist, daß  sie im Kopfe nicht
       über die  Schranken hinauskommen,  worüber jener  nicht im  Leben
       hinauskommt, daß  sie daher  zu denselben  Aufgaben und  Lösungen
       theoretisch getrieben  werden, wohin  jenen das materielle Inter-
       esse und  die gesellschaftliche  Lage praktisch treiben. Dies ist
       überhaupt das  Verhältnis der   p o l i t i s c h e n   und  l i-
       t e r a r i s c h e n   V e r t r e t e r   einer Klasse  zu  der
       Klasse, die sie vertreten.
       Nach der  gegebenen Auseinandersetzung  versteht sich von selbst,
       daß, wenn  die Montagne mit der Ordnungspartei fortwährend um die
       Republik und  die sogenannten Menschenrechte ringt, weder die Re-
       publik noch  die Menschenrechte  ihr letzter  Zweck sind, sowenig
       wie eine  Armee, die  man ihrer Waffen berauben will und die sich
       zur Wehr setzt, auf den Kampfplatz getreten ist, um im Besitz ih-
       rer eignen Waffen zu bleiben.
       Die Partei  der Ordnung provozierte gleich beim Zusammentritt der
       Nationalversammlung die  Montagne. Die  Bourgeoisie fühlte  jetzt
       die Notwendigkeit,  mit den demokratischen Kleinbürgern fertig zu
       werden, wie  sie ein  Jahr  vorher  die  Notwendigkeit  begriffen
       hatte, mit  dem revolutionären  Proletariat zu enden. Nur war die
       Situation des  Gegners eine verschiedene. Die Stärke der proleta-
       rischen Partei war auf der Straße, die der Kleinbürger in der Na-
       tionalversammlung   selbst.   Es   galt   also,   sie   aus   der
       Nationalversammlung auf  die Straße zu locken und sie selbst ihre
       parlamentarische Macht  zerbrechen zu  lassen, ehe Zeit und Gele-
       genheit sie konsolidieren konnten. Die Montagne sprengte mit ver-
       hängtem Zügel in die Falle.
       Das Bombardement Roms durch die französischen Truppen war der Kö-
       der, der  ihr hingeworfen  wurde. Es verletzte Artikel V der Kon-
       stitution, der der Französischen Republik untersagt, ihre Streit-
       kräfte gegen  die Freiheiten eines andern Volks zu verwenden. Zu-
       dem verbot  auch Artikel  54 jede  Kriegserklärung von seiten der
       Exekutivgewalt ohne  Zustimmung der  Nationalversammlung, und die
       Konstituante hatte  durch ihren  Beschluß vom 8. Mai die römische
       Expedition mißbilligt. Auf diese Gründe hin deponierte Ledru-Rol-
       lin am  11. Juni  1849 einen Anklageakt gegen Bonaparte und seine
       Minister. Durch  die Wespenstiche  von Thiers aufgereizt, ließ er
       sich sogar  zu der Drohung fortreißen, die Konstitution mit allen
       Mitteln verteidigen zu wollen, selbst mit den Waffen in der Hand.
       Die Montagne erhob sich wie  e i n  Mann
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       1 Krämer
       
       #143# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       und  wiederholte  diesen  Waffenruf.  Am  12.  Juni  verwarf  die
       Nationalversammlung den  Anklageakt, und die Montagne verließ das
       Parlament. Die  Ereignisse des 13. Juni sind bekannt: die Prokla-
       mation eines  Teils der Montagne, wodurch Bonaparte und seine Mi-
       nister "außerhalb  der Konstitution" erklärt wurden; die Straßen-
       prozession der  demokratischen Nationalgarden, die waffenlos, wie
       sie waren,  bei dem  Zusammentreffen mit den Truppen Changarniers
       auseinanderstoben usw.  usw. Ein  Teil der Montagne flüchtete ins
       Ausland, ein anderer wurde dem Hochgericht in Bourges überwiesen,
       und ein parlamentarisches Reglement unterwarf den Rest der schul-
       meisterlichen Aufsicht  des Präsidenten  der Nationalversammlung.
       [90] Paris  wurde wieder  in Belagerungszustand  versetzt und der
       demokratische Teil  seiner Nationalgarde  aufgelöst. So  war  der
       Einfluß der.  Montagne im Parlament und die Macht der Kleinbürger
       in Paris gebrochen.
       Lyon, wo  der 13.  Juni das Signal zu einem blutigen Arbeiterauf-
       stand gegeben  hatte, wurde mit den fünf umliegenden Departements
       ebenfalls in Belagerungszustand erklärt, ein Zustand, der bis auf
       diesen Augenblick fortdauert.
       Das Gros  der Montagne hatte seine Avantgarde im Stiche gelassen,
       indem es  ihrer Proklamation  die Unterschriften verweigerte. Die
       Presse war desertiert, indem nur zwei Journale das Pronunziamento
       zu veröffentlichen  wagten. Die Kleinbürger verrieten ihre Reprä-
       sentanten, indem  die Nationalgarden  ausblieben oder, wo sie er-
       schienen, den Barrikadenbau verhinderten. Die Repräsentanten hat-
       ten die  Kleinbürger düpiert,  indem die angeblichen Affiliierten
       von der Armee nirgends zu erblicken waren. Endlich, statt von ihm
       Kraftzuschuß zu gewinnen, hatte die demokratische Partei das Pro-
       letariat mit  ihrer eignen  Schwäche angesteckt, und, wie gewöhn-
       lich bei demokratischen Hochtaten, hatten die Führer die Genugtu-
       ung, ihr "Volk" der Desertion, und das Volk die Genugtuung, seine
       Führer der Prellerei beschuldigen zu können.
       Selten war eine Aktion mit größerem Geräusch verkündet worden als
       der bevorstehende  Feldzug der  Montagne, selten ein Ereignis mit
       mehr Sicherheit und länger vorher austrompetet als der unvermeid-
       liche Sieg  der Demokratie. Ganz gewiß: Die Demokraten glauben an
       die Posaunen,  vor deren  Stößen die Mauern Jerichos einstürzten.
       Und sooft  sie den  Wällen des Despotismus gegenüberstehn, suchen
       sie das Wunder nachzumachen. Wenn die Montagne im Parlamente sie-
       gen wollte,  durfte sie  nicht zu  den Waffen  rufen. Wenn sie im
       Parlamente zu  den Waffen  rief, durfte  sie sich  auf der Straße
       nicht parlamentarisch  verhalten. Wenn  die friedliche Demonstra-
       tion ernst gemeint war, so war es albern, nicht vorherzusehn, daß
       sie kriegerisch empfangen
       
       #144# Karl Marx
       -----
       werden würde.  Wenn es  auf den wirklichen Kampf abgesehn war, so
       war es originell, die Waffen abzulegen, mit denen er geführt wer-
       den mußte.  Aber die revolutionären Drohungen der Kleinbürger und
       ihrer demokratischen  Vertreter sind bloße Einschüchterungsversu-
       che des  Gegners. Und  wenn sie  sich in eine Sackgasse verrannt,
       wenn sie sich hinlänglich kompromittiert haben, um zur Ausführung
       ihrer Drohungen gezwungen zu sein, so geschieht es in einer zwei-
       deutigen Weise,  die nichts  mehr vermeidet  als die  Mittel  zum
       Zwecke und  nach Vorwänden  zum Unterliegen  hascht. Die  schmet-
       ternde Ouvertüre,  die den Kampf verkündete, verliert sich in ein
       kleinlautes Knurren,  sobald er  beginnen soll,  die Schauspieler
       hören auf,  sich au sérieux 1*) zu nehmen, und die Handlung fällt
       platt zusammen  wie ein  luftgefüllter Ballon,  den man mit einer
       Nadel pickt.
       Keine Partei  übertreibt sich mehr ihre Mittel als die demokrati-
       sche, keine  täuscht sich leichtsinniger über die Situation. Wenn
       ein Teil  der Armee  für sie gestimmt hatte, war die Montagne nun
       auch überzeugt,  daß die Armee für sie revoltieren werde. Und bei
       welchem Anlasse?  Bei einem Anlasse, der vom Standpunkt der Trup-
       pen keinen  andern Sinn  hatte, als daß die Revolutionäre für die
       römischen Soldaten  gegen die  französischen Soldaten  Partei er-
       griffen. Andrerseits waren die Erinnerungen an den Juni 1848 noch
       zu frisch,  als daß  nicht eine  tiefe Abneigung des Proletariats
       gegen die  Nationalgarde und  ein durchgreifendes  Mißtrauen  der
       Chefs der  geheimen Gesellschaften gegen die demokratischen Chefs
       existieren mußten.  Um diese  Differenzen auszugleichen, dazu be-
       durfte es  großer  gemeinschaftlicher  Interessen,  die  auf  dem
       Spiele standen.  Die Verletzung eines abstrakten Verfassungspara-
       graphen konnte  das Interesse  nicht bieten.  War die  Verfassung
       nicht schon  wiederholt verletzt worden nach der Versicherung der
       Demokraten selbst?  Hatten die populärsten Journale sie nicht als
       ein kontre-revolutionäres  Machwerk gebrandmarkt?  Aber der Demo-
       krat, weil  er das  Kleinbürgertum vertritt,  also eine  Ü b e r-
       g a n g s k l a s s e,   worin die Interessen zweier Klassen sich
       zugleich  abstumpfen,   dünkt  sich   über  den  Klassengegensatz
       überhaupt erhaben.  Die Demokraten  geben zu,  daß eine  privile-
       gierte Klasse  ihnen gegenübersteht,  aber  sie  mit  der  ganzen
       übrigen Umgebung  der Nation  bilden das   V o l k.  Was sie ver-
       treten, ist  das  V o l k s r e c h t;  was sie interessiert, ist
       das   V o l k s i n t e r e s s e .  Sie brauchen daher bei einem
       bevorstehenden Kampfe die Interessen und Stellungen der verschie-
       denen Klassen  nicht zu  prüfen. Sie brauchen ihre eigenen Mittel
       nicht allzu  bedenklich abzuwägen.  Sie haben eben nur das Signal
       zu geben, damit das  V o l k  mit allen
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       1 ernst
       
       #145# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       seinen unerschöpflichen  Ressourcen über die  D r ä n g e r  her-
       falle. Stellen sich nun in der Ausführung ihre Interessen als un-
       interessant und ihre Macht als Ohnmacht heraus, so liegt das ent-
       weder an  verderblichen Sophisten,  die das   u n t e i l b a r e
       V o l k  in verschiedene feindliche Lager spalten, oder die Armee
       war zu vertiert und zu verblendet, um die reinen Zwecke der Demo-
       kratie als  ihr eignes  Beste zu  begreifen, oder an einem Detail
       der Ausführung ist das Ganze gescheitert, oder aber ein unvorher-
       gesehener Zufall hat für diesmal die Partie vereitelt. Jedenfalls
       geht der  Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Nieder-
       lage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der
       neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst
       und seine  Partei den  alten Standpunkt aufzugeben, sondern umge-
       kehrt, daß die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.
       Man muß  sich daher die dezimierte, gebrochene und durch das neue
       parlamentarische Reglement  gedemütigte Montagne nicht gar zu un-
       glücklich vorstellen.  Wenn der  13. Juni  ihre  Chefs  beseitigt
       hatte, so  macht  er  andrerseits  untergeordneteren  Kapazitäten
       Platz, denen  diese neue Stellung schmeichelt. Wenn ihre Machtlo-
       sigkeit im Parlamente nicht mehr bezweifelt werden konnte, so wa-
       ren sie  nun auch  berechtigt, ihre  Tat auf Ausbrüche sittlicher
       Entrüstung und  polternde Deklamation  zu beschränken.  Wenn  die
       Ordnungspartei in  ihnen als den letzten offiziellen Repräsentan-
       ten der Revolution alle Schrecken der Anarchie verkörpert zu sehn
       vorgab, so  konnten sie in der Wirklichkeit desto platter und be-
       scheidener sein. Über den 13. Juni aber vertrösteten sie sich mit
       der tiefen  Wendung: Aber  wenn man  das allgemeine Wahlrecht an-
       zugreifen wagt,  aber dann! Dann werden wir zeigen, wer wir sind.
       Nous verrons. 1*)
       Was die  ins Ausland geflüchteten Montagnards betrifft, so genügt
       es hier  zu bemerken, daß Ledru-Rollin, weil es ihm gelungen war,
       in kaum  zwei Wochen  die mächtige  Partei, an  deren  Spitze  er
       stand, rettungslos  zu ruinieren,  sich nun  berufen  fand,  eine
       französische Regierung  in partibus  [2] zu bilden; daß seine Fi-
       gur, in  der Ferne,  vom Boden  der Aktion weggehoben, im Maßstab
       als das Niveau der Revolution sank und die offiziellen Größen des
       offiziellen Frankreichs  zwerghafter wurden,  an Größe zu wachsen
       schien; daß  er als republikanischer Prätendent für 1852 figurie-
       ren konnte,  daß er periodische Rundschreiben an die Walachen und
       andere Völker  erließ, worin den Despoten des Kontinents mit sei-
       nen und  seiner Verbündeten  Taten gedroht  wird. Hatte  Proudhon
       ganz unrecht,  wenn er diesen Herren zurief: "Vous n'êtes que des
       blagueurs" 2*)?
       -----
       1*) Wir werden sehen. - 2*) "Ihr seid nichts als Aufschneider"
       
       #146# Karl Marx
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       Die Ordnungspartei  hatte am  13. Juni nicht nur die Montagne ge-
       brochen, sie  hatte die   U n t e r o r d n u n g   d e r  K o n-
       s t i t u t i o n   u n t e r   d i e    M a j o r i t ä t s b e-
       s c h l ü s s e    d e r    N a t i o n a l v e r s a m m l u n g
       durchgesetzt.  Und   so  verstand   sie  die  Republik:  daß  die
       Bourgeoisie hier  in parlamentarischen  Formen herrsche, ohne wie
       in der  Monarchie an  dem Veto  der Exekutivgewalt  oder  an  der
       Auflösbarkeit des Parlaments eine Schranke zu finden. Das war die
       p a r l a m e n t a r i s c h e  R e p u b l i k,  wie Thiers sie
       nannte. Aber  wenn die  Bourgeoisie am  13.  Juni  ihre  Allmacht
       innerhalb des  Parlamentsgebäudes sicherte,  schlug sie nicht das
       Parlament selbst, der Exekutivgewalt und dem Volke gegenüber, mit
       unheilbarer Schwäche,  indem sie  den populärsten  Teil desselben
       ausstieß? indem sie zahlreiche Deputierte ohne weitere Zeremonien
       der  Requisition  der  Parkette  preisgab,  hob  sie  ihre  eigne
       parlamentarische   Unverletzlichkeit    auf.   Das    demütigende
       Reglement, dem  sie die  Montagne unterwarf,  erhöht in demselben
       Maße den Präsidenten der Republik, als es den einzelnen Repräsen-
       tanten des  Volks herabdrückt.  Indem sie  die  Insurrektion  zum
       Schutz der  konstitutionellen Verfassung als anarchische, auf den
       Umsturz der  Gesellschaft abzweckende  Tat brandmarkt, verbot sie
       sich  selbst   den  Appell   an  die   Insurrektion,  sobald  die
       Exekutivgewalt ihr  gegenüber die Verfassung verletzen würde. Und
       die Ironie  der Geschichte will, daß der General, der im Auftrage
       Bonapartes Rom  bombardiert und so den unmittelbaren Anlaß zu der
       konstitutionellen Emeute vom 13. Juni gegeben hat, daß Oudinot am
       2. Dezember 1851 dem Volke von der Ordnungspartei flehentlich und
       vergeblich als General der Konstitution gegen Bonaparte angeboten
       werden muß.  Ein andrer  Held des  13. Juni,  Vieyra, der von der
       Tribüne der  Nationalversammlung Lob  einerntet  für  die  Bruta-
       litäten, die  er in  demokratischen Zeitungslokalen an der Spitze
       einer der  hohen  Finanz  angehörigen  Rotte  von  Nationalgarden
       verübt  hatte,  dieser  selbe  Vieyra  war  in  die  Verschwörung
       Bonapartes eingeweiht  und trug  wesentlich dazu  bei,  in  ihrer
       Todesstunde der  Nationalversammlung jeden  Schutz von seiten der
       Nationalgarde abzuschneiden.
       Der 13.  Juni hatte  noch einen  andern Sinn.  Die Montagne hatte
       Bonapartes Versetzung  in Anklagezustand  ertrotzen wollen.  Ihre
       Niederlage war  also ein direkter Sieg Bonapartes, sein persönli-
       cher Triumph  über seine  demokratischen Feinde.  Die Partei  der
       Ordnung erfocht den Sieg, Bonaparte hatte ihn nur einzukassieren.
       Er tat  es. Am  14. Juni  war eine Proklamation an den Mauern von
       Paris zu  lesen, worin  der Präsident, gleichsam ohne sein Zutun,
       widerstrebend, durch  die bloße  Macht der  Ereignisse gezwungen,
       aus seiner  klösterlichen Abgeschiedenheit  hervortritt, als ver-
       kannte Tugend  über die  Verleumdungen seiner  Widersacher klagt,
       und während er seine Person mit
       
       #147# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       der Sache der Ordnung zu identifizieren scheint, vielmehr die Sa-
       che der  Ordnung mit seiner Person identifiziert. Zudem hatte die
       Nationalversammlung die  Expedition gegen  Rom zwar  nachträglich
       gebilligt, aber  Bonaparte hatte  die Initiative  dazu ergriffen.
       Nachdem er  den Hohepriester  Samuel in den Vatikan wieder einge-
       führt, konnte  er hoffen, als König David die Tuilerien zu bezie-
       hen. [91] Er hatte die Pfaffen gewonnen.
       Die Erneute  vom 13.  Juni beschränkte  sich, wie wir gesehn, auf
       eine friedliche  Straßenprozession. Es waren also keine kriegeri-
       schen Lorbeeren  gegen sie  zu gewinnen.  Nichtsdestoweniger,  in
       dieser helden-  und ereignisarmen  Zeit verwandelte die Ordnungs-
       partei diese  Schlacht ohne  Blutvergießen in ein zweites Auster-
       litz [92]. Tribüne und Presse priesen die Armee als die Macht der
       Ordnung gegenüber  den Volksmassen  als der Ohnmacht der Anarchie
       und den Changarnier als das "Bollwerk der Gesellschaft". Mystifi-
       kation, an  die er  schließlich selbst glaubte. Unterderhand aber
       wurden die Korps, die zweideutig schienen, aus Paris verlegt, die
       Regimenter, deren  Wahlen am  demokratischsten ausgefallen waren,
       aus Frankreich  nach Algier  verbannt, die  unruhigen Köpfe unter
       den Truppen in Strafabteilungen verwiesen, endlich die Absperrung
       der Presse  von der  Kaserne und der Kaserne von der bürgerlichen
       Gesellschaft systematisch durchgeführt.
       Wir sind hier bei dem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte
       der französischen  Nationalgarde angelangt.  1830 hatte  sie  den
       Sturz der  Restauration entschieden.  Unter  Louis-Philippe  miß-
       glückte jede  Emeute, worin die Nationalgarde auf Seite der Trup-
       pen stand. Als sie in den Februartagen 1848 sich passiv gegen den
       Aufstand und  zweideutig gegen Louis-Philippe zeigte, gab er sich
       verloren und  war er  verloren. So schlug die Überzeugung Wurzel,
       daß die Revolution nicht  o h n e  und die Armee nicht  g e g e n
       die Nationalgarde  siegen könne.  Es war  dies der Aberglaube der
       Armee an die bürgerliche Allmacht. Die Juni tage 1848, wo die ge-
       samte Nationalgarde  mit den  Linientruppen die Insurrektion nie-
       derwarf, hatten den Aberglauben befestigt. Nach Bonapartes Regie-
       rungsantritt sank  die Stellung  der  Nationalgarde  einigermaßen
       durch die  konstitutionswidrige Vereinigung  ihres Kommandos  mit
       dem Kommando  der ersten  Militärdivision in  der Person Changar-
       niers.
       Wie das Kommando über die Nationalgarde hier als ein Attribut des
       militärischen Oberbefehlshabers  erschien, so sie selbst nur noch
       als Anhang der Linientruppen. Am 13.Juni endlich wurde sie gebro-
       chen: nicht  nur durch  ihre teilweise  Auflösung, die  sich seit
       dieser Zeit  periodisch an  allen Punkten Frankreichs wiederholte
       und nur  Trümmer von  ihr zurückließ.  Die Demonstration  des 13.
       Juni war  vor allem  eine Demonstration der demokratischen Natio-
       nalgarden. Sie hatten zwar nicht ihre Waffen, wohl aber ihre Uni-
       formen
       
       #148# Karl Marx
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       der Armee gegenübergeführt, aber gerade in dieser Uniform saß der
       Talisman. Die Armee überzeugte sich, daß diese Uniform ein wolle-
       ner Lappen  wie ein  andrer war. Der Zauber ging verloren. In den
       Junitagen 1848 waren Bourgeoisie und Kleinbürgertum als National-
       garde mit  der Armee gegen das Proletariat vereinigt, am 13. Juni
       1849 ließ  die  Bourgeoisie  die  kleinbürgerliche  Nationalgarde
       durch die  Armee auseinandersprengen, am 2. Dezember 1851 war die
       Nationalgarde der  Bourgeoisie selbst verschwunden, und Bonaparte
       konstatierte nur dies Faktum, als er nachträglich ihr Auflösungs-
       dekret unterschrieb.  So hatte die Bourgeoisie selbst ihre letzte
       Waffe gegen  die Armee  zerbrochen, aber sie mußte sie zerbrechen
       von dem  Augenblicke, wo das Kleinbürgertum nicht mehr als Vasall
       hinter, sondern  als Rebell vor ihr stand, wie sie überhaupt alle
       ihre Verteidigungsmittel  gegen den  Absolutismus mit eigner Hand
       zerstören mußte, sobald sie selbst absolut geworden war.
       Die Ordnungspartei  feierte unterdes  die  Wiedereroberung  einer
       Macht, die  1848 nur verloren schien, um 1849 von ihren Schranken
       befreit wiedergefunden  zu werden, durch Invektiven gegen die Re-
       publik und die Konstitution, durch Verfluchung aller zukünftigen,
       gegenwärtigen und  vergangenen  Revolutionen,  die  eingerechnet,
       welche ihre  eignen Führer  gemacht hatten,  und in Gesetzen, wo-
       durch die  Presse geknebelt,  die Assoziation  vernichtet und der
       Belagerungszustand als  organisches Institut reguliert wurde. Die
       Nationalversammlung vertagte sich dann von Mitte August bis Mitte
       Oktober, nachdem  sie eine Permanenzkommission für die Zeit ihrer
       Abwesenheit ernannt hatte. Während dieser Ferien intrigierten die
       Legitimisten mit  Ems, die  Orleanisten mit  Claremont, Bonaparte
       durch prinzliche Rundreisen und die Departementalräte in Beratun-
       gen über  die Revision  der Verfassung-Vorfälle, die in den peri-
       odischen Ferien  der Nationalversammlung  regelmäßig wiederkehren
       und auf die ich erst eingehn will, sobald sie zu Ereignissen wer-
       den. Hier sei nur noch bemerkt, daß die Nationalversammlung unpo-
       litisch handelte,  als sie  für längere  Intervalle von der Bühne
       verschwand und  auf der  Spitze der  Republik nur  noch  e i n e,
       wenn auch klägliche Gestalt erblicken ließ, die Louis Bonapartes,
       während die Partei der Ordnung zum Skandale des Publikums in ihre
       royalistischen Bestandteile  auseinander- und  ihren sich  wider-
       streitenden Restaurationsgelüsten  nachging. Sooft während dieser
       Ferien der  verwirrende Lärm des  P a r l a m e n t s  verstummte
       und sein  Körper sich  in die Nation auflöste, zeigte sich unver-
       kennbar, daß  nur noch  e i n s  fehle, um die wahre Gestalt die-
       ser Republik  zu vollenden:  seine Ferien  permanent  machen  und
       i h r e  Aufschrift: liberté, égalité, fraternité, ersetzen durch
       die unzweideutigen Worte: Infanterie, Kavallerie, Artillerie!
       
       #149#
       -----
       IV
       
       Mitte Oktober  1849 trat die Nationalversammlung wieder zusammen.
       Am 1.  November überraschte  Bonaparte sie  mit einer  Botschaft,
       worin er  die Entlassung  des Ministeriums Barrot-Falloux und die
       Bildung eines  neuen Ministeriums  anzeigte. Man  hat Lakaien nie
       mit weniger Zeremonien aus dem Dienste gejagt als Bonaparte seine
       Minister. Die Fußtritte, die der Nationalversammlung bestimmt wa-
       ren, erhielt vorläufig Barrot u. Komp.
       Das Ministerium  Barrot war, wie wir gesehen haben, aus Legitimi-
       sten und  Orleanisten zusammengesetzt,  ein Ministerium  der Ord-
       nungspartei. Bonaparte hatte desselben bedurft, um die republika-
       nische Konstituante  aufzulösen, die  Expedition gegen Rom zu be-
       werkstelligen und  die demokratische  Partei zu  brechen.  Hinter
       diesem Ministerium hatte er sich scheinbar eklipsiert, die Regie-
       rungsgewalt in  die Hände  der Ordnungspartei  abgetreten und die
       bescheidene Charaktermaske angelegt, die unter Louis-Philippe der
       verantwortliche Gérant  der Zeitungspresse  trug, die  Maske  des
       homme de paille 1*). Jetzt warf er eine Larve weg, die nicht mehr
       der leichte  Vorhang war, worunter er seine Physiognomie verstec-
       ken konnte,  sondern die eiserne Maske, die ihn verhinderte, eine
       eigne Physiognomie  zu zeigen.  Er hatte  das Ministerium  Barrot
       eingesetzt, um  im Namen  der Ordnungspartei  die republikanische
       Nationalversammlung zu  sprengen; er entließ es, um seinen eignen
       Namen von  der Nationalversammlung  der Ordnungspartei unabhängig
       zu erklären.
       An plausiblen Vorwänden zu dieser Entlassung fehlte es nicht. Das
       Ministerium Barrot vernachlässigte selbst die Anstandsformen, die
       den Präsidenten  der Republik  als eine Macht neben der National-
       versammlung hätten  erscheinen lassen. Während der Ferien der Na-
       tionalversammlung veröffentlichte  Bonaparte einen Brief an Edgar
       Ney, worin er das illiberale Auftreten
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       1*) Strohmannes
       
       #150# Karl Marx
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       des Papstes  zu mißbilligen  schien, wie er im Gegensatz zur Kon-
       stituante einen  Brief veröffentlicht hatte, worin er Oudinot für
       den Angriff auf die Römische Republik belobte. Als nun die Natio-
       nalversammlung das  Budget für  die römische Expedition votierte,
       brachte Victor  Hugo aus angeblichem Liberalismus jenen Brief zur
       Sprache. Die  Ordnungspartei erstickte  den Einfall, als ob Bona-
       partes Einfälle  irgendein politisches Gewicht haben könnten, un-
       ter verächtlich ungläubigen Ausrufungen. Keiner der Minister nahm
       den Handschuh für ihn auf. Bei einer andern Gelegenheit ließ Bar-
       rot mit  seinem bekannten  hohlen Pathos Worte der Entrüstung von
       der Rednerbühne  auf die  "abominablen Umtriebe" fallen, die nach
       seiner Aussage  in der  nächsten Umgebung des Präsidenten vorgin-
       gen. Endlich verweigerte das Ministerium, während es der Herzogin
       von Orléans  einen Witwengehalt  von der  Nationalversammlung er-
       wirkte, jeden Antrag auf Erhöhung der präsidentiellen Zivilliste.
       Und in  Bonaparte verschmolz  der kaiserliche Prätendent so innig
       mit dem heruntergekommenen Glücksritter, daß die eine große Idee,
       er sei  berufen, das Kaisertum zu restaurieren, stets von der an-
       dern ergänzt  ward, das  französische  Volk  sei  berufen,  seine
       Schulden zu zahlen.
       Das Ministerium Barrot-Falloux war das erste und letzte parlamen-
       tarische Ministerium,  das Bonaparte  ins Leben rief. Die Entlas-
       sung desselben  bildet daher einen entscheidenden Wendepunkt. Mit
       ihm verlor  die Ordnungspartei,  um ihn  nie wieder  zu  erobern,
       einen unentbehrlichen Posten für die Behauptung des parlamentari-
       schen Regimes,  die Handhabe der Exekutivgewalt. Man begreift so-
       gleich, daß  in einem Lande wie Frankreich, wo die Exekutivgewalt
       über ein  Beamtenheer von mehr als einer halben Million von Indi-
       viduen verfügt,  also eine  ungeheure Masse  von  Interessen  und
       Existenzen beständig  in der  unbedingtesten Abhängigkeit erhält,
       wo der Staat die bürgerliche Gesellschaft von ihren umfassendsten
       Lebensäußerungen bis zu ihren unbedeutendsten Regungen hinab, von
       ihren allgemeinsten  Daseinsweisen bis zur Privatexistenz der In-
       dividuen umstrickt, kontrolliert, maßregelt, überwacht und bevor-
       mundet, wo  dieser Parasitenkörper  durch die  außerordentlichste
       Zentralisation  eine   Allgegenwart,  Allwissenheit,   eine   be-
       schleunigte Bewegungsfähigkeit  und Schnellkraft gewinnt, die nur
       in der  hülflosen Unselbständigkeit,  in der  zerfahrenen Unförm-
       lichkeit des wirklichen Gesellschaftskörpers ein Analogon finden,
       daß in einem solchen Lande die Nationalversammlung mit der Verfü-
       gung über  die Ministerstellen  jeden wirklichen Einfluß verloren
       gab, wenn  sie nicht  gleichzeitig die  Staatsverwaltung  verein-
       fachte,  das   Beamtenheer  möglichst  verringerte,  endlich  die
       bürgerliche Gesellschaft  und die öffentliche Meinung ihre eignen
       von der  Regierungsgewalt unabhängigen  Organe  erschaffen  ließ.
       Aber das  m a t e r i e l l e  I n t e r e s s e  der
       
       #151# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       französischen Bourgeoisie ist gerade auf das innigste mit der Er-
       haltung jener breiten und vielverzweigten Staatsmaschine verwebt.
       Hier bringt  sie ihre überschüssige Bevölkerung unter und ergänzt
       in der  Form von  Staatsgehalten, was  sie nicht  in der Form von
       Profiten, Zinsen,  Renten und  Honoraren einstecken kann. Andrer-
       seits zwang  ihr   p o l i t i s c h e s  I n t e r e s s e  sie,
       die Repression,  also die  Mittel und  das Personal  der  Staats-
       gewalt, täglich  zu vermehren,  während  sie  gleichzeitig  einen
       ununterbrochenen Krieg  gegen die  öffentliche Meinung führen und
       die selbständigen  Bewegungsorgane der  Gesellschaft  mißtrauisch
       verstümmeln, lähmen  mußte, wo  es ihr nicht gelang, sie gänzlich
       zu amputieren.  So war  die französische  Bourgeoisie durch  ihre
       Klassenstellung gezwungen, einerseits die Lebensbedingungen einer
       jeden,  also   auch  ihrer  eignen  parlamentarischen  Gewalt  zu
       vernichten,  andrerseits   die  ihr   feindliche   Exekutivgewalt
       unwiderstehlich zu machen.
       Das neue  Ministerium hieß  das Ministerium d'Hautpoul. Nicht als
       hätte General  d'Hautpoul den  Rang eines Ministerpräsidenten er-
       halten. Mit  Barrot schaffte  Bonaparte vielmehr  zugleich  diese
       Würde ab, die den Präsidenten der Republik allerdings zur legalen
       Nichtigkeit eines  konstitutionellen Königs verdammte, aber eines
       konstitutionellen Königs  ohne Thron  und ohne Krone, ohne Zepter
       und ohne  Schwert, ohne Unverantwortlichkeit, ohne den unverjähr-
       baren Besitz  der höchsten Staatswürde und, was das fatalste war,
       ohne Zivilliste.  Das Ministerium d'Hautpoul besaß nur einen Mann
       von parlamentarischem  Rufe, den Juden Fould, eins der berüchtig-
       sten Glieder der hohen Finanz. Ihm fiel das Finanzministerium an-
       heim. Man schlage die Pariser Börsennotationen nach, und man wird
       finden, daß vom 1. November 1849 an die französischen Fonds stei-
       gen und  fallen mit  dem Steigen und Fallen der bonapartistischen
       Aktien. Während Bonaparte so seinen Affiliierten in der Börse ge-
       funden hatte, bemächtigte er sich zugleich der Polizei durch Car-
       liers Ernennung zum Polizeipräfekten von Paris.
       Indes konnten  sich die Folgen des Ministerwechsels erst im Laufe
       der Entwicklung herausstellen. Zunächst hatte Bonaparte nur einen
       Schritt vorwärts  getan, um desto augenfälliger rückwärts getrie-
       ben zu werden. Seiner barschen Botschaft folgte die servilste Un-
       tertänigkeitserklärung an  die Nationalversammlung. Sooft die Mi-
       nister den schüchternen Versuch wagten, seine persönlichen Marot-
       ten als  Gesetzvorschläge einzubringen,  schienen sie  selbst nur
       widerwillig und durch ihre Stellung gezwungen, die komischen Auf-
       träge zu  erfüllen, von deren Erfolglosigkeit sie im voraus über-
       zeugt waren. Sooft Bonaparte im Rücken der Minister seine Absich-
       ten ausplauderte  und  mit  seinen  "idées  napoléoniennes"  [93]
       spielte, desavouierten  ihn die  eignen Minister  von der Tribüne
       der Nationalversammlung herab. Seine Usurpationsgelüste
       
       #152# Karl Marx
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       gelüste schienen  nur laut  zu werden, damit das schadenfrohe Ge-
       lächter seiner  Gegner nicht verstumme. Er gebärdete sich als ein
       verkanntes Genie, das alle Welt für einen Simpel ausgibt. Nie ge-
       noß er  in vollerem Maße die Verachtung aller Klassen als während
       dieser Periode.  Nie herrschte  die Bourgeoisie  unbedingter, nie
       trug sie prahlerischer die Insignien der Herrschaft zur Schau.
       Ich habe hier nicht die Geschichte ihrer gesetzgeberischen Tätig-
       keit zu schreiben, die sich während dieser Periode in zwei Geset-
       zen resümiert: in dem Gesetze, das die  W e i n s t e u e r  wie-
       derherstellt, in  dem   U n t e r r i c h t s g e s e t z e,  das
       den Unglauben  abschafft. [94] Wenn den Franzosen das Weintrinken
       erschwert, ward ihnen desto reichlicher vom Wasser des wahren Le-
       bens geschenkt.  Wenn die  Bourgeoisie in  dem Gesetze  über  die
       Weinsteuer das alte gehässige französische Steuersystem für unan-
       tastbar erklärt, suchte sie durch das Unterrichtsgesetz den alten
       Gemütszustand der  Massen zu  sichern, der  es ertragen ließ. Man
       ist erstaunt, die Orleanisten, die liberalen Bourgeois, diese al-
       ten Apostel des Voltairianismus und der eklektischen Philosophie,
       ihren Stammfeinden,  den Jesuiten,  die Verwaltung  des französi-
       schen Geistes anvertrauen zu sehn. Aber Orleanisten und Legitimi-
       sten konnten  in Beziehung  auf den Kronprätendenten auseinander-
       gehn, sie  begriffen, daß ihre vereinte Herrschaft die Unterdrüc-
       kungsmittel zweier  Epochen zu  vereinigen gebot,  daß die Unter-
       jochungsmittel der  Julimonarchie durch  die  Unterjochungsmittel
       der Restauration ergänzt und verstärkt werden mußten.
       Die Bauern,  in allen ihren Hoffnungen getäuscht, durch den nied-
       rigen Stand  der Getreidepreise  einerseits, durch  die wachsende
       Steuerlast und Hypothekenschuld andrerseits mehr als je erdrückt,
       begannen sich  in den Departements zu regen. Man antwortete ihnen
       durch eine  Hetzjagd auf  die Schulmeister,  die den Geistlichen,
       durch eine  Hetzjagd auf die Maires, die den Präfekten, und durch
       ein System  der Spionage,  dem alle  unterworfen wurden. In Paris
       und den großen Städten trägt die Reaktion selbst die Physiognomie
       ihrer Epoche  und fordert mehr heraus, als sie niederschlägt. Auf
       dem Lande  wird sie platt, gemein, kleinlich, ermüdend, plackend,
       mit einem  Worte Gendarm. Man begreift, wie drei Jahre vom Regime
       des Gendarmen,  eingesegnet durch das Regime des Pfaffen, unreife
       Massen demoralisieren mußten.
       Welche Summe  von Leidenschaft und Deklamation die Ordnungspartei
       von der Tribüne der Nationalversammlung herab gegen die Minorität
       aufwenden mochte, ihre Rede blieb einsilbig wie die des Christen,
       dessen Worte  sein sollen:  Ja, ja, nein, nein! Einsilbig von der
       Tribüne herab  wie in  der Presse. Fad wie ein Rätsel, dessen Lö-
       sung im voraus bekannt ist. Handelte es
       
       #153# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       sich um  Petitionsrecht oder  um Weinsteuer, um Preßfreiheit oder
       um Freihandel,  um Klubs  oder um  Munizipalverfassung, um Schutz
       der persönlichen  Freiheit oder um Regelung des Staatshaushaltes,
       das Losungswort  kehrt immer  wieder, das Thema bleibt immer das-
       selbe, der  Urteilsspruch ist immer fertig und lautet unveränder-
       lich: "Sozialismus!"  Für  s o z i a l i s t i s c h  wird selbst
       der bürgerliche  Liberalismus erklärt, für sozialistisch die bür-
       gerliche Aufklärung,  für sozialistisch die bürgerliche Finanzre-
       form. Es war sozialistisch, eine Eisenbahn zu bauen, wo schon ein
       Kanal vorhanden  war, und  es war  sozialistisch,  sich  mit  dem
       Stocke zu verteidigen, wenn man mit dem Degen angegriffen wurde.
       Es war  dies nicht  bloße Redeform, Mode, Parteitaktik. Die Bour-
       geoisie hatte die richtige Einsicht, daß alle Waffen, die sie ge-
       gen den  Feudalismus geschmiedet,  ihre Spitze  gegen sie  selbst
       kehrten, daß  alle Bildungsmittel,  die sie  erzeugt, gegen  ihre
       eigne Zivilisation  rebellierten, daß  alle Götter,  die sie  ge-
       schaffen, von  ihr abgefallen  waren. Sie begriff, daß alle soge-
       nannten  bürgerlichen   Freiheiten  und  Fortschrittsorgane  ihre
       K l a s s e n h e r r s c h a f t   zugleich an der gesellschaft-
       lichen Grundlage  und an der politischen Spitze angriffen und be-
       drohten, also  "sozialistisch" geworden  waren. In dieser Drohung
       und in  diesem Angriffe  fand sie mit Recht das Geheimnis des So-
       zialismus, dessen  Sinn und  Tendenz sie richtiger beurteilt, als
       der sogenannte  Sozialismus sich  selbst zu  beurteilen weiß, der
       daher nicht  begreifen kann,  wie die  Bourgeoisie sich verstockt
       gegen ihn verschließt, mag er nun sentimental über die Leiden der
       Menschheit winseln  oder christlich  das Tausendjährige Reich und
       die allgemeine Bruderliebe verkünden oder humanistisch von Geist,
       Bildung, Freiheit  faseln oder  doktrinär ein System der Vermitt-
       lung und  der Wohlfahrt  aller Klassen  aushecken. Was  sie  aber
       nicht begriff,  war die  Konsequenz, daß ihr  e i g n e s  p a r-
       l a m e n t a r i s c h e s  R e g i m e,  daß ihre  p o l i t i-
       s c h e   H e r r s c h a f t  überhaupt nun auch als  s o z i a-
       l i s t i s c h  dem allgemeinen Verdammungsurteil verfallen muß-
       te.  Solange   die  Herrschaft  der  Bourgeoisklasse  sich  nicht
       vollständig organisiert,  nicht ihren reinen politischen Ausdruck
       gewonnen hatte,  konnte auch  der Gegensatz  der  andern  Klassen
       nicht  rein   hervortreten,  und  wo  er  hervortrat,  nicht  die
       gefährliche Wendung  nehmen, die  jeden Kampf  gegen die  Staats-
       gewalt in  einen Kampf  gegen das Kapital verwandelt. Wenn sie in
       jeder Lebensregung der Gesellschaft die "Ruhe" gefährdet sah, wie
       konnte sie an der Spitze der Gesellschaft das  R e g i m e  d e r
       U n r u h e,   ihr eignes  Regime, das   p a r l a m e n t a r i-
       s c h e   R e g i m e   behaupten wollen, dieses Regime, das nach
       dem Ausdrucke  eines ihrer  Redner im  Kampfe und durch den Kampf
       lebt? Das  parlamentarische Regime  lebt von  der Diskussion, wie
       soll es  die Diskussion  verbieten? Jedes Interesse, jede gesell-
       schaftliche Einrichtung wird hier in
       
       #154# Karl Marx
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       allgemeine Gedanken verwandelt, als Gedanken verhandelt, wie soll
       irgendein Interesse,  eine Einrichtung  sich über  dem Denken be-
       haupten und  als Glaubensartikel  imponieren? Der Rednerkampf auf
       der Tribüne  ruft den  Kampf der Preßbengel hervor, der debattie-
       rende Klub  im Parlament  ergänzt sich  notwendig durch debattie-
       rende Klubs in den Salons und in den Kneipen, die Repräsentanten,
       die beständig  an die  Volksmeinung appellieren,  berechtigen die
       Volksmeinung, in  Petitionen ihre wirkliche Meinung zu sagen. Das
       parlamentarische Regime überläßt alles der Entscheidung der Majo-
       ritäten, wie  sollen die  großen Majoritäten  jenseits des Parla-
       ments nicht entscheiden wollen? Wenn ihr auf dem Gipfel des Staa-
       tes die  Geige streicht, was andres erwarten, als daß die drunten
       tanzen?
       Indem also  die Bourgeoisie,  was sie früher als "liberal" gefei-
       ert, jetzt  als "sozialistisch"  verketzert, gesteht sie ein, daß
       ihr eignes  Interesse gebietet,  sie der Gefahr des  S e l b s t-
       r e g i e r e n s   zu überheben,  daß, um die Ruhe im Lande her-
       zustellen, vor allem ihr Bourgeoisparlament zur Ruhe gebracht, um
       ihre  gesellschaftliche   Macht  unversehrt   zu  erhalten,  ihre
       politische Macht  gebrochen werden müsse; daß die Privatbourgeois
       nur fortfahren  können, die  andern Klassen  zu exploitieren  und
       sich ungetrübt  des Eigentums,  der Familie, der Religion und der
       Ordnung zu  erfreuen, unter  der Bedingung, daß ihre Klasse neben
       den andern  Klassen zu  gleicher politischer Nichtigkeit verdammt
       werde; daß, um ihren Beutel zu retten, die Krone ihr abgeschlagen
       und  das   Schwert,  das   sie  beschützen  solle,  zugleich  als
       Damoklesschwert über ihr eignes Haupt gehängt werden müsse.
       In dem  Bereiche der  allgemeinen bürgerlichen  Interessen zeigte
       sich die  Nationalversammlung so  unproduktiv, daß  z.B. die Ver-
       handlungen über die Paris-Avignoner Eisenbahn, die im Winter 1850
       begannen, am  2. Dezember  1851 noch nicht zum Schluß reif waren.
       Wo sie nicht unterdrückte, reagierte, war sie mit unheilbarer Un-
       fruchtbarkeit geschlagen.
       Während Bonapartes  Ministerium teils  die Initiative zu Gesetzen
       im Geiste  der Ordnungspartei  ergriff, teils  ihre Härte  in der
       Ausführung und  Handhabung noch  übertrieb, suchte er andrerseits
       durch kindisch  alberne Vorschläge Popularität zu erobern, seinen
       Gegensatz zur  Nationalversammlung zu  konstatieren und auf einen
       geheimen Hinterhalt  hinzudeuten, der  nur durch die Verhältnisse
       einstweilen verhindert  werde, dem französischen Volke seine ver-
       borgenen Schätze zu erschließen. So der Vorschlag, den Unteroffi-
       zieren eine  tägliche Zulage von vier Sous zu dekretieren. So der
       Vorschlag einer  Ehrenleihbank für  die Arbeiter.  Geld geschenkt
       und Geld  gepumpt zu  erhalten, das war die Perspektive, womit er
       die Massen  zu ködern  hoffte. Schenken  und Pumpen,  darauf  be-
       schränkt sich die Finanzwissenschaft des Lumpen
       proletariats,
       
       #155# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       des vornehmen  und des  gemeinen. Darauf  beschränkten  sich  die
       Springfedern, die  Bonaparte in Bewegung zu setzen wußte. Nie hat
       ein Prätendent platter auf die Plattheit der Massen spekuliert.
       Die  Nationalversammlung   brauste  wiederholt   auf  bei  diesen
       unverkennbaren Versuchen,  auf ihre  Kosten Popularität zu erwer-
       ben, bei  der wachsenden  Gefahr, daß  dieser Abenteurer, den die
       Schulden voranpeitschten  und kein  erworbener  Ruf  zurückhielt,
       einen verzweifelten Streich wagen werde. Die Verstimmung zwischen
       der Ordnungspartei und dem Präsidenten hatte einen drohenden Cha-
       rakter angenommen,  als ein  unerwartetes Ereignis  ihn reuig  in
       ihre Arme  zurückwarf. Wir  meinen die  Nachwahlen vom  10.  März
       1850. Diese  Wahlen fanden  statt, um  die Repräsentantenstellen,
       die nach  dem 13. Juni durch das Gefängnis oder das Exil erledigt
       worden waren,  wieder zu  besetzen. Paris wählte nur sozial-demo-
       kratische Kandidaten.  Es vereinte  sogar die meisten Stimmen auf
       einen Insurgenten  des Juni  1848, auf  de Flotte. So rächte sich
       das mit  dem Proletariat  alliierte  Pariser  Kleinbürgertum  für
       seine Niederlage  am 13.  Juni 1849.  Es schien im Augenblick der
       Gefahr nur  vom Kampfplatz  verschwunden zu sein, um ihn bei gün-
       stiger Gelegenheit mit massenhafteren Streitkräften und mit einer
       kühnern Kampfparole  wieder zu  betreten. Ein  Umstand schien die
       Gefahr dieses  Wahlsieges zu  erhöhen. Die Armee stimmte in Paris
       für den  Juni-Insurgenten gegen La Hitte, einen Minister Bonapar-
       tes, und in den Departements zum großen Teil für die Montagnards,
       die auch  hier, zwar nicht so entschieden wie in Paris, das Über-
       gewicht über ihre Gegner behaupteten.
       Bonaparte sah  sich plötzlich wieder die Revolution gegenüberste-
       hen. Wie am 29.Januar 1849, wie am 13. Juni 1849 verschwand er am
       10. März  1850 hinter  der Partei der Ordnung. Er beugte sich, er
       tat kleinmütig Abbitte, er erbot sich, auf Befehl der parlamenta-
       rischen Majorität  jedes beliebige  Ministerium zu  ernennen,  er
       flehte sogar  die orleanistischen und legitimistischen Parteifüh-
       rer, die  Thiers, die  Berryer, die  Broglie, die  Molé, kurz die
       sogenannten Burggrafen  [95], das Staatsruder in eigner Person zu
       ergreifen. Die  Partei der  Ordnung wußte diesen unwiederbringli-
       chen Augenblick  nicht zu benutzen. Statt sich kühn der angebote-
       nen Gewalt  zu bemächtigen, zwang sie Bonaparte nicht einmal, das
       am 1. November entlassene Ministerium wieder einzusetzen; sie be-
       gnügte sich,  ihn durch die Verzeihung zu demütigen und dem Mini-
       sterium d'Hautpoul  Herrn Baroche  beizugesellen. Dieser  Baroche
       hatte als  öffentlicher Ankläger,  das eine Mal gegen die Revolu-
       tionäre vom  15. Mai [37], das andre Mal gegen die Demokraten des
       13. Juni, vor dem Hochgerichte zu Bourges gewütet, beide Male we-
       gen Attentat auf die Nationalversammlung. Keiner der Minister Bo-
       napartes trug später mehr dazu bei, die
       
       #156# Karl Marx
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       Nationalversammlung herabzuwürdigen, und nach dem 2.Dezember 1851
       finden wir  ihn wieder als wohlbestallten und teuer bezahlten Vi-
       zepräsidenten des  Senats. Er  hatte den  Revolutionären  in  die
       Suppe gespuckt, damit Bonaparte sie aufesse.
       Die sozial-demokratische  Partei ihrerseits  schien nur nach Vor-
       wänden zu  haschen, um ihren eignen Sieg wieder in Frage zu stel-
       len Und ihm die Pointe abzubrechen. Vidal, einer der neuerwählten
       Pariser Repräsentanten,  war gleichzeitig  in  Straßburg  gewählt
       worden. Man  bewog ihn, die Wahl für Paris abzulehnen und die für
       Straßburg anzunehmen.  Statt also  ihrem Siege auf dem Wahlplatze
       einen  definitiven  Charakter  zu  geben  und  dadurch  die  Ord-
       nungspartei zu  zwingen, ihn sofort im Parlamente streitig zu ma-
       chen, statt so den Gegner im Augenblick des Volksenthusiasmus und
       der günstigen  Stimmung der Armee zum Kampfe zu treiben, ermüdete
       die demokratische  Partei Paris während der Monate März und April
       mit einer  neuen Wahlagitation, ließ die aufgeregten Volksleiden-
       schaften in  diesem abermaligen  provisorischen Stimmenspiel sich
       aufreiben, die revolutionäre Tatkraft in konstitutionellen Erfol-
       gen sich  sättigen, in kleinen Intrigen, hohlen Deklamationen und
       Scheinbewegungen verpuffen, die Bourgeoisie sich sammeln und ihre
       Vorkehrungen treffen, endlich die Bedeutung der Märzwahlen in der
       nachträglichen Aprilwahl,  in der  Wahl Eugène Sues, einen senti-
       mental abschwächenden  Kommentar finden.  Mit  einem  Worte,  sie
       schickte den 10. März in den April.
       Die parlamentarische  Majorität begriff  die Schwäche  ihres Geg-
       ners. Ihre siebzehn Burggrafen, denn Bonaparte hatte ihr die Lei-
       tung und die Verantwortlichkeit des Angriffs überlassen, arbeite-
       ten ein  neues Wahlgesetz  aus, dessen Vorlage dem Herrn Faucher,
       der sich  diese Ehre  ausbat, anvertraut wurde. Am 8. Mai brachte
       er das  Gesetz ein, wodurch das allgemeine Wahlrecht abgeschafft,
       ein dreijähriges Domizil an dem Orte der Wahl den Wählern als Be-
       dingung auferlegt,  endlich der  Nachweis dieses Domizils für die
       Arbeiter von  dem Zeugnisse  ihrer Arbeitgeber  abhängig  gemacht
       wurde.
       Wie revolutionär  die Demokraten  während  des  konstitutionellen
       Wahlkampfes aufgeregt  und getobt hatten, so konstitutionell pre-
       digten sie  jetzt, wo  es galt,  mit den  Waffen in  der Hand den
       Ernst jener  Wahlsiege zu  beweisen, Ordnung,  majestätische Ruhe
       (calme majestueux), gesetzliche Haltung, d.h. blinde Unterwerfung
       unter den Willen der Kontrerevolution, der sich als Gesetz breit-
       machte. Während  der Debatte  beschämte der  Berg die  Partei der
       Ordnung, indem  er gegen  ihre revolutionäre Leidenschaftlichkeit
       die leidenschaftslose Haltung des Biedermanns geltend machte, der
       den Rechtsboden  behauptet, und  indem er sie mit dem furchtbaren
       Vorwurfe zu Boden schlug,
       
       #157# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       daß sie  revolutionär verfahre. Selbst die neugewählten Deputier-
       ten bemühten  sich durch  anständiges und besonnenes Auftreten zu
       beweisen, welche  Verkennung es  war, sie als Anarchisten zu ver-
       schreien und  ihre Wahl als einen Sieg der Revolution auszulegen.
       Am 31.  Mai ging das neue Wahlgesetz durch. Die Montagne begnügte
       sich damit,  dem Präsidenten  einen  Protest  in  die  Tasche  zu
       schmuggeln. Dem  Wahlgesetz folgte  ein neues Preßgesetz, wodurch
       die revolutionäre  Zeitungspresse  vollständig  beseitigt  wurde.
       [96] Sie  hatte  ihr  Schicksal  verdient.  "National"  [74]  und
       "LaPresse" [97],  zwei bürgerliche  Organe, blieben  nach  dieser
       Sündflut als äußerste Vorposten der Revolution zurück.
       Wir haben  gesehn, wie die demokratischen Führer während März und
       April alles  getan hatten, um das Volk von Paris in einen Schein-
       kampf zu  verwickeln, wie  sie nach dem 8. Mai alles taten, um es
       vom wirklichen  Kampf abzuhalten.  Wir dürfen zudem nicht verges-
       sen, daß das Jahr 1850 eines der glänzendsten Jahre industrieller
       und kommerzieller Prosperität, also das Pariser Proletariat voll-
       ständig beschäftigt  war. Allein  das Wahlgesetz vom 31. Mai 1850
       schloß es  von aller  Teilnahme an der politischen Gewalt aus. Es
       schnitt ihm  das Kampfterrain  selbst ab. Es warf die Arbeiter in
       die Pariastellung  zurück, die sie vor der Februarrevolution ein-
       genommen hatten.  Indem sie  einem solchen  Ereignisse  gegenüber
       sich von  den Demokraten  lenken lassen und das revolutionäre In-
       teresse ihrer Klasse über einem augenblicklichen Wohlbehagen ver-
       gessen konnten,  verzichteten sie  auf die  Ehre, eine  erobernde
       Macht zu  sein, unterwarfen  sich ihrem Schicksale, bewiesen, daß
       die Niederlage  vom Juni  1848 sie für Jahre kampfunfähig gemacht
       und daß der geschichtliche Prozeß zunächst wieder  ü b e r  ihren
       Köpfen vor  sich gehen müsse. Was die kleinbürgerliche Demokratie
       betrifft, die  am 13.  Juni geschrien  hatte: "aber wenn erst das
       allgemeine Wahlrecht  angetastet wird,  aber dann!" - so tröstete
       sie sich jetzt damit, daß der kontrerevolutionäre Schlag, der sie
       getroffen, kein Schlag und das Gesetz vom 3I.Mai kein Gesetz sei.
       Am zweiten [Sonntag des Monats] Mai 1852 erscheint jeder Franzose
       auf dem Wahlplatze, in der einen Hand den Stimmzettel, in der an-
       dern das Schwert. Mit dieser Prophezeiung tat sie sich selbst Ge-
       nüge. Die  Armee endlich  wurde wie  für die  Wahlen vom  29. Mai
       1849, so  für die  vom März und April 1850 von ihren Vorgesetzten
       gezüchtigt. Diesmal sagte sie sich aber entschieden: "Die Revolu-
       tion prellt uns nicht zum dritten Mal."
       Das Gesetz  vom 31. Mai 1850 war der coup d'état der Bourgeoisie.
       Alle ihre bisherigen Eroberungen über die Revolution hatten einen
       nur provisorischen Charakter. Sie waren in Frage gestellt, sobald
       die jetzige  Nationalversammlung von der Bühne abtrat. Sie hingen
       von dem Zufall einer neuen
       
       #158# Karl Marx
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       allgemeinen Wahl  ab, und die Geschichte der Wahlen seit 1848 be-
       wies unwiderleglich,  daß in  demselben Maße,  wie die  faktische
       Herrschaft der  Bourgeoisie  sich  entwickelte,  ihre  moralische
       Herrschaft über  die  Volksmassen  verlorenging.  Das  allgemeine
       Wahlrecht erklärte  sich am  10. März direkt gegen die Herrschaft
       der Bourgeoisie,  die Bourgeoisie  antwortete mit der Ächtung des
       allgemeinen Wahlrechts.  Das Gesetz vom 31. Mai war also eine der
       Notwendigkeiten des  Klassenkampfes. Andrerseits  erheischte  die
       Konstitution, damit  die Wahl des Präsidenten der Republik gültig
       sei, ein  Minimum von  zwei Millionen Stimmen. Erhielt keiner der
       Präsidentschaftskandidaten dies  Minimum, so sollte die National-
       versammlung unter  den drei Kandidaten, denen die meisten Stimmen
       zufallen würden, den Präsidenten wählen. Zur Zeit, wo die Konsti-
       tuante dies  Gesetz machte,  waren zehn  Millionen Wähler auf den
       Stimmlisten eingeschrieben. In ihrem Sinne reichte also ein Fünf-
       tel der  Wahlberechtigten hin, um die Präsidentschaftswahl gültig
       zu machen.  Das Gesetz vom 31. Mai strich wenigstens drei Millio-
       nen Stimmen  von den  Wahllisten, reduzierte die Zahl der Wahlbe-
       rechtigten auf  sieben Millionen  und behielt  nichtsdestoweniger
       das gesetzliche  Minimum von  zwei Millionen  für die  Präsident-
       schaftswahl bei.  Es erhöhte also das gesetzliche Minimum von ei-
       nem Fünftel  auf beinahe  ein Drittel  der  wahlfähigen  Stimmen,
       d.h., es  tat alles,  um die  Präsidentenwahl aus  den Händen des
       Volkes in  die Hände der Nationalversammlung hinüberzuschmuggeln.
       So schien die Partei der Ordnung durch das Wahlgesetz vom 31. Mai
       ihre Herrschaft  doppelt befestigt  zu haben,  indem sie die Wahl
       der Nationalversammlung  und die des Präsidenten der Republik dem
       stationären Teil der Gesellschaft anheimgab.
       
       #159#
       -----
       V
       
       Der Kampf  brach sofort  wieder aus zwischen der Nationalversamm-
       lung und Bonaparte, sobald die revolutionäre Krise überdauert und
       das allgemeine Wahlrecht abgeschafft war.
       Die Konstitution  hatte das  Gehalt Bonapartes auf 600 000 Francs
       festgesetzt. Kaum  ein halbes  Jahr nach seiner Installierung ge-
       lang es  ihm, diese Summe auf das Doppelte zu erhöhn. Odilon Bar-
       rot ertrotzte  nämlich von  der konstituierenden Nationalversamm-
       lung einen  jährlichen Zuschuß  von 600 000 Francs für sogenannte
       Repräsentationsgelder. Nach dem 13. Juni hatte Bonaparte ähnliche
       Anliegen verlauten  lassen, ohne diesmal bei Barrot Gehör zu fin-
       den. Jetzt  nach dem  31. Mai  benutzte er  sofort den  günstigen
       Augenblick und  ließ seine Minister eine Zivilliste von drei Mil-
       lionen in der Nationalversammlung beantragen. Ein langes abenteu-
       erndes Vagabundenleben  hatte ihn  mit den  entwickeltsten  Fühl-
       hörnern begabt,  um die  schwachen Momente  herauszutasten, wo er
       seinen Bourgeois  Geld abpressen durfte. Er trieb förmliche chan-
       tage 1*). Die Nationalversammlung hatte die Volkssouveränität mit
       seiner Mithülfe  und seinem  Mitwissen geschändet.  Er drohte ihr
       Verbrechen dem  Volksgericht zu  denunzieren, falls sie nicht den
       Beutel ziehe  und sein Stillschweigen mit drei Millionen jährlich
       erkaufe. Sie hatte drei Millionen Franzosen ihres Stimmrechts be-
       raubt. Er  verlangte für  jeden außer  Kurs  gesetzten  Franzosen
       einen Kurs habenden Franken, genau drei Millionen Francs. Er, der
       Erwählte von sechs Millionen, fordert Schadenersatz für die Stim-
       men, um  die man  ihn nachträglich  geprellt habe. Die Kommission
       der Nationalversammlung wies den Zudringlichen ab. Die bonaparti-
       stische Presse  drohte. Konnte  die Nationalversammlung  mit  dem
       Präsidenten der  Republik brechen  in einem  Augenblicke, wo  sie
       prinzipiell und  definitiv mit  der Masse  der  Nation  gebrochen
       hatte? Sie verwarf zwar die jährliche Zivilliste, aber sie
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       1*) Erpressung
       
       #160# Karl Marx
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       bewilligte einen  einmaligen Zuschuß  von 2 160 000  Francs.  Sie
       machte sich  so der  doppelten Schwäche schuldig, das Geld zu be-
       willigen und zugleich durch ihren Ärger zu zeigen, daß sie es nur
       widerwillig bewillige.  Wir werden  später sehen,  wozu Bonaparte
       das Geld brauchte. Nach diesem ärgerlichen Nachspiel, das der Ab-
       schaffung des  allgemeinen Stimmrechts  auf dem  Fuße folgte  und
       worin Bonaparte seine demütige Haltung während der Krise des März
       und April  mit herausfordernder Unverschämtheit gegen das usurpa-
       torische Parlament  vertauschte, vertagte  sich die  Nationalver-
       sammlung für  drei Monate,  vom 11.  August bis 11. November. Sie
       ließ an  ihrer Stelle eine Permanenzkommission von 28 Mitgliedern
       zurück, die keinen Bonapartisten enthielt, wohl aber einige gemä-
       ßigte Republikaner.  Die Permanenzkommission vom Jahre 1849 hatte
       nur Männer der Ordnung und Bonapartisten gezählt. Aber damals er-
       klärte sich die Partei der Ordnung in Permanenz gegen die Revolu-
       tion. Diesmal  erklärte sich  die  parlamentarische  Republik  in
       Permanenz gegen  den Präsidenten.  Nach dem  Gesetze vom  31. Mai
       stand der Partei der Ordnung nur noch dieser Rival gegenüber.
       Als die Nationalversammlung im November 1850 wieder zusammentrat,
       schien statt  ihrer bisherigen  kleinlichen Plänkeleien  mit  dem
       Präsidenten ein  großer rücksichtsloser Kampf, ein Kampf der bei-
       den Gewalten auf Leben und Tod unvermeidlich geworden zu sein.
       Wie im Jahre 1849 war die Partei der Ordnung während der diesjäh-
       rigen Parlamentsferien  in ihre einzelnen Fraktionen auseinander-
       gegangen, jede  beschäftigt mit  ihren eignen Restaurationsintri-
       gen, die durch den Tod Louis-Philippes neue Nahrung erhalten hat-
       ten. Der Legitimistenkönig Heinrich V. [89] hatte sogar ein förm-
       liches Ministerium  ernannt, das  zu Paris  residierte und  worin
       Mitglieder der  Permanenzkommission saßen. Bonaparte war also be-
       rechtigt, seinerseits Rundreisen durch die französischen Departe-
       ments zu  machen und  je nach  der Stimmung der Stadt, die er mit
       seiner Gegenwart  beglückte, bald versteckter, bald offener seine
       eignen Restaurationspläne  auszuplaudern und  Stimmen für sich zu
       werben. Auf  diesen Zügen,  die der  große offizielle - Moniteur"
       und die  kleinen Privatmoniteure  Bonapartes natürlich  als  Tri-
       umphzüge feiern  mußten, war er fortwährend begleitet von Affili-
       ierten der  Gesellschaft des 1O. Dezember. Diese Gesellschaft da-
       tiert vom  Jahre 1849. Unter dem Vorwande, eine Wohltätigkeitsge-
       sellschaft zu  stiften, war  das Pariser Lumpenproletariat in ge-
       heime Sektionen  organisiert worden,  jede Sektion von bonaparti-
       stischen Agenten  geleitet, an der Spitze des Ganzen ein bonapar-
       tistischer General. Neben zerrütteten Roués 1*) mit zweideutigen
       -----
       1*) Wüstlingen
       
       #161# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Subsistenzmitteln und  von zweideutiger Herkunft, neben verkomme-
       nen und  abenteuernden Ablegern  der Bourgeoisie Vagabunden, ent-
       lassene Soldaten,  entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Ga-
       leerensklaven, Gauner,  Gaukler,  Lazzarotii,  Taschendiebe,  Ta-
       schenspieler, Spieler, Maquereaus 1*), Bordellhalter, Lastträger,
       Literaten, Orgeldreher,  Lumpensammler, Scherenschleifer, Kessel-
       flicker, Bettler,  kurz, die  ganze unbestimmte, aufgelöste, hin-
       und hergeworfene  Masse, die  die Franzosen la bohème nennen; mit
       diesem ihm  verwandten Elemente  bildete Bonaparte  den Stock der
       Gesellschaft vom  10.  Dezember.  "Wohltätigkeitsgesellschaft"  -
       insofern alle  Mitglieder gleich Bonaparte das Bedürfnis fühlten,
       sich auf  Kosten der  arbeitenden Nation  wohlzutun. Dieser Bona-
       parte, der  sich als   C h e f  d e s  L u m p e n p r o l e t a-
       r i a t s  konstituiert, der hier allein in massenhafter Form die
       Interessen wiederfindet,  die  er  persönlich  verfolgt,  der  in
       diesem Auswurf,  Abfall, Abhub  aller Klassen  die einzige Klasse
       erkennt, auf die er sich unbedingt stützen kann, er ist der wirk-
       liche Bonaparte,  der Bonaparte sans phrase 2*). Alter durchtrie-
       bener Roué,  faßt er  das geschichtliche Leben der Völker und die
       Haupt- und  Staatsaktionen derselben  als Komödie  im ordinärsten
       Sinne auf,  als eine  Maskerade, wo die großen Kostüme, Worte und
       Posituren nur der kleinlichsten Lumperei zur Maske dienen. So bei
       seinem Zuge nach Straßburg, wo ein geschulter Schweizer Geier den
       napoleonischen Adler  vorstellt. Für  seinen Einfall  in Boulogne
       steckt er  einige Londoner  Lakaien in französische Uniform. [98]
       Sie stellen  die Armee vor. In seiner Gesellschaft vom 10. Dezem-
       ber sammelt er 10000 Lumpenkerls, die das Volk vorstellen müssen,
       wie Klaus  Zettel den  Löwen. In  einem Augenblicke, wo die Bour-
       geoisie selbst  die vollständigste  Komödie spielte,  aber in der
       ernsthaftesten Weise  von der  Welt, ohne irgendeine der pedanti-
       schen Bedingungen der französischen dramatischen Etikette [99] zu
       verletzen, und  selbst halb  geprellt,  halb  überzeugt  von  der
       Feierlichkeit ihrer  eignen Haupt-  und Staatsaktionen, mußte der
       Abenteurer siegen,  der die  Komödie platt als Komödie nahm. Erst
       wenn er  seinen feierlichen  Gegner beseitigt  hat, wenn  er  nun
       selbst seine  kaiserliche Rolle  im  Ernste  nimmt  und  mit  der
       napoleonischen Maske  den wirklichen Napoleon vorzustellen meint,
       wird er  das Opfer  seiner eignen  Weltanschauung, der ernsthafte
       Hanswurst, der  nicht mehr  die Weltgeschichte  als eine Komödie,
       sondern seine  Komödie als  Weltgeschichte  nimmt.  Was  für  die
       sozialistischen Arbeiter  die Nationalateliers [100], was für die
       Bourgeois-Republikaner die  Gardes  mobiles  [71],  das  war  für
       Bonaparte  die   Gesellschaft   vom   10.   Dezember,   die   ihm
       eigentümliche Parteistreitkraft. Auf seinen Reisen mußten die auf
       der Eisenbahn verpackten
       -----
       1*) Zuhälter - 2*) ohne jede Beschönigung
       
       #162# Karl Marx
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       Abteilungen derselben ihm ein Publikum improvisieren, den öffent-
       lichen Enthusiasmus  aufführen, vive  l'Empereur 1*)  heulen, die
       Republikaner insultieren  und durchprügeln,  natürlich unter  dem
       Schutze der Polizei. Auf seinen Rückfahrten nach Paris mußten sie
       die Avantgarde  bilden, Gegendemonstrationen zuvorkommen oder sie
       auseinanderjagen. Die  Gesellschaft vom 10. Dezember gehörte ihm,
       sie war  s e i n  Werk, sein eigenster Gedanke. Was er sich sonst
       aneignet, gibt  ihm die  Macht der  Verhältnisse anheim,  was  er
       sonst tut, tun die Verhältnisse für ihn oder begnügt er sich, von
       den Taten  andrer zu  kopieren; aber  er, mit den offiziellen Re-
       densarten der  Ordnung, der  Religion, der Familie, des Eigentums
       öffentlich vor  den Bürgern,  hinter ihm die geheime Gesellschaft
       der Schufteries  und der Spiegelbergs [101], die Gesellschaft der
       Unordnung, der Prostitution und des Diebstahls, das ist Bonaparte
       selbst als Originalautor, und die Geschichte der Gesellschaft des
       10. Dezember  ist seine  eigne Geschichte. Es hatte sich nun aus-
       nahmsweise ereignet,  daß der  Ordnungspartei angehörige Volksre-
       präsentanten unter  die Stöcke  der Dezembristen  gerieten.  Noch
       mehr. Der  der Nationalversammlung zugewiesene, mit der Bewachung
       ihrer Sicherheit  beauftragte Polizeikommissär Yon zeigte auf die
       Aussage eines  gewissen Allais  hin der  Permanenzkommission  an,
       eine Sektion  der Dezembristen  habe die  Ermordung des  Generals
       Changarnier und  Dupins, des Präsidenten der Nationalversammlung,
       beschlossen und  zu deren  Vollstreckung schon die Individuen be-
       stimmt. Man  begreift den Schreck des Herrn Dupin. Eine parlamen-
       tarische Enquête über die Gesellschaft vom 10. Dezember, d.h. die
       Profanierung der Bonaparteschen Geheimwelt, schien unvermeidlich.
       Grade vor  dem Zusammentritt  der Nationalversammlung löste Bona-
       parte vorsorglich  seine Gesellschaft  auf, natürlich nur auf dem
       Papiere, denn noch Ende 1851 suchte der Polizeipräfekt Carlier in
       einem ausführlichen  Memoire ihn  vergeblich zur  wirklichen Aus-
       einanderjagung der Dezembristen zu bewegen.
       Die Gesellschaft vom 10. Dezember sollte so lange die Privatarmee
       Bonapartes bleiben,  bis es  ihm gelang, die öffentliche Armee in
       eine Gesellschaft  vom  10.  Dezember  zu  verwandeln.  Bonaparte
       machte hierzu  den ersten  Versuch kurz nach Vertagung der Natio-
       nalversammlung, und zwar mit dem eben ihr abgetrotzten Gelde. Als
       Fatalist lebt  er der  Überzeugung, daß  es gewisse höhere Mächte
       gibt, denen  der Mensch  und insbesondere der Soldat nicht wider-
       stehen kann.  Unter diese Mächte zählt er in erster Linie Zigarre
       und Champagner, kaltes Geflügel und Knoblauchswurst. Er traktiert
       daher in den Gemächern des Elysée zunächst Offiziere und Unterof-
       fiziere mit Zigarre und
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       1*) es lebe der Kaiser
       
       #163# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Champagner, mit kaltem Geflügel und Knoblauchswurst. Am 3.Oktober
       wiederholt er  dieses Manöver mit den Truppenmassen bei der Revue
       von St.  Maur und  am  10.  Oktober  dasselbe  Manöver  auf  noch
       größerer Stufenleiter  bei der  Armeeschau von  Satory. Der Onkel
       erinnerte sich  der Feldzüge  Alexanders in  Asien, der Neffe der
       Eroberungszüge des  Bacchus in  demselben  Lande.  Alexander  war
       allerdings ein  Halbgott, aber Bacchus war ein Gott, und dazu der
       Schutzgott der Gesellschaft vom 10. Dezember.
       Nach der  Revue vom  3. Oktober  lud die  Permanenzkommission den
       Kriegsminister d'Hautpoul  vor sich. Er versprach, jene Diszipli-
       narwidrigkeiten sollten sich nicht wiederholen. Man weiß, wie Bo-
       naparte am  10. Oktober  d'Hautpouls Wort hielt. In beiden Revuen
       hatte Changarnier  kommandiert als Oberbefehlshaber der Armee von
       Paris. Er,  zugleich Mitglied  der Permanenzkommission,  Chef der
       Nationalgarde, "Retter"  vom 29.  Januar und  13. Juni, "Bollwerk
       der Gesellschaft",  Kandidat der Ordnungspartei für die Präsiden-
       tenwürde, der  geahnte Monk  zweier Monarchien,  hatte bisher nie
       seine Unterordnung  unter den Kriegsminister anerkannt, die repu-
       blikanische Konstitution  stets offen verhöhnt, Bonaparte mit ei-
       ner zweideutig  vornehmen Protektion  verfolgt. Jetzt  eiferte er
       für die  Disziplin gegen den Kriegsminister und für die Konstitu-
       tion gegen  Bonaparte. Während am 10. Oktober ein Teil der Kaval-
       lerie den  Ruf: "Vive Napoléon! Vivent les saucissons!" 1*) ertö-
       nen ließ, veranstaltete Changarnier, daß wenigstens die unter dem
       Kommando seines  Freundes Neumayer  vorbeidefilierende Infanterie
       ein eisiges  Stillschweigen beobachtete. Zur Strafe entsetzte der
       Kriegsminister auf Bonapartes Antrieb den General Neumayer seines
       Postens in  Paris, unter dem Vorwand, ihn als Obergeneral der 14.
       und 15.Militärdivision zu bestallen. Neumayer schlug diesen Stel-
       lenwechsel aus  und mußte so seine Entlassung nehmen. Changarnier
       seinerseits veröffentlichte  am 2.  November  einen  Tagesbefehl,
       worin er  den Truppen  verbot, politische  Ausrufungen und Demon-
       strationen irgendeiner Art sich unter den Waffen zu erlauben. Die
       elyseeischen Blätter griffen Changarnier an, die Blätter der Ord-
       nungspartei Bonaparte,  die Permanenzkommission  wiederholte  ge-
       heime Sitzungen,  worin wiederholt beantragt wurde, das Vaterland
       in Gefahr  zu erklären, die Armee schien in zwei feindliche Lager
       geteilt mit  zwei feindlichen  Generalstäben, der eine im Elysée,
       wo Bonaparte, der andere in den Tuilerien, wo Changarnier hauste.
       Es schien  nur des  Zusammentritts der Nationalversammlung zu be-
       dürfen, damit  das Signal  zum Kampfe erschalle. Das französische
       Publikum beurteilte  diese Reibungen zwischen Bonaparte und Chan-
       garnier wie  jener englische  Journalist, der  sie mit  folgenden
       Worten charakterisiert hat:"
       -----
       1*) "Es lebe Napoleon! Es leben die Würste!"
       
       #164# Karl Marx
       -----
       "Die politischen  Hausmägde Frankreichs  kehren die glühende Lava
       der Revolution  mit alten  Besen weg und keifen sich aus, während
       sie ihre Arbeit verrichten."
       
       Unterdes beeilte sich Bonaparte, den Kriegsminister d'Hautpoul zu
       entsetzen, ihn  Hals über  Kopf nach  Algier zu  spedieren und an
       seine Stelle  General Schramm  zum Kriegsminister zu ernennen. Am
       12. November sandte er der Nationalversammlung eine Botschaft von
       amerikanischer Weitläufigkeit,  überladen mit  Details, ordnungs-
       duftend, versöhnungslüstern, konstitutionellresigniert, von allem
       und jedem handelnd, nur nicht von den questions brûlantes 1*) des
       Augenblickes. Wie  im Vorbeigehen  ließ er  die Worte fallen, daß
       den ausdrücklichen Bestimmungen der Konstitution gemäß der Präsi-
       dent allein über die Armee verfüge. Die Botschaft schloß mit fol-
       genden hochbeteuernden Worten:
       
       "Frankreich verlangt vor allem andern Ruhe ... Allein durch einen
       Eid gebunden.  Werde ich mich innerhalb der engen Grenzen halten,
       die er  mir gezogen  hat ... Was mich betrifft, vom Volke erwählt
       und ihm allein meine Macht schuldend, ich werde mich stets seinem
       gesetzlich ausgedrückten  Willen fügen.  Beschließt Ihr in dieser
       Sitzung die  Revision der  Konstitution, so wird eine konstituie-
       rende Versammlung  die Stellung  der  Exekutivgewalt  regeln.  Wo
       nicht, so  wird das  Volk 1852 feierlich seinen Entschluß verkün-
       den. Was aber immer die Lösungen der Zukunft sein mögen, laßt uns
       zu einem  Verständnis kommen, damit niemals Leidenschaft, Überra-
       schung oder  Gewalt über  das Schicksal  einer großen Nation ent-
       scheiden ...  Was vor  allem  meine  Aufmerksamkeit  in  Anspruch
       nimmt, ist  nicht, zu  wissen, wer  1852 über Frankreich regieren
       wird, sondern die Zeit, die zu meiner Verfügung steht, so zu ver-
       wenden, daß  die Zwischenperiode  ohne Agitation und Störung vor-
       übergehe. Ich  habe mit  Aufrichtigkeit mein Herz vor Euch eröff-
       net, Ihr  werdet meiner  Offenheit mit Eurem Vertrauen antworten,
       meinem guten Streben durch Eure Mitwirkung, und Gott wird das üb-
       rige tun."
       
       Die honette,  heuchlerisch gemäßigte, tugendhaft gemeinplätzliche
       Sprache der  Bourgeoisie offenbart  ihren tiefsten  Sinn im Munde
       des Selbstherrschers  der Gesellschaft  vom 10.  Dezember und des
       Picknickhelden von St-Maur und Satory.
       Die Burggrafen  der Ordnungspartei  täuschten sich  keinen Augen-
       blick über  das Vertrauen,  das diese  Herzenseröffnung verdiene.
       Über Eide  waren sie längst blasiert, sie zählten Veteranen, Vir-
       tuosen des  politischen Meineids  in ihrer  Mitte, sie hatten die
       Stelle über die Armee nicht überhört. Sie bemerkten mit Unwillen,
       daß die  Botschaft in  der weitschweifigen  Aufzählung der jüngst
       erlassenen Gesetze  das wichtigste  Gesetz, das  Wahlgesetz,  mit
       affektierten
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       1*) brennenden Fragen
       
       #165# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Stillschweigen überging  und vielmehr  im Falle der Nichtrevision
       der Verfassung  die Wahl  des Präsidenten  für 1852 dem Volke an-
       heimstellte. Das  Wahlgesetz war  die Bleikugel  an den Füßen der
       Ordnungspartei, die sie am Gehen verhinderte und nun gar am Stür-
       men! Zudem  hatte Bonaparte  durch die amtliche Auflösung der Ge-
       sellschaft vom  10. Dezember  und die  Entlassung des Kriegsmini-
       sters d'Hautpoul  die Sündenböcke  mit eigener Hand auf dem Altar
       des Vaterlandes  geopfert. Er  hatte der erwarteten Kollision die
       Spitze abgebrochen.  Endlich  suchte  die  Ordnungspartei  selbst
       ängstlich jeden entscheidenden Konflikt mit der Exekutivgewalt zu
       umgehen, abzuschwächen,  zu vertuschen. Aus Furcht, die Eroberun-
       gen über  die Revolution zu verlieren, ließ sie ihren Rivalen die
       Früchte derselben gewinnen. "Frankreich verlangt vor allem andern
       Ruhe." So rief die Ordnungspartei der Revolution seit Februar zu,
       so rief  Bonapartes Botschaft  der Ordnungspartei zu. "Frankreich
       verlangt vor  allem Ruhe."  Bonaparte beging  Handlungen, die auf
       Usurpation  hinzielten,   aber  die   Ordnungspartei  beging  die
       "Unruhe", wenn  sie Lärm über diese Handlungen schlug und sie hy-
       pochondrisch auslegte.  Die Würste  von Satory  waren  mausstill,
       wenn niemand  von ihnen  sprach. "Frankreich  verlangt vor  allem
       Ruhe." Also  verlangte Bonaparte,  daß  man  ihn  ruhig  gewähren
       lasse, und  die parlamentarische  Partei war von doppelter Furcht
       gelähmt,  von   der  Furcht,   die  revolutionäre  Unruhe  wieder
       heraufzubeschwören, von  der Furcht,  selbst als der Unruhstifter
       in den Augen ihrer eignen Klasse, in den Augen der Bourgeoisie zu
       erscheinen. Da  Frankreich also  vor allem andern Ruhe verlangte,
       wagte die  Ordnungspartei nicht, nachdem Bonaparte in seiner Bot-
       schaft "Frieden"  gesprochen hatte, "Krieg" zu antworten. Das Pu-
       blikum, das  sich mit  großen Skandalszenen bei Eröffnung der Na-
       tionalversammlung geschmeichelt  hatte, wurde in seinen Erwartun-
       gen geprellt. Die Oppositionsdeputierten, welche Vorlage der Pro-
       tokolle der  Permanenzkommission über  die Oktoberereignisse ver-
       langten, wurden  von der Majorität überstimmt. Man floh prinzipi-
       ell alle Debatte, die aufregen konnte. Die Arbeiten der National-
       versammlung während  November und Dezember 1850 waren ohne Inter-
       esse.
       Endlich gegen  Ende Dezember begann der Guerillakrieg um einzelne
       Prärogativen des Parlaments. In kleinlichen Schikanen um die Prä-
       rogative der beiden Gewalten versumpfte die Bewegung, seitdem die
       Bourgeoisie mit  der Abschaffung  des allgemeinen  Wahlrechts den
       Klassenkampf zunächst abgemacht hatte.
       Gegen Mauguin,  einen der Volksrepräsentanten, war schuldenhalber
       ein gerichtliches  Urteil erwirkt  worden. Auf  Anfrage  des  Ge-
       richtspräsidenten erklärte der Justizminister Rouher, es sei ohne
       weitere Umstände ein Verhaftsbefehl
       
       #166# Karl Marx
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       gegen den  Schuldner auszufertigen.  Mauguin wurde  also  in  den
       Schuldturm geworfen. Die Nationalversammlung brauste auf, als sie
       das Attentat  erfuhr. Sie  verordnete nicht  nur seine  sofortige
       Freilassung, sondern ließ ihn auch noch denselben Abend von ihrem
       greffier 1*)  gewaltsam aus  Clichy herausholen.  Um jedoch ihren
       Glauben an  die Heiligkeit  des Privateigentums  zu bewähren, und
       mit dem  Hintergedanken, im Notfall ein Asyl für lästig gewordene
       Montagnards [60]  zu eröffnen,  erklärte sie  die Schuldhaft  von
       Volksrepräsentanten nach vorheriger Einholung ihrer Erlaubnis für
       zulässig. Sie  vergaß zu  dekretieren,  daß  auch  der  Präsident
       schuldenhalber eingesperrt  werden  könne.  Sie  vernichtete  den
       letzten Schein von Unverletzlichkeit, der die Glieder ihres eige-
       nen Körpers umgab.
       Man erinnert  sich, daß der Polizeikommissär Yon eine Sektion der
       Dezembristen auf  Aussage eines  gewissen Allais  hin wegen Mord-
       plans auf  Dupin und  Changarnier denunziert hatte. Gleich in der
       ersten Sitzung  machten die  Quästoren [86] mit Bezug hierauf den
       Vorschlag, eine  eigne parlamentarische Polizei zu bilden, besol-
       det aus dem Privatbudget der Nationalversammlung und durchaus un-
       abhängig von dem Polizeipräfekten. Der Minister des Innern, Baro-
       che, hatte gegen diesen Eingriff in sein Ressort protestiert. Man
       schloß darauf  einen elenden  Kompromiß, wonach  der  Polizeikom-
       missär der  Versammlung zwar  aus ihrem Privatbudget besoldet und
       von ihren  Quästoren ein-  und abgesetzt  werden solle, aber nach
       vorheriger Verständigung mit dem Minister des Innern. Unterdessen
       war Allais  gerichtlich von  der Regierung  verfolgt worden,  und
       hier war  es leicht,  seine Aussage  als eine  Mystifikation dar-
       zustellen und durch den Mund des öffentlichen Anklägers einen lä-
       cherlichen Schein  auf Dupin,  Changarnier, Yon und die ganze Na-
       tionalversammlung zu werfen. Jetzt, am 29. Dezember, schreibt der
       Minister Baroche  einen Brief  an Dupin,  worin er die Entlassung
       Yons verlangt.  Das Büro  der Nationalversammlung beschließt, Yon
       in seiner  Stelle zu erhalten, aber die Nationalversammlung, über
       ihre Gewaltsamkeit  in Mauguins  Angelegenheit erschreckt und ge-
       wohnt, wenn sie einen Schlag gegen die Exekutivgewalt gewagt hat,
       zwei Schläge  von ihr im Austausch zurückzuerhalten, sanktioniert
       diesen Beschluß  nicht. Sie  entläßt  Yon  zur  Belohnung  seines
       Diensteifers und  beraubt sich  einer parlamentarischen  Präroga-
       tive, unerläßlich  gegen einen  Menschen, der  nicht in der Nacht
       beschließt, um  bei Tage auszuführen, sondern bei Tage beschließt
       und in der Nacht  2*) ausführt.
       Wir haben  gesehn, wie die Nationalversammlung während der Monate
       November und Dezember bei großen schlagenden Veranlassungen den
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       1*) vom Generalsekretär des Staatsrats - 2*) vom 1. zum 2. Dezem-
       ber 1851
       
       #167# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Kampf mit  der Exekutivgewalt  umging, niederschlug.  Jetzt sehen
       wir sie  gezwungen, ihn  bei den kleinlichsten Anlässen aufzuneh-
       men. In  der Angelegenheit  Mauguins bestätigt  sie dem  Prinzipe
       nach die  Schuldhaft der  Volksrepräsentanten, behält  sich  aber
       vor, es nur auf ihr mißliebige Repräsentanten anwenden zu lassen,
       und um  dieses infame  Privilegium hadert sie mit dem Justizmini-
       ster. Statt den angeblichen Mordplan zu benutzen, um eine Enquête
       über die Gesellschaft vom 10. Dezember zu verhängen und Bonaparte
       in seiner wahren Gestalt als das Haupt des Pariser Lumpenproleta-
       riats vor  Frankreich und  Europa rettungslos bloßzustellen, läßt
       sie die  Kollision auf  einen Punkt  herabsinken, wo es sich zwi-
       schen ihr  und dem Minister des Innern nur noch darum handelt, zu
       wessen Kompetenz  die Ein-  und Absetzung eines Polizeikommissärs
       gehört. So  sehn wir die Partei der Ordnung während dieser ganzen
       Periode durch  ihre zweideutige  Stellung gezwungen,  ihren Kampf
       mit der  Exekutivgewalt in kleinliche Kompetenzzwiste, Schikanen,
       Rabulistereien, Grenzstreitigkeiten  zu verpuffen, zu verbröckeln
       und die  abgeschmacktesten Formfragen  zum Inhalt ihrer Tätigkeit
       zu machen. Sie wagt die Kollision nicht aufzunehmen in dem Augen-
       blicke, wo  sie eine prinzipielle Bedeutung hat, wo die Exekutiv-
       gewalt sich wirklich bloßgestellt hat und die Sache der National-
       versammlung die  nationale Sache  wäre. Sie würde dadurch der Na-
       tion eine  Marsch-Ordre ausstellen, und sie fürchtet nichts mehr,
       als daß  sich die  Nation bewege. Bei solchen Gelegenheiten weist
       sie daher  die Anträge der Montagne zurück und geht zur Tagesord-
       nung über. Nachdem die Streitfrage so in ihren großen Dimensionen
       aufgegeben ist, wartet die Exekutivgewalt ruhig den Zeitpunkt ab,
       wo sie  dieselbe bei  kleinlich unbedeutenden Anlässen wiederauf-
       nehmen kann,  wo sie sozusagen nur noch ein parlamentarisches Lo-
       kalinteresse bietet. Dann bricht die verhaltene Wut der Ordnungs-
       partei aus, dann reißt sie den Vorhang von den Kulissen, dann de-
       nunziert sie  den Präsidenten,  dann erklärt  sie die Republik in
       Gefahr, aber  dann erscheint auch ihr Pathos abgeschmackt und der
       Anlaß des  Kampfes als  heuchlerischer Vorwand oder überhaupt des
       Kampfes nicht  wert. Der  parlamentarische Sturm  wird  zu  einem
       Sturm in einem Glase Wasser, der Kampf zur Intrige, die Kollision
       zum Skandal. Während die Schadenfreude der revolutionären Klassen
       sich an  der Demütigung  der Nationalversammlung weidet, denn sie
       schwärmen ebensosehr  für die parlamentarischen Prärogativen der-
       selben wie  jene Versammlung für die öffentlichen Freiheiten, be-
       greift die  Bourgeoisie außerhalb  des Parlaments  nicht, wie die
       Bourgeoisie innerhalb des Parlaments ihre Zeit mit so kleinlichen
       Zänkereien vergeuden und die Ruhe durch so elende Rivalitäten mit
       dem Präsidenten  bloßstellen kann.  Sie wird  verwirrt über  eine
       Strategie, die in dem Augenblicke Frieden
       
       #168# Karl Marx
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       schließt, wo  alle Welt  Schlachten erwartet,  und in  dem Augen-
       blicke angreift, wo alle Welt den Frieden geschlossen glaubt.
       Am 20. Dezember interpellierte Pascal Duprat den Minister des In-
       nern  über   die  Goldbarrenlotterie.  Diese  Lotterie  war  eine
       "Tochter aus  Elysium" [102],  Bonaparte hatte sie mit seinen Ge-
       treuen auf  die Welt  gesetzt und  der Polizeipräfekt Carlier sie
       unter seine  offizielle Protektion gestellt, obgleich das franzö-
       sische Gesetz  alle Lotterien mit Ausnahme der Verlosung zu wohl-
       tätigen Zwecken untersagt. Sieben Millionen Lose, Stück für Stück
       ein Frank, der Gewinn angeblich bestimmt zur Verschiffung von Pa-
       riser Vagabunden  nach Kalifornien.  Einerseits  sollten  goldene
       Träume die  sozialistischen Träume  des Pariser Proletariats ver-
       drängen, die  verführerische Aussicht  auf das große Los das dok-
       trinäre Recht  auf Arbeit.  Die Pariser Arbeiter erkannten natür-
       lich in  dem Glänze der kalifornischen Goldbarren die unscheinba-
       ren Franken nicht wieder, die man ihnen aus der Tasche lockte. In
       der Hauptsache  aber handelte  es sich um eine direkte Prellerei.
       Die Vagabunden,  die kalifornische  Goldminen  eröffnen  wollten,
       ohne sich aus Paris wegzubemühn, waren Bonaparte selbst und seine
       schuldenzerrüttete Tafelrunde.  Die von  der  Nationalversammlung
       bewilligten drei  Millionen waren  verjubelt, die Kasse mußte auf
       eine oder  die andre Weise wieder gefüllt werden. Vergebens hatte
       Bonaparte zur Errichtung von sogenannten cités ouvrières 1*) eine
       Nationalsubskription eröffnet,  an deren Spitze er selbst mit ei-
       ner bedeutenden Summe figurierte. Die hartherzigen Bourgeois war-
       teten mißtrauisch  die Einzahlung  seiner Aktie  ab, und da diese
       natürlich nicht  erfolgte,  fiel  die  Spekulation  auf  die  so-
       zialistischen Luftschlösser  platt zu Boden. Die Goldbarren zogen
       besser. Bonaparte  und Genossen  begnügten sich  nicht damit, den
       Überschuß der  sieben Millionen  über die  auszuspielenden Barren
       teilweise in  die Tasche  zu stecken,  sie  fabrizierten  falsche
       Lose, sie  gaben auf  dieselbe Nummer  zehn, fünfzehn bis zwanzig
       Lose aus,  Finanzoperation im Geiste der Gesellschaft vom 10. De-
       zember! Hier  hatte die  Nationalversammlung nicht  den  fiktiven
       Präsidenten der Republik sich gegenüber, sondern den Bonaparte in
       Fleisch und  Blut. Hier  konnte sie  ihn auf  der Tat ertappen im
       Konflikte nicht mit der Konstitution, sondern mit dem Code pénal.
       Wenn sie  auf Duprats  Interpellation zur  Tagesordnung überging,
       geschah es nicht nur, weil Girardins Antrag, sich für "satisfait"
       2*) zu erklären, der Ordnungspartei ihre systematische Korruption
       ins Gedächtnis rief. Der Bourgeois, und vor allem der zum Staats-
       mann aufgeblähte  Bourgeois, ergänzt  seine praktische Gemeinheit
       durch eine  theoretische Überschwenglichkeit. Als Staatsmann wird
       er wie die
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       1*) Arbeitersiedlungen - 2*) "befriedigt"
       
       #169# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Staatsgewalt, die  ihm gegenübersteht, ein höheres Wesen, das nur
       in höherer, geweihter Weise bekämpft werden kann.
       Bonaparte, der  eben als Bohémien, als prinzlicher Lumpenproleta-
       rier den  Vorzug vor  dem schuftigen  Bourgeois hatte, daß er den
       Kampf gemein  führen konnte,  sah nun,  nachdem  die  Versammlung
       selbst ihn  über den  schlüpfrigen Boden der Militärbanketts, der
       Revuen, der  Gesellschaft vom  10. Dezember  und endlich des Code
       pénal mit  eigner Hand  hinübergeleitet hatte, den Augenblick ge-
       kommen, wo  er aus  der scheinbaren  Defensive in  die  Offensive
       übergehn konnte.  Wenig genierten  ihn die mittendurch spielenden
       kleinen Niederlagen des Justizministers, des Kriegsministers, des
       Marineministers, des  Finanzministers, wodurch  die  Nationalver-
       sammlung ihr knurriges Mißvergnügen kundgab. Er verhinderte nicht
       nur die Minister abzutreten und so die Unterwerfung der Exekutiv-
       gewalt unter  das Parlament anzuerkennen. Er konnte nun vollbrin-
       gen, womit er während der Ferien der Nationalversammlung begonnen
       hatte, die  Losreißung der  Militärgewalt vom Parlamente, die Ab-
       setzung Changarniers.
       Ein elyseeisches Blatt veröffentlichte einen Tagesbefehl, während
       des Monats  Mai angeblich an die erste Militärdivision gerichtet,
       also von  Changarnier ausgehend,  worin den  Offizieren empfohlen
       wurde, im Falle einer Empörung den Verrätern in ihren eignen Rei-
       hen kein  Quartier 1*) zu geben, sie sofort zu erschießen und der
       Nationalversammlung die Truppen zu verweigern, wenn sie dieselben
       requirieren sollte.  Am 3.  Januar 1851  wurde das  Kabinett über
       diesen Tagesbefehl  interpelliert. Es verlangt zur Prüfung dieser
       Angelegenheit erst  drei Monate,  dann eine  Woche,  endlich  nur
       vierundzwanzig Stunden  Bedenkzeit. Die  Versammlung besteht  auf
       sofortigem Aufschlüsse.  Changarnier erhebt sich und erklärt, daß
       dieser Tagesbefehl nie existiert habe. Er fügt hinzu, daß er sich
       stets beeilen  werde, den  Aufforderungen der Nationalversammlung
       nachzukommen, und  daß sie in einem Kollisionsfalle auf ihn rech-
       nen könne. Sie empfängt seine Erklärung mit unaussprechlichem Ap-
       plaus und  dekretiert ihm  ein Vertrauensvotum. Sie dankt ab, sie
       dekretiert ihre  eigne Machtlosigkeit und die Allmacht der Armee,
       indem sie  sich unter die Privatprotektion eines Generals begibt,
       aber der  General täuscht  sich, wenn er ihr gegen Bonaparte eine
       Macht zu  Gebot stellt,  die er nur als Lehen von demselben Bona-
       parte hält, wenn er seinerseits Schutz von diesem Parlamente, von
       seinem schutzbedürftigen  Schützlinge erwartet.  Aber Changarnier
       glaubt an  die mysteriöse  Macht, womit  ihn die Bourgeoisie seit
       dem 29. Januar 1849 ausgestattet. Er hält sich für die dritte Ge-
       walt neben den
       -----
       1*) keinen Pardon
       
       #170# Karl Marx
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       beiden übrigen Staatsgewalten. Er teilt das Schicksal der übrigen
       Helden oder  vielmehr Heiligen dieser Epoche, deren Größe eben in
       der interessierten  großen Meinung  besteht, die  ihre Partei von
       ihnen aufbringt, und die in Alltagsfiguren zusammenfallen, sobald
       die Verhältnisse sie einladen, Wunder zu verrichten. Der Unglaube
       ist überhaupt  der tödliche  Feind dieser  vermeinten Helden  und
       wirklichen Heiligen.  Daher ihre  würdevoll-sittliche  Entrüstung
       über die enthusiasmusarmen Witzlinge und Spötter.
       An demselben  Abende wurden die Minister nach dem Elysée beschie-
       den, Bonaparte  dringt auf die Absetzung Changarniers, fünf Mini-
       ster weigern  sich, sie  zu zeichnen, der "Moniteur" kündigt eine
       Ministerkrise an,  und die  Ordnungspresse droht  mit der Bildung
       einer parlamentarischen  Armee unter  dem Kommando  Changarniers.
       Die Partei  der Ordnung  hatte die  konstitutionelle Befugnis  zu
       diesem Schritte.  Sie brauchte  bloß Changarnier  zum Präsidenten
       der Nationalversammlung  zu ernennen  und eine beliebige Truppen-
       masse zu ihrer Sicherheit zu requirieren. Sie konnte es um so si-
       cherer, als Changarnier noch wirklich an der Spitze der Armee und
       der Pariser  Nationalgarde stand  und nur darauf lauerte, mitsamt
       der Armee requiriert zu werden. Die bonapartistische Presse wagte
       noch nicht  einmal, das Recht der Nationalversammlung zu direkter
       Requisition der  Truppen in  Frage zu  stellen, ein  juristischer
       Skrupel, der unter den gegebenen Verhältnissen keinen Erfolg ver-
       sprach. Daß  die Armee  dem Befehle  der Nationalversammlung  ge-
       horcht hätte,  ist wahrscheinlich, wenn man erwägt, daß Bonaparte
       acht Tage in ganz Paris suchen mußte, um endlich zwei Generale zu
       finden - Baraguay d'Hilliers und St-Jean-d'Angely -, die sich be-
       reit erklärten,  die Absetzung  Changarniers zu  kontrasignieren.
       Daß die  Ordnungspartei aber in ihren eignen Reihen und im Parla-
       mente die zu einem solchen Beschlüsse nötige Stimmenzahl gefunden
       hätte, ist  mehr als zweifelhaft, wenn man bedenkt, daß acht Tage
       später 286  Stimmen sich  von ihr  trennten und  daß die Montagne
       einen ähnlichen  Vorschlag noch  im Dezember 1851, in der letzten
       Stunde der Entscheidung, verwarf. Indessen wäre es vielleicht den
       Burggrafen jetzt  noch gelungen,  die Masse ihrer Partei zu einem
       Heroismus hinzureißen, der darin bestand, sich hinter einem Walde
       von Bajonetten  sicher zu fühlen und den Dienst einer Armee anzu-
       nehmen, die  in ihr  Lager desertiert  war. Statt  dessen begaben
       sich die Herren Burggrafen am Abende des 6. Januar ins Elysée, um
       durch staatskluge Wendungen und Bedenken Bonaparte von der Abset-
       zung Changarniers  abstehn zu machen. Wen man zu überreden sucht,
       den erkennt  man als  den Meister  der Situation  an.  Bonaparte,
       durch diesen  Schritt sicher  gemacht, ernennt  am 12. Januar ein
       neues Ministerium, worin die Führer des alten, Fould und Baroche,
       verbleiben. St-Jean-d'Angely
       
       #171# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       wird Kriegsminister,  der "Moniteur"  bringt das Absetzungsdekret
       Changarniers,  sein   Kommando  wird   geteilt   unter   Baraguay
       d'Hilliers, der  die erste  Militärdivision, und  Perrot, der die
       Nationalgarde erhält.  Das Bollwerk  der Gesellschaft  ist  abge-
       dankt, und wenn kein Stein darüber vom Dache fällt, steigen dage-
       gen die Börsenkurse.
       Indem sie die Armee, die sich ihr in Changarniers Person zur Ver-
       fügung stellt,  zurückstößt und so unwiderruflich dem Präsidenten
       überantwortet, erklärt  die Ordnungspartei,  daß die  Bourgeoisie
       den Beruf  zum Herrschen verloren hat. Es existierte bereits kein
       parlamentarisches Ministerium  mehr. Indem sie nun noch die Hand-
       habe der  Armee und  Nationalgarde verlor,  welches  Gewaltmittel
       blieb ihr,  um gleichzeitig  die usurpierte Gewalt des Parlaments
       über  das  Volk  und  seine  konstitutionelle  Gewalt  gegen  den
       Präsidenten zu behaupten? Keins. Es blieb ihr nur noch der Appell
       an gewaltlose Prinzipien, die sie selbst stets nur als allgemeine
       Regeln ausgelegt  hatte, die  man dritten  vorschreibt,  um  sich
       selbst desto freier bewegen zu können. Mit der Absetzung Changar-
       niers,  mit   dem  Anheimfall  der  Militärgewalt  an  Bonaparte,
       schließt der erste Abschnitt der Periode, die wir betrachten, der
       Periode des Kampfes zwischen der Ordnungspartei und der Exekutiv-
       gewalt. Der  Krieg zwischen  den beiden  Gewalten ist jetzt offen
       erklärt, wird offen geführt, aber erst nachdem die Ordnungspartei
       Waffen und  Soldaten verloren  hat. Ohne Ministerium, ohne Armee,
       ohne Volk,  ohne öffentliche  Meinung, seit  ihrem Wahlgesetz vom
       31. Mai nicht mehr die Repräsentantin der souveränen Nation, ohn'
       Aug', ohn'  Ohr, ohn'  Zahn, ohn' alles, hatte sich die National-
       versammlung allgemach  in  ein    a l t f r a n z ö s i s c h e s
       P a r l a m e n t  [103] verwandelt, das die Aktion der Regierung
       überlassen und  sich selbst  mit knurrenden  Remonstrationen post
       festum begnügen muß.
       Die Ordnungspartei empfängt das neue Ministerium mit einem Sturme
       der Entrüstung.  General Bedeau  ruft die Milde der Permanenzkom-
       mission während  der Ferien  ins Gedächtnis  zurück und die über-
       große Rücksicht,  womit sie auf die Veröffentlichung ihrer Proto-
       kolle verzichtet habe. Der Minister des Innern besteht nun selbst
       auf Veröffentlichung dieser Protokolle, die jetzt natürlich schal
       wie abgestandenes  Wasser geworden sind, keine neue Tatsache ent-
       hüllen und  ohne die  geringste Wirkung in das blasierte Publikum
       fallen. Auf Rémusats Vorschlag zieht sich die Nationalversammlung
       in ihre  Büros zurück  und ernennt ein "Komitee außerordentlicher
       Maßregeln". Paris tritt um so weniger aus dem Geleise seiner all-
       täglichen Ordnung,  als der  Handel in diesem Augenblicke prospe-
       riert, die  Manufakturen  beschäftigt  sind,  die  Getreidepreise
       niedrig stehn,  die Lebensmittel überfließen, die Sparkassen täg-
       lich neue  Depositen erhalten. Die "außerordentlichen Maßregeln",
       die das
       
       #172# Karl Marx
       -----
       Parlament so  geräuschvoll angekündigt  hat, verpuffen am 18. Ja-
       nuar in  ein Mißtrauensvotum gegen die Minister, ohne daß General
       Changarnier auch  nur erwähnt  wurde. Die  Ordnungspartei war  zu
       dieser Fassung  ihres Votums  gezwungen, um  sich die Stimmen der
       Republikaner zu  sichern, da  diese von allen Maßregeln des Mini-
       steriums gerade  nur die Absetzung Changarniers billigen, während
       die Ordnungspartei  in der  Tat die  übrigen ministeriellen  Akte
       nicht tadeln kann, die sie selbst diktiert hatte.
       Für das  Mißtrauensvotum vom 18. Januar entschieden 415 gegen 286
       Stimmen. Es  wurde also  nur durchgesetzt  durch eine  K o a l i-
       t i o n   der entschiedenen  Legitimisten und Orleanisten mit den
       reinen Republikanern  und der  Montagne. Es  bewies also, daß die
       Partei der  Ordnung nicht  nur das  Ministerium,  nicht  nur  die
       Armee, sondern in Konflikten mit Bonaparte auch ihre selbständige
       parlamentarische Majorität  verloren hatte,  daß  ein  Trupp  von
       Repräsentanten aus  ihrem  Lager  desertiert  war,  aus  Vermitt-
       lungsfanatismus, aus  Furcht vor  dem Kampfe, aus Abspannung, aus
       Familienrücksicht für  blutverwandte Staatsgehalte,  aus Spekula-
       tion auf  frei werdende  Ministerposten (Odilon  Barrot), aus dem
       platten Egoismus,  womit der  gewöhnliche Bourgeois stets geneigt
       ist, das  Gesamtinteresse seiner Klasse diesem oder jenem Privat-
       motive zu  opfern. Die  bonapartistischen Repräsentanten gehörten
       von vornherein der Ordnungspartei nur im Kampfe gegen die Revolu-
       tion. Der Chef der katholischen Partei, Montalembert, warf seinen
       Einfluß schon  damals in  die Waagschale Bonapartes, da er an der
       Lebensfähigkeit der  parlamentarischen Partei  verzweifelte.  Die
       Führer dieser  Partei endlich,  Thiers und Berryer, der Orleanist
       und Legitimist,  waren gezwungen,  sich offen als Republikaner zu
       proklamieren, zu  bekennen, daß ihr Herz königlich, aber ihr Kopf
       republikanisch gesinnt,  daß die  parlamentarische  Republik  die
       einzig mögliche  Form für  die Herrschaft  der  Gesamtbourgeoisie
       sei. Sie  waren so gezwungen, die Restaurationspläne, die sie un-
       verdrossen hinter  dem Rücken  des Parlaments  weiter verfolgten,
       vor den  Augen der Bourgeoisklasse selbst als eine ebenso gefahr-
       volle wie kopflose Intrige zu brandmarken.
       Das Mißtrauensvotum  vom 18.  Januar traf  die Minister und nicht
       den Präsidenten.  Aber nicht das Ministerium, der Präsident hatte
       Changarnier abgesetzt. Sollte die Ordnungspartei Bonaparte selbst
       in Anklagezustand  versetzen? Wegen  seiner Restaurationsgelüste?
       Sie ergänzten  nur ihre  eignen. Wegen seiner Konspiration in den
       Militärrevuen und  der Gesellschaft  vom 10. Dezember? Sie hatten
       diese Themata längst unter einfachen Tagesordnungen begraben. We-
       gen der Absetzung des Helden vom 29. Januar und vom 13. Juni, des
       Mannes, der  Mai 1850  im Falle einer Erneute Paris an allen vier
       Ecken in  Brand zu stecken drohte? Ihre Alliierten von der Monta-
       gne und
       
       #173# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Cavaignac erlaubten  ihnen nicht  einmal, das  gefallene BoIlwerk
       der Gesellschaft  durch eine  offizielle Beileidsbezeugung aufzu-
       richten. Sie  selbst konnten dem Präsidenten die konstitutionelle
       Befugnis, einen  General abzusetzen, nicht bestreiten. Sie tobten
       nur, weil  er von  seinem konstitutionellen Rechte einen unparla-
       mentarischen Gebrauch  machte. Hatten sie von ihrer parlamentari-
       schen Prärogative nicht fortwährend einen unkonstitutionellen Ge-
       brauch gemacht und namentlich bei der Abschaffung des allgemeinen
       Wahlrechts? Sie  waren also  darauf angewiesen, sich genau inner-
       halb der  parlamentarischen Schranken  zu bewegen. Und es gehörte
       jene eigentümliche  Krankheit dazu,  die seit 1848 auf dem ganzen
       Kontinent grassiert  hat,  der    p a r l a m e n t a r i s c h e
       K r e t i n i s m u s,  der die Angesteckten in eine eingebildete
       Welt festbannt  und ihnen allen Sinn, alle Erinnerung, alles Ver-
       ständnis für  die rauhe  Außenwelt raubt, dieser parlamentarische
       Kretinismus gehörte dazu, wenn sie, die alle Bedingungen der par-
       lamentarischen Macht mit eignen Händen zerstört hatten und in ih-
       rem Kampfe  mit den  andern Klassen  zerstören mußten,  ihre par-
       lamentarischen Siege  noch für  Siege hielten und den Präsidenten
       zu treffen  glaubten, indem  sie auf seine Minister schlugen. Sie
       gaben ihm  nur Gelegenheit,  die Nationalversammlung von neuem in
       den Augen  der Nation  zu demütigen.  Am 20.  Januar meldete  der
       "Moniteur", daß  die Entlassung des Gesamtministeriums angenommen
       sei. Unter  dem Vorwande,  daß keine parlamentarische Partei mehr
       die Majorität besitze, wie das Votum vom 18. Januar, diese Frucht
       der Koalition  zwischen Montagne  und Royalisten, beweise, und um
       die Neubildung einer Majorität abzuwarten, ernannte Bonaparte ein
       sogenanntes Übergangsministerium,  wovon kein Mitglied dem Parla-
       mente angehörte,  lauter durchaus  unbekannte und  bedeutungslose
       Individuen, ein Ministerium von bloßen Kommis und Schreibern. Die
       Ordnungspartei konnte sich jetzt im Spiele mit diesen Marionetten
       abarbeiten, die Exekutivgewalt hielt es nicht mehr der Mühe wert,
       ernsthaft in der Nationalversammlung vertreten zu sein. Bonaparte
       konzentrierte um so sichtbarer die ganze Exekutivgewalt in seiner
       Person, er  hatte um  so freiem  Spielraum, sie zu seinen Zwecken
       auszubeuten, je mehr seine Minister reine Statisten waren.
       Die mit  der Montagne koalisierte Ordnungspartei rächte sich, in-
       dem sie  die präsidentielle  Dotation von 1 800 000 frs. verwarf,
       zu deren  Vorlage das  Haupt der  Gesellschaft vom  10.  Dezember
       seine ministeriellen  Kommis gezwungen  hatte. Diesmal  entschied
       eine Majorität  von nur  102 Stimmen,  es waren also seit dem 18.
       Januar neuerdings  27 Stimmen  abgefallen, die Auflösung der Ord-
       nungspartei ging voran. Damit man sich keinen Augenblick über den
       Sinn ihrer Koalition mit der Montagne täusche, verschmähte sie
       
       #174# Karl Marx
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       gleichzeitig, einen  von 189 Mitgliedern der Montagne unterzeich-
       neten Antrag  auf allgemeine  Amnestie der politischen Verbrecher
       auch nur  in Betracht zu ziehen. Es genügte, daß der Minister des
       Innern, ein  gewisser Vaïsse,  erklärte, die Ruhe sei nur schein-
       bar, im  geheimen herrsche  große Agitation,  im geheimen organi-
       sierten sich  allgegenwärtige Gesellschaften,  die demokratischen
       Blätter machten  Anstalten, um wieder zu erscheinen, die Berichte
       aus den Departements lauteten ungünstig, die Flüchtlinge von Genf
       leiteten eine  Verschwörung über  Lyon durch  ganz Südfrankreich,
       Frankreich stehe  am Rande  einer industriellen und kommerziellen
       Krise, die Fabrikanten von Roubaix hätten die Arbeitszeit vermin-
       dert, die  Gefangenen von  Belle-+le [104]  sich empört -, es ge-
       nügte, daß  selbst nur  ein  Vaïsse  das  rote  Gespenst  herauf-
       beschwor, damit  die Partei der Ordnung ohne Diskussion einen An-
       trag verwarf,  der der Nationalversammlung eine ungeheure Popula-
       rität erobern  und Bonaparte  in ihre  Arme  zurückwerfen  mußte.
       Statt sich von der Exekutivgewalt durch die Perspektive neuer Un-
       ruhen einschüchtern  zu lassen,  hätte sie  vielmehr dem Klassen-
       kampf einen  kleinen Spielraum  gewähren müssen, um die Exekutive
       von sich  abhängig zu  erhalten. Aber  sie fühlte  sich nicht der
       Aufgabe gewachsen, mit dem Feuer zu spielen.
       Unterdessen vegetierte  das sogenannte  Übergangsministerium  bis
       Mitte April fort. Bonaparte ermüdete, foppte die Nationalversamm-
       lung mit  beständig neuen  Ministerkombinationen. Bald  schien er
       ein republikanisches  Ministerium bilden  zu wollen mit Lamartine
       und Billault,  bald ein parlamentarisches mit dem unvermeidlichen
       Odilon Barrot, dessen Name nie fehlen darf, wenn ein dupe notwen-
       dig ist,  bald ein  legitimistisches mit  Vatimesnil und  Benoist
       d'Azy, bald  ein orleanistisches mit Maleville. Während er so die
       verschiedenen Fraktionen der Ordnungspartei in Spannung gegenein-
       ander erhält  und sie insgesamt mit der Aussicht auf ein republi-
       kanisches Ministerium  und die  dann unvermeidlich gewordene Her-
       stellung des allgemeinen Wahlrechts ängstet, bringt er gleichzei-
       tig bei  der Bourgeoisie  die Überzeugung  hervor, daß seine auf-
       richtigen Bemühungen  um ein parlamentarisches Ministerium an der
       Unversöhnlichkeit der  royalistischen Fraktionen  scheitern.  Die
       Bourgeoisie schrie  aber um  so lauter nach einer "starken Regie-
       rung", sie  fand es um so unverzeihlicher, Frankreich "ohne Admi-
       nistration" zu  lassen, je  mehr eine allgemeine Handelskrise nun
       im Anmärsche  schien und in den Städten für den Sozialismus warb,
       wie der  ruinierend niedrige  Preis des  Getreides auf dem Lande.
       Der Handel  wurde täglich  flauer, die unbeschäftigten Hände ver-
       mehrten sich zusehends, in Paris waren wenigstens 10 000 Arbeiter
       brotlos, in  Rouen, Mülhausen,  Lyon, Roubaix, Tourcoing, St-Eti-
       enne, Elbeuf  usw. standen  zahllose Fabriken still. Unter diesen
       Umständen konnte
       
       #175# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Bonaparte es wagen, am 11 .April das Ministerium vom 18.Januar zu
       restaurieren. Die  Herren Rouher,  Fould, Baroche etc., verstärkt
       durch Herrn  Léon Faucher,  den die  konstituierende  Versammlung
       während ihrer letzten Tage einstimmig mit Ausnahme von fünf Mini-
       sterstimmen wegen  Verbreitung falscher telegraphischer Depeschen
       mit einem  Mißtrauensvotum gebrandmarkt  hatte. Die  Nationalver-
       sammlung hatte also am 18. Januar einen Sieg über das Ministerium
       davongetragen, sie  hatte während  drei Monaten mit Bonaparte ge-
       kämpft, damit  am 11.  April Fould und Baroche den Puritaner Fau-
       cher als dritten in ihren ministeriellen Bund aufnehmen konnten.
       November 1849  hatte sich  Bonaparte mit  einem    u n p a r l a-
       m e n t a r i s c h e n   Ministerium begnügt,  Januar  1851  mit
       einem  a u ß e r p a r l a m e n t a r i s c h e n,  am 11. April
       fühlte er  sich stark  genug, ein    a n t i p a r l a m e n t a-
       r i s c h e s   Ministerium zu  bilden,  das  die  Mißtrauensvota
       beider Versammlungen,  der Konstituante und der Legislativen, der
       republikanischen  und  der  royalistischen,  harmonisch  in  sich
       vereinigte. Diese  Stufenleiter von  Ministerien  war  der  Ther-
       mometer, woran  das Parlament  die Abnahme der eignen Lebenswärme
       messen konnte.  Diese war  Ende April so tief genug gesunken, daß
       Persigny den  Changarnier  in  einer  persönlichen  Zusammenkunft
       auffordern konnte,  in  das  Lager  des  Präsidenten  überzugehn.
       Bonaparte,  versicherte   er  ihm,   betrachte  den  Einfluß  der
       Nationalversammlung als  vollständig vernichtet,  und schon liege
       die Proklamation  bereit, die  nach dem beständig beabsichtigten,
       aber zufällig  wieder aufgeschobenen  coup d'état  1*) veröffent-
       licht werden  solle. Changarnier teilte den Führern der Ordnungs-
       partei die  Todesanzeige mit,  aber wer  glaubt, daß  der Biß von
       Wanzen töte?  Und das  Parlament, so geschlagen, so aufgelöst, so
       sterbefaul es  war, konnte  sich nicht  überwinden, in dem Duelle
       mit dem  grotesken Chef  der Gesellschaft  vom 10. Dezember etwas
       andres zu  sehen als  das Duell  mit einer  Wanze. Aber Bonaparte
       antwortete der  Partei der Ordnung wie Agesilaos dem Könige Agis:
       "Ich scheine dir Ameise, aber ich werde einmal Löwe sein." [105]
       -----
       1*) Staatsstreich
       
       #176#
       -----
       VI
       
       Die Koalition mit der Montagne und den reinen Republikanern, wozu
       die Ordnungspartei  in ihren  vergeblichen Anstrengungen, den Be-
       sitz der  Militärgewalt zu  behaupten und die oberste Leitung der
       Exekutivgewalt wieder zu erobern, sich verurteilt sah, bewies un-
       widersprechlich, daß  sie die  selbständige  p a r l a m e n t a-
       r i s c h e   M a j o r i t ä t  eingebüßt hatte. Die bloße Macht
       des Kalenders,  der Stundenzeiger gab am 28. Mai das Signal ihrer
       völligen Auflösung.  Mit dem 28. Mai begann das letzte Lebensjahr
       der Nationalversammlung.  Sie  mußte  sich  nun  entscheiden  für
       unveränderte Fortdauer oder für die Revision der Verfassung. Aber
       Revision der  Verfassung,  das  hieß  nicht  nur  Herrschaft  der
       Bourgeoisie oder  der  kleinbürgerlichen  Demokratie,  Demokratie
       oder  proletarische   Anarchie,  parlamentarische  Republik  oder
       Bonaparte, das hieß zugleich Orléans oder Bourbon! So fiel mitten
       in das Parlament der Erisapfel [106], an dem sich der Widerstreit
       der Interessen,  welche die  Ordnungspartei in  feindliche  Frak-
       tionen sonderten,  offen entzünden  mußte. Die Ordnungspartei war
       eine Verbindung  von heterogenen  gesellschaftlichen  Substanzen.
       Die Revisionsfrage erzeugte eine politische Temperatur, worin das
       Produkt wieder in seine ursprünglichen Bestandteile zerfiel.
       Das Interesse  der Bonapartisten an der Revision war einfach. Für
       sie handelte  es sich  vor allem  um Abschaffung des Artikels 45,
       der Bonapartes  Wiederwahl untersagte, und die Prorogation seiner
       Gewalt. Nicht  minder einfach  schien die Stellung der Republika-
       ner. Sie verwarfen unbedingt jede Revision, sie sahen in ihr eine
       allseitige Verschwörung  gegen die Republik. Da sie über  m e h r
       a l s   e i n  V i e r t e l  d e r  S t i m m e n  in der Natio-
       nalversammlung verfügten  und verfassungsmäßig  drei Viertel  der
       Stimmen zum rechtsgültigen Beschlüsse der Revision und zur Einbe-
       rufung einer revidierenden Versammlung erfordert waren, brauchten
       sie nur ihre Stimmen zu zählen, um des Sieges sicher zu sein. Und
       sie waren des Sieges sicher.
       Diesen klaren  Stellungen gegenüber  befand sich  die Partei  der
       Ordnung
       
       #177# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       in unentwirrbaren Widersprüchen. Verwarf sie die Revision, so ge-
       fährdete sie  den Status  quo, indem sie Bonaparte nur noch einen
       Ausweg übrigließ, den der Gewalt, indem sie Frankreich am zweiten
       [Sonntag des  Monats] Mai  1852, im Augenblicke der Entscheidung,
       der revolutionären  Anarchie preisgab, mit einem Präsidenten, der
       seine Autorität  verlor, mit  einem Parlamente,  das  sie  längst
       nicht mehr  besaß, und mit einem Volke, das sie wieder zu erobern
       dachte. Stimmte  sie für die verfassungsmäßige Revision, so wußte
       sie, daß sie umsonst stimmte und am Veto der Republikaner verfas-
       sungsmäßig scheitern  müsse. Erklärte  sie verfassungswidrig  die
       einfache Stimmenmajorität  für bindend, so konnte sie die Revolu-
       tion nur  zu beherrschen hoffen, wenn sie sich unbedingt der Bot-
       mäßigkeit der  Exekutivgewalt unterwarf,  so machte sie Bonaparte
       zum Meister  über die Verfassung, über die Revision und über sich
       selbst. Eine nur teilweise Revision, welche die Gewalt des Präsi-
       denten verlängerte,  bahnte der  imperialistischen Usurpation den
       Weg. Eine  allgemeine Revision,  welche die Existenz der Republik
       abkürzte, brachte  die dynastischen  Ansprüche in unvermeidlichen
       Konflikt, denn  die Bedingungen für eine bourbonische und die Be-
       dingungen für  eine orleanistische  Restauration waren  nicht nur
       verschieden, sie schlössen sich wechselseitig aus.
       D i e  p a r l a m e n t a r i s c h e  R e p u b l i k  war mehr
       als das  neutrale Gebiet, worin die zwei Fraktionen der französi-
       schen Bourgeoisie,  Legitimisten und Orleanisten, großes Grundei-
       gentum und Industrie, gleichberechtigt nebeneinander hausen konn-
       ten. Sie  war die  unumgängliche Bedingung  ihrer    g e m e i n-
       s a m e n   Herrschaft, die  einzige Staatsform, worin ihr allge-
       meines Klasseninteresse  sich zugleich  die Ansprüche  ihrer  be-
       sondern Fraktionen  wie alle  übrigen  Klassen  der  Gesellschaft
       unterwarf. Als  Royalisten fielen  sie in  ihren alten  Gegensatz
       zurück, in  den Kampf  um die  Suprematie des Grundeigentums oder
       des Geldes,  und der  höchste Ausdruck  dieses  Gegensatzes,  die
       Personifikation desselben,  waren ihre  Könige selbst, ihre Dyna-
       stien.  Daher  das  Sträuben  der  Ordnungspartei  gegen    d i e
       R ü c k b e r u f u n g  d e r  B o u r b o n e n.
       Der Orleanist  und Volksrepräsentant  Creton hatte 1849, 1850 und
       1851 periodisch  den Antrag gestellt, das Verbannungsdekret gegen
       die königlichen Familien aufzuheben. Das Parlament bot ebenso pe-
       riodisch das  Schauspiel einer Versammlung von Royalisten, welche
       ihren verbannten  Königen hartnäckig  die Tore verschließt, durch
       die sie  heimkehren könnten.  Richard III. hatte Heinrich VI. er-
       mordet mit  dem Bemerken, daß er zu gut für diese Welt sei und in
       den Himmel  gehöre. Sie  erklärten Frankreich  für  zu  schlecht,
       seine Könige wieder zu besitzen. Durch die Macht der Verhältnisse
       gezwungen, waren  sie Republikaner  geworden  und  sanktionierten
       wiederholt den Volksbeschluß, der ihre Könige aus Frankreich ver-
       wies.
       
       #178# Karl Marx
       -----
       Die Revision  der Verfassung  - und  sie in  Betracht zu  ziehen,
       zwangen die  Umstände - stellte mit der Republik zugleich die ge-
       meinsame Herrschaft  der beiden  Bourgeoisfraktionen in Frage und
       rief, mit der Möglichkeit der Monarchie, die Rivalität der Inter-
       essen, die  sie abwechselnd vorzugsweise vertreten hatte, ins Le-
       ben zurück,  den Kampf  um die Suprematie der einen Fraktion über
       die andre.  Die Diplomaten  der Ordnungspartei glaubten den Kampf
       schlichten zu  können durch  eine Verschmelzung beider Dynastien,
       durch eine  sogenannte   F u s i o n  der royalistischen Parteien
       und ihrer Königshäuser. Die wirkliche Fusion der Restauration und
       der Julimonarchie war die parlamentarische Republik, worin orlea-
       nistische und  legitimistische Farben  ausgelöscht wurden und die
       Bourgeois-Arten in  dem Bourgeois  schlechtweg, in der Bourgeois-
       Gattung verschwanden. Jetzt aber sollte der Orleanist Legitimist,
       der Legitimist  Orleanist werden.  Das Königtum,  worin sich  ihr
       Gegensatz personifizierte,  sollte ihre  Einheit verkörpern,  der
       Ausdruck ihrer  ausschließlichen Fraktionsinteressen zum Ausdruck
       ihres gemeinsamen  Klasseninteresses werden,  die  Monarchie  das
       leisten, was  nur die  Aufhebung zweier  Monarchien, die Republik
       leisten konnte  und geleistet  hatte. Es  war dies  der Stein des
       Weisen, an  dessen Herstellung  sich die  Doktoren der  Ordnungs-
       partei die  Köpfe zerbrachen.  Als könnte  die legitime Monarchie
       jemals die Monarchie der industriellen Bourgeois oder das Bürger-
       königtum jemals  das Königtum  der angestammten Grundaristokratie
       werden.  Als  könnten  Grundeigentum  und  Industrie  sich  unter
       e i n e r   Krone verbrüdern, wo die Krone nur auf ein Haupt fal-
       len konnte,  auf das  Haupt das  altern Bruders oder des Jüngern.
       Als könnte  die Industrie  sich überhaupt  mit dem  Grundeigentum
       ausgleichen, solange  das Grundeigentum  sich nicht  entschließt,
       selbst industriell  zu werden.  Wenn Henri  V morgen  stürbe, der
       Graf von  Paris würde  darum nicht der König der Legitimisten, es
       sei denn, daß er aufhörte, der König der Orleanisten zu sein. Die
       Philosophen der Fusion jedoch, die sich in dem Maße breitmachten,
       als die Revisionsfrage in den Vordergrund trat, die sich in der -
       Assemblée nationale"  [107] ein offizielles Tagesorgan geschaffen
       hatten, die  sogar in diesem Augenblicke (Februar 1852) wieder am
       Werke sind, erklärten sich die ganze Schwierigkeit aus dem Wider-
       streben und der Rivalität der beiden Dynastien. Die Versuche, die
       Familie Orléans  mit Heinrich  V. zu  versöhnen,  seit  dem  Tode
       Louis-Philippes begonnen,  aber  wie  die  dynastischen  Intrigen
       überhaupt nur  während der Ferien der Nationalversammlung, in den
       Zwischenakten, hinter  den Kulissen  gespielt, mehr  sentimentale
       Koketterie mit dem alten Aberglauben als ernstgemeintes Geschäft,
       wurden nun  zu Haupt- und Staatsaktionen und von der Ordnungspar-
       tei auf  der öffentlichen  Bühne aufgeführt, statt wie bisher auf
       dem Liebhabertheater.
       
       #179# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       Die Kuriere  flogen von  Paris nach  Venedig,  von  Venedig  nach
       Claremont [89]  von Claremont  nach Paris.  Der Graf von Chambord
       erläßt ein Manifest, worin er "mit Hülfe aller Glieder seiner Fa-
       milie" nicht seine, sondern die "nationale" Restauration anzeigt.
       Der Orleanist Salvandy wirft sich Heinrich V. zu Füßen. Die Legi-
       timistenchefs Berryer,  Benoist  d'Azy,  St-Priest  wandern  nach
       Claremont, um  die Orléans zu überreden, aber vergeblich. Die Fu-
       sio-nisten gewahren  zu spät, daß die Interessen der beiden Bour-
       geoisfraktionen weder  an Ausschließlichkeit  verlieren  noch  an
       Nachgiebigkeit gewinnen,  wo sie in der Form von Familieninteres-
       sen, von  Interessen zweier  Königshäuser  sich  zuspitzen.  Wenn
       Heinrich V.  den Grafen von Paris als Nachfolger anerkannte - der
       einzige Erfolg,  den die Fusion im besten Fall erzielen konnte -,
       so gewann das Haus Orléans keinen Anspruch, den ihm die Kinderlo-
       sigkeit Heinrichs  V. nicht schon gesichert hätte, aber es verlor
       alle Ansprüche, die es durch die Julirevolution erobert hatte. Es
       verzichtete auf  seine Originalansprüche,  auf alle Titel, die es
       in einem  beinahe hundertjährigen  Kampfe dem  ältern Zweige  der
       Bourbonen abgerungen,  es tauschte seine historische Prärogative,
       die Prärogative  des modernen  Königtums, gegen  die  Prärogative
       seines Stammbaums  aus. Die Fusion war also nichts als eine frei-
       willige Abdankung  des Hauses  Orléans, die legitimistische Resi-
       gnation desselben,  der reuige Rücktritt aus der protestantischen
       Staatskirche in die katholische. Ein Rücktritt, der es dazu nicht
       einmal auf  den Thron,  den es  verloren hatte,  sondern auf  die
       Stufe des  Throns brachte,  auf der  es geboren  war.  Die  alten
       orleanistischen Minister  Guizot, Duchâtel  etc.,  die  ebenfalls
       nach Claremont eilten, um die Fusion zu bevorworten, vertraten in
       der Tat  nur den  Katzenjammer über  die Julirevolution, die Ver-
       zweiflung am Bürgerkönigtum und am Königtum der Bürger, den Aber-
       glauben an die Legitimität als das letzte Amulett gegen die Anar-
       chie. In  ihrer Einbildung  Vermittler zwischen Orléans und Bour-
       bon, waren  sie in der Wirklichkeit nur noch abgefallene Orleani-
       sten, und  als solche  empfing sie  der Prinz  von Joinville. Der
       lebensfähige, kriegerische  Teil der Orleanisten dagegen, Thiers,
       Baze usw.,  überzeugten die  Familie Louis-Philippes um so leich-
       ter, daß, wenn jede unmittelbar monarchische Restauration die Fu-
       sion der  beiden Dynastien, jede solche Fusion aber die Abdankung
       des Hauses Orléans voraussetze, es dagegen ganz der Tradition ih-
       rer Vorfahren entspreche, vorläufig die Republik anzuerkennen und
       abzuwarten, bis die Ereignisse erlaubten, den Präsidentenstuhl in
       einen Thron  zu verwandeln. JoinviIIes Kandidatur wurde gerüchts-
       weise ausgesprengt, die öffentliche Neugier in der Schwebe erhal-
       ten, und  einige Monate  später, nach Verwerfung der Revision, im
       September öffentlich proklamiert.
       
       #180# Karl Marx
       -----
       Der Versuch  einer royalistischen Fusion zwischen Orleanisten und
       Legitimisten  war   so  nicht  nur  gescheitert,  er  hatte  ihre
       p a r l a m e n t a r i s c h e   F u s i o n,  ihre republikani-
       sche Gemeinform  gebrochen und  die Ordnungspartei wieder in ihre
       ursprünglichen Bestandteile  zersetzt; aber  je mehr die Entfrem-
       dung zwischen Claremont und Venedig wuchs, ihre Ausgleichung sich
       zerschlug, die Joinville-Agitation um sich griff, desto eifriger,
       ernster wurden  die Verhandlungen  zwischen Faucher, dem Minister
       Bonapartes, und den Legitimisten.
       Die Auflösung  der Ordnungspartei blieb nicht bei ihren ursprüng-
       lichen Elementen  stehen. Jede  der beiden großen Fraktionen zer-
       setzte sich ihrerseits von neuem. Es war, als wenn alle die alten
       Nuancen, die  sich früher  innerhalb jedes der beiden Kreise, sei
       es des  legitimen, sei  es des  orleanistischen, bekämpft und ge-
       drängt hatten,  wieder aufgetaut  wären, wie vertrocknete Infuso-
       rien bei Berührung mit Wasser, als wenn sie von neuem Lebenskraft
       genug gewonnen  hätten, um  eigne Gruppen und selbständige Gegen-
       sätze zu  bilden. Die  Legitimisten träumten  sich zurück  in die
       Streitfragen zwischen  den  Tuilerien  und  dem  Pavillon  Marsan
       [108], zwischen Villèle und Polignac. Die Orleanisten durchlebten
       von neuem  die goldene  Zeit der  Turniere zwischen Guizot, Molé,
       Broglie, Thiers und Odilon Barrot.
       Der revisionslustige,  aber über  die Grenzen der Revision wieder
       uneinige Teil der Ordnungspartei, zusammengesetzt aus den Legiti-
       misten unter  Berryer und  Falloux einerseits,  unter  La  Roche-
       jacquelein andrerseits,  und  den  kampfmüden  Orleanisten  unter
       Mole, Broglie,  Montalembert und  Odilon Barrot, vereinbarte sich
       mit den  bonapartistischen Repräsentanten zu folgendem unbestimm-
       ten und weitgefaßten Antrage:
       
       "Die unterzeichneten  Repräsentanten, mit  dem Zwecke, der Nation
       die volle  Ausübung ihrer Souveränität wiederzugeben, stellen die
       Motion, daß die Verfassung revidiert werde."
       
       Gleichzeitig aber erklärten sie einstimmig durch ihren Berichter-
       statter  Tocqueville,  die  Nationalversammlung  habe  nicht  das
       Recht, die  A b s c h a f f u n g  d e r  R e p u b l i k  zu be-
       antragen, dies  Recht stehe  nur der Revisionskammer zu. Übrigens
       könne die  Verfassung nur auf "legale"  W e i s e  revidiert wer-
       den, also  nur, wenn  das verfassungsmäßig  vorgeschriebene Drei-
       viertel der  Stimmenzahl für Revision entscheide. Nach sechstägi-
       gen stürmischen  Debatten, am  19.Juli, wurde  die Revision,  wie
       vorherzusehn, verworfen. Es stimmten 446 dafür, aber 278 dagegen.
       Die entschiedenen  Orleanisten Thiers,  Changarnier etc. stimmten
       mit den Republikanern und der Montagne.
       Die Majorität  des Parlaments  erklärte sich so gegen die Verfas-
       sung, aber
       
       #181# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       diese Verfassung selbst erklärte sich für die Minorität und ihren
       Beschluß für  bindend. Hatte aber die Ordnungspartei nicht am 31.
       Mai 1850, nicht am 13. Juni 1849 die Verfassung der parlamentari-
       schen Majorität untergeordnet? Beruhte ihre ganze bisherige Poli-
       tik nicht  auf der  Unterordnung der Verfassungsparagraphen unter
       die parlamentarischen  Majoritätsbeschlüsse? Hatte sie den altte-
       stamentarischen Aberglauben  an den Buchstaben des Gesetzes nicht
       den Demokraten  überlassen und  an den  Demokraten gezüchtigt? In
       diesem Augenblicke  aber hieß  Revision der Verfassung nichts an-
       dres als  Fortdauer der präsidentiellen Gewalt, wie Fortdauer der
       Verfassung nichts  andres hieß als Absetzung Bonapartes. Das Par-
       lament hatte  sich für  ihn erklärt, aber die Verfassung erklärte
       sich gegen  das Parlament.  Er handelte  also im Sinne des Parla-
       ments, wenn  er die  Verfassung zerriß,  und er handelte im Sinne
       der Verfassung, wenn er das Parlament auseinanderjagte.
       Das Parlament hatte die Verfassung und mit ihr seine eigene Herr-
       schaft "außerhalb  der Majorität"  erklärt, es hatte durch seinen
       Beschluß die  Verfassung aufgehoben und die präsidentielle Gewalt
       verlängert und  zugleich erklärt, daß weder die eine sterben noch
       die andre  leben könne,  solange es  selbst fortbestehe. Die Füße
       derer, die  es begraben sollten, standen vor der Türe. Während es
       die Revision  debattierte, entfernte  Bonaparte den General Bara-
       guay d'Hilliers,  der sich  unschlüssig zeigte,  von dem Kommando
       der ersten Militärdivision und ernannte an seine Stelle den Gene-
       ral Magnan,  den Sieger  von Lyon,  den Helden  der Dezembertage,
       eine seiner  Kreaturen, die  sich schon  unter Louis-Philippe bei
       Gelegenheit der  Expedition von Boulogne mehr oder minder für ihn
       kompromittiert hatte.
       Die Ordnungspartei bewies durch ihren Beschluß über die Revision,
       daß sie weder zu herrschen noch zu dienen, weder zu leben noch zu
       sterben, weder die Republik zu ertragen noch sie umzustürzen, we-
       der die Verfassung aufrechtzuerhalten noch sie über den Haufen zu
       werfen, weder  mit dem  Präsidenten zusammenzuwirken noch mit ihm
       zu brechen  verstand. Von wem erwartete sie denn die Lösung aller
       Widersprüche? Von  dem Kalender, von dem Gang der Ereignisse. Sie
       hörte auf,  sich die  Gewalt über  die Ereignisse  anzumaßen. Sie
       forderte also  die Ereignisse heraus, ihr Gewalt anzutun, und da-
       mit die  Macht, woran  sie im  Kampfe mit  dem Volke ein Attribut
       nach dem  andern abgetreten  hatte, bis  sie selbst ihr gewaltlos
       gegenüberstand. Damit der Chef der Exekutivgewalt desto ungestör-
       ter den Kampf plan gegen sie entwerfen, seine Angriffsmittel ver-
       stärken, seine  Werkzeuge auswählen,  seine Positionen befestigen
       könne, beschloß  sie mitten  in diesem kritischen Augenblicke von
       der Bühne  abzutreten und  sich auf  drei Monate zu vertagen, vom
       10. August bis 4. November.
       
       #182# Karl Marx
       -----
       Die parlamentarische  Partei war  nicht nur  in ihre  zwei großen
       Fraktionen, jede  dieser Fraktionen war nicht nur innerhalb ihrer
       selbst aufgelöst,  sondern die  Ordnungspartei im  Parlamente war
       mit der  Ordnungspartei außerhalb  des Parlaments  zerfallen. Die
       Wortführer und die Schriftgelehrten der Bourgeoisie, ihre Tribüne
       und ihre Presse, kurz die Ideologen der Bourgeoisie und die Bour-
       geoisie selbst, die Repräsentanten und die Repräsentierten, stan-
       den sich entfremdet gegenüber und verstanden sich nicht mehr.
       Die Legitimisten  in den  Provinzen, mit ihrem beschränkten Hori-
       zont und  ihrem unbeschränkten  Enthusiasmus,  bezüchtigten  ihre
       parlamentarischen Führer,  Berryer und Falloux, der Desertion ins
       bonapartistische Lager  und des Abfalls von Heinrich V. Ihr Lili-
       enverstand glaubte  an den Sündenfall, aber nicht an die Diploma-
       tie.
       Ungleich verhängnisvoller  und entscheidender  war der  Bruch der
       kommerziellen Bourgeoisie  mit ihren  Politikern. Sie  warf ihnen
       vor, nicht  wie die Legitimisten den ihren, von dem Prinzip abge-
       fallen zu  sein, sondern  umgekehrt, an unnütz gewordenen Prinzi-
       pien festzuhalten.
       Ich habe  schon früher  angedeutet, daß  seit dem Eintritt Foulds
       ins Ministerium  der Teil  der kommerziellen Bourgeoisie, der den
       Löwenanteil an Louis-Philippes Herrschaft besessen hatte, daß die
       F i n a n z a r i s t o k r a t i e     bonapartistisch  geworden
       war. Fould  vertrat nicht  nur Bonapartes Interesse an der Börse,
       er vertrat  zugleich das  Interesse der  Börse bei Bonaparte. Die
       Stellung der  Finanzaristokratie schildert  am schlagendsten  ein
       Zitat aus  ihrem europäischen  Organ,  dem  Londoner  "Economist"
       [109] In seiner Nummer vom 1. Februar 1851 läßt er sich aus Paris
       schreiben:
       
       "Nun  haben   wir  es  konstatiert  von  allen  Seiten  her,  daß
       Frankreich vor allem nach Ruhe verlangt. Der Präsident erklärt es
       in seiner  Botschaft an  die legislative Versammlung, es tönt als
       Echo zurück  von der  nationalen Rednertribüne,  es wird beteuert
       von den  Zeitungen, es  wird  verkündet  von  der  Kanzel,    e s
       w i r d   b e w i e s e n    d u r c h    d i e    E m p f i n d-
       l i c h k e i t   d e r   S t a a t s p a p i e r e  b e i  d e r
       g e r i n g s t e n    A u s s i c h t    a u f    S t ö r u n g,
       d u r c h   i h r e    F e s t i g k e i t,    s o o f t    d i e
       E x e k u t i v g e w a l t  s i e g t."
       
       In seiner Nummer vom 29. November 1851 erklärt der "Economist" in
       seinem eignen Namen:
       
       "Auf allen  Börsen von  Europa ist  der  Präsident  nun  als  die
       Schildwache der Ordnung anerkannt."
       
       Die Finanzaristokratie verdammte also den parlamentarischen Kampf
       der Ordnungspartei mit der Exekutivgewalt als eine  S t ö r u n g
       d e r  O r d n u n g  und feierte jeden Sieg des Präsidenten über
       ihre angeblichen  Repräsentanten als  einen Sieg der Ordnung. Man
       muß hier unter der Finanzaristokratie nicht nur
       
       #183# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       die großen  Anleihunternehmer und  Spekulanten in  Staatspapieren
       verstehn, von  denen es  sich sofort  begreift, daß ihr Interesse
       mit dem  Interesse der  Staatsgewalt zusammenfällt. Das ganze mo-
       derne Geldgeschäft, die ganze Bankwirtschaft ist auf das innigste
       mit dem  öffentlichen Kredit verwebt. Ein Teil ihres Geschäftska-
       pitals wird  notwendig in schnell konvertiblen Staatspapieren an-
       gelegt und  verzinst. Ihre Depositen, das ihnen zur Verfügung ge-
       stellte und  von ihnen unter Kaufleute und Industrielle verteilte
       Kapital strömt teilweis aus den Dividenden der Staatsrentner her.
       Der ganze  Geldmarkt und  die Priester dieses Geldmarkts, wenn zu
       jeder Epoche  die Stabilität  der Staatsgewalt Moses und die Pro-
       pheten für  sie bedeutet hat, wie nicht erst heute, wo jede Sünd-
       flut mit  den alten Staaten die alten Staatsschulden wegzuschwem-
       men droht?
       Auch die  i n d u s t r i e l l e  B o u r g e o i s i e  ärgerte
       sich in  ihrem Ordnungsfanatismus  über die Zänkereien der parla-
       mentarischen Ordnungspartei  mit der  Exekutivgewalt. Thiers, An-
       gles, Sainte-Beuve  usw. erhielten  nach ihrem  Votum vom 18. Ja-
       nuar, bei  Gelegenheit der Absetzung Changarniers, von ihren Man-
       datgebern  gerade  aus  den  industriellen  Bezirken  öffentliche
       Zurechtweisungen, worin  namentlich ihre Koalition mit der Monta-
       gne als  Hochverrat an  der Ordnung gegeißelt wurde. Wenn wir ge-
       sehn haben, daß die prahlerischen Neckereien, die kleinlichen In-
       trigen, worin sich der Kampf der Ordnungspartei mit dem Präsiden-
       ten kundgab,  keine bessere  Aufnahme verdienten, so war anderer-
       seits diese  Bourgeoispartei, die  von ihren Vertretern verlangt,
       die Militärgewalt  aus den  Händen ihres eignen Parlaments wider-
       standslos in  die eines  abenteuernden Prätendenten  übergehn  zu
       lassen, nicht  einmal der  Intrigen wert,  die in ihrem Interesse
       verschwendet wurden.  Sie bewies, daß der Kampf um die Behauptung
       ihres     ö f f e n t l i c h e n     Interesses,  ihres   eignen
       K l a s s e n i n t e r e s s e s,   ihrer  p o l i t i s c h e n
       M a c h t,  sie als Störung des Privatgeschäfts nur belästige und
       verstimme.
       Die bürgerlichen  Honoratioren der Departementalstädte, die Magi-
       strate, Handelsrichter usw. empfingen mit kaum einer Ausnahme Bo-
       naparte überall  auf seinen  Rundreisen in  der servilsten Weise,
       selbst wenn  er wie in Dijon die Nationalversammlung und speziell
       die Ordnungspartei rückhaltlos angriff.
       Wenn der Handel gut ging, wie noch Anfang 1851, tobte die kommer-
       zielle Bourgeoisie gegen jeden parlamentarischen Kampf, damit dem
       Handel ja nicht der Humor ausgehe. Wenn der Handel schlecht ging,
       wie fortdauernd  seit Ende Februar 1851, klagte sie die parlamen-
       tarischen Kämpfe  als Ursache der Stockung an und schrie nach ih-
       rem Verstummen,  damit der  Handel wieder laut werde. Die Revisi-
       onsdebatten fielen gerade in diese schlechte Zeit.
       
       #184# Karl Marx
       -----
       Da es sich hier um Sein oder Nichtsein der bestehenden Staatsform
       handelte, fühlte sich die Bourgeoisie um so berechtigter, von ih-
       ren Repräsentanten  das Ende  dieses folternden  Provisoriums und
       zugleich die  Erhaltung des  Status quo zu verlangen. Es war dies
       kein Widerspruch.  Unter dem  Ende des  Provisoriums verstand sie
       gerade seine Fortdauer, das Hinausschieben des Augenblicks, wo es
       zu einer Entscheidung kommen mußte, in eine blaue Ferne. Der Sta-
       tus quo  konnte nur  auf zwei Wegen erhalten werden. Verlängerung
       der Gewalt  Bonapartes oder  verfassungsmäßiger Abtritt desselben
       und Wahl  Cavaignacs. Ein Teil der Bourgeoisie wünschte die letz-
       tere Lösung und wußte seinen Repräsentanten keinen bessern Rat zu
       geben, als  zu schweigen,  den brennenden Punkt unberührt zu las-
       sen. Wenn  ihre Repräsentanten nicht sprächen, meinten sie, werde
       Bonaparte nicht  handeln. Sie  wünschten sich  ein Straußenparla-
       ment, das  seinen Kopf  verstecke, um  ungesehn zu  bleiben.  Ein
       andrer Teil  der Bourgeoisie  wünschte Bonaparte,  weil er einmal
       auf dem  Präsidentenstuhl saß, auf dem Präsidentenstuhl sitzenzu-
       lassen, damit  alles im alten Geleise bleibe. Es empörte sie, daß
       ihr Parlament  nicht offen  die Konstitution  brach und  ohne Um-
       stände abdankte.
       Die Generalräte  der Departements,  diese  Provinzialvertretungen
       der großen  Bourgeoisie, die  während der Ferien der Nationalver-
       sammlung vom  25.August an tagten, erklärten sich fast einstimmig
       für die Revision, also gegen das Parlament und für Bonaparte.
       Noch unzweideutiger  als den  Zerfall mit ihren  p a r l a m e n-
       t a r i s c h e n   R e p r ä  s e n t a n t e n  legte die Bour-
       geoisie ihre  Wut über  ihre literarischen  Vertreter, über  ihre
       eigne Presse, an den Tag. Die Verurteilungen zu unerschwinglichen
       Geldsummen und  zu schamlosen  Gefängnisstrafen durch  die  Bour-
       geois-Jurys für  jeden Angriff der Bourgeois-Journalisten auf die
       Usurpationsgelüste Bonapartes,  für jeden Versuch der Presse, die
       politischen Rechte  der Bourgeoisie  gegen die  Exekutivgewalt zu
       verteidigen, setzten nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa in
       Erstaunen.
       Wenn die  p a r l a m e n t a r i s c h e  O r d n u n g s p a r-
       t e i,   wie ich  gezeigt habe, durch ihr Schreien nach Ruhe sich
       selbst zur  Ruhe verwies,  wenn sie die politische Herrschaft der
       Bourgeoisie für  unverträglich mit der Sicherheit und dem Bestand
       der Bourgeoisie  erklärte, indem  sie im  Kampfe gegen die andern
       Klassen der  Gesellschaft alle  Bedingungen ihres eignen Regimes,
       des parlamentarischen  Regimes, mit  eigner Hand  vernichtete, so
       forderte dagegen  die    a u ß e r p a r l am e n t a r i s c h e
       M a s s e   d e r   B o u r g e o i s i e   durch ihre Servilität
       gegen den  Präsidenten, durch  ihre Schmähungen  gegen das Parla-
       ment, durch  die brutale  Mißhandlung der eignen Presse Bonaparte
       auf, ihren  sprechenden und schreibenden Teil, ihre Politiker und
       ihre Literaten, ihre Rednertribüne und ihre
       
       #185# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Presse zu  unterdrücken, zu vernichten, damit sie nun vertrauens-
       voll unter dem Schutze einer starken und uneingeschränkten Regie-
       rung ihren Privatgeschäften nachgehen könne. Sie erklärte unzwei-
       deutig, daß  sie ihre  eigne  politische  Herrschaft  loszuwerden
       schmachte, um die Mühen und Gefahren der Herrschaft loszuwerden.
       Und sie,  die sich  schon gegen  den bloß  parlamentarischen  und
       literarischen Kampf für die Herrschaft ihrer eignen Klasse empört
       und die  Führer dieses  Kampfes verraten  hatte, sie  wagt  jetzt
       nachträglich das  Proletariat anzuklagen, daß es nicht zum bluti-
       gen Kampfe,  zum Kampfe  auf Leben  und Tod  für sie aufgestanden
       sei! Sie,  die jeden Augenblick ihr allgemeines Klasseninteresse,
       d.h. ihr  politisches Interesse  dem borniertesten, schmutzigsten
       Privatinteresse aufopferte und an ihre Vertreter die Zumutung ei-
       nes ähnlichen  Opfers stellte, sie jammert jetzt, das Proletariat
       habe seinen  materiellen Interessen  ihre idealen politischen In-
       teressen geopfert.  Sie gebart sich als schöne Seele, die von dem
       durch Sozialisten irregeleiteten Proletariat verkannt und im ent-
       scheidenden Augenblicke  verlassen worden sei. Und sie findet ein
       allgemeines Echo  in der bürgerlichen Welt. Ich spreche natürlich
       hier nicht  von deutschen Winkelpolitikern und Gesinnungslümmeln.
       Ich verweise  z.B. auf denselben "Economist", der noch am 29. No-
       vember 1851,  also vier Tage vor dem Staatsstreich, Bonaparte für
       die "Schildwache  der Ordnung",  die Thiers  und Berryer aber für
       "Anarchisten" erklärt hatte und schon am 27. Dezember 1851, nach-
       dem Bonaparte  jene Anarchisten  zur Ruhe  gebracht hat, über den
       Verrat schreit,  den "ignorante,  unerzogne, stupide Proletarier-
       massen an  dem Geschick, der Kenntnis, der Disziplin, dem geisti-
       gen Einfluß, den intellektuellen Hülfsquellen und dem moralischen
       Gewicht der mittleren und höheren Gesellschaftsränge" verübt hät-
       ten. Die  stupide, ignorante und gemeine Masse war niemand anders
       als die Bourgeoismasse selbst.
       Frankreich hatte  allerdings im  Jahre 1851  eine Art von kleiner
       Handelskrisis erlebt.  Ende Februar  zeigte sich Verminderung des
       Exports gegen  1850, im  März litt  der Handel und schlössen sich
       die Fabriken,  im April schien der Stand der industriellen Depar-
       tements so  verzweifelt wie nach den Februartagen, im Mai war das
       Geschäft noch nicht wieder aufgelebt, noch am 28. Juni zeigte das
       Portefeuille der Bank von Frankreich durch ein ungeheures Wachsen
       der Depositen  und eine  ebenso große  Abnahme der Vorschüsse auf
       Wechsel den  Stillstand der  Produktion, und  erst Mitte  Oktober
       trat wieder  eine progressive  Besserung des  Geschäfts ein.  Die
       französische Bourgeoisie  erklärte sich diese Handelsstockung aus
       rein politischen  Gründen, aus dem Kampfe zwischen dem Parlamente
       und der Exekutivgewalt, aus
       
       #186# Karl Marx
       -----
       der Unsicherheit  einer nur  provisorischen Staatsform,  aus  der
       Schreckensaussicht auf den zweiten [Sonntag des Monats] Mai 1852.
       Ich will nicht leugnen, daß alle diese Umstände einige Industrie-
       zweige in Paris und in den Departements herabdrückten. Jedenfalls
       war aber  diese Einwirkung der politischen Verhältnisse nur lokal
       und unerheblich.  Bedarf es  eines andern  Beweises, als  daß die
       Besserung des  Handels gerade in dem Augenblicke eintrat, wo sich
       der politische  Zustand verschlechterte,  der politische Horizont
       verdunkelte und  jeden Augenblick ein Blitzstrahl aus dem Elysium
       erwartet wurde,  gegen Mitte Oktober? Der französische Bourgeois,
       dessen "Geschick,  Kenntnis, geistige Einsicht und intellektuelle
       Hülfsquellen" nicht  weiter reichen  als seine Nase, konnte übri-
       gens während  der ganzen  Dauer der  Industrieausstellung in Lon-
       don11101 mit  der Nase  auf die Ursache seiner Handelsmisere sto-
       ßen. Während  in Frankreich die Fabriken geschlossen wurden, bra-
       chen in  England kommerzielle  Bankerutte aus.  Während der indu-
       strielle Panik im April und Mai einen Höhepunkt in Frankreich er-
       reichte, erreichte der kommerzielle Panik April und Mai einen Hö-
       hepunkt in England. Wie die französische litt die englische Woll-
       industrie, wie  die französische  die englische Seidenmanufaktur.
       Wenn die englischen Baumwollfabriken weiterarbeiteten, geschah es
       nicht mehr  mit demselben  Profit wie  1849 und  1850. Der Unter-
       schied war  nur der,  daß die Krise in Frankreich industriell, in
       England kommerziell,  daß  während  in  Frankreich  die  Fabriken
       stillsetzten, sie  sich in  England ausdehnten, aber unter ungün-
       stigeren Bedingungen  als in  den vorhergehenden  Jahren, daß  in
       Frankreich der Export, in England der Import die Hauptschläge er-
       hielt. Die  gemeinsame Ursache, die natürlich nicht innerhalb der
       Grenzen des  französisch-politischen Horizonts zu suchen ist, war
       augenscheinlich. 1849  und 1850 waren Jahre der größten materiel-
       len Prosperität  und einer Überproduktion, die erst 1851 als sol-
       che hervortrat.  Sie wurde im Anfang dieses Jahres durch die Aus-
       sicht auf  die Industrieausstellung noch besonders befördert. Als
       eigentümliche Umstände  kamen hinzu : erst der Mißwachs der Baum-
       wollenernte von  1850 und 1851, dann die Sicherheit einer größern
       Baumwollenernte als  erwartet war,  erst das  Steigen,  dann  das
       plötzliche Fallen,  kurz die  Schwankungen der  Baumwollenpreise.
       Die Rohseidenernte  war wenigstens  in Frankreich  noch unter dem
       Durchschnittsertrag  ausgefallen.  Die  Wollenmanufaktur  endlich
       hatte sich  seit 1848  so sehr ausgedehnt, daß die Wollproduktion
       ihr nicht  nachfolgen konnte  und der Preis der Rohwolle in einem
       großen Mißverhältnisse  zu dem  Preise der  Wollfabrikate  stieg.
       Hier haben  wir also  in dem Rohmaterial von drei Weltmarktsindu-
       strien schon  dreifaches Material  zu einer  Handelsstockung. Von
       diesen besondern Umständen abgesehn, war die scheinbare Krise des
       
       #187# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       Jahres 1851  nichts anders  als der  Halt, den Überproduktion und
       Überspekulation jedesmal  in der  Beschreibung des  industriellen
       Kreislaufes macht, bevor sie alle ihre Kraftmittel zusammenrafft,
       um fieberhaft  den letzten  Kreisabschnitt zu  durchjagen und bei
       ihrem Ausgangspunkt,  der   a l l g e m e i n e n  H a n d e l s-
       k r i s e,   wieder anzulangen.  In solchen  Intervallen der Han-
       delsgeschichte brechen  in England  kommerzielle Bankerutte  aus,
       während in  Frankreich die  Industrie selbst  stillgesetzt  wird,
       teils durch  die gerade dann unerträglich werdende Konkurrenz der
       Engländer auf  allen Märkten  zum Rückzug  gezwungen,  teils  als
       Luxusindustrie vorzugsweise  von  jeder  Geschäftsstockung  ange-
       griffen. So  macht Frankreich  außer den allgemeinen Krisen seine
       eignen nationalen Handelskrisen durch, die jedoch weit mehr durch
       den allgemeinen-  Stand des  Weltmarkts  als  durch  französische
       Lokaleinflüsse bestimmt  und bedingt  werden. Es  wird nicht ohne
       Interesse sein,  dem Vorurteil  des französischen  Bourgeois  das
       Urteil des  englischen  Bourgeois  gegenüberzustellen.  Eins  der
       größten Liverpooler  Häuser schreibt  in seinem  Jahreshandelsbe-
       richte für 1851:
       
       "Wenige Jahre  haben die bei ihrem Beginn gehegten Antizipationen
       mehr getäuscht als das eben abgelaufene; statt der großen Prospe-
       rität, der  man einstimmig  entgegensah, bewies  es sich als eins
       der entmutigendsten  Jahre seit einem Vierteljahrhundert. Es gilt
       dies natürlich nur von den merkantilen, nicht von den industriel-
       len Klassen. Und doch waren sicherlich Gründe vorhanden, beim Be-
       ginne des  Jahres auf  das Gegenteil zu schließen; die Produkten-
       vorräte waren spärlich, Kapital überflüssig, Nahrungsmittel wohl-
       feil, ein  reicher Herbst  war gesichert; ungebrochner Friede auf
       dem Kontinent  und keine  politischen oder finanziellen Störungen
       zu Hause:  in der Tat, die Flügel des Handels waren nie fessello-
       ser ... Wem dies ungünstige Resultat zuschreiben? Wir glauben dem
       Überhandel sowohl in Importen als Exporten. Wenn unsere Kaufleute
       nicht selbst  ihrer Tätigkeit  engere Grenzen  ziehen,  kann  uns
       nichts im Gleise halten als alle drei Jahr ein Panic." [111]
       
       Man stelle  sich nun  den französischen Bourgeois vor, wie mitten
       in diesem  Geschäftspanik sein  handelskrankes Gehirn  gefoltert,
       umschwirrt, betäubt  wird von  Gerüchten über  Staatsstreiche und
       Herstellung des  allgemeinen Wahlrechts,  von dem Kampfe zwischen
       Parlament und Exekutivgewalt, von dem Frondekrieg der Orleanisten
       und Legitimisten,  von  kommunistischen  Konspirationen  in  Süd-
       frankreich, von  angeblichen Jacquerien  1*) in  den Nièvre-  und
       Cher-Departements, von  den Reklamen der verschiedenen Präsident-
       schaftskandidaten, von den marktschreierischen Losungen der Jour-
       nale, von  den Drohungen  der Republikaner, mit den Waffen in der
       Hand die Konstitution und das allgemeine Stimmrecht behaupten zu
       -----
       1*) Bauernaufständen
       
       #188# Karl Marx
       -----
       wollen, von  den Evangelien  der emigrierten  Helden in  partibus
       [2], die  den Weltuntergang  für den zweiten [Sonntag des Monats]
       Mai 1852 anzeigten, und man begreift, daß der Bourgeois in dieser
       unsäglichen, geräuschvollen  Konfusion von Fusion, Revision, Pro-
       rogation,  Konstitution,   Konspiration,  Koalition,  Emigration,
       Usurpation und  Revolution seiner parlamentarischen Republik toll
       zuschnaubt: "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohn'
       Ende!"
       Bonaparte verstand diesen Schrei. Sein Begriffsvermögen wurde ge-
       schärft durch den wachsenden Ungestüm von Gläubigern, die mit je-
       dem Sonnenuntergang, der den Verfalltag, den zweiten [Sonntag des
       Monats] Mai  1852 näherrückte,  einen Protest der Gestirnbewegung
       gegen ihre  irdischen Wechsel  erblickten. Sie  waren  zu  wahren
       Astrologen geworden.  Die Nationalversammlung hatte Bonaparte die
       Hoffnung auf  konstitutionelle Prorogation  seiner  Gewalt  abge-
       schnitten, die  Kandidatur des  Prinzen von  Joinville gestattete
       kein längeres Schwanken.
       Wenn je  ein Ereignis  lange vor  seinem Eintritt seinen Schatten
       vor sich  hergeworfen hat,  so war  es Bonapartes  Staatsstreich.
       Schon am  29. Januar  1849, kaum  einen Monat  nach seiner  Wahl,
       hatte er  den Vorschlag dazu dem Changarnier gemacht. Sein eigner
       Premierminister Odilon  Barrot hatte  im  Sommer  1849  verhüllt,
       Thiers im Winter 1850 offen die Politik der Staatsstreiche denun-
       ziert. Persigny hatte im Mai 1851 Changarnier noch einmal für den
       Coup zu  gewinnen gesucht,  der "Messager  de l'Assemblée"  [112]
       hatte diese  Unterhandlung veröffentlicht.  Die bonapartistischen
       Journale drohten  bei jedem  parlamentarischen Sturme  mit  einem
       Staatsstreich, und  je näher die Krise rückte, desto lauter wurde
       ihr Ton.  In den  Orgien, die Bonaparte jede Nacht mit männlichem
       und  weiblichem   swell  mob   1*)  feierte,  sooft  die  Mitter-
       nachtsstunde heranrückte  und reichliche Libationen die Zunge ge-
       löst und  die Phantasie  erhitzt hatten,  wurde der Staatsstreich
       für den  folgenden Morgen beschlossen. Die Schwerter wurden gezo-
       gen, die  Gläser klirrten,  die Repräsentanten flogen zum Fenster
       hinaus, der  Kaisermantel fiel  auf die Schultern Bonapartes, bis
       der nächste Morgen wieder den Spuk vertrieb und das erstaunte Pa-
       ris von  wenig verschlossenen Vestalinnen und indiskreten Paladin
       en die  Gefahr erfuhr,  der es  noch einmal entwischt war. In den
       Monaten September  und Oktober überstürzten sich die Gerüchte von
       einem coup  d'état. Der  Schatten nahm zugleich Farbe an, wie ein
       buntes Daguerreotyp.  Man schlage  die Monatsgänge  für September
       und Oktober in den Organen der europäischen Tagespresse nach, und
       man wird wörtlich Andeutungen
       -----
       1*) Hochstaplergesindel
       
       #189# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       wie folgende  finden: "Staatsstreichgerüchte  erfüllen Paris. Die
       Hauptstadt soll  während der Nacht mit Truppen gefüllt werden und
       der andre  Morgen Dekrete  bringen, die  die  Nationalversammlung
       auflösen, das Departement der Seine in Belagerungszustand verset-
       zen, das  allgemeine Wahlrecht  wiederherstellen, ans Volk appel-
       lieren. Bonaparte soll Minister für die Ausführung dieser illega-
       len Dekrete  suchen." Die  Korrespondenzen, die diese Nachrichten
       bringen,  enden  stets  verhängnisvoll  mit  "aufgeschoben".  Der
       Staatsstreich war stets die fixe Idee Bonapartes. Mit dieser Idee
       hatte er  den französischen  Boden wieder betreten. Sie besaß ihn
       so sehr,  daß er sie fortwährend verriet und ausplauderte. Er war
       so schwach,  daß er  sie ebenso  fortwährend wieder  aufgab.  Der
       Schatten des Staatsstreiches war den Parisern als Gespenst so fa-
       miliär geworden,  daß sie  nicht an  ihn glauben  wollten, als er
       endlich in  Fleisch und Blut erschien. Es war also weder die ver-
       schlossene Zurückhaltung  des Chefs  der Gesellschaft vom 10. De-
       zember, noch  eine ungeahnte  Überrumpelung von Seiten der Natio-
       nalversammlung, was  den Staatsstreich gelingen ließ. Wenn er ge-
       lang,  gelang  er  trotz    s e i n e r    Indiskretion  und  mit
       i h r e m   Vorwissen, ein  notwendiges, unvermeidliches Resultat
       der vorhergegangenen Entwickelung.
       Am 10.  Oktober kündete  Bonaparte seinen Ministern den Entschluß
       an, das  allgemeine Wahlrecht  wiederherstellen zu wollen, am 16.
       gaben sie  ihre Entlassung,  am 26.  erfuhr Paris die Bildung des
       Ministeriums Thorigny.  Der Polizeìpräfekt  Carlier wurde gleich-
       zeitig durch Maupas ersetzt, der Chef der ersten Militärdivision,
       Magnan, zog  die zuverlässigsten Regimenter in der Hauptstadt zu-
       sammen. Am  4. November  eröffnete die Nationalversammlung wieder
       ihre Sitzungen. Sie hatte nichts mehr zu tun, als in einem kurzen
       bündigen Repetitorium  den Kursus, den sie durchgemacht hatte, zu
       wiederholen und zu beweisen, daß sie erst begraben wurde, nachdem
       sie" gestorben war.
       Der erste Posten, den sie im Kampfe mit der Exekutivgewalt einge-
       büßt hatte,  war das Ministerium. Sie mußte diesen Verlust feier-
       lich eingestehn,  indem sie  das Ministerium Thorigny, ein bloßes
       Scheinministerium,  als  voll  hinnahm.  Die  Permanenzkommission
       hatte Herrn Giraud mit Lachen empfangen, als er sich im Namen der
       neuen Minister  vorstellte. Ein  so schwaches  Ministerium für so
       starke Maßregeln  wie die Wiederherstellung des allgemeinen Wahl-
       rechts! Aber es handelte sich eben darum, nichts  i m  Parlament,
       alles  g e g e n  das Parlament durchzusetzen.
       Gleich  am   ersten  Tage   ihrer  Wiedereröffnung   erhielt  die
       Nationalversammlung die Botschaft Bonapartes, worin er Wiederher-
       stellung des  allgemeinen Wahlrechts und Abschaffung des Gesetzes
       vom 31. Mai 1850
       
       #190# Karl Marx
       -----
       verlangte. Seine  Minister brachten  an demselben Tage ein Dekret
       in diesem  Sinne ein. Die Versammlung verwarf den Dringlichkeits-
       antrag der  Minister sofort und das Gesetz selbst am 13.November,
       mit 355  gegen 348 Stimmen. Sie zerriß so noch einmal ihr Mandat,
       sie bestätigte  noch einmal,  daß sie  sich aus der freigewählten
       Repräsentation des  Volkes in  das usurpatorische Parlament einer
       Klasse verwandelt,  sie bekannte  noch einmal, daß sie selbst die
       Muskeln entzweigeschnitten  hatte, die den parlamentarischen Kopf
       mit dem Körper der Nation verbanden.
       Wenn die  Exekutivgewalt durch ihren Antrag auf Wiederherstellung
       des allgemeinen  Wahlrechts von  der Nationalversammlung  an  das
       Volk, appellierte  die gesetzgebende Gewalt durch ihre Quästoren-
       bill [86]  von dem Volke an die Armee. Diese Quästorenbill sollte
       ihr Recht  auf unmittelbare  Requisition der Truppen, auf Bildung
       einer parlamentarischen  Armee festsetzen.  Wenn sie so die Armee
       zum Schiedsrichter zwischen sich und dem Volke, zwischen sich und
       Bonaparte ernannte,  wenn sie die Armee als entscheidende Staats-
       gewalt anerkannte,  mußte sie  andrerseits  bestätigen,  daß  sie
       längst den Anspruch auf Herrschaft über dieselbe aufgegeben habe.
       Indem sie, statt sofort Truppen zu requirieren, das Recht der Re-
       quisition debattierte,  verriet sie  den Zweifel  an ihrer eignen
       Macht. Indem  sie die  Quästorenbill verwarf,  gestand sie  offen
       ihre Ohnmacht.  Diese Bill fiel durch mit einer Minorität von 108
       Stimmen, die  Montagne hatte so den Ausschlag gegeben. Sie befand
       sich in der Lage von Buridans Esel, zwar nicht zwischen zwei Säc-
       ken Heu,  um zu  entscheiden, welcher der anziehendere, wohl aber
       zwischen zwei Trachten Prügel, um zu entscheiden, welche die här-
       tere sei. Auf der einen Seite die Furcht vor Changarnier, auf der
       andern die  Furcht vor  Bonaparte. Man  muß gestehn, daß die Lage
       keine heroische war.
       Am 18. November wurde zu dem von der Ordnungspartei eingebrachten
       Gesetze über  die Kommunalwahlen  das  Amendement  gestellt,  daß
       statt drei Jahren ein Jahr Domizil für die Kommunalwähler genügen
       solle. Das  Amendement fiel mit einer einzigen Stimme durch, aber
       diese eine  Stimme stellte sich sofort als ein Irrtum heraus. Die
       Ordnungspartei hatte  durch Zersplitterung  in  ihre  feindlichen
       Fraktionen  längst  ihre  selbständig-parlamentarische  Majorität
       eingebüßt. Sie  zeigte jetzt,  daß überhaupt  keine Majorität  im
       Parlament mehr  vorhanden war.  Die Nationalversammlung war  b e-
       s c h l u ß u n f ä h i g   geworden. Ihre atomistischen Bestand-
       teile hingen  durch keine Kohäsionskraft mehr zusammen, sie hatte
       ihren letzten Lebensatem verbraucht, sie war tot.
       Die außerparlamentarische  Masse der  Bourgeoisie endlich  sollte
       ihren Bruch  mit der Bourgeoisie im Parlamente noch einmal einige
       Tage vor der
       
       #191# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       Katastrophe feierlich  bestätigen. Thiers,  als parlamentarischer
       Held vorzugsweise von der unheilbaren Krankheit des parlamentari-
       schen Kretinismus  angesteckt, hatte nach dem Tode des Parlaments
       eine neue parlamentarische Intrige mit dem Staatsrate ausgeheckt,
       ein Verantwortlichkeitsgesetz, das den Präsidenten in die Schran-
       ken der  Verfassung festbannen  sollte. Wie Bonaparte am 15. Sep-
       tember bei Grundlegung zu den neuen Markthallen von Paris die da-
       mes des halles, die Fischweiber, als zweiter Masaniello bezaubert
       hatte - allerdings wog ein Fischweib an realer Gewalt 17 Burggra-
       fen auf  -, wie  er nach  Vorlegung der  Quästorenbill die in dem
       Elysée traktierten  Leutnants begeisterte, so riß er jetzt am 25.
       November die  industrielle Bourgeoisie mit sich fort, die im Zir-
       kus versammelt  war, um  aus seiner  Hand Preismedaillen  für die
       Londoner Industrieausstellung  entgegenzunehmen. Ich gebe den be-
       zeichnenden Teil seiner Rede nach dem "Journal des Débats":
       
       "Mit solch  unverhofften Erfolgen bin ich berechtigt zu wiederho-
       len, wie  groß die  französische Republik sein würde, wenn es ihr
       gestattet wäre,  ihre realen Interessen zu verfolgen und ihre In-
       stitutionen zu reformieren, statt beständig gestört zu werden ei-
       nerseits durch die Demagogen, andrerseits durch die monarchischen
       Halluzinationen. (Lauter,  stürmischer und  wiederholter  Applaus
       von jedem  Teile des Amphitheaters.) Die monarchischen Halluzina-
       tionen verhindern  allen Fortschritt  und alle ernsten Industrie-
       zweige. Statt  des Fortschritts  nur Kampf. Man sieht Männer, die
       früher die  eifrigsten Stützen der königlichen Autorität und Prä-
       rogative waren,  Parteigänger eines  Konvents werden, bloß um die
       Autorität zu  schwächen, die  aus dem allgemeinen Stimmrecht ent-
       sprungen ist.  (Lauter und  wiederholter Applaus.) Wir sehen Män-
       ner, die  am meisten  von der Revolution gelitten und sie am mei-
       sten bejammert  haben, eine neue provozieren, und nur um den Wil-
       len der  Nation zu  fesseln ...  Ich verspreche Euch Ruhe für die
       Zukunft etc. etc. (Bravo, Bravo, stürmisches Bravo.)"
       
       So klatscht  die industrielle  Bourgeoisie dem Staatsstreiche vom
       2. Dezember,  der Vernichtung des Parlaments, dem Untergang ihrer
       eignen Herrschaft, der Diktatur Bonapartes ihr serviles Bravo zu.
       Der Beifallsdonner  vom 25. November erhielt seine Antwort in dem
       Kanonendonner vom  4. Dezember,  und das  Haus des  Herrn Sallan-
       drouze, der  die meisten  Bravos geklatscht  hatte, wurde von den
       meisten Bomben zerklatscht.
       Cromwell, als  er das Lange Parlament auflöste, begab sich allein
       in die  Mitte desselben, zog seine Uhr heraus, damit es keine Mi-
       nute über  die von ihm festgesetzte Frist fortexistiere, und ver-
       jagte jedes  einzelne Parlamentsglied  mit heiter  humoristischen
       Schmähungen. Napoleon,  kleiner als  sein Vorbild,  begab sich am
       18. Brumaire  wenigstens in  den gesetzgebenden Körper und verlas
       ihm, wenn  auch mit  beklommener Stimme,  sein  Todesurteil.  Der
       zweite Bonaparte, der sich übrigens im Besitz einer ganz andern
       
       #192# Karl Marx
       -----
       Exekutivgewalt befand  als Cromwell  oder Napoleon,  suchte  sein
       Vorbild nicht  in den  Annalen der Weltgeschichte, sondern in den
       Annalen der  Gesellschaft vom  10. Dezember,  in den  Annalen der
       Kriminalgerichtsbarkeit. Er  bestiehlt die Bank von Frankreich um
       25 Millionen  Francs, kauft den General Magnan mit einer Million,
       die Soldaten  Stück für Stück mit 15 Francs und mit Schnaps, fin-
       det sich wie ein Dieb in der Nacht mit seinen Spießgesellen heim-
       lich zusammen,  läßt in die Häuser der gefährlichsten Parlaments-
       führer einbrechen  und Cavaignac,  Lamoricière, Le  Flô, Changar-
       nier, Charras,  Thiers, Baze etc. aus ihren Betten entführen, die
       Hauptplätze von Paris sowie das Parlamentsgebäude mit Truppen be-
       setzen und  früh am  Morgen marktschreierische  Plakate an  allen
       Mauern anschlagen,  worin die  Auflösung der  Nationalversammlung
       und des  Staatsrats, die  Wiederherstellung des allgemeinen Wahl-
       rechts  und   die  Versetzung   des  Seine-Departements   in  Be-
       lagerungszustand verkündet  werden. So  rückt er kurz nachher ein
       falsches Dokument  in den  "Moniteur" ein,  wonach  einflußreiche
       parlamentarische Namen  sich in einer Staatskonsulta um ihn grup-
       piert hätten.
       Das im  Mairiegebäude des  10, Arrondissements versammelte Rumpf-
       parlament, hauptsächlich  aus Legitimisten und Orleanisten beste-
       hend, beschließt  unter dem wiederholten Rufe: "Es lebe die Repu-
       blik", die  Absetzung Bonapartes,  harangiert umsonst die vor dem
       Gebäude gaffende Masse und wird endlich unter dem Geleite afrika-
       nischer Scharfschützen  erst in  die Kaserne  d'Orsay geschleppt,
       später in  Zellenwagen verpackt  und nach  den  Gefängnissen  von
       Mazas, Ham  und Vincennes  transportiert. So endete die Ordnungs-
       partei, die  legislative Versammlung  und die  Februarrevolution.
       Ehe wir zum Schluß eilen, kurz das Schema ihrer Geschichte:
       I. Erste Periode.  Vom 24.Februar bis 4.Mai 1848. Februarperiode.
       Prolog. Allgemeiner Verbrüderungsschwindel.
       II. Zweite Periode.  Periode der  Konstituierung der Republik und
       der konstituierenden Nationalversammlung.
       1. 4. Mai  bis 25.  Juni 1848. Kampf sämtlicher Klassen gegen das
       Proletariat. Niederlage des Proletariats in den Junitagen.
       2. 25.Juni bis  10. Dezember 1848. Diktatur der reinen Bourgeois-
       Republikaner. Entwerfung der Konstitution. Verhängung des Belage-
       rungszustandes über  Paris. Die Bourgeoisdiktatur am 10. Dezember
       beseitigt durch die Wahl Bonapartes zum Präsidenten.
       3. 20. Dezember 1848 bis 28. Mai 1849. Kampf der Konstituante mit
       Bonaparte und  der mit  ihm vereinigten Ordnungspartei. Untergang
       der Konstituante. Fall der republikanischen Bourgeoisie.
       
       #193# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       III. Dritte Periode.  Periode der  konstitutionellen Republik und
       der legislativen Nationalversammlung.
       
       
       #194#
       -----
       VII
       
       Die   s o z i a l e   R e p u b l i k   erschien als  Phrase, als
       Prophezeiung an  der Schwelle der Februarrevolution. In den Juni-
       tagen 1848  wurde sie  im Blute  d e s  P a r i s e r  P r o l e-
       t a r i a t s  erstickt, aber sie geht in den folgenden Akten des
       Dramas als  Gespenst um.  Die   d e m o k r a t i s c h e    R e-
       p u b l i k   kündigt sich  an. Sie verpufft am 13. Juni 1849 mit
       ihren davongelaufenen   K l e i n b ü r g e r n,  aber im Fliehen
       wirft  sie   doppelt  renommierende  Reklamen  hinter  sich.  Die
       p a r l a m e n t a r i s c h e   R e p u b l i k   mit der Bour-
       geoisie bemächtigt  sich der  ganzen Bühne,  sie lebt sich aus in
       der vollen  Breite ihrer  Existenz, aber der 2. Dezember 1851 be-
       gräbt sie  unter dem  Angstgeschrei der  koalisierten Royalisten:
       "Es lebe die Republik!"
       Die französische Bourgeoisie bäumte sich gegen die Herrschaft des
       arbeitenden Proletariats, sie hat das Lumpenproletariat zur Herr-
       schaft gebracht,  an der Spitze den Chef der Gesellschaft vom 10.
       Dezember. Die  Bourgeoisie hielt  Frankreich in  atemloser Furcht
       vor den  zukünftigen Schrecken  der roten Anarchie; Bonaparte es-
       komptierte ihr diese Zukunft, als er am 4. Dezember die vornehmen
       Bürger des  Boulevard Montmartre  und des  Boulevard des Italiens
       durch die schnapsbegeisterte Armee der Ordnung von ihren Fenstern
       herabschießen ließ.  Sie apotheosierte  den Säbel;  der Säbel be-
       herrscht sie.  Sie vernichtete  die  revolutionäre  Presse;  ihre
       eigne Presse  ist vernichtet.  Sie stellte die Volksversammlungen
       unter Polizeiaufsicht;  ihre Salons  stehn unter der Aufsicht der
       Polizei. Sie  löste die  demokratischen Nationalgarden  auf; ihre
       eigne Nationalgarde ist aufgelöst. Sie verhing den Belagerungszu-
       stand; der  Belagerungszustand ist  über sie  verhängt. Sie  ver-
       drängte die  Jurys durch  Militärkommissionen;  ihre  Jurys  sind
       durch Militärkommissionen  verdrängt. Sie  unterwarf den Volksun-
       terricht den  Pfaffen; die  Pfaffen unterwerfen  sie ihrem eignen
       Unterricht. Sie  transportierte ohne Urteil; sie wird ohne Urteil
       transportiert. Sie  unterdrückte  jede  Regung  der  Gesellschaft
       durch die Staatsmacht; jede Regung ihrer Gesellschaft wird
       
       #195# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       durch die  Staatsmacht erdrückt. Sie rebellierte aus Begeisterung
       für ihren  Geldbeutel gegen  ihre eignen Politiker und Literaten;
       ihre Politiker  und Literaten sind beseitigt, aber ihr Geldbeutel
       wird geplündert, nachdem sein Mund geknebelt und seine Feder zer-
       brochen ist.  Die Bourgeoisie  rief der Revolution unermüdlich zu
       wie der  heilige Arsenius  den Christen:  "Fuge,  tace,  quiesce!
       Fliehe, schweige,  ruhe!"  Bonaparte  ruft  der  Bourgeoisie  zu:
       "Fuge, tace, quiesce! Fliehe, schweige, ruhe!"
       Die französische  Bourgeoisie hatte  längst das Dilemma Napoleons
       gelöst: "Dans  cinquante ans  l'Europe sera républicaine ou cosa-
       que." 1*)  Sie hatte  es gelöst  in der "république cosaque" 2*).
       Keine Circe hat das Kunstwerk der bürgerlichen Republik durch bö-
       sen Zauber  in eine  Ungestalt verzerrt. Jene Republik hat nichts
       verloren als  den Schein  der Respektabilität. Das jetzige Frank-
       reich war  fertig in der parlamentarischen Republik enthalten. Es
       bedurfte nur eines Bajonettstichs, damit die Blase platze und das
       Ungeheuer in die Augen springe.
       Warum hat sich das Pariser Proletariat nicht nach dem 2. Dezember
       erhoben?
       Noch war  der Sturz  der Bourgeoisie  erst dekretiert, das Dekret
       war nicht vollzogen. Jeder ernste Aufstand des Proletariats hätte
       sie sofort neu belebt, mit der Armee ausgesöhnt und den Arbeitern
       eine zweite Juniniederlage gesichert.
       Am 4.  Dezember wurde  das Proletariat  von Bourgeois und Épicier
       3*) zum  Kampfe aufgestachelt. Am Abende dieses Tages versprachen
       mehrere Legionen der Nationalgarde, bewaffnet und uniformiert auf
       dem Kampfplatze  zu erscheinen.  Bourgeois und Epicier waren näm-
       lich dahintergekommen,  daß Bonaparte in einem seiner Dekrete vom
       2. Dezember  das geheime  Votum abschaffte und ihnen anbefahl, in
       den offiziellen Registern hinter ihre Namen ihr Ja oder Nein ein-
       zutragen. Der  Widerstand vom  4. Dezember  schüchterte Bonaparte
       ein. Während  der Nacht  ließ er  an allen Straßenecken von Paris
       Plakate anschlagen, welche die Wiederherstellung des geheimen Vo-
       tums verkündeten. Bourgeois und Epicier glaubten, ihren Zweck er-
       reicht zu  haben. Wer nicht am andern Morgen erschien, waren Epi-
       cier und Bourgeois.
       Das Pariser  Proletariat war  durch einen  Handstreich Bonapartes
       während der  Nacht vom  1. auf den 2. Dezember seiner Führer, der
       Barrikadenchefs, beraubt worden. Eine Armee ohne Offiziere, durch
       die Erinnerungen  vom Juni  1848 und  1849 und vom Mai 1850 abge-
       neigt, unter dem Banner der
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       1*) "In fünfzig Jahren wird Europa republikanisch sein oder kosa-
       kisch." - 2*) "kosakischen Republik" - 3*) Krämer
       
       #196# Karl Marx
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       Montagnards zu kämpfen, überließ es seiner Avantgarde, den gehei-
       men Gesellschaften,  die Rettung  der insurrektionellen  Ehre von
       Paris, welche  die Bourgeoisie  so widerstandslos  der Soldateska
       preisgab, daß  Bonaparte später  die Nationalgarde mit dem höhni-
       schen Motive  entwaffnen konnte : Er fürchte, daß ihre Waffen ge-
       gen sie selbst von den Anarchisten mißbraucht werden würden!
       "C'est le  triomphe complet  et définitif  du socialisme!" 1*) So
       charakterisierte Guizot  den 2. Dezember. Aber wenn der Sturz der
       parlamentarischen Republik  dem Keime nach den Triumph der prole-
       tarischen Revolution  in sich  enthält, so war ihr nächstes hand-
       greifliches  Resultat     d e r    S i e g    B o n a p a r t e s
       ü b e r   d a s   P a r l a m e n t,  d e r  E x e k u t i v g e-
       w a l t   ü b e r  d i e  L e g i s l a t i v g e w a l t,  d e r
       G e w a l t   o h n e   P h r a s e   ü b e r  d i e  G e w a l t
       d e r   P h r a s e.   In dem  Parlamente erhob  die Nation ihren
       allgemeinen Willen  zum Gesetze, d.h. das Gesetz der herrschenden
       Klasse zu  ihrem allgemeinen Willen. Vor der Exekutivgewalt dankt
       sie jeden eignen Willen ab und unterwirft sich dem Machtgebot des
       fremden, der  Autorität.  Die  Exekutivgewalt  im  Gegensatz  zur
       Legislativen drückt  die Heteronomie  der Nation  im Gegensatz zu
       ihrer Autonomie  aus. Frankreich  scheint also  nur der  Despotie
       einer Klasse  entlaufen, um  unter die Despotie eines Individuums
       zurückzufallen, und  zwar unter  die Autorität  eines Individuums
       ohne Autorität.  Der Kampf  scheint  so  geschlichtet,  daß  alle
       Klassen  gleich  machtlos  und  gleich  lautlos  vor  dem  Kolben
       niederknien.
       Aber die  Revolution ist  gründlich. Sie  ist noch  auf der Reise
       durch das  Fegefeuer begriffen.  Sie vollbringt  ihr Geschäft mit
       Methode. Bis zum 2. Dezember 1851 hatte sie die eine Hälfte ihrer
       Vorbereitung absolviert,  sie absolviert  jetzt  die  andre.  Sie
       vollendete erst  die parlamentarische  Gewalt, um  sie stürzen zu
       können. Jetzt,  wo sie  dies erreicht,  vollendet sie die  E x e-
       k u t i v g e w a l t,   reduziert sie  auf ihren  reinsten  Aus-
       druck, isoliert  sie, stellt  sie sich  als einzigen  Vorwurf ge-
       genüber, um  alle ihre Kräfte der Zerstörung gegen sie zu konzen-
       trieren. Und  wenn sie  diese zweite Hälfte ihrer Vorarbeit voll-
       bracht hat,  wird Europa von seinem Sitze aufspringen und jubeln:
       Brav gewühlt, alter Maulwurf! [113]
       Diese Exekutivgewalt  mit  ihrer  ungeheuern  bürokratischen  und
       militärischen Organisation,  mit ihrer weitschichtigen und künst-
       lichen Staatsmaschinerie,  ein Beamtenheer  von einer halben Mil-
       lion neben  einer Armee  von einer  andern halben Million, dieser
       fürchterliche Parasitenkörper,  der sich wie eine Netzhaut um den
       Leib der  französischen Gesellschaft  schlingt und ihr alle Poren
       verstopft, entstand  in der  Zeit der  absoluten Monarchie,  beim
       Verfall des  Feudalwesens, den  er beschleunigen  half. Die herr-
       schaftlichen
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       1*) "Das ist  der vollständige  und endgültige Triumph des Sozia-
       lismus!"
       
       #197# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       Privilegien der  Grundeigentümer und  Städte verwandelten sich in
       ebenso viele  Attribute der Staatsgewalt, die feudalen Würdenträ-
       ger in bezahlte Beamte und die bunte Mustercharte der widerstrei-
       tenden mittelalterlichen  Machtvollkommenheiten in den geregelten
       Plan einer Staatsmacht, deren Arbeit fabrikmäßig geteilt und zen-
       tralisiert ist.  Die erste französische Revolution mit ihrer Auf-
       gabe, alle  lokalen, territorialen, städtischen und provinziellen
       Sondergewalten zu  brechen, um die bürgerliche Einheit der Nation
       zu schaffen,  mußte entwickeln, was die absolute Monarchie begon-
       nen hatte:  die Zentralisation, aber zugleich den Umfang, die At-
       tribute und die Handlanger der Regierungsgewalt. Napoleon vollen-
       dete diese  Staatsmaschinerie. Die legitime Monarchie und die Ju-
       limonarchie fügten  nichts hinzu als eine größere Teilung der Ar-
       beit, in  demselben Maße wachsend, als die Teilung der Arbeit in-
       nerhalb der bürgerlichen Gesellschaft neue Gruppen von Interessen
       schuf,  also  neues  Material  für  die  Staatsverwaltung.  Jedes
       g e m e i n s a m e   Interesse wurde sofort von der Gesellschaft
       losgelöst, als höheres,  a l l g e m e i n e s  Interesse ihr ge-
       genübergestellt,  der  Selbsttätigkeit  der  Gesellschaftsglieder
       entrissen und zum Gegenstand der Regierungstätigkeit gemacht, von
       der Brücke,  dem Schulhaus und dem Kommunalvermögen einer Dorfge-
       meinde bis  zu den Eisenbahnen, dem Nationalvermögen und der Lan-
       desuniversität Frankreichs. Die parlamentarische Republik endlich
       sah sich  in ihrem Kampfe wider die Revolution gezwungen, mit den
       Repressivmaßregeln die  Mittel und  die Zentralisation der Regie-
       rungsgewalt  zu  verstärken.  Alle  Umwälzungen  vervollkommneten
       diese Maschine  statt sie  zu brechen.  Die Parteien, die abwech-
       selnd um die Herrschaft rangen, betrachteten die Besitznahme die-
       ses ungeheueren Staatsgebäudes als die Hauptbeute des Siegers.
       Aber unter  der absoluten  Monarchie, während  der ersten Revolu-
       tion, unter Napoleon war die Bürokratie nur das Mittel, die Klas-
       senherrschaft der  Bourgeoisie vorzubereiten. Unter der Restaura-
       tion, unter  Louis-Philippe, unter der parlamentarischen Republik
       war sie  das Instrument der herrschenden Klasse, so sehr sie auch
       nach Eigenmacht strebte.
       Erst unter  dem zweiten  Bonaparte scheint  sich der Staat völlig
       verselbständigt zu haben. Die Staatsmaschine hat sich der bürger-
       lichen Gesellschaft  gegenüber so  befestigt, daß an ihrer Spitze
       der Chef  der Gesellschaft  vom 10.  Dezember genügt, ein aus der
       Fremde herbeigelaufener  Glücksritter, auf den Schild gehoben von
       einer trunkenen  Soldateska, die er durch Schnaps und Würste erk-
       auft hat,  nach der  er stets von neuem mit der Wurst werfen muß.
       Daher die  kleinlaute Verzweiflung,  das Gefühl der ungeheuersten
       Demütigung, Herabwürdigung,  das die  Brust Frankreichs  beklemmt
       und seinen Atem stocken macht. Es fühlt sich wie entehrt.
       
       #198# Karl Marx
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       Und dennoch schwebt die Staatsgewalt nicht in der Luft. Bonaparte
       vertritt eine  Klasse, und zwar die zahlreichste Klasse der fran-
       zösischen Gesellschaft, die  P a r z e l l e n b a u e r n.
       Wie die  Bourbons die Dynastie des großen Grundeigentums, wie die
       Orléans die Dynastie des Geldes, so sind die Bonapartes die Dyna-
       stie der Bauern, d.h. der französischen Volksmasse. Nicht der Bo-
       naparte, der  sich dem Bourgeoisparlamente unterwarf, sondern der
       Bonaparte, der  das Bourgeoisparlament  auseinanderjagte, ist der
       Auserwählte der  Bauern. Drei  Jahre war es den Städten gelungen,
       den Sinn  der Wahl vom 10. Dezember zu verfälschen und die Bauern
       um die  Wiederherstellung des  Kaiserreichs zu  prellen. Die Wahl
       vom 10.Dezember  1848 ist  erst erfüllt  worden  durch  den  coup
       d'état vom 2. Dezember 1851.
       Die Parzellenbauern bilden eine ungeheure Masse, deren Glieder in
       gleicher Situation  leben, aber ohne in mannigfache Beziehung zu-
       einander zu  treten. Ihre Produktionsweise isoliert sie voneinan-
       der, statt sie in wechselseitigen Verkehr zu bringen. Die Isolie-
       rung wird gefördert durch die schlechten französischen Kommunika-
       tionsmittel und  die Armut  der Bauern.  Ihr Produktionsfeld, die
       Parzelle, läßt  in seiner  Kultur keine  Teilung der  Arbeit  zu,
       keine Anwendung der Wissenschaft, also keine Mannigfaltigkeit der
       Entwickelung, keine  Verschiedenheit der Talente, keinen Reichtum
       der gesellschaftlichen  Verhältnisse. Jede einzelne Bauernfamilie
       genügt beinahe  sich selbst,  produziert unmittelbar  selbst  den
       größten Teil ihres Konsums und gewinnt so ihr Lebensmaterial mehr
       im Austausche  mit der Natur als im Verkehr mit der Gesellschaft.
       Die Parzelle,  der Bauer und die Familie; daneben eine andre Par-
       zelle, ein  andrer Bauer und eine andre Familie. Ein Schock davon
       macht ein Dorf, und ein Schock von Dörfern macht ein Departement.
       So wird  die große  Masse der französischen Nation gebildet durch
       einfache Addition  gleichnamiger Größen,  wie etwa  ein Sack  von
       Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet. Insofern Millionen von Fa-
       milien unter ökonomischen Existenzbedingungen leben, die ihre Le-
       bensweise, ihre  Interessen und ihre Bildung von denen der andern
       Klassen trennen  und ihnen feindlich gegenüberstellen, bilden sie
       eine Klasse. Insofern ein nur lokaler Zusammenhang unter den Par-
       zellenbauern besteht,  die Dieselbigkeit  ihrer Interessen  keine
       Gemeinsamkeit, keine  nationale Verbindung  und keine  politische
       Organisation unter  ihnen erzeugt,  bilden sie  keine Klasse. Sie
       sind daher unfähig, ihr Klasseninteresse im eigenen Namen, sei es
       durch ein  Parlament, sei  es durch  einen Konvent geltend zu ma-
       chen. Sie  können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten wer-
       den. Ihr  Vertreter muß zugleich als ihr Herr, als eine Autorität
       über ihnen erscheinen, als eine unumschränkte Regierungsgewalt,
       
       #199# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       die sie vor den andern Klassen beschützt und ihnen von oben Regen
       und Sonnenschein  schickt. Der  politische Einfluß der Parzellen-
       bauern findet  also darin seinen letzten Ausdruck, daß die Exeku-
       tivgewalt sich die Gesellschaft unterordnet.
       Durch die  geschichtliche  Tradition  ist  der  Wunderglaube  der
       französischen Bauern entstanden, daß ein Mann namens Napoleon ih-
       nen alle  Herrlichkeit wiederbringen  werde. Und es fand sich ein
       Individuum, das  sich für  diesen Mann ausgibt, weil es den Namen
       Napoleon trägt,  infolge des  Code Napoléon,  der anbefiehlt: "La
       recherche de  la paternité est interdite." 1*) Nach zwanzigjähri-
       ger Vagabundage  und einer Reihe von grotesken Abenteuern erfüllt
       sich die  Sage, und  der Mann wird Kaiser der Franzosen. Die fixe
       Idee des  Neffen verwirklichte  sich, weil sie mit der fixen Idee
       der zahlreichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel.
       Aber,  wird  man  mir  einwerfen,  die  Bauernaufstände  in  halb
       Frankreich, die Treibjagden der Armee auf die Bauern, die massen-
       hafte Einkerkerung und Transportation der Bauern?
       Seit Ludwig  XIV. hat  Frankreich keine  ähnliche Verfolgung  der
       Bauern "wegen demagogischer Umtriebe" erlebt.
       Aber man  verstehe wohl.  Die  Dynastie  Bonaparte  repräsentiert
       nicht den  revolutionären, sondern den konservativen Bauer, nicht
       den Bauer, der über seine soziale Existenzbedingung, die Parzelle
       hinausdrängt, sondern der sie vielmehr befestigen will, nicht das
       Landvolk, das  durch eigne  Energie im Anschluß an die Städte die
       alte Ordnung  umstürzen, sondern  umgekehrt dumpf verschlossen in
       dieser alten Ordnung sich mitsamt seiner Parzelle von dem Gespen-
       ste des  Kaisertums gerettet und bevorzugt sehen will. Sie reprä-
       sentiert nicht  die Aufklärung,  sondern den Aberglauben des Bau-
       ern, nicht  sein Urteil,  sondern sein Vorurteil, nicht seine Zu-
       kunft, sondern seine Vergangenheit, nicht seine modernen Cevennen
       [114], sondern seine moderne Vendée [49].
       Die dreijährige  harte Herrschaft  der parlamentarischen Republik
       hatte einen  Teil der französischen Bauern von der napoleonischen
       Illusion befreit  und, wenn  auch nur noch oberflächlich, revolu-
       tioniert; aber  die Bourgeoisie  warf sie gewaltsam zurück, sooft
       sie sich  in Bewegung  setzten. Unter der parlamentarischen Repu-
       blik rang das moderne mit dem traditionellen Bewußtsein der fran-
       zösischen Bauern.  Der Prozeß ging vor sich in der Form eines un-
       aufhörlichen Kampfes  zwischen den Schulmeistern und den Pfaffen.
       Die Bourgeoisie  schlug die Schulmeister nieder. Die Bauern mach-
       ten zum
       -----
       1*) Die Nachforschung nach der Vaterschaft ist untersagt"
       
       #200# Karl Marx
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       ersten Mal  Anstrengungen, der Regierungstätigkeit gegenüber sich
       selbständig zu  verhalten. Es  erschien dies in dem fortgesetzten
       Konflikte der  Maires mit  den Präfekten.  Die Bourgeoisie setzte
       die Maires ab. Endlich erhoben sich die Bauern verschiedener Orte
       während der  Periode der  parlamentarischen Republik  gegen  ihre
       eigne Ausgeburt, die Armee. Die Bourgeoisie bestrafte sie mit Be-
       lagerungszuständen  und  Exekutionen.  Und  dieselbe  Bourgeoisie
       schreit jetzt  über die Stupidität der Massen, der vile multitude
       1*), die sie an Bonaparte verraten habe. Sie selbst hat den Impe-
       rialismus der Bauernklasse gewaltsam befestigt, sie hielt die Zu-
       stände fest,  die die Geburtsstätte dieser Bauernreligion bilden.
       Allerdings muß  die Bourgeoisie die Dummheit der Massen fürchten,
       solange sie konservativ bleiben, und die Einsicht der Massen, so-
       bald sie revolutionär werden.
       In den  Aufständen nach dem coup d etat protestierte ein Teil der
       französischen Bauern mit den Waffen in der Hand gegen sein eignes
       Votum vom  10. Dezember  1848. Die Schule seit 1848 hatte sie ge-
       witzigt. Allein  sie hatten  sich der  geschichtlichen  Unterwelt
       verschrieben, die  Geschichte hielt  sie beim Worte, und noch war
       die Mehrzahl so befangen, daß gerade in den rotesten Departements
       die Bauernbevölkerung  öffentlich für  Bonaparte stimmte. Die Na-
       tionalversammlung hatte  ihn nach  ihrer Ansicht  am Gehn verhin-
       dert. Er hatte jetzt nur die Fessel gebrochen, die die Städte dem
       Willen des  Landes angelegt.  Sie trugen  sich stellenweise sogar
       mit der grotesken Vorstellung: neben einem Napoleon ein Konvent.
       Nachdem die  erste Revolution  die halbhörigen  Bauern  in  freie
       Grundeigentümer verwandelt hatte, befestigte und regelte Napoleon
       die Bedingungen,  worin sie ungestört den eben erst ihnen anheim-
       gefallenen Boden  Frankreichs ausbeuten  und die jugendliche Lust
       am Eigentum  büßen konnten.  Aber woran  der  französische  Bauer
       jetzt untergeht,  es ist  seine Parzelle  selbst, die Teilung des
       Grund und  Bodens, die  Eigentumsform, die Napoleon in Frankreich
       konsolidierte. Es  sind eben die materiellen Bedingungen, die den
       französischen Feudalbauer  zum Parzellenbauer  und  Napoleon  zum
       Kaiser machten.  Zwei Generationen  haben hingereicht, um das un-
       vermeidliche Resultat  zu erzeugen:  progressive Verschlechterung
       des Ackerbaues,  progressive Verschuldung  des  Ackerbauers.  Die
       "Napoleonische" Eigentumsform,  die im  Anfange  des  neunzehnten
       Jahrhunderts die Bedingung für die Befreiung und die Bereicherung
       des französischen  Landvolkes war, hat sich im Laufe dieses Jahr-
       hunderts als  das Gesetz  ihrer Sklaverei  und ihres  Pauperismus
       entwickelt. Und  eben dies  Gesetz ist die erste der "idées napo-
       léoniennes"
       -----
       1 des gemeinen Pöbels
       
       #201# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       [93], die  der zweite Bonaparte zu behaupten hat. Wenn er mit den
       Bauern  noch  die  Illusion  teilt,  nicht  im  Parzelleneigentum
       selbst, sondern  außerhalb, im  Einflüsse sekundärer Umstände die
       Ursache ihres  Ruins zu  suchen, so  werden seine Experimente wie
       Seifenblasen an den Produktionsverhältnissen zerschellen.
       Die ökonomische  Entwicklung des  Parzelleneigentums hat das Ver-
       hältnis der  Bauern zu den übrigen Gesellschaftsklassen von Grund
       aus verkehrt. Unter Napoleon ergänzte die Parzellierung des Grund
       und Bodens  auf dem Lande die freie Konkurrenz und die beginnende
       große Industrie  in den  Städten. Die Bauernklasse war der allge-
       genwärtige Protest  gegen die eben erst gestürzte Grundaristokra-
       tie. Die  Wurzeln, die das Parzelleneigentum in dem französischen
       Grund und  Boden schlug, entzogen dem Feudalismus jeden Nahrungs-
       stoff. Seine Grenzpfähle bildeten das natürliche Befestigungswerk
       der Bourgeoisie  gegen jeden  Handstreich ihrer alten Oberherren.
       Aber im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts trat an die Stelle des
       Feudalen der städtische Wucherer, an die Stelle der Feudalpflich-
       tigkeit des  Bodens die  Hypothek, an die Stelle des aristokrati-
       schen Grundeigentums  das bürgerliche  Kapital. Die  Parzelle des
       Bauern ist  nur noch  der Vorwand,  der dem Kapitalisten erlaubt,
       Profit, Zinsen  und Rente  von dem  Acker zu ziehn und den Acker-
       bauer selbst  zusehn zu lassen, wie er seinen Arbeitslohn heraus-
       schlägt. Die  auf dem  französischen Boden  lastende  Hypothekar-
       schuld legt  der französischen  Bauernschaft einen  Zins auf,  so
       groß wie  der Jahreszins  der gesamten britischen Nationalschuld.
       Das Parzelleneigentum in dieser Sklaverei vom Kapital, wozu seine
       Entwicklung unvermeidlich  hindrängt, hat die Masse der französi-
       schen Nation in Troglodyten verwandelt. Sechzehn Millionen Bauern
       (Frauen und  Kinder eingerechnet)  hausen in  Höhlen,  wovon  ein
       großer Teil  nur eine Öffnung, der andre nur zwei, und der bevor-
       zugteste nur  drei Öffnungen hat. Die Fenster sind an einem Haus,
       was die  fünf Sinne  für den  Kopf sind. Die bürgerliche Ordnung,
       die im Anfange des Jahrhunderts den Staat als Schildwache vor die
       neuentstandene Parzelle stellte und sie mit Lorbeeren düngte, ist
       zum Vampyr  geworden, der  ihr Herzblut und Hirnmark aussaugt und
       sie in  den Alchimistenkessel  des Kapitals wirft. Der Code Napo-
       léon ist  nur noch  der Kodex der Exekution, der Subhastation und
       der Zwangsversteigerung.  Zu den vier Millionen (Kinder usw. ein-
       gerechnet) offizieller  Paupers, Vagabunden,  Verbrecher und Pro-
       stituierten, die  Frankreich zählt,  kommen fünf Millionen hinzu,
       die an  dem Abgrunde  der Existenz  schweben und entweder auf dem
       Lande selbst  hausen oder  beständig mit  ihren Lumpen  und ihren
       Kindern von  dem Lande  in die Städte und von den Städten auf das
       Land desertieren. Das Interesse
       
       #202# Karl Marx
       -----
       der Bauern  befindet sich also nicht mehr, wie unter Napoleon, im
       Einklänge, sondern  im Gegensatze  mit den  Interessen der  Bour-
       geoisie, mit  dem Kapital. Sie finden also ihren natürlichen Ver-
       bündeten und Führer in dem  s t ä d t i s c h e n  P r o l e t a-
       r i a t,   dessen Aufgabe  der Umsturz  der bürgerlichen  Ordnung
       ist. Aber  die   s t a r k e   u n d    u n u m s c h r ä n k t e
       R e g i e r u n g   - und  dies ist  die zweite  "idée napoléoni-
       enne", die  der zweite Napoleon auszuführen hat - ist zur gewalt-
       samen Verteidigung  dieser "materiellen"  Ordnung  berufen.  Auch
       gibt dieser  "ordre matériel"  1*) in  allen Proklamationen Bona-
       partes gegen die aufrührischen Bauern das Stichwort ab.
       Neben der Hypothek, die das Kapital ihr auferlegt, lastet auf der
       Parzelle die   S t e u e r.   Die Steuer ist die Lebensquelle der
       Bürokratie, der  Armee, der Pfaffen und des Hofes, kurz, des gan-
       zen Apparats  der Exekutivgewalt.  Starke  Regierung  und  starke
       Steuer sind  identisch. Das  Parzelleneigentum eignet sich seiner
       Natur nach  zur Grundlage einer allgewaltigen und zahllosen Büro-
       kratie. Es  schafft ein gleichmäßiges Niveau der Verhältnisse und
       der Personen  über der  ganzen Oberfläche  des Landes. Es erlaubt
       also auch  die gleichmäßige  Einwirkung nach allen Punkten dieser
       gleichmäßigen Masse  von einem obersten Zentrum aus. Es. vernich-
       tet die aristokratischen Mittelstufen zwischen der Volksmasse und
       der Staatsgewalt.  Es ruft also von allen Seiten das direkte Ein-
       greifen dieser Staatsgewalt und das Zwischenschieben ihrer unmit-
       telbaren Organe  hervor. Es  erzeugt endlich  eine unbeschäftigte
       Überbevölkerung, die  weder auf  dem Lande  noch in  den  Städten
       Platz findet  und daher  nach den  Staatsämtern als einer Art von
       respektablem Almosen  greift und  die Schöpfung  von Staatsämtern
       provoziert. Napoleon gab in den neuen Märkten, die er mit dem Ba-
       jonette eröffnete,  in der Plünderung des Kontinents, die Zwangs-
       steuer mit  Zinsen zurück.  Sie war ein Stachel für die Industrie
       des Bauern,  während sie jetzt seine Industrie der letzten Hülfs-
       quellen beraubt, seine Widerstandslosigkeit gegen den Pauperismus
       vollendet. Und  eine enorme  Bürokratie, wohlgaloniert  und wohl-
       genährt, ist  die "idée napoléonienne", die dem zweiten Bonaparte
       von allen  am meisten zusagt. Wie sollte sie nicht, da er gezwun-
       gen ist,  neben den  wirklichen  Klassen  der  Gesellschaft  eine
       künstliche Kaste zu schaffen, für welche die Erhaltung seines Re-
       gimes zur Messer- und Gabelfrage wird. Eine seiner ersten Finanz-
       operationen war  daher auch die Wiedererhöhung der Beamtengehalte
       auf ihren alten Betrag und Schöpfung neuer Sinekuren.
       Eine andre  "idée napoléonienne" ist die Herrschaft der  P f a f-
       f e n  als Regierungsmittel. Aber wenn die neuentstandene Parzel-
       le in ihrem Einklang
       -----
       1*) diese "materielle Ordnung"
       
       #203# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
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       mit der Gesellschaft, in ihrer Abhängigkeit von den Naturgewalten
       und ihrer  Unterwerfung unter die Autorität, die sie von oben be-
       schützte, natürlich  religiös war, wird die schuldzerrüttete, mit
       der Gesellschaft  und der  Autorität zerfallene,  über ihre eigne
       Beschränktheit hinausgetriebene  Parzelle  natürlich  irreligiös.
       Der Himmel  war eine  ganz schöne  Zugabe zu  dem eben gewonnenen
       schmalen Erdstrich, zumal da er das Wetter macht; er wird zum In-
       sult, sobald er als Ersatz für die Parzelle aufgedrängt wird. Der
       Pfaffe erscheint  dann nur noch als der gesalbte Spürhund der ir-
       dischen Polizei - eine andre "idée napoléonienne". Die Expedition
       gegen Rom  wird das nächste Mal in Frankreich selbst stattfinden,
       aber im umgekehrten Sinne des Herrn von Montalembert.
       Der Kulminierpunkt  der "idées  napoléoniennes" endlich  ist  das
       Übergewicht der   A r m e e.   Die  Armee war der point d'honneur
       1*) der  Parzellenbauern, sie  selbst in  Heroen verwandelt, nach
       außen hin den neuen Besitz verteidigend, ihre eben erst errungene
       Nationalität  verherrlichend,  die  Welt  plündernd  und  revolu-
       tionierend. Die  Uniform war  ihr eignes  Staatskostüm, der Krieg
       ihre Poesie,  die in  der Phantasie  verlängerte und  abgerundete
       Parzelle das  Vaterland und  der Patriotismus die ideale Form des
       Eigentumssinnes. Aber  die Feinde, wogegen der französische Bauer
       jetzt sein  Eigentum zu  verteidigen hat, es sind nicht die Kosa-
       ken, es sind die Huissiers 2*) und Steuerexekutoren. Die Parzelle
       liegt nicht  mehr im  sogenannten  Vaterland,  sondern  im  Hypo-
       thekenbuch. Die Armee selbst ist nicht mehr die Blüte der Bauern-
       jugend, sie  ist die  Sumpfblume des bäuerlichen Lumpenproletari-
       ats. Sie  besteht großenteils aus Remplaçants, aus Ersatzmännern,
       wie der  zweite Bonaparte  selbst nur  Remplaçant, der Ersatzmann
       für Napoleon  ist. Ihre  Heldentaten verrichtet  sie jetzt in den
       Gems- und  Treibjagden auf  die Bauern,  im Gendarmendienst,  und
       wenn die  innern Widersprüche seines Systems den Chef der Gesell-
       schaft des  10. Dezember über die französische Grenze jagen, wird
       sie nach  einigen Banditenstreichen keine Lorbeeren, sondern Prü-
       gel ernten.
       Man sieht:   A l l e   "i d é e s    n a p o l é o n i e n n e s"
       s i n d   I d e e n   d e r   u n e n t w i c k e l t e n,   j u-
       g e n d f r i s c h e n  P a r z e l l e,  sie sind ein Widersinn
       für die  überlebte Parzelle.  Sie sind  nur  die  Halluzinationen
       ihres Todeskampfes,  Worte,  die  in  Phrasen,  Geister,  die  in
       Gespenster verwandelt.  Aber die  Parodie des  Imperialismus  war
       notwendig, um  die Masse  der französischen  Nation von der Wucht
       der Tradition  zu befreien und den Gegensatz der Staatsgewalt zur
       Gesellschaft rein herauszuarbeiten. Mit der fortschreitenden Zer-
       rüttung des Parzelleneigentums
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       1*) Ehrenpunkt - 2*) Gerichtsvollzieher
       
       #204# Karl Marx
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       bricht das auf ihm aufgeführte Staatsgebäude zusammen. Die staat-
       liche Zentralisation,  deren die moderne Gesellschaft bedarf, er-
       hebt sich  nur auf  den Trümmern  der  militärisch-bürokratischen
       Regierungsmaschinerie, die im Gegensatz zum Feudalismus geschmie-
       det ward. 1*)
       Die französischen Bauernverhältnisse enthüllen uns das Rätsel der
       a l l  g e m e i n e n   W a h l e n   v o m   2 0.   u n d  2 1.
       D e z e m b e r,   die den  zweiten Bonaparte  auf den Berg Sinai
       führten, nicht um Gesetze zu erhalten, sondern um sie zu geben.
       Die Bourgeoisie hatte Jetzt offenbar keine andere Wahl, als Bona-
       parte zu  wählen. Als  die Puritaner auf dem Konzile von Konstanz
       [118] über  das lasterhafte Leben der Päpste klagten und über die
       Notwendigkeit der  Sittenreform jammerten,  donnerte der Kardinal
       Pierre d'Ailly  ihnen zu:  "Nur noch  der Teufel in eigner Person
       kann die  katholische Kirche  retten, und ihr verlangt Engel." So
       rief die  französische Bourgeoisie nach dem coup d'état: Nur noch
       der Chef  der Gesellschaft  vom 10. Dezember kann die bürgerliche
       Gesellschaft retten!  Nur noch  der Diebstahl  das Eigentum,  der
       Meineid die  Religion, das  Bastardtum die Familie, die Unordnung
       die Ordnung!
       Bonaparte als die verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt
       seinen Beruf, die "bürgerliche Ordnung" sicherzustellen. Aber die
       Stärke dieser  bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse. Er weiß
       sich daher  als Repräsentant  der Mittelklasse und erläßt Dekrete
       in diesem  Sinne. Er ist jedoch nur dadurch etwas, daß er die po-
       litische Macht  dieser Mittelklasse gebrochen hat und täglich von
       neuem bricht.  Er weiß  sich daher als Gegner der politischen und
       literatischen Macht  der Mittelklasse. Aber indem er ihre materi-
       elle Macht beschützt, erzeugt er von neuem ihre politische Macht.
       Die Ursache muß daher am Leben erhalten, aber die Wirkung, wo sie
       sich zeigt,  aus der Welt geschafft werden. Aber ohne kleine Ver-
       wechselungen von  Ursache und  Wirkung kann dies nicht abgehn, da
       beide in  der Wechselwirkung ihre Unterscheidungsmerkmale verlie-
       ren. Neue  Dekrete, die die Grenzlinie verwischen. Bonaparte weiß
       sich zugleich  gegen die Bourgeoisie als Vertreter der Bauern und
       des Volkes überhaupt, der innerhalb der bürgerlichen
       -----
       1*) In der  Erstausgabe, New  York 1852,  endet dieser Absatz mit
       folgenden Zeilen,  die 1869 von Marx weggelassen wurden: Die Zer-
       trümmerung der  Staatsmaschine wird  die Zentralisation nicht ge-
       fährden. Die Bürokratie ist nur die niedrige und brutale Form ei-
       ner Zentralisation,  die noch mit ihrem Gegensatze, dem Feudalis-
       mus, behaftet ist. Mit der Verzweiflung an der napoleonischen Re-
       stauration scheidet  der französische  Bauer von  dem Glauben  an
       seine Parzelle,  stürzt das  ganze auf diese Parzelle aufgeführte
       Staatsgebäude zusammen  und erhält    d i e    p r o l e t a r i-
       s c h e   R e v o l u t i o n   d a s   C h o r,   o h n e  d a s
       i h r   S o l o g e s a n g   i n   a l l e n    B a u e r n n a-
       t i o n e n  z u m  S t e r b e l i e d  w i r d.
       
       #205# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       Gesellschaft die  untern Volksklassen  beglücken will.  Neue  De-
       krete, die die "wahren Sozialisten" [20] im voraus um ihre Regie-
       rungsweisheit prellen.  Aber Bonaparte  weiß sich  vor allem  als
       Chef der  Gesellschaft vom  10. Dezember,  als Repräsentanten des
       Lumpenproletariats, dem er selbst, seine entourage 1*), seine Re-
       gierung und  seine Armee  angehören und für das es sich vor allem
       darum handelt,  sich wohlzutun  und kalifornische  Lose  aus  dem
       Staatsschatze zu  ziehn. Und  er bestätigt  sich als Chef der Ge-
       sellschaft vom  10. Dezember mit Dekreten, ohne Dekrete und trotz
       der Dekrete.
       Diese widerspruchsvolle Aufgabe des Mannes erklärt die Widersprü-
       che seiner  Regierung,  das  unklare  Hinundhertappen,  das  bald
       diese, bald jene Klasse bald zu gewinnen, bald zu demütigen sucht
       und alle  gleichmäßig gegen sich aufbringt, dessen praktische Un-
       sicherheit einen  hochkomischen Kontrast bildet zu dem gebieteri-
       schen, kategorischen  Stile der  Regierungsakte,  der  dem  Onkel
       folgsam nachkopiert wird.
       Industrie und Handel, also die Geschäfte der Mittelklasse, sollen
       unter der  starken Regierung  treibhausmäßig aufblühn.  Verleihen
       einer Unzahl von Eisenbahnkonzessionen. Aber das bonapartistische
       Lumpenproletariat soll  sich bereichern. Tripotage mit den Eisen-
       bahnkonzessionen auf  der Börse von den vorher Eingeweihten. Aber
       es zeigt sich kein Kapital für die Eisenbahnen. Verpflichtung der
       Bank, auf  Eisenbahnaktien  vorzuschießen.  Aber  die  Bank  soll
       zugleich persönlich  exploitiert und daher kajoliert werden. Ent-
       bindung der  Bank von  der Pflicht,  ihren Bericht wöchentlich zu
       veröffentlichen. Leoninischer  Vertrag der Bank [116] mit der Re-
       gierung.  Das  Volk  soll  beschäftigt  werden.  Anordnungen  von
       Staatsbauten. Aber  die Staatsbauten  erhöhen die Steuerpflichten
       des Volkes.  Also Herabsetzung  der Steuern durch Angriff auf die
       Rentiers, durch Konvertierung der fünfprozentigen Renten in vier-
       einhalbprozentige. Aber  der Mittelstand  muß wieder  ein douceur
       2*) erhalten.  Also Verdoppelung der Weinsteuer für das Volk, das
       ihn en  détail kauft, und Herabsetzung um die Hälfte für den Mit-
       telstand, der ihn en gros trinkt. Auflösung der wirklichen Arbei-
       terassoziationen, aber  Verheißung von künftigen Assoziationswun-
       dern. Den Bauern soll geholfen werden. Hypothekenbanken, die ihre
       Verschuldung und  die Konzentration  des Eigentums beschleunigen.
       Aber diese  Banken sollen benutzt werden, um Geld aus den konfis-
       zierten Gütern  des Hauses Orléans herauszuschlagen. Kein Kapita-
       list will sich zu dieser Bedingung verstehn, die nicht in dem De-
       krete steht, und die Hypothekenbank bleibt ein bloßes Dekret usw.
       usw.
       -----
       1*) Umgebung - 2*) Zuckerbrot
       
       #206# Karl Marx
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       Bonaparte möchte als der patriarchalische Wohltäter aller Klassen
       erscheinen. Aber er kann keiner geben, ohne der andern zu nehmen.
       Wie man  zur Zeit der Fronde [87] vom Herzog von Guise sagte, daß
       er der  obligeanteste Mann von Frankreich sei, weil er alle seine
       Güter in  Obligationen seiner  Partisanen gegen  sich  verwandelt
       habe, so  möchte Bonaparte  der obligeanteste Mann von Frankreich
       sein und  alles Eigentum, alle Arbeit Frankreichs in eine persön-
       liche Obligation gegen sich verwandeln. Er möchte ganz Frankreich
       stehlen, um es an Frankreich verschenken, oder vielmehr um Frank-
       reich mit  französischem Gelde  wiederkaufen zu  können, denn als
       Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember muß er kaufen, was ihm ge-
       hören soll.  Und zu dem Institute des Kaufens werden alle Staats-
       institute, der  Senat, der  Staatsrat, der  gesetzgebende Körper,
       die  Ehrenlegion,  die  Soldatenmedaille,  die  Waschhäuser,  die
       Staatsbauten, die  Eisenbahnen, der  état-major 1*) der National-
       garde ohne  Gemeine, die  konfiszierten Güter des Hauses Orléans.
       Zum Kaufmittel  wird jeder Platz in der Armee und der Regierungs-
       maschine. Das  wichtigste aber bei diesem Prozesse, wo Frankreich
       genommen wird,  um ihm  zu geben,  sind die Prozente, die während
       des Umsatzes  für das  Haupt und die Glieder der Gesellschaft vom
       10.Dezember abfallen.  Das Witzwort,  womit die  Gräfin  L.,  die
       Mätresse des  Herrn de  Morny, die  Konfiskation der orleansschen
       Güter charakterisierte: "C'est le premier vol de l'aigle" *) 2*),
       paßt auf jeden Flug dieses  A d l e r s,  der mehr  R a b e  ist.
       Er selbst  und seine  Anhänger rufen  sich täglich  zu, wie jener
       italienische Kartäuser  dem Geizhals, der prunkend die Güter auf-
       zählte, an  denen er noch für Jahre zu zehren habe: "Tu fai conto
       sopra i  beni, bisogna prima far il conto sopra gli anni." **) Um
       sich in  den Jahren nicht zu verrechnen, zählen sie nach Minuten.
       An den  Hof, in die Ministerien, an die Spitze der Verwaltung und
       der Armee  drängt sich  ein Haufe von Kerlen, von deren bestem zu
       sagen ist,  daß man  nicht weiß,  von wannen  er kommt,  eine ge-
       räuschvolle, anrüchige,  plünderungslustige Boheme,  die mit der-
       selben grotesken Würde in galonierte Röcke kriecht wie Soulouques
       Großwürdenträger. Man kann diese höhere Schichte der Gesellschaft
       vom 10.  Dezember sich  anschaulich machen,  wenn man erwägt, daß
       Véron-Crevel ***) ihr Sittenprediger ist und Granier de Caasagnac
       ---
       *) Vol heißt Flug und Diebstahl.
       **) "Du berechnest  deine Güter,  du solltest  vorher deine Jahre
       berechnen."
       ***) Balzac in  der "Cousine Bette" stellt in Crevel, den er nach
       Dr. Véron,  dem Eigentümer  des -  Constitutionnel", entwarf, den
       grundliederlichen Pariser Philister dar.
       -----
       1*) Stab - 2*) "Das ist der erste Flug (Diebstahl) des Adlers."
       
       #207# Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
       -----
       ihr Denker.  Als Guizot  zur Zeit seines Ministeriums diesen Gra-
       nier in  einem Winkelblatte gegen die dynastische Opposition ver-
       wandte, pflegte  er ihn  mit der Wendung zu rühmen: "C'est le roi
       des drôles",  "das ist  der Narrenkönig".  Man hätte unrecht, bei
       dem Hofe und der Sippe Louis Bonapartes an die Regentschaft [117]
       oder Ludwig  XV. zu erinnern. Denn "oft schon hat Frankreich eine
       Mätressenregierung erlebt,  aber noch nie eine Regierung von hom-
       mes entretenus 1*)" *).
       Von den  widersprechenden Forderungen  seiner  Situation  gejagt,
       zugleich wie  ein Taschenspieler  in der Notwendigkeit, durch be-
       ständige Überraschung  die Augen  des Publikums  auf sich als den
       Ersatzmann Napoleons  gerichtet zu  halten, also  jeden Tag einen
       Staatsstreich en  miniature 2*)  zu verrichten,  bringt Bonaparte
       die ganze  bürgerliche Wirtschaft  in Wirrwarr,  tastet alles an,
       was der  Revolution von  1848 unantastbar schien, macht die einen
       revolutionsgeduldig, die andern revolutionslustig und erzeugt die
       Anarchie selbst  im Namen  der Ordnung,  während er  zugleich der
       ganzen   Staatsmaschine   den   Heiligenschein   abstreift,   sie
       profaniert, sie  zugleich  ekelhaft  und  lächerlich  macht.  Den
       Kultus des  heiligen Rocks  zu Trier  wiederholt er  zu Paris  im
       Kultus des  napoleonischen Kaisermantels.  Aber wenn  der Kaiser-
       mantel endlich  auf die Schultern des Louis Bonaparte fällt, wird
       das eherne  Standbild Napoleons  von der  Höhe der  Vendôme-Säule
       [118]
       ---
       *) Worte der Frau Girardin.
       -----
       1*) ausgehaltenen Männern - 2*) im kleinen

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