Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
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II
[Der preußische Staat]
Die politische Bewegung der Mittelklasse oder Bourgeoisie in
Deutschland kann vom Jahre 1840 datiert werden. Ihr gingen Anzei-
chen voraus, die zeigten, daß die kapitalbesitzende und industri-
elle Klasse dieses Landes zu einem Zustand heranreifte, der ihr
nicht länger gestattete, den Druck eines halbfeudalen, halbbüro-
kratischen monarchischen Regimes apathisch und passiv hinzuneh-
men. Die kleineren deutschen Fürsten gewährten einer nach dem an-
deren Verfassungen von mehr oder weniger liberalem Charakter,
teils um sich größere Unabhängigkeit gegenüber der Vormachtstel-
lung Österreichs und Preußens oder gegenüber dem Einfluß des
Adels in ihren eigenen Staaten zu sichern, teils um die zusammen-
hanglosen Provinzen, die der Wiener Kongreß [10] unter ihrer
Herrschaft vereinigt hatte, zu einem einheitlichen Ganzen zusam-
menzufassen. Sie konnten das tun, ohne selbst Gefahr zu laufen;
denn wenn der Bundestag, diese Marionette in den Händen Öster-
reichs und Preußens, ihre Unabhängigkeit als souveräne Fürsten
anzutasten versuchte, konnten sie sicher sein, daß ihren Wider-
stand gegen jedes diktatorische Eingreifen die öffentliche Mei-
nung und die Kammern unterstützen würden; und wenn umgekehrt die
Kammern zu stark wurden, konnten sie ohne weiteres über die Macht
des Bundestags verfügen, um jede Opposition zu brechen. Die ver-
fassungsmäßigen Einrichtungen in Bayern, Württemberg, Baden oder
Hannover konnten unter solchen Umständen keinen ernstlichen Kampf
um die politische Macht hervorrufen, und daher hielt sich die
deutsche Bourgeoisie in ihrer großen Mehrheit von dem kleinlichen
Gezänk in den Parlamenten der Kleinstaaten fern, denn sie wußte
sehr wohl, daß ohne grundlegende Änderung in der Politik und Ver-
fassung der beiden deutschen Großmächte alle Kämpfe und Siege von
zweitrangiger Bedeutung zwecklos sein würden. Gleichzeitig aber
kam in diesen kleinen Parlamenten eine Art liberaler Advokaten
auf, die berufsmäßig Opposition machten: die Rotteck,
#15# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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Welcker, Römer, Jordan, Stüve, Eisenmann, jene großen "Volks-
männer" 1*), die nach zwanzig Jahren mehr oder minder lärmender,
immer aber erfolgloser Opposition durch die revolutionäre Sturm-
flut von 1848 auf den Gipfel der Macht getragen, sich, nachdem
sie dort ihre völlige Unfähigkeit und Nichtigkeit gezeigt, rasch
wieder ins Nichts zurückgeschleudert sahen. Diese ersten
Exemplare von Geschäftspolitikern und Berufsoppositionellen in
Deutschland gewöhnten das deutsche Ohr durch ihre Reden und
Schriften an die Sprache des Konstitutionalismus und verkündeten
durch ihre bloße Existenz das Nahen einer Zeit, in der die Bour-
geoisie die politischen Phrasen, mit denen diese geschwätzigen
Advokaten und Professoren um sich zu werfen pflegten, ohne ihren
ursprünglichen Sinn groß zu verstehen, aufgreifen und ihnen damit
ihre eigentliche Bedeutung zurückgeben würde.
Auch die deutsche Literatur konnte sich dem Einfluß der politi-
schen Erregung nicht entziehen, in die ganz Europa durch die Er-
eignisse des Jahres 1830 [11] versetzt worden war. Ein grob-
schlächtiger Konstitutionalismus und ein noch gröberer Republika-
nismus wurden von fast allen Schriftstellern jener Zeit gepre-
digt. Immer mehr wurde es zur Gewohnheit, besonders unter den
minderwertigen Literaten, den Mangel an Geist in ihren Werken
durch politische Anspielungen wettzumachen, die bestimmt Aufsehen
erregten. Gedichte, Romane, Rezensionen, Dramen, kurz, die ganze
literarische Produktion strotzte nur so von dem, was man
"Tendenz" nannte, das heißt von mehr oder weniger schüchternen
Äußerungen oppositioneller Gesinnung. Um die in Deutschland nach
1830 herrschende Verwirrung der Ideen vollständig zu machen, ver-
mengten sich mit diesen Elementen politischer Opposition
halbverdaute Universitätserinnerungen an die deutsche Philosophie
und mißverstandene Brocken von französischem Sozialismus, nament-
lich Saint-Simonismus, und die Clique von Schriftstellern, die
sich des langen und breiten über dieses heterogene Konglomerat
von Ideen erging, nannte sich anmaßend Junges Deutschland oder
die Moderne Schule [12]. Sie haben seither ihre Jugendsünden be-
reut, aber ihren Stil nicht verbessert.
Endlich hatte sich auch die deutsche Philosophie, dieses kompli-
zierteste, gleichzeitig aber zuverlässigste Thermometer der Ent-
wicklung des deutschen Geistes, auf die Seite der deutschen Bour-
geoisie gestellt, als nämlich Hegel in seiner "Philosophie des
Rechts" die konstitutionelle Monarchie als die höchste, vollkom-
menste Regierungsform bezeichnete. Mit anderen Worten, er kün-
digte den bevorstehenden Aufstieg der deutschen Bourgeoisie zur
politischen Macht an. Nach seinem Tode blieb seine Schule dabei
nicht
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1*) In der "N.-Y.D.T." deutsch
#16# Friedrich Engels
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stehen. Während der fortgeschrittenere Teil seiner Anhänger ei-
nerseits jeden religiösen Glauben der Feuerprobe einer strengen
Kritik unterzog und das altehrwürdige Gebäude des Christentums
bis auf seine Grundfesten erschütterte, entwickelte er andrer-
seits politische Auffassungen, wie sie kühner bisher deutsche Oh-
ren noch nie zu hören bekommen, und versuchte, das Andenken an
die Helden der ersten französischen Revolution wieder zu Ehren zu
bringen. Wenn aber die abstruse philosophische Sprache, in die
diese Ideen gekleidet waren, den Geist des Autors wie den des Le-
sers umnebelte, so blendete sie nicht minder die Augen des Zen-
sors, und so kam es, daß die Junghegelianer sich einer Presse-
freiheit erfreuten, wie kein anderer Zweig der Literatur sie
kannte.
Somit war klar, daß in der öffentlichen Meinung in Deutschland
eine große Wandlung im Gange war. Nach und nach schloß sich die
große Mehrheit jener Klassen, die dank ihrer Bildung oder Lebens-
stellung auch unter einer absoluten Monarchie die Möglichkeit
hatten, einiges an politischen Kenntnissen zu erwerben und sich
eine einigermaßen selbständige politische Meinung zu bilden, zu
einer einzigen, machtvollen Phalanx der Opposition gegen die be-
stehende Ordnung zusammen. Und wenn man über die Langsamkeit der
politischen Entwicklung in Deutschland urteilt, darf man keines-
falls die Schwierigkeiten außer Betracht lassen, sich über eine
beliebige Frage richtige Informationen zu verschaffen in einem
Lande, wo die Nachrichtenquellen der Kontrolle der Regierung un-
terstehen und wo nirgends, von der Dorf- und Sonntagsschule bis
zur Zeitung und Universität, etwas gesagt, gelehrt, gedruckt oder
veröffentlicht wird ohne die vorherige Genehmigung der Regierung.
Nehmen wir z.B. Wien. Die Bevölkerung Wiens, die an Gewerbefleiß
und Arbeitsfertigkeit vielleicht hinter keiner anderen in
Deutschland zurücksteht, die an Geist, Mut und revolutionärer En-
ergie sich jeder anderen weit überlegen erwiesen, kannte sich
dennoch in ihren wirklichen Interessen weniger aus und beging
während der Revolution mehr Fehler als irgendeine andere, und
daran war großenteils die fast völlige Unwissenheit in bezug auf
die allereinfachsten politischen Fragen schuld, in der die Met-
ternich-Regierung sie zu halten vermocht.
Es bedarf keiner weiteren Erklärung, warum unter einem solchen
System die politische Information das fast ausschließliche Mono-
pol solcher Gesellschaftsklassen war, die es sich leisten konn-
ten, ihre Einschmuggelung in das Land zu bezahlen, ganz besonders
aber jener, deren Interessen durch die bestehenden Verhältnisse
am schwersten betroffen wurden, nämlich der industriellen und
kommerziellen Klassen. Sie waren daher die ersten, die sich als
Masse gegen den Fortbestand eines mehr oder minder verhüllten
#17# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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Absolutismus zusammenschlössen, und von dem Augenblick ihres
Übergangs in die Reihen der Opposition muß man den Beginn der
wirklich revolutionären Bewegung in Deutschland datieren.
Als Zeitpunkt der offen proklamierten Opposition der deutschen
Bourgeoisie kann man das Jahr 1840 betrachten, das Todesjahr des
Vorgängers des jetzigen Königs von Preußen, des letzten damals
überlebenden Gründers der Heiligen Allianz [13] von 1815. Vom
neuen König war bekannt, daß er kein Freund der vorwiegend büro-
kratischen Militärmonarchie seines Vaters sei. Was die französi-
sche Bourgeoisie von der Thronbesteigung Ludwigs XVI. erwartet
hatte, das erhoffte die deutsche Bourgeoisie bis zu einem gewis-
sen Grade von Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Man war sich auf
allen Seiten darüber einig, daß das alte System überlebt und
bankrott sei, daß es aufgegeben werden müsse, und was man unter
dem alten König schweigend ertragen, wurde jetzt laut als uner-
träglich proklamiert.
Aber wenn Ludwig XVI., "Louis le Désiré" 1*), ein einfacher
anspruchsloser Trottel gewesen, seiner eigenen Nichtigkeit halb
bewußt, ohne feste Ideen, in der Hauptsache gelenkt von den Ge-
wohnheiten, die er während seiner Erziehung erworben, war
"Friedrich Wilhelm le Désiré" ganz anderer Art. Während er sein
französisches Vorbild an Charakterschwäche zweifellos übertraf,
mangelte es ihm weder an Prätentionen noch an Ideen. Auf Dilet-
tantenart hatte er sich mit den Anfangsgründen der meisten Wis-
senschaften vertraut gemacht und hielt sich daher für gelehrt ge-
nug, um über jede Frage das entscheidende Urteil abzugeben. Er
war überzeugt, ein Redner ersten Ranges zu sein, und sicherlich
gab es keinen Handlungsreisenden in Berlin, der es an langatmiger
Fülle vermeintlichen Witzes und Zungenfertigkeit mit ihm aufneh-
men konnte. Und vor allem, er hatte seine Ideen. Er haßte und
verachtete das bürokratische Element der preußischen Monarchie,
aber nur, weil alle seine Sympathien dem feudalen Element gehör-
ten. Als einer der Gründer und Hauptmitarbeiter des "Berliner po-
litischen Wochenblatts" [14], der sogenannten Historischen Schule
[15] (einer Schule, die von den Ideen Bonaids, de Maistres und
anderer literarischer Vertreter der ersten Generation der franzö-
sischen Legitimisten [16] zehrte), war er bestrebt, die beherr-
schende soziale Stellung des Adels so vollständig wie möglich
wiederherzustellen. Der König, der erste Edelmann seines Reiches,
umgeben in erster Linie von einem glanzvollen Hofstaat mächtiger
Vasallen, Fürsten, Herzöge und Grafen, in zweiter Linie von einem
zahlreichen, begüterten niederen Adel, nach Gutdünken herrschend
über seine getreuen Bürger und Bauern und auf diese
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1*) "Ludwig der Ersehnte"
#18# Friedrich Engels
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Weise das Haupt einer vollständigen Hierarchie sozialer Abstufun-
gen oder Kasten, deren jede sich ihrer besonderen Privilegien er-
freuen und von allen andern durch die fast unübersteigbare
Schranke der Geburt oder einer unabänderlich festgelegten sozia-
len Stellung getrennt sein sollte, wobei alle diese Kasten oder
"Reichsstände" einander an Macht und Einfluß so trefflich die
Waage zu halten hätten, daß dem König volle Handlungsfreiheit
verbliebe - das war das beau idéal 1*), das Friedrich Wilhelm IV.
zu verwirklichen sich vorgenommen und das er gegenwärtig erneut
zu verwirklichen strebt.
Es dauerte einige Zeit, bis die in theoretischen Fragen nicht
sonderlich beschlagene preußische Bourgeoisie hinter den wirkli-
chen Sinn der Absichten ihres Königs kam. Was sie aber sehr bald
herausfand, war die Tatsache, daß er zu Dingen entschlossen war,
die ihren Wünschen schnurstracks entgegengesetzt waren. Kaum war
das Mundwerk des neuen Königs durch den Tod seines Vaters entfes-
selt, da fing er auch schon an, seine Absichten in Reden sonder
Zahl kundzutun, und jede seiner Reden, jede seiner Handlungen war
dazu angetan, ihm die Sympathien der Bourgeoisie noch mehr zu
entfremden. Das hätte ihm wenig verschlagen, hätte es nicht ei-
nige harte, beunruhigende Tatsachen gegeben, die ihn in seinen
poetischen Träumen störten. Ach, warum versteht sich die Romantik
so schlecht aufs Rechnen, und warum macht der Feudalismus seit
Don Quijote immer die Rechnung ohne den Wirt? Friedrich Wilhelm
IV. hatte zu viel von jener Verachtung für bares Geld an sich,
die seit jeher das vornehmste Erbe der Söhne der Kreuzfahrer ge-
wesen ist. Er fand bei seiner Thronbesteigung ein wenn auch knau-
serig eingerichtetes, so doch kostspieliges Regierungssystem und
einen mäßig gefüllten Staatsschatz vor. Innerhalb zweier Jahre
war jede Spur eines Überschusses für höfische Feste, königliche
Reisen, reiche Schenkungen, Unterstützungen an hungernde und lun-
gernde, gierige und schmierige Adelige usw. vertan, und die re-
gelmäßigen Steuereingänge reichten nicht mehr für die Bedürfnisse
des Hofes noch für die des Staates. Und so befand sich Seine Ma-
jestät sehr bald in der Klemme zwischen einem gähnenden Defizit
auf der einen und einem Gesetz aus dem Jahre 1820 auf der andern
Seite, das jede neue Anleihe und jede Erhöhung der bestehenden
Steuern ohne Zustimmung der "künftigen Volksvertretung" für unge-
setzlich erklärte. Diese Volksvertretung existierte nicht; der
neue König war noch weniger als selbst sein Vater geneigt, sie zu
schaffen, und wenn er es gewesen wäre, so wußte er, daß die öf-
fentliche Meinung seit seinem Regierungsantritt sich erstaunlich
gewandelt hatte.
In der Tat, die Bourgeoisie, die zum Teil erwartet hatte, der
neue König
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1*) schöne Ideal
#19# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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werde sofort eine Verfassung gewähren, Pressefreiheit proklamie-
ren, Schwurgerichte einführen usw. usf., kurz, sich selbst an die
Spitze jener friedlichen Revolution stellen, die sie brauchte, um
die politische Macht zu erlangen - die Bourgeoisie hatte ihren
Irrtum erkannt und sich wütend gegen den König gewandt. In der
Rheinprovinz und mehr oder minder in ganz Preußen war sie so er-
bittert, daß sie sich in Ermangelung genügender eigener Leute,
die fähig waren, sie in der Presse zu vertreten, bis zu einem
Bündnis mit jener extremen philosophischen Richtung verstieg, von
der wir oben gesprochen. Die Frucht dieses Bündnisses war die
"Rheinische Zeitung" [17] in Köln, ein Blatt, das nach fünfzehn-
monatigem Bestehen, unterdrückt wurde, von dem man aber den Be-
ginn des modernen Zeitungswesens in Deutschland datieren kann.
Das war im Jahre 1842.
Der arme König, dessen geschäftliche Schwierigkeiten die schärf-
ste Satire auf seine mittelalterlichen Neigungen waren, fand sehr
bald heraus, daß er nicht weiter regieren könne, wenn er sich
nicht zu einem geringfügigen Zugeständnis an die allgemeine laute
Forderung nach jener "Volksvertretung" verstand, die als letzter
Rest der längst vergessenen Versprechungen von 1813 und 1815 in
dem Gesetz von 1820 Ausdruck gefunden hatte. Diesem lästigen Ge-
setz zu genügen, indem er die ständischen Ausschüsse der Provin-
ziallandtage zusammenberief, hielt er für den annehmbarsten Weg.
Die Einrichtung der Provinziallandtage stammte aus dem Jahre
1823. Sie waren in allen acht Provinzen des Königreichs zusammen-
gesetzt: 1. aus dem Hochadel, den ehemals regierenden Häusern des
deutschen Reichs, deren Häupter von Geburt Mitglieder des Landta-
ges waren; 2. aus den Vertretern der Ritterschaft oder des niede-
ren Adels; 3. aus Vertretern der Städte und 4. aus Abgeordneten
der Bauernschaft oder der Klasse der kleinen Landwirte. Das Ganze
war so eingerichtet, daß in jeder Provinz die beiden Gruppen des
Adels immer die Mehrheit im Landtag hatten. Jeder dieser acht
Provinziallandtage wählte einen Ausschuß, und diese acht Aus-
schüsse wurden nun nach Berlin berufen, um eine Volksvertretung
zu bilden, die die so heiß begehrte Anleihe bewilligen sollte.
Man erklärte, die Staatskasse sei gefüllt und die Anleihe werde
nicht zur Deckung laufender Ausgaben benötigt, sondern für den
Bau einer Staatseisenbahn. Doch die Vereinigten Ausschüsse
antworteten dem König mit einer glatten Ablehnung, indem sie
erklärten, sie seien nicht befugt, als Vertreter des Volkes zu
handeln, und sie forderten Seine Majestät auf, das Versprechen
einer Repräsentativverfassung einzulösen, das sein Vater gegeben,
als er der Hilfe des Volkes gegen Napoleon bedurfte.
Die Tagung der Vereinigten Ausschüsse bewies, daß der oppositio-
nelle Geist sich nicht mehr auf die Bourgeoisie beschränkte. Ein
Teil der Bauernschaft
#20# Friedrich Engels
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hatte sich ihr angeschlossen, und viele Adlige, die auf ihren ei-
genen Gütern selbst Großwirtschaft betrieben und mit Getreide,
Wolle, Spiritus und Flachs handelten, hatten sich gleichfalls ge-
gen die Regierung und für eine Repräsentativverfassung ausgespro-
chen, da auch sie Garantien gegen den Absolutismus, die Bürokra-
tie und die Restauration des Feudalsystems brauchten. Der Plan
des Königs war völlig gescheitert; er hatte kein Geld bekommen
und den Einfluß der Opposition gestärkt. Die folgende Tagung der
Provinziallandtäge selbst verlief noch unglücklicher für den Kö-
nig. Alle forderten sie Reformen, Erfüllung der Versprechungen
von 1813 und 1815, eine Verfassung und Pressefreiheit; die dies-
bezüglichen Resolutionen einiger von ihnen führten eine recht re-
spektlose Sprache, und die übellaunigen Antworten des aufgebrach-
ten Königs machten den Schaden noch größer.
Mittlerweile steigerten sich die finanziellen Schwierigkeiten der
Regierung immer mehr. Durch widerrechtliche Verwendung von Mit-
teln, die für verschiedene öffentliche Einrichtungen bestimmt wa-
ren, und durch betrügerische Manipulationen mit der "Seehandlung"
[18], einem kommerziellen Unternehmen, das auf Rechnung und Ge-
fahr des Staates spekulierte und Handel trieb und für ihn seit
langem als Geldmakler tätig war, gelang es eine Zeitlang, den
Schein zu wahren; vermehrte Emissionen von staatlichem Papiergeld
lieferten gleichfalls einige Mittel; und alles in allem wurde das
Geheimnis recht gut gehütet. Aber diese Kunstgriffe waren bald
alle erschöpft. Jetzt versuchte man es mit einem anderen Plan:
der Gründung einer Bank, deren Kapital teils der Staat, teils
private Aktionäre aufbringen sollten; die oberste Leitung sollte
in Händen des Staates liegen, umso der Regierung die Möglichkeit
zu verschaffen, der Bank hohe Beträge zu entziehen und so die
gleichen betrügerischen Manipulationen zu wiederholen, die mit
der "Seehandlung" nicht länger möglich waren. Aber natürlich wa-
ren keine Kapitalisten zu finden, die ihr Geld unter solchen Be-
dingungen hergeben wollten; die Statuten der Bank mußten geändert
und das Eigentum der Aktionäre gegen Übergriffe des Finanzmini-
sters gesichert werden, ehe Aktien gezeichnet wurden. Nachdem
dieser Plan gescheitert war, blieb somit nichts anderes übrig,
als es mit einer Anleihe zu versuchen - wenn Kapitalisten zu fin-
den waren, die ihr Geld herliehen, ohne die Bewilligung und Ga-
rantie jener geheimnisvollen "künftigen Volksvertretung" zu ver-
langen. Man wandte sich an Rothschild, und der erklärte, wenn
diese "Volksvertretung" die Anleihe garantiere, übernehme er sie
auf der Stelle; wenn nicht, wolle er mit dem Geschäft nichts zu
tun haben.
So war jede Hoffnung, Geld zu erhalten, geschwunden, und es be-
stand keine Möglichkeit, der fatalen "Volksvertretung" zu entrin-
nen. Rothschilds
#21# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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Absage wurde im Herbst 1846 bekannt, und im Februar des nächsten
Jahres berief der König alle acht Provinziallandtäge nach Berlin,
um aus ihnen einen "Vereinigten Landtag" zu bilden. Dieser Land-
tag sollte die Aufgabe bewältigen, die in dem Gesetz von 1820 für
den Notfall vorgesehen war; er sollte Anleihen und erhöhte Steu-
ern bewilligen, darüber hinaus aber keine Rechte haben. An der
Gesetzgebung im allgemeinen sollte er nur beratend mitwirken; zu-
sammentreten sollte er nicht in regelmäßigen Zeitabständen, son-
dern nur, wenn der König es für gut befand; diskutieren sollte er
nur über Fragen, die ihm die Regierung vorzulegen geruhte. Natür-
lich waren die Mitglieder von der ihnen zugedachten Rolle recht
wenig erbaut. Sie wiederholten die Wünsche, die sie bereits auf
den Tagungen der Provinziallandtäge bekanntgegeben hatten; ihre
Beziehungen mit der Regierung spitzten sich bald heftig zu, und
als man von ihnen die wieder mit der angeblichen Notwendigkeit
von Bahnbauten begründete Anleihe forderte, lehnten sie die Be-
willigung abermals ab.
Diese Abstimmung bereitete ihrer Tagung sehr bald ein Ende. Immer
mehr erbittert, schickte sie der König mit einem Tadel nach
Hause, blieb aber nach wie vor ohne Geld. Und in der Tat hatte er
alle Ursache, über seine Lage beunruhigt zu sein, wenn er sah,
daß die liberale Partei, die unter Führung der Bourgeoisie stand,
einen großen Teil des niederen Adels und alle die vielerlei Unzu-
friedenen umfaßte, die sich in den verschiedenen Teilen der unte-
ren Schichten angesammelt -, daß diese liberale Partei entschlos-
sen war, ihre Förderungen durchzusetzen. Vergeblich hatte der Kö-
nig in seiner Eröffnungsrede erklärt, er werde niemals, niemals
eine Verfassung im modernen Sinne des Wortes gewähren [19]; die
liberale Partei bestand auf einer solchen modernen, antifeudalen
Repräsentativverfassung mit allen ihren Konsequenzen: Pressefrei-
heit, Schwurgerichte usw. Und bevor sie die nicht erhielt - nicht
einen Groschen würde sie bewilligen. Eines war klar: lange kenn-
ten die Dinge so nicht weitergehen; entweder mußte eine der bei-
den Seiten nachgeben, oder es mußte zum Bruch, zum blutigen
Kampfe kommen. Und die Bourgeoisie wußte, daß sie am Vorabend ei-
ner Revolution stand, und sie bereitete sich darauf vor. Sie war
auf jede erdenkliche Weise bemüht, sich die Unterstützung der Ar-
beiterklasse in den Städten und der Bauernschaft auf dem Lande zu
verschaffen, und bekanntlich gab es gegen Ende des Jahres 1847
kaum einen einzigen namhaften Politiker in der Bourgeoisie, der
sich nicht als "Sozialist" ausgab, um sich die Sympathien des
Proletariats zu sichern. Wir werden diese "Sozialisten" bald am
Werke sehen.
Der Eifer, mit dem sich die tonangebende Bourgeoisie wenigstens
äußerlich den Anschein des Sozialismus gab, war die Folge einer
großen Veränderung,
#22# Friedrich Engels
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die in der arbeitenden Klasse Deutschlands vor sich gegangen war.
Ein Teil der deutschen Arbeiter hatte seit 1840 auf Wanderschaft
in Frankreich und der Schweiz mehr oder minder die noch recht
groben sozialistischen und kommunistischen Ideen in sich aufge-
nommen, die damals unter den französischen Arbeitern im Schwange
waren. Die zunehmende Beachtung, die derlei Ideen seit 1840 in
Frankreich gezollt wurde, brachten Sozialismus und Kommunismus
auch in Deutschland in Mode, und schon ab 1843 waren alle Zeitun-
gen voll von Erörterungen über soziale Fragen. Sehr bald bildete
sich in Deutschland eine Schule von Sozialisten [20], die sich
mehr durch die Unklarheit als durch die Neuheit ihrer Ideen aus-
zeichnete. Ihre Tätigkeit bestand hauptsächlich darin, die Lehren
von Fourier, Saint-Simon und anderen Franzosen in die abstruse
Sprache der deutschen Philosophie zu übertragen. Die Schule der
deutschen Kommunisten, die grundverschieden ist von dieser Sekte,
bildete sich ungefähr um dieselbe Zeit.
1844 kam es zu den Aufständen der schlesischen Weber, gefolgt von
der Erhebung der Kattundrucker in Prag. Diese Unruhen, die blutig
unterdrückt wurden, Erhebungen von Arbeitern, die sich nicht ge-
gen die Regierung, sondern gegen die Unternehmer richteten, mach-
ten tiefen Eindruck und gaben der sozialistischen und kommunisti-
schen Propaganda unter den Arbeitern neuen Antrieb. Die gleiche
Wirkung hatten die Brotkrawalle im Hungerjahr 1847'211. Kurz,
ebenso wie die konstitutionelle Opposition die große Masse der
besitzenden Klassen (mit Ausnahme der großen feudalen Grundbesit-
zer) um ihr Banner scharte, so erwartete die Arbeiterklasse der
größeren Städte ihre Befreiung von den sozialistischen und kommu-
nistischen Lehren, obgleich man ihr unter der Herrschaft der da-
maligen Pressegesetze nur sehr wenig darüber vermitteln konnte.
Sonderlich klare Vorstellungen über ihre Ziele durfte man von den
Arbeitern nicht erwarten; sie wußten nur, daß das Programm der
konstitutionellen Bourgeoisie nicht alles enthielt, was sie
brauchten, und daß ihre Bedürfnisse in dem konstitutionellen
Ideenkreis überhaupt nicht enthalten waren.
Eine besondere republikanische Partei gab es damals nicht in
Deutschland. Die Leute waren entweder konstitutionelle Monarchi-
sten oder mehr oder weniger ausgesprochene Sozialisten oder Kom-
munisten.
Unter solchen Voraussetzungen mußte der geringste Zusammenstoß zu
einer großen Revolution führen. Während der höhere Adel und die
älteren Beamten und Offiziere die einzig sichere Stütze der be-
stehenden Ordnung bildeten; während der niedere Adel, die indu-
strielle und kommerzielle Bourgeoisie, die Universitäten, die
Lehrer jeglichen Ausbildungsgrades und selbst die unteren Ränge
der Bürokratie und der Offiziere sich alle gegen die
#23# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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Regierung zusammenschlössen; während hinter ihnen die unzufrie-
denen Massen der Bauernschaft und der Proletarier der großen
Städte standen, die zwar vorläufig noch die liberale Opposition
unterstützten, aber bereits befremdliche Andeutungen laut werden
ließen von der Absicht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen;
während die Bourgeoisie bereit war, die Regierung zu stürzen, und
das Proletariat Vorbereitungen traf, im weiteren Verlauf die
Bourgeoisie zu stürzen - während alledem verfolgte die Regierung
halsstarrig einen Kurs, der zu einem Zusammenstoß führen mußte.
Deutschland befand sich zu Beginn des Jahres 1848 am Vorabend ei-
ner Revolution, und diese Revolution wäre bestimmt gekommen, auch
wenn ihr Ausbruch nicht durch die französische Februarrevolution
beschleunigt worden wäre.
Welche Wirkungen diese Pariser Revolution auf Deutschland hatte,
werden wir in unserem nächsten Artikel sehen.
London, September 1851
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