Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
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Friedrich Engels
England [119]
I
Die englischen Whigs haben entschieden Unglück. Kaum ist Palmer-
ston abgesetzt, weil er "England ohne einen Bundesgenossen, ja
ohne einen Freund auf dem Kontinent von Europa gelassen hatte",
kaum ist der erste Skandal über diese Absetzung vorüber, so er-
tönt die ganze Presse von Kriegsgeschrei und bringt bei dieser
Gelegenheit einen Wust von schlechter Verwaltung im Kriegs- und
Marinedepartement ans Tageslicht, hinreichend, um mehr als einem
Ministerium den Hals zu brechen.
Schon seit 1846 war von verschiedenen Militärs die Aufmerksamkeit
des Landes auf die Möglichkeit einer Invasion Englands bei einem
Kriege mit Frankreich geleitet worden. Die Gefahr eines solchen
Kriegs lag indes damals zu fern, und die donquichottische Manier,
in der diese ersten Alarmisten auftraten, erregte nur Gelächter.
Namentlich war es der General Head, der sich seit jener Periode
durch seine fortwährenden Aufrufe an die Nation zur Vermehrung
der nationalen Verteidigungsmittel eine nicht eben beneidenswerte
Zelebrität erwarb. Es ist dabei freilich auch nicht zu vergessen,
daß der alte Wellington ebenfalls die bestehenden Küstenbefesti-
gungen für höchst ungenügend erklärte.
Der Staatsstreich Louis-Napoleons gab indessen dieser Debatte
plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Daß die französische Militär-
diktatur, die Parodie des Konsulats, aller Wahrscheinlichkeit
nach Frankreich in Krieg verwickeln müsse, und daß eine Revanche
für Waterloo unter diesen Umständen sehr leicht versucht werden
könne, begriff John Bull sofort. Die letzten Heldentaten der eng-
lischen Kriegsmacht waren eben nicht sehr glänzend; am Kap sieg-
ten die Kaffern fortwährend, und selbst an der Sklavenküste war
ein englischer Landungsversuch, trotz europäischer Taktik und Ka-
nonen, von nackten Negern sehr empfindlich zurückgeschlagen wor-
den. [120] Was sollte erst aus den englischen Truppen werden,
wenn sie mit den weit gefährlicheren "Afrikanern" aus der
algierischen Schule in Konflikt kämen?
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Und wer konnte dafür einstehn, daß ein so unskrupulöser Abenteu-
rer wie Louis Bonaparte nicht eines Morgens ohne die langweilige
Förmlichkeit einer Kriegserklärung mit zehn bis zwölf Steamers,
schon mit Truppen bepackt, und einem Dutzend Linienschiffe in
zweiter Linie, an der englischen Küste erscheinen und einen
Marsch auf London versuchen werde?
Die Sache war allerdings ernsthaft; die Regierung gab sofort Be-
fehle zur Errichtung neuer Batterien an den Einfahrten zu den
großen Häfen der Süd-und Südostküste. Aber auch das Publikum nahm
die Sache ernsthaft, und zwar in einer Weise, die der Regierung
sehr unangenehm zu werden droht. Man erkundigte sich vor allen
Dingen nach dem Stand der disponiblen Kräfte, und man fand, daß
in diesem Augenblick, selbst mit möglichster Entblößung Irlands,
zur Verteidigung von Großbritannien nicht mehr als 25000 Mann und
36 bespannte Kanonen disponibel zu machen seien und daß, was die
Flotte angeht, gegenwärtig n i c h t e i n S c h i f f von
Bedeutung in den Häfen segelfertig ist, um eine Landung zu ver-
hindern. Man fand, was schon der Kaffernkrieg bewiesen hatte, daß
die Equipierung der britischen Soldaten ihre Beweglichkeit lähmt
und durchaus unpraktisch ist; man fand, daß ihre Waffen keines-
wegs denen der übrigen europäischen Armeen gleichkommen, daß kein
Soldat in England ein Gewehr besitzt, das der preußischen Zünd-
nadelmuskete oder der Büchse der französischen Schützen und Jäger
nur im entferntesten gewachsen ist. Man entdeckte im Verprovian-
tierungs-Departement der Flotte die kolossalsten Skandale und
Vernachlässigungen, und alles das wurde von Alarmisten und Stel-
lenjägern noch ins Tollste übertrieben.
Die Sache scheint zunächst nur die englischen Aristokraten, Ren-
tiers und Bourgeois anzugehn, die zuerst von einer französischen
Invasion und etwaigen Eroberung zu leiden hätten. Aber es ist
nicht zu vergessen, daß die unabhängige Entwicklung Englands, die
langsame, aber gründliche Auskämpfung des hier in vollster Aus-
bildung bestehenden Gegensatzes zwischen Bourgeoisie und Proleta-
riat, für die Gesamtentwicklung Europas von der höchsten Wichtig-
keit ist. Mag diese eigentümlich methodische Entwicklung Englands
auch momentan, wie 1848 und früher von 1793 an, den momentan
siegreichen Revolutionären des Kontinents manchmal im Wege sein,
so hat sie doch im Grunde weit mehr revolutionären Inhalt als
alle diese kontinentalen, vorübergehenden Kämpfe zusammengenom-
men. Während die große französische Revolution an der Eroberung
Europas scheiterte, revolutionierte England mit der Dampfmaschine
die Gesellschaft, eroberte den Weltmarkt, verdrängte mehr und
mehr alle historisch überkommenen Klassen von der Herrschaft und
bereitete das Terrain vor für den großen Entscheidungskampf zwi-
schen dem industriellen Kapitalisten und dem industriellen Arbei-
ter.
#210# Friedrich Engels
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Es war für die ganze europäische Entwicklung von der höchsten Be-
deutung, daß Napoleon nie dazu gelangte, von Boulogne nach Folke-
stone 150 000 Mann zu werfen und mit den Veteranen der republika-
nischen Armeen England zu erobern. Während der Restaurationszeit,
wo der Kontinent den von Béranger so treffend geschilderten Myr-
midonen der Legitimität [121] auf Gnade und Ungnade überantwortet
war, kam in England die altreaktionäre, die Torypartei durch das
schon sehr bürgerliche Ministerium Canning zu ihrer ersten großen
Disruption und wurde von Canning und später Peel jene stufenweise
Unterminierung der englischen Verfassung begonnen, die seitdem so
ununterbrochen fortgeführt worden ist und die in sehr kurzer Zeit
zu dem Punkt gelangen muß, wo das ganze morsche Gebäude mit
lautem Krachen zusammenstürzt. Diese Unterminierung der alten
englischen Institutionen und die ihr zum Grunde liegende fortwäh-
rende Revolutionierung der englischen Gesellschaft vermittelst
der großen Industrie geht ihren Gang ruhig weiter, unbekümmert
darum, ob auf dem Kontinent momentan die Revolution siegt oder
die Kontrerevolution; und wenn sie langsam geht, so geht sie da-
für auch sicher und tut nie einen Schritt zurück. Die Niederlage
der Chartisten am 10. April 1848 [36] war ausschließlich eine
Niederlage und entschiedne Zurückweisung des auswärtigen politi-
schen Einflusses; nicht kontinentale politische Erschütterungen,
sondern universelle Handelskrisen, direkte materielle Schläge,
die die Existenz jedes einzelnen in Frage stellen, sind die
großen Hebel der englischen Entwicklung. Und jetzt, wo die defi-
nitive Entfernung aller traditionellen Klassen von der politi-
schen Herrschaft durch die industrielle Bourgeoisie und damit der
Anbruch des entscheidenden Schlachttages zwischen ihr und dem in-
dustriellen Proletariat sich durch die unzweifelhaftesten Sym-
ptome als nahe bevorstehend ankündigt, jetzt wäre eine Störung
dieser Entwicklung, eine auch nur momentane Unterjochung Englands
durch die beutegierigen Prätorianer des 2. Dezember [79] von den
schlimmsten Folgen für die ganze europäische Bewegung. In England
allein hat die Industrie solche Dimensionen gewonnen, daß in ihr
sich das ganze nationale Interesse, alle Lebensbedingungen aller
Klassen konzentrieren. Die Industrie, das ist aber einerseits die
industrielle Bourgeoisie, andrerseits das industrielle Proleta-
riat, und um diese entgegengesetzten Klassen gruppieren sich mehr
und mehr alle andern Bestandteile der Nation. Hier also, wo es
sich nur noch darum handelt, wer herrschen soll, die industriel-
len K a p i t a l i s t e n oder die industriellen A r b e i-
t e r, hier ist, wenn irgendwo, das Terrain, wo der Klassenkampf
in seiner modernen Form entschieden werden kann und wo das
industrielle Proletariat einerseits die Kraft zur Eroberung der
politischen Herrschaft besitzt und andrerseits die materiellen
Mittel,
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die Produktivkräfte vorfindet, die ihm eine totale gesellschaft-
liche Revolution und schließliche Beseitigung des Klassengegen-
satzes möglich machen. Und daß diese Richtung der englischen Ent-
wicklung auf die höchste Steigerung des Gegensatzes der beiden
industriellen Klassen und auf die schließliche Besiegung der
herrschenden durch die unterdrückte Klasse nicht durch eine
fremde Unterjochung abgelenkt, in ihrer Energie geschwächt und
der Entscheidungskampf auf unbestimmte Zeit vertagt werde, daran
hat die ganze proletarische Partei Europas allerdings das höchste
Interesse. Wie stehen also die Chancen?
Vor allen Dingen ist ein Land wie Großbritannien, das ohne Irland
22 Millionen und mit Irland 29 Millionen Einwohner zählt, nicht
durch einen Handstreich zu nehmen. Die Alarmisten führen das Bei-
spiel Karthagos an, das, seine Flotten und Armeen in den entfern-
testen Besitzungen zerstreuend, einem Handstreich der Römer zwei-
mal erlag. Aber abgesehen von den ganz veränderten Bedingungen
der Kriegführung, war die afrikanische Landung der Römer im zwei-
ten Punischen Kriege [122] erst möglich, nachdem die Blüte der
karthagischen Armeen in Spanien und Italien vernichtet und die
punischen Flotten vom Mittelmeer verjagt waren; der Handstreich
war kein Handstreich, sondern eine sehr solide militärische Ope-
ration, die ganz natürliche Krönung eines langen und schließlich
für Rom dauernd günstigen Krieges. Und der dritte Punische Krieg
war kaum ein Krieg, er war eine pure Unterdrückung des Schwäche-
ren durch den zehnmal Stärkeren; er war ungefähr wie Napoleons
Konfiskation der Republik Venedig [123]. Vorderhand steht indes
weder Frankreich da, wo es 1797 stand, noch sieht England dem un-
tergehenden Venedig ähnlich.
Napoleon hielt wenigstens 150 000 Mann für nötig, um England zu
erobern. Damals hatte England zwar viel mehr disponible Soldaten,
aber auch viel weniger Bevölkerung und industrielle Ressourcen.
Und heutzutage, mag die momentan disponible Macht der Engländer
noch so unbedeutend sein, gehören noch wenigstens ebensoviel
dazu, um England zu erobern. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß
jede in England gelandete Invasionsarmee wenigstens bis an die
Tees, die Tyne oder gar den Tweed voranmarschieren muß; hält sie
an einem früheren Punkt, so bleiben die gesamten Ressourcen der
Industriebezirke in den Händen der Verteidiger, und sie hat, ge-
gen die stets wachsenden Kräfte dieser letzteren, Linien zu be-
setzen, die an militärischen markierten Zügen unendlich arm und
für ihre Mittel viel zu ausgedehnt sind. Das Gebiet südlich von
den oben genannten Flüssen, d.h. das eigentliche England, zählt
aber 16 Mill. Einwohner und verlangt für die Sicherung der Ver-
bindungen, für die Belagerung resp. Besatzung der Küstenfestungen
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und für die Niederhaltung der unvermeidlichen nationalen Insur-
rektion solche Detachierungen, daß zu aktiven Operationen an der
schottischen Grenze nur sehr wenig disponibel bleiben würde. Und
daß weniger als 150 000 Mann bei der besten Direktion England er-
obern und [sich] gegen Aufstand im Innern und regelmäßigen Krieg
von Schottland und Irland her behaupten können, ist nicht anzu-
nehmen.
Nun sind mit Hülfe frischer Aushebungen und geschickter Konzen-
trierung 150 000 Mann schon an irgendeinem Punkt der französi-
schen Nordküste zu konzentrieren, allein ein bis zwei Monate ver-
gehen doch wenigstens darüber. Und in dieser Zeit kann England
teils durch Herbeiziehung der Tajoflotte [124] und der Dampf-
schiffe andrer naher Stationen, teils durch Mobilmachung der in
den Häfen abgetakelt liegenden Schiffe eine ganz respektable See-
macht im Kanal konzentrieren, während innerhalb eines Monats spä-
ter sämtliche Dampfschiffe und ein Teil der Segelschiffe von den
atlantischen Stationen und von Malta und Gibraltar an Ort und
Stelle sein können. Die Landungsarmee müßte also, wenn nicht auf
einmal, doch in wenigen großen Détachements hinüberbefördert wer-
den, da früher oder später eine Unterbrechung der Kommunikation
mit Frankreich jedenfalls eintritt. Wenigstens 50000 Mann müßten
auf einmal, also die ganze Armee in drei Überfahrten gelandet
werden können. Und zwar können dabei die Kriegsschiffe gar nicht
oder nur in beschränkterem Grade zum Truppentransport verwandt
werden, da sie die englische Flotte abzuwehren haben. Und die
Transportmittel für 50000 Mann nebst der nötigen Artillerie und
Munition bringt Frankreich in seinen Kanalhäfen, selbst wenn es
Embargo auf die neutralen Schiffe legt, in sechs Wochen nicht zu-
sammen. Jeder Tag aber, um den die Expedition verschoben wird,
ist ein neuer Vorteil für England, das nur Zeit gebraucht, um
seine Flotten zu konzentrieren und seine Rekruten einzuüben.
Wenn aber die Rücksicht auf die englische Flotte verbietet, die
Landungsarmee von 150000 Mann in mehr als drei Détachements her-
überzubefordern, so muß die Rücksicht auf die englische Landmacht
jedem soliden Militär verbieten, sich mit nicht mehr als 50 000
Mann auf einmal nach England zu wagen. Wir haben gesehen, daß im
für die Invasion günstigsten Fall den Engländern ein bis zwei Mo-
nate Zeit zur Vorbereitung bleiben; man müßte sie schlecht ken-
nen, wenn man ihnen nicht zutraute, in dieser Zeit eine Landarmee
zu organisieren, die eine Avantgarde von 50 000 Mann ohne
Schwierigkeiten in die See werfen müßte, ehe Sukkurs ankömmt. Man
bedenke, daß die Einschiffung nur zwischen Cherbourg und Boulogne
und die Landung nur zwischen der Insel Wight und Dover, d.h. in-
nerhalb eines Küstenstrichs stattfinden kann, der nirgends über
vier gute Tagemärsche von London
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liegt. Man bedenke, daß Einschiffung und Landung von Wind und
Flut abhängt, daß die englische Flotte im Kanal Widerstand lei-
stet und daß deshalb zwischen der ersten und zweiten Landung
vielleicht acht bis zehn Tage, jedenfalls vier verfließen, denn
die Masse der Truppen muß auf Segelschiffen transportiert und an
der ganzen Küste von Cherbourg bis Boulogne zusammengelesen wer-
den; ein "Lager von Boulogne" [125] läßt sich aus dem Stegreif
nicht herstellen. Unter diesen Umständen wird schwerlich etwas
gewagt werden, bis wenigstens 70 000-80 000 Mann auf einmal hin-
übergeworfen werden können, und dazu sind die Transportmittel
erst zu schaffen, was wieder Zeit erfordert. Da aber die Vertei-
digungsmittel Englands in jeder Woche, um die die Expedition ver-
schoben wird, rascher wachsen als die Transport- und Seekriegs-
mittel des Feindes, so wird die Stellung der Angreifer immer un-
günstiger; sie werden bald dahin kommen, daß sie nichts riskieren
können, solange sie nicht 150 000 Mann auf einmal hinüberbringen
können, und selbst diese werden dann solchen Widerstand finden,
daß sie ohne Nachschickung einer Reserve von gegen 100 000 Mann
sicher auf schließliche Vernichtung rechnen können.
Mit einem Wort, die Eroberung Englands läßt sich durch keinen
Handstreich bewerkstelligen. Wenn sich der ganze Kontinent dazu
vereinigte, er brauchte schon zur Herstellung und Herbeischaffung
der Transportmittel allein ein Jahr - mehr als England nötig hat,
um seine Küsten in Verteidigungszustand zu setzen, eine Marine zu
konzentrieren, die allen vereinigten Kontinentalflotten gewachsen
wäre und ihre Vereinigung unmöglich machen könnte, und eine Armee
zu versammeln, die jedem Feind den Aufenthalt auf englischem Bo-
den unmöglich machen würde.
Das Nationalgefühl der Engländer ist grade in diesem Moment höher
gesteigert als je seit 1815, und die ernstliche Gefahr einer In-
vasion würde ihm noch einen ganz andern Aufschwung geben. Dazu
ist die großbritannische Bevölkerung keineswegs so unmilitärisch,
wie man sie darstellt; die Bourgeoisie, die Kleinbürgerschaft und
das Proletariat der großen Städte sind allerdings weit weniger
mit der Feuerwaffe vertraut und daher zum Bürgerkrieg weniger ge-
eignet als die entsprechenden Klassen auf dem Kontinent. Aber die
Bevölkerung im ganzen hat viel kriegerischen Geist und enthält
sehr brauchbare militärische Elemente. Nirgends gibt es mehr Jä-
ger und Wilddiebe, d.h. halbfertige leichte Infanterie und
Scharfschützen; und die 40 000-50 000 Mechaniker und Maschinenar-
beiter sind für die Waffenwerkstätten, für die Artillerie und den
Geniedienst besser vorbereitet als irgendeine gleiche Zahl ausge-
suchter Leute in einem beliebigen Kontinentalstaat. Das Terrain
selbst, bis nahe an die schottische Grenze von großen militäri-
schen
#214# Friedrich Engels
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Charakterzügen fast ganz entblößt, ist bis ins kleinste kupiert
und für den kleinen Krieg wie gemacht. Und wenn bisher der Gue-
rillakrieg nur in verhältnismäßig dünnbevölkerten Ländern von Er-
folg begleitet war, so könnte grade England im Fall eines ernst-
lichen Angriffs den Beweis liefern, daß er in sehr dicht bevöl-
kerten Ländern, z.B. in dem fast ununterbrochenen Häuserlabyrinth
von Lancashire und West-Yorkshire auch bedeutendere Resultate ha-
ben kann.
Was einen Handstreich zur Plünderung von reichen Hafenstädten,
zur Zerstörung von Magazinen pp. angeht, so ist im gegenwärtigen
Augenblick England dem allerdings ausgesetzt. Die Befestigungen
sind kaum der Rede wert. Man kann, solange keine Schiffe in Spi-
thead liegen, ganz ruhig bis an den Eingang von Southampton Water
fahren und eine hinreichende Truppenzahl landen, um in Southamp-
ton eine beliebige Kontribution einzutreiben. Woolwich kann viel-
leicht momentan besetzt und zerstört werden, obwohl dazu schon
mehr gehört. Liverpool ist nur gedeckt durch eine erbärmliche
Batterie von 18 eisernen Schiffskanonen, an denen weder Visier
noch Korn ist und die von acht oder zehn Artilleristen und einer
halben Kompanie Infanterie bedient werden. Aber mit Ausnahme von
Brighton liegen alle bedeutenden englischen Seestädte in tiefen
Meerbusen oder hoch hinauf an Flüssen und haben natürliche Ver-
schanzungen an Sandbänken und Felsen, mit denen nur die einheimi-
schen Piloten vertraut sind. Wer hier ohne Lotsen in diesen en-
gen, für große Schiffe meist nur während der Flut fahrbaren Kanä-
len seinen Weg sucht, der riskiert mehr dort zurückzulassen, als
er Aussicht hat fortzuschleppen, und dergleichen Expeditionen
würden bei einigem Widerstand und bei dem geringsten unvorherge-
sehenen Hindernis ein ebenso schlechtes Ende nehmen wie die däni-
sche Expedition gegen Eckernförde 1848 [126]. Dagegen ist eine
momentane Landung von 10 000-20 000 Mann auf Dampfschiffen in ir-
gendeinem ländlichen Bezirk und eine kurze, aber notwendig von
wenig positiven Resultaten begleitete Plünderungsexpedition gegen
kleine Landstädte allerdings sehr leicht ausführbar und jetzt
durchaus nicht zu verhindern.
Alle diese Befürchtungen hören indes von selbst auf, sobald die
Tajoflotte, die nordamerikanische Eskadre und ein Teil der zwi-
schen Brasilien und Afrika den Sklavenschiffen nachjagenden Damp-
fer nach England zurückberufen und zu gleicher Zeit die in den
Kriegshäfen abgetakelt liegenden Schiffe mobil gemacht werden.
Das würde hinreichen, um Handstreiche unmöglich zu machen und je-
den ernstlicheren Invasionsversuch auf solange hinauszuschieben,
daß England Zeit für die nötigen weiteren Maßregeln behält.
#215# England
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Inzwischen hat der Alarm die gute Folge, daß die lächerliche Po-
litik aufhören wird, die im Mittelmeer 800, im Atlantischen Ozean
1000, im Stillen und im Indischen Meer je 300 schwimmende Kanonen
unterhält, während zu Hause kein Schiff die Küsten schützt; und
die mit Negern und Kaffern endlose und ruhmlose Kriege anfängt,
während die Truppen in der Heimat am nötigsten sind. Die unbehol-
fene, schwere und in jeder Beziehung veraltete Equipierung und
Bewaffnung der Armee, die grenzenlose Sorglosigkeit und Noncha-
lance in der Kriegs- und Marineverwaltung, der kolossale Nepo-
tismus, die Bestechung und die Unterschleife in diesen Departe-
ments werden mehr oder weniger beseitigt werden. Die industrielle
Bourgeoisie wird endlich den Friedenskongreß- und Friedensgesell-
schaftsschwindel [127] los werden, der sie so vielem verdienten
Spott aussetzte und der ihrem politischen Vorankommen und damit
der ganzen englischen Entwicklung soviel geschadet hat. Und
sollte es zum Kriege kommen, so kann es bei der bekannten, jetzt
mehr als je im Flor stehenden Ironie der Weltgeschichte sich sehr
leicht ereignen, daß die Herren Cobden und Bright in ihrer dop-
pelten Eigenschaft als Mitglieder der Friedensgesellschaft und
als Minister der nächsten Zukunft einen hartnäckigen Krieg, viel-
leicht mit dem ganzen Kontinent zu führen hätten.
Manchester, 23.Januar 1852
II
Am nächsten Dienstag, 3. Februar, tritt das Parlament zusammen.
Von den drei Hauptfragen, die seine ersten Debatten ausfüllen
werden, haben wir bereits zwei kurz besprochen: die Entlassung
Palmerstons [128] und die Verteidigungsmittel im Fall eines
Kriegs mit Frankreich. Es bleibt die dritte, für die englische
Entwicklung bei weitem wichtigste: die W a h l r e f o r m.
Die von Russell gleich anfangs vorzulegende neue Reformbill wird
Gelegenheit genug bieten, auf die allgemeine Bedeutung der Wahl-
reform in England näher einzugehn. Für heute, wo es nur auf die
Mitteilung und Erläuterung einiger Gerüchte über diese Bill an-
kommt, wird die Bemerkung genügen, daß es sich bei der ganzen
Frage zunächst einzig darum handelt, wieviel die reaktionären
oder stabilen Klassen, d.h. also die Grundaristokratie, die Ren-
tiers, die Börsenspekulanten, die Grundbesitzer in den Kolonien,
die Schiffsreeder und ein Teil der Kaufleute und Bankiers, von
ihrer politischen Macht behalten und wieviel sie an die industri-
elle Bourgeoisie,
#216# Friedrich Engels
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die an der Spitze aller progressiven und revolutionären Klassen
steht, abgeben sollen. Vom Proletariat ist hier einstweilen keine
Rede.
Die "Daily News" [129], das Londoner Organ der industriellen
Bourgeoisie und in dergleichen Sachen eine gute Quelle, teilt ei-
nige Nachrichten mit über die neue Reformbill des Whigministeri-
ums. Nach dieser Mitteilung würden die beabsichtigten Reformen
drei Seiten des bisherigen englischen Wahlsystems berühren.
Bisher mußte jedes Parlamentsmitglied, ehe es zugelassen wurde,
einen Grundbesitz von wenigstens 300 Pfd. Sterling nachweisen.
Diese Bedingung, in vielen Fällen genannt, wurde indes fast immer
durch Scheinkäufe und Scheinkontrakte umgangen. Sie war, was die
industrielle Bourgeoisie betrifft, längst unwirksam geworden; sie
soll jetzt ganz fallen. Ihre Abschaffung ist einer der "sechs
Punkte" der proletarischen Volks-Charte [130], und es ist inter-
essant zu sehn, wie bereits einer dieser sechs Punkte (sie sind
alle sechs sehr bürgerlich und sind in den Vereinigten Staaten
schon durchgeführt) offiziell anerkannt wird.
Bisher war das Wahlrecht in folgender Weise organisiert: Nach al-
ter englischer Sitte schickten die counties 1*) den einen, die
Städte den andern Teil der Abgeordneten. Wer in einer county
stimmen wollte, mußte entweder volles, unabhängiges Grundeigentum
(freehold property) vom jährlichen Wert von 2 Pfd. Sterling be-
sitzen oder Grundeigentum vom jährlichen Wert von 50 Pfd. St. ge-
pachtet haben. In den Städten dagegen war jeder Wähler, der ein
Haus bewohnte, das 10 Pfd. St. Miete trug und nach Verhältnis
dieses Betrags die Armensteuer zahlte. Während hierdurch in den-
jenigen Städten, die Abgeordnete schickten, die Masse der Klein-
händler und Handwerksmeister, d.h. die ganze Kleinbürgerschaft
zum Wahlrecht zugelassen war, hatten in den County-Wahlen die
tenants at will der Aristokratie, d. h. die Pächter, denen von
Jahr zu Jahr gekündigt werden konnte und die daher ganz von ihren
Grundherren abhängig waren, die ungeheure Majorität. Im vorigen
Jahr schlug Herr Locke King vor, den Satz von 10 Pfd. St. für
Mieten, der in den Städten galt, auch auf die counties auszudeh-
nen und erhielt für diesen Vorschlag in einem dünnen Hause eine
starke Majorität gegen die Minister. Wie es heißt, soll jetzt
Russell vorhaben, den Satz für die Grafschaften auf 10 Pfd. und
für die Städte auf 5 Pfd. herabzusetzen. Die Wirkung einer sol-
chen Maßregel würde sehr bedeutend sein. In den Städten würde da-
mit der besser bezahlte Teil des Proletariats sofort das Stimm-
recht erlangen, und damit wäre in einigen großen Städten die Wahl
chartistischer Repräsentanten
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1*) Grafschaften
#217# England
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sehr wahrscheinlich gemacht, während in den mittleren und kleine-
ren Städten die industrielle Bourgeoisie enormen Zuwachs an Stim-
men und an Sitzen im Parlament erhalten würde. Und in den coun-
ties würden auf einmal die sämtlichen Kleinbürger und Mittelbür-
ger der nicht besonders repräsentierten Landstädtchen zum Wahl-
recht zugezogen; sie würden die überwiegende Majorität in den
meisten Fällen ausmachen und durch ihre Masse und verhältnismä-
ßige Unabhängigkeit gegenüber den jetzt die counties be-
herrschenden paar großen Adelsfamilien dem bisherigen Wahlterro-
rismus dieser Magnaten ein Ende machen. Diese ländlichen Klein-
bürger verfallen dazu schon jetzt mehr und mehr dem Einfluß der
industriellen Bourgeoisie und würden ihr so einen bedeutenden
Teil der counties eröffnen.
Die Wahlbezirke waren bisher im höchsten Grade ungleich an Größe
und an Bedeutung; die Zahl der Repräsentanten stand zur Zahl der
Bevölkerung und der Wähler in gar keinem Verhältnis. Hundert oder
zweihundert Wähler schickten hier ebensoviel Repräsentanten wie
sechs- bis elftausend Wähler dort. Namentlich war diese Ungleich-
heit groß in den Städten; und gerade die kleinen Städte mit wenig
Wählern waren der Sitz der skandalösesten Bestechung (z.B. St.
Albans) oder der absoluten Wahldiktatur dieses oder jenes großen
Grundbesitzers. Nach dem Bericht der "Daily News" sollen nun acht
der kleinsten Wahlstädte ihrer Repräsentanten beraubt und die üb-
rigen kleinen Städte, die Parlamentsmitglieder wählen, mit andern
benachbarten, bisher nur in den counties repräsentierten Land-
städtchen so zusammengeworfen werden, daß die Wählerzahl bedeu-
tend ansehnlicher wird. Es ist dies eine Nachahmung des in
Schottland schon seit der Union mit England (1707) bestehenden
Systems der Städtegruppen. Daß von einer solchen Maßregel, so
schüchtern sie ist, die industrielle Bourgeoisie ebenfalls eine
Vermehrung ihrer politischen Macht erwarten darf, beweist schon
die hervorragende Wichtigkeit, die sie seit langer Zeit der Aus-
gleichung der Wahldistrikte vor allen andern Fragen der parlamen-
tarischen Reform beilegt. Außerdem sollen, heißt es, London und
Lancashire, also zwei der Hauptsitze der industriellen Bour-
geoisie, verstärkte Vertretung im Parlament erhalten.
Wenn Russell wirklich vorhat, diese Bill vorzuschlagen, so ist
das in der Tat und nach den bisherigen Erfahrungen viel für den
kleinen Mann. Es scheint, daß die Lorbeeren Peels ihn nicht
schlafen lassen und daß er sich vorgenommen hat, auch einmal
"kühn" zu sein. Diese Kühnheit ist freilich von der ganzen Zag-
haftigkeit und rücksichtsvollen Bedenklichkeit des englischen
Whigs begleitet und wird, bei dem jetzigen Stande der öffentli-
chen Meinung in England, niemanden kühn vorkommen als ihm selbst
und seinen Whigkollegen. Aber nach dem Zaudern, Schwanken, Besin-
nen, nach dem
#218# Friedrich Engels
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wiederholten und immer erfolglosen Fühlhörner-Ausstrecken, womit
der kleine Lord die Zeit seit dem Schluß der letzten Session aus-
gefüllt hat, konnte man immerhin weniger erwarten als die obigen
Vorschläge - vorausgesetzt nämlich, daß er sich bis Dienstag
nicht noch eines andern besinnt.
Die industrielle Bourgeoisie, das bedarf keiner ausdrücklichen
Erwähnung, verlangt weit mehr als das. Sie verlangt household-
suffrage, d.h. das Wahlrecht für jeden, der ein Haus oder den
Teil eines Hauses bewohnt, wofür er zu den Kommunalsteuern heran-
gezogen wird, geheime Abstimmung und eine totale Revision der
Wahlbezirksverteilung, die für gleiche Wählerzahl und gleichen
Reichtum gleiche Vertretung sichert. Sie wird hart und lange mit
dem Ministerium dingen und ihm jede mögliche Konzession abhan-
deln, ehe sie ihm ihre Unterstützung verkauft. Unsre englischen
Industriellen sind gute Kaufleute und werden ihre Stimmen gewiß
zum höchsten erreichbaren Preise an den Mann bringen.
Es zeigt sich übrigens schon jetzt, wie selbst das obige ministe-
rielle Minimum von Wahlreform kein andres Resultat haben kann,
als die Macht derjenigen Klasse zu verstärken, die jetzt schon
der Sache nach England beherrscht und mit gewaltigen Schritten
auf die politische Anerkennung ihrer Oberherrschaft hinarbeitet:
die industrielle Bourgeoisie. Das Proletariat, dessen selbständi-
ger Kampf für seine eignen Interessen gegen die industrielle
Bourgeoisie erst mit dem Tage beginnt, wo die politische Suprema-
tie dieser Klasse feststeht, das Proletariat wird unter allen Um-
ständen auch einigen Vorteil von dieser Wahlreform ziehen. Wie
groß aber dieser Vorteil sein wird, das hängt bloß davon ab, ob
die Debatte und schließliche Feststellung der Wahlreform v o r
dem Hereinbrechen der Handelskrise erfolgt oder noch in sie hin-
einfällt; denn das Proletariat tritt einstweilen nur in den
großen, entscheidenden Momenten handelnd in den Vordergrund, wie
das Schicksal in der antiken Tragödie.
Manchester, 30. Januar 1852 -
F. Engels
Nach dem Manuskript.
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