Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
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Friedrich Engels
Die wirklichen Ursachen der verhältnismäßigen Inaktivität
der französischen Proletarier im vergangenen Dezember
I
["Notes to the People" [133] Nr. 43 vom 21. Februar 1852]
Seit dem 2. Dezember des vergangenen Jahres richtet sich das ge-
samte Interesse, das die auswärtige Politik - oder wenigstens die
kontinentale - zu erregen vermag, nur auf jenen erfolgreichen und
skrupellosen Glücksritter, auf Louis-Napoleon Bonaparte. "Was hat
er im Sinne? Wird er einen Krieg anfangen, und mit wem? Wird er
in England einfallen?" Diese Fragen tauchen unweigerlich auf, wo
immer man über die Lage auf dem Kontinent spricht.
Und es hat auch schon etwas Verblüffendes, wenn ein verhältnismä-
ßig unbekannter Abenteurer, dem der Zufall die Exekutivgewalt ei-
ner großen Republik in die Hand spielt, über Nacht alle wichtigen
Posten in der Hauptstadt besetzt, das Parlament wie Spreu im
Winde zerstreut, den Aufstand in Paris in zwei Tagen und die Un-
ruhen in der Provinz in zwei Wochen unterdrückt, sich mit Hilfe
einer Scheinwahl einem ganzen Volk aufzwingt und im gleichen
Atemzug eine Verfassungeinführt, die die gesamte Staatsmacht auf
ihn überträgt. So etwas ist noch nie dagewesen, solch eine
Schmach hat keine Nation erduldet, seit die prätorianischen Le-
gionen des untergehenden Roms das Imperium unter den Hammer
brachten und an den Meistbietenden verkauften. Und die Bourgeois-
presse Englands, von der "Times" [131] bis hinunter zum - Weekly
Dispatch" [134], hat niemals seit den Dezembertagen auch nur die
geringste Gelegenheit vorbeigehen lassen, ohne ihrer tugendhaften
Entrüstung über den Militärdespoten, den verräterischen Vernich-
ter der Freiheiten seines Landes, den Unterdrücker der Presse und
dergleichen mehr Luft zu machen.
Aber bei aller Louis-Napoleon gebührenden Verachtung sind wir
doch der Meinung, daß es einem Organ der Arbeiterklasse [133]
nicht ansteht, miteinzustimmen in diesen Chor hochtönender Schmä-
hungen, in dem die jeweiligen Blätter der Börsenspekulanten, der
Kattunlords und der Landaristokratie
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einander in Beschimpfungen zu überbieten suchen. Diese Herren
sollte man lieber an die wirkliche Lage der Dinge erinnern. Ge-
rade sie haben allen Grund, Zeter und Mordio zu schreien. Denn
was auch immer Louis-Napoleon anderen genommen, von der Arbeiter-
klasse nahm er es nicht, sondern gerade von jenen Klassen, deren
Interessen in England der besagte Teil der englischen Presse ver-
tritt. Nicht etwa, daß Louis-Napoleon nicht genauso gerne der Ar-
beiterklasse alles geraubt hätte, was ihm begehrenswert er-
schienen; in der Tat konnte man aber im vergangenen Dezember den
Arbeitern nichts mehr rauben, weil ihnen alles, was zu nehmen
sich verlohnte, bereits genommen worden war während der dreiein-
halb Jahre bürgerlich-parlamentarischer Herrschaft, die auf die
große Niederlage des Juni 1848 folgte. Was, in der Tat, war am
Vorabend des zweiten Dezember übriggeblieben, das man ihnen hätte
nehmen können? Das Wahlrecht? Das war ihnen bereits durch das
Wahlgesetz vom Mai 1850 geraubt worden. Die Versammlungsfreiheit?
Die war schon lange auf die "zuverlässigen" und "wohlgesonnenen"
Klassen der Gesellschaft beschränkt worden. Die Pressefreiheit?
Nun, die wirklich proletarische Presse war in der großen Ju-
nischlacht im Blute der Insurgenten ertränkt worden, und ihr
Schatten, der noch eine Zeitlang weiter gelebt, war schon längst
verschwunden unter dem Druck der Knebelgesetze [135], die mit je-
der neuen Session der Nationalversammlung revidiert und verbes-
sert wurden. Ihre Waffen? Jeden Vorwand hatte man genutzt, um den
Ausschluß aller Arbeiter aus der Nationalgarde zu sichern und den
Besitz von Waffen auf die wohlhabenderen Klassen der Gesellschaft
zu beschränken.
So hatte die Arbeiterklasse zur Zeit des kürzlichen coup d'état
1*) sehr wenig - wenn überhaupt etwas - auf dem Gebiet der poli-
tischen Privilegien zu verlieren. Auf der andern Seite verfügte
aber zur selben Zeit die Mittel- und Kapitalistenklasse über po-
litische Allmacht. Ihnen gehörte die Presse, die Versammlungs-
freiheit, das Recht, Waffen zu tragen, das Wahlrecht, das Parla-
ment. Legitimisten [16] und Orleanisten [68], Gutsbesitzer und
Besitzer von Staatspapieren hatten endlich nach dreißigjährigem
Kampf in der republikanischen Regierungsform einen neutralen Bo-
den gefunden. Und für sie war es in der Tat ein harter Schlag,
sich all dessen innerhalb weniger Stunden beraubt und sich im
Handumdrehn auf den Stand politischer Nichtigkeit reduziert zu
sehen, auf den sie selber die Arbeiter reduziert hatten. Darin
liegt der Grund, weshalb die englische "respektable" Presse so
empört ist über Louis-Napoleons gesetzwidrige Schandtaten. So-
lange sich diese Schandtaten,
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1*) Staatsstreichs
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seitens der Exekutivgewalt oder seitens des Parlaments, gegen die
Arbeiterklasse richteten, so war das natürlich recht und billig
genug; aber sobald eine solche Politik auf "die bessern Leute",
auf "die wohlhabenden Gebildeten der Nation" angewendet wurde,
ja, dann war das etwas ganz andres, und es geziemte sich für je-
den, dem die Freiheit lieb, seine Stimme zu erheben und die
"prinzipiellen Dinge" zu verteidigen.
So war der Kampf am 2. Dezember vor allem ein Kampf zwischen
Bourgeoisie und Louis-Napoleon, dem Repräsentanten der Armee. Daß
Louis-Napoleon dies wußte, zeigten seine Befehle an die Armee
während des Kampfes am 4., das Feuer hauptsächlich auf "die Her-
ren in feinem Tuch" zu richten. Die glorreiche Schlacht der Bou-
levards ist nur zu gut bekannt; und ein paar Salven auf geschlos-
sene Fenster und auf unbewaffnete Bourgeois genügten vollauf, um
im Pariser Bürgertum jede Widerstandsbestrebung zu ersticken.
Andrerseits waren die Arbeiter, obwohl sie direkter politischer
Privilegien nicht mehr beraubt werden konnten, an der ganzen
Frage durchaus nicht desinteressiert. Sie hatten vor allem noch
eins zu verlieren - ihre große Chance, wenn im Mai 1852 für alle
staatlichen Gewalten die Amtsperiode zur gleichen Zeit ablaufen
würde und sie zum ersten Male seit Juni 1848 den Kampf auf gün-
stigerem Feld zu führen hofften. Und da sie nach politischer
Herrschaft strebten, konnten sie keinen gewaltsamen Regierungs-
wechsel zulassen, ohne sich als die berufenen obersten Schieds-
richter zwischen die streitenden Parteien zu werfen und ihnen ih-
ren Willen als Gesetz des Landes aufzuzwingen. So durften sie die
Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne den beiden sich ge-
genüberstehenden Heeren zu zeigen, daß noch eine dritte Macht im
Felde stehe, die, wenn auch momentan vom Schauplatz offizieller
und parlamentarischer Fehden verdrängt, immer bereit sei, sich in
den Kampf einzureihen, sobald sich der Kampfplatz verschöbe, näm-
lich auf ihren eigentlichen Aktionsbereich - auf die S t r a-
ß e. Man darf jedoch nicht vergessen, daß selbst in diesem Falle
die proletarische Partei unter großen Nachteilen zu kämpfen
hätte. Wenn sie sich gegen den Usurpator erhob, verteidigte sie
dann nicht praktisch die Restauration und die Diktatur eben jenes
Parlaments, das sich als ihr unnachgiebigster Feind erwiesen
hatte? Und wenn sie sich sogleich für eine revolutionäre
Regierung erklärte, würde sie dann nicht - wie es tatsächlich in
den Provinzen der Fall war - die Bourgeoisie so erschrecken, daß
sie sie in die Arme Louis-Napoleons und der Armee triebe? Außer-
dem darf man nicht vergessen, daß gerade Kern und Blüte der revo-
lutionären Arbeiterklasse entweder während des Juniaufstandes ge-
tötet oder unter zahllosen v e r s c h i e d e n e n Vorwänden
seitdem deportiert und gefangengesetzt worden waren.
#224# Friedrich Engels
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Und schließlich gab es eine Tatsache, die allein schon genügte,
um Napoleon die Neutralität der großen Mehrheit der Arbeiter-
klasse zusichern: Die Geschäfte gingen ausgezeichnet - und die
Engländer wissen nur zu gut, daß man mit einer voll beschäftigten
und gut bezahlten Arbeiterklasse keine politische Kampagne, ge-
schweige denn eine Revolution ins Werk setzen kann.
In England hört man jetzt sehr häufig, die Franzosen müßten wohl
ein Pack alter Weiber sein, sonst würden sie sich eine solche Be-
handlung nicht gefallen lassen. Ich gebe gern zu, daß die Franzo-
sen als Nation solch schmückende Beinamen gegenwärtig verdienen.
Aber wir alle wissen, daß die Franzosen, was ihre Ansichten und
Handlungen betrifft, mehr abhängig sind vom Erfolg als jede andre
zivilisierte Nation. Sie folgen, sobald die Vorgänge in ihrem
Lande eine gewisse Wendung erfahren, dieser Wendung nahezu ohne
Widerstand, bis sie das absolute Extrem in der gegebenen Richtung
erreicht haben. Die Niederlage vom Juni 1848 brachte eine solche
konterrevolutionäre Wendung für Frankreich und damit auch für den
ganzen Kontinent. Die gegenwärtige Herausbildung des napoleoni-
schen Reiches ist nur die Krönung einer langen Reihe von konter-
revolutionären Siegen, die die letzten drei Jahre ausfüllten; und
einmal im Abstieg begriffen, war damit zu rechnen, daß Frankreich
immer tiefer sinken würde, bis es den Grund erreicht. Wie nahe es
dem Grund bereits ist, läßt sich schwer sagen; aber jeder muß
doch wohl sehen, daß es sich ihm sehr schnell nähert. Und wenn in
der kommenden Zeit die Taten des französischen Volkes die bishe-
rige Geschichte Frankreichs nicht Lügen strafen sollen, so können
wir sicher sein: je tiefer jetzt die Erniedrigung, um so überra-
schender und um so strahlender ihr Produkt. In unseren Tagen fol-
gen die Ereignisse einander in ungeheuer schnellem Tempo, und was
eine Nation früher in einem ganzen Jahrhundert bewältigte, kann
sie heutzutage leicht in ein, zwei Jahren überwinden. Das alte
Kaiserreich hielt sich vier Jahre; der kaiserliche Adler wird vom
Glück ungemein begünstigt sein müssen, wenn die Wiederaufführung
jenes Bravourstücks - allerdings in schäbigster Aufmachung -
ebenso viele Monate übersteht. Und dann?
II
["Notes to the People" Nr. 48 vom 27. März 1852]
Auf den ersten Blick hin mag es so scheinen, als ob Louis-Napo-
leon gegenwärtig in Frankreich in ungestörter Allgewalt herrsche
und als ob die einzige Macht neben ihm vielleicht die der Intri-
gantengruppen am Hofe sei,
#225# Die Ursachen der Inaktivität der französischen Proletarier
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die ihn von allen Seiten bedrängen und ihre Ränke gegeneinander
schmieden, um sich die alleinige Gunst des französischen Autokra-
ten zu sichern und Einfluß auf ihn zu erlangen. In Wirklichkeit
aber liegen die Dinge ganz anders. Das ganze Geheimnis seines Er-
folgs liegt darin, daß die mit seinem Namen verhafteten Traditio-
nen
Louis-Napoleon in die Lage versetzt haben, momentan d a s
G l e i c h g e w i c h t z w i s c h e n d e n u m d i e
M a c h t k ä m p f e n d e n K l a s s e n d e r f r a n-
z ö s i s c h e n G e s e l l s c h a f t zu wahren. Denn unter
dem Deckmantel des Belagerungszustandes, mit dem der Militär-
despotismus zur Zeit Frankreich verhüllt, wird doch in der Tat
der Kampf der verschiedenen Klassen der Gesellschaft so verbissen
wie eh und je fortgeführt. Während dieser Kampf in den letzten
vier Jahren mit Pulver und Blei ausgetragen worden war, hat er
jetzt nur eine andere Form angenommen. So wie jeder lange Krieg
die mächtigste Nation erschöpft und ermüdet, so hat auch der
offene, blutige Krieg der vergangenen Jahre die m i l i t ä-
r i s c h e Kraft der verschiedenen Klassen ermattet und
vorübergehend erschöpft. Aber der Klassenkampf ist nicht an
faktische Kampfhandlungen gebunden; nicht immer braucht er Barri-
kaden und Bajonette, um ausgetragen zu werden. Der Klassenkampf
wird nicht gelöscht werden können, solange die verschiedenen
Klassen mit ihren entgegengesetzten und sich widerstreitenden In-
teressen und sozialen Stellungen bestehen; und bislang haben wir
noch nicht gehört, daß Frankreich, seitdem der falsche Napoleon
seine Macht angetreten, aufgehört habe, zu seinen Bewohnern Groß-
grundbesitzer wie auch Landarbeiter oder métayers 1*), große
Geldmakler wie auch mit Hypotheken belastete Kleinbauern, Kapita-
listen wie auch Arbeiter zu rechnen.
Die Lage der verschiedenen Klassen in Frankreich ist folgende:
Die Februarrevolution hatte für immer die Macht der großen Ban-
kiers und Börsenspekulanten gebrochen; nach ihrem Sturz waren
alle andern Klassen der städtischen Bevölkerung nacheinander ans
Ruder gekommen. Zuerst die Arbeiter in den Tagen der ersten revo-
lutionären Erregung, dann die kleinbürgerlichen Republikaner un-
ter Ledru-Rollin, dann der republikanische Teil der Bourgeoisie
unter Cavaignac und schließlich die vereinigte royalistische
Bourgeoisie unter der verflossenen Nationalversammlung. Keine
dieser Klassen war fähig gewesen, die Macht zu behaupten, die sie
kurze Zeit besessen; und in letzter Zeit schien es unvermeidlich
angesichts der immer wiederkehrenden Differenzen zwischen den le-
gitimistischen Royalisten, also den Grundherren, und den orleani-
stischen Royalisten, also den Geldherren, daß die Macht wieder
ihren Händen entgleiten und wieder zurückfallen
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1*) Halbpächter
#226# Friedrich Engels
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könnte in die Hände der Arbeiterklasse, die inzwischen doch wohl
gelernt haben mochte, die Macht besser zu nützen. Da gab es aber
noch eine andere mächtige Klasse in Frankreich - mächtig nicht
kraft großer Besitztümer ihrer einzelnen Angehörigen, sondern
mächtig kraft ihrer Zahl und ihrer bloßen Bedürfnisse. Diese
Klasse, die mit Hypotheken belasteten Kleinbauern, die zumindest
drei Fünftel der französischen Nation ausmachen, kam schwer in
Fluß und ließ sich auch schwer beeinflussen wie die Landbewohner
überall; sie klebte an ihren alten Traditionen, sie mißtraute der
Weisheit der Apostel sämtlicher Parteien aus der Stadt, sie ge-
dachte der Zeiten unter dem Kaiser, da sie glücklich, frei von
Schulden und verhältnismäßig reich gewesen, und sie legte mit
Hilfe des allgemeinen Wahlrechts die Exekutivgewalt in die Hände
seines Neffen. Die aktive Agitation der sozialistisch-demokrati-
schen Partei und mehr noch die Enttäuschung, die Louis-Napoleons
Maßnahmen ihnen bald bereiteten, führten einen Teil dieser Bau-
ernklasse in die Reihen der roten Partei; aber in ihrer Masse
klebte sie an ihren Traditionen und meinte, wenn Louis-Napoleon
sich bislang noch nicht als der Messias erwiesen habe, mit dem
man gerechnet, so sei das Schuld der Nationalversammlung, die ihn
kneble. Außer in der Masse der Bauernschaft fand Louis-Napoleon -
selber eine Art vornehmer Gauner und umgeben von der Elite des
eleganten Hochstaplergesindels - Unterstützung im verkommensten
und liederlichsten Teil der Stadtbevölkerung. Diesen Teil seiner
Anhängerschaft vereinigte er in einer bezahlten Truppe, die sich
- Gesellschaft vom 10. Dezember" 1*) nannte. So, vertrauend auf
die Stimmen der Bauernschaft, auf die lärmenden Demonstrationen
des Mobs, auf die Bereitschaft der Armee, jederzeit eine Regie-
rung parlamentarischer Schwätzer zu stürzen, die im Namen der ar-
beitenden Klassen zu sprechen vorgaben, konnte er gemächlich auf
den Augenblick warten, da die Zänkereien des Bourgeoisparlaments
ihm erlauben würden, einzugreifen und eine mehr oder weniger ab-
solute Herrschaft über jene Klassen zu beanspruchen, von denen
nicht eine sich nach vierjährigem blutigem Kampfe stark genug er-
wiesen, eine dauernde Herrschaft an sich zu reißen. Genau das tat
er im vergangenen Jahr am 2. Dezember. Louis-Napoleons Herrschaft
hat also den Klassenkampf nicht abgeschafft. , Sie verhindert le-
diglich für eine Weile die blutigen Ausbrüche, die von Zeit zu
Zeit die Anstrengungen dieser oder jener Klasse kennzeichnen, die
politische Macht zu erringen oder sie aufrechtzuerhalten. Keine
dieser Klassen war stark genug, mit einer gewissen Aussicht auf
Erfolg eine neue Schlacht zu wagen. Gerade die Klassengegensätze
begünstigten unter den damaligen
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1*) Siehe vorl. Band, S. 160-162
#227# Die Ursachen der Inaktivität der französischen Proletarier
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Umständen die Pläne Napoleons. Er stürzte das Bourgeoisparlament
und zerstörte so die politische Macht der Bourgeoisie. Und die
Proletarier sollten darüber nicht jubeln ? Sicherlich konnte man
von den Proletariern nicht erwarten, daß sie für eine National-
versammlung kämpfen würden, die ihr Todfeind gewesen! Aber
gleichzeitig bedrohte Louis-Napoleons Usurpation das gemeinsame
Kampffeld aller Klassen sowie die letzte vorteilhafte Stellung
der Arbeiterklasse - die Republik. Man überlege, sobald sich die
Arbeiter zur Verteidigung der Republik erhoben, schloß sich die
Bourgeoisie ausgerechnet jenem Manne an, der ihr gerade die Macht
entrissen hatte, denn ihr ging es darum, die Arbeiterklasse, als
den allgemeinen Feind der Gesellschaft, zu schlagen. So sah es in
Paris aus, so in den Provinzen - und die Armee siegte ohne viel
Mühe über die konkurrierenden, gegnerischen Klassen. Und nach dem
Sieg traten die Millionen kaisertreuer Bauern mit ihren Stimmzet-
teln an, und während amtliche Fälschungen ihren Teil dazu beitru-
gen, setzten doch sie die Regierung Louis-Napoleons ein als die
des Repräsentanten eines nahezu einmütigen Frankreichs.
Dennoch liegen auch heute Klassenkämpfe und Klasseninteressen je-
der wichtigen Handlung Louis-Napoleons weiterhin zugrunde, wie
wir im nächsten Bericht sehen werden.
III
["Notes to the People" Nr. 50 vom 10. April 1852]
Wir wiederholen: Louis-Napoleon ist an die Macht gekommen, weil
der offene Krieg zwischen den verschiedenen Klassen der französi-
schen Gesellschaft in den letzten vier Jahren diese Klassen er-
schöpft und ihre Armeen zerschlagen hat und weil unter solchen
Bedingungen der Kampf dieser Klassen zumindest vorübergehend nur
auf friedliche und legale Weise fortgeführt werden kann, d.h. auf
dem Wege der Konkurrenz, der gewerblichen Organisationen und all
jener verschiedenen Mittel des friedlichen Kampfes, mit denen die
Widersprüche unter den Klassen in England jetzt schon über ein
Jahrhundert lang ausgetragen worden sind. Unter diesen Umständen
liegt es gewissermaßen im Interesse aller konkurrierenden Klas-
sen, wenn eine sogenannte s t a r k e R e g i e r u n g be-
steht, die alle jene kleineren, lokalen und verstreuten Ausbrüche
offener Feindseligkeit unterdrückt und niederhält, die, ohne zu
irgendeinem Ergebnis zu führen, die Entwicklung des Kampfes in
seiner neuen Form stören, indem sie die Sammlung der Kräfte für
eine erneute, entscheidende Schlacht hemmen. Dieser Umstand mag
in gewisser
#228# Friedrich Engels
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Hinsicht erklären, warum die Franzosen sich gegenüber ihrer ge-
genwärtigen Regierung im allgemeinen unleugbar friedlich verhal-
ten. Wie lange es dauern wird, ehe beide, die Arbeiterklasse und
die der Kapitalisten, wieder genug Kraft und Selbstvertrauen ha-
ben, um auf den Plan zu treten und - jede für sich - offen An-
spruch auf die Diktatur über Frankreich zu erheben, das kann na-
türlich niemand sagen. Aber wie sich die Ereignisse heutzutage
entwickeln, wird höchstwahrscheinlich die eine oder andere dieser
Klassen unerwartet ins Feld geführt werden, und so mag sich
Klasse gegen Klasse schon bald wieder auf der Straße im Kampf ge-
genüberstehen, lange bevor die relative oder absolute Stärke der
Parteien ein solches Zusammentreffen vermuten ließe. Denn wenn
die französische revolutionäre Partei, d.h. die Arbeiterpartei,
warten soll, bis sie wieder genauso stark ist wie im Februar
1848, müßte sie sich etwa zehn Jahre lang in eine unterwürfige
Passivität schicken - und das wird sie sicherlich nicht tun. Und
gleichzeitig sieht sich eine Regierung wie die Louis-Napoleons
gezwungen, wie wir bald sehen werden, sich selbst und Frankreich
in so große Schwierigkeiten zu verstricken, daß schließlich nur
ein großer revolutionärer Schlag sie zu lösen vermag. Wir wollen
nicht von den Möglichkeiten eines Krieges sprechen, auch nicht
von andern Begebenheiten, zu denen es kommen oder auch nicht kom-
men könnte; wir wollen nur ein Ereignis erwähnen, das so sicher
eintreten wird, wie die Sonne am Morgen aufgeht: Das ist ein all-
gemeiner Umschwung in Handel und Industrie. Der schlechtgehende
Handel und die schlechten Ernten von 1846 und 1847 bewirkten die
Revolution von 1848; und man kann zehn zu eins wetten, daß 1853
der Handel in der ganzen Welt weit tiefer getroffen und weit län-
ger gestört sein wird als je zuvor. [136] Und wer sollte wohl das
Schiff, auf dem Louis-Napoleon dahersegelt, für seetüchtig genug
halten, um den Stürmen zu trotzen, die dann unweigerlich losbre-
chen?
Aber werfen wir einen Blick auf die Lage, in der sich der Ba-
stard-Adler am Abend des Tages seines Sieges befand. Es unter-
stützten ihn die Armee, der Klerus und die Bauernschaft. Seinem
Anschlag hatten sich die Bourgeoisie (einschließlich der Groß-
grundbesitzer) und die Sozialisten oder revolutionären Arbeiter
widersetzt. Einmal an der Spitze der Regierung, mußte er sich
nicht nur die Gunst der Parteien erhalten, die ihn dorthin ge-
bracht hatten, sondern auch möglichst viele jener, die bisher ge-
gen ihn gewesen, für sich gewinnen oder sie wenigstens mit dem
neuen Stand der Dinge aussöhnen. Was nun die Armee, den Klerus,
die Regierungsbeamten und die Mitglieder jener Verschwörung von
Postenjägern betrifft, mit denen er sich schon seit langem umge-
ben hatte, so brauchte er für sie alle nur eins - direkte Beste-
chung, greifbares Geld, dreistes Plündern der öffentlichen Mit-
tel; und wir haben ja
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Titelblatt der Zeitschrift "Notes to the People", in der der Ar-
tikel von Engels "Die wirklichen Ursachen der verhältnismäßigen
Inaktivität der französischen Proletarier im vergangenen Dezem-
ber" veröffentlicht wurde
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#231# Die Ursachen der Inaktivität der französischen Proletarier
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gesehen, wie schnell Louis-Napoleon bei der Hand war mit barem
Geld oder wie fix er für seine Freunde Pfründe ausfindig machte,
die ihnen glänzende Gelegenheiten boten, sich sofort zu berei-
chern. So trat de Morny, erdrückt von der Last seiner Schulden,
als Bettler sein Amt an und gab es vier Wochen später wieder auf,
aller Schulden ledig, dazu mit einem Vermögen, das man sogar im
Viertel um den Beigrave Square [137] als großartige Garantie
einer unabhängigen Existenz bezeichnen würde. Eine ganz andre
Sache aber war es, zurechtzukommen mit der Bauernschaft, mit den
Großgrundbesitzern, mit den Besitzern von Staatspapieren und
Kapitalien, den Fabrikanten, den Reedern, den Kaufleuten und
Kleinhändlern und, schließlich, mit jenem schwierigsten Problem
des Jahrhunderts, mit der Arbeiterfrage. Trotz aller knebelnden
Maßnahmen der Regierung blieben die Interessen dieser verschie-
denen Klassen so unversöhnt wie eh und je, obwohl es keine
Presse, kein Parlament und keine Versammlungsplattform mehr gab,
um diesen unerquicklichen Tatbestand offenkundig zu machen; und
so ergab es sich, daß, was auch immer die Regierung für die eine
Klasse zu tun versuchen mochte, sie damit die Interessen einer
andern verletzen mußte. Was auch immer Louis-Napoleon unternehmen
mochte, überall stieß er auf ein und dieselbe Frage: "Wer zahlt
die Zeche?" - eine Frage, die mehr Regierungen gestürzt hat als
alle andern, wie Fragen der Miliz, der Reform usw., zusammenge-
nommen. Und obwohl Louis-Napoleon schon seinen Vorgänger Louis-
Philippe ein gut Teil beisteuern ließ [138], um die Zeche zu
zahlen, so ist sie doch noch lange nicht beglichen.
Wir werden in unserem nächsten Bericht [139] damit beginnen, die
Lage der verschiedenen Gesellschaftsklassen in Frankreich zu
skizzieren und zu erforschen, inwieweit die gegenwärtige Regie-
rung über Mittel und Wege verfügte, diese Lage zu verbessern. Wir
werden gleichzeitig zeigen, was jene Regierung zu diesem Zwecke
unternommen hat und wahrscheinlich noch unternehmen wird, und wir
werden so Materialien sammeln, die erlauben, richtige Schlußfol-
gerungen zu ziehen über die Position und die Chancen jenes Man-
nes, der jetzt sein Bestes tut, den Namen Napoleons in Verruf zu
bringen.
Aus dem Englischen.
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