Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       IV
       
       [Österreich]
       
       Wir müssen uns jetzt mit Österreich befassen, jenem Land, das bis
       zum März 1848 für andere Völker fast ebensosehr ein Buch mit sie-
       ben Siegeln  war Wie  China vor  dem letzten  Kriege mit  England
       [26].
       Natürlich können wir uns hier nur mit Deutschösterreich befassen.
       Die Angelegenheiten der Österreicher polnischen, ungarischen oder
       italienischen Ursprungs  gehören nicht  zu unserem Thema, und so-
       weit sie  seit 1848  das Schicksal der Deutschösterreicher beein-
       flußt haben, werden wir später darauf zu sprechen kommen müssen.
       Die Regierung  des Fürsten  Metternich drehte sich um zwei Angel-
       punkte; erstens suchte sie jede einzelne der verschiedenen Natio-
       nen, die  unter österreichischer  Herrschaft standen,  durch alle
       übrigen Nationen,  die sich  in gleicher Lage befanden, in Schach
       zu halten; zweitens, und das war immer das Grundprinzip absoluter
       Monarchien, stützte  sie sich  auf  zwei  Klassen,  die  feudalen
       Grundherren und  die Börsenfürsten; gleichzeitig aber spielte sie
       den Einfluß  und die Macht dieser beiden Klassen so gegeneinander
       aus, daß  die Regierung  selbst volle  Handlungsfreiheit behielt.
       Die adligen Grundherren, deren ganzes Einkommen aus den verschie-
       densten feudalen  Revenuen bestand, konnten nicht umhin, eine Re-
       gierung zu  unterstützen, die  ihren einzigen  Schutz gegen  jene
       niedergetretene Klasse  von Leibeigenen  bildete, von  deren Aus-
       plünderung sie  lebten; und  wenn die weniger begüterten Adligen,
       wie 1846 in Galizien, sich einmal zur Opposition gegen die Regie-
       rung aufrafften, ließ Metternich sehr rasch ebendiese Leibeigenen
       gegen sie  los, die  auf jeden Fall die Gelegenheit benützten, um
       an ihren  nächsten Unterdrückern  furchtbare Rache  zu üben. [27]
       Die großkapitalistischen Börsenspekulanten waren ihrerseits durch
       die Riesenbeträge,  die der  Staat ihnen schuldete, an die Regie-
       rung Metternich  gekettet. Österreich, das 1815 seine volle Macht
       wiedererlangt, das 1820 die absolute Monarchie in Italien wieder-
       hergestellt hatte und seitdem aufrechterhielt, das sich durch den
       Bankrott von  1810 eines Teils seiner Verbindlichkeiten entledigt
       hatte, war nach Abschluß des Friedens auf
       
       #30# Friedrich Engels
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       den großen  europäischen Geldmärkten sehr bald wieder kreditfähig
       geworden und  hatte in  dem Maße,  wie sein  Kredit  stieg,  neue
       Schulden aufgenommen.  So hatten  alle großen  Geldmänner Europas
       erhebliche Teile  ihres Kapitals in österreichischen Staatspapie-
       ren angelegt;  sie waren  daher alle an der Aufrechterhaltung des
       Kredits dieses  Landes interessiert, und da die Aufrechterhaltung
       des österreichischen  Staatskredits immer  neue  Anleihen  erfor-
       derte, sahen  sie sich  gezwungen, von Zeit zu Zeit neues Kapital
       vorzustrecken, um  das Vertrauen  in  jene  Schuldverschreibungen
       aufrechtzuerhalten, für  die sie  bereits Geld vorgeschossen hat-
       ten. Der  lange Frieden nach 1815 und die anscheinende Unmöglich-
       keit, ein  tausend Jahre  altes Reich wie Österreich umzustürzen,
       steigerten den  Kredit der  Metternich-Regierung in erstaunlichem
       Maße und  machten sie  sogar unabhängig  von der Gunst der Wiener
       Bankiers und Börsenspekulanten; denn solange Metternich reichlich
       Geld in  Frankfurt und Amsterdam bekommen konnte, hatte er natür-
       lich die  Genugtuung, die österreichischen Kapitalisten zu seinen
       Füßen zu sehen. Übrigens waren sie auch in jeder anderen Hinsicht
       in seiner  Gewalt; die großen Profite, die Bankiers, Börsenspeku-
       lanten und  Staatslieferanten immer aus einer absoluten Monarchie
       zu ziehen  verstehen, wurden  wettgemacht durch  die  fast  unum-
       schränkte Gewalt der Regierung über ihre Person und ihr Vermögen;
       daher war von dieser Seite auch nicht die leiseste Spur einer Op-
       position zu  erwarten. So  war Metternich  der Unterstützung  der
       beiden mächtigsten,  einflußreichsten Klassen des Reiches sicher,
       und obendrein  verfügte er  über eine  Armee und eine Bürokratie,
       wie sie  für die  Zwecke des  Absolutismus nicht  besser geeignet
       sein konnten.  Die  Beamten  und  Offiziere  in  österreichischen
       Diensten sind  eine Gattung  für sich; ihre Väter haben schon dem
       Kaiser gedient,  und ihre Söhne werden desgleichen tun; sie gehö-
       ren keiner  der mannigfaltigen  Nationen an, die unter den Fitti-
       chen des  Doppeladlers versammelt sind; sie werden und wurden von
       jeher von  einem Ende  des Reiches ans andere versetzt, von Polen
       nach Italien,  von Deutschland nach Transsylvanien; sie verachten
       gleichermaßen jedes  Individuum, ob  Ungar, Pole,  Deutscher, Ru-
       mäne, Italiener, Kroate, sie haben keine Nationalität, oder viel-
       mehr: sie  allein bilden die wirkliche österreichische Nation. Es
       ist klar,  welch geschmeidiges  und zu  gleicher Zeit machtvolles
       Instrument eine  solche zivile und militärische Hierarchie in den
       Händen eines  intelligenten, energischen  Staatsoberhaupts bilden
       mußte.
       Was die  übrigen Klassen  der Bevölkerung  betrifft, so  kümmerte
       sich Metternich,  ganz im Geiste eines Staatsmanns des ancien ré-
       gime 1*), wenig um ihre
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       1*) der alten Ordnung
       
       #31# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       Unterstützung. Ihnen gegenüber kannte er nur eine Politik: soviel
       wie möglich in Form von Steuern aus ihnen herauszupressen und sie
       gleichzeitig ruhig  zu halten.  Die Handels-  und  Industriebour-
       geoisie entwickelte sich in Österreich nur langsam. Der Donauhan-
       del war  verhältnismäßig unbedeutend;  das Land  besaß nur  einen
       Seehafen, Triest,  und der  Handel dieses  Hafens  war  sehr  be-
       schränkt. Die  Fabrikanten erfreuten  sich weitgehenden Schutzes,
       der in  den meisten  Fällen bis  zum völligen Ausschluß jeglicher
       ausländischen Konkurrenz ging; aber diese Vorzugsstellung war ih-
       nen hauptsächlich  im Hinblick auf die Steigerung ihrer Zahlungs-
       fähigkeit beim  Steueramt eingeräumt  worden und wurde weitgehend
       aufgewogen durch  Beschränkungen der  Industrie im  Innern, durch
       Privilegien der  Zünfte und  anderer feudaler  Korporationen, die
       ängstlich aufrechterhalten  wurden, solange sie nicht den Zwecken
       und Absichten  der Regierung  im Wege  standen. Die kleinen Hand-
       werker waren  eingezwängt in die engen Schranken dieser mittelal-
       terlichen Zünfte, die eine ewige Fehde zwischen den verschiedenen
       Gewerbezweigen um  ihre Privilegien im Gange hielten und den Mit-
       gliedern dieser Zwangsvereinigungen eine Art erblicher Stabilität
       verliehen, indem  sie Angehörigen der Arbeiterklasse die Möglich-
       keit sozialen  Aufstiegs fast  völlig versperrten. Die Bauern und
       Arbeiter endlich  wurden als  bloße Steuerobjekte  behandelt, und
       man kümmerte  sich um  sie nur, um sie möglichst an die Lebensbe-
       dingungen zu fesseln, unter denen sie existierten und unter denen
       bereits ihre  Väter existiert  hatten. Zu diesem Zweck wurde jede
       alt eingewurzelte  Autorität in  der gleichen  Weise hochgehalten
       wie die  Autorität des Staates: die Autorität des Grundherrn über
       den kleinen Pächter, des Fabrikanten über den Fabrikarbeiter, des
       kleinen Handwerksmeisters  über den  Gesellen und Lehrjungen, des
       Vaters über den Sohn wurde von der Regierung allenthalben streng-
       stens gewahrt,  und jede  Art von  Unbotmäßigkeit ebenso geahndet
       wie  eine  Gesetzesübertretung,  mit  dem  Universalwerkzeug  der
       österreichischen Justiz - dem Stock.
       Schließlich, um  alle diese Bemühungen zur Schaffung einer künst-
       lichen Stabilität  in ein allumfassendes System zu bringen, wurde
       die dem  Volke erlaubte  geistige Nahrung  mit  der  peinlichsten
       Sorgfalt ausgewählt  und ihm  so spärlich  wie möglich zugeteilt.
       Die Erziehung  lag überall  in den Händen der katholischen Geist-
       lichkeit, deren  Oberhäupter  genauso  wie  die  großen  feudalen
       Grundherren an  der Erhaltung des bestehenden Systems aufs stärk-
       ste interessiert  waren. Die  Universitäten waren so organisiert,
       daß sie  nur Spezialisten  hervorbringen konnten,  die allenfalls
       auf einzelnen  Sondergebieten  der  Wissenschaft  sich  hervortun
       mochten, daß sie aber auf keinen Fall jene freisinnige Allgemein-
       bildung vermitteln konnten, die man sonst von
       
       #32# Friedrich Engels
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       Universitäten erwartet.  Zeitungen gab  es überhaupt nicht, außer
       in Ungarn,  und die  ungarischen Blätter  waren in  allen anderen
       Teilen der  Monarchie verboten.  Was die Literatur im allgemeinen
       anbelangt, so  hatte sich ihr Bereich im Laufe eines Jahrhunderts
       nicht erweitert;  nach dem Tode Josephs II. wurden ihr sogar wie-
       der engere  Grenzen gesteckt. Und überall an der Grenze, wo immer
       die österreichischen  Staaten an  ein zivilisiertes Land stießen,
       war in  Verbindung mit  dem Kordon von Zollbeamten ein Kordon von
       Literaturzensoren errichtet,  die kein  ausländisches Buch, keine
       ausländische Zeitung nach Österreich hineinließen, bevor sein In-
       halt nicht  zwei- oder  dreimal gründlich geprüft und völlig frei
       selbst von  der leisesten  Befleckung durch  den verruchten Geist
       des Jahrhunderts befunden worden war.
       Ungefähr dreißig  Jahre lang,  von 1815  an, wirkte dieses System
       mit erstaunlichem Erfolg. Österreich blieb für Europa beinahe un-
       bekannt, und ebensowenig kannte man Europa in Österreich. Der ge-
       sellschaftliche Stand  der einzelnen  Klassen der Bevölkerung und
       der Bevölkerung in ihrer Gesamtheit hatte scheinbar nicht die ge-
       ringste Veränderung erfahren. Was auch an Feindseligkeit zwischen
       den Klassen  vorhanden sein mochte - und das Vorhandensein dieser
       Feindseligkeit war  eine der Hauptbedingungen des Metternichschen
       Regimes, das sie sogar förderte, indem es die höheren Klassen als
       Werkzeug jeder  drückenden staatlichen  Maßnahme benutzte  und so
       den Haß  auf sie  ablenkte -,  wie sehr das Volk auch die unteren
       Staatsbeamten hassen mochte: mit der Zentralregierung war man al-
       les in  allem nicht  unzufrieden. Der Kaiser wurde angebetet, und
       die Tatsachen schienen dem alten Franz I. recht zu geben, wenn er
       seine eigenen  Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Systems selbst-
       gefällig einschränkte:  "Immerhin, mich und den Metternich halt's
       noch aus."
       Und doch  ging unter  der Oberfläche  eine langsame  Bewegung vor
       sich, die  alle Bemühungen  Metternichs  zuschanden  machte.  Der
       Reichtum und Einfluß der Industrie- und Handelsbourgeoisie nahmen
       zu. Die  Einführung von Maschinen und Dampfkraft in der Industrie
       wälzte in Österreich, wie überall, die alten Verhältnisse und Le-
       bensbedingungen ganzer  Gesellschaftsklassen vollständig  um; sie
       befreite die  Leibeigenen, sie verwandelte die Kleinbauern in Fa-
       brikarbeiter; sie  untergrub die  alten feudalen Handwerkerzünfte
       und raubte vielen von ihnen jede Möglichkeit des Weiterbestehens.
       Die neue kommerzielle und industrielle Bevölkerung geriet überall
       in Widerstreit  mit den  alten feudalen  Einrichtungen. Die Bour-
       geoisie wurde  durch ihre  Geschäfte immer häufiger zu Reisen ins
       Ausland veranlaßt  und brachte  von dort manch märchenhafte Kunde
       von zivilisierten  Ländern mit,  die  jenseits  der  kaiserlichen
       Zollschranken lagen; und schließlich beschleunigte der
       
       #33# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       Bau von  Eisenbahnen die  industrielle wie  die geistige Entwick-
       lung. Zudem  gab es im österreichischen Staatsgefüge selbst einen
       gefährlichen Bestandteil: die ungarische Feudalverfassung mit ih-
       ren parlamentarischen Verhandlungen und ihren Kämpfen der verarm-
       ten, oppositionellen  Masse des Adels gegen die Regierung und de-
       ren Verbündete,  die Magnaten. Preßburg 1*), der Sitz des Reichs-
       tags, lag  dicht vor  den Toren Wiens. Alle diese Elemente trugen
       dazu bei,  in der  städtischen Bourgeoisie einen Geist, wenn auch
       nicht gerade der Opposition - denn eine Opposition war noch nicht
       möglich -,  so doch der Unzufriedenheit zu erzeugen, einen allge-
       meinen Wunsch nach Reformen mehr administrativer als konstitutio-
       neller Art. Und genau wie in Preußen schloß sich ein Teil der Bü-
       rokratie der Bourgeoisie an. In dieser erblichen Beamtenkaste wa-
       ren  die  Traditionen  Josephs  II.  noch  unvergessen;  die  ge-
       bildeteren Regierungsbeamten,  die bisweilen  selbst mit der Mög-
       lichkeit imaginärer Reformen kokettierten, gaben dem fortschritt-
       lichen, aufgeklärten  Despotismus jenes  Kaisers entschieden  den
       Vorzug vor  dem "väterlichen"  Despotismus Metternichs.  Ein Teil
       des ärmeren Adels schlug sich gleichfalls auf die Seite der Bour-
       geoisie, und  was die unteren Klassen der Bevölkerung anbetrifft,
       die immer  reichlich Grund  zur Unzufriedenheit  mit den  höheren
       Klassen, wo nicht mit der Regierung gehabt hatten, so konnten sie
       in den  meisten Fällen  nicht umhin,  sich den Reformwünschen der
       Bourgeoisie anzuschließen.
       Ungefähr um  diese Zeit,  um 1843  oder 1844,  entfaltete sich in
       Deutschland ein besonderer Literaturzweig, der diesen Veränderun-
       gen entsprach.  Einige österreichische  Literaten,  Romanschrift-
       steller, Literaturkritiker,  schlechte Poeten, durchweg recht mä-
       ßig begabt, aber mit jener spezifischen Betriebsamkeit ausgestat-
       tet, die  der jüdischen  Rasse eigen  ist, ließen sich in Leipzig
       und anderen  deutschen Städten  außerhalb Österreichs  nieder und
       veröffentlichten hier,  außer Reichweite Metternichs, eine Anzahl
       Bücher und  Flugschriften über  österreichische Fragen.  Sie  und
       ihre Verleger machten damit ein reißendes Geschäft. Ganz Deutsch-
       land war begierig, in die Geheimnisse der Politik von Europäisch-
       China eingeweiht zu werden; und noch neugieriger waren die Öster-
       reicher selbst,  die diese  Veröffentlichungen auf  dem Wege über
       den im  großen betriebenen Schmuggel an der böhmischen Grenze er-
       hielten. Natürlich  waren die  Geheimnisse, die  in diesen Veröf-
       fentlichungen verraten  wurden, nicht  von großer  Bedeutung, und
       die Reformpläne,  die ihre  wohlmeinenden Verfasser  ausbrüteten,
       trugen den  Stempel einer an politische Jungfräulichkeit grenzen-
       den Harmlosigkeit.  Eine Verfassung und Pressefreiheit für Öster-
       reich galten als unerreichbar; administrative Reformen,
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       1*) Bratislava
       
       #34# Friedrich Engels
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       Erweiterung der  Rechte der Provinziallandtäge, Zulassung auslän-
       discher Bücher  und Zeitungen  und Milderung  der Zensur - weiter
       gingen die untertänigst ergebenen Wünsche dieser braven Österrei-
       cher kaum.
       Auf jeden Fall trug das immer sinnlosere Unterfangen, den litera-
       rischen Verkehr  Österreichs mit  dem  übrigen  Deutschland,  und
       durch Deutschland  mit der  übrigen Welt, zu verhindern, viel zur
       Bildung einer  regierungsfeindlichen öffentlichen Meinung bei und
       machte einem  Teil der  Österreicher wenigstens  etwas an politi-
       scher Information zugänglich. So wurde gegen Ende des Jahres 1847
       Österreich, wenn  auch in  geringerem Maße, von jener politischen
       und politisch-religiösen  Agitation erfaßt,  die damals  in  ganz
       Deutschland überhandnahm,  und wenn  sie sich  in Österreich auch
       weniger geräuschvoll entwickelte, so fand sie doch genügend revo-
       lutionäre Elemente  vor, auf  die sie  wirken konnte.  Da war der
       Bauer, Leibeigener  oder Zinsbauer,  zu Boden  gedrückt durch die
       Abgaben, die  der Grundherr  oder  die  Regierung  aus  ihm  her-
       auspreßte; dann  der Fabrikarbeiter,  den der Polizeistock zwang,
       sich zu  jeglicher Bedingung abzurackern, die der Fabrikant fest-
       zusetzen beliebte;  dann der  Handwerksgeselle, dem  die Zunftge-
       setze jede  Aussicht versperrten,  sich in  seinem Gewerbe jemals
       selbständig zu  machen; dann der Kaufmann, der in seinem Geschäft
       auf Schritt  und Tritt über sinnlose Vorschriften stolperte; dann
       der Fabrikant,  in stetem Konflikt mit den eifersüchtig über ihre
       Privilegien wachenden  Handwerkerzünften oder  mit gierigen Beam-
       ten, die  in alles  ihre Nase  steckten; dann der Lehrer, der Ge-
       lehrte, der  gebildetere Beamte,  alle in  vergeblichem Kampf mit
       einem  unwissenden,  anmaßenden  Pfaffentum  oder  mit  stupiden,
       herrschsüchtigen Vorgesetzten. Kurz, es gab keine einzige Klasse,
       die zufrieden  gewesen wäre;  denn die kleinen Zugeständnisse, zu
       denen sich  die Regierung  hin und  wieder gezwungen  sah, gingen
       nicht auf  deren eigene  Kosten -  das wäre  über die  Kräfte der
       Staatskasse gegangen  -, sondern auf Kosten des Hochadels und des
       Klerus; und was die großen Bankiers und Besitzer von Staatspapie-
       ren anbelangt,  so waren  die jüngsten Ereignisse in Italien, die
       wachsende Opposition  des ungarischen  Reichstags, der ungewohnte
       Geist der  Unzufriedenheitund der  Schrei nach  Reformen, der  im
       ganzen Reiche  laut wurde,  nicht dazu  angetan, ihr Vertrauen in
       die Solidität  und Zahlungsfähigkeit des österreichischen Kaiser-
       reichs zu stärken.
       So reifte  auch in Österreich langsam, aber sicher ein gewaltiger
       Umschwung heran,  als plötzlich  in Frankreich  ein Ereignis ein-
       trat, das  nunmehr den  drohenden Sturm  sogleich entfesselte und
       die Behauptung  des alten Franz Lügen strafte, zu seinen und Met-
       ternichs Lebzeiten werde der Bau schon noch halten.
       London, September 1851

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