Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
zurück
#364#
-----
Karl Marx
Machenschaften Mazzinis und Kossuths -
Bündnis mit Louis-Napoleon-Palmerston
["New-York Daily Tribune" Nr. 3590 vom 19. Oktober 1352]
London, Dienstag, 28. September 1852
Die folgenden Begebenheiten sind authentische Tatsachen und be-
ziehen sich auf die Machenschaften innerhalb der italienischen
und ungarischen Emigration.
Im Auftrage von Kossuth und Mazzini bereiste vor einiger Zeit der
ungarische General Vetter ganz Italien auf den Paß eines Malers,
der Bürger der Vereinigten Staaten ist. Er war begleitet von der
ungarischen Sängerin Madame Ferenczi, die Konzerte gab. Auf diese
Weise drang er in die höheren offiziellen Kreise ein, während ihm
die Mitteilungen Mazzinis, die er zu überbringen hatte, die Türen
öffneten zu den geheimen Gesellschaften. Er durchquerte das ganze
Land von Turin und Genua über Mailand bis Rom und Neapel. Kürz-
lich ist er nach England zurückgekehrt und hat Bericht erstattet
- zum großen Erstaunen Mazzinis, des Erzengels der Demokratie.
Der Kern von Vetters Ausführungen ist kurz der: Italien sei völ-
lig m a t e r i a l i s t i s c h geworden, der Handel mit Sei-
de, Öl und anderen Erzeugnissen des Landes sei derart zum al-
leinigen Inhalt der Tagesgespräche geworden und die Bourgeoisie
(Mazzinis große Stütze) berechne die Ausgaben und Verluste, die
die Revolution mit sich gebracht, mit so erschreckender Genauig-
keit und suche sie durch eifrigste industrielle Tätigkeit wettzu-
machen, daß der G e d a n k e, I t a l i e n r u f e d e m-
n ä c h s t e i n e r e v o l u t i o n ä r e B e w e g u n g
i n s L e b e n, v ö l l i g i r r e a l s e i. Es kann in
jenem Land, sagt Vetter in seinem Bericht, keine Erhebung statt-
finden, ehe nicht der französische Vulkan von neuem Feuer speit,
zumal der par excellence 1*) revolutionäre Teil der Bevölkerung
durch lange Verfolgung und ständiges Fehlschlagen seiner Pläne
entmutigt ist und ihm vor allen Dingen die Unterstützung durch
die Massen fehlt.
-----
1*) ausgesprochen
#365# Machenschaften Mazzinis u. Kossuths - ...
-----
Nach diesem Bericht von Vetter sah sich Mazzini, der vordem so
laut und so dumm gegen Frankreich gewütet hatte, nolens volens
1*) gezwungen, noch einmal die I n i t i a t i v e an das alte
Babylon 2*) abzutreten.
Nun erhebt sich aber die Frage: Mit welcher Partei haben diese
Herren wohl zu verhandeln begonnen, nachdem sie einmal beschlos-
sen, wieder ein Bündnis mit Frankreich einzugehen? Mit Herrn
Louis Bonaparte!
Kossuth schickte im Einvernehmen mit Mazzini einen gewissen Kiss
nach Paris, um Verbindungen mit den Bonapartisten aufzunehmen.
Kiss kannte von früher her die Söhne von Jérôme Bonaparte. Er
amüsiert sich in Paris, in Kaffeehäusern und in andern Häusern,
er geht Pierre Bonaparte nicht von der Seite, beweihräuchert ihn
und schreibt großartige Berichte an Kossuth. Jetzt sei an der Be-
freiung Ungarns durch die Firma L.-Napoleon und Kossuth nicht
länger mehr zu zweifeln. Das Haupt der Revolutionäre sei ein
Bündnis auf Leben und Tod mit dem "Tyrannen" eingegangen.
Bevor all das geschehen, waren der alte Lelewel, der Pole, und
Thaddäus Gorzowski, ein russischer Priester, im Namen der soge-
nannten Zentralisation der Polen [265] nach London gekommen und
hatten Kossuth und Mazzini den Plan eines Aufstandes vorgelegt,
dessen Angelpunkt in der Zusammenarbeit mit Bonaparte liegen
sollte. Ihr spezieller Freund in London war ein Graf Lancko-
ronski, der obendrein ein kaiserlich-russischer Agent ist, und
ihrem Plan war die hohe Ehre widerfahren, in St. Petersburg über-
arbeitet und verbessert worden zu sein, nachdem er vorgelegen.
Besagter Graf Lanckoronski ist jetzt in Paris, um Kiss nicht aus
den Augen zu lassen, und von dort wird er nach Ostende gehen, um
neue Instruktionen aus St. Petersburg zu empfangen.
Kiss hat aus Paris alle möglichen Zusicherungen an Kossuth ge-
schickt, die eigentlich in ein Märchenbuch gehören, die aber an-
gesichts der märchenhaften Zustände in Frankreich vielleicht so-
gar wahr sind. Es heißt, Kossuth habe einen von Louis-Napoleon
eigenhändig geschriebenen Brief erhalten, der ihn eingeladen,
n a c h P a r i s z u k o m m e n. Kossuth hat Abschriften
dieses Briefes in allen Provinzen Ungarns zirkulieren lassen. Er
hat dort alles für einen allgemeinen Aufruhr vorbereitet. Sogar
königlich-kaiserliche Beamte sind an dem Komplott beteiligt. Kos-
suth hofft, die Affäre im Oktober zu beginnen.
Soweit enthält mein Bericht nichts als die fast wörtliche Wieder-
holung der Dinge, die man mir mitgeteilt hat. Fragt man mich
jetzt nach meiner Ansicht dazu, so meine ich, daß Louis Bonaparte
zwei Fliegen mit einer Klappe
-----
1*) wohl oder übel - 2*) Paris
#366# Karl Marx
-----
schlagen möchte. Er will sich bei Kossuth und Mazzini lieb Kind
machen und sie dann an die Österreicher verraten, woraufhin diese
ihre Zustimmung geben sollen, daß er sich zum Kaiser der Franzo-
sen mache. Außerdem glaubt er, daß Kossuth und Mazzini ihren gan-
zen Einfluß in der revolutionären Partei verlieren werden, sobald
bekannt wird, daß sie mit ihm verhandelt bzw. die Verbindung mit
ihm aufgenommen haben. Im übrigen stößt er bei den absolutisti-
schen Mächten auf großen Widerstand gegen seine Thronbesteigung,
und es ist durchaus möglich, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich,
daß er, als echter Abenteurer, geneigt ist, es mit den Verschwö-
rern zu versuchen.
Was nun Italien im besondern betrifft, so hofft Louis Bonaparte,
die Lombardei und Venedig seinen eigenen Territorien einzuverlei-
ben, während Neapel an seinen Vetter Murat fiele.
Schöne Aussichten für Signor Mazzini!
Da ich nun nochmals auf Italien zu sprechen gekommen, erlaube man
mir, noch eine andre Neuigkeit mitzuteilen. Die Gräfin Visconti,
eine der Heroinen der letzten Episode des italienischen Frei-
heitskampfes, ist vor kurzem hier gewesen und hat eine lange Un-
terredung mit Lord Palmerston gehabt. Seine Lordschaft sagte ihr,
daß er hoffe, noch vor Ende dieses Jahres an der Spitze der bri-
tischen Regierung zu stehen, und daß Europa dann einer schnellen
Umwandlung entgegengehen würde. Besonders Italien könne man nicht
länger in den Klauen Österreichs belassen, weil auf die Dauer
kein Land mit Pulver und Blei regiert werden könne. Dabei gab
Palmerston zu verstehen, daß er in Frankreich seinen Verbündeten
zu finden hoffe. Er wünsche jedoch, daß die Lombardei im Falle
einer allgemeinen Erhebung sofort an Piemont angeschlossen werde
und daß man die Frage, ob daraus eine Republik werde, völlig der
Zukunft überlassen müsse.
Was mich betrifft, so bin ich davon überzeugt, daß der alte Ve-
teran Palmerston unter den größten Illusionen laboriert; insbe-
sondere weiß er nicht, daß, selbst wenn er in den parlamentari-
schen Koterien noch einigen Einfluß besitzt, er ihn im Lande aber
verloren hat.
Aus dem Englischen.
zurück