Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       Karl Marx
       
       Die politischen Parteien und Perspektiven
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 3625 vom 29. November 1852]
       London, Dienstag, 2. November 1852
       Wir wollen  mit der Erörterung der politischen Konsequenzen fort-
       fahren, die unvermeidlich der jetzigen Industrie- und Handelspro-
       sperität auf dem Fuße folgen werden. 1*)
       Inmitten dieser  Atmosphäre allgemeiner  industrieller Aktivität,
       beschleunigten Handelsverkehrs  und politischer  Gleichgültigkeit
       vollziehen die  parlamentarischen Parteien, jeglichen Druckes von
       außen beraubt, in aller Ruhe den Prozeß ihrer eigenen Auflösung.
       
       "Die Peeliten  und die  Russelliten fühlen  sich in diesem Augen-
       blick auf  die seltsamste  Weise zueinander  hingezogen. Da diese
       unvermeidbaren 'Staatsmänner', die Peeliten, nicht imstande sind,
       allein etwas fertigzubringen, wünschen sie jetzt in die Sippe der
       regierenden Familie  aufgenommen zu werden. Man sehe nur, wie ihr
       Organ, der  'Morning Chronicle'  [226], die  völlig  banale  Rede
       lobt, die Lord Russell in Perth hielt."
       
       So äußert sich der "Morning Herald" [275], das halbamtliche Organ
       der Regierung.
       Gerade das  Gegenteil sei richtig, sagt der "Guardian" [276]. Man
       höre nur,  was der Handelsminister Henley in der Mälzerei in Ban-
       bury zu seinen Freunden aus der Landwirtschaft sagt:
       
       "Diese Partei",  erklärt Henley,  "hatte ihre  eigenen Prinzipien
       und blieb  ihnen auch  treu. Ob  Freihandel oder  Schutzzoll, war
       eine offene  Frage und  ist nur durch den verstorbenen Sir Robert
       Peel zu  einer Parteifrage gemacht worden." Voller Respekt äußert
       er sich  über die Peeliten und meint, "daß kein ernstes Hindernis
       mehr existiere  gegen die  Vereinigung der   g r o ß e n   k o n-
       s e r v a t i v e n  Partei". [277]
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 374-378
       
       #384# Karl Marx
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       So muß man's machen, ereifert sich der "Guardian", den Schutzzoll
       fallen lassen,  dann lebt  der Konservativismus  auf. Mit anderen
       Worten, der  "Guardian" glaubt,  die Peeliten  seien bereit - von
       der Frage  der Korngesetze  [246] abgesehen  -  ein  reaktionäres
       Bündnis mit den Tories einzugehen. Und die "Daily News" [129] be-
       richtet als  vollendete Tatsache,  daß eine  Reihe  von  Peeliten
       schon in  das Lager  Derbys übergegangen sind. Aber auch eine An-
       zahl Whigs  verdächtigt man  desselben Vergehens,  und daran wäre
       nichts Wunderbares  angesichts der Tatsache, daß der aristokrati-
       sche Kern  dieser Partei  aus einer  Clique von Stellenjägern be-
       steht. Da  gibt es  zum Beispiel Lord Dalhousie. Mylord war Mini-
       ster unter  Peel, in dessen liberaler Regierungsperiode. Nach dem
       Falle Peels  bot ihm  Russell einen Sitz in seinem neuen Kabinett
       an. Im  Verein mit dem Herzog von Newcastle, Lord St. Germans und
       andern Mitgliedern  der früheren  Regierung  unterstützte  er  im
       Oberhaus die  Manöver der  Whigs und  wurde dafür, als die Stelle
       frei wurde,  zum Generalgouverneur  von  Indien  ernannt,  diesem
       prächtigsten aller Preise in der oligarchischen Lotterie. Er ver-
       stand sich  darauf, die  größten ökonomischen  Vorteile daraus zu
       ziehen. Die Whigs rühmten sich des noch "nie dagewesenen" Opfers,
       das sie  gebracht hatten, indem sie einen so begehrten Posten ih-
       rer eigenen  engsten Clique  vorenthalten hatten.  Der Köder, den
       man Lord  Dalhousie im Augenblick hinhält, ist der Gouverneurspo-
       sten der Cinque Ports [278], eine Sinekure, die jährlich Tausende
       einbringt. Der  gute Mann soll nämlich von Hause aus nicht gerade
       mit Geld  und Gut gesegnet sein, und er soll es für seine patrio-
       tische Pflicht halten, die Cinque Ports selbst unter einem Derby-
       Ministerium gegen Überraschungen zu schützen.
       Solche Geschichten  aus der  chronique  scandaleuse  1*),  solche
       Anekdoten über  den Preis, zu dem dieser oder jener Whig mit sich
       verhandeln läßt  und sich  zu den  Tories schlägt, finden sich zu
       Dutzenden in  der liberalen Wochenpresse. Sie zeugen von der tie-
       fen Korruption der Whig-Partei, verlieren aber an Bedeutung ange-
       sichts der  Spaltung zwischen  den zwei bedeutendsten Führern der
       Partei, Russell  und Palmerston. Schon vor einiger Zeit waren uns
       Vorgänge bei  den letzten  Wahlkämpfen bekannt geworden, in denen
       Lord Palmerstons  Eingreifen zugunsten  ministerieller Kandidaten
       unverantwortlich erschien,  wie die  liberalen Blätter formulier-
       ten. Und  dann kommt  eines schönen Tages Palmerstons eigenes Or-
       gan, die  "Morning Post" [279], mit einem Leitartikel heraus, der
       sich auf  das Gerücht bezieht, wonach Palmerston entweder als Mi-
       nister und Führer des Unterhauses in
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       1*) Skandalchronik
       
       #385# Die politischen Parteien und Perspektiven
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       das Kabinett  eintreten oder  im Falle  einer schnellen Auflösung
       des Derby-Ministeriums  ein neues Kabinett bilden solle aus jenen
       Fragmenten des  alten, die vielleicht noch nicht ganz "unmöglich"
       geworden. Die "Morning Post", der diese Gerüchte im großen ganzen
       durchaus nicht  unangenehm sind,  erklärt, nicht  in Lord Palmer-
       stons, sondern im eigenen, privaten Namen zu sprechen. Palmerston
       jedoch hält  es trotz  aller dringlichen, ja sogar aufdringlichen
       Forderungen der  Whig-Presse und  der liberalen Blätter nicht für
       angezeigt,  den   verleumderischen  Bericht  zurückzuweisen.  Der
       "Morning Chronicle"  der Peeliten  verzeichnet diese  Gerüchte in
       einem Tori, der deutlich zeigt, daß Gladstone und Kompanie keinen
       horror vacui 1*) empfänden, wenn sich Amalgamierungen solcher Art
       vollzögen. Die  "Daily News",  ein  Blatt  der  Manchestermänner,
       deckt diesen Umstand auf und fordert empört, daß die Verräter un-
       ter den  Whigs und  Peeliten sich offen Derby anschließen sollen.
       Man sieht also, wie jede der parlamentarischen Koterien, die eine
       nach der  anderen das politische Steuer in Händen gehalten, allen
       andern und  auch den  eigenen Mitgliedern  mißtraut, wie sie sich
       gegenseitig der  Fahnenflucht, der Korruption, des Paktierens an-
       klagen und  wie sie  doch, einzeln  und insgesamt,  zugeben, daß,
       wenn man  von den Korngesetzen absieht, ihrer Vereinigung mit den
       ; Derby-Leuten  eigentlich nichts  im Wege  steht als persönliche
       Ranküne und  persönlicher Ehrgeiz. Sie nehmen Derby gegenüber un-
       gefähr dieselbe  Stellung ein, die letztes Jahr vor dem 2. Dezem-
       ber die  verschiedenen Gruppierungen der Ordnungspartei gegenüber
       Bonaparte einnahmen. 2*)
       Daß die  Opposition der kommenden Parlamentskampagne recht klein-
       mütig entgegensieht, ist leicht zu erklären.
       Der kleine John Russell erhielt das Ehrenbürgerrecht von Perth in
       einem kleinen  Futteral und dankte dafür nach einem Riesenbankett
       in einer kleinen Rede, deren wichtigster Teil in folgender Erklä-
       rung bestand:
       
       "Wir sind  von Rechts  wegen verpflichtet  und auch,  denke  ich,
       durch eine  k l u g e  P o l i t i k  angewiesen,  s o  l a n g e
       z u   w a r t e n,   b i s   s o l c h e  M a ß n a h m e n  g e-
       s c h a f f e n   s i n d,   d u r c h   d i e   d i e   I n t e-
       r e s s e n g r u p p e n   d e r    L a n d w i r t s c h a f t,
       der Kolonien,  der Schiffahrt  jene Entschädigungen bekommen, die
       ihnen bis  jetzt  ungerechterweise  vorenthalten  blieben"  (Hei-
       terkeit) -  "treffliche Maßnahmen,  die einem  langen Kampfe  ein
       Ende setzen sollen."
       
       Das einzige  Tagesblatt, über  das  Russell  noch  verfügt,  "The
       Globe" [280]  (eine Abendzeitung), gibt dazu folgenden Kommentar:
       "Jede Opposition  der Art,  wie man  - sie 1835 gegen Sir R. Peel
       betrieb, würde unweigerlich fehlschlagen", und zwar wegen der Ri-
       valität der liberalen Führer untereinander.
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       1*) Schrecken vor der Leere - 2*) siehe vorl. Band, S. 176-193
       
       #386# Karl Marx
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       Darum wurde auch der Versuch vollständig aufgegeben, das Kabinett
       Derby gleich  zu Beginn der Session durch ein kompaktes Votum der
       koalierten Opposition  zu stürzen,  und Lord  John Russell bleibt
       seiner Rolle  treu, indem  er als  erster zum Rückzug bläst. Über
       die allgemeinen  Aussichten der parlamentarischen Opposition legt
       ihr Führer  Joseph Hume  in einem  Brief an den "Hull Advertiser"
       [270] folgendes Bekenntnis ab:
       
       "Nach meinen  bisherigen Erfahrungen mit den irischen Mitgliedern
       des Unterhauses  darf man  in ihnen  kaum ein Material sehen, das
       sich dazu eignet, überhaupt durch einen Führer geformt und in Po-
       situr gehalten  zu werden.  Die irischen Mitglieder sind zu über-
       spannt, zu  heißblütig, zu  sehr durchdrungen  von den Leiden und
       dem Ungemach  Irlands. Bis jetzt ist meines Wissens nichts unter-
       nommen worden,  um eine  Einigung jener Liberalen herbeizuführen,
       die Zweifel  hegen an  den Taten des Derby-Ministeriums. Und wenn
       ich mir die hohlen Beteuerungen jener Männer vor Augen halte, die
       Lord Derbys  Vorgänger waren"  (die Whigs), "und bedenke, wie sie
       lieber das Spiel aufgeben, anstatt den Reformern ein Bündnis vor-
       zuschlagen und dadurch ehrlich der Sache des Volkes zu dienen, so
       kann ich  kein rechtes Vertrauen in Maßnahmen setzen, die sie zur
       Förderung  der  Einigung  der  Parteien  unternehmen  mögen.  Ich
       fürchte, man muß sie sich selbst und ihrem ewigen Gerede überlas-
       sen, indes  die Derby-Leute Übergriffe aller Art in der Regierung
       begehen, um  die eigene Sache zu fördern und die eigenen Anhänger
       zu begünstigen.  Und die  Dinge werden  sich wohl  n o c h  g e -
        r a u m e  Z e i t  weiter so abspielen, ehe überhaupt eine Mög-
       lichkeit eintritt, eine Volkspartei zu bilden."
       
       John Bright,  augenblickliches Haupt  der Manchesterschule [244],
       hat allerdings nach einem Bankett mit den Fabrikanten von Belfast
       in einer Rede versucht, durch Schmeicheleien gutzumachen, was Jo-
       seph Hume  durch seine  Angriffe auf  die Iren verschuldet hatte.
       Aber es ist nun einmal so, daß in allen Dingen der, parlamentari-
       schen Disziplin die Autorität bei "Old Joe" 1*) liegt.
       So verzweifelt  denn die  parlamentarische Opposition  völlig  an
       sich selbst.
       Ja, die  alte parlamentarische Opposition hat sich dermaßen über-
       lebt, daß  ihr Nestor,  Hume, am  Ende seiner langen Laufbahn öf-
       fentlich erklärt,  es gäbe  im Unterhaus keine "Volkspartei". Was
       immer so  genannt worden  sei, sei nichts anderes gewesen als ein
       "Strick aus Sand" [281].
       So gibt es im Lager der Opposition nur allgemeine Auflösung, all-
       gemeine Schwäche und Impotenz.
       Karl Marx
       
       Aus dem Englischen.
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       1*) Joseph Hume
       

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