Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


       zurück

       #398#
       -----
       Friedrich Engels
       
       Der Kommunisten-Prozeß zu Köln [285]
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 3645 vom 22. Dezember 1852]
       London, Mittwoch, 1. Dezember 1852
       Sie werden  bereits durch  die europäischen  Zeitungen zahlreiche
       Berichte über  den Monsterprozeß gegen die Kommunisten zu Köln in
       Preußen und  über sein  Ergebnis erhalten haben. Da jedoch keiner
       dieser Berichte  eine auch nur einigermaßen wahrheitsgetreue Dar-
       stellung der Tatsachen enthält und da diese Tatsachen ein grelles
       Licht werfen auf die politischen Methoden, durch die der europäi-
       sche Kontinent  in Knechtschaft  gehalten wird,  halte ich es für
       notwendig, auf diesen Prozeß zurückzukommen.
       Die kommunistische oder proletarische Partei hatte gleich anderen
       Parteien durch  die Aufhebung des Vereins- und Versammlungsrechts
       die  Möglichkeit   verloren,  sich   auf   dem   Kontinent   eine
       l e g a l e   Organisation zu schaffen. Ihre Führer befanden sich
       überdies im Exil. Aber keine politische Partei kann bestehen ohne
       Organisation; und  wenn die liberale Bourgeoisie und das demokra-
       tische Kleinbürgertum in der Lage waren, durch ihre gesellschaft-
       liche Stellung, ihre günstige wirtschaftliche Lage und den herge-
       brachten tagtäglichen  persönlichen Verkehr  ihrer Mitglieder un-
       tereinander für eine solche Organisation mehr oder weniger Ersatz
       zu finden,  so blieb  dem Proletariat,  dem eine  solche  gesell-
       schaftliche Stellung  und solche  Geldmittel fehlten,  nichts an-
       deres übrig,  als zur  geheimen Verbindung seine Zuflucht zu neh-
       men. Daher  entstanden sowohl  in Frankreich  wie in  Deutschland
       jene zahlreichen  Geheimgesellschaften, die  seit dem  Jahre 1849
       eine nach  der anderen  von der  Polizei aufgedeckt und wegen Ge-
       heimbündelei verfolgt  wurden; aber  wenn auch  viele  von  ihnen
       wirklich konspirativen  Charakter hatten  und tatsächlich  zu dem
       Zweck gebildet  waren, die  bestehende Regierung zu stürzen - und
       nur ein Feigling griffe unter bestimmten Voraussetzungen nicht zu
       konspirativen Methoden, gerade so wie nur ein Narr
       
       #399# Der Kommunisten-Prozeß zu Köln
       -----
       sich unter  anderen Voraussetzungen auf ihre Anwendung versteifte
       -, so  gab es  doch auch andere, für einen umfassenderen, höheren
       Zweck geschaffene Gesellschaften, die wußten, daß der Sturz einer
       bestehenden Regierung nur eine Episode in dem großen bevorstehen-
       den Kampf  ist, und  sich die  Aufgabe stellten, sich zusammenzu-
       schließen und  die Partei, deren Kern sie bildeten, für den letz-
       ten, entscheidenden  Kampf vorzubereiten,  in dem  eines Tages in
       Europa die  Herrschaft nicht  bloß von "Tyrannen", "Despoten" und
       "Usurpatoren", sondern  einer weit gewaltigeren, weit furchtbare-
       ren Macht  für immer  zertrümmert werden  soll: die  des Kapitals
       über die Arbeit.
       Die Organisation  der in  vorderster Front  stehenden kommunisti-
       schen Partei  in Deutschland  [286] war  solcher  Art.  In  Über-
       einstimmung mit den Grundsätzen ihres "Manifests" (veröffentlicht
       1848) und  mit den  in der  Artikelserie "Revolution  und Konter-
       revolution in  Deutschland" 1*) in  der "New-York  Daily Tribune"
       dargelegten Grundsätzen  bildete diese  Partei sich  niemals ein,
       sie sei  imstande, jene  Revolution, die ihre Ideen verwirklichen
       soll, zu  jedem beliebigen  Zeitpunkt nach Willkür hervorzurufen.
       Sie erforschte  die Ursachen,  die die  revolutionären Bewegungen
       von 1848  hervorgerufen, und  die Ursachen,  die ihrem  Mißerfolg
       zugrunde lagen.  Da  sie  alle  politischen  Kämpfe  auf  soziale
       Klassengegensätze  zurückführt,   befaßte  sie   sich   mit   der
       Untersuchung der  Bedingungen, unter  denen  eine  Gesellschafts-
       klasse berufen  sein kann  und muß,  die  Gesamtinteressen  einer
       Nation zu  vertreten und  sie damit politisch zu beherrschen. Die
       Geschichte hat  die kommunistische  Partei gelehrt,  wie nach der
       Landaristokratie  des   Mittelalters  die  Geldmacht  der  ersten
       Kapitalisten emporstieg und die Staatsgewalt an sich riß, wie der
       gesellschaftliche Einfluß  und die  politische Herrschaft  dieses
       Teils  der   Kapitalisten,  der   Finanzaristokratie,  seit   der
       Einführung  der   Dampfkraft  durch   die  wachsende   Macht  der
       industriellen   Kapitalisten   verdrängt   wurde   und   wie   im
       gegenwärtigen Augenblick  zwei weitere Klassen ihre Ansprüche auf
       die politische Macht anmelden: die Klasse der Kleinbürger und die
       Klasse der Industriearbeiter. Die praktische revolutionäre Erfah-
       rung von  1848/49 bestätigte  die theoretischen Überlegungen, die
       zu dem Schlüsse führten, daß erst die kleinbürgerliche Demokratie
       an die  Reihe kommen  muß, ehe  die kommunistische Arbeiterklasse
       erwarten darf, sich für dauernd in den Besitz der Macht zu setzen
       und jenes  System der  Lohnsklaverei zu vernichten, das sie unter
       dem Joch  der Bourgeoisie  hält. Somit konnte die Geheimorganisa-
       tion der  Kommunisten gar  nicht das unmittelbare Ziel verfolgen,
       die   g e g e n w ä r t i g e n   Regierungen in  Deutschland  zu
       stürzen. Sie wurde
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 3-108
       
       #400# Friedrich Engels
       -----
       geschaffen, nicht  um deren  Sturz  herbeizuführen,  sondern  den
       Sturz jener Regierung, die, aus einem Aufstand hervorgehend, frü-
       her oder später an ihre Stelle treten wird. Ihre Mitglieder moch-
       ten -  und würden auch sicher - zu gegebener Zeit einer gegen den
       Status quo  gerichteten Bewegung persönlich aktiven Beistand lei-
       sten. Aber  die   V o r b e r e i t u n g  einer solchen Bewegung
       auf einem anderen Weg als dem der geheimen Verbreitung der kommu-
       nistischen Ideen unter den Massen konnte nicht Aufgabe des Bundes
       der Kommunisten  sein. Diese  grundlegende Aufgabe  wurde von der
       Mehrzahl seiner  Mitglieder so gut verstanden, daß einige ehrgei-
       zige Streber  1*), als  sie versuchten,  den Bund  in  eine  Ver-
       schwörergesellschaft zu verwandeln, um eine Revolution ex tempore
       2*) zu machen, schleunigst hinausgeworfen wurden.
       Nun konnte  nach keinem Gesetz in der Welt eine solche Verbindung
       ein Komplott,  ein Geheimbund  zu hochverräterischen  Zwecken be-
       nannt werden.  Wenn sie  ein Geheimbund  war, so  nicht gegen die
       derzeitige Regierung,  sondern gegen  ihre mutmaßliche Nachfolge-
       rin. Die  preußische Regierung  war sich  darüber auch im klaren.
       Das war  der Grund,  weshalb man die elf Angeklagten achtzehn Mo-
       nate lang in Einzelhaft hielt, eine Zeit, die von den Behörden zu
       den unerhörtesten  juristischen  Kniffen  ausgenutzt  wurde.  Man
       stelle sich  vor: Nach achtmonatiger Untersuchungshaft wurden die
       Beschuldigten noch  monatelang im Gefängnis behalten, "weil ihnen
       keine strafbare Handlung nachgewiesen werden konnte"! Und als sie
       endlich vor das Geschworenengericht gestellt wurden, konnte ihnen
       nicht eine  einzige Handlung  offenkundig hochverräterischen Cha-
       rakters nachgewiesen  werden. Und doch wurden sie verurteilt, man
       wird gleich sehen, wie.
       Einer der  Emissäre des  Bundes 3*)  wurde im Mai 1851 verhaftet,
       und auf  Grund von  Schriftstücken, die  bei ihm gefunden wurden,
       folgten weitere Verhaftungen. Ein preußischer Polizeibeamter, ein
       gewisser Stieber,  wurde sofort nach London beordert, um dort die
       Verzweigungen der angeblichen Verschwörung aufzuspüren. Es gelang
       ihm, einige  Papiere in die Hand zu bekommen, die sich auf die an
       der erwähnten  Abspaltung vom Bunde beteiligten Personen bezogen,
       welche nach  ihrem Ausschluß in Paris und London einen wirklichen
       Geheimbund gebildet  hatten. Diese  Papiere verschaffte  er  sich
       durch ein  doppeltes Verbrechen. Ein Mann namens Reuter wurde ge-
       dungen, um  das Schreibpult  des Sekretärs  der Gesellschaft  4*)
       aufzubrechen und  die darin  verwahrten Papiere  zu stehlen. Aber
       das war  noch gar  nichts. Dieser Diebstahl führte zur Aufdeckung
       und Aburteilung  des sogenannten  französisch-deutschen Komplotts
       in Paris [141], lieferte aber keinen Anhaltspunkt
       -----
       1*) Fraktion Wiilich-Schapper  - 2*) aus dem Stegreif - 3*) Noth-
       jung - 4*) Dietz
       
       #401# Der Kommunisten-Prozeß zu Köln
       -----
       in bezug  auf den  großen Bund  der Kommunisten. Das Pariser Kom-
       plott stand,  nebenbei bemerkt, unter der Leitung einiger ehrgei-
       ziger Dummköpfe  und politischer  chevaliers d'industrie  1*)  in
       London und  eines wegen  Urkundenfälschung vorbestraften Subjekts
       2*), das  sich damals  als Polizeispitzel in Paris betätigte; die
       von ihnen  eingefahgenen Gimpel entschädigten sich durch rabiates
       Gerede  und   blutrünstigen  Schwulst   für   die   völlige   Be-
       deutungslosigkeit ihres politischen Daseins.
       Die preußische Polizei mußte also nach neuen Entdeckungen Umschau
       halten. Sie  richtete ein regelrechtes Büro der Geheimpolizei bei
       der preußischen Gesandtschaft in London ein. Ein Polizeiagent na-
       mens Greif  betrieb sein anrüchiges Gewerbe unter dem Titel eines
       Gesandtschaftsattaches - ein Vorgehen, das genügen würde, um alle
       preußischen Gesandtschaften  außerhalb des  Völkerrechts zu stel-
       len, und  bis zu dem sich bisher nicht einmal die Österreicher zu
       versteigen wagten.  Unter ihm  arbeitete ein gewisser Fleury, ein
       Kaufmann aus der Londoner City, ein Mann von einigem Vermögen und
       mit ganz respektablen Verbindungen, eine jener erbärmlichen Krea-
       turen, die  aus angeborenem  Hang zur Niedertracht die gemeinsten
       Handlungen begehen.  Ein anderer Agent war ein kaufmännischer An-
       gestellter namens Hirsch, der jedoch schon bei seiner Ankunft als
       Spitzel angekündigt  war. Er hatte sich in die Gesellschaft eini-
       ger deutscher  kommunistischer Emigranten  in London Eingang ver-
       schafft, die  ihn, um  Beweise für seinen wahren Charakter zu er-
       halten, kurze  Zeit bei  sich duldeten. Der Beweis für seine Ver-
       bindung mit  der Polizei  war bald erbracht, und von diesem Zeit-
       punkt an  ließ sich  Herr Hirsch nicht mehr blicken. Aber wenn er
       dadurch auch  auf jede Gelegenheit verzichtete, die Informationen
       zu erlangen,  für deren Beschaffung er bezahlt wurde, so blieb er
       doch nicht  untätig. In seinem Schlupfwinkel in Kensington, wo er
       niemals einem  der  in  Frage  stehenden  Kommunisten  begegnete,
       fabrizierte er  jede Woche  angebliche Berichte  über  angebliche
       Sitzungen einer  angeblichen Zentralbehörde eben jenes Bundes von
       Verschwörern, den  zu fassen der preußischen Polizei nicht gelin-
       gen wollte.  Der Inhalt  dieser Berichte war im höchsten Maße ab-
       surd; kein einziger Vorname stimmte, kein einziger Name war rich-
       tig geschrieben,  keine einzige  Person ließ  Hirsch so sprechen,
       wie sie  wirklich gesprochen  hätte. Sein Herr und Meister Fleury
       half ihm  bei diesen  Fälschungen, und es steht bisher noch nicht
       fest, ob  der "Attaché"  Greif bei  diesem schändlichen  Vorgehen
       seine Hände  in Unschuld  waschen kann.  So unglaublich  es  auch
       klingt, die  preußische Regierung  nahm diese  albernen Machwerke
       für bare Münze, und man kann sich vorstellen,
       -----
       1*) Glücksritter - 2*) Cherval
       
       #402# Friedrich Engels
       -----
       welche Verwirrung  derartige Schriftstücke  in dem Beweismaterial
       anrichteten, das dem Geschworenengericht vorgelegt werden sollte.
       Als es  zur Verhandlung  kam, trat  Herr Stieber, der bereits er-
       wähnte Polizeibeamte,  als Zeuge  auf, nahm den ganzen Unsinn auf
       seinen Eid und blieb mit nicht geringer Selbstgefälligkeit dabei,
       einer seiner  Geheimagenten stehe in aller-engster Verbindung mit
       jenen Leuten  in London, die als die Drahtzieher dieser fürchter-
       lichen Verschwörung  anzusehen seien.  Dieser Geheimagent  war in
       der Tat  ganz geheim, denn er hatte sich acht Monate lang in Ken-
       sington verborgen  gehalten, aus  lauter Angst, er könne wirklich
       eine der  Personen zu  Gesicht bekommen, über deren geheimste Ge-
       danken, Worte  und Taten er angeblich Woche für Woche Bericht er-
       stattete
       Die Herren Hirsch und Fleury hatten indes noch eine andere Erfin-
       dung auf Lager. Sie verarbeiteten die sämtlichen von ihnen fabri-
       zierten Berichte  zu einem  "Originalprotokollbuch" der Sitzungen
       der geheimen  Zentralbehörde, deren  Existenz von der preußischen
       Polizei behauptet  wurde; und  da Herr  Stieber fand,  daß dieses
       Buch erstaunlich  übereinstimme mit den Berichten, die er bereits
       aus der  gleichen Quelle erhalten hatte, legte er es sogleich dem
       Geschworenengericht vor  und erklärte unter Eid, nach gründlicher
       Prüfung sei  er zu  der festen  Überzeugung gelangt, daß das Buch
       echt sei.  Daraufhin wurde der größte Teil des von Hirsch berich-
       teten Blödsinns  veröffentlicht. Man  kann sich  die Überraschung
       der angeblichen Mitglieder jener geheimen Behörde vorstellen, als
       sie Dinge über sich behauptet fanden, von denen sie bislang keine
       Ahnung hatten.  Männer, die  Wilhelm hießen,  waren hier  mit dem
       Vornamen Ludwig  oder Karl  bezeichnet; andere  sollten zu  einer
       Zeit, als sie sich am anderen Ende Englands aufhielten, in London
       Reden gehalten  haben; wieder  andere hatten  nach den  Berichten
       Briefe verlesen, die sie nie erhalten hatten; man ließ sie regel-
       mäßig am Donnerstag zusammenkommen, während sie die Gepflogenheit
       hatten, ihren  allwöchentlichen  Gesellschaftsabend  am  Mittwoch
       abzuhalten; ein  Arbeiter, der  kaum schreiben konnte, figurierte
       als einer der Protokollführer und zeichnete als solcher; und alle
       ließ man in einer Sprache reden, die in preußischen Polizeistuben
       zu Hause  sein mag,  aber bestimmt  nicht bei einer Zusammenkunft
       von Leuten,  deren Mehrheit  aus Schriftstellern  bestand, die in
       ihrer Heimat  einen geachteten Namen haben. Und um dem Ganzen die
       Krone aufzusetzen,  hatte man eine Quittung über einen Geldbetrag
       gefälscht, den  die Fälscher  dem angeblichen Sekretär der erfun-
       denen Zentralbehörde für das Protokollbuch bezahlt haben wollten;
       aber dieser  angebliche Sekretär  verdankte sein Dasein nur einem
       Streich, den sich ein maliziöser Kommunist mit dem unglückseligen
       Hirsch geleistet.
       
       #403# Der Kommunisten-Prozeß zu Köln
       -----
       Die plumpe Fälschung war zu skandalös, um nicht das Gegenteil der
       damit beabsichtigten  Wirkung zu  erzielen. Obgleich den Londoner
       Freunden der  Angeklagten jede  Möglichkeit genommen war, die Ge-
       schworenen mit dem wirklichen Sachverhalt bekanntzumachen, obwohl
       die Briefe,  die sie  an die Verteidigung schickten, von der Post
       unterschlagen wurden,  obwohl die  Urkunden und  eidesstattlichen
       Versicherungen, die  sie diesen  Männern des  Gesetzes dennoch in
       die Hände  zu spielen  wußten, nicht  als Beweismittel zugelassen
       wurden, war doch die allgemeine Entrüstung derart, daß selbst die
       Staatsanwaltschaft, ja  sogar Herr  Stieber -  der mit seinem Eid
       für die Echtheit des Protokollbuchs gebürgt hatte - gezwungen wa-
       ren, es als Fälschung anzuerkennen.
       Diese Fälschung war jedoch nicht die einzige ihrer Art, deren die
       Polizei sich schuldig gemacht. Noch zwei oder drei ähnliche Fälle
       kamen im  Verlauf des  Prozesses ans  Licht. Die durch Reuter ge-
       stohlenen Schriftstücke  waren von der Polizei durch sinnentstel-
       lende Einschiebungen  verfälscht worden.  Ein Zettel  voll tollen
       Unsinns war  in einer  Handschrift geschrieben,  die der  von Dr.
       Marx nachgeahmt war, und eine Zeitlang wurde behauptet, er stamme
       wirklich von ihm, bis sich die Staatsanwaltschaft schließlich ge-
       zwungen sah,  die Fälschung zuzugeben. Aber für jede polizeiliche
       Infamie, die  entlarvt wurde,  wurden fünf oder sechs neue aufge-
       tischt, die  nicht sofort  klargestellt werden  konnten, denn die
       Verteidigung wurde damit überrumpelt, die Beweismittel mußten aus
       London beschafft  werden, und  jede Korrespondenz der Anwälte mit
       den kommunistischen  Emigranten in  London wurde  in öffentlicher
       Gerichtssitzung als  strafbare Teilnahme  an dem angeblichen Kom-
       plott behandelt!
       Daß die  hier von  Greif und  Fleury gegebene  Charakteristik zu-
       trifft, wurde  von Herrn  Stieber in  seiner Zeugenaussage selbst
       bestätigt; was Hirsch anbelangt, so hat er vor einem Polizeirich-
       ter in  London eingestanden,  er habe das "Protokollbuch" im Auf-
       trag und  unter Beihilfe  Fleurys gefälscht und sei dann aus Eng-
       land geflüchtet,  um sich  strafrechtlicher Verfolgung zu entzie-
       hen.
       Die Regierung kann sich derart vernichtende Enthüllungen, wie sie
       während des  Prozesses zutage  traten, nicht  oft  leisten.  Wohl
       hatte sie  eine Jury, wie sie in den Annalen der Rheinprovinz un-
       erhört war  - sechs Adlige, Reaktionäre vom reinsten Wasser, vier
       Angehörige der  Finanzaristokratie und zwei Staatsbeamte. Das wa-
       ren nicht  die Männer,  die verworrene  Masse des Beweismaterials
       gewissenhaft zu  prüfen, das  im Lauf  von sechs Wochen vor ihnen
       aufgetürmt worden  war, während  derer ihnen  unaufhörlich in die
       Ohren geschrieen  wurde, die  Angeklagten seien die Häupter einer
       furchtbaren
       
       #404# Friedrich Engels
       -----
       kommunistischen Verschwörung,  die angezettelt worden sei, um den
       Umsturz der  heiligsten Güter:  Eigentum, Familie, Religion, Ord-
       nung, Regierung  und Gesetz,  herbeizuführen! Und doch, hätte die
       Regierung nicht  zu gleicher  Zeit den  privilegierten Klassen zu
       verstehen gegeben, daß ein Freispruch in diesem Prozeß das Signal
       für die  Abschaffung der  Geschworenengerichte bilden und als di-
       rekte politische Demonstration aufgefaßt würde, als Beweis dafür,
       daß die  bürgerlich-liberale Opposition bereit sei, sogar mit den
       extremsten Revolutionären  gemeinsame Sache  zu machen, dann wäre
       das Urteil  ein Freispruch  gewesen. So aber gelang es der Regie-
       rung, dank der rückwirkenden Kraft des neuen preußischen Strafge-
       setzbuchs, die Verurteilung von sieben Angeklagten durchzusetzen,
       während nur  vier freigesprochen  wurden; gegen  die Verurteilten
       wurde auf  Festungshaft von  drei bis sechs Jahren erkannt [284],
       was Sie zweifellos schon der seinerzeitigen Meldung entnommen ha-
       ben.
       
       Aus dem Englischen.

       zurück