Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
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Karl Marx
Politische Perspektiven - Handelsprosperität -
Ein Fall von Hungerstod
["New-York Daily Tribune" Nr. 3681 vom 2. Februar 1853]
London, Freitag, 14. Januar 1853
Als Lord John Russell im Auswärtigen Amt die diplomatischen Insi-
gnien erhielt, erklärte er, daß er diesen Posten nur ad interim
1*) bekleide, weil in Kürze Earl of Clarendon das Auswärtige Amt
übernähme. Faktisch ist Lord Russell im Auswärtigen Amt immer ein
Auswärtiger gewesen; er hat sich dort durch nichts hervorgetan,
außer durch eine fade Kompilation, wenn ich nicht irre, über die
Geschichte der Verträge, die seit dem Frieden von Nimwegen ge-
schlossen worden waren - ein Werk, das sich, um bei der Wahrheit
zu bleiben, ebenso unterhaltsam liest wie die "Tragödie", mit der
derselbe Russell einstmals die Welt überraschte. Lord John wird
man aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Posten des Leaders 2*)
im Unterhause betrauen, mit einem Sitz im Kabinett, wobei seine
ganze Tätigkeit sich voraussichtlich auf die Schaffung der neuen
Reformbill konzentrieren dürfte. Ist doch die Reform des Parla-
ments seit langem das spezielle Gebiet von Russells Tätigkeit,
nachdem er durch seine Maßnahmen im Jahre 1831 so meisterhaft die
rotten boroughs [315] zwischen Tories und Whigs aufzuteilen ver-
standen hatte.
Wortwörtlich hat sich meine Vorhersage erfüllt, daß die drei vom
Ministerium gekauften Iren doch nicht genügen würden 3*), um die
ganze "Brigade" zur Koalition herüberzuziehen. Die Haltung des
"Freeman's Journal" [311] und des "Tablet", Ton und Inhalt der
Reden und Erklärungen von Mr. Lucas, Mr. Moore und Mr. Duffy,
endlich die auf der letzten Versammlung der Liga zum Schutze der
Rechte der Pächter [316] gegen Mr. Sadleir und Mr. Keogh
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1*) vorübergehend - 2*) Regierungssprechers - 3*) siehe vorl.
Band, S. 487
#491# Politische Perspektiven - Handelsprosperität...
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angenommene Resolution sind genügende Anzeichen dafür, daß die
Regierung Aberdeens nur auf einen ganz kleinen Teil der irischen
Truppe zählen darf.
Lord Aberdeen, der Regierungschef, wird bekanntlich im Oberhaus
sitzen. Nun hat Herr Bright jüngst in Manchester bei einem Ban-
kett zu Ehren Ingersolls, des neuen amerikanischen Gesandten, die
Gelegenheit ergriffen, zu erläutern, wieso restlose Auflösung des
Oberhauses die conditio sine qua non 1*) für den "Fortschritt"
der industriellen Bourgeoisie sei. Diese erste offizielle Erklä-
rung der Manchesterschule [244] seit der Bildung des Koalitions-
ministeriums wird sicher einiges dazu beitragen, um Lord Aberdeen
auf die Spur zu bringen, wo jene Demokratie existiert, die Lord
Derby so sehr fürchtet. 2*)
So ist also der Parteikrieg, den ein sanguinischer Mitarbeiter
der "Times" [131] als auf immer erloschen erklärte 3*), schon
wieder entbrannt, obwohl das Tausendjährige Reich mit einer Ver-
tagung des Parlaments bis zum 10. Februar eingeleitet worden war.
Mit lautem Geschrei ist zu Beginn des neuen Jahres die Fortdauer
und Zunahme der Prosperität in Handel und Industrie einstimmig
verkündet worden, und zur Bekräftigung dienten die Berichte über
die Staatseinnahmen bis zum 5. d.M., die Tabellen des Handelsmi-
nisteriums für den laufenden Monat und für die elf Monate, die
mit dem 5. Dezember 1852 abschließen, ferner die Berichte der Fa-
brikinspektoren und endlich die zu Beginn jedes Jahres herauskom-
menden Handelszirkulare, die einen allgemeinen Überblick über die
Handelsgeschäfte des verflossenen Jahres geben.
Die Berichte über die Staatseinnahmen zeigen eine Zunahme von
978 926 Pfd. St. für das ganze Jahr, während die Zunahme im letz-
ten Vierteljahr 702 776 Pfd. St. beträgt. Bis auf die Z ö l l e
weist dieses Jahr jeder Posten eine Zunahme auf. Die Gesamtsumme,
die der Staatskasse zufloß, betrug 50 468 193 Pfund Sterling.
Die A k z i s e, nach der man glaubt, den Volkswohlstand bemes-
sen zu können, brachte
in dem Jahre, das mit dem 5. Januar 1852 abschließt, 13 093 170
Pfd. St.
in dem Jahre, das mit dem 5. Januar 1853 abschließt, 13 356 981
Pfd. St.
Die S t e m p e l s t e u e r, die die Zunahme der kommerziel-
len Tätigkeit widerspiegelt, brachte
in den Jahren 1851-1852 5 933 549 Pfd. St.
in den Jahren 1852-1853 6 287 261 " "
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1*) die unerläßliche Bedingung - 2*) siehe vorl. Band, S. 485 -
3*) siehe vorl. Band, S. 484
#492# Karl Marx
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Die V e r m ö g e n s s t e u e r, die die Zunahme des Reich-
tums der oberen Klassen anzeigt, betrug
in den Jahren 1851-1852 5 304 923 Pfd. St.
in den Jahren 1852-1853 5 509 637 " "
Das Handelsministerium gibt für die mit dem 5. Dezember abschlie-
ßende Monats-und Elfmonatsperiode folgende Ziffern:
Wert der exportierten Waren in Pfd. St. 1852 1851 1850
für den Monat bis 5. Dez. 6102694 5138216 5362319
für die elf Monate bis 5. Dez. 65349798 63314272 60400525
Demzufolge zeigt sich also eine Mehreinnahme von fast einer Mil-
lion im Monat und von mehr als zwei Millionen in elf Monaten. Da
uns aber Ziffern über den Wert der Importe gänzlich fehlen, so
wissen wir nicht, ob die Exportzunahme auf gleicher Höhe steht
wie die Zunahme der Importe oder ob sie von ihr noch übertroffen
wird.
Was nun die Berichte der Fabrikinspektoren betrifft, so schreibt
Leonard Horner, Fabrikinspektor für den Lancashire-Distrikt in
seinem eben veröffentlichten Bericht über das am 31. Oktober 1852
endigende Halbjahr [317]:
"In meinem Distrikt hat sich im letzten Jahre in den Woll-, Kamm-
garn- und Seidenfabriken wenig geändert, und auch die Flachsspin-
nereien sind seit 1. November 1851 unverändert geblieben. Eine
starke Zunahme ist jedoch bei den Baumwollfabriken zu verzeich-
nen. Wenn man die augenblicklich stillstehenden in Abrechnung
bringt (von denen wohl viele, insbesondere jene, deren Maschinen
nicht entfernt wurden, bald wieder arbeiten werden), so sind in
den letzten zwei Jahren 129 neue Fabriken mit insgesamt 4023
Pferdekräften in Betrieb gesetzt worden. In 53 bereits bestehen-
den Fabriken sind die Pferdekräfte um 2090 erhöht worden, so daß
die Zunahme 6113 Pferdekräfte beträgt, was einer Einstellung von
mindestens 24 000 zusätzlichen Arbeitern entsprechen dürfte. Das
ist aber nicht alles. Es werden noch fortwährend neue Fabriken
errichtet. In dem nicht sehr umfangreichen Bezirk, der die Städte
Ashton, Stalybridge, Oldham und Lees umfaßt, werden momentan elf
gebaut, die auf insgesamt 620 Pferdekräfte geschätzt werden. Die
Maschinenbauer sollen mit Aufträgen überhäuft sein; und ein sehr
intelligenter, gut beobachtender Fabrikbesitzer sagte mir neu-
lich, daß viele von den jetzt im Bau begriffenen Fabriken wahr-
scheinlich nicht vor dem Jahr 1854 arbeiten könnten, da es unmög-
lich wäre, Maschinen für sie zu beschaffen. Aber diese meine ei-
genen Angaben sowie die meiner Kollegen lassen, obwohl sie eine
große Steigerung anzeigen, keineswegs die ganze Zunahme erkennen.
Denn es gibt eine große und sehr reiche Quelle des Wachstums der
Produktion, über die nur sehr schwer Berichte zu erlangen sind.
Ich meine die modernen Verbesserungen der Dampfmaschinen, durch
die alte und selbst neue Maschinen eine Arbeitsleistung erzielen,
die die ihrer nominalen Pferdekräfte entsprechende weit über-
steigt und deren Höhe man vordem für unmöglich gehalten hätte."
#493# Politische Perspektiven - Handelsprosperität...
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Horner zitiert dann einen Brief des hervorragenden Zivilingeni-
eurs Nasmyth aus Birmingham. Nasmyth erklärt, wie sehr man die
Leistung steigern kann, wenn man die Maschinen schneller arbeiten
läßt und sie mit dem Woolfschen Hochdruck-Doppelzylinder ver-
sieht, durch den dieselben Maschinen wenigstens um 50 Prozent
mehr Arbeit leisten, als sie es vor dieser Verbesserung taten.
Aus einer Zusammenfassung der Berichte sämtlicher Inspektoren
geht hervor, daß in dem am 31. Oktober 1852 endigenden Jahre die
Summe aller neuen in Betrieb befindlichen Fabriken 229 betrug mit
einer Dampfkraft von insgesamt 4771 Pferdekräften und einer Was-
serkraft von 586 Pferdekräften, daß ferner die schon bestehenden
Fabriken um 69 mit einer Dampfkraft von 1532 Pferdekräften und
einer Wasserkraft von 28 Pferdekräften zunahmen und so die Ge-
samtsumme auf 6917 Pferdekräfte brachten.
Die jährlichen Handelszirkulare atmen denselben enthusiastischen
Geist wie die "Times", als sie seinerzeit das politische Tausend-
jährige Reich verkündete; sie haben im Vergleich mit ihr aller-
dings den Vorteil, daß sie sich auf Tatsachen und nicht auf bloße
Erwartungen stützen, wenigstens soweit es sich um das verflossene
Jahr handelt.
Die Landwirtschaft braucht sich nicht zu beschweren. Zu Beginn
des Jahres war der wöchentliche Durchschnittspreis des Weizens 37
sh. 2 d.; Ende des Jahres erreichte er 45 sh. 11 d. Mit dem stei-
genden Weizenpreis steigt der Preis für Vieh, für Fleisch, für
Butter und für Käse.
Im August 1851 begann ein beispiellos starkes Fallen der Preise
von Kolonialwaren, namentlich Zucker und Kaffee, das bis zum Jah-
resende noch nicht zum Abschluß gekommen war, denn die Panik in
Mincing Lane 1*) erreichte ihren Höhepunkt erst im Januar des
vergangenen Jahres. Jetzt verzeichnen die Jahreshandelsberichte
eine bedeutende Steigerung in den Preisen der meisten
ausländischen Produkte, besonders der Kolonialprodukte wie
Zucker, Kaffee usw.
Die Bewegung in Rohmaterialien ersehen wir aus folgendem:
"Der Wollhandel war", laut Bericht der Firma Hughes & Ronald,
"das ganze Jahr über höchst befriedigend... Die einheimische
Nachfrage nach Wolle war ungewöhnlich groß... Der Export an Woll-
und Kammgarnwaren stand so hoch, daß er sogar den des Jahres 1851
übertraf, dessen Höhe bisher unerreicht geblieben... Die Preise
tendierten ständig aufwärts, doch erst im letzten Monat sind sie
entschieden in die Höhe gegangen, so daß sie zur Zeit im Durch-
schnitt um 15 bis 20 Prozent über denen des Vorjahres notiert
werden."
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1*) Londoner Zentrum des Großhandels mit Kolonialwaren
#494# Karl Marx
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"Der Holzhandel", sagt die Firma Churchill & Sim, "hat im Jahre
1852 reichlich an der Prosperität des Landes teilgehabt... Die
Einfuhr nach London übertraf 1200 Schiffsladungen, ähnlich wie im
Jahre 1851. Beide Jahre überstiegen die vorhergehenden, die
durchschnittlich etwa 800 Ladungen aufgewiesen hatten, um 50 Pro-
zent. Während die Menge zugehauenen Nutzholzes dem Durchschnitt
mehrerer Jahre gleichkommt, hat sich 1852 die Verwendung von
Brettern, Latten, gesägtem Holz etc. ungeheuer vermehrt: sie
stieg von durchschnittlich 4 900 000 Stück auf 6 800 000 im Jahre
1852."
Über Leder äußert sich die Firma Powell und Co:
"Das eben abgelaufene Jahr war zweifellos ein sehr günstiges für
die Lederfabrikanten in fast allen Branchen. Rohmaterialien stan-
den zu Beginn des Jahres sehr niedrig im Preis, und es sind Ver-
hältnisse eingetreten, die den Wert des Leders in höherem Maße
steigerten, als dies seit einigen Jahren der Fall gewesen."
Die Eisenindustrie steht in besonderer Blüte, denn das Eisen ist
von 5 Pfd. St. pro Tonne auf 10 Pfd. 10 sh., ja sogar kürzlich
auf 12 Pfd. St. gestiegen und könnte möglicherweise 15 Pfd. St.
erreichen, und immer mehr Hochöfen werden in Betrieb gesetzt.
Über die Schiffahrt berichten Offor & Gamman:
"Im eben abgeschlossenen Jahre war die britische Schiffahrt au-
ßerordentlich lebhaft; die Ursache lag in dem durch die australi-
schen Goldfunde verursachten Aufschwung der Geschäfte... Die Zahl
der Ladungen hat allgemein zugenommen. "
Die gleiche Bewegung setzt sich auf dem Gebiet des Schiffbaus
durch. So berichten Tonge, Currie& Co. aus Liverpool über diesen
Geschäftszweig:
"Nie vorher konnten wir über Jahresverkäufe an Schiffen in diesem
Hafen so Günstiges berichten, sowohl was die Höhe der verkauften
Tonnage als auch die dafür erzielten Preise betrifft. In den Ko-
lonien gebaute Schiffe erzielten um ganze 17 Prozent höhere
Preise, und die Tendenz ist immer noch steigend. Der Bestand an
unverkauften Schiffen ist auf 48 Segler gegenüber 76 im Jahre
1852 und 81 im Jahre 1851 zurückgegangen, wobei nicht mit unmit-
telbaren Lieferungen gerechnet wird... Die Zahl der im Laufe des
Jahres nach Liverpool gelieferten und von dort verkauften Schiffe
beträgt 120 mit 50000 Tonnen. Die Zahl der in diesem Jahre in un-
serem Hafen von Stapel gelassenen und in Bau befindlichen Schiffe
beträgt 39 mit schätzungsweise 15 000 Tonnen, gegenüber 23 Schif-
fen mit 9200 Tonnen im Jahre 1851. Die Zahl der im Bau befindli-
chen oder fertiggestellten Dampfer beträgt 13 mit 4050 Tonnen ...
Höchst bemerkenswert für unser Geschäft ist die ständig steigende
Vorliebe, deren sich aus Eisen konstruierte Segelschiffe er-
freuen; sowohl hier als am Clyde, in Newcastle und andernorts
sind die Schiffbauer in noch nie dagewesenem Umfang mit deren Bau
beschäftigt."
Über das Kapitel E i s e n b a h n e n schreiben Woods & Stubb:
#495# Politische Perspektiven - Handelsprosperität...
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"Die Ergebnisse übertreffen die sanguinischsten Erwartungen und
sind bei weitem höher als alle früheren Berechnungen. Der Bericht
der letzten Woche weist gegen 1851 eine Erweiterung der Schienen-
wege um 348 Meilen oder 5 1/2 Prozent auf und eine Erhöhung des
Transportumsatzes um 41 426 Pfd. St. oder 14 Prozent.
Du Fay & Co. endlich schildern in ihrem Bericht (Manchester) den
Geschäftsverkehr mit Indien und China im Monat Dezember als sehr
ausgedehnt. Der bereits erwähnte Geldüberfluß habe die Unterneh-
mungen nach fremden Märkten begünstigt und es den Interessenten
ermöglicht, die zu Beginn des Jahres in Industrieprodukten und
Kolonialwaren erlittenen Verluste zu ersetzen.
"Im Augenblick werden Spekulanten und Kapitalisten durch neue
Land-, Bergbau- und andere Projekte herbeigelockt."
Die Prosperität der Industriebezirke im allgemeinen und der
Baumwollbezirke im besonderen ging schon aus den Berichten der
Fabrikinspektoren hervor. John Wrigley & Sohn (Liverpool) berich-
ten über die Baumwollfabrikation:
"Als Kriterium für die allgemeine Prosperität des Landes ist der
Fortschritt der Baumwollindustrie im abgelaufenen Jahre höchst
erfreulich: Es ist dabei manche auffallende Tatsache zutage ge-
treten, darunter keine, die soviel Aufmerksamkeit verdient wie
die unglaubliche Leichtigkeit, mit der die noch nie erreichte
Ernte von mehr als 3 000 000 Ballen, das Produkt der Vereinigten
Staaten Amerikas, abgesetzt worden ist... Schon werden in vielen
Bezirken Vorbereitungen zu einer weiteren Ausdehnung der Produk-
tionsmöglichkeiten getroffen, und wir dürfen erwarten, daß näch-
stes Jahr eine, noch größere Quantität Baumwolle insgesamt verar-
beitet werden wird als je zuvor."
Auf viele andere Industriezweige trifft ähnliches zu.
"Wir verweisen auf Glasgow", sagen Mac Neir, Greenhow Irving
(Manchester), "mit seiner Eisen- und Baumwollindustrie, auf Hud-
dersfield, Leeds, Halifax, Bradford, Nottingham, Leicester, Shef-
field, Birmingham, Wolverhampton usw. mit ihren verschiedenen In-
dustrien - sie alle scheinen sich der höchsten Prosperität zu er-
freuen."
Ausnahmen von dieser allgemeinen Prosperität bilden allem die
Seidenfabrikation und die Wollkämmereien in Yorkshire. Und die
allgemeine Geschäftslage läßt sich in den Worten eines Handels-
zirkulars aus Manchester 1*) so zusammenfassen:
"Wir fürchten die Überspekulation viel mehr als die Flauheit und
den Geldmangel."
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1*) Bericht der Firma Du Fay
#496# Karl Marx
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Mitten in dieser allgemeinen Prosperität hat ein Schritt, den
jüngst die Bank von England unternahm, allgemeine Bestürzung in
der kaufmännischen Welt hervorgerufen. Am 22. April 1852 hatte
sie den Diskontsatz auf zwei Prozent herabgesetzt. Am Morgen des
6. Januar 1853 gab sie bekannt, daß der Diskontsatz von zwei auf
zweieinhalb Prozent erhöht würde, also eine Erhöhung der Bela-
stung um 25 Prozent. Man hat versucht, diese Erhöhung durch die
hohen Verbindlichkeiten zu erklären, die kürzlich einige große
Unternehmer von Eisenbahnbauten eingegangen waren und die be-
kanntlich auf sehr hohe Beträge lautende Wechsel in Umlauf haben.
Die "London Sun" [318] und andere wiederum wollten wissen, daß
die Bank von England aus der allgemeinen Prosperität ebenfalls
Nutzen ziehen wolle, indem sie den Diskont erhöht. Der Schritt
wurde im allgemeinen als "nicht gerechtfertigt" verworfen. Damit
man ihn richtig einschätzen kann, lasse ich hier die Feststellun-
gen des "Economist" [109] folgen:
Bank von England
1852 Barrengold Sicherheiten Diskontsatz (Mindestrate)
Pfd. St. Pfd. St.
22. April 19 587 670 23 782 000 herabgesetzt auf 2%
24. Juli 22 065 349 24 013 728 2%
18. Dez. 21 165 224 26 765 724 2%
24. Dez. 20 794 190 27 545 640 2%
1853
1. Jan. 20 527 662 29 284 447; 2%, aber am
6. Jan. auf 2 1/2 % erhöht.
Es ist also eine Million Gold mehr in der Bank als im April 1852,
als der Zinsfuß auf zwei Prozent herabgesetzt worden war; aber es
besteht ein großer Unterschied zwischen den zwei Perioden hin-
sichtlich der Bewegung des Goldes: sie hat sich aus einer Flut in
eine Ebbe verwandelt. Der Abfluß ist besonders stark, da er die
ganze Goldeinfuhr aus Amerika und Australien vom letzten Monat
überwiegt. Außerdem betrugen die Sicherheiten im April 1852 um
5 1/2 Millionen weniger als jetzt. Folglich war im April das An-
gebot an Leihkapital größer als die Nachfrage, während jetzt das
Gegenteil der Fall ist.
Die Abwanderung des Barrengoldes war begleitet von einem merkli-
chen Sinken des ausländischen Wechselkurses, ein Umstand, der zum
Teil zu
#497# Politische Perspektiven - Handelsprosperität...
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erklären ist durch das erhebliche Steigen der Preise der meisten
Importartikel, zum Teil durch große Spekulationen in Importen.
Hierzu kommen noch die Auswirkungen des ungünstigen Herbstes und
Winters auf die Landwirtschaft, daraus die Zweifel und Befürch-
tungen wegen der nächsten Ernte und daraus wiederum die riesigen
Spekulationen in ausländischem Getreide und Mehl. Endlich haben
sich englische Kapitalisten sehr stark bei der Gründung von Ei-
senbahn- und anderen Gesellschaften in Frankreich, Spanien, Ita-
lien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Deutschland und Belgien enga-
giert und beteiligen sich kräftig an dem allgemeinen Schwindel,
der sich jetzt an der Pariser Börse abspielt. Wechsel auf London
werden daher auf allen europäischen Märkten viel mehr angeboten
als je zuvor, woraus sich das fortgesetzte Fallen des Wechselkur-
ses ergibt. Am 24Juli notierte 1 Pfund Sterling in Paris 25 Fran-
ken 30 Centimes. Am 1. Januar war es auf 25 Franken gefallen, und
einige Transaktionen wurden sogar unter 25 Franken abgeschlossen.
Soweit die Nachfrage nach Kapital im Verhältnis zum Angebot
gewachsen ist, erscheint die letzte Maßnahme der Bank von England
vollkommen gerechtfertigt. Soweit sie aber der Spekulation und
der Abwanderung des Kapitals Einhalt gebieten soll, wage ich die
Prophezeiung, daß sie keinerlei Einfluß haben wird.
Nachdem uns die Leser nun so geduldig bei der langen Aufzählung
aller Beweise der wachsenden Prosperität Englands gefolgt sind,
bitte ich sie, noch einem armen Nadelmacher, Henry Morgan, auf
seinem Wege zu folgen, als er von London nach Birmingham wan-
derte, um Arbeit zu suchen. Um nicht der Übertreibung bezichtigt
zu werden, lasse ich den wörtlichen Bericht aus dem Northampton
Journal 1*) folgen:
"Todesfall infolge äußerster Not.
Cosgrove. Als am Montag morgen gegen neun Uhr zwei Landarbeiter
in einer niedrigen Scheune Zuflucht vor dem Regen suchten, die
von Mr. T. Slade aus dem Kirchspiel Cosgrove benutzt wird, hörten
sie lautes Stöhnen. Sie suchten und fanden einen Mann, der gänz-
lich erschöpft in einer Kornvorratsgrube lag. Sie redeten ihn an
und boten ihm hilfsbereit von ihrem Frühstück an, erhielten aber
keine Antwort. Als sie ihn anfaßten, fühlte er sich fast kalt an.
Sie holten Mr. Slade, der in der Nähe war und den Mann bald dar-
auf in der Obhut eines jungen Burschen auf einem Wagen, auf Stroh
gebettet und zugedeckt, ins Armenhaus von Yardley-Gobion
schickte, das ungefähr eine Meile weit entfernt ist. Dort langte
er kurz vor ein Uhr an, starb aber eine Viertelstunde später. Die
ausgehungerte, in Lumpen gekleidete, verschmutzte arme Kreatur
bot einen furchtbaren Anblick dar. Der Unglückliche hatte
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1*) "Northampton Mercury"
#498# Karl Marx
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als Vagabund offenbar am Donnerstag, dem 2., vom Armenvorsteher
in Stoney-Stratford eine Anweisung auf Quartier für eine Nacht in
Yardley House bekommen und war dort aufgenommen worden, nachdem
er den mehr als drei Meilen langen Weg nach Yardley zu Fuß
zurückgelegt hatte. Er bekam zu essen, aß mit gutem Appetit und
bat, noch einen Tag und eine Nacht bleiben zu dürfen, was ihm
auch gewährt wurde. Sonnabend früh machte er sich nach einem
Frühstück (wahrscheinlich seine letzte Mahlzeit auf Erden), auf
den Weg zurück nach Stratford. Da er sehr schwach war und wunde
Füße hatte - die eine Ferse war vereitert - suchte er vermutlich
das erste Obdach auf, das sich ihm darbot. Dies war ein offener
Schuppen, der zu den Außenwerken eines Gutshofs gehört und etwa
eine Viertelmeile von der Chaussee entfernt liegt. Dort fand man
ihn Montag, den 6., mittags im Stroh, und da man keinen Fremden
auf dem Grundstück dulden wollte, so wurde ihm bedeutet, er möge
sich entfernen. Er bat, noch ein Weilchen bleiben zu dürfen und
ging gegen vier Uhr weg, um wiederum, bei Einbruch der Nacht,
Schutz und Ruhe in nächster Nähe zu suchen, eben in dieser nied-
rigen Scheune, deren Strohdach teilweise fehlte, deren Tür offen-
stand und die allen Wettern ausgesetzt war. Dort kroch er dann in
eine Kornvorratsgrube, wo er ohne jegliche Nahrung noch
s i e b e n T a g e liegenblieb, bis man ihn, wie oben be-
schrieben, am Morgen des 13. auffand. Dieser Unglückliche hatte
angegeben, er heiße Henry Morgan und sei Nadelmacher von Beruf.
Er muß zwischen 30 und 40 Jahre alt und ein Mann von guter Statur
gewesen sein."
Man kann sich kaum einen grauenerregenderen Fall ausdenken. Ein
stattlicher, kräftig gebauter Mann im besten Alter - sein langer
Leidensweg von London nach Stoney-Stratford - sein jammervolles
Flehen um Hilfe bei der "Zivilisation" ringsum - sein sieben Tage
langes Hungern - die Brutalität, mit der ihn seine Mitmenschen
seinem Schicksal überlassen - sein Suchen nach Obdach - seine
Vertreibung von einem Schlupfwinkel zum andern - die alles über-
bietende Unmenschlichkeit dieses Kerls Slade und der geduldig er-
littene, elendigliche Tod des erschöpften Menschen - das alles
fügt sich zu einem Bild, das wahrlich zu denken und zu staunen
gibt.
Zweifellos verletzte er das Eigentumsrecht, als er in der Scheuer
und im einsamen Schuppen Obdach suchte!
Man erzähle diesen Fall von Hungerstod, inmitten der Ära blühend-
ster Prosperität, einem feisten Londoner aus der City, und er
wird in den Worten des "London Economist" vom 8.Januar antworten:
"Es ist ein Genuß zu sehen, wie unter dem Freihandel alle Klassen
blühen und gedeihen. Ihre Kräfte werden durch die Aussichten auf
Erfolg geweckt; sie alle verbessern ihre Produktion, und die Ge-
samtheit sowie d e r E i n z e l n e haben ihren Nutzen da-
von."
Karl Marx
Aus dem Englischen.
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