Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853

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       Karl Marx
       
       Der italienische Aufstand - Britische Politik
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 3701 vom 25. Februar 1853]
       London, Freitag, 11. Februar 1853
       Die politische  Erstarrung, die  hier unter dem Schutze des trüb-
       sten Nebels  der Welt so lange Zeit geherrscht hat, ist plötzlich
       gewichen, als  aus Italien  revolutionäre Nachrichten  eintrafen.
       Der elektrische  Telegraph übermittelte  die Nachricht, daß es am
       6. in  Mailand zu einem Aufstand kam; daß zwei Proklamationen an-
       geschlagen worden  seien, eine  von Mazzini,  die andere von Kos-
       suth, in denen die Ungarn in der österreichischen Armee aufgefor-
       dert werden,  sich den Revolutionären anzuschließen; daß der Auf-
       stand zuerst niedergeschlagen worden sei, dann aber wieder begon-
       nen habe; daß die Österreicher, die im Arsenal stationiert waren,
       massakriert worden  seien usw.; daß die Tore Mailands geschlossen
       worden seien.  Wohl veröffentlicht  die französische  Presse zwei
       weitere Depeschen, aus Bern, datiert vom 8. und aus Turin vom 9.,
       in denen  berichtet wird, die Erhebung sei am 7. endgültig unter-
       drückt worden.  Die Freunde Italiens betrachten es jedoch als ein
       günstiges Anzeichen,  daß seit zwei Tagen keinerlei direkte Nach-
       richt an das englische Auswärtige Amt gelangt ist.
       In Paris kursieren Gerüchte, daß in Pisa, Lucca und anderen Städ-
       ten große Aufregung herrsche.
       In Turin trat das Ministerium infolge einer Mitteilung des öster-
       reichischen Konsuls eilig zusammen, um über den Stand der Angele-
       genheiten in  der Lombardei  zu verhandeln. Es war der 9.Februar,
       als die erste Nachricht London erreichte; dieser Tag ist merkwür-
       digerweise auch  der Jahrestag der Proklamation der Römischen Re-
       publik im  Jahre 1849, der Enthauptung Karls I. im Jahre 1649 und
       der Entthronung Jakobs II. im Jahre 1689.
       Die Chancen  der jetzigen  Erhebung in  Mailand sind gering, wenn
       nicht einige  österreichische Regimenter  zu  den  Aufständischen
       übergehen. Hoffentlich
       
       #522# Karl Marx
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       wird es  mir auf  Grund von Privatbriefen aus Turin, die ich täg-
       lich erwarte,  möglich sein,  das ganze Ereignis eingehend zu be-
       schreiben.
       Über die  Art der Amnestie, die Louis-Napoleon kürzlich gewährte,
       sind verschiedene  Erklärungen im Namen der französischen Flücht-
       linge veröffentlicht  worden. Victor  Frondes (ein früherer Offi-
       zier) erklärt in der "Nation" [331], einer Brüsseler Zeitung, daß
       er mit Erstaunen seinen Namen in der Liste der Amnestierten gele-
       sen habe; er hätte sich schon vor fünf Monaten selbst amnestiert,
       indem er aus Algier entwich.
       Der "Moniteur"  [85] kündigte zuerst an, daß 3000 Exilierte amne-
       stiert werden und nur 1200 Bürger unter dem Bann der Proskription
       bleiben sollten.  Einige Tage  später verkündete dieselbe Autori-
       tät, daß 4312 Personen begnadigt worden seien, so daß also Louis-
       Napoleon 100  Leuten mehr  verzieh, als  er verurteilt hatte. Auf
       Paris und  das Seine-Departement allein entfielen 4000 Exilierte.
       Von diesen  sind nur  226 in die Amnestie eingeschlossen. Das De-
       partement Hérault  zählte 2611  Exilierte, 299  sind davon  amne-
       stiert. Das  Departement Nièvre  lieferte 1478 Opfer, unter denen
       1100 Familienväter mit durchschnittlich drei Kindern waren; davon
       sind 180  amnestiert. Im Departement Var sind von 2181 Verbannten
       687 wieder  in Freiheit.  Von den  1200 nach Cayenne verschickten
       Republikanern sind  nur wenige  begnadigt worden, und zwar gerade
       solche, die  aus dieser Strafkolonie schon entsprungen waren. Die
       Zahl der  nach Algerien verschickten und jetzt freigegebenen Per-
       sonen ist  zwar groß,  doch immerhin  in keinem Verhältnis zu der
       ungeheuren Zahl  der nach Afrika Verbrachten, die sich auf 12 000
       belaufen soll.  Die jetzt  in England,  Belgien, der  Schweiz und
       Spanien lebenden  Flüchtlinge sind mit sehr wenigen Ausnahmen von
       der Amnestie gänzlich ausgeschlossen. Andererseits wieder enthält
       die Liste  der Amnestierten  eine große  Anzahl von Personen, die
       entweder Frankreich  niemals verlassen haben oder denen die Rück-
       kehr längst  wieder gestattet wurde; ja, es gibt sogar Namen, die
       in den  Listen mehrere  Male aufgeführt werden. Am scheußlichsten
       aber ist  die Tatsache,  daß die Listen mit den Namen zahlreicher
       Personen angefüllt  sind, die,  wie wohl bekannt, in den blutigen
       battues 1*) im Dezember niedergemetzelt worden sind.
       Gestern begann die neue Parlamentssession. Als würdige Einführung
       zu den  künftigen Taten des Ministeriums des Tausendjährigen Rei-
       ches wurde  folgende Szene  im Oberhaus gemimt: Earl of Derby be-
       fragte Earl of Aberdeen, welche Vorschläge die Regierung dem Par-
       lament zu unterbreiten gedenke, worauf der letztere erwiderte, er
       hätte schon  bei einem früheren Anlaß seine Grundsätze dargelegt,
       und eine  Wiederholung wäre  unangebracht, auch wäre jede weitere
       Erklärung vor der dem Unterhaus obliegenden
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       1*) Treibjagden
       
       #523# Der italienische Aufstand - Britische Politik
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       Bekanntmachung verfrüht.  Und jetzt  entwickelte  sich  ein  sehr
       merkwürdiger Dialog,  in dem  Earl of  Derby redete  und Earl  of
       Aberdeen nur zustimmend nickte:
       
       Earl of  Derby: "Ich  möchte den edlen Lord befragen, welche Vor-
       schläge er den Lords im Laufe der Session unterbreiten wolle."
       Da nach  einer Pause  von mehreren  Sekunden sich kein edler Lord
       erhoben  hatte:   "Bedeutet  Stillschweigen   keine  Vorschläge?"
       (Heiterkeit.)
       Earl of Aberdeen murmelt etwas Unverständliches.
       Earl of  Derby: "Darf  ich mir  erlauben zu  fragen, welche  Vor-
       schläge diesem Haus vorgelegt werden sollen?" Keine Antwort.
       Als nun  die Vertagungsfrage vom Lordkanzler gestellt wurde, ver-
       tagten sich die Lords.
       
       Gehen wir  vom Hause  der Lords ins "alleruntertänigste Unterhaus
       Ihrer Majestät",  so werden wir feststellen, daß Earl of Aberdeen
       das Programm  des Ministeriums  durch  sein  Stillschweigen  viel
       treffender dargelegt  hat als  Lord John  Russell  gestern  abend
       durch seine lange und würdevolle Rede. Ihr kurzes Resümee: "Keine
       Vorschläge, sondern  Männer"; Vertagung aller Fragen von Wichtig-
       keit für  das Parlament  auf ein  Jahr und pünktlichste Bezahlung
       der Gehälter  der königlichen  Minister während dieser Zeit. Lord
       John Russell  kleidete die  Absichten der Regierung etwa in diese
       Worte:
       
       "Was die  Zahl der Truppen anlangt, die für Armee, Marine und Ar-
       tillerie bewilligt  werden sollen,  wird keine  Erhöhung über die
       vor den  Weihnachtsfeiertagen bewilligte  Zahl eintreten. Was die
       Höhe der veranschlagten einzelnen Summen betrifft, so wird man im
       Vergleich zu den vorjährigen Posten eine bedeutende Erhöhung fin-
       den... Eine  Bill wird eingebracht werden, die die kanadische Le-
       gislative ermächtigen  wird, über die kirchlichen Landreserven in
       Kanada zu  verfügen... Der  Handelsminister wird einen Antrag zur
       Regelung des Lotsenwesens einbringen... Die Zurücksetzung der jü-
       dischen Untertanen  Ihrer Majestät  wird abgeschafft werden... Es
       werden Vorschläge  für das  Unterrichtswesen gemacht werden, doch
       bin ich  außerstande zu sagen, daß ich im Namen der Regierung Ih-
       nen ein sehr großes Projekt über diesen Gegenstand vorlegen kann.
       Es wird  Reformen des  Unterrichtswesens für  die ärmeren Klassen
       und Vorschläge für die Universitäten Oxford und Cambridge enthal-
       ten... Die  Deportationen nach  Australien werden aufhören... Ein
       Gesetzentwurf zur Regelung der sekundären Strafen 1*) wird einge-
       bracht werden...  Unmittelbar nach  den Osterferien, oder doch so
       bald wie möglich, wird der Schatzkanzler die Voranschläge für das
       diesjährige Budget  machen... Der Lordkanzler wird in wenigen Ta-
       gen die  Anträge erörtern,  die er zur Verbesserung des Gerichts-
       verfahrens einzubringen  gedenkt... Der Staatssekretär für Irland
       hat die  Absicht, in  einigen Tagen  die Einsetzung  eines Unter-
       suchungsausschusses
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       1*) Hauptstrafen außer der Todesstrafe
       
       #524# Karl Marx
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       zu beantragen, der sich mit der Frage der Grundherren und Pächter
       in Irland  befassen soll... Die Minister werden sich eifrig bemü-
       hen, eine  Erneuerung der  Einkommensteuer für dieses Jahr zuwege
       zu bringen,  ohne  daß  weitere  Diskussionen  oder  Erörterungen
       stattfinden."
       
       In bezug  auf die Parlamentsreform erklärt Lord John Russell, daß
       sie vielleicht in der nächsten Session in Erwägung gezogen werden
       solle. Das heißt, es gibt also jetzt keine Reform. Ja, mehr noch:
       Johnny gab  sich die größte Mühe, die Zumutung in Abrede zu stel-
       len, er  hätte jemals  versprochen, eine  Parlamentsreform vorzu-
       schlagen, die  liberaler sein würde als seine Bill in der letzten
       Session [254].  Er war sogar sehr empört, daß ihm Aussprüche sol-
       chen Inhalts  zugeschrieben würden. Niemals hätte er etwas Derar-
       tiges gesagt oder gemeint. Auch verspricht er durchaus nicht, daß
       die Bill,  die er in der nächsten Session einbringen will, so um-
       fassend sein  werde wie  die vom  Jahre 1852. In bezug auf Beste-
       chung und Korruption sagte er:
       
       "Ich halte  es für  besser, mit  meiner Meinungsäußerung  darüber
       noch zurückzuhalten,  ob weitere  Maßnahmen nötig sind, um Beste-
       chung und  Korruption Einhalt zu gebieten. Ich sage bloß, daß der
       Gegenstand von höchster Wichtigkeit ist." [332]
       
       Die kühle  Verwunderung, mit  der diese Rede Finality-Johns [249]
       vom Unterhaus  aufgenommen wurde,  läßt sich unmöglich schildern.
       Es ist  schwer zu  sagen, was  größer war: die Verblüffung seiner
       Freunde oder der Jubel seiner Feinde. Alle aber schienen die Rede
       als eine  komplette Widerlegung des Lukrezschen Grundsatzes anzu-
       sehen, "nil de nihilo fit" 1*). Lord John wenigstens machte etwas
       aus nichts,  nämlich eine  trockene, lange  und sehr  langweilige
       Rede.
       Bisher nahm  man an,  es gäbe zwei Punkte, mit denen die Minister
       stehen oder  fallen wollten:  eine neue Festlegung der Einkommen-
       steuer und  eine neue Reformbill. Zur Einkommensteuer wird vorge-
       schlagen, sie noch ein Jahr in ihrer jetzigen Form weiterbestehen
       zu lassen.  Zur Reformbill, selbst in Ausmaßen, wie sie den Whigs
       entsprechen, wird erklärt, daß die Minister sie nur unter der Be-
       dingung einführen,  daß sie noch ein ganzes Jahr im Amte bleiben.
       Genauso lautete  das Programm  des letzten  Ministeriums Russell,
       minus die  Reformbill. Sogar  die  Finanzdebatte  wird  bis  nach
       Ostern verschoben,  so daß die Minister auf alle Fälle ihre vier-
       teljährlichen Gehälter beziehen können.
       Die einzelnen  Reformvorschläge sind  fast alle dem Programm Dis-
       raelis entlehnt  2*). So  zum Beispiel  die Verbesserung  des Ge-
       richtsverfahrens, die Abschaffung
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       1*) "aus nichts wird nichts" - 2*) siehe vorl. Band, S. 471-477
       
       #525# Der italienische Aufstand - Britische Politik
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       der Deportation  nach Australien,  die Lotsenbill, die Kommission
       zur Regelung  der  Frage  des  Pächterrechts  usw.  Die  einzigen
       Punkte, die  eigentlich vom  jetzigen Ministerium  ausgehen, sind
       die vorgeschlagene  Reform des  Unterrichtswesens, die  nach Lord
       Johns Versicherung  nicht größer sein wird als er selbst, und die
       Beseitigung der  rechtlichen  Einschränkungen  für  Baron  Lionel
       Rothschild. Es  ist fraglich,  ob das  englische  Volk  sehr  be-
       friedigt davon  sein wird, wenn das Wahlrecht auf einen jüdischen
       Wucherer ausgedehnt  wird, der  notorisch einer der Komplizen des
       bonapartistischen Staatsstreichs war.
       Diese Unverschämtheit  eines Ministeriums,  das aus zwei Parteien
       besteht, die  bei den  letzten allgemeinen Wahlen vollständig ge-
       schlagen wurden,  ließe sich  nur schwer erklären, käme nicht der
       Umstand in  Betracht, daß jede neue Reformbill eine Auflösung des
       jetzigen Unterhauses  erfordern würde,  dessen Majorität an ihren
       teuer erkauften  und nur  mit knapper  Mehrheit errungenen Sitzen
       klebt.
       Nichts köstlicher  als die  Art, wie die "Times" [131] ihre Leser
       zu trösten versucht:
       
       "Die nächste  Session ist lange nicht so unsicher wie der  m o r-
       g i g e  Tag; denn das Morgen hängt nicht nur vom Willen, sondern
       sogar vom  Leben des Zauderers ab; bleibt aber die Welt bestehen,
       so kommt die nächste Session ganz bestimmt heran. Also verschiebe
       man die  ganze Parlamentsreform  auf die nächste Session und gebe
       dem Ministerium ein Jahr lang Ruhe."
       
       Ich meinesteils  denke, es  ist höchst  vorteilhaft für das Volk,
       daß ihm  bei der  jetzigen Trägheit  der öffentlichen Meinung und
       "im kalten  Schatten eines  aristokratischen Koalitionskabinetts"
       keine Reformbill  von den  Ministern    a u f o k t r o y i e r t
       wird. Man  darf nicht  vergessen, daß  Lord Aberdeen ein Mitglied
       des Tory-Kabinetts  war, das sich 1830 weigerte, auch nur der ge-
       ringsten Reform  zuzustimmen. Nationale  Reformen müssen  mittels
       nationaler Agitation  errungen werden;  man darf  sie  nicht  der
       Gnade eines Lord Aberdeen verdanken.
       Zum Schlüsse  will ich  noch erwähnen,  daß in  einer  besonderen
       Zusammenkunft des  Generalausschusses  der    N a t i o n a l e n
       A s s o z i a t i o n   z u m   S c h u t z e   d e r  b r i t i-
       s c h e n   I n d u s t r i e   u n d  d e s  b r i t i s c h e n
       K a p i t a l s   [333] die  am letzten  Montag unter  der Präsi-
       dentschaft des Herzogs von Richmond im South Sea House stattfand,
       diese Gesellschaft  in  weiser  Erkenntnis  beschloß,  sich  auf-
       zulösen.
       Karl Marx
       
       Aus dem Englischen.
       

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