Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
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Karl Marx
Das Attentat auf Franz Joseph - Der Mailänder Aufstand -
Britische Politik - Disraelis Rede - Napoleons Testament
["New-York Daily Tribune" Nr. 3710 vom 8. März 1853]
London, Dienstag, 22. Februar 1853
Der elektrische Telegraph meldet aus Stuhlweißenburg 1*):
"Am 18. d.M. um ein Uhr ging der Kaiser von Österreich, Franz Jo-
seph, auf der Bastei in Wien spazieren, als sich ein ungarischer
Schneidergeselle namens Lasslo Libényi, früherer Husar aus Wien,
plötzlich auf ihn stürzte und mit einem Dolch nach ihm stach. Der
Stoß wurde durch den Adjutanten Graf O'Donnell abgewehrt. Franz
Joseph wurde unterhalb des Hinterkopfes verwundet. Der 21 Jahre
alte Ungar wurde durch einen Säbelhieb des Adjutanten niederge-
streckt und sofort festgenommen."
Nach anderen Versionen war die Waffe eine Muskete.
In Ungarn ist soeben eine sehr ausgedehnte Verschwörung zum Sturz
der österreichischen Herrschaft entdeckt worden.
Die "Wiener Zeitung" veröffentlicht eine Reihe von Urteilen, die
das Kriegsgericht über 39 Individuen fällte, die hauptsächlich
der Teilnahme an der Verschwörung mit Kossuth und Ruscsak aus
Hamburg angeklagt waren.
Unmittelbar nachdem die revolutionäre Erhebung in Mailand unter-
drückt war, gab Radetzky Befehl, jede Mitteilung nach Piemont und
der Schweiz abzufangen. Sie werden schon vor diesem Brief die
spärlichen Nachrichten bekommen haben, die von Italien nach Eng-
land durchsickern durften. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit nun auf
einen charakteristischen Zug der Mailänder Ereignisse lenken.
Obzwar Feldmarschall-Leutnant Graf Strassoldo in seinem ersten
Erlaß vom 6. d.M. unumwunden zugibt, daß das Gros der Bevölkerung
an dem Aufstand absolut unbeteiligt war, verhängt er trotzdem den
strengsten Belagerungszustand über Mailand. Radetzky verdreht in
einer späteren Proklamation,
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1*) Székesfehérvár
#527# Das Attentat auf Franz Joseph - Der Mailänder Aufstand
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datiert Verona, 9. Februar, die Darstellung seines Untergebenen
und macht sich die Rebellion zunutze, um unter falschen Vorspie-
gelungen Geld zu erlangen. Alle Personen, die nicht notorisch der
österreichischen Partei angehören, belegt er mit Geldstrafen in
beliebiger Höhe zugunsten der Garnison. In seiner Proklamation
vom 11. d. M. erklärt er, "daß die Mehrheit der Einwohner, mit
wenigen rühmenswerten Ausnahmen, sich der kaiserlichen Regierung
nicht fügen wolle" [334] und instruiert alle gerichtlichen Behör-
den, d.h. die Kriegsgerichte, das Vermögen sämtlicher Mitschuldi-
gen zu sequestrieren. Den Ausdruck "Mitschuld" erklärt er so:
"Che tale complicità consista semplicimente nella omissione della
denuncia a cui ognuno è tenuto." 1*)
Er hätte ebensogut ganz Mailand auf einmal unter dem Vorwand kon-
fiszieren können, daß die Erhebung vom 6. nicht schon am 5. von
den Einwohnern angezeigt worden sei. Wer also nicht zum Spion und
Spitzel der Habsburger werden will, läuft Gefahr, die gesetzliche
Beute der Kroaten zu werden. Mit einem Wort, Radetzky verkündet
ein neues System der Massenplünderung.
Die Mailänder Erhebung ist bedeutsam als Symptom der nahenden
revolutionären Krise auf dem ganzen europäischen Kontinent. Und
bewunderswert ist sie als Akt des Heroismus einiger weniger Pro-
letarier, die, nur mit Messern bewaffnet, einen Angriff gegen die
Zitadelle einer Garnison und gegen eine Armee von 40 000 Mann der
besten Truppen ganz Europas wagten, indes die Söhne Mammons in-
mitten des Blutes und der Tränen ihrer erniedrigten und gemarter-
ten Nation tanzten, sangen und tafelten. Armselig erscheint sie
allerdings, wenn sie das Endergebnis der ewigen Verschwörung Maz-
zinis, seiner bombastischen Proklamationen und seiner anmaßenden
Kapuzinaden gegen das französische Volk bilden soll. Hoffen wir,
daß die révolutions improvisées 2*), wie die Franzosen sie nen-
nen, nunmehr zu Ende sind. Hat man je gehört, daß große Improvi-
satoren auch große Dichter sind? Und wie in der Poesie so in der
Politik. Revolutionen werden nicht auf Befehl gemacht. Seit den
schrecklichen Erfahrungen von 1848 und 1849 braucht man etwas
mehr als papierne Erlasse von entfernten Führern, um nationale
Revolutionen heraufzubeschwören. Kossuth hat die Gelegenheit
benützt, um öffentlich die Insurrektion im allgemeinen und die in
seinem Namen veröffentlichte Proklamation im besonderen zu ver-
leugnen. Gleichwohl sieht es einigermaßen verdächtig aus, daß er
post factum 3*) für sich eine Überlegenheit
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1*) "Eine solche Mitschuld besteht einfach schon in der Unterlas-
sung der Anzeige, zu der jeder verpflichtet ist." - 2*) impro-
visierten Revolutionen - 3*) hinterdrein
#528# Karl Marx
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über seinen Freund Mazzini als Politiker beansprucht. Der
"Leader" [335] bemerkt hierzu:
"Wir haken es für nötig, unsere Leser darauf hinzuweisen, daß die
Angelegenheit ausschließlich Herrn Kossuth und Herrn Mazzini an-
geht, und daß letzterer im Augenblick nicht in England ist."
Della Rocca, ein Freund Mazzinis, äußert sich in einem Brief an
die "Daily News" [129] über Kossuths und Agostinis Ableugnungen.
Er sagt:
"Es gibt Leute, die sie im Verdacht haben, daß sie, ebenso be-
reit, die Ehren des Gelingens für sich zu beanspruchen, wie die
Verantwortlichkeit für das Mißlingen zurückzuweisen, erst die de-
finitiven Nachrichten über den Erfolg oder Mißerfolg des Aufstan-
des abwarteten."
B. Szemere, Exminister von Ungarn, protestiert in einem an den
Herausgeber des "Morning Chronicle" [226] gerichteten Brief dage-
gen, "daß Kossuth illegitimerweise den Namen Ungarns usurpiere".
Er sagt:
"Wer sich ein Urteil über ihn als Staatsmann bilden will, der
möge nur die Geschichte der letzten ungarischen Revolution auf-
merksam lesen, und wer seine Geschicklichkeit als Verschwörer
kennenlernen will, der werfe nur einen Rückblick auf die vorjäh-
rige unglückselige Hamburger Expedition."
Daß die Revolution selbst dann siegt, wenn sie fehlschlägt, zeigt
uns der Schrecken, den die Mailänder échauffourée 1*) den konti-
nentalen Herrschern bis ins Innerste einjagte. Man betrachte bloß
den Brief, den die offizielle "Frankfurter Oberpostamts-Zeitung"
[335] veröffentlicht:
"Berlin, 15. Februar. Man ist hier tief beeindruckt von den Mai-
länder Ereignissen. Die telegraphische Nachricht erreichte den
König am 9., just als er sich auf einem Hofball befand. Per König
erklärte sofort, daß die Bewegung mit einer tiefgehenden Ver-
schwörung verknüpft sei, die sich überallhin verzweige, und daß
sich angesichts dieser revolutionären Bewegungen ein enges Bünd-
nis zwischen Preußen und Österreich als unbedingte Notwendigkeit
erweise... Ein hoher Würdenträger rief aus: 'Wir werden also
vielleicht die preußische Krone an den Ufern des Po zu verteidi-
gen haben !'"
So groß war der Schrecken im ersten Augenblick, daß ohne jede an-
dere Ursache als diesen "tiefen Eindruck" etwa 20 Bewohner Ber-
lins verhaftet wurden. Die "Neue Preußische Zeitung" [191], das
ultraroyalistische Blatt, wurde konfisziert, weil sie das angeb-
lich von Kossuth herrührende Dokument veröffentlicht hatte. Am
13. legte der Minister von Westphalen dem Herrenhaus einen eili-
gen Gesetzentwurf vor, der die Regierung ermächtigen soll, alle
Broschüren und Zeitungen zu konfiszieren, die außerhalb Preußens
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1*) kühne, aber unbesonnene Tat
#529# Britische Politik - Disraelis Rede
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erscheinen. In Wien sind Verhaftungen und Haussuchungen an der
Tagesordnung. Zwischen Rußland, Preußen und Österreich fanden so-
fort Verhandlungen darüber statt, daß bei der englischen Regie-
rung ein gemeinsamer, die politischen Flüchtlinge betreffender
Protest einzulegen sei. So schwach, so machtlos sind die soge-
nannten "Mächte". Bei dem leisesten Anzeichen eines revolutio-
nären Erdbebens fühlen sie schon die Throne Europas in ihren
Grundfesten wanken. Inmitten ihrer Armeen, ihrer Verliese, ihrer
Galgen zittern sie vor dem, was sie "umstürzlerische Versuche ei-
niger weniger bezahlter Bösewichte" nennen.
"Die Ruhe ist wiederhergestellt." Jawohl, jene schreckliche, un-
heilvolle Ruhe zwischen dem ersten Aufbrausen des Sturmes und dem
nächsten dröhnenden Donnerschlag.
Von dem bewegten Kontinent will ich nun nach dem stillen England
zurückkehren. Fast scheint es, als beherrsche der Geist des klei-
nen Finality-John [249] die ganze offizielle Welt, als wäre die
ganze Nation so gelähmt wie die Männer an ihrer Spitze. Sogar die
"Times" [131] ruft verzweifelt aus:
"Es mag die Stille vor dem Sturme, es mag der Rauch sein, der dem
Feuer vorausgeht" -
im Augenblick herrscht schläfrige Ruhe.
Die Parlamentsgeschäfte sind wieder aufgenommen worden, doch war
bis jetzt die dreimalige Verbeugung von Lord Aberdeen das einzig
Dramatische daran und die einzige hervorstechende Handlung des
Koalitionsministeriums. Der Eindruck, den Lord Johns Programm auf
seine Feinde machte, geht am besten aus den Bekenntnissen seiner
Freunde hervor. So sagt die "Times":
"Lord John Russell hat eine Rede gehalten, die noch weniger feu-
rig war als die einleitenden Bemerkungen, die ein Auktionator dem
Verkauf alter Möbel, beschädigter Waren oder Ladeneinrichtungen
vorausschicken würde... Lord John Russell ruft herzlich wenig En-
thusiasmus hervor."
Bekanntlich ist die neue Reformbill zurückgestellt worden 1*) un-
ter dem Druck dringenderer praktischer Reformen, die die unmit-
telbarere Aufmerksamkeit der Gesetzgeber in Anspruch nehmen. Nun
ist schon an einem Beispiel gezeigt worden, wie es mit der Be-
schaffenheit von Reformen aussehen muß, wenn das Instrument für
die Reform, d.h. das Parlament, selbst unreformiert bleibt.
Am 14. Februar legte Lord Cranworth sein Programm für Rechtsre-
formen dem Hause der Lords vor. Der größte Teil seiner langwieri-
gen, langweiligen und nichtssagenden Rede bestand in der Aufzäh-
lung der vielen Dinge, die
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1*) Siehe vorl. Band, S. 524
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man von ihm erwarte, die er aber zu erledigen nicht bereit sei.
Er entschuldigte sich, er sitze erst sieben Wochen auf dem Woll-
sack [336]. Hierzu bemerkt die "Times":
"Lord Cranworth ist seit 63 Jahren auf dieser Welt und seit 37
Jahren Advokat."
Als echter Whig zieht er aus den verhältnismäßig großen Erfolgen
der bisherigen kleinen Rechtsreformen den Schluß, daß es gegen
alle Bescheidenheit verstieße, in derselben Weise mit den Refor-
men fortzufahren. Als echter Aristokrat scheut er davor zurück,
sich mit dem Kirchenrecht zu befassen, "denn das verstieße zu
sehr gegen alte begründete Interessen". Worin begründete Interes-
sen? In der öffentlichen Macht? Nur zwei Maßnahmen von einiger
Wichtigkeit hat Lord Cranworth vorbereitet: Erstens "eine Bill
zur Erleichterung des Besitzwechsels von Ländereien", deren
hauptsächliches Merkmal darin besteht, daß sie diesen Wechsel
durch Erhöhung der Unkosten nur noch erschwert, die technischen
Hindernisse vermehrt, ohne die Langwierigkeit des Besitzwechsels
abzukürzen oder dessen Kompliziertheit zu vereinfachen. Zweitens
einen Vorschlag zur Bildung einer Kommission, die die vom Parla-
ment geschaffenen Gesetze systematisch ordnen soll, und deren
Verdienst sich wohl darauf beschränken wird, einen Index für die
40 Quartbände Parlamentsbeschlüsse zusammenzustellen. Lord Cran-
worth kann sein Vorgehen den verbohrtesten Gegnern der Rechtsre-
form gegenüber mit derselben Entschuldigung verteidigen wie jenes
arme Mädchen, das zu ihrem Beichtvater sagte, es sei ja wahr, daß
sie ein Kind gehabt hätte, aber es sei doch nur ein ganz kleines
gewesen.
Die einzige interessante Debatte im Unterhause knüpfte sich am
18. d.M. an Disraelis Interpellation der Minister wegen Englands
Beziehungen zu Frankreich. Disraeli begann mit Poitiers und Agin-
court [337] und endete mit den Wahlreden in Carlisle und in der
Tuchhalle von Halifax. Der Zweck der Übung war, Sir James Graham
und Sir Charles Wood anzuprangern, weil sie sich abfällige Bemer-
kungen über die Person Napoleons III. erlaubt hatten. Disraeli
hätte den völligen Zusammenbruch der alten Tory-Partei nicht
sinnfälliger darstellen können, als daß er sich zum Apologeten
der Bonapartes aufwarf, diesen Erbfeinden gerade jener politi-
schen Klasse, deren erster Vertreter er selbst ist. Er hätte
seine oppositionelle Laufbahn in keiner ungeeigneteren Weise er-
öffnen können, als durch die Rechtfertigung des jetzigen Regimes
in Frankreich. Eine kurze Analyse wird die Schwäche dieses Teils
seiner Rede dartun.
Als er die Ursachen des Unbehagens erklären wollte, das im Publi-
kum wegen der augenblicklichen Beziehungen zwischen England und
Frankreich
#531# Britische Politik - Disraelis Rede
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empfunden wird, mußte er notgedrungen zugeben, daß gerade die
großen Rüstungen daran Schuld trügen, die unter seiner eigenen
Verwaltung begonnen worden waren. Er versuchte trotz alledem zu
beweisen, daß die Vermehrung und Vervollständigung der Verteidi-
gungsmittel Großbritanniens ausschließlich in den großen Verände-
rungen begründet seien, die durch die moderne Anwendung der Wis-
senschaft auf die Kriegskunst verursacht wären. Maßgebende Auto-
ritäten, meinte er, hätten längst die Notwendigkeit solcher Maß-
nahmen erkannt. 1840, zur Zeit als Thiers Minister war, hätte die
englische Regierung unter Sir Robert Peel einige Anstrengungen
gemacht, um wenigstens die nationale Verteidigung in ein neues
System zu bringen. Jedoch vergebens! Wiederum beim Ausbruch der
achtundvierziger Revolutionen auf dem Kontinent hätte sich der
damaligen Regierung eine Gelegenheit geboten, die öffentliche
Meinung in die von ihr gewünschte Richtung zu lenken, soweit die
Landesverteidigung in Frage kam. Aber wieder ohne Resultat. Die
Frage der nationalen Verteidigung sei nicht spruchreif geworden,
ehe nicht er und seine Kollegen an die Spitze der Regierung beru-
fen worden seien. Die von ihnen angenommenen Maßnahmen waren fol-
gende:
1. Eine Miliz wurde eingeführt.
2. Die Artillerie wurde wirksam ausgebaut.
3. Es wurden Vorkehrungen getroffen, um die Arsenale im Lande und
einige wichtige Punkte an der Küste gründlich zu befestigen.
4. Ein Antrag wurde gestellt, die Marine um 5000 Matrosen und
1500 Seesoldaten zu verstärken.
5. Es wurden Anordnungen getroffen, die alte Seemacht in Gestalt
einer Kanalflotte wiederherzustellen ; sie sollte aus 15 bis 20
Linienschiffen (Seglern) und aus einer entsprechenden Zahl von
Fregatten und kleineren Schiffen bestehen.
Nun geht aus allen diesen Behauptungen klar hervor, daß Disraeli
gerade das Gegenteil von dem begründete, was er beweisen wollte.
Die Regierung war nicht imstande, die Rüstungen zu verstärken,
als die syrische und die tahitische Frage die entente cordiale
1*) mit Louis-Philippe bedrohten [338]; und sie war dazu ebenso-
wenig imstande, als die Revolution sich auf dem ganzen Kontinent
ausbreitete und die britischen Interessen an der Wurzel selbst zu
bedrohen schien. Warum, frage ich, hat sie es jetzt fertigge-
bracht und warum gerade unter Mr. Disraelis Regierung? Eben weil
jetzt Napoleon III. zu größeren Befürchtungen für Englands Si-
cherheit Anlaß gibt, als je seit 1815 bestanden. Und weiter, wie
Mr. Cobden ganz richtig bemerkte:
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1*) das herzliche Einvernehmen
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"Die beantragte Verstärkung der Seemacht sei keine Vermehrung der
Zahl der Dampfschiffe, sondern eine Verstärkung der Mannschaften,
und der Übergang vom Gebrauch von Segelschiffen zu Dampfschiffen
bedinge gar nicht die Notwendigkeit einer größeren Zahl von See-
leuten, sondern gerade das Gegenteil."
Disraeli sagte:
"Zweitens fürchte man einen drohenden Bruch mit Frankreich, weil
dort eine militärische Regierung bestehe. Wenn aber Armeen erobe-
rungslustig seien, so läge dies daran, daß ihre Position im eige-
nen Lande eine unsichere sei. Frankreich werde jetzt durch die
Armee regiert, nicht etwa wegen des militärischen Ehrgeizes der
Truppen, sondern wegen der Unruhe der Bürger."
Mr. Disraeli scheint ganz zu übersehen, daß es sich gerade darum
handelt, wie lange sich die Armee im eigenen Lande sicher fühlt
und wie lange die gesamte Nation Rücksicht nehmen wird auf die
egoistischen Befürchtungen einer kleinen Klasse von Bürgern und
sich dem tatsächlichen Terror eines Militärdespotismus beugen
wird, der schließlich nur das Instrument exklusiver Klasseninter-
essen ist. Die dritte Ursache sah Disraeli in
"dem beträchtlichen Vorurteil, das in diesem Lande gegen den jet-
zigen Herrscher Frankreichs vorhanden ist... Man sei der Meinung,
daß er bei seinem Regierungsantritt mit dem aufgeräumt habe, was
hier als parlamentarische Konstitution geschätzt werde, und daß
er die Pressefreiheit beschränkt habe."
Disraeli weiß diesen Vorurteilen allerdings wenig genug entge-
genzuhalten. Er meint, "es sei äußerst schwierig, sich über die
französische Politik eine Meinung zu bilden".
Der einfache gesunde Menschenverstand sagt dem englischen Volke,
obwohl es nicht so tief in die Mysterien der französischen Poli-
tik eingeweiht ist wie Mr. Disraeli, daß der gewissenlose Aben-
teurer, den weder ein Parlament noch die Presse kontrolliert, ge-
rade dazu angetan wäre, gleich einem Piraten England zu überfal-
len, nachdem er seinen eigenen Staatsschatz durch Extravaganz und
Verschwendung erschöpft hat.
Mr. Disraeli gibt dann einige Beispiele dafür, wie sehr die har-
monische Übereinstimmung der letzten Regierung mit Bonaparte zur
Erhaltung des Friedens beigetragen habe - so der drohende Kon-
flikt Frankreichs mit der Schweiz, die Erschließung der südameri-
kanischen Flüsse, der Konflikt zwischen Preußen und Neuchâtel,
die Dreimächte-Erklärung, in der sich die Vereinigten Staaten un-
ter Druck dem Verzicht auf Kuba anschlössen, die gemeinsame Ak-
tion in der Levante über das Tansimat in Ägypten, die Revision
des griechischen Erbfolgevertrages, das harmonische Zusammenwir-
ken bezüglich der Regentschaft von Tunis [339] usw. Das erinnert
mich daran, wie
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ein gewisses Mitglied der französischen Ordnungspartei in einer
Rede Ende November 1851 das harmonische Einverständnis Napoleons
mit der Majorität der Nationalversammlung rühmte, das ihr die Er-
ledigung der Wahlrechts-, Koalitions- und Pressefragen so leicht
gemacht habe. Zwei Tage später war dann der coup d'état 1*) aus-
geführt.
So schwach und widerspruchsvoll dieser Teil der Rede Disraelis
gewesen, so glänzend war der Abschluß, der in einem Angriff gegen
das Koalitionsministerium bestand.
"Es gibt noch einen anderen Grund", so schloß er, "der mich dazu
zwingt, diese Untersuchung im jetzigen Moment zu betreiben, und
das ist die augenblickliche Lage der Parteien in diesem Hause. Es
ist dies eine ganz eigentümliche Situation. Wir haben im Augen-
blick ein konservatives Ministerium, und wir haben eine konserva-
tive Opposition." (Beifall.) "Die große liberale Partei kann ich
überhaupt nicht entdecken." (Beifall.) "Wo sind die Whigs mit ih-
ren großen Traditionen? Keiner meldet sich." (Erneuter Beifall.)
"Wo, frage ich, sind die jugendlichen Kräfte des Radikalismus?
Seine überschäumenden Erwartungen, seine hochgespannten Hoffnun-
gen? Ich fürchte, wenn er erst aus den glühenden Träumen seiner
jugendlichen Unerfahrenheit erwacht, so wird er in demselben Mo-
ment schon entdecken, daß er verbraucht und verworfen ist."
(Beifall.) "Und zwar verbraucht ohne Gewissensbisse und verworfen
ohne großen Aufwand an Anstand." (Beifall.) "Wo sind die Radika-
len? Ist ein Mann im Hause, der sich radikal nennt?" (Hört,
hört!) "Nein, nicht ein einziger. Er würde sich fürchten, man
könnte zupacken und einen konservativen Minister aus ihm machen."
(Schallendes Gelächter.) "Nun, wie konnte eine solche Situation
zustande kommen? Wo sind die treibenden Kräfte, die diese unheil-
schwangere politische Kalamität hervorgerufen haben? Ich glaube,
ich muß mich an jenes unerschöpfliche Arsenal von politischen
Kunstgriffen wenden, an den Ersten Lord der Admiralität"
(Graham), "um den jetzigen Stand der Dinge zu erklären. Viel-
leicht erinnert sich das Haus, daß vor etwa zwei Jahren der Erste
Lord der Admiralität uns eines seiner politischen Glaubens-
bekenntnisse vorsetzte, von denen seine Reden überfließen. Er
sagte: 'Der Stand, auf dem ich stehe, ist der Fortschritt.' Schon
damals', mein Herr, dachte ich mir, der Fortschritt sei ein
merkwürdig Ding, um darauf zu stehen." (Laute Heiterkeit und
Beifall.) "Damals vermutete ich eine schludrige Redewendung. Aber
für diesen Verdacht eines Augenblicks bitte ich um Verzeihung.
Ich stelle fest, daß es sich um ein wohldurchdachtes System
handelt, das jetzt in Aktion tritt. Denn jetzt haben wir ein
Ministerium des Fortschritts, und alles steht still." (Beifall.)
"Das Wort Reform hört man nicht mehr, wir haben kein Ministerium
der Reform mehr; wir haben ein Ministerium des Fortschritts, in
dem jedes Mitglied entschlossen ist, nichts zu tun. Alle
schwierigen Fragen sind in der Schwebe. Alle Fragen, über die man
sich nicht einigen kann, sind offene Fragen."
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1*) Staatsstreich
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Disraelis Gegner hatten ihm nicht viel entgegenzuhalten, mit Aus-
nahme des "unerschöpflichen Arsenals von politischen Kunstgrif-
fen" des Sir James Graham, der wenigstens seine Würde wahrte, in-
dem er die beleidigenden Ausdrücke gegen Louis-Napoleon, deren
man ihn anklagte, nicht völlig zurückzog.
Lord John Russell klagte Disraeli an, die auswärtige Politik des
Landes zu einer Parteifrage zu machen. Er versicherte die Opposi-
tion,
"das Land würde glücklich sein, nach dem Hader und den Kämpfen
des vergangenen Jahres wenigstens eine kurze Spanne ruhigen
friedlichen Fortschritts zu genießen und von den großen erschüt-
ternden Parteikämpfen verschont zu sein". [332]
Das Resultat der Debatten wird darin bestehen, daß die
Flottenvoranschläge vom Hause bewilligt werden, aber zur Beruhi-
gung Napoleons nicht aus kriegerischen Motiven, sondern von wis-
senschaftlichen Gesichtspunkten aus. Suaviter in modo, fortiter
in re. 1*) Am letzten Donnerstag morgen erschien der Sachwalter
der Königin vor Sir J. Dodson im Prerogative Court 2*) und for-
derte im Namen des Ministers des Auswärtigen, daß die Registratur
das Originaltestament und Kodizill Napoleon Bonapartes 3*) der
französischen Regierung ausliefere. Diesem Verlangen wurde statt-
gegeben. Sollte Louis Bonaparte darangehen, dieses Testament zu
öffnen und zu versuchen, dessen Bestimmungen auszuführen, so
könnte es sich leicht als eine moderne Büchse der Pandora [340]
erweisen.
Karl Marx
Aus dem Englischen.
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1*) Mild in der Form, radikal in der Sache. - 2*) Gericht in Te-
stamentssachen, das dem Erzbischof von Canterbury untersteht -
3*) Napoleon I.
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