Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       #563#
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       B. Beilagen zu Karl Marx
       
       "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln"
       
       #564#
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       #565#
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       Karl Marx
       
       Kölner Kommunistenprozeß [351]
       [Beilage 4 zu "Herr Vogt" (1860)]
       
       Die in  diesem Abschnitt (des "Herr Vogt") von mir gemachten Mit-
       teilungen über  die preußische  Gesandtschaft zu London und ihren
       Briefwechsel mit  preußischen Behörden  auf dem Kontinent während
       der Kölner  Prozeßverhandlungen beruhn  auf den von A. Willich in
       der "New-Yorker Criminal-Zeitung" April 1853 unter dem Titel "Die
       Opfer  der   Moucharderie,  Rechtfertigungsschrift   von  Wilhelm
       Hirsch" veröffentlichten Selbstbekenntnissen des jetzt zu Hamburg
       gefangensitzenden Hirsch,  der das  Hauptinstrument des  Polizei-
       leutnants Greif  und seines  Agenten Fleury  war, auch  in  ihrem
       Auftrage und  unter ihrer  Leitung das  während des  Kommunisten-
       prozesses von  Stieber vorgelegte   f a l s c h e   Protokollbuch
       schmiedete. Ich gebe hier einige Auszüge aus Hirschs Memoiren.
       
       "Die deutschen  Vereine  wurden  gemeinschaftlich"  (während  der
       Industrieausstellung) "von  einem Polizeitriumvirat, dem Polizei-
       rat Stieber für Preußen, einem Herrn Kubesch für Östreich und dem
       Polizeidirektor Hüntel aus Bremen überwacht."
       
       Hirsch beschreibt  folgendermaßen die erste Szene, die er infolge
       seines Angebots  als Mouchard mit dem preußischen Gesandtschafts-
       sekretär Alberts zu London hatte.
       "Die Rendezvous,  welche die  preußische Gesandtschaft  in London
       ihren geheimen  Agenten gibt, finden in einem dazu geeigneten Lo-
       kale statt.  Die Gastwirtschaft  The Cock,  Fleet Street,  Temple
       Bar, fällt  so wenig  in die  Augen, daß, wenn nicht ein goldener
       Hahn, Aushängeschild,  ihren Eingang  zeigte, ein  Nichtsuchender
       sie schwerlich  entdecken würde. Ein schmaler Eingang führte mich
       in das  Innere dieser  altenglischen Taverne, und auf meine Frage
       nach Mr.  Charles präsentierte  sich mir  unter dieser Firma eine
       wohlbeleibte Persönlichkeit  mit einem  so freundlichen  Lächeln,
       als ob wir beide bereits alte Bekannte wären. Der Beauftragte der
       Gesandtschaft, denn  dieser war  es, schien sehr heiter gestimmt,
       und seine  Laune stärkte sich noch dermaßen in Brandy und Wasser,
       daß er  darüber eine  ganze Weile den Zweck unserer Zusammenkunft
       zu vergessen schien. Mr. Charles, oder wie er sich mir gleich bei
       seinem richtigen  Namen nannte,  der Gesandtschaftsschreiber  Al-
       berts, machte  mich zunächst  damit bekannt,  daß  er  eigentlich
       nichts mit  Polizeisachen zu  tun habe, aber dennoch wolle er die
       Vermittlung übernehmen  ... Ein zweites Rendezvous fand in seiner
       damaligen Wohnung,
       
       #566# Beilagen
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       Brewer Street  39, Golden  Square, statt,  hier lernte ich zuerst
       den Polizeileutnant  Greif kennen;  eine Figur  nach echtem Poli-
       zeischnitte, mittlerer  Größe mit  dunklem Haar und einem gleich-
       farbigen par ordre 1*) zugeschnittenen Barte, so daß der Schnurr-
       sich mit  dem Backenbart verbindet, und freiem Kinn. Seine Augen,
       die nichts  weniger als  Geist verraten,  scheinen sich durch den
       häufigen Umgang  mit Dieben  und Gaunern  an ein scharfes Heraus-
       glotzen gewöhnt zu haben... Herr Greif hüllte sich, wie zu Anfang
       Herr Alberts,  in denselben  Pseudonym-Mantel und nannte sich Mr.
       Charles. Der neue Mr. Charles war wenigstens ernster gestimmt; er
       glaubte zunächst  mich examinieren  zu müssen... Unsere erste Zu-
       sammenkunft schloß  damit, daß  er mir  den Auftrag erteilte, ihm
       genauen Bericht über alle Tätigkeit der revolutionären Emigration
       abzustatten ...  Herr Greif  stellte mir  das  nächstemal  'seine
       rechte Hand',  wie er  es nannte, 'nämlich einen seiner Agenten',
       fügte er hinzu, vor. Der also Genannte war ein großer junger Mann
       in eleganter  Kleidung, der  sich mir  wieder als ein Mr. Charles
       präsentierte; die gesamte politische Polizei scheint diesen Namen
       als Pseudonymus  adoptiert zu  haben, ich  hatte es jetzt bereits
       mit drei  Charles zu  tun. Der Neuhinzugekommene schien indes bei
       weitem der beachtenswerteste. 'Er sei', wie er sagte, 'auch Revo-
       lutionär gewesen,  aber es lasse sich alles machen, ich solle nur
       mit ihm zusammengehn.'"
       
       Greif verließ London für einige Zeit und schied von Hirsch
       
       "mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß der neue Mr. Charles stets
       in seinem  Auftrage handle,  ich dürfe kein Bedenken tragen, mich
       ihm zu vertrauen, wenn auch manches mir seltsam vorkommen sollte:
       ich dürfte  daran keinen Anstoß nehmen; um mir dies deutlicher zu
       machen, fügte  er hinzu:  'Das Ministerium bedarf zuweilen dieser
       oder jener  Gegenstände;    D o k u m e n t e    s i n d    d i e
       H a u p t s a c h e,     k a n n     m a n     s i e    n i c h t
       s c h a f f e n,   m u ß   m a n   s i c h   d o c h  z u  h e l-
       f e n  w i s s e n ?"
       
       Hirsch erzählt weiter: Der letzte Charles sei Fleury gewesen,
       
       "früher beschäftigt  bei der  Expedition der  von L. Wittig redi-
       gierten 'Dresdner  Zeitung'. In  Baden wurde  er auf  Grund über-
       brachter Empfehlungen  aus Sachsen  von der provisorischen Regie-
       rung nach der Pfalz geschickt, um die Organisation des Landsturms
       zu betreiben  usw. Als die Preußen in Karlsruhe einrückten, wurde
       er gefangen usw. Er erschien plötzlich wieder in London Ende 1850
       oder anfangs  1851; hier  trägt er  von Anfang  an den  Namen  de
       Fleury und  befindet sich  als solcher  unter den Flüchtlingen in
       einer, wenigstens  scheinbar, schlechten  Lage, bezieht mit ihnen
       die vom  Flüchtlingskomitee errichtete Flüchtlingskaserne und ge-
       nießt die  Unterstützung. Anfangs  Sommer  1851  verbessert  sich
       plötzlich seine Lage, er bezieht eine anständige Wohnung und ver-
       heiratet sich Ende des Jahrs mit der Tochter eines englischen In-
       genieurs. Wir sehn ihn später als Polizeiagenten in Paris... Sein
       wirklicher Name ist Krause, und zwar ist er der Sohn des Schuhma-
       chers Krause,  der vor etwa 15 bis 18 Jahren, wegen Ermordung der
       Gräfin Schönberg  und deren  Kammerfrau in  Dresden, daselbst mit
       Backhof und  Beselef hingerichtet  wurde.,. Oft  hat mir  Fleury-
       Krause gesagt, er habe schon seit seinem 14. Jahre für die Regie-
       rungen gearbeitet."
       
       Es ist  dieser Fleury-Krause, den Stieber in der öffentlichen Ge-
       richtssitzung zu  Köln als  direkt unter Greif dienenden geheimen
       preußischen Polizeiagenten  eingestand. Ich  sage von  Fleury  in
       meinen "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß":
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       1*) entsprechend der Dienstvorschrift
       
       #567# Kölner Kommunistenprozeß
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       "Fleury ist  zwar nicht die Fleur de Marie der Prostituierten der
       Polizei, aber  Blume ist er und Blüten wird er treiben, wenn auch
       nur Fleurs-de-lys."  1*) Dies hat sich gewissermaßen erfüllt. Ei-
       nige Monate  nach dem  Kommunistenprozeß ward  Fleury wegen  Fäl-
       schung in England zu einigen Jahren hulks 2*) verurteilt.
       
       "Als die  rechte Hand  des Polizeileutnant  Greif", sagt  Hirsch,
       "verkehrte Fleury  in dessen  Abwesenheit mit der preußischen Ge-
       sandtschaft direkt."
       
       Mit Fleury  stand in Verbindung Max Reuter, der bei Oswald Dietz,
       damals Archivar  des Schapper-Willichschen Bundes, den Briefdieb-
       stahl vollführte.
       
       "Stieber", sagt  Hirsch, "war  durch den  Agenten des preußischen
       Gesandten Hatzfeldt  in Paris,  jenen berüchtigten  Cherval, über
       die Briefe,  welche dieser  letztere selbst nach London geschrie-
       ben, unterrichtet,  und ließ  sich durch  Reuter nur  den Aufent-
       haltsort desselben  ermitteln, worauf  Fleury in Stiebers Auftrag
       jenen Diebstahl  mit Hülfe  Reuters vollführte. Dies sind die ge-
       stohlenen Briefe,  die Herr Stieber sich nicht entblödet hat, of-
       fen 'als  solche' vor  dem Geschwornengericht in Köln zu deponie-
       ren... Im  Herbst 1851 war Fleury gemeinsam mit Greif und Stieber
       in Paris  gewesen, nachdem  der letztere  dort bereits, durch die
       Vermittlung des  Grafen Hatzfeldt, mit jenem Cherval oder richti-
       ger Joseph Cramer in Verbindung getreten war, mit dessen Hülfe er
       ein Komplott zustande zu bringen hoffte. Zu dem Ende berieten die
       Herren Stieber,  Greif, Fleury, ferner zwei andre Polizeiagenten,
       Beckmann *)  und Sommer in Paris, gemeinsam mit dem famosen fran-
       zösischen Spion  Lucien de la Hodde (unter dem, Namen Duprez) und
       erteilten ihre Instruktionen an Cherval, nach denen er seine Kor-
       respondenzen zuzuschneiden  hatte. Oft  genug hat sich Fleury mir
       gegenüber über  jene provozierte  Attacke  zwischen  Stieber  und
       Cherval amüsiert;  und jener Schmidt, der sich in der von Cherval
       a u f   p o l i z e i l i c h e n   B e f e h l  gegründeten Ver-
       bindung als  Sekretär eines  revolutionären Bundes  von Straßburg
       und Köln  einführte, jener  Schmidt ist  kein andrer  als Herr de
       Fleury... Fleury  war in  London unzweifelhaft  der einzige Agent
       der preußischen geheimen Polizei, und alle Anerbietungen und Vor-
       schläge, welche  der Gesandtschaft  gemacht wurden,  gingen durch
       seine Hand... seinem Urteile vertrauten sich die Herren Greif und
       Stieber in vielen Fällen an."
       
       Fleury eröffnet dem Hirsch:
       
       "Herr Greif hat Ihnen gesagt, wie man handeln muß... Die Zentral-
       polizei in  Frankfurt ist selbst der Ansicht, daß es sich vor al-
       lem darum  handelt,   d i e  E x i s t e n z  d e r  p o l i t i-
       s c h e n   P o l i z e i   s i c h e r z u s t e l l e n,  durch
       welche  Mittel   wir  dies   tun,  ist   gleichgültig;      e i n
       S c h r i t t   i s t   g e t a n  durch das Septemberkomplott in
       Paris [141]."
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       *) Dasselbe Individuum, welches im Prozeß Arnim figurierte.  [An-
       merkung von  Marx zur Ausgabe von 1875.] Er war schon damals, und
       noch lange  Jahre nachher  Pariser Korrespondent  der "Kölnischen
       Zeitung". [Zusatz von Engels zur Ausgabe von 1885.]
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 453 - 2*) Strafabbüsung auf abgetakelten
       Schiffen, die als Gefängnis verwendet wurden
       
       #568# Beilagen
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       Greif kehrt  nach London zurück, spricht seine Zufriedenheit über
       Hirschs Arbeiten  aus, verlangt  aber mehr,  namentlich  Berichte
       über "die geheimen Bundessitzungen der Partei Marx".
       
       "A tout  prix" 1*),  schloß der  Polizeileutnant, "müssen wir Be-
       richte über  die Bundessitzungen  aufstellen, machen  Sie es nun,
       wie Sie wollen, nur die Wahrscheinlichkeit müssen Sie stets nicht
       überschreiten, ich  selbst bin  zu sehr    b e s c h ä f t i g t.
       Herr de Fleury wird mit Ihnen in meinem Namen zusammenarbeiten."
       Greifs damalige  Beschäftigung bestand, wie Hirsch sagt, in einer
       Korrespondenz mit  Maupas durch  de la  Hodde-Duprez über  die zu
       veranstaltende Scheinflucht von Cherval und Gipperich aus dem Ge-
       fängnis St. Pélagie. Auf Hirschs Versicherung, daß
       
       "Marx in  London keinen neuen Bundes-Zentralverein gegründet habe
       ... verabredete Greif mit Fleury, daß wir unter den gegebenen Um-
       ständen vorderhand  selbst Berichte über Bundessitzungen anferti-
       gen sollten;  er, Greif,  wollte die Echtheit übernehmen und ver-
       treten, und was er vorlege, werde sowieso akzeptiert".
       
       Fleury und  Hirsch setzen  sich also  an die Arbeit. "Der Inhalt"
       ihrer Berichte über die von Marx gehaltnen Geheim-Bundessitzungen
       
       "wurde damit  ausgefüllt", sagt  Hirsch, "daß hin und wieder Dis-
       kussionen stattgefunden, Bundesmitglieder aufgenommen, in irgend-
       einem Winkel  Deutschlands sich eine neue Gemeinde gegründet, ir-
       gendeine neue  Organisation stattgefunden,  in Köln die gefangnen
       Freunde von  Marx Aussicht oder keine Aussicht auf Befreiung hät-
       ten, daß  Briefe von dem oder dem angekommen usw. Was das letztre
       betraf, so nahm Fleury dabei gewöhnlich Rücksicht auf Personen in
       Deutschland, welche  bereits durch politische Untersuchungen ver-
       dächtig waren  oder irgendwie eine politische Tätigkeit entfaltet
       hatten; sehr häufig jedoch mußte auch die Phantasie aushelfen und
       kam dann  auch wohl  einmal ein  Bundesmitglied vor, dessen Namen
       vielleicht gar  nicht in  der Welt  existierte. Herr Greif meinte
       dennoch, die  Berichte wären  gut und  man müsse ja einmal à tout
       prix welche  schaffen. Teilweis übernahm Fleury allein die Abfas-
       sung, meistenteils  aber mußte  ich ihm dabei behülflich sein, da
       es ihm unmöglich war, die geringste Kleinigkeit richtig zu stili-
       sieren. So  kamen die  Berichte zustande, und ohne Bedenken über-
       nahm Herr Greif die Garantie ihrer Wahrheit."
       
       Hirsch erzählt  nun weiter, wie er und Fleury A. Ruge zu Brighton
       und Eduard  Meyen (Tobyschen Andenkens) besuchen und ihnen Briefe
       und lithographierte  Korrespondenzen stehlen.  Nicht genug damit.
       Greif-Fleury mieten  in der Stanburyschen Druckerei, Fetter Lane,
       eine lithographische  Presse und  machen mit  Hirsch zusammen nun
       selbst "radikale  Flugblätter". Hier  gibt es etwas zu lernen für
       "Demokrat" F. Zabel. Er höre:
       
       "Das erste  Flugblatt, von mir" (Hirsch) "verfaßt, war nach Fleu-
       rys Angabe  'An das Landproletariat' betitelt, und es gelang, ei-
       nige gute  Abzüge davon  zustande zu  bringen. Herr  Greif sandte
       diese Abzüge als von der Marxschen Partei ausgehend ein
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       1*) "Um jeden Preis"
       
       #569# Kölner Kommunistenprozeß
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       und fügte  über die Entstehungsweise, um noch wahrscheinlicher zu
       werden, in  den auf  die bezeichnete Weise fabrizierten Berichten
       der sogenannten  Bundessitzungen einige Worte über die Versendung
       einer solchen  Flugschrift ein. Noch einmal geschah eine ähnliche
       Anfertigung unter  dem Namen  'An die Kinder des Volkes', und ich
       weiß nicht,  unter welcher Firma Herr Greif diesmal dieselbe ein-
       geliefert hat; später hörte dieses Kunststück auf, hauptsächlich,
       weil soviel Geld dabei zugesetzt ist."
       Cherval trifft nun in London ein nach seiner Scheinflucht aus Pa-
       ris, wird  vorläufig mit  Salär von  1 Pfd. 10 sh. wöchentlich an
       Greif attachiert,
       
       "wofür er  verpflichtet war,  Berichte über  den Verkehr zwischen
       der deutschen und französischen Emigration abzustatten".
       Im Arbeiterverein  öffentlich enthüllt und als Mouchard ausgesto-
       ßen".
       
       "stellte Cherval  aus sehr erklärlichen Gründen die deutsche Emi-
       gration und  ihre Organe so unbeachtenswert als möglich dar, weil
       es ihm ja nach dieser Seite hin total unmöglich war, auch nur et-
       was zu liefern. Dafür entwarf er dem Greif einen Bericht über die
       nichtdeutsche revolutionäre Partei, der über Münchhausen ging."
       
       Hirsch kehrt nun zu dem Kölner Prozeß zurück.
       
       "Schon oftmals  war Herr Greif über den Inhalt der in seinem Auf-
       trag von  Fleury verfertigten Bundesberichte, soweit sie den Köl-
       ner Prozeß  betrafen, interpelliert worden... Auch bestimmte Auf-
       träge liefen  über diesen  Gegenstand ein, einmal sollte Marx mit
       Lassalle unter einer Adresse 'Trinkhaus' korrespondieren, und der
       Herr Staatsprokurator  wünschte darüber  Recherchen angestellt zu
       sehn... Naiver  erscheint ein Gesuch des Herrn Staatsprokurators,
       in welchem  er gern  genaue Aufklärung über die Geldunterstützun-
       gen, die  Lassalle in  Düsseldorf dem gefangnen Röser in Köln zu-
       kommen lasse, zu erhalten wünschte... das Geld sollte nämlich ei-
       gentlich aus London kommen."
       
       Es ist  bereits Abschnitt  III, 4  (des "Herr Vogt") erwähnt, wie
       Fleury in  Hinckeldeys Auftrag  eine Person  in London auftreiben
       sollte, die  den verschwundenen  Zeugen Haupt  vor dem Kölner Ge-
       schworenengericht vorstelle  usw. Nach  ausführlicher Darstellung
       dieses Zwischenfalls fährt Hirsch fort:
       "Herr Stieber  hatte inzwischen  an Greif das dringende Verlangen
       gestellt, womöglich  Originalprotokolle über  die von  ihm einge-
       sandten Bundessitzungen  zu liefern.  Fleury meinte, wenn man nur
       irgendwie Leute  zur Verfügung hätte, würde er ein Originalproto-
       koll zustande  bringen. Namentlich  aber müsse  man die  H a n d-
       s c h r i f t e n   e i n i g e r   F r e u n d e  v o n  M a r x
       h a b e n.   Diese  letztere  Bemerkung  benutzte  ich  und  wies
       meinerseits die  Zumutung zurück;  nur noch einmal kam Fleury auf
       diesen Gegenstand  zu  sprechen,  dann  aber  schwieg  er  davon.
       Plötzlich trat  um diese Zeit Herr Stieber in Köln mit einem Pro-
       tokollbuch des in London tagenden Bundes-Zentralvereins hervor...
       Noch mehr  erstaunte ich,  als ich in den durch die Journale aus-
       züglich mitgeteilten  Protokollen fast  aufs Haar  die in  Greifs
       Auftrag durch  Fleury gefälschten  Berichte erkannte.  Herr Greif
       oder Herr  Stieber selbst  hatten also  doch auf irgendeinem Wege
       eine   A b s c h r i f t  bewerkstelligt,  d e n n  d i e  P r o-
       t o k o l l e   i n   d i e s e m   a n g e b l i c h e n  O r i-
       g i n a l e   t r u g e n   U n t e r s c h r i f t e n,    d i e
       v o n   F l e u r y   e i n g e r e i c h t e n  W a r e n  n i e
       m i t  s o l c h e n  v e r s e h n.  Von Fleury
       
       #570# Beilagen
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       selbst erfuhr  ich über  diese wunderbare  Erscheinung nur,  'daß
       Stieber alles  zu machen  wisse, die  Geschichte werde Furore ma-
       chen'!"
       Sobald Fleury erfuhr, daß "Marx" die wirklichen Handschriften der
       angeblichen  Protokollunterzeichner   (Liebknecht,  Rings,  Ulmer
       etc.) vor  einem  Londoner  Policecourt  1*)  legalisieren  ließ,
       verfaßte er folgenden Brief:
       "An das  hohe Königl.  Polizeipräsidium in Berlin. London d.d; In
       der Absicht,  die Unterschriften der Unterzeichner der Bundespro-
       tokolle als  gefälscht darzustellen, beabsichtigen Marx und seine
       Freunde  hier   die  Legalisation   von  Handschriften   zu   be-
       werkstelligen, die  dann als  die wirklich  echten Signaturen dem
       Assisenhofe vorgelegt  werden sollen.  Jeder, der  die englischen
       Gesetze kennt, weiß auch, daß sie sich in dieser Beziehung wenden
       und drehn  lassen und  daß derjenige, welcher die Echtheit garan-
       tiert, im  Grunde genommen  eigentlich keine  Bürgschaft leistet.
       Derjenige, welcher  diese Mitteilung macht, scheut sich nicht, in
       einer Sache,  wo es sich um die Wahrheit handelt, seinen Namen zu
       unterzeichnen. Becker, 4, Litchfield Street."
       "Fleury wußte  die Adresse  Beckers, eines deutschen Flüchtlings,
       der mit  Willich in  demselben Hause  wohnte,  so  daß  späterhin
       leicht der  Verdacht der Urheberschaft auf diesen, als einen Geg-
       ner von Marx, fallen konnte... Fleury freute sich schon im voraus
       über den  Skandal, den  das dann anrichten werde. Der Brief würde
       dann natürlich  so spät  verlesen werden,  meinte er, daß etwaige
       Zweifel über  seine Echtheit  erst dann  erledigt werden könnten,
       wenn der  Prozeß bereits beendigt sei.,. Der Brief, unterzeichnet
       Becker, war  an das  P o l i z e i p r ä s i d i u m  i n  B e r-
       l i n   gerichtet, ging  aber nicht  nach Berlin, sondern 'an den
       Polizeibeamten  Goldheim,  Frankfurter  Hof  in  Köln',  und  ein
       K u v e r t  z u  d i e s e m  B r i e f  ging an das Polizeiprä-
       sidium zu Berlin mit der Bemerkung auf einem einliegenden Zettel:
       'H e r r   S t i e b e r   z u   K ö l n   w i r d    g e n a u e
       A u s k u n f t   ü b e r   d e n  Z w e c k  g e b e n...'  Herr
       Stieber hat  keinen Gebrauch  von dem  Briefe gemacht;  er konnte
       keinen Gebrauch  davon machen,  weil er  gezwungen war, das ganze
       P r o t o k o l l b u c h  fallenzulassen."
       
       In bezug auf letztres sagt Hirsch:
       
       "Herr Stieber  erklärt" (vor Gericht), "er habe dasselbe vierzehn
       Tage vorher  in Händen  gehabt und sich besonnen, ehe er Gebrauch
       davon gemacht;  er erklärt  weiter, es sei ihm durch einen Kurier
       in der  Person Greifs  zugekommen... Greif hätte ihm mithin seine
       eigne Arbeit überbracht; - wie stimmt dies aber mit einem Schrei-
       ben des Herrn Goldheim überein? Herr Goldheim schreibt an die Ge-
       sandtschaft: 'Man  habe das Protokollbuch nur deshalb so spät ge-
       bracht, um dem Erfolge etwaiger Interpellationen über seine Echt-
       heit zu entgehn..."
       Freitag, den 29. Oktober, langte Herr Goldheim in London an.
       "Herr Stieber  hatte nämlich  die Unmöglichkeit  vor  Augen,  die
       Echtheit  des   Protokollbuchs  aufrechterhalten  zu  können,  er
       schickte deshalb  einen Deputierten,  um an  Ort und  Stelle  mit
       Fleury darüber zu verhandeln; die Frage war, ob man nicht auf ir-
       gendeinem Wege eine Beweisführung herbeischaffen könne. Seine Be-
       sprechungen blieben  fruchtlos, und  er reiste resultatlos wieder
       ab, indem  er Fleury  in einer verzweifelten Stimmung zurückließ;
       Stieber war  nämlich entschlossen, in dem Falle, um nicht die Po-
       lizeichefs zu  kompromittieren, ihn  bloßzustellen. Daß  dies der
       Grund der
       -----
       1*) Polizeigericht
       
       #571# Kölner Kommunistenprozeß
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       Unruhe Fleurys war, lehrte mich erst die bald darauf folgende Er-
       klärung des  Herrn Stieber. Bestürzt griff Herr Fleury nun zu ei-
       nem letzten Mittel; er brachte mir eine Handschrift, nach welcher
       ich eine  Erklärung kopieren und mit dem Namen Liebknecht versehn
       dann vor dem Lord Mayor 1*) von London, unter der Angabe, daß ich
       Liebknecht sei,  beschwören solle ... Fleury sagte mir, die Hand-
       schrift rühre von demjenigen her, der das Protokollbuch geschrie-
       ben habe,  Und Herr  Goldheim habe  sie" (aus Köln) "mitgebracht.
       Wie aber,  wenn Herr  Stieber das  Protokollbuch per Kurier Greif
       aus London  empfangen hatte,  wie konnte Herr Goldheim in dem Au-
       genblicke, als  Greif bereits  wieder in  London war;  eine Hand-
       schrift des  angeblichen Protokollisten  aus Köln überbringen?...
       Was Fleury  mir gab,  waren nur einige Worte und die Signatur..."
       Hirsch "kopierte  die Handschrift  möglichst ähnlich und erklärte
       in derselben, daß der Unterzeichnete, Liebknecht nämlich; die von
       Marx und  Konsorten geschehene  Legalisation seiner  Unterschrift
       für falsch und diese, seine Signatur, für die einzig richtige er-
       kläre. Als ich meine Arbeit vollendet und die Handschrift in Hän-
       den hatte"  (nämlich die ihm zur Kopie von Fleury übergebne Hand-
       schrift), "die ich glücklicherweise noch gegenwärtig besitze, äu-
       ßerte ich Fleury zu seinem nicht geringen Erstaunen mein Bedenken
       Und schlug  ihm sein  Gesuch rundweg ab. Untröstlich anfangs, er-
       klärte er mir dann, daß er selbst die Beeidigung leisten werde...
       Der  Sicherheit  halber,  meinte  er,  werde  er  die    H a n d-
       s c h r i f t   v o m  p r e u ß i s c h e n  K o n s u l  k o n-
       t r a s i g n i e r e n   l a s s e n,  und er begab sich deshalb
       zunächst auf  das Büro  desselben. Ich  erwartete  ihn  in  einer
       Taverne; als  er zurückkam,  hatte er  die Kontrasignatur bewerk-
       stelligt, worauf  er sich  in der Absicht der Beeidigung zum Lord
       Mayor begab.  Aber die  Sache ging  nicht auf  dem Wege; der Lord
       Mayor verlangte  weitere Bürgschaften,  die Fleury  nicht leisten
       konnte, und  der Eidschwur  unterblieb... Spätabends sah ich noch
       einmal und  damit zum letztenmal den Herrn de Fleury. Grade heute
       hatte  er  die  üble  Überraschung  gehabt,  in  der  'Kölnischen
       Zeitung' die  ihn betreffende  Erklärung des Herrn Stieber zu le-
       sen! 'Aber  ich weiß,  Stieber konnte nicht anders, er hätte sich
       sonst selbst kompromittieren müssen', trostphilosophierte Herr de
       Fleury sehr richtig... 'In Berlin werde ein Schlag geschehn, wenn
       die Kölner  verurteilt wären',  sagte mir Herr de Fleury an einem
       der letzten Tage, die ich ihn sah."
       
       Fleurys letzte  Zusammenkünfte mit  Hirsch fanden  statt Ende Ok-
       tober 1852; Hirschs Selbstbekenntnisse sind datiert Ende November
       1852;  und   Ende  März  1853  geschah  der  "Schlag  in  Berlin"
       (Ladendorfsche Verschwörung [352]). 2*)
       Es wird  nun den  Leser interessieren,  zu sehn,  welches Zeugnis
       Stieber selbst  seinen  beiden  Spießgesellen  Fleury-Krause  und
       Hirsch ausstellt.  Über ersteren  heißt es im Schwarzen Buch, II,
       S. 69 [295]:
       
       "Nr. 345.  Krause, Carl Friedrich August, aus Dresden. Er ist der
       Sohn des  im Jahre 1834 wegen Teilnahme an der Ermordung der Grä-
       fin Schönberg  zu Dresden hingerichteten früheren Ökonomen, dann"
       (nach seiner Hinrichtung?) "Getreidemäklers
       -----
       1*) Oberbürgermeister - 2*) bis hier in der Erstausgabe von "Herr
       Vogt" 1860;  das Folgende  wurde von  Engels bei der Wiederveröf-
       fentlichung  in  "Enthüllungen  über  den  Kommunisten-Prozeß  zu
       Köln", Hottingen-Zürich 1885, hinzugefügt.
       
       #572# Beilagen
       -----
       Friedrich August  Krause und  der noch  lebenden Witwe desselben,
       Johanna Rosine  geb. Göllnitz, und am 9. Januar 1824 in den Wein-
       bergshäusern bei  Coswig ohnweit Dresden geboren. Seit 1. Oktober
       1832 besuchte  er die  Armenschule zu  Dresden, wurde 1836 in das
       Waisenhaus  zu   Antonstadt-Dresden  aufgenommen  und  1840  kon-
       firmiert. Dann  kam er  zum Kaufmann  Gruhle zu  Dresden  in  die
       Lehre, im  folgenden Jahre  aber schon wegen  m e h r f a c h e r
       E n t w e n d u n g e n   beim Stadtgerichte in Dresden in Unter-
       suchung und  Haft, worauf ihm der erlittene Arrest als Strafe an-
       gerechnet wurde.  Nach der  Entlassung hielt  er sich  bei seiner
       Mutter geschäftslos  auf, kam  im März 1842 wegen eines  D i e b-
       s t a h l s   m i t  E i n b r u c h  wieder in Haft und Untersu-
       chung und  erlitt  eine  ihm  zuerkannte    v i e r j ä h r i g e
       Z u c h t h a u s s t r a f e.   Am 23.  Oktober 1846  kam er aus
       der Strafanstalt  nach  Dresden  zurück  und    v e r k e h r t e
       n u n   u n t e r   d e n   b e r ü c h t i g t s t e n    D i e-
       b e n.   Darauf nahm  der Verein  für entlassene  Sträflinge sich
       seiner an  und brachte  ihn als Zigarrenmacher unter, als welcher
       er bis  März 1848  ohne  Unterbrechung  mit  leidlichem  Betragen
       gearbeitet hat.  Doch nun  gab er  sich von  neuem dem  Hang  zur
       Arbeitslosigkeit hin  und besuchte  die politischen Vereine" (als
       Regierungsspion, wie  er selbst  dem Hirsch in London gestand, s.
       oben). "Anfang  1849 wurde  er Kolporteur  der von  dem jetzt  in
       Amerika befindlichen  republikanischen Literaten E. L. Wittig aus
       Dresden redigierten.  Dresdner Zeitung",  beteiligte sich  im Mai
       1849  als  Kommandant  der  Barrikade  an  der  Sophienstraße  am
       Dresdner Aufstand  und floh  nach  Unterdrückung  desselben  nach
       Baden,  wo  er  namentlich  mit  Vollmachten  der  provisorischen
       badischen Regierung  vom 10.  und 23. Juni 1849 behufs Ausführung
       des Aufgebots  zum Landsturm  und behufs  Erpressung von  Lebens-
       mitteln für  die Insurgenten auftrat, vom preußischen Militär ge-
       fangengenommen wurde, am 8. Oktober 1849 aus Rastatt entsprang."
       
       (Ganz wie  später Cherval  aus Paris  "entsprang". Nun kommt aber
       das echte  duftige Polizeiblümlein - man vergesse nicht, daß dies
       zwei Jahre nach dem Kölner Prozeß gedruckt wurde.)
       
       "Zufolge einer  in Nr.  39 des 'Berliner Publizisten' vom 15. Mai
       1853 enthaltnen  Nachricht, welche  aus dem  in New York im Druck
       erschienenen Werk des Handlungsdieners Wilhelm Hirsch aus Hamburg
       'Die Opfer  der Spionage' entnommen ist" (du ahnungsvoller Engel,
       du Stieber!),  "trat Krause Ende 1850 oder anfangs 1851 in London
       unter dem  Namen Charles de Fleury als politischer Flüchtling auf
       und hat  zuerst in  ärmlichen Verhältnissen gelebt, ist seit 1851
       aber in  bessere Lage  gekommen, indem er nach seiner Aufnahme in
       den Kommunistenbund"  (die Stieber  hinzulügt) "verschiedenen Re-
       gierungen als  Agent gedient  hat, wobei er sich aber mannigfache
       Schwindeleien hat zuschulden kommen lassen."
       
       So bedankt  sich Stieber  bei seinem Freund Fleury, der übrigens,
       wie oben  erwähnt, wenige Monate nach dem Kölner Prozeß in London
       wegen Fälschung  zu  verschiedenen  Jahren  Zuchthaus  verurteilt
       wurde.
       Von Ehren-Hirsch heißt es ebendaselbst, S. 58:
       "Nr. 265.  Hirsch, Wilhelm,  Handlungsdiener aus  Hamburg. Er hat
       sich, wie  es scheint,  nicht als  Flüchtling" (wozu  diese  ganz
       zwecklose Lüge?  Goldheim hatte  ihn ja in Hamburg verhaften wol-
       len!), "sondern  freiwillig nach  London gewendet, dort aber viel
       mit den  Flüchtlingen verkehrt, namentlich hatte er sich der Kom-
       munistenpartei angeschlossen. Er entwickelte eine doppelte Rolle.
       Einmal nahm  er teil  an den  Bestrebungen der Umsturzpartei, zum
       andern bot er sich den Kontinentalregierungen als
       
       #573# Kölner Kommunistenprozeß
       -----
       Spion sowohl  gegen politische  Verbrecher als auch gegen Falsch-
       münzer an.  Er hat  in dieser  letzten Beziehung aber die ärgsten
       Betrügereien und  Schwindeleien, namentlich  Fälschungen, verübt,
       so daß  vor ihm  nicht genug gewarnt werden kann. Er hat sogar im
       Verein mit  ähnlichen Subjekten  selbst falsches  Papiergeld  ge-
       macht, nur  um für  hohe Bezahlung  den Polizeibehörden angeblich
       Falschmünzereien zu  entdecken. Er  wurde allmählich  von  beiden
       Seiten"  (von  den  polizeilichen  wie  von  den  unpolizeilichen
       Falschmünzern?) "erkannt  und hat sich jetzt von London nach Ham-
       burg zurückgezogen, wo er in dürftigen Umständen lebt."
       So  weit   Stieber  über   seine   Londoner   Handlanger,   deren
       "Wahrhaftigkeit und  Zuverlässigkeit" zu beschwören er nicht müde
       wird. Interessant ist dabei besonders die absolute Unmöglichkeit,
       in der  sich dieser  Musterpreuße befindet, die einfache Wahrheit
       zu sagen.  Zwischen die  aus den  Akten hineingenommenen - wahren
       und falschen  - Tatsachen  kann er  es nicht  lassen, selbst ganz
       zwecklose Lügen hineinzustiebern. Und darin, daß auf die Aussagen
       solcher gewerbsmäßigen Lügner - sie sind heute zahlreicher als je
       - Hunderte  von Leuten  zu Gefängnis verurteilt werden, darin be-
       steht das, was man heute Staatsrettung nennt.
       
       #574#
       -----
       Karl Marx
       
       Nachwort [zu  "Enthüllungen über  den Kommunisten-Prozeß zu Köln"
       (1875)]
       
       Die "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln" 1*), deren
       Wiederveröffentlichung  der   "Volksstaat"  [353]  für  zeitgemäß
       hielt, erschienen  uuprünglich zu  Boston, Massachusetts,  und zu
       Basel. Letztere Auflage ward größtenteils an der deutschen Grenze
       konfisziert, Die  Schrift sah das Licht wenige Wochen nach Schluß
       des Prozesses. Damals galt es vor allem,  keine Zeit zu verlieren
       und war  daher mancher Irrtum im einzelnen unvermeidlich. So z.B.
       in der  Namensangabe der  Kölner Geschworenen.  So soll  nicht M.
       Heß, sondern  ein gewisser Levy der Verfasser des roten Katechis-
       mus sein.  [354] So  versichert W.  Hirsch in seiner "Rechtferti-
       gungsschrift", Chervals  Flucht aus  dem  Pariser  Gefängnis  sei
       zwischen Greif,  der französischen  Polizei  und  Cherval  selbst
       abgekartet worden, um letzteren während der Gerichtsverhandlungen
       als Mouchard  zu London  verwenden zu  können. Es  ist dies wahr-
       scheinlich, weil  eine in  Preußen begangene Wechselfälschung und
       die daraus entspringende Gefahr der Auslieferung den Crämer (dies
       der wirkliche Name Chervals) kirren mußten. Meine Darstellung des
       Vorganges beruht  auf  "Selbstgeständnissen"  Chervals  an  einen
       meiner Freunde. Hirschs Angabe wirft ein noch grelleres Licht auf
       Stiebers Meineid,  die Ränke  der  preußischen  Gesandtschaft  zu
       London und zu Paris, die schamlosen Eingriffe Hinckeldeys.
       Als der  "Volksstaat" das  Pamphlet in seinen Spalten abzudrucken
       begann, schwankte  ich einen Augenblick, ob es nicht passend sei,
       Abschnitt VI (Fraktion Willich-Schapper) wegzulassen. Bei näherem
       Erwägen jedoch  erschien jede  Verstümmelung des  Textes als Fäl-
       schung eines historischen Dokuments.
       Der gewaltsame  Niederschlag einer  Revolution läßt in den Köpfen
       ihrer Mitspieler,  namentlich der  vom heimischen  Schauplatz ins
       Exil geschleuderten,  eine Erschütterung  zurück,  welche  selbst
       tüchtige Persönlichkeiten für kürzere oder längere Zeit sozusagen
       unzurechnungsfähig macht. Sie können
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 405-470
       
       #575# Nachwort zu: Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß...
       -----
       sich nicht  in den  Gang der  Geschichte finden, sie wollen nicht
       einsehen, daß  sich die  Form der  Bewegung verändert  hat. Daher
       Konspirations- und Revolutionsspielerei, gleich kompromitrierlich
       für sie  selbst und  die Sache, in deren Dienst sie stehen; daher
       auch die  Fehlgriffe Schappers und Willichs. Willich hat im nord-
       amerikanischen Bürgerkriege gezeigt, daß er mehr als ein Phantast
       ist, und  Schapper, lebenslang  Vorkämpfer der  Arbeiterbewegung,
       erkannte und bekannte, bald nach Ende des Kölner Prozesses, seine
       augenblickliche Verirrung. Viele Jahre später, auf seinem Sterbe-
       bett, einen Tag vor seinem Tode, sprach er mir noch mit beißender
       Ironie von  jener Zeit  der "Flüchtlingstölpelei". - Andererseits
       erklären die  "Umstände, in denen die "Enthüllungen" verfaßt wur-
       den, die  Bitterkeit des Angriffs auf die unfreiwilligen Helfers-
       helfer des  gemeinsamen Feindes.  In Augenblicken  der Krise wird
       Kopflosigkeit zum Verbrechen an der Partei, das öffentliche Sühne
       herausfordert.
       "D i e   g a n z e  E x i s t e n z  d e r  p o l i t i s c h e n
       P o l i z e i   h ä n g t   v o n  d e r  E n t s c h e i d u n g
       d i e s e s  P r o z e s s e s  a b!"  In diesen Worten, die Hin-
       ckeldey während  der  Kölner  Gerichtsverhandlungen  an  die  Ge-
       sandtschaft zu  London schrieb  (siehe meine Schrift "Herr Vogt",
       pag. 27  1*)), verriet er das Geheimnis des Kommunistenprozesses.
       "Die ganze  Existenz der  politischen Polizei", das ist nicht nur
       die Existenz  und Tätigkeit  des mit diesem Fache unmittelbar be-
       trauten Personals. Es ist die Unterordnung der ganzen Regierungs-
       maschinerie mit Einschluß der Gerichte (siehe das preußische Dis-
       ziplinargesetz für  die richterlichen  Beamten vom  7.  Mai  1851
       [288]) und  der Presse  (siehe Reptilienfonds  [355]) unter jenes
       Institut, wie das gesamte Staatswesen in Venedig der Staatsinqui-
       sition unterworfen war. Die politische Polizei, während des Revo-
       lutionssturms in Preußen lahmgelegt, bedurfte einer Umgestaltung,
       für welche  das zweite  französische Kaiserreich mustergültig war
       und blieb.
       Nach dem  Untergange der Revolution von 1848 existierte die deut-
       sche Arbeiterbewegung  nur noch unter der Form theoretischer, zu-
       dem in  enge Kreise  gebannter Propaganda,  über deren praktische
       Gefahrlosigkeit die  preußische Regierung  sich keinen Augenblick
       täuschte. Ihr  galt die  Kommunistenhetze nur  als Einleitung zum
       Reaktionskreuzzug gegen  die liberale  Bourgeoisie, und die Bour-
       geoisie selbst  stählte die Hauptwaffe dieser Reaktion, die poli-
       tische Polizei,  durch die Verurteilung der Arbeitervertreter und
       die Freisprechung  von Hinckeldey-Stieber.  So verdiente  Stieber
       seine Rittersporen  vor den  Assisen zu  Köln. Damals war Stieber
       der Name  eines untergeordneten  Polizei-Individuums, auf  wilder
       Jagd nach  Gehalts- und  Amtserhöhung; jetzt bedeutet Stieber die
       unbeschränkte Herrschaft  der politischen Polizei im neuen heili-
       gen preußisch-deutschen  Reiche. Er  hat sich so gewissermaßen in
       eine moralische  Person verwandelt,  moralisch in  dem bildlichen
       Sinne, wie  z.B. der  Reichstag ein  moralisches Wesen  ist.  Und
       diesmal
       -----
       1*) Ausgabe 1860
       
       #576# Beilagen
       -----
       schlägt die  politische Polizei  nicht auf  den Arbeiter,  um den
       Bourgeois zu  treffen. Umgekehrt. Grade in seiner Eigenschaft als
       Diktator der  deutsch-liberalen Bourgeoisie  wähnt Bismarck  sich
       stark genug,  die Arbeiterpartei aus der Welt stiebern zu können.
       An dem  Wachstum der  Größe Stieber kann das deutsche Proletariat
       daher den Fortschritt der Bewegung messen, die es selbst seit dem
       Kölner Kommunistenprozeß zurückgelegt hat.
       Die Unfehlbarkeit  des Papstes  ist eine  Kinderei verglichen mit
       der Unfehlbarkeit der politischen Polizei. Nachdem sie in Preußen
       während ganzer  Dezennien jugendliche  Brauseköpfe ins  Loch  ge-
       steckt, von  wegen Schwärmerei  für deutsche  Einheit,  deutsches
       Reich, deutsches Kaisertum, kerkert sie heuerig sogar alte Glatz-
       köpfe ein,  die für  jene Gottesgaben  zu  schwärmen  verweigern.
       Heute müht  sie sich  ebenso vergeblich  ab,  d i e  R e i c h s-
       f e i n d e   auszuroden, wie  damals die  R e i c h s f r e u n-
       d e.   Welch schlagender  Beweis, daß sie nicht dazu berufen ist,
       Geschichte zu  machen, wäre  es auch nur die Geschichte des Zanks
       um des Kaisers Bart!
       Der Kommunistenprozeß  zu Köln selbst brandmarkt die Ohnmacht der
       Staatsmacht in  ihrem Kampf  gegen die gesellschaftliche Entwick-
       lung. Der  kgl. preußische Staatsanwalt begründete die Schuld der
       Angeklagten schließlich  damit, daß  sie  die  staatsgefährlichen
       Prinzipien des  "Kommunistischen Manifestes"  heimlich verbreite-
       ten. Und  werden trotzdem dieselben Prinzipien zwanzig Jahre spä-
       ter nicht in Deutschland auf offener Straße verkündet? Erschallen
       sie nicht selbst von der Tribüne des Reichstags? Haben sie in der
       Gestalt des  Programms der  Internationalen  Arbeiterassoziation"
       [356] nicht die Reise um die Welt gemacht, allen Regierungssteck-
       briefen zum  Trotz? Die  Gesellschaft findet nun einmal nicht ihr
       Gleichgewicht, bis sie sich um die Sonne der Arbeit dreht.
       Die "Enthüllungen" sagen am Schluß: "Jena! ... das ist das letzte
       Wort für eine Regierung, die solcher Mittel zum Bestehen, und für
       eine Gesellschaft,  die solch einer Regierung zum Schutze bedarf.
       Das ist  das letzte  Wort des  Kommunistenprozesses -  Jena!" 1*)
       Eine  gelungene   Vorhersage  dies,   kichert  der   erste  beste
       Treitschke mit stolzem Hinweis auf Preußens jüngste Waffentat und
       das Mausergewehr.  Mir genügt  zu erinnern,  daß es nicht nur ein
       i n n e r e s   D ü p p e l   [357] gibt,  sondern auch ein  i n-
       n e r e s  J e n a  [306].
       London, den 8, Januar 1875
       Karl Marx
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 470
       
       #577#
       -----
       Friedrich Engels
       
       Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
       
       [Einleitung zum  neuen Abdruck  von Marx'  "Enthüllungen über den
       Kommunisten-Prozeß zu Köln" (1885)]
       
       Mit der  Verurteilung der  Kölner Kommunisten 1852 fällt der Vor-
       hang über die erste Periode der deutschen selbständigen Arbeiter-
       bewegung. Diese Periode ist heute fast vergessen. Und doch währte
       sie von 1836 bis 1852, und die Bewegung spielte, bei der Verbrei-
       tung der  deutschen Arbeiter im Ausland, in fast allen Kulturlän-
       dern. Und damit nicht genug. Die heutige internationale Arbeiter-
       bewegung ist  der Sache nach eine direkte Fortsetzung der damali-
       gen deutschen, welche die  e r s t e  i n t e r n a t i o n a l e
       A r b e i t e r b e w e g u n g   überhaupt war und aus der viele
       der Leute  hervorgingen, die in der Internationalen Arbeiterasso-
       ziation die  leitende Rolle  übernahmen.  Und  die  theoretischen
       Grundsätze, die  der Bund  der  Kommunisten  im  "Kommunistischen
       Manifest" von  1847[3581 auf  die Fahne schrieb, bilden heute das
       stärkste internationale  Bindemittel der  gesamten proletarischen
       Bewegung Europas wie Amerikas.
       Bis jetzt gibt es für die zusammenhängende Geschichte jener Bewe-
       gung nur  eine Hauptquelle.  Es ist das sogenannte Schwarze Buch:
       "Die Communisten-Verschwörungen  des 19.  Jahrhunderts". Von Wer-
       muth und  Stieber. Berlin. 2 Theile, 1853 und 1854. Dies von zwei
       der elendesten Polizeilumpen unsres Jahrhunderts zusammengelogne,
       von absichtlichen  Fälschungen  strotzende  Machwerk  dient  noch
       heute allen  nichtkommunistischen Schriften  über jene  Zeit  als
       letzte Quelle.
       Was ich hier geben kann, ist nur eine Skizze, und auch diese nur,
       soweit der Bund selbst in Betracht kommt; nur das zum Verständnis
       der "Enthüllungen"  1*) absolut  Notwendige. Es wird mir hoffent-
       lich noch  vergönnt sein,  das von Marx und mir gesammelte reich-
       haltige Material  zur Geschichte  jener ruhmvollen Jugendzeit der
       internationalen Arbeiterbewegung einmal zu verarbeiten.
       
                                    ---
       
       Aus dem  im Jahr 1834 in Paris von deutschen Flüchtlingen gestif-
       teten demokratisch-republikanischen  Geheimbund der  "Geächteten"
       sonderten sich 1836 die extremsten, meist proletarischen Elemente
       aus und bildeten
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 405-470
       
       #578# Beilagen
       -----
       den neuen  geheimen  B u n d  d e r  G e r e c h t e n.  Der Mut-
       terbund, worin  nur die  schlafmützigsten Elemente  à la  Jacobus
       Venedey zurückgeblieben,  schlief bald  ganz ein: Als die Polizei
       1840 einige  Sektionen in Deutschland aufschnüffelte, war er kaum
       noch ein  Schatten. Der  neue Bund  dagegen entwickelte sich ver-
       hältnismäßig rasch. Ursprünglich war er ein deutscher Ableger des
       an babouvistische  Erinnerungen anknüpfenden französischen Arbei-
       terkommunismus, der  sich um  dieselbe Zeit  in Paris ausbildete;
       die Gütergemeinschaft  wurde gefordert  als notwendige  Folgerung
       der "Gleichheit". Die Zwecke waren die der gleichzeitigen Pariser
       geheimen Gesellschaften:  halb Propagandaverein,  halb  Verschwö-
       rung, wobei jedoch Paris immer als Mittelpunkt der revolutionären
       Aktion galt,  obgleich die Vorbereitung gelegentlicher Putsche in
       Deutschland keineswegs ausgeschlossen war. Da aber Paris das ent-
       scheidende Schlachtfeld  blieb, war  der Bund  damals tatsächlich
       nicht viel mehr als der deutsche Zweig der französischen geheimen
       Gesellschaften, namentlich  der von Blanqui und Barbès geleiteten
       Société des saisons 1*), mit der ertger Zusammenhang bestand. Die
       Franzosen schlügen  los am 12. Mai 1839; die Sektionen des Bundes
       marschierten mit  und wurden so in die gemeinsame Niederlage ver-
       wickelt.
       Von den  Deutschen waren  namentlich Karl  Schapper und  Heinrich
       Bauer ergriffen  worden; die  Regierung Louis-Philippes  begnügte
       sich damit, sie nach längerer Haft auszuweisen. Beide gingen nach
       London. Schapper  aus Weilburg  in Nassau, als Student der Forst-
       wissenschaft in  Gießen 1832  Mitglied der  von Georg Büchner ge-
       stifteten Verschwörung  [359], machte  am 3. April 1833 den Sturm
       auf die Frankfurter Konstablerwache [360] mit, entkam ins Ausland
       und beteiligte  sich im Februar 1834 an Mazzinis Zug nach Savoyen
       [215]. Ein Hüne von Gestalt, resolut und energisch, stets bereit,
       bürgerliche Existenz und Leben in die Schanze zu schlagen, war er
       das Musterbild  des Revolutionärs  von Profession,  wie er in den
       dreißiger Jahren  eine Rolle  spielte. Bei einer gewissen Schwer-
       fälligkeit des  Denkens war  er keineswegs besserer theoretischer
       Einsicht unzugänglich,  wie schon  seine Entwicklung  vom  "Dema-
       gogen" [181]  zum Kommunisten  beweist,  und  hielt  dann  um  so
       starrer am  einmal Erkannten.  Eben deshalb  ging  seine  revolu-
       tionäre Leidenschaft zuweilen mit seinem Verstände durch; aber er
       hat stets  seinen Fehler  nachher eingesehn und offen bekannt. Er
       war ein  ganzer Mann,  und was  er zur  Begründung der  deutschen
       Arbeiterbewegung getan, bleibt unvergeßlich.
       Heinrich Bauer aus Franken war Schuhmacher; ein lebhaftes, aufge-
       wecktes, witziges  Männchen, in  dessen kleinem Körper aber eben-
       falls viel Schlauheit und Entschlossenheit steckte.
       In London angekommen, wo Schapper, der in Paris Schriftsetzer ge-
       wesen, nun  als Sprachlehrer  seinen Unterhalt  suchte,  knüpften
       beide die
       -----
       1*) Gesellschaft der Jahreszeiten
       
       #579# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       abgerissenen Bundesfäden  wieder zusammen  und machten nun London
       zum Zentrum  des Bundes.  Zu ihnen gesellte sich hier, wenn nicht
       schon früher  in Paris, Joseph Moll, Uhrmacher aus Köln, ein mit-
       telgroßer Herkules  -  er  und  Schapper  haben,  wie  oft!  eine
       Saaltüre gegen  Hunderte andringender  Gegner siegreich behauptet
       -,  ein   Mann,  der   seinen  beiden  Genossen  an  Energie  und
       Entschlossenheit mindestens  gleichkam, sie  aber  geistig  beide
       übertraf. Nicht  nur, daß  er  geborner  Diplomat  war,  wie  die
       Erfolge seiner  zahlreichen Missionsreisen  bewiesen; er War auch
       theoretischer Einsicht  leichter zugänglich.  Ich lernte sie alle
       drei 1843  in London  kennen; es  waren die ersten revolutionären
       Proletarier, die  ich sah;  und soweit  auch im  einzelnen damals
       unsre  Ansichten   auseinandergingen  -   denn  ich   trug  ihrem
       bornierten Gleichheitskommunismus  *) damals  noch ein  gut Stück
       ebenso bornierten  philosophischen Hochmuts  entgegen -, so werde
       ich doch nie den imponierenden Eindruck vergessen, den diese drei
       wirklichen Männer  auf mich machten, der ich damals eben erst ein
       Mann werden wollte.
       In London,  wie in  geringerm Maße  in der Schweiz, kam ihnen die
       Vereins- und Versammlungsfreiheit zugut; Schon am 7. Februar 1840
       wurde der  öffentliche Deutsche  Arbeiterbildungsverein [293] ge-
       stiftet, der  heute noch  besteht. Dieser  Verein diente dem Bund
       als Werbebezirk neuer Mitglieder, und da, wie immer, die Kommuni-
       sten die  tätigsten und intelligentesten Vereinsmitglieder waren,
       verstand es sich von selbst, daß seine Leitung ganz in den Händen
       des Bundes  lag. Der  Bund hatte bald mehrere Gemeinden oder, wie
       sie damals noch hießen, "Hütten" in London. Dieselbe auf der Hand
       liegende Taktik wurde in der Schweiz und anderswo befolgt. Wo man
       Arbeitervereine gründen konnte, wurden sie in derselben Weise be-
       nutzt. Wo  die Gesetze  dies verboten, ging man in Gesangvereine,
       Turnvereine u.  dgl. Die  Verbindung wurde  großenteils durch die
       fortwährend ab-  und zureisenden Mitglieder aufrechterhalten, die
       auch, wo  erforderlich, als  Emissäre fungierten.  In beiden Hin-
       sichten wurde der Bund lebhaft unterstützt durch die Weisheit der
       Regierungen, die jeden mißliebigen Arbeiter - und das war in neun
       Fällen aus  zehn ein  Bundesglied -  durch  Ausweisung  in  einen
       Emissär verwandelten.
       Die Ausbreitung  des wiederhergestellten  Bundes war  eine bedeu-
       tende. Namentlich  in der  Schweiz hatten Weitling, August Becker
       (ein höchst  bedeutender Kopf,  der aber an innerer Haltlosigkeit
       zugrunde ging  wie so viele Deutsche) und andre eine starke, mehr
       oder weniger  auf Weitlings kommunistisches System vereidigte Or-
       ganisation geschaffen.  Es ist  hier nicht der Ort, den Weitling-
       schen Kommunismus  zu kritisieren.  Aber für  seine Bedeutung als
       erste selbständige theoretische Regung des deutschen Proletariats
       unterschreibe
       ---
       *) Unter Gleichheitskommunismus  verstehe ich, wie gesagt; ledig-
       lich den Kommunismus, der sich ausschließlich oder vorwiegend auf
       die Gleichheitsforderung stützt.
       
       #580# Beilagen
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       ich noch  heute Marx' Worte im Pariser "Vorwärts" [361] von 1844:
       "Wo hätte  die" (deutsche)  "Bourgeoisie -  ihre Philosophen  und
       Schriftgelehrten eingerechnet  - ein ähnliches Werk wie Weitlings
       'Garantien der  Harmonie und  Freiheit'   i n   b e z u g   a u f
       d i e   E m a n z i p a t i o n   d e r  B o u r g e o i s i e  -
       die politische  Emanzipation -  aufzuweisen? Vergleicht  man  die
       nüchterne, kleinlaute  Mittelmäßigkeit der  deutschen politischen
       Literatur mit  diesem maßlosen und brillanten Debüt der deutschen
       Arbeiter; vergleicht  man diese   r i e s e n h a f t e n  K i n-
       d e r s c h u h e  d e s  P r o l e t a r i a t s  mit der Zwerg-
       haftigkeit der  ausgetretenen politischen Schuhe der Bourgeoisie,
       so muß  man dem  Aschenbrödel eine  Athletengestalt prophezeien."
       Diese Athletengestalt  steht heute  vor uns,  obwohl  noch  lange
       nicht ausgewachsen.
       Auch in Deutschland bestanden zahlreiche Sektionen, der Natur der
       Sache nach von vergänglicherer Natur; aber die entstehenden wogen
       die eingehenden  mehr als  auf. Die  Polizei entdeckte  erst nach
       sieben Jahren, Ende 1846, in Berlin (Mentel) und Magdeburg (Beck)
       eine Spur  des Bundes,  ohne imstande zu sein, sie weiter zu ver-
       folgen.
       In Paris  hatte der noch 1840 dort befindliche Weitling ebenfalls
       die zersprengten Elemente wieder gesammelt, ehe er in die Schweiz
       ging.
       Die Kerntruppe des Bundes waren die Schneider. Deutsche Schneider
       waren überall,  in der Schweiz, in London, in Paris. In letzterer
       Stadt war das Deutsche so sehr herrschende Sprache des Geschäfts-
       zweigs, daß  ich 1846 dort einen norwegischen, direkt zur See von
       Drontheim nach Frankreich gefahrnen Schneider kannte, der während
       18 Monaten  fast kein Wort Französisch, aber vortrefflich Deutsch
       gelernt hatte. Von den Pariser Gemeinden bestanden 1847 zwei vor-
       wiegend aus Schneidern, eine aus Möbelschreinern.
       Seit der  Schwerpunkt von  Paris nach  London verlegt,  trat  ein
       neues Moment  in den  Vordergrund: Der Bund wurde aus einem deut-
       schen allmählich  ein   i n t e r n a t i o n a l e r.  Im Arbei-
       terverein fanden  sich außer  Deutschen und  Schweizern auch Mit-
       glieder aller  jener Nationalitäten ein, denen die deutsche Spra-
       che vorwiegend  als Verständigungsmittel  mit Ausländern  diente,
       also namentlich  Skandinavier, Holländer, Ungarn, Tschechen, Süd-
       slawen, auch  Russen und Elsässer. 1847 war unter andern auch ein
       englischer Gardegrenadier  in Uniform regelmäßiger Stammgast. Der
       Verein nannte  sich bald:   K o m m u n i s t i s c h e r  Arbei-
       terbildungsverein, und  auf den  Mitgliedskarten stand  der Satz:
       "Alle Menschen  sind Brüder" in wenigstens zwanzig Sprachen, wenn
       auch hie und da nicht ohne Sprachfehler. Wie der öffentliche Ver-
       ein, so  nahm auch der geheime Bund bald einen mehr internationa-
       len Charakter an; zunächst noch in einem beschränkten Sinn, prak-
       tisch durch die verschiedene Nationalität der Mitglieder, theore-
       tisch durch  die Einsicht,  daß jede  Revolution, um siegreich zu
       sein, europäisch sein müsse. Weiter ging man noch nicht; aber die
       Grundlage war gegeben.
       Mit den französischen Revolutionären hielt man durch die Londoner
       Flüchtlinge, die Kampfgenossen vom 12. Mai 1839, enge Verbindung.
       Desgleichen
       
       #581# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       mit den  radikaleren Polen.  Die offizielle polnische Emigration,
       wie auch  Mazzini, waren  selbstverständlich mehr Gegner als Bun-
       desgenossen. Die  englischen Chartisten  wurden wegen  des spezi-
       fisch englischen  Charakters ihrer  Bewegung  als  unrevolutionär
       beiseite gelassen. Mit ihnen kamen die Londoner Leiter des Bundes
       erst später durch mich in Verbindung.
       Auch sonst  hatte sich der Charakter des Bundes mit den Ereignis-
       sen geändert. Obwohl man noch immer - und damals mit vollem Recht
       - auf  Paris als  die revolutionäre  Mutterstadt blickte, war man
       doch aus  der Abhängigkeit von den Pariser Verschwörern herausge-
       kommen. Die Ausbreitung des Bundes hob sein Selbstbewußtsein. Man
       fühlte, daß  man in  der deutschen  Arbeiterklasse mehr  und mehr
       Wurzel faßte und daß diese deutschen Arbeiter geschichtlich beru-
       fen seien,  den Arbeitern des europäischen Nordens und Ostens die
       Fahne voranzutragen.  Man hatte in Weitling einen kommunistischen
       Theoretiker, den  man seinen damaligen französischen Konkurrenten
       kühn an die Seite setzen durfte. Endlich war man durch die Erfah-
       rung vom  12. Mai  belehrt worden, daß es mit den Putschversuchen
       vorderhand nichts mehr sei. Und wenn man auch fortfuhr, jedes Er-
       eignis sich als Anzeichen des hereinbrechenden Sturms auszulegen,
       wenn man  die alten,  halb konspiratorischen  Statuten im  ganzen
       aufrechthielt, so  war das  mehr die  Schuld des alten revolutio-
       nären Trotzes,  der schon anfing, mit der sich aufdringenden bes-
       sern Einsicht in Kollision zu kommen.
       Dagegen hatte  die gesellschaftliche Doktrin des Bundes, so unbe-
       stimmt sie  war, einen  sehr großen,  aber in  den  Verhältnissen
       selbst begründeten  Fehler. Die  Mitglieder, soweit sie überhaupt
       Arbeiter, waren  fast ausschließlich  eigentliche Handwerker. Der
       Mann, der  sie ausbeutete,  war selbst  in den großen Weltstädten
       meist nur  ein kleiner Meister. Die Ausbeutung selbst der Schnei-
       derei auf  großem Fuß,  der jetzt  sogenannten Konfektion,  durch
       Verwandlung des  Schneiderhandwerks in Hausindustrie für Rechnung
       eines großen  Kapitalisten, war  damals sogar  in London  erst im
       Aufkeimen. Einerseits  war der  Ausbeuter dieser  Handwerker  ein
       kleiner Meister,  andrerseits hofften sie alle schließlich selbst
       kleine Meister  zu werden.  Und dabei klebten dem damaligen deut-
       schen Handwerker noch eine Masse vererbter Zunftvorstellungen an.
       Es gereicht  ihnen zur  höchsten Ehre,  daß sie,  die selbst noch
       nicht einmal  vollgültige Proletarier  waren, sondern  nur ein im
       Übergang ins moderne Proletariat begriffener Anhang des Kleinbür-
       gertums, der  noch nicht  in direktem  Gegensatz gegen  die Bour-
       geoisie, d.  h. das  große Kapital,  stand - daß diese Handwerker
       imstande waren,  ihre künftige  Entwicklung instinktiv zu antizi-
       pieren und,  wenn auch noch nicht mit vollem Bewußtsein, sich als
       Partei des  Proletariats  zu  konstituieren.  Aber  es  war  auch
       unvermeidlich, daß  ihre alten  Handwerkervorurteile ihnen  jeden
       Augenblick ein  Bein stellten, sobald es darauf ankam, die beste-
       hende Gesellschaft  im einzelnen zu kritisieren, d.h. ökonomische
       Tatsachen zu  untersuchen. Und  ich glaube  nicht, daß  im ganzen
       Bund damals ein einziger Mann war, der je ein Buch
       
       #582# Beilagen
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       über Ökonomie  gelesen  hatte.  Das  verschlug  aber  wenig;  die
       "Gleichheit", die "Brüderlichkeit" und die "Gerechtigkeit" halfen
       einstweilen über jeden theoretischen Berg.
       Inzwischen hatte  sich neben dem Kommunismus des Bundes und Weit-
       lings ein  zweiter, wesentlich  verschiedner herausgebildet,  Ich
       war in  Manchester mit  der Nase  darauf gestoßen worden, daß die
       Ökonomischen Tatsachen,  die in  der bisherigen Geschichtsschrei-
       bung gar keine oder nur eine verachtete Rolle spielen, wenigstens
       in der  modernen Welt  eine  entscheidende  geschichtliche  Macht
       sind; daß  sie die Grundlage bilden für die Entstehung der heuti-
       gen Klassengegensätze;  daß diese  Klassengegensätze in  den Län-
       dern, wo  sie vermöge  der großen  Industrie sich voll entwickelt
       haben, also namentlich in England, wieder die Grundlage der poli-
       tischen Parteibildung,  der Parteikämpfe  und damit  der gesamten
       politischen Geschichte  sind. Marx war nicht nur zu derselben An-
       sicht gekommen,  sondern hatte  sie auch  schon in  den "Deutsch-
       Französischen  Jahrbüchern"  (1844)  dahin  verallgemeinert,  daß
       überhaupt nicht  der Staat  die bürgerliche Gesellschaft, sondern
       die bürgerliche  Gesellschaft den  Staat bedingt  und regelt, daß
       also die  Politik und  ihre Geschichte  aus den ökonomischen Ver-
       hältnissen und  ihrer Entwicklung  zu erklären  ist, nicht  umge-
       kehrt. Als  ich Marx  im Sommer  1844 in  Paris besuchte, stellte
       sich unsere  vollständige Übereinstimmung auf allen theoretischen
       Gebieten heraus,  und von  da an datiert unsre gemeinsame Arbeit.
       Als wir  im Frühjahr  1845 in Brüssel wieder zusammenkamen, hatte
       Marx aus  den obigen  Grundlagen schon seine materialistische Ge-
       schichtstheorie in  den Hauptzügen  fertig herausentwickelt,  und
       wir setzten uns nun daran, die neugewonnene Anschauungsweise nach
       den verschiedensten Richtungen hin im einzelnen auszuarbeiten.
       Diese die  Geschichtswissenschaft umwälzende Entdeckung, die, wie
       man sieht,  wesentlich das  Werk von  Marx ist und an der ich mir
       nur einen sehr geringen Anteil zuschreiben kann, war aber von un-
       mittelbarer Wichtigkeit  für die  gleichzeitige Arbeiterbewegung.
       Kommunismus bei  Franzosen und Deutschen, Chartismus bei den Eng-
       ländern erschien nun nicht mehr als etwas Zufälliges, das ebenso-
       gut auch  hätte nicht  dasein können.  Diese Bewegungen  stellten
       sich nun dar als eine Bewegung der modernen unterdrückten Klasse,
       des Proletariats,  als mehr  oder minder entwickelte Formen ihres
       geschichtlich notwendigen  Kampfs gegen  die herrschende  Klasse,
       die Bourgeoisie; als Formen des Klassenkampfs, aber unterschieden
       von allen  früheren Klassenkämpfen  durch dies eine: daß die heu-
       tige unterdrückte  Klasse, das  Proletariat,  seine  Emanzipation
       nicht durchführen  kann, ohne gleichzeitig die ganze Gesellschaft
       von der  Scheidung in Klassen und damit von den Klassenkämpfen zu
       emanzipieren, Und  Kommunismus hieß  nun nicht  mehr: Ausheckung,
       vermittelst der  Phantasie, eines  möglichst vollkommenen Gesell-
       schaftsideals, sondern:  Einsicht in  die Natur,  die Bedingungen
       und die daraus sich ergebenden allgemeinen Ziele des vom Proleta-
       riat geführten Kampfs.
       
       #583# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
       -----
       Wir waren  nun keineswegs  der Absicht, die neuen wissenschaftli-
       chen Resultate  in dicken  Büchern ausschließlich der "gelehrten"
       Welt zuzuflüstern.  Im Gegenteil.  Wir saßen  beide schon tief in
       der politischen  Bewegung, hatten  unter der gebildeten Welt, na-
       mentlich Westdeutschlands,  einen gewissen  Anhang und reichliche
       Fühlung mit  dem organisierten  Proletariat. Wir waren verpflich-
       tet, unsre  Ansicht wissenschaftlich zu begründen; ebenso wichtig
       aber war  es auch für uns, das europäische und zunächst das deut-
       sche Proletariat  für unsere  Überzeugung zu gewinnen. Sobald wir
       erst mit  uns selbst  im reinen, ging's an die Arbeit. In Brüssel
       stifteten wir einen deutschen Arbeiterverein und bemächtigten uns
       der "Deutschen-Brüsseler-Zeitung"  [362], in  der wir bis zur Fe-
       bruarrevolution ein Organ hatten. Mit dem revolutionären Teil der
       englischen Chartisten verkehrten wir durch Julian Harney, den Re-
       dakteur des  Zentralorgans  der  Bewegung,  "The  Northern  Star"
       [363], dessen  Mitarbeiter ich  war. Ebenso  standen wir in einer
       Art Kartell  mit den Brüsseler Demokraten (Marx war Vizepräsident
       der Demokratischen  Gesellschaft [364]) und den französischen So-
       zial-Demokraten von der "Réforme" [189], der ich Nachrichten über
       die englische und deutsche Bewegung lieferte. Kurz, unsre Verbin-
       dungen mit  den radikalen  und proletarischen  Organisationen und
       Preßorganen Waren ganz nach Wunsch.
       Mit dem  Bund der  Gerechten standen wir folgendermaßen. Die Exi-
       stenz des Bundes war uns natürlich bekannt; 1843 hatte mir Schap-
       per den  Eintritt angetragen,  den ich  damals  selbstredend  ab-
       lehnte. Wir  blieben aber nicht nur mit den Londonern in fortwäh-
       render Korrespondenz,  sondern in  noch engerm  Verkehr  mit  Dr.
       Ewerbeck, dem  jetzigen Leiter der Pariser Gemeinden. Ohne uns um
       die innern  Bundesangelegenheiten zu  kümmern, erfuhren  wir doch
       von jedem  wichtigen Vorgang.  Andrerseits wirkten  wir mündlich,
       brieflich und  durch die  Presse auf  die theoretischen Ansichten
       der bedeutendsten  Bundesmitglieder ein. Hierzu dienten auch ver-
       schiedne lithographierte  Zirkulare, die  wir bei besondern Gele-
       genheiten, wo  es sich  um Interna der sich bildenden kommunisti-
       schen Partei  handelte, an  unsre Freunde  und Korrespondenten in
       die Welt  sandten. Bei  diesen kam  der Bund  zuweilen selbst ins
       Spiel. So war ein junger westfälischer Studiosus, Hermann Kriege,
       der nach  Amerika ging, dort als Bundesemissär aufgetreten, hatte
       sich mit  dem verrückten Harro Harting assoziiert, um vermittelst
       des Bundes  Südamerika aus  den Angeln  zu heben,  und hatte  ein
       Blatt [365] gegründet, worin er einen auf "Liebe" beruhenden, von
       Liebe überfließenden, überschwenglichen Kommunismus der Liebesdu-
       selei im  Namen des  Bundes predigte. Hiergegen fuhren wir los in
       einem Zirkular  1*), das  seine Wirkung  nicht verfehlte.  Kriege
       verschwand von der Bundesbühne.
       Später kam  Weitling nach  Brüssel. Aber  er war  nicht mehr  der
       naive junge Schneidergeselle, der, über seine eigene Begabung er-
       staunt, sich klar darüber
       -----
       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 3-17
       
       #584# Beilagen
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       zu werden  sucht, wie  denn eine kommunistische Gesellschaft wohl
       aussehen möge.  Er war der wegen seiner Überlegenheit von Neidern
       verfolgte große  Mann, der  überall  Rivalen,  heimliche  Feinde,
       Fallstricke witterte;  der von Land zu Land gehetzte Prophet, der
       ein Rezept zur Verwirklichung des Himmels auf Erden fertig in der
       Tasche trug und sich einbildete, jeder gehe darauf aus, es ihm zu
       stehlen. Er  hatte sich in London schon mit den Leuten des Bundes
       überworfen, und auch in Brüssel, wo besonders Marx und seine Frau
       ihm mit fast übermenschlicher Geduld entgegenkamen, konnte er mit
       niemand auskommen.  So ging  er bald  darauf nach  Amerika, um es
       dort mit dem Prophetentum zu versuchen.
       Alle diese Umstände trugen bei zu der stillen Umwälzung, die sich
       im Bund  und namentlich  unter den  Londoner Leitern vollzog. Die
       Unzulänglichkeit  der   bisherigen  Auffassung  des  Kommunismus,
       sowohl des französischen einfachen Gleichheitskommunismus wie des
       Weitlingschen, wurde  ihnen mehr  und mehr klar. Die von Weitling
       eingeleitete Zurückführung  des Kommunismus auf das Urchristentum
       - so  geniale Einzelheiten  sich in  seinem "Evangelium des armen
       Sünders" finden  - hatte  in der Schweiz dahin geführt, die Bewe-
       gung großenteils  in die Hände zuerst von Narren wie Albrecht und
       dann von ausbeutenden Schwindelpropheten wie Kuhlmann zu liefern.
       Der von einigen Belletristen vertriebne "wahre Sozialismus", eine
       Übersetzung französischer  sozialistischer Wendungen in verdorbe-
       nes Hegeldeutsch  und sentimentale  Liebesduselei (siehe  den Ab-
       schnitt  über   den  deutschen   oder  "wahren"   Sozialismus  im
       "Kommunistischen Manifest"),  den Kriege  und die Lektüre der be-
       treffenden Schriften  in den  Bund eingeführt, mußte schon seiner
       speichelfließenden Kraftlosigkeit  wegen den alten Revolutionären
       des Bundes  zum Ekel werden. Gegenüber der Unhaltbarkeit der bis-
       herigen theoretischen  Vorstellungen, gegenüber  den daraus  sich
       herleitenden praktischen  Abirrungen sah  man in  London mehr und
       mehr ein, daß Marx und ich mit unsrer neuen Theorie recht hatten.
       Diese Einsicht  wurde unzweifelhaft  dadurch befördert,  daß sich
       unter den  Londoner Führern  jetzt zwei  Männer befanden, die den
       Genannten an  Befähigung zu  theoretischer  Erkenntnis  bedeutend
       überlegen waren: der Miniaturmaler Karl Pfänder aus Heilbronn und
       der Schneider Georg Eccarius aus Thüringen. *)
       Genug, im  Frühjahr 1847  erschien Moll  in Brüssel  bei Marx und
       gleich darauf  in Paris  bei mir, um uns im Namen seiner Genossen
       mehrmals zum Eintritt in den Bund aufzufordern. Sie seien von der
       allgemeinen Richtigkeit
       ---
       *) Pfänder ist  vor ungefähr  acht Jahren in London gestorben. Er
       war ein  eigentümlich feindenkender  Kopf, witzig, ironisch, dia-
       lektisch. Eccarius war bekanntlich später langjähriger Generalse-
       kretär der Internationalen Arbeiterassoziation, in deren General-
       rat unter  andern folgende alte Bundesmitglieder saßen: Eccarius,
       Pfänder, Leßner,  Lochner, Marx,  ich. Eccarius  hat sich  später
       ausschließlich der englischen Gewerkschaftsbewegung zugewandt.
       
       #585# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
       -----
       unserer Auffassungsweise ebensosehr überzeugt wie von der Notwen-
       digkeit, den Bund von den alten konspiratorischen Traditionen und
       Formen zu befreien. Wollten wir eintreten, so sollte uns Gelegen-
       heit gegeben  werden, auf  einem Bundeskongreß  unsren kritischen
       Kommunismus in einem Manifest zu entwickeln, das sodann als Mani-
       fest des  Bundes veröffentlicht  würde; und ebenso würden wir das
       Unsrige beitragen können, daß die veraltete Organisation des Bun-
       des durch eine neue zeit- und zweckgemäße ersetzt werde.
       Daß eine  Organisation  innerhalb  der  deutschen  Arbeiterklasse
       schon der  Propaganda wegen notwendig sei und daß diese Organisa-
       tion, soweit  sie nicht  bloß  lokaler  Natur,  selbst  außerhalb
       Deutschlands nur eine geheime sein könne, darüber waren wir nicht
       im Zweifel.  Nun bestand  aber grade  im Bund bereits eine solche
       Organisation. Das,  was wir bisher an diesem Bund auszusetzen ge-
       habt, wurde  jetzt von  den  Vertretern  des  Bundes  selbst  als
       fehlerhaft preisgegeben;  wir selbst wurden aufgefordert, zur Re-
       organisation mitzuarbeiten. Konnten wir nein sagen? Sicher nicht.
       Wir traten  also in  den Bund; Marx bildete in Brüssel aus unsern
       näheren Freunden  eine Bundesgemeinde, während ich die drei Pari-
       ser Gemeinden besuchte.
       Im Sommer  1847 fand  der erste Bundeskongreß in London statt, wo
       W. Wolff  die Brüsseler  und ich  die Pariser  Gemeinden vertrat.
       Hier wurde  zunächst die  Reorganisation des Bundes durchgeführt.
       Was noch von den alten mystischen Namen aus der Konspirationszeit
       übrig, wurde  jetzt auch  abgeschafft; der Bund organisierte sich
       in Gemeinden, Kreise, leitende Kreise, Zentralbehörde und Kongreß
       und nannte  sich von  nun an:  "Bund der Kommunisten". "Der Zweck
       des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Pro-
       letariats, die  Aufhebung der  alten, auf  Klassengegensätzen be-
       ruhenden bürgerlichen  Gesellschaft und  die Gründung einer neuen
       Gesellschaft ohne  Klassen und  ohne Privateigentum"  - so lautet
       der erste  Artikel. Die Organisation selbst war durchaus demokra-
       tisch, mit  gewählten und stets absetzbaren Behörden und hiedurch
       allein allen  Konspirationsgelüsten, die  Diktatur erfordern, ein
       Riegel vorgeschoben und der Bund - für gewöhnliche Friedenszeiten
       wenigstens -  in eine  reine  Propagandagesellschaft  verwandelt.
       Diese neuen  Statuten 1*) - so demokratisch wurde jetzt verfahren
       - wurden  den Gemeinden  zur Diskussion  vorgelegt, dann  auf dem
       zweiten Kongreß nochmals durchberaten und von ihm definitiv am 8.
       Dezember 1847  angenommen. Sie  stehn abgedruckt  bei Wermuth und
       Stieber, I, S. 239, Anl. X.
       Der zweite  Kongreß fand  statt Ende November und Anfang Dezember
       desselben Jahres. Hier war auch Marx anwesend und vertrat in län-
       gerer Debatte  - der  Kongreß dauerte  mindestens zehn Tage - die
       neue Theorie.  Aller Widerspruch  und Zweifel wurde endlich erle-
       digt, die neuen Grundsätze einstimmig angenommen und Marx und ich
       beauftragt, das  Manifest auszuarbeiten. Dies geschah unmittelbar
       nachher. Wenige Wochen vor der Februarrevolution
       -----
       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 596-601
       
       #586# Beilagen
       -----
       wurde es  nach London  zum Druck  geschickt. Seitdem  hat es  die
       Reise um  die Welt  gemacht, ist  in fast alle Sprachen übersetzt
       worden und  dient noch  heute in  den verschiedensten Ländern als
       Leitfaden der  proletarischen Bewegung.  An die  Stelle des alten
       Bundesmottos:  "Alle   Menschen  sind   Brüder",  trat  der  neue
       Schlachtruf :  "Proletarier aller  Länder, vereinigt  euch!", der
       den internationalen  Charakter des  Kampfes  offen  proklamierte.
       Siebzehn Jahre später durchhallte dieser Schlachtruf die Welt als
       Feldgeschrei der  Internationalen Arbeiterassoziation,  und heute
       hat ihn  das streitbare  Proletariat aller Länder auf seine Fahne
       geschrieben.
       Die Februarrevolution  brach aus.  Sofort übertrug  die bisherige
       Londoner Zentralbehörde  ihre Befugnisse  an den  leitenden Kreis
       Brüssel. Aber dieser Beschluß traf ein zu einer Zeit, wo in Brüs-
       sel schon  ein tatsächlicher Belagerungszustand herrschte und na-
       mentlich die Deutschen sich nirgends mehr versammeln konnten. Wir
       waren eben  alle auf  dem Sprung  nach Paris, und so beschloß die
       neue Zentralbehörde,  sich ebenfalls  aufzulösen, ihre sämtlichen
       Vollmachten an  Marx zu übertragen und ihn zu bevollmächtigen, in
       Paris sofort  eine neue Zentralbehörde zu konstituieren. Kaum wa-
       ren die  fünf Leute,  die diesen  Beschluß 1*) (3. März 1848) ge-
       faßt, auseinandergegangen,  als  die  Polizei  in  Marx'  Wohnung
       drang, ihn  verhaftete und am nächsten Tage nach Frankreich abzu-
       reisen zwang, wohin er grade gehn wollte.
       In Paris  fanden wir  uns bald  alle wieder  zusammen. Dort wurde
       auch das  folgende, von  den Mitgliedern der neuen Zentralbehörde
       unterzeichnete Dokument 2*) verfaßt, das in ganz Deutschland ver-
       breitet wurde  und Woraus  auch heute  mancher noch  etwas lernen
       kann:
       
       "Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland
       1. Ganz Deutschland  wird zu  einer einigen, unteilbaren Republik
       erklärt.
       3. Die Volksvertreter werden besoldet, damit auch der Arbeiter im
       Parlament des deutschen Volkes sitzen könne.
       4. Allgemeine Volksbewaffnung.
       7. Die fürstlichen und andern feudalen Landgüter, alle Bergwerke,
       Gruben usw.  werden in  Staatseigentum  umgewandelt.  Auf  diesen
       Landgütern wird  der Ackerbau  im großen  und mit  den modernsten
       Hilfsmitteln der Wissenschaft zum Vorteile der Gesamtheit betrie-
       ben.
       8. Die Hypotheken  auf den Bauerngütern werden für Staatseigentum
       erklärt. Die Interessen für jene Hypotheken werden von den Bauern
       an den Staat gezahlt.
       9. In den  Gegenden, wo  das Pachtwesen  entwickelt ist, wird die
       Grundrente oder  der Pachtschilling  als Steuer  an den Staat ge-
       zahlt.
       -----
       1*) Siehe Band  4 unserer Ausgabe, S. 607 - 2*) vgl. Band 5 unse-
       rer Ausgabe, S. 3-5; Engels zitiert die "Forderungen..." hier nur
       auszugsweise und nicht wortwörtlich
       
       #587# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       11. Alle  Transportmittel:   Eisenbahnen,  Kanäle,  Dampfschiffe,
       Wege, Posten  etc. nimmt  der Staat  in seine Hand. Sie werden in
       Staatseigentum umgewandelt  und der  unbemittelten Klasse zur un-
       entgeltlichen Verfügung gestellt.
       14. Beschränkung des Erbrechts;
       15. Einführung von  starken Progressivsteuern und Abschaffung der
       Konsumtionssteuern.
       16. Errichtung von  Nationalwerkstätten. Der Staat garantiert al-
       len Arbeitern  ihre Existenz  und versorgt die zur Arbeit Unfähi-
       gen.
       17. Allgemeine, unentgeltliche Volkserziehung.
       Es liegt  im Interesse  des deutschen  Proletariats, des  kleinen
       Bürger- und  Bauernstandes, mit aller Energie an der Durchsetzung
       obiger Maßregeln  zu arbeiten. Denn nur durch Verwirklichung der-
       selben können  die Millionen, die bisher in Deutschland von einer
       kleinen Zahl  ausgebeutet wurden  und die man weiter in Unterdrü-
       ckung zu  erhalten suchen wird, zu ihrem Rechte und zu derjenigen
       Macht gelangen,  die ihnen,  als den  Hervorbringern alles Reich-
       tums, gebührt.
       Das Komitee:
       Karl Marx  Karl Schapper  H. Bauer  F. Engels  J. Moll  W. Wolff"
       
       In Paris  herrschte damals die Manie der revolutionären Legionen.
       Spanier, Italiener,  Belgier, Holländer,  Polen,  Deutsche  taten
       sich in  Haufen zusammen,  um ihre respektiven Vaterländer zu be-
       freien. Die deutsche Legion wurde geführt von Herwegh, Bornstedt,
       Börnstein. Da  sofort nach  der Revolution alle ausländischen Ar-
       beiter nicht  nur beschäftigungslos, sondern auch noch vom Publi-
       kum drangsaliert  wurden, fanden  diese Legionen  starken Zulauf.
       Die neue  Regierung sah in ihnen ein Mittel, die fremden Arbeiter
       loszuwerden, und  bewilligte  ihnen  l'étape  du  soldat,  d.  h,
       Marschquartiere und  die Marschzulage von 50 Centimen per Tag bis
       an die  Grenze, wo dann der stets zu Tränen gerührte Minister des
       Auswärtigen, der  Schönredner Lamartine,  schon Gelegenheit fand,
       sie an ihre respektiven Regierungen zu verraten.
       Wir widersetzten  uns dieser  Revolutionsspielerei aufs entschie-
       denste. Mitten  in die damalige Gärung Deutschlands eine Invasion
       hineintragen, die  die Revolution zwangsmäßig von außen importie-
       ren sollte,  das hieß  der Revolution  in Deutschland  selbst ein
       Bein stellen,  die Regierungen stärken und die Legionäre selbst -
       dafür bürgte  Lamartine -  den deutschen  Truppen wehrlos  in die
       Hände liefern. Als dann in Wien und Berlin die Revolution siegte,
       wurde die  Legion erst  recht zwecklos; aber man hatte einmal an-
       gefangen, und so wurde weitergespielt.
       Wir stifteten einen deutschen kommunistischen Klub, worin wir den
       Arbeitern rieten,  der Legion fernzubleiben, dagegen einzeln nach
       der Heimat  zurückzukehren und  dort für  die Bewegung zu wirken.
       Unser alter  Freund Flocon,  der in  der provisorischen Regierung
       saß, erwirkte für die von uns
       
       #588# Beilagen
       -----
       fortgeschickten Arbeiter  dieselben Reisebegünstigungen,  die den
       Legionären zugesagt  waren. So beförderten wir drei- bis vierhun-
       dert Arbeiter  nach Deutschland  zurück, darunter die große Mehr-
       zahl der Bundesglieder.
       Wie leicht  vorherzusehn, erwies  sich der  Bund,  gegenüber  der
       jetzt losgebrochnen  Bewegung der  Volksmassen, als  ein viel  zu
       schwacher Hebel.  Drei Viertel  der Bundesglieder,  die früher im
       Ausland wohnten,  hatten durch Rückkehr in die Heimat ihren Wohn-
       sitz gewechselt;  ihre bisherigen  Gemeinden waren  damit großen-
       teils aufgelöst, alle Fühlung mit dem Bund ging für sie verloren.
       Ein Teil der Ehrgeizigeren unter ihnen suchte sie auch nicht wie-
       der zu  gewinnen, sondern  fing, jeder  in seiner Lokalität, eine
       kleine Separatbewegung  auf eigne  Rechnung an. Und endlich lagen
       die Verhältnisse  in jedem  einzelnen Kleinstaat,  jeder Provinz,
       jeder Stadt  wieder so verschieden, daß der Bund außerstand gewe-
       sen wäre, mehr als ganz allgemeine Direktiven zu geben; diese wa-
       ren aber  viel besser  durch die  Presse zu verbreiten. Kurz, mit
       dem Augenblick,  wo die Ursachen aufhörten, die den geheimen Bund
       notwendig gemacht  hatten, hörte  auch der  geheime Bund auf, als
       solcher etwas zu bedeuten. Das aber konnte am wenigsten die Leute
       überraschen, die  soeben erst demselben geheimen Bund den letzten
       Schatten konspiratorischen Charakters abgestreift.
       Daß aber  der Bund eine vorzügliche Schule der revolutionären Tä-
       tigkeit gewesen,  bewies sich jetzt. Am Rhein, wo die "Neue Rhei-
       nische Zeitung"  [43] einen  festen Mittelpunkt  bot, in  Nassau,
       Rheinhessen etc.  standen überall Bundesglieder an der Spitze der
       extrem-demokratischen Bewegung.  Desgleichen in  Hamburg. In Süd-
       deutschland stand das Vorherrschen der kleinbürgerlichen Demokra-
       tie im  Weg. In  Breslau war Wilhelm Wolff bis in den Sommer 1848
       hinein mit  großem Erfolg tätig; er erhielt auch ein schlesisches
       Mandat als  Stellvertreter zum  Frankfurter Parlament. Endlich in
       Berlin stiftete  der Schriftsetzer  Stephan Born,  der in Brüssel
       und  Paris   als  tätiges   Bundesmitglied  gewirkt  hatte,  eine
       "Arbeiterverbrüderung", die  eine ziemliche  Verbreitung  erhielt
       und bis  1850 bestand.  Born, ein  sehr talentvoller junger Mann,
       der es aber mit seiner Verwandlung in eine politische Größe etwas
       zu eilig  hatte, "verbrüderte"  sich mit den verschiedenartigsten
       Krethi und  Plethi, um  nur einen  Haufen zusammenzubekommen, und
       war keineswegs  der Mann, der Einheit in die widerstrebenden Ten-
       denzen, Licht  in das Chaos bringen konnte. In den amtlichen Ver-
       öffentlichungen des  Vereins laufen  daher auch  die  im  "Kommu-
       nistischen  Manifest"  vertretenen  Ansichten  kunterbunt  durch-
       einander mit  Zunfterinnerungen und  Zunftwünschen, Abfällen  von
       Louis Blanc  und Proudhon, Schutzzöllnerei usw., kurz, man wollte
       allen  alles  sein.  Speziell  wurden  Streiks,  Gewerksgenossen-
       schaften, Produktivgenossenschaften  ins Werk  gesetzt  und  ver-
       gessen, daß  es sich  vor allem  darum handelte, durch politische
       Siege sich erst das Gebiet zu erobern, worauf allein solche Dinge
       auf die Dauer durchführbar waren. Als dann die Siege der Reaktion
       den Leitern  der Verbrüderung  die Notwendigkeit fühlbar machten,
       direkt
       
       #589# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       in den Revolutionskampf einzutreten, wurden sie von der verworre-
       nen Masse,  die sie  um sich gruppiert, selbstredend im Stich ge-
       lassen. Born  beteiligte sich  am Dresdner  Mai-Aufstand 1849 und
       entkam glücklich. Die "Arbeiterverbrüderung" aber hatte sich, ge-
       genüber der großen politischen Bewegung des Proletariats, als ein
       reiner Sonderbund bewährt, der großenteils nur auf dem Papier be-
       stand und  eine so untergeordnete Rolle spielte, daß die Reaktion
       ihn erst  1850 und  seine fortbestehenden  Ableger  erst  mehrere
       Jahre nachher  zu unterdrücken  für nötig fand. Born, der eigent-
       lich Buttermilch heißt, wurde keine politische Größe, sondern ein
       kleiner Schweizer Professor, der nicht mehr den Marx ins Zünftle-
       rische, sondern  den  sanften  Renan  in  sein  eignes  süßliches
       Deutsch übersetzt.
       Mit dem  13. Juni 1849 in Paris, mit der Niederlage der deutschen
       Maiaufstände und  der Niederwerfung  der  ungarischen  Revolution
       durch die Russen war eine große Periode der 1848er Revolution ab-
       geschlossen. Aber  der Sieg  der Reaktion war soweit noch keines-
       wegs endgültig.  Eine Neuorganisation der zersprengten revolutio-
       nären Kräfte  war geboten und damit auch die des Bundes. Die Ver-
       hältnisse verboten wieder, wie vor 1848, jede öffentliche Organi-
       sation des Proletariats; man mußte also sich von neuem geheim or-
       ganisieren.
       Im Herbst  1849 fanden  sich die  meisten Mitglieder  der frühern
       Zentralbehörden und  Kongresse  wieder  in  London  zusammen.  Es
       fehlte nur  noch Schapper, der in Wiesbaden saß, aber nach seiner
       Freisprechung im  Frühjahr 1850  ebenfalls kam,  und  Moll,  der,
       nachdem er  eine Reihe  der gefährlichsten Missions- und Agitati-
       onsreisen erledigt - zuletzt warb er mitten unter der preußischen
       Armee in der Rheinprovinz Fahrkanoniere für die pfälzische Artil-
       lerie -,  in die  Besançoner  Arbeiterkompanie  des  Willichschen
       Korps eintrat  und im  Gefecht an  der Murg,  vorwärts der Roten-
       felser Brücke, durch einen Schuß in den Kopf getötet wurde. Dage-
       gen trat  nun Willich  ein. Willich  war einer  der seit  1845 im
       westlichen Deutschland  so häufigen Gemütskommunisten, also schon
       deshalb in instinktivem, geheimem Gegensatz gegen unsre kritische
       Richtung. Er  war aber  mehr, er  war vollständiger  Prophet, von
       seiner persönlichen  Mission  als  prädestinierter  Befreier  des
       deutschen Proletariats überzeugt und als solcher direkter Präten-
       dent auf  die politische  nicht minder  als auf  die militärische
       Diktatur. Dem früher von Weitling gepredigten urchristlichen Kom-
       munismus trat somit eine Art von kommunistischem Islam zur Seite.
       Doch blieb  die Propaganda dieser neuen Religion zunächst auf die
       von Willich befehligte Flüchtlingskaserne beschränkt.
       Der Bund  wurde also  neu organisiert,  die im Anhang (IX, Nr. 1)
       abgedruckte Ansprache  vom März 18501 erlassen und Heinrich Bauer
       als Emissär  nach Deutschland geschickt. Die von Marx und mir re-
       digierte Ansprache  ist noch heute von Interesse, weil die klein-
       bürgerliche Demokratie auch jetzt
       -----
       1*) Siehe Band 7 unserer Ausgabe, S. 244-254
       
       #590# Beilagen
       -----
       noch diejenige  Partei ist,  welche bei der nächsten europäischen
       Erschütterung, die  nun bald  fällig wird  (die  Verfallzeit  der
       europäischen Revolutionen,  1815, 1830, 1848-1852, 1870, währt in
       unserm Jahrhundert  15 bis  18 Jahre),  in Deutschland  unbedingt
       zunächst ans  Ruder kommen muß, als Retterin der Gesellschaft vor
       den kommunistischen Arbeitern. Manches von dem dort Gesagten paßt
       also noch  heute. Die Missionsreise Heinrich Bauers war von voll-
       ständigem Erfolg  gekrönt. Der  kleine fidele Schuhmacher war ein
       geborner Diplomat.  Er brachte  die teils lässig gewordnen, teils
       auf eigne  Rechnung operierenden  ehemaligen Bundesglieder wieder
       in die  aktive Organisation,  namentlich auch die jetzigen Führer
       der "Arbeiterverbrüderung".  Der Bund  fing an, in den Arbeiter-,
       Bauern- und  Turnvereinen in  weit größerem  Maß als vor 1848 die
       dominierende Rolle  zu spielen, so daß schon die nächste viertel-
       jährliche Ansprache  an die  Gemeinden vom Juni 1850  1*) konsta-
       tieren konnte,  der im Interesse der kleinbürgerlichen Demokratie
       Deutschland bereisende  Studiosus Schurz  aus Bonn  (der  spätere
       amerikanische Exminister)  "habe alle brauchbaren Kräfte schon in
       den Händen  des Bundes gefunden" (s. Anhang, IX, Nr. 2). Der Bund
       war Unbedingt  die einzige  revolutionäre  Organisation,  die  in
       Deutschland eine Bedeutung hatte.
       Wozu diese Organisation aber dienen sollte, das hing sehr wesent-
       lich davon  ab, ob  die Aussichten  auf einen erneuten Aufschwung
       der Revolution  sich verwirklichten.  Und dies  wurde im Lauf des
       Jahres 1850  immer unwahrscheinlicher,  ja unmöglicher. Die indu-
       strielle Krisis von 1847, die die Revolution von 1848 vorbereitet
       hatte, war  überwunden; eine  neue, bisher  unerhörte Periode der
       industriellen Prosperität  war angebrochen;  wer Augen  hatte  zu
       sehn, und  sie gebrauchte,  für den  mußte es  klar sein, daß der
       Revolutionssturm von 1848 sich allmählich erschöpfte.
       "Bei dieser  allgemeinen Prosperität,  worin die  Produktivkräfte
       der bürgerlichen  Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies
       innerhalb der  bürgerlichen Verhältnisse  überhaupt möglich  ist,
       k a n n   v o n   e i n e r   w i r k l i c h e n    R e v o l u-
       t i o n  k e i n e  R e d e  s e i n.  Eine solche Revolution ist
       nur in  den Perioden  möglich,  wo  diese  beiden  Faktoren,  die
       modernen Produktivkräfte  und die bürgerlichen Produktionsformen,
       miteinander in Widerspruch geraten. Die verschiedenen Zänkereien,
       in denen  sich jetzt  die Repräsentanten der einzelnen Fraktionen
       der   kontinentalen   Ordnungspartei   ergehn   und   gegenseitig
       kompromittieren, weit  entfernt zu  neuen Revolutionen  Anlaß  zu
       geben, sind  im Gegenteil  nur möglich,  weil die  Grundlage  der
       Verhältnisse momentan so sicher und, was die Reaktion nicht weiß,
       so   b ü r g e r l i c h  ist. An ihr werden alle die bürgerliche
       Entwicklung aufhaltenden  Reaktionsversuche   e b e n s o    s i-
       c h e r   2*)   a b p r a l l e n   w i e   a l l e  s i t t l i-
       c h e   E n t r ü s t u n g   u n d   a l l e  b e g e i s t e r-
       t e n   P r o k l a m a t i o n e n  d e r  D e m o k r a t e n."
       So schrieb  Marx und  ich in der "Revue von Mai bis Oktober 1850"
       in der "Neuen
       -----
       1*) Siehe Band 7 unserer Ausgabe, S. 306-312 - 2*) in der "N. Rh.
       Ztg. Polit.-ökon.  Revue": ebensosehr; Engels Hervorhebungen wei-
       chen vom Text 1850 ab
       
       #591# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       Rheinischen Zeitung,  Politisch-ökonomische Revue",  V.  und  VI.
       Heft, Hamburg 1850, S. 153. 1*)
       Diese kühle  Auffassung der  Lage war  aber für  viele Leute eine
       Ketzerei zu  einer Zeit,  wo Ledru-Rollin,  Louis Blanc, Mazzini,
       Kossuth, und von kleineren deutschen Lichtern Ruge, Kinkel, Goegg
       und wie sie alle heißen, sich in London haufenweise zu provisori-
       schen Zukunftsregierungen,  nicht nur für ihre respektiven Vater-
       länder, sondern  auch für ganz Europa zusammentaten und wo es nur
       hoch darauf ankam, das nötige Geld als Revolutionsanleihe in Ame-
       rika aufzunehmen, um die europäische Revolution benebst den damit
       selbstverständlichen verschiednen  Republiken im Nu zu verwirkli-
       chen. Daß  ein Mann  wie Willich  hier hineinfiel  und  daß  auch
       Schapper aus  altem Revolutionsdrang  sich betören  ließ, daß die
       Mehrzahl der  Londoner Arbeiter,  großenteils selbst Flüchtlinge,
       ihnen in  das Lager  der bürgerlich-demokratischen Revolutionsma-
       cher folgte,  wen kann es wundern? Genug, die von uns verteidigte
       Zurückhaltung war  nicht nach dem Sinn dieser Leute; es sollte in
       die Revolutionsmacherei  eingetreten werden;  wir  weigerten  uns
       aufs entschiedenste.  Die Spaltung  erfolgte; das  Weitere ist in
       den "Enthüllungen" zu lesen. Dann kam die Verhaftung zuerst Noth-
       jungs, dann  Haupts in  Hamburg, der zum Verräter wurde, indem er
       die Namen  der Kölner  Zentralbehörde angab  und  im  Prozeß  als
       Hauptzeuge dienen  sollte; aber  seine Verwandten  wollten  diese
       Schande nicht erleben und beförderten ihn nach Rio de Janeiro, wo
       er sich  später als Kaufmann etablierte und in Anerkennung seiner
       Verdienste erst  preußischer  und  dann  deutscher  Generalkonsul
       wurde. Er ist jetzt wieder in Europa. *)
       Zum besseren  Verständnis des  Folgenden gebe  ich die  Liste der
       Kölner Angeklagten:  1. P.G. Röser, Zigarrenarbeiter; 2. Heinrich
       Bürgers, später verstorbener fortschrittlicher Landtagsabgeordne-
       ter; 3.  Peter Nothjung, Schneider, vor wenigen Jahren als Photo-
       graph in Breslau gestorben; 4. W.J. Reiff; 5. Dr. Hermann Becker,
       jetzt Oberbürgermeister  von Köln  und Mitglied des Herrenhauses;
       6. Dr.  Roland Daniels, Arzt, wenige Jahre nach dem Prozeß an der
       im Gefängnis  erworbenen Schwindsucht  gestorben; 7.  Karl  Otto,
       Chemiker; 8.  Dr. Abraham  Jacobi, jetzt Arzt in New York; 9. Dr.
       J.J. Klein,  jetzt Arzt  und Stadtverordneter  in Köln;  10. Fer-
       dinand Freiligrath, der aber damals schon in London war; 11. J.L.
       Ehrhard, Kommis; 12. Friedrich
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       *) Schapper starb  Ende der  sechziger Jahre  in London.  Willich
       machte den  amerikanischen Bürgerkrieg  mit Auszeichnung  mit; er
       erhielt in  der Schlacht  bei Murfreesboro (Tennessee) als Briga-
       degeneral einen  Schuß durch  die Brust,  wurde aber  geheilt und
       starb vor  etwa zehn Jahren in Amerika. - Von andern oben erwähn-
       ten Personen  will ich  noch bemerken,  daß Heinrich-Bauer in Au-
       stralien verschollen  ist, Weitling  und Ewerbeck  in Amerika ge-
       storben sind.
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       1*) Vgl. Band 7 unserer Ausgabe, S. 440
       
       #592# Beilagen
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       Leßner, Schneider,  jetzt in  London. Von  diesen wurden, nachdem
       die öffentlichen Verhandlungen vor den Geschwornen vom 4. Oktober
       bis 12. November 1852 gedauert, wegen versuchten Hochverrats ver-
       urteilt: Röser, Bürgers und Nothjung zu 6, Reiff, Otto, Becker zu
       5, Leßner  zu 3  Jahren Festungshaft,  Daniels, Klein, Jacobi und
       Ehrhard wurden freigesprochen.
       Mit dem  Kölner Prozeß schließt diese erste Periode der deutschen
       kommunistischen Arbeiterbewegung.  Unmittelbar nach der Verurtei-
       lung lösten  wir unsern Bund auf; wenige Monate nachher ging auch
       der Willich-Schappersche Sonderbund ein zur ewigen Ruhe.
       
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       Zwischen damals  und jetzt  liegt ein  Menschenalter. Damals  war
       Deutschland ein  Land des  Handwerks und der auf Handarbeit beru-
       henden Hausindustrie;  jetzt ist es ein noch in fortwährender in-
       dustrieller Umwälzung  begriffnes  großes  Industrieland.  Damals
       mußte man  die Arbeiter  einzeln zusammensuchen,  die Verständnis
       hatten für  ihre Lage als Arbeiter und ihren geschichtlich-ökono-
       mischen Gegensatz gegen das Kapital, weil dieser Gegensatz selbst
       erst im  Entstehen begriffen war. Heute muß man das gesamte deut-
       sche Proletariat unter Ausnahmsgesetze stellen, um nur den Prozeß
       seiner Entwicklung  zum vollen  Bewußtsein seiner Lage als unter-
       drückte Klasse  um ein  geringes zu  verlangsamen. Damals  mußten
       sich die  wenigen Leute,  die zur  Erkenntnis der geschichtlichen
       Rolle des  Proletariats durchgedrungen,  im geheimen zusammentun,
       in kleinen  Gemeinden von  drei bis  zwanzig Mann verstohlen sich
       versammeln. Heute  braucht das  deutsche Proletariat  keine offi-
       zielle Organisation  mehr, weder  öffentliche noch  geheime;  der
       einfache, sich  von selbst verstehende Zusammenhang gleichgesinn-
       ter Klassengenossen  reicht hin, um ohne alle Statuten, Behörden,
       Beschlüsse und  sonstige greifbare  Formen das  gesamte  Deutsche
       Reich zu  erschüttern. Bismarck  ist  Schiedsrichter  in  Europa,
       draußen jenseits  der Grenze; aber drinnen wächst täglich drohen-
       der jene  Athletengestalt des  deutschen Proletariats  empor, die
       Marx schon  1844 vorhersah,  der Riese, dem das auf den Philister
       bemessene enge  Reichsgebäude schon  zu knapp wird und dessen ge-
       waltige Statur und breite Schultern dem Augenblick entgegen wach-
       sen, wo  sein bloßes  Aufstehn vom  Sitz den ganzen Reichsverfas-
       sungsbau in  Trümmer sprengt.  Und mehr  noch. Die internationale
       Bewegung des  europäischen und  amerikanischen  Proletariats  ist
       jetzt so  erstarkt, daß  nicht nur ihre erste enge Form - der ge-
       heime Bund  -, sondern selbst ihre zweite, unendlich umfassendere
       Form -  die öffentliche Internationale Arbeiterassoziation - eine
       Fessel für sie geworden und daß das einfache, auf der Einsicht in
       die Dieselbigkeit  der Klassenlage beruhende Gefühl der Solidari-
       tät hinreicht,  unter den  Arbeitern aller Länder und Zungen eine
       und dieselbe große Partei des Proletariats zu schaffen und zusam-
       menzuhalten. Die  Lehren, die  der Bund von 1847 bis 1852 vertrat
       und die damals als die Hirngespinste extremer Tollköpfe,
       
       #593# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       als Geheimlehre  einiger zersprengten Sektierer vom weisen Phili-
       sterium mit  Achselzucken behandelt  werden  durften,  sie  haben
       jetzt zahllose  Anhänger in allen zivilisierten Ländern der Welt,
       unter den  Verdammten der  sibirischen Bergwerke  wie  unter  den
       Goldgräbern Kaliforniens;  und der  Begründer dieser  Lehre,  der
       bestgehaßte, bestverleumdete  Mann seiner  Zeit, Karl  Marx, war,
       als er  starb, der  stets gesuchte und stets willige Ratgeber des
       Proletariats beider Welten.
       London, 8. Oktober 1885
       Friedrich Engels
       

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