Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
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B. Beilagen zu Karl Marx
"Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln"
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Karl Marx
Kölner Kommunistenprozeß [351]
[Beilage 4 zu "Herr Vogt" (1860)]
Die in diesem Abschnitt (des "Herr Vogt") von mir gemachten Mit-
teilungen über die preußische Gesandtschaft zu London und ihren
Briefwechsel mit preußischen Behörden auf dem Kontinent während
der Kölner Prozeßverhandlungen beruhn auf den von A. Willich in
der "New-Yorker Criminal-Zeitung" April 1853 unter dem Titel "Die
Opfer der Moucharderie, Rechtfertigungsschrift von Wilhelm
Hirsch" veröffentlichten Selbstbekenntnissen des jetzt zu Hamburg
gefangensitzenden Hirsch, der das Hauptinstrument des Polizei-
leutnants Greif und seines Agenten Fleury war, auch in ihrem
Auftrage und unter ihrer Leitung das während des Kommunisten-
prozesses von Stieber vorgelegte f a l s c h e Protokollbuch
schmiedete. Ich gebe hier einige Auszüge aus Hirschs Memoiren.
"Die deutschen Vereine wurden gemeinschaftlich" (während der
Industrieausstellung) "von einem Polizeitriumvirat, dem Polizei-
rat Stieber für Preußen, einem Herrn Kubesch für Östreich und dem
Polizeidirektor Hüntel aus Bremen überwacht."
Hirsch beschreibt folgendermaßen die erste Szene, die er infolge
seines Angebots als Mouchard mit dem preußischen Gesandtschafts-
sekretär Alberts zu London hatte.
"Die Rendezvous, welche die preußische Gesandtschaft in London
ihren geheimen Agenten gibt, finden in einem dazu geeigneten Lo-
kale statt. Die Gastwirtschaft The Cock, Fleet Street, Temple
Bar, fällt so wenig in die Augen, daß, wenn nicht ein goldener
Hahn, Aushängeschild, ihren Eingang zeigte, ein Nichtsuchender
sie schwerlich entdecken würde. Ein schmaler Eingang führte mich
in das Innere dieser altenglischen Taverne, und auf meine Frage
nach Mr. Charles präsentierte sich mir unter dieser Firma eine
wohlbeleibte Persönlichkeit mit einem so freundlichen Lächeln,
als ob wir beide bereits alte Bekannte wären. Der Beauftragte der
Gesandtschaft, denn dieser war es, schien sehr heiter gestimmt,
und seine Laune stärkte sich noch dermaßen in Brandy und Wasser,
daß er darüber eine ganze Weile den Zweck unserer Zusammenkunft
zu vergessen schien. Mr. Charles, oder wie er sich mir gleich bei
seinem richtigen Namen nannte, der Gesandtschaftsschreiber Al-
berts, machte mich zunächst damit bekannt, daß er eigentlich
nichts mit Polizeisachen zu tun habe, aber dennoch wolle er die
Vermittlung übernehmen ... Ein zweites Rendezvous fand in seiner
damaligen Wohnung,
#566# Beilagen
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Brewer Street 39, Golden Square, statt, hier lernte ich zuerst
den Polizeileutnant Greif kennen; eine Figur nach echtem Poli-
zeischnitte, mittlerer Größe mit dunklem Haar und einem gleich-
farbigen par ordre 1*) zugeschnittenen Barte, so daß der Schnurr-
sich mit dem Backenbart verbindet, und freiem Kinn. Seine Augen,
die nichts weniger als Geist verraten, scheinen sich durch den
häufigen Umgang mit Dieben und Gaunern an ein scharfes Heraus-
glotzen gewöhnt zu haben... Herr Greif hüllte sich, wie zu Anfang
Herr Alberts, in denselben Pseudonym-Mantel und nannte sich Mr.
Charles. Der neue Mr. Charles war wenigstens ernster gestimmt; er
glaubte zunächst mich examinieren zu müssen... Unsere erste Zu-
sammenkunft schloß damit, daß er mir den Auftrag erteilte, ihm
genauen Bericht über alle Tätigkeit der revolutionären Emigration
abzustatten ... Herr Greif stellte mir das nächstemal 'seine
rechte Hand', wie er es nannte, 'nämlich einen seiner Agenten',
fügte er hinzu, vor. Der also Genannte war ein großer junger Mann
in eleganter Kleidung, der sich mir wieder als ein Mr. Charles
präsentierte; die gesamte politische Polizei scheint diesen Namen
als Pseudonymus adoptiert zu haben, ich hatte es jetzt bereits
mit drei Charles zu tun. Der Neuhinzugekommene schien indes bei
weitem der beachtenswerteste. 'Er sei', wie er sagte, 'auch Revo-
lutionär gewesen, aber es lasse sich alles machen, ich solle nur
mit ihm zusammengehn.'"
Greif verließ London für einige Zeit und schied von Hirsch
"mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß der neue Mr. Charles stets
in seinem Auftrage handle, ich dürfe kein Bedenken tragen, mich
ihm zu vertrauen, wenn auch manches mir seltsam vorkommen sollte:
ich dürfte daran keinen Anstoß nehmen; um mir dies deutlicher zu
machen, fügte er hinzu: 'Das Ministerium bedarf zuweilen dieser
oder jener Gegenstände; D o k u m e n t e s i n d d i e
H a u p t s a c h e, k a n n m a n s i e n i c h t
s c h a f f e n, m u ß m a n s i c h d o c h z u h e l-
f e n w i s s e n ?"
Hirsch erzählt weiter: Der letzte Charles sei Fleury gewesen,
"früher beschäftigt bei der Expedition der von L. Wittig redi-
gierten 'Dresdner Zeitung'. In Baden wurde er auf Grund über-
brachter Empfehlungen aus Sachsen von der provisorischen Regie-
rung nach der Pfalz geschickt, um die Organisation des Landsturms
zu betreiben usw. Als die Preußen in Karlsruhe einrückten, wurde
er gefangen usw. Er erschien plötzlich wieder in London Ende 1850
oder anfangs 1851; hier trägt er von Anfang an den Namen de
Fleury und befindet sich als solcher unter den Flüchtlingen in
einer, wenigstens scheinbar, schlechten Lage, bezieht mit ihnen
die vom Flüchtlingskomitee errichtete Flüchtlingskaserne und ge-
nießt die Unterstützung. Anfangs Sommer 1851 verbessert sich
plötzlich seine Lage, er bezieht eine anständige Wohnung und ver-
heiratet sich Ende des Jahrs mit der Tochter eines englischen In-
genieurs. Wir sehn ihn später als Polizeiagenten in Paris... Sein
wirklicher Name ist Krause, und zwar ist er der Sohn des Schuhma-
chers Krause, der vor etwa 15 bis 18 Jahren, wegen Ermordung der
Gräfin Schönberg und deren Kammerfrau in Dresden, daselbst mit
Backhof und Beselef hingerichtet wurde.,. Oft hat mir Fleury-
Krause gesagt, er habe schon seit seinem 14. Jahre für die Regie-
rungen gearbeitet."
Es ist dieser Fleury-Krause, den Stieber in der öffentlichen Ge-
richtssitzung zu Köln als direkt unter Greif dienenden geheimen
preußischen Polizeiagenten eingestand. Ich sage von Fleury in
meinen "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß":
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1*) entsprechend der Dienstvorschrift
#567# Kölner Kommunistenprozeß
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"Fleury ist zwar nicht die Fleur de Marie der Prostituierten der
Polizei, aber Blume ist er und Blüten wird er treiben, wenn auch
nur Fleurs-de-lys." 1*) Dies hat sich gewissermaßen erfüllt. Ei-
nige Monate nach dem Kommunistenprozeß ward Fleury wegen Fäl-
schung in England zu einigen Jahren hulks 2*) verurteilt.
"Als die rechte Hand des Polizeileutnant Greif", sagt Hirsch,
"verkehrte Fleury in dessen Abwesenheit mit der preußischen Ge-
sandtschaft direkt."
Mit Fleury stand in Verbindung Max Reuter, der bei Oswald Dietz,
damals Archivar des Schapper-Willichschen Bundes, den Briefdieb-
stahl vollführte.
"Stieber", sagt Hirsch, "war durch den Agenten des preußischen
Gesandten Hatzfeldt in Paris, jenen berüchtigten Cherval, über
die Briefe, welche dieser letztere selbst nach London geschrie-
ben, unterrichtet, und ließ sich durch Reuter nur den Aufent-
haltsort desselben ermitteln, worauf Fleury in Stiebers Auftrag
jenen Diebstahl mit Hülfe Reuters vollführte. Dies sind die ge-
stohlenen Briefe, die Herr Stieber sich nicht entblödet hat, of-
fen 'als solche' vor dem Geschwornengericht in Köln zu deponie-
ren... Im Herbst 1851 war Fleury gemeinsam mit Greif und Stieber
in Paris gewesen, nachdem der letztere dort bereits, durch die
Vermittlung des Grafen Hatzfeldt, mit jenem Cherval oder richti-
ger Joseph Cramer in Verbindung getreten war, mit dessen Hülfe er
ein Komplott zustande zu bringen hoffte. Zu dem Ende berieten die
Herren Stieber, Greif, Fleury, ferner zwei andre Polizeiagenten,
Beckmann *) und Sommer in Paris, gemeinsam mit dem famosen fran-
zösischen Spion Lucien de la Hodde (unter dem, Namen Duprez) und
erteilten ihre Instruktionen an Cherval, nach denen er seine Kor-
respondenzen zuzuschneiden hatte. Oft genug hat sich Fleury mir
gegenüber über jene provozierte Attacke zwischen Stieber und
Cherval amüsiert; und jener Schmidt, der sich in der von Cherval
a u f p o l i z e i l i c h e n B e f e h l gegründeten Ver-
bindung als Sekretär eines revolutionären Bundes von Straßburg
und Köln einführte, jener Schmidt ist kein andrer als Herr de
Fleury... Fleury war in London unzweifelhaft der einzige Agent
der preußischen geheimen Polizei, und alle Anerbietungen und Vor-
schläge, welche der Gesandtschaft gemacht wurden, gingen durch
seine Hand... seinem Urteile vertrauten sich die Herren Greif und
Stieber in vielen Fällen an."
Fleury eröffnet dem Hirsch:
"Herr Greif hat Ihnen gesagt, wie man handeln muß... Die Zentral-
polizei in Frankfurt ist selbst der Ansicht, daß es sich vor al-
lem darum handelt, d i e E x i s t e n z d e r p o l i t i-
s c h e n P o l i z e i s i c h e r z u s t e l l e n, durch
welche Mittel wir dies tun, ist gleichgültig; e i n
S c h r i t t i s t g e t a n durch das Septemberkomplott in
Paris [141]."
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*) Dasselbe Individuum, welches im Prozeß Arnim figurierte. [An-
merkung von Marx zur Ausgabe von 1875.] Er war schon damals, und
noch lange Jahre nachher Pariser Korrespondent der "Kölnischen
Zeitung". [Zusatz von Engels zur Ausgabe von 1885.]
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1*) Siehe vorl. Band, S. 453 - 2*) Strafabbüsung auf abgetakelten
Schiffen, die als Gefängnis verwendet wurden
#568# Beilagen
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Greif kehrt nach London zurück, spricht seine Zufriedenheit über
Hirschs Arbeiten aus, verlangt aber mehr, namentlich Berichte
über "die geheimen Bundessitzungen der Partei Marx".
"A tout prix" 1*), schloß der Polizeileutnant, "müssen wir Be-
richte über die Bundessitzungen aufstellen, machen Sie es nun,
wie Sie wollen, nur die Wahrscheinlichkeit müssen Sie stets nicht
überschreiten, ich selbst bin zu sehr b e s c h ä f t i g t.
Herr de Fleury wird mit Ihnen in meinem Namen zusammenarbeiten."
Greifs damalige Beschäftigung bestand, wie Hirsch sagt, in einer
Korrespondenz mit Maupas durch de la Hodde-Duprez über die zu
veranstaltende Scheinflucht von Cherval und Gipperich aus dem Ge-
fängnis St. Pélagie. Auf Hirschs Versicherung, daß
"Marx in London keinen neuen Bundes-Zentralverein gegründet habe
... verabredete Greif mit Fleury, daß wir unter den gegebenen Um-
ständen vorderhand selbst Berichte über Bundessitzungen anferti-
gen sollten; er, Greif, wollte die Echtheit übernehmen und ver-
treten, und was er vorlege, werde sowieso akzeptiert".
Fleury und Hirsch setzen sich also an die Arbeit. "Der Inhalt"
ihrer Berichte über die von Marx gehaltnen Geheim-Bundessitzungen
"wurde damit ausgefüllt", sagt Hirsch, "daß hin und wieder Dis-
kussionen stattgefunden, Bundesmitglieder aufgenommen, in irgend-
einem Winkel Deutschlands sich eine neue Gemeinde gegründet, ir-
gendeine neue Organisation stattgefunden, in Köln die gefangnen
Freunde von Marx Aussicht oder keine Aussicht auf Befreiung hät-
ten, daß Briefe von dem oder dem angekommen usw. Was das letztre
betraf, so nahm Fleury dabei gewöhnlich Rücksicht auf Personen in
Deutschland, welche bereits durch politische Untersuchungen ver-
dächtig waren oder irgendwie eine politische Tätigkeit entfaltet
hatten; sehr häufig jedoch mußte auch die Phantasie aushelfen und
kam dann auch wohl einmal ein Bundesmitglied vor, dessen Namen
vielleicht gar nicht in der Welt existierte. Herr Greif meinte
dennoch, die Berichte wären gut und man müsse ja einmal à tout
prix welche schaffen. Teilweis übernahm Fleury allein die Abfas-
sung, meistenteils aber mußte ich ihm dabei behülflich sein, da
es ihm unmöglich war, die geringste Kleinigkeit richtig zu stili-
sieren. So kamen die Berichte zustande, und ohne Bedenken über-
nahm Herr Greif die Garantie ihrer Wahrheit."
Hirsch erzählt nun weiter, wie er und Fleury A. Ruge zu Brighton
und Eduard Meyen (Tobyschen Andenkens) besuchen und ihnen Briefe
und lithographierte Korrespondenzen stehlen. Nicht genug damit.
Greif-Fleury mieten in der Stanburyschen Druckerei, Fetter Lane,
eine lithographische Presse und machen mit Hirsch zusammen nun
selbst "radikale Flugblätter". Hier gibt es etwas zu lernen für
"Demokrat" F. Zabel. Er höre:
"Das erste Flugblatt, von mir" (Hirsch) "verfaßt, war nach Fleu-
rys Angabe 'An das Landproletariat' betitelt, und es gelang, ei-
nige gute Abzüge davon zustande zu bringen. Herr Greif sandte
diese Abzüge als von der Marxschen Partei ausgehend ein
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1*) "Um jeden Preis"
#569# Kölner Kommunistenprozeß
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und fügte über die Entstehungsweise, um noch wahrscheinlicher zu
werden, in den auf die bezeichnete Weise fabrizierten Berichten
der sogenannten Bundessitzungen einige Worte über die Versendung
einer solchen Flugschrift ein. Noch einmal geschah eine ähnliche
Anfertigung unter dem Namen 'An die Kinder des Volkes', und ich
weiß nicht, unter welcher Firma Herr Greif diesmal dieselbe ein-
geliefert hat; später hörte dieses Kunststück auf, hauptsächlich,
weil soviel Geld dabei zugesetzt ist."
Cherval trifft nun in London ein nach seiner Scheinflucht aus Pa-
ris, wird vorläufig mit Salär von 1 Pfd. 10 sh. wöchentlich an
Greif attachiert,
"wofür er verpflichtet war, Berichte über den Verkehr zwischen
der deutschen und französischen Emigration abzustatten".
Im Arbeiterverein öffentlich enthüllt und als Mouchard ausgesto-
ßen".
"stellte Cherval aus sehr erklärlichen Gründen die deutsche Emi-
gration und ihre Organe so unbeachtenswert als möglich dar, weil
es ihm ja nach dieser Seite hin total unmöglich war, auch nur et-
was zu liefern. Dafür entwarf er dem Greif einen Bericht über die
nichtdeutsche revolutionäre Partei, der über Münchhausen ging."
Hirsch kehrt nun zu dem Kölner Prozeß zurück.
"Schon oftmals war Herr Greif über den Inhalt der in seinem Auf-
trag von Fleury verfertigten Bundesberichte, soweit sie den Köl-
ner Prozeß betrafen, interpelliert worden... Auch bestimmte Auf-
träge liefen über diesen Gegenstand ein, einmal sollte Marx mit
Lassalle unter einer Adresse 'Trinkhaus' korrespondieren, und der
Herr Staatsprokurator wünschte darüber Recherchen angestellt zu
sehn... Naiver erscheint ein Gesuch des Herrn Staatsprokurators,
in welchem er gern genaue Aufklärung über die Geldunterstützun-
gen, die Lassalle in Düsseldorf dem gefangnen Röser in Köln zu-
kommen lasse, zu erhalten wünschte... das Geld sollte nämlich ei-
gentlich aus London kommen."
Es ist bereits Abschnitt III, 4 (des "Herr Vogt") erwähnt, wie
Fleury in Hinckeldeys Auftrag eine Person in London auftreiben
sollte, die den verschwundenen Zeugen Haupt vor dem Kölner Ge-
schworenengericht vorstelle usw. Nach ausführlicher Darstellung
dieses Zwischenfalls fährt Hirsch fort:
"Herr Stieber hatte inzwischen an Greif das dringende Verlangen
gestellt, womöglich Originalprotokolle über die von ihm einge-
sandten Bundessitzungen zu liefern. Fleury meinte, wenn man nur
irgendwie Leute zur Verfügung hätte, würde er ein Originalproto-
koll zustande bringen. Namentlich aber müsse man die H a n d-
s c h r i f t e n e i n i g e r F r e u n d e v o n M a r x
h a b e n. Diese letztere Bemerkung benutzte ich und wies
meinerseits die Zumutung zurück; nur noch einmal kam Fleury auf
diesen Gegenstand zu sprechen, dann aber schwieg er davon.
Plötzlich trat um diese Zeit Herr Stieber in Köln mit einem Pro-
tokollbuch des in London tagenden Bundes-Zentralvereins hervor...
Noch mehr erstaunte ich, als ich in den durch die Journale aus-
züglich mitgeteilten Protokollen fast aufs Haar die in Greifs
Auftrag durch Fleury gefälschten Berichte erkannte. Herr Greif
oder Herr Stieber selbst hatten also doch auf irgendeinem Wege
eine A b s c h r i f t bewerkstelligt, d e n n d i e P r o-
t o k o l l e i n d i e s e m a n g e b l i c h e n O r i-
g i n a l e t r u g e n U n t e r s c h r i f t e n, d i e
v o n F l e u r y e i n g e r e i c h t e n W a r e n n i e
m i t s o l c h e n v e r s e h n. Von Fleury
#570# Beilagen
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selbst erfuhr ich über diese wunderbare Erscheinung nur, 'daß
Stieber alles zu machen wisse, die Geschichte werde Furore ma-
chen'!"
Sobald Fleury erfuhr, daß "Marx" die wirklichen Handschriften der
angeblichen Protokollunterzeichner (Liebknecht, Rings, Ulmer
etc.) vor einem Londoner Policecourt 1*) legalisieren ließ,
verfaßte er folgenden Brief:
"An das hohe Königl. Polizeipräsidium in Berlin. London d.d; In
der Absicht, die Unterschriften der Unterzeichner der Bundespro-
tokolle als gefälscht darzustellen, beabsichtigen Marx und seine
Freunde hier die Legalisation von Handschriften zu be-
werkstelligen, die dann als die wirklich echten Signaturen dem
Assisenhofe vorgelegt werden sollen. Jeder, der die englischen
Gesetze kennt, weiß auch, daß sie sich in dieser Beziehung wenden
und drehn lassen und daß derjenige, welcher die Echtheit garan-
tiert, im Grunde genommen eigentlich keine Bürgschaft leistet.
Derjenige, welcher diese Mitteilung macht, scheut sich nicht, in
einer Sache, wo es sich um die Wahrheit handelt, seinen Namen zu
unterzeichnen. Becker, 4, Litchfield Street."
"Fleury wußte die Adresse Beckers, eines deutschen Flüchtlings,
der mit Willich in demselben Hause wohnte, so daß späterhin
leicht der Verdacht der Urheberschaft auf diesen, als einen Geg-
ner von Marx, fallen konnte... Fleury freute sich schon im voraus
über den Skandal, den das dann anrichten werde. Der Brief würde
dann natürlich so spät verlesen werden, meinte er, daß etwaige
Zweifel über seine Echtheit erst dann erledigt werden könnten,
wenn der Prozeß bereits beendigt sei.,. Der Brief, unterzeichnet
Becker, war an das P o l i z e i p r ä s i d i u m i n B e r-
l i n gerichtet, ging aber nicht nach Berlin, sondern 'an den
Polizeibeamten Goldheim, Frankfurter Hof in Köln', und ein
K u v e r t z u d i e s e m B r i e f ging an das Polizeiprä-
sidium zu Berlin mit der Bemerkung auf einem einliegenden Zettel:
'H e r r S t i e b e r z u K ö l n w i r d g e n a u e
A u s k u n f t ü b e r d e n Z w e c k g e b e n...' Herr
Stieber hat keinen Gebrauch von dem Briefe gemacht; er konnte
keinen Gebrauch davon machen, weil er gezwungen war, das ganze
P r o t o k o l l b u c h fallenzulassen."
In bezug auf letztres sagt Hirsch:
"Herr Stieber erklärt" (vor Gericht), "er habe dasselbe vierzehn
Tage vorher in Händen gehabt und sich besonnen, ehe er Gebrauch
davon gemacht; er erklärt weiter, es sei ihm durch einen Kurier
in der Person Greifs zugekommen... Greif hätte ihm mithin seine
eigne Arbeit überbracht; - wie stimmt dies aber mit einem Schrei-
ben des Herrn Goldheim überein? Herr Goldheim schreibt an die Ge-
sandtschaft: 'Man habe das Protokollbuch nur deshalb so spät ge-
bracht, um dem Erfolge etwaiger Interpellationen über seine Echt-
heit zu entgehn..."
Freitag, den 29. Oktober, langte Herr Goldheim in London an.
"Herr Stieber hatte nämlich die Unmöglichkeit vor Augen, die
Echtheit des Protokollbuchs aufrechterhalten zu können, er
schickte deshalb einen Deputierten, um an Ort und Stelle mit
Fleury darüber zu verhandeln; die Frage war, ob man nicht auf ir-
gendeinem Wege eine Beweisführung herbeischaffen könne. Seine Be-
sprechungen blieben fruchtlos, und er reiste resultatlos wieder
ab, indem er Fleury in einer verzweifelten Stimmung zurückließ;
Stieber war nämlich entschlossen, in dem Falle, um nicht die Po-
lizeichefs zu kompromittieren, ihn bloßzustellen. Daß dies der
Grund der
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1*) Polizeigericht
#571# Kölner Kommunistenprozeß
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Unruhe Fleurys war, lehrte mich erst die bald darauf folgende Er-
klärung des Herrn Stieber. Bestürzt griff Herr Fleury nun zu ei-
nem letzten Mittel; er brachte mir eine Handschrift, nach welcher
ich eine Erklärung kopieren und mit dem Namen Liebknecht versehn
dann vor dem Lord Mayor 1*) von London, unter der Angabe, daß ich
Liebknecht sei, beschwören solle ... Fleury sagte mir, die Hand-
schrift rühre von demjenigen her, der das Protokollbuch geschrie-
ben habe, Und Herr Goldheim habe sie" (aus Köln) "mitgebracht.
Wie aber, wenn Herr Stieber das Protokollbuch per Kurier Greif
aus London empfangen hatte, wie konnte Herr Goldheim in dem Au-
genblicke, als Greif bereits wieder in London war; eine Hand-
schrift des angeblichen Protokollisten aus Köln überbringen?...
Was Fleury mir gab, waren nur einige Worte und die Signatur..."
Hirsch "kopierte die Handschrift möglichst ähnlich und erklärte
in derselben, daß der Unterzeichnete, Liebknecht nämlich; die von
Marx und Konsorten geschehene Legalisation seiner Unterschrift
für falsch und diese, seine Signatur, für die einzig richtige er-
kläre. Als ich meine Arbeit vollendet und die Handschrift in Hän-
den hatte" (nämlich die ihm zur Kopie von Fleury übergebne Hand-
schrift), "die ich glücklicherweise noch gegenwärtig besitze, äu-
ßerte ich Fleury zu seinem nicht geringen Erstaunen mein Bedenken
Und schlug ihm sein Gesuch rundweg ab. Untröstlich anfangs, er-
klärte er mir dann, daß er selbst die Beeidigung leisten werde...
Der Sicherheit halber, meinte er, werde er die H a n d-
s c h r i f t v o m p r e u ß i s c h e n K o n s u l k o n-
t r a s i g n i e r e n l a s s e n, und er begab sich deshalb
zunächst auf das Büro desselben. Ich erwartete ihn in einer
Taverne; als er zurückkam, hatte er die Kontrasignatur bewerk-
stelligt, worauf er sich in der Absicht der Beeidigung zum Lord
Mayor begab. Aber die Sache ging nicht auf dem Wege; der Lord
Mayor verlangte weitere Bürgschaften, die Fleury nicht leisten
konnte, und der Eidschwur unterblieb... Spätabends sah ich noch
einmal und damit zum letztenmal den Herrn de Fleury. Grade heute
hatte er die üble Überraschung gehabt, in der 'Kölnischen
Zeitung' die ihn betreffende Erklärung des Herrn Stieber zu le-
sen! 'Aber ich weiß, Stieber konnte nicht anders, er hätte sich
sonst selbst kompromittieren müssen', trostphilosophierte Herr de
Fleury sehr richtig... 'In Berlin werde ein Schlag geschehn, wenn
die Kölner verurteilt wären', sagte mir Herr de Fleury an einem
der letzten Tage, die ich ihn sah."
Fleurys letzte Zusammenkünfte mit Hirsch fanden statt Ende Ok-
tober 1852; Hirschs Selbstbekenntnisse sind datiert Ende November
1852; und Ende März 1853 geschah der "Schlag in Berlin"
(Ladendorfsche Verschwörung [352]). 2*)
Es wird nun den Leser interessieren, zu sehn, welches Zeugnis
Stieber selbst seinen beiden Spießgesellen Fleury-Krause und
Hirsch ausstellt. Über ersteren heißt es im Schwarzen Buch, II,
S. 69 [295]:
"Nr. 345. Krause, Carl Friedrich August, aus Dresden. Er ist der
Sohn des im Jahre 1834 wegen Teilnahme an der Ermordung der Grä-
fin Schönberg zu Dresden hingerichteten früheren Ökonomen, dann"
(nach seiner Hinrichtung?) "Getreidemäklers
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1*) Oberbürgermeister - 2*) bis hier in der Erstausgabe von "Herr
Vogt" 1860; das Folgende wurde von Engels bei der Wiederveröf-
fentlichung in "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu
Köln", Hottingen-Zürich 1885, hinzugefügt.
#572# Beilagen
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Friedrich August Krause und der noch lebenden Witwe desselben,
Johanna Rosine geb. Göllnitz, und am 9. Januar 1824 in den Wein-
bergshäusern bei Coswig ohnweit Dresden geboren. Seit 1. Oktober
1832 besuchte er die Armenschule zu Dresden, wurde 1836 in das
Waisenhaus zu Antonstadt-Dresden aufgenommen und 1840 kon-
firmiert. Dann kam er zum Kaufmann Gruhle zu Dresden in die
Lehre, im folgenden Jahre aber schon wegen m e h r f a c h e r
E n t w e n d u n g e n beim Stadtgerichte in Dresden in Unter-
suchung und Haft, worauf ihm der erlittene Arrest als Strafe an-
gerechnet wurde. Nach der Entlassung hielt er sich bei seiner
Mutter geschäftslos auf, kam im März 1842 wegen eines D i e b-
s t a h l s m i t E i n b r u c h wieder in Haft und Untersu-
chung und erlitt eine ihm zuerkannte v i e r j ä h r i g e
Z u c h t h a u s s t r a f e. Am 23. Oktober 1846 kam er aus
der Strafanstalt nach Dresden zurück und v e r k e h r t e
n u n u n t e r d e n b e r ü c h t i g t s t e n D i e-
b e n. Darauf nahm der Verein für entlassene Sträflinge sich
seiner an und brachte ihn als Zigarrenmacher unter, als welcher
er bis März 1848 ohne Unterbrechung mit leidlichem Betragen
gearbeitet hat. Doch nun gab er sich von neuem dem Hang zur
Arbeitslosigkeit hin und besuchte die politischen Vereine" (als
Regierungsspion, wie er selbst dem Hirsch in London gestand, s.
oben). "Anfang 1849 wurde er Kolporteur der von dem jetzt in
Amerika befindlichen republikanischen Literaten E. L. Wittig aus
Dresden redigierten. Dresdner Zeitung", beteiligte sich im Mai
1849 als Kommandant der Barrikade an der Sophienstraße am
Dresdner Aufstand und floh nach Unterdrückung desselben nach
Baden, wo er namentlich mit Vollmachten der provisorischen
badischen Regierung vom 10. und 23. Juni 1849 behufs Ausführung
des Aufgebots zum Landsturm und behufs Erpressung von Lebens-
mitteln für die Insurgenten auftrat, vom preußischen Militär ge-
fangengenommen wurde, am 8. Oktober 1849 aus Rastatt entsprang."
(Ganz wie später Cherval aus Paris "entsprang". Nun kommt aber
das echte duftige Polizeiblümlein - man vergesse nicht, daß dies
zwei Jahre nach dem Kölner Prozeß gedruckt wurde.)
"Zufolge einer in Nr. 39 des 'Berliner Publizisten' vom 15. Mai
1853 enthaltnen Nachricht, welche aus dem in New York im Druck
erschienenen Werk des Handlungsdieners Wilhelm Hirsch aus Hamburg
'Die Opfer der Spionage' entnommen ist" (du ahnungsvoller Engel,
du Stieber!), "trat Krause Ende 1850 oder anfangs 1851 in London
unter dem Namen Charles de Fleury als politischer Flüchtling auf
und hat zuerst in ärmlichen Verhältnissen gelebt, ist seit 1851
aber in bessere Lage gekommen, indem er nach seiner Aufnahme in
den Kommunistenbund" (die Stieber hinzulügt) "verschiedenen Re-
gierungen als Agent gedient hat, wobei er sich aber mannigfache
Schwindeleien hat zuschulden kommen lassen."
So bedankt sich Stieber bei seinem Freund Fleury, der übrigens,
wie oben erwähnt, wenige Monate nach dem Kölner Prozeß in London
wegen Fälschung zu verschiedenen Jahren Zuchthaus verurteilt
wurde.
Von Ehren-Hirsch heißt es ebendaselbst, S. 58:
"Nr. 265. Hirsch, Wilhelm, Handlungsdiener aus Hamburg. Er hat
sich, wie es scheint, nicht als Flüchtling" (wozu diese ganz
zwecklose Lüge? Goldheim hatte ihn ja in Hamburg verhaften wol-
len!), "sondern freiwillig nach London gewendet, dort aber viel
mit den Flüchtlingen verkehrt, namentlich hatte er sich der Kom-
munistenpartei angeschlossen. Er entwickelte eine doppelte Rolle.
Einmal nahm er teil an den Bestrebungen der Umsturzpartei, zum
andern bot er sich den Kontinentalregierungen als
#573# Kölner Kommunistenprozeß
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Spion sowohl gegen politische Verbrecher als auch gegen Falsch-
münzer an. Er hat in dieser letzten Beziehung aber die ärgsten
Betrügereien und Schwindeleien, namentlich Fälschungen, verübt,
so daß vor ihm nicht genug gewarnt werden kann. Er hat sogar im
Verein mit ähnlichen Subjekten selbst falsches Papiergeld ge-
macht, nur um für hohe Bezahlung den Polizeibehörden angeblich
Falschmünzereien zu entdecken. Er wurde allmählich von beiden
Seiten" (von den polizeilichen wie von den unpolizeilichen
Falschmünzern?) "erkannt und hat sich jetzt von London nach Ham-
burg zurückgezogen, wo er in dürftigen Umständen lebt."
So weit Stieber über seine Londoner Handlanger, deren
"Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit" zu beschwören er nicht müde
wird. Interessant ist dabei besonders die absolute Unmöglichkeit,
in der sich dieser Musterpreuße befindet, die einfache Wahrheit
zu sagen. Zwischen die aus den Akten hineingenommenen - wahren
und falschen - Tatsachen kann er es nicht lassen, selbst ganz
zwecklose Lügen hineinzustiebern. Und darin, daß auf die Aussagen
solcher gewerbsmäßigen Lügner - sie sind heute zahlreicher als je
- Hunderte von Leuten zu Gefängnis verurteilt werden, darin be-
steht das, was man heute Staatsrettung nennt.
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Karl Marx
Nachwort [zu "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln"
(1875)]
Die "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln" 1*), deren
Wiederveröffentlichung der "Volksstaat" [353] für zeitgemäß
hielt, erschienen uuprünglich zu Boston, Massachusetts, und zu
Basel. Letztere Auflage ward größtenteils an der deutschen Grenze
konfisziert, Die Schrift sah das Licht wenige Wochen nach Schluß
des Prozesses. Damals galt es vor allem, keine Zeit zu verlieren
und war daher mancher Irrtum im einzelnen unvermeidlich. So z.B.
in der Namensangabe der Kölner Geschworenen. So soll nicht M.
Heß, sondern ein gewisser Levy der Verfasser des roten Katechis-
mus sein. [354] So versichert W. Hirsch in seiner "Rechtferti-
gungsschrift", Chervals Flucht aus dem Pariser Gefängnis sei
zwischen Greif, der französischen Polizei und Cherval selbst
abgekartet worden, um letzteren während der Gerichtsverhandlungen
als Mouchard zu London verwenden zu können. Es ist dies wahr-
scheinlich, weil eine in Preußen begangene Wechselfälschung und
die daraus entspringende Gefahr der Auslieferung den Crämer (dies
der wirkliche Name Chervals) kirren mußten. Meine Darstellung des
Vorganges beruht auf "Selbstgeständnissen" Chervals an einen
meiner Freunde. Hirschs Angabe wirft ein noch grelleres Licht auf
Stiebers Meineid, die Ränke der preußischen Gesandtschaft zu
London und zu Paris, die schamlosen Eingriffe Hinckeldeys.
Als der "Volksstaat" das Pamphlet in seinen Spalten abzudrucken
begann, schwankte ich einen Augenblick, ob es nicht passend sei,
Abschnitt VI (Fraktion Willich-Schapper) wegzulassen. Bei näherem
Erwägen jedoch erschien jede Verstümmelung des Textes als Fäl-
schung eines historischen Dokuments.
Der gewaltsame Niederschlag einer Revolution läßt in den Köpfen
ihrer Mitspieler, namentlich der vom heimischen Schauplatz ins
Exil geschleuderten, eine Erschütterung zurück, welche selbst
tüchtige Persönlichkeiten für kürzere oder längere Zeit sozusagen
unzurechnungsfähig macht. Sie können
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1*) Siehe vorl. Band, S. 405-470
#575# Nachwort zu: Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß...
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sich nicht in den Gang der Geschichte finden, sie wollen nicht
einsehen, daß sich die Form der Bewegung verändert hat. Daher
Konspirations- und Revolutionsspielerei, gleich kompromitrierlich
für sie selbst und die Sache, in deren Dienst sie stehen; daher
auch die Fehlgriffe Schappers und Willichs. Willich hat im nord-
amerikanischen Bürgerkriege gezeigt, daß er mehr als ein Phantast
ist, und Schapper, lebenslang Vorkämpfer der Arbeiterbewegung,
erkannte und bekannte, bald nach Ende des Kölner Prozesses, seine
augenblickliche Verirrung. Viele Jahre später, auf seinem Sterbe-
bett, einen Tag vor seinem Tode, sprach er mir noch mit beißender
Ironie von jener Zeit der "Flüchtlingstölpelei". - Andererseits
erklären die "Umstände, in denen die "Enthüllungen" verfaßt wur-
den, die Bitterkeit des Angriffs auf die unfreiwilligen Helfers-
helfer des gemeinsamen Feindes. In Augenblicken der Krise wird
Kopflosigkeit zum Verbrechen an der Partei, das öffentliche Sühne
herausfordert.
"D i e g a n z e E x i s t e n z d e r p o l i t i s c h e n
P o l i z e i h ä n g t v o n d e r E n t s c h e i d u n g
d i e s e s P r o z e s s e s a b!" In diesen Worten, die Hin-
ckeldey während der Kölner Gerichtsverhandlungen an die Ge-
sandtschaft zu London schrieb (siehe meine Schrift "Herr Vogt",
pag. 27 1*)), verriet er das Geheimnis des Kommunistenprozesses.
"Die ganze Existenz der politischen Polizei", das ist nicht nur
die Existenz und Tätigkeit des mit diesem Fache unmittelbar be-
trauten Personals. Es ist die Unterordnung der ganzen Regierungs-
maschinerie mit Einschluß der Gerichte (siehe das preußische Dis-
ziplinargesetz für die richterlichen Beamten vom 7. Mai 1851
[288]) und der Presse (siehe Reptilienfonds [355]) unter jenes
Institut, wie das gesamte Staatswesen in Venedig der Staatsinqui-
sition unterworfen war. Die politische Polizei, während des Revo-
lutionssturms in Preußen lahmgelegt, bedurfte einer Umgestaltung,
für welche das zweite französische Kaiserreich mustergültig war
und blieb.
Nach dem Untergange der Revolution von 1848 existierte die deut-
sche Arbeiterbewegung nur noch unter der Form theoretischer, zu-
dem in enge Kreise gebannter Propaganda, über deren praktische
Gefahrlosigkeit die preußische Regierung sich keinen Augenblick
täuschte. Ihr galt die Kommunistenhetze nur als Einleitung zum
Reaktionskreuzzug gegen die liberale Bourgeoisie, und die Bour-
geoisie selbst stählte die Hauptwaffe dieser Reaktion, die poli-
tische Polizei, durch die Verurteilung der Arbeitervertreter und
die Freisprechung von Hinckeldey-Stieber. So verdiente Stieber
seine Rittersporen vor den Assisen zu Köln. Damals war Stieber
der Name eines untergeordneten Polizei-Individuums, auf wilder
Jagd nach Gehalts- und Amtserhöhung; jetzt bedeutet Stieber die
unbeschränkte Herrschaft der politischen Polizei im neuen heili-
gen preußisch-deutschen Reiche. Er hat sich so gewissermaßen in
eine moralische Person verwandelt, moralisch in dem bildlichen
Sinne, wie z.B. der Reichstag ein moralisches Wesen ist. Und
diesmal
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1*) Ausgabe 1860
#576# Beilagen
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schlägt die politische Polizei nicht auf den Arbeiter, um den
Bourgeois zu treffen. Umgekehrt. Grade in seiner Eigenschaft als
Diktator der deutsch-liberalen Bourgeoisie wähnt Bismarck sich
stark genug, die Arbeiterpartei aus der Welt stiebern zu können.
An dem Wachstum der Größe Stieber kann das deutsche Proletariat
daher den Fortschritt der Bewegung messen, die es selbst seit dem
Kölner Kommunistenprozeß zurückgelegt hat.
Die Unfehlbarkeit des Papstes ist eine Kinderei verglichen mit
der Unfehlbarkeit der politischen Polizei. Nachdem sie in Preußen
während ganzer Dezennien jugendliche Brauseköpfe ins Loch ge-
steckt, von wegen Schwärmerei für deutsche Einheit, deutsches
Reich, deutsches Kaisertum, kerkert sie heuerig sogar alte Glatz-
köpfe ein, die für jene Gottesgaben zu schwärmen verweigern.
Heute müht sie sich ebenso vergeblich ab, d i e R e i c h s-
f e i n d e auszuroden, wie damals die R e i c h s f r e u n-
d e. Welch schlagender Beweis, daß sie nicht dazu berufen ist,
Geschichte zu machen, wäre es auch nur die Geschichte des Zanks
um des Kaisers Bart!
Der Kommunistenprozeß zu Köln selbst brandmarkt die Ohnmacht der
Staatsmacht in ihrem Kampf gegen die gesellschaftliche Entwick-
lung. Der kgl. preußische Staatsanwalt begründete die Schuld der
Angeklagten schließlich damit, daß sie die staatsgefährlichen
Prinzipien des "Kommunistischen Manifestes" heimlich verbreite-
ten. Und werden trotzdem dieselben Prinzipien zwanzig Jahre spä-
ter nicht in Deutschland auf offener Straße verkündet? Erschallen
sie nicht selbst von der Tribüne des Reichstags? Haben sie in der
Gestalt des Programms der Internationalen Arbeiterassoziation"
[356] nicht die Reise um die Welt gemacht, allen Regierungssteck-
briefen zum Trotz? Die Gesellschaft findet nun einmal nicht ihr
Gleichgewicht, bis sie sich um die Sonne der Arbeit dreht.
Die "Enthüllungen" sagen am Schluß: "Jena! ... das ist das letzte
Wort für eine Regierung, die solcher Mittel zum Bestehen, und für
eine Gesellschaft, die solch einer Regierung zum Schutze bedarf.
Das ist das letzte Wort des Kommunistenprozesses - Jena!" 1*)
Eine gelungene Vorhersage dies, kichert der erste beste
Treitschke mit stolzem Hinweis auf Preußens jüngste Waffentat und
das Mausergewehr. Mir genügt zu erinnern, daß es nicht nur ein
i n n e r e s D ü p p e l [357] gibt, sondern auch ein i n-
n e r e s J e n a [306].
London, den 8, Januar 1875
Karl Marx
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1*) Siehe vorl. Band, S. 470
#577#
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Friedrich Engels
Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
[Einleitung zum neuen Abdruck von Marx' "Enthüllungen über den
Kommunisten-Prozeß zu Köln" (1885)]
Mit der Verurteilung der Kölner Kommunisten 1852 fällt der Vor-
hang über die erste Periode der deutschen selbständigen Arbeiter-
bewegung. Diese Periode ist heute fast vergessen. Und doch währte
sie von 1836 bis 1852, und die Bewegung spielte, bei der Verbrei-
tung der deutschen Arbeiter im Ausland, in fast allen Kulturlän-
dern. Und damit nicht genug. Die heutige internationale Arbeiter-
bewegung ist der Sache nach eine direkte Fortsetzung der damali-
gen deutschen, welche die e r s t e i n t e r n a t i o n a l e
A r b e i t e r b e w e g u n g überhaupt war und aus der viele
der Leute hervorgingen, die in der Internationalen Arbeiterasso-
ziation die leitende Rolle übernahmen. Und die theoretischen
Grundsätze, die der Bund der Kommunisten im "Kommunistischen
Manifest" von 1847[3581 auf die Fahne schrieb, bilden heute das
stärkste internationale Bindemittel der gesamten proletarischen
Bewegung Europas wie Amerikas.
Bis jetzt gibt es für die zusammenhängende Geschichte jener Bewe-
gung nur eine Hauptquelle. Es ist das sogenannte Schwarze Buch:
"Die Communisten-Verschwörungen des 19. Jahrhunderts". Von Wer-
muth und Stieber. Berlin. 2 Theile, 1853 und 1854. Dies von zwei
der elendesten Polizeilumpen unsres Jahrhunderts zusammengelogne,
von absichtlichen Fälschungen strotzende Machwerk dient noch
heute allen nichtkommunistischen Schriften über jene Zeit als
letzte Quelle.
Was ich hier geben kann, ist nur eine Skizze, und auch diese nur,
soweit der Bund selbst in Betracht kommt; nur das zum Verständnis
der "Enthüllungen" 1*) absolut Notwendige. Es wird mir hoffent-
lich noch vergönnt sein, das von Marx und mir gesammelte reich-
haltige Material zur Geschichte jener ruhmvollen Jugendzeit der
internationalen Arbeiterbewegung einmal zu verarbeiten.
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Aus dem im Jahr 1834 in Paris von deutschen Flüchtlingen gestif-
teten demokratisch-republikanischen Geheimbund der "Geächteten"
sonderten sich 1836 die extremsten, meist proletarischen Elemente
aus und bildeten
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1*) Siehe vorl. Band, S. 405-470
#578# Beilagen
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den neuen geheimen B u n d d e r G e r e c h t e n. Der Mut-
terbund, worin nur die schlafmützigsten Elemente à la Jacobus
Venedey zurückgeblieben, schlief bald ganz ein: Als die Polizei
1840 einige Sektionen in Deutschland aufschnüffelte, war er kaum
noch ein Schatten. Der neue Bund dagegen entwickelte sich ver-
hältnismäßig rasch. Ursprünglich war er ein deutscher Ableger des
an babouvistische Erinnerungen anknüpfenden französischen Arbei-
terkommunismus, der sich um dieselbe Zeit in Paris ausbildete;
die Gütergemeinschaft wurde gefordert als notwendige Folgerung
der "Gleichheit". Die Zwecke waren die der gleichzeitigen Pariser
geheimen Gesellschaften: halb Propagandaverein, halb Verschwö-
rung, wobei jedoch Paris immer als Mittelpunkt der revolutionären
Aktion galt, obgleich die Vorbereitung gelegentlicher Putsche in
Deutschland keineswegs ausgeschlossen war. Da aber Paris das ent-
scheidende Schlachtfeld blieb, war der Bund damals tatsächlich
nicht viel mehr als der deutsche Zweig der französischen geheimen
Gesellschaften, namentlich der von Blanqui und Barbès geleiteten
Société des saisons 1*), mit der ertger Zusammenhang bestand. Die
Franzosen schlügen los am 12. Mai 1839; die Sektionen des Bundes
marschierten mit und wurden so in die gemeinsame Niederlage ver-
wickelt.
Von den Deutschen waren namentlich Karl Schapper und Heinrich
Bauer ergriffen worden; die Regierung Louis-Philippes begnügte
sich damit, sie nach längerer Haft auszuweisen. Beide gingen nach
London. Schapper aus Weilburg in Nassau, als Student der Forst-
wissenschaft in Gießen 1832 Mitglied der von Georg Büchner ge-
stifteten Verschwörung [359], machte am 3. April 1833 den Sturm
auf die Frankfurter Konstablerwache [360] mit, entkam ins Ausland
und beteiligte sich im Februar 1834 an Mazzinis Zug nach Savoyen
[215]. Ein Hüne von Gestalt, resolut und energisch, stets bereit,
bürgerliche Existenz und Leben in die Schanze zu schlagen, war er
das Musterbild des Revolutionärs von Profession, wie er in den
dreißiger Jahren eine Rolle spielte. Bei einer gewissen Schwer-
fälligkeit des Denkens war er keineswegs besserer theoretischer
Einsicht unzugänglich, wie schon seine Entwicklung vom "Dema-
gogen" [181] zum Kommunisten beweist, und hielt dann um so
starrer am einmal Erkannten. Eben deshalb ging seine revolu-
tionäre Leidenschaft zuweilen mit seinem Verstände durch; aber er
hat stets seinen Fehler nachher eingesehn und offen bekannt. Er
war ein ganzer Mann, und was er zur Begründung der deutschen
Arbeiterbewegung getan, bleibt unvergeßlich.
Heinrich Bauer aus Franken war Schuhmacher; ein lebhaftes, aufge-
wecktes, witziges Männchen, in dessen kleinem Körper aber eben-
falls viel Schlauheit und Entschlossenheit steckte.
In London angekommen, wo Schapper, der in Paris Schriftsetzer ge-
wesen, nun als Sprachlehrer seinen Unterhalt suchte, knüpften
beide die
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1*) Gesellschaft der Jahreszeiten
#579# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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abgerissenen Bundesfäden wieder zusammen und machten nun London
zum Zentrum des Bundes. Zu ihnen gesellte sich hier, wenn nicht
schon früher in Paris, Joseph Moll, Uhrmacher aus Köln, ein mit-
telgroßer Herkules - er und Schapper haben, wie oft! eine
Saaltüre gegen Hunderte andringender Gegner siegreich behauptet
-, ein Mann, der seinen beiden Genossen an Energie und
Entschlossenheit mindestens gleichkam, sie aber geistig beide
übertraf. Nicht nur, daß er geborner Diplomat war, wie die
Erfolge seiner zahlreichen Missionsreisen bewiesen; er War auch
theoretischer Einsicht leichter zugänglich. Ich lernte sie alle
drei 1843 in London kennen; es waren die ersten revolutionären
Proletarier, die ich sah; und soweit auch im einzelnen damals
unsre Ansichten auseinandergingen - denn ich trug ihrem
bornierten Gleichheitskommunismus *) damals noch ein gut Stück
ebenso bornierten philosophischen Hochmuts entgegen -, so werde
ich doch nie den imponierenden Eindruck vergessen, den diese drei
wirklichen Männer auf mich machten, der ich damals eben erst ein
Mann werden wollte.
In London, wie in geringerm Maße in der Schweiz, kam ihnen die
Vereins- und Versammlungsfreiheit zugut; Schon am 7. Februar 1840
wurde der öffentliche Deutsche Arbeiterbildungsverein [293] ge-
stiftet, der heute noch besteht. Dieser Verein diente dem Bund
als Werbebezirk neuer Mitglieder, und da, wie immer, die Kommuni-
sten die tätigsten und intelligentesten Vereinsmitglieder waren,
verstand es sich von selbst, daß seine Leitung ganz in den Händen
des Bundes lag. Der Bund hatte bald mehrere Gemeinden oder, wie
sie damals noch hießen, "Hütten" in London. Dieselbe auf der Hand
liegende Taktik wurde in der Schweiz und anderswo befolgt. Wo man
Arbeitervereine gründen konnte, wurden sie in derselben Weise be-
nutzt. Wo die Gesetze dies verboten, ging man in Gesangvereine,
Turnvereine u. dgl. Die Verbindung wurde großenteils durch die
fortwährend ab- und zureisenden Mitglieder aufrechterhalten, die
auch, wo erforderlich, als Emissäre fungierten. In beiden Hin-
sichten wurde der Bund lebhaft unterstützt durch die Weisheit der
Regierungen, die jeden mißliebigen Arbeiter - und das war in neun
Fällen aus zehn ein Bundesglied - durch Ausweisung in einen
Emissär verwandelten.
Die Ausbreitung des wiederhergestellten Bundes war eine bedeu-
tende. Namentlich in der Schweiz hatten Weitling, August Becker
(ein höchst bedeutender Kopf, der aber an innerer Haltlosigkeit
zugrunde ging wie so viele Deutsche) und andre eine starke, mehr
oder weniger auf Weitlings kommunistisches System vereidigte Or-
ganisation geschaffen. Es ist hier nicht der Ort, den Weitling-
schen Kommunismus zu kritisieren. Aber für seine Bedeutung als
erste selbständige theoretische Regung des deutschen Proletariats
unterschreibe
---
*) Unter Gleichheitskommunismus verstehe ich, wie gesagt; ledig-
lich den Kommunismus, der sich ausschließlich oder vorwiegend auf
die Gleichheitsforderung stützt.
#580# Beilagen
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ich noch heute Marx' Worte im Pariser "Vorwärts" [361] von 1844:
"Wo hätte die" (deutsche) "Bourgeoisie - ihre Philosophen und
Schriftgelehrten eingerechnet - ein ähnliches Werk wie Weitlings
'Garantien der Harmonie und Freiheit' i n b e z u g a u f
d i e E m a n z i p a t i o n d e r B o u r g e o i s i e -
die politische Emanzipation - aufzuweisen? Vergleicht man die
nüchterne, kleinlaute Mittelmäßigkeit der deutschen politischen
Literatur mit diesem maßlosen und brillanten Debüt der deutschen
Arbeiter; vergleicht man diese r i e s e n h a f t e n K i n-
d e r s c h u h e d e s P r o l e t a r i a t s mit der Zwerg-
haftigkeit der ausgetretenen politischen Schuhe der Bourgeoisie,
so muß man dem Aschenbrödel eine Athletengestalt prophezeien."
Diese Athletengestalt steht heute vor uns, obwohl noch lange
nicht ausgewachsen.
Auch in Deutschland bestanden zahlreiche Sektionen, der Natur der
Sache nach von vergänglicherer Natur; aber die entstehenden wogen
die eingehenden mehr als auf. Die Polizei entdeckte erst nach
sieben Jahren, Ende 1846, in Berlin (Mentel) und Magdeburg (Beck)
eine Spur des Bundes, ohne imstande zu sein, sie weiter zu ver-
folgen.
In Paris hatte der noch 1840 dort befindliche Weitling ebenfalls
die zersprengten Elemente wieder gesammelt, ehe er in die Schweiz
ging.
Die Kerntruppe des Bundes waren die Schneider. Deutsche Schneider
waren überall, in der Schweiz, in London, in Paris. In letzterer
Stadt war das Deutsche so sehr herrschende Sprache des Geschäfts-
zweigs, daß ich 1846 dort einen norwegischen, direkt zur See von
Drontheim nach Frankreich gefahrnen Schneider kannte, der während
18 Monaten fast kein Wort Französisch, aber vortrefflich Deutsch
gelernt hatte. Von den Pariser Gemeinden bestanden 1847 zwei vor-
wiegend aus Schneidern, eine aus Möbelschreinern.
Seit der Schwerpunkt von Paris nach London verlegt, trat ein
neues Moment in den Vordergrund: Der Bund wurde aus einem deut-
schen allmählich ein i n t e r n a t i o n a l e r. Im Arbei-
terverein fanden sich außer Deutschen und Schweizern auch Mit-
glieder aller jener Nationalitäten ein, denen die deutsche Spra-
che vorwiegend als Verständigungsmittel mit Ausländern diente,
also namentlich Skandinavier, Holländer, Ungarn, Tschechen, Süd-
slawen, auch Russen und Elsässer. 1847 war unter andern auch ein
englischer Gardegrenadier in Uniform regelmäßiger Stammgast. Der
Verein nannte sich bald: K o m m u n i s t i s c h e r Arbei-
terbildungsverein, und auf den Mitgliedskarten stand der Satz:
"Alle Menschen sind Brüder" in wenigstens zwanzig Sprachen, wenn
auch hie und da nicht ohne Sprachfehler. Wie der öffentliche Ver-
ein, so nahm auch der geheime Bund bald einen mehr internationa-
len Charakter an; zunächst noch in einem beschränkten Sinn, prak-
tisch durch die verschiedene Nationalität der Mitglieder, theore-
tisch durch die Einsicht, daß jede Revolution, um siegreich zu
sein, europäisch sein müsse. Weiter ging man noch nicht; aber die
Grundlage war gegeben.
Mit den französischen Revolutionären hielt man durch die Londoner
Flüchtlinge, die Kampfgenossen vom 12. Mai 1839, enge Verbindung.
Desgleichen
#581# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
-----
mit den radikaleren Polen. Die offizielle polnische Emigration,
wie auch Mazzini, waren selbstverständlich mehr Gegner als Bun-
desgenossen. Die englischen Chartisten wurden wegen des spezi-
fisch englischen Charakters ihrer Bewegung als unrevolutionär
beiseite gelassen. Mit ihnen kamen die Londoner Leiter des Bundes
erst später durch mich in Verbindung.
Auch sonst hatte sich der Charakter des Bundes mit den Ereignis-
sen geändert. Obwohl man noch immer - und damals mit vollem Recht
- auf Paris als die revolutionäre Mutterstadt blickte, war man
doch aus der Abhängigkeit von den Pariser Verschwörern herausge-
kommen. Die Ausbreitung des Bundes hob sein Selbstbewußtsein. Man
fühlte, daß man in der deutschen Arbeiterklasse mehr und mehr
Wurzel faßte und daß diese deutschen Arbeiter geschichtlich beru-
fen seien, den Arbeitern des europäischen Nordens und Ostens die
Fahne voranzutragen. Man hatte in Weitling einen kommunistischen
Theoretiker, den man seinen damaligen französischen Konkurrenten
kühn an die Seite setzen durfte. Endlich war man durch die Erfah-
rung vom 12. Mai belehrt worden, daß es mit den Putschversuchen
vorderhand nichts mehr sei. Und wenn man auch fortfuhr, jedes Er-
eignis sich als Anzeichen des hereinbrechenden Sturms auszulegen,
wenn man die alten, halb konspiratorischen Statuten im ganzen
aufrechthielt, so war das mehr die Schuld des alten revolutio-
nären Trotzes, der schon anfing, mit der sich aufdringenden bes-
sern Einsicht in Kollision zu kommen.
Dagegen hatte die gesellschaftliche Doktrin des Bundes, so unbe-
stimmt sie war, einen sehr großen, aber in den Verhältnissen
selbst begründeten Fehler. Die Mitglieder, soweit sie überhaupt
Arbeiter, waren fast ausschließlich eigentliche Handwerker. Der
Mann, der sie ausbeutete, war selbst in den großen Weltstädten
meist nur ein kleiner Meister. Die Ausbeutung selbst der Schnei-
derei auf großem Fuß, der jetzt sogenannten Konfektion, durch
Verwandlung des Schneiderhandwerks in Hausindustrie für Rechnung
eines großen Kapitalisten, war damals sogar in London erst im
Aufkeimen. Einerseits war der Ausbeuter dieser Handwerker ein
kleiner Meister, andrerseits hofften sie alle schließlich selbst
kleine Meister zu werden. Und dabei klebten dem damaligen deut-
schen Handwerker noch eine Masse vererbter Zunftvorstellungen an.
Es gereicht ihnen zur höchsten Ehre, daß sie, die selbst noch
nicht einmal vollgültige Proletarier waren, sondern nur ein im
Übergang ins moderne Proletariat begriffener Anhang des Kleinbür-
gertums, der noch nicht in direktem Gegensatz gegen die Bour-
geoisie, d. h. das große Kapital, stand - daß diese Handwerker
imstande waren, ihre künftige Entwicklung instinktiv zu antizi-
pieren und, wenn auch noch nicht mit vollem Bewußtsein, sich als
Partei des Proletariats zu konstituieren. Aber es war auch
unvermeidlich, daß ihre alten Handwerkervorurteile ihnen jeden
Augenblick ein Bein stellten, sobald es darauf ankam, die beste-
hende Gesellschaft im einzelnen zu kritisieren, d.h. ökonomische
Tatsachen zu untersuchen. Und ich glaube nicht, daß im ganzen
Bund damals ein einziger Mann war, der je ein Buch
#582# Beilagen
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über Ökonomie gelesen hatte. Das verschlug aber wenig; die
"Gleichheit", die "Brüderlichkeit" und die "Gerechtigkeit" halfen
einstweilen über jeden theoretischen Berg.
Inzwischen hatte sich neben dem Kommunismus des Bundes und Weit-
lings ein zweiter, wesentlich verschiedner herausgebildet, Ich
war in Manchester mit der Nase darauf gestoßen worden, daß die
Ökonomischen Tatsachen, die in der bisherigen Geschichtsschrei-
bung gar keine oder nur eine verachtete Rolle spielen, wenigstens
in der modernen Welt eine entscheidende geschichtliche Macht
sind; daß sie die Grundlage bilden für die Entstehung der heuti-
gen Klassengegensätze; daß diese Klassengegensätze in den Län-
dern, wo sie vermöge der großen Industrie sich voll entwickelt
haben, also namentlich in England, wieder die Grundlage der poli-
tischen Parteibildung, der Parteikämpfe und damit der gesamten
politischen Geschichte sind. Marx war nicht nur zu derselben An-
sicht gekommen, sondern hatte sie auch schon in den "Deutsch-
Französischen Jahrbüchern" (1844) dahin verallgemeinert, daß
überhaupt nicht der Staat die bürgerliche Gesellschaft, sondern
die bürgerliche Gesellschaft den Staat bedingt und regelt, daß
also die Politik und ihre Geschichte aus den ökonomischen Ver-
hältnissen und ihrer Entwicklung zu erklären ist, nicht umge-
kehrt. Als ich Marx im Sommer 1844 in Paris besuchte, stellte
sich unsere vollständige Übereinstimmung auf allen theoretischen
Gebieten heraus, und von da an datiert unsre gemeinsame Arbeit.
Als wir im Frühjahr 1845 in Brüssel wieder zusammenkamen, hatte
Marx aus den obigen Grundlagen schon seine materialistische Ge-
schichtstheorie in den Hauptzügen fertig herausentwickelt, und
wir setzten uns nun daran, die neugewonnene Anschauungsweise nach
den verschiedensten Richtungen hin im einzelnen auszuarbeiten.
Diese die Geschichtswissenschaft umwälzende Entdeckung, die, wie
man sieht, wesentlich das Werk von Marx ist und an der ich mir
nur einen sehr geringen Anteil zuschreiben kann, war aber von un-
mittelbarer Wichtigkeit für die gleichzeitige Arbeiterbewegung.
Kommunismus bei Franzosen und Deutschen, Chartismus bei den Eng-
ländern erschien nun nicht mehr als etwas Zufälliges, das ebenso-
gut auch hätte nicht dasein können. Diese Bewegungen stellten
sich nun dar als eine Bewegung der modernen unterdrückten Klasse,
des Proletariats, als mehr oder minder entwickelte Formen ihres
geschichtlich notwendigen Kampfs gegen die herrschende Klasse,
die Bourgeoisie; als Formen des Klassenkampfs, aber unterschieden
von allen früheren Klassenkämpfen durch dies eine: daß die heu-
tige unterdrückte Klasse, das Proletariat, seine Emanzipation
nicht durchführen kann, ohne gleichzeitig die ganze Gesellschaft
von der Scheidung in Klassen und damit von den Klassenkämpfen zu
emanzipieren, Und Kommunismus hieß nun nicht mehr: Ausheckung,
vermittelst der Phantasie, eines möglichst vollkommenen Gesell-
schaftsideals, sondern: Einsicht in die Natur, die Bedingungen
und die daraus sich ergebenden allgemeinen Ziele des vom Proleta-
riat geführten Kampfs.
#583# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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Wir waren nun keineswegs der Absicht, die neuen wissenschaftli-
chen Resultate in dicken Büchern ausschließlich der "gelehrten"
Welt zuzuflüstern. Im Gegenteil. Wir saßen beide schon tief in
der politischen Bewegung, hatten unter der gebildeten Welt, na-
mentlich Westdeutschlands, einen gewissen Anhang und reichliche
Fühlung mit dem organisierten Proletariat. Wir waren verpflich-
tet, unsre Ansicht wissenschaftlich zu begründen; ebenso wichtig
aber war es auch für uns, das europäische und zunächst das deut-
sche Proletariat für unsere Überzeugung zu gewinnen. Sobald wir
erst mit uns selbst im reinen, ging's an die Arbeit. In Brüssel
stifteten wir einen deutschen Arbeiterverein und bemächtigten uns
der "Deutschen-Brüsseler-Zeitung" [362], in der wir bis zur Fe-
bruarrevolution ein Organ hatten. Mit dem revolutionären Teil der
englischen Chartisten verkehrten wir durch Julian Harney, den Re-
dakteur des Zentralorgans der Bewegung, "The Northern Star"
[363], dessen Mitarbeiter ich war. Ebenso standen wir in einer
Art Kartell mit den Brüsseler Demokraten (Marx war Vizepräsident
der Demokratischen Gesellschaft [364]) und den französischen So-
zial-Demokraten von der "Réforme" [189], der ich Nachrichten über
die englische und deutsche Bewegung lieferte. Kurz, unsre Verbin-
dungen mit den radikalen und proletarischen Organisationen und
Preßorganen Waren ganz nach Wunsch.
Mit dem Bund der Gerechten standen wir folgendermaßen. Die Exi-
stenz des Bundes war uns natürlich bekannt; 1843 hatte mir Schap-
per den Eintritt angetragen, den ich damals selbstredend ab-
lehnte. Wir blieben aber nicht nur mit den Londonern in fortwäh-
render Korrespondenz, sondern in noch engerm Verkehr mit Dr.
Ewerbeck, dem jetzigen Leiter der Pariser Gemeinden. Ohne uns um
die innern Bundesangelegenheiten zu kümmern, erfuhren wir doch
von jedem wichtigen Vorgang. Andrerseits wirkten wir mündlich,
brieflich und durch die Presse auf die theoretischen Ansichten
der bedeutendsten Bundesmitglieder ein. Hierzu dienten auch ver-
schiedne lithographierte Zirkulare, die wir bei besondern Gele-
genheiten, wo es sich um Interna der sich bildenden kommunisti-
schen Partei handelte, an unsre Freunde und Korrespondenten in
die Welt sandten. Bei diesen kam der Bund zuweilen selbst ins
Spiel. So war ein junger westfälischer Studiosus, Hermann Kriege,
der nach Amerika ging, dort als Bundesemissär aufgetreten, hatte
sich mit dem verrückten Harro Harting assoziiert, um vermittelst
des Bundes Südamerika aus den Angeln zu heben, und hatte ein
Blatt [365] gegründet, worin er einen auf "Liebe" beruhenden, von
Liebe überfließenden, überschwenglichen Kommunismus der Liebesdu-
selei im Namen des Bundes predigte. Hiergegen fuhren wir los in
einem Zirkular 1*), das seine Wirkung nicht verfehlte. Kriege
verschwand von der Bundesbühne.
Später kam Weitling nach Brüssel. Aber er war nicht mehr der
naive junge Schneidergeselle, der, über seine eigene Begabung er-
staunt, sich klar darüber
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 3-17
#584# Beilagen
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zu werden sucht, wie denn eine kommunistische Gesellschaft wohl
aussehen möge. Er war der wegen seiner Überlegenheit von Neidern
verfolgte große Mann, der überall Rivalen, heimliche Feinde,
Fallstricke witterte; der von Land zu Land gehetzte Prophet, der
ein Rezept zur Verwirklichung des Himmels auf Erden fertig in der
Tasche trug und sich einbildete, jeder gehe darauf aus, es ihm zu
stehlen. Er hatte sich in London schon mit den Leuten des Bundes
überworfen, und auch in Brüssel, wo besonders Marx und seine Frau
ihm mit fast übermenschlicher Geduld entgegenkamen, konnte er mit
niemand auskommen. So ging er bald darauf nach Amerika, um es
dort mit dem Prophetentum zu versuchen.
Alle diese Umstände trugen bei zu der stillen Umwälzung, die sich
im Bund und namentlich unter den Londoner Leitern vollzog. Die
Unzulänglichkeit der bisherigen Auffassung des Kommunismus,
sowohl des französischen einfachen Gleichheitskommunismus wie des
Weitlingschen, wurde ihnen mehr und mehr klar. Die von Weitling
eingeleitete Zurückführung des Kommunismus auf das Urchristentum
- so geniale Einzelheiten sich in seinem "Evangelium des armen
Sünders" finden - hatte in der Schweiz dahin geführt, die Bewe-
gung großenteils in die Hände zuerst von Narren wie Albrecht und
dann von ausbeutenden Schwindelpropheten wie Kuhlmann zu liefern.
Der von einigen Belletristen vertriebne "wahre Sozialismus", eine
Übersetzung französischer sozialistischer Wendungen in verdorbe-
nes Hegeldeutsch und sentimentale Liebesduselei (siehe den Ab-
schnitt über den deutschen oder "wahren" Sozialismus im
"Kommunistischen Manifest"), den Kriege und die Lektüre der be-
treffenden Schriften in den Bund eingeführt, mußte schon seiner
speichelfließenden Kraftlosigkeit wegen den alten Revolutionären
des Bundes zum Ekel werden. Gegenüber der Unhaltbarkeit der bis-
herigen theoretischen Vorstellungen, gegenüber den daraus sich
herleitenden praktischen Abirrungen sah man in London mehr und
mehr ein, daß Marx und ich mit unsrer neuen Theorie recht hatten.
Diese Einsicht wurde unzweifelhaft dadurch befördert, daß sich
unter den Londoner Führern jetzt zwei Männer befanden, die den
Genannten an Befähigung zu theoretischer Erkenntnis bedeutend
überlegen waren: der Miniaturmaler Karl Pfänder aus Heilbronn und
der Schneider Georg Eccarius aus Thüringen. *)
Genug, im Frühjahr 1847 erschien Moll in Brüssel bei Marx und
gleich darauf in Paris bei mir, um uns im Namen seiner Genossen
mehrmals zum Eintritt in den Bund aufzufordern. Sie seien von der
allgemeinen Richtigkeit
---
*) Pfänder ist vor ungefähr acht Jahren in London gestorben. Er
war ein eigentümlich feindenkender Kopf, witzig, ironisch, dia-
lektisch. Eccarius war bekanntlich später langjähriger Generalse-
kretär der Internationalen Arbeiterassoziation, in deren General-
rat unter andern folgende alte Bundesmitglieder saßen: Eccarius,
Pfänder, Leßner, Lochner, Marx, ich. Eccarius hat sich später
ausschließlich der englischen Gewerkschaftsbewegung zugewandt.
#585# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
-----
unserer Auffassungsweise ebensosehr überzeugt wie von der Notwen-
digkeit, den Bund von den alten konspiratorischen Traditionen und
Formen zu befreien. Wollten wir eintreten, so sollte uns Gelegen-
heit gegeben werden, auf einem Bundeskongreß unsren kritischen
Kommunismus in einem Manifest zu entwickeln, das sodann als Mani-
fest des Bundes veröffentlicht würde; und ebenso würden wir das
Unsrige beitragen können, daß die veraltete Organisation des Bun-
des durch eine neue zeit- und zweckgemäße ersetzt werde.
Daß eine Organisation innerhalb der deutschen Arbeiterklasse
schon der Propaganda wegen notwendig sei und daß diese Organisa-
tion, soweit sie nicht bloß lokaler Natur, selbst außerhalb
Deutschlands nur eine geheime sein könne, darüber waren wir nicht
im Zweifel. Nun bestand aber grade im Bund bereits eine solche
Organisation. Das, was wir bisher an diesem Bund auszusetzen ge-
habt, wurde jetzt von den Vertretern des Bundes selbst als
fehlerhaft preisgegeben; wir selbst wurden aufgefordert, zur Re-
organisation mitzuarbeiten. Konnten wir nein sagen? Sicher nicht.
Wir traten also in den Bund; Marx bildete in Brüssel aus unsern
näheren Freunden eine Bundesgemeinde, während ich die drei Pari-
ser Gemeinden besuchte.
Im Sommer 1847 fand der erste Bundeskongreß in London statt, wo
W. Wolff die Brüsseler und ich die Pariser Gemeinden vertrat.
Hier wurde zunächst die Reorganisation des Bundes durchgeführt.
Was noch von den alten mystischen Namen aus der Konspirationszeit
übrig, wurde jetzt auch abgeschafft; der Bund organisierte sich
in Gemeinden, Kreise, leitende Kreise, Zentralbehörde und Kongreß
und nannte sich von nun an: "Bund der Kommunisten". "Der Zweck
des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Pro-
letariats, die Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen be-
ruhenden bürgerlichen Gesellschaft und die Gründung einer neuen
Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum" - so lautet
der erste Artikel. Die Organisation selbst war durchaus demokra-
tisch, mit gewählten und stets absetzbaren Behörden und hiedurch
allein allen Konspirationsgelüsten, die Diktatur erfordern, ein
Riegel vorgeschoben und der Bund - für gewöhnliche Friedenszeiten
wenigstens - in eine reine Propagandagesellschaft verwandelt.
Diese neuen Statuten 1*) - so demokratisch wurde jetzt verfahren
- wurden den Gemeinden zur Diskussion vorgelegt, dann auf dem
zweiten Kongreß nochmals durchberaten und von ihm definitiv am 8.
Dezember 1847 angenommen. Sie stehn abgedruckt bei Wermuth und
Stieber, I, S. 239, Anl. X.
Der zweite Kongreß fand statt Ende November und Anfang Dezember
desselben Jahres. Hier war auch Marx anwesend und vertrat in län-
gerer Debatte - der Kongreß dauerte mindestens zehn Tage - die
neue Theorie. Aller Widerspruch und Zweifel wurde endlich erle-
digt, die neuen Grundsätze einstimmig angenommen und Marx und ich
beauftragt, das Manifest auszuarbeiten. Dies geschah unmittelbar
nachher. Wenige Wochen vor der Februarrevolution
-----
1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 596-601
#586# Beilagen
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wurde es nach London zum Druck geschickt. Seitdem hat es die
Reise um die Welt gemacht, ist in fast alle Sprachen übersetzt
worden und dient noch heute in den verschiedensten Ländern als
Leitfaden der proletarischen Bewegung. An die Stelle des alten
Bundesmottos: "Alle Menschen sind Brüder", trat der neue
Schlachtruf : "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!", der
den internationalen Charakter des Kampfes offen proklamierte.
Siebzehn Jahre später durchhallte dieser Schlachtruf die Welt als
Feldgeschrei der Internationalen Arbeiterassoziation, und heute
hat ihn das streitbare Proletariat aller Länder auf seine Fahne
geschrieben.
Die Februarrevolution brach aus. Sofort übertrug die bisherige
Londoner Zentralbehörde ihre Befugnisse an den leitenden Kreis
Brüssel. Aber dieser Beschluß traf ein zu einer Zeit, wo in Brüs-
sel schon ein tatsächlicher Belagerungszustand herrschte und na-
mentlich die Deutschen sich nirgends mehr versammeln konnten. Wir
waren eben alle auf dem Sprung nach Paris, und so beschloß die
neue Zentralbehörde, sich ebenfalls aufzulösen, ihre sämtlichen
Vollmachten an Marx zu übertragen und ihn zu bevollmächtigen, in
Paris sofort eine neue Zentralbehörde zu konstituieren. Kaum wa-
ren die fünf Leute, die diesen Beschluß 1*) (3. März 1848) ge-
faßt, auseinandergegangen, als die Polizei in Marx' Wohnung
drang, ihn verhaftete und am nächsten Tage nach Frankreich abzu-
reisen zwang, wohin er grade gehn wollte.
In Paris fanden wir uns bald alle wieder zusammen. Dort wurde
auch das folgende, von den Mitgliedern der neuen Zentralbehörde
unterzeichnete Dokument 2*) verfaßt, das in ganz Deutschland ver-
breitet wurde und Woraus auch heute mancher noch etwas lernen
kann:
"Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland
1. Ganz Deutschland wird zu einer einigen, unteilbaren Republik
erklärt.
3. Die Volksvertreter werden besoldet, damit auch der Arbeiter im
Parlament des deutschen Volkes sitzen könne.
4. Allgemeine Volksbewaffnung.
7. Die fürstlichen und andern feudalen Landgüter, alle Bergwerke,
Gruben usw. werden in Staatseigentum umgewandelt. Auf diesen
Landgütern wird der Ackerbau im großen und mit den modernsten
Hilfsmitteln der Wissenschaft zum Vorteile der Gesamtheit betrie-
ben.
8. Die Hypotheken auf den Bauerngütern werden für Staatseigentum
erklärt. Die Interessen für jene Hypotheken werden von den Bauern
an den Staat gezahlt.
9. In den Gegenden, wo das Pachtwesen entwickelt ist, wird die
Grundrente oder der Pachtschilling als Steuer an den Staat ge-
zahlt.
-----
1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 607 - 2*) vgl. Band 5 unse-
rer Ausgabe, S. 3-5; Engels zitiert die "Forderungen..." hier nur
auszugsweise und nicht wortwörtlich
#587# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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11. Alle Transportmittel: Eisenbahnen, Kanäle, Dampfschiffe,
Wege, Posten etc. nimmt der Staat in seine Hand. Sie werden in
Staatseigentum umgewandelt und der unbemittelten Klasse zur un-
entgeltlichen Verfügung gestellt.
14. Beschränkung des Erbrechts;
15. Einführung von starken Progressivsteuern und Abschaffung der
Konsumtionssteuern.
16. Errichtung von Nationalwerkstätten. Der Staat garantiert al-
len Arbeitern ihre Existenz und versorgt die zur Arbeit Unfähi-
gen.
17. Allgemeine, unentgeltliche Volkserziehung.
Es liegt im Interesse des deutschen Proletariats, des kleinen
Bürger- und Bauernstandes, mit aller Energie an der Durchsetzung
obiger Maßregeln zu arbeiten. Denn nur durch Verwirklichung der-
selben können die Millionen, die bisher in Deutschland von einer
kleinen Zahl ausgebeutet wurden und die man weiter in Unterdrü-
ckung zu erhalten suchen wird, zu ihrem Rechte und zu derjenigen
Macht gelangen, die ihnen, als den Hervorbringern alles Reich-
tums, gebührt.
Das Komitee:
Karl Marx Karl Schapper H. Bauer F. Engels J. Moll W. Wolff"
In Paris herrschte damals die Manie der revolutionären Legionen.
Spanier, Italiener, Belgier, Holländer, Polen, Deutsche taten
sich in Haufen zusammen, um ihre respektiven Vaterländer zu be-
freien. Die deutsche Legion wurde geführt von Herwegh, Bornstedt,
Börnstein. Da sofort nach der Revolution alle ausländischen Ar-
beiter nicht nur beschäftigungslos, sondern auch noch vom Publi-
kum drangsaliert wurden, fanden diese Legionen starken Zulauf.
Die neue Regierung sah in ihnen ein Mittel, die fremden Arbeiter
loszuwerden, und bewilligte ihnen l'étape du soldat, d. h,
Marschquartiere und die Marschzulage von 50 Centimen per Tag bis
an die Grenze, wo dann der stets zu Tränen gerührte Minister des
Auswärtigen, der Schönredner Lamartine, schon Gelegenheit fand,
sie an ihre respektiven Regierungen zu verraten.
Wir widersetzten uns dieser Revolutionsspielerei aufs entschie-
denste. Mitten in die damalige Gärung Deutschlands eine Invasion
hineintragen, die die Revolution zwangsmäßig von außen importie-
ren sollte, das hieß der Revolution in Deutschland selbst ein
Bein stellen, die Regierungen stärken und die Legionäre selbst -
dafür bürgte Lamartine - den deutschen Truppen wehrlos in die
Hände liefern. Als dann in Wien und Berlin die Revolution siegte,
wurde die Legion erst recht zwecklos; aber man hatte einmal an-
gefangen, und so wurde weitergespielt.
Wir stifteten einen deutschen kommunistischen Klub, worin wir den
Arbeitern rieten, der Legion fernzubleiben, dagegen einzeln nach
der Heimat zurückzukehren und dort für die Bewegung zu wirken.
Unser alter Freund Flocon, der in der provisorischen Regierung
saß, erwirkte für die von uns
#588# Beilagen
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fortgeschickten Arbeiter dieselben Reisebegünstigungen, die den
Legionären zugesagt waren. So beförderten wir drei- bis vierhun-
dert Arbeiter nach Deutschland zurück, darunter die große Mehr-
zahl der Bundesglieder.
Wie leicht vorherzusehn, erwies sich der Bund, gegenüber der
jetzt losgebrochnen Bewegung der Volksmassen, als ein viel zu
schwacher Hebel. Drei Viertel der Bundesglieder, die früher im
Ausland wohnten, hatten durch Rückkehr in die Heimat ihren Wohn-
sitz gewechselt; ihre bisherigen Gemeinden waren damit großen-
teils aufgelöst, alle Fühlung mit dem Bund ging für sie verloren.
Ein Teil der Ehrgeizigeren unter ihnen suchte sie auch nicht wie-
der zu gewinnen, sondern fing, jeder in seiner Lokalität, eine
kleine Separatbewegung auf eigne Rechnung an. Und endlich lagen
die Verhältnisse in jedem einzelnen Kleinstaat, jeder Provinz,
jeder Stadt wieder so verschieden, daß der Bund außerstand gewe-
sen wäre, mehr als ganz allgemeine Direktiven zu geben; diese wa-
ren aber viel besser durch die Presse zu verbreiten. Kurz, mit
dem Augenblick, wo die Ursachen aufhörten, die den geheimen Bund
notwendig gemacht hatten, hörte auch der geheime Bund auf, als
solcher etwas zu bedeuten. Das aber konnte am wenigsten die Leute
überraschen, die soeben erst demselben geheimen Bund den letzten
Schatten konspiratorischen Charakters abgestreift.
Daß aber der Bund eine vorzügliche Schule der revolutionären Tä-
tigkeit gewesen, bewies sich jetzt. Am Rhein, wo die "Neue Rhei-
nische Zeitung" [43] einen festen Mittelpunkt bot, in Nassau,
Rheinhessen etc. standen überall Bundesglieder an der Spitze der
extrem-demokratischen Bewegung. Desgleichen in Hamburg. In Süd-
deutschland stand das Vorherrschen der kleinbürgerlichen Demokra-
tie im Weg. In Breslau war Wilhelm Wolff bis in den Sommer 1848
hinein mit großem Erfolg tätig; er erhielt auch ein schlesisches
Mandat als Stellvertreter zum Frankfurter Parlament. Endlich in
Berlin stiftete der Schriftsetzer Stephan Born, der in Brüssel
und Paris als tätiges Bundesmitglied gewirkt hatte, eine
"Arbeiterverbrüderung", die eine ziemliche Verbreitung erhielt
und bis 1850 bestand. Born, ein sehr talentvoller junger Mann,
der es aber mit seiner Verwandlung in eine politische Größe etwas
zu eilig hatte, "verbrüderte" sich mit den verschiedenartigsten
Krethi und Plethi, um nur einen Haufen zusammenzubekommen, und
war keineswegs der Mann, der Einheit in die widerstrebenden Ten-
denzen, Licht in das Chaos bringen konnte. In den amtlichen Ver-
öffentlichungen des Vereins laufen daher auch die im "Kommu-
nistischen Manifest" vertretenen Ansichten kunterbunt durch-
einander mit Zunfterinnerungen und Zunftwünschen, Abfällen von
Louis Blanc und Proudhon, Schutzzöllnerei usw., kurz, man wollte
allen alles sein. Speziell wurden Streiks, Gewerksgenossen-
schaften, Produktivgenossenschaften ins Werk gesetzt und ver-
gessen, daß es sich vor allem darum handelte, durch politische
Siege sich erst das Gebiet zu erobern, worauf allein solche Dinge
auf die Dauer durchführbar waren. Als dann die Siege der Reaktion
den Leitern der Verbrüderung die Notwendigkeit fühlbar machten,
direkt
#589# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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in den Revolutionskampf einzutreten, wurden sie von der verworre-
nen Masse, die sie um sich gruppiert, selbstredend im Stich ge-
lassen. Born beteiligte sich am Dresdner Mai-Aufstand 1849 und
entkam glücklich. Die "Arbeiterverbrüderung" aber hatte sich, ge-
genüber der großen politischen Bewegung des Proletariats, als ein
reiner Sonderbund bewährt, der großenteils nur auf dem Papier be-
stand und eine so untergeordnete Rolle spielte, daß die Reaktion
ihn erst 1850 und seine fortbestehenden Ableger erst mehrere
Jahre nachher zu unterdrücken für nötig fand. Born, der eigent-
lich Buttermilch heißt, wurde keine politische Größe, sondern ein
kleiner Schweizer Professor, der nicht mehr den Marx ins Zünftle-
rische, sondern den sanften Renan in sein eignes süßliches
Deutsch übersetzt.
Mit dem 13. Juni 1849 in Paris, mit der Niederlage der deutschen
Maiaufstände und der Niederwerfung der ungarischen Revolution
durch die Russen war eine große Periode der 1848er Revolution ab-
geschlossen. Aber der Sieg der Reaktion war soweit noch keines-
wegs endgültig. Eine Neuorganisation der zersprengten revolutio-
nären Kräfte war geboten und damit auch die des Bundes. Die Ver-
hältnisse verboten wieder, wie vor 1848, jede öffentliche Organi-
sation des Proletariats; man mußte also sich von neuem geheim or-
ganisieren.
Im Herbst 1849 fanden sich die meisten Mitglieder der frühern
Zentralbehörden und Kongresse wieder in London zusammen. Es
fehlte nur noch Schapper, der in Wiesbaden saß, aber nach seiner
Freisprechung im Frühjahr 1850 ebenfalls kam, und Moll, der,
nachdem er eine Reihe der gefährlichsten Missions- und Agitati-
onsreisen erledigt - zuletzt warb er mitten unter der preußischen
Armee in der Rheinprovinz Fahrkanoniere für die pfälzische Artil-
lerie -, in die Besançoner Arbeiterkompanie des Willichschen
Korps eintrat und im Gefecht an der Murg, vorwärts der Roten-
felser Brücke, durch einen Schuß in den Kopf getötet wurde. Dage-
gen trat nun Willich ein. Willich war einer der seit 1845 im
westlichen Deutschland so häufigen Gemütskommunisten, also schon
deshalb in instinktivem, geheimem Gegensatz gegen unsre kritische
Richtung. Er war aber mehr, er war vollständiger Prophet, von
seiner persönlichen Mission als prädestinierter Befreier des
deutschen Proletariats überzeugt und als solcher direkter Präten-
dent auf die politische nicht minder als auf die militärische
Diktatur. Dem früher von Weitling gepredigten urchristlichen Kom-
munismus trat somit eine Art von kommunistischem Islam zur Seite.
Doch blieb die Propaganda dieser neuen Religion zunächst auf die
von Willich befehligte Flüchtlingskaserne beschränkt.
Der Bund wurde also neu organisiert, die im Anhang (IX, Nr. 1)
abgedruckte Ansprache vom März 18501 erlassen und Heinrich Bauer
als Emissär nach Deutschland geschickt. Die von Marx und mir re-
digierte Ansprache ist noch heute von Interesse, weil die klein-
bürgerliche Demokratie auch jetzt
-----
1*) Siehe Band 7 unserer Ausgabe, S. 244-254
#590# Beilagen
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noch diejenige Partei ist, welche bei der nächsten europäischen
Erschütterung, die nun bald fällig wird (die Verfallzeit der
europäischen Revolutionen, 1815, 1830, 1848-1852, 1870, währt in
unserm Jahrhundert 15 bis 18 Jahre), in Deutschland unbedingt
zunächst ans Ruder kommen muß, als Retterin der Gesellschaft vor
den kommunistischen Arbeitern. Manches von dem dort Gesagten paßt
also noch heute. Die Missionsreise Heinrich Bauers war von voll-
ständigem Erfolg gekrönt. Der kleine fidele Schuhmacher war ein
geborner Diplomat. Er brachte die teils lässig gewordnen, teils
auf eigne Rechnung operierenden ehemaligen Bundesglieder wieder
in die aktive Organisation, namentlich auch die jetzigen Führer
der "Arbeiterverbrüderung". Der Bund fing an, in den Arbeiter-,
Bauern- und Turnvereinen in weit größerem Maß als vor 1848 die
dominierende Rolle zu spielen, so daß schon die nächste viertel-
jährliche Ansprache an die Gemeinden vom Juni 1850 1*) konsta-
tieren konnte, der im Interesse der kleinbürgerlichen Demokratie
Deutschland bereisende Studiosus Schurz aus Bonn (der spätere
amerikanische Exminister) "habe alle brauchbaren Kräfte schon in
den Händen des Bundes gefunden" (s. Anhang, IX, Nr. 2). Der Bund
war Unbedingt die einzige revolutionäre Organisation, die in
Deutschland eine Bedeutung hatte.
Wozu diese Organisation aber dienen sollte, das hing sehr wesent-
lich davon ab, ob die Aussichten auf einen erneuten Aufschwung
der Revolution sich verwirklichten. Und dies wurde im Lauf des
Jahres 1850 immer unwahrscheinlicher, ja unmöglicher. Die indu-
strielle Krisis von 1847, die die Revolution von 1848 vorbereitet
hatte, war überwunden; eine neue, bisher unerhörte Periode der
industriellen Prosperität war angebrochen; wer Augen hatte zu
sehn, und sie gebrauchte, für den mußte es klar sein, daß der
Revolutionssturm von 1848 sich allmählich erschöpfte.
"Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die Produktivkräfte
der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies
innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich ist,
k a n n v o n e i n e r w i r k l i c h e n R e v o l u-
t i o n k e i n e R e d e s e i n. Eine solche Revolution ist
nur in den Perioden möglich, wo diese beiden Faktoren, die
modernen Produktivkräfte und die bürgerlichen Produktionsformen,
miteinander in Widerspruch geraten. Die verschiedenen Zänkereien,
in denen sich jetzt die Repräsentanten der einzelnen Fraktionen
der kontinentalen Ordnungspartei ergehn und gegenseitig
kompromittieren, weit entfernt zu neuen Revolutionen Anlaß zu
geben, sind im Gegenteil nur möglich, weil die Grundlage der
Verhältnisse momentan so sicher und, was die Reaktion nicht weiß,
so b ü r g e r l i c h ist. An ihr werden alle die bürgerliche
Entwicklung aufhaltenden Reaktionsversuche e b e n s o s i-
c h e r 2*) a b p r a l l e n w i e a l l e s i t t l i-
c h e E n t r ü s t u n g u n d a l l e b e g e i s t e r-
t e n P r o k l a m a t i o n e n d e r D e m o k r a t e n."
So schrieb Marx und ich in der "Revue von Mai bis Oktober 1850"
in der "Neuen
-----
1*) Siehe Band 7 unserer Ausgabe, S. 306-312 - 2*) in der "N. Rh.
Ztg. Polit.-ökon. Revue": ebensosehr; Engels Hervorhebungen wei-
chen vom Text 1850 ab
#591# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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Rheinischen Zeitung, Politisch-ökonomische Revue", V. und VI.
Heft, Hamburg 1850, S. 153. 1*)
Diese kühle Auffassung der Lage war aber für viele Leute eine
Ketzerei zu einer Zeit, wo Ledru-Rollin, Louis Blanc, Mazzini,
Kossuth, und von kleineren deutschen Lichtern Ruge, Kinkel, Goegg
und wie sie alle heißen, sich in London haufenweise zu provisori-
schen Zukunftsregierungen, nicht nur für ihre respektiven Vater-
länder, sondern auch für ganz Europa zusammentaten und wo es nur
hoch darauf ankam, das nötige Geld als Revolutionsanleihe in Ame-
rika aufzunehmen, um die europäische Revolution benebst den damit
selbstverständlichen verschiednen Republiken im Nu zu verwirkli-
chen. Daß ein Mann wie Willich hier hineinfiel und daß auch
Schapper aus altem Revolutionsdrang sich betören ließ, daß die
Mehrzahl der Londoner Arbeiter, großenteils selbst Flüchtlinge,
ihnen in das Lager der bürgerlich-demokratischen Revolutionsma-
cher folgte, wen kann es wundern? Genug, die von uns verteidigte
Zurückhaltung war nicht nach dem Sinn dieser Leute; es sollte in
die Revolutionsmacherei eingetreten werden; wir weigerten uns
aufs entschiedenste. Die Spaltung erfolgte; das Weitere ist in
den "Enthüllungen" zu lesen. Dann kam die Verhaftung zuerst Noth-
jungs, dann Haupts in Hamburg, der zum Verräter wurde, indem er
die Namen der Kölner Zentralbehörde angab und im Prozeß als
Hauptzeuge dienen sollte; aber seine Verwandten wollten diese
Schande nicht erleben und beförderten ihn nach Rio de Janeiro, wo
er sich später als Kaufmann etablierte und in Anerkennung seiner
Verdienste erst preußischer und dann deutscher Generalkonsul
wurde. Er ist jetzt wieder in Europa. *)
Zum besseren Verständnis des Folgenden gebe ich die Liste der
Kölner Angeklagten: 1. P.G. Röser, Zigarrenarbeiter; 2. Heinrich
Bürgers, später verstorbener fortschrittlicher Landtagsabgeordne-
ter; 3. Peter Nothjung, Schneider, vor wenigen Jahren als Photo-
graph in Breslau gestorben; 4. W.J. Reiff; 5. Dr. Hermann Becker,
jetzt Oberbürgermeister von Köln und Mitglied des Herrenhauses;
6. Dr. Roland Daniels, Arzt, wenige Jahre nach dem Prozeß an der
im Gefängnis erworbenen Schwindsucht gestorben; 7. Karl Otto,
Chemiker; 8. Dr. Abraham Jacobi, jetzt Arzt in New York; 9. Dr.
J.J. Klein, jetzt Arzt und Stadtverordneter in Köln; 10. Fer-
dinand Freiligrath, der aber damals schon in London war; 11. J.L.
Ehrhard, Kommis; 12. Friedrich
---
*) Schapper starb Ende der sechziger Jahre in London. Willich
machte den amerikanischen Bürgerkrieg mit Auszeichnung mit; er
erhielt in der Schlacht bei Murfreesboro (Tennessee) als Briga-
degeneral einen Schuß durch die Brust, wurde aber geheilt und
starb vor etwa zehn Jahren in Amerika. - Von andern oben erwähn-
ten Personen will ich noch bemerken, daß Heinrich-Bauer in Au-
stralien verschollen ist, Weitling und Ewerbeck in Amerika ge-
storben sind.
-----
1*) Vgl. Band 7 unserer Ausgabe, S. 440
#592# Beilagen
-----
Leßner, Schneider, jetzt in London. Von diesen wurden, nachdem
die öffentlichen Verhandlungen vor den Geschwornen vom 4. Oktober
bis 12. November 1852 gedauert, wegen versuchten Hochverrats ver-
urteilt: Röser, Bürgers und Nothjung zu 6, Reiff, Otto, Becker zu
5, Leßner zu 3 Jahren Festungshaft, Daniels, Klein, Jacobi und
Ehrhard wurden freigesprochen.
Mit dem Kölner Prozeß schließt diese erste Periode der deutschen
kommunistischen Arbeiterbewegung. Unmittelbar nach der Verurtei-
lung lösten wir unsern Bund auf; wenige Monate nachher ging auch
der Willich-Schappersche Sonderbund ein zur ewigen Ruhe.
---
Zwischen damals und jetzt liegt ein Menschenalter. Damals war
Deutschland ein Land des Handwerks und der auf Handarbeit beru-
henden Hausindustrie; jetzt ist es ein noch in fortwährender in-
dustrieller Umwälzung begriffnes großes Industrieland. Damals
mußte man die Arbeiter einzeln zusammensuchen, die Verständnis
hatten für ihre Lage als Arbeiter und ihren geschichtlich-ökono-
mischen Gegensatz gegen das Kapital, weil dieser Gegensatz selbst
erst im Entstehen begriffen war. Heute muß man das gesamte deut-
sche Proletariat unter Ausnahmsgesetze stellen, um nur den Prozeß
seiner Entwicklung zum vollen Bewußtsein seiner Lage als unter-
drückte Klasse um ein geringes zu verlangsamen. Damals mußten
sich die wenigen Leute, die zur Erkenntnis der geschichtlichen
Rolle des Proletariats durchgedrungen, im geheimen zusammentun,
in kleinen Gemeinden von drei bis zwanzig Mann verstohlen sich
versammeln. Heute braucht das deutsche Proletariat keine offi-
zielle Organisation mehr, weder öffentliche noch geheime; der
einfache, sich von selbst verstehende Zusammenhang gleichgesinn-
ter Klassengenossen reicht hin, um ohne alle Statuten, Behörden,
Beschlüsse und sonstige greifbare Formen das gesamte Deutsche
Reich zu erschüttern. Bismarck ist Schiedsrichter in Europa,
draußen jenseits der Grenze; aber drinnen wächst täglich drohen-
der jene Athletengestalt des deutschen Proletariats empor, die
Marx schon 1844 vorhersah, der Riese, dem das auf den Philister
bemessene enge Reichsgebäude schon zu knapp wird und dessen ge-
waltige Statur und breite Schultern dem Augenblick entgegen wach-
sen, wo sein bloßes Aufstehn vom Sitz den ganzen Reichsverfas-
sungsbau in Trümmer sprengt. Und mehr noch. Die internationale
Bewegung des europäischen und amerikanischen Proletariats ist
jetzt so erstarkt, daß nicht nur ihre erste enge Form - der ge-
heime Bund -, sondern selbst ihre zweite, unendlich umfassendere
Form - die öffentliche Internationale Arbeiterassoziation - eine
Fessel für sie geworden und daß das einfache, auf der Einsicht in
die Dieselbigkeit der Klassenlage beruhende Gefühl der Solidari-
tät hinreicht, unter den Arbeitern aller Länder und Zungen eine
und dieselbe große Partei des Proletariats zu schaffen und zusam-
menzuhalten. Die Lehren, die der Bund von 1847 bis 1852 vertrat
und die damals als die Hirngespinste extremer Tollköpfe,
#593# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
-----
als Geheimlehre einiger zersprengten Sektierer vom weisen Phili-
sterium mit Achselzucken behandelt werden durften, sie haben
jetzt zahllose Anhänger in allen zivilisierten Ländern der Welt,
unter den Verdammten der sibirischen Bergwerke wie unter den
Goldgräbern Kaliforniens; und der Begründer dieser Lehre, der
bestgehaßte, bestverleumdete Mann seiner Zeit, Karl Marx, war,
als er starb, der stets gesuchte und stets willige Ratgeber des
Proletariats beider Welten.
London, 8. Oktober 1885
Friedrich Engels
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