Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       [Der Pariser Aufstand - Die Frankfurter Nationalversammlung]
       
       Schon Anfang April 1848 war die revolutionäre Flut auf dem ganzen
       europäischen Kontinent  eingedämmt durch  das Bündnis,  das  jene
       Gesellschaftsklassen, die  aus den  ersten Siegen Nutzen gezogen,
       sofort mit den Besiegten eingingen. In Frankreich hatten sich das
       Kleinbürgertum und  der republikanische  Teil der Bourgeoisie mit
       der monarchistischen  Bourgeoisie gegen das Proletariat zusammen-
       getan; in  Deutschland und  Italien hatte  die  siegreiche  Bour-
       geoisie eifrig  für die Unterstützung des Feudaladels, der staat-
       lichen Bürokratie  und der  Armee gegen  die Masse des Volkes und
       der Kleinbürger  geworben. Gar  bald bekamen die vereinigten kon-
       servativen und  konterrevolutionären Parteien  wieder Oberwasser.
       In England  gestaltete sich eine zur Unzeit abgehaltene, schlecht
       vorbereitete Volkskundgebung  (10. April) [36] zu einer vollstän-
       digen  und  entscheidenden  Niederlage  der  Bewegungspartei.  In
       Frankreich wurden  zwei ähnliche  Bewegungen (am 16. April und am
       15.Mai) [37]  gleichfalls niedergeschlagen.  In Italien  erlangte
       König Bomba am 15. Mai mit einem einzigen Schlage wieder die alte
       Macht. [38] In Deutschland festigten sich die verschiedenen neuen
       Bourgeoisregierungen und ihre konstituierenden Versammlungen, und
       wenn der  ereignisreiche 15. Mai in Wien zu einem Sieg des Volkes
       führte, so war das ein Geschehnis von bloß untergeordneter Bedeu-
       tung, das  als das letzte erfolgreiche Aufflackern der Volksener-
       gie betrachtet  werden kann. In Ungarn schien die Bewegung in das
       ruhige Fahrwasser  völliger Gesetzlichkeit  einzulenken, und  die
       polnische Bewegung  wurde, wie wir in unserem letzten Artikel ge-
       sehen, durch preußische Bajonette im Keim erstickt. Aber noch war
       die Wendung,  die die Dinge schließlich nehmen sollten, in keiner
       Weise entschieden,  und jeder Zollbreit Boden, den die revolutio-
       nären Parteien in den verschiedenen Ländern verloren, war für sie
       nur ein  Ansporn, ihre  Reihen immer  enger zu schließen zum ent-
       scheidenden Kampf.
       Der entscheidende Kampf rückte näher. Er konnte nur in Frankreich
       ausgefochten werden;  denn solange  England an dem revolutionären
       Ringen
       
       #58# Friedrich Engels
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       nicht teilnahm und Deutschland zersplittert blieb, war Frankreich
       dank seiner  nationalen Unabhängigkeit,  seiner Zivilisation  und
       Zentralisierung das einzige Land, das den Ländern ringsum den An-
       stoß zu einer gewaltigen Erschütterung geben konnte. Als daher am
       23. Juni  1848 das blutige Ringen in Paris begann, als jedes neue
       Telegramm, jede  neue Post vor den Augen Europas immer klarer die
       Tatsache enthüllte,  daß dieser  Kampf zwischen der Masse des ar-
       beitenden Volkes  einerseits und allen übrigen, von der Armee un-
       terstützten Klassen  der Pariser Bevölkerung andrerseits, geführt
       wurde, als sich der Kampf mehrere Tage hinzog, mit einer Erbitte-
       rung, die  in der  Geschichte des modernen Bürgerkriegs ohneglei-
       chen ist,  jedoch ohne  erkennbaren Vorteil für die eine oder die
       andere Seite  - da  wurde es  jedermann klar,  daß dies die große
       Entscheidungsschlacht war,  die, wenn  der Aufstand  siegte,  den
       ganzen Kontinent  mit erneuten  Revolutionen überfluten,  wenn er
       aber unterlag,  zum mindesten vorübergehend zur Wiederaufrichtung
       des konterrevolutionären Regimes führen mußte.
       Die Proletarier  von Paris  wurden  geschlagen,  dezimiert,  zer-
       schmettert, dermaßen,  daß sie sich von dem Schlag bis heute noch
       nicht wieder  erholt haben. Und sofort erhoben in ganz Europa die
       neuen und  alten Konservativen  und Konterrevolutionäre das Haupt
       mit einer  Frechheit, die  zeigte, wie  gut sie die Bedeutung der
       Ereignisse verstanden.  Überall fiel man über die Presse her, das
       Vereins- und  Versammlungsrecht wurde geschmälert, jeder unbedeu-
       tende Vorfall in irgendeiner kleinen Provinzstadt zum Vorwand ge-
       nommen, das Volk zu entwaffnen, den Belagerungszustand zu verhän-
       gen, die  Truppen in den neuen Manövern und Kunstgriffen zu dril-
       len, die  Cavaignac gelehrt. Zudem war zum erstenmal seit dem Fe-
       bruar bewiesen  worden, daß es ein Irrtum war, eine Volkserhebung
       in einer großen Stadt für unbesiegbar zu halten; die Ehre der Ar-
       mee war wiederhergestellt; die Truppen, die bisher in jedem Stra-
       ßenkampf von  Bedeutung den kürzeren gezogen, gewannen wieder die
       Zuversicht, auch dieser Art Kampf gewachsen zu sein.
       Von dieser  Niederlage der ouvriers 1*) von Paris an kann man die
       ersten entschiedenen Schritte und bestimmten Pläne der alten feu-
       dal-bürokratischen Partei  in Deutschland  datieren,  sich  sogar
       ihres augenblicklichen  Verbündeten, der Bourgeoisie, zu entledi-
       gen und in Deutschland wieder den Zustand herzustellen, in dem es
       sich vor  den Märzereignissen  befand. Die  Armee war  wieder die
       entscheidende Macht  im Staate,  und die  Armee gehörte nicht der
       Bourgeoisie, sondern eben jener Partei. Selbst in Preußen, wo vor
       1848 bei einem Teil der Offiziere der unteren Rangstufen eine be-
       trächtliche
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       1*) Arbeiter
       
       #59# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       Neigung für  ein konstitutionelles  Regime beobachtet worden war,
       führte die  durch die Revolution in die Armee hineingetragene Un-
       ordnung diese räsonierenden jungen Leute zu strammer Unterordnung
       zurück; sobald sich der einfache Soldat ein wenig Freiheit gegen-
       über den  Offizieren herausnahm,  schwand bei  ihnen sofort jeder
       Zweifel an  der Notwendigkeit von Disziplin und stummem Gehorsam.
       Die besiegten  Adligen und Bürokraten begannen jetzt zu erkennen,
       welchen Weg  sie einschlagen  mußten; die  Armee, stärker  geeint
       denn je, mit gehobenem Selbstgefühl infolge des Sieges über klei-
       nere Aufstände  und in  Kriegen mit anderen Ländern, eifersüchtig
       auf den großen Erfolg, den das französische Militär soeben errun-
       gen -  diese Armee  brauchte man  nur ständig in kleine Konflikte
       mit dem  Volke zu  bringen, und sie könnte, war der entscheidende
       Augenblick erst einmal gekommen, mit einem großen Schlage die Re-
       volutionäre zermalmen  und mit  den Anmaßungen  der  bürgerlichen
       Parlamentarier Schluß  machen. Und  der geeignete  Augenblick für
       einen solchen entscheidenden Schlag kam bald genug.
       Wir übergehen  die zuweilen merkwürdigen, meist aber langweiligen
       parlamentarischen  Verhandlungen   und  lokalen  Kämpfe,  die  in
       Deutschland die  verschiedenen Parteien  während des  Sommers be-
       schäftigten. Es  genüge zu sagen, daß die Verfechter der Interes-
       sen der  Bourgeoisie, trotz  zahlreicher  parlamentarischer  Tri-
       umphe, von  denen nicht  ein einziger  zu irgendeinem praktischen
       Ergebnis führte,  im allgemeinen  fühlten, daß ihre Stellung zwi-
       schen den  extremen Parteien von Tag zu Tag unhaltbarer wurde und
       daß sie sich daher gezwungen sahen, heute ein Bündnis mit den Re-
       aktionären zu  suchen und  morgen um die Gunst der beim Volke be-
       liebteren Parteien zu buhlen. Dieses ständige Schwanken gab ihrem
       Ansehen in  der öffentlichen  Meinung vollends  den Rest, und bei
       der Wendung,  die die  Dinge nahmen,  kam die Verachtung, der sie
       verfielen, für  den Augenblick  hauptsächlich den  Bürokraten und
       den Anhängern des Feudalismus zugute.
       Zu Beginn  des Herbstes  war die  Stellung der verschiedenen Par-
       teien zueinander  so gereizt und kritisch geworden, daß eine Ent-
       scheidungsschlacht nicht mehr zu vermeiden war. Das erste Treffen
       in diesem  Krieg zwischen  den demokratischen  und revolutionären
       Massen und  der Armee fand in Frankfurt statt. Obwohl nur von un-
       tergeordneter Bedeutung,  brachte es  doch den Truppen den ersten
       bemerkenswerten Vorteil  gegenüber den  Aufständischen und  hatte
       eine große  moralische Wirkung. Der von der Frankfurter National-
       versammlung eingesetzten Scheinregierung war von Preußen aus sehr
       durchsichtigen Gründen erlaubt worden, einen Waffenstillstand mit
       Dänemark zu  schließen, der  nicht nur die Deutschen in Schleswig
       der dänischen  Rache preisgab, sondern auch die mehr oder weniger
       revolutionären
       
       #60# Friedrich Engels
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       Grundsätze, die  bei dem dänischen Krieg nach allgemeiner Ansicht
       eine maßgebende  Rolle spielten,  völlig verleugnete. Dieser Waf-
       fenstillstand wurde  von der  Frankfurter Versammlung  mit  einer
       Mehrheit von  zwei oder  drei Stimmen  abgelehnt. Die  Abstimmung
       hatte eine Scheinkrise des Ministeriums zur Folge, aber drei Tage
       später kam  die Versammlung  auf ihren  Beschluß zurück  und ließ
       sich tatsächlich  dazu bringen,  ihn umzustoßen  und den  Waffen-
       stillstand zu  billigen. Dieses schmachvolle Verhalten erregte im
       Volk Empörung. Barrikaden wurden errichtet, aber es waren bereits
       genügend  Truppen   nach  Frankfurt  beordert  worden,  und  nach
       sechsstündigem Kampf war die Erhebung niedergeschlagen. Im Zusam-
       menhang mit diesem Ereignis fanden in anderen Teilen Deutschlands
       (Baden, Köln)  ähnliche, wenn  auch weniger bedeutende Bewegungen
       statt, die aber gleichfalls niedergeschlagen wurden.
       Dieses Vorgefecht  brachte der  konterrevolutionären  Partei  den
       einen großen  Vorteil, daß jetzt die einzige Regierung, die - we-
       nigstens dem  Anschein nach - ausschließlich aus Volkswahlen her-
       vorgegangen war, die Reichsregierung zu Frankfurt, ebenso wie die
       Nationalversammlung, in  den Augen des Volkes erledigt war. Diese
       Regierung und  diese Versammlung  waren gezwungen gewesen, gegen-
       über der Kundgebung des Volkswillens an die Bajonette der Truppen
       zu appellieren. Sie waren kompromittiert, und so gering das Anse-
       hen auch  war, auf das sie bisher Anspruch erheben konnten, diese
       Verleugnung ihres  Ursprungs, diese  Abhängigkeit von  den volks-
       feindlichen Regierungen  und deren  Truppen  machten  fortan  den
       Reichsverweser, seine Minister und seine Abgeordneten vollends zu
       Nullen. Wir  werden bald sehen, wie zuerst Österreich, dann Preu-
       ßen und  schließlich auch  die kleineren  Staaten jede Verfügung,
       jedes Ansuchen,  jede Abordnung  dieser  Gesellschaft  impotenter
       Träumer, die bei ihnen vorsprach, mit Verachtung behandelten.
       Wir kommen jetzt zu dem großen Gegenstück der französischen Juni-
       schlacht in  Deutschland, jenem  Ereignis,  das  für  Deutschland
       ebenso entscheidend  war, wie  der Kampf des Pariser Proletariats
       es für  Frankreich gewesen: Wir meinen die revolutionäre Erhebung
       und darauffolgende Erstürmung Wiens im Oktober 1848. Dieser Kampf
       ist aber  von solcher  Bedeutung und  die Erklärung der verschie-
       denen Umstände, die für seinen Ausgang in erster Linie mitbestim-
       mend waren,  wird so  viel Raum der "Tribune" in Anspruch nehmen,
       daß wir  genötigt sind,  sie in  einem besonderen Brief zu behan-
       deln.
       London, Februar 1852

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