Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       XIV
       
       [Die Wiederherstellung der Ordnung - Reichstag und Kammern]
       
       Die ersten Monate des Jahres 1849 wurden von der österreichischen
       und preußischen Regierung dazu benutzt, die im Oktober und Novem-
       ber des  Vorjahres errungenen  Vorteile weiter  zu verfolgen. Der
       Österreichische Reichstag  hatte seit der Einnahme Wiens ein rei-
       nes Schattendasein  in dem kleinen mährischen Landstädtchen Krem-
       sier 1*) geführt. Hier widerfuhr den slawischen Abgeordneten, die
       mitsamt ihren  Wählern hauptsächlich dazu beigetragen hatten, die
       österreichische Regierung  aus ihrer  tiefen Erniedrigung  wieder
       emporzuheben, eine  einzigartige Züchtigung  für ihren  Verrat an
       der europäischen  Revolution. Kaum hatte die Regierung ihre Kraft
       wiedererlangt, da  begann sie  den Reichstag  und seine slawische
       Mehrheit mit  der größten  Verachtung zu  behandeln, und als nach
       den ersten  Erfolgen der  kaiserlichen Waffen eine rasche Beendi-
       gung des  Kriegs in Ungarn zu erwarten stand, wurde der Reichstag
       am 4. März aufgelöst und seine Abgeordneten mit Waffengewalt aus-
       einandergetrieben. Jetzt  erkannten die  Slawen endlich,  daß man
       sie zum  Narren gehalten, und jetzt erhoben sie den Ruf: Auf nach
       Frankfurt, laßt  uns dort die Opposition weiterbetreiben, die uns
       hier unmöglich  gemacht wird!  Aber jetzt war es zu spät, und die
       bloße Tatsache,  daß sie  keine andere Wahl mehr hatten, als sich
       still zu  verhalten oder in die machtlose Frankfurter Versammlung
       einzutreten -  diese Tatsache  allein bewies zur Genüge ihre völ-
       lige Hilflosigkeit.
       So endeten  für jetzt und höchstwahrscheinlich für immer die Ver-
       suche der  Slawen Deutschlands, wieder zu nationaler Selbständig-
       keit zu gelangen. Zersplitterte Reste zahlreicher Nationen, deren
       Nationalität und  politische Lebenskraft  längst erloschen  waren
       und die  sich daher  seit beinahe einem Jahrtausend gezwungen sa-
       hen, den  Spuren einer  stärkeren Nation zu folgen, die sie über-
       wunden, wie die Walliser in England, die Basken in Spanien, die
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       1*) Kromeriz
       
       #81# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       Niederbretonen in  Frankreich und in jüngerer Zeit die spanischen
       und französischen Kreolen in den neuerdings von den Angloamerika-
       nern besetzten  Teilen Nordamerikas  - diese  sterbenden  Völker-
       stämme, die  Böhmen, Kärntner,  Dalmatiner usw., hatten versucht,
       sich die allgemeine Verwirrung des Jahres 1848 zunutze zu machen,
       um den  politischen Status  quo wiederherzustellen,  der A.D. 800
       bestanden. Die  Geschichte eines Jahrtausends müßte ihnen gezeigt
       haben, daß  ein solcher  Rückschritt nicht möglich war; daß, wenn
       das ganze  Gebiet östlich  der Elbe  und der  Saale einstmals von
       miteinander verwandten  slawischen Völkerschaften besiedelt gewe-
       sen, diese Tatsache nur die geschichtliche Tendenz und die physi-
       sche und  intellektuelle Fähigkeit  der deutschen  Nation bewies,
       ihre alten östlichen Nachbarn zu unterwerfen, aufzusaugen und sie
       zu assimilieren;  daß diese  absorbierende Tendenz  der Deutschen
       stets eines  der mächtigsten Mittel gewesen und noch ist, wodurch
       die westeuropäische  Zivilisation in  Osteuropa verbreitet wurde;
       daß diese  Tendenz erst  dann aufhören konnte, als der Prozeß der
       Germanisierung auf die Grenze starker, geschlossener, ungebroche-
       ner Nationen  stieß, die imstande waren, ein selbständiges natio-
       nales Leben  zu führen  wie die  Ungarn und in gewissem Grade die
       Polen; und daß es deshalb das natürliche unvermeidliche Schicksal
       dieser sterbenden  Nationen war,  diesen Prozeß der Auflösung und
       Aufsaugung durch  ihre stärkeren  Nachbarn sich vollenden zu las-
       sen. Das  ist allerdings  keine sehr schmeichelhafte Aussicht für
       den nationalen  Ehrgeiz der  panslawistischen Schwärmer,  die  es
       fertiggebracht, einen  Teil der  Böhmen und Südslawen in Bewegung
       zu setzen; aber können sie erwarten, die Geschichte werde um tau-
       send Jahre zurückschreiten, einigen schwindsüchtigen Völkerschaf-
       ten zuliebe,  die auf  den von  ihnen bewohnten  Gebieten überall
       mitten unter  Deutschen und in deutscher Umgebung leben, die seit
       fast undenklichen  Zeiten für  jede Äußerung  kulturellen  Lebens
       keine andere  Sprache haben als die deutsche und denen die ersten
       Bedingungen nationaler  Existenz fehlen:  größere Bevölkerung und
       Geschlossenheit des  Gebiets? Daher  prallte die  panslawistische
       Welle, unter der sich überall in den slawischen Gegenden Deutsch-
       lands und Ungarns das Streben nach Wiederherstellung der Unabhän-
       gigkeit all  dieser ungezählten kleinen Nationen verbarg, überall
       mit der revolutionären Bewegung Europas zusammen; und mochten die
       Slawen auch  vorgeben, für  die Freiheit zu kämpfen, so waren sie
       doch (mit  Ausnahme des demokratischen Teils der Polen) unwandel-
       bar auf seiten des Despotismus und der Reaktion zu finden. So war
       es in Deutschland, so war es in Ungarn und hier und da sogar auch
       in der  Türkei. Verräter  an der  Sache des Volkes, Helfershelfer
       und Hauptstützen  des Ränkespiels der österreichischen Regierung,
       brachten sie sich durch ihr Verhalten bei allen
       
       #82# Friedrich Engels
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       revolutionären Nationen  in Acht  und. Bann. Und obwohl die Masse
       des Volkes  sich nirgends an dem kleinlichen Gezänk über Nationa-
       litäten beteiligte,  das die panslawistischen Führer anzettelten,
       schon aus  dem einfachen  Grunde, weil sie zu unwissend war, wird
       es doch  für immer  unvergessen bleiben, daß in Prag, einer halb-
       deutschen Stadt,  Scharen slawischer  Fanatiker jubelnd  den  Ruf
       aufnahmen: "Lieber  die russische  Knute als  die deutsche  Frei-
       heit!" Nachdem  ihre erste  Anstrengung 1848 nutzlos verpufft war
       und nach  der Lehre,  die ihnen die österreichische Regierung er-
       teilte, ist  kaum anzunehmen,  daß sie  bei späterer  Gelegenheit
       einen neuen Versuch unternehmen. Aber wenn sie noch einmal versu-
       chen sollten,  sich unter ähnlichen Vorwänden mit den Mächten der
       Konterrevolution zu  verbinden, so  ist die  Pflicht Deutschlands
       klar. Kein  Land, das sich im Zustand der Revolution und im Krieg
       mit dem  Ausland befindet,  kann eine  Vendée [49]  innerhalb des
       Landes dulden.
       Auf die  Verfassung, die der Kaiser 1*) gleichzeitig mit der Auf-
       lösung des  Reichstags erließ, brauchen wir nicht zurückzukommen,
       denn sie ist praktisch niemals wirksam geworden und ist jetzt be-
       reits völlig  beseitigt. Der  Absolutismus ist in Österreich seit
       dem 4.  März 1849  in jeder  Beziehung  vollständig  wiederherge-
       stellt.
       In Preußen traten im Februar die Kammern zusammen, um die vom Kö-
       nig erlassene  neue Verfassung  zu revidieren  und zu bestätigen.
       Sie tagten  etwa sechs  Wochen, unterwürfig  und demütig genug in
       ihrem Verhalten  gegenüber der Regierung, aber doch nicht ganz so
       gefügig, wie der König und seine Minister sie haben wollten. Des-
       halb wurden  sie auch bei der ersten passenden Gelegenheit aufge-
       löst.
       Damit war man fürs erste in Österreich wie in Preußen der Fesseln
       der parlamentarischen  Kontrolle ledig.  Die  beiden  Regierungen
       konzentrierten jetzt  die gesamte Macht bei sich allein und konn-
       ten sie  überall einsetzen, wo sie gerade gebraucht wurde, Öster-
       reich gegen  Ungarn und  Italien, Preußen gegen Deutschland. Denn
       auch Preußen rüstete zu einem Feldzug, durch den die "Ordnung" in
       den kleineren Staaten wiederhergestellt werden sollte.
       Nachdem jetzt  in den beiden großen Mittelpunkten der Bewegung in
       Deutschland, in  Wien und Berlin, die Konterrevolution wieder das
       Heft in  der Hand  hatte, blieben  nur die  kleineren Staaten, in
       denen der  Kampf noch  nicht entschieden  war, obgleich  sich die
       Waage auch  dort immer  mehr zuungunsten  der Revolution  senkte.
       Diese kleineren  Staaten hatten, wie schon bemerkt, einen gemein-
       samen Mittelpunkt  in der  Frankfurter Nationalversammlung gefun-
       den. Nun war aber diese sogenannte Nationalversammlung,
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       1*) Franz Joseph I.
       
       #83# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       mochte auch  ihr reaktionärer Charakter längst so offenkundig ge-
       worden sein,  daß das  Volk in  Frankfurt selbst die Waffen gegen
       sie erhob,  ihrem Ursprung nach doch mehr oder weniger revolutio-
       närer Natur.  Sie hatte  im Januar  eine  abnorme,  revolutionäre
       Stellung eingenommen.  Ihre Zuständigkeit  war niemals abgegrenzt
       worden, und  schließlich hatte sie sich zu dem - von den größeren
       Staaten allerdings  niemals anerkannten  - Entschluß  aufgerafft,
       ihren Beschlüssen  Gesetzeskraft zu  verleihen. Unter  diesen Um-
       ständen, und  da die  konstitutionell-monarchistische Partei  in-
       folge des Wieder-erstarkens des Absolutismus ihre Stellung völlig
       verändert sah,  ist es nicht verwunderlich, daß die liberale mon-
       archistische Bourgeoisie  fast in  ganz Deutschland  ihre  letzte
       Hoffnung auf  die Mehrheit  dieser Versammlung setzte, ebenso wie
       das Kleinbürgertum, der Kern der demokratischen Partei, in seiner
       wachsenden Bedrängnis  sich um  jene Minderheit der gleichen Kör-
       perschaft scharte,  die in  der Tat  die letzte geschlossene par-
       lamentarische Phalanx  der Demokratie darstellte. Auf der anderen
       Seite erkannten  die größeren Regierungen und besonders die preu-
       ßische immer  mehr die  Unvereinbarkeit einer solchen regelwidri-
       gen, aus  Wahlen hervorgegangenen Körperschaft mit dem wiederher-
       gestellten monarchischen  System in  Deutschland,  und  wenn  sie
       nicht sofort  ihre Auflösung  erzwangen, so  nur darum,  weil die
       Zeit dazu  noch nicht  gekommen war und weil Preußen sie zunächst
       noch zur  Förderung seiner  eigenen ehrgeizigen  Pläne  ausnutzen
       wollte.
       Inzwischen verfiel  diese klägliche  Versammlung selbst  in immer
       größere Verwirrung.  Ihre Deputationen  und Kommissare  waren  in
       Wien wie  in Berlin  mit der  größten Verachtung behandelt, eines
       ihrer Mitglieder,  trotz seiner  parlamentarischen Immunität,  in
       Wien als gemeiner Rebell hingerichtet worden. Ihre Erlasse wurden
       nirgends beachtet;  wenn die  größeren Staaten  sie überhaupt zur
       Kenntnis nahmen,  so nur in Protestnoten, die der Versammlung das
       Recht abstritten,  Gesetze anzunehmen  und Beschlüsse  zu fassen,
       die für  ihre Regierungen bindend seien. Das Vertretungsorgan der
       Versammlung, die  Zentrale Exekutivgewalt, war mit fast allen Ka-
       binetten Deutschlands  in diplomatische  Händel  verwickelt,  und
       trotz aller  ihrer Bemühungen  konnten weder die Versammlung noch
       die Zentralregierung  Österreich oder  Preußen dazu bringen, ihre
       Ansichten, Pläne  und Forderungen  endgültig darzulegen.  Endlich
       begann die  Versammlung wenigstens klar zu erkennen, daß sie sich
       alle Macht  hatte entgleiten lassen, daß sie Österreich und Preu-
       ßen auf  Gnade und Ungnade ausgeliefert war und daß sie, wenn sie
       überhaupt eine  Reichsverfassung für Deutschland zustande bringen
       wollte, sofort  und allen  Ernstes an  diese  Aufgabe  herangehen
       mußte. Und  viele ihrer  schwankenden Mitglieder  erkannten jetzt
       ebenfalls klar, daß sie von den Regierungen gründlich
       
       #84# Friedrich Engels
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       zum Narren  gehalten worden waren. Aber was konnten sie bei ihrer
       Ohnmacht jetzt  tun? Der  einzige Schritt,  der sie  noch  retten
       konnte, war  der schleunige,  entschiedene Übergang  in das Lager
       des Volkes,  obgleich der Erfolg selbst dieses Schrittes mehr als
       zweifelhaft geworden; und bei alledem, wo waren in diesem hilflo-
       sen Haufen  unentschlossener,  kurzsichtiger,  aufgeblasener  Ge-
       schöpfe, die, wenn der ewige Lärm widerspruchsvoller Gerüchte und
       diplomatischer Noten  sie völlig  betäubte, ihren  einzigen Trost
       und Halt in der endlos wiederholten Versicherung suchten, daß sie
       die besten,  die größten,  die weisesten Männer des Landes seien,
       die allein Deutschland retten könnten;- wo waren, fragen wir, un-
       ter diesen  Jammergestalten, die  ein einziges Jahr parlamentari-
       schen Lebens zu völligen Idioten gemacht, wo waren da die Männer,
       die einen  raschen, kraftvollen Entschluß fassen, geschweige denn
       tatkräftig und konsequent handeln konnten?
       Endlich ließ  die österreichische  Regierung die Maske fallen. In
       ihrer Verfassung  vom 4. März erklärte sie Österreich zur unteil-
       baren Monarchie  mit gemeinsamem  Finanz- und  Zollsystem und ge-
       meinsamem Heerwesen, um so alle trennenden Schranken zwischen den
       deutschen und  nichtdeutschen Provinzen  zu beseitigen. Diese Er-
       klärung stand  in schroffem Widerspruch zu Resolutionen und Arti-
       keln der künftigen Reichsverfassung, die von der Frankfurter Ver-
       sammlung bereits  angenommen worden  waren. Das  war  der  Fehde-
       handschuh, den  ihr Österreich hinwarf, und der armen Versammlung
       blieb keine  andere Wahl,  als ihn  aufzunehmen. Sie tat dies mit
       einiger Prahlerei,  was Österreich im Bewußtsein seiner Macht und
       der völligen  Bedeutungslosigkeit der  Versammlung ruhig hingehen
       lassen konnte.  Und diese  Vertretung des  deutschen Volkes,  wie
       diese köstliche Versammlung sich selbst betitelte, wußte, um sich
       für diesen  Schimpf an  Österreich zu  rächen, nichts Besseres zu
       tun, als  sich, an Händen und Füßen gebunden, der preußischen Re-
       gierung zu  Füßen zu werfen. So unglaublich es auch scheinen mag,
       sie beugte  das Knie vor denselben Ministern, die sie als verfas-
       sungswidrig und volksfeindlich gebrandmarkt und auf deren Entlas-
       sung sie  vergeblich gedrungen.  Die Einzelheiten dieser schmach-
       vollen Verhandlungen und die tragikomischen Ereignisse, die ihnen
       folgten, werden den Gegenstand unseres nächsten Briefes bilden.
       London, April 1852

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