Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
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XV
[Preußens Triumph]
Wir kommen jetzt zu dem letzten Kapitel in der Geschichte der
deutschen Revolution: dem Konflikt der Nationalversammlung mit
den Regierungen der verschiedenen Staaten, namentlich Preußens,
der Erhebung von Süd- und Westdeutschland und ihrer schließlichen
Niederwerfung durch Preußen.
Wir haben bereits die Frankfurter Nationalversammlung an der Ar-
beit gesehen. Wir haben gesehen, wie sie von Österreich mit Fuß-
tritten traktiert, von Preußen beschimpft, wie ihr von den klei-
neren Staaten der Gehorsam verweigert, wie sie zum Narren gehal-
ten wurde von ihrer eigenen ohnmächtigen Zentralregierung", die
sich wiederum von allen und jedem Fürsten an der Nase herumführen
ließ. Zuletzt nahmen die Dinge jedoch eine für diese schwächli-
che, schwankende, abgeschmackte gesetzgebende Versammlung be-
drohliche Gestalt an. Wohl oder übel mußte sie sich zu dem
Schlüsse bequemen, daß der "erhabene Gedanke der deutschen Ein-
heit in seiner Verwirklichung bedroht sei", was nicht mehr und
nicht weniger bedeutete, als daß die Frankfurter Versammlung mit
allem, was sie getan und noch tun wollte, sich höchstwahrschein-
lich in blauen Dunst auflösen würde. Deshalb machte sie sich al-
len Ernstes an die Arbeit, um so schnell wie möglich ihr großes
Werk zu vollenden, die "Reichsverfassung".
Dabei ergab sich jedoch eine Schwierigkeit. Welcher Art sollte
die Exekutivgewalt sein? Ein Vollzugsausschuß? Nein, das hieße,
dachten sie in ihrer Weisheit, Deutschland zur Republik machen.
Ein "Präsident"? Das wäre auf das gleiche hinausgelaufen. Also
mußte man die alte Kaiserwürde wieder hervorkramen. Aber - da na-
türlich ein Fürst Kaiser werden sollte - wer sollte es sein? Na-
türlich keiner der dii minorum gentium 1*) von Reuß-Greiz-
Schleiz-Lobenstein-Ebersdorf bis Bayern; weder Österreich noch
Preußen hätte sich das bieten lassen. Nur Österreich oder Preußen
konnte es sein. Aber wer
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1*) kleineren Götter
#86# Friedrich Engels
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von den beiden? Kein Zweifel, wären die sonstigen Umstände gün-
stiger gewesen, die erhabene Versammlung säße noch heute beisam-
men und diskutierte über dieses wichtige Dilemma, ohne zu einem
Entschluß kommen zu können, hätte nicht die österreichische Re-
gierung den gordischen Knoten durchhauen und ihr die Mühe er-
spart.
Österreich wußte sehr wohl, daß von dem Augenblick, in dem es vor
Europa wieder als Herr aller seiner Provinzen, als starke europä-
ische Großmacht auftreten konnte, schon allein das Gesetz der po-
litischen Schwerkraft den Rest Deutschlands in seinen Machtbe-
reich ziehen würde, ohne daß es dazu der -Autorität bedurfte, die
ihm eine von der Frankfurter Versammlung zugesprochene Kaiser-
krone verleihen konnte. Österreich war viel stärker, viel freier
in seinen Bewegungen, seit es die machtlose deutsche Kaiserkrone
abgeschüttelt - eine Krone, die seiner eigenen selbständigen Po-
litik hinderlich war, ohne seiner Macht innerhalb wie außerhalb
Deutschlands auch nur ein Jota hinzuzufügen. Und gesetzt den
Fall, daß Österreich sich aus Italien und Ungarn zurückziehen
müßte, dann wäre es auch um seine Macht in Deutschland geschehen,
und es könnte niemals wieder den Anspruch auf eine Krone erheben,
die ihm entglitten, als es sich noch im Vollbesitz seiner Macht
befand. Daher erklärte sich Österreich sofort gegen jede Restau-
ration des Kaisertums und verlangte rundheraus die Wiederherstel-
lung des Deutschen Bundestags als der einzigen deutschen Zentral-
regierung, die in den Verträgen von 1815 erwähnt und anerkannt
war, und am 4. März 1849 erließ es jene Verfassung, die nichts
anderes bezweckte, als Österreich zu einer unteilbaren, zentra-
lisierten selbständigen Monarchie zu erklären, völlig getrennt
sogar von jenem Deutschland, das die Frankfurter Versammlung wie-
der aufrichten wollte.
Diese offene Kriegserklärung ließ den Frankfurter Neunmalweisen
in der Tat keine andere Wahl, als Österreich aus Deutschland aus-
zuschließen und aus dem Rest dieses Landes eine Art lower empire
[50], ein "Kleindeutschland" zu schaffen, dessen ziemlich schäbi-
ger Kaisermantel Seiner Majestät, dem König von Preußen, um die
Schultern gelegt werden sollte. Das war, wie man sich erinnern
wird, die Wiederbelebung eines alten Plans, den einige sechs oder
acht Jahre vorher eine Gesellschaft süd- und mitteldeutscher li-
beraler Doktrinäre ausgeheckt, die in den entwürdigenden Umstän-
den, unter denen man jetzt ihre alte Schrulle als "neuesten
Schachzug" zur Rettung des Vaterlandes wieder hervorholte, eine
Fügung Gottes erblickten.
Die Versammlung brachte also im Februar und März 1849 die Debatte
über die Reichsverfassung samt Grundrechten und Reichswahlgesetz
zum Abschluß, jedoch nicht ohne sich in sehr vielen Punkten zu
den widersprechendsten Konzessionen genötigt zu sehen - heute an
die konservative
#87# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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oder, richtiger, reaktionäre Partei, morgen an die radikaleren
Gruppen der Versammlung. Es war eine offenkundige Tatsache, daß
die Führung der Versammlung, die früher in den Händen der Rechten
und des rechten Zentrums (der Konservativen und Reaktionäre) ge-
legen, allmählich, wenn auch nur langsam, auf die Linke des
Hauses, auf die Demokraten, überging. Die ziemlich fragwürdige
Stellung der österreichischen Abgeordneten in einer Versammlung,
die ihr Heimatlandaus Deutschland ausgeschlossen hatte, in der
sie aber gleichwohl auch weiterhin sitzen und abstimmen sollten,
begünstigte diese Verschiebung ihres Gleichgewichts; daher be-
fanden sich das linke Zentrum und die Linke mit Hilfe der öster-
reichischen Stimmen schon Ende Februar sehr häufig in der Mehr-
heit, während an anderen Tagen die konservative Gruppe der Öster-
reicher ganz plötzlich spaßeshalber mit der Rechten stimmte und
dadurch den Ausschlag wieder zugunsten der anderen Seite gab. Sie
wollte die Versammlung durch diese jähen soubresauts 1*) in Ver-
ruf bringen, was jedoch ganz unnötig war, da die Masse des Volkes
von der völligen Hohlheit und Nichtigkeit all dessen, was von
Frankfurt kam, längst überzeugt war. Welcher Art die Verfassung
war, die mittlerweile bei solchem Hin- und Herspringen zustande
gekommen, kann man sich leicht vorstellen.
Die Linke der Versammlung - diese Elite und dieser Stolz des
revolutionären Deutschlands, wofür sie sich selbst hielt - war
förmlich berauscht von den paar armseligen Erfolgen, die sie da-
vongetragen, dank dem Wohlwollen oder, richtiger, Übelwollen ei-
ner Handvoll österreichischer Politiker, die auf Veranlassung und
im Interesse des österreichischen Despotismus handelten. Jedes-
mal, wenn die Frankfurter Versammlung einem Vorschlag, der auch
nur im entferntesten an ihre eigenen keineswegs klar umrissenen
Grundsätze erinnerte, in homöopathisch verdünnter Form eine Art
Sanktion erteilte, verkündeten diese Demokraten, sie hätten Va-
terland und Volk gerettet. Diese armseligen Schwachköpfe waren im
ganzen Verlauf ihres meist recht obskuren Lebens so wenig an so
etwas wie einen Erfolg gewöhnt, daß sie tatsächlich glaubten,
ihre lumpigen Amendements, die mit zwei oder drei Stimmen Mehr-
heit durchkamen, würden das Antlitz Europas verändern. Seit Be-
ginn ihrer parlamentarischen Laufbahn waren sie mehr als jede an-
dere Fraktion der Versammlung von jener unheilbaren Krankheit,
dem p a r l a m e n t a r i s c h e n K r e t i n i s m u s,
verseucht, einem Leiden, das seine unglücklichen Opfer mit der
erhabenen Überzeugung erfüllt, daß die ganze Welt, deren Vergan-
genheit und deren Zukunft, durch die Stimmenmehrheit gerade jener
Vertretungskörperschaft gelenkt und bestimmt wird, die die Ehre
hat, sie zu ihren Mitgliedern
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1*) Sprünge
#88# Friedrich Engels
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gliedern zu zählen, und daß alles und jedes, was es außerhalb der
Mauern ihres Hauses gibt - Kriege, Revolutionen, Eisenbahnbauten,
die Kolonisierung ganzer neuer Kontinente, kalifornische Gold-
funde, zentralamerikanische Kanäle, russische Armeen und was
sonst vielleicht noch Anspruch erheben kann, die Geschicke der
Menschheit zu beeinflussen -, daß all das nichts ist im Vergleich
mit jenen unermeßlich wichtigen Ereignissen, die mit der aus-
nahmslos bedeutungsvollen Frage zusammenhängen, der das hohe Haus
gerade seine Aufmerksamkeit widmet. Dadurch, daß es der demokra-
tischen Partei der Versammlung gelang, ein paar ihrer Zauberfor-
meln in die "Reichsverfassung" einzuschmuggeln, ergab sich
zunächst die Verpflichtung, sich für die Verfassung einzusetzen,
obwohl sie in jedem wesentlichen Punkt ihren eigenen, oft verkün-
deten Grundsätzen direkt ins Gesicht schlug; und als diese Zwit-
terschöpfung schließlich von ihren Haupturhebern aufgegeben und
den Demokraten vermacht wurde, nahmen diese die Erbschaft an und
hielten wacker fest an dieser m o n a r c h i s c h e n Verfas-
sung, auch wenn sie in Gegensatz gerieten zu allen, die
j e t z t ihre eigenen r e p u b l i k a n i s c h e n Grund-
sätze verkündeten.
Man muß jedoch zugeben, daß dieser Widerspruch nur ein scheinba-
rer war. Der unbestimmte, widerspruchsvolle, unausgereifte Cha-
rakter der Reichsverfassung spiegelte getreu die unreifen, ver-
worrenen, einander widersprechenden politischen Ideen dieser Her-
ren Demokraten wider. Und wenn ihre eigenen Reden und Schriften -
soweit sie schreiben konnten das nicht genügend bewiesen, ihre
Handlungen würden diesen Beweis erbringen; denn unter vernünfti-
gen Menschen versteht es sich von selbst, daß man einen Menschen
nicht nach seinen Worten, sondern nach seinen Taten beurteilt,
nicht danach, was er vorgibt zu sein, sondern danach, was er tut
und was er wirklich ist; und die Taten dieser Helden der deut-
schen Demokratie sprechen, wie wir des weiteren noch sehen wer-
den, laut genug für sich. Indessen, die Reichsverfassung mit all
ihrem Drum und Dran wurde schließlich angenommen; und am 28. März
wurde der König von Preußen mit 290 Stimmen bei 248 Enthaltungen
und in Abwesenheit von etwa 200 Abgeordneten zum Kaiser von
Deutschland (minus Österreich) gewählt. Die Ironie der Geschichte
war vollständig: die Kaiserposse, die Friedrich Wilhelm IV. in
den Straßen des erstaunten Berlin drei Tage nach der Revolution
vom 18. März 1848í511 in einem Zustand aufführte, der anderswo
unter das Trunkenheitsgesetz fiele - diese widerliche Posse er-
hielt genau ein Jahr später die Sanktion der Versammlung, die an-
geblich ganz Deutschland vertrat. Das also war das Ergebnis der
deutschen Revolution!
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