Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853


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       XVI
       
       [Die Nationalversammlung und die Regierungen]
       
       Nachdem die Frankfurter Nationalversammlung den König von Preußen
       zum Kaiser von Deutschland (minus Österreich) erkoren, sandte sie
       eine Abordnung nach Berlin, um ihm die Krone anzubieten, und ver-
       tagte sich  dann. Am 3. April empfing Friedrich Wilhelm die Abge-
       ordneten. Er  erklärte ihnen,  daß er zwar das Recht des Vorrangs
       vor allen  anderen Fürsten Deutschlands, den ihm der Beschluß der
       Volksvertreter verliehen,  annehme, daß  er aber  die Kaiserkrone
       nicht anzunehmen  vermöge, solange  er nicht sicher sei, ob seine
       Oberhoheit und  die Reichsverfassung,  die ihm  jene Rechte über-
       trage, von den übrigen Fürsten anerkannt würden. Es sei Sache der
       deutschen Regierungen,  fügte er  hinzu, zu prüfen, ob diese Ver-
       fassung von  ihnen gutgeheißen  werden  könne.  Auf  jeden  Fall,
       schloß er,  ob Kaiser oder nicht, werde man ihn immer bereit fin-
       den, sein  Schwert gegen jeden äußeren oder inneren Feind zu zie-
       hen. Wir  werden bald  sehen, wie  er dieses Versprechen in einer
       Art und  Weise hielt,  die die  Nationalversammlung  einigermaßen
       verblüffte.
       Die Frankfurter Neunmalweisen kamen nach tiefgründiger diplomati-
       scher Untersuchung  zu guter  Letzt zu  dem Schluß, diese Antwort
       komme einer Ablehnung der Krone gleich. Sie beschlossen daher (am
       12. April)  [52], die Reichsverfassung sei Landesgesetz und müsse
       aufrechterhalten werden;  und da  sie sich  gar keinen Rat wußten
       wählten  sie   einen  Dreißigerausschuß,   der  einen   Vorschlag
       ausarbeiten  sollte,   wie  die  Verfassung  durchgeführt  werden
       könnte.
       Dieser Beschluß  löste den  Konflikt aus,  der jetzt zwischen der
       Frankfurter Versammlung und den deutschen Regierungen ausbrach.
       Die Bourgeoisie  und namentlich  das Kleinbürgertum  hatten  sich
       ganz plötzlich  für die  neue Frankfurter Verfassung erklärt. Sie
       konnten den  Augenblick nicht  mehr erwarten, der "die Revolution
       abschließen" sollte. In Österreich und Preußen war die Revolution
       vorläufig durch das Eingreifen der bewaffneten Macht zum Abschluß
       gelangt. Die erwähnten Klassen hätten eine weniger gewaltsame Me-
       thode für die Durchführung dieser Operation vorgezogen,
       
       #90# Friedrich Engels
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       aber es  blieb ihnen  keine andere Wahl; die Sache war geschehen,
       und sie mußten sich damit zufrieden geben, ein Entschluß, den sie
       sogleich faßten  und höchst heroisch durchführten. In den kleine-
       ren Staaten, wo die Dinge verhältnismäßig glatt vor sich gegangen
       waren, waren  diese Klassen  längst in  jene äußerlich blendende,
       aber ergebnislose,  weil machtlose parlamentarische Agitation zu-
       rückgefallen, die ihrem Wesen so trefflich entsprach. Betrachtete
       man also  die verschiedenen  deutschen Staaten jeden für sich, so
       schienen sie  die neue, endgültige Form erlangt zu haben, von der
       man annahm,  sie werde  ihnen fortan  das Einlenken  in den  Pfad
       friedlicher konstitutioneller  Entwicklung ermöglichen.  Nur eine
       Frage war  offen geblieben, die Frage der neuen politischen Orga-
       nisation des  Deutschen Bundes.  Und die Lösung dieser Frage, der
       einzigen, die  noch Gefahren  zu bergen schien, hielt man für un-
       verzüglich notwendig.  Daher der  Druck, den  die Bourgeoisie auf
       die Frankfurter  Versammlung ausübte,  um  sie  zu  bewegen,  die
       Verfassung so schnell wie möglich fertigzustellen; daher die Ent-
       schlossenheit der  oberen wie  der unteren  Schichten  der  Bour-
       geoisie, diese  Verfassung, ob  gut oder schlecht, anzunehmen und
       für sie einzutreten, um unverzüglich geordnete Zustände zu schaf-
       fen. Von  allem Anfang  an also  entsprang die  Agitation für die
       Reichsverfassung reaktionären Gefühlen und ging von jenen Klassen
       aus, die der Revolution seit langem überdrüssig waren.
       Die Sache hatte aber noch eine andere Seite. Die ersten, grundle-
       genden Prinzipien der künftigen deutschen Verfassung waren in den
       ersten Monaten des Frühjahrs und Sommers 1848 beschlossen worden,
       zu einer  Zeit, als  die Volksbewegung  noch in vollem Gange war.
       Die zu jener Zeit gefaßten Beschlüsse, die  d a m a l s  freilich
       ganz reaktionär  waren, erschienen  jetzt, nach  den Willkürakten
       der österreichischen  und preußischen  Regierung, außerordentlich
       liberal, ja  demokratisch. Der  Vergleichsmaßstab war ein anderer
       geworden. Die  Frankfurter  Versammlung  konnte,  ohne  moralisch
       Selbstmord zu  begehen, diese  einmal beschlossenen  Bestimmungen
       nicht streichen  und die  Reichsverfassung nach  dem Muster jener
       Verfassungen gestalten, die die Regierungen Österreichs und Preu-
       ßens mit  dem Schwert in der Hand diktiert hatten; Überdies hatte
       sich, wie  wir gesehen,  die Mehrheit  in der Nationalversammlung
       verschoben, und der Einfluß der liberalen und demokratischen Par-
       tei war  im Ansteigen.  Die Reichsverfassung  zeichnete sich also
       nicht nur  dadurch aus,  daß sich  ihr Ursprung  anscheinend aus-
       schließlich vom  Volke herleitete,  sondern sie  war auch bei all
       ihren Widersprüchen  gleichzeitig noch  die liberalste Verfassung
       in ganz  Deutschland. Ihr  größter Fehler  war, daß  sie bloß ein
       Stück Papier  war, ohne jede Macht, ihren Bestimmungen Geltung zu
       verschaffen.
       
       #91# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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       Unter diesen  Umständen war es ganz natürlich, daß die sogenannte
       demokratische Partei,  das heißt  die Klasse des Kleinbürgertums,
       sich an die Reichsverfassung klammerte. Diese Klasse war in ihren
       Forderungen immer fortschrittlicher gewesen als die liberale mon-
       archistisch-konstitutionelle Bourgeoisie;  sie war  kühner aufge-
       treten, hatte nicht selten mit bewaffnetem Widerstand gedroht und
       mit Versprechungen  um sich  geworfen, Gut  und Blut im Kampf für
       die Freiheit  zu opfern;  sie hatte aber schon vielfach bewiesen,
       daß sie  in der  Stunde der Gefahr nirgends zu finden war und daß
       ihr niemals wohler zumute war als am Tage nach einer entscheiden-
       den Niederlage, wenn zwar alles verloren war, sie aber wenigstens
       den Trost  hatte zu  wissen, die Sache war jetzt so oder so erle-
       digt. Während somit die Zustimmung der großen Bankiers, Fabrikan-
       ten und  Kaufleute reservierteren Charakter trug, mehr in der Art
       einer einfachen  Demonstration zugunsten  der Frankfurter Verfas-
       sung, tat  die Klasse  unmittelbar unter  ihnen, unsere  wackeren
       demokratischen Kleinbürger,  gar großartig und verkündete wie ge-
       wöhnlich, sie  werde eher  ihren letzter! Blutstropfen vergießen,
       als die Reichsverfassung fallenlassen.
       Unterstützt von  diesen beiden  Parteien, den  Bourgeois, die für
       die konstitutionelle  Monarchie waren,  und den mehr oder weniger
       demokratischen Kleinbürgern,  gewann die Agitation für die sofor-
       tige Einführung  der Reichsverfassung rasch an Böden und fand ih-
       ren stärksten  Ausdruck in den Parlamenten der einzelnen Staaten.
       Die Kammern  in Preußen, Hannover, Sachsen, Baden und Württemberg
       erklärten sich  für sie.  Der Kampf  zwischen den Regierungen und
       der Frankfurter Versammlung nahm bedrohliche Gestalt an.
       Die Regierungen handelten indessen rasch. Die preußischen Kammern
       wurden aufgelöst, was in Widerspruch zur Verfassung stand, da sie
       die preußische Verfassung zu revidieren und zu bestätigen hatten;
       in Berlin  kam es zu Krawallen, die von der Regierung absichtlich
       provoziert wurden;  und am nächsten Tag, am 28. April, erließ das
       preußische Ministerium  eine Zirkularnote,  in der die Reichsver-
       fassung als  ein höchst  anarchisches und revolutionäres Dokument
       hingestellt wurde,  das die deutschen Regierungen umgestalten und
       reinigen müßten. Preußen bestritt also rund heraus jene souveräne
       verfassunggebende Gewalt, deren sich die weisen Männer von Frank-
       furt immer  gerühmt, für  die sie  aber nie  feste Grundlagen ge-
       schaffen hatten.  So wurde denn ein Kongreß von Fürsten [53], der
       alte Bundestag  in neuer  Form, berufen, der über die bereits als
       Gesetz verkündete  Verfassung zu  Gericht sitzen  sollte. Und zur
       gleichen Zeit  konzentrierte Preußen  Truppen bei Kreuznach, drei
       Tagemärsche von  Frankfurt entfernt,  und forderte  die kleineren
       Staaten auf, seinem Beispiel zu folgen und ebenfalls ihre Kammern
       aufzulösen,
       
       #92# Friedrich Engels
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       sobald diese sich für die Frankfurter Versammlung erklärten. Die-
       ses Beispiel wurde von Hannover und Sachsen schleunigst befolgt.
       Eine Entscheidung  des Kampfes durch Waffengewalt war offensicht-
       lich unvermeidlich  geworden. Die Feindseligkeit der Regierungen,
       die Gärung  im Volke  kamen von Tag zu Tag heftiger zum Ausdruck.
       Überall wurde das Militär von den demokratischen Bürgern bearbei-
       tet, in  Süddeutschland mit  großem Erfolg.  Überall wurden große
       Massenversammlungen abgehalten,  auf denen beschlossen wurde, für
       die Reichsverfassung und die Nationalversammlung einzutreten, nö-
       tigenfalls durch Waffengewalt. In Köln fand zu dem gleichen Zweck
       eine Versammlung  von Abgeordneten  aller Gemeinderäte Rheinpreu-
       ßens statt.  In der  Pfalz, im Bergischen, in Fulda, in Nürnberg,
       im Odenwald  kamen die Bauern in hellen Scharen zusammen und lie-
       ßen sich  von der  Begeisterung mitreißen. Um dieselbe Zeit löste
       sich die  französische Konstituante  auf, und  die Vorbereitungen
       zur Neuwahl  gingen unter  heftiger Erregung vor sich, während an
       der östlichen  Grenze Deutschlands die Ungarn innerhalb eines Mo-
       nats durch eine Reihe glänzender Siege die Hochflut der österrei-
       chischen Invasion von der Theiß an die Leitha zurückgedrängt hat-
       ten und  man täglich erwartete, sie würden Wien im Sturme nehmen.
       Weil aber  die Phantasie  des Volkes  so von  allen  Seiten  aufs
       höchste erregt und die aggressive Politik der Regierung mit jedem
       Tage bestimmtere Gestalt annahm, war ein gewaltsamer Zusammenstoß
       unvermeidlich, und nur feige Schwachköpfigkeit konnte sich einre-
       den, der  Konflikt könne  auf friedlichem  Weg beigelegt  werden.
       Aber diese  feige Schwachköpfigkeit  war in  der Frankfurter Ver-
       sammlung ausgiebigst vertreten.
       London, Juli 1852
       

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