Quelle: MEW 8 August 1851 - März 1853
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XVII
[Der Aufstand]
Der unvermeidliche Konflikt zwischen der Frankfurter
Nationalversammlung und den Regierungen der deutschen Staaten
brach in den ersten Maitagen 1849 endlich in offene Feindselig-
keiten aus. Die österreichischen Abgeordneten, von ihrer Regie-
rung abberufen, hatten die Versammlung bereits verlassen und wa-
ren nach Hause gefahren, mit Ausnahme einiger Mitglieder der Lin-
ken oder der demokratischen Partei. Die konservativen Mitglieder,
die merkten, welche Wendung die Dinge zu nehmen drohten, zogen
sich in ihrer überwiegenden Mehrheit sogar schon zurück, noch ehe
sie von ihren betreffenden Regierungen dazu aufgefordert wurden.
Ganz abgesehen von den Gründen, die, wie in unseren früheren Ar-
tikeln dargelegt, den Einfluß der Linken stärkten, genügte somit
die bloße Tatsache, daß die Mitglieder der Rechten von ihren Po-
sten desertierten, um die frühere Minderheit in die Mehrheit der
Versammlung zu verwandeln. Die neue Mehrheit, die sich früher ein
solches Glück nicht einmal im Traum hätte einfallen lassen, hatte
ihre Oppositionsstellung dazu benutzt, gegen die Schwäche, die
Unentschlossenheit, die Lässigkeit der alten Mehrheit und ihres
Reichsverwesers große Reden zu führen. Jetzt war sie auf einmal
dazu berufen, an die Stelle der alten Mehrheit zu treten. S i e
sollte jetzt zeigen, was sie leisten könne. Natürlich, i h r e
Herrschaft konnte nur eine Herrschaft der Energie, Entschlossen-
heit und Tatkraft sein. S i e, die Elite Deutschlands, würde
bald imstande sein, den senilen Reichsverweser und seine schwan-
kenden Minister vorwärtszutreiben, und falls das nicht möglich
sein sollte, würden sie - daran konnte kein Zweifel bestehen -
kraft des souveränen Rechts des Volkes jene unfähige Regierung
absetzen und durch eine energische, unermüdliche Exekutivgewalt
ersetzen, die Deutschlands Rettung gewährleisten würde. Arme Teu-
fel! I h r e Regierung - wenn von Regierung die Rede sein kann,
wo niemand gehorcht - fiel noch lächerlicher aus als selbst die
ihrer Vorgänger.
#94# Friedrich Engels
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Die neue Mehrheit erklärte, trotz aller Hindernisse müsse die
Reichsverfassung durchgeführt werden, und zwar s o f o r t; am
nächsten 15. Juli solle das Volk die Abgeordneten zum neuen
Reichstag wählen, und dieser solle darauf am 15. August in Frank-
furt zusammentreten. Das war nun aber eine offene Kriegserklärung
an jene Regierungen, die die Reichsverfassung nicht anerkannt
hatten, darunter in erster Reihe Preußen, Österreich und Bayern,
die mehr als Dreiviertel der Bevölkerung Deutschlands umfaßten -
eine Kriegserklärung, die von ihnen eiligst angenommen wurde.
Auch Preußen und Bayern beriefen jetzt die Abgeordneten ab, die
von ihren Gebieten nach Frankfurt entsandt worden waren, und be-
schleunigten ihre militärischen Vorbereitungen gegen die Natio-
nalversammlung. Auf der anderen Seite nahmen (außerhalb des Par-
laments) die Demonstrationen der demokratischen Partei zugunsten
der Reichsverfassung und der Nationalversammlung einen immer
stürmischeren und gewaltsameren Charakter an, und die Masse des
arbeitenden Volkes, geführt von Männern der extremsten Partei,
war bereit, zu den Waffen zu greifen für eine Sache, die, wenn
sie auch nicht ihre eigene war, ihnen wenigstens eine Möglichkeit
gab, ihren Zielen durch die Säuberung Deutschlands von seinem al-
ten monarchischen Ballast etwas näherzukommen. So standen sich
Volk und Regierung überall mit äußerster Erbitterung gegenüber,
der Ausbruch war unvermeidlich; die Mine war geladen, und ein
Funke genügte, um sie zur Explosion zu bringen. Die Auflösung der
Kammern in Sachsen, die Einberufung der Landwehr 1*) in Preußen,
der offene Widerstand der Regierungen gegen die Reichsverfassung
waren solche Funken; sie fielen, und im Nu stand das ganze Land
in Flammen. In Dresden bemächtigte sich das Volk am 4. Mai sieg-
reich der Stadt und verjagte den König 2*), während sämtliche um-
liegenden Bezirke den Aufständischen Verstärkungen sandten. In
Rheinpreußen und in Westfalen weigerte sich die Landwehr auszu-
marschieren, besetzte die Zeughäuser und bewaffnete sich zum
Schutz der Reichsverfassung. In der Pfalz bemächtigte sich das
Volk der bayrischen Regierungsbeamten und der öffentlichen Gelder
und setzte einen Verteidigungsausschuß ein, der die Provinz unter
den Schutz der Nationalversammlung stellte. In Württemberg zwang
das Volk den König 3*), die Reichsverfassung anzuerkennen; und in
Baden zwang die Armee im Verein mit dem Volk den Großherzog 4*)
zur Flucht und errichtete eine provisorische Regierung. In ande-
ren Teilen Deutschlands wartete das Volk nur auf das entschei-
dende Zeichen der Nationalversammlung, um zu den Waffen zu eilen
und sich ihr zur Verfügung zu stellen.
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1*) In der "N.-Y.D.T." deutsch - 2*) Friedrich August II. - 3*)
Wilhelm I. - 4*) Leopold
#95# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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Die Lage der "Nationalversammlung war weit günstiger, als nach
ihrer unrühmlichen Vergangenheit erwartet werden konnte. Die
westliche Hälfte Deutschlands hatte ihretwegen zu den Warfen ge-
griffen; die Truppen waren überall schwankend; in den kleineren
Staaten standen sie der Bewegung zweifellos freundlich gegenüber.
Österreich war durch den siegreichen Vormarsch der Ungarn ge-
lähmt, und Rußland, diese Reserve der deutschen Regierungen,
spannte alle Kräfte an, um Österreich gegen die Heere der Magya-
ren zu unterstützen. Es galt nur, Preußen zu bezwingen, und bei
den revolutionären Sympathien, die dort vorhanden waren, bestand
zweifellos Aussicht, dies Ziel zu erreichen. So hing alles vom
Verhalten der Nationalversammlung ab.
Nun ist der Aufstand eine Kunst, genau wie der Krieg oder irgend-
eine andere Kunst, und gewissen Regeln unterworfen, deren Ver-
nachlässigung zum Verderben der Partei führt, die sich ihrer
schuldig macht. Diese Regeln, logische Schlußfolgerungen aus dem
Wesen der Parteien und der Verhältnisse, mit denen man in einem
solchen Falle zu tun hat, sind so klar Und einfach, daß die kurze
Erfahrung von 1848 die Deutschen ziemlich bekannt mit ihnen ge-
macht hat. Erstens darf man nie mit dem Aufstand spielen, wenn
man nicht fest entschlossen ist, alle Konsequenzen des Spiels auf
sich zu nehmen. Der Aufstand ist eine Rechnung mit höchst unbe-
stimmten Größen, deren Werte sich jeden Tag ändern können; die
Kräfte des Gegners haben alle Vorteile der Organisation, der Dis-
ziplin und der hergebrachten Autorität auf ihrer Seite; kann man
ihnen nicht mit starker Überlegenheit entgegentreten, so ist man
geschlagen und vernichtet. Zweitens, hat man einmal den Weg des
Aufstands beschritten, so handle man mit der größten
Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist
der Tod jedes bewaffneten Aufstands; er ist verloren, noch bevor
er sich mit dem Feinde gemessen hat. Überrasche deinen Gegner,
solange seine Kräfte zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn
auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Überge-
wicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat;
ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem
stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sicherere Seite
schlagen; zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre
Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Dantons, des
größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik, zu spre-
chen: de l'audace, de l'audace, encore de l'audace! 1*)
Was hatte also die Frankfurter Nationalversammlung zu tun, um dem
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1*) Kühnheit, Kühnheit, und abermals Kühnheit!
#96# Friedrich Engels
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sicheren Verderben zu entgehen, das ihr drohte? Vor allem mußte
sie die Situation klar erfassen und sich überzeugen, daß sie
keine andere Wahl mehr hatte, als sich entweder bedingungslos den
Regierungen zu unterwerfen oder sich rückhaltlos und ohne Zaudern
auf die Seite des bewaffneten Aufstands zu stellen. Zweitens
mußte sie sich öffentlich zu all den Erhebungen bekennen, die be-
reits ausgebrochen, überall das Volk aufrufen, die Waffen zur
Verteidigung der Vertreter der Nation aufzunehmen, und alle Für-
sten, Minister und alle anderen für vogelfrei erklären, die es
wagen sollten, sich dem souveränen, von seinen Beauftragten ver-
tretenen Volk zu widersetzen. Drittens mußte sie sofort den deut-
schen Reichsverweser absetzen, eine starke, aktive, r ü c k-
s i c h t s l o s e Exekutivgewalt scharfen, aufständische Trup-
pen zu ihrem unmittelbaren Schutz nach Frankfurt rufen und damit
zugleich einen gesetzlichen Vorwand für das Umsichgreifen des
Aufstands liefern, alle zu ihrer Verfügung stehenden Kräfte zu
einem geschlossenen Ganzen zusammenfassen, kurz, rasch und ohne
Zögern jedes zu Gebote stehende Mittel benützen, um die eigene
Stellung zu stärken und die des Gegners zu schwächen.
Von alledem taten die tugendhaften Demokraten in der Frankfurter
Versammlung das gerade Gegenteil. Nicht damit zufrieden, den Din-
gen ihren Lauf zu lassen, gingen diese Biederen so weit, durch
ihren Widerstand alle sich vorbereitenden Aufstandsbewegungen zu
unterdrücken. Das tat z.B. Herr Karl Vogt in Nürnberg. Sie sahen
zu, wie die Aufstände in Sachsen, in Rheinpreußen und in Westfa-
len niedergeschlagen wurden, ohne ihnen anders beizustehen als
durch einen Nachruf, einen sentimentalen Protest gegen die ge-
fühllose Brutalität der preußischen Regierung. Sie unterhielten
einen geheimen diplomatischen Verkehr mit den Aufständischen in
Süddeutschland, hüteten sich aber, sie durch offene Anerkennung
zu unterstützen. Sie wußten, daß der Reichsverweser mit den Re-
gierungen unter einer Decke steckte, und dennoch wandten sie sich
an i h n, der sich die ganze Zeit nicht rührte, mit dem Verlan-
gen, den Intrigen dieser Regierungen entgegenzutreten. Die
Reichsminister, alte Konservative, machten sich in jeder Sitzung
über diese impotente Versammlung lustig, und sie ließ es sich ge-
fallen. Und als Wilhelm Wolff, ein Abgeordneter aus Schlesien und
einer der Redakteure der "Neuen Rheinischen Zeitung", sie auffor-
derte, den Reichsverweser für vogelfrei zu erklären, den er mit
Recht als den ersten und größten Reichsverräter bezeichnete, da
wurde er von der einmütigen, tugendhaften Entrüstung dieser demo-
kratischen Revolutionäre niedergebrüllt! Kurz, sie fuhren fort zu
parlieren, zu protestieren, zu proklamieren, zu deklarieren, hat-
ten aber nie den Mut oder den Verstand zu handeln. Mittlerweile
rückten
#97# Revolution und Konterrevolution in Deutschland
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ihre Feinde, die Truppen der Regierungen, näher und näher, wäh-
rend ihre eigene Exekutivgewalt, der Reichsverweser, eifrig über
ihre rasche Beseitigung mit den deutschen Fürsten konspirierte.
So verlor diese verächtliche Versammlung selbst die letzte Spur
von Ansehen; den Aufständischen, die sich zu ihrem Schutz erhoben
hatten, wurde sie völlig gleichgültig, und als sie schließlich,
wie wir noch sehen werden, ein schmähliches Ende nahm, verschied
sie, ohne daß ihr ehrloser Abgang auch nur die mindeste Beachtung
gefunden hätte.
London, August 1852
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