Quelle: MEW 10 Januar 1854 - Januar 1855
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KARL MARX
Das revolutionäre Spanien [215]
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["New-York Daily Tribune" Nr. 4179 vom 9. September 1854]
Die Revolution in Spanien hat nun schon so sehr einen Dauercha-
rakter angenommen, daß, so meldet unser Londoner Korrespondent,
die besitzenden und konservativen Klassen auszuwandern beginnen
und sich nach Frankreich in Sicherheit bringen. Das überrascht
uns keineswegs. Spanien hat sich nie die moderne französische Ma-
nier angeeignet, die 1848 so allgemein beliebt war, innerhalb von
drei Tagen eine Revolution zu beginnen und zu beenden. Spaniens
Bemühungen in dieser Richtung sind verwickelter und andauernder.
Drei Jahre scheinen der kürzeste Zeitraum zu sein, auf den es
sich beschränkt, und sein revolutionärer Zyklus erstreckt sich
bisweilen auf neun. So dauerte seine erste Revolution in diesem
Jahrhundert von 1808 bis 1814, die zweite von 1820 bis 1823 und
die dritte von 1834 bis 1843. Wie lange die jetzige andauern und
wie sie enden wird, das vermag der gewiegteste Politiker unmög-
lich vorauszusagen. Wohl aber sagt man nicht zuviel, wenn man be-
hauptet, daß kein anderer Teil Europas, nicht einmal die Türkei
und der russische Krieg, dem aufmerksamen Beobachter so tiefes
Interesse einzuflößen vermag wie das Spanien von heute.
Aufrührerische Erhebungen sind in Spanien so alt wie die Macht
der höfischen Günstlinge, gegen die sie sich meistens richten. So
revoltierte um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Aristo-
kratie gegen König Juan II. und seinen Günstling Don Alvaro de
Luna. Noch ernster war dann der Aufstand im fünfzehnten Jahrhun-
dert gegen König Heinrich IV. und das Haupt seiner Kamarilla, Don
Juan de Pacheco, Marquis de Villena. Im siebzehnten Jahrhundert
riß das Volk in Lissabon Vasconcellos in Stücke, den Sartorius
des spanischen Vizekönigs in Portugal, und so erging es auch
Santa Coloma in Saragossa, dem Günstling Philipps IV. Zu Ende
desselben Jahrhunderts erhob sich unter der Regierung Carlos' II.
das Volk von Madrid gegen die
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Kamarilla der Königin, bestehend aus der Gräfin von Berlepsch und
den Grafen Oropesa und Melgar, die für alle nach Madrid gebrach-
ten Lebensmittel einen drückenden Zoll erhoben, den sie unter
sich teilten. Das Volk zog vor den königlichen Palast, zwang den
König, auf dem Balkon zu erscheinen und selbst die Kamarilla der
Königin zu brandmarken. Dann zog es zu den Palästen der Grafen
Oropesa und Melgar, plünderte sie, zerstörte sie durch Feuer und
versuchte, die Besitzer zu ergreifen, die aber das Glück hatten,
zu entwischen, wenn auch auf Kosten eines lebenslänglichen Exils.
Das Ereignis, das die revolutionären Erhebungen im fünfzehnten
Jahrhundert verursachte, war der verräterische Vertrag, den der
Marquis von Villena, der Günstling Heinrichs IV., mit dem König
von Frankreich geschlossen hatte und dem zufolge Katalonien an
Ludwig XI. ausgeliefert werden sollte. Drei Jahrhunderte später
verursachte der Vertrag von Fontainebleau vom 27. Oktober 1807 -
in dem der Günstling Carlos' IV. und der Liebling seiner Königin,
Don Manuel Godoy, der Friedensfürst, mit Bonaparte die Teilung
Portugals und den Einmarsch der französischen Truppen in Spanien
vereinbarte - einen Volksaufstand in Madrid gegen Godoy, die Ab-
dankung Carlos' IV., die Thronbesteigung seines Sohnes Ferdinands
VII., den Einmarsch der französischen Truppen in Spanien und den
sich anschließenden Unabhängigkeitskrieg. Der spanische Unabhän-
gigkeitskrieg begann also mit einer Volkserhebung gegen die Kama-
rilla, damals personifiziert durch Don Manuel Godoy, ebenso wie
der Bürgerkrieg des fünfzehnten Jahrhunderts mit einem Aufstand
gegen die Kamarilla begann, zu jener Zeit personifiziert durch
den Marquis von Villena, und so begann auch die Revolution von
1854 mit einer Empörung gegen die Kamarilla, die in der Person
des Grafen San Luis verkörpert ist.
Trotz dieser stets wiederkehrenden Aufstände hat es in Spanien
bis in das jetzige Jahrhundert keine ernsthafte Revolution gege-
ben, abgesehen von dem Krieg der Heiligen Junta [216] zur Zeit
Carlos' I. oder Karls V., wie ihn die Deutschen nennen. Den un-
mittelbaren Vorwand lieferte, wie gewöhnlich, eine Clique, die
unter dem Schutz des Vizekönigs Kardinal Adrian, eines Flamen,
die Kastilianer durch ihre habgierige Frechheit zur Verzweiflung
brachte, indem sie öffentliche Ämter an die Meistbietenden ver-
kaufte und offenen Schacher mit Gerichtsprozessen trieb. Die Op-
position gegen die flämische Kamarilla berührte jedoch nur die
Oberfläche der Bewegung. Was ihr zugrunde lag, das war die Ver-
teidigung der Freiheiten des mittelalterlichen Spaniens gegen die
Übergriffe des modernen Absolutismus.
Die materielle Basis der spanischen Monarchie war durch die Ver-
einigung von Aragonien, Kastilien und Granada unter Ferdinand dem
Katholischen
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Titelblatt eines der Hefte von Karl Marx mit Auszügen zur Ge-
schichte Spaniens [217]
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#437# Das revolutionäre Spanien - I
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und Isabella I. gelegt worden. Diese noch feudale Monarchie ver-
suchte Karl I. in eine absolute umzuwandeln. Er attackierte
gleichzeitig die beiden Stützpfeiler der spanischen Freiheit, die
Cortes und die Ayuntamientos [218] - die ersteren sind eine Modi-
fikation der alten gotischen Concilia, die letzteren, die eine
Mischung des erblichen und wählbaren Charakters der römischen Mu-
nizipalitäten darstellen, bestanden fast ohne Unterbrechung seit
den Zeiten der Römer. Im Hinblick auf die städtische Selbstver-
waltung weisen die Städte Italiens, der Provence, Nordgalliens,
Großbritanniens und eines Teils von Deutschland eine unverkenn-
bare Ähnlichkeit mit dem damaligen Zustand der spanischen Städte
auf. Mit den spanischen Cortes aber kann man weder die französi-
schen Generalstände noch die britischen Parlamente des Mittelal-
ters vergleichen. Die Bildung des spanischen Königreichs vollzog
sich unter Bedingungen, die für die Begrenzung der königlichen
Machtsphäre besonders günstig waren. Einerseits wurden kleine
Teile der Halbinsel zu einer Zeit wiedererobert und in selbstän-
dige Königreiche verwandelt, als noch die langwierigen Kämpfe mit
den Arabern tobten. In diesen Kämpfen entstanden neue Volkssitten
und Gesetze. Die einander folgenden Eroberungen, die hauptsäch-
lich von den Adligen gemacht wurden, erhöhten deren Macht außer-
ordentlich, während sie die königliche Machtsphäre einschränkten.
Andrerseits erlangten die Städte und Gemeinden im Innern des Lan-
des immer größere Bedeutung, denn die Menschen sahen sich gezwun-
gen, in befestigten Plätzen beisammenzuwohnen, um sich gegen die
fortgesetzten Einfälle der Mauren zu schützen. Die günstige Form
einer Halbinsel, die das Land besitzt, wie auch der stete Verkehr
mit der Provence und Italien schufen wiederum hervorragende Han-
dels- und Hafenstädte an der Küste. Schon im vierzehnten Jahrhun-
dert bildeten die Städte den mächtigsten Bestandteil der Cortes,
die sich aus ihren Repräsentanten und aus denen der Geistlichkeit
und des Adels zusammensetzten. Auch darf man nicht außer acht
lassen, daß die langsame Überwindung der maurischen Herrschaft,
die einen achthundert Jahre dauernden hartnäckigen Kampf erfor-
derte, der Halbinsel nach ihrer vollen Emanzipation einen Charak-
ter verlieh, der von dem des übrigen Europa der damaligen Zeit
gänzlich verschieden war; im Norden Spaniens herrschten zur Zeit
der europäischen Renaissance die Sitten und Gebräuche der Goten
und Vandalen und im Süden die der Araber.
Als Karl I. aus Deutschland zurückgekehrt war, wo man ihm die
Kaiserwürde verliehen hatte, versammelten sich die Cortes in Val-
ladolid, um seinen Eid auf die alten Gesetze entgegenzunehmen und
ihn mit der Krone zu belehnen. Karl weigerte sich zu erscheinen
und sandte Bevollmächtigte, die,
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wie er forderte, von den Cortes den Untertaneneid entgegenzuneh-
men hätten. Die Cortes weigerten sich, die Bevollmächtigten vor
sich erscheinen zu lassen, und bedeuteten dem Monarchen, daß er,
wenn er nicht erschiene und auf die Landesgesetze schwöre, nie-
mals als König von Spanien anerkannt werden würde. Karl gab dar-
aufhin nach; er erschien vor den Cortes und schwor den Eid - wie
die Geschichtsschreiber berichten, sehr unwillig. Bei dieser Ge-
legenheit sagten ihm die Cortes: "Señor, Ihr müßt wissen, daß der
König bloß der bezahlte Diener der Nation ist." Das war der Be-
ginn der Feindseligkeiten zwischen Karl I. und den Städten. In-
folge seiner Intrigen brachen in Kastilien zahlreiche Aufstände
aus, die Heilige Junta von Avila wurde gebildet, und die verei-
nigten Städte beriefen die Versammlung der Cortes nach Tordesil-
las ein, von wo aus am 20. Oktober 1520 ein "Protest gegen die
Mißbräuche" an den König gerichtet wurde, der diesen Protest da-
mit beantwortete, daß er alle in Tordesillas versammelten Abge-
sandten ihrer persönlichen Rechte beraubte. Damit war der Bürger-
krieg unvermeidlich geworden. Die Bürger riefen zu den Waffen,
und ihre Soldaten bemächtigten sich unter Padillas Führung der
Festung Torrelobaton; sie wurden aber schließlich durch überlege-
nere Kräfte in der Schlacht von Villalar am 23. April 1521 ent-
scheidend geschlagen. Die Häupter der vornehmsten "Verschwörer"
fielen auf dem Schafott, und die alten Freiheiten Spaniens ver-
schwanden.
Mehrere Umstände vereinigten sich zugunsten der wachsenden Macht
des Absolutismus. Der Mangel an Einigkeit unter den verschiedenen
Provinzen zersplitterte ihre Kräfte; vor allem aber nützte Karl
den tiefen Klassengegensatz zwischen Adel und Stadtbürgern dazu
aus, sie beide niederzudrücken. Wir erwähnten schon, daß seit dem
vierzehnten Jahrhundert der Einfluß der Städte in den Cortes vor-
herrschte. Seit Ferdinand dem Katholischen war die Heilige Bru-
derschaft (Santa Hermandad) [219] ein mächtiges Werkzeug in den
Händen der Städte gegen die kastilischen Adligen geworden, die
die Städte der Übergriffe auf ihre alten Privilegien und
Rechtstitel anklagten. Der Adel brannte deshalb darauf, Carlos I.
bei seinem Vorhaben beizustehen, die Heilige Junta zu unterdrüc-
ken. Nachdem er den bewaffneten Widerstand der Städte gebrochen
hatte, ging Carlos daran, ihre städtischen Privilegien einzu-
schränken; die Städte verloren schnell an Bevölkerung, Reichtum
und Bedeutung und gingen daher auch bald ihres Einflusses in den
Cortes verlustig. Jetzt wandte sich Carlos gegen die Adligen, die
ihm geholfen hatten, die Freiheiten der Städte zu zerstören, die
aber selbst noch großen politischen Einfluß behielten. Meuterei
in seiner Armee wegen rückständiger Löhnung zwang ihn 1539, die
Cortes einzuberufen, um Gelder bewilligt zu
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erhalten. Die Cortes, darüber empört, daß frühere Bewilligungen
zu Zwecken verwendet worden waren, die mit spanischen Interessen
nichts zu tun hatten, verweigerten alle Hilfsmittel. Carlos ent-
ließ sie in heller Wut, und da die Adligen auf dem Privileg der
Steuerfreiheit bestanden hatten, erklärte er, alle, die ein sol-
ches Vorrecht für sich beanspruchten, hätten das Recht verwirkt,
in den Cortes zu erscheinen, und schloß sie infolgedessen von
dieser Versammlung aus. Das bedeutete für die Cortes den Todes-
stoß, und ihre Zusammenkünfte waren von nun an auf die Ausübung
einer bloßen Hofzeremonie beschränkt. Das dritte Element der al-
ten Institution der Cortes, die Geistlichkeit, hatte sich seit
Ferdinand dem Katholischen um das Banner der Inquisition geschart
und längst aufgehört, seine Interessen mit denen des feudalen
Spaniens zu identifizieren. Durch die Inquisition war die Kirche
vielmehr in das furchtbarste Werkzeug des Absolutismus umgewan-
delt worden.
Wenn nach der Regierung Carlos' I. Spaniens politischer und
gesellschaftlicher Niedergang alle Symptome jener unrühmlichen
und langwierigen Fäulnis aufwies, die uns in den schlimmsten Zei-
ten des Türkischen Reichs so sehr abstößt, so waren unter dem
Kaiser die alten Freiheiten wenigstens glanzvoll zu Grabe getra-
gen worden. Dies war die Zeit, da Vasco Nuñez de Balboa an der
Küste von Darien, Cortez in Mexiko und Pizarro in Peru das Banner
Kastiliens aufpflanzten, da spanischer Einfluß in ganz Europa
vorherrschend war und ihre südliche Phantasie den Iberern Visio-
nen von Eldorados, ritterlichen Abenteuern und Weltmonarchie vor-
gaukelte. Damals verschwand die spanische Freiheit unter Waffen-
geklirr, unter einem wahren Goldregen und beim schrecklichen
Schein der Autodafés.
Wie aber können wir uns das sonderbare Phänomen erklären, daß
nach einer fast dreihundertjährigen Herrschaft der habsburgischen
Dynastie, der noch die Dynastie der Bourbonen folgte - von denen
jede einzelne genügt hätte, ein Volk zugrunde zu richten -, den-
noch die städtischen Freiheiten Spaniens mehr oder weniger noch
vorhanden waren? Daß gerade in dem Land, wo vor allen anderen
Feudalstaaten die absolute Monarchie in ihrer brutalsten Form zu-
erst entstand, sich die Zentralisation niemals einwurzeln konnte?
Die Antwort ist nicht schwer. Überall bildeten sich im sechzehn-
ten Jahrhundert die großen Monarchien auf den Trümmern der kämp-
fenden feudalen Klassen: der Aristokratie und der Städte. In den
anderen großen Staaten Europas tritt jedoch die absolute Monar-
chie als ein zivilisierendes Zentrum, als der Urheber gesell-
schaftlicher Einheit auf. Dort war sie das Laboratorium, in dem
die verschiedenen Elemente der Gesellschaft so gemischt und bear-
beitet wurden, daß es den Städten möglich wurde, ihre
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lokale Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Mittelalters gegen
die allgemeine Herrschaft der Bourgeoisie und gegen die gemein-
same Herrschaft der bürgerlichen Gesellschaft einzutauschen. Im
Gegensatz dazu versank jedoch in Spanien die Aristokratie in die
tiefste Erniedrigung, ohne ihre schlimmsten Privilegien zu ver-
lieren, während die Städte ihre mittelalterliche Macht einbüßten,
ohne moderne Bedeutung zu gewinnen.
Seit der Errichtung der absoluten Monarchie vegetierten die
Städte in einem Zustand andauernden Verfalls. Es ist nicht unsere
Sache, hier die politischen oder ökonomischen Verhältnisse zu er-
örtern, die den Handel, die Industrie, die Schiffahrt und die
Landwirtschaft Spaniens zugrunde richteten. Für den jetzigen
Zweck genügt es, auf diese Tatsache einfach hinzuweisen. In dem
Maße, wie das kommerzielle und industrielle Leben der Städte ab-
nahm, wurde der Austausch im Inland geringer, der Verkehr zwi-
schen den Bewohnern der einzelnen Provinzen spärlicher, wurden
die Verkehrsmittel vernachlässigt, und die großen Straßen veröde-
ten allmählich. Das lokale Leben Spaniens, die Unabhängigkeit
seiner Provinzen und Gemeinden, die mannigfaltigen Unterschiede
der Gesellschaft - die ursprünglich auf der natürlichen Gestal-
tung des Landes beruhte und die sich historisch je nach der Art
entwickelt hatte, wie sich die einzelnen Provinzen von der mauri-
schen Herrschaft emanzipiert und kleine unabhängige Gemeinwesen
gebildet hatten - wurden nun schließlich durch die ökonomische
Umwälzung bestärkt und bekräftigt, die die Quellen nationaler Tä-
tigkeit austrocknete. Die absolute Monarchie, die in Spanien ein
Material vorfand, das seiner ganzen Natur nach der Zentralisation
widerstrebte, tat denn auch alles, was in ihrer Macht stand, das
Wachstum gemeinsamer Interessen - wie sie die nationale Arbeits-
teilung und die Vielfältigkeit des Inlandsverkehrs mit sich brin-
gen - zu verhindern, und zerstörte so die Basis, auf der allein
ein einheitliches Verwaltungssystem und eine allgemeine Gesetzge-
bung geschaffen werden kann. Daher ist die absolute Monarchie in
Spanien eher auf eine Stufe mit asiatischen Herrschaftsformen zu
stellen, als mit anderen absoluten Monarchien in Europa zu ver-
gleichen, mit denen sie nur geringe Ähnlichkeit aufweist. Spanien
blieb, wie die Türkei, ein Konglomerat schlechtverwalteter Pro-
vinzen mit einem nominellen Herrscher an der Spitze. In den
verschiedenen Provinzen nahm der Despotismus verschiedene Formen
an, entsprechend der verschiedenen Art, in der königliche Statt-
halter und Gouverneure die allgemeinen Gesetze willkürlich aus-
legten. So despotisch aber die Regierung war, so verhinderte sie
doch die einzelnen Provinzen nicht, mit verschiedenartigen Geset-
zen und Gebräuchen, verschiedenartigen Münzen, militärischen Fah-
nen von verschiedenen Farben und verschiedenartigen
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Steuersystemen zu operieren. Der orientalische Despotismus wendet
sich gegen die munizipale Selbstregierung nur dann, wenn sie sei-
nen unmittelbaren Interessen zuwiderläuft, ist aber nur zu ge-
neigt, die Fortexistenz dieser Einrichtungen zu gestatten, so-
lange diese ihm die Pflicht abnehmen, selbst etwas zu tun, und
ihm die Mühen einer geordneten Verwaltung ersparen.
So konnte es geschehen, daß Napoleon, der gleich allen seinen
Zeitgenossen in Spanien nichts als einen leblosen Leichnam sah,
höchst peinlich überrascht wurde, als er die Entdeckung machen
mußte, daß wohl der spanische Staat tot sei, aber die spanische
Gesellschaft voll gesunden Lebens stecke und in allen ihren Tei-
len von Widerstandskraft strotze. Gemäß dem Vertrag von Fontaine-
bleau hatte Napoleon seine Truppen nach Madrid dirigiert; nachdem
er die königliche Familie zu einer Unterredung nach Bayonne ge-
lockt, hatte er Carlos IV. gezwungen, seine Abdankung zurück-
zunehmen, damit ihm dieser dann sein Reich abtreten könne; von
Ferdinand VII. hatte er eine ähnliche Erklärung erpreßt. Als nun
Carlos IV., seine Gemahlin und der Friedensfürst nach Compiègne
gebracht worden und Ferdinand VII. mit seinen Brüdern im Schloß
von Valençay gefangengesetzt war, übertrug Bonaparte die Krone
von Spanien seinem Bruder Joseph, versammelte in Bayonne eine
spanische Junta und versah sie mit einer seiner bereitgehaltenen
Konstitutionen [220]. Da er in der spanischen Monarchie sonst
nichts Lebendiges sah als die elende Dynastie, die er unter si-
cherem Verschluß hielt, so fühlte er sich bei dieser Konfiskation
Spaniens seiner Sache ganz sicher. Nur wenige Tage jedoch nach
seinem coup de main 1*) bekam er die Nachricht von einem Aufstand
in Madrid. Murat unterdrückte zwar diesen Aufruhr, indem er etwa
1000 Menschen tötete. Als sich aber die Nachricht von dieser Met-
zelei verbreitete, brach in Asturien der Aufstand los, der bald
die ganze Monarchie ergriff. Bemerkenswert ist, daß diese erste
spontane Erhebung im Volke entstand, während die "besseren" Klas-
sen sich ruhig dem fremden Joch gebeugt hatten.
In dieser Weise wurde also Spanien für seine jüngste revolutio-
näre Laufbahn vorbereitet und in die Kämpfe hineingetrieben, die
für seine Entwicklung in diesem Jahrhundert bezeichnend sind.
Kurz und bündig haben wir hier die Tatsachen und Einflüsse ver-
zeichnet, die noch heute seine Geschicke bestimmen und die Im-
pulse seines Volkes leiten. Wir haben jedoch nicht nur auf sie
hingewiesen, weil sie zum Verständnis der heutigen Krisis not-
wendig sind, sondern auch zum Verständnis alles dessen, was Spa-
nien seit der napoleonischen Usurpation leistete und litt. Dieser
Zeitraum von nun
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1*) Handstreich
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bald fünfzig Jahren - reich an tragischen Episoden und heldenmü-
tigen Anstrengungen - ist eines der ergreifendsten und lehrreich-
sten Kapitel der modernen Weltgeschichte. [221]
II
["New-York Daily Tribune" Nr. 4192 vom 25. September 1854]
Wir haben unseren Lesern eine Darstellung der früheren revolutio-
nären Geschichte Spaniens gegeben, damit sie die Entwicklung, die
diese Nation jetzt vor den Augen der Welt durchmacht, verstehen
und würdigen können. Noch interessanter und vielleicht ebenso
wertvoll als Quelle zur augenblicklichen Information ist die
große nationale Bewegung, die die Vertreibung der Bonapartes be-
gleitete und durch die die spanische Krone jener Familie zu-
rückerstattet wurde, in deren Besitz sie noch heute ist. Will man
aber diese Bewegung voll würdigen, die so reich an heldenmütigen
Episoden ist und in der ein Volk, das man schon sterbend glaubte,
die größte Lebenskraft entwickelte, so muß man bis zum Beginn des
napoleonischen Angriffs auf die spanische Nation zurückgehen. Der
wirkliche Grund der Vorgänge wurde vielleicht zum ersten Male im
Vertrag von Tilsit dargelegt, der am 7. Juli 1807 abgeschlossen
wurde und der durch eine Geheimkonvention ergänzt worden sein
soll, die Fürst Kurakin und Talleyrand unterzeichneten. Der Ver-
trag wurde am 25. August 1812 in der Madrider "Gazeta" veröffent-
licht und enthielt unter anderem folgende Abmachungen:
"Artikel I. Rußland soll von der europäischen Türkei Besitz er-
greifen und seinen Besitz in Asien so weit ausdehnen, als es für
gut befindet.
Artikel II. Die Dynastie der Bourbonen in Spanien und das Haus
Braganza in Portugal hören auf zu regieren. Die Kronen dieser
Länder werden auf Fürsten des Hauses Bonaparte übergehen."
Angenommen also, dieser Vertrag ist authentisch - und seine
Authentizität wird kaum bestritten, nicht einmal von König Joseph
Bonaparte in seinen jüngst veröffentlichten Memoiren -, so bildet
er den wahren Grund der französischen Invasion in Spanien im
Jahre 1808, und die spanischen Erhebungen jener Zeit scheinen
durch geheime Fäden an die Schicksale der Türkei geknüpft.
Als nach dem Massaker in Madrid und den Verhandlungen in Bayonne
gleichzeitig in Asturien, Galicien, Andalusien und Valencia Auf-
stände ausbrachen
#443# Das revolutionäre Spanien - II
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und eine französische Armee Madrid okkupierte, waren die vier
nördlichen Festungen Pamplona, San Sebastian, Figueras und Barce-
lona von Bonaparte unter fadenscheinigen Vorwänden in Besitz ge-
nommen worden; ein Teil der spanischen Armee war nach der Insel
Fünen verschickt worden, um gegen Schweden vorzugehen; alle ein-
gesetzten Behörden endlich, militärische, kirchliche, gerichtli-
che und administrative, im Verein mit der Aristokratie ermahnten
das Volk, sich dem fremden Eindringling zu unterwerfen. Das war
jedoch ein Umstand, der alle Schwierigkeiten der Situation auf-
wog. Dank Napoleon war das Land seinen König, seine königliche
Familie und seine Regierung losgeworden. So waren die Fesseln
zerbrochen, die sonst vielleicht das spanische Volk daran gehin-
dert hätten, seine ihm angeborene Kraft zu entfalten. Wie wenig
es unter der Herrschaft seiner Könige und unter gewöhnlichen Ver-
hältnissen imstande gewesen, den Franzosen Widerstand zu leisten,
das hatte sich in den schmählichen Feldzügen von 1794 und 1795
gezeigt. [222]
Napoleon hatte die hervorragendsten Persönlichkeiten Spaniens be-
rufen, damit sie in Bayonne mit ihm zusammenträfen und aus seinen
Händen einen König und eine Konstitution entgegennähmen. Mit sehr
wenigen Ausnahmen erschienen sie alle dort. Am 7. Juni 1808 emp-
fing König Joseph in Bayonne eine Deputation der Granden von Spa-
nien, in deren Namen der Herzog von Infantado, der intimste
Freund Ferdinands VII., ihn folgendermaßen ansprach:
"Sire, die Granden von Spanien sind jederzeit ob ihrer Loyalität
gegen ihren Souverän berühmt gewesen, und auch Eure Majestät wird
bei ihnen dieselbe Treue und Anhänglichkeit finden."
Die Königliche Ratskammer von Kastilien gab dem armen Joseph die
Versicherung, "er sei der hervorragendste Abkömmling einer Fami-
lie, die vom Himmel zum Herrschen bestimmt sei". Nicht minder de-
mütig lautete die Huldigung, die der Herzog del Parque an der
Spitze einer Deputation darbrachte, die die Armee vertrat. Am
nächsten Tage veröffentlichten dieselben Leute eine Proklamation,
in der sie allgemeine Unterwerfung unter die Dynastie Bonaparte
forderten. Am 7. Juli 1808 wurde die neue Konstitution von 91
Spaniern aus den allerhöchsten Kreisen unterzeichnet; darunter
waren Herzoge, Grafen, Marquis und mehrere Häupter religiöser Or-
den. Bei den Diskussionen über die Konstitution war die Abschaf-
fung ihrer alten Privilegien und Steuerbefreiungen alles, was sie
zu beanstanden hatten. Das erste Ministerium und der erste könig-
liche Hofstaat Josephs bestand aus denselben Personen, die Mini-
sterium und Hofstaat Ferdinands VII.
#444# Karl Marx
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gebildet hatten. Einige Vertreter der oberen Klassen betrachteten
Napoleon als den von der Vorsehung gesandten Erneuerer Spaniens,
andere wieder sahen in ihm das einzige Bollwerk gegen die Revolu-
tion; niemand glaubte an die Möglichkeit eines nationalen Wider-
standes.
Von Anfang an hatten also im Spanischen Unabhängigkeitskrieg der
hohe Adel und die alte Verwaltung ihre ganze Gewalt über Bour-
geoisie und Volk eingebüßt, denn schon zu Beginn des Kampfes hat-
ten sie sie im Stich gelassen. Auf der einen Seite standen die
Afrancesados (die Franzosenfreunde), und auf der anderen stand
die Nation. In Valladolid, Cartagena, Granada, Jaén, San Lucar,
Carolina, Ciudad Rodrigo, Cadiz und Valencia fielen die bedeu-
tendsten Mitglieder der alten Verwaltung - Gouverneure, Generale
und andere hervorragende Persönlichkeiten, die als französische
Agenten und Hindernisse für die nationale Bewegung galten - der
Volkswut zum Opfer. Überall wurden die bestehenden Behörden abge-
setzt. Schon mehrere Monate vor der Erhebung vom 19. März 1808
hatten die Volksbewegungen, die in Madrid stattfanden, es darauf
abgesehen, El Chorizero (den Wurstmacher, ein Spitzname für
Godoy) und seine verhaßten Spießgesellen von ihren Posten zu ent-
fernen. Dieses Ziel wurde jetzt im nationalen Maßstab erreicht,
und damit war die innere Revolution vollendet, soweit sie von den
Massen beabsichtigt und nicht mit Widerstand gegen den fremden
Eindringling verbunden war. Im ganzen schien die Bewegung mehr
eine k o n t e r r e v o l u t i o n ä r e zu sein als eine
r e v o l u t i o n ä r e. National, weil sie die Unabhängigkeit
Spaniens von Frankreich proklamierte, war sie gleichzeitig dyna-
stisch, da sie den "geliebten" Ferdinand VII. Joseph Bonaparte
entgegenstellte, war sie reaktionär, da sie die alten Einrichtun-
gen, Gewohnheiten und Gesetze den rationellen Neuerungen Napo-
leons entgegensetzte, war sie abergläubisch und fanatisch, denn
sie verfocht die "heilige Religion" gegenüber dem, was französi-
scher Atheismus hieß oder Beseitigung der besonderen Privilegien
der römischen Kirche. Die Priester, die durch das Schicksal ihrer
Brüder in Frankreich erschreckt waren, nährten im Interesse der
Selbsterhaltung noch die Volksleidenschaften.
"Das patriotische Feuer", sagt Southey, "flammte noch höher auf
unter dem Einfluß des heiligen Öles des Aberglaubens."
Alle gegen Frankreich geführten Unabhängigkeitskriege tragen den
gemeinsamen Stempel einer Regeneration, die sich mit Reaktion
paart; nirgends aber in solchem Maße wie in Spanien. Der König
erschien der Phantasie des Volkes im Lichte eines romantischen
Prinzen, den ein gigantischer Räuber schimpflich mißhandelte und
gefangenhielt. Die eindrucksvollsten und volkstümlichsten
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Epochen der Vergangenheit wurden mit den geheiligten und wunder-
samen Traditionen der Kreuzzüge gegen den Halbmond verknüpft; und
ein großer Teil der niederen Klassen war es gewohnt, die Kutte
der Bettelmönche zu tragen und auf Kosten des Kirchenvermögens zu
leben. Ein spanischer Schriftsteller, Don Josef Clémente Carni-
cero, veröffentlichte 1814 und 1816 folgende Reihe von Arbeiten:
"Napoleon, der wahre Don Quixote Europas", "Die hauptsächlichsten
Ereignisse der glorreichen Revolution Spaniens", "Die rechtlich
wiedereingesetzte Inquisition". Es genügt, auf die Titel dieser
Bücher hinzuweisen, um diese einseitige Auffassung der spanischen
Revolution zu begreifen, die uns auch in den verschiedenen Mani-
festen der Provinzialjuntas entgegentritt, die sämtlich für den
König, die heilige Religion und das Vaterland eintreten und von
denen einige dem Volke sogar verkünden, daß "seine Hoffnungen auf
eine bessere Welt auf dem Spiele stünden und in höchster Gefahr
seien".
Wenn nun aber auch die Bauernschaft, die Bewohner der Kleinstädte
im Innern des Landes und die zahlreiche Armee der Bettelmönche
mit und ohne Mönchskutten, die alle von religiösen und politi-
schen Vorurteilen tief durchdrungen waren, die große Mehrheit der
nationalen Partei bildeten, so enthielt sie doch auf der anderen
Seite eine rührige und einflußreiche Minderheit, die die Volkser-
hebung gegen die französische Invasion als das Signal zur politi-
schen und sozialen Erneuerung Spaniens betrachtete. Diese Minder-
heit setzte sich aus den Bewohnern der Hafen- und Handelsstädte
und einem Teil der Provinzhauptstädte zusammen, wo sich unter der
Regierung Karls V. die materiellen Bedingungen der modernen Ge-
sellschaft bis zu einem gewissen Grade entwickelt hatten. Sie
wurde verstärkt durch den gebildeteren Teil der oberen Klassen
und der Bourgeoisie, Schriftsteller, Ärzte, Rechtsanwälte und so-
gar Priester, für die die Pyrenäen keine genügende Barriere gegen
das Eindringen der Philosophie des 18. Jahrhunderts gebildet hat-
ten. Als das wahre Programm dieser Partei kann man das berühmte
Memorandum Jovellanos' über die Verbesserung der Landwirtschaft
und das Agrargesetz ansehen, das 1795 erschien und auf Befehl des
Königlichen Rats von Kastilien abgefaßt worden war. Schließlich
war da noch die Bourgeoisjugend, zum Beispiel die Universitäts-
studenten, die die Bestrebungen und Grundsätze der Französischen
Revolution mit glühendem Eifer in sich aufgenommen und einen Mo-
ment sogar erwartet hatten, ihr Vaterland durch Frankreichs Hilfe
Wiederaufleben zu sehen.
Solange es sich nur um die gemeinsame Verteidigung des Vaterlands
handelte, blieben die beiden großen Elemente der nationalen Par-
tei vollkommen einig. Ihre Gegnerschaft trat erst zutage, als sie
sich in den Cortes
#446# Karl Marx
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begegneten, auf dem Kampfplatz, wo die neue Konstitution entwor-
fen werden sollte. Die revolutionäre Minderheit hatte, um den pa-
triotischen Geist des Volkes zu nähren, ihrerseits keine Bedenken
getragen, an die nationalen Vorurteile des alten Volksglaubens zu
appellieren. So günstig nun diese Taktik für die unmittelbaren
Zwecke des nationalen Widerstands erschienen sein mochte, so
mußte sie doch für diese Minderheit verhängnisvoll werden, als
die Zeit gekommen war, wo die konservativen Interessen der alten
Gesellschaft sich hinter eben diesen Vorurteilen und Volksleiden-
schaften verschanzten, um sich gegen die eigentlichen und weite-
ren Pläne der Revolutionäre zu verteidigen.
Als Ferdinand, der Aufforderung Napoleons gehorchend, Madrid ver-
ließ, hatte er eine oberste Regierungsjunta unter der Präsident-
schaft des Infanten Don Antonio eingesetzt. Aber schon im Mai war
diese Junta verschwunden. Eine Zentralregierung gab es nicht, und
die aufrührerischen Städte bildeten ihre eigenen Juntas, die von
denen der Provinzhauptstädte geleitet wurden. Diese Provinzial-
juntas bildeten also ebenso viele unabhängige Regierungen, von
denen jede eine Armee auf die Füße stellte. Die Junta der Vertre-
ter von Oviedo erklärte, daß sie in den Besitz der vollen Souve-
ränität gelangt sei, proklamierte den Krieg gegen Bonaparte und
schickte Abgesandte nach England, um einen Waffenstillstand zu
schließen. Dasselbe tat später die Junta von Sevilla. Es ist eine
merkwürdige Erscheinung, daß diese fanatischen Katholiken durch
die bloße Gewalt der Tatsachen zu einem Bündnis mit England ge-
drängt wurden, einer Macht, auf die die Spanier sonst als auf die
Inkarnation der verdammenswertesten Ketzerei herabsahen und die
sie nicht viel höher einschätzten als den Großtürken selber. Be-
drängt vom französischen Atheismus, flüchteten sie jedoch in die
Arme des englischen Protestantismus. Kein Wunder daher, daß Fer-
dinand VII. bei seiner Rückkehr nach Spanien in einem Dekret zur
Wiederherstellung der Heiligen Inquisition erklärte, daß einer
der Gründe,
"der die Reinheit der Religion in Spanien beeinträchtigt habe, in
dem Aufenthalt fremder Truppen von verschiedenen Sekten zu suchen
sei, die alle von dem gleichen Haß gegen die heilige römische
Kirche beseelt seien".
Die so plötzlich und völlig unabhängig voneinander entstandenen
Provinzialjuntas billigten der obersten Junta von Sevilla eine
gewisse, wenn auch nur sehr geringe und unbestimmte Autorität zu;
denn Sevilla wurde als Hauptstadt Spaniens betrachtet, solange
Madrid sich in den Händen der Fremden befand, So entstand eine
Art sehr anarchischer Bundesregierung, die durch das Aufeinander-
prallen gegensätzlicher Interessen, lokaler Eifersüchteleien
#447# Das revolutionäre Spanien - II
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und rivalisierender Einflüsse zu einem recht untauglichen Instru-
ment wurde, um Einheitlichkeit in die militärische Befehlsgewalt
zu bringen und die Operationen eines Feldzugs zu koordinieren.
Die Proklamationen, die diese verschiedenen Juntas an das Volk
erließen, waren wohl alle von dem heldenmütigen Geist eines Volks
erfüllt, das plötzlich aus langer Lethargie erweckt und durch
einen elektrischen Schlag in einen Zustand fieberhafter Tätigkeit
versetzt ward, waren aber doch nicht frei von jener schwulstigen
Übertreibung, jenem Stil, gemischt aus Windbeutelei und Bombast,
und jener hochtönenden Großsprecherei, die Sismondi veranlaßten,
der spanischen Literatur den Beinamen einer orientalischen zu ge-
ben. Auch die kindische Eitelkeit des spanischen Charakters
drückte sich in ihnen aus; die Mitglieder der Juntas legten sich
zum Beispiel den Titel Hoheit bei und überluden sich mit prunken-
den Uniformen.
Zweierlei beobachteten wir bei diesen Juntas: erstens das nied-
rige Niveau des Volks zur Zeit seiner Erhebung, zweitens die da-
durch hervorgerufene schädliche Rückwirkung auf den Fortschritt
der Revolution. Die Juntas waren durch das allgemeine Stimmrecht
gewählt; aber "die unteren Klassen betätigten sogar ihren frei-
heitlichen Drang nur in unterwürfiger Weise". Sie wählten gewöhn-
lich nur ihre natürlichen Vorgesetzten, den höheren und niederen
Adel der Provinz, hinter denen die Geistlichkeit und sehr wenige
Notabilitäten aus der Bourgeoisie standen. Das Volk war sich sei-
ner eigenen Schwäche so sehr bewußt, daß es seine Initiative dar-
auf beschränkte, die höheren Klassen zum Widerstand gegen den
Eindringling zu zwingen, ohne daran zu denken, an der Leitung
dieses Widerstandes teilzunehmen. In Sevilla zum Beispiel "dachte
das Volk zuerst daran, daß sich die Pfarrgeistlichkeit und die
Klostervorsteher zusammentun sollten, um die Mitglieder der Junta
zu wählen". So wurden die Juntas mit Leuten gefüllt, die auf
Grund ihrer früheren Stellung gewählt und weit davon entfernt wa-
ren, revolutionäre Führer zu sein. Andrerseits dachte das Volk
bei der Ernennung dieser Behörden weder daran, ihre Macht zu be-
schränken noch der Dauer derselben ein bestimmtes Ziel zu setzen.
Die Juntas wieder dachten selbstverständlich nur daran, die er-
stere auszudehnen und die letztere zu verlängern. So erwiesen
sich diese beim Beginn der Revolution ins Leben gerufenen ersten
Schöpfungen des Volksimpulses während deren ganzer Dauer als
ebenso viele Dämme, die sich der revolutionären Strömung entge-
genstellten, wenn sie überzufließen drohte.
Am 20. Juli 1808, als Joseph Bonaparte in Madrid einzog, wurden
bei Baylen 14 000 Franzosen unter den Generalen Dupont und Vedel
von Castaños gezwungen, ihre Waffen niederzulegen, und Joseph
mußte sich einige
#448# Karl Marx
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Tage später von Madrid nach Burgos zurückziehen. Noch zwei andere
Ereignisse waren geeignet, den Mut der Spanier aufs höchste zu
steigern: erstens die Vertreibung Lefebvres aus Saragossa durch
General Palafox und zweitens die Ankunft der 7000 Mann starken
Armee des Marquis de la Romana in La Coruña, die sich den Franzo-
sen zum Trotz auf der Insel Fünen eingeschifft hatten, um dem be-
drängten Vaterland zu Hilfe zu eilen.
Nach der Schlacht von Baylen war es, daß die Revolution ihren
Aufschwung nahm und daß der Teil des hohen Adels, der die Dyna-
stie Bonaparte akzeptiert oder sich klug im Hintergrund gehalten
hatte, hervortrat, um sich der Sache des Volks anzuschließen -
ein höchst zweifelhafter Gewinn für diese Sache.
III
["New-York Daily Tribune" Nr. 4214 vom 20. Oktober 1854]
Die Verteilung der Macht unter die einzelnen Provinzialjuntas
hatte Spanien vor dem ersten Anprall der französischen Invasion
unter Napoleon gerettet. Nicht nur weil sie die Hilfsquellen des
Landes vervielfältigte, sondern weil sie es auch dem Eindringling
unmöglich machte, auf ein bestimmtes Ziel loszuschlagen; die
Franzosen waren höchst erstaunt, daß das Zentrum des spanischen
Widerstands überall und nirgends war. Nichtsdestoweniger machte
sich, kurz nachdem Baylen kapituliert und Joseph Madrid geräumt
hatte, die Notwendigkeit, eine Art Zentralregierung zu schaffen,
allgemein fühlbar. Nach den ersten Erfolgen waren die Uneinigkei-
ten zwischen den Provinzialjuntas so heftig geworden, daß Sevilla
zum Beispiel nur mit Mühe durch General Castaños davon abgehalten
werden konnte, gegen Granada vorzurücken. Die französische Armee,
die - mit Ausnahme der unter Marschall Bessières stehenden Trup-
pen - sich in größter Verwirrung auf die Linie am Ebro zurückge-
zogen hatte, wäre bei kraftvoller Verfolgung mit Leichtigkeit zu
zerstreuen gewesen, oder sie hätte mindestens wieder die Grenze
überschreiten müssen, so aber gelang es ihr, sich zu erholen und
eine starke Position einzunehmen. Besonders die blutige Unter-
drückung des Aufstandes in Bilbao durch General Merlin [223] lö-
ste in der ganzen Nation einen Schrei der Empörung gegen die Ei-
fersüchteleien der Juntas und gegen das unbekümmerte laissez
faire 1*) der Befehlshaber aus. Die Dringlichkeit eines
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1*) Treibenlassen
#449# Das revolutionäre Spanien - III
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gemeinsamen militärischen Vorgehens; die Gewißheit, daß Napoleon
bald wieder an der Spitze eines siegreichen Heeres erscheinen
würde, das von den Ufern des Njemen, der Oder und den Küsten der
Ostsee zusammengezogen war; das Fehlen einer allgemeinen Autori-
tät zum Abschluß von Bündnisverträgen mit Großbritannien oder an-
deren auswärtigen Mächten und zur Aufrechterhaltung der Verbin-
dung mit Spanisch-Amerika und zur Erhebung der Abgaben von ihm;
das Bestehen einer französischen Zentralgewalt in Burgos und die
Notwendigkeit, dem fremden Altar seinen eigenen gegenüber-
zustellen - alle diese Umstände zusammengenommen zwangen die
Junta von Sevilla, auf ihr nur unbestimmtes, eigentlich nur nomi-
nelles Übergewicht, wenn auch ungern, zu verzichten und den ver-
schiedenen Provinzialjuntas vorzuschlagen, aus ihren eigenen Kör-
perschaften je zwei Deputierte zu wählen, deren Vereinigung eine
Z e n t r a l j u n t a bilden sollte, während die Provinzial-
juntas mit der inneren Verwaltung ihrer betreffenden Gebiete be-
traut bleiben sollten, "jedoch mit gebührender Subordination un-
ter die Zentralregierung". So trat am 25. September 1808 in Aran-
juez die Zentraljunta zusammen, die sich aus 35 Deputierten der
Provinzialjuntas (34 für die spanischen Juntas und einer für die
Kanarischen Inseln) zusammensetzte - gerade einen Tag, ehe die
Potentaten von Rußland und Deutschland sich in Erfurt vor Napo-
leon demütigten [224]
In revolutionären Verhältnissen - mehr noch als in normalen Zei-
ten - spiegeln die Geschicke der Armeen die wahre Natur der zivi-
len Regierung wider. Die mit der Vertreibung der Eindringlinge
vom spanischen Boden betraute Zentraljunta wurde durch den Erfolg
der feindlichen Waffen von Madrid nach Sevilla und von Sevilla
nach Cadiz getrieben, um dort ein ruhmloses Ende zu finden. Ihre
Herrschaft war durch eine Kette schmachvoller Niederlagen gekenn-
zeichnet, durch die Vernichtung der spanischen Armeen und
schließlich durch die Auflösung der regulären Kriegführung in
Guerillakämpfe. Urquijo, ein spanischer Edelmann, äußerte am 3.
April 1808 zu Cuesta, dem Generalkapitän von Kastilien:
"Unser Spanien ist ein gotisches Gebäude, das aus den heterogen-
sten Stückchen zusammengesetzt ist, mit ebenso vielen Gewalten,
Privilegien, Gesetzgebungen und Gebräuchen, als es Provinzen
gibt. In Spanien existiert nichts von dem, was man in Europa Sinn
für das öffentliche Wohl nennt. Diese Gründe werden bei uns stets
die Errichtung einer Zentralgewalt verhindern, die mächtig genug
wäre, unsere nationalen Kräfte zu vereinen."
Wenn schon der Zustand, in dem Spanien sich zur Zeit der franzö-
sischen Invasion befand, der Bildung eines revolutionären Zen-
trums die größten Schwierigkeiten bereitete, so machte gerade die
Zusammensetzung
#450# Karl Marx
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der Zentraljunta das Land vollends unfähig, sich aus der furcht-
baren Krise zu retten, in der es sich befand. Zu zahlreich und zu
wahllos zusammengewürfelt, um als Exekutivgewalt auftreten zu
können, waren es doch wieder zu wenig Delegierte, um die Autori-
tät eines Nationalkonvents [225] beanspruchen zu können. Allein
die Tatsache, daß sie von Provinzialjuntas delegiert waren,
machte sie dazu untauglich, die ehrgeizigen Neigungen, den bösen
Willen und den eigensinnigen Egoismus dieser Körperschaften zu
überwinden. Diese Juntas, deren Mitglieder, wie wir schon in ei-
nem früheren Artikel erwähnten, im großen und ganzen auf Grund
ihrer Stellung in der alten Gesellschaft gewählt waren und nicht
in Anbetracht ihrer Fähigkeiten, eine neue Gesellschaft ins Leben
zu rufen, sandten nun ihrerseits in die "Zentrale" spanische
Granden, Prälaten, Würdenträger von Kastilien, ehemalige Mini-
ster, hohe Zivil- und Militärbeamte, anstatt Personen, die aus
der Revolution hervorgingen. Die spanische Revolution ging schon
in ihren ersten Anfängen an dem Bestreben zugrunde, legitim und
anständig zu sein.
Die beiden hervorragendsten Mitglieder der Zentraljunta, um deren
Banner sich ihre beiden großen Parteien scharten, waren Florida-
bianca und Jovellanos, beide Märtyrer der Godoyschen Verfolgung,
frühere Minister, beide kränklich und alt geworden in den regel-
mäßigen und pedantischen Gepflogenheiten des saumseligen spani-
schen Regimes, dessen steife, umständliche Langsamkeit schon zu
Bacons Zeiten sprichwörtlich geworden war, der einst ausrief:
"Wenn der Tod mich holt, dann möge er von Spanien kommen, er
kommt dann zu einer späteren Stunde." [226]
Floridablanca und Jovellanos repräsentierten einen Gegensatz, der
noch jener Epoche des achtzehnten Jahrhunderts angehörte, die dem
Zeitalter der französischen Revolution voranging; der erstere ein
plebejischer Bürokrat, der letztere ein aristokratischer Philan-
throp. Floridabianca war ein Anhänger und Vertreter des aufge-
klärten Despotismus, den ein Pombai, ein Friedrich II., ein Jo-
seph II. vertrat. Jovellanos, ein "Volksfreund", hoffte das Volk
durch ein sorgfältig ausgeklügeltes System ökonomischer Gesetze
und durch die literarische Propagierung großherziger Theorien zur
Freiheit zu führen. Beide waren Gegner der Traditionen des Feuda-
lismus; der eine suchte die Monarchie, der andere die bürgerliche
Gesellschaft von ihren Fesseln zu befreien. Die Rolle, die jeder
von ihnen in der Geschichte ihres Vaterlandes spielte, entsprach
der Verschiedenheit ihrer Ansichten. Floridablanca regierte an
höchster Stelle als Premierminister Karls III., und seine Herr-
schaft wurde in dem Maße despotisch, wie er auf Widerstand stieß.
Jovellanos, dessen Ministerlaufbahn unter Karl IV. nur kurz war,
gewann seinen Einfluß auf das spanische Volk nicht als Minister,
sondern als Gelehrter, nicht durch
#451# Das revolutionäre Spanien - III
-----
Dekrete, sondern durch Essays. Floridabianca war ein Achtzigjäh-
riger, als ihn der Sturm der Zeiten an die Spitze einer revolu-
tionären Regierung trug; was bei ihm unerschüttert geblieben, war
nur seine Glaube an den Despotismus und sein Unglaube an die
schöpferischen Kräfte des Volkes. Als er nach Madrid delegiert
wurde, hinterließ er dem Gemeinderat von Murcia einen geheimen
Protest, worin er erklärte, daß er nur der Gewalt und der Furcht
vor Attentaten des Volkes nachgebe, und daß er dieses Protokoll
zu dem ausdrücklichen Zwecke unterzeichne, daß König Joseph es
ihm niemals verüble, wenn er das Mandat aus den Händen des Volkes
annehme. Nicht zufrieden damit, zu den Traditionen seines Man-
nesalters zurückzukehren, widerrief er auch noch jene Schritte
aus seiner ministeriellen Vergangenheit, die ihm jetzt als über-
eilt erschienen. Er, der die Jesuiten aus Spanien verbannt hatte
[227], war kaum in die Zentraljunta eingesetzt, als er die Er-
laubnis zu ihrer Rückkehr "als Privatleute" beantragte. Die ein-
zige Veränderung, die sich seiner Meinung nach seit seiner Zeit
vollzogen hatte, bestand lediglich darin, daß Godoy, der ihn ver-
bannt und den mächtigen Grafen von Floridabianca seiner ministe-
riellen Allmacht beraubt hatte, nun durch denselben Grafen Flo-
ridabianca ersetzt und seinerseits vertrieben wurde. So war der
Mann beschaffen, den die Zentraljunta zu ihrem Präsidenten wählte
und den ihre Mehrheit als unfehlbaren Führer anerkannte.
Jovellanos, der die einflußreiche Minderheit in der Zentraljunta
leitete, war auch alt geworden und hatte während der ihm von
Godoy auferlegten langen, schweren Kerkerhaft viel von seiner En-
ergie eingebüßt. Aber selbst in seiner besten Zeit war er kein
Mann der revolutionären Aktion, sondern eher ein wohlmeinender
Reformer gewesen, der aus lauter Bedenklichkeit in der Wahl sei-
ner Mittel nie gewagt hätte, seinen Endzweck zu erreichen. In
Frankreich wäre er vielleicht so weit wie Mounier oder Lally-Tol-
lendal gegangen, jedoch keinen Schritt weiter. In England wäre er
ein populäres Mitglied des Oberhauses geworden. Im aufrühreri-
schen Spanien taugte er wohl dazu, die strebsame Jugend mit Ideen
zu erfüllen, in der Praxis aber war er nicht einmal der servilen
Zähigkeit eines Floridabianca gewachsen. Nicht ganz frei von ari-
stokratischen Vorurteilen und daher stark zur Anglomanie eines
Montesquieu neigend, schien dieser untadelige Charakter den Be-
weis dafür zu liefern, daß, wenn Spanien einmal ausnahmsweise
einen wissenschaftlichen Geist hervorbrachte, dies nur auf Kosten
der persönlichen Energie geschehen konnte, die das Land nur zur
Erfüllung seiner lokalen Aufgaben zu besitzen schien.
Wohl gehörten der Zentraljunta einige Männer an - an deren Spitze
Don Lorenzo Calvo de Rozas, der Delegierte von Saragossa, stand
-, die
#452# Karl Marx
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Anhänger von Jovellanos Reformansichten waren und gleichzeitig
eine lebhaftere revolutionäre Aktion anstrebten. Ihre Zahl war
aber zu klein und ihre Namen zu unbekannt, als daß sie die
schwerfällige Staatskutsche der Junta aus dem ausgefahrenen
Geleise des spanischen Zeremoniells hätten schieben können.
Diese Gewalt, so plump zusammengefügt, so schwächlich organi-
siert, an deren Spitze solche überlebten Reliquien standen, war
dazu berufen, eine Revolution zu vollbringen und Napoleon zu
schlagen. Wenn ihre Proklamationen ebenso kraftvoll waren, wie
ihre Taten kraftlos, so verdankte sie dies Don Manuel Quintana,
einem spanischen Dichter; denn die Junta hatte so viel Geschmack
besessen, ihn als ihren Sekretär anzustellen und mit der Ab-
fassung ihrer Manifeste zu betrauen.
Gleich den prunkenden Helden Calderons, die nicht müde werden,
alle ihre Titel aufzuzählen, weil sie konventionelle Auszeichnung
mit echter Größe verwechseln, war es auch die erste Sorge der
Junta, die Ehren und Auszeichnungen zu dekretieren, die ihrer ge-
hobenen Stellung gebührten. Ihr Präsident bekam das Prädikat
"Hoheit", die anderen Mitglieder den Titel "Exzellenz" und die
Junta in corpore 1*) erhielt die Bezeichnung "Majestät". Sie ver-
sahen sich mit einer Art Phantasieuniform, die der eines Generals
ähnelte, schmückten ihre Brust mit Abzeichen, die Alte und die
Neue Welt darstellend, und genehmigten sich ein Jahresgehalt von
120000 Realen. Es entsprach ganz den Ideen der alten spanischen
Schule, daß sich die Führer des aufständischen Spaniens erst in
theatralische Kostüme stecken müßten, damit sich ihr Einzug auf
die historische Bühne Europas großartig und würdevoll gestalte.
Wir würden den Rahmen dieser Skizzen überschreiten, wollten wir
auf die innere Geschichte der Junta und die Einzelheiten ihrer
Verwaltung eingehen. Für unsere Zwecke genügt es, zwei Fragen zu
beantworten. Welchen Einfluß hatte sie auf die Entwicklung der
spanischen revolutionären Bewegung und auf die Verteidigung des
Vaterlands? Sind diese beiden Fragen beantwortet, so wird vieles,
was bis jetzt an den spanischen Revolutionen des neunzehnten
Jahrhunderts geheimnisvoll und unerklärlich erschien, seine Auf-
klärung gefunden haben.
Ihre Hauptpflicht sah die Mehrheit der Zentraljunta gleich zu Be-
ginn ihrer Tätigkeit in der Unterdrückung des ersten revolutio-
nären Überschwangs. Sie knebelte daher die Presse aufs neue und
ernannte einen neuen Großinquisitor, der glücklicherweise durch
die Franzosen verhindert wurde, seine
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1*) als Körperschaft
#453# Das revolutionäre Spanien - IV
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Funktionen wieder aufzunehmen. Obzwar der größte Teil des spani-
schen Grundbesitzes in der toten Hand festgelegt war - teils in
adligen Fidelkommissen, teils in unveräußerlichen Kirchengütern -
, befahl die Junta, den bereits begonnenen Verkauf der Güter der
toten Hand einzustellen, sie drohte sogar, die Privatverträge ab-
zuändern, die sich auf die bereits verkauften Kirchengüter bezo-
gen. Sie erkannte die Staatsschuld an, traf aber keinerlei finan-
zielle Maßnahmen, weder um das Budget von dem Berg von Lasten zu
befreien, den eine jahrhundertelange Aufeinanderfolge von korrup-
ten Regierungen aufgehäuft hatte, noch um das sprichwörtlich ge-
wordene ungerechte, sinnlose und drückende Steuersystem zu refor-
mieren, noch um der Nation neue Produktionsmöglichkeiten zu er-
öffnen, indem sie die Fesseln des Feudalismus sprengte.
IV
["New-York Daily Tribune" Nr. 4220 vom 27. Oktober 1854]
Bereits zur Zeit Philipps V. hatte Francisco Benito de la Soledad
gesagt: "Alles Übel in Spanien kommt von den Togados (Juristen)."
An der Spitze der verderblichen obrigkeitlichen Hierarchie Spani-
ens stand der Consejo Real 1*) von Kastilien. Entstanden in den
bewegten Zeiten der Don Juans und Enriques, verstärkt durch
Philipp II., der in ihm eine würdige Ergänzung des Santo officio
2*) sah, hatte er die Not der Zeit und die Schwäche der Könige
auszunutzen verstanden, sich die verschiedenartigsten Vollmachten
angeeignet und seiner früheren Funktion als Oberstes Gericht noch
die des Gesetzgebers und einer obersten Verwaltungsbehörde für
sämtliche Königreiche Spaniens hinzugefügt. So übertraf er an
Macht sogar das französische Parlament, dem er in vielen Punkten
ähnelte, ausgenommen darin, daß er nie auf Seiten des Volkes zu
finden war. Als mächtigste Autorität des alten Spaniens war der
Consejo Real natürlich der geschworene Feind eines neuen Spaniens
und aller neu aufgetauchten volkstümlichen Autoritäten, die sei-
nen überragenden Einfluß zu lähmen drohten. Als höchste Spitze
des Juristenstandes und als lebendige Verkörperung aller seiner
Mißbräuche und Privilegien verfügte der Consejo selbstverständ-
lich über alle die zahlreichen und bedeutsamen Vorteile, die mit
der spanischen Rechtsprechung verknüpft waren. Er war daher eine
Macht, mit der kein Kompromiß möglich war - entweder die Revolu-
tion fegte sie hinweg, oder sie fegte ihrerseits die Revolution
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1*) Königliche Rat - 2*) Heiligen Amtes (der Heiligen Inquisi-
tion)
#454# Karl Marx
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über Bord. Wie wir in einem früheren Artikel gesehen, hatte sich
der Consejo vor Napoleon gedemütigt und durch diesen verräte-
rischen Akt alles Ansehen beim Volke verloren. Die Zentraljunta
beging jedoch am Tage ihres Zusammentritts die Torheit, dem Con-
sejo anzuzeigen, sie habe sich konstituiert und sie fordere nun
den Treueid von ihm; hätte er diesen abgelegt, erklärte sie, so
wolle sie dieselbe Eidesformel allen anderen Autoritäten im Kö-
nigreich vorlegen. Dieser unüberlegte Schritt, der von der ganzen
revolutionären Partei mit Nachdruck mißbilligt wurde, gab dem
Consejo die Überzeugung, die Zentraljunta bedürfe seiner Unter-
stützung. Er erholte sich daher rasch von seiner Verzagtheit und
bot nach mehrtägigem heuchlerischem Zögern der Junta eine übel-
wollende Unterwerfung an. Seinem Eid fügte er seine eigenen reak-
tionären Bedenken hinzu, die in der Empfehlung Ausdruck fanden,
die Junta möge auseinandergehen, ihre Stärke auf drei oder fünf
Mitglieder beschränken, gemäß Ley 3, Partida 2, Titulo 15 [228];
ferner solle sie die zwangsweise Auflösung der Provinzialjuntas
anordnen. Nachdem die Franzosen nach Madrid zurückgekehrt waren
und den Consejo Real auseinandergejagt hatten, war die Zentral-
junta, nicht zufrieden mit ihrer ersten Dummheit, so einfältig,
den Consejo wiederzuerwecken, indem sie den Consejo Reunido
schuf, eine Vereinigung des Consejo Real mit all den anderen
Überbleibseln der alten königlichen Räte. So schuf die Junta aus
eigener Initiative für die Konterrevolution eine Zentralgewalt,
die, eine nimmermüde Rivalin für sie selbst, keinen Augenblick
aufhörte, sie zu beunruhigen, ihr durch Intrigen und Verschwörun-
gen entgegenzuarbeiten, sie zu den unpopulärsten Schritten zu
drängen, um sie dann mit der Miene tugendhafter Entrüstung der
leidenschaftlich erregten Verachtung des Volkes preiszugeben. Es
versteht sich von selbst, daß die Zentraljunta, als sie den Con-
sejo Real erst wieder anerkannt und dann wiederhergestellt hatte,
nicht imstande war, irgendeine Reform durchzuführen, sei es an
der Organisation der spanischen Gerichtshöfe, sei es an der ganz
und gar untauglichen Zivil- und Strafgesetzgebung Spaniens.
Waren in der spanischen Erhebung auch die nationalen und religiö-
sen Elemente vorherrschend, so existierte doch in den ersten zwei
Jahren eine sehr entschiedene Tendenz zu sozialen und politischen
Reformen; das beweisen sämtliche Manifestationen der Provinzial-
juntas aus der damaligen Zeit, die, wenn sie auch meist von Mit-
gliedern der privilegierten Klassen verfaßt waren, dennoch nie
versäumten, das alte Regime zu verdammen und radikale Reformen zu
versprechen. Diese Tatsache ist ferner durch die Manifeste der
Zentraljunta bewiesen. In dem ersten Aufruf an die Nation vom
10.November 1808 heißt es:
#455# Das revolutionäre Spanien - IV
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"Eine zwanzigjährige Tyrannei, ausgeübt von den unfähigsten Köp-
fen, hat uns hart an den Rand des Abgrundes gebracht. Die Nation
ist ihrer Regierung durch Haß und Verachtung entfremdet. Unter-
drückt und entwürdigt, ihre eigene Kraft nicht kennend und verge-
bens Hilfe suchend gegen die eigene Regierung in den Einrichtun-
gen und Gesetzen, hat sie vor kurzem sogar noch die Herrschaft
von Fremden als weniger verhaßt empfunden als die verderbliche
Tyrannei, die ihr Mark verzehrt. Die Herrschaft des Willens eines
einzelnen, der immer launenhaft und meistens ungerecht war, hat
schon zu lange gedauert; zu lange hat man ihre Geduld, ihre Ge-
setzestreue, ihre großmütige Loyalität mißbraucht; es war Zeit,
daß gemeinnützige Gesetze in Kraft treten. Reformen auf allen Ge-
bieten waren daher notwendig. Die Junta werde verschiedene Kom-
missionen ins Leben rufen, von denen jede mit einem bestimmten
Gebiet betraut würde und an die dann alle Zuschriften in Regie-
rungs- und Verwaltungsangelegenheiten gerichtet werden könnten."
In ihrem Aufruf, datiert Sevilla, 28.0ktober 1809, heißt es:
"Ein geistesschwacher, abgelebter Despotismus hat der französi-
schen Tyrannei die Wege geebnet. Den Staat in den alten Mißbräu-
chen verkommen zu lassen, wäre ein ebenso ungeheuerliches Verbre-
chen, wie wenn wir uns in die Hände Bonapartes auslieferten."
In der Zentraljunta scheint eine originelle Arbeitsteilung ge-
herrscht zu haben - die Partei Jovellanos' durfte die revolutio-
nären Bestrebungen der Nation proklamieren und protokollieren,
und die Partei Floridablancas behielt sich das Vergnügen vor, sie
direkt Lügen zu strafen und der revolutionären Dichtung konterre-
volutionäre Wahrheit entgegenzustellen. Uns aber gilt es hier als
besonders wichtig, gerade aus den Bekenntnissen der Provinzial-
juntas gegenüber der Zentrale die oft geleugnete Tatsache zu be-
weisen, daß zur Zeit der ersten spanischen Erhebung revolutionäre
Bestrebungen wirklich existierten.
Die Art und Weise, in der die Zentraljunta die Gelegenheiten zu
Reformen ausnützte, die ihr der Wille der Nation, die Macht der
Ereignisse und die unmittelbar drohende Gefahr darboten, kann man
nach dem Einfluß beurteilen, den ihre Kommissare in den verschie-
denen Provinzen ausübten, in die sie gesandt wurden. Ein spani-
scher Schriftsteller 1*)gesteht ganz offen, daß die Zentraljunta,
die nicht gerade Überfluß an fähigen Köpfen hatte, wohl darauf
bedacht war, ihre hervorragenden Mitglieder im Zentrum zu-
rückzubehalten und nur die Untauglichen nach draußen zu schicken.
Diese Kommissare waren ermächtigt, den Provinzialjuntas zu präsi-
dieren und die Zentrale in ihrer ganzen Herrlichkeit zu vertre-
ten. Wir wollen nur einige
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1*) Toreno
#456# Karl Marx
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Beispiele ihres Wirkens verzeichnen: General Romana, den die spa-
nischen Soldaten den Marquis de las Romerias 1*) zu nennen pfleg-
ten, weil er stets Märsche und Gegenmärsche unternahm und Ge-
fechte nur dann stattfanden, wenn er nicht dabei war, dieser Ro-
mana also kam als Kommissar der Zentrale nach Asturien, nachdem
er von Soult aus Galicien herausgetrieben worden war. Seine erste
Beschäftigung bestand darin, einen Streit mit der Provinzialjunta
von Oviedo vom Zaune zu brechen, die sich durch ihre energischen
und revolutionären Maßnahmen den Haß der privilegierten Klassen
zugezogen hatte. Er ging daran, sie aufzulösen und ihre Mitglie-
der durch seine eigenen Kreaturen zu ersetzen. Als General Ney
Kunde davon erhielt, daß solche Uneinigkeiten in einer Provinz
herrschten, in der der Widerstand gegen die Franzosen so allge-
mein und einmütig gewesen, rückte er sofort mit seinem Heere in
Asturien ein, vertrieb den Marquis de las Romerias, besetzte
Oviedo und plünderte es drei Tage lang. Als die Franzosen Ende
1809 Galicien geräumt hatten, zog unser Marquis und Kommissar der
Zentraljunta in La Coruña ein, vereinigte in seiner Person die
ganze öffentliche Autorität, unterdrückte die Distriktjuntas, die
sich während des Aufstandes vermehrt hatten, und ersetzte sie
durch Militärgouverneure, er bedrohte die Mitglieder dieser Jun-
tas mit Verfolgung und verfolgte auch tatsächlich die Patrioten,
behandelte dafür aber alle diejenigen, die die Sache des Ein-
dringlings verfochten hatten, mit größtem Wohlwollen und erwies
sich überhaupt in jeder Hinsicht als ein boshafter, unfähiger und
launenhafter Dummkopf. Und was hatten die Distrikt- und Provinzi-
aljuntas von Galicien sich zuschulden kommen lassen? Sie hatten
eine allgemeine Rekrutierung ohne Unterschied der Klassen und
Personen angeordnet; sie hatten den Kapitalisten und Grund-
besitzern Steuern auferlegt; sie hatten die Gehälter der Staats-
beamten herabgesetzt; sie hatten von den kirchlichen Körperschaf-
ten verlangt, sie sollten ihnen die Einkünfte, die sie in ihren
Truhen verschlossen hielten, zur Verfügung stellen. Sie hatten,
mit einem Wort, revolutionäre Maßnahmen getroffen. Von der Zeit
des glorreichen Marquis de las Romerias an enthielten sich die
Provinzen Asturien und Galicien, die sich bis dahin durch ihren
allgemeinen Widerstand gegen die Franzosen besonders ausgezeich-
net hatten, jeder Teilnahme an dem Unabhängigkeitskriege, wenn
ihnen nicht unmittelbar die Gefahr einer Invasion drohte.
Auch in Valencia, wo sich neue Aussichten zu eröffnen schienen,
solange das Volk sich selbst überlassen war und seine eigenen
Führer wählte, wurde der revolutionäre Geist durch den Einfluß
der Zentralregierung unterdrückt.
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1*) der Wallfahrten
#457# Das revolutionäre Spanien -·IV
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Nicht zufrieden damit, daß die Provinz dem Befehl eines Don José
Caro unterstellt wurde, entsandte die Zentraljunta auch noch als
"ihren eigenen" Kommissar den Baron Labazora. Dieser Baron ver-
übelte es der Provinzialjunta, daß sie manche Befehle von oben
nicht befolgt hatte, und kassierte ihre Verfügung, die kluger-
weise die Besetzung vakanter Stellen an Domkapiteln, geistlichen
Pfründen und Komtureien eingestellt und deren Einkünfte zum Be-
sten von Militärspitälern bestimmt hatte. Daher erbitterte Feind-
schaft zwischen der Zentraljunta und der von Valencia, daher die
spätere Lethargie Valencias unter der liberalen Verwaltung des
Marschalls Suchet, daher seine Bereitwilligkeit, Ferdinand VII.
bei seiner Rückkehr gegen die damalige revolutionäre Regierung
zum König zu proklamieren.
In Cadiz, dem revolutionärsten Orte des damaligen Spaniens, ver-
ursachte am 22. und 23. Februar 1809 die Anwesenheit eines Kom-
missars der Zentraljunta, des dummen und eingebildeten Marquis de
Villel, den Ausbruch einer Empörung, die die verhängnisvollsten
Folgen hätte haben können, wenn sie nicht rechtzeitig in das
Fahrwasser des Unabhängigkeitskrieges geleitet worden wäre.
Es gibt kein besseres Beispiel für die Umsicht, die die Zentral-
junta bei der Ernennung ihrer Kommissare walten ließ, als die De-
legation des Señor Lozano de Torres zum Herzog von Wellington.
Während er in serviler Schmeichelei vor dem englischen General
katzbuckelte, berichtete er heimlich an die Junta, die Beschwer-
den des Generals über mangelhafte Versorgung seien völlig unbe-
gründet. Wellington kam dieser Doppelzüngigkeit des Schurken auf
die Spur und jagte ihn mit Schimpf und Schande aus seinem Lager.
Die Zentraljunta wäre in der günstigsten Lage gewesen, das
durchzuführen, was sie in einer ihrer Proklamationen an das spa-
nische Volk verheißen hatte:
"Es hat der Vorsehung gefallen, daß ihr in dieser schrecklichen
Krise keinen Schritt vorwärts und der Unabhängigkeit entgegen tun
könnt, der euch nicht gleichzeitig auch einen Schritt näher der
Freiheit bringt."
Als die Junta ihre Tätigkeit begann, hatten die Franzosen noch
nicht einmal ein Drittel von Spanien in Besitz genommen. Von den
bisherigen Autoritäten fand sie entweder überhaupt nichts mehr
vor, oder was von ihnen noch vorhanden, war durch ihr Einver-
ständnis mit dem Eindringling ihm entweder völlig unterworfen
oder auf sein Geheiß zerstreut. Die Junta hätte die Macht gehabt,
jede sozialreformerische Maßnahme, die die Güter und den Einfluß
von der Kirche und der Aristokratie auf die Bourgeoisie und die
#458# Karl Marx
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Bauern übertrug, im Namen der guten Sache der Vaterlandsverteidi-
gung ohne weiteres durchzusetzen. Sie stand unter demselben
Glücksstern wie das französische Comité du salut public [229] -
die innere Umwälzung wurde gefördert durch die Notwendigkeit, äu-
ßere Angriffe abzuwehren; überdies hatten sie das Beispiel einer
kühnen Initiative vor sich, wozu bereits einige Provinzen unter
dem Druck der Verhältnisse gezwungen worden waren. Aber nicht ge-
nug damit, daß sie der spanischen Revolution als Bleigewicht an-
hing, wirkte sie im Sinne der Konterrevolution, indem sie die al-
ten Autoritäten wiederherstellte, die schon zerbrochenen Ketten
neu schmiedete, das revolutionäre Feuer erstickte, wo immer es
aufloderte, indem sie selbst nichts tat und andere hinderte, et-
was zu tun. Am 20. Juli 1809, als sie in Sevilla tagte, hielt so-
gar die englische Tory-Regierung es für notwendig, eine scharfe
Protestnote wegen ihres konterrevolutionären Vorgehens an sie zu
richten "aus Besorgnis, die allgemeine Begeisterung würde durch
sie unterdrückt werden". Es ist einmal irgendwo die Bemerkung ge-
macht worden, Spanien hätte alle Übel der Revolution erdulden
müssen, ohne dadurch an revolutionärer Kaft zu gewinnen. Wenn
daran etwas Wahres ist, so bedeutet es nichts anderes als eine
vollständige Verurteilung der Zentraljunta.
Wir hielten es für um so notwendiger, bei diesem Punkt zu verwei-
len, weil kein europäischer Historiker bis jetzt seine entschei-
dende Bedeutung erfaßt hat. Nur unter dem Regime der Zentraljunta
war es möglich, die Forderungen und Bedürfnisse der nationalen
Verteidigung mit der Umwandlung der spanischen Gesellschaft und
der Emanzipation des nationalen Geistes zu vereinigen, ohne die
jede politische Verfassung zerstieben muß wie ein Phantom bei dem
geringsten Zusammenstoß mit dem wirklichen Leben. Die Cortes be-
fanden sich in ganz anderen Verhältnissen - zurückgedrängt auf
einen abgelegenen Punkt der Pyrenäischen Halbinsel, zwei Jahre
lang durch eine belagernde französische Armee von dem Hauptteil
der Monarchie abgeschnitten, repräsentierten sie ein ideelles
Spanien, während das wirkliche Spanien erobert war oder kämpfte.
Zur Zeit der Cortes war Spanien in zwei Teile geteilt. Auf der
Isla de Leon - Ideen ohne Taten, im übrigen Spanien - Taten ohne
Ideen. Im Gegensatz dazu mußte zur Zeit der Zentraljunta die
oberste Regierung ein besonders großes Maß von Schwäche, Unfähig-
keit und Unwilligkeit entfalten, um einen Unterschied zwischen
spanischem Krieg und spanischer Revolution zu schaffen. Die Cor-
tes scheiterten daher nicht, wie französische und englische
Schriftsteller behaupten, weil sie revolutionär waren, sondern
weil ihre Führer reaktionär waren und den richtigen Zeitpunkt zur
revolutionären Aktion versäumten. Moderne spanische Schrift-
steller, die sich durch die englisch-französischen Kritiker ver-
letzt fühlten,
#459# Das revolutionäre Spanien - V
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waren dennoch nicht imstande, sie zu widerlegen, und heute noch
empfinden sie schmerzhaft das Bonmot des Abbé de Pradt: "Das spa-
nische Volk gleicht dem Weibe Sganarells, das geprügelt sein
wollte."
V
["New-York Daily Tribune" Nr. 4222 vom 30. Oktober 1854]
Die Zentraljunta versagte in der Verteidigung ihres Vaterlands,
weil sie in ihrer revolutionären Mission versagt hatte. Im Be-
wußtsein der eigenen Schwäche, der unsicheren Grundlage ihrer
Macht und ihrer außerordentlichen Unpopularität, wie konnte sie
da wagen, den allen revolutionären Epochen eigentümlichen Rivali-
täten, Eifersüchteleien und anmaßenden Prätensionen ihrer Gene-
rale anders entgegenzutreten als durch unwürdige Tricks und
kleinliche Intrigen? Da sie ständig in Furcht und Argwohn gegen
ihre eigenen militärischen Befehlshaber lebte, so dürfen wir Wel-
lington vollen Glauben schenken, wenn er seinem Bruder, dem Mar-
quis von Wellesley, am 1. September 1809 schreibt:
"Ich fürchte sehr, daß, soweit ich das Vorgehen der Zentraljunta
beobachten konnte, sie viel weniger ihr Augenmerk auf militäri-
sche Verteidigung und militärische Operationen richtet als auf
politische Intrigen und auf Erreichung kleinlicher politischer
Ziele."
In revolutionären Zeiten, wo alle Bande der Subordination geloc-
kert sind, kann die militärische Disziplin nur aufrechterhalten
werden, wenn die Generale unter strengster bürgerlicher Disziplin
gehalten werden. Weil die Zentraljunta infolge ihrer disharmoni-
schen Zusammensetzung es niemals fertig brachte, ihre Generale im
Zaum zu halten, so vermochten die Generale auch wieder nicht,
ihre Soldaten zu bändigen, und bis zum Schluß des Kriegs er-
reichte die spanische Armee niemals ein Durchschnittsmaß an Dis-
ziplin und Subordination. Diese Insubordination wurde noch ver-
stärkt durch den Mangel an Nahrung, Kleidung und allen anderen
materiellen Bedürfnissen einer Armee - denn die moralische Ver-
fassung einer Armee hängt, wie Napoleon sich ausdrückte, ganz von
ihrer materiellen Verfassung ab. Die Zentraljunta war nicht im-
stande, die Armee regelmäßig zu versorgen; dazu reichten die Ma-
nifeste des armen Poeten Quintana nicht aus, und um ihren Dekre-
ten den nötigen Nachdruck zu verleihen, hätte sie zu denselben
revolutionären Maßnahmen greifen müssen, die sie in den Provinzen
verurteilt hatte. Sogar
#460# Karl Marx
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die allgemeine Wehrpflicht ohne Ausnahmen und ohne Rücksicht auf
Privilegien und die jedem geborenen Spanier garantierte Möglich-
keit, in der Armee jede Rangstufe erklimmen zu können, waren das
Werk der Provinzialjuntas und nicht der Zentraljunta. Waren also
einerseits die Niederlagen der spanischen Armee hervorgerufen
durch die konterrevolutionäre Unfähigkeit der Zentraljunta, so
drückten diese Mißgeschicke andrerseits wieder diese Regierung
noch mehr herab, und in dem Maße, als sie zum Gegenstand der öf-
fentlichen Mißachtung und des öffentlichen Mißtrauens wurde,
wuchs ihre Abhängigkeit von unfähigen, aber anmaßenden militäri-
schen Befehlshabern.
Obzwar überall geschlagen, tauchte die spanische stehende Armee
dennoch immer wieder überall auf. Mehr als zwanzigmal zerstreut,
war sie stets wieder bereit, dem Feind entgegenzutreten, und er-
schien oft nach einer Niederlage wieder in erneuter Stärke. Es
hatte keinen Zweck, sie zu schlagen, denn bei ihrer raschen
Flucht war ihr Verlust an Menschen meistens gering, und aus dem
Verlust an Gebiet machte sie sich nichts. Nachdem sie sich hastig
auf die Sierras zurückgezogen, konnte man sicher sein, daß sie
sich wieder sammeln und, verstärkt durch neuen Zuzug, wieder auf-
tauchen würde, wenn man sie am wenigsten erwartete, und war sie
auch nicht fähig, den Franzosen Widerstand zu leisten, so war sie
doch imstande, sie in steter Bewegung zu halten und zu zwingen,
ihre Kräfte zu zersplittern. Glücklicher als die Russen, hatten
sie es nicht einmal nötig, erst zu sterben, um von den Toten auf-
erstehen zu können.
Die verhängnisvolle Schlacht von Ocaña am 19. November 1809 war
die letzte große reguläre Schlacht, die die Spanier ausfochten;
von dieser Zeit an beschränkten sie sich auf den Guerillakrieg.
Schon die Tatsache, daß sie die regelrechte Kriegführung aufga-
ben, beweist die Verdrängung der nationalen durch lokale Regie-
rungszentren. Als die Mißerfolge der stehenden Armee sich regel-
mäßig wiederholten, wurde die Erhebung der Guerillas allgemein,
und die Masse des Volkes dachte kaum mehr an die nationalen Nie-
derlagen, sondern berauschte sich an den lokalen Erfolgen seiner
Helden. In diesem einen Punkt wenigstens teilte die Zentraljunta
die allgemeinen Illusionen. "Von einer Guerillaaffäre wurden in
der 'Gaceta' genauere Berichte gebracht als von der Schlacht von
Ocaña."
So wie Don Quixote mit seiner Lanze gegen das Schießpulver prote-
stiert hatte, so protestierten die Guerillas gegen Napoleon, nur
war der Erfolg ein anderer.
"Diese Guerillas", sagt die "Oestreichische militärische Zeit-
schrift", (Band I, 1821) "trugen sozusagen ihre Basis in sich
selbst, und jede Unternehmung gegen sie endete mit einem ver-
schwundenen Objekte."
#461# Das revolutionäre Spanien - V
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Man muß in der Geschichte des Guerillakrieges drei Perioden
unterscheiden. In der ersten griff die Bevölkerung ganzer Provin-
zen zu den Waffen und führte einen Freischärlerkrieg, wie in Ga-
licien und Asturien. In der zweiten betrieben Guerillabanden, die
sich aus den Resten der spanischen Armeen, aus spanischen Deser-
teuren der französischen Armeen, aus Schmugglern etc. gebildet
hatten, den Krieg als ihre eigene Sache, unabhängig von jedem
fremden Einfluß und nur, soweit er ihren unmittelbaren Interessen
diente. Durch glückliche Zufälle und Umstände machten sie sich
häufig zu Herren ganzer Bezirke. Solange die Guerillas sich in
dieser Weise zusammenfanden, flößten sie als Ganzes wohl keinen
Schrecken ein, waren aber nichtsdestoweniger den Franzosen äu-
ßerst gefährlich. Sie bildeten die Grundlage einer tatsächlichen
Volksbewaffnung. Bot sich die Gelegenheit zu einem Beutezug, oder
plante man ein gemeinsames Unternehmen, so fanden sich die rüh-
rigsten und verwegensten Elemente der Bevölkerung ein, und diese
vereinigten sich dann mit den Guerillas. Mit äußerster Schnellig-
keit stürzten sie sich auf ihre Beute oder stellten sich in
Schlachtordnung auf, je nachdem es das Unternehmen erheischte.
Häufig kam es vor, daß sie einen ganzen Tag einem wachsamen Feind
gegenüberstanden, nur um einen Kurier abzufangen oder Vorräte zu
ergattern. Auf diese Art hatte der jüngere Mina den Vizekönig von
Navarra abgefangen, der von Joseph Bonaparte eingesetzt war, und
ebenso hatte Julian den Kommandanten von Ciudad Rodrigo zum Ge-
fangenen gemacht. War ihr Vorhaben ausgeführt, so ging jeder ein-
zelne wieder seines Weges, und man konnte bewaffnete Männer sich
nach allen Richtungen zerstreuen sehen; die Bauern aber, die sich
angeschlossen hatten, kehrten ruhig wieder zu ihrer gewohnten Be-
schäftigung zurück, "ohne daß ihre Abwesenheit auch nur bemerkt
worden wäre". Dadurch war der Verkehr auf allen Wegen unterbun-
den. Tausende von Feinden waren zur Stelle, und dabei wurde kein
einziger sichtbar. Kein Kurier konnte abgesandt, ohne abgefaßt,
kein Proviant verschickt, ohne abgefangen, kurz, keine Bewegung
unternommen, ohne von Hunderten von Augen beobachtet zu werden.
Dabei aber gab es keine Mittel, eine derartige Verbindung an der
Wurzel zu fassen. Die Franzosen mußten unaufhörlich gerüstet sein
gegen einen Feind, der, obwohl unausgesetzt auf der Flucht, doch
immer wieder auftauchte, der überall war, ohne daß man ihn je zu
Gesicht bekam, da ihm die Berge als Schlupfwinkel dienten. Abbé
de Pradt sagt:
"Es waren weder Schlachten noch Zusammenstöße, die die Franzosen
erschöpften, sondern die unaufhörlichen Quälereien eines unsicht-
baren Feindes, der sich im Volk verlor, wenn man ihn verfolgte,
um aus demselben alsbald wieder mit erneuter Kraft
#462# Karl Marx
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emporzutauchen. Der Löwe in der Fabel, den die Mücke zu Tode pei-
nigt, gibt ein getreues Bild der französischen Armee."
In ihrer dritten Periode äfften die Guerillas ein regelrechtes
stehendes Heer nach, verstärkten ihre Korps auf 3000 bis 6000
Mann, hörten auf, die Sache ganzer Bezirke zu sein, und gerieten
in die Hände einiger weniger Führer, die sie für ihre eigenen
Zwecke mißbrauchten. Diese Änderung des Systems verschaffte den
Franzosen bei ihren Kämpfen mit den Guerillas beträchtliche Vor-
teile. Durch ihre große Zahl wurde es den Guerillas unmöglich,
sich wie bisher zu verstecken und plötzlich zu verschwinden, ohne
sich zum Kampf stellen zu müssen; sie wurden jetzt häufig einge-
holt, geschlagen, zerstreut und für einige Zeit außerstande ge-
setzt, weitere Beunruhigung zu verursachen.
Vergleicht man die drei Perioden des Guerillakrieges mit der po-
litischen Geschichte Spaniens, so findet man, daß sie die ent-
sprechenden Grade darstellen, bis zu denen der konterrevolutio-
näre Geist der Regierung die Begeisterung des Volkes nach und
nach abgekühlt hatte. Im Anfang hatte sich die ganze Bevölkerung
erhoben, dann wurde von Guerillabanden der Freischärlerkrieg ge-
führt, dessen Reserven ganze Bezirke bildeten, und schließlich
endeten sie in losen Korps, die stets auf dem Punkt standen, zu
Banditen zu werden oder auf das Niveau stehender Regimenter her-
abzusinken.
Entfremdung von der obersten Regierung, gelockerte Disziplin,
unaufhörliches Mißgeschick, beständige Formierung, Auflösung und
Wiederformierung - und das sechs Jahre lang in allen Kadern -
mußten der Gesamtheit der spanischen Armee das Gepräge des Präto-
rianertums geben und sie gleichermaßen zum Werkzeug oder zur
Peitsche ihrer Führer werden lassen. Die Generale selbst hatten
nowendigerweise entweder an der Zentralregierung teilgenommen,
oder sie hatten sich mit ihr gestritten oder gegen sie konspi-
riert; stets aber hatten sie das Gewicht ihres Schwerts in die
politische Waagschale geworfen. So hatte Cuesta, der später das
Vertrauen der Zentraljunta in dem selben Maße zu gewinnen schien,
wie er ihre Schlachten verlor, mit dem Consejo Real zu konspirie-
ren begonnen und die Abgeordneten der Zentraljunta für Leon ge-
fangengesetzt. General Moria, selbst Mitglied der Zentraljunta,
ging in das bonapartistische Lager über, nachdem er Madrid den
Franzosen ausgeliefert hatte. Der geckenhafte Marquis de las Ro-
merias, ebenfalls ein Mitglied der Junta, konspirierte gegen sie
mit dem aufgeblasenen Francisco Palafox, mit dem nichtswürdigen
Montijo und mit der aufrührerischen Junta von Sevilla. Die Gene-
rale Castaños, Blake, La Bisbai (ein O'Donnell) figurierten nach-
einander als Regenten zur Zeit der Cortes und intrigierten unun-
terbrochen. Der Generalkapitän von Valencia, Don Xavier
#463# Das revolutionäre Spanien - VI
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Elio, lieferte Spanien schließlich auf Gnade und Ungnade an Fer-
dinand VII. aus. Das prätorianische Element war sicher unter den
Generalen stärker vertreten als unter ihren Truppen.
Auf der anderen Seite bildeten die Armee und die Guerilleros -
die während des Kriegs einen Teil ihrer Führer, wie Porlier,
Lacy, Eroles und Villacampa, aus den Reihen der hervorragendsten
Linienoffiziere genommen hatten, während die Linie wiederum
später Guerillaführer, wie Mina, Empecinado und andere, aufnahm -
den revolutionärsten Teil der spanischen Gesellschaft; sie
rekrutierten sich aus allen Kreisen, eingeschlossen die ganze
feurige, strebsame und patriotische Jugend, alle, die dem
einschläfernden Einfluß der Zentralregierung nicht zugänglich
waren und sich von den Fesseln des ancien régime befreit hatten;
ein Teil von ihnen, darunter Riego, kehrte nach mehrjähriger
Gefangenschaft aus Frankreich zurück. Wir brauchen daher durchaus
nicht überrascht zu sein über den Einfluß, den die spanische
Armee in späteren Bewegungen ausübte; weder wenn sie die revo-
lutionäre Initiative ergriff, noch wenn sie durch ihr Prätoria-
nertum die Revolution schädigte.
Die Guerillas selbst mußten, das ist klar, nachdem sie so viele
Jahre auf dem Schauplatz blutiger Kämpfe agiert, die Gewohnheiten
von Landstreichern angenommen und allen ihren Leidenschaften des
Hasses, der Rache und der Plünderungswut freien Lauf gelassen
hatten, in Friedenszeiten einen höchst gefährlichen Mob bilden,
der stets auf jeden Wink bereit war, im Namen irgendeiner Partei
oder irgendeines Prinzips für denjenigen aufzutreten, der gut be-
zahlte oder den willkommenen Vorwand zu einem Plün-
derungsstreifzug bot.
VI
["New-York Daily Tribune" Nr. 4244 vom 24. November 1854]
Am 24. September 1810 versammelten sich die außerordentlichen
Cortes auf der Isla de Leon; am 20. Februar 1811 verlegten sie
ihre Sitzungen von da nach Cadiz; am 19. März 1812 verkündeten
sie die neue Konstitution, und am 20. September 1813 schlossen
sie ihre Sitzungen, drei Jahre nach deren Eröffnung.
Die Umstände, unter denen dieser Kongreß zusammentrat, sind ohne-
gleichen in der Geschichte. Kein gesetzgebender Körper hat je zu-
vor seine Mitglieder aus so verschiedenen Teilen der Weltkugel
zusammenberufen, keiner hatte je zuvor über so gewaltige Gebiete
in Europa, Amerika und Asien, über so verschiedene Rassen und so
verwickelte Interessen zu bestimmen
#464# Karl Marx
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gehabt wie dieser; und das zu einer Zeit, wo fast ganz Spanien
von den Franzosen okkupiert war und der Kongreß selbst, von Spa-
nien buchstäblich durch feindliche Armeen abgeschnitten und auf
einen schmalen Landstreifen verbannt, angesichts einer ihn umge-
benden und belagernden Armee seine Gesetze erlassen mußte. Von
dem entfernten Winkel der Isla Caditana aus wollten diese Männer
die Grundlage zu einem neuen Spanien legen, wie ihre Vorväter
dies von den Bergen von Cavadonga und Sobrarbe [230] aus getan
hatten. Wie sollen wir das merkwürdige Phänomen dieser Konstitu-
tion von 1812 erklären, die später die gekrönten Häupter Europas
in ihrer Versammlung zu Verona als die aufwieglerischste Ausge-
burt des Jakobinismus brandmarkten, wie erklären, weshalb diese
Konstitution dem Kopfe des alten mönchischen und absolutistischen
Spaniens gerade zu einer Zeit entsprang, wo es ganz in einem hei-
ligen Krieg gegen die Revolution aufzugehen schien? Wie sollen
wir es andrerseits erklären, daß diese selbe Konstitution plötz-
lich einem Schatten gleich verschwand - gleich dem "sueño de som-
bra", sagen die spanischen Historiker -, als sie mit einem leben-
den Bourbonen in Berührung kam? Wenn schon die Entstehung dieser
Konstitution ein Rätsel ist, so ist es ihr Verschwinden nicht
minder. Um das Rätsel zu lösen, wollen wir mit einem kurzen Kom-
mentar eben dieser Konstitution von 1812 beginnen, die die Spa-
nier später noch zweimal verwirklichen wollten - zuerst in dem
Zeitraum von 1820 bis 1823 und dann im Jahre 1836.
Die Konstitution von 1812 besteht aus 384 Artikeln und umfaßt
folgende zehn Abschnitte: 1. Die spanische Nation und die Spa-
nier; 2. das Territorium Spaniens, seine Religion und Regierung
und die spanischen Bürger; 3. die Cortes; 4. der König; 5. die
Gerichtshöfe und die Verwaltung der Zivil- und Kriminaljustiz; 6.
die innere Regierung der Provinzen und Städte; 7. die Steuern; 8.
die Nationalkriegsmacht; 9. der öffentliche Unterricht; 10. die
Beobachtung der Konstitution und die Art, wie man verfährt, um
Veränderungen darin vorzunehmen.
Ausgehend von dem Grundsatz, daß
"die Souveränität ihrem Wesen nach im Volke wohnt, dem deshalb
ausschließlich das Recht zusteht, seine Grundgesetze aufzustel-
len",
proklamiert die Konstitution nichtsdestoweniger eine Teilung der
Gewalten; hiernach
"wird die gesetzgebende Gewalt in die Cortes in Gemeinschaft mit
dem König verlegt", "ist die Ausführung der Gesetze dem König an-
vertraut"; "kommt die Gewalt, die Gesetze in Zivil- und Kriminal-
sachen in Anwendung zu bringen, ausschließlich den Gerichtshöfen
zu. Weder die Cortes noch der König können in irgendeinem Falle
#465# Das revolutionäre Spanien - VI
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richterliche Funktionen ausüben, die schon anhängigen Prozesse
zurücknehmen oder schon entschiedene noch einmal vornehmen las-
sen."
Die Basis der Nationalrepräsentation ist allein die Bevölkerung;
auf je 70 000 Seelen kommt ein Deputierter. Die Cortes bestehen
aus einem Haus, dem der Gemeinen, und die Wahl der Deputierten
erfolgt in allgemeinen Wahlen. Das Wahlrecht genießen alle Spa-
nier mit Ausnahme von Hausgesinde, Bankrotteuren und Verbrechern.
Nach dem Jahre 1830 darf kein Bürger dieses Recht ausüben, der
nicht lesen und schreiben kann. Die Wahl erfolgt jedoch indirekt,
sie muß die drei Stufen der Kirchspiel-, Bezirks- und Provinzial-
wahlen passieren. Eine bestimmte Vermögensqualifikation gibt es
nicht für einen Deputierten. Wohl muß laut Artikel 92 "ein Depu-
tierter der Cortes, um erwählt werden zu können, ein verhältnis-
mäßiges jährliches Einkommen von eigentümlich einem zugehörenden
Gütern besitzen", aber Artikel 93 hebt den vorhergehenden für so
lange auf, bis die Cortes bei ihrem späteren Zusammentreten er-
klären werden, es sei die Zeit gekommen, wo er in Wirksamkeit
tritt. Der König hat weder das Recht, die Cortes aufzulösen noch
sie zu vertagen; sie versammeln sich alljährlich in der Haupt-
stadt am 1. März, ohne einberufen zu werden, und tagen mindestens
drei Monate hintereinander.
Alle zwei Jahre werden neue Cortes gewählt, und kein Deputierter
kann nacheinander in zwei Cortes sitzen, d.h., er kann erst nach
Ablauf der nächsten Cortes nach zwei Jahren wiedergewählt werden.
Kein Deputierter darf Belohnungen, Pensionen oder Würden vom Kö-
nig fordern oder annehmen. Minister, Staatsräte und diejenigen,
die beim königlichen Hofe ein Amt bekleiden, sind als Deputierte
für die Cortes nicht wählbar. Kein Regierungsbeamter darf als De-
putierter in die Cortes von der Provinz gewählt werden, in der er
sein Amt ausübt. Um die Deputierten für ihre Ausgaben zu ent-
schädigen, sollen die betreffenden Provinzen ein Tagegeld zahlen,
das die Cortes im zweiten Jahre jeder Generaldeputation für die
Deputation aussetzen werden, die ihnen folgen wird. Die Cortes
können nicht in Gegenwart des Königs beratschlagen. In den Fäl-
len, wo die Minister im Namen des Königs den Cortes einige Vor-
schläge machen, sollen sie auf so lange und in der Art, wie die
Cortes es bestimmen werden, den Diskussionen beiwohnen und spre-
chen, aber bei der Abstimmung nicht zugegen sein. Der König, der
Prinz von Asturien und die Regenten müssen vor den Cortes auf die
Konstitution schwören; diese entscheiden über jede faktische oder
rechtliche Frage, die sich anläßlich der Thronfolge ergeben mag,
und haben, wenn nötig, eine Regentschaft zu wählen. Die Cortes
müssen alle Verträge über Offensivbündnisse oder über Subsidien
und den Handel vor ihrer Ratifikation genehmigen, haben den Zu-
tritt fremder Truppen ins Königreich zu gestatten
#466# Karl Marx
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oder zu verhindern, verfügen die Errichtung oder Abschaffung von
Stellen bei den durch die Konstitution errichteten Tribunalen und
ebenso die Errichtung oder Abschaffung von Staatsämtern; ferner
haben sie alle Jahre auf Vorschlag des Königs die Stärke der
Land- und Seestreitkräfte in Friedens- und Kriegszeiten zu be-
stimmen; für die Armee, die Flotte und Nationalmiliz, wie alle
verschiedenen Zweige, woraus sie bestehen, Verordnungen zu erlas-
sen; die Ausgaben der Staatsverwaltung festzusetzen; jährlich die
Steuern zu bestimmen, im Fall es notwendig ist, auf den Kredit
der Nation Anleihen aufzunehmen; das Geldwesen sowie Gewichts-
und Maßsystem zu regeln; einen allgemeinen Plan für den öffentli-
chen Unterricht zu entwerfen, die politische Preßfreiheit zu
schützen, die Verantwortlichkeit der Minister wirklich und wirk-
sam herzustellen usw. Dem König steht bloß ein aufschiebendes
Veto zu, das er während zweier aufeinanderfolgender Sessionen
ausüben darf; wird aber derselbe Gesetzentwurf ein drittes Mal
vorgelegt und von den Cortes des nächsten Jahres angenommen, so
gilt die Zustimmung des Königs als gegeben, und er muß sie wirk-
lich erteilen. Bevor die Cortes eine Session schließen, setzen
sie einen aus sieben ihrer Mitglieder bestehenden permanenten
Ausschuß ein, der in der Hauptstadt bis zum nächsten Zusammen-
tritt der Cortes tagt und ermächtigt ist, die strikte Einhaltung
der Konstitution und die genaue Ausführung der Gesetze zu über-
wachen, den nächsten Cortes über jede Gesetzesverletzung zu be-
richten, die er wahrgenommen hat, und in kritischen Zeiten außer-
ordentliche Cortes zusammenzuberufen. Der König darf das Land
ohne Zustimmung der Cortes nicht verlassen. Zur Eingehung einer
Ehe braucht er die Einwilligung der Cortes. Die Cortes setzen für
den Hofhalt des Königs jährlich eine Summe aus.
Der einzige Geheime Rat des Königs ist der Staatsrat, dem kein
Minister angehören darf und der aus vierzig Personen besteht -
aus vier Geistlichen, vier Granden von Spanien sowie aus hervor-
ragenden Verwaltungsbeamten; sie alle werden vom König aus einer
von den Cortes aufgestellten Liste von hundertzwanzig Personen
ausgewählt; kein Deputierter kann Mitglied des Staatsrats werden,
und kein Ratsmitglied darf Amter, Würden oder Anstellungen vom
König annehmen. Die Staatsräte dürfen nicht entlassen werden ohne
ausreichende Gründe, die vor dem Obersten Gerichtshof zu erweisen
sind. Die Cortes bestimmen das Gehalt dieser Räte, die der König
in allen wichtigen Fragen hören muß und die die Kandidaten für
geistliche und gerichtliche Ämter ernennen. In den Paragraphen,
die sich mit der Gerichtsbarkeit befassen, werden alle alten Con-
sejos abgeschafft, eine neue Organisation der Gerichtshöfe wird
eingeführt, ein Oberster Gerichtshof errichtet,
#467# Das revolutionäre Spanien - VI
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der die Minister im Anklagefall zu verhören hat, sich mit allen
Fällen der Entlassung oder Amtssuspendierung von Staatsräten und
Gerichtsbeamten befassen muß usw. Kein Prozeß darf begonnen wer-
den, ohne daß ein Versöhnungsversuch nachgewiesen ist. Tortur,
Zwang und Vermögenskonfiskation werden abgeschafft. Auch alle
Ausnahmegerichte sind abgeschafft, bis auf die militärischen und
die geistlichen, gegen deren Entscheidungen jedoch an den Ober-
sten Gerichtshof appelliert werden kann.
Für die innere Verwaltung der Städte und Gemeinden (Gemeinden
sollen, wo sie noch nicht existieren, in allen Bezirken mit einer
Bevölkerung von tausend Seelen gebildet werden) sollen Ayunta-
mientos geschaffen werden aus einem oder mehreren Magistratsbeam-
ten, Ratsherren und öffentlichen Räten, über die der Polizeiprä-
sident (corregidor) den Vorsitz führt und die in allgemeinen Wah-
len gewählt werden. Kein im Amt befindlicher oder durch den König
angestellter öffentlicher Beamter ist als Magistratsperson, Rats-
herr oder öffentlicher Rat wählbar. Die städtische Tätigkeit soll
öffentliche Pflicht sein, von der niemand ohne zwingende rechtli-
che Ursache befreit sein soll. Die munizipalen Körperschaften
sollen alle ihre Pflichten unter der Aufsicht der Provinzialdepu-
tation ausüben.
Die politische Regierung der Provinzen soll dem Gouverneur (jefe
politico) anvertraut sein, den der König ernennt. Dieser Gouver-
neur ist verbunden mit einer Deputation, deren Vorsitzender er
ist und die von den Bezirken gewählt wird, sobald sie sich zu den
allgemeinen Wahlen der Mitglieder für die neuen Cortes versam-
meln. Diese Provinzialdeputationen bestehen aus sieben Mitglie-
dern, denen ein von den Cortes besoldeter Sekretär assistiert.
Die Sitzungen dieser Deputationen sollen höchstens neunzig Tage
im Jahre dauern. Gemäß den ihnen übertragenen Pflichten und Voll-
machten, können sie als ständige Kommissionen der Cortes betrach-
tet werden. Alle Mitglieder der Ayuntamientos und der Provinzial-
deputationen schwören beim Amtsantritt den Treueid auf die Kon-
stitution. Was die Steuern anbelangt, sind alle Spanier ohne Un-
terschied verpflichtet, im Verhältnis zu ihren Mitteln zu den
Staatsausgaben beizutragen. Sämtliche Zollämter sollen abge-
schafft werden, mit Ausnahme derjenigen in den Seehäfen oder an
der Grenze. Alle Spanier sind ausnahmslos militärpflichtig, und
neben der stehenden Armee sollen in allen Provinzen Korps der Na-
tionalmiliz errichtet werden, die aus den Einwohnern derselben,
nach Verhältnis ihrer Bevölkerung und ihres Zustandes, gebildet
werden. Endlich darf die Konstitution von 1812 auch nicht in ir-
gendwelchen Einzelheiten angetastet, verändert oder korrigiert
werden, ehe nicht acht Jahre seit ihrer Einführung verstrichen
sind.
#468# Karl Marx
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Als die Cortes dem spanischen Staate diese neue Grundlage geben
wollten, waren sie sich natürlich klar, daß eine solche moderne
politische Konstitution völlig unvereinbar mit dem alten sozialen
System sei, und sie verkündeten daher eine Anzahl von Dekreten,
die eine organische Veränderung der staatlichen Ordnung zum Ziele
hatten. So schafften sie die Inquisition ab. Sie beseitigten die
herrschaftliche Gerichtsbarkeit mit ihren exklusiven, ver-
bietenden und räuberischen feudalen Privilegien, z.B. Jagd-, Fi-
scherei-, Wald- und Mühlenrecht etc., wobei sie solche ausnahmen,
die gegen Entgelt erworben worden waren und die daher entschädigt
werden sollten. Sie schafften in der ganzen Monarchie den Zehnten
ab, stellten die Besetzung aller geistlichen Stellen ein, soweit
diese nicht zur Ausübung des Gottesdienstes notwendig waren, und
unternahmen Schritte zur Aufhebung der Klöster und zur Sequestra-
tion des klösterlichen Vermögens.
Sie beabsichtigten, die unermeßlichen unbebauten Ländereien, die
königlichen Domänen und die Gemeindegüter Spaniens in Privatei-
gentum umzuwandeln; eine Hälfte davon sollte zur Tilgung der
Staatsschuld verkauft werden, ein Teil als patriotische Entschä-
digung durch das Los an die demobilisierten Teilnehmer aus dem
Unabhängigkeitskrieg verteilt und ein dritter Teil, ebenfalls
gratis durch das Los, der armen Bauernschaft, die Grundbesitz ha-
ben wollte, aber nicht imstande war, ihn zu kaufen, zugewiesen
werden. Sie gestatteten die Umzäunung des Weidelands und anderen
Grundbesitzes, was vordem verboten war. Sie schafften die absur-
den Gesetze ab, die verhinderten, daß Weideland in Ackerland und
Ackerland in Weideland umgewandelt wird, und befreiten den Acker-
bau allgemein von den alten willkürlichen und lächerlichen Be-
stimmungen. Sie hoben alle feudalen Gesetze bezüglich der Pacht-
verträge auf; ebenso das Gesetz, das den Nachfolger auf einem
Erblehen von der Verpflichtung befreite, die Pachtverträge zu be-
stätigen, die sein Vorgänger abgeschlossen hatte, diese Verträge
erloschen mit dem Tode desjenigen, der sie eingegangen war. Sie
kassierten das Voto de Santiago, worunter ein alter Tribut ver-
standen wurde, der in einem bestimmten Quantum des besten Brotes
und des besten Weines bestand, den die Arbeiter bestimmter Pro-
vinzen hauptsächlich zur Erhaltung des Erzbischofs und Kapitels
von Santiago zu entrichten hatten. Sie verfügten die Einführung
einer großen progressiven Steuer etc.
Da sie eine ihrer Hauptaufgaben in der Erhaltung ihrer amerikani-
schen Kolonien sahen, die sich schon zu erheben begonnen hatten,
erkannten sie den amerikanischen Spaniern volle Gleichberechti-
gung mit denen Europas zu, proklamierten eine allgemeine Amnestie
ohne jede Ausnahme, erließen Dekrete gegen die Unterdrückung, un-
ter der die Eingeborenen von Amerika
#469# Das revolutionäre Spanien - VI
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und Asien seufzten, hoben die Mitas, die Repartimientos etc. auf,
schafften das Quecksilberrnonopol ab und waren die ersten in Eu-
ropa bei der Unterdrückung des Sklavenhandels.
Der Konstitution von 1812 wurde einerseits nachgesagt - zum Bei-
spiel von Ferdinand VII. (siehe sein Dekret vom 4. Mai 1814) -,
sie sei nichts anderes als eine bloße Nachahmung der französi-
schen Konstitution von 1791e231-' und ohne Rücksicht auf die hi-
storischen Traditionen Spaniens von schwärmerischen Phantasten
auf spanischen Boden verpflanzt worden. Andrerseits behauptete
man - zum Beispiel Abbé de Pradt ("De la Révolution actuelle de
l'Espagne") -, die Cortes hätten sich ganz unvernünftig an über-
lebte Formeln angeklammert, die sie den alten Fueros entlehnt
hätten und die noch den Feudalzeiten angehörten, wo die königli-
che Macht durch die außerordentlichen Privilegien der Granden in
Schach gehalten wurde.
Die Wahrheit ist, daß die Konstitution von 1812 eine Reproduktion
der alten Fueros ist, jedoch im Lichte der französischen Revolu-
tion gesehen und den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft ange-
paßt. Das Recht zur Rebellion wird zum Beispiel allgemein als
eine der kühnsten Neuerungen der jakobinischen Konstitution von
1793 angesehen [232]; man stößt aber auf dieses selbe Recht in
den alten Fueros von Sobrarbe, wo es das "Privilegio de la Union"
genannt ist. Auch in der alten Konstitution von Kastilien findet
man es. Die Fueros von Sobrarbe erlauben dem König, weder Frieden
zu schließen, noch Krieg zu erklären, noch Verträge abzuschlie-
ßen, ohne vorher die Einwilligung der Cortes einzuholen. Der per-
manente Ausschuß, bestehend aus sieben Mitgliedern der Cortes,
der über die strikte Einhaltung der Konstitution während der Ver-
tagung der gesetzgebenden Körperschaft zu wachen hat, bestand von
alters her in Aragonien und wurde in Kastilien eingeführt zu der
Zeit, als die bedeutendsten Cortes der Monarchie zu einer einzi-
gen Körperschaft vereint wurden. Zur Zeit der französischen Inva-
sion existierte eine ähnliche Einrichtung noch im Königreich Na-
varra. Eine merkwürdige Schöpfung der Konstitution von 1812 war
der Staatsrat, der aus einer dem König von den Cortes vorgelegten
Liste von 120 Personen gebildet und von ihnen bezahlt wurde. Er
verdankt seine Entstehung der Erinnerung an den verhängnisvollen
Einfluß, den die Kamarilla zu allen Zeiten auf die spanische Mon-
archie ausübte. Der Staatsrat sollte an die Stelle dieser Kama-
rilla treten. Übrigens finden sich derartige Einrichtungen schon
in früheren Zeiten. So war zum Beispiel zur Zeit Ferdinands IV.
der König stets von zwölf Bürgern umgeben, die von den kastili-
schen Städten dazu ausersehen waren, als seine geheimen Räte zu
fungieren; 1419 beklagten
#470# Karl Marx
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sich die Abgesandten der Städte, daß ihre Beauftragten nicht mehr
zum Königlichen Rat zugelassen wurden. Die Ausschließung der
höchsten Würdenträger und der Mitglieder des königlichen Hof-
staats von den Cortes sowie das Verbot für die Deputierten, vom
König Ehren oder Ämter anzunehmen, scheint auf den ersten Blick
der Konstitution von 1791 entlehnt und ganz natürlich der moder-
nen Teilung der Gewalten zu entspringen, wie sie durch die Kon-
stitution von 1812 sanktioniert wurde. Tatsächlich aber stoßen
wir nicht nur in der alten Konstitution von Kastilien auf
Präzedenzfälle, sondern wir wissen auch, daß sich das Volk zu
verschiedenen Zeiten erhob und die Deputierten erschlug, die Eh-
ren oder Ämter von der Krone angenommen hatten. Was das Recht der
Cortes betrifft, im Fall von Minderjährigkeit Regentschaften ein-
zusetzen, so war dieses von den alten kastilischen Cortes während
der oft lange währenden Minderjährigkeiten im vierzehnten Jahr-
hundert ständig praktiziert worden.
Es ist wahr, die Cortes von Cadiz entzogen dem König die von je-
her geübte Gewalt, die Cortes einzuberufen, aufzulösen oder zu
vertagen; aber da sie gerade durch die Art, in der die Könige von
ihren Privilegien Gebrauch machten, an Einfluß verloren hatten,
so war die Notwendigkeit für sie sonnenklar, dieses Recht zu be-
seitigen. Die angeführten Tatsachen genügen wohl, zu zeigen, daß
die äußerst sorgfältige Begrenzung der königlichen Macht - der
auffallendste Zug in der Konstitution von 1812 -, wenn sie auch
in anderer Hinsicht durch die noch frische und empörende Erinne-
rung an Godoys verächtlichen Despotismus vollkommen erklärt wäre,
ihren Ursprung aus den alten Fueros Spaniens herleitet. Die Cor-
tes von Cadiz übertrugen bloß die Herrschaft von den privilegier-
ten Ständen auf die nationale Vertretung. Wie sehr die spanischen
Könige die alten Fueros fürchteten, kann man daraus ersehen, daß,
als 1805 eine neue Sammlung der spanischen Gesetze notwendig ge-
worden war, eine königliche Verfügung erschien, der zufolge aus
ihr alle Überbleibsel des Feudalismus auszumerzen waren, die die
frühere Gesetzsammlung noch enthielt und die einer Zeit entstamm-
ten, in der die Schwäche der Monarchie die Könige gezwungen
hatte, mit ihren Vasallen Kompromisse einzugehen, die der souver-
änen Gewalt Abbruch taten.
Bedeutete die Wahl der Deputierten durch das allgemeine Stimm-
recht auch eine Neuerung, so darf doch nicht vergessen werden,
daß die Cortes von 1812 selbst durch das allgemeine Stimmrecht
gewählt waren und ebenso alle Juntas; daß eine Beschränkung des
allgemeinen Wahlrechts also eine Verletzung eines vom Volke be-
reits eroberten Rechts gewesen wäre; und daß endlich eine Wahlbe-
rechtigung nach Maßgabe des Besitzes zu einer Zeit, wo
#471# Das revolutionäre Spanien - VI
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fast aller Grundbesitz Spaniens in der toten Hand aufgespeichert
war, die große Masse der Bevölkerung ausgeschlossen hätte.
Der Zusammentritt der Vertreter in einem einzigen Hause ist kei-
neswegs der französischen Konstitution von 1791 nachgeahmt, wie
es die verdrießlichen englischen Tories darstellen. Unsere Leser
wissen bereits, daß seit der Zeit Carlos I. (Kaiser Karls V.) die
Aristokratie und die Geistlichkeit ihre Sitze in den Cortes von
Kastilien verloren hatten. Aber selbst zu den Zeiten, als die
Cortes in Brazas (Zweige) geteilt waren, die die verschiedenen
Stände repräsentierten, versammelten sie sich in einem einzigen
Saale, nur durch die Sitzordnung getrennt, und gaben gemeinsam
ihre Stimmen ab. Von allen Provinzen, in denen zur Zeit der fran-
zösischen Invasion die Cortes überhaupt noch wirkliche Macht be-
saßen, hatte nur Navarra die alte Gepflogenheit beibehalten, die
Cortes nach S t ä n d e n einzuberufen; in den Vascongadas 1*)
aber ließen die ganz und gar demokratischen Körperschaften nicht
einmal die Geistlichkeit zu. Außerdem hatten Adel und Geistlich-
keit, wenn sie ihre verhaßten Privilegien zu wahren gewußt hat-
ten, längst aufgehört, selbständige politische Körperschaften zu
bilden, deren Existenz die Grundlage der Zusammensetzung der al-
ten Cortes bildete.
Die Trennung der Gerichts- von der Exekutivgewalt, die die Cortes
von Cadiz verfügt hatten, wurde schon seit dem achtzehnten Jahr-
hundert von den hervorragendsten Staatsmännern Spaniens gefor-
dert; und der allgemeine Haß, den sich der Consejo Real seit dem
Beginn der Revolution zugezogen hatte, machte die Notwendigkeit,
die Gerichtshöfe auf ihre eigentliche Aktionssphäre zurückzufüh-
ren, allgemein spürbar.
Der Teil der Konstitution, der sich auf die Munizipalverwaltung
der Gemeinden bezieht, ist echt spanischen Ursprungs, wie wir
schon in einem früheren Artikel zeigten. Die Cortes stellten nur
das alte Munizipalsystem wieder her, indem sie es gleichzeitig
seines mittelalterlichen Charakters entkleideten. Die Provinzial-
deputationen, die für die innere Verwaltung der Provinzen mit
derselben Gewalt ausgestattet waren wie die Ayuntamientos für die
Verwaltung der Gemeinden, waren von den Cortes nach dem Muster
ähnlicher Institutionen gebildet worden, wie sie zur Zeit der In-
vasion noch in Navarra, Biskaya und Asturien bestanden. Als sie
die Befreiung vom Militärdienst abschafften, sanktionierten die
Cortes nur das, was während des Unabhängigkeitskrieges allgemein
üblich geworden war. Die Abschaffung der Inquisition bedeutete
ebenfalls nichts anderes als die Sanktionierung einer Tatsache;
das Heilige Amt, obgleich von der Zentraljunta wieder eingesetzt,
hatte dennoch
#472# Karl Marx
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nicht gewagt, seine Tätigkeit wiederaufzunehmen, und seine heili-
gen Mitglieder waren ganz zufrieden, ihre Gehälter einzustreichen
und klugerweise auf bessere Zeiten zu warten. Bei der Abschaffung
der feudalen Mißbräuche gingen die Cortes nicht einmal so weit
wie die Reformvorschläge der berühmten Denkschrift Jovellanos',
die er 1795 dem Consejo Real im Namen der Ökonomischen Gesell-
schaft von Madrid überreichte.
Schon zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatten die Minister
des aufgeklärten Despotismus - Floridabianca und Campomanes - be-
gonnen, Schritte in dieser Richtung zu unternehmen. Auch darf man
nicht vergessen, daß gleichzeitig mit den Cortes eine französi-
sche Regierung in Madrid saß, die in sämtlichen durch die Armeen
Napoleons unterworfenen Provinzen alle klerikalen und feudalen
Einrichtungen hinweggefegt und das moderne Verwaltungssystem ein-
geführt hatte. Die bonapartistischen Blätter stellten es so dar,
als sei der ganze Aufstand allein durch die Machenschaften und
Bestechungen Englands hervorgerufen worden, unterstützt durch die
Mönche und die Inquisition. Wie sehr jedoch der Wetteifer mit der
Regierung des Eindringlings die Entscheidungen der Cortes heilsam
beeinflußte, geht daraus hervor, daß die Zentraljunta selbst in
ihrem Dekret vom September 1809, das die Einberufung der Cortes
ankündigt, die Spanier mit folgenden Worten anredet:
"Unsere Verleumder sagen, wir kämpften, um die alten Mißbräuche
und die eingewurzelten Laster unserer korrupten Regierung zu ver-
teidigen. Beweist ihnen, daß euer Kampf dem Glück und der Unab-
hängigkeit eures Landes gilt; daß ihr von nun an nicht mehr von
dem unbestimmten Willen oder der wechselnden Laune eines ein-
zelnen abhängen wollt" etc.
Andrerseits finden sich in der Konstitution von 1812 unverkennbar
die Symptome eines Kompromisses zwischen den liberalen Ideen des
achtzehnten Jahrhunderts und den finsteren Traditionen der Pfaf-
fenherrschaft. Es genügt, Artikel 12 zu zitieren, der besagt,
"die Religion der spanischen Nation ist für immer die römisch-ka-
tholische, apostolische, die einzig wahre Religion. Die Nation
schützt sie durch weise und gerechte Gesetze und verbietet die
Ausübung jeder anderen."
Oder Artikel 173, der dem König befiehlt, bei seiner Thronbestei-
gung folgenden Eid vor den Cortes abzulegen:
"N., durch die Gnade Gottes und die Konstitution der spanischen
Monarchie König von Spanien, schwöre ich beim Allmächtigen und
den heiligen Evangelisten, daß ich die römisch-katholische, apo-
stolische Religion verteidigen und erhalten werde, ohne eine an-
dere im Königreich zu dulden."
#473# Das revolutionäre Spanien - VII
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Wir kommen also bei einer sorgfältigen Prüfung der Konstitution
von 1812 zu dem Schluß, daß sie, weit entfernt davon, eine skla-
vische Nachahmung der französischen Konstitution von 1791 zu
sein, vielmehr als eine ursprüngliche und originelle Schöpfung
spanischen geistigen Lebens anzusprechen ist, die alte nationale
Einrichtungen wiederherstellte, Reformen einführte, die von den
berühmtesten Schriftstellern und Staatsmännern des achtzehnten
Jahrhunderts laut gefordert wurden und den Vorurteilen des Volkes
unvermeidliche Konzessionen machte.
VII
["New-York Daily Tribune" Nr. 4250 vom 1. Dezember 1854]
Verschiedenen günstigen Umständen war es zu verdanken, daß in Ca-
diz die fortschrittlichsten Männer Spaniens zusammenkamen. Als
die Wahlen stattfanden, hatte die Bewegung noch nicht nachgelas-
sen, und gerade der Unwille, den die Zentraljunta herausgefordert
hatte, kam ihren Gegnern zugute, die zu einem großen Teil der re-
volutionären Minderheit des Landes angehörten. Beim ersten Zusam-
mentritt der Cortes waren fast ausschließlich die demokratischen
Provinzen Katalonien und Galicien vertreten; die Deputierten von
Leon, Valencia, Murcia und den Balearen kamen erst drei Monate
später. Die reaktionärsten Provinzen im Innern des Landes hatten,
abgesehen von wenigen Orten, keine Erlaubnis, Wahlen für die Cor-
tes vorzunehmen. Für die verschiedenen Königreiche, Städte und
Orte des alten Spaniens, die durch die französischen Armeen ge-
hindert wurden, Deputierte zu wählen, und für die überseeischen
Provinzen Neuspaniens, deren Deputierte nicht rechtzeitig ein-
treffen konnten, wurden Ersatzvertreter gewählt aus der zahlrei-
chen Schar derer, die durch die Kriegswirren aus den Provinzen
nach Cadiz verschlagen worden waren, und aus den zahlreichen Süd-
amerikanern, Kaufleuten, Eingeborenen und anderen, die Neugierde
oder Geschäfte dorthin getrieben hatten. So kam es, daß die Ver-
treter dieser Provinzen Leute waren, die mehr Interesse an Neue-
rungen hatten und von den Ideen des achtzehnten Jahrhunderts mehr
durchdrungen waren, als das der Fall gewesen wäre, wenn die Pro-
vinzen selbst gewählt hätten. Schließlich war der Umstand von
entscheidender Bedeutung, daß die Cortes gerade in Cadiz zusam-
mentraten, denn diese Stadt galt damals als die radikalste im
ganzen Königreich und glich mehr einer amerikanischen als einer
spanischen Stadt. Ihre Bevölkerung füllte die Galerien des
Saales,
#474# Karl Marx
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in dem die Cortes tagten, und hielt die Reaktionäre durch ein Sy-
stem von Einschüchterung und Druck von außen im Zaum, wenn deren
Opposition sich allzu widerwärtig breit machte.
Es wäre indes ein großer Irrtum, anzunehmen, daß die Mehrheit der
Cortes aus Reformern bestand. Die Cortes waren in drei Parteien
geteilt - die Serviles, die Liberales (diese Parteibezeichnungen
gingen von Spanien auf ganz Europa über) und die Americanos
[233], die mit der einen oder der anderen Partei stimmten, je
nachdem ihr eigenes Interesse es erforderte. Die Serviles, an
Zahl weit überlegen, wurden von der Tatkraft, dem Eifer und dem
Enthusiasmus der liberalen Minderheit mitgerissen. Die geistli-
chen Deputierten, die die Mehrheit der Serviles bildeten, waren
stets bereit, die königlichen Vorrechte preiszugeben, teils in
Erinnerung an den alten Gegensatz zwischen Kirche und Staat,
teils weil sie nach Popularität haschten, um sich dadurch die
Privilegien und Vorrechte ihrer Kaste zu erhalten. Während der
Debatten über das allgemeine Stimmrecht, das Einkammersystem, die
Aufhebung des Vermögenszensus und über das aufschiebende Veto
hielt sich die geistliche Partei stets zum demokratischeren Teil
der Liberales gegen die Anhänger der englischen Konstitution. Ei-
ner von ihnen, der Kanonikus Cañedo, später Erzbischof von Bur-
gos, ein unerbittlicher Verfolger der Liberales, wandte sich an
Señor Muñoz Torrero, gleichfalls Kanonikus, aber Anhänger der Li-
berales, mit folgenden Worten:
"Ihr willigt darein, daß der König im Besitz einer ungeheuren
Macht verbleibt, aber als Priester müßtet ihr doch viel eher die
Sache der Kirche als die des Königs verfechten."
Zu diesen Kompromissen mit der kirchlichen Partei sahen sich die
Liberales gezwungen, wie wir schon an einigen Artikeln der Kon-
stitution von 1812 gezeigt haben. Als über die Preßfreiheit ver-
handelt wurde, erklärten die Pfaffen sie als "religionsfeind-
lich". Nach ungemein stürmischen Debatten, in denen erklärt
wurde, alle Personen hätten die Freiheit, ohne besondere
Erlaubnis ihre Meinung zu äußern, nahmen die Cortes doch ein-
stimmig ein Amendement an, das durch die Einführung des Wortes
p o l i t i s c h diese Freiheit auf die Hälfte reduzierte und
alle Schriften über religiöse Angelegenheiten der Zensur der
geistlichen Autoritäten unterstellte gemäß den Beschlüssen des
Konzils von Trient [234]. Als am 18. August 1811 ein Gesetz gegen
alle diejenigen votiert wurde, die sich gegen die Konstitution
verschwören würden, wurde ein weiteres Gesetz angenommen, wonach
jeder, der eine Verschwörung anzettelte, um die spanische Nation
zum Abfall vom katholischen Glaubensbekenntnis zu veranlassen,
als Verräter verfolgt
#475# Das revolutionäre Spanien - VII
-----
werden und den Tod erleiden sollte. Als das Voto de Santiago ab-
geschafft war, wurde als Entschädigung eine Resolution durchge-
setzt, in der die heilige Teresa de Jesus zur Schatzpatronin von
Spanien ernannt wurde. Die Liberales hüteten sich auch, die De-
krete zur Abschaffung der Inquisition, der Zehnten, der Klöster
usw. vorzuschlagen und durchzusetzen, ehe nicht die Konstitution
verkündet war. Von diesem Augenblick an wurde jedoch die Opposi-
tion der Serviles innerhalb und die der Geistlichkeit außerhalb
der Cortes unerbittlich.
Nun, da die Umstände auseinandergesetzt worden sind, denen die
Konstitution von 1812 ihren Ursprung und ihre besonderen Merkmale
verdankte, bleibt noch immer das Problem: wieso sie bei Fer-
dinands VII. Rückkehr so plötzlich und ohne Widerspruch ver-
schwinden konnte. Selten hat die Welt ein kläglicheres Schauspiel
gesehen. Als Ferdinand am 16. April 1814 in Valencia einfuhr,
"spannte sich das freudig erregte Volk vor seinen Wagen und gab
auf jede nur mögliche Art und Weise durch Wort und Tat zu verste-
hen, daß es das alte Joch wieder auf sich zu nehmen wünschte, in-
dem es rief: 'Lang lebe der absolute König!' 'Nieder mit der Kon-
stitution!'"
In allen großen Städten hatte man die Plaza Mayor, den Haupt-
platz, "Plaza de la Constitución" genannt und daselbst einen
Stein errichtet, der diese Inschrift trug. In Valencia wurde die-
ser Stein entfernt und eine provisorische Holzsäule an seine
Stelle gesetzt, auf der zu lesen stand: "Real Plaza de Fernando
VII". Die Bevölkerung von Sevilla setzte sämtliche bestehenden
Behörden ab, wählte andere an ihrer Stelle für alle Ämter, die
unter dem alten Regime bestanden hatten, und verlangte von diesen
dann die Wiedereinsetzung der Inquisition. Der Wagen des Königs
wurde von Aranjuez bis Madrid vom Volke gezogen. Als er ausstieg,
nahm ihn der Mob auf die Arme, zeigte ihn im Triumph der ungeheu-
ren Menschenmenge, die vor dem Palast versammelt war, und trug
ihn dann in seine Gemächer. Das Wort Freiheit stand in großen
bronzenen Lettern über dem Eingang zum Saal der Cortes in Madrid.
Der Pöbel eilte hin, um es zu entfernen. Man setzte Leitern an,
brach einen Buchstaben nach dem andern gewaltsam aus den Mauern
heraus, und so oft einer davon auf das Straßenpflaster ge-
schleudert wurde, erneuerte sich das Triumphgeheul der Zuschauer.
Was an Akten der Cortes und an Zeitungen und Flugschriften der
Liberales erreichbar war, wurde gesammelt, eine Prozession wurde
gebildet, in der die geistlichen Bruderschaften und die weltliche
und Ordensgeistlichkeit die Führung übernahmen, die Papiere wur-
den auf einem der öffentlichen Plätze
#476# Karl Marx
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aufgestapelt und mit ihnen eine Art politisches Autodafé veran-
staltet, worauf die heilige Messe zelebriert und als Ausdruck der
Dankbarkeit für den erlebten Triumph das Tedeum gesungen wurde.
Bemerkenswerter als diese schamlosen Demonstrationen des städti-
schen Pöbels, der zum Teil für seine Ausschreitungen bezahlt war,
zum Teil gleich den neapolitanischen Lazzaroni die liederliche
Herrschaft der Könige und Mönche dem nüchternen Regiment des Bür-
gertums vorzog, erscheint die Tatsache, daß bei den zweiten all-
gemeinen Wahlen die Serviles einen entscheidenden Sieg davontru-
gen. Die konstituierenden Cortes wurden am 20. September 1813
durch die ordentlichen Cortes ersetzt, die ihre Sitzungen am 15.
Januar 1814 von Cadiz nach Madrid verlegten.
In früheren Artikeln zeigten wir, wie die revolutionäre Partei
selbst dazu beitrug, die alten Volksvorurteile wieder zu erwecken
und zu stärken, in der Annahme, daß sich aus ihnen ebenso viele
Waffen gegen Napoleon würden schmieden lassen. Wir sahen ferner,
wie die Zentraljunta gerade in der Zeit, die es gestattet hätte,
soziale Veränderungen Hand in Hand mit Maßregeln zur nationalen
Verteidigung vorzunehmen, alles tat, was in ihrer Macht stand, um
solche zu verhindern und die revolutionären Bestrebungen der Pro-
vinzen zu unterdrücken. Die Cortes von Cadiz hinwiederum, die
fast während der ganzen Dauer ihres Bestehens von jeder Verbin-
dung mit Spanien abgeschlossen waren, konnten infolgedessen ihre
Konstitution und ihre organischen Dekrete erst dann in die Öf-
fentlichkeit bringen, als die französischen Armeen sich zurückzo-
gen. Die Cortes kamen also sozusagen post factum. Die Gesell-
schaft, an die sie sich wendeten, war ermüdet, erschöpft, lei-
dend. Wie wäre es auch anders möglich gewesen nach einem so lang-
wierigen, ausschließlich auf spanischem Boden geführten Krieg,
einem Krieg, in dem die Armeen unausgesetzt in Bewegung waren,
indes die Regierung von heute auf morgen beständig wechselte, und
in dem es während sechs voller Jahre in ganz Spanien, von Cadiz
bis Pamplona, von Granada bis Salamanca auch nicht einen Tag gab,
an dem nicht Blut vergossen worden wäre. Es war kaum zu erwarten,
daß eine so erschöpfte Gesellschaft sich für die abstrakten
Schönheiten einer wie immer beschaffenen Konstitution besonders
begeistern würde. Nichtsdestoweniger wurde die neue Konstitution,
als sie zuerst in Madrid und in den von den Franzosen geräumten
Provinzen proklamiert wurde, mit "überströmendem Jubel" begrüßt,
denn die Massen erwarten bei einem Regierungswechsel stets ein
plötzliches Verschwinden ihrer sozialen Übel. Als sie nun ent-
deckten, daß die Konstitution nicht die ihr zugeschriebenen Wun-
derkräfte besaß, verwandelten sich die übertriebenen Erwartungen,
mit denen man sie bewillkommnet hatte, in die
#477# Das revolutionäre Spanien - VII
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bitterste Enttäuschung, und bei diesen leidenschaftlichen Südlän-
dern ist es nur ein Schritt von der Enttäuschung zum Haß.
Es gab auch sonst noch manche besondere Umstände, die hauptsäch-
lich dazu beitrugen, die Sympathien des Volkes dem konstitutio-
nellen Regime zu entfremden. Die Cortes hatten gegen die Afrance-
sados oder Josephites die strengsten Dekrete erlassen. Teilweise
waren sie dazu durch das Rachegeschrei der Bevölkerung und der
Reaktionäre veranlaßt worden, die sich aber sofort gegen die Cor-
tes wandten, als die Dekrete, die sie von ihnen erpreßt hatten,
zur Ausführung gelangen sollten. Mehr als zehntausend Familien
wurden dadurch in die Verbannung geschickt. Eine Horde kleiner
Tyrannen überflutete die von den Franzosen geräumten Provinzen;
sie spielten sich als Prokonsuln auf und begannen Untersuchungen,
Verfolgungen, Verhaftungen und inquisitorische Maßregeln gegen
alle einzuleiten, die sich kompromittiert hatten durch ihre Par-
teinahme für die Franzosen, durch Annahme von Ämtern oder Ankauf
von Nationaleigentum aus deren Händen etc. Statt den Übergang von
der französischen zur nationalen Regierung in versöhnlicher und
zurückhaltender Weise zu gestalten, tat die Regentschaft alles,
was in ihrer Macht stand, um die Leidenschaften aufzupeitschen
und die Schwierigkeiten zu verschärfen, die mit einem solchen
Wechsel der Herrschaft untrennbar verknüpft sind. Warum aber tat
sie das? Um von den Cortes die Suspendierung der Konstitution von
1812 verlangen zu können, die nach ihrer Behauptung diese aufrei-
zenden Wirkungen hervorrief. En passant sei noch bemerkt, daß
alle Regentschaften, diese von den Cortes eingesetzten obersten
Exekutivbehörden, regelmäßig von den entschiedensten Gegnern der
Cortes und ihrer Konstitution gebildet wurden. Diese merkwürdige
Tatsache erklärt sich einfach dadurch, daß die Amerikaner stets
mit den Serviles zusammengingen, wenn es sich um die Einsetzung
der Exekutivgewalt handelte, deren Schwächung sie für notwendig
hielten, um die amerikanische Unabhängigkeit vom Mutterland
durchzusetzen; eine bloße Disharmonie zwischen der Exekutive und
den souveränen Cortes hielten sie hierfür nicht ausreichend. Die
Einführung einer einzigen direkten Steuer auf die Einkünfte aus
Grundbesitz sowie aus Industrie und Handel erregte ebenfalls die
größte Unzufriedenheit des Volkes gegen die Cortes, noch mehr
aber die absurden Dekrete, die die Zirkulation von spanischen
Geldsorten, die Joseph Bonaparte hatte prägen lassen, verboten
und deren Besitzern befahlen, sie gegen nationale Münzen einzu-
tauschen. Gleichzeitig wurde die Zirkulation von französischem
Geld verboten und ein Tarif festgesetzt, zu welchem es in natio-
nale Münzen eingewechselt werden sollte. Da sich dieser Tarif
sehr von demjenigen unterschied, den die Franzosen 1808 für den
#478# Karl Marx
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relativen Wert des spanischen und französischen Geldes aufge-
stellt hatten, so erlitten viele Privatpersonen große Verluste.
Diese sinnlose Verfügung trug auch dazu bei, den Preis der wich-
tigsten Bedarfsartikel zu erhöhen, der ohnehin schon hoch über
dem Durchschnitt stand.
Die Klassen, die an der Abschaffung der Konstitution von 1812 und
an der Wiederherstellung des alten Regimes am meisten interes-
siert waren - die Granden, die Geistlichkeit, die Mönchsorden und
die Juristen -, ließen es an nichts fehlen, die Unzufriedenheit
des Volkes aufs äußerste zu schüren, welche ihre Ursache in den
unglückseligen Verhältnissen hatte, die die Einführung des kon-
stitutionellen Regimes in Spanien kennzeichneten. Daher der Sieg
der Serviles bei den allgemeinen Wahlen von 1813.
Nur von Seiten der Armee konnte der König ernsthaften Widerstand
erwarten; doch General Elio und seine Offiziere brachen den auf
die Konstitution geleisteten Eid, proklamierten Ferdinand VII. in
Valencia zum König, ohne die Konstitution auch nur zu erwähnen.
Dem Beispiel Elios folgten bald die anderen militärischen Be-
fehlshaber.
In dem Dekret vom 4. Mai 1814, mit dem Ferdinand VII. die Cortes
von Madrid auflöste und die Konstitution von 1812 aufhob, gab er
gleichzeitig seinem Haß gegen jeglichen Despotismus Ausdruck,
versprach, die Cortes unter den alten gesetzlichen Formen wieder
einzuberufen, eine vernünftige Preßfreiheit einzuführen etc. Sein
Versprechen hielt er auf die einzige Art und Weise, die dem spa-
nischen Volk für den Empfang gebührte, den es ihm bereitet hatte:
er schaffte alle Gesetze der Cortes wieder ab, stellte den vor-
herigen Stand der Dinge wieder her, setzte die heilige Inquisi-
tion wieder ein, rief die Jesuiten zurück, die sein Großvater
verbannt hatte, verhängte über die hervorragendsten Mitglieder
der Juntas, der Cortes und ihre Anhänger Galeerenstrafen, afrika-
nisches Gefängnis oder Exil und verurteilte schließlich die be-
rühmtesten Guerillaführer Porlier und de Lacy zum Tode durch Er-
schießen.
VIII
["New-York Daily Tribune" Nr. 4251 vom 2. Dezember 1854]
Während des Jahres 1819 wurde in der Umgegend von Cadiz eine Ex-
peditionsarmee zum Zwecke der Wiedereroberung der aufrührerischen
amerikanischen Kolonien ausgerüstet. Enrique O'Donnell, Graf La
Bisbai, der Onkel von Leopoldo O'Donnell, dem jetzigen spanischen
Minister, wurde mit dem Kommando betraut. Die früheren Expeditio-
nen gegen
#479# Das revolutionäre Spanien - VIII
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Spanisch-Amerika hatten in den fünf Jahren seit 1814 14 000 Mann
verschlungen und waren auf so widerliche und leichtfertige Art in
Szene gesetzt worden, daß sie in der Armee sehr verhaßt waren und
in dem Ruf standen, eigentlich nur ein heimtückisches Mittel zu
sein, um unzufriedene Regimenter loszuwerden. Einige Offiziere,
darunter Quiroga, Lopez Baños, San Miguel (der jetzige spanische
Lafayette), O'Daly und Arco Aguero, beschlossen, die Unzufrieden-
heit der Soldaten zu benutzen, um das Joch abzuschütteln und die
Konstitution von 1812 zu proklamieren. Als La Bisbai in den Plan
eingeweiht wurde, versprach er, sich an die Spitze der Bewegung
zu stellen. Die Häupter der Verschwörung bestimmten im Einver-
ständnis mit ihm, daß am 9. Juli 1819, dem Tag der großen Heer-
schau der Expeditionstruppen, mitten in diesem feierlichen Akt
der große Schlag erfolgen sollte. La Bisbai erschien wohl pünkt-
lich bei der Heerschau, statt aber sein Wort zu halten, gab er
Befehl, die verschworenen Regimenter zu entwaffnen, schickte Qui-
roga und die anderen Anführer ins Gefängnis und sandte eilends
einen Kurier nach Madrid, sich rühmend, er habe eine überaus
schreckliche Katastrophe abgewendet. Beförderung und Orden waren
sein Lohn; als aber der Hof später genauere Informationen er-
hielt, entzog man ihm das Kommando und beorderte ihn in die
Hauptstadt zurück. Dies ist derselbe La Bisbai, der 1814, zur
Zeit der Rückkehr des Königs nach Spanien, einen seiner Stabsof-
fiziere mit zwei Briefen zu Ferdinand schickte. Da er örtlich zu
weit entfernt war, um des Königs Verhalten beobachten zu können
und sein Benehmen danach einzurichten, so verherrlichte La Bisbai
in einem der Briefe die Konstitution von 1812 in hochtrabenden
Worten, für den Fall, daß der König den Eid auf sie ablegen
werde. In dem anderen Briefe stellte er im Gegenteil das konsti-
tutionelle System als einen anarchischen, konfusen Zustand dar,
beglückwünschte Ferdinand dazu, es ausgetilgt zu haben, und
stellte sich und seine Armee zur Verfügung, um gegen die Rebel-
len, Demagogen und Feinde von Thron und Altar vorzugehen. Der Of-
fizier lieferte den zweiten Brief ab, der von dem Bourbonen huld-
vollst entgegengenommen wurde.
Ungeachtet dieser Symptome der Rebellion, die sich in der
Expeditionsarmee zeigten, verharrte die Madrider Regierung, an
deren Spitze der Herzog von San Fernando, damaliger Minister des
Auswärtigen und Präsident des Kabinetts, stand, in unerklärlicher
Apathie und Untätigkeit und tat nichts, um die Expedition zu be-
schleunigen oder die Armee auf verschiedene Seehafenstädte zu
verteilen. Unterdessen einigten sich Don Rafael del Riego, der
das zweite Bataillon von Asturien kommandierte, das damals in Las
Cabezas de San Juan stationiert war, Quiroga, San Miguel und an-
dere militärische
#480# Karl Marx
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Führer von der Isla de Leon, denen es gelungen war, aus dem Ge-
fängnis zu fliehen, zu einem gleichzeitigen Vorstoß. Riegos Posi-
tion war die bei weitem schwierigste. Die Gemeinde Las Cabezas
lag im Mittelpunkt dreier der wichtigsten Quartiere der Expediti-
onsarmee, dem der Kavallerie in Utrera, dem der zweiten Infante-
riedivision in Lebrija und dem eines Guidenbataillons in Arcos,
wo sich der Oberbefehlshaber und der Stab befanden. Obwohl das in
Arcos stationierte Bataillon die doppelte Stärke des asturischen
hatte, gelang es Riego doch am 1. Januar 1820, Befehlshaber und
Stab zu überrumpeln und gefangenzunehmen. Er proklamierte noch am
selben Tage in dieser Gemeinde die Konstitution von 1812, wählte
einen provisorischen Alkalden, und nicht zufrieden damit, die ihm
übertragene Aufgabe gelöst zu haben, brachte er die Guiden auf
seine Seite, überrumpelte das aragonische Bataillon in Bornos,
marschierte von Bornos nach Jeres, von Jeres nach Puerto de Santa
Maria, proklamierte überall die Konstitution, bis er am 7. Januar
Isla de Leon erreichte, wo er die von ihm gemachten Militär-
gefangenen in der Festung St. Petri einlieferte. Entgegen der
früheren Abmachung hatten Quiroga und seine Anhänger sich nicht
durch einen Handstreich der Brücke von Suazo und dann der Isla de
León bemächtigt, sondern waren bis zum 2. Januar untätig geblie-
ben, bis ihnen Oltra, der Bote Riegos, offizielle Nachricht von
der Überrumpelung Arcos und der Gefangennahme des Stabs über-
brachte.
Die Gesamtmacht der Revolutionsarmee, deren Oberbefehl Quiroga
übergeben wurde, belief sich auf nicht mehr als 5000 Mann, die
sich, als ihre Angriffe auf die Tore von Cadiz abgeschlagen wa-
ren, auf der Isla de Leon eingeschlossen sahen.
"Unsere Situation", sagt San Miguel, "war eine außergewöhnliche;
diese Revolution, die 25 Tage lang stillstand, ohne einen Zoll-
breit an Boden zu gewinnen oder zu verlieren, stellte eine der
merkwürdigsten politischen Erscheinungen dar."
Die Provinzen schienen in einen lethargischen Schlummer verfal-
len. Das dauerte den ganzen Januar. Am Ende des Monats bildete
Riego, der befürchtete, das Feuer der Revolution könnte in Isla
de Leon ausgelöscht werden, gegen den Rat Quirogas und der ande-
ren Führer eine bewegliche Kolonne von 1500 Mann, marschierte
durch einen Teil Andalusiens angesichts einer ihn verfolgenden
Macht, die zehnmal stärker war als er, und proklamierte die Kon-
stitution in Algeciras, Ronda, Malaga, Cordoba und anderen Orten.
Er wurde überall von den Bewohnern freundlich empfangen, rief
aber nirgends ein ernsthaftes Pronunziamiento hervor. Inzwischen
schien seinen Verfolgern, die unterdessen einen vollen Monat in
nutzlosen Märschen und
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Kontermärschen vergeudet hatten, nichts mehr am Herzen zu liegen,
als soviel wie möglich jedes nähere Zusammentreffen mit seiner
kleinen Armee zu vermeiden. Das Verhalten der Regierungstruppen
war völlig unbegreiflich. Riegos Expedition, die am 27. Januar
1820 begonnen hatte, endete am 11. März, wo er sich gezwungen
sah, die wenigen Leute zu entlassen, die ihm noch gefolgt waren.
Sein kleines Korps wurde nicht in einer entscheidenden Schlacht
auseinandergesprengt, es verschwand vielmehr teils aus Er-
schöpfung, teils infolge unaufhörlicher kleiner Zusammenstöße mit
dem Feind, teils infolge Krankheit und Desertion. Die Situation
der Aufständischen auf der Isla [de Leon] war unterdessen keines-
wegs hoffnungsvoll. Sie waren nach wie vor zu Wasser und zu Lande
eingeschlossen, und in der Stadt Cadiz selbst wurde jede Partei-
nahme für ihre Sache von der Garnison unterdrückt. Wie also
konnte es geschehen, daß,, nachdem doch Riego am 11. März in der
Sierra Morena seine verfassungstreuen Truppen hatte auflösen müs-
sen, Ferdinand VII. am 9.März in Madrid gezwungen war, auf die
Konstitution zu schwören, so daß Riego tatsächlich sein Ziel er-
reichte, genau zwei Tage bevor er endgültig an seiner Sache ver-
zweifelt war?
Der Vormarsch von Riegos Kolonne hatte aufs neue die allgemeine
Aufmerksamkeit wachgerufen; die Provinzen waren voll Erwartung
und beobachteten gespannt jede Bewegung. Die Gemüter, erregt
durch Riegos kühnen Ausfall, durch die Schnelligkeit seines Vor-
marsches, seine kräftige Abwehr des Feindes, sahen Triumphe, wo
keine waren, und glaubten an Verstärkungen und an eine Anhänger-
schaft, die nie gewonnen worden war. Als die Nachrichten von Rie-
gos Unternehmen die entfernteren Provinzen erreichten, waren sie
schon ins Ungeheuerliche gewachsen, und die vom Schauplatz ent-
ferntesten waren die ersten, die sich für die Konstitution von
1812 erklärten. So reif war Spanien für eine Revolution, daß
selbst falsche Nachrichten genügten, sie hervorzurufen. Auch 1848
waren es falsche Nachrichten, die den revolutionären Orkan ent-
fesselten.
In Galicien, Valencia, Saragossa, Barcelona und Pamplona brachen
nacheinander Aufstände aus. Enrique O'Donnell alias Graf von La
Bisbai, den der König zum bewaffneten Widerstand gegen Riegos Ex-
pedition aufrief, erbot sich nicht nur, ihm entgegenzutreten,
sondern auch seine kleine Armee zu vernichten und sich seiner
Person zu bemächtigen. Er verlangte nichts als das Kommando über
die Truppen, die in der Provinz von La Mancha lagen, und Geld für
seine eigenen Bedürfnisse. Der König selbst gab ihm eine Börse
voll Gold und die nötigen Befehle für die Truppen von La Mancha.
Bei seiner Ankunft in Ocaña stellte sich La Bisbai jedoch an die
Spitze der Truppen und proklamierte die Konstitution von 1812.
Als die Nachricht von
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diesem Abfall nach Madrid gelangte, wurden die Gemüter so erregt,
daß sofort die Revolution ausbrach. Die Regierung begann nun mit
der Revolution zu unterhandeln. In einem Dekret, datiert vom 6.
März, erbot sich der König, die a l t e n Cortes zusammenzube-
rufen, die nach Estamentos (Ständen) versammelt waren; damit war
jedoch keine der Parteien einverstanden, weder die der alten Mon-
archie, noch die der Revolution. Bei seiner Rückkehr aus
Frankreich hatte der König sie mit demselben Versprechen ködern
wollen und war dann wortbrüchig geworden. Als nun in der Nacht
des 7. März in Madrid revolutionäre Demonstrationen stattfanden,
veröffentlichte die "Gaceta" vom 8. ein Dekret, worin Ferdinand
VII. versprach, auf die Konstitution von 1812 zu schwören. In
diesem Dekret sagt er:
"Laßt uns alle, mich voran, von nun ab aufrichtig den Weg der
Konstitution beschreiten."
Als sich das Volk am 9. seines Palastes bemächtigte, vermochte er
sich nur dadurch zu retten, daß er das Madrider Ayuntamiento von
1814 wieder einsetzte und vor demselben den Eid auf die Konstitu-
tion leistete. Was machte er sich schon aus einem Meineid? Hatte
er doch immer einen Beichtvater zur Hand, stets bereit, ihm voll-
ste Absolution von jeder nur möglichen Sünde zu gewähren. Gleich-
zeitig wurde eine beratende Junta eingesetzt, deren erstes Dekret
die politischen Gefangenen befreite und die politischen Flücht-
linge zurückrief. Aus den nun geöffneten Gefängnissen zog das er-
ste konstitutionelle Ministerium in den königlichen Palast ein.
Castro, Herreros und A. Argüelles, die dieses erste Ministerium
bildeten, waren Märtyrer von 1814 und Deputierte von 1812. Die
eigentliche Ursache des Enthusiasmus bei Ferdinands Thronbestei-
gung war die Freude über die Entfernung Karls IV., seines Vaters.
Und so auch war die Ursache der allgemeinen Begeisterung über die
Proklamation der Konstitution von 1812 Freude über die Beseiti-
gung Ferdinands VII. Was die Konstitution selbst betrifft, so
wissen wir, daß, als sie vollendet war, es keine Gebiete gab, wo
sie hätte verkündet werden können. Für die Mehrheit des spani-
schen Volks glich sie dem unbekannten Gott, den die alten Athener
anbeteten.
Die englischen Schriftsteller unserer Tage behaupten mit deutli-
cher Anspielung auf die jetzige spanische Revolution einerseits,
die Bewegung von 1820 sei bloß eine Militärverschwörung, andrer-
seits, sie sei nur eine russische Intrige gewesen. Beide Behaup-
tungen sind gleich lächerlich. Wir sahen, daß trotz des Mißlin-
gens des Militäraufstandes die Revolution siegte. Das Rätselhafte
liegt nicht in der Verschwörung der 5000 Soldaten, sondern darin,
daß diese Verschwörung sanktioniert wurde von einer Armee von
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35 000 Mann und von einer höchst loyalen Nation von zwölf Millio-
nen. Warum die Revolution zuerst gerade innerhalb der Reihen der
Armee ausbrach, erklärt sich leicht dadurch, daß die Armee die
einzige unter allen Körperschaften der spanischen Monarchie war,
die durch den Unabhängigkeitskrieg von Grund aus verändert und
revolutioniert war. Was die russische Intrige betrifft, so läßt
es sich nicht leugnen, daß Rußland seine Hände bei der spanischen
Revolution mit im Spiele hatte; daß von allen europäischen Mäch-
ten Rußland zuerst die Konstitution von 1812 im Vertrag von Weli-
kije Luki vom 20. Juli 1812 [235] anerkannte, daß Rußland es war,
das zuerst die Revolution von 1820 entfachte, das sie zuerst an
Ferdinand VII. verriet, das zuerst die Fackel der Konterrevolu-
tion an verschiedenen Punkten der Halbinsel entzündete, das zu-
erst feierlich vor Europa gegen die Revolution protestierte und
das endlich Frankreich zum bewaffneten Einschreiten gegen sie
zwang. Herr von Tatischtschew, der russische Gesandte, war si-
cherlich die hervorragendste Persönlichkeit am Hof von Madrid -
das unsichtbare Haupt der Kamarilla. Es war ihm gelungen, Antonio
Ugarte, einen Wicht von niedriger Herkunft, bei Hofe einzuführen
und ihn zum Haupt der Ordensbrüder und Lakaien zu machen, die in
ihren Hintertreppenkonferenzen das Zepter im Namen Ferdinands
VII. schwangen. Tatischtschew machte Ugarte zum Generaldirektor
der Expeditionen gegen Südamerika, und Ugarte ernannte den Herzog
von San Fernando zum Minister des Auswärtigen und Präsidenten des
Kabinetts. Ugarte vermittelte den Ankauf morscher Schiffe von
Rußland für die Südamerika-Expedition, wofür er mit dem St. An-
nenorden ausgezeichnet wurde. Ugarte hinderte Ferdinand und sei-
nen Bruder Don Carlos daran, im ersten Augenblick der Krise vor
der Armee zu erscheinen. Er war der geheimnisvolle Urheber der
unbegreiflichen Apathie des Herzogs von San Fernando und der Maß-
nahmen, über die sich ein spanischer Liberaler in Paris 1836 mit
den Worten äußerte:
"Man kann sich kaum der Überzeugung verschließen, daß die Regie-
rung selbst die Mittel dazu lieferte, die bestehende Ordnung der
Dinge über den Haufen zu werfen." [236]
Wenn wir daneben noch auf die merkwürdige Tatsache verweisen, daß
der Präsident der Vereinigten Staaten in seiner Botschaft [206]
Rußland dafür dankte, weil es ihm versprochen habe, zu verhin-
dern, daß Spanien sich mit den südamerikanischen Kolonien be-
fasse, so bleibt wohl kaum ein Zweifel über die Rolle, die Ruß-
land in der spanischen Revolution spielte. Was beweist aber dies
alles? Etwa, daß Rußland die Revolution von 1820 machte? Keines-
wegs. Es beweist nur, daß Rußland die spanische Regierung hin-
derte, ihr
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entgegenzutreten. Daß die Revolution früher oder später die abso-
lute, mönchische Monarchie Ferdinands VII. gestürzt hätte, be-
weist: 1. die Reihe von Verschwörungen, die seit 1814 einander
folgten; 2. das Zeugnis des Herrn de Martignac, des französischen
Kommissars, der den Herzog von Angoulême zur Zeit der legitimi-
stischen Invasion in Spanien begleitete; 3. das unwiderleglichste
Zeugnis - das von Ferdinand selbst.
Im Jahre 1814 beabsichtigte Mina eine Erhebung in Navarra, gab
das erste Zeichen zum Widerstand durch einen Aufruf zu den Waffen
und marschierte in die Festung von Pamplona ein; dann aber miß-
traute er seinen eigenen Anhängern und floh nach Frankreich. 1815
proklamierte General Porlier, einer der berühmtesten Guérilleros
aus dem Unabhängigkeitskrieg, in La Coruña die Konstitution. Er
wurde enthauptet. 1816 wollte Richard den König in Madrid gefan-
gennehmen. Er wurde gehängt. 1817 büßten der Advokat Navarro und
vier seiner Mitschuldigen in Valencia auf dem Schafott ihr Leben
ein, weil sie die Konstitution von 1812 proklamiert hatten. In
demselben Jahre wurde der unerschrockene General Lacy in Majorca
erschossen, weil er sich desselben Vergehens schuldig gemacht
hatte. 1818 wurden Oberst Vidal, Kapitän Sola und andere, die in
Valencia die Konstitution von 1812 öffentlich proklamiert hatten,
ergriffen und dem Schwert ausgeliefert. Die Verschwörung von Isla
de Leon bildete dann nur das letzte Glied in der Kette, die aus
den blutigen Häuptern so manches tapferen Mannes in den Jahren
1808 bis 1814 entstanden war.
Herr deMartignac, der 1833, kurz vor seinem Tode, sein Werk
"L'Espagne et ses Révolutions" veröffentlichte, spricht sich fol-
gendermaßen aus:
"Zwei Jahre waren vergangen, seit Ferdinand VII. sein absolutes
Regime wieder aufgenommen hatte, und noch immer dauerten die Ver-
folgungen an, welche von einer Kamarilla ausgingen, die sich aus
dem Abschaum der Menschheit zusammensetzte. Die ganze Staatsma-
schinerie war von unterst zu oberst gekehrt. Unordnung, Stumpf-
sinn, Verwirrung herrschten überall. Die Steuern waren höchst un-
gleich verteilt, der Zustand der Finanzen war erbärmlich, für die
Anleihen gab es keinen Kredit, und keine Möglichkeit war vorhan-
den, die dringendsten Erfordernisse des Staates zu decken. Die
Armee blieb ohne Sold, die Beamten entschädigten sich durch Be-
stechung, die korrupte und untätige Verwaltung war außerstande,
etwas zu verbessern oder auch nur das Vorhandene zu erhalten. Da-
her die allgemeine Unzufriedenheit des Volkes. Das neue konstitu-
tionelle System wurde von den großen Städten, den Handels- und
Gewerbetreibenden, den Angehörigen der freien Berufe, der Armee
und dem Proletariat mit Enthusiasmus begrüßt. Es widersetzten
sich ihm die Mönche, und es verblüffte die Landbevölkerung."
[237]
So lauten die Bekenntnisse eines sterbenden Mannes, der als
Hauptwerkzeug bei der Zerstörung dieses neuen Systems diente.
Ferdinand VII.
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bestätigt in seinen Dekreten vom 1. März 1817, vom 11. April
1817, vom 1. Juni 1817, vom 24. November 1819 etc. wörtlich die
Behauptungen des Herrn de Martignac und faßt seine Klagen in die
Worte zusammen:
"Der Jammer des klagenden Volkes, der zu den Ohren unserer Maje-
stät dringt, nimmt kein Ende."
Daraus geht hervor, daß es keines Tatischtschews bedurfte, um
eine spanische Revolution zuwege zu bringen.
Aus dem Englischen.
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