Quelle: MEW 10 Januar 1854 - Januar 1855


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       KARL MARX
       
       Das revolutionäre Spanien [215]
       
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       I
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4179 vom 9. September 1854]
       Die Revolution  in Spanien  hat nun schon so sehr einen Dauercha-
       rakter angenommen,  daß, so  meldet unser Londoner Korrespondent,
       die besitzenden  und konservativen  Klassen auszuwandern beginnen
       und sich  nach Frankreich  in Sicherheit  bringen. Das überrascht
       uns keineswegs. Spanien hat sich nie die moderne französische Ma-
       nier angeeignet, die 1848 so allgemein beliebt war, innerhalb von
       drei Tagen  eine Revolution  zu beginnen und zu beenden. Spaniens
       Bemühungen in  dieser Richtung sind verwickelter und andauernder.
       Drei Jahre  scheinen der  kürzeste Zeitraum  zu sein,  auf den es
       sich beschränkt,  und sein  revolutionärer Zyklus  erstreckt sich
       bisweilen auf  neun. So  dauerte seine erste Revolution in diesem
       Jahrhundert von  1808 bis  1814, die zweite von 1820 bis 1823 und
       die dritte  von 1834 bis 1843. Wie lange die jetzige andauern und
       wie sie  enden wird,  das vermag der gewiegteste Politiker unmög-
       lich vorauszusagen. Wohl aber sagt man nicht zuviel, wenn man be-
       hauptet, daß  kein anderer  Teil Europas, nicht einmal die Türkei
       und der  russische Krieg,  dem aufmerksamen  Beobachter so tiefes
       Interesse einzuflößen vermag wie das Spanien von heute.
       Aufrührerische Erhebungen  sind in  Spanien so  alt wie die Macht
       der höfischen Günstlinge, gegen die sie sich meistens richten. So
       revoltierte um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Aristo-
       kratie gegen  König Juan  II. und  seinen Günstling Don Alvaro de
       Luna. Noch  ernster war dann der Aufstand im fünfzehnten Jahrhun-
       dert gegen König Heinrich IV. und das Haupt seiner Kamarilla, Don
       Juan de  Pacheco, Marquis  de Villena. Im siebzehnten Jahrhundert
       riß das  Volk in  Lissabon Vasconcellos  in Stücke, den Sartorius
       des spanischen  Vizekönigs in  Portugal, und  so erging  es  auch
       Santa Coloma  in Saragossa,  dem Günstling  Philipps IV.  Zu Ende
       desselben Jahrhunderts erhob sich unter der Regierung Carlos' II.
       das Volk von Madrid gegen die
       
       #434# Karl Marx
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       Kamarilla der Königin, bestehend aus der Gräfin von Berlepsch und
       den Grafen  Oropesa und Melgar, die für alle nach Madrid gebrach-
       ten Lebensmittel  einen drückenden  Zoll erhoben,  den sie  unter
       sich teilten.  Das Volk zog vor den königlichen Palast, zwang den
       König, auf  dem Balkon zu erscheinen und selbst die Kamarilla der
       Königin zu  brandmarken. Dann  zog es  zu den Palästen der Grafen
       Oropesa und  Melgar, plünderte sie, zerstörte sie durch Feuer und
       versuchte, die  Besitzer zu ergreifen, die aber das Glück hatten,
       zu entwischen, wenn auch auf Kosten eines lebenslänglichen Exils.
       Das Ereignis,  das die  revolutionären Erhebungen  im fünfzehnten
       Jahrhundert verursachte,  war der  verräterische Vertrag, den der
       Marquis von  Villena, der  Günstling Heinrichs IV., mit dem König
       von Frankreich  geschlossen hatte  und dem  zufolge Katalonien an
       Ludwig XI.  ausgeliefert werden  sollte. Drei Jahrhunderte später
       verursachte der  Vertrag von Fontainebleau vom 27. Oktober 1807 -
       in dem der Günstling Carlos' IV. und der Liebling seiner Königin,
       Don Manuel  Godoy, der  Friedensfürst, mit  Bonaparte die Teilung
       Portugals und  den Einmarsch der französischen Truppen in Spanien
       vereinbarte -  einen Volksaufstand in Madrid gegen Godoy, die Ab-
       dankung Carlos' IV., die Thronbesteigung seines Sohnes Ferdinands
       VII., den  Einmarsch der französischen Truppen in Spanien und den
       sich anschließenden  Unabhängigkeitskrieg. Der spanische Unabhän-
       gigkeitskrieg begann also mit einer Volkserhebung gegen die Kama-
       rilla, damals  personifiziert durch  Don Manuel Godoy, ebenso wie
       der Bürgerkrieg  des fünfzehnten  Jahrhunderts mit einem Aufstand
       gegen die  Kamarilla begann,  zu jener  Zeit personifiziert durch
       den Marquis  von Villena,  und so  begann auch die Revolution von
       1854 mit  einer Empörung  gegen die  Kamarilla, die in der Person
       des Grafen San Luis verkörpert ist.
       Trotz dieser  stets wiederkehrenden  Aufstände hat  es in Spanien
       bis in  das jetzige Jahrhundert keine ernsthafte Revolution gege-
       ben, abgesehen  von dem  Krieg der  Heiligen Junta [216] zur Zeit
       Carlos' I.  oder Karls  V., wie ihn die Deutschen nennen. Den un-
       mittelbaren Vorwand  lieferte, wie  gewöhnlich, eine  Clique, die
       unter dem  Schutz des  Vizekönigs Kardinal  Adrian, eines Flamen,
       die Kastilianer  durch ihre habgierige Frechheit zur Verzweiflung
       brachte, indem  sie öffentliche  Ämter an die Meistbietenden ver-
       kaufte und  offenen Schacher mit Gerichtsprozessen trieb. Die Op-
       position gegen  die flämische  Kamarilla berührte  jedoch nur die
       Oberfläche der  Bewegung. Was  ihr zugrunde lag, das war die Ver-
       teidigung der Freiheiten des mittelalterlichen Spaniens gegen die
       Übergriffe des modernen Absolutismus.
       Die materielle  Basis der spanischen Monarchie war durch die Ver-
       einigung von Aragonien, Kastilien und Granada unter Ferdinand dem
       Katholischen
       
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       Titelblatt eines  der Hefte  von Karl  Marx mit  Auszügen zur Ge-
       schichte Spaniens [217]
       
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       #437# Das revolutionäre Spanien - I
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       und Isabella  I. gelegt worden. Diese noch feudale Monarchie ver-
       suchte Karl  I. in  eine  absolute  umzuwandeln.  Er  attackierte
       gleichzeitig die beiden Stützpfeiler der spanischen Freiheit, die
       Cortes und die Ayuntamientos [218] - die ersteren sind eine Modi-
       fikation der  alten gotischen  Concilia, die  letzteren, die eine
       Mischung des erblichen und wählbaren Charakters der römischen Mu-
       nizipalitäten darstellen,  bestanden fast ohne Unterbrechung seit
       den Zeiten  der Römer.  Im Hinblick auf die städtische Selbstver-
       waltung weisen  die Städte  Italiens, der Provence, Nordgalliens,
       Großbritanniens und  eines Teils  von Deutschland eine unverkenn-
       bare Ähnlichkeit  mit dem damaligen Zustand der spanischen Städte
       auf. Mit  den spanischen Cortes aber kann man weder die französi-
       schen Generalstände  noch die britischen Parlamente des Mittelal-
       ters vergleichen.  Die Bildung des spanischen Königreichs vollzog
       sich unter  Bedingungen, die  für die  Begrenzung der königlichen
       Machtsphäre besonders  günstig waren.  Einerseits  wurden  kleine
       Teile der  Halbinsel zu einer Zeit wiedererobert und in selbstän-
       dige Königreiche verwandelt, als noch die langwierigen Kämpfe mit
       den Arabern tobten. In diesen Kämpfen entstanden neue Volkssitten
       und Gesetze.  Die einander  folgenden Eroberungen, die hauptsäch-
       lich von  den Adligen gemacht wurden, erhöhten deren Macht außer-
       ordentlich, während sie die königliche Machtsphäre einschränkten.
       Andrerseits erlangten die Städte und Gemeinden im Innern des Lan-
       des immer größere Bedeutung, denn die Menschen sahen sich gezwun-
       gen, in  befestigten Plätzen beisammenzuwohnen, um sich gegen die
       fortgesetzten Einfälle  der Mauren zu schützen. Die günstige Form
       einer Halbinsel, die das Land besitzt, wie auch der stete Verkehr
       mit der  Provence und Italien schufen wiederum hervorragende Han-
       dels- und Hafenstädte an der Küste. Schon im vierzehnten Jahrhun-
       dert bildeten  die Städte den mächtigsten Bestandteil der Cortes,
       die sich aus ihren Repräsentanten und aus denen der Geistlichkeit
       und des  Adels zusammensetzten.  Auch darf  man nicht  außer acht
       lassen, daß  die langsame  Überwindung der maurischen Herrschaft,
       die einen  achthundert Jahre  dauernden hartnäckigen Kampf erfor-
       derte, der Halbinsel nach ihrer vollen Emanzipation einen Charak-
       ter verlieh,  der von  dem des  übrigen Europa der damaligen Zeit
       gänzlich verschieden  war; im Norden Spaniens herrschten zur Zeit
       der europäischen  Renaissance die  Sitten und Gebräuche der Goten
       und Vandalen und im Süden die der Araber.
       Als Karl  I. aus  Deutschland zurückgekehrt  war, wo  man ihm die
       Kaiserwürde verliehen hatte, versammelten sich die Cortes in Val-
       ladolid, um seinen Eid auf die alten Gesetze entgegenzunehmen und
       ihn mit  der Krone  zu belehnen. Karl weigerte sich zu erscheinen
       und sandte Bevollmächtigte, die,
       
       #438# Karl Marx
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       wie er  forderte, von den Cortes den Untertaneneid entgegenzuneh-
       men hätten.  Die Cortes  weigerten sich, die Bevollmächtigten vor
       sich erscheinen  zu lassen, und bedeuteten dem Monarchen, daß er,
       wenn er  nicht erschiene  und auf die Landesgesetze schwöre, nie-
       mals als  König von Spanien anerkannt werden würde. Karl gab dar-
       aufhin nach;  er erschien vor den Cortes und schwor den Eid - wie
       die Geschichtsschreiber  berichten, sehr unwillig. Bei dieser Ge-
       legenheit sagten ihm die Cortes: "Señor, Ihr müßt wissen, daß der
       König bloß  der bezahlte  Diener der Nation ist." Das war der Be-
       ginn der  Feindseligkeiten zwischen  Karl I. und den Städten. In-
       folge seiner  Intrigen brachen  in Kastilien zahlreiche Aufstände
       aus, die  Heilige Junta  von Avila wurde gebildet, und die verei-
       nigten Städte  beriefen die Versammlung der Cortes nach Tordesil-
       las ein,  von wo  aus am  20. Oktober 1520 ein "Protest gegen die
       Mißbräuche" an  den König gerichtet wurde, der diesen Protest da-
       mit beantwortete,  daß er  alle in Tordesillas versammelten Abge-
       sandten ihrer persönlichen Rechte beraubte. Damit war der Bürger-
       krieg unvermeidlich  geworden. Die  Bürger riefen  zu den Waffen,
       und ihre  Soldaten bemächtigten  sich unter  Padillas Führung der
       Festung Torrelobaton; sie wurden aber schließlich durch überlege-
       nere Kräfte  in der  Schlacht von Villalar am 23. April 1521 ent-
       scheidend geschlagen.  Die Häupter  der vornehmsten "Verschwörer"
       fielen auf  dem Schafott,  und die alten Freiheiten Spaniens ver-
       schwanden.
       Mehrere Umstände  vereinigten sich zugunsten der wachsenden Macht
       des Absolutismus. Der Mangel an Einigkeit unter den verschiedenen
       Provinzen zersplitterte  ihre Kräfte;  vor allem aber nützte Karl
       den tiefen  Klassengegensatz zwischen  Adel und Stadtbürgern dazu
       aus, sie beide niederzudrücken. Wir erwähnten schon, daß seit dem
       vierzehnten Jahrhundert der Einfluß der Städte in den Cortes vor-
       herrschte. Seit  Ferdinand dem  Katholischen war die Heilige Bru-
       derschaft (Santa  Hermandad) [219]  ein mächtiges Werkzeug in den
       Händen der  Städte gegen  die kastilischen  Adligen geworden, die
       die  Städte   der  Übergriffe  auf  ihre  alten  Privilegien  und
       Rechtstitel anklagten. Der Adel brannte deshalb darauf, Carlos I.
       bei seinem  Vorhaben beizustehen, die Heilige Junta zu unterdrüc-
       ken. Nachdem  er den  bewaffneten Widerstand der Städte gebrochen
       hatte, ging  Carlos daran,  ihre städtischen  Privilegien  einzu-
       schränken; die  Städte verloren  schnell an Bevölkerung, Reichtum
       und Bedeutung  und gingen daher auch bald ihres Einflusses in den
       Cortes verlustig. Jetzt wandte sich Carlos gegen die Adligen, die
       ihm geholfen  hatten, die Freiheiten der Städte zu zerstören, die
       aber selbst  noch großen  politischen Einfluß behielten. Meuterei
       in seiner  Armee wegen  rückständiger Löhnung zwang ihn 1539, die
       Cortes einzuberufen, um Gelder bewilligt zu
       
       #439# Das revolutionäre Spanien - I
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       erhalten. Die  Cortes, darüber  empört, daß frühere Bewilligungen
       zu Zwecken  verwendet worden waren, die mit spanischen Interessen
       nichts zu  tun hatten, verweigerten alle Hilfsmittel. Carlos ent-
       ließ sie  in heller  Wut, und da die Adligen auf dem Privileg der
       Steuerfreiheit bestanden  hatten, erklärte er, alle, die ein sol-
       ches Vorrecht  für sich beanspruchten, hätten das Recht verwirkt,
       in den  Cortes zu  erscheinen, und  schloß sie  infolgedessen von
       dieser Versammlung  aus. Das  bedeutete für die Cortes den Todes-
       stoß, und  ihre Zusammenkünfte  waren von nun an auf die Ausübung
       einer bloßen  Hofzeremonie beschränkt. Das dritte Element der al-
       ten Institution  der Cortes,  die Geistlichkeit,  hatte sich seit
       Ferdinand dem Katholischen um das Banner der Inquisition geschart
       und längst  aufgehört, seine  Interessen mit  denen des  feudalen
       Spaniens zu  identifizieren. Durch die Inquisition war die Kirche
       vielmehr in  das furchtbarste  Werkzeug des Absolutismus umgewan-
       delt worden.
       Wenn nach  der Regierung  Carlos'  I.  Spaniens  politischer  und
       gesellschaftlicher Niedergang  alle Symptome  jener  unrühmlichen
       und langwierigen Fäulnis aufwies, die uns in den schlimmsten Zei-
       ten des  Türkischen Reichs  so sehr  abstößt, so  waren unter dem
       Kaiser die  alten Freiheiten wenigstens glanzvoll zu Grabe getra-
       gen worden.  Dies war  die Zeit,  da Vasco Nuñez de Balboa an der
       Küste von Darien, Cortez in Mexiko und Pizarro in Peru das Banner
       Kastiliens aufpflanzten,  da spanischer  Einfluß in  ganz  Europa
       vorherrschend war  und ihre südliche Phantasie den Iberern Visio-
       nen von Eldorados, ritterlichen Abenteuern und Weltmonarchie vor-
       gaukelte. Damals  verschwand die spanische Freiheit unter Waffen-
       geklirr, unter  einem wahren  Goldregen  und  beim  schrecklichen
       Schein der Autodafés.
       Wie aber  können wir  uns das  sonderbare Phänomen  erklären, daß
       nach einer fast dreihundertjährigen Herrschaft der habsburgischen
       Dynastie, der  noch die Dynastie der Bourbonen folgte - von denen
       jede einzelne  genügt hätte, ein Volk zugrunde zu richten -, den-
       noch die  städtischen Freiheiten  Spaniens mehr oder weniger noch
       vorhanden waren?  Daß gerade  in dem  Land, wo  vor allen anderen
       Feudalstaaten die absolute Monarchie in ihrer brutalsten Form zu-
       erst entstand, sich die Zentralisation niemals einwurzeln konnte?
       Die Antwort  ist nicht schwer. Überall bildeten sich im sechzehn-
       ten Jahrhundert  die großen Monarchien auf den Trümmern der kämp-
       fenden feudalen  Klassen: der Aristokratie und der Städte. In den
       anderen großen  Staaten Europas  tritt jedoch die absolute Monar-
       chie als  ein zivilisierendes  Zentrum, als  der Urheber  gesell-
       schaftlicher Einheit  auf. Dort  war sie das Laboratorium, in dem
       die verschiedenen Elemente der Gesellschaft so gemischt und bear-
       beitet wurden, daß es den Städten möglich wurde, ihre
       
       #440# Karl Marx
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       lokale Unabhängigkeit  und Selbständigkeit des Mittelalters gegen
       die allgemeine  Herrschaft der  Bourgeoisie und gegen die gemein-
       same Herrschaft  der bürgerlichen  Gesellschaft einzutauschen. Im
       Gegensatz dazu  versank jedoch in Spanien die Aristokratie in die
       tiefste Erniedrigung,  ohne ihre  schlimmsten Privilegien zu ver-
       lieren, während die Städte ihre mittelalterliche Macht einbüßten,
       ohne moderne Bedeutung zu gewinnen.
       Seit der  Errichtung  der  absoluten  Monarchie  vegetierten  die
       Städte in einem Zustand andauernden Verfalls. Es ist nicht unsere
       Sache, hier die politischen oder ökonomischen Verhältnisse zu er-
       örtern, die  den Handel,  die Industrie,  die Schiffahrt  und die
       Landwirtschaft Spaniens  zugrunde  richteten.  Für  den  jetzigen
       Zweck genügt  es, auf  diese Tatsache einfach hinzuweisen. In dem
       Maße, wie  das kommerzielle und industrielle Leben der Städte ab-
       nahm, wurde  der Austausch  im Inland  geringer, der Verkehr zwi-
       schen den  Bewohnern der  einzelnen Provinzen  spärlicher, wurden
       die Verkehrsmittel vernachlässigt, und die großen Straßen veröde-
       ten allmählich.  Das lokale  Leben Spaniens,  die  Unabhängigkeit
       seiner Provinzen  und Gemeinden,  die mannigfaltigen Unterschiede
       der Gesellschaft  - die  ursprünglich auf der natürlichen Gestal-
       tung des  Landes beruhte  und die sich historisch je nach der Art
       entwickelt hatte, wie sich die einzelnen Provinzen von der mauri-
       schen Herrschaft  emanzipiert und  kleine unabhängige Gemeinwesen
       gebildet hatten  - wurden  nun schließlich  durch die ökonomische
       Umwälzung bestärkt und bekräftigt, die die Quellen nationaler Tä-
       tigkeit austrocknete.  Die absolute Monarchie, die in Spanien ein
       Material vorfand, das seiner ganzen Natur nach der Zentralisation
       widerstrebte, tat  denn auch alles, was in ihrer Macht stand, das
       Wachstum gemeinsamer  Interessen - wie sie die nationale Arbeits-
       teilung und die Vielfältigkeit des Inlandsverkehrs mit sich brin-
       gen -  zu verhindern,  und zerstörte so die Basis, auf der allein
       ein einheitliches Verwaltungssystem und eine allgemeine Gesetzge-
       bung geschaffen  werden kann. Daher ist die absolute Monarchie in
       Spanien eher  auf eine Stufe mit asiatischen Herrschaftsformen zu
       stellen, als  mit anderen  absoluten Monarchien in Europa zu ver-
       gleichen, mit denen sie nur geringe Ähnlichkeit aufweist. Spanien
       blieb, wie  die Türkei,  ein Konglomerat schlechtverwalteter Pro-
       vinzen mit  einem nominellen  Herrscher an  der  Spitze.  In  den
       verschiedenen Provinzen  nahm der Despotismus verschiedene Formen
       an, entsprechend  der verschiedenen Art, in der königliche Statt-
       halter und  Gouverneure die  allgemeinen Gesetze willkürlich aus-
       legten. So  despotisch aber die Regierung war, so verhinderte sie
       doch die einzelnen Provinzen nicht, mit verschiedenartigen Geset-
       zen und Gebräuchen, verschiedenartigen Münzen, militärischen Fah-
       nen von verschiedenen Farben und verschiedenartigen
       
       #441# Das revolutionäre Spanien - I
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       Steuersystemen zu operieren. Der orientalische Despotismus wendet
       sich gegen die munizipale Selbstregierung nur dann, wenn sie sei-
       nen unmittelbaren  Interessen zuwiderläuft,  ist aber  nur zu ge-
       neigt, die  Fortexistenz dieser  Einrichtungen zu  gestatten, so-
       lange diese  ihm die  Pflicht abnehmen,  selbst etwas zu tun, und
       ihm die Mühen einer geordneten Verwaltung ersparen.
       So konnte  es geschehen,  daß Napoleon,  der gleich  allen seinen
       Zeitgenossen in  Spanien nichts  als einen leblosen Leichnam sah,
       höchst peinlich  überrascht wurde,  als er  die Entdeckung machen
       mußte, daß  wohl der  spanische Staat tot sei, aber die spanische
       Gesellschaft voll  gesunden Lebens stecke und in allen ihren Tei-
       len von Widerstandskraft strotze. Gemäß dem Vertrag von Fontaine-
       bleau hatte Napoleon seine Truppen nach Madrid dirigiert; nachdem
       er die  königliche Familie  zu einer Unterredung nach Bayonne ge-
       lockt, hatte  er Carlos  IV. gezwungen,  seine Abdankung  zurück-
       zunehmen, damit  ihm dieser  dann sein  Reich abtreten könne; von
       Ferdinand VII.  hatte er eine ähnliche Erklärung erpreßt. Als nun
       Carlos IV.,  seine Gemahlin  und der Friedensfürst nach Compiègne
       gebracht worden  und Ferdinand  VII. mit seinen Brüdern im Schloß
       von Valençay  gefangengesetzt war,  übertrug Bonaparte  die Krone
       von Spanien  seinem Bruder  Joseph, versammelte  in Bayonne  eine
       spanische Junta  und versah sie mit einer seiner bereitgehaltenen
       Konstitutionen [220].  Da er  in der  spanischen Monarchie  sonst
       nichts Lebendiges  sah als  die elende Dynastie, die er unter si-
       cherem Verschluß hielt, so fühlte er sich bei dieser Konfiskation
       Spaniens seiner  Sache ganz  sicher. Nur  wenige Tage jedoch nach
       seinem coup de main 1*) bekam er die Nachricht von einem Aufstand
       in Madrid.  Murat unterdrückte zwar diesen Aufruhr, indem er etwa
       1000 Menschen tötete. Als sich aber die Nachricht von dieser Met-
       zelei verbreitete,  brach in  Asturien der Aufstand los, der bald
       die ganze  Monarchie ergriff.  Bemerkenswert ist, daß diese erste
       spontane Erhebung im Volke entstand, während die "besseren" Klas-
       sen sich ruhig dem fremden Joch gebeugt hatten.
       In dieser  Weise wurde  also Spanien für seine jüngste revolutio-
       näre Laufbahn  vorbereitet und in die Kämpfe hineingetrieben, die
       für seine  Entwicklung in  diesem Jahrhundert  bezeichnend  sind.
       Kurz und  bündig haben  wir hier die Tatsachen und Einflüsse ver-
       zeichnet, die  noch heute  seine Geschicke  bestimmen und die Im-
       pulse seines  Volkes leiten.  Wir haben  jedoch nicht nur auf sie
       hingewiesen, weil  sie zum  Verständnis der  heutigen Krisis not-
       wendig sind,  sondern auch zum Verständnis alles dessen, was Spa-
       nien seit der napoleonischen Usurpation leistete und litt. Dieser
       Zeitraum von nun
       -----
       1*) Handstreich
       
       #442# Karl Marx
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       bald fünfzig  Jahren - reich an tragischen Episoden und heldenmü-
       tigen Anstrengungen - ist eines der ergreifendsten und lehrreich-
       sten Kapitel der modernen Weltgeschichte. [221]
       
       II
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4192 vom 25. September 1854]
       Wir haben unseren Lesern eine Darstellung der früheren revolutio-
       nären Geschichte Spaniens gegeben, damit sie die Entwicklung, die
       diese Nation  jetzt vor  den Augen der Welt durchmacht, verstehen
       und würdigen  können. Noch  interessanter und  vielleicht  ebenso
       wertvoll als  Quelle zur  augenblicklichen  Information  ist  die
       große nationale  Bewegung, die die Vertreibung der Bonapartes be-
       gleitete und  durch die  die spanische  Krone jener  Familie  zu-
       rückerstattet wurde, in deren Besitz sie noch heute ist. Will man
       aber diese  Bewegung voll würdigen, die so reich an heldenmütigen
       Episoden ist und in der ein Volk, das man schon sterbend glaubte,
       die größte Lebenskraft entwickelte, so muß man bis zum Beginn des
       napoleonischen Angriffs auf die spanische Nation zurückgehen. Der
       wirkliche Grund  der Vorgänge wurde vielleicht zum ersten Male im
       Vertrag von  Tilsit dargelegt,  der am 7. Juli 1807 abgeschlossen
       wurde und  der durch  eine Geheimkonvention  ergänzt worden  sein
       soll, die  Fürst Kurakin und Talleyrand unterzeichneten. Der Ver-
       trag wurde am 25. August 1812 in der Madrider "Gazeta" veröffent-
       licht und enthielt unter anderem folgende Abmachungen:
       
       "Artikel I.  Rußland soll  von der europäischen Türkei Besitz er-
       greifen und  seinen Besitz in Asien so weit ausdehnen, als es für
       gut befindet.
       Artikel II.  Die Dynastie  der Bourbonen  in Spanien und das Haus
       Braganza in  Portugal hören  auf zu  regieren. Die  Kronen dieser
       Länder werden auf Fürsten des Hauses Bonaparte übergehen."
       
       Angenommen also,  dieser Vertrag  ist  authentisch  -  und  seine
       Authentizität wird kaum bestritten, nicht einmal von König Joseph
       Bonaparte in seinen jüngst veröffentlichten Memoiren -, so bildet
       er den  wahren Grund  der französischen  Invasion in  Spanien  im
       Jahre 1808,  und die  spanischen Erhebungen  jener Zeit  scheinen
       durch geheime Fäden an die Schicksale der Türkei geknüpft.
       Als nach  dem Massaker in Madrid und den Verhandlungen in Bayonne
       gleichzeitig in  Asturien, Galicien, Andalusien und Valencia Auf-
       stände ausbrachen
       
       #443# Das revolutionäre Spanien - II
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       und eine  französische Armee  Madrid okkupierte,  waren die  vier
       nördlichen Festungen Pamplona, San Sebastian, Figueras und Barce-
       lona von  Bonaparte unter fadenscheinigen Vorwänden in Besitz ge-
       nommen worden;  ein Teil  der spanischen Armee war nach der Insel
       Fünen verschickt  worden, um gegen Schweden vorzugehen; alle ein-
       gesetzten Behörden  endlich, militärische, kirchliche, gerichtli-
       che und  administrative, im Verein mit der Aristokratie ermahnten
       das Volk,  sich dem  fremden Eindringling zu unterwerfen. Das war
       jedoch ein  Umstand, der  alle Schwierigkeiten der Situation auf-
       wog. Dank  Napoleon war  das Land  seinen König, seine königliche
       Familie und  seine Regierung  losgeworden. So  waren die  Fesseln
       zerbrochen, die  sonst vielleicht das spanische Volk daran gehin-
       dert hätten,  seine ihm  angeborene Kraft zu entfalten. Wie wenig
       es unter der Herrschaft seiner Könige und unter gewöhnlichen Ver-
       hältnissen imstande gewesen, den Franzosen Widerstand zu leisten,
       das hatte  sich in  den schmählichen  Feldzügen von 1794 und 1795
       gezeigt. [222]
       Napoleon hatte die hervorragendsten Persönlichkeiten Spaniens be-
       rufen, damit sie in Bayonne mit ihm zusammenträfen und aus seinen
       Händen einen König und eine Konstitution entgegennähmen. Mit sehr
       wenigen Ausnahmen  erschienen sie alle dort. Am 7. Juni 1808 emp-
       fing König Joseph in Bayonne eine Deputation der Granden von Spa-
       nien, in  deren Namen  der Herzog  von  Infantado,  der  intimste
       Freund Ferdinands VII., ihn folgendermaßen ansprach:
       
       "Sire, die  Granden von Spanien sind jederzeit ob ihrer Loyalität
       gegen ihren Souverän berühmt gewesen, und auch Eure Majestät wird
       bei ihnen dieselbe Treue und Anhänglichkeit finden."
       
       Die Königliche  Ratskammer von Kastilien gab dem armen Joseph die
       Versicherung, "er  sei der hervorragendste Abkömmling einer Fami-
       lie, die vom Himmel zum Herrschen bestimmt sei". Nicht minder de-
       mütig lautete  die Huldigung,  die der  Herzog del  Parque an der
       Spitze einer  Deputation darbrachte,  die die  Armee vertrat.  Am
       nächsten Tage veröffentlichten dieselben Leute eine Proklamation,
       in der  sie allgemeine  Unterwerfung unter die Dynastie Bonaparte
       forderten. Am  7. Juli  1808 wurde  die neue  Konstitution von 91
       Spaniern aus  den allerhöchsten  Kreisen unterzeichnet;  darunter
       waren Herzoge, Grafen, Marquis und mehrere Häupter religiöser Or-
       den. Bei  den Diskussionen über die Konstitution war die Abschaf-
       fung ihrer alten Privilegien und Steuerbefreiungen alles, was sie
       zu beanstanden hatten. Das erste Ministerium und der erste könig-
       liche Hofstaat  Josephs bestand aus denselben Personen, die Mini-
       sterium und Hofstaat Ferdinands VII.
       
       #444# Karl Marx
       -----
       gebildet hatten. Einige Vertreter der oberen Klassen betrachteten
       Napoleon als  den von der Vorsehung gesandten Erneuerer Spaniens,
       andere wieder sahen in ihm das einzige Bollwerk gegen die Revolu-
       tion; niemand  glaubte an die Möglichkeit eines nationalen Wider-
       standes.
       Von Anfang  an hatten also im Spanischen Unabhängigkeitskrieg der
       hohe Adel  und die  alte Verwaltung  ihre ganze Gewalt über Bour-
       geoisie und Volk eingebüßt, denn schon zu Beginn des Kampfes hat-
       ten sie  sie im  Stich gelassen.  Auf der einen Seite standen die
       Afrancesados (die  Franzosenfreunde), und  auf der  anderen stand
       die Nation.  In Valladolid,  Cartagena, Granada, Jaén, San Lucar,
       Carolina, Ciudad  Rodrigo, Cadiz  und Valencia  fielen die bedeu-
       tendsten Mitglieder  der alten Verwaltung - Gouverneure, Generale
       und andere  hervorragende Persönlichkeiten,  die als französische
       Agenten und  Hindernisse für  die nationale Bewegung galten - der
       Volkswut zum Opfer. Überall wurden die bestehenden Behörden abge-
       setzt. Schon  mehrere Monate  vor der  Erhebung vom 19. März 1808
       hatten die  Volksbewegungen, die in Madrid stattfanden, es darauf
       abgesehen, El  Chorizero  (den  Wurstmacher,  ein  Spitzname  für
       Godoy) und seine verhaßten Spießgesellen von ihren Posten zu ent-
       fernen. Dieses  Ziel wurde  jetzt im nationalen Maßstab erreicht,
       und damit war die innere Revolution vollendet, soweit sie von den
       Massen beabsichtigt  und nicht  mit Widerstand  gegen den fremden
       Eindringling verbunden  war. Im  ganzen schien  die Bewegung mehr
       eine   k o n t e r r e v o l u t i o n ä r e   zu sein  als  eine
       r e v o l u t i o n ä r e.  National, weil sie die Unabhängigkeit
       Spaniens von  Frankreich proklamierte, war sie gleichzeitig dyna-
       stisch, da  sie den  "geliebten" Ferdinand  VII. Joseph Bonaparte
       entgegenstellte, war sie reaktionär, da sie die alten Einrichtun-
       gen, Gewohnheiten  und Gesetze  den rationellen  Neuerungen Napo-
       leons entgegensetzte,  war sie  abergläubisch und fanatisch, denn
       sie verfocht  die "heilige Religion" gegenüber dem, was französi-
       scher Atheismus  hieß oder Beseitigung der besonderen Privilegien
       der römischen Kirche. Die Priester, die durch das Schicksal ihrer
       Brüder in  Frankreich erschreckt  waren, nährten im Interesse der
       Selbsterhaltung noch die Volksleidenschaften.
       
       "Das patriotische  Feuer", sagt  Southey, "flammte noch höher auf
       unter dem Einfluß des heiligen Öles des Aberglaubens."
       
       Alle gegen  Frankreich geführten Unabhängigkeitskriege tragen den
       gemeinsamen Stempel  einer Regeneration,  die sich  mit  Reaktion
       paart; nirgends  aber in  solchem Maße  wie in Spanien. Der König
       erschien der  Phantasie des  Volkes im  Lichte eines romantischen
       Prinzen, den  ein gigantischer Räuber schimpflich mißhandelte und
       gefangenhielt. Die eindrucksvollsten und volkstümlichsten
       
       #445# Das revolutionäre Spanien - II
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       Epochen der  Vergangenheit wurden mit den geheiligten und wunder-
       samen Traditionen der Kreuzzüge gegen den Halbmond verknüpft; und
       ein großer  Teil der  niederen Klassen  war es gewohnt, die Kutte
       der Bettelmönche zu tragen und auf Kosten des Kirchenvermögens zu
       leben. Ein  spanischer Schriftsteller,  Don Josef Clémente Carni-
       cero, veröffentlichte  1814 und 1816 folgende Reihe von Arbeiten:
       "Napoleon, der wahre Don Quixote Europas", "Die hauptsächlichsten
       Ereignisse der  glorreichen Revolution  Spaniens", "Die rechtlich
       wiedereingesetzte Inquisition".  Es genügt,  auf die Titel dieser
       Bücher hinzuweisen, um diese einseitige Auffassung der spanischen
       Revolution zu  begreifen, die uns auch in den verschiedenen Mani-
       festen der  Provinzialjuntas entgegentritt,  die sämtlich für den
       König, die  heilige Religion  und das Vaterland eintreten und von
       denen einige dem Volke sogar verkünden, daß "seine Hoffnungen auf
       eine bessere  Welt auf  dem Spiele stünden und in höchster Gefahr
       seien".
       Wenn nun aber auch die Bauernschaft, die Bewohner der Kleinstädte
       im Innern  des Landes  und die  zahlreiche Armee der Bettelmönche
       mit und  ohne Mönchskutten,  die alle  von religiösen und politi-
       schen Vorurteilen tief durchdrungen waren, die große Mehrheit der
       nationalen Partei  bildeten, so enthielt sie doch auf der anderen
       Seite eine rührige und einflußreiche Minderheit, die die Volkser-
       hebung gegen die französische Invasion als das Signal zur politi-
       schen und sozialen Erneuerung Spaniens betrachtete. Diese Minder-
       heit setzte  sich aus  den Bewohnern der Hafen- und Handelsstädte
       und einem Teil der Provinzhauptstädte zusammen, wo sich unter der
       Regierung Karls  V. die  materiellen Bedingungen der modernen Ge-
       sellschaft bis  zu einem  gewissen Grade  entwickelt hatten.  Sie
       wurde verstärkt  durch den  gebildeteren Teil  der oberen Klassen
       und der Bourgeoisie, Schriftsteller, Ärzte, Rechtsanwälte und so-
       gar Priester, für die die Pyrenäen keine genügende Barriere gegen
       das Eindringen der Philosophie des 18. Jahrhunderts gebildet hat-
       ten. Als  das wahre  Programm dieser Partei kann man das berühmte
       Memorandum Jovellanos'  über die  Verbesserung der Landwirtschaft
       und das Agrargesetz ansehen, das 1795 erschien und auf Befehl des
       Königlichen Rats  von Kastilien  abgefaßt worden war. Schließlich
       war da  noch die  Bourgeoisjugend, zum Beispiel die Universitäts-
       studenten, die  die Bestrebungen und Grundsätze der Französischen
       Revolution mit  glühendem Eifer in sich aufgenommen und einen Mo-
       ment sogar erwartet hatten, ihr Vaterland durch Frankreichs Hilfe
       Wiederaufleben zu sehen.
       Solange es sich nur um die gemeinsame Verteidigung des Vaterlands
       handelte, blieben  die beiden großen Elemente der nationalen Par-
       tei vollkommen einig. Ihre Gegnerschaft trat erst zutage, als sie
       sich in den Cortes
       
       #446# Karl Marx
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       begegneten, auf  dem Kampfplatz, wo die neue Konstitution entwor-
       fen werden sollte. Die revolutionäre Minderheit hatte, um den pa-
       triotischen Geist des Volkes zu nähren, ihrerseits keine Bedenken
       getragen, an die nationalen Vorurteile des alten Volksglaubens zu
       appellieren. So  günstig nun  diese Taktik  für die unmittelbaren
       Zwecke des  nationalen Widerstands  erschienen  sein  mochte,  so
       mußte sie  doch für  diese Minderheit  verhängnisvoll werden, als
       die Zeit  gekommen war, wo die konservativen Interessen der alten
       Gesellschaft sich hinter eben diesen Vorurteilen und Volksleiden-
       schaften verschanzten,  um sich gegen die eigentlichen und weite-
       ren Pläne der Revolutionäre zu verteidigen.
       Als Ferdinand, der Aufforderung Napoleons gehorchend, Madrid ver-
       ließ, hatte  er eine oberste Regierungsjunta unter der Präsident-
       schaft des Infanten Don Antonio eingesetzt. Aber schon im Mai war
       diese Junta verschwunden. Eine Zentralregierung gab es nicht, und
       die aufrührerischen  Städte bildeten ihre eigenen Juntas, die von
       denen der  Provinzhauptstädte geleitet  wurden. Diese Provinzial-
       juntas bildeten  also ebenso  viele unabhängige  Regierungen, von
       denen jede eine Armee auf die Füße stellte. Die Junta der Vertre-
       ter von  Oviedo erklärte, daß sie in den Besitz der vollen Souve-
       ränität gelangt  sei, proklamierte  den Krieg gegen Bonaparte und
       schickte Abgesandte  nach England,  um einen  Waffenstillstand zu
       schließen. Dasselbe tat später die Junta von Sevilla. Es ist eine
       merkwürdige Erscheinung,  daß diese  fanatischen Katholiken durch
       die bloße  Gewalt der  Tatsachen zu einem Bündnis mit England ge-
       drängt wurden, einer Macht, auf die die Spanier sonst als auf die
       Inkarnation der  verdammenswertesten Ketzerei  herabsahen und die
       sie nicht  viel höher einschätzten als den Großtürken selber. Be-
       drängt vom  französischen Atheismus, flüchteten sie jedoch in die
       Arme des  englischen Protestantismus. Kein Wunder daher, daß Fer-
       dinand VII.  bei seiner Rückkehr nach Spanien in einem Dekret zur
       Wiederherstellung der  Heiligen Inquisition  erklärte, daß  einer
       der Gründe,
       
       "der die Reinheit der Religion in Spanien beeinträchtigt habe, in
       dem Aufenthalt fremder Truppen von verschiedenen Sekten zu suchen
       sei, die  alle von  dem gleichen  Haß gegen  die heilige römische
       Kirche beseelt seien".
       
       Die so  plötzlich und  völlig unabhängig voneinander entstandenen
       Provinzialjuntas billigten  der obersten  Junta von  Sevilla eine
       gewisse, wenn auch nur sehr geringe und unbestimmte Autorität zu;
       denn Sevilla  wurde als  Hauptstadt Spaniens  betrachtet, solange
       Madrid sich  in den  Händen der  Fremden befand, So entstand eine
       Art sehr anarchischer Bundesregierung, die durch das Aufeinander-
       prallen gegensätzlicher Interessen, lokaler Eifersüchteleien
       
       #447# Das revolutionäre Spanien - II
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       und rivalisierender Einflüsse zu einem recht untauglichen Instru-
       ment wurde,  um Einheitlichkeit in die militärische Befehlsgewalt
       zu bringen und die Operationen eines Feldzugs zu koordinieren.
       Die Proklamationen,  die diese  verschiedenen Juntas  an das Volk
       erließen, waren wohl alle von dem heldenmütigen Geist eines Volks
       erfüllt, das  plötzlich aus  langer Lethargie  erweckt und  durch
       einen elektrischen Schlag in einen Zustand fieberhafter Tätigkeit
       versetzt ward,  waren aber doch nicht frei von jener schwulstigen
       Übertreibung, jenem  Stil, gemischt aus Windbeutelei und Bombast,
       und jener  hochtönenden Großsprecherei, die Sismondi veranlaßten,
       der spanischen Literatur den Beinamen einer orientalischen zu ge-
       ben. Auch  die  kindische  Eitelkeit  des  spanischen  Charakters
       drückte sich  in ihnen aus; die Mitglieder der Juntas legten sich
       zum Beispiel den Titel Hoheit bei und überluden sich mit prunken-
       den Uniformen.
       Zweierlei beobachteten  wir bei  diesen Juntas: erstens das nied-
       rige Niveau  des Volks zur Zeit seiner Erhebung, zweitens die da-
       durch hervorgerufene  schädliche Rückwirkung  auf den Fortschritt
       der Revolution.  Die Juntas waren durch das allgemeine Stimmrecht
       gewählt; aber  "die unteren  Klassen betätigten sogar ihren frei-
       heitlichen Drang nur in unterwürfiger Weise". Sie wählten gewöhn-
       lich nur  ihre natürlichen Vorgesetzten, den höheren und niederen
       Adel der  Provinz, hinter denen die Geistlichkeit und sehr wenige
       Notabilitäten aus der Bourgeoisie standen. Das Volk war sich sei-
       ner eigenen Schwäche so sehr bewußt, daß es seine Initiative dar-
       auf beschränkte,  die höheren  Klassen zum  Widerstand gegen  den
       Eindringling zu  zwingen, ohne  daran zu  denken, an  der Leitung
       dieses Widerstandes teilzunehmen. In Sevilla zum Beispiel "dachte
       das Volk  zuerst daran,  daß sich  die Pfarrgeistlichkeit und die
       Klostervorsteher zusammentun sollten, um die Mitglieder der Junta
       zu wählen".  So wurden  die Juntas  mit Leuten  gefüllt, die  auf
       Grund ihrer früheren Stellung gewählt und weit davon entfernt wa-
       ren, revolutionäre  Führer zu  sein. Andrerseits  dachte das Volk
       bei der  Ernennung dieser Behörden weder daran, ihre Macht zu be-
       schränken noch der Dauer derselben ein bestimmtes Ziel zu setzen.
       Die Juntas  wieder dachten  selbstverständlich nur daran, die er-
       stere auszudehnen  und die  letztere zu  verlängern. So  erwiesen
       sich diese  beim Beginn der Revolution ins Leben gerufenen ersten
       Schöpfungen des  Volksimpulses während  deren  ganzer  Dauer  als
       ebenso viele  Dämme, die  sich der revolutionären Strömung entge-
       genstellten, wenn sie überzufließen drohte.
       Am 20.  Juli 1808,  als Joseph Bonaparte in Madrid einzog, wurden
       bei Baylen  14 000 Franzosen unter den Generalen Dupont und Vedel
       von Castaños  gezwungen, ihre  Waffen niederzulegen,  und  Joseph
       mußte sich einige
       
       #448# Karl Marx
       -----
       Tage später von Madrid nach Burgos zurückziehen. Noch zwei andere
       Ereignisse waren  geeignet, den  Mut der  Spanier aufs höchste zu
       steigern: erstens  die Vertreibung  Lefebvres aus Saragossa durch
       General Palafox  und zweitens  die Ankunft  der 7000 Mann starken
       Armee des Marquis de la Romana in La Coruña, die sich den Franzo-
       sen zum Trotz auf der Insel Fünen eingeschifft hatten, um dem be-
       drängten Vaterland zu Hilfe zu eilen.
       Nach der  Schlacht von  Baylen war  es, daß  die Revolution ihren
       Aufschwung nahm  und daß  der Teil des hohen Adels, der die Dyna-
       stie Bonaparte  akzeptiert oder sich klug im Hintergrund gehalten
       hatte, hervortrat,  um sich  der Sache  des Volks anzuschließen -
       ein höchst zweifelhafter Gewinn für diese Sache.
       
       III
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4214 vom 20. Oktober 1854]
       Die Verteilung  der Macht  unter die  einzelnen  Provinzialjuntas
       hatte Spanien  vor dem  ersten Anprall der französischen Invasion
       unter Napoleon  gerettet. Nicht nur weil sie die Hilfsquellen des
       Landes vervielfältigte, sondern weil sie es auch dem Eindringling
       unmöglich machte,  auf ein  bestimmtes  Ziel  loszuschlagen;  die
       Franzosen waren  höchst erstaunt,  daß das Zentrum des spanischen
       Widerstands überall  und nirgends  war. Nichtsdestoweniger machte
       sich, kurz  nachdem Baylen  kapituliert und Joseph Madrid geräumt
       hatte, die  Notwendigkeit, eine Art Zentralregierung zu schaffen,
       allgemein fühlbar. Nach den ersten Erfolgen waren die Uneinigkei-
       ten zwischen den Provinzialjuntas so heftig geworden, daß Sevilla
       zum Beispiel nur mit Mühe durch General Castaños davon abgehalten
       werden konnte, gegen Granada vorzurücken. Die französische Armee,
       die -  mit Ausnahme der unter Marschall Bessières stehenden Trup-
       pen -  sich in größter Verwirrung auf die Linie am Ebro zurückge-
       zogen hatte,  wäre bei kraftvoller Verfolgung mit Leichtigkeit zu
       zerstreuen gewesen,  oder sie  hätte mindestens wieder die Grenze
       überschreiten müssen,  so aber gelang es ihr, sich zu erholen und
       eine starke  Position einzunehmen.  Besonders die  blutige Unter-
       drückung des  Aufstandes in Bilbao durch General Merlin [223] lö-
       ste in  der ganzen Nation einen Schrei der Empörung gegen die Ei-
       fersüchteleien der  Juntas und  gegen  das  unbekümmerte  laissez
       faire 1*) der Befehlshaber aus. Die Dringlichkeit eines
       -----
       1*) Treibenlassen
       
       #449# Das revolutionäre Spanien - III
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       gemeinsamen militärischen  Vorgehens; die Gewißheit, daß Napoleon
       bald wieder  an der  Spitze eines  siegreichen Heeres  erscheinen
       würde, das  von den Ufern des Njemen, der Oder und den Küsten der
       Ostsee zusammengezogen  war; das Fehlen einer allgemeinen Autori-
       tät zum Abschluß von Bündnisverträgen mit Großbritannien oder an-
       deren auswärtigen  Mächten und  zur Aufrechterhaltung der Verbin-
       dung mit  Spanisch-Amerika und  zur Erhebung der Abgaben von ihm;
       das Bestehen  einer französischen Zentralgewalt in Burgos und die
       Notwendigkeit,  dem   fremden  Altar  seinen  eigenen  gegenüber-
       zustellen -  alle diese  Umstände  zusammengenommen  zwangen  die
       Junta von Sevilla, auf ihr nur unbestimmtes, eigentlich nur nomi-
       nelles Übergewicht,  wenn auch ungern, zu verzichten und den ver-
       schiedenen Provinzialjuntas vorzuschlagen, aus ihren eigenen Kör-
       perschaften je  zwei Deputierte zu wählen, deren Vereinigung eine
       Z e n t r a l j u n t a   bilden sollte,  während die Provinzial-
       juntas mit  der inneren Verwaltung ihrer betreffenden Gebiete be-
       traut bleiben  sollten, "jedoch mit gebührender Subordination un-
       ter die Zentralregierung". So trat am 25. September 1808 in Aran-
       juez die  Zentraljunta zusammen,  die sich aus 35 Deputierten der
       Provinzialjuntas (34  für die spanischen Juntas und einer für die
       Kanarischen Inseln)  zusammensetzte -  gerade einen  Tag, ehe die
       Potentaten von  Rußland und  Deutschland sich in Erfurt vor Napo-
       leon demütigten [224]
       In revolutionären  Verhältnissen - mehr noch als in normalen Zei-
       ten - spiegeln die Geschicke der Armeen die wahre Natur der zivi-
       len Regierung  wider. Die  mit der  Vertreibung der Eindringlinge
       vom spanischen Boden betraute Zentraljunta wurde durch den Erfolg
       der feindlichen  Waffen von  Madrid nach  Sevilla und von Sevilla
       nach Cadiz  getrieben, um dort ein ruhmloses Ende zu finden. Ihre
       Herrschaft war durch eine Kette schmachvoller Niederlagen gekenn-
       zeichnet,  durch   die  Vernichtung  der  spanischen  Armeen  und
       schließlich durch  die Auflösung  der regulären  Kriegführung  in
       Guerillakämpfe. Urquijo,  ein spanischer  Edelmann, äußerte am 3.
       April 1808 zu Cuesta, dem Generalkapitän von Kastilien:
       
       "Unser Spanien  ist ein gotisches Gebäude, das aus den heterogen-
       sten Stückchen  zusammengesetzt ist,  mit ebenso vielen Gewalten,
       Privilegien, Gesetzgebungen  und  Gebräuchen,  als  es  Provinzen
       gibt. In Spanien existiert nichts von dem, was man in Europa Sinn
       für das öffentliche Wohl nennt. Diese Gründe werden bei uns stets
       die Errichtung  einer Zentralgewalt verhindern, die mächtig genug
       wäre, unsere nationalen Kräfte zu vereinen."
       
       Wenn schon  der Zustand, in dem Spanien sich zur Zeit der franzö-
       sischen Invasion  befand, der  Bildung eines  revolutionären Zen-
       trums die größten Schwierigkeiten bereitete, so machte gerade die
       Zusammensetzung
       
       #450# Karl Marx
       -----
       der Zentraljunta  das Land vollends unfähig, sich aus der furcht-
       baren Krise zu retten, in der es sich befand. Zu zahlreich und zu
       wahllos zusammengewürfelt,  um als  Exekutivgewalt  auftreten  zu
       können, waren  es doch wieder zu wenig Delegierte, um die Autori-
       tät eines  Nationalkonvents [225]  beanspruchen zu können. Allein
       die Tatsache,  daß  sie  von  Provinzialjuntas  delegiert  waren,
       machte sie  dazu untauglich, die ehrgeizigen Neigungen, den bösen
       Willen und  den eigensinnigen  Egoismus dieser  Körperschaften zu
       überwinden. Diese  Juntas, deren Mitglieder, wie wir schon in ei-
       nem früheren  Artikel erwähnten,  im großen  und ganzen auf Grund
       ihrer Stellung  in der alten Gesellschaft gewählt waren und nicht
       in Anbetracht ihrer Fähigkeiten, eine neue Gesellschaft ins Leben
       zu rufen,  sandten nun  ihrerseits in  die  "Zentrale"  spanische
       Granden, Prälaten,  Würdenträger von  Kastilien, ehemalige  Mini-
       ster, hohe  Zivil- und  Militärbeamte, anstatt  Personen, die aus
       der Revolution  hervorgingen. Die spanische Revolution ging schon
       in ihren  ersten Anfängen  an dem Bestreben zugrunde, legitim und
       anständig zu sein.
       Die beiden hervorragendsten Mitglieder der Zentraljunta, um deren
       Banner sich  ihre beiden großen Parteien scharten, waren Florida-
       bianca und  Jovellanos, beide Märtyrer der Godoyschen Verfolgung,
       frühere Minister,  beide kränklich und alt geworden in den regel-
       mäßigen und  pedantischen Gepflogenheiten  des saumseligen spani-
       schen Regimes,  dessen steife,  umständliche Langsamkeit schon zu
       Bacons Zeiten  sprichwörtlich geworden  war, der  einst  ausrief:
       "Wenn der  Tod mich  holt, dann  möge er  von Spanien  kommen, er
       kommt dann zu einer späteren Stunde." [226]
       Floridablanca und Jovellanos repräsentierten einen Gegensatz, der
       noch jener Epoche des achtzehnten Jahrhunderts angehörte, die dem
       Zeitalter der französischen Revolution voranging; der erstere ein
       plebejischer Bürokrat,  der letztere ein aristokratischer Philan-
       throp. Floridabianca  war ein  Anhänger und  Vertreter des aufge-
       klärten Despotismus,  den ein  Pombai, ein Friedrich II., ein Jo-
       seph II.  vertrat. Jovellanos, ein "Volksfreund", hoffte das Volk
       durch ein  sorgfältig ausgeklügeltes  System ökonomischer Gesetze
       und durch die literarische Propagierung großherziger Theorien zur
       Freiheit zu führen. Beide waren Gegner der Traditionen des Feuda-
       lismus; der eine suchte die Monarchie, der andere die bürgerliche
       Gesellschaft von  ihren Fesseln zu befreien. Die Rolle, die jeder
       von ihnen  in der Geschichte ihres Vaterlandes spielte, entsprach
       der Verschiedenheit  ihrer Ansichten.  Floridablanca regierte  an
       höchster Stelle  als Premierminister  Karls III., und seine Herr-
       schaft wurde in dem Maße despotisch, wie er auf Widerstand stieß.
       Jovellanos, dessen  Ministerlaufbahn unter Karl IV. nur kurz war,
       gewann seinen  Einfluß auf das spanische Volk nicht als Minister,
       sondern als Gelehrter, nicht durch
       
       #451# Das revolutionäre Spanien - III
       -----
       Dekrete, sondern  durch Essays. Floridabianca war ein Achtzigjäh-
       riger, als  ihn der  Sturm der Zeiten an die Spitze einer revolu-
       tionären Regierung trug; was bei ihm unerschüttert geblieben, war
       nur seine  Glaube an  den Despotismus  und sein  Unglaube an  die
       schöpferischen Kräfte  des Volkes.  Als er  nach Madrid delegiert
       wurde, hinterließ  er dem  Gemeinderat von  Murcia einen geheimen
       Protest, worin  er erklärte, daß er nur der Gewalt und der Furcht
       vor Attentaten  des Volkes  nachgebe, und daß er dieses Protokoll
       zu dem  ausdrücklichen Zwecke  unterzeichne, daß  König Joseph es
       ihm niemals verüble, wenn er das Mandat aus den Händen des Volkes
       annehme. Nicht  zufrieden damit,  zu den  Traditionen seines Man-
       nesalters zurückzukehren,  widerrief er  auch noch  jene Schritte
       aus seiner  ministeriellen Vergangenheit, die ihm jetzt als über-
       eilt erschienen.  Er, der die Jesuiten aus Spanien verbannt hatte
       [227], war  kaum in  die Zentraljunta  eingesetzt, als er die Er-
       laubnis zu  ihrer Rückkehr "als Privatleute" beantragte. Die ein-
       zige Veränderung,  die sich  seiner Meinung nach seit seiner Zeit
       vollzogen hatte, bestand lediglich darin, daß Godoy, der ihn ver-
       bannt und  den mächtigen Grafen von Floridabianca seiner ministe-
       riellen Allmacht  beraubt hatte,  nun durch denselben Grafen Flo-
       ridabianca ersetzt  und seinerseits  vertrieben wurde. So war der
       Mann beschaffen, den die Zentraljunta zu ihrem Präsidenten wählte
       und den ihre Mehrheit als unfehlbaren Führer anerkannte.
       Jovellanos, der  die einflußreiche Minderheit in der Zentraljunta
       leitete, war  auch alt  geworden und  hatte während  der ihm  von
       Godoy auferlegten langen, schweren Kerkerhaft viel von seiner En-
       ergie eingebüßt.  Aber selbst  in seiner  besten Zeit war er kein
       Mann der  revolutionären Aktion,  sondern eher  ein wohlmeinender
       Reformer gewesen,  der aus lauter Bedenklichkeit in der Wahl sei-
       ner Mittel  nie gewagt  hätte, seinen  Endzweck zu  erreichen. In
       Frankreich wäre er vielleicht so weit wie Mounier oder Lally-Tol-
       lendal gegangen, jedoch keinen Schritt weiter. In England wäre er
       ein populäres  Mitglied des  Oberhauses geworden.  Im aufrühreri-
       schen Spanien taugte er wohl dazu, die strebsame Jugend mit Ideen
       zu erfüllen,  in der Praxis aber war er nicht einmal der servilen
       Zähigkeit eines Floridabianca gewachsen. Nicht ganz frei von ari-
       stokratischen Vorurteilen  und daher  stark zur  Anglomanie eines
       Montesquieu neigend,  schien dieser  untadelige Charakter den Be-
       weis dafür  zu liefern,  daß, wenn  Spanien einmal  ausnahmsweise
       einen wissenschaftlichen Geist hervorbrachte, dies nur auf Kosten
       der persönlichen  Energie geschehen  konnte, die das Land nur zur
       Erfüllung seiner lokalen Aufgaben zu besitzen schien.
       Wohl gehörten der Zentraljunta einige Männer an - an deren Spitze
       Don Lorenzo  Calvo de  Rozas, der Delegierte von Saragossa, stand
       -, die
       
       #452# Karl Marx
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       Anhänger von  Jovellanos Reformansichten  waren und  gleichzeitig
       eine lebhaftere  revolutionäre Aktion  anstrebten. Ihre  Zahl war
       aber zu  klein und  ihre Namen  zu unbekannt,  als  daß  sie  die
       schwerfällige  Staatskutsche  der  Junta  aus  dem  ausgefahrenen
       Geleise des spanischen Zeremoniells hätten schieben können.
       Diese Gewalt,  so plump  zusammengefügt, so  schwächlich  organi-
       siert, an  deren Spitze  solche überlebten Reliquien standen, war
       dazu berufen,  eine Revolution  zu vollbringen  und  Napoleon  zu
       schlagen. Wenn  ihre Proklamationen  ebenso kraftvoll  waren, wie
       ihre Taten  kraftlos, so  verdankte sie dies Don Manuel Quintana,
       einem spanischen  Dichter; denn die Junta hatte so viel Geschmack
       besessen, ihn  als ihren  Sekretär anzustellen  und mit  der  Ab-
       fassung ihrer Manifeste zu betrauen.
       Gleich den  prunkenden Helden  Calderons, die  nicht müde werden,
       alle ihre Titel aufzuzählen, weil sie konventionelle Auszeichnung
       mit echter  Größe verwechseln,  war es  auch die  erste Sorge der
       Junta, die Ehren und Auszeichnungen zu dekretieren, die ihrer ge-
       hobenen Stellung  gebührten. Ihr  Präsident  bekam  das  Prädikat
       "Hoheit", die  anderen Mitglieder  den Titel  "Exzellenz" und die
       Junta in corpore 1*) erhielt die Bezeichnung "Majestät". Sie ver-
       sahen sich mit einer Art Phantasieuniform, die der eines Generals
       ähnelte, schmückten  ihre Brust  mit Abzeichen,  die Alte und die
       Neue Welt  darstellend, und genehmigten sich ein Jahresgehalt von
       120000 Realen.  Es entsprach  ganz den Ideen der alten spanischen
       Schule, daß  sich die  Führer des aufständischen Spaniens erst in
       theatralische Kostüme  stecken müßten,  damit sich ihr Einzug auf
       die historische Bühne Europas großartig und würdevoll gestalte.
       Wir würden  den Rahmen  dieser Skizzen überschreiten, wollten wir
       auf die  innere Geschichte  der Junta  und die Einzelheiten ihrer
       Verwaltung eingehen.  Für unsere Zwecke genügt es, zwei Fragen zu
       beantworten. Welchen  Einfluß hatte  sie auf  die Entwicklung der
       spanischen revolutionären  Bewegung und  auf die Verteidigung des
       Vaterlands? Sind diese beiden Fragen beantwortet, so wird vieles,
       was bis  jetzt an  den spanischen  Revolutionen  des  neunzehnten
       Jahrhunderts geheimnisvoll  und unerklärlich erschien, seine Auf-
       klärung gefunden haben.
       Ihre Hauptpflicht sah die Mehrheit der Zentraljunta gleich zu Be-
       ginn ihrer  Tätigkeit in  der Unterdrückung des ersten revolutio-
       nären Überschwangs.  Sie knebelte  daher die Presse aufs neue und
       ernannte einen  neuen Großinquisitor,  der glücklicherweise durch
       die Franzosen verhindert wurde, seine
       -----
       1*) als Körperschaft
       
       #453# Das revolutionäre Spanien - IV
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       Funktionen wieder  aufzunehmen. Obzwar der größte Teil des spani-
       schen Grundbesitzes  in der  toten Hand festgelegt war - teils in
       adligen Fidelkommissen, teils in unveräußerlichen Kirchengütern -
       , befahl  die Junta, den bereits begonnenen Verkauf der Güter der
       toten Hand einzustellen, sie drohte sogar, die Privatverträge ab-
       zuändern, die  sich auf die bereits verkauften Kirchengüter bezo-
       gen. Sie erkannte die Staatsschuld an, traf aber keinerlei finan-
       zielle Maßnahmen,  weder um das Budget von dem Berg von Lasten zu
       befreien, den eine jahrhundertelange Aufeinanderfolge von korrup-
       ten Regierungen  aufgehäuft hatte, noch um das sprichwörtlich ge-
       wordene ungerechte, sinnlose und drückende Steuersystem zu refor-
       mieren, noch  um der  Nation neue Produktionsmöglichkeiten zu er-
       öffnen, indem sie die Fesseln des Feudalismus sprengte.
       
       IV
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4220 vom 27. Oktober 1854]
       Bereits zur Zeit Philipps V. hatte Francisco Benito de la Soledad
       gesagt: "Alles Übel in Spanien kommt von den Togados (Juristen)."
       An der Spitze der verderblichen obrigkeitlichen Hierarchie Spani-
       ens stand  der Consejo  Real 1*) von Kastilien. Entstanden in den
       bewegten Zeiten  der Don  Juans  und  Enriques,  verstärkt  durch
       Philipp II.,  der in ihm eine würdige Ergänzung des Santo officio
       2*) sah,  hatte er  die Not  der Zeit und die Schwäche der Könige
       auszunutzen verstanden, sich die verschiedenartigsten Vollmachten
       angeeignet und seiner früheren Funktion als Oberstes Gericht noch
       die des  Gesetzgebers und  einer obersten  Verwaltungsbehörde für
       sämtliche Königreiche  Spaniens hinzugefügt.  So übertraf  er  an
       Macht sogar  das französische Parlament, dem er in vielen Punkten
       ähnelte, ausgenommen  darin, daß  er nie auf Seiten des Volkes zu
       finden war.  Als mächtigste  Autorität des alten Spaniens war der
       Consejo Real natürlich der geschworene Feind eines neuen Spaniens
       und aller  neu aufgetauchten volkstümlichen Autoritäten, die sei-
       nen überragenden  Einfluß zu  lähmen drohten.  Als höchste Spitze
       des Juristenstandes  und als  lebendige Verkörperung aller seiner
       Mißbräuche und  Privilegien verfügte  der Consejo selbstverständ-
       lich über  alle die zahlreichen und bedeutsamen Vorteile, die mit
       der spanischen  Rechtsprechung verknüpft waren. Er war daher eine
       Macht, mit  der kein Kompromiß möglich war - entweder die Revolu-
       tion fegte sie hinweg, oder sie fegte ihrerseits die Revolution
       -----
       1*) Königliche Rat  - 2*) Heiligen  Amtes (der  Heiligen Inquisi-
       tion)
       
       #454# Karl Marx
       -----
       über Bord.  Wie wir in einem früheren Artikel gesehen, hatte sich
       der Consejo  vor Napoleon  gedemütigt und  durch diesen  verräte-
       rischen Akt  alles Ansehen  beim Volke verloren. Die Zentraljunta
       beging jedoch  am Tage ihres Zusammentritts die Torheit, dem Con-
       sejo anzuzeigen,  sie habe  sich konstituiert und sie fordere nun
       den Treueid  von ihm;  hätte er diesen abgelegt, erklärte sie, so
       wolle sie  dieselbe Eidesformel  allen anderen Autoritäten im Kö-
       nigreich vorlegen. Dieser unüberlegte Schritt, der von der ganzen
       revolutionären Partei  mit Nachdruck  mißbilligt wurde,  gab  dem
       Consejo die  Überzeugung, die  Zentraljunta bedürfe seiner Unter-
       stützung. Er  erholte sich daher rasch von seiner Verzagtheit und
       bot nach  mehrtägigem heuchlerischem  Zögern der Junta eine übel-
       wollende Unterwerfung an. Seinem Eid fügte er seine eigenen reak-
       tionären Bedenken  hinzu, die  in der Empfehlung Ausdruck fanden,
       die Junta  möge auseinandergehen,  ihre Stärke auf drei oder fünf
       Mitglieder beschränken,  gemäß Ley 3, Partida 2, Titulo 15 [228];
       ferner solle  sie die  zwangsweise Auflösung der Provinzialjuntas
       anordnen. Nachdem  die Franzosen  nach Madrid zurückgekehrt waren
       und den  Consejo Real  auseinandergejagt hatten, war die Zentral-
       junta, nicht  zufrieden mit  ihrer ersten Dummheit, so einfältig,
       den Consejo  wiederzuerwecken,  indem  sie  den  Consejo  Reunido
       schuf, eine  Vereinigung des  Consejo Real  mit all  den  anderen
       Überbleibseln der  alten königlichen Räte. So schuf die Junta aus
       eigener Initiative  für die  Konterrevolution eine Zentralgewalt,
       die, eine  nimmermüde Rivalin  für sie  selbst, keinen Augenblick
       aufhörte, sie zu beunruhigen, ihr durch Intrigen und Verschwörun-
       gen entgegenzuarbeiten,  sie zu  den unpopulärsten  Schritten  zu
       drängen, um  sie dann  mit der  Miene tugendhafter Entrüstung der
       leidenschaftlich erregten  Verachtung des Volkes preiszugeben. Es
       versteht sich  von selbst, daß die Zentraljunta, als sie den Con-
       sejo Real erst wieder anerkannt und dann wiederhergestellt hatte,
       nicht imstande  war, irgendeine  Reform durchzuführen,  sei es an
       der Organisation  der spanischen Gerichtshöfe, sei es an der ganz
       und gar untauglichen Zivil- und Strafgesetzgebung Spaniens.
       Waren in der spanischen Erhebung auch die nationalen und religiö-
       sen Elemente vorherrschend, so existierte doch in den ersten zwei
       Jahren eine sehr entschiedene Tendenz zu sozialen und politischen
       Reformen; das  beweisen sämtliche Manifestationen der Provinzial-
       juntas aus  der damaligen Zeit, die, wenn sie auch meist von Mit-
       gliedern der  privilegierten Klassen  verfaßt waren,  dennoch nie
       versäumten, das alte Regime zu verdammen und radikale Reformen zu
       versprechen. Diese  Tatsache ist  ferner durch  die Manifeste der
       Zentraljunta bewiesen.  In dem  ersten Aufruf  an die  Nation vom
       10.November 1808 heißt es:
       
       #455# Das revolutionäre Spanien - IV
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       "Eine zwanzigjährige  Tyrannei, ausgeübt von den unfähigsten Köp-
       fen, hat  uns hart an den Rand des Abgrundes gebracht. Die Nation
       ist ihrer  Regierung durch  Haß und Verachtung entfremdet. Unter-
       drückt und entwürdigt, ihre eigene Kraft nicht kennend und verge-
       bens Hilfe  suchend gegen die eigene Regierung in den Einrichtun-
       gen und  Gesetzen, hat  sie vor  kurzem sogar noch die Herrschaft
       von Fremden  als weniger  verhaßt empfunden  als die verderbliche
       Tyrannei, die ihr Mark verzehrt. Die Herrschaft des Willens eines
       einzelnen, der  immer launenhaft  und meistens ungerecht war, hat
       schon zu  lange gedauert;  zu lange hat man ihre Geduld, ihre Ge-
       setzestreue, ihre  großmütige Loyalität  mißbraucht; es war Zeit,
       daß gemeinnützige Gesetze in Kraft treten. Reformen auf allen Ge-
       bieten waren  daher notwendig.  Die Junta werde verschiedene Kom-
       missionen ins  Leben rufen,  von denen  jede mit einem bestimmten
       Gebiet betraut  würde und  an die dann alle Zuschriften in Regie-
       rungs- und Verwaltungsangelegenheiten gerichtet werden könnten."
       
       In ihrem Aufruf, datiert Sevilla, 28.0ktober 1809, heißt es:
       
       "Ein geistesschwacher,  abgelebter Despotismus  hat der französi-
       schen Tyrannei  die Wege geebnet. Den Staat in den alten Mißbräu-
       chen verkommen zu lassen, wäre ein ebenso ungeheuerliches Verbre-
       chen, wie wenn wir uns in die Hände Bonapartes auslieferten."
       
       In der  Zentraljunta scheint  eine originelle  Arbeitsteilung ge-
       herrscht zu  haben - die Partei Jovellanos' durfte die revolutio-
       nären Bestrebungen  der Nation  proklamieren und  protokollieren,
       und die Partei Floridablancas behielt sich das Vergnügen vor, sie
       direkt Lügen zu strafen und der revolutionären Dichtung konterre-
       volutionäre Wahrheit entgegenzustellen. Uns aber gilt es hier als
       besonders wichtig,  gerade aus  den Bekenntnissen der Provinzial-
       juntas gegenüber  der Zentrale die oft geleugnete Tatsache zu be-
       weisen, daß zur Zeit der ersten spanischen Erhebung revolutionäre
       Bestrebungen wirklich existierten.
       Die Art  und Weise,  in der die Zentraljunta die Gelegenheiten zu
       Reformen ausnützte,  die ihr  der Wille der Nation, die Macht der
       Ereignisse und die unmittelbar drohende Gefahr darboten, kann man
       nach dem Einfluß beurteilen, den ihre Kommissare in den verschie-
       denen Provinzen  ausübten, in  die sie gesandt wurden. Ein spani-
       scher Schriftsteller 1*)gesteht ganz offen, daß die Zentraljunta,
       die nicht  gerade Überfluß  an fähigen  Köpfen hatte, wohl darauf
       bedacht  war,  ihre  hervorragenden  Mitglieder  im  Zentrum  zu-
       rückzubehalten und nur die Untauglichen nach draußen zu schicken.
       Diese Kommissare waren ermächtigt, den Provinzialjuntas zu präsi-
       dieren und  die Zentrale  in ihrer ganzen Herrlichkeit zu vertre-
       ten. Wir wollen nur einige
       -----
       1*) Toreno
       
       #456# Karl Marx
       -----
       Beispiele ihres Wirkens verzeichnen: General Romana, den die spa-
       nischen Soldaten den Marquis de las Romerias 1*) zu nennen pfleg-
       ten, weil  er stets  Märsche und  Gegenmärsche unternahm  und Ge-
       fechte nur  dann stattfanden, wenn er nicht dabei war, dieser Ro-
       mana also  kam als  Kommissar der Zentrale nach Asturien, nachdem
       er von Soult aus Galicien herausgetrieben worden war. Seine erste
       Beschäftigung bestand darin, einen Streit mit der Provinzialjunta
       von Oviedo  vom Zaune zu brechen, die sich durch ihre energischen
       und revolutionären  Maßnahmen den  Haß der privilegierten Klassen
       zugezogen hatte.  Er ging daran, sie aufzulösen und ihre Mitglie-
       der durch  seine eigenen  Kreaturen zu  ersetzen. Als General Ney
       Kunde davon  erhielt, daß  solche Uneinigkeiten  in einer Provinz
       herrschten, in  der der  Widerstand gegen die Franzosen so allge-
       mein und  einmütig gewesen,  rückte er sofort mit seinem Heere in
       Asturien ein,  vertrieb den  Marquis de  las  Romerias,  besetzte
       Oviedo und  plünderte es  drei Tage  lang. Als die Franzosen Ende
       1809 Galicien geräumt hatten, zog unser Marquis und Kommissar der
       Zentraljunta in  La Coruña  ein, vereinigte  in seiner Person die
       ganze öffentliche Autorität, unterdrückte die Distriktjuntas, die
       sich während  des Aufstandes  vermehrt hatten,  und ersetzte  sie
       durch Militärgouverneure,  er bedrohte die Mitglieder dieser Jun-
       tas mit  Verfolgung und verfolgte auch tatsächlich die Patrioten,
       behandelte dafür  aber alle  diejenigen, die  die Sache  des Ein-
       dringlings verfochten  hatten, mit  größtem Wohlwollen und erwies
       sich überhaupt in jeder Hinsicht als ein boshafter, unfähiger und
       launenhafter Dummkopf. Und was hatten die Distrikt- und Provinzi-
       aljuntas von  Galicien sich  zuschulden kommen lassen? Sie hatten
       eine allgemeine  Rekrutierung ohne  Unterschied der  Klassen  und
       Personen angeordnet;  sie  hatten  den  Kapitalisten  und  Grund-
       besitzern Steuern  auferlegt; sie hatten die Gehälter der Staats-
       beamten herabgesetzt; sie hatten von den kirchlichen Körperschaf-
       ten verlangt,  sie sollten  ihnen die Einkünfte, die sie in ihren
       Truhen verschlossen  hielten, zur  Verfügung stellen. Sie hatten,
       mit einem  Wort, revolutionäre  Maßnahmen getroffen. Von der Zeit
       des glorreichen  Marquis de  las Romerias  an enthielten sich die
       Provinzen Asturien  und Galicien,  die sich bis dahin durch ihren
       allgemeinen Widerstand  gegen die Franzosen besonders ausgezeich-
       net hatten,  jeder Teilnahme  an dem  Unabhängigkeitskriege, wenn
       ihnen nicht unmittelbar die Gefahr einer Invasion drohte.
       Auch in  Valencia, wo  sich neue Aussichten zu eröffnen schienen,
       solange das  Volk sich  selbst überlassen  war und  seine eigenen
       Führer wählte,  wurde der  revolutionäre Geist  durch den Einfluß
       der Zentralregierung unterdrückt.
       -----
       1*) der Wallfahrten
       
       #457# Das revolutionäre Spanien -·IV
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       Nicht zufrieden  damit, daß die Provinz dem Befehl eines Don José
       Caro unterstellt  wurde, entsandte die Zentraljunta auch noch als
       "ihren eigenen"  Kommissar den  Baron Labazora. Dieser Baron ver-
       übelte es  der Provinzialjunta,  daß sie  manche Befehle von oben
       nicht befolgt  hatte, und  kassierte ihre  Verfügung, die kluger-
       weise die  Besetzung vakanter Stellen an Domkapiteln, geistlichen
       Pfründen und  Komtureien eingestellt  und deren Einkünfte zum Be-
       sten von Militärspitälern bestimmt hatte. Daher erbitterte Feind-
       schaft zwischen  der Zentraljunta und der von Valencia, daher die
       spätere Lethargie  Valencias unter  der liberalen  Verwaltung des
       Marschalls Suchet,  daher seine  Bereitwilligkeit, Ferdinand VII.
       bei seiner  Rückkehr gegen  die damalige  revolutionäre Regierung
       zum König zu proklamieren.
       In Cadiz,  dem revolutionärsten Orte des damaligen Spaniens, ver-
       ursachte am  22. und  23. Februar 1809 die Anwesenheit eines Kom-
       missars der Zentraljunta, des dummen und eingebildeten Marquis de
       Villel, den  Ausbruch einer  Empörung, die die verhängnisvollsten
       Folgen hätte  haben können,  wenn sie  nicht rechtzeitig  in  das
       Fahrwasser des Unabhängigkeitskrieges geleitet worden wäre.
       Es gibt  kein besseres Beispiel für die Umsicht, die die Zentral-
       junta bei der Ernennung ihrer Kommissare walten ließ, als die De-
       legation des  Señor Lozano  de Torres  zum Herzog von Wellington.
       Während er  in serviler  Schmeichelei vor  dem englischen General
       katzbuckelte, berichtete  er heimlich an die Junta, die Beschwer-
       den des  Generals über  mangelhafte Versorgung seien völlig unbe-
       gründet. Wellington  kam dieser Doppelzüngigkeit des Schurken auf
       die Spur und jagte ihn mit Schimpf und Schande aus seinem Lager.
       Die Zentraljunta  wäre  in  der  günstigsten  Lage  gewesen,  das
       durchzuführen, was  sie in einer ihrer Proklamationen an das spa-
       nische Volk verheißen hatte:
       
       "Es hat  der Vorsehung  gefallen, daß ihr in dieser schrecklichen
       Krise keinen Schritt vorwärts und der Unabhängigkeit entgegen tun
       könnt, der  euch nicht  gleichzeitig auch einen Schritt näher der
       Freiheit bringt."
       
       Als die  Junta ihre  Tätigkeit begann,  hatten die Franzosen noch
       nicht einmal  ein Drittel von Spanien in Besitz genommen. Von den
       bisherigen Autoritäten  fand sie  entweder überhaupt  nichts mehr
       vor, oder  was von  ihnen noch  vorhanden, war  durch ihr Einver-
       ständnis mit  dem Eindringling  ihm entweder  völlig  unterworfen
       oder auf sein Geheiß zerstreut. Die Junta hätte die Macht gehabt,
       jede sozialreformerische  Maßnahme, die die Güter und den Einfluß
       von der Kirche und der Aristokratie auf die Bourgeoisie und die
       
       #458# Karl Marx
       -----
       Bauern übertrug, im Namen der guten Sache der Vaterlandsverteidi-
       gung ohne  weiteres  durchzusetzen.  Sie  stand  unter  demselben
       Glücksstern wie  das französische  Comité du salut public [229] -
       die innere Umwälzung wurde gefördert durch die Notwendigkeit, äu-
       ßere Angriffe  abzuwehren; überdies hatten sie das Beispiel einer
       kühnen Initiative  vor sich,  wozu bereits einige Provinzen unter
       dem Druck der Verhältnisse gezwungen worden waren. Aber nicht ge-
       nug damit,  daß sie der spanischen Revolution als Bleigewicht an-
       hing, wirkte sie im Sinne der Konterrevolution, indem sie die al-
       ten Autoritäten  wiederherstellte, die  schon zerbrochenen Ketten
       neu schmiedete,  das revolutionäre  Feuer erstickte,  wo immer es
       aufloderte, indem  sie selbst nichts tat und andere hinderte, et-
       was zu tun. Am 20. Juli 1809, als sie in Sevilla tagte, hielt so-
       gar die  englische Tory-Regierung  es für notwendig, eine scharfe
       Protestnote wegen  ihres konterrevolutionären Vorgehens an sie zu
       richten "aus  Besorgnis, die  allgemeine Begeisterung würde durch
       sie unterdrückt werden". Es ist einmal irgendwo die Bemerkung ge-
       macht worden,  Spanien hätte  alle Übel  der Revolution  erdulden
       müssen, ohne  dadurch an  revolutionärer Kaft  zu gewinnen.  Wenn
       daran etwas  Wahres ist,  so bedeutet  es nichts anderes als eine
       vollständige Verurteilung der Zentraljunta.
       Wir hielten es für um so notwendiger, bei diesem Punkt zu verwei-
       len, weil  kein europäischer Historiker bis jetzt seine entschei-
       dende Bedeutung erfaßt hat. Nur unter dem Regime der Zentraljunta
       war es  möglich, die  Forderungen und  Bedürfnisse der nationalen
       Verteidigung mit  der Umwandlung  der spanischen Gesellschaft und
       der Emanzipation  des nationalen  Geistes zu vereinigen, ohne die
       jede politische Verfassung zerstieben muß wie ein Phantom bei dem
       geringsten Zusammenstoß  mit dem wirklichen Leben. Die Cortes be-
       fanden sich  in ganz  anderen Verhältnissen  - zurückgedrängt auf
       einen abgelegenen  Punkt der  Pyrenäischen Halbinsel,  zwei Jahre
       lang durch  eine belagernde  französische Armee von dem Hauptteil
       der Monarchie  abgeschnitten, repräsentierten  sie  ein  ideelles
       Spanien, während  das wirkliche Spanien erobert war oder kämpfte.
       Zur Zeit  der Cortes  war Spanien  in zwei Teile geteilt. Auf der
       Isla de  Leon - Ideen ohne Taten, im übrigen Spanien - Taten ohne
       Ideen. Im  Gegensatz dazu  mußte zur  Zeit der  Zentraljunta  die
       oberste Regierung ein besonders großes Maß von Schwäche, Unfähig-
       keit und  Unwilligkeit entfalten,  um einen  Unterschied zwischen
       spanischem Krieg  und spanischer Revolution zu schaffen. Die Cor-
       tes scheiterten  daher  nicht,  wie  französische  und  englische
       Schriftsteller behaupten,  weil sie  revolutionär waren,  sondern
       weil ihre Führer reaktionär waren und den richtigen Zeitpunkt zur
       revolutionären  Aktion  versäumten.  Moderne  spanische  Schrift-
       steller, die  sich durch die englisch-französischen Kritiker ver-
       letzt fühlten,
       
       #459# Das revolutionäre Spanien - V
       -----
       waren dennoch  nicht imstande,  sie zu widerlegen, und heute noch
       empfinden sie schmerzhaft das Bonmot des Abbé de Pradt: "Das spa-
       nische Volk  gleicht dem  Weibe Sganarells,  das  geprügelt  sein
       wollte."
       
       V
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4222 vom 30. Oktober 1854]
       Die Zentraljunta  versagte in  der Verteidigung ihres Vaterlands,
       weil sie  in ihrer  revolutionären Mission  versagt hatte. Im Be-
       wußtsein der  eigenen Schwäche,  der unsicheren  Grundlage  ihrer
       Macht und  ihrer außerordentlichen  Unpopularität, wie konnte sie
       da wagen, den allen revolutionären Epochen eigentümlichen Rivali-
       täten, Eifersüchteleien  und anmaßenden  Prätensionen ihrer Gene-
       rale anders  entgegenzutreten  als  durch  unwürdige  Tricks  und
       kleinliche Intrigen?  Da sie  ständig in Furcht und Argwohn gegen
       ihre eigenen militärischen Befehlshaber lebte, so dürfen wir Wel-
       lington vollen  Glauben schenken, wenn er seinem Bruder, dem Mar-
       quis von Wellesley, am 1. September 1809 schreibt:
       
       "Ich fürchte  sehr, daß, soweit ich das Vorgehen der Zentraljunta
       beobachten konnte,  sie viel  weniger ihr Augenmerk auf militäri-
       sche Verteidigung  und militärische  Operationen richtet  als auf
       politische Intrigen  und auf  Erreichung kleinlicher  politischer
       Ziele."
       
       In revolutionären  Zeiten, wo alle Bande der Subordination geloc-
       kert sind,  kann die  militärische Disziplin nur aufrechterhalten
       werden, wenn die Generale unter strengster bürgerlicher Disziplin
       gehalten werden.  Weil die Zentraljunta infolge ihrer disharmoni-
       schen Zusammensetzung es niemals fertig brachte, ihre Generale im
       Zaum zu  halten, so  vermochten die  Generale auch  wieder nicht,
       ihre Soldaten  zu bändigen,  und bis  zum Schluß  des Kriegs  er-
       reichte die  spanische Armee niemals ein Durchschnittsmaß an Dis-
       ziplin und  Subordination. Diese  Insubordination wurde noch ver-
       stärkt durch  den Mangel  an Nahrung,  Kleidung und allen anderen
       materiellen Bedürfnissen  einer Armee  - denn die moralische Ver-
       fassung einer Armee hängt, wie Napoleon sich ausdrückte, ganz von
       ihrer materiellen  Verfassung ab.  Die Zentraljunta war nicht im-
       stande, die  Armee regelmäßig zu versorgen; dazu reichten die Ma-
       nifeste des  armen Poeten Quintana nicht aus, und um ihren Dekre-
       ten den  nötigen Nachdruck  zu verleihen,  hätte sie zu denselben
       revolutionären Maßnahmen greifen müssen, die sie in den Provinzen
       verurteilt hatte. Sogar
       
       #460# Karl Marx
       -----
       die allgemeine  Wehrpflicht ohne Ausnahmen und ohne Rücksicht auf
       Privilegien und  die jedem geborenen Spanier garantierte Möglich-
       keit, in  der Armee jede Rangstufe erklimmen zu können, waren das
       Werk der  Provinzialjuntas und nicht der Zentraljunta. Waren also
       einerseits die  Niederlagen der  spanischen  Armee  hervorgerufen
       durch die  konterrevolutionäre Unfähigkeit  der Zentraljunta,  so
       drückten diese  Mißgeschicke andrerseits  wieder diese  Regierung
       noch mehr  herab, und in dem Maße, als sie zum Gegenstand der öf-
       fentlichen Mißachtung  und  des  öffentlichen  Mißtrauens  wurde,
       wuchs ihre  Abhängigkeit von unfähigen, aber anmaßenden militäri-
       schen Befehlshabern.
       Obzwar überall  geschlagen, tauchte  die spanische stehende Armee
       dennoch immer  wieder überall auf. Mehr als zwanzigmal zerstreut,
       war sie  stets wieder bereit, dem Feind entgegenzutreten, und er-
       schien oft  nach einer  Niederlage wieder  in erneuter Stärke. Es
       hatte keinen  Zweck, sie  zu schlagen,  denn  bei  ihrer  raschen
       Flucht war  ihr Verlust  an Menschen meistens gering, und aus dem
       Verlust an Gebiet machte sie sich nichts. Nachdem sie sich hastig
       auf die  Sierras zurückgezogen,  konnte man  sicher sein, daß sie
       sich wieder sammeln und, verstärkt durch neuen Zuzug, wieder auf-
       tauchen würde,  wenn man  sie am wenigsten erwartete, und war sie
       auch nicht fähig, den Franzosen Widerstand zu leisten, so war sie
       doch imstande,  sie in  steter Bewegung zu halten und zu zwingen,
       ihre Kräfte  zu zersplittern.  Glücklicher als die Russen, hatten
       sie es nicht einmal nötig, erst zu sterben, um von den Toten auf-
       erstehen zu können.
       Die verhängnisvolle  Schlacht von  Ocaña am 19. November 1809 war
       die letzte  große reguläre  Schlacht, die die Spanier ausfochten;
       von dieser  Zeit an  beschränkten sie sich auf den Guerillakrieg.
       Schon die  Tatsache, daß  sie die regelrechte Kriegführung aufga-
       ben, beweist  die Verdrängung  der nationalen durch lokale Regie-
       rungszentren. Als  die Mißerfolge der stehenden Armee sich regel-
       mäßig wiederholten,  wurde die  Erhebung der Guerillas allgemein,
       und die  Masse des Volkes dachte kaum mehr an die nationalen Nie-
       derlagen, sondern  berauschte sich an den lokalen Erfolgen seiner
       Helden. In  diesem einen Punkt wenigstens teilte die Zentraljunta
       die allgemeinen  Illusionen. "Von  einer Guerillaaffäre wurden in
       der 'Gaceta'  genauere Berichte gebracht als von der Schlacht von
       Ocaña."
       So wie Don Quixote mit seiner Lanze gegen das Schießpulver prote-
       stiert hatte,  so protestierten die Guerillas gegen Napoleon, nur
       war der Erfolg ein anderer.
       
       "Diese Guerillas",  sagt die  "Oestreichische militärische  Zeit-
       schrift", (Band  I, 1821)  "trugen sozusagen  ihre Basis  in sich
       selbst, und  jede Unternehmung  gegen sie  endete mit  einem ver-
       schwundenen Objekte."
       
       #461# Das revolutionäre Spanien - V
       -----
       Man muß  in der  Geschichte  des  Guerillakrieges  drei  Perioden
       unterscheiden. In der ersten griff die Bevölkerung ganzer Provin-
       zen zu  den Waffen und führte einen Freischärlerkrieg, wie in Ga-
       licien und Asturien. In der zweiten betrieben Guerillabanden, die
       sich aus  den Resten der spanischen Armeen, aus spanischen Deser-
       teuren der  französischen Armeen,  aus Schmugglern  etc. gebildet
       hatten, den  Krieg als  ihre eigene  Sache, unabhängig  von jedem
       fremden Einfluß und nur, soweit er ihren unmittelbaren Interessen
       diente. Durch  glückliche Zufälle  und Umstände  machten sie sich
       häufig zu  Herren ganzer  Bezirke. Solange  die Guerillas sich in
       dieser Weise  zusammenfanden, flößten  sie als Ganzes wohl keinen
       Schrecken ein,  waren aber  nichtsdestoweniger den  Franzosen äu-
       ßerst gefährlich.  Sie bildeten die Grundlage einer tatsächlichen
       Volksbewaffnung. Bot sich die Gelegenheit zu einem Beutezug, oder
       plante man  ein gemeinsames  Unternehmen, so fanden sich die rüh-
       rigsten und  verwegensten Elemente der Bevölkerung ein, und diese
       vereinigten sich dann mit den Guerillas. Mit äußerster Schnellig-
       keit stürzten  sie sich  auf ihre  Beute oder  stellten  sich  in
       Schlachtordnung auf,  je nachdem  es das  Unternehmen erheischte.
       Häufig kam es vor, daß sie einen ganzen Tag einem wachsamen Feind
       gegenüberstanden, nur  um einen Kurier abzufangen oder Vorräte zu
       ergattern. Auf diese Art hatte der jüngere Mina den Vizekönig von
       Navarra abgefangen,  der von Joseph Bonaparte eingesetzt war, und
       ebenso hatte  Julian den  Kommandanten von Ciudad Rodrigo zum Ge-
       fangenen gemacht. War ihr Vorhaben ausgeführt, so ging jeder ein-
       zelne wieder  seines Weges, und man konnte bewaffnete Männer sich
       nach allen Richtungen zerstreuen sehen; die Bauern aber, die sich
       angeschlossen hatten, kehrten ruhig wieder zu ihrer gewohnten Be-
       schäftigung zurück,  "ohne daß  ihre Abwesenheit auch nur bemerkt
       worden wäre".  Dadurch war  der Verkehr auf allen Wegen unterbun-
       den. Tausende  von Feinden waren zur Stelle, und dabei wurde kein
       einziger sichtbar.  Kein Kurier  konnte abgesandt, ohne abgefaßt,
       kein Proviant  verschickt, ohne  abgefangen, kurz, keine Bewegung
       unternommen, ohne  von Hunderten  von Augen beobachtet zu werden.
       Dabei aber  gab es keine Mittel, eine derartige Verbindung an der
       Wurzel zu fassen. Die Franzosen mußten unaufhörlich gerüstet sein
       gegen einen  Feind, der, obwohl unausgesetzt auf der Flucht, doch
       immer wieder  auftauchte, der überall war, ohne daß man ihn je zu
       Gesicht bekam,  da ihm  die Berge als Schlupfwinkel dienten. Abbé
       de Pradt sagt:
       
       "Es waren  weder Schlachten noch Zusammenstöße, die die Franzosen
       erschöpften, sondern die unaufhörlichen Quälereien eines unsicht-
       baren Feindes,  der sich  im Volk verlor, wenn man ihn verfolgte,
       um aus demselben alsbald wieder mit erneuter Kraft
       
       #462# Karl Marx
       -----
       emporzutauchen. Der Löwe in der Fabel, den die Mücke zu Tode pei-
       nigt, gibt ein getreues Bild der französischen Armee."
       In ihrer  dritten Periode  äfften die  Guerillas ein regelrechtes
       stehendes Heer  nach, verstärkten  ihre Korps  auf 3000  bis 6000
       Mann, hörten  auf, die Sache ganzer Bezirke zu sein, und gerieten
       in die  Hände einiger  weniger Führer,  die sie  für ihre eigenen
       Zwecke mißbrauchten.  Diese Änderung  des Systems verschaffte den
       Franzosen bei  ihren Kämpfen mit den Guerillas beträchtliche Vor-
       teile. Durch  ihre große  Zahl wurde  es den Guerillas unmöglich,
       sich wie bisher zu verstecken und plötzlich zu verschwinden, ohne
       sich zum  Kampf stellen zu müssen; sie wurden jetzt häufig einge-
       holt, geschlagen,  zerstreut und  für einige Zeit außerstande ge-
       setzt, weitere Beunruhigung zu verursachen.
       Vergleicht man  die drei Perioden des Guerillakrieges mit der po-
       litischen Geschichte  Spaniens, so  findet man,  daß sie die ent-
       sprechenden Grade  darstellen, bis  zu denen der konterrevolutio-
       näre Geist  der Regierung  die Begeisterung  des Volkes  nach und
       nach abgekühlt  hatte. Im Anfang hatte sich die ganze Bevölkerung
       erhoben, dann  wurde von Guerillabanden der Freischärlerkrieg ge-
       führt, dessen  Reserven ganze  Bezirke bildeten,  und schließlich
       endeten sie  in losen  Korps, die stets auf dem Punkt standen, zu
       Banditen zu  werden oder auf das Niveau stehender Regimenter her-
       abzusinken.
       Entfremdung von  der obersten  Regierung,  gelockerte  Disziplin,
       unaufhörliches Mißgeschick,  beständige Formierung, Auflösung und
       Wiederformierung -  und das  sechs Jahre  lang in  allen Kadern -
       mußten der Gesamtheit der spanischen Armee das Gepräge des Präto-
       rianertums geben  und sie  gleichermaßen zum  Werkzeug  oder  zur
       Peitsche ihrer  Führer werden  lassen. Die Generale selbst hatten
       nowendigerweise entweder  an der  Zentralregierung  teilgenommen,
       oder sie  hatten sich  mit ihr  gestritten oder gegen sie konspi-
       riert; stets  aber hatten  sie das  Gewicht ihres Schwerts in die
       politische Waagschale  geworfen. So  hatte Cuesta, der später das
       Vertrauen der Zentraljunta in dem selben Maße zu gewinnen schien,
       wie er ihre Schlachten verlor, mit dem Consejo Real zu konspirie-
       ren begonnen  und die  Abgeordneten der Zentraljunta für Leon ge-
       fangengesetzt. General  Moria, selbst  Mitglied der Zentraljunta,
       ging in  das bonapartistische  Lager über,  nachdem er Madrid den
       Franzosen ausgeliefert  hatte. Der geckenhafte Marquis de las Ro-
       merias, ebenfalls  ein Mitglied der Junta, konspirierte gegen sie
       mit dem  aufgeblasenen Francisco  Palafox, mit dem nichtswürdigen
       Montijo und  mit der aufrührerischen Junta von Sevilla. Die Gene-
       rale Castaños, Blake, La Bisbai (ein O'Donnell) figurierten nach-
       einander als  Regenten zur Zeit der Cortes und intrigierten unun-
       terbrochen. Der Generalkapitän von Valencia, Don Xavier
       
       #463# Das revolutionäre Spanien - VI
       -----
       Elio, lieferte  Spanien schließlich auf Gnade und Ungnade an Fer-
       dinand VII.  aus. Das prätorianische Element war sicher unter den
       Generalen stärker vertreten als unter ihren Truppen.
       Auf der  anderen Seite  bildeten die  Armee und die Guerilleros -
       die während  des Kriegs  einen Teil  ihrer Führer,  wie  Porlier,
       Lacy, Eroles  und Villacampa, aus den Reihen der hervorragendsten
       Linienoffiziere  genommen  hatten,  während  die  Linie  wiederum
       später Guerillaführer, wie Mina, Empecinado und andere, aufnahm -
       den  revolutionärsten   Teil  der  spanischen  Gesellschaft;  sie
       rekrutierten sich  aus allen  Kreisen, eingeschlossen  die  ganze
       feurige,  strebsame   und  patriotische  Jugend,  alle,  die  dem
       einschläfernden Einfluß  der  Zentralregierung  nicht  zugänglich
       waren und  sich von den Fesseln des ancien régime befreit hatten;
       ein Teil  von ihnen,  darunter Riego,  kehrte  nach  mehrjähriger
       Gefangenschaft aus Frankreich zurück. Wir brauchen daher durchaus
       nicht überrascht  zu sein  über den  Einfluß, den  die  spanische
       Armee in  späteren Bewegungen  ausübte; weder  wenn sie die revo-
       lutionäre Initiative  ergriff, noch  wenn sie durch ihr Prätoria-
       nertum die Revolution schädigte.
       Die Guerillas  selbst mußten,  das ist klar, nachdem sie so viele
       Jahre auf dem Schauplatz blutiger Kämpfe agiert, die Gewohnheiten
       von Landstreichern  angenommen und allen ihren Leidenschaften des
       Hasses, der  Rache und  der Plünderungswut  freien Lauf  gelassen
       hatten, in  Friedenszeiten einen  höchst gefährlichen Mob bilden,
       der stets  auf jeden Wink bereit war, im Namen irgendeiner Partei
       oder irgendeines Prinzips für denjenigen aufzutreten, der gut be-
       zahlte   oder   den   willkommenen   Vorwand   zu   einem   Plün-
       derungsstreifzug bot.
       
       VI
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4244 vom 24. November 1854]
       Am 24.  September 1810  versammelten sich  die  außerordentlichen
       Cortes auf  der Isla  de Leon;  am 20. Februar 1811 verlegten sie
       ihre Sitzungen  von da  nach Cadiz;  am 19. März 1812 verkündeten
       sie die  neue Konstitution,  und am  20. September 1813 schlossen
       sie ihre Sitzungen, drei Jahre nach deren Eröffnung.
       Die Umstände, unter denen dieser Kongreß zusammentrat, sind ohne-
       gleichen in der Geschichte. Kein gesetzgebender Körper hat je zu-
       vor seine  Mitglieder aus  so verschiedenen  Teilen der Weltkugel
       zusammenberufen, keiner  hatte je zuvor über so gewaltige Gebiete
       in Europa,  Amerika und Asien, über so verschiedene Rassen und so
       verwickelte Interessen zu bestimmen
       
       #464# Karl Marx
       -----
       gehabt wie  dieser; und  das zu  einer Zeit, wo fast ganz Spanien
       von den  Franzosen okkupiert war und der Kongreß selbst, von Spa-
       nien buchstäblich  durch feindliche  Armeen abgeschnitten und auf
       einen schmalen  Landstreifen verbannt, angesichts einer ihn umge-
       benden und  belagernden Armee  seine Gesetze  erlassen mußte. Von
       dem entfernten  Winkel der Isla Caditana aus wollten diese Männer
       die Grundlage  zu einem  neuen Spanien  legen, wie  ihre Vorväter
       dies von  den Bergen  von Cavadonga  und Sobrarbe [230] aus getan
       hatten. Wie  sollen wir das merkwürdige Phänomen dieser Konstitu-
       tion von  1812 erklären, die später die gekrönten Häupter Europas
       in ihrer  Versammlung zu  Verona als die aufwieglerischste Ausge-
       burt des  Jakobinismus brandmarkten,  wie erklären, weshalb diese
       Konstitution dem Kopfe des alten mönchischen und absolutistischen
       Spaniens gerade zu einer Zeit entsprang, wo es ganz in einem hei-
       ligen Krieg  gegen die  Revolution aufzugehen  schien? Wie sollen
       wir es  andrerseits erklären, daß diese selbe Konstitution plötz-
       lich einem Schatten gleich verschwand - gleich dem "sueño de som-
       bra", sagen die spanischen Historiker -, als sie mit einem leben-
       den Bourbonen  in Berührung kam? Wenn schon die Entstehung dieser
       Konstitution ein  Rätsel ist,  so ist  es ihr  Verschwinden nicht
       minder. Um  das Rätsel zu lösen, wollen wir mit einem kurzen Kom-
       mentar eben  dieser Konstitution  von 1812 beginnen, die die Spa-
       nier später  noch zweimal  verwirklichen wollten  - zuerst in dem
       Zeitraum von 1820 bis 1823 und dann im Jahre 1836.
       Die Konstitution  von 1812  besteht aus  384 Artikeln  und umfaßt
       folgende zehn  Abschnitte: 1.  Die spanische  Nation und die Spa-
       nier; 2.  das Territorium  Spaniens, seine Religion und Regierung
       und die  spanischen Bürger;  3. die  Cortes; 4. der König; 5. die
       Gerichtshöfe und die Verwaltung der Zivil- und Kriminaljustiz; 6.
       die innere Regierung der Provinzen und Städte; 7. die Steuern; 8.
       die Nationalkriegsmacht;  9. der  öffentliche Unterricht; 10. die
       Beobachtung der  Konstitution und  die Art,  wie man verfährt, um
       Veränderungen darin vorzunehmen.
       Ausgehend von dem Grundsatz, daß
       
       "die Souveränität  ihrem Wesen  nach im  Volke wohnt, dem deshalb
       ausschließlich das  Recht zusteht,  seine Grundgesetze aufzustel-
       len",
       
       proklamiert die  Konstitution nichtsdestoweniger eine Teilung der
       Gewalten; hiernach
       
       "wird die  gesetzgebende Gewalt in die Cortes in Gemeinschaft mit
       dem König verlegt", "ist die Ausführung der Gesetze dem König an-
       vertraut"; "kommt die Gewalt, die Gesetze in Zivil- und Kriminal-
       sachen in  Anwendung zu bringen, ausschließlich den Gerichtshöfen
       zu. Weder die Cortes noch der König können in irgendeinem Falle
       
       #465# Das revolutionäre Spanien - VI
       -----
       richterliche Funktionen  ausüben, die  schon anhängigen  Prozesse
       zurücknehmen oder  schon entschiedene  noch einmal vornehmen las-
       sen."
       
       Die Basis  der Nationalrepräsentation ist allein die Bevölkerung;
       auf je  70 000 Seelen  kommt ein Deputierter. Die Cortes bestehen
       aus einem  Haus, dem  der Gemeinen,  und die Wahl der Deputierten
       erfolgt in  allgemeinen Wahlen.  Das Wahlrecht genießen alle Spa-
       nier mit Ausnahme von Hausgesinde, Bankrotteuren und Verbrechern.
       Nach dem  Jahre 1830  darf kein  Bürger dieses Recht ausüben, der
       nicht lesen und schreiben kann. Die Wahl erfolgt jedoch indirekt,
       sie muß die drei Stufen der Kirchspiel-, Bezirks- und Provinzial-
       wahlen passieren.  Eine bestimmte  Vermögensqualifikation gibt es
       nicht für  einen Deputierten. Wohl muß laut Artikel 92 "ein Depu-
       tierter der  Cortes, um erwählt werden zu können, ein verhältnis-
       mäßiges jährliches  Einkommen von eigentümlich einem zugehörenden
       Gütern besitzen",  aber Artikel 93 hebt den vorhergehenden für so
       lange auf,  bis die  Cortes bei ihrem späteren Zusammentreten er-
       klären werden,  es sei  die Zeit  gekommen, wo  er in Wirksamkeit
       tritt. Der  König hat weder das Recht, die Cortes aufzulösen noch
       sie zu  vertagen; sie  versammeln sich  alljährlich in der Haupt-
       stadt am 1. März, ohne einberufen zu werden, und tagen mindestens
       drei Monate hintereinander.
       Alle zwei  Jahre werden neue Cortes gewählt, und kein Deputierter
       kann nacheinander  in zwei Cortes sitzen, d.h., er kann erst nach
       Ablauf der nächsten Cortes nach zwei Jahren wiedergewählt werden.
       Kein Deputierter  darf Belohnungen, Pensionen oder Würden vom Kö-
       nig fordern  oder annehmen.  Minister, Staatsräte und diejenigen,
       die beim  königlichen Hofe ein Amt bekleiden, sind als Deputierte
       für die Cortes nicht wählbar. Kein Regierungsbeamter darf als De-
       putierter in die Cortes von der Provinz gewählt werden, in der er
       sein Amt  ausübt. Um  die Deputierten  für ihre  Ausgaben zu ent-
       schädigen, sollen die betreffenden Provinzen ein Tagegeld zahlen,
       das die  Cortes im  zweiten Jahre jeder Generaldeputation für die
       Deputation aussetzen  werden, die  ihnen folgen  wird. Die Cortes
       können nicht  in Gegenwart  des Königs beratschlagen. In den Fäl-
       len, wo  die Minister  im Namen des Königs den Cortes einige Vor-
       schläge machen,  sollen sie  auf so lange und in der Art, wie die
       Cortes es  bestimmen werden, den Diskussionen beiwohnen und spre-
       chen, aber  bei der Abstimmung nicht zugegen sein. Der König, der
       Prinz von Asturien und die Regenten müssen vor den Cortes auf die
       Konstitution schwören; diese entscheiden über jede faktische oder
       rechtliche Frage,  die sich anläßlich der Thronfolge ergeben mag,
       und haben,  wenn nötig,  eine Regentschaft  zu wählen. Die Cortes
       müssen alle  Verträge über  Offensivbündnisse oder über Subsidien
       und den  Handel vor  ihrer Ratifikation genehmigen, haben den Zu-
       tritt fremder Truppen ins Königreich zu gestatten
       
       #466# Karl Marx
       -----
       oder zu  verhindern, verfügen die Errichtung oder Abschaffung von
       Stellen bei den durch die Konstitution errichteten Tribunalen und
       ebenso die  Errichtung oder  Abschaffung von Staatsämtern; ferner
       haben sie  alle Jahre  auf Vorschlag  des Königs  die Stärke  der
       Land- und  Seestreitkräfte in  Friedens- und  Kriegszeiten zu be-
       stimmen; für  die Armee,  die Flotte  und Nationalmiliz, wie alle
       verschiedenen Zweige, woraus sie bestehen, Verordnungen zu erlas-
       sen; die Ausgaben der Staatsverwaltung festzusetzen; jährlich die
       Steuern zu  bestimmen, im  Fall es  notwendig ist, auf den Kredit
       der Nation  Anleihen aufzunehmen;  das Geldwesen  sowie Gewichts-
       und Maßsystem zu regeln; einen allgemeinen Plan für den öffentli-
       chen Unterricht  zu entwerfen,  die  politische  Preßfreiheit  zu
       schützen, die  Verantwortlichkeit der Minister wirklich und wirk-
       sam herzustellen  usw. Dem  König steht  bloß ein  aufschiebendes
       Veto zu,  das er  während zweier  aufeinanderfolgender  Sessionen
       ausüben darf;  wird aber  derselbe Gesetzentwurf  ein drittes Mal
       vorgelegt und  von den  Cortes des nächsten Jahres angenommen, so
       gilt die  Zustimmung des Königs als gegeben, und er muß sie wirk-
       lich erteilen.  Bevor die  Cortes eine  Session schließen, setzen
       sie einen  aus sieben  ihrer Mitglieder  bestehenden  permanenten
       Ausschuß ein,  der in  der Hauptstadt  bis zum nächsten Zusammen-
       tritt der  Cortes tagt und ermächtigt ist, die strikte Einhaltung
       der Konstitution  und die  genaue Ausführung der Gesetze zu über-
       wachen, den  nächsten Cortes  über jede Gesetzesverletzung zu be-
       richten, die er wahrgenommen hat, und in kritischen Zeiten außer-
       ordentliche Cortes  zusammenzuberufen. Der  König darf  das  Land
       ohne Zustimmung  der Cortes  nicht verlassen. Zur Eingehung einer
       Ehe braucht er die Einwilligung der Cortes. Die Cortes setzen für
       den Hofhalt des Königs jährlich eine Summe aus.
       Der einzige  Geheime Rat  des Königs  ist der Staatsrat, dem kein
       Minister angehören  darf und  der aus  vierzig Personen besteht -
       aus vier  Geistlichen, vier Granden von Spanien sowie aus hervor-
       ragenden Verwaltungsbeamten;  sie alle werden vom König aus einer
       von den  Cortes aufgestellten  Liste von  hundertzwanzig Personen
       ausgewählt; kein Deputierter kann Mitglied des Staatsrats werden,
       und kein  Ratsmitglied darf  Amter, Würden  oder Anstellungen vom
       König annehmen. Die Staatsräte dürfen nicht entlassen werden ohne
       ausreichende Gründe, die vor dem Obersten Gerichtshof zu erweisen
       sind. Die  Cortes bestimmen das Gehalt dieser Räte, die der König
       in allen  wichtigen Fragen  hören muß  und die die Kandidaten für
       geistliche und  gerichtliche Ämter  ernennen. In den Paragraphen,
       die sich mit der Gerichtsbarkeit befassen, werden alle alten Con-
       sejos abgeschafft,  eine neue  Organisation der Gerichtshöfe wird
       eingeführt, ein Oberster Gerichtshof errichtet,
       
       #467# Das revolutionäre Spanien - VI
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       der die  Minister im  Anklagefall zu verhören hat, sich mit allen
       Fällen der  Entlassung oder Amtssuspendierung von Staatsräten und
       Gerichtsbeamten befassen  muß usw. Kein Prozeß darf begonnen wer-
       den, ohne  daß ein  Versöhnungsversuch nachgewiesen  ist. Tortur,
       Zwang und  Vermögenskonfiskation werden  abgeschafft.  Auch  alle
       Ausnahmegerichte sind  abgeschafft, bis auf die militärischen und
       die geistlichen,  gegen deren  Entscheidungen jedoch an den Ober-
       sten Gerichtshof appelliert werden kann.
       Für die  innere Verwaltung  der Städte  und Gemeinden  (Gemeinden
       sollen, wo sie noch nicht existieren, in allen Bezirken mit einer
       Bevölkerung von  tausend Seelen  gebildet werden)  sollen Ayunta-
       mientos geschaffen werden aus einem oder mehreren Magistratsbeam-
       ten, Ratsherren  und öffentlichen Räten, über die der Polizeiprä-
       sident (corregidor) den Vorsitz führt und die in allgemeinen Wah-
       len gewählt werden. Kein im Amt befindlicher oder durch den König
       angestellter öffentlicher Beamter ist als Magistratsperson, Rats-
       herr oder öffentlicher Rat wählbar. Die städtische Tätigkeit soll
       öffentliche Pflicht sein, von der niemand ohne zwingende rechtli-
       che Ursache  befreit sein  soll. Die  munizipalen  Körperschaften
       sollen alle ihre Pflichten unter der Aufsicht der Provinzialdepu-
       tation ausüben.
       Die politische  Regierung der Provinzen soll dem Gouverneur (jefe
       politico) anvertraut  sein, den der König ernennt. Dieser Gouver-
       neur ist  verbunden mit  einer Deputation,  deren Vorsitzender er
       ist und die von den Bezirken gewählt wird, sobald sie sich zu den
       allgemeinen Wahlen  der Mitglieder  für die  neuen Cortes versam-
       meln. Diese  Provinzialdeputationen bestehen  aus sieben Mitglie-
       dern, denen  ein von  den Cortes  besoldeter Sekretär assistiert.
       Die Sitzungen  dieser Deputationen  sollen höchstens neunzig Tage
       im Jahre dauern. Gemäß den ihnen übertragenen Pflichten und Voll-
       machten, können sie als ständige Kommissionen der Cortes betrach-
       tet werden. Alle Mitglieder der Ayuntamientos und der Provinzial-
       deputationen schwören  beim Amtsantritt  den Treueid auf die Kon-
       stitution. Was  die Steuern anbelangt, sind alle Spanier ohne Un-
       terschied verpflichtet,  im Verhältnis  zu ihren  Mitteln zu  den
       Staatsausgaben  beizutragen.  Sämtliche  Zollämter  sollen  abge-
       schafft werden,  mit Ausnahme  derjenigen in den Seehäfen oder an
       der Grenze.  Alle Spanier  sind ausnahmslos militärpflichtig, und
       neben der stehenden Armee sollen in allen Provinzen Korps der Na-
       tionalmiliz errichtet  werden, die  aus den Einwohnern derselben,
       nach Verhältnis  ihrer Bevölkerung  und ihres Zustandes, gebildet
       werden. Endlich  darf die Konstitution von 1812 auch nicht in ir-
       gendwelchen Einzelheiten  angetastet, verändert  oder  korrigiert
       werden, ehe  nicht acht  Jahre seit  ihrer Einführung verstrichen
       sind.
       
       #468# Karl Marx
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       Als die  Cortes dem  spanischen Staate diese neue Grundlage geben
       wollten, waren  sie sich  natürlich klar, daß eine solche moderne
       politische Konstitution völlig unvereinbar mit dem alten sozialen
       System sei,  und sie  verkündeten daher eine Anzahl von Dekreten,
       die eine organische Veränderung der staatlichen Ordnung zum Ziele
       hatten. So  schafften sie die Inquisition ab. Sie beseitigten die
       herrschaftliche  Gerichtsbarkeit   mit  ihren   exklusiven,  ver-
       bietenden und  räuberischen feudalen Privilegien, z.B. Jagd-, Fi-
       scherei-, Wald- und Mühlenrecht etc., wobei sie solche ausnahmen,
       die gegen Entgelt erworben worden waren und die daher entschädigt
       werden sollten. Sie schafften in der ganzen Monarchie den Zehnten
       ab, stellten  die Besetzung aller geistlichen Stellen ein, soweit
       diese nicht  zur Ausübung des Gottesdienstes notwendig waren, und
       unternahmen Schritte zur Aufhebung der Klöster und zur Sequestra-
       tion des klösterlichen Vermögens.
       Sie beabsichtigten,  die unermeßlichen unbebauten Ländereien, die
       königlichen Domänen  und die  Gemeindegüter Spaniens in Privatei-
       gentum umzuwandeln;  eine Hälfte  davon sollte  zur  Tilgung  der
       Staatsschuld verkauft  werden, ein Teil als patriotische Entschä-
       digung durch  das Los  an die  demobilisierten Teilnehmer aus dem
       Unabhängigkeitskrieg verteilt  und ein  dritter  Teil,  ebenfalls
       gratis durch das Los, der armen Bauernschaft, die Grundbesitz ha-
       ben wollte,  aber nicht  imstande war,  ihn zu kaufen, zugewiesen
       werden. Sie  gestatteten die Umzäunung des Weidelands und anderen
       Grundbesitzes, was  vordem verboten war. Sie schafften die absur-
       den Gesetze  ab, die verhinderten, daß Weideland in Ackerland und
       Ackerland in Weideland umgewandelt wird, und befreiten den Acker-
       bau allgemein  von den  alten willkürlichen  und lächerlichen Be-
       stimmungen. Sie  hoben alle feudalen Gesetze bezüglich der Pacht-
       verträge auf;  ebenso das  Gesetz, das  den Nachfolger  auf einem
       Erblehen von der Verpflichtung befreite, die Pachtverträge zu be-
       stätigen, die  sein Vorgänger abgeschlossen hatte, diese Verträge
       erloschen mit  dem Tode  desjenigen, der sie eingegangen war. Sie
       kassierten das  Voto de  Santiago, worunter ein alter Tribut ver-
       standen wurde,  der in einem bestimmten Quantum des besten Brotes
       und des  besten Weines  bestand, den die Arbeiter bestimmter Pro-
       vinzen hauptsächlich  zur Erhaltung  des Erzbischofs und Kapitels
       von Santiago  zu entrichten  hatten. Sie verfügten die Einführung
       einer großen progressiven Steuer etc.
       Da sie eine ihrer Hauptaufgaben in der Erhaltung ihrer amerikani-
       schen Kolonien  sahen, die sich schon zu erheben begonnen hatten,
       erkannten sie  den amerikanischen  Spaniern volle Gleichberechti-
       gung mit denen Europas zu, proklamierten eine allgemeine Amnestie
       ohne jede Ausnahme, erließen Dekrete gegen die Unterdrückung, un-
       ter der die Eingeborenen von Amerika
       
       #469# Das revolutionäre Spanien - VI
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       und Asien seufzten, hoben die Mitas, die Repartimientos etc. auf,
       schafften das  Quecksilberrnonopol ab und waren die ersten in Eu-
       ropa bei der Unterdrückung des Sklavenhandels.
       Der Konstitution  von 1812 wurde einerseits nachgesagt - zum Bei-
       spiel von  Ferdinand VII.  (siehe sein Dekret vom 4. Mai 1814) -,
       sie sei  nichts anderes  als eine  bloße Nachahmung der französi-
       schen Konstitution  von 1791e231-' und ohne Rücksicht auf die hi-
       storischen Traditionen  Spaniens von  schwärmerischen  Phantasten
       auf spanischen  Boden verpflanzt  worden. Andrerseits  behauptete
       man -  zum Beispiel  Abbé de Pradt ("De la Révolution actuelle de
       l'Espagne") -,  die Cortes hätten sich ganz unvernünftig an über-
       lebte Formeln  angeklammert, die  sie den  alten Fueros  entlehnt
       hätten und  die noch den Feudalzeiten angehörten, wo die königli-
       che Macht  durch die außerordentlichen Privilegien der Granden in
       Schach gehalten wurde.
       Die Wahrheit ist, daß die Konstitution von 1812 eine Reproduktion
       der alten  Fueros ist, jedoch im Lichte der französischen Revolu-
       tion gesehen und den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft ange-
       paßt. Das  Recht zur  Rebellion wird  zum Beispiel  allgemein als
       eine der  kühnsten Neuerungen  der jakobinischen Konstitution von
       1793 angesehen  [232]; man  stößt aber  auf dieses selbe Recht in
       den alten Fueros von Sobrarbe, wo es das "Privilegio de la Union"
       genannt ist.  Auch in der alten Konstitution von Kastilien findet
       man es. Die Fueros von Sobrarbe erlauben dem König, weder Frieden
       zu schließen,  noch Krieg  zu erklären, noch Verträge abzuschlie-
       ßen, ohne vorher die Einwilligung der Cortes einzuholen. Der per-
       manente Ausschuß,  bestehend aus  sieben Mitgliedern  der Cortes,
       der über die strikte Einhaltung der Konstitution während der Ver-
       tagung der gesetzgebenden Körperschaft zu wachen hat, bestand von
       alters her  in Aragonien und wurde in Kastilien eingeführt zu der
       Zeit, als  die bedeutendsten Cortes der Monarchie zu einer einzi-
       gen Körperschaft vereint wurden. Zur Zeit der französischen Inva-
       sion existierte  eine ähnliche Einrichtung noch im Königreich Na-
       varra. Eine  merkwürdige Schöpfung  der Konstitution von 1812 war
       der Staatsrat, der aus einer dem König von den Cortes vorgelegten
       Liste von  120 Personen  gebildet und von ihnen bezahlt wurde. Er
       verdankt seine  Entstehung der Erinnerung an den verhängnisvollen
       Einfluß, den die Kamarilla zu allen Zeiten auf die spanische Mon-
       archie ausübte.  Der Staatsrat  sollte an die Stelle dieser Kama-
       rilla treten.  Übrigens finden sich derartige Einrichtungen schon
       in früheren  Zeiten. So  war zum Beispiel zur Zeit Ferdinands IV.
       der König  stets von  zwölf Bürgern umgeben, die von den kastili-
       schen Städten  dazu ausersehen  waren, als seine geheimen Räte zu
       fungieren; 1419 beklagten
       
       #470# Karl Marx
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       sich die Abgesandten der Städte, daß ihre Beauftragten nicht mehr
       zum Königlichen  Rat zugelassen  wurden.  Die  Ausschließung  der
       höchsten Würdenträger  und der  Mitglieder des  königlichen  Hof-
       staats von  den Cortes  sowie das Verbot für die Deputierten, vom
       König Ehren  oder Ämter  anzunehmen, scheint auf den ersten Blick
       der Konstitution  von 1791 entlehnt und ganz natürlich der moder-
       nen Teilung  der Gewalten  zu entspringen, wie sie durch die Kon-
       stitution von  1812 sanktioniert  wurde. Tatsächlich  aber stoßen
       wir nicht  nur  in  der  alten  Konstitution  von  Kastilien  auf
       Präzedenzfälle, sondern  wir wissen  auch, daß  sich das  Volk zu
       verschiedenen Zeiten  erhob und die Deputierten erschlug, die Eh-
       ren oder Ämter von der Krone angenommen hatten. Was das Recht der
       Cortes betrifft, im Fall von Minderjährigkeit Regentschaften ein-
       zusetzen, so war dieses von den alten kastilischen Cortes während
       der oft  lange währenden  Minderjährigkeiten im vierzehnten Jahr-
       hundert ständig praktiziert worden.
       Es ist  wahr, die Cortes von Cadiz entzogen dem König die von je-
       her geübte  Gewalt, die  Cortes einzuberufen,  aufzulösen oder zu
       vertagen; aber da sie gerade durch die Art, in der die Könige von
       ihren Privilegien  Gebrauch machten,  an Einfluß verloren hatten,
       so war  die Notwendigkeit für sie sonnenklar, dieses Recht zu be-
       seitigen. Die  angeführten Tatsachen genügen wohl, zu zeigen, daß
       die äußerst  sorgfältige Begrenzung  der königlichen  Macht - der
       auffallendste Zug  in der  Konstitution von 1812 -, wenn sie auch
       in anderer  Hinsicht durch die noch frische und empörende Erinne-
       rung an Godoys verächtlichen Despotismus vollkommen erklärt wäre,
       ihren Ursprung  aus den alten Fueros Spaniens herleitet. Die Cor-
       tes von Cadiz übertrugen bloß die Herrschaft von den privilegier-
       ten Ständen auf die nationale Vertretung. Wie sehr die spanischen
       Könige die alten Fueros fürchteten, kann man daraus ersehen, daß,
       als 1805  eine neue Sammlung der spanischen Gesetze notwendig ge-
       worden war,  eine königliche  Verfügung erschien, der zufolge aus
       ihr alle  Überbleibsel des Feudalismus auszumerzen waren, die die
       frühere Gesetzsammlung noch enthielt und die einer Zeit entstamm-
       ten, in  der die  Schwäche der  Monarchie  die  Könige  gezwungen
       hatte, mit ihren Vasallen Kompromisse einzugehen, die der souver-
       änen Gewalt Abbruch taten.
       Bedeutete die  Wahl der  Deputierten durch  das allgemeine Stimm-
       recht auch  eine Neuerung,  so darf  doch nicht vergessen werden,
       daß die  Cortes von  1812 selbst  durch das allgemeine Stimmrecht
       gewählt waren  und ebenso  alle Juntas; daß eine Beschränkung des
       allgemeinen Wahlrechts  also eine  Verletzung eines vom Volke be-
       reits eroberten Rechts gewesen wäre; und daß endlich eine Wahlbe-
       rechtigung nach Maßgabe des Besitzes zu einer Zeit, wo
       
       #471# Das revolutionäre Spanien - VI
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       fast aller  Grundbesitz Spaniens in der toten Hand aufgespeichert
       war, die große Masse der Bevölkerung ausgeschlossen hätte.
       Der Zusammentritt  der Vertreter in einem einzigen Hause ist kei-
       neswegs der  französischen Konstitution  von 1791 nachgeahmt, wie
       es die  verdrießlichen englischen Tories darstellen. Unsere Leser
       wissen bereits, daß seit der Zeit Carlos I. (Kaiser Karls V.) die
       Aristokratie und  die Geistlichkeit  ihre Sitze in den Cortes von
       Kastilien verloren  hatten. Aber  selbst zu  den Zeiten,  als die
       Cortes in  Brazas (Zweige)  geteilt waren,  die die verschiedenen
       Stände repräsentierten,  versammelten sie  sich in einem einzigen
       Saale, nur  durch die  Sitzordnung getrennt,  und gaben gemeinsam
       ihre Stimmen ab. Von allen Provinzen, in denen zur Zeit der fran-
       zösischen Invasion  die Cortes überhaupt noch wirkliche Macht be-
       saßen, hatte  nur Navarra die alte Gepflogenheit beibehalten, die
       Cortes nach   S t ä n d e n  einzuberufen; in den Vascongadas 1*)
       aber ließen  die ganz und gar demokratischen Körperschaften nicht
       einmal die  Geistlichkeit zu. Außerdem hatten Adel und Geistlich-
       keit, wenn  sie ihre  verhaßten Privilegien zu wahren gewußt hat-
       ten, längst  aufgehört, selbständige politische Körperschaften zu
       bilden, deren  Existenz die Grundlage der Zusammensetzung der al-
       ten Cortes bildete.
       Die Trennung der Gerichts- von der Exekutivgewalt, die die Cortes
       von Cadiz  verfügt hatten, wurde schon seit dem achtzehnten Jahr-
       hundert von  den hervorragendsten  Staatsmännern Spaniens  gefor-
       dert; und  der allgemeine Haß, den sich der Consejo Real seit dem
       Beginn der  Revolution zugezogen hatte, machte die Notwendigkeit,
       die Gerichtshöfe  auf ihre eigentliche Aktionssphäre zurückzufüh-
       ren, allgemein spürbar.
       Der Teil  der Konstitution,  der sich auf die Munizipalverwaltung
       der Gemeinden  bezieht, ist  echt spanischen  Ursprungs, wie  wir
       schon in  einem früheren Artikel zeigten. Die Cortes stellten nur
       das alte  Munizipalsystem wieder  her, indem  sie es gleichzeitig
       seines mittelalterlichen Charakters entkleideten. Die Provinzial-
       deputationen, die  für die  innere Verwaltung  der Provinzen  mit
       derselben Gewalt ausgestattet waren wie die Ayuntamientos für die
       Verwaltung der  Gemeinden, waren  von den  Cortes nach dem Muster
       ähnlicher Institutionen gebildet worden, wie sie zur Zeit der In-
       vasion noch  in Navarra,  Biskaya und Asturien bestanden. Als sie
       die Befreiung  vom Militärdienst  abschafften, sanktionierten die
       Cortes nur  das, was während des Unabhängigkeitskrieges allgemein
       üblich geworden  war. Die  Abschaffung der  Inquisition bedeutete
       ebenfalls nichts  anderes als  die Sanktionierung einer Tatsache;
       das Heilige Amt, obgleich von der Zentraljunta wieder eingesetzt,
       hatte dennoch
       
       #472# Karl Marx
       -----
       nicht gewagt, seine Tätigkeit wiederaufzunehmen, und seine heili-
       gen Mitglieder waren ganz zufrieden, ihre Gehälter einzustreichen
       und klugerweise auf bessere Zeiten zu warten. Bei der Abschaffung
       der feudalen  Mißbräuche gingen  die Cortes  nicht einmal so weit
       wie die  Reformvorschläge der  berühmten Denkschrift Jovellanos',
       die er  1795 dem  Consejo Real  im Namen der Ökonomischen Gesell-
       schaft von Madrid überreichte.
       Schon zu  Ende des  achtzehnten Jahrhunderts  hatten die Minister
       des aufgeklärten Despotismus - Floridabianca und Campomanes - be-
       gonnen, Schritte in dieser Richtung zu unternehmen. Auch darf man
       nicht vergessen,  daß gleichzeitig  mit den Cortes eine französi-
       sche Regierung  in Madrid saß, die in sämtlichen durch die Armeen
       Napoleons unterworfenen  Provinzen alle  klerikalen und  feudalen
       Einrichtungen hinweggefegt und das moderne Verwaltungssystem ein-
       geführt hatte.  Die bonapartistischen Blätter stellten es so dar,
       als sei  der ganze  Aufstand allein  durch die Machenschaften und
       Bestechungen Englands hervorgerufen worden, unterstützt durch die
       Mönche und die Inquisition. Wie sehr jedoch der Wetteifer mit der
       Regierung des Eindringlings die Entscheidungen der Cortes heilsam
       beeinflußte, geht  daraus hervor,  daß die Zentraljunta selbst in
       ihrem Dekret  vom September  1809, das die Einberufung der Cortes
       ankündigt, die Spanier mit folgenden Worten anredet:
       
       "Unsere Verleumder  sagen, wir  kämpften, um die alten Mißbräuche
       und die eingewurzelten Laster unserer korrupten Regierung zu ver-
       teidigen. Beweist  ihnen, daß  euer Kampf dem Glück und der Unab-
       hängigkeit eures  Landes gilt;  daß ihr von nun an nicht mehr von
       dem unbestimmten  Willen oder  der wechselnden  Laune eines  ein-
       zelnen abhängen wollt" etc.
       
       Andrerseits finden sich in der Konstitution von 1812 unverkennbar
       die Symptome  eines Kompromisses zwischen den liberalen Ideen des
       achtzehnten Jahrhunderts  und den finsteren Traditionen der Pfaf-
       fenherrschaft. Es genügt, Artikel 12 zu zitieren, der besagt,
       
       "die Religion der spanischen Nation ist für immer die römisch-ka-
       tholische, apostolische,  die einzig  wahre Religion.  Die Nation
       schützt sie  durch weise  und gerechte  Gesetze und verbietet die
       Ausübung jeder anderen."
       
       Oder Artikel 173, der dem König befiehlt, bei seiner Thronbestei-
       gung folgenden Eid vor den Cortes abzulegen:
       
       "N., durch  die Gnade  Gottes und die Konstitution der spanischen
       Monarchie König  von Spanien,  schwöre ich  beim Allmächtigen und
       den heiligen  Evangelisten, daß ich die römisch-katholische, apo-
       stolische Religion  verteidigen und erhalten werde, ohne eine an-
       dere im Königreich zu dulden."
       
       #473# Das revolutionäre Spanien - VII
       -----
       Wir kommen  also bei  einer sorgfältigen Prüfung der Konstitution
       von 1812  zu dem Schluß, daß sie, weit entfernt davon, eine skla-
       vische Nachahmung  der französischen  Konstitution  von  1791  zu
       sein, vielmehr  als eine  ursprüngliche und  originelle Schöpfung
       spanischen geistigen  Lebens anzusprechen ist, die alte nationale
       Einrichtungen wiederherstellte,  Reformen einführte,  die von den
       berühmtesten Schriftstellern  und Staatsmännern  des  achtzehnten
       Jahrhunderts laut gefordert wurden und den Vorurteilen des Volkes
       unvermeidliche Konzessionen machte.
       
       VII
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4250 vom 1. Dezember 1854]
       Verschiedenen günstigen Umständen war es zu verdanken, daß in Ca-
       diz die  fortschrittlichsten Männer  Spaniens zusammenkamen.  Als
       die Wahlen  stattfanden, hatte die Bewegung noch nicht nachgelas-
       sen, und gerade der Unwille, den die Zentraljunta herausgefordert
       hatte, kam ihren Gegnern zugute, die zu einem großen Teil der re-
       volutionären Minderheit des Landes angehörten. Beim ersten Zusam-
       mentritt der  Cortes waren fast ausschließlich die demokratischen
       Provinzen Katalonien  und Galicien vertreten; die Deputierten von
       Leon, Valencia,  Murcia und  den Balearen  kamen erst drei Monate
       später. Die reaktionärsten Provinzen im Innern des Landes hatten,
       abgesehen von wenigen Orten, keine Erlaubnis, Wahlen für die Cor-
       tes vorzunehmen.  Für die  verschiedenen Königreiche,  Städte und
       Orte des  alten Spaniens,  die durch die französischen Armeen ge-
       hindert wurden,  Deputierte zu  wählen, und für die überseeischen
       Provinzen Neuspaniens,  deren Deputierte  nicht rechtzeitig  ein-
       treffen konnten,  wurden Ersatzvertreter gewählt aus der zahlrei-
       chen Schar  derer, die  durch die  Kriegswirren aus den Provinzen
       nach Cadiz verschlagen worden waren, und aus den zahlreichen Süd-
       amerikanern, Kaufleuten,  Eingeborenen und anderen, die Neugierde
       oder Geschäfte  dorthin getrieben hatten. So kam es, daß die Ver-
       treter dieser  Provinzen Leute waren, die mehr Interesse an Neue-
       rungen hatten und von den Ideen des achtzehnten Jahrhunderts mehr
       durchdrungen waren,  als das der Fall gewesen wäre, wenn die Pro-
       vinzen selbst  gewählt hätten.  Schließlich war  der Umstand  von
       entscheidender Bedeutung,  daß die  Cortes gerade in Cadiz zusam-
       mentraten, denn  diese Stadt  galt damals  als die  radikalste im
       ganzen Königreich  und glich  mehr einer amerikanischen als einer
       spanischen  Stadt.  Ihre  Bevölkerung  füllte  die  Galerien  des
       Saales,
       
       #474# Karl Marx
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       in dem die Cortes tagten, und hielt die Reaktionäre durch ein Sy-
       stem von  Einschüchterung und Druck von außen im Zaum, wenn deren
       Opposition sich allzu widerwärtig breit machte.
       Es wäre indes ein großer Irrtum, anzunehmen, daß die Mehrheit der
       Cortes aus  Reformern bestand.  Die Cortes waren in drei Parteien
       geteilt -  die Serviles, die Liberales (diese Parteibezeichnungen
       gingen von  Spanien auf  ganz Europa  über)  und  die  Americanos
       [233], die  mit der  einen oder  der anderen  Partei stimmten, je
       nachdem ihr  eigenes Interesse  es erforderte.  Die Serviles,  an
       Zahl weit  überlegen, wurden  von der Tatkraft, dem Eifer und dem
       Enthusiasmus der  liberalen Minderheit  mitgerissen. Die geistli-
       chen Deputierten,  die die  Mehrheit der Serviles bildeten, waren
       stets bereit,  die königlichen  Vorrechte preiszugeben,  teils in
       Erinnerung an  den alten  Gegensatz zwischen  Kirche  und  Staat,
       teils weil  sie nach  Popularität haschten,  um sich  dadurch die
       Privilegien und  Vorrechte ihrer  Kaste zu  erhalten. Während der
       Debatten über das allgemeine Stimmrecht, das Einkammersystem, die
       Aufhebung des  Vermögenszensus und  über das  aufschiebende  Veto
       hielt sich  die geistliche Partei stets zum demokratischeren Teil
       der Liberales gegen die Anhänger der englischen Konstitution. Ei-
       ner von  ihnen, der  Kanonikus Cañedo, später Erzbischof von Bur-
       gos, ein  unerbittlicher Verfolger  der Liberales, wandte sich an
       Señor Muñoz Torrero, gleichfalls Kanonikus, aber Anhänger der Li-
       berales, mit folgenden Worten:
       
       "Ihr willigt  darein, daß  der König  im Besitz  einer ungeheuren
       Macht verbleibt,  aber als Priester müßtet ihr doch viel eher die
       Sache der Kirche als die des Königs verfechten."
       
       Zu diesen  Kompromissen mit der kirchlichen Partei sahen sich die
       Liberales gezwungen,  wie wir  schon an einigen Artikeln der Kon-
       stitution von  1812 gezeigt haben. Als über die Preßfreiheit ver-
       handelt wurde,  erklärten die  Pfaffen sie  als  "religionsfeind-
       lich". Nach  ungemein  stürmischen  Debatten,  in  denen  erklärt
       wurde,  alle   Personen  hätten   die  Freiheit,  ohne  besondere
       Erlaubnis ihre  Meinung zu  äußern, nahmen  die Cortes  doch ein-
       stimmig ein  Amendement an,  das durch  die Einführung des Wortes
       p o l i t i s c h   diese Freiheit  auf die Hälfte reduzierte und
       alle Schriften  über religiöse  Angelegenheiten  der  Zensur  der
       geistlichen Autoritäten  unterstellte gemäß  den Beschlüssen  des
       Konzils von Trient [234]. Als am 18. August 1811 ein Gesetz gegen
       alle diejenigen  votiert wurde,  die sich  gegen die Konstitution
       verschwören würden,  wurde ein weiteres Gesetz angenommen, wonach
       jeder, der  eine Verschwörung anzettelte, um die spanische Nation
       zum Abfall  vom katholischen  Glaubensbekenntnis zu  veranlassen,
       als Verräter verfolgt
       
       #475# Das revolutionäre Spanien - VII
       -----
       werden und  den Tod erleiden sollte. Als das Voto de Santiago ab-
       geschafft war,  wurde als  Entschädigung eine Resolution durchge-
       setzt, in  der die heilige Teresa de Jesus zur Schatzpatronin von
       Spanien ernannt  wurde. Die  Liberales hüteten sich auch, die De-
       krete zur  Abschaffung der  Inquisition, der Zehnten, der Klöster
       usw. vorzuschlagen  und durchzusetzen, ehe nicht die Konstitution
       verkündet war.  Von diesem Augenblick an wurde jedoch die Opposi-
       tion der  Serviles innerhalb  und die der Geistlichkeit außerhalb
       der Cortes unerbittlich.
       Nun, da  die Umstände  auseinandergesetzt worden  sind, denen die
       Konstitution von 1812 ihren Ursprung und ihre besonderen Merkmale
       verdankte, bleibt  noch immer  das Problem:  wieso sie  bei  Fer-
       dinands VII.  Rückkehr so  plötzlich und  ohne  Widerspruch  ver-
       schwinden konnte. Selten hat die Welt ein kläglicheres Schauspiel
       gesehen. Als Ferdinand am 16. April 1814 in Valencia einfuhr,
       
       "spannte sich  das freudig  erregte Volk vor seinen Wagen und gab
       auf jede nur mögliche Art und Weise durch Wort und Tat zu verste-
       hen, daß es das alte Joch wieder auf sich zu nehmen wünschte, in-
       dem es rief: 'Lang lebe der absolute König!' 'Nieder mit der Kon-
       stitution!'"
       
       In allen  großen Städten  hatte man  die Plaza  Mayor, den Haupt-
       platz, "Plaza  de la  Constitución" genannt  und  daselbst  einen
       Stein errichtet, der diese Inschrift trug. In Valencia wurde die-
       ser Stein  entfernt und  eine provisorische  Holzsäule  an  seine
       Stelle gesetzt,  auf der  zu lesen stand: "Real Plaza de Fernando
       VII". Die  Bevölkerung von  Sevilla setzte  sämtliche bestehenden
       Behörden ab,  wählte andere  an ihrer  Stelle für alle Ämter, die
       unter dem alten Regime bestanden hatten, und verlangte von diesen
       dann die  Wiedereinsetzung der  Inquisition. Der Wagen des Königs
       wurde von Aranjuez bis Madrid vom Volke gezogen. Als er ausstieg,
       nahm ihn der Mob auf die Arme, zeigte ihn im Triumph der ungeheu-
       ren Menschenmenge,  die vor  dem Palast  versammelt war, und trug
       ihn dann  in seine  Gemächer. Das  Wort Freiheit  stand in großen
       bronzenen Lettern über dem Eingang zum Saal der Cortes in Madrid.
       Der Pöbel  eilte hin,  um es zu entfernen. Man setzte Leitern an,
       brach einen  Buchstaben nach  dem andern gewaltsam aus den Mauern
       heraus, und  so oft  einer  davon  auf  das  Straßenpflaster  ge-
       schleudert wurde, erneuerte sich das Triumphgeheul der Zuschauer.
       Was an  Akten der  Cortes und  an Zeitungen und Flugschriften der
       Liberales erreichbar  war, wurde gesammelt, eine Prozession wurde
       gebildet, in der die geistlichen Bruderschaften und die weltliche
       und Ordensgeistlichkeit  die Führung übernahmen, die Papiere wur-
       den auf einem der öffentlichen Plätze
       
       #476# Karl Marx
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       aufgestapelt und  mit ihnen  eine Art politisches Autodafé veran-
       staltet, worauf die heilige Messe zelebriert und als Ausdruck der
       Dankbarkeit für  den erlebten  Triumph das Tedeum gesungen wurde.
       Bemerkenswerter als  diese schamlosen Demonstrationen des städti-
       schen Pöbels, der zum Teil für seine Ausschreitungen bezahlt war,
       zum Teil  gleich den  neapolitanischen Lazzaroni  die liederliche
       Herrschaft der Könige und Mönche dem nüchternen Regiment des Bür-
       gertums vorzog,  erscheint die Tatsache, daß bei den zweiten all-
       gemeinen Wahlen  die Serviles einen entscheidenden Sieg davontru-
       gen. Die  konstituierenden Cortes  wurden am  20. September  1813
       durch die  ordentlichen Cortes ersetzt, die ihre Sitzungen am 15.
       Januar 1814 von Cadiz nach Madrid verlegten.
       In früheren  Artikeln zeigten  wir, wie  die revolutionäre Partei
       selbst dazu beitrug, die alten Volksvorurteile wieder zu erwecken
       und zu  stärken, in  der Annahme, daß sich aus ihnen ebenso viele
       Waffen gegen  Napoleon würden schmieden lassen. Wir sahen ferner,
       wie die  Zentraljunta gerade in der Zeit, die es gestattet hätte,
       soziale Veränderungen  Hand in  Hand mit Maßregeln zur nationalen
       Verteidigung vorzunehmen, alles tat, was in ihrer Macht stand, um
       solche zu verhindern und die revolutionären Bestrebungen der Pro-
       vinzen zu  unterdrücken. Die  Cortes von  Cadiz hinwiederum,  die
       fast während  der ganzen  Dauer ihres Bestehens von jeder Verbin-
       dung mit  Spanien abgeschlossen waren, konnten infolgedessen ihre
       Konstitution und  ihre organischen  Dekrete erst  dann in die Öf-
       fentlichkeit bringen, als die französischen Armeen sich zurückzo-
       gen. Die  Cortes kamen  also sozusagen  post factum.  Die Gesell-
       schaft, an  die sie  sich wendeten,  war ermüdet, erschöpft, lei-
       dend. Wie wäre es auch anders möglich gewesen nach einem so lang-
       wierigen, ausschließlich  auf spanischem  Boden geführten  Krieg,
       einem Krieg,  in dem  die Armeen  unausgesetzt in Bewegung waren,
       indes die Regierung von heute auf morgen beständig wechselte, und
       in dem  es während  sechs voller Jahre in ganz Spanien, von Cadiz
       bis Pamplona, von Granada bis Salamanca auch nicht einen Tag gab,
       an dem nicht Blut vergossen worden wäre. Es war kaum zu erwarten,
       daß eine  so erschöpfte  Gesellschaft  sich  für  die  abstrakten
       Schönheiten einer  wie immer  beschaffenen Konstitution besonders
       begeistern würde. Nichtsdestoweniger wurde die neue Konstitution,
       als sie  zuerst in  Madrid und in den von den Franzosen geräumten
       Provinzen proklamiert  wurde, mit "überströmendem Jubel" begrüßt,
       denn die  Massen erwarten  bei einem  Regierungswechsel stets ein
       plötzliches Verschwinden  ihrer sozialen  Übel. Als  sie nun ent-
       deckten, daß  die Konstitution nicht die ihr zugeschriebenen Wun-
       derkräfte besaß, verwandelten sich die übertriebenen Erwartungen,
       mit denen man sie bewillkommnet hatte, in die
       
       #477# Das revolutionäre Spanien - VII
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       bitterste Enttäuschung, und bei diesen leidenschaftlichen Südlän-
       dern ist es nur ein Schritt von der Enttäuschung zum Haß.
       Es gab  auch sonst noch manche besondere Umstände, die hauptsäch-
       lich dazu  beitrugen, die  Sympathien des Volkes dem konstitutio-
       nellen Regime zu entfremden. Die Cortes hatten gegen die Afrance-
       sados oder  Josephites die strengsten Dekrete erlassen. Teilweise
       waren sie  dazu durch  das Rachegeschrei  der Bevölkerung und der
       Reaktionäre veranlaßt worden, die sich aber sofort gegen die Cor-
       tes wandten,  als die  Dekrete, die sie von ihnen erpreßt hatten,
       zur Ausführung  gelangen sollten.  Mehr als  zehntausend Familien
       wurden dadurch  in die  Verbannung geschickt.  Eine Horde kleiner
       Tyrannen überflutete  die von  den Franzosen geräumten Provinzen;
       sie spielten sich als Prokonsuln auf und begannen Untersuchungen,
       Verfolgungen, Verhaftungen  und inquisitorische  Maßregeln  gegen
       alle einzuleiten,  die sich kompromittiert hatten durch ihre Par-
       teinahme für  die Franzosen, durch Annahme von Ämtern oder Ankauf
       von Nationaleigentum aus deren Händen etc. Statt den Übergang von
       der französischen  zur nationalen  Regierung in versöhnlicher und
       zurückhaltender Weise  zu gestalten,  tat die Regentschaft alles,
       was in  ihrer Macht  stand, um  die Leidenschaften aufzupeitschen
       und die  Schwierigkeiten zu  verschärfen, die  mit einem  solchen
       Wechsel der  Herrschaft untrennbar verknüpft sind. Warum aber tat
       sie das? Um von den Cortes die Suspendierung der Konstitution von
       1812 verlangen zu können, die nach ihrer Behauptung diese aufrei-
       zenden Wirkungen  hervorrief. En  passant sei  noch bemerkt,  daß
       alle Regentschaften,  diese von  den Cortes eingesetzten obersten
       Exekutivbehörden, regelmäßig  von den entschiedensten Gegnern der
       Cortes und  ihrer Konstitution gebildet wurden. Diese merkwürdige
       Tatsache erklärt  sich einfach  dadurch, daß die Amerikaner stets
       mit den  Serviles zusammengingen,  wenn es sich um die Einsetzung
       der Exekutivgewalt  handelte, deren  Schwächung sie für notwendig
       hielten,  um  die  amerikanische  Unabhängigkeit  vom  Mutterland
       durchzusetzen; eine  bloße Disharmonie zwischen der Exekutive und
       den souveränen  Cortes hielten sie hierfür nicht ausreichend. Die
       Einführung einer  einzigen direkten  Steuer auf die Einkünfte aus
       Grundbesitz sowie  aus Industrie und Handel erregte ebenfalls die
       größte Unzufriedenheit  des Volkes  gegen die  Cortes, noch  mehr
       aber die  absurden Dekrete,  die die  Zirkulation von  spanischen
       Geldsorten, die  Joseph Bonaparte  hatte prägen  lassen, verboten
       und deren  Besitzern befahlen,  sie gegen nationale Münzen einzu-
       tauschen. Gleichzeitig  wurde die  Zirkulation von  französischem
       Geld verboten  und ein Tarif festgesetzt, zu welchem es in natio-
       nale Münzen  eingewechselt werden  sollte. Da  sich dieser  Tarif
       sehr von demjenigen unterschied, den die Franzosen 1808 für den
       
       #478# Karl Marx
       -----
       relativen Wert  des spanischen  und französischen  Geldes  aufge-
       stellt hatten,  so erlitten  viele Privatpersonen große Verluste.
       Diese sinnlose  Verfügung trug auch dazu bei, den Preis der wich-
       tigsten Bedarfsartikel  zu erhöhen,  der ohnehin  schon hoch über
       dem Durchschnitt stand.
       Die Klassen, die an der Abschaffung der Konstitution von 1812 und
       an der  Wiederherstellung des  alten Regimes  am meisten interes-
       siert waren - die Granden, die Geistlichkeit, die Mönchsorden und
       die Juristen  -, ließen  es an nichts fehlen, die Unzufriedenheit
       des Volkes  aufs äußerste  zu schüren, welche ihre Ursache in den
       unglückseligen Verhältnissen  hatte, die  die Einführung des kon-
       stitutionellen Regimes  in Spanien kennzeichneten. Daher der Sieg
       der Serviles bei den allgemeinen Wahlen von 1813.
       Nur von  Seiten der Armee konnte der König ernsthaften Widerstand
       erwarten; doch  General Elio  und seine Offiziere brachen den auf
       die Konstitution geleisteten Eid, proklamierten Ferdinand VII. in
       Valencia zum  König, ohne  die Konstitution auch nur zu erwähnen.
       Dem Beispiel  Elios folgten  bald die  anderen militärischen  Be-
       fehlshaber.
       In dem  Dekret vom 4. Mai 1814, mit dem Ferdinand VII. die Cortes
       von Madrid  auflöste und die Konstitution von 1812 aufhob, gab er
       gleichzeitig seinem  Haß gegen  jeglichen  Despotismus  Ausdruck,
       versprach, die  Cortes unter den alten gesetzlichen Formen wieder
       einzuberufen, eine vernünftige Preßfreiheit einzuführen etc. Sein
       Versprechen hielt  er auf die einzige Art und Weise, die dem spa-
       nischen Volk für den Empfang gebührte, den es ihm bereitet hatte:
       er schaffte  alle Gesetze  der Cortes wieder ab, stellte den vor-
       herigen Stand  der Dinge  wieder her, setzte die heilige Inquisi-
       tion wieder  ein, rief  die Jesuiten  zurück, die  sein Großvater
       verbannt hatte,  verhängte über  die hervorragendsten  Mitglieder
       der Juntas, der Cortes und ihre Anhänger Galeerenstrafen, afrika-
       nisches Gefängnis  oder Exil  und verurteilte schließlich die be-
       rühmtesten Guerillaführer  Porlier und de Lacy zum Tode durch Er-
       schießen.
       
       VIII
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4251 vom 2. Dezember 1854]
       Während des  Jahres 1819 wurde in der Umgegend von Cadiz eine Ex-
       peditionsarmee zum Zwecke der Wiedereroberung der aufrührerischen
       amerikanischen Kolonien  ausgerüstet. Enrique  O'Donnell, Graf La
       Bisbai, der Onkel von Leopoldo O'Donnell, dem jetzigen spanischen
       Minister, wurde mit dem Kommando betraut. Die früheren Expeditio-
       nen gegen
       
       #479# Das revolutionäre Spanien - VIII
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       Spanisch-Amerika hatten in den fünf Jahren seit 1814  14 000 Mann
       verschlungen und waren auf so widerliche und leichtfertige Art in
       Szene gesetzt worden, daß sie in der Armee sehr verhaßt waren und
       in dem  Ruf standen,  eigentlich nur ein heimtückisches Mittel zu
       sein, um  unzufriedene Regimenter  loszuwerden. Einige Offiziere,
       darunter Quiroga,  Lopez Baños, San Miguel (der jetzige spanische
       Lafayette), O'Daly und Arco Aguero, beschlossen, die Unzufrieden-
       heit der  Soldaten zu benutzen, um das Joch abzuschütteln und die
       Konstitution von  1812 zu proklamieren. Als La Bisbai in den Plan
       eingeweiht wurde,  versprach er,  sich an die Spitze der Bewegung
       zu stellen.  Die Häupter  der Verschwörung  bestimmten im Einver-
       ständnis mit  ihm, daß  am 9. Juli 1819, dem Tag der großen Heer-
       schau der  Expeditionstruppen, mitten  in diesem  feierlichen Akt
       der große  Schlag erfolgen sollte. La Bisbai erschien wohl pünkt-
       lich bei  der Heerschau,  statt aber  sein Wort zu halten, gab er
       Befehl, die verschworenen Regimenter zu entwaffnen, schickte Qui-
       roga und  die anderen  Anführer ins  Gefängnis und sandte eilends
       einen Kurier  nach Madrid,  sich rühmend,  er habe  eine  überaus
       schreckliche Katastrophe  abgewendet. Beförderung und Orden waren
       sein Lohn;  als aber  der Hof  später genauere  Informationen er-
       hielt, entzog  man ihm  das Kommando  und beorderte  ihn  in  die
       Hauptstadt zurück.  Dies ist  derselbe La  Bisbai, der  1814, zur
       Zeit der  Rückkehr des Königs nach Spanien, einen seiner Stabsof-
       fiziere mit  zwei Briefen zu Ferdinand schickte. Da er örtlich zu
       weit entfernt  war, um  des Königs Verhalten beobachten zu können
       und sein Benehmen danach einzurichten, so verherrlichte La Bisbai
       in einem  der Briefe  die Konstitution  von 1812 in hochtrabenden
       Worten, für  den Fall,  daß der  König den  Eid auf  sie  ablegen
       werde. In  dem anderen Briefe stellte er im Gegenteil das konsti-
       tutionelle System  als einen  anarchischen, konfusen Zustand dar,
       beglückwünschte Ferdinand  dazu,  es  ausgetilgt  zu  haben,  und
       stellte sich  und seine  Armee zur Verfügung, um gegen die Rebel-
       len, Demagogen und Feinde von Thron und Altar vorzugehen. Der Of-
       fizier lieferte den zweiten Brief ab, der von dem Bourbonen huld-
       vollst entgegengenommen wurde.
       Ungeachtet  dieser  Symptome  der  Rebellion,  die  sich  in  der
       Expeditionsarmee zeigten,  verharrte die  Madrider Regierung,  an
       deren Spitze  der Herzog von San Fernando, damaliger Minister des
       Auswärtigen und Präsident des Kabinetts, stand, in unerklärlicher
       Apathie und  Untätigkeit und tat nichts, um die Expedition zu be-
       schleunigen oder  die Armee  auf verschiedene  Seehafenstädte  zu
       verteilen. Unterdessen  einigten sich  Don Rafael  del Riego, der
       das zweite Bataillon von Asturien kommandierte, das damals in Las
       Cabezas de  San Juan stationiert war, Quiroga, San Miguel und an-
       dere militärische
       
       #480# Karl Marx
       -----
       Führer von  der Isla  de Leon, denen es gelungen war, aus dem Ge-
       fängnis zu fliehen, zu einem gleichzeitigen Vorstoß. Riegos Posi-
       tion war  die bei  weitem schwierigste.  Die Gemeinde Las Cabezas
       lag im Mittelpunkt dreier der wichtigsten Quartiere der Expediti-
       onsarmee, dem  der Kavallerie in Utrera, dem der zweiten Infante-
       riedivision in  Lebrija und  dem eines Guidenbataillons in Arcos,
       wo sich der Oberbefehlshaber und der Stab befanden. Obwohl das in
       Arcos stationierte  Bataillon die doppelte Stärke des asturischen
       hatte, gelang  es Riego  doch am 1. Januar 1820, Befehlshaber und
       Stab zu überrumpeln und gefangenzunehmen. Er proklamierte noch am
       selben Tage  in dieser Gemeinde die Konstitution von 1812, wählte
       einen provisorischen Alkalden, und nicht zufrieden damit, die ihm
       übertragene Aufgabe  gelöst zu  haben, brachte  er die Guiden auf
       seine Seite,  überrumpelte das  aragonische Bataillon  in Bornos,
       marschierte von Bornos nach Jeres, von Jeres nach Puerto de Santa
       Maria, proklamierte überall die Konstitution, bis er am 7. Januar
       Isla de  Leon erreichte,  wo er  die von  ihm gemachten  Militär-
       gefangenen in  der Festung  St. Petri  einlieferte. Entgegen  der
       früheren Abmachung  hatten Quiroga  und seine Anhänger sich nicht
       durch einen Handstreich der Brücke von Suazo und dann der Isla de
       León bemächtigt,  sondern waren bis zum 2. Januar untätig geblie-
       ben, bis  ihnen Oltra,  der Bote Riegos, offizielle Nachricht von
       der Überrumpelung  Arcos und  der Gefangennahme  des Stabs  über-
       brachte.
       Die Gesamtmacht  der Revolutionsarmee,  deren Oberbefehl  Quiroga
       übergeben wurde,  belief sich  auf nicht  mehr als 5000 Mann, die
       sich, als  ihre Angriffe  auf die Tore von Cadiz abgeschlagen wa-
       ren, auf der Isla de Leon eingeschlossen sahen.
       
       "Unsere Situation",  sagt San Miguel, "war eine außergewöhnliche;
       diese Revolution,  die 25  Tage lang stillstand, ohne einen Zoll-
       breit an  Boden zu  gewinnen oder  zu verlieren, stellte eine der
       merkwürdigsten politischen Erscheinungen dar."
       
       Die Provinzen  schienen in  einen lethargischen Schlummer verfal-
       len. Das  dauerte den  ganzen Januar.  Am Ende des Monats bildete
       Riego, der  befürchtete, das  Feuer der Revolution könnte in Isla
       de Leon  ausgelöscht werden, gegen den Rat Quirogas und der ande-
       ren Führer  eine bewegliche  Kolonne von  1500 Mann,  marschierte
       durch einen  Teil Andalusiens  angesichts einer  ihn verfolgenden
       Macht, die  zehnmal stärker war als er, und proklamierte die Kon-
       stitution in Algeciras, Ronda, Malaga, Cordoba und anderen Orten.
       Er wurde  überall von  den Bewohnern  freundlich empfangen,  rief
       aber nirgends  ein ernsthaftes Pronunziamiento hervor. Inzwischen
       schien seinen  Verfolgern, die  unterdessen einen vollen Monat in
       nutzlosen Märschen und
       
       #481# Das revolutionäre Spanien - VIII
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       Kontermärschen vergeudet hatten, nichts mehr am Herzen zu liegen,
       als soviel  wie möglich  jedes nähere  Zusammentreffen mit seiner
       kleinen Armee  zu vermeiden.  Das Verhalten der Regierungstruppen
       war völlig  unbegreiflich. Riegos  Expedition, die  am 27. Januar
       1820 begonnen  hatte, endete  am 11.  März, wo  er sich gezwungen
       sah, die  wenigen Leute zu entlassen, die ihm noch gefolgt waren.
       Sein kleines  Korps wurde  nicht in einer entscheidenden Schlacht
       auseinandergesprengt,  es   verschwand  vielmehr  teils  aus  Er-
       schöpfung, teils infolge unaufhörlicher kleiner Zusammenstöße mit
       dem Feind,  teils infolge  Krankheit und Desertion. Die Situation
       der Aufständischen auf der Isla [de Leon] war unterdessen keines-
       wegs hoffnungsvoll. Sie waren nach wie vor zu Wasser und zu Lande
       eingeschlossen, und  in der Stadt Cadiz selbst wurde jede Partei-
       nahme für  ihre Sache  von der  Garnison  unterdrückt.  Wie  also
       konnte es  geschehen, daß,, nachdem doch Riego am 11. März in der
       Sierra Morena seine verfassungstreuen Truppen hatte auflösen müs-
       sen, Ferdinand  VII. am  9.März in  Madrid gezwungen war, auf die
       Konstitution zu  schwören, so daß Riego tatsächlich sein Ziel er-
       reichte, genau  zwei Tage bevor er endgültig an seiner Sache ver-
       zweifelt war?
       Der Vormarsch  von Riegos  Kolonne hatte aufs neue die allgemeine
       Aufmerksamkeit wachgerufen;  die Provinzen  waren voll  Erwartung
       und beobachteten  gespannt jede  Bewegung.  Die  Gemüter,  erregt
       durch Riegos  kühnen Ausfall, durch die Schnelligkeit seines Vor-
       marsches, seine  kräftige Abwehr  des Feindes, sahen Triumphe, wo
       keine waren,  und glaubten an Verstärkungen und an eine Anhänger-
       schaft, die nie gewonnen worden war. Als die Nachrichten von Rie-
       gos Unternehmen  die entfernteren Provinzen erreichten, waren sie
       schon ins  Ungeheuerliche gewachsen,  und die vom Schauplatz ent-
       ferntesten waren  die ersten,  die sich  für die Konstitution von
       1812 erklärten.  So reif  war Spanien  für eine  Revolution,  daß
       selbst falsche Nachrichten genügten, sie hervorzurufen. Auch 1848
       waren es  falsche Nachrichten,  die den revolutionären Orkan ent-
       fesselten.
       In Galicien,  Valencia, Saragossa, Barcelona und Pamplona brachen
       nacheinander Aufstände  aus. Enrique  O'Donnell alias Graf von La
       Bisbai, den der König zum bewaffneten Widerstand gegen Riegos Ex-
       pedition aufrief,  erbot sich  nicht nur,  ihm  entgegenzutreten,
       sondern auch  seine kleine  Armee zu  vernichten und  sich seiner
       Person zu  bemächtigen. Er verlangte nichts als das Kommando über
       die Truppen, die in der Provinz von La Mancha lagen, und Geld für
       seine eigenen  Bedürfnisse. Der  König selbst  gab ihm eine Börse
       voll Gold  und die nötigen Befehle für die Truppen von La Mancha.
       Bei seiner  Ankunft in Ocaña stellte sich La Bisbai jedoch an die
       Spitze der  Truppen und  proklamierte die  Konstitution von 1812.
       Als die Nachricht von
       
       #482# Karl Marx
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       diesem Abfall nach Madrid gelangte, wurden die Gemüter so erregt,
       daß sofort  die Revolution ausbrach. Die Regierung begann nun mit
       der Revolution  zu unterhandeln.  In einem Dekret, datiert vom 6.
       März, erbot  sich der König, die  a l t e n  Cortes zusammenzube-
       rufen, die  nach Estamentos (Ständen) versammelt waren; damit war
       jedoch keine der Parteien einverstanden, weder die der alten Mon-
       archie,  noch   die  der  Revolution.  Bei  seiner  Rückkehr  aus
       Frankreich hatte  der König  sie mit demselben Versprechen ködern
       wollen und  war dann  wortbrüchig geworden.  Als nun in der Nacht
       des 7.  März in Madrid revolutionäre Demonstrationen stattfanden,
       veröffentlichte die  "Gaceta" vom  8. ein Dekret, worin Ferdinand
       VII. versprach,  auf die  Konstitution von  1812 zu  schwören. In
       diesem Dekret sagt er:
       
       "Laßt uns  alle, mich  voran, von  nun ab  aufrichtig den Weg der
       Konstitution beschreiten."
       
       Als sich das Volk am 9. seines Palastes bemächtigte, vermochte er
       sich nur  dadurch zu retten, daß er das Madrider Ayuntamiento von
       1814 wieder einsetzte und vor demselben den Eid auf die Konstitu-
       tion leistete.  Was machte er sich schon aus einem Meineid? Hatte
       er doch immer einen Beichtvater zur Hand, stets bereit, ihm voll-
       ste Absolution von jeder nur möglichen Sünde zu gewähren. Gleich-
       zeitig wurde eine beratende Junta eingesetzt, deren erstes Dekret
       die politischen  Gefangenen befreite  und die politischen Flücht-
       linge zurückrief. Aus den nun geöffneten Gefängnissen zog das er-
       ste konstitutionelle  Ministerium in  den königlichen Palast ein.
       Castro, Herreros  und A.  Argüelles, die dieses erste Ministerium
       bildeten, waren  Märtyrer von  1814 und  Deputierte von 1812. Die
       eigentliche Ursache  des Enthusiasmus bei Ferdinands Thronbestei-
       gung war die Freude über die Entfernung Karls IV., seines Vaters.
       Und so auch war die Ursache der allgemeinen Begeisterung über die
       Proklamation der  Konstitution von  1812 Freude über die Beseiti-
       gung Ferdinands  VII. Was  die Konstitution  selbst betrifft,  so
       wissen wir,  daß, als sie vollendet war, es keine Gebiete gab, wo
       sie hätte  verkündet werden  können. Für  die Mehrheit des spani-
       schen Volks glich sie dem unbekannten Gott, den die alten Athener
       anbeteten.
       Die englischen  Schriftsteller unserer Tage behaupten mit deutli-
       cher Anspielung  auf die jetzige spanische Revolution einerseits,
       die Bewegung  von 1820 sei bloß eine Militärverschwörung, andrer-
       seits, sie  sei nur eine russische Intrige gewesen. Beide Behaup-
       tungen sind  gleich lächerlich.  Wir sahen, daß trotz des Mißlin-
       gens des Militäraufstandes die Revolution siegte. Das Rätselhafte
       liegt nicht in der Verschwörung der 5000 Soldaten, sondern darin,
       daß diese Verschwörung sanktioniert wurde von einer Armee von
       
       #483# Das revolutionäre Spanien VIII
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       35 000 Mann und von einer höchst loyalen Nation von zwölf Millio-
       nen. Warum  die Revolution zuerst gerade innerhalb der Reihen der
       Armee ausbrach,  erklärt sich  leicht dadurch,  daß die Armee die
       einzige unter  allen Körperschaften der spanischen Monarchie war,
       die durch  den Unabhängigkeitskrieg  von Grund  aus verändert und
       revolutioniert war.  Was die  russische Intrige betrifft, so läßt
       es sich nicht leugnen, daß Rußland seine Hände bei der spanischen
       Revolution mit  im Spiele hatte; daß von allen europäischen Mäch-
       ten Rußland zuerst die Konstitution von 1812 im Vertrag von Weli-
       kije Luki vom 20. Juli 1812 [235] anerkannte, daß Rußland es war,
       das zuerst  die Revolution  von 1820 entfachte, das sie zuerst an
       Ferdinand VII.  verriet, das  zuerst die Fackel der Konterrevolu-
       tion an  verschiedenen Punkten  der Halbinsel entzündete, das zu-
       erst feierlich  vor Europa  gegen die Revolution protestierte und
       das endlich  Frankreich zum  bewaffneten Einschreiten  gegen  sie
       zwang. Herr  von Tatischtschew,  der russische  Gesandte, war si-
       cherlich die  hervorragendste Persönlichkeit  am Hof von Madrid -
       das unsichtbare Haupt der Kamarilla. Es war ihm gelungen, Antonio
       Ugarte, einen  Wicht von niedriger Herkunft, bei Hofe einzuführen
       und ihn  zum Haupt der Ordensbrüder und Lakaien zu machen, die in
       ihren Hintertreppenkonferenzen  das Zepter  im  Namen  Ferdinands
       VII. schwangen.  Tatischtschew machte  Ugarte zum Generaldirektor
       der Expeditionen gegen Südamerika, und Ugarte ernannte den Herzog
       von San Fernando zum Minister des Auswärtigen und Präsidenten des
       Kabinetts. Ugarte  vermittelte den  Ankauf morscher  Schiffe  von
       Rußland für  die Südamerika-Expedition,  wofür er mit dem St. An-
       nenorden ausgezeichnet  wurde. Ugarte hinderte Ferdinand und sei-
       nen Bruder  Don Carlos  daran, im ersten Augenblick der Krise vor
       der Armee  zu erscheinen.  Er war  der geheimnisvolle Urheber der
       unbegreiflichen Apathie des Herzogs von San Fernando und der Maß-
       nahmen, über  die sich ein spanischer Liberaler in Paris 1836 mit
       den Worten äußerte:
       
       "Man kann  sich kaum der Überzeugung verschließen, daß die Regie-
       rung selbst  die Mittel dazu lieferte, die bestehende Ordnung der
       Dinge über den Haufen zu werfen." [236]
       
       Wenn wir daneben noch auf die merkwürdige Tatsache verweisen, daß
       der Präsident  der Vereinigten  Staaten in seiner Botschaft [206]
       Rußland dafür  dankte, weil  es ihm  versprochen habe, zu verhin-
       dern, daß  Spanien sich  mit den  südamerikanischen Kolonien  be-
       fasse, so  bleibt wohl  kaum ein Zweifel über die Rolle, die Ruß-
       land in  der spanischen Revolution spielte. Was beweist aber dies
       alles? Etwa,  daß Rußland die Revolution von 1820 machte? Keines-
       wegs. Es  beweist nur,  daß Rußland  die spanische Regierung hin-
       derte, ihr
       
       #484# Karl Marx
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       entgegenzutreten. Daß die Revolution früher oder später die abso-
       lute, mönchische  Monarchie Ferdinands  VII. gestürzt  hätte, be-
       weist: 1.  die Reihe  von Verschwörungen,  die seit 1814 einander
       folgten; 2. das Zeugnis des Herrn de Martignac, des französischen
       Kommissars, der  den Herzog  von Angoulême zur Zeit der legitimi-
       stischen Invasion in Spanien begleitete; 3. das unwiderleglichste
       Zeugnis - das von Ferdinand selbst.
       Im Jahre  1814 beabsichtigte  Mina eine  Erhebung in Navarra, gab
       das erste Zeichen zum Widerstand durch einen Aufruf zu den Waffen
       und marschierte  in die  Festung von Pamplona ein; dann aber miß-
       traute er seinen eigenen Anhängern und floh nach Frankreich. 1815
       proklamierte General  Porlier, einer der berühmtesten Guérilleros
       aus dem  Unabhängigkeitskrieg, in  La Coruña die Konstitution. Er
       wurde enthauptet.  1816 wollte Richard den König in Madrid gefan-
       gennehmen. Er  wurde gehängt. 1817 büßten der Advokat Navarro und
       vier seiner  Mitschuldigen in Valencia auf dem Schafott ihr Leben
       ein, weil  sie die  Konstitution von  1812 proklamiert hatten. In
       demselben Jahre  wurde der unerschrockene General Lacy in Majorca
       erschossen, weil  er sich  desselben Vergehens  schuldig  gemacht
       hatte. 1818  wurden Oberst Vidal, Kapitän Sola und andere, die in
       Valencia die Konstitution von 1812 öffentlich proklamiert hatten,
       ergriffen und dem Schwert ausgeliefert. Die Verschwörung von Isla
       de Leon  bildete dann  nur das letzte Glied in der Kette, die aus
       den blutigen  Häuptern so  manches tapferen  Mannes in den Jahren
       1808 bis 1814 entstanden war.
       Herr deMartignac,  der 1833,  kurz vor  seinem  Tode,  sein  Werk
       "L'Espagne et ses Révolutions" veröffentlichte, spricht sich fol-
       gendermaßen aus:
       
       "Zwei Jahre  waren vergangen,  seit Ferdinand VII. sein absolutes
       Regime wieder aufgenommen hatte, und noch immer dauerten die Ver-
       folgungen an,  welche von einer Kamarilla ausgingen, die sich aus
       dem Abschaum  der Menschheit  zusammensetzte. Die ganze Staatsma-
       schinerie war  von unterst  zu oberst gekehrt. Unordnung, Stumpf-
       sinn, Verwirrung herrschten überall. Die Steuern waren höchst un-
       gleich verteilt, der Zustand der Finanzen war erbärmlich, für die
       Anleihen gab  es keinen Kredit, und keine Möglichkeit war vorhan-
       den, die  dringendsten Erfordernisse  des Staates  zu decken. Die
       Armee blieb  ohne Sold,  die Beamten entschädigten sich durch Be-
       stechung, die  korrupte und  untätige Verwaltung war außerstande,
       etwas zu verbessern oder auch nur das Vorhandene zu erhalten. Da-
       her die allgemeine Unzufriedenheit des Volkes. Das neue konstitu-
       tionelle System  wurde von  den großen  Städten, den Handels- und
       Gewerbetreibenden, den  Angehörigen der  freien Berufe, der Armee
       und dem  Proletariat mit  Enthusiasmus begrüßt.  Es  widersetzten
       sich ihm  die Mönche,  und es  verblüffte  die  Landbevölkerung."
       [237]
       
       So lauten  die Bekenntnisse  eines  sterbenden  Mannes,  der  als
       Hauptwerkzeug bei  der Zerstörung  dieses neuen  Systems  diente.
       Ferdinand VII.
       
       #485# Das revolutionäre Spanien - VIII
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       bestätigt in  seinen Dekreten  vom 1.  März 1817,  vom 11.  April
       1817, vom  1. Juni  1817, vom 24. November 1819 etc. wörtlich die
       Behauptungen des  Herrn de Martignac und faßt seine Klagen in die
       Worte zusammen:
       
       "Der Jammer  des klagenden Volkes, der zu den Ohren unserer Maje-
       stät dringt, nimmt kein Ende."
       
       Daraus geht  hervor, daß  es keines  Tatischtschews bedurfte,  um
       eine spanische Revolution zuwege zu bringen.
       
       Aus dem Englischen.
       

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