Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Die Krise in England
["New-York Daily Tribune" Nr. 4346 vom 24. März 1855,
Leitartikel]
Der Tod des Zaren und die Wirkung dieses Ereignisses auf die
schwebenden Verwicklungen dürfte unstreitig der interessanteste
Teil der Nachrichten aus Europa sein, die uns die "Atlantic"
brachte [85]. Indessen, so wichtig auch die Kunde über dieses
Thema oder über andere kontinentale Angelegenheiten ist, so kann
sie in ihrem Interesse für den aufmerksamen Beobachter wohl kaum
die fortlaufenden Anzeichen und Entwicklungen jener folgenschwe-
ren politischen Krise übertreffen, in der gegenwärtig die briti-
sche Nation daheim ganz ohne ihr Wollen verwickelt ist. Der
letzte Versuch, jenes veraltete Kompromiß, genannt die britische
Konstitution - ein Kompromiß zwischen der Klasse, die offiziell
herrscht, und jener, die inoffiziell herrscht - aufrechtzuer-
halten, mißlang gründlich. In England ist nicht nur das Ko-
alitionsministerium, das allerkonstitutionellste von allen Mini-
sterien, zusammengebrochen, sondern die Konstitution selbst ist
in jedem einzelnen Punkt, wo sie der Krieg auf die Probe stellte,
zusammengebrochen. Vierzigtausend britische Soldaten fanden als
Opfer der britischen Konstitution den Tod an den Küsten des
Schwarzen Meeres. Offizierkorps, Armeestab, Kommissariat, medizi-
nisches Departement, Transportdienst, Admiralität, Horse Guards
[38], Artilleriewesen, Heer und Marine, alle miteinander sind zu-
sammengebrochen, haben sich in der Wertschätzung der Welt zu-
grunde gerichtet. Doch alle miteinander fanden Genugtuung in dem
Bewußtsein, nur ihre Pflicht im Sinne der britischen Konstitution
getan zu haben. Die Londoner "Times" war der Wahrheit näher, als
sie selber erkannte, wenn sie im Hinblick auf dieses allgemeine
Fiasko sagte, daß es die britische Konstitution selbst ist, die
vor Gericht steht!
#101# Die Krise in England
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Sie ist geprüft und für schuldig befunden worden. Diese britische
Konstitution ist nichts anderes als ein veraltetes Kompromiß,
durch das die allgemeine Regierungsmacht bestimmten Teilen der
Bourgeoisie überlassen wird, unter der Bedingung, daß die gesamte
wirkliche Leitung, die vollziehende Gewalt in allen ihren Einzel-
heiten, selbst bis zur vollziehenden Funktion der gesetzgebenden
Macht - d.h. die wirkliche Gesetzgebung in den beiden Häusern des
Parlaments -, der Grundaristokratie gesichert bleibt. Diese Ari-
stokratie hat, obwohl sie sich den von der Bourgeoisie aufge-
stellten allgemeinen Prinzipien unterwirft, die oberste Entschei-
dung im Kabinett, im Parlament, in der Verwaltung, in der Armee
und Flotte; und diese sehr bedeutende Hälfte der britischen Kon-
stitution mußte nun ihr eigenes Todesurteil unterzeichnen. Sie
ist gezwungen worden, anzuerkennen, nicht fähig zu sein, England
weiter zu regieren. Ein Ministerium nach dem anderen wird gebil-
det, nur um sich nach wenigen Wochen Regierungstätigkeit wieder
aufzulösen. Die Krise ist permanent, die Regierung ist nur provi-
sorisch. Jede politische Tätigkeit ist unterbrochen, niemand gibt
vor, mehr zu tun, als die politische Maschine gerade gut genug zu
ölen, damit sie nicht stehenbleibt. Selbst das Haus der Gemeinen,
dieser Stolz des konstitutionellen Engländers, ist an einem toten
Punkt angelangt. Es kennt sich selbst nicht mehr, da es in zahl-
lose Fraktionen aufgespalten ist, die alle arithmetischen Kombi-
nationen und Variationen, die bei der gegebenen Anzahl von Ein-
heiten möglich sind, ausprobieren. Es vermag sich in den ver-
schiedenen Kabinetten nicht mehr wiederzuerkennen, die es nach
seinem eigenen Bild zu keinem anderen Zweck bildet, als sie wie-
der aufzulösen. Der Bankrott ist komplett.
Unter den Bedingungen dieser nationalen Ohnmacht, die, ähnlich
wie die Seuche auf der Krim, nach und nach alle Glieder des poli-
tischen Organismus befallen hat, mußte nicht nur der Krieg fort-
geführt werden, sondern auch gekämpft werden mit einem anderen,
weit gefährlicheren Gegner als Rußland, mit einem Gegner, der den
vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Kabinetten all der Glad-
stones, Cardwells, Russells und Palmerstons zusammengenommen
überlegen ist. Dieser Gegner ist die Handels- und Industriekrise,
die seit letztem September mit einer Härte, Universalität und
Heftigkeit eingesetzt hat, die nicht zu verkennen ist. Seine un-
erbittlich eiserne Hand hat sofort jene seichten Freihändler zum
Schweigen gebracht, die seit Jahren unaufhörlich gepredigt hat-
ten, nach der Aufhebung der Korngesetze wären überfüllte Märkte
unmöglich. Da haben wir nun die Überfülle mit all ihren Konse-
quenzen und in ihrer schärfsten Form, und angesichts dieser Tat-
sache klagt nun niemand eifriger die Fabrikanten der Unvor-
sichtigkeit an, sie hätten die Produktion nicht verringert, als
genau die
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gleichen Ökonomen, die ihnen noch vor wenigen Monaten sagten, sie
könnten niemals zu viel produzieren. Seit langem haben wir darauf
aufmerksam gemacht, daß diese Krankheit in einer chronischen Form
existiert. Sie ist natürlich durch die kürzlichen Schwierigkeiten
in Amerika und durch die Krise verschärft worden, die unseren
Handel einschränkte. Obwohl Indien und China mit Waren über-
schwemmt waren, wurden diese Länder weiterhin als Märkte benutzt,
ebenso Kalifornien und Australien. Als die englischen Fabrikanten
ihre Güter nicht mehr im Inland absetzen konnten oder vorzogen,
das nicht zu tun, um nicht die Preise herabzusetzen, nahmen sie
zu dem absurden Mittel ihre Zuflucht, die Waren ins Ausland zu
schicken, insbesondere nach Indien, China, Australien und Kali-
fornien. Mit diesem Notbehelf konnte der Handel eine Zeitlang
weitergehen, ohne in eine so große Schwierigkeit zu geraten, als
wenn die Güter sofort auf den Innenmarkt geworfen worden wären.
Als sie jedoch ihre Bestimmungsorte erreichten, riefen sie sofort
Schwierigkeiten hervor, und gegen Ende September begann die Aus-
wirkung in England fühlbar zu werden.
Alsdann trat die Krise aus ihrem chronischen in das akute Sta-
dium. Die ersten Firmen, die es zu spüren bekamen, waren die
Kattundrucker. Einige, darunter seit langem bestehende Firmen in
Manchester und Umgebung, machten Bankrott. Dann kam die Reihe an
die Schiffsbesitzer und die australischen und kalifornischen
Kaufleute; die nächsten waren die Kaufleute, die mit China Handel
trieben, und schließlich die indischen Häuser. Alle kamen an die
Reihe; die meisten erlitten schwere Verluste, während viele ihre
Zahlungen einstellen mußten. Für keinen ist die Gefahr vorüber.
Im Gegenteil, sie nimmt noch zu. Die Seidenfabrikanten waren
ebenfalls betroffen; ihr Gewerbe ist auf fast nichts zusammenge-
schrumpft, und die Ortschaften, wo es weiter betrieben wird, lit-
ten und leiden noch immer die größte Not. Dann kamen die Baum-
wollspinner und -fabrikanten an die Reihe. Nach unseren letzten
Mitteilungen zu urteilen, haben einige nicht standgehalten, und
noch vielen wird das gleiche geschehen. Die Spinner von feinem
Garn haben, wie wir ebenfalls erfuhren, begonnen, nur vier Tage
in der Woche zu arbeiten; auch die Grobspinner werden bald ge-
zwungen sein, das gleiche zu tun. Indessen, wie viele werden es
sein, die das auf die Dauer durchhalten können?
In wenigen Monaten wird die Krise an einem Höhepunkt angelangt
sein, den sie in England seit 1846, vielleicht seit 1842 nicht
mehr erreicht hat. Wenn die Arbeiterklasse beginnt, ihre Auswir-
kungen in vollem Umfange zu spüren, dann wird jene politische Be-
wegung von neuem beginnen, die sechs Jahre lang schlummerte. Dann
werden sich die Arbeitsmänner Englands
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wieder erheben und die Bourgeoisie gerade zu der Zeit bedrohen,
da sie endgültig die Aristokratie von der Macht vertreibt. Dann
wird die Maske, die bisher die wirklichen Züge der politischen
Physiognomie Großbritanniens verbarg, heruntergerissen werden und
die beiden wirklich kämpfenden Parteien in diesem Lande sich Auge
in Auge gegenübertreten - die Mittelklasse und die Arbeiter-
klasse, die Bourgeoisie und das Proletariat, und England wird
dann endlich gezwungen sein, an den allgemeinen sozialen Entwick-
lungen der europäischen Gesellschaft teilzunehmen. Als England
das Bündnis mit Frankreich einging, gab es endgültig jene iso-
lierte Stellung auf, die seine, insulare Lage geschaffen hatte,
die jedoch der Welthandel und die wachsenden Verkehrsmöglich-
keiten schon seit langem unterminierten. Von nun an wird England
wohl kaum umhin können, die großen inneren Bewegungen der anderen
europäischen Nationen durchzumachen.
Es ist ebenfalls eine auffallende Tatsache, daß die letzten Au-
genblicke der britischen Konstitution ebenso reich an Beweisen
eines verderbten Gesellschaftszustandes sind wie die letzten Au-
genblicke der Monarchie Louis-Philippes. Wir haben schon vorher
die Parlaments- und Regierungsskandale erwähnt, die Stonor-, die
Sadleir- und die Lawley-Skandale 1*). Um jedoch allen die Krone
aufzusetzen, kamen die Enthüllungen über Handcock und de Burgh,
in denen sich Lord Clanricarde, ein Mitglied des Oberhauses, als
ein, wenn auch mittelbarer, so doch Hauptbeteiligter an einer
höchst empörenden Handlung bloßstellt. Kein Wunder, daß dies die
Parallele zu vervollständigen scheint und Leute beim Lesen der
abscheulichen Einzelheiten unwillkürlich ausrufen: "Der Duc de
Praslin! Der Duc de Praslin!" England ist bei seinem 1847 ange-
langt; wer weiß, wann und was sein 1848 sein wird?
Geschrieben am 2. März 1855.
Aus dem Englischen.
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1*) Siehe vorl. Band, S. 26/27
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