Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Stellenkauf - Aus Australien
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 111 vom 7. März 1855]
London, 3. März. In der vorgestrigen Sitzung des Hauses der Ge-
meinen wurde bekanntlich Lord Goderichs Antrag, Unteroffiziere
bis zum Range von Hauptleuten avancieren zu lassen, verworfen.
Palmerston wandte das alte Dilemma an: Eine partielle Reform ist
unmöglich, weil ein Glied des alten Systems das andere bedingt.
Einzelne praktische Reform also unmöglich, weil sie nicht theore-
tisch. Die Gesamtreform des Systems unmöglich, weil sie nicht Re-
form, sondern Revolution. Theoretische Reform also unmöglich,
weil sie nicht praktisch. Dieses Haus der Gemeinen - ein Haus,
das das Prinzip beherzigt: principiis obsta 1*) - ließ sich na-
türlich gern überzeugen oder bedurfte vielmehr nicht der Überzeu-
gung, da sein Urteil vor dem Prozeß gefällt war.
Palmerston führte bei dieser Gelegenheit an, daß das System des
Verkaufs der Offizierspatente alt sei, und hierin hatte er recht.
Wir haben früher schon angedeutet, daß es mit der "glorreichen"
Revolution von 1688 begann, mit der Einführung von Staatsschul-
den, Banknoten und holländischem Königtume. Schon in der Meute-
reiakte von 1694 [86] wird die Notwendigkeit erwähnt,
"dem großen Unheil des Kaufes und Verkaufes der militärischen
Stellen in der königlichen Armee" zuvorzukommen, und wird ange-
ordnet, daß "jeder bestallte Offizier" (nur die Unteroffiziere
sind n i c h t bestallt) "schwören sollte, daß er seine Bestal-
lung nicht gekauft habe".
Diese Restriktion wurde indes nicht durchgesetzt; 1702 entschied
vielmehr Sir N[athan] Wright, der Lord Keeper 2*), in umgekehrtem
Sinne. Am
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1*) widerstehe der Versuchung - 2*) Lordsiegelbewahrer
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1. Mai 1711 erkannte eine Verordnung der Königin Anna ausdrück-
lich das System an, indem sie verfügte,
"daß keine Bestallungen verkauft werden sollten ohne königliche
Bestätigung und daß kein Offizier auskaufen dürfe, der nicht 20
Jahre gedient oder im Dienste unfähig geworden sei etc."
Es war nur noch ein Schritt von dieser offiziellen Anerkennung
des Handels in militärischen Patenten zur offiziellen Regulierung
des Marktpreises der Bestallungen. 1719/1720 wurden demgemäß zum
erstenmal solche Marktpreise fixiert. Die Preise der Offizierspa-
tente wurden erneut 1766, 1772, 1773, 1783 und schließlich 1821,
wo die jetzigen Preise festgesetzt wurden. Schon 1766 veröffent-
lichte der Kriegsminister Barrington einen Brief, worin es heißt:
"Die Folge dieses Handels in Offizierspatenten ist häufig, daß
Männer, die mit der wärmsten Neigung für den Dienst in die Armee
getreten sind, die sich selbst bei jeder Gelegenheit ausgezeich-
net haben, ihr ganzes Leben durch in dem untersten Rang gehalten
werden, weil sie arm sind. Diese verdienstvollen Offiziere erdul-
den oft die grausame Demütigung, durch junge Buben von reichen
Familien kommandiert zu werden, die viel später in den Dienst
eintreten, und deren Vermögen sie befähigt, sich außerhalb des
Regiments zu amüsieren, während die anderen, beständig im Dienst-
quartier, die Pflichten dieser Gentlemen erfüllen und ihre eignen
gelernt haben."
Es ist wahr, daß das gemeine Recht von England es für illegal er-
klärt, für irgendein öffentliches Amt ein Geschenk oder
"Mäklersporteln" zu geben, ganz wie die Statuten der Staatskirche
Simonie [87] mit ihrem Bann belegen. Die historische Entwickelung
besteht aber darin, daß weder das Gesetz die Praxis bestimmt,
noch die Praxis das widersprechende Gesetz beseitigt.
Die letzten Nachrichten von Australien fügen ein neues Element
der allgemeinen Unbehaglichkeit, Unruhe und Unsicherheit hinzu.
Wir müssen unterscheiden zwischen der Erneute zu Ballarat (unweit
Melbourne) und der allgemeinen revolutionären Bewegung in der
Provinz Victoria. Die erstere wird in diesem Moment unterdrückt
sein; die letztere ist nur durch vollständige Zugeständnisse zu
unterdrücken. Die erstere ist selbst nur ein Symptom, ein gele-
gentlicher Ausbruch der letzteren. Was die Erneute bei Ballarat
angeht, so sind die Tatsachen einfach diese: Ein gewisser Bent-
ley, Eigentümer des Eureka-Hotels bei den Goldfeldern von Balla-
rat, war in allerlei Konflikte mit den Goldgräbern geraten. Ein
Mord, der in seinem Hause vorfiel, vermehrte den Haß gegen ihn.
Bei der Untersuchung des Leichenbeschauers ward Bentley als un-
schuldig entlassen. Indes veröffentlichten zehn von den zwölf Ge-
schworenen, die während der Leichenschau funktionierten,
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einen Protest gegen die Parteilichkeit des Coroner (Leichenbe-
schauer), der die dem Gefangenen nachteiligen Zeugenaussagen zu
unterdrücken gesucht. Auf das Verlangen der Volksmasse fand eine
zweite Untersuchung statt. Trotz sehr verdächtigender Zeugenaus-
sage wurde Bentley wieder entlassen. Indes ward bekannt, daß
einer der Richter pekuniär an dem Hotel beteiligt sei. Viele
frühere und spätere Klagen beweisen den zweideutigen Charakter
der Regierungsbeamten des Distrikts von Ballarat. Am Tage der
zweiten Entlassung des Bentley machten die Goldgräber eine
furchtbare Demonstration, übergaben sein Hotel den Flammen und
zogen sich dann zurück. Drei der Rädelsführer wurden verhaftet
auf Befehl von Sir Charles Hotham, dem Generalgouverneur der
Provinz Victoria. Am 27. November verlangte eine Deputation der
Goldgräber ihre Freilassung. Hotham schlug das Gesuch ab. Die
Goldgräber hielten ein Monstre-Meeting. Der Gouverneur entsandte
Polizei und Militärmacht von Melbourne. Es kam zum Konflikt, meh-
rere Tote blieben, und die Goldgräber, nach den letzten Nachrich-
ten, die bis zum 1. Dezember gehen, hatten die Unabhängigkeits-
fahne aufgepflanzt.
Diese Erzählung, im wesentlichen einem Regierungsorgan entnommen,
spricht schon keineswegs zugunsten der englischen Richter und
Regierungsbeamten. Sie zeigt das herrschende Mißtrauen. Die ei-
gentlichen großen Streitfragen, um die sich die revolutionäre Be-
wegung in der Provinz Victoria dreht, sind zwei. Die Goldgräber
verlangen Abschaffung der Patente zum Goldgraben - d.h. einer di-
rekt auf die Arbeit gelegten Steuer; sie verlangen zweitens Ab-
schaffung der Eigentumsqualifikation für Mitglieder der Repräsen-
tantenkammer, um so selbst Kontrolle über Steuern und Gesetz-
gebung zu erhalten. Man sieht: im wesentlichen ähnliche Motive
wie die, die zur Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten
führten, nur, daß in Australien der Gegensatz von den Arbeitern
gegen die mit der Kolonialbürokratie verbundenen Monopolisten
ausgeht. Im M e l b o u r n e "Argus" lesen wir von großen Re-
formmeetings und andererseits großen militärischen Vorbereitungen
auf seiten der Regierung. Es heißt dort unter anderem:
"Auf einem Meeting von 4000 Personen wurde beschlossen, daß die
Patentabgabe eine Auflage und ungerechte Steuer auf freie Arbeit
sei, das Meeting sich daher verpflichte, sie sofort abzuschaffen
durch Verbrennen aller Patente. Sollte irgendeiner verhaftet wer-
den, weil nicht im Besitze eines Patents, so werde ihn das verei-
nigte Volk verteidigen und beschützen."
Zu Ballarat erschienen am 30. November die Kommissäre Rede und
Johnson mit Kavallerie und Polizei und verlangten mit gezückten
Schwertern
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und fixierten Bajonetten die Vorzeigung der Patente von den Gold-
gräbern. Diese hielten ein Massenmeeting, meist bewaffnet, und
beschlossen, der Eintreibung der gehässigen Steuer aufs äußerste
zu widerstehen. Sie verweigerten, ihre Patente vorzuzeigen; sie
erklärten, sie hätten sie verbrannt; die Aufruhrakte [88] wurde
verlesen, und der Aufruhr war nun vollständig.
Es genügt, hier anzuführen - um das gemeinsame Treiben der in den
Lokallegislaturen hausenden Monopolisten und der mit ihnen ver-
bundenen Kolonialbürokratie zu schildern -, daß 1854 die Regie-
rungsausgabe in Victoria 3 564 258 Pfd. St. betrug, ein Defizit
einschließend von 1 085 896, also von mehr als ein Drittel der
Gesamteinnahme. Und im Angesicht der jetzigen Krise, des allge-
meinen Bankerutts verlangt Sir Charles Hotham für das Jahr 1855
eine Summe von 4 801 292 Pfd. St. Victoria zählt kaum 300 000
Einwohner, und von der obigen Summe sind 1 860 830 Pfd. St., d.h.
6 Pfd. St. per Kopf, für öffentliche Arbeiten bestimmt, nämlich
für Wege, Docks, Kais, Kasernen, Regierungsgebäude, Zollämter,
botanische Gärten, Regierungsstallungen etc. Nach diesem Maßstab
- 6 Pfd. St. per Kopf - müßte die Bevölkerung von Großbritannien
168 000 000 Pfd. St. allein für öffentliche Arbeiten jährlich
zahlen, d.h. dreimal mehr, als ihre Gesamtsteuer beträgt. Man be-
greift, daß die arbeitende Bevölkerung sich gegen diese Über-
steuerung empört. Man begreift zugleich, wie gute Geschäfte Büro-
kratie und Monopolisten vereinigt bei so ausgedehnten - auf
fremde Kosten bestrittenen - Staatsarbeiten machen müssen.
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