Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Die englische Presse über den toten Zar
       
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       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 109 vom 6. März 1855]
       London, 3.  März. Sämtliche  heut erschienenen Tages- und Wochen-
       blätter bringen  natürlich Leitartikel  über den  Tod des Kaisers
       von Rußland  - jedoch ohne Ausnahme geistlos und gemeinplätzlich.
       Die "Times" sucht wenigstens ihren Stil durch ein Pathos von Hun-
       dertpferdekraft aufzuschwellen zur Timur-Tamerlan-Höhe. Wir heben
       nur zwei  Stellen hervor,  beide Komplimente für Lord Palmerston.
       Palmerstons, des  "schlimmsten Feindes  des Zaren", Ernennung zum
       Premierminister habe  die Überreizung,  die seinen  Tod beschleu-
       nigt, noch  mehr aufgeschraubt.  Von 1830-1840  (erstes Dezennium
       der Palmerstonschen auswärtigen Politik) habe der Zar seine Poli-
       tik der  Übergriffe und  der Weltherrschaft  aufgegeben. Die eine
       Behauptung ist der andern wert.
       Der "Morning  Advertiser" zeichnet sich dagegen durch die Entdec-
       kung aus,  daß Michael der älteste Sohn des Kaisers und darum der
       legitime Thronfolger sei. Die "Morning Post", Palmerstons Privat-
       moniteur, offenbart in ihrer Leichenrede dem englischen Publikum,
       daß
       
       "die Wiener  Konferenzen nun  zwar für  kurze Zeit  aufgeschoben,
       aber unter  neuen Auspizien  eröffnet  werden  sollen",  und  daß
       "heute nachmittag Lord Clarendon mit dem Kaiser Napoleon eine Zu-
       sammenkunft in Boulogne hat, wo die beiden Regierungen ihre Ideen
       über dies plötzliche und wichtige Ereignis austauschen werden".
       
       Die "Daily  News" glaubt  nicht an  die  friedlichen  Folgen  des
       "plötzlichen Ereignisses",  da die  Westmächte sich nicht zurück-
       ziehen könnten,   b e v o r,   und  Rußland nicht,  n a c h d e m
       Sewastopol gefallen.
       
       #109# Die englische Presse über den toten Zar
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       II
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 116 vom 10. März 1855]
       London, 6.  März. Der  Tod des Kaisers Nikolaus veranlaßt sonder-
       bare Reklamen  in der hiesigen Presse. Dr. Granville wird überbo-
       ten durch  Herrn James  Lee, der  keine ärztlichen (Beobachtungen
       angestellt hat. [89]
       
       "Am 6.Februar", schreibt er in dem heutigen "Morning Advertiser",
       "sandte ich  Ihnen einen  Brief, worin  ich sagte, daß der Kaiser
       von Rußland  im Verlaufe von 3 Wochen eine Leiche sein werde, vom
       Datum meines Briefes an gerechnet."
       
       Die Redaktion  des "Morning  Advertiser", in  einem Postskriptum,
       erklärt, daß  sie Lees Brief in der Tat erhalten, aber als Ausge-
       burt eines  kranken Hirns  zum Papierkorb  verurteilt habe.-  Lee
       geht noch weiter. Er erbietet sich, dem "Advertiser" den baldigen
       Tod eines andern Potentaten zu prophezeien, und zwar auf die ein-
       zige Bedingung  hin, daß  seine Mitteilung  veröffentlicht werde.
       Lees Prophezeiungen  scheinen wohlfeiler  zu sein  als die Bücher
       der Sibylle.
       Der Tod  des Kaisers  hat auch Urquhart, als Hochschotte der Gabe
       des zweiten  Gesichts teilhaft,  zu einigen  pythischen  Sprüchen
       veranlaßt, wovon  folgender der charakteristischste und verständ-
       lichste:
       
       "Blut stand  zwischen Nikolaus und den Polen, die nicht zurückge-
       lassen werden  konnten, um  sie zu  überwachen, und deren 500 000
       Krieger erheischt waren. Und es war völlig begriffen, daß die Re-
       stauration des  weißen, doppelköpfigen Adlers - des Symbols jener
       Vereinigung der  slawischen Racen,  verkündigt in  der Kathedrale
       von Moskau  durch Alexander, seinen Vorfahren - zu seinen Lebzei-
       ten nicht stattfinden könne."
       
       Urquhart meint also, daß jetzt der Moment gekommen, wo Rußland in
       Slawonien aufgehen  werde, wie  das moskowitische Reich früher in
       Rußland aufging.

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