Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Untersuchungskomitee
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 117 vom 10. März 1855]
London, 7. März. Das Gerücht von einer bevorstehenden Auflösung
des Parlaments auf den Vorwand, daß das Untersuchungskomitee die
französische Allianz kompromittiere, scheint sich zu bestätigen.
Ein Korrespondent des "Morning Advertiser" bemerkt darüber:
"Wer machte das Komitee zu einem öffentlichen? Lord Palmerston,
der, wie es heißt, das Haus auflösen will. Roebuck, der Untersu-
chung verlangt und erzwungen hatte, verlangte Geheimnis. Lord
Palmerston, der sie verweigert und dazu gezwungen worden, war für
Öffentlichkeit. Er zwingt erst das Komitee, die für unseren frem-
den Alliierten anstößigste Bahn einzuschlagen, und dann wird
diese Anstößigkeit ein Grund für den Minister, das Haus aufzulö-
sen, die Untersuchung auszulöschen und über beide sich in die
Faust zu lachen."
"Morning Herald" sagt in einem Leitartikel über denselben Gegen-
stand u.a.:
"Als die alliierten Armeen vor Sewastopol ihre Stellungen einnah-
men, war das englische Kontingent das stärkere von den beiden,
und die nachfolgende Zerstörung unserer Armee ist gänzlich dem
Mangel an Reserven im Mittelländischen Meere und einer organi-
sierten Miliz zu Hause zuzuschreiben, da diese Ursachen der eng-
lischen Armee die notwendigen Verstärkungen abschnitten. Der Ver-
such, den Namen unserer Alliierten in die Debatte zu verwickeln,
ist ein kaum bemänteltes Strategem verzweifelter und gewissenlo-
ser Männer, sich selbst vor einer Untersuchung zu schirmen, von
der sie wissen, daß sie für ihre künftige politische Existenz fa-
tal sein muß. Lord Clarendon hat in unkonstitutioneller Weise
eine Zusammenkunft mit dem Kaiser der Franzosen gesucht, zu dem
einzigen Behuf, ihm eine Erklärung oder Meinung abzupressen, die
in eine Mißbilligung des Untersuchungskomitees gefoltert werden
könne. Dies einmal erreicht, ist es der Zweck dieser patrioti-
schen Minister, zu versuchen, das Haus einzuschüchtern durch die
Drohung der Auflösung und an das Land zu appellieren mit der
Parole: D i e f r a n z ö s i s c h e A l l i a n z i s t
i n G e f a h r!"
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Es ist klar, daß, wenn dieser Vorwand der englischen Regierung
dazu dient, sich des Untersuchungskomitees zu entledigen, er
nicht minder dazu dient, die französische Allianz zu gefährden
und so gerade das vorzubereiten, was er zu verhüten vorgibt. Mit
der Überzeugung, daß das Komitee aufgegeben, weil es "delikate
und gefährliche" Mysterien aufgraben würde, kompromittierend für
den französischen Alliierten, ist der französische Alliierte kom-
promittiert. Die Unterdrückung des Komitees spräche lauter gegen
ihn, als das Komitee selbst tun könnte. Außerdem muß die gering-
ste Bekanntschaft mit den Ebben und Fluten der öffentlichen Mei-
nung in England überzeugen, daß das Bewußtsein einer so großen
Konzession an das Ausland, wie das Unterdrücken eines parlamenta-
rischen Komitees oder eine Auflösung des Parlaments auf angebli-
ches Verlangen Bonapartes wäre, bei der nächsten Gelegenheit in
einer furchtbaren Reaktion gegen den französischen Einfluß sich
auszugleichen suchen würde.
Aus den Berichten über die zwei ersten Sitzungen des Untersu-
chungskomitees stellen wir die Aussagen des Generals Sir de Lacy
Evans zusammen. Zu Malta, wohin ein Kommissär gesandt worden,
einige Zeit bevor die Armee England verließ, habe er zu seinem
Erstaunen gefunden, daß keine Maultiere aufgekauft worden. Zu
Skutari seien keine hinreichenden Vorbereitungen getroffen worden
für Schlachten von Vieh und für Backen von Getreide. Schon damals
hätten sich einige Schatzkammer-Regulationen als sehr störend
herausgestellt. Er glaube fest, daß der Krieg begonnen worden in
der Illusion, daß die Angelegenheiten sich ordnen würden ohne
eine Explosion von Schießpulver und daß für Magazine irgendeiner
Art keine Notwendigkeit vorhanden. Obgleich das Kommissariat
unter der Kontrolle des kommandierenden Generals stehe, so sei es
doch auch eng verbunden mit der Schatzkammer (also dem Premier-
minister), und die Beamten des Kommissariats müßten mit der
Meinung inspiriert worden sein, daß es Extravaganz sei, die für
einen wirklichen Krieg nötigen Geldauslagen zu machen. Zu Varna
seien fast gar keine Anstalten zur Verpflegung von Verwundeten
getroffen worden. Der Eindruck habe offenbar vorgeherrscht, daß
dies ein Krieg ohne Wunden sein werde. Keine Vorbereitungen
hätten stattgefunden, um die Armee sofort zum Felddienst zu befä-
higen. Als die Russen die Donau überschritten, habe Omer Pascha
sie 1*) um Beistand angegangen, und die Antwort sei gewesen, daß
die Armee ohne die nötigen Transportmittel sei, wofür lange vor-
her hätte gesorgt werden müssen. Die Regierung habe stets noch
auf Noten und Protokolle von Wien gewartet und keine großen An-
strengungen
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1*) die Engländer
#115# Untersuchungskomitee
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gemacht, die Armee in marschfähigen Zustand zu setzen. Für
Verzögerungen dieser Art sei natürlich die Regierung und nicht
das Kommissariat verantwortlich. Die Russen waren schon mit der
Belagerung von Silistria beschäftigt und immer noch die Armee
nicht marschfertig. Die zwei Departements, mit der Besorgung der
Lebensmittel betraut, seien das Kommissariat und das des General-
quartiermeisters. Konflikte mit dem Kommissariat seien an der
Tagesordnung gewesen. Seine Beamten möchten gute Schreiber in der
Schatzkammer sein. Sie seien in der Tat beständig mit Briefen an
die Schatzkammer beschäftigt gewesen. Im Felde hätten sie sich
untauglich erwiesen. Sogar 18 Meilen vor Varna habe die größte
Schwierigkeit geherrscht, Lebensmittel beizutreiben. Das Personal
des Kommissariats habe sich dort so numerisch mangelhaft erwie-
sen, daß er 100 Unteroffiziere zum Dienst für es habe detachieren
müssen. Die Sterblichkeit der Truppen zu Varna sei größtenteils
aus der Niedergedrücktheit, Folge ihrer aufreibenden und langen
Inaktivität, entsprungen.
In bezug auf die Lage der Truppen in der Krim wiederholt de Lacy
zum Teil das Bekannte - Mangel an Lebensmitteln, Kleidung, höl-
zernen Hütten etc. etc. Wir führen in bezug auf das Detail nur
noch folgende Äußerungen an:
"Filder, steinalt, schon während des pyrenäischen Feldzugs mit
dem Kommissariat betraut, jetzt Generalquartiermeister, habe ihn
nie konsultiert über die Bedürfnisse seiner" (des Evans)
"Division; es sei seine Pflicht, das zu tun; er" (Evans) "habe
ihn dazu aufgefordert, Filder es aber abgeschlagen. Filder stehe
allerdings unter Raglans Ordres, habe aber daneben direkte Korre-
spondenz mit der Schatzkammer." "Die Verwendung der Artillerie-
und Kavalleriepferde zum Fouragieren sei sehr unpassend gewesen.
Die Folge war, daß seine" (des Evans) "Kanonen in der letzten
Zeit nur halb mit Pferden versehen waren." "Der Weg vom Hafen von
Balaklawa nach dem Lager sei schrecklich aufgeweicht und naß ge-
wesen. Wären 1000 Mann darauf während 10 Tagen verwandt worden,
so würden sie ihn fahrbar gemacht haben; er glaube aber, daß alle
Leute, die gespart werden konnten, in den Laufgräben verwandt
wurden."
Schließlich erklärt Evans über das Zusammenschmelzen der engli-
schen Armee vor Sewastopol:
"Es ist meine Überzeugung, daß weder der Mangel an Zufuhr von
Kleidung oder Nahrung und Brennmaterial die erstaunliche Sterb-
lichkeit und Krankheit in der Armee erzeugt haben würden, wären
die Truppen in den Laufgräben nicht überarbeitet worden. Die Er-
schöpfung der Leute erwies sich sehr schädlich. Von Anfang an war
die ihnen zugewiesene Arbeit durchaus im Mißverhältnis zu ihrer
numerischen Stärke. Die Überanstrengung während der Nächte war
zweifelsohne der Hauptgrund der Leiden der Armee."
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