Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       #12#
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       Friedrich Engels
       
       Der europäische Krieg [16]
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4316 vom 17. Februar 1855,
       Leitartikel]
       Während der  Zeitpunkt für den Beginn der neuen Konferenz in Wien
       [17] näherrückt, verlieren sich die Chancen auf irgendwelche Kon-
       zessionen seitens  Rußlands in einer nebelhaften und höchst unge-
       wissen Ferne.  Der glänzende Erfolg dieses großartigen diplomati-
       schen coup,  des Zaren  prompte Annahme  der vorgeschlagenen Ver-
       handlungsbasis, bringt ihn, zumindest für den Augenblick, in eine
       dominierende Position  und macht  es sicher,  daß, unter  welchen
       Vorwänden er auch den Friedensvorschlägen zustimmen mag, die ein-
       zige reale  Basis, auf der er jetzt den Streit beizulegen einwil-
       ligen wird,  im wesentlichen  die des Status quo ist. Mit der An-
       nahme der vier Punkte hat er Österreich in eine zweideutige Stel-
       lung zurückgeworfen, während er Preußen an seinem Gängelband hält
       und Zeit gewinnt, um seine ganzen Reserven und neue Truppenforma-
       tionen an die Grenze zu werfen, bevor die Feindseligkeiten begin-
       nen können.
       Die bloße  Tatsache, daß  man sich  auf Unterhandlungen  geeinigt
       hat, setzt zugleich soviel russische Soldaten der Observationsar-
       mee an der österreichischen Grenze frei, als in zwei Monaten oder
       zehn Wochen  ersetzt werden können - das sind mindestens 60 000 -
       80 000 Mann.  Da die  gesamte ehemalige Donauarmee aufgehört hat,
       als solche  zu existieren, das 4. Korps sich seit Ende Oktober in
       der Krim befindet, das 3. Korps dort in den letzten Tagen des De-
       zember anlangte  und der  Rest des  5. Korps nebst Kavallerie und
       Reserven jetzt  auf dem  Wege dorthin begriffen ist, müssen diese
       Truppen am  Bug und  am Dnestr durch frische Truppen ersetzt wer-
       den, die  von der  Westarmee in  Polen, Wolhynien und Podolien zu
       nehmen sind. Folglich, wenn der Krieg nach dem Zentrum des Konti-
       nents verlegt  wird, sind  für Rußland zwei oder drei Monate Zeit
       von größter  Wichtigkeit. Denn  im gegenwärtigen  Augenblick sind
       die auf der langen Linie von Kalisch nach
       
       #13# Der europäische Krieg
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       Ismail zerstreuten  Kräfte ohne Verstärkungen nicht länger fähig,
       der wachsenden Zahl der ihnen gegenüberstehenden österreichischen
       Truppen zu  widerstehen. Diese Zeit hat Rußland nun gewonnen, und
       wir gehen dazu über, den gegenwärtigen Stand seiner militärischen
       Vorbereitungen darzulegen.
       Wir haben  bei früheren  Gelegenheiten die russische militärische
       Organisation kurz aufgezeichnet [18]. Die große aktive Armee, die
       bestimmt ist,  gegen den Süden und Westen Europas zu agieren, be-
       stand ursprünglich  aus sechs  Armeekorps mit  je 48 Bataillonen,
       zwei Korps auserlesener Truppen, jedes 36 Bataillone stark, nebst
       einer verhältnismäßig starken Anzahl von Kavallerie, regelmäßiger
       und. unregelmäßiger,  und Artillerie.  Wie  wir  schon  meldeten,
       rief, die  Regierung nicht  nur die  Reserven ein, um das vierte,
       fünfte und  sechste Bataillon  der auserlesenen  Truppen und  das
       fünfte und  sechste der  anderen sechs  Armeekorps zu  formieren,
       sondern durch  neue Aushebungen  war sogar das siebente und achte
       Bataillon bei  jedem Regiment  formiert worden, so daß die Anzahl
       der Bataillone  für die  sechs Linienkorps verdoppelt und für die
       auserlesenen Truppen  (Garden und Grenadiere) mehr als verdoppelt
       wurde. Diese  Streitkräfte  können  jetzt  annäherungsweise  ver-
       anschlagt werden wie folgt:
       
       Garden und Grenadiere -
       die ersten vier Bataillone
        pro Regiment               96 Bataillone zu 900 Mann..  86 400
       Garden und Grenadiere -
        die letzten vier Bataillone
        pro Regiment               96 Bataillone zu 700 Mann    67 200
       1. und 2. Korps (noch
        nicht engagiert) - die
        ersten oder aktiven vier
        Bataillone
       pro Regiment                96 Bataillone zu 900 Mann    86 400
       1. und 2. Korps - die letzten vier
       Bataillone pro Regiment     96 Bataillone zu 700 Mann    67 200
       3., 4., 5., 6. Korps - die aktiven
       Bataillone                 192 Bataillone zu 500 Mann    96 000
       3., 4., 5., 6. Korps - die letzten vier
       Bataillone pro Regiment    192 Bataillone zu 700 Mann   134 400
       Korps von Finnland          16 Bataillone zu 900 Mann    14 400
                            ------------------------------------------
       Gesamtzahl.............    784                          552 000
             Hinzukommen:         Kavallerie, reguläre          80 000
                                  Kavallerie, irreguläre        46 000
                                  Artillerie                    80 000
                                                               -------
       Gesamtzahl                                              758 000
       
       #14# Friedrich Engels
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       Ein Teil  dieser Schätzungen mag hoch erscheinen, in Wirklichkeit
       sind sie  es aber nicht. Die riesige, seit Kriegsbeginn vorgenom-
       mene Rekrutierung sollte, ungeachtet der erlittenen Verluste, die
       alle auf  die 96  aktiven Bataillone  des 3., 4., 5. und 6. Korps
       fielen, die  Reihen der  Armee in  einem noch  größeren Maße  an-
       schwellen lassen,  jedoch haben wir reichlich die Rekruten in Ab-
       zug gebracht,  die sterben,  bevor sie ihre Regimenter erreichen.
       Außerdem ist  unsere Schätzung  hinsichtlich der  Kavallerie sehr
       niedrig.
       Von den  obengenannten Truppen  sind 8000 Mann (eine Division des
       5. Korps)  im Kaukasus  und müssen  daher abgezogen  werden; denn
       hier lassen  wir die außerhalb Europas beschäftigten Streitkräfte
       unbeachtet. Die  verbleibenden 750 000  Mann  sind  ungefähr  wie
       folgt verteilt:  An den Ufern des Baltischen Meeres die Baltische
       Armee unter  General Sievers,  bestehend aus dem Finnischen Korps
       und den  Reserven der Garden, Grenadiere und des 6. Korps, zusam-
       men mit  Kavallerie und  Artillerie ungefähr  135 000 Mann; einen
       Teil von  ihnen kann man jedoch als noch ungedrillte Rekruten und
       kaum organisierte  Bataillone betrachten.  In Polen  und  an  der
       Grenze von  Galizien, von Kalisch bis Kamenez, die Garden, Grena-
       diere, das I. Korps, eine Division des 6. Korps und einige Reser-
       ven der Grenadiere und des 1. Korps nebst Kavallerie und Artille-
       rie, ungefähr  235 000 Mann.  Diese Armee  ist der beste Teil der
       russischen Truppen;  er enthält  die auserlesenen Truppen und die
       besten der  Reserven. In  Bessarabien und zwischen dem Dnestr und
       Bug befinden  sich zwei Divisionen des 2. Korps und ein Teil sei-
       ner Reserven, ungefähr 60 000 Mann. Diese bildeten einen Teil der
       Armee des  Westens, aber nachdem die Donauarmee nach der Krim ge-
       sandt wurde, wurden sie, um deren Stelle einzunehmen, detachiert.
       Sie stehen  nun den österreichischen Truppen in den Fürstentümern
       gegenüber unter  dem Kommando des Generals Panjutin. Für die Ver-
       teidigung der  Krim sind  unter dem  Kommando von  Menschikow be-
       stimmt: das 3. und 4. Korps, eine Division des 5. Korps, zwei Di-
       visionen des 6. Korps und einige Reserven, die bereits dort sind,
       außerdem je eine Division des 2. und 5. Korps auf dem Marsch; das
       Ganze bildet  zusammen mit Kavallerie und Artillerie eine Streit-
       macht, die  man schwerlich  auf weniger als 170 000 Mann schätzen
       kann. Der  Rest der Reserven und der neuen Formationen, besonders
       des 1., 2., 3., 4. und 5. Korps wird jetzt zu einer großen Reser-
       vearmee durch  General Tscheodajew  organisiert. Sie sind konzen-
       triert im  Innern Rußlands  und müssen ungefähr 150 000 Mann zäh-
       len. Wie  viele davon nach Polen oder dem Süden marschieren, kann
       man natürlich nicht sagen.
       Somit hat  der Kaiser Nikolaus, der im vergangenen Sommer weniger
       als 500 000  Mann an  der westlichen  Grenze seines  Reiches, von
       Finnland bis
       
       #15# Der europäische Krieg
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       zur Krim,  zählte, jetzt 600 000 Mann dort aufgestellt, außer ei-
       ner Reserve, die im Innern des Landes in einer Stärke von 150 000
       Mann formiert  wird. Trotzdem  ist er  gegenüber Österreich jetzt
       schwächer als  damals. Im  August oder September standen in Polen
       und Podolien  270 000 Russen und am Prath und Dnestr die ungefähr
       80 000 Mann  zählende Donauarmee;  die letztere  wurde dort  auch
       mehr um  der Österreicher  wegen gehalten,  denn für irgend etwas
       anderes. Das  sind insgesamt  350 000, die  gegen Österreich ope-
       riert haben  könnten. Jetzt sind dort, wie wir gesehen haben, nur
       295 000 Mann  entlang der österreichischen Vorpostenlinie konzen-
       triert, während Österreich ihnen nun 320000 Mann direkt entgegen-
       zustellen hat  und zu  ihrer Unterstützung  70 000-80 000 Mann in
       Böhmen und Mähren. Diese augenblickliche zahlenmäßige Unterlegen-
       heit auf  der russischen  Seite sowie die große Unsicherheit, daß
       in dieser Jahreszeit rechtzeitig neue Formationen aus dem Inneren
       des Landes  ankommen werden, und in einem Land, wo die ganze Ver-
       waltung korrupt  ist, sind  durchaus hinreichende  Gründe für die
       russische Regierung, zu versuchen, soviel Zeit wie möglich zu ge-
       winnen. Solch  eine zahlenmäßige  Unterlegenheit macht die Russen
       für Offensivoperationen  kampfunfähig, und  in einem offenen Land
       wie Polen,  ohne große Flußlinien zwischen den beiden Armeen, ist
       dies gleichbedeutend  mit der  Notwendigkeit, beim ersten Gefecht
       sich auf  eine haltbare Position zurückzuziehen. In diesem beson-
       deren Falle  bedeutet es;  die russische  Armee in  zwei Teile zu
       spalten, wovon  der eine  auf Warschau, der andere auf Kiew reti-
       rieren müßte; zwischen diesen beiden Hälften würden die unzugäng-
       lichen Moräste  des Polesje liegen, die vom Bug (nicht dem südli-
       chen Bug,  sondern einem  Nebenfluß der  Weichsel) bis  zum Dnepr
       reichen. Tatsächlich  wäre es  ein größeres Glück, als die Russen
       gewöhnlich in  solchen Fällen  haben, wenn  eine große Anzahl der
       Gefahr entgeht, in diese Sümpfe getrieben zu werden. Somit müßte,
       sogar ohne eine Schlacht, der größere Teil Südpolens, Wolhyniens,
       Podoliens, Bessarabiens,  die Gegend  von Warschau  bis Kiew  und
       Cherson evakuiert  werden. Andererseits  könnte  eine  überlegene
       russische Armee  ebenso leicht,  ohne eine entscheidende Schlacht
       zu riskieren,  die Österreicher  aus Galizien und der Moldau ver-
       treiben und die Pässe nach Ungarn erobern; die Konsequenzen eines
       solchen Ergebnisses  kann man sich leicht vorstellen. In der Tat,
       in solch  einem Krieg wie dem zwischen Österreich und Rußland ist
       für jede  Partei die  erste erfolgreiche Offensivbewegung von der
       größten Bedeutung,  und jede  wird das  Äußerste tun, um sich als
       erste auf dem Gebiet der anderen festzusetzen.
       Wir haben oft gesagt, daß dieser Krieg nicht das militärische In-
       teresse haben  würde, das  eigentlich europäischen Kriegen beige-
       messen wird, bis
       
       #16# Friedrich Engels
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       Österreich sich  gegen Rußland erklärt. Selbst die Kämpfe auf der
       Krim sind  nichts anderes  als ein  großer Krieg  im kleinen Maß-
       stabe. Die gewaltigen Märsche der Russen, die Leiden der Alliier-
       ten haben  die kriegführenden Armeen so weitgehend reduziert, daß
       keine wirklich  große Schlacht  ausgetragen worden  ist. Was sind
       das für Kämpfe, wo auf jeder Seite nur 15 000 bis 20 000 Mann ins
       Gefecht gebracht  werden? Welche  strategischen  Operationen  von
       wirklich wissenschaftlichem  Interesse können innerhalb des klei-
       nen Raumes  von Chersones  bis Bachtschissarai  stattfinden?  Und
       selbst da,  was auch immer sich ereignen mag, reichen die Truppen
       niemals aus,  um die  ganze Linie  zu besetzen. Das Interesse be-
       steht mehr  darin, was  nicht getan  wird, als was getan wird. Im
       übrigen wird an Stelle von Geschichte eine Anekdote aufgeführt.
       Es wird  jedoch eine  andere Sache  sein, wenn  die beiden großen
       sich jetzt  an der galizischen Grenze gegenüberstehenden Heere in
       Aktion treten.  Welche Absichten  und Fähigkeiten die Kommandeure
       haben mögen,  allein die  Größe der Armeen und die Beschaffenheit
       des Bodens lassen keinen Scheinkrieg und keine Unentschlossenheit
       zu. Schnelle  Konzentrationen, Eilmärsche, Kriegslisten und Umge-
       hungsmanöver der  größten Art,  Wechseln der  Operationsbasen und
       -linien -  in der  Tat, Manövrieren und Kämpfen im großen Maßstab
       und gemäß  wirklich militärischen Prinzipien werden hier zu einer
       Notwendigkeit und  Selbstverständlichkeit.  Dann  wird  derjenige
       Kommandeur, der sich von politischen Erwägungen beeinflussen läßt
       oder mit mangelnder Entschlossenheit handelt, seine Armee verlie-
       ren. In solch einem Ausmaße und solch einem Lande nimmt der Krieg
       sofort eine ernste und sachliche Wendung. Das würde, wenn er aus-
       bricht, einen Russisch-österreichischen Krieg zu einem der inter-
       essantesten Ereignisse seit 1815 machen.
       Was die  Aussicht auf  den Frieden  anbelangt, so ist das keines-
       falls so  klar, als  es vor wenigen Wochen schien. Wenn die Alli-
       ierten bereit  sind, dem  Kampfe im wesentlichen unter den Bedin-
       gungen des  Status quo  ein Ende zu setzen, könnte es zum Frieden
       kommen, doch  wie wenig Hoffnung darauf besteht, brauchen wir un-
       seren Lesern  nicht zu erklären. Gewiß können wir nicht erwarten,
       daß Rußland  - da  die Hälfte Deutschlands zumindest moralisch zu
       seinen Gunsten handelt, und nachdem es die riesigen Armeen, deren
       Stärke wir oben dargelegt haben, auf gestellt hat - irgendwelchen
       Bedingungen zustimmt,  die Frankreich  und England wahrscheinlich
       vorschlagen oder  gutheißen  werden.  Der  fast  ununterbrochenen
       Reihe von  vorteilhaften Friedensverträgen,  von Peter dem Großen
       bis zum Frieden von Adrianopel  [19], wird jetzt kaum ein Vertrag
       folgen, der die Beherrschung des Schwarzen
       
       #17# Des europäische Krieg
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       Meeres preisgibt,  noch bevor  Sewastopol genommen  und erst  ein
       Drittel der  russischen Streitkräfte  engagiert worden  ist. Wenn
       aber der Friede nicht vor dem Fall Sewastopols geschlossen werden
       kann oder bevor die Expedition der Alliierten voll entfaltet ist,
       wird er weniger wahrscheinlich sein, nachdem der Krimfeldzug ent-
       schieden ist.  Fällt Sewastopol,  wird die Ehre Rußlands - werden
       die Alliierten geschlagen und ins Meer getrieben, wird deren Ehre
       es nicht  erlauben, ein  Übereinkommen abzuschließen,  bis  nicht
       entscheidendere Ergebnisse  erzielt worden sind. Wären die Vorbe-
       reitungen für  die Konferenz von einem Waffenstillstand begleitet
       gewesen, wie  wir andeuteten,  als wir  erfuhren, daß der Zar die
       vier Punkte  akzeptiert hat,  hätte  Grund  bestanden,  weiterhin
       Hoffnungen auf  Frieden zu  hegen; jedoch unter den gegenwärtigen
       Umständen müssen wir einräumen, daß ein großer europäischer Krieg
       viel wahrscheinlicher ist.
       Geschrieben um den 29. Januar 1855.
       
       Aus dem Englischen.

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