Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Friedrich Engels
       
       Krimsche Angelegenheiten [100]
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 131 vom 19. März 1855]
       London, 16.  März. Die  Illusionen, womit offizielle Unfähigkeit,
       englische Ministerkabale  und  interessierter  Bonapartismus  die
       Kriegsoperationen in  der Krim  umgeben, beginnen zu zerschmelzen
       zugleich mit  dem Schneegewand,  das die  Bühne der Aktion in den
       letzten Monaten  bedeckt hielt. Das Pamphlet des Jérôme Bonaparte
       (jun.) [91]  erklärt ausdrücklich, daß, während in der Krim alles
       schiefging,
       
       "die kommandierenden  Generale im  Besitze von Regierungsbefehlen
       waren, die  Schwierigkeiten, worauf  die Einnahme  von Sewastopol
       stieß, zu verbergen und zu verschweigen".
       
       Dies ist  völlig bestätigt durch die Berichte dieser Generale und
       besonders durch die Gerüchte, die sie wiederholt ausstreuten, der
       Sturm stehe  für diesen oder jenen Tag bevor. Von dem 5. November
       bis zu  Anfang März  ward das Publikum diesseits und jenseits des
       Kanals in  beständiger Erwartung dieser schließlichen Spektakels-
       zene gehalten. 1*) Unterdes hat die Länge der Belagerung eine Art
       öffentlicher Meinung  im Lager  selbst erzeugt, gegründet auf die
       laut ausgesprochene Ansicht sachkundiger Offiziere, und die Herrn
       vom Generalstab können nun nicht länger umherflüstern, daß an ei-
       nem gegebnen  Tage der  Sturm stattfinden  und die  Stadt  fallen
       werde. Jeder  gemeine Soldat weiß das jetzt besser. Die Natur der
       Verteidigungswerke, die Überlegenheit des feindlichen Feuers, das
       Mißverhältnis der  belagernden Streitkraft  zu ihrer  Aufgabe und
       vor allem die entscheidende Wichtigkeit des Nordforts
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       1*) In der  "New-York Daily  Tribune" Nr.  4353 vom 2. April 1855
       folgt der  Satz: "Obwohl ständig verschoben, sollte jede Verzöge-
       rung nur  kurze Zeit  dauern, und  die Neugier der Öffentlichkeit
       wurde dadurch  nur gesteigert. Jetzt aber beginnen die Dinge eine
       andere Wendung zu nehmen und..."
       
       #121# Krimsche Angelegenheiten
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       sind in diesem Augenblicke zu gut im Lager verstanden, um die al-
       ten Märchen  neu zu  wiederholen. Wir  haben selbst Briefe engli-
       scher Offiziere mitgeteilt erhalten, die keinen Zweifel über die-
       sen Punkt erlauben.
       Gegen Ende  Februar sollen  die Alliierten  vor Sewastopol 58 000
       Franzosen, 10 000 Engländer und 10 000 Türken stark gewesen sein,
       zusammen ungefähr 80 000 Mann. Aber selbst mit 90 000 Mann würden
       sie immer  noch unfähig  sein, mit  einem Teil die Belagerungauf-
       rechtzuerhalten und  den andern Teil zu detachieren zu Offensivo-
       perationen gegen  die Russen  zu Bachtschissarai;  denn die Feld-
       armee der  Alliierten könnte  vor Bachtschissarai  mit nur 40 000
       Mann eintreffen,  während die Russen mindestens 60 000 Mann gegen
       sie stellen  könnten in  einem  offenen  Felde,  ohne  die  unan-
       greifbaren Flanken  der Position zwischen Inkerman und Balaklawa.
       1*) So  bleiben die  Alliierten belagert auf ihrem Chersones, bis
       sie fähig sein werden, mit ungefähr 100 000 Mann über die Tschor-
       naja vorzudringen;  aber eben  das ist  der  fehlerhafte  Zirkel,
       worin sie  sich bewegen:  Je mehr Truppen sie in diese verpestete
       Mausfalle werfen,  desto mehr  verlieren sie durch Krankheit; und
       dennoch, der  einzige Weg,  glücklich herauszukommen,  ist:  mehr
       Truppen hineinzusenden.
       Das andere Auskunftsmittel, das sie entdeckt, die türkische Expe-
       dition nach  Eupatoria, stellt sich nun als vollkommene Wiederho-
       lung des  ursprünglichen Schnitzers heraus. Die Türken, einmal zu
       Eupatoria gelandet,  sind viel zu schwach, in das Innere des Lan-
       des vorzumarschieren. Die Verschanzungen um den Platz scheinen so
       weitläufig, daß  eine Armee von einigen 20 000 Mann zu ihrer Ver-
       teidigung erheischt ist. 2*) Die Ausdehnung eines befestigten La-
       gers, das  40 000 Mann  zu bergen  bezweckt, muß außerdem so groß
       sein, daß ungefähr eine Hälfte der Mannschaft erheischt sein wird
       für aktiven  Dienst im Fall eines Angriffs. So wird die Stadt un-
       gefähr 20 000  Mann für  ihre Verteidigung  erheischen,  und  nur
       20 000 werden  disponibel sein  für Feldoperationen.  Aber 20 000
       Mann können  nicht wagen, sich mehr als ein paar Meilen von Eupa-
       toria zu  entfernen, ohne  sich allen Arten von Angriffen auf den
       Flanken und  im Rücken  auszusetzen und  selbst der  Gefahr, ihre
       Verbindungen mit der Stadt von den Russen abgeschnitten zu sehen.
       Die Russen  aber, im Besitz einer doppelten Rückzugslinie, entwe-
       der
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       1*) In der "New-York Daily Tribune" folgen die Worte: "und wo da-
       her die  moralische Überlegenheit  der alliierten Armee beträcht-
       lich beeinflußt werden müßte durch Manöver, die von den zahlenmä-
       ßig überlegenen  Russen weder  bei Balaklawa  noch  bei  Inkerman
       wirksam angewandt  werden konnten."  - 2*) In der "New-York Daily
       Tribune" folgt der Satz: "Die Berichte von der 'Schlacht' vom 17.
       Februar vor  Eupatoria führen  zu dem  Schluß, daß mindestens die
       Hälfte der dort zusammengefaßten 40 000 Mann bei der Verteidigung
       zum aktiven Einsatz kam."
       
       #122# Friedrich Engels
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       nach Perekop  oder nach  Simferopol -  zudem auf eignem Grund und
       Boden -, können stets jedwede entscheidende Aktion mit den 20 000
       Türken vermeiden,  die von  Eupatoria anrücken mögen. 10 000 Rus-
       sen, einen  Tagesmarsch von  der Stadt aufgestellt, reichen daher
       hin, 40 000  Türken in  Schach zu halten, die in ihr konzentriert
       sind. Jede  10 oder  12 Meilen  Rückzug  auf  Seiten  der  Russen
       schwächt die Zahl der Türken, die sich auf die längere Entfernung
       von ihrer Operationsbasis entfernen kann. In andern Worten: Eupa-
       toria ist  ein zweites  Kalafat, aber  mit dem  Unterschiede, daß
       Kalafat die  Donau in  seinem Rücken hatte und nicht das Schwarze
       Meer und daß Kalafat eine Defensivposition war, während Eupatoria
       eine Offensivposition  ist. Wenn  30 000 Mann zu Kalafat eine er-
       folgreiche Defensive behaupten konnten, verbunden mit gelegentli-
       chen und gleich erfolgreichen offensiven Ausfällen auf eine gege-
       bene Entfernung  hin, so  sind 40 000  Mann zu Eupatoria viel zu-
       viel, um  einen Platz zu verteidigen, den ungefähr 1000 Engländer
       und Franzosen  während 5  Monaten hielten, während sie bei weitem
       zuwenig sind für irgendwelche Offensivoperationen. Die Folge ist,
       daß eine  russische Brigade  und sicher  eine russische  Division
       völlig hinreicht,  die gesamte türkische Streitkraft zu Eupatoria
       in Schach zu halten.
       Die sog.  Schlacht von  Eupatoria [101] war eine bloße Reconnais-
       sance von  seiten der Russen. Sie rückten vor, 25 000-30 000 Mann
       stark, gegen  Eupatoria von  Nordwesten, der  einzig angreifbaren
       Seite, da  der Süden  gedeckt ist  durch das  Meer und  der Osten
       durch den morastigen Landsee von Sasyk. Das Land nordwestlich von
       der Stadt  wird von niedrigem wellenförmigem Boden gebildet, der,
       nach den Karten zu urteilen und nach der Erfahrung dieser letzten
       Aktion, die  Stadt innerhalb  der Schußweite  von  Feldartillerie
       nicht beherrscht.  Die Russen,  mit einer  Streitkraft um  10 000
       Mann schwächer  als die Garnison und außerdem auf beiden Flanken,
       besonders der  rechten, dem  Feuer der Kriegsschiffe in der Bucht
       ausgesetzt, konnten nie die ernste Absicht haben, den Platz durch
       Sturm zu  nehmen. Sie beschränkten sich daher auf eine energische
       Reconnaissance. Sie  begannen damit, eine Kanonade auf ihrer gan-
       zen Linie  zu eröffnen  in einer Entfernung, die die Möglichkeit,
       ernsthaften Schaden anzurichten, ausschloß; sie schoben dann ihre
       Batterien näher  und näher  vor, indem  sie ihre Kolonnen so weit
       als möglich  aus der  Schußweite hielten; rückten später ihre Ko-
       lonnen vor,  als wie  zum Angriff, um die Türken zu zwingen, ihre
       Stärke zu  zeigen, und  machten einen wirklichen Angriff an einem
       Punkte, wo der Schutz, gewährt durch die Monumente und die Pflan-
       zungen eines  Kirchhofes, ihnen  erlaubte, dicht an die Verteidi-
       gungswerke heranzugehen,  Nachdem sie  sich Gewißheit  verschafft
       über die Lage und Stärke der Verschanzungen, ebenso über den
       
       #123# Krimsche Angelegenheiten
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       ungefähren numerischen  Belauf der  Garnison, zogen  sie sich zu-
       rück, wie  jede andere  vernünftig angeführte  Armee getan  haben
       würde. Ihr  Zweck war  erreicht; daß ihre Verluste größer als die
       der Türken, verstand sich von vornherein. Diese ganz einfache Af-
       färe ist  durch die  alliierten Kommandeurs  zu einem glorreichen
       Sieg vergrößert  worden. Was beweist das, als die große Nachfrage
       nach und  die geringe Zufuhr von wirklichen Siegen? Es war sicher
       ein großer Mißgriff der Russen, daß sie den Alliierten erlaubten,
       sich in  Eupatoria fünf Monate zu halten bis zur Ankunft der Tür-
       ken. Eine  russische Brigade  mit einer  hinreichenden Anzahl von
       Zwölfpfündern hätte  hingereicht, sie  in das  Meer zu jagen, und
       einige leichte  Erdwerke, aufgeworfen  am Strande, möchten selbst
       die Kriegsschiffe  in anständiger  Distanz gehalten haben. Hätten
       die alliierten  Flotten überwältigende  Kriegsschiffe nach  Eupa-
       toria detachiert, so konnte der Platz niedergebrannt und so wert-
       los als künftige Operationsbasis für Landungstruppen gemacht wer-
       den. Aber  wie die  Sachen jetzt stehen, können die Russen völlig
       zufrieden damit sein, Eupatoria im Besitz der Alliierten gelassen
       zu haben.  40 000 Türken, der letzte Rest der einzig respektablen
       Armee, die  die Türkei  besitzt, blockiert  in  einem  Lager,  wo
       10 000 Russen sie in Schach halten können und wo sie allen Krank-
       heiten und  Leiden dicht  zusammengehäufter Menschenmassen ausge-
       setzt sind  - diese  40 000 paralysierten  Türken sind kein unbe-
       trächtlicher Abzug von der Offensivkraft der Alliierten.
       Franzosen und  Engländer 1*)  belagert  auf  dem  Herakleatischen
       Chersones, die  Türken belagert  bei  Eupatoria,  die  Russen  in
       freier Kommunikation  mit der Nord- und Südseite von Sewastopol -
       das ist das glorreiche Resultat von fünfmonatlichem Experimentie-
       ren in  der Krim. Es kommen dazu noch militärische und politische
       Gesichtspunkte in Betracht, die wir dem nächsten Briefe vorbehal-
       ten.
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       1*) In der  "New-York Daily  Tribune" sind  hier die Worte einge-
       fügt: "nachdem sie 50 000-60 000 Mann verloren haben"

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