Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx/Friedrich Engels
Kritik der französischen Kriegführung
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 133 vom 20. März 1855]
London, 17. März. Nachdem das Pamphlet des Jérôme Bonaparte
(junior) [91] verraten, daß die Krimexpedition die Originalerfin-
dung Louis Napoleons, daß er sie ausgearbeitet in allen Details
ohne Zuziehung von Dritten, daß er sie in seiner eigenen Hand-
schrift nach Konstantinopel schickte, um die Einwürfe des Mar-
schalls Vaillant zu vermeiden - seit alles dies bekannt, ist ein
großer Teil der schreiendsten militärischen Böcke dieser Expedi-
tion durch die dynastischen Bedürfnisse ihres Urhebers erklärt.
Im Kriegsrat zu Varna mußte sie den gegenwärtigen Generalen und
Admiralen aufgezwungen werden durch S[ain]t-Arnauds direkten Ap-
pell an die Autorität des "Kaisers", der seinerseits die gegneri-
schen Meinungen öffentlich als "furchtsame Ratschläge" brand-
markte. Einmal in der Krim, ward Raglans wirklich "furchtsamer
Ratschlag", nach Balaklawa zu marschieren, eifrig von St-Arnaud
adoptiert, da er, wenn nicht direkt nach Sewastopol hinein, we-
nigstens nahe an dessen- Tore führte. Die fieberhaften Anstren-
gungen, die Belagerung voranzutreiben, obgleich ohne hinreichende
Mittel; die Begierde, das Feuer zu eröffnen, welche die Franzosen
die Solidität ihrer Werke zu einem solchen Grade vernachlässigen
ließ, daß ihre Batterien von dem Feind in ein paar Stunden zum
Schweigen gebracht wurden; die Überanstrengung der Truppen in den
Laufgräben, die nun erwiesenermaßen so viel zum Untergange der
britischen Armee beigetragen hat als Kommissariat, Transport-
dienst, medizinisches Departement usw.; die unüberlegte und nutz-
lose Kanonade vom 17. Oktober bis 5. November; die Vernachlässi-
gung aller Defensivwerke - dies alles ist nun genügend auf-
geklärt. Die Dynastie Bonaparte bedurfte der Einnahme Sewastopols
und auf den kürzesten Termin; die alliierte Armee hatte sie
auszuführen. Canrobert, wenn erfolgreich, war Marschall von
Frankreich, Graf, Herzog, Prinz, was er wünschte, mit unbe-
grenzter Vollmacht
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im Finanzfache. Wenn unglücklich, war seine Karriere zu Ende.
Raglan war altweibisch genug, seinem interessierten Kollegen
nachzugeben.
Dies jedoch sind nicht die bedeutendsten Folgen des imperatori-
schen 1*) Operationsplanes. Neun französische Divisionen oder 81
Bataillons sind in dieser hoffnungslosen Affäre engagiert worden.
Sie ist erkannt als beinahe hoffnungslos; die größten Anstrengun-
gen, die verschwenderischsten Opfer haben zu keinem Resultat ge-
führt; Sewastopol ist stärker als zuvor; die französischen Lauf-
gräben, wie wir nun aus authentischer Quelle wissen, sind noch
volle 400 Yards von den russischen Werken entfernt, die briti-
schen aber noch einmal so weit ab. General Niel, durch Bonaparte
abgesandt, um die Belagerungsarbeiten zu besichtigen, erklärt,
daß an Stürmung nicht zu denken ist; er hat den Hauptpunkt des
Angriff es von der französischen nach der britischen Seite ver-
legt und dadurch nicht nur einen Aufschub in der Belagerung ver-
ursacht, sondern auch den Hauptangriff auf eine Vorstadt gelenkt,
die, selbst wenn genommen, von der Stadt noch getrennt ist durch
den inneren Hafen. Kurz, Entwurf auf Entwurf, List auf List, um
nicht die Hoffnung, sondern den bloßen Schein einer Hoffnung auf
Erfolg aufrechtzuerhalten. Und während die Dinge auf diesen Punkt
gediehen sind, während ein allgemeiner Krieg auf dem Kontinent
bevorsteht, während eine neue Expedition nach der Ostsee gerüstet
wird, eine Expedition, die diesmal etwas tun und daher über bei
weitem mehr Landungstruppen verfügen muß als 1854 - in diesem Au-
genblicke sendet Bonaparte 5 neue Divisionen Infanterie nach dem
Krimsumpfe, wo Menschen verschwinden und Regimenter vergehen wie
durch Zauber. Ja, er ist entschlossen, selbst hinzugehen, und
wird hingehen, sollten nicht ein unwahrscheinlicher Friede oder
bedeutende Ereignisse an der polnischen Grenze anders entschei-
den. Dies ist die Situation, wozu das erste strategische Experi-
ment Bonapartes ihn selbst in das "kaiserliche" Frankreich redu-
ziert hat. Es ist nicht bloß Eigensinn, was ihn treibt, sondern
der fatalistische Instinkt, daß das Schicksal des französischen
Kaiserreichs in den Laufgräben vor Sewastopol entschieden wird.
Bisher hat kein Marengo die zweite Ausgabe des 18. Brumaire [106]
gerechtfertigt.
Es mag als geschichtliche Ironie betrachtet werden, daß, ängst-
lich wie das restaurierte Kaisertum sein Vorbild nachahmt, es ge-
zwungen ist, überall das Gegenteil von dem zu tun, was Napoleon
tat. Napoleon griff das Herz der Staaten an, die er bekriegte;
das jetzige Frankreich hat Rußland cul de sac 2*) angegriffen. Es
war nicht auf große militärische Operationen abgesehn, sondern
auf einen glücklichen Coup de main, eine Überrumpelung, ein
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1*) In der "Neuen Oder-Zeitung": imperialistischen; vgl. S. 125 -
2*) [in einer] Sackgasse
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Abenteuer. In dieser verschiedenen Absicht liegt der ganze Unter-
schied zwischen dem ersten und zweiten französischen Kaiserreich
undihrenwechselseitigen Repräsentanten. Napoleon pflegte als Sie-
ger in die Hauptstädte des m o d e r n e n Europa einzuziehn.
Sein Nachfolger hat unter verschiedenen Vorwänden - Schutz des
Papstes, Schutz des Sultans, Schutz des Hellenen-Königs - franzö-
sische Garnisonen in die Hauptstädte des a n t i k e n Europa
verlegt, nach Rom, Konstantinopel und Athen, in der Tat kein Zu-
wachs von Macht, sondern nur eine Zersplitterung von Kräften. Na-
poleons Kunst bestand in der Konzentration, die seines Nachfol-
gers in der Zersplitterung. Wenn Napoleon verpflichtet war, den
Krieg auf 2 verschiedenen Theatern zu führen, wie in seinen Krie-
gen gegen Österreich, konzentrierte er den bei weitem bedeutend-
sten Teil seiner Streitkraft auf der entscheidenden Operations-
linie (in den Kriegen mit Österreich die Linie von Straßburg nach
Wien), während er eine verhältnismäßig geringe Streitkraft auf
dem sekundären Kriegstheater (Italien) ließ, sicher, daß, selbst
wenn seine Truppen hier geschlagen, seine eigenen Erfolge auf der
Hauptlinie den Fortschritt der feindlichen Armee gewisser hemmen
würden als irgendein direkter Widerstand. Sein Nachfolger dagegen
zerstreut Frankreichs Streitkraft auf vielen Punkten und konzen-
triert einen Teil davon auf dem Punkte, wo die mindesten, wenn
irgendwelche, Resultate mit den größten Opfern erkauft werden
müssen. Außer den Truppen in Rom, Athen, Konstantinopel, Krim,
soll eine Hilfsarmee nach Österreich an die polnische Grenze und
eine andere ins Baltische Meer geschickt werden. Die französische
Armee hatte so auf mindestens 3 Kriegstheatern zu agieren, von-
einander getrennt durch mindestens tausend Meilen. Diesem Plan
gemäß wäre über das Ganze der französischen Streitkräfte ziemlich
verfügt, b e v o r noch der Krieg ernsthaft in Europa begonnen.
Napoleon, wenn er eine begonnene Unternehmung irrational fand
(wie bei Aspern), statt auf ihr zu beharren, wußte irgendeine
neue Wendung zu finden, seine Truppen unversehens auf einen neuen
Angriffspunkt zu führen und durch ein brillantes, mit Erfolg ge-
kröntes Manöver zeitweilige Niederlage selbst als steuernd zum
definitiven Sieg erscheinen zu lassen. Erst in den Tagen seines
Verfalls, nachdem 1812 sein Selbstvertrauen gebrochen, verkehrte
sich die Energie seines Willens in verblendeten Starrsinn, der
ihn Positionen (wie bei, Leipzig) behaupten ließ, die sein mili-
tärisches Urteil verwarf. Aber sein Nachfolger ist g e z w u n-
g e n, mit dem zu beginnen,' womit der Vorgänger endete. Bei dem
einen war Resultat unerklärbarer Niederlagen, was bei dem andern
das Resultat unerklärbarer Glücksfälle. Bei dem einen wurde das
eigne Genie der Stern, woran er glaubte; bei dem andern muß der
Glauben an den Stern das Genie ersetzen. Der eine besiegte eine
wirkliche
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Revolution, weil er der einzige Mann war, sie auszuführen; der
andere, die neu aufgelebte Reminiszenz einer vergangenen Revolu-
tionsepoche, weil er den Namen des einzigen Mannes trug, also
selbst eine Reminiszenz war. Es wäre leicht nachzuweisen, wie in
der innern Administration des zweiten Kaisertums die anspruchs-
volle Mittelmäßigkeit seiner Kriegsführung sich widerspiegelt,
wie auch hier der Schein an die Stelle des Wesens getreten und
wie die "ökonomischen" Feldzüge keineswegs erfolgreicher waren
als die militärischen.
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