Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Agitation gegen Preußen - Ein Fasttag
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 137 vom 21 März 1855]
       London, 19. März. Um die Stimmung der hiesigen Presse gegen Preu-
       ßen zu  charakterisieren, geben  wir zwei  Auszüge, den einen aus
       dem "Morning Herald", dem Tory-Organ, den andern aus der "Morning
       Post", dem  Organ Palmerstons.  Der "Morning  Herald" bemerkt mit
       Bezug auf  Sir Robert  Peels, des  neu ernannten Junior Lords der
       Admiralität, Rede vor seinen Konstituenten von Portsmouth:
       
       "Sir Robert  Peel hat  ganz richtig die Empfindung des englischen
       Volkes repräsentiert,  als er  verlangte, Preußen  müsse zu einer
       bestimmt ausgesprochenen  Politik  gedrängt  werden  oder  unsere
       zweite Expedition  in die  Ostsee werde  so nutzlos sein, wie die
       erste war. Wir haben genug Protokolle gehabt, genug 'Punkte' ; es
       ist nun  hohe Zeit, Rußland von seinen Hilfsquellen abzuschneiden
       und eine Reaktion im Innern von Rußland vorzubereiten."
       
       Die "Morning Post" läßt sich aus Paris über die Mission des Gene-
       rals Wedell schreiben:
       
       "General Wedell  hat seine  Instruktionen dem  Kabinett Napoleons
       mitgeteilt. Und  was sind sie? General Wedell erzählt der franzö-
       sischen Regierung:  1. daß  Seine Majestät  der König von Preußen
       tief betrübt  ist über  den Tod seines kaiserlichen Schwagers; 2.
       daß Preußen  durchaus mit  den Westmächten über das Protokoll vom
       28. Dezember  übereinstimmt und bereit ist, es in jeder ordentli-
       chen Form  zu unterschreiben,  und daß Preußen daher seinen Platz
       im Wiener  Rat einnehmen muß. Es trifft sich aber so, daß das De-
       zemberprotokoll vom  28. niemanden  zu irgend etwas verpflichtet,
       vielmehr nur  eine diplomatische Skizze für ein historisches Werk
       ist. Und  da Preußen  verweigert, den  w i r k l i c h e n  Alli-
       anzvertrag zwischen  England, Frankreich und Österreich zu unter-
       zeichnen, muß  Herrn Wedells  Mission als  geschlossen betrachtet
       werden."
       
       Es ist bekannt, daß die Herrscher von Tyrus und Karthago den Zorn
       der Götter  besänftigten, nicht  indem sie  sich selbst opferten,
       sondern indem  sie den  Armen Kinder abkauften, um sie dem Moloch
       in die glühenden Arme zu
       
       #133# Ein Fasttag
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       schleudern. Das offizielle England schreibt dem Volk vor, sich zu
       demütigen vor  dem Herrn,  zu fasten  und Buße  zu  tun  für  die
       Schmach, die  die Mißverwaltung  seiner vorigen  Regierung auf es
       gewälzt, die Millionen Pfund Sterlinge, die sie ihm nutzlos abge-
       preßt, und  die Tausende  von Leben,  die sie ihm gewissenlos ge-
       raubt. Für nächsten Mittwoch hat der Staatsrat nämlich einen Buß-
       und Bettag angeordnet,
       
       "um Verzeihung  für unsere  Sünden zu erwirken und in der devote-
       sten und  frömmsten Weise unsere Gebete und Bitten zur göttlichen
       Majestät zu senden, erflehend ihren Segen und Beistand für unsere
       Waffen und die Restauration des Friedens für die Königin und ihre
       Reiche".
       Ganz wie  der Hofmarschall bei Hoffeierlichkeiten, hat der Erzbi-
       schof von Canterbury ein "Formular" für diese Religionsfeierlich-
       keit veröffentlicht,  ein Formular, worin vorgeschrieben, wie die
       göttliche Majestät  anzureden ist. Bei Gelegenheit dieser sonder-
       baren Konkurrenz  der englischen Staatskirche mit der russischen,
       die auch  den Segen Gottes für ihre Waffen angefleht hat, ist der
       Vorteil offenbar auf Seite der letztern.
       
       "Gelesen von  den Landleuten  des Zaren",  bemerkt  der  "Leader"
       [107], "ist  das von  Canterbury vorgeschriebene  Gebet ein Gebet
       von Feiglingen;  gelesen von  Engländern, ist  es das  Gebet  von
       Heuchlern. Gelesen  von Dissenters, ist es das Gebet einer Sekte,
       die den  andern diktieren  will. Gelesen von der Arbeiterbevölke-
       rung, ist  es das Gebet der Reichen, die zu der einen Sekte gehö-
       ren und  diesen Mummenschanz  aufrechterhalten im Glauben, daß er
       ein indirektes Mittel, sie im Monopol von Rang und Stellen zu er-
       halten. Das  ölige Gesalbader  des Erzbischofs  hat die Arbeiter-
       klasse in  verschiedenen Teilen dieses Landes aufgehetzt. Ein Tag
       des Fastens  und der  Demütigung ist  für sie  eine Realität. Für
       alle andern  Glaubensbekenntnisse, außer  dem der Armut, bedeutet
       er nur die Zulage von Eiern und Fischsauce zur gewöhnlichen Mahl-
       zeit und  das Schließen der Geschäftslokale wie an Sonntagen. Für
       den Arbeiter  bedeutet ein  F a s t t a g  Wegfallen des Arbeits-
       lohnes und daher der Mahlzeit."
       
       In einer  früheren Korrespondenz  sagten wir:  "Der Konflikt zwi-
       schen dem  industriellen Proletariat und der Bourgeoisie wird zur
       selben Zeit wieder beginnen, wo der Konflikt zwischen Bourgeoisie
       und Aristokratie seinen Höhepunkt erreicht." 1*)
       Auf dem großen Meeting, das vergangenen Freitag in der London Ta-
       vern stattfand,  ist dieser  Satz handgreiflich  bewiesen worden.
       Dem Berichte  über dieses  Meeting senden wir einige Angaben über
       die Plänklergefechte  vorher, die  in der letzten Zeit, innerhalb
       und außerhalb  des Parlaments,  zwischen dem  Proletariat und der
       Bourgeoisie vorfielen.  Ganz kürzlich hielten die Fabrikanten von
       Manchester Meetings, worin beschlossen wurde,
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 97
       
       #134# Karl Marx
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       eine Agitation  zur Abschaffung  der offiziellen "Fabrikinspekto-
       ren" ins  Leben zu  rufen, da  diese Inspektoren  sich nicht  nur
       herausnehmen, über die Einhaltung der gesetzlichen Arbeitsstunden
       zu wachen,  sondern gar  verlangen, daß  in den  Fabriken die vom
       Parlament anbefohlenen Vorrichtungen zum Verhüten von Leibes- und
       Lebensbeschädigungen der  Arbeiter durch die Maschinerie wirklich
       getroffen werden.  Der Fabrikinspektor  von  Süd-Lancashire,  der
       bekannte  Leonard   Horner,  hat   sich  ihre  besondere  Ungunst
       zugezogen, weil er in seinem letzten Bericht auf einer gesetzlich
       vorgeschriebenen  Anstalt   in  den  Spinnereien  besteht,  deren
       Vernachlässigung, wie  einer  der  Fabrikanten  -  natürlich  ein
       Mitglied der  Friedensgesellschaft [108] - naiv ausrief, "im ver-
       gangenen Jahr   n u r  fünf erwachsenen Arbeitern das Leben geko-
       stet bat".
       Dies war   a u ß e r p a r l a m e n t a r i s c h.   I m    U n-
       t e r h a u s e  s e l b s t  ward in zweiter Lesung die Bill des
       Sir H[enry]  Halford verworfen,  die das  "stoppage of wages" für
       ungesetzlich erklärte.  Das  "stoppage  of  wages"  bedeutet  die
       A b z ü g e   v o m   n o m i n e l l e n   A r b e i t s l o h n
       teils als Geldbuße für die Verletzung der vom Arbeitgeber gemach-
       ten Fabrikregulationen, teils in den Industriezweigen, wo das mo-
       derne System  noch nicht  eingeführt ist,  die Abzüge  von Renten
       etc. für die den Arbeitern geliehenen Webestühle usw.
       Letzteres System herrscht besonders vor in der Strumpfwirkerei in
       Nottingham, und  Sir H.  Halford wies nach, daß der Arbeiter hier
       in vielen Fällen, statt von seinem Unternehmer bezahlt zu werden,
       vielmehr seinen Unternehmer bezahlen muß. Es werden nämlich unter
       verschiedenen Vorwänden so viel Abzüge vom nominellen Arbeitslohn
       gemacht, daß der Arbeiter noch einen Überschuß herauszugeben hat,
       den der  Kapitalist in  der Form  eines Debets ihm aufnotiert. So
       zum Schuldner seines Arbeitgebers geworden, zwingt dieser ihn un-
       ter immer ungünstigeren Bedingungen, seinen Kontrakt zu erneuern,
       bis er  im vollen  Sinne zum  Leibeigenen geworden, ohne aber wie
       der Leibeigene  wenigstens die  leibliche Existenz  garantiert zu
       erhalten.
       Während das  Unterhaus die Bill Sir H. Halfords, die diesem Unfug
       steuern sollte,  in zweiter Lesung verwarf, weigerte es sich, die
       Bill Cobbetts  -  Sohn  des  großen  englischen  Pamphletisten  -
       a u c h   n u r   i n   B e t r a c h t  z u  z i e h e n.  Diese
       Bill bezweckte:  1. das "Zehnstundengesetz" von 1847 dem Zehnund-
       einhalbstundengesetz von  1850 zu substituieren [109]; 2. die ge-
       setzliche  Beschränkung  der  Arbeitszeit  in  den  Fabriken  zur
       "Wahrheit" zu machen durch zwangsweises Stillsetzen der Maschine-
       rien am Ende des jedesmaligen gesetzlichen Arbeitstages.
       Morgen zum Meeting in der London Tavern.

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